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HONOR HARRINGTON: Auf Biegen und Brechen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Sternenkarte
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
  19. 13
  20. 14
  21. 15
  22. 16
  23. 17
  24. 18
  25. 19
  26. 20
  27. 21
  28. 22
  29. 23
  30. 24
  31. 25
  32. 26
  33. 27
  34. 28
  35. 29
  36. 30
  37. 31
  38. 32
  39. 33
  40. 34
  41. 35
  42. 36
  43. 37
  44. Ein Nachwort
  45. Glossar
  46. Personen der Handlung

Über den Autor

David Weber ist ein Phänomen: Ungeheuer produktiv (er hat zahlreiche Fantasy- und Science-Fiction-Romane geschrieben), erlangte er Popularität mit der HONOR-HARRINGTON-Reihe, die inzwischen nicht nur in den USA zu den bestverkauften SF-Serien zählt. David Weber wird gerne mit C. S. Forester verglichen, aber auch mit Autoren wie Heinlein und Asimov. Er lebt heute mit seiner Familie in South Carolina.

Für

Richard Andrew Earnshaw

1951 – 2005

Nach vierzig Jahren, die wir zusammen gelacht,

geliebt und geweint haben, fällt das Loslassen schwer.

Aber es ist Zeit.

Also fliege, Richard.

Wo immer du bist,

Wohin Gott dich auch führt,

Fliege hoch.

Du warst mir teuer.

Und für Edward Ormondroyd,

Lieferant prächtiger Wunder für die Jugend,

in tiefem Dank.

Karte

1

»Wir haben unsere bisherigen Kriterien zur Zielauswahl und Angriffsstärke überdacht«, sagte Andrea Jaruwalski und blickte im Flaggbesprechungsraum in die Runde.

An der Einsatzbesprechung nahmen sämtliche Divisionskommandeure der Achten Flotte elektronisch teil, und jeder von ihnen hatte in dem riesigen Holodisplay, das über dem Konferenztisch schwebte, einen eigenen Ausschnitt. Die Chefs der Geschwader und Kampfverbände und Scotty Tremaine, in seiner Eigenschaft als dienstältester COLAC der Achten Flotte waren physisch anwesend. Selbst jetzt, fast drei Tage nach dem Massaker auf der Flaggbrücke, spürte Honor noch die Nachwirkungen des Schocks – den innigen Wunsch, nicht glauben zu müssen, was geschehen war. Doch die Erinnerungen ließen sich einfach nicht abschütteln.

»In dieser Hinsicht«, fuhr Jaruwalski fort, die ihrem persönlichen Schmerz durch forsche Professionalität zu entkommen suchte, »stimmen Commander Reynolds und ich mit Ihrer Hoheit überein. Haven hat begonnen, auf Raupenfraß Eins und Zwo zu reagieren. Worin diese Reaktionen bestehen, können wir nicht vorhersehen. Wir wissen natürlich, welche Reaktion wir uns vom Gegner wünschen. Doch selbst wenn wir Haven erfolgreich dazu bewegen könnten, das zu tun, was die Admiralität wünscht, hätte die Situation für die Achte Flotte dennoch definitiv eine Schattenseite. Genauer gesagt werden unsere Ziele gefährlicher. Ob wir es nun einfach mit verbesserter Doktrin zu tun bekommen – wie zum Beispiel im Chantilly-System – oder einer Neuverteilung von Kampfkraft, Haven wird in jedem Fall dafür sorgen, dass die nächsten Einsätze für uns keine Spaziergänge werden.

Infolgedessen kürzen wir unsere Zielliste für Raupenfraß Drei auf nur zwo Sonnensysteme zusammen: Lorn und Solon. Admiral Truman befehligt den Angriff auf Lorn, Ihre Hoheit den Schlag gegen Solon. Jeder Angriffsverband erhält ein Trägergeschwader, und die Schweren Kreuzer und Schlachtkreuzer werden schwesterlich geteilt.«

Sie hielt inne, blickte auf und musterte die Gesichter ihrer Zuhörer, ob stofflich oder elektronisch, dann fuhr sie fort.

»Auch ohne jede präventive Neuverteilung der havenitischen Kräfte sind beide Sonnensysteme wahrscheinlich erheblich stärker verteidigt als unsere bisherigen Angriffsziele. Lorn etwa ist eine relativ wichtige Ausweichwerft der RHN. Dort wird zwar nicht gefertigt, aber sehr viel umgerüstet; allerdings ist die Werft vor allem auf Einheiten ausgelegt, die kleiner sind als Wallschiffe. Wir wissen von früheren Aufklärungsvorstößen, dass Lorn recht stark in die Programme zum Bau der neuen havenitischen LACs eingebunden ist. Deswegen erwarten wir mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit, zumindest auf leichte und mittelschwere Kampfschiffe in nicht zu vernachlässigenden Zahlen zu treffen.

Solon ist weniger direkt am Bau oder der Wartung havenitischer Flottenschiffe beteiligt. Allerdings ist das System erheblich dichter bevölkert als alle, die wir bisher angegriffen haben. Nach den letzten Volkszählungsdaten, die uns zur Verfügung stehen, beträgt die Population mehr als zwo Milliarden Menschen, und die Wirtschaftskraft des Systems bildete selbst vor Pierres Staatsstreich einen der wenigen Lichtblicke für Haven. Aus unserer Sicht ist das System daher besonders wertvoll, denn ein erfolgreicher Angriff dürfte erheblichen politischen Druck auf Theisman erzeugen, schwere Einheiten für die Heimatverteidigung abzustellen. Außerdem würde Haven den wirtschaftlichen Schaden, der durch die Vernichtung der Infrastruktur im Solon-System entstünde, deutlich spüren. Alles zusammengenommen bedeutet es natürlich, dass Solon schwerer verteidigt sein wird als die weniger dicht bevölkerten Systeme, die wir bisher angegriffen haben.«

Sie unterbrach sich wieder und überflog die Notizen auf ihrem eigenen Display, dann sah sie wieder auf.

»Damit wäre die Übersicht abgeschlossen, Hoheit. Möchten Sie lieber die Punkte diskutieren, die bereits angesprochen wurden, oder würden Sie es vorziehen, wenn ich mit der systematischen Einsatzbesprechung begänne?«

»Ich glaube, wir fangen damit an, dass wir nachfragen, ob jemand Ihre Ausführungen kommentieren möchte«, antwortete Honor.

Nun blickte sie in die Runde, auf leibhaftige und elektronische Gesichter, und sie lächelte trotz ihrer Erschöpfung und des schmerzlichen Bewusstseins der leeren Flecke hinter ihr, die eigentlich Simon Mattingly und Timothy Meares hätten einnehmen sollen.

»Wer will den ersten Ball ins Spiel bringen?«, fragte sie.

In der Stille klang der Summer des Intercoms erschreckend laut.

Honor setzte sich rasch auf, fuhr sich mit der rechten Hand über die Augen und verzog das Gesicht, als sie die Zeitanzeige des linken Auges aufrief. Kaum fünfzig Minuten lang hatte sie sich auf der Liege ausgestreckt, und nach dem bisschen Schlaf, in den sie gefallen war, fühlte sie sich eher noch stärker gerädert als vorher.

Das Intercom summte wieder, und sie rappelte sich auf und ging hinüber.

»Mac«, sagte sie mit ungewohnter Heftigkeit, »ich dachte, ich hätte gesagt-«

»Es tut mir schrecklich leid, Ma’am«, unterbrach MacGuiness sie. »Ich weiß, dass Sie vor dem Abendessen nicht gestört werden wollten. Es ist jedoch jemand hier, den Sie empfangen sollten.«

»Mac«, sagte sie wieder, ohne die vorherige untypische Hitzigkeit, aber müde, »solange es kein Notfall ist, möchte ich wirklich niemanden sehen. Kann Mercedes sich nicht um die Sache kümmern?«

»Ich fürchte, nein, Ma’am«, erwiderte MacGuiness. »Er kommt direkt von der Admiralität und hat ausdrücklich darum ersucht, Sie persönlich zu sprechen.«

»Oh.«

Honor straffte den Rücken und atmete tief durch. Es war gerade genug Zeit verstrichen, dass ihre erbitterten Kommentare zu Mandel die Admiralität erreicht und eine Reaktion hervorgerufen haben konnten. Und dass man jemanden gesandt hatte, um diese Reaktion persönlich zu überbringen, war ein Hinweis, dass Admiral Givens und das JAG-Corps vielleicht nicht sehr glücklich waren mit Honors Verhalten.

Na, so ein Pech aber auch, dachte sie grimmig. Ich bin Admiral, Flottenchefin, Herzogin und Gutsherrin. Dieser Fall ist zu wichtig, um durch Engstirnigkeit in den Sand gesetzt zu werden, und diesmal werden die maßgeblichen Stellen verdammt noch mal Rücksicht auf mich nehmen!

Der Zorn in ihren Gedanken erstaunte sie ein wenig. Sie fragte sich – nicht zum ersten Mal –, wie viel von diesem Zorn ihren Schuldgefühlen entsprang. Doch das spielte keine Rolle. Nicht wenn sie unerschütterlich sicher war zu wissen, was man Timothy Meares angetan hatte.

»Also gut, Mac«, sagte sie schließlich, »geben Sie mir zwo Minuten, dann können Sie ihn reinschicken.«

»Jawohl, Ma’am.«

Honor schaltete das Intercom ab, nahm ihre Uniformjacke auf, zog sie sich über, schloss sie und blickte in den Spiegel am Schott. Sie zuckte mit den Schultern, damit sich die Jacke richtete, und fuhr sich mit der rechten Hand leicht übers Haar. Das Haar reichte ihr nun halb bis zu den Hüften, wenn sie es offen trug, aber sie hatte die straffen, enggeschlungenen Zöpfe für das allzu kurze Nickerchen nicht gelöst, und sie nickte zufrieden. Die leichte Anspannung rings um ihre Augen hätte jemandem, der sie sehr gut kannte, verraten, wie müde sie tatsächlich war, aber sie fand an ihrer äußeren Erscheinung nichts auszusetzen.

Sie blickte Nimitz an, aber der ’Kater hatte sich auf seine Schlafstange drapiert und schlummerte fest. Sie spürte ihn im Hinterkopf, so wie er sich auch im tiefsten Schlaf, wie sie wusste, ihrer stets wenigstens am Rande bewusst war. Sie weckte ihn nicht. Er war genauso erschöpft wie sie, und auch ihn beschäftigte nach wie vor die Trauer um zwei verlorene enge Freunde.

Simon Mattinglys Begräbnis hatte geholfen … ein wenig. Es hatte zumindest ein wenig Katharsis gebracht, doch zugleich hatte Honor nur umso deutlicher gespürt, wie weit er sich von seiner Heimatwelt entfernt hatte, nur um zu sterben. Für den Gottesdienst hatte sie sich Bruder Hendricks ausgeborgt, den Feldgeistlichen eines graysonitischen LAC-Geschwaders unter Alice Truman. Aus schmerzlicher Erfahrung wusste sie, dass die graysonitische Tradition verlangte, einen Waffenträger dort zu bestatten, wo er gefallen war, und während des kurzen Militärbegräbnisses standen Andrew LaFollet und Spencer Hawke steif wie die Ladestöcke hinter ihr. Danach trugen sie, Alistair McKeon, Michelle Henke und James MacGuiness den mit der Flagge des Gutes von Harrington verhüllten Sarg zur wartenden Luftschleuse.

Die beiden Waffenträger standen wieder in steifer Habtachtstellung hinter ihr, während die innere Luke der Luftschleuse sich schloss. Dann ergriff Bruder Hendricks leise das Wort.

»In die Hände des Allmächtigen Gottes empfehlen wir die Seele unseres dahingeschiedenen Bruders und übergeben seinen Leib dem endlosen Meer des Weltalls in der sicheren Hoffnung in die Auferstehung zum Ewigen Leben durch den Fürbitter, unseren Herrn Jesus Christus, bei dessen Ankunft, um zu richten in glorreicher Majestät über das Universum, es seine Toten aufgeben muss und die vergänglichen Leiber jener, die in Ihm schlafen, verändert werden sollen durch Seine mächtigen Werke, mit denen Er alles nach Seinem Ebenbild schaffen kann, auf dass sie seien wie Sein rühmlicher Leib. Amen.«

Honor hatte die Hand ausgestreckt, während er sprach, und drückte beim letzten Wort den Knopf neben der Luke. Die Luftschleuse warf Simon Mattinglys Sarg aus. Der kleine Reaktionsantrieb aktivierte sich, als er sich hinreichend vom Schiff entfernt hatte, drehte den Sarg und brachte ihn auf einen Kurs, der im fernen Fusionsofen von Trevors Stern enden würde, und Honor hatte das Gefühl gehabt, dass ihr Herz mit auf die Reise ging.

Vielleicht wäre sie später in der Lage, Trost aus den alten Worten des Abschieds zu ziehen. Und gewiss, wenn je ein Mann gelebt und die Prüfung seines Lebens bestanden hatte, so Simon Mattingly. Aber, ach, sie vermisste ihn so sehr.

Sie atmete wieder tief durch, ging an den Schreibtisch und setzte sich dahinter. Dann schaltete sie das Terminal ein, damit es so aussah, als befasse sie sich mit einem Dokument, und wartete.

Genau einhundertzwanzig Sekunden nach dem Augenblick, in dem sie ihm den Befehl erteilt hatte, öffnete MacGuiness die Luke.

»Hoheit«, sagte er, »Sie haben einen Gast.«

Seine Stimme klang eigenartig, seine Gefühle schmeckten noch merkwürdiger, und Honor blickte scharf auf.

»Hallo, Honor«, sagte ihr Besucher, und sie schoss von ihrem Sessel hoch.

»Hamish!«

Danach verschwammen ihre Erinnerungen. Sie spürte nur, dass sie plötzlich in seinen Armen lag.

Hinter sich hörte Honor einen dumpfen Aufprall; Samantha war von Hamishs Schulter gesprungen und huschte über den Teppich. Sie schmeckte Nimitz’ Erwachen und sein plötzliches Entzücken, als das Geistesleuchten seiner Partnerin ihn erreichte.

»Hamish«, wiederholte sie leiser, fast verwundert, und ließ den Kopf an seiner Schulter ruhen.

»›Salamander‹, das passt wirklich zu dir.« Hamishs tiefe Stimme klang mehr als nur ein wenig angeschlagen, und der Druck seiner Arme nahm zu. »Verdammt, Frau – kannst du denn nirgendwohin gehen, ohne dass jemand versucht, dich umzubringen?«

»Tut mir leid«, sagte sie, ohne die Augen zu öffnen, während sie seine aufrichtige Besorgnis schmeckte. »Es tut mir leid, aber damit hat niemand rechnen können.«

»Ich weiß, ich weiß.« Er seufzte, und seine Umarmung lockerte sich ein wenig.

Er legte ihr seine Hände auf die Oberarme, hielt sie auf Armeslänge Abstand und blickte ihr in die Augen. Ihre empathischen Fähigkeiten fehlten ihm, aber erneut schmeckte sie den Widerhall einer Baumkatzenbindung zwischen ihnen, und sie wusste, dass sie ihre innersten Empfindungen genauso wenig vor ihm verbergen konnte wie umgekehrt er vor ihr.

»Arme Honor«, sagte er dann. »Liebste, als wir die erste Nachricht erhielten, da waren Emily und ich …« Er verstummte und schüttelte heftig den Kopf. »Sagen wir einfach, wir haben es nicht gut aufgenommen. Ich wollte auf der Stelle persönlich herkommen, aber ich fürchtete mich vor der Aufmerksamkeit, die das vielleicht auf sich gezogen hätte. Aber dann hast du Mandel gefeuert, und ich entschied, zum Teufel mit der Aufmerksamkeit, die es erregt. Ich kenne dich, Honor. Du hättest ihn niemals so hart niedergeknüppelt, wenn er sich nicht wie ein vollkommener, hoffnungsloser Idiot verhalten hätte und du keine alles überragende Notwendigkeit empfunden hättest, ihn durch jemand Kompetentes zu ersetzen – andernfalls hättest du wirklich sehr schwer trauern müssen. In beiden Fällen musste ich hierherkommen.«

»Ich glaube, es war ein wenig von beidem«, gab sie zu, trat zurück und hakte sich bei ihm ein. Sie zog ihn durch die Kabine, und sie nahmen Seite an Seite auf der Couch Platz. Behaglich lehnten sie sich aneinander.

»Ich trauere sehr«, sagte sie leise. »Nicht nur um Simon. In gewisser Hinsicht nicht einmal hauptsächlich um ihn. Tim …«

Sie verstummte und biss sich auf die Lippe. Ihr Blick verschwamm, und sie erinnerte sich, wie vehement sie Mercedes Brighams Vorschlag zurückgewiesen hatte, darüber nachzudenken, wie sie die Lücke in ihrem Stab füllen wollte, die Meares’ Tod hinterlassen hatte. Kein Admiral war jedoch gezwungen, sich einen Flaggleutnant zu nehmen, und Honor weigerte sich, Timothy Meares zu ersetzen. Es war vielleicht nicht die vernünftigste Entscheidung, die sie je getroffen hatte, aber sie hatte nicht die Absicht, es sich noch einmal zu überlegen.

»Ich trauere«, wiederholte sie. »Und so wird es noch lange bleiben. Aber ich glaube, mein Verhalten ist weitgehend darauf zurückzuführen, dass sich Mandel wie ein eckiger Stift benahm, der in ein rundes Loch wollte.«

»Wegen des Tons deiner Depeschen – und offen gesagt auch seines Berichts an Pat Givens – habe ich mir so etwas schon gedacht«, sagte er. »Allerdings weiß ich auch, dass Mandel wirklich einen guten Ruf als tüchtiger Ermittler hat.«

»Das bezweifle ich auch nicht«, sagte sie. »Ja, wenn ich ganz ehrlich bin, was ich eigentlich gar nicht sein möchte, dann stelle ich mir vor, dass er sich wirklich gut auf seine Arbeit versteht – unter normaleren Umständen. Aber in diesem Fall ist er einfach nicht der richtige Mann. Vielleicht ist er zu erfahren. Es ist, als … als hätte er Scheuklappen. Er weiß, was er weiß, und darauf konzentriert er sich und erledigt seine Aufgabe ohne irgendwelche Ablenkungen durch Amateure, die sowieso nichts von einer kriminalistischen Untersuchung verstehen.«

Hamish zog eine Augenbraue hoch, wie er sie so reden hörte.

»Du bist wirklich sauer auf ihn«, stellte er fest.

»Ich bin enttäuscht«, verbesserte sie ihn. »Na gut, und vielleicht auch sauer, weil er mich so enttäuscht hat. Aber er wollte mir nicht glauben, dass Tim unter irgendeinem Einfluss stand, und er war auch nicht bereit zu glauben, dass Nimitz’ Verstand ausreicht, um zu erfassen, was vor sich geht – vorausgesetzt, eine ’Katz hat wirklich überhaupt irgendwelche telepathische Fähigkeiten –, oder irgendetwas Vernünftiges mitzuteilen.«

»Himmel, er hat aber auch kein Fettnäpfchen ausgelassen, was?«

»Kaum«, gab sie zu und lächelte schwach über den Humor in seiner Stimme. »Aber er war völlig auf den Gedanken fixiert, mein Schuldgefühl brächte mich dazu, nur das Beste von Tim zu glauben. Er war nicht bereit sich anzuhören, was ich ihm über den wirklichen Ablauf sagen wollte. Und er hätte es sich auch niemals anders überlegt. Das wusste ich genau.«

Sie klopfte sich mit dem Zeigefinger leicht an die Stirn und zog ein schiefes Gesicht, und er nickte.

»Dachte ich es mir doch gleich. Und nach allem, was du erzählst, wolltest du ihm wohl nicht sagen, dass du es warst, die gespürt hat, was geschah?«

Honor schnaubte nur, und er lachte ohne große Heiterkeit in sich hinein.

»Offen gesagt, ich bin ganz froh, dass es du es gelassen hast. Mir wäre es lieber, wenn du deine kleine Fähigkeit so lange in Reserve hältst, wie es nur geht. Die Leute sollen ruhig denken, dass Nimitz für die Empathie verantwortlich ist. Es schadet nie, in mancher Hinsicht unterschätzt zu werden.«

»Ich weiß. Ganz zu schweigen davon, dass ich es nicht gern hätte, wenn die Leute mich für eine Gedanken lesende, in ihre Privatsphäre eindringende Missgeburt hielten.«

»Hm.«

Hamish sah einige Augenblicke ins Leere, dann schaute er sie wieder an.

»Ich bezweifle nichts von dem, was du sagst«, versicherte er ihr, »aber ich muss dir schon sagen, ich habe mir die gleiche Aufnahme der Brückenüberwachung angesehen.« Sein Gesicht wurde hart. »Ich hatte dabei eine Höllenangst, obwohl ich schon wusste, dass dir nichts passiert war, ehe sie es mir zum ersten Mal zeigten.«

Er schüttelte den Kopf, und eine Sekunde lang traten seine Kiefermuskeln hervor. Honor umarmte und drückte ihn.

»Was ich eigentlich sagen wollte«, fuhr er nach einigen Herzschlägen mit normalerer Stimme fort, »ich habe gesehen, was passiert ist, und ich begreife, wieso jemand, der deine Fähigkeiten nicht kennt, kaum glauben kann, dass Lieutenant Meares sich von der eigenen Tat abhalten wollte. Er hat sich so schnell bewegt, Honor. So geschickt. Als hätte er nicht nur geplant, was er tun wollte, sondern es auch vorher eingeübt. Ich weiß nicht, ob dir immer klar ist, wie schnell deine Reflexe wirklich sind, aber du hast ihn nur einen Sekundenbruchteil früher getötet, als er dich getötet hätte. Und ich glaube nicht, dass irgendjemand sonst dazu imstande gewesen wäre, Trickfinger hin oder her.«

Honor blickte auf ihren Handschuh.

»Ich weiß, dass es schnell ging«, sagte sie. »Wenn ich nur einen Sekundenbruchteil mehr gehabt hätte – wenn ich mehr hätte tun können, als nur Simons Namen zu rufen –, dann hätten wir vielleicht …«

Sie verstummte und zwang sich zum Durchatmen.

»Ich werde mich immer fragen, ob es besser gewesen wäre, nicht zu rufen«, sagte sie und gab vor Hamish etwas zu, bei dem sie sich nicht sicher war, ob sie es allein vor sich hätte zugeben können. »Habe ich ihn abgelenkt? Habe ich ihn bewegt, in meine Richtung zu schauen, genau in die falsche Richtung also, während er sonst vielleicht etwas gesehen, etwas bemerkt hätte?« Sie sah Hamish in die Augen. »Habe ich seinen Tod verschuldet?«

»Nein.« Hamish schüttelte bestimmt den Kopf. »Ja, du hast ihn vielleicht abgelenkt, aber wovon? Von einem jungen Mann, den er schon tausendmal in die Flaggbrücke hat treten sehen, mit völlig legitimer Absicht?« Er schüttelte wieder den Kopf. »Nicht einmal ein graysonitischer Waffenträger hätte so etwas erwarten können, Liebes.«

»Aber er war mein Freund«, flüsterte Honor. »Ich … er hat mir etwas bedeutet.«

»Das weiß ich.«

Nun drückte Hamish sie, und sie ergab sich seiner Umarmung.

»Dennoch«, fuhr er fort, »deutet mir der Umstand, dass du so wenig Zeit zum Reagieren hattest, Verschiedenes an.«

»Zum Beispiel?«

»Erstens, dass er auf keinen Fall ein havenitischer Agent sein konnte. Das hätte er vor dir – oder vor Nimitz – niemals so lange verbergen können. Zwotens, dass er, was immer mit ihm geschehen ist, jedenfalls nicht psychojustiert war.«

»Wieso das denn nicht? Ich meine, wie kannst du dir da so sicher sein?«

»Zum Teil, weil Mandel, egal wie stur du ihn findest, recht hatte. Eine Justierung braucht Zeit – viel Zeit, auch bei jemandem ohne die Sicherheitssperren, die bei Offizieren zum Standard gehören. Zum Teil aber auch, weil jemand, der justiert wurde, sich dessen gewahr ist. Auf irgendeiner Ebene weiß er, dass er nicht vollkommen Herr dessen ist, was er tut. Ich habe deshalb mit Samantha sogar einen raschen Abstecher zum Haus deiner Eltern auf Sphinx gemacht und mich bei den Sagen-Künderinnen des Clans vom Hellen Wasser nach dem versuchten Anschlag auf Königin Adrienne erkundigt.«

»Weißt du, das hatte ich vollkommen vergessen«, sagte Honor mit bekümmerter Stimme.

»Du hast viel Stress gehabt«, entgegnete Hamish. »Aber Samantha hat das Sagenlied der ganzen Episode zu hören bekommen. Sie sagt, dass der Attentäter schon in dem Augenblick, in dem er in Dianchects geistige Reichweite kam, genau wusste, was mit ihm geschah. Es war keineswegs so, als … wäre ein Schalter umgelegt worden. Dianchect hat ihn entdeckt, ehe er in Sichtkontakt zu der Kronprinzessin kam, und er wusste in der gleichen Sekunde, in dem er das Geistesleuchten des Attentäters schmeckte, dass etwas furchtbar falsch war. Das ist hier nicht der Fall gewesen.«

»Nein, das nicht«, stimmte Honor zu. »Als Tim durch die Luke kam, war er bester Stimmung. Alles war normal, ganz wie immer. Und dann plötzlich riss er Simons Pulser an sich.«

»Also ist er nicht justiert gewesen«, sagte Hamish nachdenklich, »sondern er war programmiert.«

»So kann man es wohl ausdrücken. Aber wie kann das zuwege gebracht worden sein?« Honor schüttelte den Kopf. »Deshalb denke ich immer wieder daran zurück. Wie in Gottes Namen könnte jemand einen anderen Menschen auf diese Weise programmieren, ohne dass dieser sich auch nur gewahr ist, dass es geschah?«

»Die Antwort darauf kenne ich nicht«, sagte Hamish grimmig, »aber hier ist noch eine Frage: Wieso ist es jetzt passiert? Wieso nicht früher?«

»Du willst damit sagen, dass man ihn während seines letzten Ausflugs nach Manticore programmiert hat, wie auch immer es vonstatten ging?«

»Vermutlich, aber das CID hat seinen gesamten Besuch aufs Genauste unter die Lupe genommen, ohne irgendetwas Ungewöhnliches zu finden. Und davon mal ganz abgesehen, warum dann und dort? Warum nicht bei einer Stabsbesprechung oder bei einer Einladung zum Abendessen?«

»Vielleicht wegen der Gelegenheit«, erwiderte Honor nachdenklich. Als er sie anblickte, zuckte sie mit den Schultern. »Ich glaube, das war das erste Mal, dass er mit mir und nur einem Waffenträger zusammen war. Oder zumindest, dass nur ein Waffenträger dabei war, dem er sich aus gutem Grund auf Armeslänge so natürlich nähern konnte, dass selbst ein graysonitischer Waffenträger daran nichts ungewöhnlich gefunden hätte.«

»Und warum wäre das wichtig?«

»Weil«, sagte sie grimmig, »meine Waffenträger die einzigen ständig bewaffneten Personen in meiner Nähe sind. Um mich zu töten, brauchte er zunächst eine Waffe, und dann musste er meine Leibwache … ausschalten. Indem er Simon die Waffe abnahm, konnte er beide Ziele gleichzeitig erreichen.«

»Verstehe.« Hamish runzelte die Stirn, dann zuckte er die Achseln. »Du könntest auf der richtigen Fährte sein. Ich weiß es nicht. Ich weiß aber, wo etwas Ähnliches schon einmal geschehen ist.«

»Wo etwas Ähnlich … Ach! Oberstleutnant Hofschulte!«

»Genau. Pat Givens hat bereits eine Depesche an die Andermaner gesandt, in der sie um sämtliche Akten im Fall Hofschulte bittet, weil es sich sehr ähnlich anhört: ein vollkommen vertrauenswürdiger, vollkommen treuer langjähriger Gefolgsmann, der plötzlich überschnappt und versucht, Prinz Huang und dessen gesamte Familie zu ermorden. Wenn ich mich recht erinnere, ist die Möglichkeit einer Justierung sehr genau erwogen worden, aber Hofschulte war nie lange genug außer Sicht, um so etwas zu ermöglichen. Und auch das klingt ganz genau wie bei uns.«

»Aber warum sollte Haven den andermanischen Kronprinzen ermorden lassen?«, fragte Honor verwirrt.

»Das kann ich dir nicht sagen«, gab Hamish zu. »Ich weiß nur, dass der Modus Operandi sehr ähnlich zu sein scheint. Ich könnte mir einige Vorteile denken, die sie jetzt dadurch hätten, wo sie sowohl mit den Andermanern als auch mit uns im Krieg liegen, aber damals?« Er schüttelte den Kopf. »Natürlich hat damals noch die SyS ihre gesamte Geheimdienstmaschine beherrscht. Vielleicht hatte man ein Motiv, das wir aus unserer Perspektive einfach nicht sehen.«

»Das ist nur schwer vorstellbar«, sagte Honor nachdenklich. »Ich frage mich nur …«

»Was fragst du dich?«, erkundigte sich Hamish nach einigen Sekunden.

»Was? Oh!« Honor holte sich in die Gegenwart zurück. »Ich habe mich nur gefragt, ob es vielleicht noch jemanden gibt, jemanden, der eine Technik entwickelt hat, die es ermöglicht, solche Anschläge zu unternehmen, und der sich anheuern lässt?«

»Gut denkbar.« Hamish überlegte. »Sogar sehr gut denkbar. Denn ich könnte mir außer Haven niemanden denken, der sowohl Motiv als auch Ressourcen hätte, um so etwas auszuführen.«

»Ich auch nicht«, stimmte Honor ihm zu, aber ihr Stirnrunzeln verschwand nicht.

Ja, Mordanschläge waren stets eine bevorzugte Taktik der Volksrepublik gewesen, egal ob durch InAb oder SyS ausgeführt. Mit einem Thomas Theisman jedoch hätte sie solche Methoden nicht in Verbindung gebracht. Andererseits kam Eloise Pritchart aus dem havenitischen Widerstand, und ihren Aprilisten waren mehrere Dutzend Ermordungen von Legislaturisten und InAb-Mitarbeitern in Schlüsselpositionen zugeschrieben worden. Und wie immer Honor es sehen wollte, als Kommandeurin der alliierten Flotte, die den Zivilisten wie dem Militär der Republik den größten Schaden zugefügt hatte, war sie eindeutig ein legitimes militärisches Ziel.

Und ein Mordschlag vernichtete einen auch nicht mehr als ein bombengepumpter Röntgenlaser.

»Naja«, sagte Hamish schließlich, »einer der Gründe, weshalb ich hierhergekommen bin, war, dir zu sagen, dass Pat es zu schätzen wüsste, wenn du beim nächsten Mal den Dienstweg bemühen würdest. Aber wenn du Mandel los sein willst, dann wird er abgezogen. Und sie hat mir anvertraut, dass er, wenn er dir zu nahe getreten wäre, statt nur ein Klotzkopf zu sein, sich auf einen langen Fall hätte einstellen können.«

»Nein.« Honor schüttelte den Kopf. »Nein, so sehr meine gehässige Seite das auch gern sehen würde, das Problem war wirklich nur seine … mangelnde Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Hypothesen.«

»Meine Güte, wie diplomatisch du dich ausdrückst«, brummte ihr Ehemann. Dann grinste er schief. »Als Zwotes hat sie gefragt, ob Commander Simon dir genehm ist.«

»Das ist sie. Wegen ihres Namens ist es zwar, als würde ich mir mit dem Finger in der Wunde stochern, aber sie ist aufgeschlossener als Mandel. Ich will nicht sagen, dass sie mir zustimmt – noch nicht jedenfalls –, aber wenigstens schließt sie die Möglichkeit nicht aus. Und sie hat sich auch noch nicht mit einer eigenen Theorie verheiratet. Sie glaubt offenbar, was die Xenologen in den letzten Jahren über Baumkatzen und ihre Fähigkeiten veröffentlicht haben.«

»Gut, dann soll Samantha mit ihr reden. Wahrscheinlich haben wir nicht so viel Glück, dass sie Gebärdensprache lesen kann?«

»Nein, das kann sie nicht.«

»Schade. Wenn das so ist, werde ich wohl dolmetschen müssen.« Hamish zuckte mit den Achseln. »Das könnte ein interessantes Gespräch werden, besonders wenn Samantha ihr von dem Sagenlied über Königin Adrienne erzählt. Und ich kann dabei wenigstens das Gefühl haben, ich unternehme etwas gegen die Dreckskerle, die versucht haben, meine Frau zu ermorden.«

Beim letzten Satz war seine Stimme hart geworden, und sie spürte den Zorn – und die Furcht – dahinter.

»Versucht haben sie es vielleicht, und vielleicht haben sie eine Reihe anderer Menschen tatsächlich ermordet, aber mich nicht, und sie bekommen mich auch nicht«, versprach sie ihm und hob die rechte Hand, um ihn an der Wange zu berühren.

»Nicht durch Attentäter zumindest«, entgegnete Hamish mit einem leicht gezwungenen Lächeln. »Nicht wenn du und dein pelziger Schatten die Augen aufhalten.«

Honor erwiderte sein Lächeln und versteifte sich.

»Das ist es«, sagte sie leise.

»Was ist ›das‹?«, fragte er, als sie nicht augenblicklich weitersprach.

»Nun, wenn es wirklich eine neue Technik für Mordanschläge gibt, die sie bei Tim angewendet haben, ohne dass er lange genug verschwand, um justiert zu werden, dann könnten sie es mit jedem tun. Das heißt, wirklich jeder könnte ein programmierter Mörder sein, ohne es auch nur zu ahnen.«

»Wo wir gerade von Albträumen reden«, brummte Hamish, und Honor nickte grimmig.

»Aber in dem Augenblick, in dem die Programmierung sich einschaltet, weiß man, dass jemand oder etwas einen kontrolliert«, sagte sie, »und keine Baumkatze könnte so etwas übersehen.«

»Wie Vorkoster«, sagte Hamish bedächtig. »Oder Kanarienvögel in Kohlebergwerken auf Alterde.«

»Mehr oder weniger«, stimmte sie zu. »Sehr viel Vorwarnzeit hat man nicht, aber wenigstens etwas. Und wenn die Leibwächter der Zielperson wissen, dass die ’Katz ihnen das Stichwort geben wird, dann könnte das reichen.«

»Der Palastschutz und das Queen’s Own achten nun schon seit Jahrhunderten auf Baumkatzen«, sagte Hamish. »Wenigstens sie hätten dabei kein Problem.«

»Nein, du musst unbedingt Dr. Arif und ihre Kommission einschalten. Genau auf so etwas wartet sie, und sie ist bereits in einer Position, sämtliche Baumkatzenclans zu verständigen, dass Freiwillige gesucht werden. Wir können nicht überall Baumkatzen postieren – es gibt von ihnen nicht genug, auch wenn sie alle bereit oder mental gerüstet sind, mit so vielen Menschen auf solch engem Raum zusammenzuarbeiten –, aber mit ihrer Hilfe können wir wahrscheinlich die meisten der wichtigsten Zielpersonen von Ministerebene aufwärts schützen.«

»Eine ausgezeichnete Idee«, lobte Hamish und lächelte sie auf ganz andere Art an.

»Was ist?«, wollte sie wissen, als sie die plötzliche Verlagerung seiner Gefühle schmeckte und tief in ihr eine angenehme Wärme darauf reagierte.

»Nun«, sagte er und drehte sich auf der Couch zur Seite, damit er ihr Gesicht zwischen die Hände nehmen konnte, »ich kann nun wahrheitsgemäß meinen Mitlords der Admiralität berichten, dass ich meinen offiziellen Anliegen nachgekommen bin, als ich hier draußen war. Nachdem das also erledigt ist, warum kümmern wir uns nicht um ein kleines inoffizielles Anliegen, Ms Alexander-Harrington?«

Und damit küsste er sie.

2

»Also sagen Sie schon, Chef. Sind wir uns sicher, dass es diesmal eine gute Idee ist?«, fragte Captain Molly DeLaney.

Admiral Lester Tourville blickte sie mit angedeutetem Stirnrunzeln an, und sie zuckte die Schultern.

»Ich sage nicht, dass es keine gute Idee wäre«, erklärte seine Stabschefin. »Nur als uns das Oktagon das letzte Mal auf solch eine kleine Mission schickte, lief es gar nicht so gut.«

Die Zeiten haben sich wirklich geändert, reflektierte Tourville. Unter dem alten Regime wäre ein Offizier, der ausgesprochen hätte, was DeLaney gerade gesagt hatte, verhaftet, wegen Defätismus und Verrat am Volke angeklagt und fast mit Sicherheit füsiliert worden – wahrscheinlich innerhalb von weniger als vierundzwanzig Stunden.

Nicht dass sie völlig unrecht hätte, räumte er bei sich ein.

»Doch, Molly«, sagte er jedoch. »Zufällig halte ich es tatsächlich für eine gute Idee. Und«, fügte er mit ganz leichter Betonung hinzu, »was Sie mir wie jetzt unter vier Augen sagen, ist eine Sache.«

»Verstanden, Sir«, erwiderte DeLaney ein wenig förmlicher – aber, wie Tourville zufrieden feststellte, ohne eine Spur von Unterwürfigkeit.

»Ich will aber zugeben«, fuhr der Admiral dann fort, »dass ein Angriff auf ein Ziel wie Sansibar wirklich nichts für schwache Nerven ist, aber wenigstens steht uns diesmal etwas wie angemessene – und zutreffende – operative Aufklärung zur Verfügung. Und vorausgesetzt, unsere Zahlen stimmen, bringen wir diesmal auch einen genügend großen Hammer mit.«

»Das weiß ich«, entgegnete DeLaney, und in ihrem Lächeln lag vielleicht eine Spur von Verlegenheit. »Es ist nur, dass wir beim letzten Mal so komplett mit runtergelassener Hose erwischt worden sind.«

»Das«, gestand Tourville ein, »ist uns gewiss passiert. Diesmal allerdings können wir uns ziemlich sicher sein, dass Honor Harrington woanders ist. Und während ich nicht besonders zum Aberglauben neige, muss ich zugeben, dass ich das für ein gutes Omen halte.«

DeLaney und er tauschten ein Grinsen, das mehr als ein wenig gezwungen wirkte, während sie sich an die Schlacht von Sidemore Station erinnerte. Es war das zweite Mal gewesen, dass Lester Tourville mit Honor Harrington die Klingen gekreuzt hatte. Beim ersten Mal hatten Schiffe unter ihrem Kommando ihr Schiff zusammengeschossen und sie gefangen genommen. Beim zweiten Mal, das gab er offen zu, hatte sie ihm so sehr in den Hintern getreten, dass dieser ihm zwischen die Ohren hüpfte.

Hinter seinem gelassenen Gesichtsausdruck verbarg sich ein innerliches Schaudern, das ihn befiel, wann immer er an den Albtraum im Marsh-System zurückdachte. Vierhundert Lichtjahre von der Heimat entfernt mit einer Flotte unter seinem Kommando, die eigentlich einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem unvorbereiteten, ahnungslosen Gegner haben sollte. Er hatte aber entdecken müssen, dass sein Gegner alles andere als ahnungslos war – und tatsächlich sehr gut vorbereitet.

Als Harrington ihre Falle zuschnappen ließ, rechnete Tourville zunächst nicht damit, noch zu entkommen. Dennoch gelang es ihm, beinahe ein Drittel seiner Schiffe herauszuholen. Was natürlich nur eine andere Formulierung dafür darstellte, dass er mehr als zwei Drittel seiner Flotte verlor. Und er hätte alle verloren, hätte Shannon Forakers Verteidigungsdoktrin nicht so gut funktioniert. Die meisten Schiffe, die er retten konnte, waren schwer angeschlagen, und obwohl er in den Tiefen des Hyperraums alle Verfolger abschütteln konnte, war die Heimreise ein ganz eigener Albtraum gewesen. Durch die Schäden auf die Delta-Bänder beschränkt, war die maximale Scheingeschwindigkeit auf 1300 c beschränkt, und die Reise dauerte über drei Monate. Drei Monate, in denen der Verband mit beschränkten Bordmitteln gegen Gefechtsschäden ankämpfen musste. Drei Monate, in denen Tourville zusehen musste, wie seine Verwundeten sich erholten – oder nicht –, obwohl selbst seine überlebenden Einheiten dreißig Prozent des medizinischen Personals verloren hatten. Drei Monate ohne die geringste Idee, wie der ganze Rest von Unternehmen Donnerkeil verlaufen war.

Zum Glück lautete die Antwort auf diese letzte Frage, dass die Operationen recht gut verlaufen waren. Der Erfolg der anderen Flottenchefs hätte vielleicht ein wenig mehr Salz in der Wunde seiner Niederlage bedeuten können, doch wenigstens war Manticore alles in allem weit schlimmer getroffen worden als die Republik. Schade war, dass Javier Giscard sich gegen den Angriff auf Trevors Stern entschieden hatte. Doch Tourville konnte ihm diese Entscheidung nicht verübeln – nicht wenn er zugrundelegte, was Giscard zum Zeitpunkt der Entscheidung gewusst hatte. Der Angriff auf Grendelsbane hingegen war ein besonderer Erfolg gewesen, und im Oktagon hatte niemand Tourville oder seinem Stab vorgeworfen, was der Zweiten Flotte im Marsh-System zugestoßen war.

Der eine oder andere Politiker hatte sich dazu geäußert. Zwei davon so lautstark, dass Lester Tourville sie unverzüglich auf seiner ganz persönlichen Schwarzen Liste verewigt hatte. Das war eine Seite einer lebenden, atmenden Demokratie, auf die er gut und gerne verzichten konnte. Das deutlichste Zeichen, dass er nach wie das Vertrauen seiner Vorgesetzten besaß, war jedoch sein neues Kommando.

Die Zweite Flotte war neu. Die alte Zweite Flotte – ihr Rest – war nach Donnerkeil aufgelöst worden, und das Grundgerüst der neuen bestand aus kampferprobten Einheiten, die bevorzugt Neubauten erhielten, nachdem sie die Fortbildung unter Shannon Forakers Oberaufsicht im Schlupfloch-System abgeschlossen hatten. Als man ihm den Befehl übertrug, hatte er angenommen, dass noch wenigstens ein T-Jahr verginge, ehe die Flotte ins Gefecht geschickt wurde, wahrscheinlich noch mehr Zeit. Die Zweite Flotte sollte der Schlagring sein, von dem niemand auf der Gegenseite etwas wusste, bis Tourville ihm damit einen vernichtenden rechten Haken verpasste.

Doch selbst die besten Pläne konnten sich ändern, und das Unternehmen Gobi war genau das Richtige für einen Lester Tourville. Es verlangte auch nicht, seine gesamte Stärke einzusetzen; er konnte vielmehr den erforderlichen Angriffsverband aus seinen erfahreneren, kampferprobten Einheiten zusammenstellen, ohne die Neulinge preiszugeben. Er hätte die gesamte Operation durchaus einem seiner Kampfverbandschefs übertragen können – wenn denn auch nur die kleinste Chance bestanden hätte, dass er einen solchen Einsatz nicht selbst kommandierte.

Interessant sollte es trotzdem werden«, sagte er nach kurzem Schweigen. »Ich war nicht dabei, als Sansibar während Ikarus zum letzten Mal niedergeknüppelt wurde, aber ich glaube nicht, dass es die Sansibaraner besonders freuen wird, schon wieder von einem Fluglastwagen überrollt zu werden. Und Sansibar ist für die Kriegsanstrengungen der Allianz mindestens so wichtig wie für alle Systeme zusammengenommen, die Harrington bisher angegriffen hat.«

DeLaney nickte. »Weiß ich, Chef. Ich glaube, das ist mit ein Grund, weshalb ich mich vielleicht ein bisschen sorge.« Tourville sah sie mit hochgezogener Braue an, und sie zuckte mit den Achseln. »Den Mantys muss klar sein, wie wichtig Sansibar für sie ist, wenn wir es schon wissen. Und sie haben eine Menge über ihre Verteidigungsaufstellungen preisgegeben, als wir sie zuletzt dort angriffen. Wenn ich an ihrer Stelle wäre, hätte ich mittlerweile einiges geändert.«

»Und genau das wird im Operationsplan auch vorausgesetzt«, sagte Tourville. »Solange Manticore sich nicht entschlossen hat, sehr viele Wallschiffe dorthin zu verlegen, wird die Allianz eine Variante dessen benutzen, was wir bereits gesehen haben. Und im Gegensatz zu ihnen sind wir durchaus bereit, einen großen Schlachtwall einzusetzen.« Er grinste. »Ich glaube kaum, dass den Mantys das Spiel genauso sehr gefallen wird wie uns.«

Honor stand auf der Flaggbrücke der Imperator, die Arme locker auf dem Rücken verschränkt, und beobachtete auf ihrem Plot, wie die Achte Flotte zur Operation Raupenfraß III aufbrach. Die Blutspritzer waren natürlich längst beseitigt worden, die zerschossenen Konsolen und Sessel ersetzt. Niemand auf der Brücke würde jedoch so rasch vergessen, dass hier sechs Menschen gestorben waren, die sie alle gekannt hatten. Und Honor spürte Spencer Hawke, der an Simon Mattinglys Platz neben der Luke stand.

Sie sah zu, wie die stillen, friedlichen Icons durch das Display zogen, konstant zur Hypergrenze von Trevors Stern beschleunigten, und versuchte ihre Empfindungen zu analysieren. Trauer herrschte vor, fand sie. Und dann … nicht ganz Schuld, aber doch etwas Ähnliches.

Zu viele Waffenträger waren in Ausübung ihrer Pflicht für sie gestorben, sei es, während sie Honor schützten, sei es als Unbeteiligte bei Raumgefechten, an deren Nähe sie ohne Honor nicht einmal gekommen wären. Zuerst war sie beinahe wütend auf die Waffenträger gewesen, weil ihr Tod ihr Verantwortungsgefühl belastete. Allmählich erst hatte sie begriffen, dass es so eigentlich gar nicht war. Ja, sie waren gestorben, weil sie ihre Waffenträger waren, aber jeder einzelne von ihnen war ein Freiwilliger. Sie dienten Honor, weil sie sich dazu entschieden hatten. Sie waren nicht versessener zu sterben als andere, aber sie vertrauten darauf, dass sie jemandem ihre Dienste schenkten, der ihrer würdig war – so wie Honor sich genau dessen sicher gewesen war, als sie zum ersten Mal Elisabeth III. von Angesicht zu Angesicht gegenübertrat. Und weil dem so war, war es nicht Honors Aufgabe, ihre Waffenträger am Leben zu halten – sie hatte die Aufgabe, des Dienstes immer würdig zu sein, den zu erweisen die Waffenträger sich entschieden hatten.

Und dennoch trug sie am Gewicht ihres Todes, wie sie die Last aller Menschen spürte, die durch sie ums Leben gekommen waren, und wünschte sich verzweifelt, dass sie noch lebten. Und was immer sie wegen Simon Mattinglys Tod und wegen der anderen Toten aus dem Brückenpersonal empfand, es blieb immer Timothy Meares. Der junge Mann, den sie getötet hatte.

Sie stand fast am gleichen Fleck, an dem sie damals gestanden hatte. Wenn sie sich umdrehte, konnte sie sehen, wo Simon gefallen war und wo Meares’ Leichnam auf das Deck geprallt war. Sie wusste, dass sie keine andere Wahl gehabt und dass Meares sie noch im Augenblick seines Todes verstanden hatte. Aber er war so jung gewesen, so vielversprechend, und so sterben zu müssen – von einer Freundin niedergeschossen, damit er nicht noch mehr Freunde tötete …

Nimitz bliekte ihr tadelnd ins Ohr, und als sie seine Empfindungen schmeckte, rief sie sich geistig zur Ordnung. Auch er trauerte um Simon und Meares, aber er gab weder ihr noch Meares die Schuld. Sein ganzer Hass war reserviert für die Unbekannten, die Timothy Meares in seinen letzten, entsetzlichen Einsatz geschickt hatten, und Honor begriff, wie recht er hatte.

Sie wusste nicht, wer ihre Ermordung angeordnet oder ihre Ausführung geplant hatte – aber sie würde es erfahren. Und dann würde sie persönlich etwas … unternehmen.

Nimitz bliekte wieder, und nun klang er noch blutdürstiger und zugleich sanft vor Beifall.

»Sir, melde den Kampfverband bereit zum Auslaufen.«

Lester Tourville wandte den Kopf und sah in das kleine Comdisplay. Captain Celestine Houellebecq, Kommandantin von RHNS Guerriere, Flaggschiff der Zweiten Flotte, blickte ihm daraus entgegen.

»Was?«, fragte Tourville mit einem matten Lächeln. »Keine Verzögerung in letzter Sekunde? Keine Abschiedsparty mehr im Gang?«

»Nichts dergleichen, Sir«, erwiderte Houellebecq ausdruckslos. »Ich habe die Bodenstreife angewiesen, jeden, der sich verspätet meldet, als abschreckendes Beispiel neben dem Shuttlelandeplatz zu füsilieren.«

»Das ist genau der Geist, den ich mir wünsche!«, rief Tourville, doch wenn er ehrlich war, fand er den Witz angesichts der Taten der Vorgängerregierung ein wenig zu makaber. »Immer eine Methode finden, das Personal positiv zu motivieren.«

»Das war meine Absicht, Sir.«

»Na, dann setzen wir uns mal in Marsch, Celestine. Wir haben eine Verabredung mit den Mantys.«

»Jawohl, Sir.«

Houellebecq verschwand vom Display und erteilte die Befehle, die Kampfverband 21 benötigte, um die Parkumlaufbahn zu verlassen, und Tourville wandte sich wieder dem taktischen Plot zu.

Ein Zivilist hätte den langsam sich bewegenden Lichtcodes wenig entnehmen können, doch dem geübten Auge boten sie einen beeindruckenden Anblick. Tourville machte die behäbige Kraft seiner vier Schlachtgeschwader aus, die in Marschformation gingen, während sie langsam beschleunigten. Dem Verband voraus bewegten sich die Icons von zwei Schlachtkreuzergeschwadern, und sechs LAC-Träger der Aviary-Klasse folgten. Ein Gesprenkel aus leichteren Schiffen breitete sich vor der Hauptformation aus wie ein Collier aus Edelsteinen. Sie wachten aufmerksam nach jedem Anzeichen für ein unidentifiziertes Sternenschiff, und ein Trio aus schnellen Nachschubschiffen, beladen mit zusätzlichen Raketenbehältern, folgten hinter den Trägern.

Kein einziges Großkampfschiff im Display war älter als drei T-Jahre, und erneut empfand Tourville etwas, das der Ehrfurcht verdächtig ähnelte. Die Republican Navy war vielleicht technisch der Royal Manticoran Navy in mancher Hinsicht noch immer unterlegen, doch im Gegensatz zur RMN hatte sie sich aus der Asche der Niederlage erhoben. Ihre Offiziere und ihre höheren Unteroffiziere hatten erfahren, was es hieß, eine Schlacht nach der anderen zu verlieren. Doch nun hatten die gleichen Offiziere und Unteroffiziere gelernt, wie es war, wenn man siegte. Und noch mehr, sie waren nun sieggewohnt, und Lester Tourville fragte sich, ob Manticore schon vollends begriffen hatte, wie groß ihr Recht darauf war.

Na, dachte er, wenn sie es jetzt noch nicht erkannt haben, geben wir ihnen in etwa zwo Wochen mal einen kleinen Wink.

»Sir, haben soeben einen Hyperabdruck erfasst. Sieht nach wenigstens zwo Schiffen aus, wahrscheinlich Zerstörer oder Leichte Kreuzer.«

»Wo?«, fragte Captain Durand und durchquerte das Kommandodeck der Raumstation zur Ortungsabteilung.

»Zwoundvierzig Lichtminuten von der Sonne entfernt, auf unserer Seite und genau in der Ekliptik, Sir«, antwortete Lieutenant Bibeau.

»Aha, die Füchse kundschaften den Hühnerstall aus«, murmelte Durand.

Der Ortungsoffizier bedachte ihn mit einem seltsamen Blick; Charles Bibeau stammte aus den Elendsvierteln von Nouveau Paris, während Durand von der Agrarwelt Rochelle kam, und immer wieder benutzte der Skipper komische Metaphern und Vergleiche. Trotzdem begriff der Lieutenant, was der Kommandant sagen wollte, und nickte zustimmend.

»Gut, Lieutenant«, sagte Durand schließlich und ließ eine Hand leicht auf Bibeaus Schulter ruhen, während er zusah, wie die Hyperabdrücke aus dem Plot verschwanden. »Behalten Sie das Ganze im Auge. Wenn wir ihre Aufklärungsdrohnen finden, umso besser, aber vor allem möchte ich wissen, wann noch jemand ankommt.«

»Aye, Sir.«

Durand klopfte ihm noch einmal auf die Schulter, dann wandte er sich ab und ging langsam zu seinem Kommandosessel zurück.

Irgendwo dort draußen, so viel wusste er nun, schlich sich heimlich ein Netz aus manticoranischen Aufklärungsdrohnen systemeinwärts, um die Verteidigung des Solon-Systems in allen Einzelheiten auszuspionieren. Er wusste, was sie sehen würden, und das war in keiner Weise beeindruckend: eine einzige Division alter Superdreadnoughts, ein leicht unterbesetztes Schlachtkreuzergeschwader und zweihundert LACs. Kaum genug, um einen manticoranischen Angriffsverband ins Schwitzen zu bringen.

Und genau so wollte es Captain Alexis Durand. Genau so.

3

»Wir haben Commander Estwickes Bericht vorliegen, Hoheit«, sagte Andrea Jaruwalski.

»Gut.«

Honor wandte sich von dem wunderschönen Bild im visuellen Display ab. Kampfverband 82 durchpflügte den Hyperraum und näherte sich seinem Ziel in solch enger Formation, dass das Display die leuchtenden Scheiben der Warshawski-Segel des nächsten Schiffes zeigte. Es war die Intolerant, Schwesterschiff der Imperator und Flaggschiff von Konteradmiral Allen Morowitz, dem Divisionschef. Über ihre Segel – dreihundert Kilometer durchmessend – tanzte flackerndes Feuer wie ein Hitzegewitter, das durch die leuchtenden Abgründe des Hyperraums zog. Normalerweise genoss Honor diesen Anblick, doch als sie Jaruwalskis Meldung hörte, kehrte sie ihm fast erleichtert den Rücken.

»Lassen Sie sehen«, sagte sie und ging zu dem Sekundärplot an Jaruwalskis Brückenstation. Der Operationsoffizier berührte die Tastatur und legte die Daten von HMS Ambuscade ins Display. Dann traten sie und ihre Vorgesetzte zurück und sahen zu, wie die Darstellung sich aufbaute.

»Nicht so viel Feuerkraft, wie wir erwartet hätten, Hoheit«, stellte Jaruwalski fest, nachdem ein Augenblick verstrichen war.

»Nein.«

Honor rieb sich stirnrunzelnd die Nasenspitze. Ihre Planung war davon ausgegangen, dass von beiden Zielen Lorn stärker durch mobile Einheiten geschützt wäre, und deshalb hatte sie mit Alice Truman Superdreadnoughtdivisionen Alistair McKeons und Matsuzawa Hirotakas ältere Schlachtkreuzer gegen Michelle Henkes moderneres, aber unterbesetztes Geschwader getauscht. Außerdem hatte Alice von ihr Winston Bradshaws Schweres Kreuzergeschwader 7 mit seinen vier Kreuzern der Edward-Saganami-C-Kasse erhalten, während sie sich CruRon 12 unter Charise Fanaafi mit älteren Saganami- und Star-Knight-Kreuzern nahm. Dennoch, bei einem System, das so dicht bevölkert und wirtschaftlich wichtig war wie Solon, hatte sie einen stärkeren Wachverband erwartet.

»Ich sehe zwo Superdreadnoughts«, fuhr sie schließlich fort, »dazu sieben Schlachtkreuzer und knapp …« – sie sah auf eine Seitenanzeige des Displays – »einhundertneunzig LACs.«

»An mobilen Einheiten, jawohl, Hoheit«, stimmte Jaruwalski zu. »Es sieht aber ganz danach aus, als wäre eine ziemlich dichte Kugelschale aus Raketengondeln nahe an der Orbitalindustrie um Artus in Stellung.«

»Und ein weiterer kleiner Haufen dort um Merlin«, fügte Honor hinzu und zog die Stirn noch stärker in Falten. »Das ist ein recht merkwürdiger Punkt dafür, meinen Sie nicht auch?«

»Das meine ich allerdings.«

Jaruwalski musterte die Daten und überdachte sie mit geschürzten Lippen.

»Viel zu weit draußen, um die Erzgewinnung im Nimue-Gürtel zu schützen«, sagte sie. »Geht auf Merlins Monden irgendetwas vor, wovon wir nichts wissen?«

»Durchaus denkbar«, sinnierte Honor, während sie den gewaltigen Gasriesen musterte, der nur ein wenig kleiner war als Jupiter im System von Alterde. »Nach den astrografischen Daten sind zwo Monde Merlins fast so groß wie Manticore, und er hat insgesamt elf Stück. Dort könnte sich ohne weiteres etwas Abbauwürdiges gefunden haben. Aber wie auch immer, er steht relativ zu Artus auf der anderen Seite der Sonne. Wir sollten deshalb Merlin einfach in Ruhe lassen und uns auf Artus und die Industrie des Asteroidengürtels beschränken.«

»Das passt mir sehr gut, Hoheit«, stimmte Jaruwalski zu.

»Anscheinend ist unser bester Trumpf Alpha-Drei«, fuhr Honor fort. »Ich verzichte lieber auf alle überflüssigen Schnörkel.«

»Alpha-Drei hört sich gut an, Hoheit«, stimmte Jaruwalski wieder zu. »Soll ich Signal an Admiral Miklos geben lassen?«

Honor nickte. »Tun Sie das. Und sagen Sie ihm, er soll die alternativen Aufnahmepunkte mit seinen COLACs zwomal durchgehen.«

»Zu Befehl, Hoheit«, sagte Jaruwalski. Sie hielt inne und blickte ihre Vorgesetzte nachdenklich an. »Ah, gibt es einen besonderen Grund dafür, Hoheit?«

»Nichts, worauf ich den Finger legen könnte«, sagte Honor nach kurzem Nachdenken. »Ich bin wahrscheinlich nur ein bisschen nervös. Wie Sie schon sagten, in einem System dieser Bedeutung hätten wir mit einer beträchtlich stärkeren Verteidigung gerechnet.«

»Jawohl, Ma’am. Sie glauben, die Kommandierende dort versucht Bellefeuille mit uns zu spielen?«

»Nein, eigentlich nicht«, sagte Honor fast widerwillig, dann schüttelte sie den Kopf über ihre gestaltlosen Ahnungen. »Estwicke versteht sich auf ihre Arbeit, und alle sind gründlich in das Chantilly-Desaster eingewiesen worden.«

Und, erinnerte sie sich, auch aus diesem Grund haben wir ihr achtzehn Stunden zusätzlich gegeben. Wenn in der Nähe Artus’ irgendetwas ist, das eine Bedrohung darstellt, so müssten die Ambuscade und die Intruder es eigentlich gefunden haben.

»Es könnte damit zusammenhängen, dass Solon mitten in einer Gravwelle liegt«, fuhr sie fort. »In solch einem Fall habe ich immer ein unbehagliches Gefühl zwischen den Schulterblättern.«

Jaruwalski nickte. Kein Flaggoffizier griff gern ein Sonnensystem an, das mitten in einer Hyperraum-Gravitationswelle lag – es sei denn, er war sich absolut sicher, genug Feuerkraft mitgebracht zu haben, um das System im Handstreich zu nehmen –, und das hatte einen einfachen Grund: Ohne funktionstüchtige Warshawski-Segel konnte kein Sternenschiff in eine Gravitationswelle eintreten und überleben, und kein Schiff konnte ein Warshawski-Segel erzeugen, wenn es auch nur einen Alpha-Emitter eines seiner Impellerringe verloren hatte. Ein einziger unglücklicher Treffer konnte einem ansonsten vernachlässigbar beschädigten Kriegsschiff die Möglichkeit verwehren, sich in den Hyperraum zurückzuziehen, wenn der Rest seines Kampfverbands oder seiner Flotte fliehen musste.

Wenn Jaruwalski ehrlich war, so hatte sie den Verdacht, dass Honor auch aus diesem Grund selbst den Angriff auf Solon kommandierte. Darum und weil sie erwartet hatten – irrtümlich wie sich herausstellte –, dass das Solon-System mit seinen dicht bevölkerten Planeten und der relativ blühenden Industrie erheblich schwerere ortsfeste Verteidigungsanlagen besaß als Lorn.

»Wie schon gesagt«, fuhr Honor fort, »habe ich keinen echten Grund, mich unbehaglich zu fühlen, aber lassen Sie Samuel trotzdem alles zwomal prüfen.« Sie lächelte schief. »Ich will nicht versuchen, mir den Ruf unfehlbarer Intuition zu erwerben, deshalb schadet es nichts, wenn ich mir ein bisschen zu viele Sorgen machen und die Leute mich dabei ertappen.«

»Captain Durand! Captain Durand sofort aufs Kommandodeck!«

Alexis Durand drückte den Spülknopf, riss sich die Hose hoch und rannte aus dem Waschraum. Ein ziviler Wartungstechniker der Raumstation grinste, als der Raumoffizier an ihm vorbeistürmte und sich dabei den Hosenschlitz schloss. Nun, Durand konnte es verkraften, wenn ein Zivilist sich ein wenig auf seine Kosten amüsierte.

Er eilte durch die Luke des Kommandodecks und kam an der Ortungsstation schlitternd zum Stehen. Bibeau hatte wieder Wache und sah auf, als Durand neben ihm stand.

»Sie wollten hören, wenn noch jemand auftaucht, Sir«, sagte der Ortungsoffizier grimmig und wies aufs Display. »Nun, da sind sie.«

»Das sehe ich, Lieutenant. Haben Sie Admiral Deutscher informiert?«

»Jawohl, Sir. Und ich habe auch Moriarty verständigt.«

»Gut«, sagte Durand leise und beugte sich näher an das Display. »Was sagt die Operationszentrale bisher?«

»Achtundzwanzig Punktquellen, Sir. Es sieht nach sieben Superdreadnoughts oder Trägern aus, elf Schlachtkreuzern oder Schweren Kreuzern, dazu neun Leichte Kreuzer oder Zerstörer, alle auf unserer Seite der Sonne und genau an der Hypergrenze. Plus natürlich, was immer schon im System war, um uns im Auge zu behalten.«

»Natürlich.« Durand nickte und tauschte mit dem Lieutenant ein wölfisches Grinsen.

»Sir«, sprach ihn ein Signalgast respektvoll an, »Gouverneurin Mathieson möchte wissen, ob sie mit der Evakuierung der Plattformen beginnen soll.«

»Auf jeden Fall«, sagte Durand. »Und erinnern Sie sie, dass sie es auffällig tun soll.«

»Aye, Sir.«

Durand richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Bibeaus Plot. Während er nachdachte, verschränkte er die Arme vor der Brust.

»Noch keine Anzeichen für LAC-Starts?«, fragte er.

»Nein, Sir.«

»Sehr gut. Informieren Sie mich, sobald Sie welche beobachten, sobald das führende Sternenschiff die Hypergrenze überschreitet oder irgendeines davon einen Mikrosprung macht.«

»Aye, Sir.«

Durand blickte noch kurz in den Plot, dann ging er langsam zu seinem Kommandosessel und nahm Platz.

Obwohl Konteradmiral Deutscher im Rang über ihm stand, war für diesen Teil der Operation ganz offiziell Durand verantwortlich, und am liebsten hätte er die Nachricht schon jetzt gesendet. Doch er schob die Versuchung energisch beiseite; erst sollte sich die Lage ein wenig konsolidieren.

»Also schön, Samuel, dann wollen wir mal«, sagte Honor. »Starten Sie Ihre LACs.«

»Aye, aye, Hoheit«, bestätigte Vizeadmiral Miklos den Befehl und wandte sich vom Com-Aufzeichner auf der Flaggbrücke von HMS Succubus ab, um den Befehl zu geben. Im nächsten Moment sah Honor die ersten LAC-Icons in ihrem taktischen Plot auftauchen.

Die sechs Träger führten insgesamt mehr als sechshundertsiebzig LAC mit sich, doch Honor ließ das Geschwader von HMS Unicorn zurück, um Miklos’ schwach bewaffnete Träger zu sichern. Sie ließ auch drei Leichte Kreuzer Mary Lou Moreaus – die Tisiphone, die Samurai und die Clotho – zurück, damit die Träger nicht allein waren, doch der ganze Rest des Kampfverbands beschleunigte zusammen mit ihrem Flaggschiff konstant systemeinwärts.

Angesichts der spärlichen Verteidigung hätte sie wohl noch mehr Kampfschiffe zurücklassen können, doch zwischen den Schulterblättern spürte sie noch immer jenes unerklärliche Jucken. Sie war sich zwar sicher, dass sie vor Schatten Angst hatte, doch es konnte nicht schaden, die eigenen Kräfte massiert zu halten.

Die fünfhundertsechzig LACs ihres Verbands schwärmten in Kugelformation um ihre Sternenschiffe aus, und Andrea Jaruwalski sandte eine Vorhut aus Aufklärungsdrohnen aus, während der Verband auf einen Kurs schwenkte, der die Umlaufbahn des Planeten Artus schnitt.

»Sir, sie überschreiten die Grenze«, sagte Bibeau. »Augenblickliche Geschwindigkeit zwo Komma sechs eins tausend Kps. Entfernung zu Artus zehn Komma zwo Lichtminuten. Ortung legt die augenblickliche Beschleunigung auf vier Komma acht eins Kps Quadrat.«

»Sie bleiben massiert? Keine detachierten Gruppen?«

»Mehr oder minder, Sir. Anscheinend lassen sie ihre Träger mit drei Kreuzern und einer Eskorte aus LACs zurück, aber der Rest stößt systemeinwärts vor.«

Durand nickte ohne die leiseste Spur von Enttäuschung. Eigentlich war er nicht überrascht. Er hatte nie wirklich angenommen, dass die Gondeln in der Umlaufbahn von Merlin die Manticoraner anlocken würden, aber es war den Versuch wert gewesen. Und außerdem hatten die Tarantula-Plattformen ohnehin getarnt werden müssen.

»Zeit bis Ankunft bei Artus?«, fragte er.

»Ein Rendezvous und konstante Beschleunigung vorausgesetzt, annähernd drei Stunden, siebzehn Minuten, Sir. Schubumkehr müsste auf neun eins Komma acht Millionen Kilometer Entfernung in vierundneunzig Minuten erfolgen.«

»Sehr gut. Signalstation!«

»Jawohl, Sir?«

»Senden Sie Lieutenant Bibeaus Daten an Tarantula, und weisen Sie Lieutenant Sigourney an, seine Befehle auszuführen.«

»Aye, Sir.«

»Ihre Superdreadnoughts rühren sich, Hoheit.«

Bei Jaruwalskis Meldung unterbrach Honor ihr Gespräch mit Mercedes Brigham. Ihr Verband hatte sich nun siebenunddreißig Minuten systemeinwärts bewegt, ihre Geschwindigkeit relativ zur Sonne des Systems sich auf 13.191 Kps erhöht. Seit Überqueren der Hypergrenze waren siebzehn Millionen Kilometer zurückgelegt worden – also lagen noch einhundertsechsundsechzig Millionen vor ihnen.

Sie blickte auf den Plot und sah sich die Vektorpfeile an, die neben der kleinen Verteidigungsstreitmacht in der Umlaufbahn von Artus erschienen waren. Wie Jaruwalski sagte, setzten sich die Sternenschiffe – von dem LAC-Schwarm begleitet – in Bewegung. Sie besah sich ihren Vektor einen Augenblick lang, dann runzelte sie die Stirn.

»Seltsam«, murmelte sie.

»Ma’am?«

Honor schaute hoch. Brigham stand neben ihr und hatte ebenfalls ins Display gestarrt. Die Stabschefin zog eine Braue hoch, als ihre Blicke sich trafen.

»Ich sagte, das ist seltsam.« Honor wies auf die Icons der beschleunigenden Verteidiger. »Sie kommen uns entgegen, was für sich genommen schon seltsam ist. Ich hätte erwartet, dass sie so tief wie möglich innerhalb der Reichweite ihrer Systemverteidigungsgondeln auf uns warten. Wenn sie weiter mit diesen Werten beschleunigen, sind wir genau am Ende der effektiven Reichweite ihrer Gondeln, wenn das Gefecht beginnt, und damit ist die Treffgenauigkeit noch geringer als gewöhnlich. Gleichzeitig ist unser Abstand zu den havenitischen Schiffen geringer, was zur Folge hat, dass unsere Treffgenauigkeit steigt. Aber sie kommen uns nicht nur entgegen, sondern den Beschleunigungswerten nach haben sie nicht sehr viele Gondeln im Schlepp – wenn überhaupt welche.«

»Sie meinen, die haben eine Hinterlist vor? Oder ist das nur eine Panikreaktion?«

»Ich wüsste nicht, welche ›Hinterlist‹ die Haveniten im Sinne haben könnten«, sagte Honor nach kurzem Überlegen. »Estwickes Netz hat visuelle Bilder beider Superdreadnoughts aufgezeichnet, und daher wissen wir, dass sie keine Gondelleger sind. Folglich können sie auch keine Mehrstufenraketen feuern, ohne dass sie Gondeln schleppen, was eindeutig nicht der Fall ist. Sicher«, sie winkte ab, »vielleicht haben sie ein Dutzend davon an Traktorstrahlen innerhalb der Impellerkeile, aber das reicht bei weitem nicht aus für ein Raketengefecht gegen uns, zumal die Katanas unsere Nahbereichsabwehr verstärken.

Andererseits ist es nun ein bisschen spät für eine Panikreaktion. Wir sind mehr als fünfundvierzig Minuten im System. Damit sich die havenitischen Schiffe überhaupt schon in Marsch setzen konnten, müssen sie zumindest in Manöverbereitschaft gestanden haben, als wir transistierten – was durchaus einleuchtet, denn es muss bekannt gewesen sein, dass das System erkundet wird. Aus der Manöverbereitschaft hätten sie sich aber eine gute Viertelstunde früher in Bewegung setzen können – sogar eine halbe Stunde, wenn sie mit heißen Emittern gewartet hätten. Warum warten die Haveniten also so lange mit ihrer ›Panik‹?«

»Was haben sie denn Ihrer Meinung nach vor?«, fragte Brigham.

»Ich weiß es nicht«, gab Honor zu und rieb sich wieder die Nasenspitze. »Es sieht so aus, als reagierten sie ungeordnet, und natürlich kann so etwas immer geschehen. Aber irgendetwas daran stört mich.«

Sie musterte noch einige Augenblicke lang den Plot, dann stieg sie aus ihrem Kommandosessel, hob Nimitz im Raumanzug in die Arme und ging zu Jaruwalskis Station.

»Wie kommt die Evakuierung voran, Andrea?«

»Läuft unter Hochdruck, Hoheit.« Jaruwalski zeigte auf ein Sekundärdisplay, in das die Sendungen der getarnten Sonden in der Nähe Artus’ gespeist wurden. »Ich würde es nicht gerade panisch nennen wollen«, fuhr sie fort, »aber sie bringen offensichtlich jeden so schnell wie möglich auf den Planeten.«

»Immer noch kein Wort von den Systembehörden, Harper?«, fragte Honor an die Signalstation gewandt.

»Nein, Hoheit«, antwortete Harper Brantley, und Honor verzog das Gesicht.

»Aber Sie erfassen noch immer diese Gravimpulse?«, fragte sie.

»Jawohl, Hoheit.« Der Signaloffizier wies mit einer Kopfbewegung auf den Operationsoffizier. »Captain Jaruwalskis Sonden fangen die meisten davon auf, aber wir beobachten sie hier ebenfalls. Bisher erinnern sie stark an unsere Überlichtsignale der ersten Generationen und stammen vermutlich von festen Ortungssatelliten im ganzen System. Ihre Pulswiederholfrequenz ist nach wie vor niedrig, also können sie nur begrenzt Informationen übertragen, aber es gibt zumindest ein paar Sender mit einer höheren PRF.«

»Können Sie die leistungsstärkeren Sender lokalisieren?«

»Zwo von ihnen haben wir angepeilt, Hoheit«, meldete Jaruwalski. »Der eine scheint sich an Bord dieser Raumstation zu befinden.«

An der größten Raumstation des Systems erschien ein roter Visierring, während sie sprach. So groß sie auch war, erreichte sie nicht mehr als zwanzig Prozent der Größe von Hephaistos im Manticore-System.

»Und der andere?«, fragte Honor, die Augen vor Aufmerksamkeit zusammengekniffen.

»Der andere ist dort draußen, Hoheit.«

Jaruwalski schaltete ein weiteres Icon ins Display. Es schien sich in einer Umlaufbahn um Merlin zu befinden, wodurch der Sender sich auf der anderen Seite der Sonne mehr als vierzig Lichtminuten außerhalb der Hypergrenze des Systems befand.

»Sprechen sie miteinander, Harper?«

»Ich würde sagen ja, Hoheit. Ich kann mir natürlich nicht sicher sein, aber die Musteranalyse deutet sehr darauf hin.«

Honor nickte. »Danke.«

Sie kehrte zu ihrem Kommandosessel zurück und kraulte Nimitz dabei mit der rechten Hand sanft das plüschige Fell zwischen den Ohren.

»Hoheit, den Ausdruck kenne ich«, sagte Brigham leise, als Honor und Nimitz wieder bei ihr waren.

»Wie meinen Sie?«

»Ich sagte, ich kenne den Ausdruck. Darf ich fragen, was ihn diesmal heraufbeschworen hat?«

»Das weiß ich wirklich nicht«, antwortete Honor schulterzuckend. »Aber … hier stimmt etwas nicht. Es sieht so aus, als reagierten die Haveniten völlig unkoordiniert – panische Evakuierung der Orbitalplattformen, Schiffe, die uns abfangen, ohne auch nur schwere Gondellasten mitzuschleppen, kein Versuch, mit uns zu kommunizieren, aber gleichzeitig überlichtschneller Signalverkehr.«

»Vielleicht reagieren sie wirklich unkoordiniert, Hoheit«, gab Brigham zu bedenken. »Zu wissen, dass der Gegner das System erkundet, ist etwas anderes, als eine kampfstarke Streitmacht einmarschieren zu sehen.«

»Ich weiß, ich weiß.« Honor schnaubte. »Vielleicht bin ich ja paranoid! Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass hier irgendetwas im Busche ist.«

»Nun, Ma’am, selbst wenn Artus mit jemandem da draußen bei Merlin spricht, beide sind uns nicht nahe genug, um irgendeine Bedrohung für uns darzustellen. Merlin steht dazu sogar auf der falschen Seite Solons!«

»Genau. Also wies …«

Honor unterbrach sich mitten im Wort und riss die Augen auf.

»Hoheit?«, fragte Brigham besorgt.

»Sidemore«, sagte Honor. »Die schneiden sich von Sidemore eine Scheibe ab!«

Brigham blickte einen Moment lang verständnislos drein, dann holte sie tief Luft.

»Dazu müssten sie unsere Einsatzziele genau vorhergesagt haben«, wandte sie ein.

»Wieso sollten sie das nicht können«, entgegnete Honor beinahe geistesabwesend, der Blick unbeirrt, während sie in die Tiefen des taktischen Plots stierte. »Zumindest nicht in einem allgemeinen Sinn. Sehr schwer wäre es nicht, sich zu überlegen, welche Systeme wir wahrscheinlich angreifen. Die genauen, spezifischen Ziele auszusuchen wäre wohl eher ein Ratespiel, aber wie es scheint, hat jemand richtig geraten.«

Sie schaute noch einige Sekunden lang in den Plot, dann wandte sie sich ab.

»Harper, stellen Sie eine Vorrangverbindung zu Admiral Miklos her!«

»Zu schade, dass sie uns nicht auf den Leim gegangen sind, Sir«, sagte Captain Marius Gozzi, während er mit Javier Giscard in den Hauptplot an Bord von RHNS Sovereign of Space blickte.

»Ich habe nie geglaubt, dass die Chance größer wäre als eins zu zwo«, erwiderte Giscard. »Dennoch, den Versuch war es wert.«

Er trat vom Plot zurück und legte die Hände hinter sich ineinander, während er nachdachte. Den Berichten seiner Ortungssatelliten zufolge erschien es sehr wahrscheinlich, dass einer der manticoranischen Superdreadnoughts das Flaggschiff der Achten Flotte war. Folglich bekam er es mit dem Besten zu tun, was Manticore aufzubieten hatte.

Aber diesmal spielen wir mit meinen Karten, rief er sich in Erinnerung. Und meine Karten sind gezinkt.

Wenn er sich eines wünschte, so war es Aufklärung in Echtzeit, was die Manticoraner gerade taten, doch das lag außerhalb seiner Möglichkeiten. Das Tarantula-Netz konnte ihm taktische Information übermitteln, aber nur, indem es sie an Bord von Kurierbooten versandte, und davon stand ihm keine unbegrenzte Stückzahl zur Verfügung. Er konnte auch kein einziges dieser Boote zurückschicken, nachdem sie ihm Meldung erstattet hatten, denn die Gefahr war zu groß, dass die Manticoraner ihre Hyperabdrücke auffingen, wenn sie zurück in den Normal transistierten.

Bisher jedoch schienen die Raider genau das zu tun, was er von ihnen wollte. Lieber wäre es ihm gewesen, wenn sie ihm ›auf den Leim gegangen‹ wären, wie Gozzi sich ausgedrückt hatte. Sie hatten darauf gehofft, dass die Manticoraner aufgrund der Raketengondeln rund um Merlin glaubten, ein lohnendes Ziel vorzufinden und anzugreifen. Der wirkliche Grund für die Gegenwart der Gondeln war natürlich, Hintergrundgeräusche zu erzeugen, hinter denen sich die Tarantula-Plattformen verbargen. Shannon Foraker war es nicht gelungen, die neuartigen Überlichtsender so klein zu bauen, dass sie in Gehäuse passten, bei denen man davon ausgehen konnte, dass sie sich den manticoranischen Aufklärungsdrohnen entziehen konnten. Dennoch hatte die Chance bestanden, mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Und hätten sie sich erst einmal dicht genug Merlin angenähert, hätten sie in der Hypergrenze des massigen Gasriesen in der Falle gesessen, während seine Schiffe sich ihnen von hinten näherten. Dennoch, wie er seinem Stabschef gesagt hatte, große Hoffnung, dass die Manticoraner tatsächlich auf den Köder hereinfielen, hatte er nie gehegt.

Er blickte auf die Zeitanzeige. Vier Minuten, dann war das nächste Kurierboot fällig.

»Selma, geben Sie einleitendes Signal für Hinterhalt Drei«, sagte er.

»Aye, Sir«, antwortete sein Operationsoffizier, Commander Selma Thackery.

»Jawohl, Hoheit?«, fragte Vizeadmiral Samuel Miklos, als er auf Honors Combildschirm erschien.

»Eine Falle, Samuel«, sagte Honor tonlos. Durch die per Gravimpuls betriebenen Überlichtcoms gab es keine Verzögerung durch die Lichtgeschwindigkeit, und Miklos riss überrascht die Augen auf. »Ich kann es nicht beweisen – noch nicht«, fuhr sie fort, »aber ich bin mir sicher. Schaffen Sie Ihre Träger fort. Verlegen Sie sie nach Omega-Eins.«

Miklos’ Gesicht verriet, dass er sie am liebsten gefragt hätte, ob sie sich sicher sei, ob sie das wirklich wollte, doch er ließ es. Er nickte nur.

»Jawohl, Hoheit. Unverzüglich. Und Sie?«

»Und wir, Samuel, werden alle Hände voll zu tun bekommen, fürchte ich«, sagte sie grimmig.

»Captain Durand!«

»Ja, Charles?« Durand wandte sich rasch Bibeau zu.

»Sir, die manticoranischen Träger sind soeben transistiert!«

»Verdammt!«

Durand überlegte vielleicht zehn Sekunden lang wütend. Für die Manticoraner konnte es einen völlig unschuldigen Grund geben, ihre Träger plötzlich zu verlegen, doch das glaubte er keinen Augenblick lang. Nein. Irgendwie hatten sie erraten, was ihnen bevorstand, und er unterdrückte den Wunsch, noch einmal zu fluchen.

»Signalstation, leiten Sie Lieutenant Bibeaus gegenwärtige Sensordaten an Tarantula weiter. Richten Sie aus, ich empfehle augenblickliche Übermittlung an Admiral Giscard.«

Das Kurierboot, das eine Lichtminute außerhalb der Merlinbahn stand, erhielt Durands Überlicht-Depesche zweiundsiebzig Sekunden, nachdem sie gesendet worden war; das Tarantula-Netz übertrug sie an ihre nur lichtschnell arbeitenden Empfänger. Das Bordcomputersystem aktualisierte sich, und das Boot transistierte mühelos über die Alpha-Mauer. Admiral Giscards Kampfverband wartete genau an der Stelle, an der er sich während der letzten anderthalb Wochen befunden hatte, und das Kurierboot sendete rasch den taktischen Lagebericht an das Flaggschiff.

»Sir, die Mantys haben den Braten anscheinend gerochen«, meldete Commander Thackery. »Ihre Träger sind soeben transistiert.«

»Verdammt«, brummte Gozzi, doch Giscard zeigte nur grinsend die Zähne.

»Tatsächlich wäre es bestenfalls problematisch gewesen, sie so weit vor der Hypergrenze zu erwischen, Marius«, sagte er. »Sie wissen, wie schwierig es ist, einen so kurzen Hypersprung zu berechnen. Und die Mantys saßen schließlich nicht mit ausgeschalteten Hypergeneratoren und kalten Impelleremittern da. Solange wir nicht genau bei ihnen transistiert wären, hätten sie genügend Zeit gehabt, in den Hyperraum zu gehen, ehe wir sie angreifen konnten.« Er zuckte mit den Schultern. »Ich hatte mir von dem Moment an, in dem die Mantys die Träger zurückließen, schon gedacht, dass wir sie verlieren. Aber«, sein Grinsen nahm sehr wölfische Züge an, »wenn die Träger fort sind, sitzen die LACs fest, oder?«

Er blickte noch einige Sekunden forschend in den aktualisierten Plot, dann nickte er entschieden.

»Selma, führen Sie Hinterhalt Drei aus.«

»Ach du Scheiße«, murmelte Commander Harriman.

»Was ist los, Yolanda?«, fragte Rafael Cardones rasch.

»OPZ meldet multiple Hyperabdrücke, Skipper«, meldete der Taktische Offizier der Imperator mit rauer Stimme. »Drei unterschiedliche Ballungen – einer genau achtern von uns auf drei null Komma vier Millionen Kilometer, einer polar Nord, einer polar Süd. Man hat uns eingekesselt, Sir.«

Cardones merkte, wie seine Kaumuskeln sich verspannten, während die neuen Icons in seinem taktischen W-Display erschienen.

Na, die Alte Dame hat uns gewarnt, dass auch die Havies irgendwann schlau werden, sagte er sich. Ich wünschte nur, sie hätten die Weisheit nicht ganz so sehr mit Löffeln gefressen!

»Überprüfung abgeschlossen, Hoheit«, meldete Andrea Jaruwalski. »Drei getrennte Kampfgruppen mit insgesamt achtzehn Wallschiffen und sechs LAC-Trägern plus Geleitschiffen. Wir bezeichnen die Gruppe bei Artus als Bandit-Eins, die Gruppe systemnördlich als Bandit-Zwo, die systemsüdliche als Bandit-Drei und die achtere als Bandit-Vier.«

»Und ihre Einheiten sind gleichmäßig zwischen Zwo, Drei und Vier verteilt?«

»So sieht es aus, Hoheit.«

»Also drei zu eins in Wallschiffen, bestenfalls«, sagte Mercedes Brigham leise, mit angespanntem Gesicht. »Neun zu eins, wenn sie sich massieren können. Dazu natürlich die älteren Schiffe systemeinwärts.«

»Wenn wir zulassen, dass sie sich gegen uns massieren, dann verdienen wir, was immer uns zustößt.« Honors Sopran klang völlig ruhig, fast uninteressiert.

Dass die drei Kampfgruppen im Hinterhalt eindeutig an Ort und Stelle im Hyperraum gewartet hatten, ohne Bewegung relativ zu Solon, war die gute Nachricht. Sie hatten die Alpha-Mauer mit einer Geschwindigkeit von null überschritten, und obwohl sie jetzt mit 529 Gravos beschleunigend Maximalschub gaben, womit sie sich dem Risiko eines Kompensatorversagens aussetzten, bräuchten sie Zeit, um einen Vektor aufzubauen, während Honors Schiffe bereits mehr als vierzehntausend Kilometer pro Sekunde erreicht hatten. Davon abgesehen lag ihr Maximalschub höher als bei den Haveniten, und die achtere Kampfgruppe konnte nicht mehr zu Honors Verband aufschließen, es sei denn, er erlitt einen Antriebsschaden. Schlecht war hingegen, dass sie nur dreißig Millionen Kilometer zurücklagen – und mit geringer Beschleunigung besaßen aktuelle havenitische Mehrstufenraketen aus der Ruhe eine Reichweite unter Antrieb von fast einundsechzig Millionen Kilometer.

»Raketenabwehr, führen Sie Plan Romeo aus«, sagte sie knapp. »Formation Charlie einnehmen. Theo.«

»Jawohl, Hoheit?«, fragte Lieutenant Commander Kgari augenblicklich.

»Wir brechen nach Süden aus«, eröffnete Honor ihrem Stabsastrogator. »Bringen Sie uns auf Maximalbeschleunigung, und berechnen Sie einen Kurs, der uns möglichst weit von Bandit-Eins entfernt, aber gleichzeitig wenigstens den augenblicklichen Abstand zu Bandit-Vier bewahrt.«

»Aye, aye, Ma’am.«

Kgari beugte sich über seine Konsole, und Honor wandte sich wieder dem taktischen Plot zu, auf dem die Icons ihres Verbandes rasch die Formation änderten.

Lange dauert es nicht mehr, dachte sie.

»Sir, bessere Ziellösungen bekommen wir wohl nicht mehr«, meldete Commander Thackery. Giscard sah sie an, und sie begegnete offen seinem Blick. »Auf solche Entfernung wird unsere Treffgenauigkeit nicht sehr hoch sein«, sagte sie.

»Verstanden, Selma. Andererseits haben wir viele Raketen. Bringen wir sie in den Raum. Beschießungsplan Baker.«

»Aye, Sir!«

4

»Raketenstarts!«, verkündete Andrea Jaruwalski. »Ich habe hier multiple Raketenstarts. Entfernung bei Start drei null Komma vier fünf Millionen Kilometer. Zeit bis Angriffsdistanz sieben Minuten!«

»Verstanden. Feuer nicht erwidern.«

»Feuer nicht erwidern, aye, aye, Ma’am«, antwortete Jaruwalski.

»Hoheit, Kurs ist berechnet«, meldete Kgari.

»Geben Sie ihn Andrea.«

»Gehen auf zwo neun drei zu null null fünf bei sechs Komma null ein Kps Quadrat«, sagte Kgari.

»Zwo neun drei zu null null fünf bei sechs Komma null ein Kps Quadrat«, wiederholte Jaruwalski, und der Kampfverband änderte den Kurs, während die erste Salve von achtern heranschoss.

Jeder von Javier Giscards sechs Lenkwaffen-Superdreadnoughts konnte alle zwölf/24 Sekunden sechs Raketengondeln aussetzen, von denen jede zehn Lenkwaffen enthielt, die ein wenig größer waren als die manticoranischen Mehrstufenraketen erster Generation. Der Gefechtsabstand war – besonders für havenitische Feuerleitgeräte – sehr hoch, wenn man Präzisionsschüsse versuchte, und deshalb entschied sich Giscard für Salven maximaler Dichte, sowohl, um die Abwehr des Feindes zu übersättigen, als auch, um mehr Möglichkeiten zur Erzielung eines Treffers zu erhalten.

Jedes seiner Schiffe legte sechs/3 Gruppen – insgesamt einhundertacht Gondeln – die auf versetzte Starts programmiert waren. Und dann, genau nach Zeitplan, feuerten sie alle und sandten fast elfhundert Raketen gegen die Hecks von Kampfverband 82.

Die Entfernung bei Abschuss betrug 30.450.000 Kilometer. Berechnete man die Bewegung der beiden Verbände relativ zueinander ein, stieg die tatsächlich zurückzulegende Distanz auf 36.757.400 Kilometer. Bei diesem Abstand und einer Beschleunigung von 416,75 Kps2 erzielten die Mehrstufenraketen eine Geschwindigkeit von 175.034 Kps relativ zur Sonne Solon, was einer Aufschließgeschwindigkeit zu Kampfverband 82 von 152.925 Kps entsprach, oder dreiundfünfzig Prozent der Lichtgeschwindigkeit.

Zweiundsiebzig Sekunden später röhrte eine zweite, identische Salve aus ihren Gondeln.

Weitere zweiundsiebzig Sekunden danach eine dritte.

Im Zeitraum von etwas mehr als dreizehn Minuten rasten elf Salven – knapp unter zwölftausend Raketen – auf Kampfverband 82 zu.

In einem konventionellen Gefecht hätten die verfolgenden republikanischen Superdreadnoughts nur eine Hand voll Raketen aus ihren in die Bugs montierten Werferrohre der Jagdbewaffnung feuern können. In der Ära der Gondelleger war diese Beschränkung lange verschwunden, doch bestehen blieb, dass Raketen, die sich von genau voraus oder achteraus näherten, mit dem schwächsten Abwehrfeuer rechnen mussten. An den Enden eines Kriegsschiffs war einfach nicht genügend Raum, um so viele Lasercluster und Antiraketenwerfer der Nahbereichsabwehr zu montieren wie auf den Breitseiten. Die Cluster an Bug und Heck waren die stärksten in der gesamten Bewaffnung, aber es war nur für wenige davon Platz. Telemetrieverbindungen zu den Antiraketen waren ebenfalls begrenzt, und dass der Impellerkeil keinerlei Schutz gegen Beschuss aus diesem Winkel bot, verschlimmerte die Situation noch.

Und außerdem, wie um die ganze Sache aus der Sicht von Kampfverband 82 noch schöner zu machen, trugen havenitische Mehrstufenraketen zum Ausgleich ihrer geringeren Treffgenauigkeit und der unterlegenen Durchdringungshilfen größere und stärkere Gefechtsköpfe.

»Wieso erwidern sie das Feuer nicht?«, fragte Gozzi leise.

»Ich weiß es nicht«, antwortete Giscard. »Vielleicht möchten sie nicht, dass die Keile ihrer offensiven Vögelchen ihre Feuerleitung stören. Und solange sie nicht den Kurs ändern, um ihre Breitseiten ins Gefecht zu bringen, haben sie nicht genügend Steuerverbindungen, um eine Salve zu schießen, die durch unsere Nahbereichsabwehr dringt.«

Gozzi nickte, und Giscard wandte sich wieder dem Plot zu. Seine Hypothese war zumindest oberflächlich betrachtet folgerichtig, doch tief in seinem Innern glaubte er sie selbst nicht.

Die erste Mehrstufenraketensalve von Bandit-Vier raste näher, sie durchquerte den gewaltigen Abgrund zwischen den Schiffen, die sie gefeuert hatten, und ihren Zielen. Siebzig verloren durch einen Fehler in der Datenübertragung vier Minuten nach dem Start ihre Zielerfassung und lösten sich nutzlos aus der Salve. Eintausendzehn Raketen blieben auf Kurs.

»Feindlicher Beschuss scheint sich auf die Imperator und die Intolerant zu konzentrieren«, meldete Jaruwalski angespannt.

»Wenig überraschend, würde ich sagen«, brummte Mercedes Brigham.

»Aber vielleicht nicht die klügste Zielansprache«, erwiderte Honor ruhig. Als Brigham sie ansah, zuckte sie mit den Schultern. »Ich gebe ja zu, sie hätten am meisten davon, wenn es ihnen gelänge, einen Alpha-Emitter eines Superdreadnoughts auszuschalten, aber Superdreadnoughts haben erheblich zähere Abwehr als sonst jemand, und angesichts der Geometrie wird es lange dauern, bis eine Rakete zu uns durchkommt. Wenn ich dort drüben das Kommando hätte, hätte ich mir zuerst die Schlachtkreuzer vorgeknöpft, oder vielleicht auch die Schweren Kreuzer.«

»Die schwächeren Schiffe zuerst vernichten und unsere Raketenabwehr zermürben«, sagte Brigham.

»Genau. Jedes von ihnen ist zwar ein kleinerer Prozentsatz unserer gesamten Verteidigungskapazität, aber viel leichter zu vernichten oder manövrierunfähig zu schießen.« Honor hob wieder die Schultern. »Man könnte für beides gute Argumente anführen, vermute ich – auf einen ›goldenen Treffer‹ an einem Superdreadnought abzielen oder zuerst die schwächeren Geleitschiffe beiseiteräumen. Ich persönlich hätte es genau anders gemacht.«

Sie nahm die Augen nicht aus dem taktischen Hauptplot, vor dem sie stand, die linke Hand auf die Kante der Konsole eines Taktikgasten gestützt, mit der rechten Hand langsam und sanft Nimitz’ Kopf streichelnd, und ihr Gesicht war ruhig und nachdenklich.

»Antiraketenstarts in … fünfzehn Sekunden«, verkündete Jaruwalski.

Für die Antirakete Typ 31 betrug die Reichweite unter Antrieb aus der Ruhe 3.585.556 Kilometer bei einer Flugzeit von 75 Sekunden. Angesichts der Geometrie des Gefechts lag die effektive Reichweite bei über 12,5 Millionen Kilometer, und die Abwehrraketen begannen ihre Starts neunzig Sekunden, ehe die havenitischen Mehrstufenraketen die Angriffsentfernung zu ihren Zielen erreichten. Der Antiraketenwerfer Typ 2 XR hatte eine Nachladedauer von acht Sekunden, sodass Zeit für elf Starts pro Rohr blieb.

Früher – ganze vier T-Jahre zuvor – hätte das nicht viel bedeutet, da die Störungen durch die Impellerkeile der ersten Antiraketen die nachfolgenden Salven geblendet hätten. Für ein havenitisches Schiff galt dies noch immer, allerdings hatte Shannon Foraker eine wichtige Neuerung eingeführt: jedes Schiff in einer havenitischen Formation konnte die Lenkung der Antiraketen jedes anderen Schiffes ›übernehmen‹, solange beide Schiffe die Übergabe vor dem Start vereinbarten. Eine republikanische Formation mit dem gleichen Abstand zwischen den Schiffen wie bei Kampfverband 82 hätte daher vielleicht dreimal so viele Antiraketen handhaben können wie vorher.

Doch zur Trickkiste der Royal Manticoran Navy gehörten die Schlüsselloch-Drohnen.

Statt ein halbes oder ganzes Dutzend Antiraketen pro Schiff konnten sie das Feuer ihrer gesamten Breitseiten-Antiraketenbatterien ins Gefecht werfen. Sie waren nicht auf die Telemetrieantennen beschränkt, die auf ihren Heck-Hammerköpfen montiert waren; an Bord jeder einzelnen Schlüsselloch-Plattform befanden sich genügend Steuereinheiten, um sämtliche Antiraketen eines Schiffes zu lenken, und jedes Schiff hatte zwei Schlüssellöcher ausgesetzt. Und da Raketenabwehrplan Romeo die Schiffe sich auf die Seite rollen ließ, erhielten diese Plattformen eine hinreichende ›vertikale‹ Trennung, sodass sie an den Störungen durch die aufeinanderfolgenden Antiraketensalven mühelos ›vorbeischauen‹ konnten.

Elf Salven konnten sie immer noch nicht steuern; aber acht, und jede dieser acht Salven umfasste weit mehr Raketen, als irgendjemand sonst hätte kontrollieren können.

Javier Giscards Stab hatte mit ganzen fünf Antiraketensalven gerechnet, mit zehn Abwehrwaffen pro Schiff, insgesamt also zweihundert pro Salve. Ihr Beschießungsplan war somit darauf ausgelegt, mit etwa tausend von Schiffen gestarteten Antiraketen und vielleicht noch weiteren Tausend von den Katanas fertigzuwerden.

Tatsächlich sahen sie sich mehr als siebentausendzweihundert Antiraketen allein von Honors Sternenschiffen gegenüber.

»Mein Gott«, sagte Marius Gozzi leise, als die Impellersignaturen der angreifenden Lenkwaffen von den manticoranischen Abwehrraketen überschwärmt wurden. »Wie zum Teufel machen sie das?«

«Ich weiß es nicht«, sagte Giscard zähneknirschend, »aber darum haben sie keine Mehrstufenraketen gefeuert. Sie sagen sich, dass ihre Abwehr mit allem fertig wird, was wir auf sie schießen können, und sparen sich ihre Munition auf, die Mistkerle!«

Er sah drohend das Display an, dann wandte er sich an Thackery.

»Baker abbrechen. Wir brauchen erheblich stärkere Salven, um da durchzukommen.«

Er zeigte mit einer ruckhaften Kopfbewegung auf den Plot, wo seine zweite Salve ebenso spurlos verschwunden war wie die erste.

»Ich weiß aber nicht, ob wir überhaupt eine Salve feuern können, die so dicht ist, dass sie da durchkommt, Sir«, wandte Thackery ein. Ihr Gesicht zeigte fast Schock, aber ihr Blick war aufmerksam, und ganz offensichtlich arbeitete es in ihrem Gehirn noch immer.

»Doch, das können wir«, entgegnete Giscard tonlos. »Machen Sie Folgendes …«

Nachdem er ihr seinen Plan erklärt hatte, nickte Thackery scharf.

»Ich brauche eine kleine Weile, um es einzurichten, Sir.«

»Verstanden. Legen Sie los.«

Giscard wies auf ihre Konsole, und während sie zur taktischen Sektion zurückkehrte, wandte er seine Aufmerksamkeit wieder auf Gozzi.

»Ich hätte auch nie mit diesem Ausmaß an Abwehrfeuer gerechnet«, sagte er, »aber ich glaube, es bedeutet, dass wir unsere Pläne für Deutscher ändern müssen.«

»Was soll er tun, Sir?«

»Der neue Vektor der Manticoraner wird sie auf fünfzig Millionen Kilometer Abstand an Artus heranführen. Angesichts dessen, dass drüben fast mit Sicherheit Honor Harrington das Kommando führt, erwarte ich nicht, dass sie aus solch großer Distanz irgendwelche Raketen in die zivile Orbitalindustrie feuern. Natürlich könnte ich mich in beiderlei Hinsicht irren, aber wir können die Manticoraner jedenfalls nicht daran hindern, so dicht vorbeizufahren. Ich möchte jedoch nicht, dass Deutscher sich ihr stärker nähert, als er unbedingt muss. Und wenn er jetzt die Beschleunigung einstellt, erhält er zusätzliche Zeit, um seinen Teil der Falle aufzubauen.«

»Verstanden, Sir.«

»Hoheit, sie haben das Feuer eingestellt!«, meldete Andrea Jaruwalski in jubelndem Ton.

»Nein, das haben sie nicht«, erwiderte Honor ruhig. Als Jaruwalski sie fragend anblickte, lächelte Honor mit zusammengepressten Lippen. »Vielmehr legen sie im Augenblick erheblich mehr Gondeln aus, Andrea. Wahrscheinlich setzen sie zehn, zwölf Sätze aus. So viele Raketen für das gleichzeitige Eintreffen am Ziel zu sequenzieren ist kompliziert, aber nicht allzu schwierig.«

»Sie haben wahrscheinlich recht, Hoheit«, räumte Jaruwalski ein, nachdem sie nur einen Augenblick lang nachgedacht hatte. »Jetzt, wo Sie es sagen, ist das der offensichtliche Konter.«

»Deshalb ist die nächste Salve ein klein wenig schwieriger abzuwehren. Daher«, sagte Honor grimmig, »könnte es an der Zeit sein, sie ein klein wenig abzulenken. Die Schlachtkreuzer sollen sich zurückhalten – ihre Magazine sind nicht groß genug, um auf diese Entfernung Gondeln einzusetzen –, aber die Imperator und die Intolerant greifen den Gegner an. Suchen Sie sich einen Superdreadnought aus, und bepflastern Sie ihn, Andrea.«

»Aye, aye, Ma’am!«

»Admiral«, sagte einer von Jaruwalskis Gasten, »Bandit-Eins hat soeben die Beschleunigung eingestellt.«

»Damit habe ich gerechnet«, sagte Honor. »Bandit-Eins war nie stark genug, um sich uns zu stellen. Die Gruppe hat wohl nur deshalb auf uns zugehalten, weil wir denken sollten, die Systemverteidigung sei vollkommen unkoordiniert und in Panik. Jetzt, wo die Falle zugeschnappt ist, wollen sie uns nicht näher kommen als unbedingt nötig.«

»Wir sind so weit, Admiral«, sagte Selma Thackery.

»Sehr gut. Ausführen.«

Javier Giscards Kampfgruppe änderte abrupt den Kurs um neunzig Grad und richtete die Breitseiten auf Kampfverband 82. Das Manöver senkte ihre Beschleunigung in Bezug auf die manticoranischen Schiffe auf null, doch der Geschwindigkeitsunterschied hatte sich ohnedies konstant vergrößert, und die Wende erlaubte es den havenitischen zudem, ihre Breitseiten-Feuerleitgeräte einzusetzen. Dadurch stand ihnen plötzlich ein Vielfaches an Steuerkanälen zur Verfügung. Giscard gab im Grunde seine Verfolgung auf, um seine Chancen zu maximieren, eines oder mehrere gegnerische Schiffe manövrierunfähig zu schießen.

»Raketenstart!«, bellte der 2. Operationsoffizier unter Thackery plötzlich. »Multiple Raketenstarts, Admiral! Entfernung bei Start drei neun Komma vier null vier Millionen Kilometer! Zeit bis Angriff sieben Komma sechs Minuten!«

»Na, das kommt nicht ganz unerwartet«, sagte Giscard ein klein wenig ruhiger, als ihm zumute war. »Sie haben gemerkt, was wir vorhaben, und wollen uns zwingen, es entweder einzusetzen oder zu verlieren.«

»Feuern jetzt, Sir!«, rief Thackery, und Giscard nickte.

»Aha, also haben sie auch ein paar neue Tricks«, stellte Honor fest.

Selma Thackery hatte die letzten sechs Minuten mit dem Aussetzen von Raketengondeln verbracht. Während dieser Zeit konnte sie 1080 Exemplare in Position bringen. Nun feuerte sie alle gleichzeitig ab.

Beinahe elftausend Mehrstufenraketen warfen sich auf Kampfverband 82. Durch ihren geringen Beschleunigungswert und die Tatsache, dass sich Kampfverband 82 fortwährend von ihnen fort beschleunigte, dauerte ihre Flugzeit fünfundzwanzig Sekunden länger als der von Kampfverband 82, und ihre Aufschließgeschwindigkeit lag bei Ankunft fast neuntausend Kps niedriger, doch was ihnen an Leistungsfähigkeit mangelte, machten sie durch ihre erdrückende Überzahl wett.

Die havenitischen Schiffe konnten auf keinen Fall genügend Steuerverbindungen unterhalten, um so viele Raketen gleichzeitig zu lenken, sagte sich Honor. Doch wie sich die einzelnen Bestandteile der gewaltigen Salve ausbreiteten und trennten, sah es aus, als wäre auch Haven auf ein Datenteilungsverfahren ähnlich dem der Allianz verfallen. Wenn sie richtig vermutete, schalteten die Steuerstromkreise zwischen einzelnen Rotten von Raketen hin und her, was natürlich zu Lasten der Treffgenauigkeit ging. Doch angesichts der Gewaltigkeit der Angriffswelle, die dadurch nötig wurde, sagten sich die Haveniten vermutlich, dass die neue Technik den Nachteil ausgleiche.

Und damit haben sie wahrscheinlich sogar recht, sagte sie sich.

»Alle Schiffe, Raketenabwehr Sierra!«, befahl Jaruwalski. »Carter, Sie kümmern sich um unsere Offensivraketen!«

»Aye, aye, Ma’am!«, antwortete einer ihrer Assistenten, und Jaruwalski richtete ihre ganze Aufmerksamkeit auf das Abwehrgefecht.

»Pro Salve kommen wahrscheinlich zwohundertachtundachtzig Raketen herein, Sir«, meldete Thackery.

Giscard nickte verstehend. Angesichts der größeren Zuladung pro Gondel, die Manticore anscheinend mit seinen neuen, verkleinerten Mehrstufenraketen erzielte, lief Thackerys Schätzung auf einen doppelten Satz Gondeln beider manticoranischer Superdreadnoughts hinaus. Angesichts der teuflisch tüchtigen Eloka-Fähigkeiten der Durchdringungshilfen an den manticoranischen Raketen war eine akkurate Zählung des Beschusses ohnehin so gut wie unmöglich. Dennoch, die Pausen zwischen den Salven – vierundzwanzig Sekunden – passten gut zu Thackerys Schätzung.

»Bringen Sie die Cimeterres in Position«, befahl er.

»Aye, Sir«, antwortete Thackery, und er hörte, wie sie die Geleit-LACs auf Positionen dirigierte, von denen sie mit ihren Antiraketen und Laserclustern die einkommenden Lenkwaffen angreifen konnten, ohne die Verbindungen zu den eigenen angreifenden Raketen zu stören.

»Sie bringen ihre LACs auf Abfangkurs herein«, verkündete Lieutenant Carter mit leicht heiserer Stimme.

Trotz seiner überragenden Instrumente besaß er nicht den Ansatz von Kontrolle über den Angriff. Er überwachte ihn nur in Honors Auftrag, während die Taktischen Offiziere der einzelnen Schiffe die Anweisungen ausführten, die Jaruwalski bereits übermittelt hatte. Er war noch sehr jung.

»Das war zu erwarten«, erwiderte Honor ihm ruhig. Sie stand hinter Jaruwalski und beobachtete den Plot des Operationsoffiziers, während der unfassliche havenitische Raketensturm auf ihre Schiffe zuraste. »Nehmen Sie es einfach, wie es kommt, Jeff.«

»Jawohl, Hoheit.«

Carter atmete tief durch und ließ sich in den Sessel sinken. Honor streckte die rechte Hand aus und legte sie ihm einen Moment lang leicht auf die Schulter. Selbst dabei verließen ihre Augen niemals Jaruwalskis taktisches Display.

Das ONI schätzte, dass die neuesten havenitischen Lenkwaffen-Superdreadnoughts annähernd genauso viele Gondeln trugen wie eine manticoranische Medusa. Wenn das zutraf, hatte jeder der sechs Superdreadnoughts, die Honors Kampfverband verfolgten, fünfhundert Gondeln an Bord. Bei der ersten Beschießung hatten sie pro Schiff wenigstens einhundertsechzig davon verbraucht, und an der aktuellen Monstersalve mussten wenigstens tausend Gondeln beteiligt sein. Damit waren gut zweitausend Gondeln verbraucht, und wenn die sechs Superdreadnoughts tatsächlich insgesamt dreitausend Gondeln mitgeführt hatten, so waren zu dem Zeitpunkt, an dem die jetzige Salve eintraf, zwo Drittel ihrer Munition bereits verbraucht.

Sie können diese Beschussdichte nicht aufrechterhalten, sagte sich Honor. Andererseits, wenn sie diesmal mit genügend Raketen durchkommen, dann spielt das vielleicht keine Rolle mehr.

»Diesmal werden auch die Schlachtkreuzer beschossen, Hoheit«, sagte Brigham leise, und Honor nickte knapp. Die Haveniten ignorierten die Superdreadnoughts keineswegs, aber wenigstens ein Teil ihrer Beschießung konzentrierte sich auf Henkes Schlachtkreuzer.

»Jetzt geht’s los«, sagte jemand.

Die Stimme war leise, und Giscard erkannte sie nicht. Er versuchte es auch nicht. Er bezweifelte, ob der Sprecher überhaupt bemerkt hatte, dass er laut sprach.

Niemand hatte die Ankündigung gebraucht.

Die erste manticoranische Salve schoss auf die Bugs seiner Kampfgruppe zu, und ganz offensichtlich hatten sich die Manticoraner auf ein einziges Ziel konzentriert.

Die Raketen von Kampfverband 82 stürzten sich auf den Superdreadnought RHNS Conquete. In der führenden Salve befanden sich zweihundertvierzig offensive Raketen und achtundvierzig Eloka-Drohnen. Letztere bestanden zur Hälfte aus ›Drachenzähnen‹, und als sie in

Antiraketenreichweite von Bandit-Vier gelangten, erschienen sie auf den havenitischen Ortungsdisplays plötzlich als zweihundertundvierzig zusätzliche offensive Raketen. Antiraketen, die sie bereits erfasst hatten, erlitten massive Verwirrung, als ihre Ziele sich plötzlich in einen Schwarm aus Dutzenden falscher Abbilder aufspalteten. Andere Antiraketen, die für echte Bedrohungen vorgesehen gewesen waren, lenkten sich auf die neuen Ziele um und griffen sie sinnlos an.

Vierzehn Drachenzähne überstanden die Durchquerung der ersten Abfangzone, sechs erreichten das Ende der zweiten, zwei kamen halb durch die innere Antiraketenzone. Doch ehe die letzte von ihnen vernichtet wurde, hatten sie einhundertfünfundsechzig offensive Raketen und vierzehn Eloka-Drohnen vom Typ ›Blender‹ vor der Zerstörung geschützt.

Lasercluster richteten sich auf die übrigen manticoranischen Raketen, doch diese Raketen näherten sich zweiundsechzig Prozent der Lichtgeschwindigkeit. Jeder Cluster hatte eine effektive Reichweite von 150.000 Kilometern, doch manticoranische Mehrstufenraketen konnten aus 40.000 Kilometern angreifen – und benötigten knapp eine halbe Sekunde, um die verbleibenden 110.000 Kilometer zurückzulegen. An Bord der Superdreadnoughts und der eskortierenden Cimeterres befanden sich Tausende von Laserclustern, aber sie hatten alle bestenfalls einen Schuss.

Und gerade, bevor sie feuerten, gaben die vierzehn Blender Stoßwellen aus Störsignalen von sich, die Sensoren blendeten, welche verzweifelt nach Zielen suchten.

Trotz der hohen Leistungsfähigkeit manticoranischer Eloka funktionierte Shannon Forakers Abwehrdoktrin. Nicht so gut, wie eine manticoranische Abwehr vielleicht funktioniert hätte, aber der schiere Umfang an Feuerkraft machte sich doch bemerkbar. Von den zweihundertvierzig offensiven Raketen der Salve drangen nur acht auf Angriffsentfernung durch.

Zwei davon detonierten zu spät und verschwendeten ihre Kampfkraft auf das Dach des undurchdringlichen Impellerkeils der Conquete. Die anderen sechs detonierten zwischen fünfzehn- und zwanzigtausend Kilometer vor dem Backbordbug des Schiffes, und schwere bombengepumpte Laserstrahlen stachen brutal durch ihren Seitenschild.

Alarm jaulte auf, während das Schiff der Tmeraire-Klasse vor Schmerz erschauerte. Fünf Lasercluster, zwei Antiraketenwerfer und drei Graserlafetten explodierten. Die Beta-Emitter Eins, Drei und Fünf, Radar Eins, Gravsensor Eins und drei Gruppenantennen der Feuerleittelemetrie verschwanden. Einundfünfzig Besatzungsmitglieder starben, achtzehn wurden schwer verwundet, und vom Rumpf des Superdreadnoughts stoben Panzersplitter davon, darunter einige von Pinassengröße. Doch trotz der entsetzlichen Gewalt dieser Treffer war der Schaden tatsächlich leicht. Superdreadnoughts waren darauf ausgelegt, dem grausamsten Beschuss standzuhalten, und die Conquete setzte unbeirrt weiter Raketengondeln aus.

»Wie es scheint, haben wir ihr wenigstens einige Treffer beigebracht, Hoheit«, meldete Lieutenant Carter. »Trotz der Fernsonden schwer zu sagen auf diese Distanz, aber OPZ ist sich ziemlich sicher.«

»Gut«, sagte Honor. »Gut.«

»Und hier kommt die Erwiderung«, sagte Brigham grimmig. »Wie lautete gleich dieser Spruch in der alten Marine, von dem Sie mir erzählt haben, Hoheit? ›Für das, was wir erhalten …‹?«

»› … wollen wir dankbar sein‹«, sagte Honor, ohne die Augen vom Plot zu nehmen.

»Genau«, stimmte Brigham ihr zu, und dann erreichten die Mehrstufenraketen sie.

Die Republik war an der Reihe, und der Tsunami aus Raketen brach in die äußere Antiraketenzone von Kampfverband 82. Auch wenn havenitische Eloka nicht so gut war wie die der RMN, tat sie doch ihr Bestes, und sie war erheblich besser als früher.

Fast elftausend Mehrstufenraketen waren gestartet worden. Sechshundertsiebzehn verloren einfach ihr Ziel und kamen vom Kurs ab, während die Feuerleitung von Bandit-Vier sich anstrengte, die hohen Anforderungen zu erfüllen, die an sie gestellt wurden. Den restlichen zehntausend rasten die Typ-31-Antiraketen entgegen, und zweitausendsechshundert Lenkwaffen verschwanden in der äußeren Abfangzone. In der mittleren endete die Existenz von weiteren dreitausendzweihundert, und in der inneren Zone vernichteten die Typ 31er noch einmal zweitausendneunhundert havenitische Lenkwaffen. Doch dann rasten sie in weniger als eine Sekunde durch den Feuerbereich der Lasercluster, und es waren noch exakt 1472 von ihnen übrig. Zweihundert davon waren Eloka-Drohnen, und die Ziellösungen der übrigen zwölfhundert waren schlechter als bei den Raketen des Kampfverbandes 82, aber dafür gab es sehr, sehr viele.

Die Nahbereichs-Abwehrlaser an Bord der Kriegsschiffe und der LACs vernichteten über neunhundert Raketen. Von den dreihundertzweiundsiebzig Raketen, die tatsächlich zum Angriff kamen, verschwendeten sich einhundertdrei sinnlos an die Impellerkeile ihrer Ziele. Von den verbleibenden zweihundertneunundsechzig griffen einhundertzweiundsiebzig die beiden Superdreadnoughts an, und die Imperator und die Intolerant schwankten, als die Laser in sie einschlugen. Ihre Seitenschilde fingen die meisten Strahlen ab oder nahmen ihnen viel von ihrer Energie, doch nun zerbarst manticoranische Panzerung unter den Treffern.

Die Imperator kam mit relativ geringfügigem Schaden davon, dem Verlust von Grasern und einem halben Dutzend Laserclustern, doch die Intolerant schwankte, als Dutzende von Treffern auf ihre dicke, mehrschichtige Panzerung einhämmerten. Riesige Splitter wirbelten davon, Energiewaffen und Lasercluster wurden ausgelöscht, Signal- und Feuerleitsender, Radar- und Gravitationsantennen vergingen. Das Schiff zitterte wie vor Schmerz – und dann schlug ein letzter Zufallstreffer genau in das gähnende Raketenluk genau im Zentrum ihres achteren Hammerkopfs.

Konteradmiral Morowitz’ Flaggschiff bockte, als der starke Energiestrahl sich im ungepanzerten, offenen Zentralschacht des Gondellegers nach vorn fraß. Hunderte von Raketengondeln wurden zerstört, in verborgene, zerplatzte Wracks aus angeschmolzenem Stahl verwandelt. Die Raketenzuführschienen wurden zerrissen, und über dreißig Besatzungsmitglieder starben.

Doch so furchtbar der Schaden war, BuShips hatten die Möglichkeit eines solchen Treffers in Betracht gezogen. Im Gegensatz zu den frühen Lenkwaffen-Superdreadnoughts der Medusa- und Harrington-Klasse besaß die Invictus-

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