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HONOR HARRINGTON: Auf verlorenem Posten

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Personen der Handlung
  6. Widmung
  7. PROLOG
  8. 1
  9. 2
  10. 3
  11. 4
  12. 5
  13. 6
  14. 7
  15. 8
  16. 9
  17. 10
  18. 11
  19. 12
  20. 13
  21. 14
  22. 15
  23. 16
  24. 17
  25. 18
  26. 19
  27. 20
  28. 21
  29. 22
  30. 23
  31. 24
  32. 25
  33. 26
  34. 27
  35. 28
  36. 29
  37. 30
  38. 31
  39. 32
  40. ANHANG
  41. Fußnoten

Über den Autor

David Weber ist ein Phänomen: Ungeheuer produktiv (er hat zahlreiche Fantasy- und Science-Fiction-Romane geschrieben), erlangte er Popularität mit der HONOR-HARRINGTON-Reihe, die inzwischen nicht nur in den USA zu den bestverkauften SF-Serien zählt. David Weber wird gerne mit C. S. Forester verglichen, aber auch mit Autoren wie Heinlein und Asimov. Er lebt heute mit seiner Familie in South Carolina.

Personen der Handlung

Royal Manticoran Navy (RMN)
und Marinecorps (RMMC)

Lord Hamish Alexander, Admiral der Grünen Flagge, RMN – Anführer der Traditionalistischen Schule der Taktik; Sohn des Earls von White Haven

Ariella Blanding, Lieutenant, RMN – Versorgungsoffizier des Leichten Kreuzers HMS Fearless

Chief Petty Officer Braun, RMN – Quartermeister auf der Fearless

Mercedes Brigham, Lieutenant, – RMN Segelmeisterin der Fearless

Rafael Cardones, Lieutenant Junior Grade, RMN – Stellvertretender Taktischer Offizier der Fearless

Sir Lucien Cortez, Admiral, RMN – Fünfter Raumlord der Royal Manticoran Navy, Chef von – BuPers

Raoul Courvosier, Admiral der Grünen Flagge, RMN – Honor Harringtons ehemaliger Taktiklehrer und Leiter des Taktiklehrgangs für Fortgeschrittene (TLF)

Lady Lucy Danvers, Admiral, RMN – Dritter Raumlord und Chefin von BuShips

Sebastian D’Orville, Admiral der Grünen Flagge, RMN – Kommandeur der Aggressoren im Flottenmanöver

Angela Earnhardt, Technikerin, RMN – Mitglied der Energiebande auf der Fearless

Captain Grimaldi, RMN – Admiral Hemphills Stabschef

Horace Harkness, Petty Officer, RMN – kundiges Mitglied des Zollkommandos von Ensign Tremaine

Honor Harrington, Commander, RMN – auf sie wartet ein neues Kommando

Lady Sonja ›Horrible‹ Hemphill, Admiral der Roten Flagge, RMN – Anführerin der jeune école in der RMN und Kommandeurin der Verteidiger im Flottenmanöver

Sharon Hillyard, Corporal, RMMC – Gruppenführer in Sergeant O’Brians Trupp

Sergeant-Major ›Gunny‹ Jenkins, RMMC – Spieß der Marineinfanteriekompanie der Fearless

Liam Kilgore, Lieutenant, RMMC – Zugführer des Dritten Zuges der Marineinfanteriekompanie der Fearless

Chief Petty Officer Kilian, RMN – Rudergänger auf der Fearless

Ruth Kleinmueller, Steuermann Dritter Klasse, RMN – Pilotin von Scotty Tremaines Pinasse

William Levine, Corporal, RMMC – Gruppenführer in Sergeant O’Brians Trupp

George Lewis, Captain, RMN – Stabschef von Admiral D’Orville

Sally MacBride, Senior Chief Boatswain’s Mate, RMN – Bosun (dienstältester Bootsmann) der Fearless

James MacGuiness, Steward Erster Klasse, RMN – Steward des Kommandanten auf der Fearless

Allen Manning, Lieutenant, RMN – Ingenieursoffizier auf der Fearless

Alistair McKeon, Lieutenant Commander, RMN – Erster Offizier (I. O.) der Fearless

Fritz Montaya, Surgeon Lieutenant, RMN – Assistenzarzt der Fearless

Nimitz – empathische Baumkatze vom Planeten Sphinx und Honor Harringtons Gefährte

Tadeuz O’Brian, Sergeant, RMMC – Truppführer im Dritten Zug

Lieutenant J. G. Panowski, RMN – Stellvertretender Astrogator der Fearless

Nikos Papadapolous, Captain, RMMC – Chef der Marineinfanteriekompanie der Fearless

Elektroniker Zweiter Klasse Porter, RMN – Techniker auf der Fearless, Mitglied des Reparaturteams

Sergeant Regiano, RMMC – Zugfeldwebel des Vierten Zuges

Ilona Rierson, Lieutenant, RMN – Ingenieursoffizier auf der Fearless

Dominica Santos, Lieutenant Commander, RMN – LI (Leitende Ingenieurin) der Fearless

Private Stimson, RMMC – Plasmagewehrschütze in Corporal Hillyards Gruppe

Maxwell Artois Stromboli, Lieutenant, RMN – Astrogator der Fearless

Lois Suchon, Surgeon Commander, RMN – Schiffsärztin der Fearless

Paul Tankersley, Commander, RMN – I. O. der Warlock

›Scotty‹ Tremaine, Ensign, RMN – Kontrolloffizier des Beiboothangars der Fearless

Ellen Turner, Private, RMMC – Marineinfanterist in Corporal Levines Gruppe

Andreas Venizelos, Lieutenant, RMN – Taktischer Offizier der Fearless

Sir Craig Warner, Vizeadmiral der Roten Flagge, RMN – Befehlshaber Ihrer Majestät Raumstation Hephaistos

Sir James Bowie Webster, Fleet Admiral, RMN – Erster Raumlord des Sternenkönigreichs von Manticore, Großonkel von Lieutenant Samuel Houston Webster

Samuel Houston Webster, Lieutenant, RMN – Signaloffizier der Fearless, Großneffe von Fleet Admiral Sir James Bowie Webster

Hiro Yammata, Ortungstechniker Erster Klasse, RMN – Bordmechaniker von Scotty Tremaines Pinasse

Andrew Yerensky, Commodore, RMN – Mitglied der Kommission für Waffenentwicklung in BuShips

Lord Pavel Young, Captain of the List, RMN – Kommandant der Warlock und Befehlshaber des Basilisk-Stützpunkts

Medusa und Basilisk-System

Stuart Arless – Commander im Manticoranischen Astro-Lotsendienst (ALD) und Captain Reynauds Stellvertreter

Sergeant Danforth – ehemaliger Marineinfanterist und Angehöriger der Medusianischen Native Protection Agency (NPA)

George Fremont – Dame Estelles Stellvertreter

Gheerinatu – Häuptling eines medusianischen Nomadenclans, der zur Clanförderation der Hyniarch gehört

Sergeant Habayashi – NPA, Ortungstechniker von Malcolms Gleiter

Matt Howard – NPA, erstes Opfer des Mekohaaufstands

Barney Isvarian – Major der NPA, ehemaliger Sergeant des Royal Manticoran Marinecorps

Lieutenant Frances Malcolm – Kommandantin eines NPA-Gleiters

Dame Estelle Matsuko – Ritter des Ordens von König Roger und Residierende Kommissarin für Planetare Angelegenheiten auf dem Planeten Medusa im Namen Ihrer Majestät Elisabeth III., Königin von Manticore und Verteidigerin des Reiches

Michel Reynaud – Captain im ALD und Kommandant von Basilisk Control

Private Chris Rogers – NPA, Signalgast von Scotty Tremaines Pinasse

Denver Summervale – ein ehemaliger Marineinfanterist

Corporal Truman – Bordschütze von Lieutenant Malcolms Gleiter

Manticore

Der Ehrenwerte William MacLeish Alexander – Lordschatzkanzler des Sternenkönigreichs von Manticore

Allen Summervale, Herzog von Cromarty – Premierminister des Sternenkönigreichs von Manticore

Ihre Majestät Elisabeth III. – Königin von Manticore und Verteidigerin des Reiches

Klaus Hauptmann – Besitzer des Hauptmann-Kartells

Gräfin Marisa von New Kiev – Ministerin für Medusianische Angelegenheiten, Matsukos Vorgesetzte und Vorsitzende der Manticoranischen Freiheitspartei

Volksrepublik Haven (VRH)

Ronald Bergren – Außenminister der VRH

Wallace Canning – Konsul der VRH auf dem Planeten Medusa

Captain Johan Coglin – Kapitän des Frachters Sirius

Elaine Dumarest – Kriegsministerin der VRH

Minister Frankel – Wirtschaftsminister der VRH

Sidney Harris – Erbpräsident der VRH

Lieutenant Commander Jamal – Taktischer Offizier der Sirius

Captain Merker – Kapitän eines havenitischen Frachters

Der Konteradmiral – Leiter einer unbenannten Abteilung des havenitischen Flottennachrichtendienstes (FND), verantwortlich für das Unternehmen Odysseus

Admiral Arnos Parnell – Chef des Admiralstabs der Volksflotte von Haven (VFH)

Colonal Bryan Westerfeldt – Leiter der Feldoperationen des havenitischen Geheimdienstes im Rahmen des Unternehmens Odysseus

Widmung

Für C. S. Forester
als Dank für Stunden voller Vergnügen,
Jahre der Inspiration
und ein lebenslanges Vorbild

PROLOG

Das Ticken der antiken Uhr füllte den Konferenzraum und erschien fast ohrenbetäubend laut. Der Erbpräsident der Volksrepublik Haven starrte die Mitglieder seines Militärkabinetts an.

Der Wirtschaftsminister wich dem Blick des Regierungschefs voller Unbehagen aus, die Kriegsministerin und ihre uniformierten Untergebenen aber wirkten beinahe aufsässig.

»Meinen Sie das etwa ernst?«, verlangte Präsident Harris zu wissen.

»Ich fürchte, ja«, antwortete Minister Frankel unfroh. Er scharrte zwischen seinen Memochips herum und überwand sich schließlich dazu, dem Präsidenten in die Augen zu sehen. »Die letzten drei Quartale bestätigen die Hochrechnung, Sid.« Er warf seiner militärischen Ministerkollegin einen sauren Seitenblick zu. »Es liegt am Flottenetat. Wir können einfach nicht derart viele Schiffe bauen, ohne …«

»Wenn wir nicht so viele davon bauen«, unterbrach Elaine Dumarest ihn scharf, »dann landen wir auf dem Bauch. Wir reiten einen Neotiger, Mr. President. Auf wenigstens einem Drittel der besetzten Planeten gibt es hirnamputierte ›Befreiungsbewegungen‹, und als ob das nicht genug wäre: Sämtliche angrenzenden Systeme bewaffnen sich bis an die Zähne. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis jemand sich auf uns stürzt.«

»Ich glaube, Sie überreagieren, Elaine«, warf Ronald Bergren ein. Der Außenminister strich sich über den bleistiftdünnen Schnurrbart und bedachte Dumarest dabei mit einem Stirnrunzeln. »Sicherlich rüsten alle auf – ich an ihrer Stelle täte das Gleiche –, aber keiner ist stark genug, um es mit uns aufzunehmen.«

»Vielleicht im Moment noch nicht«, erwiderte Admiral Parnell düster, »doch wenn unsere Kräfte woanders gebunden sind oder eine Revolte großen Maßstabs ausbricht, dann erliegen einige unserer Nachbarn möglicherweise der Versuchung, einen kleinen Schaufenstereinbruch zu begehen. Darum benötigen wir mehr Schiffe. Und mit allem schuldigen Respekt gegenüber Mr. Frankel«, sagte der Chef des Admiralstabes, ohne dabei sonderlich respektvoll zu klingen, »es ist schließlich nicht der Flottenhaushalt, der die Bank sprengt, sondern die Anhebungen des Lebenshaltungszuschusses. Wir müssen den Dolisten klarmachen, dass jeder Futternapf auch mal leer wird. Bis wir wieder Boden unter den Füßen haben, müssen wir sie davon abhalten, unser Geld ins Klo zu spülen. Wenn wir diese nichtsnutzigen Drohnen loswerden, und sei es nur für ein paar Jahre …«

»Na, das ist ja eine wundervolle Idee!«, fauchte Frankel. »Die LHZ-Anhebungen sind das Einzige, was den Mob im Zaum hält! Die Leute haben die Kriege unterstützt, um ihren Lebensstandard zu sichern, und wenn wir nicht …«

»Das reicht!« Präsident Harris knallte die flache Hand auf den Tisch und starrte seine Minister in der darauf folgenden, erschrockenen Stille feindselig an. Er ließ die Stille noch einen Augenblick im Raum stehen, dann lehnte er sich zurück und seufzte. »Es führt zu nichts, wenn wir uns gegenseitig anschreien und mit den Fingern aufeinander zeigen«, sagte er milde. »Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Entgegen unseren Hoffnungen hat der Du-Quesene-Plan sich nicht als die Antwort auf alle Fragen erwiesen.«

»Da muss ich widersprechen, Mr. President«, entgegnete Dumarest. »Der Grundplan bietet eine solide Basis, und außerdem ist es nicht so, dass uns noch eine andere Wahl bliebe. Wir haben es versäumt, für die notwendigen Ausgaben ausreichende Mittel bereitzustellen.«

»Und die Steuern zu ihrer Erhebung«, fügte Frankel mürrisch hinzu. »Wir können nur so und so viel aus den planetaren Ökonomien herauspressen, und ohne weitere Einkommensquellen können wir nicht gleichzeitig mit den LHZ-Zahlungen fortfahren und ein Militär finanzieren, das stark genug ist, damit wir auch behalten, was wir schon haben.«

»Wie viel Zeit bleibt uns?«, fragte Harris.

»Mit Bestimmtheit lässt sich das nicht sagen. Übertünchen kann ich die Risse noch für eine Weile, vielleicht sogar den Anschein von Überfluss wahren, aber nur, wenn ich Peter beraube, um Paul zu bezahlen. Doch ehe die Ausgabekurven rapide fallen oder wir eine bedeutende neue Steuerquelle finden, leben wir auf Pump, und es wird alles nur noch schlimmer.« Er verzog den Mund zu einem humorlosen Grinsen. »Zu schade, dass die meisten Systeme, die wir hinzugewonnen haben, in keiner besseren wirtschaftlichen Verfassung waren als wir selbst.«

»Und Sie sind sicher, dass wir die Ausgaben für die Flotte nicht ein wenig zusammenstreichen können, Elaine?«

»Nicht ohne ernsthafte Risiken einzugehen, Mr. President. Admiral Parnell hat vollkommen recht mit seiner Einschätzung, wie unsere Nachbarn auf ein Zeichen von Schwäche unsererseits reagieren würden.« Nun war es an ihr, grimmig zu lächeln. »Ich nehme an, wir haben es ihnen oft genug vorgemacht.«

»Vielleicht«, sagte Parnell, »aber es gibt eine Antwort darauf.« Alle Augen richteten sich auf Parnell, und er zuckte die Schultern. »Wir müssen sie jetzt fertigmachen. Wenn wir die verbleibenden militärischen Mächte an unseren Grenzen ausschalten, können wir selbst uns vielleicht auf eine etwas friedlichere Linie zurückziehen.«

»Mein Gott, Admiral!«, schnaubte Bergren. »Zuerst erzählen Sie uns, wir könnten nicht behalten, was wir haben, ohne uns in den Ruin zu rüsten, und nun wollen Sie zusätzlich ein paar neue Kriege vom Zaun brechen? Ich werde nie dahinterkommen, wie der militärische Verstand funktioniert …«

»Halten Sie mal für einen Augenblick die Luft an, Ron«, brummte Harris. Er wandte den Kopf abrupt dem Admiral zu. »Können wir das durchziehen, Amos?«

»Ich denke schon«, antwortete Parnell, nun etwas vorsichtiger. »Das Schwierige daran wäre das Timing.« Er berührte einen Knopf, woraufhin über dem Tisch eine holografische Karte zum Leben erwachte.

Die geschwollene Kugel der Volksrepublik füllte den nordöstlichen Quadranten aus. Parnell wies auf eine Reihe bernsteinfarbener und roter Sonnensysteme südlich und westlich davon. »Außer dem Anderman-Reich befinden sich keine Multisystem-Mächte in der Nähe«, erläuterte er. »Die meisten Einzelsystem-Regierungen sind kleine Fische; wir könnten jede einzelne davon mit einem einzigen Kampfverband ausschalten – trotz ihrer Rüstungsprogramme. Was sie gefährlich macht, ist die – wahrscheinliche – Möglichkeit, dass sie sich zu einer Koalition organisieren, wenn wir ihnen die Zeit dazu lassen.«

Harris nickte nachdenklich. Dann streckte er den Arm aus und berührte eine der Lichtperlen, die in einem warnenden Blutrot glühten. »Was ist mit Manticore?«, wollte er wissen.

»Manticore ist der Joker«, gestand Parnell. »Groß genug, um sich uns in den Weg zu stellen – wenn es den Mumm dazu aufbringt.«

»Warum lassen wir es dann nicht in Ruhe oder heben es uns zumindest bis zum Schluss auf?«, fragte Bergren. »Manticores politische Parteien und Fraktionen sind furchtbar zerstritten über die Frage, was sie unseretwegen unternehmen sollen – sollten wir uns da nicht zunächst um die anderen kleinen Fische kümmern?«

»Uns ginge es schlechter als vorher, wenn wir das täten«, wandte Frankel ein. Auch er drückte auf einen Knopf, und zwei Drittel der bernsteinfarbenen Lichter auf Parnells Sternenkarte wurden kränklich-graugrün. »Jedes dieser Systeme liegt ökonomisch genauso am Boden wie wir«, stellte er klar. »Es würde uns tatsächlich Geld kosten, sie zu erobern, und bei den übrigen würden wir gerade so Plus Minus Null herauskommen. Die Systeme, die wir haben müssen, liegen weiter südlich – in Richtung des Erewhon-Knotens oder der Silesianischen Konföderation im Westen.«

»Warum holen wir sie uns dann nicht?«, fragte Harris.

»Weil Erewhon Mitglied der Liga ist, Mr. President«, antwortete Dumarest, »und weil die Liga glauben könnte, wir wollten ihr das Territorium streitig machen, wenn wir nach Süden vordringen. Das könnte sich als … äh, schlechte Idee erweisen.« Ringsum Kopfnicken. Die Solare Liga besaß die reichste, mächtigste Wirtschaft in der erforschten Galaxis, doch ihre Außen- und Militärpolitik war das Ergebnis so zahlreicher Kompromisse, dass sie im Grunde nicht existierte. Niemand im Raum wollte den schlafenden Riesen so sehr erzürnen, dass er eine ernstzunehmende Politik entwickelte.

»Also können wir schon mal nicht nach Süden«, fuhr Dumarest fort. »Wenn wir nach Westen gehen, bringt uns das wieder zurück zu Manticore.«

»Warum?«, fragte Frankel. »Wir könnten Silesia ausschalten, ohne uns Manticore weiter als bis auf einhundert Lichtjahre zu nähern – wir könnten einfach über den Manticoranern durchziehen und sie in Ruhe lassen.«

»Ach ja?«, entgegnete Parnell herablassend. »Und was, bitte schön, ist mit dem Wurmlochknoten von Manticore? Der Terminus im Basilisk-System läge mitten auf unserem Weg. Wir müssten das System schon wegen der Deckung unserer Flanke nehmen. Wenn wir es bleiben ließen, würde die manticoranische Navy trotzdem schnell begreifen, was Manticore bevorsteht, sobald wir erst um ihre Nordgrenze herum expandieren. Manticore hätte keine andere Wahl, als uns zu stoppen.«

»Wir könnten uns nicht mit Manticore einigen?«, wandte Frankel sich an Bergren, und der Außenminister bedachte ihn mit einem Achselzucken.

»Die Manticoranische Freiheitspartei könnte, was Außenpolitik angeht, den eigenen Hintern mit beiden Händen nicht finden. Die Progressiven würden sich wahrscheinlich auf einen Handel einlassen, aber sie haben nichts zu sagen. Das besorgen die Zentralisten und die Kronloyalisten, und die hassen uns wie die Pest, Elisabeth III. hasst uns noch mehr. Selbst wenn die Freiheitler und die Progressiven die Regierung überstimmen könnten, würde die Krone niemals mit uns verhandeln.«

»Hm.« Frankel zupfte an seiner Lippe, dann seufzte er. »Das ist schlimm, denn wir haben ein weiteres Problem. Unsere Außenhandelsbilanz ist schlecht genug, aber drei Viertel unseres Außenhandels laufen über den Manticoranischen Knoten. Wenn Manticore den Knoten für uns schließt, dann erhöht das die Verschiffungszeiten um Monate – von den Kosten ganz zu schweigen.«

»Das müssen Sie gerade mir sagen!«, rief Parnell. »Durch den Terminus von Trevors Stern schenkt dieser verdammte Knoten ihrer Navy eine Ausfallstraße direkt ins Herz der Republik!«

»Aber wenn wir Manticore besiegen, dann gehört der Knoten uns«, sagte Dumarest leise. »Überlegen Sie, wie das unsere Wirtschaft ankurbeln würde.«

Frankel blickte hoch. In seinen Augen glomm Habsucht auf. Der Knoten gab dem Königreich von Manticore ein Bruttosystemprodukt von siebenundachtzig Prozent des Solsystems. Harris bemerkte den Gesichtsausdruck des Wirtschaftsministers und warf dem Mann ein kurzes, hässliches Grinsen zu.

»Also gut, fassen wir zusammen. Wir stecken in der Tinte und sind uns darüber auch im Klaren. Wir müssen weiterhin expandieren. Manticore ist uns im Weg. Wenn wir Manticore ausschalten, päppelt das unsere Wirtschaft deutlich auf. Die Frage ist, wie gehen wir die Sache an?«

»Egal, was wir mit Manticore tun«, sagte Parnell nachdenklich, »wir müssen uns um die Problempunkte im Südwesten kümmern.« Er wies auf die Sonnensysteme, die Frankel graugrün gefärbt hatte. »Es wäre eine lohnende Vorbereitung auf die Auseinandersetzung mit Manticore. Aber es wäre wesentlich klüger, wenn wir zuerst Manticore ausschalten und uns danach den kleinen Fischen zuwenden.«

»Einverstanden«, nickte Harris. »Vorschläge, wie wir das angehen könnten?«, fragte er noch einmal.

»Lassen Sie mich das mit meinem Stab besprechen, Mr. President. Ich bin mir noch nicht hundertprozentig sicher. Der Knoten könnte sich als zweischneidiges Schwert erweisen, wenn wir es nicht richtig angehen …« Die Stimme des Admirals war immer leiser geworden. Er riss sich zusammen. »Lassen Sie mich das mit meinem Stab besprechen«, wiederholte er, »und besonders mit dem

Flottennachrichtendienst. Ich habe eine Idee, aber sie muss noch ausgearbeitet werden.« Er legte den Kopf in den Nacken. »Zu welchem Ergebnis wir auch immer kommen, ich kann Ihnen vermutlich in einem Monat einen Vorschlag liefern. Wäre das annehmbar?«

»Vollkommen, Admiral«, antwortete Harris und vertagte die Sitzung.

1

Der flauschige Pelzball in Honor Harringtons Schoß regte sich und streckte einen runden Kopf mit spitzen Ohren vor, als das beständige Wummern der Schubdüsen des Shuttles erstarb. Ein zierlicher Mund gähnte und ließ nadelspitze Zähne erkennen, dann drehte die Baumkatze den Kopf, um Honor mit großen, grasgrünen Augen anzusehen.

»Bliek?«, fragte die Katze, und Honor lachte leise.

»Selber ›bliek‹«, antwortete Honor und kitzelte die Baumkatze am Rand des Näschens. Die grünen Augen schlossen sich, dann streckte die Baumkatze vier ihrer sechs Gliedmaßen aus, um Honors Handgelenk mit samtweichen Pfoten zu umfassen. Honor lachte wieder und zog die Hand zurück, um ein freundschaftliches Gerangel einzuleiten. Die Baumkatze entrollte sich zur vollen Länge von fünfundsechzig Zentimetern (den Schwanz nicht eingerechnet) und vergrub die Echtpfoten unterhalb von Honors Brustkorb. Dabei gab sie ein tiefes, summendes Schnurren von sich. Der Griff der Handpfoten wurde stärker, doch die mörderischen Krallen – jede einzelne ein voller Zentimeter gekrümmten, rasiermesserscharfen Elfenbeins – blieben eingezogen. Honor war einmal Augenzeugin geworden, wie die Krallen einer anderen Baumkatze das Gesicht eines Menschen zerschlitzt hatten, der töricht genug gewesen war, den Gefährten dieser Baumkatze zu bedrohen, doch sie sorgte sich nicht. Außer zur Selbstverteidigung (oder zu Honors Schutz) würde Nimitz ein menschliches Wesen ebenso wenig verletzen, wie Baumkatzen jemals zum Vegetarier konvertierten.

Honor löste die Hand aus Nimitz’ Griff und setzte sich das lange, geschmeidige Geschöpf auf die Schulter, ein Zug, den es mit noch begeistertem Schnurren vergalt. Nimitz war, was die Raumfahrt betraf, ein alter Hase und wusste, dass an Bord kleiner Raumschiffe unter Antrieb der Zutritt zu Schultern verboten war, doch er wusste auch, dass Baumkatzen auf die Schultern ihrer Gefährten gehörten. Dort hatten sie gelegen, seit vor fünfhundert Jahren die erste ’Katz einen Menschen adoptiert hatte, und Nimitz war Traditionalist.

Die flache, pelzige Schnauze legte sich auf Honors Scheitel, nachdem Nimitz die vier unteren Krallensätze in die eigens dafür gepolsterten Schultern der Uniformjacke gesenkt hatte. Trotz seines langen, schlanken Körpers wog er ganz ordentlich – selbst unter der einfachen Schwerkraft, die im Shuttle herrschte, fast neun Kilo. Doch Honor war daran gewöhnt, und Nimitz hatte gelernt, seinen Schwerpunkt nicht auf den Rand ihrer Schulter zu legen. Nun klammerte er sich mühelos an sie, während sie den Aktenkoffer vom freien Sitz neben ihr hob. Honor war unter den Passagieren des zur Hälfte besetzten Shuttles die Dienstälteste, weshalb sie den Platz gleich neben der Luke erhalten hatte. Diese Tradition war ebenso praktisch wie höflich, da der dienstälteste Offizier ein Shuttle stets als Letzter betrat und als Erster wieder verließ.

Das Shuttle erzitterte leicht, als seine Traktorstrahlen es an den siebzig Kilometer durchmessenden Koloss ketteten, an Ihrer Majestät Raumstation Hephaistos, die Hauptwerft der Royal Manticoran Navy. Nimitz seufzte vor Erleichterung in Honors kurzgeschnittenen, lockeren, dunkelbraunen Haarschopf. Honor unterdrückte ein Grinsen, erhob sich aus dem Schalensitz und zog die Uniformjacke straff. Der Schultersaum war unter Nimitz’ Gewicht abgesackt, und Honor brauchte einen Augenblick, um das rote und goldene Schulterabzeichen, das sie als Navyangehörige auswies und eine brüllende, löwenköpfige, fledermausflüglige Mantichora mit drohend erhobenem, stachelbewehrtem Schwanz zeigte, wieder an die Stelle zu rücken, wo es hingehörte. Anschließend zog sie das Barett unter der linken Schulterklappe hervor. Es war das besondere Barett, das weiße, das sie gekauft hatte, als man ihr die Hawkwing gab. Sie schob Nimitz’ Schnauze sanft zur Seite und setzte es auf. Der Baumkater ließ es sich gefallen, bis Honor die Kopfbedeckung gerade zurechtgerückt hatte, dann legte er das Kinn auf den weichen, warmen Stoff. Als Honor sich der Luke zuwandte, verzog sich ihr Gesicht unwillkürlich zu einem breiten Grinsen.

Dieses Grinsen stellte eine schwerwiegende Verletzung ihres normalerweise ernsten ›geschäftsmäßigen Gesichtsausdrucks‹ dar, doch heute besaß sie jedes Recht dazu. Tatsächlich kam sie sich sehr beherrscht vor, weil sie sich lediglich zu einem Grinsen hinreißen ließ, wo sie am liebsten Pirouetten gedreht und dabei die Arme um sich geworfen hätte, um den ohne Zweifel erstaunten Mitpassagieren ihr grenzenloses Glück zu offenbaren. Doch Honor war beinahe vierundzwanzig Jahre alt – über vierzig terranische Standardjahre –, und für einen Commander der Royal Manticoran Navy hätte sich ein derart würdeloses Benehmen einfach nicht geschickt, selbst wenn sie gerade im Begriff stand, das Kommando über ihren ersten Kreuzer zu übernehmen.

Honor unterdrückte ein weiteres Auflachen, sonnte sich in dem ungewohnten Gefühl vollkommenen Glücks und legte eine Hand auf die Uniformbrust. Der gefaltete Bogen archaischen Papiers in der Tasche knisterte unter der Berührung – ein seltsam sinnliches, erregendes Geräusch –, und Honor schloss die Augen, um es zu genießen. Sie kostete den Moment aus, auf den sie so lange und so hart hingearbeitet hatte.

Fünfzehn Jahre – fünfundzwanzig T-Jahre – seit jenem ersten aufregenden, furchteinflößenden Tag auf Saganami-Island. Zweieinhalb Jahre Lehrgänge und Stress bis zum Abschluss der Akademie. Vier Jahre, um ohne Protektion oder Verbindungen zum Königshof vom Ensign zum Leutnant aufzusteigen. Elf Monate als Segelmeisterin an Bord der Fregatte Osprey. Dann das erste Kommando, ein kümmerliches, kleines systemgebundenes Leichtes Angriffsboot. Es hatte gerade zehntausend Tonnen gemaßt und nur eine Rumpfnummer besessen, nicht einmal die Würde eines Eigennamens – aber wie hatte Honor dieses kleine Schiff geliebt! Dann diente sie als I. O., danach machte sie einen Abstecher als Taktischer Offizier auf einen Superdreadnought. Und schließlich, nach elf mühseligen Jahren, endlich der Lehrgang für Kommandierende Offiziere. Sie hatte gedacht, sie wäre gestorben und in den Himmel gekommen, als man ihr die Hawkwing anvertraute, denn der etwas in die Jahre gekommene Zerstörer war ihr erstes hyperraumtüchtiges Kommando gewesen. Die dreiunddreißig Monate, die sie als Kommandantin dort zugebracht hatte, waren das reinste, ungetrübte Glück gewesen und wurden mit dem begehrten ›E‹-Preis für Taktik beim letztjährigen Flottenmanöver gekrönt. Doch dies …!

Unter Honors Füßen erzitterte das Deck. Das Licht über der Luke blinkte bernsteinfarben, als das Shuttle an die Andockschleuse Hephaistos’ koppelte, und wechselte zu einem beständigen Grün, nachdem der Druck in der Zugangsröhre ausgeglichen worden war. Die Luke glitt beiseite, und Honor durchschritt eilig die Öffnung.

Der Werfttechniker, der die Luke am anderen Ende des Rohrs bediente, erkannte das weiße Barett der Sternenschiffkommandanten und auf den weltraumschwarzen Ärmeln die drei goldenen Streifen eines Commanders. Er nahm Haltung an; allerdings schmälerte das leichte Zögern bei Nimitz’ Anblick geringfügig die Mustergültigkeit seiner Reaktion. Der Techniker lief rot an und wandte die Augen ab, doch diese Verhaltensweise war Honor gewohnt. Die Baumkatzen ihrer Heimatwelt Sphinx waren recht wählerisch, wenn es darum ging, einen Menschen zu adoptieren. Außerhalb von Sphinx bekam man nur selten eine ’Katz zu Gesicht, doch Baumkatzen ließen sich auch dann nicht von ihren Menschen trennen, wenn diese sich zu einer Raumfahrerkarriere entschlossen. Die Lords der Admiralität hatten in dieser Sache schon vor fast einhundertfünfzig manticoranischen Jahren nachgeben müssen. Baumkatzen rangierten auf der Intelligenzskala bei 0,83; das war etwas höher als die Gremlins von Beowulf oder die Delphine von Alterde; und sie waren Empathen. Bis heute war im Wesentlichen ungeklärt, wie ihre Empathie funktionierte. Sicher war nur, dass es ihnen extreme Schmerzen bereitete, von ihrem erwählten Gefährten getrennt zu sein. Schon früh hatte sich herausgestellt, dass Menschen, die von einer ’Katz adoptiert wurden, messbar stabiler und belastbarer waren als andere. Außerdem war Kronprinzessin Adrienne während eines Staatsbesuches auf Sphinx von einer Baumkatze adoptiert worden. Zwölf Jahre später hatte sie als Königin Adrienne von Manticore ihrem Missfallen darüber Ausdruck verliehen, dass in ihrer Navy Anstrengungen unternommen wurden, Offiziere von deren Gefährten zu trennen. Schließlich sah sich die Admiralität gezwungen, eine besondere Ausnahme vom ansonsten drakonisch gehandhabten Haustierverbot zu erlassen.

Honor war dankbar dafür, doch als sie damals der Akademie beitrat, hatte sie befürchtet, nicht mehr genug Zeit für Nimitz erübrigen zu können. Ihr war von vornherein klar gewesen, dass jene fünfundvierzig endlosen Monate auf Saganami Island darauf ausgelegt waren, auch einem Kadetten ohne ’Katz mehr aufzuerlegen, als in der zur Verfügung stehenden Zeit erledigt werden konnte. Doch wenn die Ausbilder an der Akademie auch die Zähne zusammenbissen und grummelten, dass da eine Bürgerliche mit einer jener seltenen Baumkatzen aufkreuzte, erkannten und berücksichtigten sie doch unumgängliche Umstände. Außerdem behielt auch die domestizierteste ’Katz die Unabhängigkeit (und Unverwüstlichkeit) ihrer wilden Vettern bei. Nimitz hatte sehr wohl begriffen, dass Honor unter Druck stand. Er brauchte nichts weiter als ein paar Streicheleinheiten, gelegentlich einen Ringkampf und die Erlaubnis, auf Honors Schulter oder in ihrem Schoß zu liegen, während sie über den Buchchips brütete, oder zusammengeringelt auf ihrem Kopfkissen zu schlafen, und schon war er glücklich. Nicht, dass er darüber erhaben gewesen wäre, traurig und elendig dreinzuschauen, um auf diese Weise von jedem Unglücklichen, der ihm über den Weg lief, Leckereien und Streicheln zu erpressen. Selbst Chief MacDougal, der Schrecken des Ersten Jahres, war Nimitz unterlegen und hatte ständig einen beträchtlichen Vorrat an Selleriestängeln mit sich herumgeschleppt, welche die ansonsten fleischfressenden Baumkatzen gern naschten, um sie Nimitz zuzuschieben, wenn er sich unbeobachtet glaubte. Worauf er sich dann Ms. Midshipman Harrington zuzuwenden pflegte und Honor als Ausgleich für seine Schwäche bis zum Umfallen schurigelte.

Während Honor ihren Erinnerungen nachhing, war sie durch den Ankunftsschalter in die Halle vorgedrungen, und nun schaute sie sich um, bis sie den Farbstreifen gefunden hatte, der ihr den Weg zu den Personenröhren wies. Um Gepäck musste sie sich nicht kümmern, denn sie hatte keins. Ihre komplette spärliche Habe war schon am Morgen in Windeseile von den Stewards des Taktiklehrgangs für Fortgeschrittene eingepackt und verschifft worden, ohne dass man ihr die Zeit zugestanden hätte, es selbst zu tun.

Sie runzelte leicht die Stirn bei dem Gedanken daran und rief eine Röhrenkapsel herbei. All diese Eile dabei passte überhaupt nicht zu einer Flotte, der es normalerweise darauf ankam, alles und jedes in Ruhe zu tun. Als sie die Hawkwing bekam, da hatte sie zwei Monate im Voraus davon gewusst; diesmal war sie buchstäblich aus der TLF-Abschlusszeremonie herausgerissen und ohne Vorwarnung in Admiral Courvosiers Büro gehetzt worden.

Eine Kapsel hielt vor ihr; sie stieg, noch immer stirnrunzelnd, ein und rieb sich die Nasenspitze. Nimitz raffte sich auf, hob das Kinn vom Barett und nibbelte an ihrem Ohr mit dem vorwurfsvollen Ziehen, das er sich für die leider allzu regelmäßigen Anlässe aufsparte, zu denen seine Gefährtin sich Sorgen machte. Honor schnappte zärtlich mit den Zähnen nach ihm und griff nach oben, um ihm die Brust zu kraulen, aber Sorgen machte sie sich noch immer, und er seufzte frustriert.

Also warum, fragte sie sich, war sie sich so sicher, dass Courvosier sie absichtlich aus seinem Büro hinauskomplimentiert und eilig zu ihrem neuen Kommando abgeschoben hatte? Der Admiral war ein blasser, engelsgesichtiger kleiner Gnom von einem Mann mit dem Hang, taktische Aufgaben abgrundtiefer Komplexität zu ersinnen. Honor kannte ihn seit Jahren. Er war im Vierten Jahr auf der Akademie ihr Taktiklehrer gewesen. Er hatte ihren angeborenen Instinkt erkannt und zu etwas geformt, das ihrem Willen gehorchte und nicht kam und ging, wie es wollte. Courvosier hatte Stunde um Stunde mit ihr privat verbracht, während andere Lehrer sich um Honors Mathematiknoten die Köpfe zerbrachen, und im wahrsten Sinne des Wortes ihre Karriere gerettet, bevor sie überhaupt begann. Und dennoch war er Honor heute irgendwie – ausgewichen. Sie wusste, dass seine Gratulation und sein zufriedener Stolz auf ihre Leistung von Herzen gekommen waren, doch sie wurde den Eindruck nicht los, dass da noch mehr gewesen war. Vorgeblich war Eile geboten, weil sie so schnell wie möglich nach Hephaistos kommen musste. Sie sollte ihr neues Schiff während der Umrüstung beaufsichtigen, damit es rechtzeitig zum bevorstehenden Flottenmanöver fertig wurde; dennoch war Ihrer Majestät Sternenschiff Fearless nur ein Leichter Kreuzer, sonst nichts. Honor erschien es unwahrscheinlich, dass ihre Abwesenheit das Gleichgewicht eines Manövers, an dem die komplette Homefleet teilnehmen würde, entscheidend beeinflussen sollte!

Nein, da war ohne Zweifel etwas im Busch. Mit Inbrunst wünschte sie, vor dem Abflug des Shuttles genügend Zeit gehabt zu haben, alle Unterlagen vollständig zu sichten. Zumindest bewahrte die Eile Honor davor, sich Sorgen bis über beide Ohren zu machen wie damals, als sie die Hawkwing übernahm. Leutnant Commander McKeon, ihr neuer Eins-O, diente seit fast zwei Jahren auf der Fearless, zuerst als Taktischer Offizier und dann als Erster. Er sollte allein auf sich gestellt in der Lage sein, alle Umbauten in Gang zu setzen und auch in Gang zu halten; eben jene Umbauten, die zu diskutieren Courvosier so seltsam zögerlich vermieden hatte.

Honor zuckte die Schultern und gab ihr Ziel ins Steuerpult der Kapsel ein, dann stellte sie den Aktenkoffer ab und versuchte, sich mit der Lage abzufinden. Die Kapsel schoss durch die Kontragravröhre davon. Trotz der Spitzengeschwindigkeit von über siebenhundert Stundenkilometern würde die Kapselreise mehr als fünfzehn Minuten dauern – wenn Honor Glück hatte und es nicht zu viele Zwischenstopps gab.

Unter ihr erzitterte der Boden. Nur wenige hätten den sanften Stoß gespürt, der dadurch zustande kam, dass die Gravitationsgeneratoren eines Quadranten von Hephaistos die Kapsel an den nächsten weiterreichten, doch Honor gehörte dazu. Vielleicht hatte sie ihn nicht bewusst wahrgenommen, doch dieser kurze Stoß gehörte zu einer Welt, die für sie realer geworden war als der tiefblaue Himmel und die kalten Winde ihrer Kindheit. Er war wie ihr eigener Herzschlag, einer der kleinen, unscheinbaren Stimuli, die ihr unmittelbar und unmissverständlich mitteilten, was um sie herum vorging.

Sie betrachtete das Display der Röhrenkarte, um die Gedanken an um den heißen Brei herumredende Admiräle und andere rätselhafte Dinge abzuschütteln. Sie verfolgte den blinkenden Cursor, der über die Karte huschte. Sie hob die Hand an die Brust, um noch einmal das Knistern ihrer Order zu hören, und hielt inne. Beinahe erstaunt stellte sie fest, dass sie nicht mehr auf die Karte sah, sondern die eigene Reflexion auf der polierten Wand der Kapsel betrachtete.

Das Gesicht, das zurückschaute, hätte anders aussehen, hätte den gewaltigen Wechsel ihres Status widerspiegeln sollen. Es bestand trotzdem noch immer aus scharf voneinander abgegrenzten Flächen und Winkeln, wurde dominiert von einer geraden, patrizischen Nase (ihrer Meinung nach das einzige auch nur entfernt Patrizische an ihr) und zeigte nicht die geringste Spur von Make-up. Honor war (einmal) gesagt worden, ihr Gesicht besitze eine ›strenge Eleganz‹. Ob das stimmte, konnte sie nicht sagen, doch die Vorstellung war besser als das schreckliche: »Meine Güte, sieht sie nicht … äh, gesund aus!« Nicht, dass ›gesund‹ falsch gewesen wäre, so deprimierend es auch klingen mochte. Honor wirkte stramm und fit im Schwarz und Gold der Royal Manticoran Navy. Das verdankte sie der l,35-fachen T-Schwerkraft ihrer Heimatwelt und einem rigoros durchgehaltenen Körperertüchtigungsprogramm – und das, dachte sie kritisch, war auch schon das Beste, was sie von sich behaupten konnte.

Die meisten weiblichen Offiziere der RMN hingen der gegenwärtigen planetaren Mode nach, das Haar lang zu tragen, oft kunstvoll frisiert und arrangiert. Honor hatte schon vor langer Zeit beschlossen, dass es keinen Sinn hatte, etwas aus sich machen zu wollen, das sie nicht war. Ihr Haarschnitt war praktisch und ohne Anspruch auf Eleganz: Kurz geschnitten, damit es in Raumanzughelme passte und unter Null-Ge nicht im Weg war, und wenn die zwei Zentimeter langen Strähnen auch die Neigung zeigten, sich zu kräuseln, dann waren sie zumindest weder blond noch rötlich, nicht einmal schwarz, sondern von einem überaus praktischen und vollkommen unspektakulären Dunkelbraun. Honors Augen waren noch dunkler als ihr Haar, und sie war immer der Meinung gewesen, der Anflug von Mandelform, den sie von ihrer Mutter geerbt hatte, passe nicht in das starkknochige Gesicht, so als wäre er geradezu aus einer Laune heraus im Nachhinein hinzugefügt worden. Die dunklen Augen betonten die Blässe ihres Gesichts, und das Kinn unter dem Mund mit den energischen Lippen war zu stark. Nein, entschied sie einmal mehr und mit dem gewohnten Stich des Bedauerns, es war ein anständiges, brauchbares Gesicht, aber es hatte keinen Sinn zu hoffen, irgendjemand würde es jemals als schön empfinden – zum Teufel damit.

Wieder grinste sie. Sie spürte, wie das tiefempfundene Glücksgefühl die Sorge beiseitedrängte, und ihr Spiegelbild grinste zurück. Es ließ sie aussehen wie ein Straßenkind, das sich an einer versteckten Tüte voller Süßigkeiten ergötzte, deshalb riss sie sich für den Rest der Fahrt zusammen und konzentrierte sich auf die Pflicht einer neuen Kommandantin, gelassen und kühl zu wirken, obwohl ihr das nicht leichtfiel. Es war schon eine Leistung, in ihrem Alter den Rang eines Commanders zu bekleiden, denn ungeachtet der stetigen Zunahme der Flottenstärke angesichts der havenitischen Bedrohung sorgte die Lebensverlängerung für lange Laufbahnen. Die Navy war trotz ihres Anwachsens mit Stabsoffizieren gut ausgestattet. Honor entstammte dem Freisassenstand, sodass ihr hochstehende Verwandte oder Freunde fehlten, die eine Karriere in der Navy hätten beschleunigen können. Sie hatte von Anfang an gewusst und es hingenommen, dass jene mit weniger Kompetenz, aber besseren Verwandten sie überrunden würden. Das war auch geschehen, aber geschafft hatte sie es trotzdem. Das Kommando über einen Kreuzer, der Traum jedes Offiziers, die oder der etwas taugte! Was machte es da schon, dass die Fearless doppelt so alt war wie sie selbst und nur wenig größer als ein moderner Zerstörer? Es war immer noch ein Kreuzer, und Kreuzer waren die Augen und die Ohren der manticoranischen Navy, waren gleichermaßen Geleitschutz und Handelsstörer, waren der Stoff, aus dem unabhängige Kommandos bestanden und Gelegenheiten, sich zu bewähren.

Und Verantwortung. Der Gedanke brachte Honors Grinsen endlich zum Verschwinden, denn während ein unabhängiges Kommando das war, wonach jeder gute Offizier strebte, hatte eine Kommandantin andererseits in der großen schwarzen Leere auch niemanden, an den sie sich wenden konnte. Niemand, der ihr den Ruhm stahl oder einen Teil der Schande auf sich nahm. Dort draußen würde sie allein sein, Gebieterin über das Schicksal ihres Schiffes und direkte, persönliche Repräsentantin der Königin und des Königreiches, und wenn sie das in sie gesetzte Vertrauen enttäuschte, würde keine Macht in der Galaxis sie retten können.

Die Personenkapsel kam zum Stillstand. Honor trat hinaus auf die weitläufige Galerie des Raumdocks und ließ endlich aus hungrigen braunen Augen den Blick über ihr neues Kommando schweifen. Hinter der harten, dicken Scheibe aus Armoplast schwebte HMS Fearless in ihren Murings, schlank und glatt trotz des Gewirrs aus Arbeitsplattformen und Zugangsröhren. Die Kennnummer ›CL-56‹ hob sich gleich hinter dem vorderen Impellerring gegen den weißen Rumpf ab. Werftmechs umschwirrten das Schiff im Vakuum des Docks und wurden von Menschen in Raumanzügen beaufsichtigt. Der Hauptteil der Arbeiten konzentrierte sich offenbar auf die Waffenschächte in den Breitseiten.

Honor stand regungslos da, starrte durch das Armoplast und spürte, wie sich Nimitz auf ihrer Schulter gerade aufrichtete, um sich der Musterung anzuschließen. Honor hob eine Augenbraue. Admiral Courvosier hatte beiläufig erwähnt, dass die Fearless eine größere Umrüstung durchmache, doch was dort vor sich ging, war ein wenig tief greifender, als Honor erwartet hatte. Courvosiers Ausweichen und das Verschweigen aller Einzelheiten eingerechnet, konnte dies nur bedeuten, dass etwas ganz Besonderes in der Luft lag. Aber was konnte so bedeutend sein, dass der Admiral ihr deswegen auswich? Andererseits, was interessierte sie das jetzt, wo sie den Anblick des neuen Kommandos – ihres neuen Kommandos! – mit gierigen Augen in sich aufsog.

Honor wusste nicht, wie lange sie dort gestanden hatte. Schließlich riss sie den Blick von ihrem Schiff los und hielt auf die Zugangsröhre für die Crew zu. Die beiden Marineinfanterieposten dort standen in Grundstellung, beobachteten, wie sie näher kam, und gingen in Habt-acht-Stellung, als sie sie erreicht hatte. Sie übergab ihre ID und beobachtete anerkennend, wie der Dienstältere, ein Corporal, sie prüfte. Die beiden wussten natürlich genau, wer Honor war, es sei denn, die Flüsterpropaganda wäre einen plötzlichen und unerwarteten Tod gestorben. Selbst wenn sie es nicht gewusst hätten: Nur einem einzigen Besatzungsmitglied eines Schiffes war es erlaubt, das begehrte weiße Barett zu tragen. Doch keiner von beiden verriet auch nur mit der leisesten Regung das Wissen vom Eintreffen ihrer neuen Herrin gleich hinter Gott. Der Corporal gab ihr die ID wieder zusammengefaltet zurück und salutierte. Sie erwiderte den Gruß, dann schritt sie an den Marines vorbei in die Zugangsröhre. Sie schaute nicht zurück, doch im Schottspiegel an der ersten Krümmung der Röhre, der vor hinter der Biegung ankommendem Verkehr warnen sollte, sah sie die Posten. Der Corporal schaltete gerade sein Armbandcom ein, um das Kommandodeck zu alarmieren, dass die neue Kommandantin auf dem Weg war.

Das scharlachrote Band einer Null-Ge-Warnung leuchtete vor ihr auf dem Boden der Zugangsröhre. Als sie es überschritt, spürte sie, wie Nimitz’ Krallen sich tiefer in das Schulterpolster bohrten. Sie stieß sich ab und ergab sich dem graziösen Schwimmen im freien Fall, als sie das künstliche Schwerefeld von Hephaistos verließ. Der Puls klopfte mit ungesunder Geschwindigkeit in ihren Adern, während sie sich wie ein Aal durch die Passage schlängelte. Noch zwo Minuten, dachte sie. Nur noch zwo Minuten.

Leutnant Commander Alistair McKeon zog die Uniformjacke glatt und verkniff sich einen verärgerten Gesichtsausdruck, während er an der Eingangsluke wartete. Er war in den Eingeweiden einer vivisezierten Feuerleitstation begraben gewesen, als die Nachricht kam. Er hatte weder Zeit zum Duschen gehabt, noch hatte er eine frische Uniform anziehen können. Er wusste von den Schweißflecken auf dem Hemd unter der hastig übergeworfenen Jacke. Wenigstens hatte Corporal Levines Warnung ihm hinreichend Zeit verschafft, Leute zur Seite antreten zu lassen. Formelle Höflichkeit wurde auf einem Schiff in der Werft nicht unbedingt erwartet, doch McKeon wollte nicht riskieren, die neue Kommandantin gleich am Anfang zu verärgern. Außerdem hatte die Fearless einen Ruf zu verlieren …

McKeon straffte den Rücken, und etwas wie Schmerz durchzuckte ihn, als die neue Kommandantin um die letzte Krümmung der Röhre bog. Ihr weißes Barett leuchtete im Scheinwerferlicht. McKeon spürte, wie sein Gesicht gefror, als er die schlanke, grau- und cremefarbene Gestalt erblickte, die auf ihrer Schulter ritt. Er hatte nicht gewusst, dass sie eine Baumkatze besaß, und unterdrückte den irrationalen Groll, der beim Anblick des Tiers jäh in ihm aufstieg.

Commander Harrington schwebte mit Leichtigkeit durch die Röhre heran, dann schwang sie in der Luft herum und ergriff die letzte scharlachrote Haltestange, die den Beginn des internen Schwerefeldes der Fearless markierte. Sie überquerte die Grenzfläche wie eine Turnerin, die aus den Ringen steigt, und landete leichtfüßig vor ihm. McKeons Eindruck der persönlichen Kränkung wurde auf verrückte Weise stärker, als er feststellte, wie wenig das Photo in ihrer Personalakte ihr gerecht wurde. Das dreieckige Gesicht in der Akte hatte streng und unnahbar, fast kalt gewirkt, besonders durch die Art, wie das dunkle, kurz geschnittene Kraushaar es einrahmte, doch die Bilder hatten gelogen. Das Leben und die Vitalität, die scharfkantige Attraktivität hatten sie nicht eingefangen. Niemand würde Commander Harrington jemals ›hübsch‹ nennen, dachte er, doch sie besaß etwas wesentlich Wichtigeres. Diese wie gemeißelt wirkenden, starken Gesichtszüge, die großen, dunkelbraunen Augen – exotisch schräg und funkelnd vor mühsam zurückgehaltener, überschäumen wollender Freude – entwerteten vergängliche Attribute wie ›hübsch‹. Sie war sie selbst, einzigartig, unmöglich mit jemand anderem zu verwechseln, und das machte alles nur noch schlimmer.

McKeon erduldete ihre Musterung mit stoischer Miene, aber er kämpfte darum, seinen unbestimmten, bitteren Zorn zu unterdrücken. Er salutierte zackig; die Männer nahmen Haltung an, die Befehle des Bootsmanns dröhnten. Sämtliche Aktivität im Bereich der Eingangsschleuse verebbte, und dann legte Harrington die Hand an die Stirn und erwiderte den Gruß.

»Bitte um Erlaubnis, an Bord zu kommen.« Ihre Stimme war ein kühler, klarer Sopran, erstaunlich hell für eine Frau ihrer Größe; sie reichte problemlos an McKeons einhundertundachtzig Zentimeter heran.

»Erlaubnis erteilt«, antwortete er. Es war eine Formalität, doch eine Formalität mit tieferem Sinn: Solange sie das Kommando nicht offiziell übernahm, war sie an Bord von McKeons Schiff nicht mehr als eine Besucherin.

»Danke«, sagte sie und kam an Bord, als er zurücktrat und die Luke freigab.

Er beobachtete, wie ihre schokoladenfarbenen Augen über den Eingangsbereich und die stillstehenden Männer schweiften, und fragte sich, was sie wohl dachte. Das wie in Stein gemeißelte Gesicht gab eine exzellente Maske ab (abgesehen von den blitzenden Augen, dachte er säuerlich), und er hoffte, dass seines den gleichen Zweck erfüllte. Es war nicht fair von ihm, ihr zu grollen. Das Kommando über einen Leichten Kreuzer war kein Posten für einen Leutnant Commander, doch Harrington war fast fünf Jahre – über acht T-Jahre – jünger als er. Nicht nur war sie Voll-Commander, nicht nur glänzte auf der Brust ihrer Uniformjacke der gestickte Goldstern, der ein vorhergehendes Kommando über ein hyperraumtüchtiges Schiff anzeigte, sie sah auch noch jung genug aus, um seine Tochter zu sein. (Na gut, nicht ganz so jung, aber seine Nichte.) Natürlich war sie eine Lebensverlängerte zweiter Generation. Er hatte den frei zugänglichen Teil ihrer Akte genau genug studiert, um das zu wissen. Die Prolong-Behandlung schien für Empfänger in zweiter und dritter Generation noch wirksamer zu sein als für Behandelte der ersten Generation. Andere Aspekte von Honors Laufbahn milderten McKeons Groll ein wenig: ihre Vorliebe für unorthodoxe taktische Schachzüge zum Beispiel, das CGM und der Dank der Monarchin, mit denen sie als Lebensretterin ausgezeichnet wurde, nachdem der vordere Maschinenraum von HMS Manticore explodiert war. Doch weder Harringtons Leistungen noch das Wissen um ihr jugendliches Aussehen vermochten seinen emotionalen Schock zu mindern – den Schock, die Position, die er so verzweifelt begehrt hatte, von jemandem besetzt zu sehen, die nicht nur das mühelose Charisma verströmte, um das McKeon andere stets beneidet hatte, sondern die auch noch so aussah, als hätte sie erst vergangenes Jahr die Akademie absolviert. Und der intelligente, unverwandte Blick der Baumkatze, der auf ihm lastete, gab McKeon gar kein gutes Gefühl.

Harrington beendete kommentarlos die Musterung der angetretenen Männer und drehte sich zu ihm um. Wieder unterdrückte McKeon seinen Groll und ging zur nächsten, formellen Pflicht über.

»Darf ich Sie auf die Brücke begleiten, Ma’am?«, fragte er. Harrington nickte.

»Danke, Commander«, murmelte sie, und er führte sie ins Oberschiff.

Honor trat aus dem Brückenlift und schaute sich an, was ihr persönliches Territorium sein würde. Alle Anzeichen deuteten auf hastige Umrüstung hin, und der Anblick des Wirrwarrs von Werkzeugen und Bauteilen, der die Taktische Station überhäufte, weckte erneut alle verdrängten Fragen und Befürchtungen. Abgesehen von der Taktischen Station schien auf der Brücke alles intakt zu sein. Verdammt noch mal, warum hatte Admiral Courvosier sie nicht über ihr eigenes Schiff ins Bild gesetzt?

Doch darum konnte sie sich später kümmern. Hier und jetzt hatte sie etwas anderes zu tun. Sie schritt zum Kommandosessel, der von einem Nest aus Displays und Ausgabegeräten umgeben im Zentrum der Brücke stand. Die meisten Displays waren in ihre Ruhepositionen gefahren. Honor ließ die Hand einen Augenblick auf dem Paneel ruhen, welches das Taktische Wiederholdisplay verdeckte. Sie setzte sich nicht hin. Nach alter Tradition war dieser Sessel so lange tabu für sie, bis sie sich offiziell an Bord gemeldet hatte. Sie setzte sich auf den Platz daneben, brachte Nimitz dazu, ihre Schulter zu verlassen und sich auf die entferntere Armlehne des Kommandosessels zu legen, wo er sich nicht im Aufnahmebereich des Intercoms befand. Dann stellte sie den Aktenkoffer ab, drückte eine schmale Leiste auf der Armlehne neben sich und lauschte dem klaren, musikalischen Glockenspiel, das durchs Schiff hallte.

Alle Aktivität erlahmte an Bord der Fearless. Selbst die Hand voll ziviler Techniker, nur vorübergehend an Bord, kroch unter Konsolen, aus den Innereien der Maschinenräume oder aus Kabelschächten hervor, als das ›An-Alle‹-Signal ertönte. Auf den Intercombildschirmen an den Schotten erschien Honors Gesicht. Sie konnte förmlich spüren, wie sich Hunderte Augenpaare auf das auffällige weiße Barett richteten und sich verengten, als sie den ersten Blick auf die neue Kommandantin erhaschten, in deren Hände die Lords der Admiralität in ihrer unendlichen Weisheit das Leben der Crew gelegt hatten.

Honor griff in die Jacke, und Papier knisterte, flüsterte aus jedem Lautsprecher, als sie die Siegel brach und ihre Order entfaltete.

»Von Admiral Sir Lucien Cortez, Fünfter Raumlord, Royal Manticoran Navy«, las sie mit klarer, kühler Stimme vor, »an Commander Honor Harrington, Royal Manticoran Navy, Fünfunddreißigster Tag, Vierter Monat, Jahr Zwohundertundachtzig nach der Landung. Madam: Sie werden hiermit ersucht und angewiesen, sich an Bord Ihrer Majestät Schiff Fearless, CL-Fünf-Sechs, zu begeben und dort die Pflichten und Verantwortungen der Kommandantin im Dienst der Krone auf sich zu nehmen. Versagen Sie bei Ihrem Leben nicht in dieser Aufgabe. Auf Befehl von Admiral Sir Edward Janacek, Erster Lord der Admiralität, Royal Manticoran Navy, im Namen Ihrer Majestät der Königin.«

Sie verstummte und faltete den Befehl wieder zusammen, ohne auch nur in den Aufzeichner zu schauen. Seit fast fünf T-Jahrhunderten zeigten diese förmlichen Sätze an Bord der Schiffe der manticoranischen Navy den Wechsel des Kommandos an. Die Worte waren knapp und stilisiert, doch hatte Honor durch das simple laute Vorlesen die Crew unter ihre Autorität gestellt, sie gebunden, ihr unter Androhung der Todesstrafe zu gehorchen. Die überwiegende Mehrheit der Männer und Frauen an Bord wusste rein gar nichts über Honor, und Honor wusste genauso wenig über sie, doch beides spielte keine Rolle. Die Besatzung war in diesem Augenblick zu Honors Besatzung geworden. Ihr Leben hing davon ab, wie gut Honor ihren Job verrichtete, und diese Erkenntnis durchfuhr die junge Frau wie ein Eiszapfen, als sie das Zusammenfalten des schweren Papiers beendete und sich erneut McKeon zuwandte.

»Eins-O«, sagte sie förmlich, »ich übernehme das Kommando.«

»Captain«, erwiderte McKeon ebenso zeremoniell, »Sie haben das Kommando.«

»Vielen Dank.« Sie sah den Quartiermeister vom Dienst an und las quer über die Brücke sein Namensschild. »Tragen Sie die Kommandoübernahme bitte ins Logbuch ein, Chief Braun«, sagte sie, dann wandte sie sich wieder dem Aufzeichner und der wartenden Besatzung zu. »Ich werde Ihre Zeit nicht mit formellen Ansprachen verschwenden, Ladys und Gentlemen. Wie es aussieht, haben wir zu viel zu tun und zu wenig Zeit dazu. Weitermachen.«

Sie berührte erneut die Leiste. Die Intercombildschirme erloschen. Honor ließ sich in den bequemen, gepolsterten Kommandosessel sinken – nun ihr Sessel. Mit einem Schwanzzucken, das geringfügige Gekränktheit anzeigen sollte, kletterte Nimitz auf ihre Schulter zurück. Sie gab McKeon einen Wink, zu ihr zu kommen.

Der hochgewachsene, breitschultrige I. O. durchquerte die Brücke, während ringsum die emsige Arbeit wieder aufgenommen wurde. Der Blick aus McKeons grauen Augen begegnete dem ihren mit, wie Honor glaubte, einer Andeutung von Unbehagen – oder Herausforderung.

Der Gedanke erstaunte sie.

Trotzdem reichte McKeon ihr die Hand zum traditionellen Willkommensgruß für den neuen Captain, und seine tiefe Stimme klang ruhig.

»Willkommen an Bord, Ma’am«, sagte er. »Ich fürchte, hier herrscht im Moment ein gewaltiges Durcheinander, aber wir hinken dem Zeitplan kaum hinterher. Der Hafenkommandant hat mir zum Beginn der nächsten Wache zwei weitere Arbeitsmannschaften versprochen.«

»Gut.« Honor erwiderte den Händedruck, dann erhob sie sich und ging mit McKeon zur zerlegten Feuerleitstation hinüber. »Ich muss gestehen, dass ich ein wenig verwundert bin, Mr. McKeon. Admiral Courvosier hat mich gewarnt, dass wir einen größeren Umbau durchmachen, aber er hat nichts davon gesagt.« Sie deutete mit dem Kinn auf die offenen Paneele und freigelegten Kabelbäume.

»Ich fürchte, wir hatten keine andere Wahl, Ma’am. Wir hätten die Energietorpedos durch Wechsel der Software implementieren können, aber die Gravolanze ist im Grunde eine neue, zusätzliche Maschinenanlage. Es erfordert direkte Hardwareverbindungen ins taktische Hauptsystem, um sie an die Feuerleiteinrichtung anzuschließen.«

»Gravolanze?« Honor hob die Stimme nicht, doch McKeon registrierte unter der kühlen Oberfläche das Erstaunen der Kommandantin, und so war es an ihm, überrascht zu sein.

»Jawohl, Ma’am.« Er zögerte. »Hat man Ihnen das nicht gesagt?«

»Nein, hat man nicht.« Honor kniff die Lippen zu etwas zusammen, das man nur mit viel Höflichkeit als Lächeln hätte bezeichnen können. Sie verschränkte die Arme hinter dem Rücken. »Wie viel Breitseitenbewaffnung hat sie uns gekostet?«

»Alle vier Graserlafetten«, antwortete McKeon und sah, wie sich Honors Schultern leicht versteiften.

»Ich verstehe. Sie erwähnten Energietorpedos, richtig?«

»Jawohl, Ma’am. Das Dock ersetzte – ersetzt im Moment, um genau zu sein – alle Breitseiten-Raketenwerfer bis auf zwo durch Energietorpedos.«

»Bis auf zwo?« Diese Frage kam schärfer. McKeon verbarg einen Anflug bitterer Belustigung. Kein Wunder, dass sie sich darüber aufregte, wenn man ihr vorher nichts gesagt hatte! McKeon jedenfalls hatte sich aufgeregt, als er von dem Plan erfuhr.

»Jawohl, Ma’am.«

»Ich verstehe«, sagte sie erneut und holte tief Luft. »Nun gut, Eins-O. Was bleibt uns an Bewaffnung übrig?«

»Wir haben immer noch die Dreißig-Zentimeter-Laserlafetten, zwo auf jeder Breitseite, und die Raketenwerfer. Nach der Umrüstung haben wir die Gravolanze und zusätzlich vierzehn Torpedogeneratoren. Die Jagdbewaffnung bleibt unverändert: zwo Raketenwerfer und ein Sechzig-Zentimeter-Mittschiffslinienlaser.«

Er beobachtete Harrington genau, und sie zuckte nicht – sehr – zusammen. Das, fand er, sprach für ihre Selbstbeherrschung. Energietorpedos waren schnellfeuernd, zerstörerisch und für Nahbereichs-Abwehrwaffen sehr schwierig abzufangen – aber vollkommen unwirksam gegen ein Ziel, das durch einen Seitenschild in Militärausführung geschützt wurde. Das war offenkundig der Grund, weshalb die Gravolanze installiert wurde. Eine Gravolanze konnte (normalerweise) die Seitenschild-Generatoren ihres Ziels ausbrennen, aber sie hatte eine lange Wiederaufladedauer und eine sehr geringe effektive Reichweite. Doch wenn Captain Harrington sich dessen bewusst war, erlaubte sie diesem Wissen jedenfalls nicht, sich in ihrer Stimme bemerkbar zu machen.

»Ich verstehe«, wiederholte sie erneut und nickte knapp. »Nun gut, Mr. McKeon. Ich bin sicher, dass ich Sie von etwas Nützlicherem abhalte, solange Sie mit mir reden. Ist mein Gepäck angekommen?«

»Jawohl, Ma’am. Ihr Steward hat sich bereits darum gekümmert.«

»Wenn das so ist, bin ich in meinem Quartier zu finden und sichte die Schiffsbücher. Ich möchte die Offiziere einladen, heute Abend mit mir zu speisen – ich sehe keinen Sinn darin, sie durch gegenseitige Bekanntmachungen bei der Erfüllung ihrer Aufgaben zu stören.« Sie machte eine Pause, als hinge sie einem anderen Gedanken nach, dann sah sie McKeon wieder ins Gesicht. »Zuvor möchte ich noch das Schiff besichtigen und mich über die laufenden Arbeiten informieren. Wäre es Ihnen recht, mich ab vierzehn Uhr herumzuführen?«

»Natürlich, Captain.«

»Vielen Dank. Bis um vierzehn Uhr.« Sie nickte und verließ die Brücke, ohne sich noch einmal umzudrehen.

2

Honor Harrington seufzte, rückte vom Terminal ab und zwickte sich in den Nasenrücken. Kein Wunder, dass Admiral Courvosier sich so zurückhaltend über die Umrüstung geäußert hatte. Ihr alter Mentor kannte sie einfach zu gut. Er hatte ihre wahrscheinliche Reaktion auf die Umrüstung richtig eingeschätzt und zu verhindern gewusst, dass sie ihr erstes Kreuzerkommando aus einem Temperamentsausbruch heraus ablehnte.

Ihr schauderte, und sie stand auf, um sich zu recken. Nimitz erhob sich und blickte zu ihr hinüber. Er wollte schon von dem gepolsterten Ruheplatz herunterrutschen, den der Steward auf Honors Bitte hin zusammengebastelt hatte, aber sie machte das leise Geräusch, das ihm sagte, sie müsse nachdenken. Er legte den Kopf einen Augenblick lang schräg, ›bliekte‹ sie leise an und ließ sich wieder nieder.

Sie durchschritt rasch die Kabine. Ihr Quartier war eine gute Sache an der Fearless: Mit weniger als neunzigtausend Tonnen war der Kreuzer nach modernen Standards vielleicht klein, doch verglichen mit der Hawkwing besaß er eine geradezu geräumige Kommandantenkajüte. In den Augen eines Planetenbewohners mochte sie immer noch klein und vollgepackt wirken, doch planetare Standards hatte Honor schon lange nicht mehr an ihren Wohnraum angelegt.

Die Kabine wies sogar einen eigenen Salon auf, groß genug, um sämtlichen Offizieren bei formellen Anlässen Platz zu bieten, und an Bord eines Kriegsschiffes war das wahrhaftig ein Luxus.

Nicht, dass die Geräumigkeit Honor über die Verunstaltungen hinwegtröstete, die Hephaistos über ihr schönes Schiff brachte.

Sie blieb stehen, um die goldene Medaillenplakette über ihrem Schreibtisch zurechtzurücken. Auf der polierten Metalloberfläche befand sich ein Fingerabdruck, und Honor verspürte eine vertraute, ironische Selbstbelustigung, als sie sich vorbeugte, um ihn mit dem Ärmel abzuwischen. Die Tafel begleitete sie seit zwölfeinhalb Jahren von Schiff zu Schiff und von Planet zu Planet, und ohne sie wäre sie sich verloren vorgekommen. Die Tafel war Honors Glücksbringer, ihr Totem. Sie glitt mit der Fingerspitze über die lang gestreckte, sich verjüngende Tragfläche des in das Gold geätzten Segelflugzeugs und erinnerte sich an jenen Tag, an dem sie mit solch einem Vehikel gelandet war, um anschließend zu erfahren, dass sie einen neuen (und bislang ungebrochenen) Akademierekord für kombinierte Höhe, Flugdauer und Aerobatik aufgestellt hatte, und sie lächelte.

Das Lächeln verblasste, als ihr Blick durch den offenen Durchgang in den Salon fiel und sich ihre Gedanken wieder der unangenehmen Gegenwart zuwandten. Honor seufzte erneut. Sie freute sich nicht mehr auf das Diner mit ihren Offizieren. Nein, sie freute sich nicht einmal mehr auf die Schiffsbesichtigung. Nicht, nachdem sie gefunden hatte, was nur für die Kommandantin zugänglich im Computer abgespeichert war. Das Glücksgefühl, das sie für nur so kurze Zeit empfunden hatte, war nun getrübt, und was zu den erfreulicheren Ritualen einer Schiffsübernahme gehört hätte, lockte sie nunmehr viel weniger.

Honor hatte McKeon gesagt, sie wolle die Bücher des Schiffes einsehen, und das hatte sie auch getan. Dennoch hatten ihre Gedanken sich hauptsächlich mit den Spezifikationen der Umrüstung beschäftigt und mit den ausführlichen Anweisungen, die sie im verschlüsselten Datenbestand des Kommandantencomputers gefunden hatte. McKeons Beschreibung der Umbauten war nur zu genau gewesen, obwohl er nicht erwähnt hatte, dass das Dock nicht nur zwei Drittel der Raketenwerfer ausbaute, sondern auch die Munitionsdepots verkleinerte. Die Lagerung von Raketen hatte für kleinere Sternenschiffe wie Leichte Kreuzer und Zerstörer schon immer ein Problem bedeutet, denn eine impellerangetriebene Rakete war eben relativ groß. Es gab Grenzen, wie viel davon man in einen Rumpf stopfen konnte, und da man schon entschieden hatte, die Anzahl der Raketenwerfer der Fearless zu verringern, hatte man sich wohl gesagt, es gäbe keinen Grund, die Magazine nicht ebenfalls zu verkleinern. Schließlich konnte man durch den eingesparten Platz vier zusätzliche Energietorpedowerfer unterbringen.

Honor spürte, wie ein unwillkürliches Fauchen über ihre Lippen dringen wollte und zwang sich zur Entspannung. Nimitz schnatterte seine Gefährtin fragend an. Der Stimmapparat der Baumkatzen war unglücklicherweise nicht dazu ausgelegt, Wörter zu formen. Bei der Verständigung mit anderen Baumkatzen führte dies nicht zu Problemen, denn sie basierte völlig auf der Telempathie, doch viele Menschen verleitete es dazu, die Intelligenz der Baumkatzen zu unterschätzen – und zwar gewaltig. Honor wusste es besser. Nimitz wusste stets, was gerade in ihr vorging. Manchmal glaubte sie sogar, er würde sie besser kennen als sie selbst. Sie nahm sich die Zeit, ihn unterm Kinn zu kraulen, bevor sie das Auf- und Abschreiten wieder aufnahm.

Dabei war alles doch so einfach, dachte Honor. Sie war der Horriblen Hemphill und ihrer Meute in die Hände gefallen und hatte nun dafür zu sorgen, dass deren Dummheit wie Brillanz wirkte.

Honor fletschte die Zähne. In der RMN gab es zwei taktische Denkschulen: die Traditionalisten unter der Führung von Admiral Hamish Alexander, und die jeune école von Admiral der Roten Flagge Lady Sonja Hemphill. Alexander – und auch Honor – waren der Meinung, dass die grundlegenden taktischen Wahrheiten von der Natur der Waffensysteme unberührt blieben; dass man neue Waffensysteme in die existierenden Konzepte integrieren und die Konzepte an die jeweiligen Stärken und Schwächen angleichen musste, die diese Waffensysteme mit sich brachten. Die jeune école vertrat die Ansicht, dass die Waffensysteme die Taktik bedingten, und dass richtig angewandte Technik historische Analysen überflüssig mache. Unglücklicherweise betrachteten die Politiker die Horrible Hemphill und ihre kaufmännischen Allheilmittel gerade jetzt mit geneigten Augen.

Honor unterdrückte einen ganz uncharakteristischen Drang zu fluchen. Sie kannte sich in Politik nicht aus, sie verstand Politik nicht, sie mochte Politik nicht, doch selbst sie begriff das Dilemma, in dem sich die Regierung Cromarty gegenwärtig befand. Zu der unbeirrbaren Opposition der Freiheitler und Progressiven gegenüber hohen Militäretats, mit der Herzog Allen sich ständig konfrontiert sah, kamen Anzeichen, dass die sogenannten ›Neuen Menschen‹ einer vorübergehenden Allianz mit Herzog Allens Gegnern nicht abgeneigt wären. Daher hatte er sich gezwungen gesehen, den Bund der Konservativen auf seine Seite zu ziehen. Es war unwahrscheinlich, dass die Konservativen den Premierminister lange unterstützen würden -ihr xenophober Isolationismus und Protektionismus waren unvereinbar mit der Ansicht der Zentralisten und Kronloyalisten, dass ein offener Krieg mit der Volksrepublik Haven unvermeidbar sei –, doch im Augenblick brauchte der Herzog die Konservativen, und ihre Treue ließen sie sich teuer bezahlen. Sie hatten das Militärministerium gewollt, und Herzog Allen hatte sich gezwungen gesehen, ihrem Begehren nachzugeben und Sir Edward Janacek zum Ersten Lord der Admiralität zu ernennen, dem nur dem Kriegsminister untergeordneten zivilen Oberkommandierenden von Honors Teilstreitkraft.

Janacek war seinerzeit selbst Admiral gewesen und hatte den Ruf der Härte und der Entschlossenheit genossen, doch es wäre schwierig gewesen, einen reaktionäreren alten Xenophoben zu finden. Er war unter denen gewesen, die sich gegen die Annexion des Basilisk-Terminus des Wurmlochknotens von Manticore gestellt hatten, mit der Begründung, diese Tat könne von den Nachbarn als feindseliger Akt aufgefasst werden (übersetzt: Es wäre der erste Schritt auf dem Weg zu auswärtigem Abenteurertum). So unpolitisch Honor auch sein mochte, sie wusste, welche Partei sie unterstützte. Die Zentralisten hatten richtig erkannt, dass der Expansionismus der Volksrepublik Haven früher oder später auf eine Konfrontation mit dem Königreich hinauslaufen musste, und forderten, sich darauf vorzubereiten. Die Konservativen wollten die Köpfe in den Sand stecken, bis die Gefahr vorüber war, doch wenigstens waren sie zur Unterstützung einer starken Flotte bereit, welche ihre kostbare Isolation schützen sollte.

Auf die Fearless wirkte sich nun der Umstand aus, dass Hemphill Janaceks Cousine zweiten Grades war und Janacek Admiral Alexander persönlich verabscheute. Mehr noch, der neue Erste Lord der Admiralität fürchtete das Beharren der Traditionalisten, eine aggressive Expansion wie die Havens ginge weiter, bis jemand von außen sie zum Stillstand brachte. Und Hemphill war eine der dienstältesten Admiräle der Roten Flagge. Die Admiralsränge der RMN waren in zwei Divisionen unterteilt: die dienstjüngere Hälfte jeden Ranges waren Admiräle der Roten Flagge (oder der Gryphon-Division), während die dienstältere Hälfte aus Admirälen der Grünen Flagge (oder der Manticore-Division) bestand. Die Langlebigkeit beförderte irgendwann jeden Flaggoffizier von einer Division in die andere, doch man konnte auch über die Köpfe der Kameraden hinwegbefördert werden; da ihr Vetter Erster Lord war, stand Lady Sonja bereits in den Startlöchern, um zur Manticore-Division zu wechseln – und wenn sie ihre taktischen Theorien beweisen konnte, dann würde nichts ihrer Beförderung im Weg stehen. All das zusammengenommen hatte der Horriblen Hemphill die Macht gegeben, Honors hilfloses Schiff auszuweiden.

Honor knurrte und kickte einen Hocker quer durch die Kabine. Die daraus erwachsende Befriedigung dauerte nur einen Augenblick an, dann warf Honor sich wieder auf den Stuhl und starrte düster auf den Computermonitor.

Das Kommando war anscheinend die ›Belohnung‹ dafür, dass sie in Admiral Courvosiers Taktiklehrgang als Beste abgeschlossen hatte, denn die Fearless sollte Hemphills Geheimwaffe im kommenden Flottenmanöver sein. Dies erklärte die Geheimhaltung über den Umbau (die Courvosier zum Vorwand genommen hatte, Honor nicht zu warnen). Honor zweifelte nicht daran, dass Hemphill sich vor lauter Vorfreude die Hände rieb und kicherte. Wenn Honor gewusst hätte, was auf sie zukam, hätte sie ganz sicher ein paar Aufgaben vermasselt und ein paar Prozentpunkte verschenkt!

Sie rieb sich die Augen und fragte sich, ob McKeon bereits über die ihnen zugedachte Rolle im nächsten Flottenmanöver Bescheid wusste. Für jedes Kriegsschiff waren die Gravitations-Seitenschilde die letzte und wichtigste Verteidigungseinrichtung. Der Impellerantrieb erzeugte ein Bänderpaar aus verzerrter Gravitation ober- und unterhalb eines Schiffes – einen Keil, der an beiden Enden offen war, die vordere Öffnung weiter als die achtere, und der theoretisch ein Schiff aus dem Stand heraus auf annähernde Lichtgeschwindigkeit beschleunigen konnte. Solch hohe Beschleunigung hätte natürlich jede Crew zu Mus zerquetscht; selbst mit modernsten Trägheitskompensatoren betrug die Höchstbeschleunigung für ein Kriegsschiff unter Impellern weniger als sechshundert Gravos. Dennoch bedeutete der Impellerantrieb einen Riesenschritt vorwärts, nicht nur hinsichtlich des Antriebs: Keine bekannte Waffe war in der Lage, die Hauptantriebsfelder eines militärtauglichen Impellerkeils zu durchdringen. Das bedeutete, dass bereits das Einschalten der Impeller ein Schiff gegen Beschuss von oben und unten schützte.

An den Seiten der Schiffe sah es anders aus, denn sie blieben so ungedeckt wie Bug und Heck – bis jemand den Gravitations-Seitenschild entwickelte, der den Schutz durch die Impellerkeile auf die Schiffsflanken ausweitete. Die Bug- und Hecköffnungen hingegen konnten auch durch ein Seitenschildfeld nicht geschlossen werden, und selbst der stärkste Seitenschild, der je generiert wurde, war immer noch sehr viel schwächer als ein Antriebsband. Seitenschilde konnten daher durchschlagen werden – besonders von Raketen, die Seitenschildbrecher besaßen –, doch eine starke Energiewaffe musste einen Treffer aus (relativ) geringer Entfernung erzielen, um den Schild mit Wirkung zu passieren. Dieser Umstand beschränkte Strahlenwaffen auf Reichweiten von nicht mehr als vierhunderttausend Kilometern.

Insgesamt hatte das zur Folge, dass Schlachten im offenen Raum die unangenehme Neigung aufwiesen, endlos hin- und herzutaktieren, ganz egal, wie wichtig sie strategisch auch sein mochten. Wenn ein Flottenverband in Gefahr geriet, rollte er einfach die Schiffe auf die Seiten und wandte dem Gegner die undurchdringlichen Impellerkeile zu, während er versuchte, sich aus dem Kampf zu lösen. Dem Gegner blieb als einzig möglicher Gegenzug nur die entschlossene Verfolgung übrig, doch dazu mussten die Verfolger den ungeschützten Bug ihrer Schiffe auf die Fliehenden richten. Das gab den Verfolgten wiederum Gelegenheit, ihnen ein paar Breitseiten ›in den Rachen‹ zu jagen. Kreuzerkämpfe wurden in der Regel bis zum bitteren Ende durchgestanden, doch Gefechte zwischen Großkampfschiffen besaßen nur zu häufig den Formalismus eines komplizierten Gesellschaftstanzes, bei dem beide Partner alle Schritte kannten.

An dieser Lage hatte sich seit über sechs Standardjahrhunderten nichts geändert, sah man von den Variationen der Gefechtsentfernungen ab, die auftraten, wenn eine Strahlenwaffe verbessert wurde oder die Konstrukteure einen neuen Trick ersannen, das Durchbrechen von Schilden zu erschweren. Hemphill und ihre Technophilen fanden diesen Zustand unerträglich. Sie glaubten, die Gravolanze könne die ›festgefahrene Situation‹ aufbrechen, und sie waren fest entschlossen, dies zu beweisen.

Theoretisch musste Honor eingestehen, dass Hemphill nicht ganz unrecht hatte. Theoretisch. Tief in ihrem Innern wünschte sie sich sogar inbrünstig, dass es so war. Die Taktikerin in Honor hasste den Gedanken an blutige, zeremonienhafte Schlachten. Das Einsatzziel musste die gegnerische Flotte sein, kein Territorialgewinn. Wenn die feindlichen Geschwader entkamen, stand man ihnen bald wieder gegenüber und sah sich gezwungen, die Strategie der Zermürbung und Blockade anzuwenden – und in dieser Art Krieg waren die Verluste letzten Endes wesentlich höher.

Trotzdem irrte die jeune école. Die Gravolanze war eine Neuentwicklung und würde eines Tages vielleicht wirklich das Potential besitzen, das Hemphill ihr zusprach, aber noch war es nicht so weit. Mit ein wenig Glück konnte ein Volltreffer mit der Gravolanze ins Seitenschildfeld eine Resonanzkatastrophe auslösen, die jeden Seitenschildgenerator ausbrannte, doch die Lanze war eine schwerfällige, langsam feuernde, massenintensive Waffe, und ihre Maximalreichweite betrug selbst unter günstigsten Umständen kaum einhunderttausend Kilometer.

Und das, dachte Honor düster, war der entscheidende Makel. Um die Lanze einzusetzen, musste ein Schiff sich auf Kernschussweite einem Feind nähern, der aus einer Entfernung von einer Million Kilometern versuchen würde, es mit Raketen zu vernichten und es auf die vierfache Reichweite der Lanze mit Energiewaffenfeuer eindeckte. Vielleicht wäre die Gravolanze in einem Großkampfschiff mit genügend Platz an Bord sogar sinnvoll einsetzbar gewesen, doch nur ein Idiot (oder die Horrible Hemphill) konnte glauben, sie würde in einem Leichten Kreuzer etwas ausrichten! Die Fearless besaß einfach nicht die Verteidigungseinrichtungen, um dem feindlichen Feuer bei der Annäherung standzuhalten, und dank der Gravolanze besaß sie auch nicht mehr die Offensivbewaffnung, die sie brauchte, um wirksam zurückschlagen zu können! Klar, natürlich, falls die Fearless in Gravolanzenreichweite an das Ziel herankam und falls die Lanze dann auch funktionierte, konnten die Energietorpedobatterien, mit denen die Hemphill den Kreuzer vollgestopft hatte, sogar einen Superdreadnought in Fetzen schießen; aber auch nur, falls die Lanze funktioniert hatte, denn gegen einen intakten Seitenschild besaßen Energietorpedos ungefähr so viel Wirkung wie weich gekochte Eier.

Der Plan war Irrsinn, und Honor sollte ihn verwirklichen.

Sie funkelte den Bildschirm wieder an, dann schaltete sie ihn voller Abscheu ab und flegelte sich auf die Koje. Nimitz streckte sich und schlenderte gemütlich von seinem Ruheplatz herüber, um sich auf Honors Bauch zusammenzurollen. Diesmal gurrte sie ihm zu und strich über sein Fell, und um sie beim Denken zu unterstützen, legte er sich so, dass seine Schnauze auf ihrem Brustbein ruhte.

Honor hatte erwogen, Protest einzulegen. Schließlich und endlich gestand die Tradition einer Kommandantin die Autorität zu, Änderungen an ihrem Kommando in Frage zu stellen, doch die Fearless hatte sich nicht unter ihrem Kommando befunden, als die Umrüstung genehmigt wurde, und das Recht, etwas in Frage zu stellen, war nicht identisch mit dem Recht, etwas zu verweigern. Honor wusste genau, wie Hemphill auf irgendeine Form von Protest reagieren würde. Außerdem wäre es sowieso zu spät, um den Schaden noch rückgängig zu machen. Und – Honor hatte ihre Befehle. So dumm sie auch sein mochten, ihre Aufgabe stand fest, und wie man schon auf der Akademie lernte: Das war’s. Selbst wenn es anders gewesen wäre, blieb die Fearless doch ihr Schiff, bei Gott! Was immer Hemphill ihr auch antat, niemand würde den Ruf der Fearless in den Schmutz ziehen, solange Honor ein Wörtchen mitzureden hatte.

Während Nimitz’ Schnurren sie durchpulste, zwang Honor ihre Muskeln, sich zu entkrampfen. Sie hatte niemals herausgefunden, was genau er nun tat, doch es musste mit diesem zusätzlichen Sinn zusammenhängen, den er besaß. Honor spürte, wie ihr Zorn langsam in Entschlossenheit überging, und wusste genau, dass das nicht nur ihr eigenes Verdienst war.

Nun begann Honors Verstand, sich mit dem Problem auseinanderzusetzen. Es war sehr gut möglich, entschied sie, dass sie mit dem Plan ein einziges Mal Erfolg haben würde, aber nur unter der Voraussetzung, dass die Aggressoren Hemphills Geheimhaltung nicht durchbrochen hätten. Schließlich war die Idee so hirnrissig, dass kein geistig Gesunder je damit rechnen würde!

Wenn sie es arrangierte, dass die Fearless einem Aufklärungsgeschwader zugeteilt wurde? Aufklärung war eine typische Aufgabe für einen Leichten Kreuzer, und die dicken Pötte würden dazu neigen, ihn zu ignorieren, und sich um die gegnerischen Großkampfschiffe kümmern. Vielleicht könnte sie so auf Lanzenreichweite herankommen und ihren Schuss abfeuern? Es wäre nur wenig besser als ein Kamikazeangriff, aber das war Hemphill und Konsorten ja gleichgültig. Sie würden den Tausch eines Leichten Kreuzers (samt Besatzung) gegen einen feindlichen Dreadnought oder Superdreadnought für ein mehr als gutes Geschäft halten, was ein weiterer Grund war, warum Honor Hemphills sogenannte taktische Doktrin verabscheute.

Doch selbst wenn es Honor gelang, einmal damit durchzukommen und zu überleben, es würde kein zweites Mal gelingen – nicht, sobald die Aggressoren wussten, dass die Fearless sich dort draußen herumtrieb und womit sie bewaffnet war. Sie würden jeden Leichten Kreuzer zerstören, der ihnen auf die Ortungsschirme kam, denn Hemphill hatte ihren Vorschlaghammer mit einem Stiel ausgestattet, der den Beschuss durch ein Großkampfschiff niemals aushalten konnte. Andererseits wäre es eine hübsche Feder an Honors Hut, es auch nur ein einziges Mal geschafft zu haben – zumindest in den Augen derjenigen, denen die Unmöglichkeit des Auftrags bewusst war.

Honor seufzte und senkte die Lider. Sie kannte sich nur zu gut. Sie hatte noch nie einer Herausforderung widerstehen können. Wenn es überhaupt eine Möglichkeit gab, Hemphills Schachzug zu landen, dann würde Honor sie finden, ganz egal, wie sehr es ihr dabei in der Seele weh tat.

3

»Signal von Flaggschiff an alle, Ma’am: ›Bravo-Golf-Sieben-Neun einleiten‹.«

Honor nickte zur Bestätigung von Leutnant Websters Meldung, ohne den Blick vom Display abzuwenden. Sie hatte auf das Signal gewartet, seit Admiral D’Orvilles Aggressoren auf endgültigen Annäherungskurs gegangen waren. Sieben-Neun war ihre eigene Schöpfung, im wahrsten Sinne des Wortes, Admiral Hemphills Operationsoffizier hätte die Sache vermutlich anders gesehen, doch Captain Grimaldi, Hemphills Stabschef, hatte Honors Plan begriffen und mit bemerkenswerter Subtilität ihre Hinweise und respektvoll vorgebrachten Empfehlungen unterstützt. Am Ende der abschließenden Kommandantenbesprechung hatte er ihr sogar ein anerkennendes Grinsen zugeworfen, was Honor dazu brachte, ihre Einschätzung seiner Person noch einmal zu überdenken, obwohl er auf Seiten der Horriblen Hemphill stand. Andererseits bedurfte es keines Geistesriesen, um zu begreifen, dass keine konventionelle Annäherung einen Leichten Kreuzer lange genug überleben ließe, um auf Angriffsentfernung zu einer feindlichen Schlachtflotte zu kommen; ganz egal, wie dieser Kreuzer bewaffnet war.

Im Normalraumgefecht innerhalb der Hypergrenze einer Sonne gab es für einen Kriegsschiffkommandanten nicht viele Handlungsalternativen. Es war (auf größere Distanz) einfach genug, selbst ein Großkampfschiff zu verstecken, indem man die Impeller abschaltete und dadurch die passive Ortung des Gegners täuschte, aber der Impellerantrieb hatte nichts mit Magie zu tun. Selbst bei den über fünfhundert Gravos, mit denen ein Zerstörer oder Leichter Kreuzer beschleunigen konnte, kosteten Geschwindigkeits- und Kursänderungen merklich Zeit. Deshalb war das Verstecken durch Abschalten des Antriebs eine Kriegslist von sehr eingeschränktem Nutzen. Schließlich hatte es keinen Sinn, versteckt einem Gegner dabei zuzusehen, wie er mit fünfzig oder sechzig Prozent der Lichtgeschwindigkeit davonlief. Sobald man beschleunigte, um die Verfolgung aufzunehmen, war auch die Tarnung aufgehoben.

Was bedeutete, dass ein Admiral Manöver nicht vor dem Gegner verbergen konnte, ohne zu riskieren, dass er den Kontakt verlor. Da Verstecken also in der Regel sinnlos war, blieben lediglich zwei sinnvolle Alternativen: den Gegner frontal anzugreifen und es auf brutales Kräftemessen ankommen zu lassen oder ihn irrezuleiten, indem man ihn etwas sehen ließ, das gar nicht das war, was er glaubte. Bei Admiral Hemphills materialorientierten Vorurteilen hatte es Honor alle Überzeugungskraft gekostet, überhaupt eine einzige Finte in den Schlachtplan einzubringen. Lady Sonja glaubte an überwältigende Feuerkraft und daran, auf den Gegner einzuschlagen, bis etwas nachgab – eine Strategie, die immerhin den Vorzug aufwies, simpel zu sein.

Ohne Grimaldis Unterstützung hätte Honor als kleiner Commander die Admiralin höchstwahrscheinlich nie überzeugen können, selbst als Kommandantin von Hemphills Geheimwaffe nicht. Doch das spielte keine Rolle. Admiral D’Orville kannte Hemphill so gut wie jeder andere auch, und Verschlagenheit war das Letzte, was er von ihr erwartete. Gelang es den Verteidigern, ihn zu einer falschen Interpretation dessen zu verleiten, was er sah, dann um so besser; wenn nicht, verloren sie nichts Wesentliches. Nur die Fearless.

Und so beobachtete Honor, wie der Kampfverband der Verteidiger sich in ihre Richtung zurückzog. In sechzehn Minuten würde die gesamte Streitmacht sie überlaufen, sich weiter zurückziehen und einen einzigen Leichten Kreuzer allein und verlassen direkt auf dem Kurs der Aggressorflotte zurücklassen.

An Bord des Superdreadnoughts HMS King Roger runzelte der Admiral der Grünen Flagge Sebastian D’Orville über den eigenen Schlachtplan gebeugt die Stirn, dann blickte er auf das Display mit der visuellen Darstellung. Visuelle Darstellungen waren zur Koordination von Schlachten im offenen Raum nutzlos, doch zweifellos spektakulär. D’Orvilles Schiffe stießen mit annähernd einhundertsiebzigtausend Kilometern pro Sekunde – gerade unterhalb 0,57 c – vor; die Sterne auf den Bildschirmen mit der Sicht voraus zeigten deutliche Blauverschiebung. Doch die King Roger raste zwischen dem geneigten ›Dach‹ und ›Boden‹ ihres Impellerkeils. Der Effekt eines meterdicken Bandes, in dem die Schwerkraft von Null auf über 97 000 Meter pro Sekundenquadrat anstieg, schnappte sich Photonen wie ein See aus Hebstoff und beugte auch den Strahl der stärksten Energiewaffe wie filigranen Draht. Durch ein Verzerrungsband betrachtete Sterne zeigten eine radikale Rotverschiebung. In direkten visuellen Darstellungen wichen ihre scheinbaren Positionen beträchtlich von den tatsächlichen Koordinaten ab. Da die Computer aber genau wussten, wie stark das verzerrende Feld war, konnten sie problemlos kompensieren und in den Displays die Sterne an die richtigen Stellen setzen.

Doch was für ein Kriegsschiff, welches das Feld erzeugte, so leicht war, blieb für seine Gegner unmöglich. Zivile Impellerantriebe generierten ein einfaches Verzerrungsband auf jeder Seite; militärische Impellerantriebe erzeugten Doppelbänder und füllten den Raum dazwischen mit einem Seitenschild, und das aus gutem Grund. Die feindlichen Sensoren waren vielleicht in der Lage, das äußere Band zu analysieren, aber sie konnten keine genauen Daten über das innere erhalten; deswegen konnte nichts, was sich dahinter befand, anvisiert werden.

»Admiral Hemphill bremst weiterhin stetig ab, Sir.« Captain Lewis, D’Orvilles Stabschef, drang mit der Lagemeldung der Taktischen Abteilung in die Gedanken seines Kommandeurs ein. »Wir sollten in zwanzig Minuten auf Raketenreichweite heran sein.«

»Gibt es Neuigkeiten über das detachierte Geschwader?«

»Vor zwölf Minuten gelang es uns, seinen Funkverkehr abzufangen, Sir. Demnach sind die Schiffe noch weit entfernt und laufen mit Vollbeschleunigung systemeinwärts.«

Lewis’ sorgsam neutraler Ton triefte vor Spott, und D’Orville verbarg ein zustimmendes Lächeln. Sonja würde verdammt übel aussehen, wenn er ihre Hinterseite erst einmal bis zur Hauptwelt zurückgekickt hatte, und genau das würde geschehen, sobald sie versuchte, ihn hier zu stellen, ohne dieses isolierte Dreadnoughtgeschwader dabei zu haben. Sie hätte vor ihm davonlaufen sollen, bis das Geschwader zu ihrer Hauptmacht stieß, und ihn nicht so früh stellen dürfen. Zumindest erklärte die Abwesenheit des Geschwaders Hemphills Kurs. Sie zog sich nicht in Richtung der Planeten zurück, die sie schützen sollte, weil sie ihre Streitmacht auf diese Weise am schnellsten mit den Schiffen vereinen konnte, die mit zum Tanz zu bringen sie vergessen hatte. D’Orville war ein wenig traurig und versucht, Hemphill zu ignorieren und direkt auf sein Einsatzziel zuzuhalten. Es wäre sicherlich höchst befriedigend, einen ›Atomschlag‹ gegen Manticore zu führen, ohne dass Hemphill auch nur einen einzigen Schuss zur Verteidigung des Planeten abfeuern konnte. Doch D’Orvilles Einsatzziel war die Eroberung der Hauptwelt, nicht ihre überraschende Vernichtung. Außerdem würde kein Taktiker, der seine Goldtressen verdient hatte, auf die Gelegenheit verzichten, zwei Drittel der gegnerischen Gesamtstreitmacht Schiff für Schiff zu zerstören. Ganz besonders nicht in einem der seltenen Fälle, in denen der Gegner nicht zurückweichen konnte, ohne ein Ziel aufzugeben, das er um jeden Preis halten musste.

»Ist unsere Formation aufgebaut?«

»Jawohl, Sir. Die Aufklärer fallen im Moment hinter den Wall zurück.«

»Sehr gut.«

D’Orville konzentrierte sich auf den riesigen Taktiktank und überprüfte reflexartig Lewis’ Bericht. Seine Großkampfschiffe waren ausgeschwärmt, um den klassischen ›Schlachtwall‹ aufzubauen, in dem sie in Kiellinie und senkrecht dazu in einer Formation ›gestapelt‹ waren, die nur ein Schiff dick war und so dicht, wie es die Impellerkeile erlaubten. Es war keine besonders leicht zu manövrierende Anordnung, doch sie gestattete maximales Breitseitenfeuer. Da Schiffe genauso wenig durch ihre eigenen Impellerkeile feuern konnten wie der Gegner, war der Schlachtwall der einzig praktikable Weg, Breitseitenfeuer zu ermöglichen.

D’Orville verglich das Chronometer mit der taktischen Darstellung. Noch siebzehn Minuten bis zur äußersten Raketenreichweite.

Die ersten Raketen wurden abgefeuert, als die Entfernung der beiden Flottenverbände die äußerste Lenkwaffenreichweite unterschritt. Nicht viele Raketen – die Trefferchancen waren auf diese Entfernung gering, und selbst an Bord von Großkampfschiffen war der Vorrat nicht unendlich –, doch genug, um die Gegenseite zu beschäftigen.

Und genug, um jedem guten Freiheitler oder Progressiven die Galle hochkommen zu lassen, dachte Honor, als sie die Projektile davonrasen sah. Jedes dieser Geschosse maßte knapp unter fünfundsiebzig Tonnen und kostete ohne Gefechtsköpfe und Seitenschildbrecher fast eine Million manticoranische Dollars. Niemand war dumm genug, in einem Manöver Waffen zu benutzen, die tatsächlich durchkommen und ihr Ziel beschädigen konnten, doch die Flotte hatte starrsinnig allem politischen Druck widerstanden, Übungen mit echtem Gerät aufzugeben. Computersimulationen waren wertvoll, daran bestand kein Zweifel, und so verbrachten alle Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften sämtlicher Abteilungen lange, oft furchtbare Stunden in den Simulatoren. Trotzdem waren Schießübungen mit echten Lenkwaffen die einzige Möglichkeit herauszufinden, ob das Gerät auch wirklich funktionierte. Und ganz egal, wie teuer sie waren: Schießübungen mit echtem Gerät lehrten die Raketenbedienungen Dinge, die in keinem Simulator vorkamen.

Honor hatte vollkommen andere Sorgen, als Admiral D’Orville auf sie zuraste, und Sorgen machte sie sich, denn Honor war nicht gerade die beste Mathematikerin in den Reihen der RMN. Trotz aller Begabungstests, die regelmäßig bescheinigten, dass sie eine herausragende Rechenkünstlerin sei, hatten sich bereits auf der Akademie ihre Noten standhaft geweigert, diesem Potential gerecht zu werden. Tatsächlich wäre sie im Dritten Jahr beinahe in Multidimensionaler Mathematik durchgefallen, und obwohl ihr Gesamtabschlussergebnis innerhalb der besten zehn Prozent lag, tat sie sich peinlicherweise dadurch hervor, in Mathematik an zweihundertsiebenunddreißigster Stelle abzuschließen – in einem zweihunderteinundvierzigköpfigen Jahrgang.

Honors Mathematiknoten hatten zu dieser Zeit nicht gerade zu ihrem Selbstvertrauen beigetragen – und ihre Ausbilder in den Wahnsinn getrieben. Die Lehrer hatten gewusst, dass sie mit Mathematik umgehen konnte. Die Begabungstests ließen daran keinen Zweifel, ihre Ergebnisse im Taktischen Simulator sprengten den Rahmen nach oben – nicht gerade ein Anzeichen für eine mathematisch Behinderte –, und ihre Ergebnisse im Manövrieren waren ebenfalls gut. Honor besaß eine wache Kinästhesie, sie konnte dreidimensionale Abfangvektoren mit mehreren Objekten im Kopf lösen (und zwar genau so lange, wie sie nicht darüber nachdachte, was sie tat) – und nichts davon hatte sich in ihren Noten für angewandte Mathematik widergespiegelt. Der Einzige, den das niemals gestört hatte, war Admiral Courvosier gewesen – damals noch Captain Courvosier. Er hatte sie gepiesackt, bis sie an sich selbst glaubte, ganz egal, was die Noten behaupteten. Solange Honor ein Echtzeitmanöver in der realen Welt auszuführen hatte, war alles in Ordnung, doch selbst heute noch war sie eine lausige Astrogatorin – und allein der Gedanke an Mathematikklausuren bescherte ihr Albträume. Das war auch der Grund für ihre derzeitige, mühsam kaschierte Aufregung. Sie hatte zu viel Zeit gehabt, über das bevorstehende Manöver nachzudenken.

Dennoch handelte es sich hier kaum um einen Fall von Hyperraumnavigation, erinnerte sie sich und versuchte sich zusammenzureißen. Nur vier einfache Dimensionen, Sir Isaac Newton wäre damit zurechtgekommen, und wenn das Manöver unvorbereitet auf sie zugekommen wäre, hätte es ihr wahrscheinlich gar nichts ausgemacht. Wenn sie in solch eine Situation kam, machte sie sich keine Sorgen – sie reagierte einfach so, wie Admiral Courvosier es ihr beigebracht hatte, vertraute auf die Fähigkeiten, die sie mit dem Verstand nicht genau erfassen konnte, und erinnerte sich an ihre ununterbrochene Notenfolge von ›Ausgezeichnet‹ und ›Überragend‹ in Taktik, die schließlich auch die kritischsten Zweifler auf der Akademie überzeugt hatten.

Doch diesmal hatte sie genügend Zeit, um sich vorher über die Wenns und Abers den Kopf zu zerbrechen. Es half nicht besonders, dass sie sich – wahrheitsgemäß – einredete, nur die Annäherungsgeschwindigkeit der Aggressoren mache das Manöver zeitkritisch. Leutnant Venizelos, der Taktische Offizier, hatte die Rechnung fünfmal durchgeführt, und Leutnant Commander McKeon hatte seine Ergebnisse überprüft. Und Honor hatte sich dazu durchgerungen, McKeons Berechnungen in der Abgeschiedenheit ihrer Kabine ein Dutzend mal unter die Lupe zu nehmen. Jetzt beobachtete sie, wie das Chronometer die letzten Sekunden rasend schnell herunterzählte, und überprüfte noch einmal das Display mit dem Maschinenzustand.

Alles im grünen Bereich.

»Wissen Sie, Sir«, murmelte Captain Lewis, »irgendetwas stimmt da nicht.«

»Was stimmt nicht?«, fragte D’Orville geistesabwesend und betrachtete dabei die Raketenspuren, die auf Hemphills Schlachtwall zurasten.

»Ihr Abwehrfeuer ist zu schwach«, antwortete Lewis und runzelte die Stirn über seinen Displays, »und punktuell gestreut, nicht konzentriert.«

»Hm?« D’Orville drehte den Kopf, um einen Blick auf die Zieldarstellungen an der Taktischen Station zu werfen, und zog nun selbst die Stirn kraus. Lewis hatte recht. Sonja war eine Verfechterin des massierten, konzentrierten Beschusses – wenn man D’Orville fragte, eine ihrer wenigen taktischen Tugenden. Angesichts ihrer zahlenmäßigen Unterlegenheit sollte sie das Feuer auf die Angreifer abregnen lassen in der Hoffnung, ein paar der Schiffe durch Glückstreffer zu vernichten. Aber eben das tat sie nicht, und fragend zogen sich die Augenbrauen des Admirals zusammen.

»Sind Sie sicher, dass Sie ihr detachiertes Geschwader geortet haben?«, fragte er nach kurzem Schweigen.

»Daran habe ich selbst schon gedacht, Sir. Ich bin sicher, dass unsere Ortung korrekt war, doch was, wenn das sendende Schiff allein dort draußen war? Glauben Sie, sie will uns in eine Falle locken?«

»Ich weiß es nicht.« D’Orville rieb sich das Kinn und verstärkte sein Stirnrunzeln. »Das sähe ihr überhaupt nicht ähnlich. Grimaldi könnte sie dazu überredet haben. Riskant wäre es trotzdem. Sie müsste dazu alle ›unsichtbaren‹ Schiffe auf dem gleichen Basisvektor im freien Fall lassen.

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