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HONOR HARRINGTON: Der Schatten von Saganami

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Sternenkarte
  7. Prolog
  8. 1
  9. 2
  10. 3
  11. 4
  12. 5
  13. 6
  14. 7
  15. 8
  16. 9
  17. 10
  18. 11
  19. 12
  20. 13
  21. 14
  22. 15
  23. 16
  24. 17
  25. 18
  26. 19
  27. 20
  28. 21
  29. 23
  30. 23
  31. 24
  32. 25
  33. 26
  34. 27
  35. 28
  36. 29
  37. PERSONEN DER HANDLUNG
  38. GLOSSAR

Über den Autor

David Weber ist ein Phänomen: Ungeheuer produktiv (er hat zahlreiche Fantasy- und Science-Fiction-Romane geschrieben), erlangte er Popularität mit der HONOR-HARRINGTON-Reihe, die inzwischen nicht nur in den USA zu den bestverkauften SF-Serien zählt. David Weber wird gerne mit C. S. Forester verglichen, aber auch mit Autoren wie Heinlein und Asimov. Er lebt heute mit seiner Familie in South Carolina.

Für Anne McCaffery.

Wie Drachen fliegen auch Ideen,

und du hast den meinen ihre Flügel

geschenkt.

Karte 1

Prolog

Die Raketensalve schoss von achtern heran.

Antiraketen schalteten elf Lenkwaffen aus. Der beschädigte, nachgeschleppte Steuerbord-Täuschkörper brachte zwei weitere von ihrem Ziel ab. Der ›Lockvogel‹ backbords war schon vor zwei Salven vernichtet worden – oder waren es drei? Es wollte ihm nicht einfallen, und zum Nachdenken hatte er keine Zeit; er musste dem Rudergänger Anweisungen geben.

»Steuerbord neunzig! Scharfe Schrägwende – ziehen Sie die Nase hoch, Chief! Stellen Sie das Schiff auf die Zehen!«

»Steuerbord neunzig, Schiff rollen, aye!«, bestätigte Senior Chief Mangrum und zerrte seinen Joystick kräftig nach hinten.

Die Defiant hob den Bug. In dem Versuch, ihre verletzliche Backbordseite vom Gegner abzukehren, drehte das Schiff nach Steuerbord und zog sich aufwärts. Mordlüstern jagten ihm die einkommenden Raketen hinterher. Die Nahbereichs-Abwehrlaser des beschädigten Leichten Kreuzers schwenkten herum, visierten die Lenkwaffen mit rasanter elektronischer Ruhe an und spien kohärentes Licht. Eine weitere Rakete zerbarst, dann noch zwei – nein, drei. Doch die anderen kamen noch immer näher.

»Die Valiant hat den Bugring verloren, Sir! Sie …«

Er riss den Kopf zum visuellen Display herum, als eine weitere komplette Raketenbreitseite des nächsten havenitischen Schlachtkreuzers das Schwesterschiff der Defiant traf. Fast gleichzeitig detonierten die schweren Laser-Gefechtsköpfe keine fünftausend Kilometer vor dem Backbordbug der Valiant. Die tödlichen bombengepumpten Laserstrahlen zuckten hervor und schlugen durch den wankenden Seitenschild wie weißglühende Nadeln durch weiche Butter. Die leichte Panzerung des Kreuzers zerbarst, Impelleremitter glühten auf und platzten wie Glühbirnen aus der Zeit vor der Raumfahrt. Atemluft brach aus dem Leck, und dann platzte das gesamte vordere Drittel seines Rumpfes. Der Kreuzer explodierte nicht, er löste sich einfach auf. Wie irrsinnig begann der brutal verstümmelte Rumpf zu torkeln, dann versagte die Fusionsflasche, und das Schiff explodierte doch.

»Die Handley und die Plasma Stream überqueren die Alpha-Mauer, Sir!«, rief Franklin an der Signalstation, und er wusste, dass er etwas empfinden sollte. Triumph vielleicht. Andererseits hinterließ die Tatsache, dass zwei Schiffe seines Geleitzugs entkommen waren, einen kalten, bitteren Geschmack nach Asche auf seiner Zunge. Die anderen Frachter hatten es nicht geschafft, die Valiant und die Resolute waren bereits vernichtet, und nun war die Defiant an der Reihe.

Die Nahbereichsabwehr stoppte eine letzte Rakete – dann detonierten die anderen sechs.

Die Defiant bäumte sich auf und ruckte unbeschreiblich. Schadensalarm kreischte auf, und er spürte die aufeinanderfolgenden Stöße, mit denen eine Stützstrebe nach der anderen versagte, während sich die Energie der Laserstrahlen auf den Rumpf übertrug.

»Werfer Siebzehn, Neunzehn und Zwanzig vernichtet! Alpha Vierzehn, Beta Neunundzwanzig und Dreißig vernichtet! Schwere Schäden an Spant Sechs-Neun-Sieben achtern! Nahbereichsabwehr Vierundzwanzig bis Dreißig vernichtet! Magazin Vier ohne Druck! Laser Siebzehn und Neunzehn vernichtet! Schwere Verluste im Maschinenleitstand und …«

Die panische Litanei über die furchtbaren Wunden seines Schiffes ging immer weiter, doch er hatte gar keine Zeit, sie sich anzuhören. Andere mussten sich darum so gut kümmern, wie sie vermochten, sein Universum aber verengte sich auf das Ruder und das taktische Wiederholdisplay vor ihm.

»Alle Bugwerfer: Mike-Lima-Täuschkörper klarmachen und starten! Rollen nach Backbord! Ausweichplan Uniform-X-Ray!«

Senior Chief Mangrum tat sein Bestes. Die Defiant warf sich nach links und kehrte auf ihren Kurs zurück, indem sie dem einkommenden Raketensturm den Bug zuwandte. Täuschdrohnen schwärmten aus – es waren keine Geisterreiter; diese waren längst verbraucht. Sie waren schwächer und weniger raffiniert als die geschleppten Systeme, aber das Beste, was der Defiant noch blieb. Sie schossen aus den Werfern des Kreuzers und schrien die Zielsucher der Raketen an, die versuchten, das Schiff zu vernichten. Er roch Rauch und den Gestank brennender Schaltkreise und Isolierung – und er roch verkohltes Fleisch –, und in seinem Hinterkopf hörte er jemanden über die offene Sprechverbindung in Todesschmerz aufschreien.

»Nahbereichsabwehr-Feuerplan Horatius!«, brüllte er, und was von seiner Taktischen Abteilung noch lebte, begann Behälter mit Antiraketen in die Bugrohre zu laden. Diese Behälter wurden nur selten benutzt, schon gar nicht von einem solch kleinen Schiff wie einem Leichten Kreuzer, doch die Defiant befand sich genau in der Lage, für die man sie entwickelt hatte. Sie hatte über die Hälfte ihrer Antiraketenwerfer verloren. Mithilfe der Behälter konnte man aus den üblichen Werferrohren zusätzliche Schwärme von Raketenabwehrwaffen ins All bringen, und trotz seiner schweren Schäden besaß das Schiff noch drei Viertel seiner Antiraketen-Leitverbindungen, sodass mehr als genügend Lenkkapazität frei war.

Wenigstens zwei Drittel der einkommenden Salven verlor das Ziel und jagte hinter den Täuschdrohnen her in die Leere des Alls. Noch mehr verschwanden, als die Impellerkeile der Antiraketen einen Kegel vor dem Leichten Kreuzer freifegten. Das Abwehrfeuer der Defiant trieb einen Tunnel mitten durch den dichten Schwarm angreifender Raketen, und während ihre verbliebenen Lasercluster die Raketen an ihren Flanken mit einem verzweifelten Dauerfeuer belegten, raste sie hindurch. Bombengepumpte Laserstrahlen peitschten nach ihr, verschwendeten sich aber an den undurchdringlichen Impellerkeil, denn die Haarnadelwende hatte die Lenkcomputer der Raketen überrascht, ohne dass ihnen Zeit blieb, sich in eine neue Feuerposition zu manövrieren.

Und überrascht sein sollten sie auch, dachte er grimmig. Sein blutendes Schiff hielt nun geradewegs auf die Werferrohre eines überwältigend starken feindlichen Kampfverbands zu, statt vor ihm zu fliehen, und die schweren Mittschiffsliniengraser seiner Bug-Jagdbewaffnung erfassten gerade einen Schweren Kreuzer der Mars-Klasse.

Sie eröffneten das Feuer. Die Entfernung lag für eine Energiewaffe eigentlich zu hoch, selbst für die schweren Jagdgeschütze, aber das havenitische Schiff hatte sich, eifrig auf einen Abschuss hoffend, vor seine Schwesterschiffe und die massigeren Schlachtkreuzer gesetzt; die Schießausbildung der Defiant war immer gut gewesen. Der Mars-Kreuzer wankte unter dem tödlichen Energiestoß, der ihn gleich einem Vorschlaghammer mit einem Dutzendfachen der Leistung traf, die ein Laser-Gefechtskopf eines Wallschiffes aufbrachte. Es war, als wäre der Schwere Kreuzer mitten im All gegen einen Fels gelaufen. Die Jagdbewaffnung schaltete auf schnelles Dauerfeuer um, saugte jedes Joule aus den Leitungen, das der Maschinenleitstand und die Speicherringe ihnen zuführen konnten. Warnsirenen fielen mit ihren schrillen Tönen in die Kakophonie aus Alarmmeldungen, Gefechtsdurchsagen und dem Piepen von Vorrangsignalen ein, während die Graser sich katastrophal überhitzten, doch es hatte keinen Sinn, sich zurückzunehmen, und das wusste er.

Und auch den Bedienungen an den Graserlafetten war es klar. Sie versuchten nicht einmal, die Leistung zu senken. Sie brachten alles ein, was sie besaßen, solange sie es noch hatten, und ihr Ziel spie Wrackteile aus, gezackte Splitter, Rettungskapseln und Menschen in Raumanzügen. Die Flut der Vernichtung drang nach achtern vor, zerriss das Schiff Spant für Spant, und schließlich verging es in einem Feuerball so grell wie die Sonne – zwei Sekunden, ehe die überlasteten Versorgungsleitungen von Jagdgeschütz Zwo explodierten.

Um zu frohlocken oder auch nur eine grimmige Befriedigung zu empfinden blieb keine Zeit. Die kurze Feuerpause, die sein verzweifeltes Manöver der Defiant verschafft hatte, ging zu Ende, als die Haveniten sich an die neue Lage anpassten. Die Geschwaderschwestern des vernichteten Schweren Kreuzers rollten herum und präsentierten ihre Breitseiten. Sie legten einen unvergleichlichen Feuersturm auf die Defiant, schleuderten dem Mörder ihrer Schwester ihren Hass entgegen. Mehr Raketen rasten aus allen Richtungen heran und detonierten, vergrößerten den Atombrand des Mars-Kreuzers, und diesmal gab es kein Ausweichen mehr. Keine weiteren Tricks. Keine cleveren Manöver.

Er hatte gerade noch Zeit, auf den Plot zu schauen, dem Todesurteil ins Gesicht zu sehen, das über sein Schiff gesprochen worden war, und seine Entscheidung zu verfluchen, sich zum Gefecht zu stellen. Dann …

»Aivars, wach auf!«

Er öffnete fast unverzüglich die blauen Augen. Fast … aber nicht schnell genug, um Sinead zu täuschen. Er drehte den Kopf auf dem Kissen und sah sie an. Er atmete fast normal, und sie schmiegte sich an ihn. Durch das weiche, seidige Gewebe ihres Nachthemds spürte er ihre Wärme, ihre Nachgiebigkeit, und über seine Schulter – seine rechte Schulter – strich der kurze, fedrige Schopf aus dunkelrotem Haar wie ein seidiger Kuss.

»Es ist vorbei«, sagte sie leise. Ihre grünen Augen funkelten im Licht auf dem Nachttisch wie Smaragde. Sie muss es eingeschaltet haben, als sie hörte, dass ich den Albtraum habe, dachte er.

»Ich weiß«, sagte er ebenso leise, und sie verzog den Mund zu einem traurigen, liebevollen Lächeln.

»Lügner!«, wisperte sie, hob die schlanke Hand und strich ihm sanft über den säuberlich getrimmten Bart.

»Nein«, widersprach er. Er spürte, wie auf seiner Stirn der Schweiß abkühlte, der ihm bei der Erinnerung an den Schrecken, die Trauer und die Schuldgefühle ausgebrochen war. »Es ist vielleicht nicht so sehr vorüber, wie es dir recht wäre, Liebes. Nur so sehr vorüber, wie es sein kann.«

»Ach, Aivars!« Sie legte die Arme um ihn, drückte den Kopf an seine Brust, spürte an der Wange den harten Schlag seines Herzens und versuchte, nicht zu weinen. Sie wollte ihm ihre heftige, bittere Wut über die Befehle, die ihn ihr wieder entrissen, nicht zeigen. Sie versuchte, keinen Zorn auf die Admiralität zu empfinden, die sie erteilt, oder ihn, der sie angenommen hatte.

»Ich liebe dich sehr, weißt du«, sagte sie leise, und ihrer Stimme war nicht die Spur von Zorn, Groll oder Angst anzumerken.

»Das weiß ich«, wisperte er und hielt sie fest. »Glaub mir, das weiß ich.«

»Und ich möchte nicht, dass du gehst«, fuhr sie fort und schloss die Augen. »Du hast genug getan – mehr als genug. Und ich hätte dich schon einmal fast verloren. Ich dachte, ich hätte dich verloren, und der Gedanke, dich wieder zu verlieren, diesmal für immer, macht mir Angst.«

»Ich weiß«, wisperte er wieder und nahm sie so fest in die Arme, dass sie einen Schmerz spürte, den sie willkommen hieß. Aber er sagte nicht: ›Ich gehe nicht‹, und sie kämpfte ein weiteres Aufwallen ihrer Wut nieder. Denn er konnte es nicht sagen. Er könnte es nie sagen und noch der Mann sein, den sie liebte. Hyacinth hatte ihn in so vielerlei Hinsicht verändert, und dennoch steckte der Mann, den sie immer gekannt hatte, nach wie vor in ihm. Sie wusste es und klammerte sich an dieses Wissen, denn es war ihr Fels in der Brandung.

»Ich möchte nicht, dass du gehst«, wiederholte sie und drückte ihr Gesicht an seine Brust. »Auch wenn ich weiß, dass du gehen muss. Aber du kommst zu mir zurück, Aivars Terekhov. Du kommst zu mir zurück!«

»Ich komme zurück«, versprach er und spürte, wie ihm etwas in der Brust zerriss. Er drückte sie noch fester an sich, und beide sprachen sie für lange, lange Zeit kein Wort. Dazu bestand keine Notwendigkeit, denn in den ganzen dreiundvierzig T-Jahren ihrer Ehe hatte er noch nie ein Versprechen gebrochen, das er ihr gemacht hatte. Und auch dieses würde er halten – wenn er die Wahl hatte.

1

Admiral der Roten Flagge Lady Dame Honor Harrington, Gutsherrin und Herzogin von Harrington, saß neben Vizeadmiral der Roten Flagge Beatrice McDermott, Baronin von Alb, und sah schweigend zu, wie sich die bequemen, wie in einem Amphitheater angeordneten Sitzreihen des großen holografischen Simulators füllten. Die Zuhörerschaft war diszipliniert und etwas kleiner als noch vor einigen Jahren. Man sah auch weniger nicht-manticoranische Uniformen, und den Großteil der fremden Farben stellten die beiden Blautöne der Grayson Space Navy. Etliche der kleineren Verbündeten des Sternenkönigreichs hatte die Anzahl der Raumkadetten, die sie nach Saganami Island schickten, stark reduziert, und erewhonische Uniformen waren völlig verschwunden. Dame Honor bewahrte – irgendwie – eine gelassene Miene, während sie sich an die starren Gesichter der Kadetten erinnerte, die wie ein Mann ihre Kurse verließen, nachdem ihre Regierung das lange bestehende Bündnis mit dem Sternenkönigreich von Manticore aufgekündigt hatte.

Sie gab den jungen Männern und Frauen, von denen sie viele persönlich unterrichtet hatte, als sie noch auf der Insel waren, keine Schuld, auch wenn sie sich persönlich verraten fühlte. Nicht einmal der erewhonischen Regierung machte sie Vorwürfe. Dame Honor wünschte, sie hätte es gekonnt, doch sie legte großen Wert darauf, immer ehrlich mit sich selbst zu sein, und das Sternenkönigreich war nicht von Erewhon verraten worden, sondern von der manticoranischen Regierung.

Sie sah zu, wie der letzte Kadett mit einer militärischen Präzision Platz nahm, die sogar einen Saganami-Marine zufriedengestellt hätte. Dann erhob sich Dame Beatrice von ihrem Stuhl und ging mit raschen, aber doch gemessenen Schritten zum althergebrachten Rednerpult.

»Aach-tunk!

Command Sergeant Major Sullivans Stimme füllte die gewaltige Simulatorhalle mit einem Schallpegel, den auch der beste Opernsänger nur mit großer Mühe hätte produzieren können, und ein perfekt synchronisierter, donnernder Knall antwortete ihm augenblicklich, als elftausend auf Hochglanz polierte Stiefel mit den Hacken zusammengeschlagen wurden. Fünftausendfünfhundert Raumkadettinnen und Raumkadetten nahmen Haltung an, die Augen geradeaus, die Schultern gestrafft, das Rückgrat gerade wie ein Ladestock, die Daumen an den Hosennähten, und Dame Beatrice musterte sie ruhigen Blickes.

Ihren Abschluss erhielten sie vorzeitig, wenn auch nicht so sehr verfrüht wie einige ihrer Vorgänger vor der kriegsentscheidenden Offensive der Achten Flotte unter dem Kommando Earl White Havens. Aber viel früher als ihre unmittelbaren Vorgänger, die wie im Frieden abschlossen, nachdem man den Sieg der Achten Flotte achtlos fortgeworfen hatte wie Abfall. Und ihnen bestand keine Kadettenfahrt bevor, wie man sie aus Friedenszeiten kannte, sondern sie wurden unmittelbar in die Gefechte des neuen Krieges geworfen.

Eines Krieges, den wir verlieren, dachte Dame Beatrice und fragte sich, wie vielen dieser jugendlichen Gesichter während der nächsten verzweifelten Monate die Augen brechen würden. Wie viele der Geister hinter diesen Gesichtern begriffen den monumentalen Verrat, durch den sie unmittelbar in den Feuerofen geschickt wurden?

Dame Beatrice sah die jungen Leute an wie eine Meisterschmiedin, die ihre neuen Schwertklingen mustert und unter der glitzernden Schärfe nach verborgenen Schwächen sucht. Sie fragte sich, ob der gewetzte Stahl dem Hurrikan des Kampfes gewachsen wäre, der schon auf sie wartete, während sie die letzte Härtung vorbereitete.

»Rühren, Ladys und Gentlemen.«

Die Stimme der Academy Commandant von Saganami Island klang gleichmütig, ein melodiöser Alt, der in das abwartende Schweigen eindrang und die Stille mit seiner ruhigen Kraft füllte.

Ein gewaltiges, zischendes Stiefelscharren antwortete ihr, als Tausende von Raumkadetten in Rührt-Euch-Stellung gingen. Sie blickte sie noch einige Sekunden lang an und sah ihnen ruhig in die Augen.

»Sie sind ein letztes Mal zusammengekommen«, sagte sie, »ehe Sie Ihre Raumkadettenfahrt beginnen. Diese Zusammenkunft ist ein Brauch, eine letzte gemeinsame Erinnerung an das, was Raumdienst wirklich bedeutet und was er kosten kann, ein Brauch, der seit über zwo Jahrhunderten zu Saganami Island gehört. Nach der Tradition spricht bei dieser Gelegenheit der Commandant der Akademie zu seinen Schülerinnen und Schülern, doch es hat Ausnahmen gegeben. Admiral Ellen D’Orville machte eine von ihnen, Admiral Quentin Saint-James eine andere.

Dieses Jahr wird es eine weitere Ausnahme geben, denn wir haben die Ehre und das Vorrecht der Gesellschaft von Admiral Lady Dame Honor Harrington. Sie ist nur drei Tage auf Manticore, dann kehrt sie zur Achten Flotte zurück, um deren Reaktivierung abzuschließen und das Kommando anzutreten. Viele von Ihnen hatten das Privileg, in den ersten Semestern von ihr unterrichtet zu werden. Allen von Ihnen kann ich nur anraten, nehmen Sie sich an ihr ein Beispiel, während Sie Ihrer eigenen Laufbahn folgen. Wenn eine lebendige Frau in der Uniform der Königin die Tradition begreift, die uns heute hier zusammenführt, dann sie.«

Die Stille war komplett, und Honor spürte, während sie sich ebenfalls erhob, wie ihre Wangen sich röteten. Der cremefarben-graue Baumkater auf ihrer Schulter saß stocksteif da, stolz und hocherhoben, und beide schmeckten sie die Emotionen der versammelten Raumkadetten. Emotionen, in deren Zentrum sie stand, gewiss, aber nur zum Teil. Denn heute war sie nur ein Teil, eine Sprecherin für etwas, das größer war als ein einzelner Mensch, ganz gleich, was er geleistet hatte. Die schweigenden Raumkadetten begriffen es vielleicht noch nicht ganz, aber sie spürten es, und ihre stille Erwartung erschien Honor wie ein Vulkan, der unter einer kühlen, weißen Schneedecke schlummerte.

Dame Beatrice wandte sich Honor zu und nahm Haltung an. Zackig salutierte sie, und Honors Hand zuckte zur Antwort hoch, so scharf und präzise wie an dem Tag, an dem sie selbst zum Letzten Appell bestellt worden war. Dann ließen sie die Hände sinken und standen einander gegenüber.

»Hoheit«, sagte Dame Beatrice nur und trat zur Seite.

Honor atmete tief durch und ging zackig zu dem Rednerpult. Sie stellte sich dahinter auf, groß und gerade. Nimitz saß reglos wie eine Statue auf ihrer Schulter und blickte in das funkelnde Meer aus jungen Augen. Sie erinnerte sich an ihren Letzten Appell. Sie erinnerte sich, eine der Raumkadettinnen hinter diesen Augen gewesen zu sein. Erinnerte sich, wie Nimitz auch an jenem Tag auf ihrer Schulter saß, während sie zu Commandant Hartley hochsah und die geheimnisvolle Bindung zu ihm genauso spürte wie alle anderen Middys, wie alle anderen Offiziere, die vor ihr das Schwarz und Gold des Sternenkönigreichs getragen hatten. Und nun war es an ihr, vor einem neuen Arsenal heller, brünierter Klingen zu stehen, ihre Jugend zu sehen, ihre Hoffnungen – und ihre Sterblichkeit. Um all das wahrhaft zu empfinden, denn diesmal schmeckte Honor sie, die gedämpfte, aber dennoch tatendurstige Erwartung und Einigkeit, von der alle ergriffen waren.

»In wenigen Tagen«, sagte sie schließlich in die Stille, »werden Sie sich zum ersten Mal zu einer echten Verwendung an Bord eines Kampfschiffes melden. Ich hoffe, dass Ihre Ausbilder Sie auf diese Erfahrung angemessen vorbereitet haben. Sie stellen unsere besten, klügsten Köpfe dar, die neusten Glieder in einer Kette von Pflicht, Verantwortung und Opferbereitschaft, die auf dem Amboss von fünf Jahrhunderten Raumdienst geschmiedet wurde. Sie nehmen eine schwere Last auf sich, die einigen von Ihnen den Tod bringen kann und bringen wird.«

Sie hielt inne, lauschte dem Schweigen und spürte sein Gewicht.

»Ihre Ausbilder hier auf der Insel haben ihr Bestes getan, um Sie auf diese Bürde vorzubereiten, die Realität. Doch in Wahrheit, Ladys und Gentlemen, kann niemand Sie wirklich darauf vorbereiten. Wir können Sie unterrichten, ausbilden, Ihnen das Gesamtbild unserer Erfahrungen mitteilen, aber niemand kann im Feuerofen bei Ihnen sein. Die Hierarchie, Ihre Vorgesetzten, die Männer und Frauen unter Ihrem Befehl – alles wird bei Ihnen sein, und dennoch stehen Sie in dem Augenblick, in dem Sie der Pflicht und der Sterblichkeit wahrhaft ins Gesicht sehen, allein da. Und darauf, Ladys und Gentlemen, könnte Sie keine Ausbildung und kein Lehrer jemals wirklich vorbereiten.

In jenem Moment haben Sie nur vier Dinge zur Hilfe. Ihre Ausbildung, die wir so umfassend, so herausfordernd und so streng gestaltet haben, wie wir nur konnten. Ihren Mut, der nur von innen kommen kann. Ihre Treue zu den Männern und Frauen, mit denen Sie dienen. Und die Tradition von Saganami. Einige von Ihnen, die meisten sogar, werden sich der Herausforderung dieses Augenblicks gewachsen zeigen. Einige werden alles aufbieten, was in ihnen steckt, und entdecken müssen, dass alle Ausbildung und aller Mut im ganzen Kosmos niemanden unsterblich machen. Und einige, hoffentlich nur sehr wenige, werden unter der Last jenes Augenblicks zerbrechen.«

Während jedes Auge im Simulator sie ansah, hätte schon das Geräusch eines einzelnen Atemzugs ohrenbetäubend laut geklungen.

»Im ganzen Universum gibt es keine furchteinflößendere, gefährlichere und ehrenwertere Aufgabe als die, zu der Sie gerufen werden, die Last, die Sie freiwillig für Ihre Königin und Ihr Königreich, Ihren Protector und Ihren Planeten tragen wollen, für das Volk, dem Sie dienen. Sie haben sich aus eigenem freiem Willen entschieden, mit Ihrem Leben für die Menschen und Sternnationen, die Sie lieben, gegen ihre Feinde einzutreten. Zu kämpfen, um sie zu verteidigen, zu sterben, um sie zu schützen. Diese Last haben schon andere vor Ihnen geschultert, und wenn Ihnen auch niemand wirklich beibringen kann, was das bedeutet und was es Sie kosten kann, ehe Sie es für sich selbst erfahren, so bleibt Ihnen dennoch viel von jenen zu lernen, die diesen Weg vor Ihnen gegangen sind. Und das, Ladys und Gentlemen, ist der Grund, weshalb Sie heute hier stehen, wie seit zwohundertdreiundvierzig T-Jahren jede Abschlussklasse von Raumkadettinnen und Raumkadetten am Vorabend ihrer Kadettenfahrt hier angetreten ist.«

Sie drückte einen Knopf am Rednerpult, und das Licht wurde heruntergeregelt. Einen Moment lang umgab sie nichts als eine dichte, samtene Dunkelheit, durchbrochen nur von den nadelspitzen Lichtpunkten der LEDs am Schaltfeld des Pultes, die wie einsame, verlorene Sterne in der Schwärze brannten.

Dann plötzlich gab es noch ein Licht. Ein Licht, das in den Tiefen des Simulators glühte.

Es war das aus Licht geformte Bild eines Mannes. An seinem Äußeren war nichts Besonderes. Er war etwas kleiner als der Durchschnitt und hatte einen dunklen Teint, eine starke Nase und dunkelbraunes Haar mit leichten Geheimratsecken. Seine dunklen Augen zeigten eine ausgeprägte Nasenlidfalte. Er trug eine alte Uniform, die seit über zwei T-Jahrhunderten außer Mode war, und hielt die Schirmmütze, die von der Royal Manticoran Navy vor über einhundertsiebzig T-Jahren durch ein Barett ersetzt worden war, unter den linken Arm geklemmt.

»Eure Majestät«, sagte er, und wie seine Uniform war auch die Sprechweise seiner aufgezeichneten Stimme altertümlich, klar und verständlich, aber dennoch ein Echo aus einer anderen Zeit. Ein Gespenst, in einem elektronischen Leichentuch konserviert. Und dennoch, trotz aller staubigen Jahre, die vorbeigezogen waren, seit dieser Mann geatmet, geschlafen und geträumt hatte, strahlte er etwas aus; einen nicht ganz definierbaren Funken, der selbst heute noch brannte.

»Ich möchte melden«, fuhr er fort, »dass die Einheiten unter meinem Befehl den Feind angegriffen haben. Obwohl ich Sie zu meinem tiefen Bedauern unterrichten muss, dass HMS Triumph und HMS Defiant im Gefecht gegen die Piraten von Trautmans Stern verlorengegangen sind, habe ich Sie weiterhin zu informieren, dass wir den Sieg erringen konnten. Wir haben bestätigt dreizehn gegnerische Kreuzer, Leichte Kreuzer und Zerstörer vernichtet, dazu alle Einrichtungen zur Versorgung von Sternenschiffen im gesamten Sonnensystem. Darüber hinaus konnten wir einen Zerstörer, einen Leichten und zwo Schwere Kreuzer sowie zwo Schlachtkreuzer aufbringen. Mehrere dieser Einheiten scheinen neuere solarische Baumuster zu sein und verfügen über erheblich schwerere Bewaffnung, als die meisten ›Piratenschiffe‹ sie tragen. Unsere eigenen Verluste an Menschen und Material waren schwerwiegend, und ich habe mich gezwungen gesehen, HMS Victorious, Swiftsure, Mars und Agamemnon zur Reparatur an die Werft zu überstellen. Von ihren Besatzungen habe ich ausreichend Personal zu den anderen Einheiten unter meinem Befehl versetzen lassen, um jedes verbleibende Schiff voll zu bemannen, und habe den Kommandanten der Swiftsure, Captain Timmerman, als höchsten Offizier der Abteilung angewiesen, mit den Prisenschiffen ins Sternenkönigreich zurückzukehren.

Angesichts unserer Verluste und der verringerten Kampfkraft meines Geschwaders wird es erforderlich sein, unsere Offensive gegen die identifizierten Piratenbasen vorübergehend auszusetzen. Ich bedaure Ihnen mitteilen zu müssen, dass wir weiteres erhärtendes Beweismaterial entdeckt haben. Manpower, Incorporated, und Personen aus höchsten silesianischen Regierungskreisen sind in die Aktivitäten der sogenannten ›Piraten‹, die in der Konföderation operieren, verwickelt. Unter den gegebenen Umständen dürfen wir uns meiner Ansicht nach nicht darauf verlassen, dass die Navy der Konföderation unseren Handelsverkehr schützt. Vielmehr erklärt die Verwicklung hoher Regierungsmitglieder mit den Angreifern auf unseren Handelsverkehr ohne Zweifel, weshalb sich silesianische Flotteneinheiten als solch ungeeigneter Begleitschutz erwiesen haben.

Im Lichte dieser neuen Beweise und aufgrund meiner verminderten Kampfstärke sehe ich keine andere Möglichkeit, als meinen Angriffsverband aufzuteilen und in den am meisten gefährdeten Gebieten Geleitschutz zu stellen. Ich bedaure, dass die äußeren Umstände mir eine zeitweise Aussetzung der Offensive aufzwingen, aber ich beabsichtige, Operationen in größerem Maßstab aufzunehmen, sobald ich die Verstärkungen erhalte, die augenblicklich nach Silesia unterwegs sind.

Ich habe einen detaillierten Bericht an die Admiralität verfasst und hänge dieser Meldung eine Kopie davon an. Eure Majestät, ich habe die Ehre, als Ihr treuester und gehorsamster Untertan zu verbleiben.

Saganami, Ende.«

Er verbeugte sich leicht, aber mit außerordentlicher Würde, und sein aufgezeichnetes Bild verblasste.

Ein weiterer Augenblick der Dunkelheit folgte, der das Publikum mit der Erinnerung an Saganamis Nachricht allein ließ. Seiner letzten Nachricht an Königin Adrienne, der Monarchin, die sein Geschwader nach Silesia entsandt hatte. Und dann erwachte das Holodisplay wieder zum Leben.

Diesmal waren zwei Bilder zu sehen, beides Kommandodecks. Beim einen handelte es sich um die Brücke eines Frachters, beim anderen um den Befehlsstand eines Kampfschiffs.

Die Brückenbesatzung des Frachters saß an ihren Stationen, die Schultern steif, die Gesichter angespannt, furchtsam sogar. Der Kapitän wirkte genauso unruhig wie seine Offiziere, aber er saß nicht im Kommandosessel, sondern stand daneben und blickte in das Comdisplay, das ihn mit dem zweiten Schiff verband.

Die Brücke des Kampfschiffs wirkte nach modernen Maßstäben beengt und ungewohnt; sie gehörte zu einem Schlachtkreuzer, der kleiner war als viele moderne Schwere Kreuzer, und seine Displays und Waffenkonsolen waren hoffnungslos veraltet. Der mandeläugige Offizier stand auf dem Kommandodeck, und sein altmodischer Vakuumanzug war erheblich unbequemer und sperriger als ein moderner Skinsuit. An der Taktischen Station leuchtete es rot auf den Gefechtsstatustafeln, und als er das Wort ergriff, hörte man im Hintergrund die disziplinierten Meldungen seiner Besatzung.

»Meine Befehle stehen nicht zur Diskussion, Captain Hargood«, sagte er tonlos. »Der Geleitzug wird sich augenblicklich auflösen. Jedes Schiff hat auf zeitoptimiertem Kurs zur Hypergrenze durchzubrechen. Auf der Stelle, Captain.«

»Ich weise Ihre Befehle nicht zurück, verdammt!«, versetzte Captain Hargood barsch. »Ich versuche nur, Sie davon abzuhalten, dass Sie Ihr Schiff und das Leben jedes Mannes und jeder Frau an Bord opfern!«

»Danke für die Mühe«, erwiderte Commodore Saganami mit einem schmalen Lächeln. »Sie ist jedoch vergeblich, fürchte ich. Nun wenden Sie und verschwinden von hier.«

»Zur Hölle noch mal, Eddy!«, explodierte Hargood. »Das sind sechs von den Mistkerlen, darunter zwo Schlachtkreuzer! Was zum Teufel glaubst du denn, das du erreichen kannst? Im Gegensatz zu uns hast du die nötige Beschleunigung, um von ihnen wegzukommen, also tu es, verdammt noch mal!«

»Wenn wir fertig sind, sind es keine sechs mehr«, erwiderte Saganami grimmig, »und jeder, den wir zerstören oder auch nur stark genug beschädigen, ist einer, der dich oder ein anderes Schiff des Konvois nicht verfolgen wird. Und jetzt ist die Diskussion beendet, James. Nimm dein Schiff und deine Leute und sieh zu, dass du nach Hause kommst zu Frau und Kindern. Saganami, Ende.«

Captain Hargoods Display leerte sich, und sein holografisches Abbild ließ die Schultern sinken. Vielleicht ein halbes Dutzend Atemzüge lang starrte er auf den Schirm, dann gab er sich einen Ruck und drehte sich dem Astrogator zu.

»Sie haben ihn gehört«, sagte er schleppend, und sein Gesicht wirkte um Jahrzehnte gealtert. »Bringen Sie uns hier raus.«

»Jawohl, Sir«, antwortete der Astrogator leise.

Das Bild im Simulator sprang erneut um, als die Aufzeichnung der Unterredung zwischen Hargood und Saganami endete. Ein riesiges taktisches Display ersetzte es, das so alt war, dass seine Symbole durch neuere, moderne Icons ersetzt worden waren, damit ein Taktiker der Gegenwart sie überhaupt lesen konnte. Im Lichtbalken am unteren Rand des Displays leuchtete ein Schiffsname auf: RMMS Prince Harold, Captain James Hargoods Schiff.

Das Bildmaterial im Display war trotz aller nachträglichen Computerverfeinerung nicht besonders detailliert. Die Entfernung war groß, und die Sensoren, die es gezeichnet hatten, basierten auf einer Technik, die nach modernen Standards als grob und begrenzt gelten musste. Und selbst wenn beides anders gewesen wäre, war die Prince Harold ein Handelsfrachter gewesen, kein Kampfschiff. Dennoch ließ sich auf dem Display genügend erkennen.

Ein einzelnes grünes Icon, mit dem Namen ›Nike‹ markiert, schob sich vor, beschleunigte mit äußersten Werten auf die sechs anderen Icons zu, die in der Farbe frisch vergossenen Blutes leuchteten, mit der man feindliche Einheiten kennzeichnete. Zwei Feindschiffe waren als Schlachtkreuzer identifiziert, ein anderes als Schwerer Kreuzer. Die anderen drei waren ›nur‹ Zerstörer. Die Entfernung erschien absurd niedrig, doch noch hatte niemand das Feuer eröffnet. Die Waffen jener Tage waren zu grob, zu kurzreichweitig. Doch die Feuerruhe würde rasch enden, denn die Nike näherte sich ihren Gegnern auf einem Abfangkurs.

Die ersten Raketen starteten, schossen aus den Rohren, und die Sensorbilder der Prince Harold gerieten unter den gezackten Blitzen von Störsignalen aus den Fugen. Alle Icons verschwanden komplett in dem elektronischen Durcheinander, aber nur für wenige Sekunden. Dann glätteten mehrere Verstärkungsstufen die Störungen aus und zeigten die Lage wieder mit glasklarer Schärfe. Der Mangel an Daten verriet, wie schwer die Sensoren der Prince Harold beeinträchtigt wurden, doch diejenigen Daten, die sie empfing, waren kristallklar – und brutal deutlich.

Trotz des entsetzlichen Kräfteverhältnisses dauerte das Gefecht über vierzig Minuten. Vierzig Minuten, in denen aus dem gewaltigen Auditorium kein Laut drang, nicht einmal ein Flüstern, während fünftausendfünfhundert Raumkadettinnen und Raumkadetten das Display betrachteten. Sie beobachteten, wie diese einzelne, trotzige grüne Lichtperle geradewegs in ein Vierfaches der eigenen Kampfkraft beschleunigte. Beobachteten, wie sie mit einer kaltblütigen Präzision, die bereits dem eigenen Überleben entsagt hatte, das Feuer massierte. Sie feuerte nicht auf die gegnerischen Schlachtkreuzer, sondern auf die Geleitzerstörer. Mit dem altmodischen Donner thermonuklearer Kontaktgefechtsköpfe drosch sie auf sie ein. Und als der Abstand sich weiter verringerte, zerfetzte sie die Zerstörer mit dem kohärenten Licht ihrer Breitseitenlaser.

Kein einziger Zuschauer missverstand, was er oder sie sah. Commodore Saganami kämpfte nicht ums Überleben. Er kämpfte, um so viele Piratenschiffe zu vernichten oder gefechtsuntüchtig zu schießen, wie er konnte. Einen langsamen, unbewaffneten Handelsfrachter interessierte es nicht, ob der Pirat, der zu ihm aufschloss, ein Zerstörer war oder ein Superdreadnought. Noch der kleinste Pirat konnte den größten Frachter zusammenschießen, und es gab so viele Angreifer, wie Saganamis Geleitzug Schiffe umfasste. Jedes Schiff, das er vernichtete, bedeutete also einen Frachter, der heil entkam – und Zerstörer konnte er viel leichter vernichten als Schlachtkreuzer.

Die Nike raste heran. Sie beschrieb einen Korkenzieher um ihren Basisvektor und rollte sich ständig herum, suchte Schutz hinter den undurchdringlichen Bändern ihres Impellerkeils, nur um im nächsten Augenblick herumzuschwingen und eine ganze Breitseite von Laserstrahlen durch den zerbrechlichen Seitenschild eines Zerstörers zu jagen. Ihr Ziel wirbelte zur Seite, stieß Atemluft aus, ließ eine Trümmerspur zurück. Der Impellerkeil fluktuierte und erlosch, und die Nike sandte den Zerstörer mit einer einzigen Rakete in die Hölle, die seine Crew erwartete, während sie sich schon herumwarf, um einem seiner Begleiter zuzusetzen.

Das grüne Icon wand und flocht sich spiralisierend zwischen seinen Feinden hindurch, schloss zu Entfernungen zu ihnen auf, die auch bei den einfacheren, kürzer reichenden Waffen seiner Tage selbstmörderisch gewesen waren. Die Manöver der Nike hatten eine gewisse Eleganz an sich, eine Sauberkeit. Sie stürzte sich kopfüber in die eigene Vernichtung, und doch tanzte sie. Sie begrüßte den eigenen Opfergang, und die Hand, die sie lenkte und ihren Kurs bestimmte, sie gehörte einem Meister.

Dennoch war Eleganz keine Panzerung, Anmut keine Unsterblichkeit. Ein anderes Schiff hätte weit früher als sie das Ende gefunden, wäre vom feindlichen Feuer zerschnitten worden, einer tödlichen Salve in den Weg geraten. Doch nicht einmal die Nike konnte dem Tornado der Vernichtung vollkommen ausweichen, die ihre Feinde auf sie schleuderten, und immer mehr Schadensmeldungen flackerten an ihrem Icon auf, während sie einen Treffer nach dem anderen einstecken musste.

Ein zweiter Zerstörer explodierte. Der dritte trudelte zur Seite; sein Bugimpellerring war nur noch eine offene Wunde, und die Nike wandte sich dem Schweren Kreuzer zu. Ihre Raketen fraßen sich in ihn hinein, beschädigten seine Impeller und lähmten ihn so weit, dass ihm selbst ein schwerfälliger Frachter davonlaufen konnte.

Das Icon der Nike war von dem roten Hof umgeben, der anzeigte, dass die Atemluft aus ihr entwich. Ihre Beschleunigung sank konstant, je mehr Alpha- und Beta-Emitter in ihren Impellerringen explodierten. Die Schwere ihres Beschusses schwand, weil Raketenwerfer und Laserlafetten eine nach der anderen zermalmt wurden – mitsamt den Männern und Frauen, die sie bedienten. Honor und Nimitz kannten die Schrecken der Raumschlacht; sie hatten gesehen, wie Freunde zerrissen, wie schöne Schiffe zerschmettert und zerschlagen wurden. Im Gegensatz zu Dame Beatrice’ zuschauenden Raumkadetten wussten sie, wie es auf der Brücke der Nike zugegangen sein musste, in den Gängen des Schiffes, in den Panzergondeln, in denen die Bedienmannschaften kämpften und fluchten – und starben. Die Zuschauer wussten aber, dass ihnen Honors Erfahrung fehlte und sie Zeuge von etwas wurden, das über ihr Begriffsvermögen hinausging. Und dass auch ihnen eines Tages etwas Ähnliches bevorstehen konnte, wie es Edward Saganami und der Besatzung der Nike vor so vielen Jahren zugestoßen war.

Der brutal verwundete Schlachtkreuzer rollte auf Kernschussweite herum, kaum achttausend Kilometer von seinem Ziel entfernt, und feuerte jede noch gefechtstüchtige Waffe seiner Backbordseite in einen der feindlichen Schlachtkreuzer. Der Pirat machte einen Satz zur Seite, als die transferierte Energie Panzerung zerschmetterte und immer tiefer in den Rumpf vordrang. Er trieb einige Augenblicke weiter und verging in einer gewaltigen Explosion.

Doch die Nike hatte für diesen Sieg einen Preis zu zahlen. Als sie zum Feuer herumrollte, fand sich der zweite, unbeschädigte Piratenschlachtkreuzer endlich in einer Position, aus der er sie beschießen konnte. Eine Position, in der die Nike ihm nicht mehr den kraftvollen Impellerkeil zuwandte. Seine Energiewaffen feuerten, und sie besaßen die gleiche Durchschlagkraft wie die Strahler der Nike. Saganamis Schiff war schwerer gepanzert als ein Kreuzer oder gar ein Zerstörer, aber sie war kein Schlachtschiff oder Dreadnought. Sie war nur ein Schlachtkreuzer. Ihre Panzerung zerbarst, Atemluft fauchte aus der aufgerissenen Außenhaut, und der Bugimpellerring blitzte auf und erstarb.

Die Nike schüttelte sich und versuchte, von ihrem Gegner abzudrehen. Der Schwere Kreuzer, den sie bereits gelähmt hatte, feuerte eine volle Raketensalve auf sie. Die Nahbereichsabwehr hielt einige Lenkwaffen auf, doch vier explodierten an ihrem wankenden Seitenschild, und noch mehr Schadenskennungen blitzten auf, als ihre Glut die auf Volllast arbeitenden Generatoren überwand und sich in ihre Flanke fraß. Dann feuerte der feindliche Schlachtkreuzer erneut. Das grüne Icon machte einen Satz und umgab sich mit dem blitzenden roten Ring, der kritischen Schaden anzeigte. Im taktischen Display öffnete sich ein Fenster.

Es war ein Combildschirm. Im Datums-Zeit-Feld an der rechten unteren Ecke blitzte der Name der Prince Harold auf und identifizierte den Frachter als Empfänger des voraufgezeichneten Signals. Mehr als ein Raumkadett zuckte zusammen, als er unversehens in den Vorhof der Hölle blickte.

Die Brücke der Nike war von einem dünnen Rauch angefüllt, der zu den leckgeschlagenen Schotten abzog und ins bodenlos hungrige Vakuum dahinter strömte. Elektrisches Feuer zuckte unkontrolliert über die Konsolen. Die Astrogation war nur noch ein Trümmerhaufen, und überall an Deck lagen Leichen. Mit blutüberströmtem Gesicht blickte Edward Saganami ins Display; noch mehr Blut bedeckte die rechte Seite seines Vakuumanzuges, wo es aus einer tiefen Wunde in seiner Schulter quoll. Das taktische Display hinter ihm war noch funktionstüchtig. Die Icons und Seitenleisten und die grellen Schadenskennungen auf der Reparaturliste flackerten und setzten aus, wenn die Stromversorgung überlastet wurde. Dennoch waren sie noch aktiv und zeigten den anderen Schlachtkreuzer, der sich in Position zum letzten, tödlichen Schuss brachte, dem die Nike nicht mehr ausweichen konnte.

»Wir sind erledigt, James«, sagte Saganami. Seine Stimme war rau, heiser vor Schmerzen und der Erschöpfung durch den Blutverlust, und dennoch war sein Gesicht fast ruhig. »Melde es der Königin. Melde ihr, was meine Leute geleistet haben. Und sag ihr, es täte mir lei …«

Der Simulator wurde schwarz. Im lichtlosen Zuschauerraum herrschte völliges Schweigen. Und dann erschien langsam ein letztes Bild. Es war das goldene Kreuz mit dem Sonnenaufgang, die Parliamentary Medal of Valour an ihrem blau-weiß-roten Band. Die gleichen Farben befanden sich zwar unter den Ordensbändern an Honors Brust, aber diese Medal of Valour war etwas Besonderes: Sie war das erste PMV, das jemals verliehen worden war, und hing vielleicht zwanzig Sekunden vor ihnen allen in der Luft.

Dann gingen die Lichter wieder an, und Lady Dame Honor Harrington, Kommandeurin der jüngst reaktivierten Achten Flotte der Manticoranischen Allianz, blickte auf die vierhundertelfte Abschlussklasse der Flottenakademie. Die Klasse erwiderte den Blick, und sie holte tief Luft.

»Ladys und Gentlemen«, sagte sie mit klarem, kräftigem Sopran, »die Tradition lebt!«

Sechzig weitere Sekunden vergingen in hallendem Schweigen.

»Weggetreten, Ladys und Gentlemen«, sagte sie sehr leise.

2

Sie ließ ein letztes Mal den Blick durch ihre Stube im Wohnheim wandern.

Wenn eines feststand, dann das, dass sie etwas vergessen hatte, denn etwas vergaß sie immer. Die einzige Frage war, wie störend oder peinlich es sich auswirkte, sobald sie entdeckte, was sie diesmal liegengelassen hatte.

Bei dem Gedanken schnaubte sie und stellte sich grinsend vor, wie Berry sie dafür aufgezogen hätte. Berry betonte immer, Helen sei der einzige Mensch in der gesamten Galaxis, der ein eigenes Taschenuniversum mit sich umherschleppe. Anders könne sie auf keinen Fall so manches verloren haben, was zu ver … legen allein ihr gelang. Natürlich war Berry im Gegensatz zu Helen geradezu zwanghaft ordentlich, auch wenn das niemand vermutet hätte, so schlampig, wie sie sich normalerweise kleidete. Andererseits war das wohl nur der aktuelle Stil bei den Teenagern, nahm Helen an. Und, dachte sie voll Ernüchterung, folgen kann Berry ihm jetzt ja nicht mehr.

Sie zuckte mit den Schultern und zog sie zusammen, als könnte sie die Sorgen, die sie sich um ihre Adoptivschwester machte, damit irgendwie abschütteln. Manchmal war sie ihr eher wie eine Adoptivtochter erschienen. Sie wusste, wie albern das war, und dennoch hatte sie anfangs geglaubt, sie würde immer die Beschützerin der misshandelten Waise sein, die sie aus den Slums von Old Chicago gerettet hatte, und jetzt … war sie es nicht mehr.

Aber es gibt immer Dinge, die sich einfach nicht fügen, sagte sie sich. So wie ihre Mutter zu ihrer Patentverleihung hätte kommen sollen – und nicht kommen konnte. Sie spürte einen vertrauten Schmerz, ein altbekanntes Verlustgefühl, und streifte sich rasch eine Träne ab. So was Blödes! Seit Jahren beweinte sie den Tod ihrer Mutter nicht mehr. Das lag keineswegs daran, dass er sie nicht mehr bedrückte, aber selbst die schlimmsten Wunden heilen, wenn man sie überlebt. Sie hinterlassen Narben, aber sie heilen, und man macht weiter. Es liegt am Letzten Appell, dachte Helen grimmig. Wie so viele andere Klassen zuvor Zeuge des Opfertods von Edward Saganami und seiner kompletten Besatzung zur Rettung der Frachter unter ihrem Schutz zu werden – und sich zu erinnern, wie Captain Helen Zilwicki genau das Gleiche getan hatte.

Das aber lag Jahre zurück, und Helen war damals noch ein Kind gewesen. Trotz des tiefen Schmerzes, der niemals völlig verschwand, war ihr Leben wahrhaft weitergegangen, und sie hatte anderen Verlust und andere Freuden erfahren. Hatte sie die Mutter auch verloren, blieb ihr doch immer noch die unerschütterliche Liebe ihres Vaters, und nun hatte sie noch Berry, Lars und Catherine Montaigne. In einem Universum, in dem die Menschen, die man liebte, als Einziges wirklich zählten, bedeutete das eine Menge. Eine verdammte Menge, dachte Helen grimmig.

Sie atmete tief durch, schüttelte den Kopf und beschloss, dass es ohnehin keinen Sinn habe, hier herumzustehen und zu erraten versuchen, was sie vergessen, verloren oder verlegt hatte. Hätte sie darauf kommen können, wäre es von vornherein nicht vergessen worden – oder verloren oder verlegt.

Sie klappte den Deckel ihrer Raumkiste zu, gab die Kombination ein und fuhr den eingebauten Kontragrav hoch. Die Kiste stieg elegant in die Höhe und schwebte am Ende des Haltestricks. Helen setzte sich sorgfältig das Barett auf, wandte sich um und verließ ihre Wohnheimstube für immer.

»Helen! He, Helen!«

Als die vertraute Stimme ihren Namen rief, sah sie sich über die Schulter. Wie eine Billardkugel mit fiesem Effet schoss ein kleiner dunkelhaariger Raumkadett mit dunklen Augen durch die Menschenmenge, die zur Shuttlehalle Alpha-Drei wollte. Helen hatte nie begreifen können, wie Midshipman Kagiyama damit durchkam. Natürlich war er über zehn Zentimeter kleiner als sie und dazu drahtig. Helens Körperbau geriet mehr nach der Seite ihrer toten Mutter, als dass sie ihrem massigen Vater nachschlug, aber trotzdem war sie ein erheblich … substanziellerer Typ als Aikawa. Dank seiner geringen Größe konnte er sich durch Lücken quetschen, in denen sie unweigerlich steckengeblieben wäre, aber das war noch nicht alles. Vielleicht lag es einfach daran, dass er unverfrorener war als sie. Jedenfalls setzt er seine Ellbogen energischer ein, dachte sie, während sie zusah, wie er an einer gestikulierenden Traube ziviler Geschäftsleute vorbeizischte – oder durch sie hindurch?

Grinsend hielt er neben ihr an, und sie schüttelte den Kopf, als die scharfen Blicke der verärgerten Geschäftsleute unerklärlicherweise bei dem Versuch versagten, ihn in einen kleinen Haufen aus feiner, rauchender Asche zu verwandeln.

»Ich schwöre es, Aikawa«, sagte sie ernst. »Eines nicht allzu fernen Tages tritt dich jemand platt.«

»Nie«, widersprach er, noch immer grinsend. »Dazu bin ich zu süß.«

»Süß«, erwiderte sie, »ist ein Begriff, der auf dich eindeutig nicht zutrifft, Aikawa Kagiyama.«

»Aber sicher doch. Du weißt es einfach nur nicht zu schätzen, wenn jemand vor dir steht, der süß ist.«

»Das stimmt vielleicht, aber ich würde dir raten, dich lieber nicht darauf zu verlassen, dass dein Ausbildungsoffizier dich so sieht.«

»Zuerst vielleicht nicht. Aber irgendwann wird er mich schon zu schätzen wissen«, sagte Aikawa fröhlich.

»Nicht wenn sie dich erst kennengelernt hat«, widersprach Helen entmutigend.

»Du triffst mich, wo es wirklich wehtut.« Aikawa drückte eine Hand aufs Herz und sah sie seelenvoll an. Sie schnaubte nur, und er zuckte mit den Schultern. »Die Mühe ist es jedenfalls wert«, sagte er.

»Ja, du kannst ganz schön mühsam sein«, entgegnete sie.

»Na, dann kann ich mich vielleicht hinter dir vor dem Ausbildungsoffizier verstecken«, sagte er voller Hoffnung.

»Hinter mir?« Helen zog eine Braue hoch.

»Aber sicher!« Seine Augen glänzten vor kaum verhohlener Freude. »Außer … Wäre das möglich? Nein, auf keinen Fall! Sag bloß, du weißt nicht, dass wir beide zur Hexapuma beordert sind!«

»Sind wir das?« Helen blinzelte. »Hast du nicht gestern Abend gesagt, dass du zur Intransigent kommst?«

»Das war gestern Abend. Heute ist heute.« Aikawa zuckte mit den Schultern.

»Warum die Änderung?«, fragte sie.

»Ich habe nicht die leiseste Ahnung«, gab er zu. »Vielleicht hat sich jemand gesagt, du brauchst wen, der dir mit gutem Beispiel vorangeht.«

»Blödsinn«, erwiderte sie gereizt. »Wenn etwas entschieden wurde, dann dass du jemanden in deiner Nähe brauchst, der dich an die Kandare nimmt, sobald dein Klotzkopf dich wieder in die Bredouille bringt. Schon wieder.«

»Mich in die Bredouille?« Er sah sie kopfschüttelnd an. »Und wer von uns beiden ließ sich doch gleich schnappen, als wir eine Viertelstunde nach Zapfenstreich auf den Campus zurück wollten?«

»Das war das einzige Mal, dass ich uns in Schwierigkeiten gebracht habe, Mr Weltmeister im Ansammeln von Strafpunkten. Du allerdings …«

»Auf der Vergangenheit herumzureiten ist ein Kennzeichen von Kleingeistigkeit«, informierte er sie.

»Na klar!« Sie schnaubte erneut, dann setzte sie ihre Kiste wieder in Bewegung und folgte dem Wegweiserstreifen durch die überfüllte Halle.

Aikawa trottete neben ihr her, die eigene Kiste im Schlepp, und sie gab ihr Bestes, um sich von seiner Gegenwart unberührt zu zeigen. Nicht dass sie irgendjemanden täuschte, und ihn schon gar nicht. Er war vermutlich der beste Freund, den sie im ganzen Universum hatte, auch wenn keiner von ihnen bereit war, es mit schnöden Worten zu würdigen. Ihre Freundschaft hatte nicht einmal ansatzweise etwas Sexuelles an sich. Nicht weil einer von ihnen etwas gegen sexuelle Beziehungen gehabt hätte, aber sie waren einfach nicht des anderen Typ, und keiner war bereit, ihre Freundschaft aufs Spiel zu setzen, indem man versuchte, etwas anderes aus ihr zu machen.

»Wen hat es denn sonst noch in die Hexapuma verschlagen?«, fragte er.

»Was?« Sie blickte ihn mit gespielter Bestürzung an. »Der Große Kagiyama, Kenner aller Latrinenparolen, weiß nicht, wer außer ihm seinem Schiff sonst noch zugeteilt ist?«

»Ich weiß genau, wer der Intransigent zugeteilt ist. Und bis heute Morgen war das mein Schiff. Was ich nicht weiß, ist, wer noch auf dein Schiff kommt.«

»Nun, ich bin mir selber nicht hundertprozentig sicher«, gab Helen zu. »Ich weiß aber, dass Ragnhild mitkommt. Sie muss zum gleichen Shuttle nach Hephaistos wie ich … wie wir beide wohl.«

»Wirklich? Großartig!« Aikawa strahlte sie an. »Ich frage mich, was in sie gefahren ist, dass sie alle Drei Musketiere in das gleiche Schiff setzen?«

»Ganz sicher ein Versehen«, entgegnete Helen trocken. »Aber natürlich, so wie du es sagst, hat man uns ursprünglich ja eben nicht alle in die Hexapuma geschickt, oder?«

»Da hast du auch wieder recht. Ganz eindeutig. Also ist Ragnhild die Einzige, von der du es weißt?«

»Nein, Leopold Stottmeister hat schon heute Morgen den Shuttle nach oben genommen, weil er mit seinen Eltern im Dempsey’s zum Mittagessen verabredet ist, ehe er sich an Bord meldet. Von ihm und Ragnhild weiß ich es mit Sicherheit. Aber es könnten noch einer oder zwo mehr sein.«

»Stottmeister …« Aikawa runzelte die Stirn. »Der Fußballcrack?«

»Genau. Ich hatte ein paar Kurse mit ihm, und er ist ganz schön aufgeweckt. Aber er schlägt in Richtung Schiffstechnik.«

»Oh.« Aikawa sah auf, und als ihre Blicke sich trafen, hatten beide den gleichen Ausdruck im Gesicht. Sie wollten beide die Laufbahn eines Taktischen Offiziers einschlagen, traditionell der sicherste Weg zum Kommando über ein Sternenschiff. Natürlich war es ganz und gar in Ordnung, wenn sich jemand mehr für Technik als für Manöver interessierte. Und weiß Gott musste jemand die Maschinen am Laufen halten. Trotzdem begriffen sie beide nicht, wie jemand sich freiwillig dafür entscheiden konnte, ein aufgemotzter Mechaniker zu werden.

»Also«, sagte Aikawa schließlich mit geschürzten Lippen, »mit dir und mir macht das vier im Kakerlakennest? Je zwo Männlein und Weiblein?«

»Ja«, sagte Helen langsam, aber sie runzelte leicht die Stirn. »Ich glaube aber, es gibt noch einen mehr. Ich kannte den Namen nicht – Rizzo oder d’Arezzo.« Sie zuckte die Achseln. »Irgendwie so was.«

»Paulo d’Arezzo? Ein kleiner Kerl, nur vier oder fünf Zentimeter größer als ich?«

»Ich weiß es nicht. Ich kann mich nicht erinnern, ihm je begegnet zu sein.«

»Ich einmal, glaube ich«, sagte Aikawa, während sie in einen anderen Gang abbogen, in dem es noch enger war, weil der Korridor schmaler wurde. »Wenn es der ist, an den ich denke, dann ist er ein Elektronikheini. Sogar ein ziemlich guter.« Helen sah ihn fragend an, und er zuckte mit den Schultern. »Ich habe ihn nur im Vorbeigehen kennengelernt, aber Jeff Timberlake hat die Taktikaufgabe in der Abschluss-Simulation zusammen mit d’Arezzo als Eloka-Offizier bearbeitet. Jeff sagt, dass er ein verdammt guter ELO gewesen ist.«

»Klingt vielversprechend«, sagte Helen nachdenklich.

»Und das ist alles? Fünf von uns?«

»Dich eingeschlossen«, sagte sie, während sie sich durch die Menge quetschten. »Und nur soweit ich weiß. Die Liste war aber noch nicht vollständig, als ich meine Befehle bekam. Es hieß, dass wir noch wenigstens einen Kakerlak bekommen, aber man wusste noch nicht, wen. Ich denke, es war die Stelle, auf die du gekommen bist. Übrigens, wie hast du es eigentlich geschafft, neu zugeteilt zu werden?«

»Von wegen«, protestierte er, »ich habe ausnahmsweise mal die Wahrheit gesagt! Ich weiß nur, dass mich Herschiser heute Morgen zu sich ins Büro bestellt und mir gesagt hat, dass meine Befehle sich geändert hätten. Ich glaube, sie haben mich gegen jemanden getauscht, der ursprünglich der Hexapuma zugewiesen war.«

»Aha?« Sie sah ihn mit geneigtem Kopf an. »Und weißt du zufällig, wer dieser Jemand war? Hoffentlich nicht Ragnhild!«

»Oh, das weiß ich sogar wirklich. Ragnhild war es nicht«, antwortete Aikawa, und Helen blickte ihn scharf an. Er klang plötzlich erheblich weniger amüsiert, und er zuckte mit den Schultern, als sie ihn wortlos fragend ansah. »Deshalb habe ich ja gefragt, wer uns sonst noch zugeteilt ist«, sagte er. »Denn ich habe mit keinem von denen getauscht, die du genannt hast. Wenn mich meine üblichen Quellen nicht im Stich lassen, war es Bashanova.«

»Bashanova?« Helen verzog das Gesicht, weil sie Aikawa nachplapperte wie ein dümmlicher Papagei, doch zugleich war sie sich nicht ganz sicher, ob ihr die Erinnerungen gefielen, die der Name bei ihr weckte. Kenneth Bashanova war bei ihr und bei Aikawa nicht gerade besonders beliebt. Und ebenso wenig bei wenigstens neunundneunzig Prozent aller Personen, die das Unglück hatten, ihn zu kennen. Was wiederum ihn nicht sonderlich kümmerte. Als vierter Sohn eines Earls und Enkel eines Herzogs hatte er es nicht nötig, sich Gedanken um Menschen zu machen, die sich glücklich schätzen durften, die gleiche Luft zu atmen wie er.

Wenn ihr dadurch, dass Aikawa in letzter Minute auf HMS Hexapuma versetzt wurde, erspart blieb, während ihrer Kadettenfahrt mit Kenneth Bashanova in einem Schiff eingesperrt zu sein, so flößte es ihr außerordentliche Dankbarkeit ein. Er behandelte jeden wie Dreck, doch seine Sorte Adliger verabscheute gryphonische Highlander wie Helen genauso sehr, wie die Highlander ihn verachteten, und er hatte sich einmal große Mühe geben, mit ihr aneinanderzugeraten – aber nur einmal.

Was immer sie von ihm dachte, und wie dankbar sie auch war, nicht im gleichen Schiff zu sein wie er, so gehörte Bashanova nicht zu den Personen, bei dem sich in letzter Minute zufällig etwas änderte. Wenn er auf ein anderes Schiff versetzt worden war, so deshalb, weil jemand dafür gesorgt hatte. Vielleicht erklärte das, weshalb die Kadettenzuteilung der Hexapuma gestern Abend noch ›unvollständig‹ gewesen war. Und außerdem warf es eine interessante Frage auf. War Bashanova auf die Intransigent versetzt worden, weil jedem, der das Glück hatte, in ihr die Kadettenfahrt abzuleisten, eine besondere Gelegenheit winkte? Oder war er versetzt worden, damit er nicht auf der Hexapuma fuhr?

»Du hast nicht etwa was über die Hexapuma gehört, das ich nicht weiß, oder?«, fragte sie schließlich, und Aikawa lachte leise.

»Zwo große Geister, aber ein einziger Gedanke.« Er schüttelte den Kopf. »Nichts. Mir ging als Erstes die Frage durch den Kopf, wieso unser Edles Stinktier von der Hexapuma weg wollte, also habe ich mich umgehört.«

»Und?«

»Und ich konnte nichts herausfinden, was es erklärt hätte. Teufel, was das angeht, hätte wohl sogar Bashanova so viel Verstand gehabt, einfach mal die Schnauze zu halten.«

»Wieso?«, fragte Helen, und Aikawa sah sie an.

»Hast du denn gar keine informierten Quellen‹?«

»Hallo, ich bin diejenige, die wusste, wer sonst noch mit an Bord ist, du Klugscheißer! Und ganz egal, was die Medien über meinen alten Herrn behaupten, du brauchst nicht zu glauben, dass ich eine Spionin bin oder so etwas. Ein Spion in der Familie reicht mir völlig, vielen Dank. Aber wenn ich’s mir recht überlege, dann zeigt Lars immer mehr Anzeichen, dass es ihn interessieren könnte. Berry und mir ist es jedenfalls nie so gegangen!«

»Wie kommt es dann, dass sie bis zum … zu den Augenbrauen in dieser Geschichte auf Erewhon und Congo steckte?«, wollte er wissen.

»Torch, nicht Congo«, verbesserte sie ihn. »Congo heißt das System; der Planet ist Torch. Und ich habe noch immer nicht herausgefunden, wie das alles lief. Aber ich kann dir eines sagen – es lag nicht daran, dass Berry Spionin gespielt hätte!« Ihr verächtliches Schnauben geriet nicht ganz so erhaben wie beabsichtigt. »Berry ist der vernünftigste Mensch im ganzen Sternenkönigreich. Naja, das war sie jedenfalls. Auf keinen Fall hat sie mit Daddy Vater Spion und Tochter gespielt oder so was – als hätte er sie gelassen, selbst wenn sie gewollt hätte! Bestimmt hat einer von ihnen eines Tages genug Zeit, um mir die ganze Geschichte zu erklären, aber so viel weiß ich jetzt schon.«

Tatsächlich wusste sie einiges mehr, doch sehr viel davon war ganz eindeutig nicht dazu gedacht, an die Öffentlichkeit zu kommen.

»Wovon nichts«, fuhr sie betont fort, »irgendeine Auswirkung auf die Frage hat, ob ich eine ähnliche Bande von Schleichern und Informanten wie du kultiviert habe oder nicht. Statt also genervt aus der Wäsche zu gucken, könntest du mir lieber einfach sagen, was an der Hexapuma so besonders ist, abgesehen von dem Umstand, dass sie brandneu von der Werft kommt.«

»Nichts weiter, würde ich sagen. Außer vielleicht ihr Kommandant.« Er klang so beflissen beiläufig, dass Helen schon in Erwägung zog, ihn zu würgen, doch dann lachte er auf. »Also gut, ich packe aus. Zufällig, Helen, ist der neu ernannte Kommandant der Hexapuma ein gewisser Captain Aivars Terekhov. Der Terekhov von Hyacinth.«

Helen riss die Augen auf. Sie brauchte Aikawa nicht zu fragen, wer Aivars Terekhov war. Jeder kannte seinen Namen, und jeder wusste, dass ihm für die Schlacht von Hyacinth das Manticorekreuz verliehen worden war.

»Einen Augenblick mal.« Wie angewurzelt blieb sie stehen und blickte verwirrt zu Aikawa hinunter. »Terekhov. Ist er nicht ein entfernter Verwandter von Bashanova?«

»Ja, aber nur ein Cousin zwölften Grades oder so was, woran man sich erinnert, wenn man etwas von ihm will, aber sonst …?« Aikawa verzog achselzuckend das Gesicht. Er stammte von Manticore, der Hauptwelt des Sternenkönigreichs, und nicht von Gryphon, aber seine Haltung den selbstgefälligeren (und egozentrischeren) Angehörigen der manticoranischen Aristokratie gegenüber umfasste eine Geringschätzigkeit, die jedem Highlander angemessen gewesen wäre.

»Aber wenn sie miteinander verwandt sind, warum um alles in der Welt würde sich Bashanova dann von der Hexapuma versetzen lassen? Ich würde denken, seine Familie legt großen Wert darauf, dass er seine Kadettenfahrt unter einem Verwandten absolviert – besonders einem, der einen funkelnagelneuen Schweren Kreuzer kommandiert. So denken diese Leute doch.«

»Es sei denn, es gab irgendeinen Familienzwist«, erwiderte Aikawa. »Wenn Terekhov mit dem Rest der Familie in Streit liegt – und nach allem, was ich über die engsten Verwandten des Edlen Stinktiers weiß, wäre ich kein bisschen überrascht, wenn ein Mann wie Terekhov sie nicht ausstehen könnte –, dann fühlt sich Papa Skunk vielleicht besser, wenn er sein entzückendes Söhnchen aus der Schusslinie bringt. Oder« – er zuckte mit den Schultern – »an der Intransigent ist etwas Besonderes, das ich nicht herausfinden konnte – noch nicht. Das Edle Stinktier könnte sich aber vielleicht auch anders einen Insidervorteil verschaffen wollen, etwa, indem es einem Problem aus dem Weg geht, oder?«

»Möglich«, entgegnete Helen voller Zweifel. Mit einem Ruck setzte sie ihre Kiste wieder in Bewegung und folgte weiter dem Leitband zum Shuttleplatz. Und sie musste einräumen, dass Aikawa nicht unrecht hatte. Doch noch während sie es sich sagte, wusste sie, dass ihre übersinnlichen Ohren bereits auf das Menetekel lauschten.

In Ihrer Majestät Raumstation Hephaistos ging es stets eng zu, doch jetzt besonders. Nachdem der Krieg gegen Haven unvermittelt und katastrophal wiederaufgeflammt war, lief die größte Raumwerft der Royal Manticoran Navy mit weit mehr als hundert Prozent ihrer Entwurfskapazität. Die Vernichtung der Satellitenwerften im Grendelsbane-System – und sämtlicher im Bau befindlicher Kriegsschiffe darin – hatte nur zur Folge gehabt, dass das hektische Tempo auf HMSS Hephaistos sich noch weiter beschleunigte.

Die Hallen waren mit beinahe fest verkeilten Menschenmassen gefüllt, und Zivilisten im Dienst der zahlreichen Lieferanten drängten sich zusätzlich unter das Militärpersonal, das Hephaistos zugeteilt war oder auf der Raumstation nur umstieg. Momentan war es praktisch unmöglich, sich in einem Tempo durch die Hauptadern der Station zu bewegen, das auch nur entfernt an Eile erinnerte.

Was leider einige nicht daran hinderte, es trotzdem zu versuchen.

Eine solche Person – ein großer, wohlgenährter und offensichtlich (zumindest in seinen eigenen Augen) wichtiger Zivilist – bahnte sich einen Weg durch das Gedränge aus menschlichen Leibern wie ein Superdreadnought durch ein Geschwader von LACs alter Bauart. Da ihm der Impellerkeil eines Superdreadnoughts fehlte, benutzte er anstelle dessen seine kräftigen Schultern und Ellbogen. Da er einhundertachtundachtzig Zentimeter aufragte, schüchterte er die meisten anderen, die sich nicht durch gute Manieren vom Gegendrängen abhalten ließen, durch seine Größe und offenbare Bereitschaft ein, kleinere Sterbliche niederzutrampeln.

Die meisten jedenfalls.

Sein planierraupenhafter Vormarsch kam abrupt zum Stehen, als die Kraft, die er für unwiderstehlich gehalten hatte, gegen etwas prallte, was sich als ein unbewegliches Hindernis erwies. Genauer gesagt war es ein Mann in einer blau-grauen Uniform, wie er sie noch nie gesehen hatte. Ein sehr großer Mann, der selbst ihn um gute zwölf Zentimeter überragte. Und ein sehr breiter Mann, der wenigstens zweihundert Kilogramm wiegen musste – wovon kein Gramm aus Fett bestand.

Der Zivilist stieß gegen diese Einhundertfünfundsiebzig-Zentimeter-Brust und prallte ab. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ohne Luft in den Lungen setzte er sich glatt auf den Hosenboden und starrte zu dem Oger hoch, an dem er sich gerade plattgedrückt hatte wie ein Käfer an einer Windschutzscheibe. Milde braune Augen musterten ihn mit beiläufigem Interesse, als fragten sie sich, ob der am Boden Sitzende nun die Ursache des unwesentlichen Zusammenpralls war, der die Aufmerksamkeit ihres Besitzers geweckt hatte, oder nicht.

Der massige junge Mann hatte bereits den Mund aufgerissen, das Gesicht vor Wut verzerrt, doch er schloss ihn noch schneller, als er ihn geöffnet hatte, als er den Mann, in den er hineingelaufen war, zum ersten Mal richtig erblickte. Der uniformierte Riese blickte milde auf ihn hinab, dann umschritt er ihn behutsam, winkte höflich zwei andere Fußgänger vor und setzte seinen Weg fort, ohne auch nur einen Blick zurück zu werfen.

Der ernsthaft erschütterte Zivilist blieb noch einige Sekunden sitzen, rappelte sich eher umsichtig auf und setzte seinen Weg fort – mit erheblich größerer Rücksicht. Er hielt Ausschau nach weiteren Unholden, doch den hochgewachsenen, schlanken und jungen weiblichen Lieutenant Junior-Grade, der im Kielwasser des ersten Ogers gegangen war, hatte er gar nicht bemerkt. Wahrscheinlich deshalb, weil sie trotz ihrer für eine Frau beachtlichen Körpergröße ihrem Begleiter nicht einmal bis zur Schulter reichte.

»Das habe ich gesehen, Mateo«, sagte Lieutenant Abigail Hearns ruhig, wobei sie ritterlich versuchte, tadelnd zu klingen.

»Was gesehen, Mylady?«, erkundigte sich Mateo Gutierrez unschuldig.

»Sie haben absichtlich den Kurs geändert, um diesen … Menschen unterzupflügen«, sagte sie streng.

»Wie können Sie so etwas nur behaupten, Mylady?« Betrübt schüttelte Gutierrez den Kopf, ein Mann, der eindeutig an Unverständnis und Verleumdung gewöhnt war.

»Wahrscheinlich, weil ich Sie kenne«, erwiderte Abigail spitz. Gutierrez schüttelte nur wieder den Kopf und fügte einen Stoßseufzer hinzu. Sie konnte sich ein Lachen gerade noch verkneifen.

Nicht zum ersten Mal bemerkte sie, dass Gutierrez es persönlich zu nehmen schien, wenn er jemandem begegnete, der mithilfe von Wuchs oder Körperkraft andere einzuschüchtern versuchte. Mateo Gutierrez mochte keine Unterdrücker. Abigail war überrascht gewesen, wie wenig Erstaunen sie an dem Tag empfunden hatte, an dem sie entdeckte, dass er trotz seiner Zähigkeit und beeindruckenden Tödlichkeit einer der sanftesten Menschen war, die sie kannte. Gutierrez hatte freilich nichts Weiches oder Lasches an sich, doch obwohl er sich größte Mühe gab, es zu verbergen, war er die Sorte Mann, die gewohnheitsmäßig herrenlose Kätzchen aufnahm, verirrte Welpen … und Gutsherrntöchter.

Ihre Versuchung zu lachen verschwand sofort, als sie daran dachte, wie Gutierrez und sie einander kennengelernt hatten. Sie hatte nicht damit gerechnet, den brutalen, gnadenlosen Zusammenprall mit den Piraten zu überstehen, die den Planeten Refuge überfallen hatten. Und ihre Erwartung hätte sich bewahrheitet, wäre Gutierrez nicht gewesen. Ohne falsche Bescheidenheit wusste sie, dass sie in dem erschöpfenden, endlos anhaltenden Gefecht ihr Teil geleistet hatte, doch es war einfach nicht ihre Art von Kampf gewesen. Mateo Gutierrez hingegen war in solchen Kämpfen zu Hause, und er hatte ihn großartig geführt. Ganz wie man es von einem Berufsunteroffizier der Royal Manticoran Marines erwartete.

So weit begriff sie. Nicht ganz hingegen war ihr klar, wie genau es gekommen war, dass ein Platoon Sergeant der manticoranischen Marines sich in einen Lieutenant der Gutsgarde von Owens verwandelte. Natürlich erkannte sie darin die unnachahmliche Hand ihres Vaters; als graysonitischer Gutsherr besaß Lord Owens eindeutig den Einfluss, den man brauchte, um den Royal Manticoran Marines die Zustimmung zur Versetzung eines ihrer Zugfeldwebel in die Gutsgarde von Owens abzuringen. Nur wusste sie nicht zu sagen, wie es ihrem Vater gelungen war, Gutierrez zu überzeugen, ein Versetzungsgesuch einzureichen.

Doch wenn sie nicht wusste, wie er es zuwege gebracht hatte, so kannte sie doch wenigstens den Grund dafür, und der Gedanke weckte in ihr eine liebevolle Verärgerung. Als sie die Heimatwelt verließ, um als allererste graysonitische Raumkadettin auf Saganami Island ausgebildet zu werden, hatte sie als Tochter des Gutsherrn in der Erbfolge des Guts von Owens keinen Platz besessen. Daher hatte sie die Reise ohne den persönlichen Waffenträger antreten können, den das graysonitische Gesetz für jeden tatsächlichen oder möglichen Gutserben vorschrieb.

Dann allerdings hatte das Konklave der Gutsherren die Auswirkungen von Benjamin Mayhews Änderungen am graysonitischen Erbrecht in ihren ganzen Ausmaßen begriffen. Heute waren Frauen nicht mehr von der Erbfolge eines Gutes ausgeschlossen, und daher hatte das Konklave verkündet, dass sie sich auch nicht länger den Konsequenzen entziehen konnten.

Abigail hatte vor Zorn gekocht, als ihr Vater ihr eröffnete, dass sie von nun an bei jedem Einsatz von ihrem persönlichen Waffenträger begleitet werden müsse. Wenigstens musste sie sich nicht wie ihre beiden älteren Brüder mit einem vollständigen Schutzteam abfinden, das sie auf Schritt und Tritt begleitete, aber ein aktiver Raumoffizier konnte doch keinen Leibwächter brauchen! Aber Lord Owens war unnachgiebig geblieben. Er wies sie nur darauf hin, dass das Gesetz eindeutig sei. Und als sie versuchte, die Diskussion trotzdem fortzusetzen, führte er zwei weitere Argumente an. Erstens, dass Lady Harrington, die nach jedermanns Definition ganz gewiss aktiver Offizier war, ebenfalls akzeptiert habe, dass sie ständig von ihren persönlichen Waffenträgern begleitet werden musste. Wenn sie das konnte, dann auch Abigail. Und zweitens, dass sie, da das Gesetz eindeutig sei, genau zwei Möglichkeiten habe: entweder sie fügte sich, oder die Grayson Space Navy würde ihr das Offizierspatent aberkennen.

Es war ihm ernst. Egal wie stolz er vielleicht auf sie war, wie weitgehend er ihre Berufswahl auch akzeptiert hatte, es war ihm ernst. Und ihn bewegte nicht nur die unnachgiebige Autorität eines Vaters. Insgesamt gab es noch zu viele prominente Graysons, bei denen der bloße Gedanke an weibliche Graysons in Uniform Entsetzen auslöste. Weigerte sich Abigail, dem Gesetz Folge zu leisten, so hätten diese entsetzten Männer verlangt, dass die Navy sie entließ. Und die Navy hätte, ob es ihr gefiel oder nicht, keine andere Wahl gehabt, als zu gehorchen.

Folglich fügte sich Abigail in ihr Schicksal, und irgendwie gelang es Lord Owens, Mateo Gutierrez zu überzeugen, der Waffenträger seiner Tochter zu werden. Ihr Vater besorgte ihr also den größten, zähesten und gefährlichsten Wachhund, den er bekommen konnte, und nutzte ohne jede Skrupel die Bindung zwischen ihr und dem Sergeant aus, um sie zu bewegen, ihn zu akzeptieren. Abigail setzte ihre Proteste so lange fort, wie die Ehre es von ihr verlangte, aber beide kannten sie die Wahrheit: Wenn sie schon einen Leibwächter haben musste, so gab es im ganzen Universum niemandem, dem sie mehr vertraut hätte als Mateo Gutierrez.

Natürlich komplizierte der Umstand, dass man sie soeben auf ein manticoranisches statt ein graysonitisches Kriegsschiff versetzt hatte, die Dinge ein wenig, und sie fragte sich, warum es geschehen war. Hochadmiral Matthews hatte ihr mitgeteilt, dass man ihr so viel Erfahrung – und Rangalter – in einer Navy zukommen lassen wollte, die an weibliche Offiziere gewöhnt war, ehe sie den Dienst an Bord eines graysonitischen Schiffes antrat. Und Abigail glaubte ihm auch – weitgehend. Dennoch blieb ein beharrlicher, zweifelnder Unterton …

»Hier entlang, Mylady«, sagte Gutierrez, und Abigail bemerkte, dass sie den ganzen Weg lang geträumt hatte. Nun hatte sie nicht bemerkte, dass ihr Leitband in einen Nebengang auf eine Liftreihe zu abgebogen war.

»Ich weiß«, sagte sie und lächelte ihren hoch aufragenden Waffenträger an.

»Selbstverständlich, Mylady«, sagte er sanft.

»Doch, wirklich!«, beharrte sie. Er grinste nur, und sie schüttelte den Kopf. »Und noch eines, Mateo. Wir sind einem manticoranischen Kreuzer zugeteilt, keinem graysonitischen Schiff. Und ich bin dort nur ein sehr untergeordneter Taktischer Offizier. Ich halte es für keine schlechte Idee, die ›Myladys‹ für eine Weile zu vergessen.«

»Ich habe Monate gebraucht, um mich daran zu gewöhnen«, brummte er mit genau der volltönenden Stimme, wie man sie aus seiner gewaltigen Brust zu hören erwartete.

»Marines sind anpassungsfähig«, erwiderte sie. »Sie improvisieren, wenn sie mit unerwarteten Hindernissen konfrontiert werden, und überwinden sie. Betrachten Sie es als eine Kleinigkeit – wie den Sturm auf einen Tiefbunker aus Betokeramik mit nichts als einem Buttermesser zwischen Ihren mannhaften Zähnen –, und ich bin sicher, ein zäher, erfahrener Marine wie Sie schafft es.«

»Pah! Was für ein weichlicher Marine bräuchte ein Buttermesser, um einen einzigen erbärmlichen Bunker auszuheben?«, wollte Gutierrez mit einem dröhnenden leisen Lachen wissen. »Wozu hat Gott uns Zähne und Fingernägel gegeben?«

»Genau.« Abigail lächelte ihn wieder an, doch sie schüttelte dabei den Kopf. »Im Ernst, Mateo«, fuhr sie fort. »Ich weiß ja, dass Daddy und Colonel Bottoms auf dieser Mylady-Sache bestehen. Und auf Grayson oder in der GSN ist es ja wahrscheinlich auch sinnvoll. Aber wir werden schon genügend Schwierigkeiten mit Leuten haben, die es für eine törichte neobarbarische Albernheit halten werden, einem untergeordneten Offizier wie mir einen Leibwächter zuzuteilen. Wir wollen ihnen nichts unter die Nase reiben, was wir ihnen nicht unbedingt unter die Nase reiben müssen.«

»Da haben Sie recht, Ma’am«, stimmte er nach kurzem Nachdenken zu. Sie erreichten den Lift, und Gutierrez drückte den Rufknopf, dann stellte er sich wartend neben ihr auf. Selbst jetzt zuckten seine Augen ununterbrochen umher und tasteten die Umgebung konstant ab. Mochte man ihn ursprünglich zum Marineinfanteristen und nicht zum Waffenträger ausgebildet haben, so besaß er dennoch eine natürliche Begabung für seine neuen Aufgaben.

»Danke«, sagte sie. »Und während wir schon davon reden, niemandem etwas unter die Nase zu reiben – oder einzudrücken –, haben Sie mit Commander FitzGerald zu einer Verständigung kommen können?«

»Jawohl, Ma’am. Allerdings war es, wenn ich ehrlich bin, Captain Kaczmarczyk, mit dem ich wirklich reden musste. Ich sagte es Ihnen ja gleich.«

»Und ich habe Ihnen geglaubt. Ich sagte nur, Sie müssten mit dem Eins-O reden, ehe Sie den Chef des Kontingents fragen.«

»Da hatten Sie recht«, gab er zu. »Wahrscheinlich.« Die Einschränkung hinzuzufügen konnte er sich nicht verkneifen, und sie schüttelte leise lachend den Kopf.

»Sie, Mateo Gutierrez«, sagte sie, als die Lifttüren sich mit einem Seufzen öffneten, »brauchen einen guten, festen Tritt in den Hosenboden. Und wenn ich mein Bein so hoch heben könnte, ohne Nasenbluten zu bekommen, würde ich Ihnen den auch versetzen.«

»Immer diese Gewaltandrohungen«, sagte er traurig, während seine Augen das Innere der Liftkabine abmusterten. »Wie gut, dass Sie es nicht ernst meinen, Ma’am. Sonst würde mir der kalte Schweiß ausbrechen, wann immer Sie mich derart bedrohen.«

»Natürlich meine ich es ernst«, sagte sie und rollte mit den Augen, als er sie in den Lift winkte und sie an ihm vorbei in die Kabine trat. Er folgte ihr und ließ es geradezu beiläufig aussehen, als er sich zwischen ihr und den Türen aufstellte. Dann drückte er den Knopf, der die Türen schloss. »Ihr Ziel?«, fragte eine angenehme, computergenerierte Stimme. »HMS Hexapuma«, antwortete Gutierrez ihr.

3

»Also schön, Herrschaften. Bitte blockieren Sie nicht die Galerie, ja?«

Die Stimme mit ihrem weichen graysonitischen Akzent klang vor allem amüsiert, und dennoch lag definitiv ein befehlender Unterton darin. Helen blickte sich rasch über die Schulter und hob die Augenbrauen, als sie die junge Frau hinter sich erkannte. Soweit sie wusste, gab es nur eine einzige geborene Grayson in der GSN. Und wäre es anders gewesen, das Gesicht der jungen Frau, die hinter ihr stand, war vor einem T-Jahr, nach dem Kampf im Tiberian-System, auf so gut wie jedem HD-Gerät im Sternenkönigreich zu sehen gewesen.

Helen brach ihr Gespräch mit Ragnhild Pavletic ab und machte dem Lieutenant eilig den Weg frei. Der aufragende Riese in blau-grauer Uniform, der neben dem Lieutenant ging, musterte nachdenklich alle drei Raumkadetten. Seine Uniform konnte ihn als graysonitischen Waffenträger ausweisen, er selbst aber musste mit seinem dunklen Teint, der Hochschwerkraftstatur und dem Adlerprofil einfach von San Martin stammen. Und während er keineswegs drohend dreinblickte, hatte er etwas an sich, was nahelegte, sich auf keinen Fall zu dicht an ihn oder seinen Schützling heranzudrängen.

Die beiden anderen Middys folgten hastig Helens Beispiel. Unter normalen Umständen hätte bereits der höhere Rang des Lieutenants zu diesem Verhalten geführt; das Äußere ihres persönlichen Wachhunds steigerte noch die Bereitwilligkeit, mit der sie ihr Platz machten, und das Lächeln des Lieutenants zeigte, dass sie es wusste.

»Ganz so viel Entgegenkommen ist auch nicht gerade nötig«, versicherte sie ihnen milde und wandte sich ab, um selbst durch den dicken Armoplast der Raumdockgalerie zu blicken.

Im kristallklaren Vakuum trieb die schlanke, an beiden Enden verdickte Spindel eines Schweren Kreuzers der Edward-Saganami-Klasse in ihren Muring-Traktorstrahlen. Physisch verbanden sie Personenröhren mit dem Beobachtungsdeck. Trupps aus Werftarbeitern in Hardsuits und ihre ferngesteuerten Roboter umschwärmten den Heckimpellerring. Technisch war die Hexapuma ein Schwerer Kreuzer der Saganami-C-Klasse, eine ›verbesserte‹ Version des ursprünglichen Edward-Saganami-Entwurfs. Früher einmal hätte man sie als eigene Klasse angesehen, doch unter der vorherigen Admiralität war die Nomenklatur von BuShips ein wenig flexibler geworden. Indem man den Entwurf eine Verbesserung der Saganamis nannte statt zuzugeben, dass es sich um eine weiterentwickelte, vollkommen neue Klasse handelte, hatte man die Mittel erhalten, um sie als Teil der Konzentration während der Admiralität Janacek auf eine Ausweitung der leichten Kampfschiffe der Navy in wenngleich nur sehr geringen Stückzahlen zu fertigen.

Mit 483.000 Tonnen war die Hexapuma um einundsechzig Prozent größer als die Schiffe der Star-Knight-Klasse, die vor Ausbruch des Konflikts, den man immer häufiger den Ersten Havenkrieg nannte, die neusten und größten Schweren Kreuzer der Royal Manticoran Navy gewesen waren. Doch trotz des Tonnagenzuwachses und eines gewaltigen Gewinns an Feuerkraft war ihre Crew winzig, verglich man sie mit der eines Star-Knight-Kreuzers. Die verringerte Besatzungsstärke und das damit einhergehende kleinere Lebenserhaltungssystem hatten sogar gerade die Masse freigesetzt, die neben den Fortschritten in der Waffentechnik Ursache für den erhöhten Kampfwert der Saganami-C war.

Im Gegensatz zu den ursprünglichen Saganami-Kreuzern war die Hexapuma kompromisslos für das Raketengefecht optimiert. Obwohl sie nur vierzig Werferrohre besaß, weniger als das Zwischenmuster Saganami-B, feuerte sie die anderthalbfache Raketenbreitseite eines Star Knight. Ihre Rohre waren größer als die eines Saganami-B und konnten massivere, kampfstärkere Raketen starten, während die Magazine gegenüber der Vorklasse wesentlich erweitert worden waren. Die Zahl der Energiewaffen hatte man verringert – in jeder Breitseite nur acht Geschütze, dazu kam die Jagdbewaffnung –, aber dem Vorbild der Graysons folgend, waren diese Strahler jeweils schwerer als die Geschütze in den Schlachtkreuzern der meisten Flotten. Die Hexapuma vermochte auf Energiereichweite weniger Ziele anzugreifen, aber die Treffer, die sie landete, waren verheerend. Und der Saganami-C war die erste Klasse von Kreuzern, die mit den neuen, verbesserten Zweiphasen-Bugschildgeneratoren ausgestattet wurden.

Kurz gesagt konnte die Hexapuma durch ihre Bandbreite an Angriffsentfernungen jeden Vorkriegs-Schlachtkreuzer vernichten, sei er manticoranisch oder havenitisch.

»Hübsch, was?«, stellte der graysonitische Lieutenant fest.

»Jawohl, Ma’am. Das ist sie … Lieutenant Hearns«, stimmte Helen zu. Der Offizier – sie war höchstens zwei oder drei T-Jahre älter als Helen – blickte sie prüfend an. Sie ist es wahrscheinlich gewöhnt, dass sie erkannt wird, zumindest von anderen Navyleuten, begriff Helen. Sie wirkte jedoch, als frage sie sich, wieso Helen betont hatte, sie erkannt zu haben, und Helen hoffte plötzlich, dass Hearns nicht von ihr glaubte, sie wollte sich bei ihr einschmeicheln. Sie sah dem Lieutenant einen Moment lang ruhig in die Augen, und Hearns nickte leicht und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Hexapuma.

»Unsere neuen Kakerlaken?«, fragte sie nach einem Moment, ohne sie anzublicken.

»Jawohl, Ma’am.«

»Nun, meines Wissen bedeutet es Unglück, eine Middy zu begrüßen, ehe sie sich offiziell an Bord gemeldet hat«, erwiderte Hearns, die Augen noch immer auf den Kreuzer gerichtet, »deshalb werde ich so tun, als kämen Sie hier bloß vorbei und wären stehengeblieben, um die Aussicht zu bewundern. Schließlich bringt es niemals etwas, Traditionen zu verletzen.«

»Nein, Ma’am«, gab ihr Helen recht, die noch immer für alle sprach.

»An Ihrer Stelle«, fuhr Hearns mit der Andeutung eines Lächelns fort, »würde ich noch ein paar Minuten damit verbringen, das Schiff angemessen zu bewundern. Wenn Sie erst mal an Bord sind, sehen Sie nicht mehr viel von ihm. Und«, ihr Lächeln wurde breiter, »nachdem Sie sich an Bord gemeldet haben, haben Sie lange keine Zeit mehr, um irgendetwas zu bewundern.«

Sie lachte stillvergnügt in sich hinein, nickte ihnen zu und setzte ihren Weg zur Bugpersonenröhre fort, ein schlanker, anmutiger Zerstörer, gefolgt von einem schwerfälligen Superdreadnought.

Der Marineinfanterieposten, ein Corporal, sah ausdruckslos zu, wie das Trio aus Raumkadetten sich dem Stationsende der Hauptzugangsröhre von HMS Hexapuma näherte. Er hatte gewiss beobachtet, wie sie staunende Touristen gespielt hatten, und musste ihr kurzes Gespräch mit Lieutenant Hearns mitbekommen haben, aber seinem Gesicht hätte man es nicht angemerkt. Nach den Winkeln auf seinem Ärmel diente er seit wenigstens sechs Manticore-Jahren – also über zehn T-Jahre. In dieser Zeit hatte er wahrscheinlich mehr Raumkadetten gesehen, als er zählen konnte, und während sich die neueste Lieferung ihm näherte, sah er ihr mit nüchternem Gleichmut entgegen.

Die Kakerlaken nahmen im Gehen Formation ein, ohne ein Wort zu sagen. Von ihnen war Pavletic mit der besten Note abgegangen, auch wenn sie die beiden anderen – zwischen denen Gleichstand herrschte – um keine zwei Punkte geschlagen hatte. Entscheidend war jedoch nur, dass Pavletic durch ihre bessere Note zur Rangältesten wurde, und im Augenblick war Helen ganz froh darüber.

Die zierliche honigblonde Midshipwoman führte sie die Galerie entlang zur Röhre, und der Marineinfanterist nahm Haltung an und salutierte. Sie erwiderte die Ehrenbezeigung zackig.

»Midshipwoman Pavletic und zwo Raumkadetten melden sich zur Besatzung des Schiffes, Corporal«, sagte sie. Die anderen hatten ihr die Aktenchips mit ihren Marschbefehlen übergeben, und sie reichte alle drei dem Posten.

»Danke, Ma’am«, antwortete der Marine. Er schob den ersten Chip in sein elektronisches Klemmbrett, schaltete das Display ein und musterte es ein, zwei Sekunden lang. Dann sah er Ragnhild an und verglich offenbar ihr stupsnasiges, sommersprossiges Gesicht mit dem Bild auf ihrem Marschbefehl. Nickend warf er den Chip wieder aus und reichte ihn ihr. Dann schob er den nächsten hinein, prüfte das Bild und sah Aikawa an, der seinen Blick ruhig erwiderte. Der Posten nickte wieder, warf den Chip aus, gab ihn Ragnhild und verglich nun Helens Gesicht mit dem Bild auf ihren Befehlen. Er verschwendete damit nicht viel Zeit, doch es war offensichtlich, dass er sich die Bilder wirklich ansah. So sehr seine Aufgabe auch aus Routine bestehen mochte, er betrachtete augenscheinlich nichts als gegeben.

»Danke, Ma’am«, sagte er zu Ragnhild. »Sie werden erwartet. Ich fürchte allerdings, der Erste Offizier hat das Schiff vor kurzem verlassen, Ma’am. Ich glaube, Commander Lewis, die Leitende Ingenieurin, ist ranghöchster Offizier an Bord.«

»Danke, Corporal«, erwiderte Ragnhild. Dass Lewis die LI und eine Frau war, hätte er nicht erwähnen müssen, und einige Marines hätten, das wusste sie, auch nichts davon gesagt. Die Kadettenfahrt hatte zumindest zum Teil den Sinn, die ›Kakerlaken‹ ins tiefe Wasser zu werfen. Es abzulehnen, den ›Kakerlaken‹ nützliche Hinweise zu liefern, wer an Bord ihres neuen Schiffes welche Funktion innehatte, stellte nur eine der zahlreichen Möglichkeiten dar, zu dieser Prüfung sein Scherflein beizutragen.

»Gern geschehen, Ma’am«, erwiderte der Marine und trat beiseite, damit die drei Raumkadetten in die Schwerelosigkeit der Zugangsröhre eintreten konnten.

In einer Reihe schwammen sie durch die Röhre, und jeder achtete darauf, den gebührenden Abstand zur nachgeschleppten Raumkiste des oder der Vorhergehenden einzuhalten. Zum Glück hatten sie sich in der Null-Ge-Ausbildung alle recht gut geschlagen, und es gab keine peinlichen Missgeschicke, als sie sich nacheinander in die Standardschwerkraft des Mittschiffshangars der Hexapuma schwangen.

Ein Lieutenant Junior-Grade mit der Binde des Hangaroffiziers vom Dienst am linken Arm und dem Namen ›MacIntyre, Freda‹ auf dem Namensschild erwartete sie mit einem Ausdruck halb höflicher Geduld im Gesicht, und die drei Raumkadetten salutierten vor ihr.

»Bitte um Erlaubnis, zwecks Aufnahme in die Schiffsbesatzung an Bord zu kommen, Ma’am«, sagte Ragnhild forsch.

Lieutenant MacIntyre erwiderte ihre Ehrenbezeigungen, und Ragnhild reichte ihr die Aktenchips. Der Hangaroffizier führte sie nacheinander in ihr elektronisches Klemmbrett ein. Sie benötigte dazu etwas länger als der Posten, aber nicht viel. Für Helen sah es aus, als lese sie Ragnhilds Befehle tatsächlich – oder überflog sie zumindest –, doch bei den anderen prüfte sie nur die Übereinstimmung mit den Fotos. Helen erschien es ein wenig nachlässig, doch sie rief sich sofort ins Gedächtnis, dass sie nur ein Kakerlak war. Per definitionem konnte an Bord der Hexapuma niemand feuchter hinter den Ohren sein als sie, und vielleicht hatte der Lieutenant nur schon gelernt, was Kinderkram war, und handelte entsprechend.

»Sie haben sich ein wenig verspätet, Ms Pavletic«, stellte sie fest, als sie die Chips zurückgab. Ragnhild antwortete nichts, denn was sollte sie darauf auch sagen, und MacIntyre lächelte leicht.

»Nun, jetzt sind Sie hier, und das ist wohl das einzig Wichtige«, sagte sie schließlich. Sie wandte den Kopf und winkte einen Umwelttechniker herbei. »Jankovich!«

»Jawohl, Lieutenant.« Auf Helen wirkte Jankovichs ausgeprägter gryphonischer Akzent wie ein Gruß aus der Heimat, direkt aus den Highlands ihrer Kindheit. In der Stimme erkannte sie jedoch noch etwas – einen Unterton tiefsitzender Abneigung. Er war alles andere als offensichtlich, doch Highlander verstanden sich außerordentlich schlecht darauf, sich zu verstellen – vor anderen Highlandern. Das übrige Sternenkönigreich fand jeden Gryphoner so grob behauen, dass man nur selten die subtilen Zeichen auffasste, die für jeden anderen Gebürtigen des Planeten unverkennbar waren.

»Bringen Sie diese Kakerlaken in ihr Quartier«, sagte der Lieutenant forsch. Offensichtlich war sie der unterschwelligen Schwingungen nicht gewahr, die Helen dem Umwelttechniker anmerkte.

»Aye, aye, Lieutenant«, erwiderte Jankovich und sah die Kadetten an. »Wenn die Damen und Herren mir folgen würden?«, fragte er und führte sie zur zentralen Liftreihe des Beiboothangars.

Es gelang den Raumkadetten, sich nicht die Hälse zu verrenken und alles anzustarren, während Jankovich sie zum Kadettenschlafsaal führte. So stand die Abteilung jedenfalls auf den Bordplänen des Schiffes verzeichnet, doch wie in allen Schiffen der Royal Manticoran Navy nannte man sie im alltäglichen Umgang nur das ›Kakerlakennest‹, ein Name, der in die Tage der Seefahrt lange vor Anbruch des Raumfahrtzeitalters zurückging. Die Hexapuma war ein neues Schiff und stand noch vor dem ersten Einsatz. Daher und weil es sich für einen Kreuzer ihrer Größe geziemte (besonders einen mit ihrer die Besatzungsstärke verringernden Automatisierung), war ihr ›Kakerlakennest‹ beträchtlich geräumiger und bequemer als an Bord älterer, kleinerer, engerer Schiffe.

Das hieß allerdings noch lange nicht, dass die Raumkadetten in einem Palast untergebracht gewesen wären. Jeder Middy hatte eine eigene, durch einen Sichtschutz abgetrennte Schlafnische, doch sie bestand aus wenig mehr als einer einzelnen und nicht allzu großen Koje. Jede Koje nannte eine Befestigungsschelle ihr Eigen, an die der Besitzer der Koje seine Raumkiste befestigen konnte. Am vorderen Schott waren eine enge ›Sitzgruppe‹ und ein großer Gemeinschaftstisch mit einer unverwüstlichen, rutschfesten Oberfläche. In den Tisch eingelassen waren ein ausfahrbares Comgerät und wenigstens drei Computerterminals. Die Schotten waren mit einem überraschend angenehmen dunklen Pastellblau gestrichen, und wenigstens besaß die Abteilung – wie das ganze Schiff – noch immer Geruch und Gefühl eines ›neuen Flugwagens‹.

Als Ragnhild, Helen und Aikawa eintrafen, erwarteten sie schon zwei andere Kadetten. Einen von ihnen – Leopold Stottmeister – kannten die Neuankömmlinge bereits mehr oder minder gut. Er war knapp einen Meter achtundachtzig groß und hatte kastanienbraunes Haar, dunkle Augen und einen Körper, der ganz auf Geschwindigkeit und Ausdauer statt auf brutale Kraft ausgelegt zu sein schien. Helen und er kannten sich seit fast drei T-Jahren, länger als er sonst jemanden in der Abteilung kannte, und er lächelte ihr grüßend zu.

»Na, wenn das nicht Zilwicki die Schreckliche ist!«, rief er. »Habe mich schon gewundert, wo du warst.«

»Wir armen Taktiktypen finden allein nicht mal das Klo, wir müssen es uns erst von einem von euch brillanten Ingenieuren auf dem Deckplan zeigen lassen«, entgegnete sie, faltete fromm die Hände und blickte zur Decke hoch.

»Na, klar«, sagte er mit seiner angenehmen Tenorstimme und winkte den beiden anderen neu Eingetroffenen zu, während Helen ihre Aufmerksamkeit auf das fünfte Mitglied im Raumkadettenkontingent der Hexapuma richtete.

Auf dem Namensschild an seiner Brust stand ›d’Arezzo, Paulo‹; er war gute sechs Zentimeter kleiner als sie und hatte helles Haar und graue Augen. Was ihr allerdings augenblicklich an ihm auffiel, war sein unfassbar gutes Aussehen.

Sämtliche internen Alarmglocken klingelten, während sie das klassische, makellose Profil musterte, die hohe Denkerstirn, das kräftige Kinn – das sogar gespalten war – und die ausdrucksvollen Lippen. Wenn eine Castingagentur einen Darsteller für einen jungen Preston der Raumstraßen gesucht hätte, so hätte man sich an keinen anderen als d’Arezzo gewandt. Zumal er auch die schmalen Hüften und breiten Schultern hatte, die zum Rest des Pakets passten.

Helens Erfahrungen mit Personen, die d’Arezzos Niveau an körperlicher Schönheit erreichten (sie bezweifelte, ob sie je jemandem begegnet war, der es überschritt), waren alles andere als angenehm gewesen. Die Bioskulptur-Behandlungen, die es erforderte, um solch ein Aussehen zu erlangen, waren teuer, die Personen, die bereit waren, dafür so viel Geld auszugeben, entweder sehr verwöhnt, sehr reich oder beides. Nicht gerade die Art Menschen also, für die eine gryphonische Highlanderin Sympathie empfand.

Er hatte am Ende des Tisches gesessen und in einem Buch gelesen, als die Neuen hereinkamen. Noch ein schlechtes Zeichen, dachte Helen. Er hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, ein Gespräch mit Leo anzuknüpfen, einem der unkompliziertesten, freundlichsten Menschen, die sie kannte. Wenigstens hatte d’Arezzo aufgeblickt, als sie in die Abteilung kamen, doch in seinen grauen Augen lag eine kühle Reserve. Er beteiligte sich nicht am Gespräch, bis Ragnhild und Aikawa Leo die Hand geschüttelt hatten. Dann erst krümmten sich die männlichen Lippen zu einem höflichen, distanzierten Lächeln.

»D’Arezzo, Paulo d’Arezzo«, stellte er sich vor und reichte Helen, die am nächsten stand, die Hand.

»Helen Zilwicki«, antwortete sie und schüttelte mit so viel Begeisterung, wie sie aufbringen konnte. Etwas flackerte in seinen Augen auf, und sie verkniff sich eine Grimasse. Ihr Akzent war zu ausgeprägt, als dass sie ihn hätte verbergen können, selbst wenn es ihre Absicht gewesen wäre, und er schien ihn ähnlich zu berühren wie sein zu hübsches Gesicht sie.

Die beiden anderen Neuen stellten sich ebenfalls vor, und d’Arezzo begrüßte beide mit genau dem gleichen, vollkommen korrekten Händedruck. Dann nickte er Leo zu.

»Ihr kennt euch offenbar«, bemerkte er, eine vollkommen überflüssige Feststellung, »deshalb ist Leo wohl besser geeignet als ich, um euch auf den Stand zu bringen.«

Er lächelte noch einmal höflich und wandte sich wieder seinem Buchleser zu.

Helen sah Ragnhild und Aikawa an, dann zog sie vor Leo die Augenbrauen hoch. Der Raumkadett mit dem kastanienbraunen Haar zuckte ganz leicht mit den Schultern, dann wies er auf die Kojen.

»Wenn wir komplett sind, und das glaube ich, dann haben wir drei überzählige Kojen. Paulo und ich haben uns bereits zwo von den unteren genommen – wer zuerst kommt, mahlt zuerst, und so weiter …« Er grinste sie an. »Ihr drei könnt die übrigen unter euch aufteilen, wie ihr wollt. Aber macht bitte kein Blut aufs Deck.«

»Manche von uns«, stellte Helen fest, »können zwischenmenschliche Konflikte auch ohne Gewalt beilegen.« Sie schniefte vernehmlich und sah Ragnhild und Aikawa an. »Und da wir mögliche Unstimmigkeiten einvernehmlich beilegen wollen«, sagte sie, »hielte ich es für klüger, wenn ihr euch damit abfindet, dass eine der beiden übrigen unteren Kojen mir gehört.«

»Einvernehmlich, was?«, schnaubte Ragnhild. »Du glaubst, du kriegst, was du willst, nur weil du Hilfsausbilderin im waffenlosen Kampf gewesen bist, das weißt du genau.«

»Ich?« Helen sah sie mit Unschuldsmiene an. »Habe ich ein einziges Wort der Drohung geäußert? Habe ich auch nur einen Augenblick lang angedeutet, dass ich bereit sein könnte, aus irgendjemandem eine Brezel zu flechten?«

»Doch, das hast du«, erwiderte Aikawa. Sie sah ihn an, und er winkte ab. »Oh, nicht jetzt vielleicht, aber wir kennen dich alle, oder wenigstens deinen Ruf. Wir wissen, was für eine brutale, einschüchternde Schlägerin du sein kannst, Helen Zilwicki. Und wir lassen uns nicht mehr einschüchtern, oder?«

Er sah flehend die anderen Middys an. Ragnhild blickte auf den Boden und pfiff tonlos vor sich hin, und Leo lachte stillvergnügt in sich hinein.

»Sieh mich nicht an«, sagte er. »Ich habe Fußball gespielt. Vom waffenlosen Kampf habe ich mich immer so weit ferngehalten, wie die Ausbilder es zuließen. Ich habe nie gegen Helen gekämpft, aber ich habe von ihr gehört. Und wenn du meinst, ich mache jemanden wütend auf mich, die einigen Ausbildern noch was beibringen konnte, dann musst du den Verstand verloren haben.«

Alles lachte, Helen eingeschlossen, doch unter ihrem Lachen lag der eiskalte Kern einer hässlichen Erinnerung. Sie liebte das Handgemenge Neuen Stils, die Judo-Abart, die vor mehreren Jahrhunderten auf Neu-Berlin entwickelt worden war, und sie hatte das große Glück gehabt, während der Zeit, die sie mit ihrem Vater auf Alterde verbrachte, bei Sensei Robert Tye studieren zu dürfen, der wahrscheinlich zu den zwei oder drei erfahrensten Anwendern des Neuen Stils in der ganzen Galaxis gehörte. Sie war außerordentlich dankbar für die Disziplin, sowohl körperlich als auch geistig, und die innere Ruhe, die ihr der Neue Stil geschenkt hatte; ihre Übungen und Trainings-Katas waren wie ein besänftigender, anmutiger Tanz für sie. Das gleiche Training hatte sie jedoch auch angewendet, als sie, ehe sie fünfzehn T-Jahre alt war, mit bloßen Händen drei Männer tötete, um nicht nur ihr Leben, sondern auch das ihrer Adoptivgeschwister zu verteidigen.

»Nun, wo wir jetzt alles so schön demokratisch beigelegt haben«, sagte Aikawa zu Ragnhild, nachdem das Gelächter sich gelegt hatte, »was hältst du davon, wenn wir Karten ziehen, um zu sehen, wer die andere untere Koje bekommt?«

Helen hatte gerade erst ihre Toilettenartikel ausgepackt, als das Comterminal leise klingelte. D’Arezzo, der noch immer in seinem Buch las, saß dem Gerät am nächsten und drückte rasch die Annahmetaste.

»Kadettenschlafsaal, hier d’Arezzo«, sagte er forsch.

»Guten Tag, Mr d’Arezzo«, sagte eine Sopranstimme, während das attraktive Gesicht einer rothaarigen Frau auf dem Display erschien. »Ich bin Commander Lewis. Wenn ich recht verstanden habe, sind Ihre Mitkadettinnen und -kadetten nun vollzählig eingetroffen. Ist das richtig?«

»Ich denke schon, Commander«, erwiderte d’Arezzo ein wenig vorsichtig. »Im Augenblick sind jedenfalls fünf von ihnen anwesend, Ma’am.«

»Und das sind alle«, erwiderte Commander Lewis nickend. »Ich habe gerade von Commander FitzGerald gehört. Er wird sich um mehrere Stunden verspäten. Unter diesen Umständen hat er mich gebeten, Sie alle offiziell an Bord zu begrüßen. Könnten Sie es einrichten, mich auf der Brücke aufzusuchen?«

»Selbstverständlich, Ma’am!«, antwortete d’Arezzo augenblicklich, ohne seine Mitkadettinnen und -kadetten auch nur anzusehen. Zum ersten Mal war Helen mit dem allzu hübschen Midshipman vorbehaltlos einverstanden. Die Bitte eines Commanders kam, so höflich formuliert sie auch sein mochte, für jeden Raumkadetten einem Befehl direkt von Gott gleich.

»Sehr schön.« Lewis streckte die Hand aus, als wollte sie das Com abschalten, dann hielt sie inne. »Verzeihen Sie, Mr d’Arezzo«, sagte sie. »Ich hatte einen Augenblick lang vergessen, dass Sie sich gerade erst an Bord der Hexapuma gemeldet haben. Soll ich Ihnen einen Führer schicken, bis Sie sich ein wenig zurechtgefunden haben?«

»Nein, danke, Ma’am«, lehnte d’Arezzo höflich ab. »Wir finden den Weg sicher selbst.«

»Sehr schön«, sagte Lewis wieder. »In fünfzehn Minuten erwarte ich Sie auf der Brücke.«

»Aye, aye, Ma’am.«

Diesmal schaltete sie das Com ab, und als d’Arezzo aufsah, bemerkte er, dass die anderen vier Middys ihn regelrecht mit Blicken erdolchten. Der Anflug eines Lächelns ließ seine festen Lippen zucken, und er hob die Schultern.

»Was ist?«, fragte er.

»Ich hoffe, du weißt, was wir tun«, erwiderte Ragnhild trocken. »Denn ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie wir von hier aus zur Brücke kommen.«

»Ach, ich bin zuversichtlich, dass wir es ohne Hilfe schaffen würden, wenn wir müssten«, erwiderte er. »Aber …«

Er schob seinen Buchleser in die Mitte des Tisches, und Ragnhild beugte sich darüber. Plötzlich lachte sie auf und drehte das Gerät, sodass die anderen es sehen konnten. Es war ein Deckplan der Hexapuma, und Helen spürte, wie sich ihr Mund zu einem Grinsen verzog, das sie lieber unterdrückt hätte. Ihr gefiel die Art, wie sich d’Arezzo in seinem Leser verkrochen und alle anderen ignoriert hatte, noch immer nicht besonders, doch wenigstens hatte er sich mit etwas Sinnvollerem so intensiv beschäftigt als mit dem Roman, von dem sie angenommen hatte, dass er ihn las.

»Wie Sie wissen«, sagte Commander Ginger Lewis, die sehr gerade auf dem Stuhl am Kopf des Konferenztisches saß; sie befanden sich in dem Besprechungsraum des Kommandanten gleich neben der Brücke, »ist es Tradition, dass Midshipmen und Midshipwomen auf Abschlussfahrt offiziell an Bord ihres Schiffes begrüßt werden. Normalerweise fällt diese Aufgabe entweder dem Ersten Offizier oder dem Zwoten Taktischen Offizier zu, weil sie diejenige ist, die während des Einsatzes als Ausbildungsoffizier der Offiziersanwärter fungiert. Leider wird unser Eins-O, Commander FitzGerald, im Moment von den Werftheinis in Anspruch genommen, und unser Zwo-TO hat sich noch nicht zum Dienst gemeldet. Deshalb, Ladys und Gentlemen, müssen Sie mit mir vorliebnehmen.«

Ihr Lächeln war zugleich schelmisch, mitfühlend und kühl gebieterisch, eine eigentümliche Mischung.

»Ich bin dabei in mancher Hinsicht im Nachteil«, fuhr sie fort, »denn ich habe nie die Akademie besucht. Ich erhielt mein Patent im Felde und habe die Offiziersschule an Bord von Vulkan absolviert. Infolgedessen habe ich auch nie eine Kadettenfahrt gemacht, und daher fehlt dieser Übergangsritus in meinem persönlichen Erfahrungsschatz.«

Helen rührte zwar keinen Muskel, ertappte sich aber, wie sie Lewis umso eingehender musterte. Selbst in einer Prolong-Gesellschaft wirkte der Commander jung für ihren Rang. Nun, da Helen darauf achtete, bemerkte sie die Ordensbänder an der weltraumschwarzen Uniform der LI und war beeindruckt. Ganz oben befand sich das Ostermankreuz. Es rangierte nur eine Stufe unter dem Manticorekreuz und wurde wie dieses nur für Tapferkeit verliehen. Im Gegensatz zum Manticorekreuz erhielten es jedoch nur Mannschaften und Unteroffiziere. Die Conspicuous Gallantry Medal leistete dem Ostermankreuz Gesellschaft, und zudem sah man den roten Ärmelstreifen, ...

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