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HONOR HARRINGTON: An Bord der Hexapuma

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. 1
  6. 2
  7. 3
  8. 4
  9. 5
  10. 6
  11. 7
  12. 8
  13. 9
  14. 10
  15. 11
  16. 12
  17. 13
  18. 14
  19. 15
  20. 16
  21. 17
  22. 18
  23. 19
  24. 20
  25. 21
  26. 22
  27. 23
  28. 24
  29. 25
  30. 26
  31. 27
  32. 28
  33. 29
  34. EPILOG
  35. PERSONEN DER HANDLUNG
  36. GLOSSAR
  37. Fußnote

Über den Autor

David Weber ist ein Phänomen: Ungeheuer produktiv (er hat zahlreiche Fantasy- und Science-Fiction-Romane geschrieben), erlangte er Popularität mit der HONOR-HARRINGTON-Reihe, die inzwischen nicht nur in den USA zu den bestverkauften SF-Serien zählt. David Weber wird gerne mit C. S. Forester verglichen, aber auch mit Autoren wie Heinlein und Asimov. Er lebt heute mit seiner Familie in South Carolina.

1

»Pontifex Traffic Control, hier Hexapuma. Erbitten Freigabe zum Verlassen der Parkumlaufbahn.«

»Hexapuma, hier Commodore Karlberg«, antwortete statt des diensttuenden Lotsen eine unerwartete Stimme auf Lieutenant Commander Nagchaudhuris Routinesignal. »Sie haben Freigabe zum Verlassen der Umlaufbahn von Pontifex. Nehmen Sie unseren tiefen Dank mit auf den Weg. Wir werden nicht vergessen, was Sie für uns getan haben. Viel Glück und gute Jagd.«

Nagchaudhuri blickte Captain Terekhov an, der im Zentrum der Brücke der Hexapuma auf dem Kommandosessel saß. Terekhov erwiderte den Blick kurz, dann drückte er einen Knopf an der Armlehne.

»Ich bin froh, dass wir helfen konnten, Commodore«, sagte er zu dem Kommandeur der nuncianischen Navy. »Ich hoffe, Sie haben keine weiteren unerwünschten Besucher, aber falls etwas Ungewöhnliches geschieht, melden Sie es dem anderen Schiff der Königin, das in den nächsten Wochen eintrifft. Bis dahin danke ich Ihnen für Ihre guten Wünsche.«

»Sie haben sie verdient, Captain. Ach, und Ihre Gefangenen behalten wir hübsch im Auge, bis die Provisorische Gouverneurin entschieden hat, was mit ihnen geschehen soll.«

»Danke, Sir. Ich hatte nichts anderes erwartet. Terekhov, Ende.«

»Das ist doch das Mindeste, Captain. Karlberg, Ende.«

Terekhov nickte Nagchaudhuri zu, der den Kanal schloss, dann wandte sich der Kommandant an den Astrogator.

»Nun, Commander Wright. Wir haben Freigabe, warum brechen wir also nicht geschwinden Schrittes auf?«

»Aye, aye, Sir.« Wright grinste und blickte Senior Chief Clary an. »Rudergängerin, führen Sie den geplanten Orbitalaustritt durch.«

»Aye, aye, Sir. Verlassen jetzt den Orbit«, bestätigte Clary, und die Hexapuma hob die Nase und entfernte sich mit konstanten hundert Gravos Beschleunigung.

»Behalten Sie gegenwärtige Beschleunigung bis Punkt Able bei«, wies Wright sie an. »Gehen Sie dann auf null null drei zu zwo sieben neun bei fünfhundert Gravos.«

»Gegenwärtige Beschleunigung bis Punkt Able beibehalten, dann auf null null drei zu zwo sieben neun bei fünfhundert Gravos, aye, Sir«, antwortete Clary, und Terekhov neigte zufrieden seinen Kommandosessel nach hinten, während sein Schiff sich vom planetennahen Verkehr um Pontifex entfernte. Fünfundsiebzig Lichtjahre bis Celebrant, dachte er. Zehneinhalb Tage für den Rest des Universums, ein bisschen über sieben nach den Uhren der Hexapuma. Die Pause, die sich der Besatzung durch die Reise bot, wäre allen an Bord willkommen.

Die zwölf Tage Aufenthalt der Hexapuma im Nuncio-System hatten sich ebenso produktiv wie hektisch gestaltet. Zwei ehemals havenitische Piratenschiffe vernichtet oder gekapert, die Emerald Dawn aufgebracht (auch wenn ihr eine längere Wartung durch ein gut ausgerüstetes Werkstattschiff bevorstand, ehe sie Nuncio verlassen konnte) und die astrografischen Daten der Navy über das Nuncio-System gewissenhaft aktualisiert. President Adolfssons Regierung und die Bevölkerung von Pontifex hatten der Hexapuma ihre Begeisterung ausgedrückt, und Terekhov und seine Crew konnten in dem sicheren Wissen auslaufen, dass zumindest dieses Sonnensystem keinerlei Vorbehalte hegte, was den Anschluss an das Sternenkönigreich betraf.

Und das Prisengeld für das Aufbringen der Emerald Dawn – ganz zu schweigen von dem Kopfgeld für die Piraten, die wir getötet oder festgenommen haben – betrübt unsere Leute auch nicht gerade.

Doch in Terekhovs Sicht des Universums wog am schwersten, dass die Crew der Hexapuma keine unbekannte Größe mehr war. Ganz eindeutig hegte die Besatzung nun keinerlei Bedenken mehr, was die Kompetenz ihres Kommandanten betraf. Das ist eine Menge wert, sagte Terekhov sich. Wirklich eine Menge.

»Nähern uns Punkt Able«, verkündete Senior Chief Clary.

»Sehr gut, Ruder«, bestätigte der Kommandant und lächelte.

»Da drüben!«

Captain Barto Jezic von der Kornatischen Nationalpolizei sah irritiert auf, als die hastig geflüsterte Durchsage aus seinem Com drang.

»Hier Team-Leader!«, knurrte er in das Auslegermikrofon. »Wer zur Hölle war das, und wo zum Teufel sind Sie? Kommen.«

Ein Augenblick tiefsten Schweigens folgte. Jeder von Jezics Leuten kannte diesen Ton; dafür war er in der gesamten KNP berühmt: Jemand durfte sich, wenn er nicht sehr, sehr viel Glück hatte, schon einmal darauf einrichten, einen neuen After gebohrt zu bekommen.

»Ah, Entschuldigung, Team-Leader«, sagte der unselige Brennpunkt seines Unmuts schließlich. »Hier Blau-Drei. Zweiter Stock Hauptverwaltung, Ostseite. Ich sehe Bewegung auf dem Südteil der Macek Avenue. Fünf … nein, Korrektur, sieben menschliche Wärmequellen. Ende.«

»Das ist schon besser, Blau-Drei«, knurrte Jezic, von Blau-Dreis sofortiger Klarstellung mehr als nur ein wenig besänftigt. Genauer gesagt, von der Klarstellung und dem Umstand, dass es ganz danach aussah, als wäre die Information zutreffend.

»Team-Leader an alle«, fuhr der Captain fort. »Bereithalten zur Ausführung. Und nicht vergessen, verdammt noch mal, diesmal brauchen wir Gefangene, nicht bloß Leichen! Team-Leader, Ende.«

Er bewegte sich von seiner eigenen Position, die fünfzig Meter von seinem offiziellen Gefechtsstand entfernt war, nach vorn und klappte das Visier vor die Augen. Für wirklich modernes Gerät hätte er bereitwillig zwei Finger seiner linken Hand gegeben, doch was er besaß, musste genügen. Wenigstens enthielt das Visier einen brauchbaren Restlichtverstärker und eine gute Infrarotsicht, sodass er keine aktiven Sensoren einzusetzen brauchte, um die Macek Avenue abzutasten.

Da sah er sie! Er spürte, wie ihn das Adrenalin durchströmte, und atmete tief ein. Zu seinem Erstaunen bemerkte er, dass seine Hände am Gewehr bebten – nicht aus Angst, sondern vor Erwartung … und ungezügelter Wut. Es gefiel ihm nicht. Der Leiter der Sondereinsatzkommandos der KNP sollte sich stets professionell verhalten. Die mörderische Kampagne Agnes Nordbrandts der vergangenen dreißig Tage hatte dieser Professionalität allerdings stärker zugesetzt, als er sich eingestehen wollte.

Jezic wartete einige Herzschläge lang, dann war er sicher, dass ihm sein plötzlich auflodernder Hass nicht an der Stimme anzumerken war, und drückte wieder die Comtaste.

»Team-Leader an Blau-Eins.«

»Hier Blau-Eins. Kommen«, hörte er Lieutenant Aranka Budaks Stimme aus dem Kopfhörer.

»Blau-Eins, die Zielpersonen nähern sich Ihrer Position im Parkhaus. Sie sind zum Zugriff ermächtigt, sobald alle sieben identifizierten Gegner die Grenze Ihrer Zone überquert haben. Es gilt Regelsatz Bravo. Bestätigen.«

»Team-Leader, Blau-Eins ist ermächtigt, sieben – wiederhole, sieben – Gegner in Gewahrsam zu nehmen, sobald sie alle in meine Zone eingedrungen sind. Regelsatz Bravo ist in Kraft. Blau-Eins, Ende.«

Jezic grunzte zufrieden. Er wusste nicht, wie der Geheimdienst die Sicherungsmaßnahmen der FAK in diesem Fall hatte überwinden können. Was er insgeheim vermutete, hatte mit möglichen ernsthaften Verletzungen des Rechtes einer Person zu tun, eine Selbstbezichtigung ablehnen zu können. Ohne Zweifel würde das Gericht dazu einige ernste Worte zu sagen haben, und dagegen hätte Jezic keine Einwände gehabt. Der Gedanke, dass seine Truppe auf solche Verhörmethoden zurückgriff, erfüllte ihn nicht gerade mit Glücksgefühlen. Allerdings gab es Momente, in denen man gewisse Informationen einfach benötigte, und auf keinen Fall vergoss er Tränen wegen der Empfindlichkeiten von Terroristen und Mördern. Sobald eine Polizei jedoch begann, solche Methoden anzuwenden, war es nur eine Frage der Zeit, bis auch Verdächtige, die keine Terroristen waren, sich den gleichen Missständen ausgesetzt sahen. Vor allem aber fiel es mit jedem Mal leichter, es aus immer weniger gravierenden Gründen erneut zu tun. Kam es häufig genug vor, wurden Nordbrandts Anschuldigungen zur hässlichen Wahrheit.

Doch wo immer die Information herstammte, er war froh, sie zu haben, und hatte sie so genau studiert, wie die Zeit es zuließ. Wenn ihr … Informant nur recht hätte, wer diesen Anschlag anführte!

Er schob den Gedanken – wieder – beiseite und beobachtete schweigend die sich entwickelnde Situation. Er hatte gehofft, die Mistkerle kämen über die Macek. Deshalb hatte er die Flanke Aranka gelassen. Lieutenant Budak und ihr Trupp waren seine besten Leute – und nach seiner Ansicht die besten in der gesamten Nationalpolizei. Wenn er schon nicht selbst an der Flanke stehen konnte, gab es auf ganz Kornati niemanden, den er lieber an dieser Stelle gesehen hätte.

Juras Divkovic schlüpfte so leise wie die Nachtluft durch die verregneten Schatten.

Im Gegensatz zu den ersten Anhängern Agnes Nordbrandts hatte Divkovic nie bezweifelt, dass auf den Straßen Blut vergossen würde, ehe alles vorbei war. Das gesamte System war innerlich so verfault, so morsch von Korruption, Amtsmissbrauch, Bereicherung und unehrlichen Politikern, kontrolliert vom schmutzigen Geld, das Leuten wie der Verräterin Tonkovic gehörte, dass es anders nicht sein konnte. Einige von Nordbrandts ursprünglichen Anhängern waren sich dessen nicht bewusst gewesen. Sie hatten tapfer getönt, wenn sie von ›wehrhaftem Volk‹ und ›bewaffnetem Widerstand‹ schwafelten, nur war es ihnen nicht ernst damit gewesen. Sie waren Theoretiker, affektierte Dilettanten – alberne Poseure aus der Oberklasse, die letzten Endes Angst hatten, sich die Hände blutig zu machen. Oder ihre kostbare Haut zu riskieren.

Wie gut, dass Nordbrandt von Anfang an auf der Organisation in Zellen bestanden hatte. Anders hätten die Heulsusen und Schönwetteraktivisten, um ihre Haut zu retten, die gesamte Führung der FAK an die Kollaborateure verraten. Sie konnten jedoch niemanden denunzieren, den sie nicht kannten, und in ihrer Voraussicht hatte Nordbrandt zwei Organisationen geschaffen, die vollkommen voneinander getrennt agierten. Eine bestand aus den Großmäulern mit den Testikeln zaghafter Mücken, auf die man in puncto finanzielle Beiträge, politischen Aktivismus, Agitation und Demonstrationen zählen konnte, aber nicht, was die eigentliche Arbeit der Bewegung anging. Zu der anderen gehörten Leute wie Divkovic, die von Anfang an gewusst hatten, was getan werden musste, und deren Bereitschaft, es auch anzugehen, außer Frage stand. Die Leute, die schon Jahre, ehe der eigentliche Konflikt begann, die FAK aufgebaut und strukturiert hatten.

Die Angehörigen ersterer Organisation waren entweder in den Untergrund gegangen und verbargen sich vor beiden Seiten oder waren in dem verzweifelten Versuch, Distanz zum bewaffneten Feldzug der FAK zu gewinnen, sogar zu eifrigen Informanten geworden. Einige hatten sogar Erfolg damit gehabt, aber keiner von ihnen bedeutete einen großen Verlust. Divkovic war sogar froh über ihr Verschwinden. Keiner von ihnen hatte irgendetwas Nützliches über seine Seite der FAK gewusst, sodass die selbstsüchtigen Informanten den Operationen nicht schaden konnten. Außerdem waren sie durch ihre Desertion aus dem Weg, die Gefahr zukünftiger Sicherheitslecks somit verringert – und die Führung der Bewegung lag nun fest in den Händen von Leuten wie Divkovic. Nun, wo es nicht mehr nötig war, dass Nordbrandt die schwachen Schwestern beschwichtigte, hatte die Bewegung in die Hände gespuckt und sich an das ernste Geschäft gemacht, die verfluchten Mantys aus dem Split-System zu vertreiben und Kornati eine neue Ordnung zu geben.

Divkovic hob die linke Hand, sodass seine Gruppe anhielt, und ging hinter einer Mülltonne auf ein Knie. Er stützte das Fernglas auf dem Deckel auf und blickte über den breiten Boulevard auf das Gebäude des Finanzministeriums, das fünfzehn Häuserblocks vom Nemanja-Gebäude entfernt stand. Seit dem Anschlag auf das Parlament waren sie nicht mehr so tief nach Karlovac vorgestoßen, und Divkovic war entschlossen, ihr Vorhaben zum Erfolg zu führen. Die Dunkelheit und der Nieselregen standen auf seiner Seite, die späte Stunde ebenfalls, aber sie begrenzten die Sicht, und er wünschte sich einen Augenblick lang, seine Leute besäßen die gleiche Ausrüstung, wie sie Tonkovic und ihre Kumpane der sogenannten ›Polizei‹ verschafft hatten.

Leider war dem nicht so; immerhin hatten sie vor Kurzem einige moderne Waffen in die Hände bekommen. Divkovic trug ein Pulsergewehr, das bei einem früheren Anschlag der Bewegung im Polizeiarsenal von Rendulic erbeutet worden war. Für die meisten Zivilisten waren solche Waffen unerschwinglich – nur mit den Mitteln einer Regierung konnte man sich so etwas leisten –, und die meisten seiner Leute trugen nach wie vor Waffen mit chemischen Treibladungen. Wie bei fast aller ihrer Ausrüstung mussten sie mit dem auskommen, was ihnen in die Hände fiel, und bei allem revolutionären Eifer waren sie dadurch sehr im Nachteil. Dennoch genügte sein altes, rein optisches Fernglas, um das erhellte Fenster im fünften Stock der Hauptverwaltung scharf zu erfassen. Viele Details konnte er nicht erkennen, doch trotz der späten Stunde brannte in dem Konferenzzimmer strahlend hell das Licht.

Das ist das Werk der Bewegung, dachte er mit rachsüchtiger Genugtuung. Die Erschütterungen, die ihre Anschläge durch die korrupte Wirtschaft und Politik Kornatis sandten, versetzten die Schweine, die im öffentlichen Futtertrog wühlten, in Panik. Finanzministerin Grabovac hatte ihre Lakaien zu einer Krisensitzung zu sich gerufen, ein Teil ihrer hektischen Bemühungen, das einstürzende Kartenhaus des Establishments zu stützen. Wie passend, dass sie einander im Dunkel der Nacht trafen, wie Maden, die durch den Bauch eines verwesenden Kadavers krochen … und dass sich Grabovac und ihre stiefelleckenden Marionetten lieber auf die Geheimhaltung ihres Treffens verließen, als sich hinter den üblichen Sicherheitskräften zu verschanzen.

Bei dem Gedanken an Sicherheitskräfte musterte er in einem langen, gemächlichen Bogen mit dem Glas das Gelände nach Schutzmaßnahmen ab. Diese Anlage des Ministeriums war normalerweise ein zweit-, wenn nicht sogar drittrangiger Verwaltungskomplex. Die drei Gebäude und das zentrale Parkhaus bildeten eine isolierte Regierungsenklave in einem ärmeren, zentrumsnahen Viertel der Hauptstadt; der Komplex wurde hauptsächlich zur Lagerung von Akten und routinemäßigem Schriftverkehr benutzt. Auch aus diesem Grund hatte man ihn für die nächtliche Sitzung ausgewählt – weil niemand glaubte, die Bewegung würde vermuten, dass in einer derart schlecht gesicherten, unbedeutenden Anlage irgendetwas Wichtiges vorgehen könnte.

Nach den Informationen der Bewegung gab es nur in den Gebäuden Sicherheitspersonal, im Grunde nicht mehr als Nachtwächter, obwohl nach dem Beginn der FAK-Anschläge Waffen und Munition an die Leute ausgegeben worden war. Die meisten von ihnen waren alte, außer Form geratene Beamte, die eigentlich schon Pension beziehen sollten – die Sorte, die sich angesichts seiner gut ausgebildeten, motivierten Leute wie Schafe vor den Wölfen verhalten würden. Dass er, so sehr er auch suchte, keinen einzigen auf dem Gelände entdecken konnte, sprach Bände über ihr Pflichtbewusstsein, Regen hin oder her, dachte er mit grimmiger Belustigung.

Grabovacs Leibwache stellte ein ernsteres Problem dar, doch nach allen Informationen bestand sie aus nur drei Mann, und sie wären entweder mit ihr im Konferenzraum oder unmittelbar davor postiert.

Divkovic blickte ein letztes Mal auf das Fenster des Konferenzsaals und sah einen bewegten Umriss, der sich verschwommen vom Licht abhob, als jemand den Raum durchquerte, als wollte er zeigen, dass er besetzt war. Divkovic atmete zufrieden durch, senkte das Fernglas und verstaute es sorgsam in seinem Futteral. Dann wandte er sich seinem Stellvertreter zu, den er nur als ›Tyrannicide‹ kannte.

»Also gut«, hauchte er heiser, kaum lauter als der verregnete Wind. »Sie sind im Konferenzsaal, ganz wie angegeben. Los geht’s.«

Der ›Tyrannenmörder‹ nickte. Er stand auf, das Pulsergewehr – bei dem gleichen Überfall erbeutet wie Divkovics – in der Armbeuge, und winkte die beiden anderen Männer seiner Gruppe herbei. Alle drei überquerten unverzüglich die Straße zu der Feuerleiter, die Divkovic zum zweiten Zugang bestimmt hatte. Wie undeutliche Schemen glitten sie durch das neblige Halbdunkel der Nacht. Die Straßenbeleuchtung von Karlovac reichte selbst unter besten Wetterverhältnissen allenfalls gerade aus; in Nächten wie dieser stellte es nur eine Geste dar.

Und das ist gut so, dachte Divkovic, während er den Leuten einen Augenblick lang nachsah. Dann wandte er sich um und führte seine eigene vierköpfige Gruppe zum Parkhaus. Von der Verbindungstür in der fünften Etage lag der Konferenzsaal keine zehn Meter weit entfernt, und als Divkovic sich die Gesichter der zum Tode verurteilten Verwaltungsschergen vorstellte, die zu dieser Krisensitzung zusammengerufen worden waren, lächelte er hässlich.

»Scheiße!«

Jezic war froh, dass sein Mikrofon nicht eingeschaltet war, als ihm die Verwünschung entfuhr, die von Herzen kam. So viel zu umfassender Aufklärung!

Er beobachtete, wie sich etwas, das eigentlich eine einzelne, vereinte Kampfgruppe der FAK sein sollte, in zwei Abteilungen aufspaltete, und dachte angestrengt nach. Die Terroristen gingen vielleicht nicht ganz so vor, wie der Geheimdienst vorhergesagt hatte, aber sie waren gekommen. Folglich war die geheime Krisensitzung, ganz wie die KNP befürchtet hatte, zur FAK durchgesickert. Die Bestätigung, dass die internen Sicherheitsvorkehrungen versagt hatten, war zwar hässlich genug, doch dass die Terroristen den Anschlag nicht abgeblasen hatten, als man die Konferenz verlegte und an seiner Stelle die Falle aufstellte, deutete darauf hin, dass das Leck irgendwo im Finanzministerium zu suchen war, und zwar bei den untergeordneten Mitarbeitern der Tagschicht – bei jemandem, der nicht verständigt worden war, nachdem man in letzter Sekunde die Absage beschlossen hatte.

Die Erkenntnis konnte man für später im Hinterkopf behalten. Jezic hatte im Moment ein ganz anderes Problem, nämlich dass zwei getrennte Gruppen auf unterschiedliche Sondereinsatzkommandos treffen würden, und das zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Die drei Personen, die zum anderen Ende des Verwaltungsgebäudes unterwegs waren, planten fast mit Sicherheit, über eine der äußeren Feuerleitern zum fünften Stock hochzusteigen und dann als eine Hälfte eines Zangenangriffs auf den Konferenzsaal zu fungieren. Damit liefen sie seinem Team Rot direkt in die Arme. Aufgrund der Wege begegneten sie dem Team vermutlich vier bis fünf Minuten früher, als die andere Gruppe im Parkhaus Aranka Budaks Zone auf dem dritten Parkdeck erreichte. Sobald jemand sie anrief oder verlangte, dass sie sich ergaben, wurde Alarm ausgelöst, und die andere Terroristengruppe machte kehrt und versuchte zu verschwinden. Angesichts der verdammungswürdigen Effizienz, mit der sich die FAK nach ihren Anschlägen die Abwasserschächte, Kanäle, Wartungstunnel und alle anderen unterirdischen Verbindungswege Karlovacs zunutze machte, war es sogar möglich – wenn seiner Meinung nach auch nicht sonderlich wahrscheinlich –, dass den Terroristen das Verschwinden gelang.

Unter den normalen Umständen wäre das schon schlimm genug gewesen, aber wenn Nordbrandt heute Nacht wirklich an der Aktion teilnahm …

»Team-Leader an Rot-Eins«, sprach er in sein Mikrofon. »Halten Sie sich so lange zurück, wie Sie können! Die Gruppe im Parkhaus soll so tief in die ›Blau-Eins‹-Zone vordringen wie möglich. Team-Leader, Ende.«

»Rot-Eins an Team-Leader. Ich habe verstanden«, meldete Sergeant Slavko Maksimovac. »Ich halte mich so lange zurück, wie ich kann, aber sie kommen genau auf mich zu. Rot-Eins, Ende.«

Jezic wollte gerade etwas erwidern, als plötzlich alles auf einmal geschah.

Divkovic wusste nicht, was ihn warnte. Vielleicht meldeten sich nur die Raubtierinstinkte. Vielleicht war es auch etwas anderes – die unüberlegte Bewegung von einem von Lieutenant Budaks Leuten, ein stumpfer Widerschein auf etwas, das einfach nicht in ein Parkhaus gehörte. Es konnte nichts gewesen sein, nur eine überreizte Phantasie, die dieses eine Mal richtig riet.

Woran immer es lag, er legte sofort das Pulsergewehr an und blieb auf der Stelle stehen, wo er war, am Fuße der Parkhausrampe. Die dunkelhaarige Frau hinter ihm wäre fast in ihn hineingelaufen, und er zischte ihr zu, sie solle sich links von ihm aufstellen. Der nächste Angehörige des Teams fächerte nach rechts aus, und Divkovic stand reglos da, mit bebenden Nasenflügeln, und spähte durch die schlechte beleuchtete Garage.

Er zögerte keine drei Sekunden, dann traf er seine Entscheidung und signalisierte seiner Abteilung, sich zurückzuziehen. Er brach den Einsatz nur ungern ab, zumal er keine Möglichkeit besaß, mit Tyrannicide Kontakt aufzunehmen. Beide Teile der Operation waren jedoch so angelegt, dass sie auch auf sich allein gestellt Erfolg haben konnten. Sollte er sich also irren, wäre die einzige Folge, dass Tyrannicides Team den Anschlag ohne ihn durchführen musste; traf sein plötzlich aufgekommenes Misstrauen aber zu, konnte die Fortsetzung der Operation den Untergang seiner gesamten Zelle bedeuten.

»Verdammter Mist!«, fauchte Barto Jezic in bitterer Frustration, als die Parkhaus-Abteilung der Terroristen auf dem Fleck stehen blieb, kurz ausfächerte und sich zurückzuziehen begann. Er hatte wirklich Gefangene gewollt, besonders wenn … Aber er hatte jetzt keine Zeit, darüber nachzudenken, und es war noch immer möglich …

»Team-Leader an alle!«, bellte er ins Mikrofon. »Able Zulu. Able Zulu!«

Juras Divkovic fluchte erbittert, als die Multimillion-Kerzen-Suchscheinwerfer auf dem Dach der Hauptverwaltung blendend hell aufstrahlten. Ihre grellen Strahlen durchstachen den Nieselregen und schlugen auf den Netzhäuten seiner Leute ein wie Fausthiebe. Die unerwartete Schockwirkung lähmte sie im wahrsten Sinne des Wortes, und sein gesamtes Team erstarrte.

»Hier spricht Captain Barto Jezic von der Nationalpolizei!«, gellte eine gewaltig verstärkte Stimme auf. »Wir haben Sie im Visier! Ergeben Sie sich, oder Sie sterben!«

Hinter Divkovic wimmerte jemand, und der Anführer der Terrorzelle bleckte die Zähne zu einem gehässigen Grinsen. Seine Gedanken überschlugen sich, während er versuchte, zu vieles auf einmal zu erwägen. Die Dreckskerle hatten gewusst, dass sie kamen! Auf dem Hinweg hatte er jedoch niemanden entdeckt. Sollte das bedeuten, dass sein geplanter Fluchtweg noch frei war? Oder hatte er nur die Polizisten nicht gesehen, die ihn blockieren sollten? Oder …

»Sie haben keine Zeit mehr!«, brüllte die verstärkte Stimme des Graurückens. »Lassen Sie die Waffen fallen und ergeben Sie sich – sofort!«

Divkovic zögerte unschlüssig. Er musste plötzlich feststellen, dass es weit einfacher war, sich ganz der Sache zu ergeben, so lange es darum ging, andere Menschen zu töten. Die plötzliche Entdeckung, dass er Angst vor dem Tod hatte, erfüllte ihn mit abrupter, aufbrausender Wut – ein Zorn, der sich genauso sehr gegen seine bislang unvermutete Schwäche richtete wie gegen den Schlägertrupp des Establishments, das ihm aufgelauert hatte.

»Was sollen wir …?«, begann die Frau hinter ihm, und Divkovics Wut schwoll noch weiter an. Er wirbelte zu ihr herum, die Lippen geöffnet, um seinen Zorn verbal an ihr auszulassen.

Die abrupte Bewegung des Terroristenführers, mit der er die Waffe hob, hatte zwei seiner Leute inspiriert – oder in Panik versetzt. Sie warfen sich auf die Seite in Deckung. Und dann sah Jezic die Mündungsblitze der chemischen Treibladungen ihrer Gewehre, als sie das Feuer auf die Suchscheinwerfer eröffneten.

Auf dem Dach war niemand. Die Scheinwerfer wurden ferngesteuert, doch das konnten die Terroristen nicht ahnen. Das Feuer zu eröffnen war dennoch ein tödlicher Fehler. Unter Able Zulu galt ein anderer Regelsatz.

»Blau-Eins an Team Blau!«, fauchte Aranka Budak ins Com. »Macht sie nieder!«

Juras Divkovic blieb ein flüchtiger Augenblick, in dem er begriff, was vor sich ging. Ein Augenblick, in dem er erkannte, dass seine unerwartete Feigheit, wenn es überhaupt Feigheit war, keine Rolle spielte. Dass sie keine Gelegenheit bekäme, ihn zur Kapitulation zu verführen – und zum Überleben.

Undeutlich nahm er weiteres Feuer aus Tyrannicides Richtung wahr. Hatten dessen Leute das Feuer eröffnet, als seine Idioten schossen? Oder waren es noch mehr Graurücken? Oder …? Aus einem sinnlosen Instinkt heraus begann er zu brüllen. »Feuer einst-!«

Barto Jezic sah, wie es geschah, und er vermochte nichts zu tun, um es aufzuhalten. Er war sich nicht einmal sicher, ob er versucht haben würde, der Sache Einhalt zu gebieten, wenn er es gekonnt hätte. Budaks Befehl stand in Übereinstimmung mit den allgemeinen Vorschriften und dem Regelsatz, der gerade in Kraft war.

Es war genau die richtige Reaktion, so endgültig sie auch sein mochte.

Ein Tornado aus Pulserfeuer traf Divkovic und seine Begleiter. Die Pulserbolzen waren schlimm, doch die Polizei besaß außerdem zwei altmodische, mehrläufige klobige Miniguns. Sie schossen langsamer und mit weniger Vernichtungskraft als ein moderner Drillingspulser, aber eintausend Schuss pro Minute aus einer technisch überholten Nitrozellulose-Waffe reichten dennoch aus, um einen menschlichen Körper in einen feinverteilten roten Nebel zu verwandeln.

Als etwas den Zünder des handelsüblichen Sprengstoffs traf, den einer der Terroristen im Rucksack mit sich führte, ertönte eine donnernde Explosion und machte dem Inferno auf eine Weise ein Ende, die beinahe enttäuschend erschien.

Jezic fluchte enttäuscht und zufrieden zugleich. Er hatte die Terroristen wirklich lebend fassen wollen. Er war jedoch zu ehrlich mit sich selbst, um zuzugeben, dass er keinen tiefen, grimmigen Triumph empfand, als seine Leute die Terroristen niederstreckten.

Das vereinte Getöse von Pulsern, zivilen Gewehren und Miniguns aus der Richtung von Sergeant Maksimovacs Team Rot endete genauso abrupt wie bei Aranka, und Jezic fluchte wieder, dann entspannte er sich und zuckte die Schultern.

Sein Primärziel hatte er erreicht: er hatte den Anschlag vereitelt. Und wenn für die Forensiker genügend übrig war, fand er vielleicht heraus, dass er noch viel mehr geschafft hatte …

»Sie machen wohl Witze!« Vuk Rajkovic blickte Colonel Brigita Basaricek auf dem Combildschirm an. Die Leiterin der Nationalpolizei trug die perlgraue Uniform der KNP und war eine hochgewachsene Frau mit falkenartigem Gesicht und dunklen Haaren und Augen. So beherrscht ihre Miene auch wirkte, im Moment funkelten ihre Augen, als könnte sie ihren eigenen Neuigkeiten nicht glauben.«

»Der Anschlag wurde vereitelt, Mr Vice President«, entgegnete sie. »Es besteht kein Zweifel, dass alle Terroristen getötet worden sind. Was die andere Sache anbetrifft, so haben die Forensiker nicht sehr viel Material gefunden. Anscheinend trug sie persönlich eine der Sprengladungen, mit der sie das Parkhaus bei ihrem Rückzug dem Erdboden gleichmachen wollten.«

»Aber glauben Sie denn, sie war es wirklich?«, bedrängte Rajkovic sie.

»Mr Vice President, ich glaube, dass die Chancen gut stehen«, antwortete Basaricek nach kurzem Zögern. »Erneut muss ich betonen, dass die Forensiker nicht viel in der Hand haben. Nach den Informationen, die wir vor dem Anschlag besaßen, befand er sich aber unter der operativen Leitung des Manns namens Icepick, während Nordbrandt den übergeordneten Befehl führte. Dass Ministerin Grabovac persönlich anwesend sein sollte, machte die Sitzung offenbar so wichtig, dass Nordbrandt entschied, sie rechtfertige ihre aktive Teilnahme. Sie wissen ja, wie sehr sie von Anfang an auf das Image gebaut hat, ›ganz vorn zu führen‹.«

Sie schwieg, bis Rajkovic nickte. So sehr er Agnes Nordbrandt auch hasste und verabscheute, Feigheit hatte ihr noch niemand vorgeworfen. Und so ungern er es auch zugab, ihre Gewohnheit, an besonders wichtigen Anschlägen persönlich teilzunehmen, hatte ihr bei gewissen Segmenten der planetaren Presse einen widerwilligen Respekt eingetragen – wenngleich ganz bestimmt keine Bewunderung. Rajkovic war sich nicht sicher, ob sie genau aus diesem Grund an dieser Gewohnheit festhielt oder ob es an ihrem Fanatismus lag, und wenn Basariceks Information zutraf, spielte es auch keine Rolle mehr.

»Auf jeden Fall haben wir einen der Toten eindeutig als ›Icepick‹ identifiziert«, fuhr die Befehlshaberin der KNP fort. »Wir wussten bereits, dass es sich um einen ihrer ersten Zellenführer handelte. Nun, da wir seine Fingerabdrücke besitzen, konnten wir ihn als einen gewissen Juras Divkovic identifizieren. Sein Vater kam ums Leben, als vor acht Jahren der Aufstand in den Odak-Werken außer Kontrolle geriet – und zwar anscheinend durch meine eigenen Leute, wie ich leider sagen muss, auch wenn einige Angehörige der Miliz verantwortlich sein könnten, die wir einberufen mussten. Nach allem, was ich über Divkovic und seine Familie weiß, kann man ihm seine Bitterkeit wohl nicht verdenken, und er hat zwei Brüder. Beide sind genau wie Icepick gleich nach dem Angriff auf das Nemanja-Gebäude verschwunden. Deshalb befürchte ich, dass sie uns bald ebenfalls über den Weg laufen werden.

Außer Divkovic haben wir die Leichen – oder sagen wir eher Überreste – von sechs anderen Personen aufgefunden. Eine von ihnen war weiblich, und nach den restlichtverstärkten Überwachungsbildern, die Lieutenant Budaks Leute aufnehmen konnten, ehe ihnen die Lage aus den Händen glitt, sah sie Nordbrandt tatsächlich sehr ähnlich. Wie gesagt, sie trug eine schwere Sprengladung, die während des Schusswechsels detonierte, und deshalb sind die meisten Teile ihres Körpers, die wir sicherstellen konnten, nicht sehr groß. Was wir finden konnten, ist zur Untersuchung in unser zentrales forensisches Labor gebracht worden, aber wir besitzen nun einmal nicht die gleichen technischen Möglichkeiten wie das Sternenkönigreich oder die Sollys, und die Explosion war sehr heftig. Wir werden Tage oder sogar Wochen brauchen, bis wir wissen, welche Körperteile zusammengehören. Vielleicht sind wir niemals in der Lage, mit Sicherheit zu sagen, dass sie dabei war oder nicht.«

»Aber wenn sie …« Rajkovics Stimme versiegte, während er die vernichtende Wirkung überdachte, den Nordbrandts Tod auf die FAK hätte. Die Wahnsinnigen, die sie in Bewegung gesetzt hatte, würden dadurch zwar nicht verschwinden, aber es wäre auf jeden Fall ein schwerer Schlag für sie.

Er riss sich wieder in die Gegenwart zurück. »Also gut«, sagte er. »Tun Sie Ihr Bestes, um ein definitives Ergebnis zu erhalten, Colonel, egal, wie es lautet. Und bis dahin müssen wir dafür sorgen, dass die Sache nicht an die Presse gelangt. Wir wollen schließlich auf keinen Fall behaupten, Nordbrandt sei tot. Wenn sich später das Gegenteil herausstellt …«

»Ah, Sir, da könnte es ein Problem geben.«

»Ein Problem?«, fragte Rajkovic scharf, und der Colonel zuckte unfroh mit dem Mund.

»Mr Vice President, der Schusswechsel dauerte nicht lange, aber er war ziemlich … lautstark«, sagte sie. »Und die Explosion war erst recht nicht zu überhören. Der Einsatz hat viel Aufmerksamkeit erregt, auch bei der Presse. Wenigstens drei Reporterteams trafen vor den Forensikern ein. Unsere Leute hatten selbstverständlich Befehl, den Mund zu halten und alle Fragesteller an den Presseoffizier zu verweisen. Leider wurde dieser von einem Reporter gefragt, ob er bestätigen könne oder nicht, dass Nordbrandt unter den Toten sei. Mir scheint es deshalb, als hätte jemand diese Möglichkeit ausgeplaudert, als sie am Schauplatz auftauchten.«

Sie verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf.

»Es tut mir leid, Sir. Ich weiß, wie sensibel die Information war, und wie wichtig es gewesen wäre, sie unter Verschluss zu halten, bis wir Gewissheit hätten. Aber die Nachricht hat sich bereits verbreitet. Die einzigen, die geredet haben könnten, gehören zur KNP, und wenn ich herausfinde, wer es war, versichere ich Ihnen, dass ich mir die Betreffenden persönlich zur Brust nehme, aber ich fürchte, der Schaden ist schon angerichtet.«

»Ich verstehe.« Rajkovic runzelte die Stirn und zuckte mit den Schultern. »Passiert ist passiert, Colonel. Wenn Sie herausfinden können, wer es war, geben Sie ihm – oder ihr – ein paar Extratritte von mir, aber Sie haben recht: Wir können die Katze nicht wieder in den Sack stopfen. Wir müssen so mitteilsam sein wie möglich, während wir gleichzeitig klarmachen, dass wir keinerlei Bestätigung besitzen. Nicht dass man uns dahingehend irgendwelche Beachtung schenken wird«, prophezeite er seufzend.

2

Captain Damien Harahap von der Solarischen Gendarmerie, bekannt als ›Firebrand‹, war kein glücklicher Mann.

Er saß in einem Karlovacer Lokal mit einem Krug des zu Recht gerühmten und in der Hauptstadt gebrauten Bieres an einem kleinen Tisch. Sein Blick fiel wieder auf die altmodische gedruckte Zeitung, die vor ihm lag. Er hatte nie sehr viel von diesen primitiven Versionen einer anständigen Zeitung gehalten, und besonders störte ihn, dass man nicht in ein brauchbares Infonetz gelangen konnte, um die Artikel zu vertiefen. Manchmal fragte er sich, wie die Agenten der Nachrichtendienste im vorelektronischen Zeitalter ihre Arbeit erledigt hatten. Sie mussten jeden Tag Stunden damit zugebracht haben, sich durch dicke Stapel aus bedrucktem Papier zu wühlen, das ihnen die Finger verschmierte!

Doch diese spezielle Zeitung erboste ihn besonders, weil sie so viel andeutete, während sie gleichzeitig absolut nichts bestätigte. Gewiss, wenn er die Spekulationen der Reporter und das Editorial für bare Münze nahm, dann waren die Nachrichten katastrophal. Trotzdem hätte er es vorgezogen, mit Sicherheit zu wissen, dass sie zutrafen, als auf diese Weise herumraten zu müssen.

›NORDBRANDT TOT?‹ – ›FAK-TERRORISTIN UND GRÜNDERIN GETÖTET!‹ – ›TOD EINER MÖRDERIN!‹

Die Schlagzeilen schienen, mit der eventuellen Ausnahme der ersten, keine großen Zweifel zu hegen. Erst wenn man die Artikel las, traten die Fragen hervor. Der Karlovac Tribune Herald, der seine Nachmittagsausgabe mit ersterer Schlagzeile schmückte, hatte sich von der allgemeinen Euphorie am stärksten distanziert. Wie der Redakteur schrieb, betonten Regierungsvertreter weiterhin, dass keinerlei Überreste Nordbrandts eindeutig identifiziert worden seien. Forensikspezialisten warnten, eventuell lasse sich mit Absolutheit niemals sagen, ob die von der Nationalpolizei sichergestellten Leichenteile tatsächlich von der berüchtigten Terroristin stammten. Dennoch gebe es anscheinend hinreichenden Anlass zu der Annahme, sie sei in der Tat zu Tode gekommen.

Was für ein Glück für mich, dachte er bitter. Zwei Tage eher. Nur zwei Tage eher! Wenn ich zwei Tage eher hier eingetroffen wäre, hätte sie mit den Gesprächen mit mir zu viel zu tun gehabt, als sich ihren hirnrissigen Hintern wegsprengen zu lassen!

Er musste seine gesamte beträchtliche Selbstbeherrschung aufwenden, um ein gelassenes Gesicht zu bewahren und von seinem Bier zu trinken, als plagten ihn keinerlei Sorgen. Wenn er nur an die Vorarbeiten dachte, die er geleistet hatte! Nutzlos! In die Mülltonne getreten, weil die blutdurstige Schlampe einfach mit vor Ort gehen und Soldat spielen musste!

Er atmete tief durch und befahl sich, die Rückkopplungsschleife seines Temperaments zu unterbrechen. Indem er über die verschwendete Zeit und Mühe grübelte, machte ihn nur noch wütender, und das hatte keinen Sinn. Außerdem war solches Verhalten alles andere als professionell.

Bei dem Gedanken schnaubte er ironisch. Dennoch entsprach es der Wahrheit, und Harahap nahm einen tiefen Schluck Bier und lehnte sich nachdenklich zurück.

Er hatte Nordbrandt unterschätzt. Zwar hatte er ihr eine gewisse Fähigkeit zur Gewalttätigkeit angemerkt und sie als möglicherweise tödliches Werkzeug erkannt, doch er hätte sich nie vorgestellt, dass sie sich als derart brutal erweisen könnte. Ihr erster Anschlag auf das planetare Parlament war mehr als ausreichend spektakulär ausgefallen – als Harahap wieder auf Kornati eintraf, war er aufrichtig erstaunt gewesen zu erfahren, dass sie eine solche Operation erfolgreich durchgeführt hatte. Doch das sich herausschälende Muster der Attentate und der Bombenanschläge auf exponierte Teile der kornatischen Infrastruktur und das allgemeine Blutbad wirkten auf Harahap sogar noch überraschender. Entweder hatte er den Umfang ihrer Organisation gründlich unterschätzt, oder die kornatischen Sicherheitskräfte waren noch unfähiger, als er es bereits für möglich gehalten hatte.

Beruhige dich, Damien. Wahrscheinlich hat sie es geschafft, eine größere Organisation aufzubauen, als du gedacht hast. Vielleicht aber doch nicht. Du hattest noch keine wirkliche Gelegenheit, die Anschläge zu analysieren, die Nordbrandt ausgeführt hat, um in sinnvoller Weise die Größe der Organisation abzuschätzen, die dazu nötig gewesen wäre. Du reagierst noch immer auf diese verdammten Zeitungsartikel, und du weißt, die Berichterstattung leidet unter mehr als nur einem bisschen Hysterie. Auf dieser Welt ist die Gewalt kein traditionelles Mittel der Politik. Das Entstehen einer gewalttätigen Terrorgruppe hat den Planeten offensichtlich vollkommen überrumpelt. Wahrscheinlich erklärt es sich nur dadurch, weshalb der Anschlag auf das Nemanja-Gebäude gelingen konnte! Und natürlich sagen sich die Reporter, dass es einer ausgedehnten Organisation bedurft hat, damit solch ein Attentat ausgeführt werden kann. Genauso, wie die Regierung unweigerlich darauf besteht, dass die Bomben nur von einer extremistischen Gruppierung am äußersten Rand des politischen Spektrums gelegt werden.

Tatsächlich konnte es sich, was in den lokalen Medien wie eine sorgfältig geplante und choreografierte Anschlagserie präsentiert wurde, sehr wohl als etwas völlig anderes erweisen. Mehr als die Hälfte aller Anschläge hatten offenbar Zielen wie Stationen des öffentlichen Nahverkehrs und Energieversorgungsleitungen gegolten. Ziele dieser Art waren sehr sichtbar und zugleich selbst für erstklassig ausgebildete, sehr erfahrene Sicherheitskräfte ausgesprochen schwierig zu schützen. Die meisten dieser Anschläge konnten durchaus an Zielen erfolgt sein, die sich schlichtweg angeboten hatten. Dem Bombenanschlag auf die Lagertanks der fünftgrößten petrochemischen Raffinerie auf Kornati, der ein Großfeuer ausgelöst hatte, musste allerdings gründliche Planung vorhergegangen sein, denn anders hätte man die weitaus größere Opposition aus öffentlichen und privaten Sicherheitskräften nicht umgehen können, aber die meisten anderen gegen die Wirtschaft gerichteten Anschläge hatten kleinere Fabriken oder Zweigstellen von Banken und Beteiligungsgesellschaften zum Ziel gehabt. Wiederum weit verstreute Schläge gegen relativ leicht verteidigte Ziele, die allerdings in der öffentlichen Wahrnehmung den Eindruck eines Terrorsturms hervorgerufen hatten.

Nein, so viele schwierige Ziele hat sie wirklich nicht angegriffen, oder? Es sieht nur so aus. Andererseits laufen alle Terrorkampagnen so. Nordbrandt und ihre wahren Gläubigen konnten nie darauf hoffen, in einem offenen Kampf die planetare Regierung zu stürzen. Aber wenn sie in der Lage wäre, einen hinreichend großen Teil der Bevölkerung zu überzeugen, dass die Regierung wiederum sie nicht niederhalten kann – sie nicht daran hindern kann, dort zuzuschlagen, wo sie zuschlagen will …?

Nur dass es im Augenblick so aussah, als hätte die Regierung es doch geschafft.

Er seufzte, trank sein Bier aus, legte zwei einheimische Münzen auf den Tisch und stand auf. Die zusammengefaltete Zeitung klemmte er sich unter den Arm – nicht weil er an dem Exemplar noch sonderlich interessiert gewesen wäre, aber hätte er es zurückgelassen, hätte er womöglich die Neugier eines anderen Gastes geweckt, von dem beobachtet worden war, wie intensiv er sie zuvor studiert hatte. Wahrscheinlich spielte es gar keine Rolle, doch solche Erwägungen waren ihm geradezu auf Instinktebene einprogrammiert.

Er trat auf den Bürgersteig hinaus und schlug den Weg zur U-Bahn-Station ein.

Es war ein warmer, angenehm sonniger Tag, wie dazu angelegt, ihn in seiner düsteren Nachdenklichkeit zu verhöhnen, und Harahap legte den Weg in gemütlichem Schlendern zurück. Er hatte den Weg zur Treppe halb zurückgelegt, als plötzlich jemand dicht hinter ihn trat. Harahaps Instinkte brüllten Alarm, doch ehe er mehr tun konnte als tief Luft zu holen, wurde ihm etwas Hartes ins Kreuz gedrückt.

»Weitergehen … Firebrand«, sagte irgendwo links hinter ihm eine sehr leise Stimme.

In allen schlechten HoloDramas, die Harahap je gesehen hatte, hätte der Geheimagent mit dem stählernen Blick und dem kantigen Kinn in diesem Moment mit dem Ellbogen nach hinten ausgeschlagen und den Angreifer, den er nicht sehen konnte, unfehlbar am Solarplexus getroffen und so zugleich entwaffnet und kampfunfähig gemacht. Dann hätte er innegehalten und sich das Jackett glattgezogen, ehe er sich seinem japsenden, keuchenden Gegner zuwandte, die fallengelassene Waffe aufhob und den besiegten Helfershelfer mit einer cleveren Bemerkung bedachte, die dieser seinen Vorgesetzten ausrichten sollte.

Da Damien Harahap jedoch die Realität aus erster Hand kannte und außerdem wusste, wie schwierig sich das Leben mit zerschossenem Rückgrat gestalten konnte, ging er weiter.

Seine Gedanken jagten, während sein ›Begleiter‹ ihn an der Treppe zur U-Bahn-Station vorbeiführte. Als Erstes überlegte er, dass sich Nordbrandts Organisation in den Nachwehen ihres Todes vielleicht derart in Auflösung befand, dass er aufgeflogen war und die Kornatische Nationalpolizei seine Personenbeschreibung kannte. Je mehr er darüber nachdachte, desto unwahrscheinlicher erschien es ihm jedoch. Wenn die Graurücken wussten, wer er wirklich nicht war, hätten sie sich ihm vermutlich völlig anders genähert. Planeten im Rand wussten genau, dass es bestimmte Regeln gab, gegen die sie besser nicht verstießen, und dazu gehörte, dass man einen Agenten der Gendarmerie niemals verhaftete und anklagte – geschweige denn darüber nachdachte, ihn einzusperren. Keine Regierung im Rand konnte die Vergeltung riskieren, die jedem von der Grenzsicherheit drohte, der es wagte, das OFS auf diese Weise bloßzustellen. Außerdem, wenn man ihn verhaften wollte, warum tat man es dann nicht einfach? Der Kerl hinter ihm hatte ihn mit blamabler Leichtigkeit überrumpelt. Es bestand kein Grund zu der Annahme, einem größeren Zugriffskommando hätte es nicht genauso gelingen können. Außerdem hatte der Bursche hinter ihm mittlerweile mehr als genügend Gelegenheit gehabt, ihn zu informieren, dass er in Gewahrsam genommen werde.

Damit blieben, so weit Harahap es sah, nur zwei andere Möglichkeiten. Die erste und beunruhigendere bestand darin, dass die KNP sich entschieden hatte, ihn doch nicht in Gewahrsam zu nehmen. Man wusste vielleicht genau, wer er war, und glaubte womöglich, er hätte schon vor dem Anschlag auf das Nemanja-Gebäude erheblich tatkräftiger mitgeholfen, die FAK zu organisieren und auszurüsten, als es tatsächlich der Fall gewesen war. Wenn dem so war, hatte man eventuell entschieden, seinen Vorgesetzten eine Botschaft zu senden, indem man ihn einfach verschwinden ließ. In diesem Fall endete dieser kleine Spaziergang in irgendeiner Gasse, wo er mit einem Pulserbolzen im Kopf aufgefunden wurde. Oder noch eher mit durchschnittener Kehle und ohne Brieftasche – das unglückselige Opfer eines Raubmords, dessen Tod nicht im Geringsten mit der kornatischen Regierung in Zusammenhang stand, deren Parlamentsabgeordnete zu ermorden er geholfen hatte. Und wenn er so endete, würde das OFS die Sache vermutlich auf sich beruhen lassen. Schließlich konnte man kein Omelette backen, ohne gelegentlich ein Ei aufzuschlagen. Wo Harahap herkam, gab es genügend Nachschub, und wenigstens hätte Kornati nach den Regeln gespielt und davon abgesehen, die Grenzsicherheit in der solarischen Presse bloßzustellen.

Bei dieser Vorstellung beschleunigte sich sein Atem, aber eigentlich glaubte Harahap gar nicht, dass ihm so etwas widerfuhr. Wie sehr das allerdings daran lag, dass er es sich voller Verzweiflung wünschte, konnte er unmöglich sagen.

Die zweite und, wie er aufrichtig hoffte, wahrscheinlichere Möglichkeit bestand darin, dass Nordbrandts Organisation nicht vollständig aufgerollt worden war und ein Überlebender ihn erkannt hatte, als er am verabredeten Kontaktpunkt auftauchte. In diesem Fall benötigte, wer immer Nordbrandts Banner aufheben und ihren Kampf fortsetzen wollte, ›Firebrands‹ Unterstützung dringender denn je. Vielleicht aber hatte ihn auch nur ein Überlebender aus Nordbrandts Organisation erkannt, der den Planeten verlassen wollte und sich sagte, Firebrand sei seine beste Chance, ein Ticket zu erhalten oder zu erpressen.

Von den denkbaren Gründen für seine Entführung bot allein die Möglichkeit, dass sie von einem von Nordbrandts Leuten ausgeführt wurde, ungeachtet seiner Motive Harahaps größte Aussicht für den fortgesetzten Sauerstoffkonsum, und so entschied er sich, auf Basis dieser Annahme vorzugehen.

Sie gingen noch acht oder neun Häuserblocks, dann ergriff der Mann hinter ihm wieder das Wort.

»Mitte des nächsten Blocks. Hausnummer siebenhunderteinundzwanzig. Rechts von Ihnen. Die Treppe hoch, zur Vordertür rein, dann bis zum Ende des Hausflurs.«

Harahap gestattete sich ein angedeutetes Nicken und begann auf die Hausnummern zu achten.

Der nächste Block bestand aus hohen, schmalen Mietshäusern. Auf Alterde vor dem Anbruch der Raumfahrt hätte man sie vielleicht als Mietskasernen bezeichnet, aber hier auf Kornati nannte man sie ›Zeitweise-heiters‹, weil sie so dicht zusammengepackt standen, dass nur eine Wand Fenster hatte, durch die Sonnenlicht einfallen konnte. Die Zeitweise-heiters in diesem Block wirkten mittelmäßig heruntergekommen. Sie lagen in einem Industriegebiet, und die Arbeiter, die hier wohnten, verdienten so viel Geld, dass sie sich einen etwas gehobeneren Lebensstandard erlauben konnten.

Kaum erreichten sie Nr. 721, bog Harahap nach rechts ab und stieg die Stufen hinauf, als wäre das Gebäude von Anfang an sein Ziel gewesen. Die Haustür war erst vor kurzem in einem sehr dunklen Grün neu gestrichen worden, das in dem schmutzigen Umfeld der Großstadt fehl am Platze wirkte. Sie war nicht abgeschlossen – das waren Türen in diesem Stadtviertel nur selten, wo sich jeder Mieter darauf verlassen konnte, dass seine Nachbarn jedem, der so dumm war, einen ihrer Mitbewohner auszurauben oder bei ihm einzubrechen, die Knie brachen –, und sie öffnete sich, als er sie berührte.

Er folgte dem Flur, in dem er eine Mischung aus Kochdünsten, Schimmel und Menschen roch, die zu eng zusammenwohnten. Die Tür am Ende des Hausflurs öffnete sich, als er näher kam, und nachdem er hindurchgetreten war, stand er vor einer dunkelhaarigen, dunkeläugigen, mittelgroßen Frau mit dunklem Teint.

»Ich hatte schon vermutet, dass die Gerüchte Ihres unglückseligen Verscheidens übertrieben sind, Ms Nordbrandt«, sagte Harahap gelassen.

»Deshalb entschied ich mich, sie glauben zu lassen, sie hätten mich erwischt, zumindest für ein, zwei Wochen«, sagte Agnes Nordbrandt etwa eine halbe Stunde später.

Harahap und sie saßen einander an einem kleinen Tisch in der winzigen Küche des Zeitweise-heiter-Apartments gegenüber. Auf dem altmodischen Herd hinter Harahap köchelte irgendeine Suppe oder ein Eintopf. Seine Hände lagen auf dem Tisch, dazwischen stand eine Tasse mit überraschend gutem Tee, und er musterte ihr Gesicht. Es erschien ihm schmaler als bei ihrem letzten Treffen, härter. Und in ihren dunklen Augen stand ein helleres, wilderes Funkeln. Der aufkeimende Fanatismus, den er damals schon bemerkt hatte, war stärker geworden. Solche Entwicklungen hatte er im Zuge seiner Arbeit schon häufiger beobachtet. Es gab immer Menschen, die einen natürlichen raubtierhaften Zug besaßen, und manchmal bemerkten sie zeit ihres Lebens nichts davon. Es waren Menschen, bei denen sich herausstellte, dass sie einen Geschmack für Blut hatten, und die es tatsächlich genossen, noch immer sogenannte ›schmutzige Arbeit‹ zu verrichten. Agnes Nordbrandt fiel offenbar in diese Kategorie.

»Sie haben allerdings mehrere gute Leute erwischt«, fuhr sie barscher fort, hielt inne und fasste sich. »Und während die Berichte über meinen Tod vielleicht einige unserer Zellen demoralisieren, erwarte ich, dass der Schlag gegen die Glaubwürdigkeit der Regierung, wenn sich herausstellt, dass ich doch nicht tot bin, jeden Schaden ausgleicht, der in der Zwischenzeit angerichtet wurde.«

»Ich verstehe.« Er trank von seinem Tee, stellte die Tasse wieder auf den Tisch und lächelte Nordbrandt ganz leicht zu. »Andererseits stand in keinem einzigen Zeitungsbericht, den ich gelesen habe, dass die Regierung behauptet hätte, Sie seien tot. Es handelt sich um reine Medienspekulationen, während die Sprecher der Regierung ständig warnen, es gebe keinen Beweis dafür, dass Sie nicht mehr am Leben sind.«

»Ich weiß.« Ihr Grinsen war eindeutig schadenfroh. »Das ist auch ein Grund, weshalb mir die Idee so gut gefiel. Die Regierung kann später so oft betonen wie sie will, sie hätte nie behauptet, ich wäre tot. Trotzdem wird sich daran niemand erinnern, besonders, wenn ich alle Kommuniques zu meiner weiteren Existenz beginne mit: ›Trotz der panischen Behauptungen der korrupten herrschenden Elite, sie hätte meine Stimme des Widerstands zum Schweigen gebracht …‹«

»Ich verstehe«, wiederholte er. Sie hatte recht; sie bewies ein erheblich besseres Gefühl für Propaganda und psychologische Kriegführung, als er ihr zugetraut hätte. Was, schalt er sich, dumm gewesen war: Immerhin war Nordbrandt eine erfolgreiche kornatische Politikerin gewesen, ehe die Zustimmung zum Anschluss ihr die Wählergrundlage entzog. Trotzdem blieb sie natürlich eine Wahnsinnige, aber eindeutig war sie eine Wahnsinnige mit ausgeprägtem taktischem Instinkt, auch wenn sie die strategische Realität nur sehr schlecht erfasste.

»Wie lange planen Sie, Ihre Operationen einzuschränken?«

»Das war Ihnen gleich klar, was?« Nordbrandt schien seine Auffassungsgabe zu befriedigen. »Ich denke an noch zwei, vielleicht drei Wochen, in denen sich nichts ereignet außer wenigen, voneinander isolierten Operationen – von der Art, wie Aktionszellen sie sich vielleicht ausdenken, wenn sie die zentrale Lenkung völlig eingebüßt haben. Das sollte alle Pressegeier vollständig davon überzeugen, dass ich tot bin und bleibe. Es müsste auch Rajkovic und Basaricek ermuntern, das Gleiche zu glauben, ob sie es nun jemandem eingestehen oder nicht. Zumindest dürften die Graurücken und General Sukas Leute sich entspannen und etwas unvorsichtiger werden. Dadurch sollte die Serie von Anschlägen, die ich plane, um meine Erklärung fortbestehender Gesundheit zu unterstreichen, umso wirksamer ausfallen.«

»Können Sie es sich leisten, den Druck so lange abzumildern?«

»Zwei Wochen lang mit Sicherheit. Drei?« Sie zuckte die Achseln. »Das wird vielleicht ein bisschen problematischer. Nicht hier auf Kornati, aber auf Flax. Ich möchte auf keinen Fall, dass der Verfassungskonvent sich an den Gedanken gewöhnt, er hätte keinen Widerstand zu befürchten.«

»Ich verstehe, was Sie meinen«, sagte er. »Andererseits komme ich gerade erst von Montana. Sie haben sicher von Westman und dem Anschlag seiner Unabhängigkeitsbewegung auf die Einrichtungen Rembrandts gehört?«

»Nein. Das letzte, was ich hörte, war, dass er den Leuten die Kleider klaut.«

Ihre Geringschätzung für Westmans erste Tat war offensichtlich – und bewies in Harahaps Augen, dass Nordbrandt ungeachtet ihrer Stärken die vollen Möglichkeiten der psychologischen Kriegführung doch nur so rudimentär erfasste, wie er zunächst angenommen hatte. Vielleicht wäre man ihr etwas gerechter geworden, hätte man gesagt, dass sie an einem Tunnelblick litt: Sie war zu sehr in die rohe Gewalt ihrer erwählten Taktik verliebt, um die Möglichkeiten, die ein anderer Weg bot, auch nur zu bedenken.

»Nun, das war vielleicht ein bisschen albern«, räumte Harahap ein, um ihren Vorurteilen zu schmeicheln. »Wenn, dann hat er sich seither aber zu … handfesteren Methoden durchgerungen.«

Er berichtete ihr von Westmans Anschlag auf das montanaische Hauptquartier des HBR. Als er fertig war, lachte sie in offener Bewunderung stillvergnügt in sich hinein. Natürlich stellte Harahap bewusst nicht die sorgfältigen Vorbereitungen heraus, die Westman getroffen hatte, um Verluste an Menschenleben zu vermeiden.

»Das gefällt mir wirklich!«, rief sie aus. »Wenn ich ehrlich sein soll, hätte ich nie gedacht, dass Westman den nötigen Mumm dazu hat. Ich habe ihn immer für so einen nutzlosen Kretin von montanaischem Aristokraten gehalten – wie Tonkovic und ihre Spießgesellen hier auf Kornati.«

Harahap fiel nicht zum ersten Mal auf, dass den Bürgern des Talbott-Sternhaufens einschließlich vieler, die es wirklich hätten besser wissen können, auf traurige Weise jede Kenntnis über die Gesellschaftsformen ihrer Nachbarwelten fehlte. Gewiss, Westman war, was man auf Montana als ›Aristokraten‹ bezeichnen konnte, doch wenn er sich ihn neben einem Oligarchen von New Tuscany zum Beispiel vorstellte, wurde ihm fast schwindlig. Und welche Fehler die Montanaer sonst auch hatten, bei dem Gedanken hätten sie sich die Seele aus dem Leib gelacht.

»Zuerst schien er die Dinge auf die leichte Schulter zu nehmen, aber nur zu Anfang«, sagte er. »Mittlerweile ist er ernster geworden. Und er hat entschieden, sich unserem Zentralen Befreiungskomitee anzuschließen. So nennen wir uns nun endgültig. Klingt ganz gut, oder?«, fügte er lächelnd hinzu.

Nordbrandt kniff die Augen zusammen und ignorierte seine scherzhafte Frage. »Das hat er?«, wollte sie wissen.

»Das hat er«, sagte Harahap ernster. »Auch aus diesem Grund würde ich vermuten, dass auch dann, wenn Sie sich volle drei Wochen Zeit lassen, bis Sie verkünden, noch immer zu leben, inzwischen jemand den Druck aufrechterhält. Wir werden Westman mit modernen Waffen und Gerät versorgen. Wie ich beim letzten Mal schon angedeutet habe, ist es uns tatsächlich gelungen, von Van Dorts HBR eine unerwartete Dividendenausschüttung zu erhalten, und unsere Kontaktleute beschaffen moderne Waffen, Nachtsichtgeräte, Funkausrüstung und militärischen Sprengstoff. Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie davon auch gern etwas hätten?«

»Ganz bestimmt«, sagte sie mit dem Eifer von jemandem, der seit dem letzten Gespräch die Nachteile kennengelernt hatte, die es mit sich bringt, wenn man auf der falschen Seite eines Ungleichgewichts der technischen Möglichkeiten operiert. »Wie bald können wir damit rechnen?«

»Die Ladung ist unterwegs«, antwortete er und sah, wie ihre Augen aufleuchteten. »Leider dauert es noch ungefähr sechzig T-Tage, bis sie hier eintreffen wird. Frachter sind nicht gerade Raser, und unsere Lieferanten dürfen natürlich den Behörden in keiner Weise auffallen.« Sie wirkte enttäuscht von dem Gedanken, dass es noch so lange dauern sollte, bis sie das Spielzeug in die Hände bekam, mit dem sie bis eben noch nicht gerechnet hatte, und Harahap lächelte schief. »Außerdem«, fuhr er fort, »können Sie die Zeit sinnvoll nutzen. Schließlich müssen wir wissen, wie wir etwas in der Größenordnung von tausend Tonnen Waffen, Munition und Explosivstoffen auf diesem Planeten landen und vor allem verstecken.«

»Tausend Tonnen?«, fragte Nordbrandt mit leuchtenden Augen, und Harahap nickte.

»Mindestens«, versicherte er ihr sanft. »Es könnte durchaus doppelt so viel sein. Tausend Tonnen sind das Minimum, das mir vor meinem Aufbruch garantiert wurde. Damals wurde die Ladung jedoch noch zusammengestellt, und die Zahlen können seither gestiegen sein. Können Sie solch eine größere Lieferung bewältigen und verbergen?«

»O ja«, versicherte sie ihm ruhig. »Verlassen Sie sich drauf!«

»Leitstelle Celebrant, hier spricht HMS Hexapuma. Wir erbitten Zuweisung einer Parkbahn und Freigabe zum Eintritt in den Orbit.«

Lieutenant Commander Nagchaudhuri saß geduldig vor der Signalkonsole, nachdem er Captain Terekhovs Ersuchen gesendet hatte. Wie alle anderen Systeme in der Umgebung besaß Celebrant keinerlei Überlichtcoms, und die Hexapuma hatte gerade erst die 20,24 Lichtminuten von dem G4-Stern entfernte Hypergrenze überquert. Der bewohnbare Planet des Sonnensystems, der sich ebenfalls mit dem Namen Celebrant schmückte, befand sich genau zwischen dem Schiff und seiner Sonne, die er in einer Entfernung von knapp elf Lichtminuten umkreiste. Wenigstens achtzehn Minuten würden vergehen, ehe die Hexapuma mit einer Antwort rechnen konnte.

Terekhov war dies alles nur recht. Auf diese Entfernung mussten selbst die Sensoren der Art, wie sie im Sternhaufen vorhanden waren, den Hyperabdruck und den Impellerkeil der Hexapuma erfasst haben. Daher wusste man auf Celebrant, dass jemand systemeinwärts vordrang. Es war nur höflich, die Leute so früh wie möglich wissen zu lassen, wer sie da besuchte.

Als er in den Manövrierplot blickte und beobachtete, wie sich die grüne Perle seines Schiffes beständig näher zum Zielplaneten schob, entdeckte er zu seiner eigenen Überraschung, dass er sich … zufrieden fühlte. Im Nuncio-System hatten sie gute Arbeit geleistet. Vielleicht war es nicht so dramatisch und glorreich gewesen, als hätten sie sich gegen die massierte Flotte der Republik Haven in den Kampf gestürzt, doch es war gute und nützliche Arbeit. Arbeit, die im Laufe der Zeit spürbare, positive Folgen für die Zukunft des Sternenkönigreichs haben würde.

Und seien wir mal ehrlich. Wenn wir zur Achten Flotte gehörten, würden wir unsere Zeit hauptsächlich damit verbringen, in einer Parkbahn zu sitzen und auf einen feindlichen Angriff zu warten oder uns selbst auf eine Offensive vorzubereiten. So sieht der Dienst innerhalb einer Flotte nun mal aus – neunundneunzig Prozent Langeweile und ein Prozent nacktes Grauen. Ich nehme an, das Gleiche gilt hier ebenfalls, aber hier können wir wenigstens ein bisschen von den restlichen neunundneunzig Prozent der Zeit auf nützliche Dinge verwenden, zum Beispiel Vermessungsarbeit zur Aktualisierung unserer Sternenkarten. Außerdem brauchen die Leute hier uns wirklich erheblich dringender, als dass das Sternenkönigreich einen weiteren Schweren Kreuzer in der Achten Flotte oder der Homefleet benötigt. Und alles, was wir tun, stützt das Fundament des Gedankens, dass das Sternenkönigreich tatsächlich etwas wert ist. Dass sein Schutz und seine Freiheiten wirklich etwas bedeuten.

Wie eigenartig. Er hatte gewusst, dass es ihn sehr befriedigt hatte, die Anhur und ihr Begleitschiff auszuschalten. Aber wann genau hatte seine innere Einstellung sich von dem Bewusstsein, dass er im Sternhaufen war, weil jemand dort sein musste, sich dahingehend verändert, dass er zufrieden war, der zu sein, der tatsächlich dort stationiert wurde?

Er wusste es nicht, doch als er auf das blau-weiße Icon blickte, das eine bewohnte Welt namens Celebrant darstellte, merkte er, dass er sich wirklich schon freute herauszufinden, welche neuen routinemäßigen, langweiligen, absolut lebenswichtigen und unverzichtbaren Pflichten ihn dort erwarteten.

3

»Wissen Sie, Boss, wir können nicht ewig so weitermachen«, bemerkte Luis Palacios, während er die letzte Ladung in ihr Loch schob.

»Du denkst, Suttles und seine Lümmel können tatsächlich ihren Hintern finden, wenn sie mit beiden Händen danach suchen?«, erwiderte Stephen Westman mit einem leisen Lachen.

»Ja, Boss, das können sie wirklich. Naja, Suttles selber vielleicht nicht, aber Trevor Bannister ist kein Dummkopf, und das wissen Sie auch. Ich schätze, deshalb machen wir ja alle diese Vorsichtsmaßnahmen, auf denen Sie bestehen.«

Chief Marshal Trevor Bannister leitete den Montana Marshals Service, die Polizeitruppe, die für das gesamte Sonnensystem zuständig war. Wie ihre Mitbürger legten auch die Marshals größten Wert darauf, immer so gelassen und seelenruhig wie irgend möglich zu erscheinen. Leider konnte der äußere Anschein täuschen, und die Marshals hielten einen beneidenswerten Rekord für das Knacken auch der schwierigsten Fälle. Vor den gegenwärtigen Unannehmlichkeiten waren Westman und Bannister eng befreundet gewesen. Dadurch, das wusste Westman genau, ließe sich Bannister allerdings auch nicht einen Moment lang abhalten, ihn mit allen Mitteln – und allen verfügbaren Männern – zu jagen. Der Chief Marshal stand in dem wohlverdienten Ruf, seine Hartnäckigkeit und Integrität seien selbst für einen Montanaer gewaltig.

Westman nickte. »Also gut. Ich gebe zu, der alte Trevor ist ein heller Kopf. Und ein verdammt guter Spürhund, wenn er erst einmal die richtige Fährte gefunden hat. Aber so lange wir vorsichtig sind und uns an die Sicherheitsregeln halten, kann er sich noch so abstrampeln, er findet uns nicht.«

»Da haben Sie wohl recht.« Palacios drückte die Ladung fest, dann setzte er mit geschickten Fingern den Zünder ein. »Darauf wollte ich aber eigentlich gar nicht hinaus.«

Er fiel in Schweigen, erledigte sorgfältig und offenbar vollkommen konzentriert seine Arbeit, während Westman hinter ihm stand und ihn mit zugeneigter Nachsicht betrachtete. Luis Palacios war schon bei Westmans Vater Vormann gewesen. Respektvoll hatte er seinen neuen, jüngeren Boss vor Fehlern gewarnt, so weit Westman zurückdenken konnte. Und das tat er am liebsten, indem er geheimnisvolle Andeutungen fallen ließ, bis die schiere Frustration Westman trieb, ihn zu fragen, was er eigentlich meinte.

So wie jetzt.

»Also gut, Luis«, seufzte er. »Worauf willst du hinaus?«

»Ich will darauf hinaus, wenn wir sie hart genug treffen wollen, damit die Mantys und die Rembrandter wieder nach Hause gehen, müssen wir irgendwann Menschen verletzen«, sagte Palacios, während er sich ihm zuwandte, und dabei klang er sehr, sehr ernst.

Westman erwiderte im Laternenschein seinen Blick. Das Kunstlicht stellte mit Palacios’ Miene eigentümliche Dinge an. Das narbige Gesicht des Vormanns wirkte älter und schmaler. Die Schatten schienen dem bereits ernsten Ausdruck seines Mundes und seiner Augen noch mehr Gewicht zu verleihen, und Westman fragte sich, ob sie in seinem Gesicht gleiches bewirkten. Die Stille hielt einige Sekunden lang an, dann zuckte Westman mit den Schultern.

»Du hast recht«, stimmte er leise zu. »Ich will diesen Augenblick so lange hinausschieben, wie es geht, aber ich habe immer gesagt, dass es passieren muss, wenn sie sich nicht zur Vernunft bringen lassen. Das weißt du auch.«

»Jo.« Palacios musterte Sprengladung und Zünder ein letztes Mal sorgfältig und erhob sich. Er klatschte in die Hände, um den Staub zu entfernen, dann griff er in die Hemdtasche nach einer Rolle aus einer einheimischen Pflanze, die von den Kolonisten Backy genannt wurde. Das Gewächs sah eigentlich gar nicht aus wie altirdischer Tabak, aber es schmeckte angenehm, wirkte leicht stimulierend und ließ sich mühelos pflanzen und saucieren. Palacios schnitt sich ein kurzes Stückchen ab, stopfte es sich in den Mund und begann zu kauen.

»Die Sache ist die, Boss«, sagte er schließlich. »Sie haben uns alle davor gewarnt. Und wir haben Ihnen geglaubt. Das Problem ist nur, ich weiß nicht, ob Sie sich selber so sicher sind.«

»Wie meinst du das?«

Hätte irgendein anderer Mann so etwas zu Stephen Westman gesagt, wäre dieser vor Wut außer sich gewesen – oder zumindest hätte ihn die Unterstellung verärgert, er belüge sich selbst. Doch Luis Palacios war nicht ›irgendein anderer Mann‹. Er war derjenige, der Westman wahrscheinlich besser kannte als dieser sich selbst.

»Boss, ich will nicht sagen, Sie hätten nicht verdammt genau über die Möglichkeit nachgedacht, tatsächlich Leute zu verletzen oder sogar zu töten, die Ihnen in die Quere kommen. Ich sage auch nicht, dass Sie nicht bereit wären, sich die Hände schmutzig oder sogar blutig zu machen, wenn es sein muss. Und ich sage nicht einmal, dass ich glauben würde, Sie könnten zögern, wenn es einmal so weit ist. Wahr ist aber, Boss, und das wissen Sie selber genauso gut wie ich, wenn Sie ehrlich sind: Sie wollen doch gar nicht, dass es so weit kommt. Ich glaube sogar, es gibt nichts auf der Welt, was Sie weniger wollen würden. Außer vielleicht – aber nur vielleicht – zuzusehen, wie die Mantys uns einkassieren.«

»Ich habe nie gesagt, dass ich so was will.« Westman klang barsch, nicht vor Wut, sondern vor Entschlossenheit. »Aber ich tue es. Wenn ich muss.«

»Ich hab nie dran gezweifelt«, erwiderte Palacios. »Aber Sie setzen Himmel und Erde in Bewegung, um es zu vermeiden. Und wenn ich ehrlich bin, ich mag gar nicht daran denken, was es aus Ihnen macht, wenn es irgendwann doch so weit kommt. Denken Sie jetzt nicht, dass es mir besonders wichtig ist, was die anderen Leute auf diesem Planeten von uns halten. Nicht dass ich sagen will, Sie sollen jetzt damit aufhören. Sie sollten nur vielleicht darüber nachdenken, dass wir unser Blatt jetzt fast so weit ausgereizt haben, wie es nur geht. Ich denke auch, dass wir heute wieder damit davonkommen und niemanden verletzen. Aber lange geht es nicht mehr gut. Früher oder später stehen wir ein paar von Trevors Jungs und Mädels gegenüber, und wir werden alle Waffen in der Hand halten. Die Jungs und ich, wir stehen hinter Ihnen. Das wissen Sie. Und ich glaub auch nicht, dass einer von uns auch nur annähernd solch ein Problem haben wird, den Abzug zu drücken, wie Sie, denn wir sind alle nur zu gern bereit, das Denken Ihnen zu überlassen. Aber Sie sind es, der mit diesen Entscheidungen leben muss.«

Er hielt wieder inne und sah Westman offen in die Augen.

»Ich kenne Sie schon viele Jahre, Boss. Ich kann Sie auch gut leiden. Aber Ihnen bleibt nicht mehr viel Zeit, bis Sie diese Entscheidung fällen müssen, und ich möchte nicht, dass Sie eine treffen, die Sie von innen heraus zerfrisst. Deshalb wäre es jetzt am besten, wenn Sie genau darüber nachdenken würden, wie viel Blut – und wessen Blut – Sie wirklich vergießen wollen.«

Stephen Westman hielt dem Blick seines Vormanns mehrere Sekunden lang stand, dann nickte er.

»Ich denke darüber nach«, versprach er. »Aber nachgedacht habe ich schon viel. Ich glaube nicht, dass ich mich anders entscheide, Luis.«

»Wenn nicht, dann nicht«, entgegnete Palacios philosophisch. »Wie auch immer, die Jungs und ich stehen hinter Ihnen.«

»Das weiß ich«, sagte Westman leise. »Das weiß ich gut.«

»Was wollen sie tun, sagt er?«

An seinem Schreibtisch in dem geräumigen, sonnendurchfluteten Büro des Systempräsidenten lehnte sich Warren Suttles zurück und sah Chief Marshal Bannister entsetzt an. Bannister war ein nur mittelgroßer Mann – für Montana war er sogar ein wenig klein – mit einem dichten Schopf graumelierten roten Haares und dunklen Augen. Er hatte eine tief gebräunte Haut und führte, obwohl seine Arbeit ihn viel zu lange an den Schreibtisch kettete, einen weitgehend erfolgreich verlaufenden Kampf gegen das Anschwellen seiner Leibesmitte. Davon abgesehen war er ein wortkarger Mann mit leiser Stimme, der in dem Ruf stand, niemals zwei Worte zu benutzen, wo auch ein einziges reichte – oder ein Grunzen.

Letzteres war der Hauptgrund, weshalb er auf die Frage nicht antwortete, die er als rhetorisch erkannte. Aber nicht der einzige. Es war eine simple Tatsache, dass Trevor Bannister Warren Suttles für das dümmlichste Exemplar eines Staatschefs hielt, das ihm je unter den drei Systempräsidenten, denen er als Chief Marshal gedient hatte, untergekommen war. Suttles war kein schlechter, aber eben auch kein sehr starker Mann, und die Lobbyisten und politischen Wortverdreher, die ihm zur Wahl verholfen hatten, waren keinen Deut besser. Im Großen und Ganzen war die sogenannte ›Regierung Suttles‹ nichts weiter als ein Debattierklub, dessen nomineller Vorsitzender Schwierigkeiten hatte zu entscheiden, in welcher Farbe er sein Schlafzimmer streichen sollte, ohne zunächst mehrere öffentliche Umfragen in Auftrag gegeben zu haben. In vielerlei Hinsicht war es unglücklich, dass Warren Suttles Präsident war und nicht Stephen Westman. Allerdings, wenn man es auf den Punkt brachte, war Suttles’ Politik – so wenig Bannister den Präsidenten auch respektierte – Montanas Zukunft weitaus zuträglicher, als Westmans es gewesen wäre. Gern gestand Bannister es nicht ein. Wenn es auf Montana jemanden gab, der Bernardus Van Dort noch weniger mochte als Stephen Westman, so war es fast mit Sicherheit Trevor Bannister, und der Gedanke, etwas zu unterstützen, das Van Dort für eine gute Sache hielt, saß ihm quer in der Kehle. Dennoch hatte er es herunterwürgen können, denn wie sehr er Van Dort auch verabscheute, Suttles hatte recht, was die Zukunft anging, und die Politik seiner Regierung, den Anschluss anzustreben, war die einzige, die Sinn ergab.

Und selbst wenn es anders wäre, dieser Mistkerl ist der ordnungsgemäß gewählte Präsident meines Sonnensystems, seine Politik repräsentiert den frei ausgedrückten Willen von fast drei Vierteln der Wählerschaft, und ich bin – durch Gesetz und durch meinen Eid – verpflichtet, das Recht durchzusetzen und die Verfassung Montanas gegen alle inneren und äußeren Feinde zu schützen. Das schließt Feinde ein, die zufällig enge Freunde von mir sind.

»Kann er es denn wirklich tun?«, fragte Suttles. Endlich ließ er von nutzlosen Wortfiguren ab und brachte etwas hervor, das zu beantworten sich lohnte.

»Mr President«, erwiderte Bannister, »der Mann hat bisher alles getan, was er ankündigte.«

Warren Suttles biss die Zähne zusammen und beherrschte sich – irgendwie – so weit, dass er den Mann, der vor ihm saß, nicht wütend anstierte. Wenn er auch nur einen Augenblick geglaubt hätte, er könnte es politisch überleben, Bannister zu feuern, so hätte er es getan, ohne weiter nachzudenken. Zumindest sagte er sich das. Tatsächlich war er sich gar nicht sicher, ob er den Mut gehabt hätte, wenn es politisch machbar gewesen wäre. Was natürlich nicht der Fall war. Trevor Bannister war eine Institution, der erfolgreichste, unerbittlichste, pflichtergebenste, höchstdekorierte Chief Marshal in der Geschichte von Montana, der auch allen anderen verdammten Superlativen entsprach. Und er war nicht einmal unhöflich. Nur verstand er es mit anscheinender Mühelosigkeit zu bewirken, dass Warren Suttles sich wie ein Idiot vorkam – oder zumindest sehr sicher war, dass Bannister ihn für einen Idioten hielt.

»Dessen bin ich mir bewusst, Chief Marshal«, sagte der Systempräsident schließlich. »Genauso wie ich weiß, dass wir bisher keinen Zentimeter näher daran sind, ihn zu fassen, als nach seiner ersten Eskapade.«

Noch kritischer hätte sich Suttles nie zu Bannisters Feldzug gegen die Montanaische Unabhängigkeitsbewegung geäußert, und der verbale Schuss prallte von Bannisters Panzerung ab, ohne auch nur eine matte Stelle zu hinterlassen. Er saß nur da, blickte den Systempräsidenten aufmerksam und respektvoll an und wartete.

»Was ich damit sagen wollte, Chief«, fuhr Suttles ein wenig steif fort, »mir kommt es unglaublich vor, dass selbst Mr Westman und seine Anhänger dazu fähig sein sollten. Ich sage nicht, dass sie es nicht könnten; ich sage nur, dass ich nicht verstehe, wie es möglich sein soll, und ich wäre ihnen für jeden Einblick in ihre Fähigkeiten, den Sie mehr geben können, sehr verbunden.«

»Nun ja, Mr President, hundertprozentig genau kann ich das natürlich auch nicht sagen. Es sieht aber ganz danach aus, als wäre es Westman gelungen, in die alten Wartungstunnel unter der Bank einzudringen. Eigentlich müssten sie hermetisch abgeschlossen sein, und die Verschlüsse aus Betokeramik, die das Finanzministerium vor sechzig oder siebzig T-Jahren setzen ließ, sind zehn Meter dick. Sie sollten außerdem mit Alarmanlagen gesichert sein, und die Kontrollmonitore dieser Alarmanlagen werden eigentlich rund um die Uhr bewacht. So gesehen sollte es nicht möglich sein, dass er durchkommt, doch es sieht ganz danach aus, als wäre ihm das Unmögliche gelungen. Sie können über ihn sagen, was Sie wollen, aber was er sich in den Kopf setzt, das führt er durch.«

»Sie meinen nicht, dass er diesmal bluffen könnte?«

»Mr President, ich habe mit Steve Westman sehr oft gepokert. Eines weiß ich von ihm: er kann überhaupt nicht bluffen, und er hat es noch nie getan. Er blufft auch diesmal nicht.«

»Also glauben Sie, dass er wirklich Sprengladungen unter der Systembank von Montana gelegt hat?«

»Jawohl, Sir, das glaube ich.«

»Und er wird sie auch tatsächlich zünden?«

»Ich wüsste sonst keinen Grund, weshalb er sie gelegt haben sollte.«

»Mein Gott, Chief Marshal! Wenn er sie zündet und die Nationalbank sprengt, versetzt er der planetaren Wirtschaft einen vernichtenden Schlag! Er könnte eine ausgewachsene Rezession auslösen!«

»Ich nehme an, das hat er sich auch überlegt, Mr President.«

»Aber er gibt sich doch solche Mühe, die Öffentlichkeit nicht zu verärgern. Was bringt Sie auf den Gedanken, dass er diesmal sein Muster ändert?«

»Mr President, er hat uns allen gesagt, dass er mit uns auf die Matte steigt. Dass er bereit ist, sein Leben zu riskieren und andere Menschen zu töten, wenn es nötig wird. Und alles, was er bisher getan hat, war eine direkte, logische Steigerung des vorherigen Anschlags. Sicher, er würde eine Menge Leute stinksauer machen, wenn er die Wirtschaft in eine Rezession bombt. Andererseits legt er es ja gerade darauf an, die Leute stinksauer zu machen. Und so sauer sie auch auf ihn sind, er zählt darauf, dass sie auf Sie, auf mich und alle anderen Staatsorgane genauso sauer sind, weil wir es zugelassen haben. Der Mann ist bereit, sich deswegen töten zu lassen – glauben Sie wirklich, es bereitet ihm schlaflose Nächte, ob jemand unfreundlich über ihn denkt?«

Suttles spürte, wie er versuchte, mit den Zähnen zu knirschen, doch diesmal, das wusste er, richteten sich wenigstens zwei Drittel seines Unmuts gegen den abwesenden Westman und nicht gegen Bannister. Na ja, vielleicht nicht ganz zwei Drittel.

»Also gut, Chief Marshal. Wenn Sie überzeugt sind, dass es ihm ernst ist, und Sie außerdem denken, dass er irgendwie in den Wartungstunneln der Bank Sprengladungen angebracht hat, warum schicken Sie dann niemanden runter, der sie entschärft?«

»Weil Steve offensichtlich daran gedacht hat. Er hat uns davor gewarnt, und ich bin mir sicher, wenn wir es trotzdem versuchen, zünden wir sie frühzeitig.«

»Haben wir keine Spezialisten für das Entschärfen von Bomben und das Räumen von Sprengstoffen?«

»Doch. Die Navy auch. Ich habe mit den Leuten gesprochen. Sie sagen, es gibt wenigstens ein Dutzend Möglichkeiten, wie er seine Sprengladungen präpariert haben könnte, damit sie in dem Augenblick hochgehen, in dem jemand einen Fuß in den Stollen setzt – vorausgesetzt, die Bomben sind überhaupt da.«

»Sie sind nicht einmal bereit, es zu versuchen?«

»Natürlich sind sie bereit. Die Frage ist nur, sind wir bereit, sie hineinzuschicken?«

»Natürlich sind wir dazu bereit! Wie können Sie nur daran denken, sie nicht zu schicken?«

»Erstens, weil ich lieber nicht schuld sein möchte, dass sie umkommen«, sagte Bannister ruhig. »Und zweitens, wenn wir sie in den Tod schicken, obwohl Westman uns davor gewarnt hat – er hat uns ausdrücklich gesagt, dass die Sprengladungen detonieren, wenn wir es tun –, dann wird es ein bisschen schwierig, die Öffentlichkeit zu überzeugen, er wäre der einzige, der für ihren Tod verantwortlich ist.«

»Selbstverständlich wäre er für ihren Tod verantwortlich! Er ist es schließlich, der die verdammten Bomben gelegt hat!«

»Ich behaupte ja nichts anderes. Ich sage nur, dass in den Augen der Öffentlichkeit es Ihre Regierung gewesen sein wird, die diese Bombenexperten hineingeschickt hat, obwohl sie wusste, dass die Sprengladungen explodieren würden. Natürlich wird man auch Westman die Schuld geben. Aber Ihnen wird man das Ignorieren seiner Warnung fast genauso anlasten wie ihm das Legen der Ladungen. Und wollen Sie wirklich, dass die Wähler denken, wir wären gerade so ungeschickt, dumm und unfähig, wie Westman es von Anfang an behauptet hat?«

Suttles öffnete den Mund zu einer scharfen Antwort, dann schwieg er doch. Er musste sich fragen, ob Trevor Bannister am Ende insgeheim mit Westman übereinstimme. War es möglich, dass der Chief Marshal trotz seiner berühmten Pflichtergebenheit tatsächlich Westman als Sieger sehen wollte? So sehr, um zuzulassen, dass Westmans Anschläge Erfolg hatten?

Doch nicht dieser Gedanke ließ ihn innehalten. Einmal wusste er selbst in solch erregtem Zustand, dass der schiere Gedanke albern war. Nicht dass es unmöglich gewesen wäre, dass Bannister mit Westman einer Meinung war, aber er hätte sich von dieser Übereinstimmung keinen Millimeter weit von seiner Pflicht abbringen lassen. Vor allem aber schwieg der Präsident, weil er unversehens begriff, dass der Chief Marshal recht hatte.

»Haben Sie mit dem Finanzminister darüber gesprochen, Chief Marshal?«, fragte er, statt das zu sagen, zu dem er angesetzt hatte.

»Jawohl.«

»Wie hat er die Folgen eingeschätzt, wenn die Bomben hochgehen?«

»Wenn ich ihn recht verstanden habe, will er Ihnen eine offizielle Einschätzung bei der Krisensitzung des Kabinetts vorlegen, Mr President.«

»Aber sicher. Und Sie erwarten von mir jetzt sicher, dass ich meine Entscheidung erst fälle, nachdem jedes Kabinettsmitglied eine Möglichkeit hatte, seine oder ihre eigenen Ansichten darzulegen, was genau ich tun sollte.«

Die Stimme des Präsidenten hatte einen ganz leicht bissigen Unterton, und Suttles war recht zufrieden, als er einen leichten Funken der Überraschung in Bannisters dunklen Augen entdeckte.

»Wie auch immer«, fuhr er fort, »verschwenden wir keine Zeit, indem wir so tun, dass irgendetwas, das sie zu sagen haben, für mich so schwer wiegen würde wie Ihre Empfehlung, Chief Marshal. Also fangen Sie schon an, sagen Sie mir, was Minister Stiles zu sagen hatte.«

»Im schlimmsten Fall, schätzt er, verlieren wir etwa zwei Wochen elektronische Aufzeichnungen. Zwar wird alles augenblicklich im sekundären Netz der Bank gesichert, und zweimal im Moment wird ein komplettes Backup für die Speicherstelle in New Swans erstellt. Leider erfolgt Westmans Anschlag unmittelbar vor dem vierzehntäglichen Backup, und das sekundäre Netz ist in den Unterkellern der Bank – also noch näher an den Bomben, falls sie dort unten sind, als der Hauptcomputer. Anscheinend hat Westman auch die Landverbindung nach New Swans gekappt, damit wir kein Notbackup schicken können, und die Bank wurde bereits evakuiert – auf meinen Befehl hin, Mr President –, sodass selbst dann, wenn Zeit wäre, kein physisches Backup gemacht werden könnte.

Natürlich ist der Verlust der Aufzeichnungen nur ein Teil des Ganzen. Wenn die Bomben hochgehen, vernichten sie die Mainframes der Bank – alle drei. Laut dem Minister können wir etwa achtzig Prozent der elektronischen Aufzeichnungen anhand von Ausdrucken und Daten von Zweigstellen rekonstruieren, aber das dauert Wochen – wenn wir Glück haben. Ich würde sagen, da ist er ein wenig zu optimistisch, Mr President, denn allein einen Ersatz für das Zentralnetz der Bank zu finden wird schon eine Heidenarbeit. Auf jeden Fall wird er es Ihnen so sagen.«

»Und hat er zufällig erwähnt, welche Auswirkungen auf die Wirtschaft er erwartet?«

»Ich glaube nicht, dass er auch nur ansatzweise weiß, was er sagen soll, Mr President. Ich fürchte, dass geht jedem so. So etwas ist noch nie da gewesen. Doch er hat das Gefühl, dass die Auswirkungen längst nicht für die Art panischer Rezession, von der Sie eben sprachen, reichen werden – außer es bricht eine richtige Panik aus, was ich aber für unwahrscheinlich halte.«

»Das ist aber nicht das Gleiche, als würden Sie sagen, es wird uns keine Millionen kosten oder sogar Milliarden.«

»Nein, Mr President. Das ist es nicht.«

»Trotzdem empfehlen Sie weiterhin, dass wir den Schaden hinnehmen sollen, statt ein Bombenräumkommando einzusetzen, um ihn zu verhindern?«

»Mr President, wenn ich glauben würde, dass auch nur die geringste Chance besteht, die Sprengladungen zu entschärfen, ohne sie auszulösen, würde ich das Bombenräumkommando persönlich in die Stollen führen. Ich glaube es nur einfach nicht. Deshalb empfehle ich, dass wir zusätzlich zu den Schäden, die wir ohnehin einstecken, nicht auch noch Menschen in den Tod schicken. Die Bomben werden explodieren, Sir. Wollen wir wirklich auch noch Tote zu beklagen haben und uns den politischen Folgen stellen, die aus der Ansicht der Wählerschaft entstehen, dass wir die Entscheidung getroffen haben, weil wir zu dumm waren, Westman beim Wort zu nehmen?«

Suttles musterte ihn eine Weile schweigend. Dann atmete der Präsident des Planeten tief durch, stellte die Hände auf den Tisch und stemmte sich aus dem Sessel.

»Also gut, Chief Marshal«, seufzte er. »Gehen wir in die Kabinettssitzung. Und wenn Sie nichts einzuwenden haben« – er rang sich tatsächlich ein Lächeln ab –, »dann lassen Sie mich wenigstens so tun, als hörte ich jedem zu, ehe ich entscheide, dass wir alles genau so machen, wie Sie sagen.«

»Zu Befehl, Mr President«, sagte Trevor Bannister und erhob sich mit beträchtlich mehr aufrichtigem Respekt für sein Staatsoberhaupt als sonst.

Verdammt noch eins, dachte er, während er Suttles aus dem Büro folgte, hat der Mann am Ende doch noch ein Rückgrat. Wäre schön, wenn daran auch noch ein Gehirn hängen würde, aber wer weiß? Es mag sich herausstellen, dass er wirklich eines hat, wenn er sich je entscheidet, sich auf die Hinterbeine zu stellen und es zu benutzen.

4

»Nun, was halten Sie davon, Andrieaux?«, fragte Samiha Lababibi.

»Was soll das heißen – was ich davon halte?«

Die Präsidentin des Spindle-Systems und der Erste Delegierte New Tuscanys saßen in einem Separee eines der exklusivsten Restaurants von Thimble. Es handelte sich um ein sehr privates Separee – bei dem sowohl die Sicherung gegen jede bekannte Abhörvorrichtung als auch die absolute Diskretion des Personals, das darin servierte, garantiert wurde.

»Andrieaux, wir wollen jetzt bitte keine Spielchen treiben«, erwiderte Lababibi mit einem gewinnenden Lächeln. Sie nahm die Weinflasche und schenkte ihnen nach. »Die Wahrscheinlichkeit von Nordbrandts Tod muss jedermanns Kalkulationen beeinflussen. Ich bitte sie nur um Ihre Beurteilung, inwieweit Alquezars, Aleksandras … und unsere Berechnungen davon betroffen sind.«

»Es ist gewiss noch zu früh, um auf der Grundlage einer unbestätigten Meldung eine neue Politik zu formulieren«, entgegnete Andrieaux Yvernau geschmeidig, und Lababibis Lächeln gefror leicht. Er trank anerkennend von seinem Wein und stellte seufzend das Glas ab. »Ich persönlich finde die ganze Angelegenheit außerordentlich ermüdend«, sagte er. »Ich würde gern annehmen, dass uns, falls sie wirklich tot ist – und das hoffe ich zutiefst –, wenigstens einige friedliche Tage oder Wochen vergönnt sind, ehe wir uns wieder in den Kampf gegen Alquezars Rowdys stürzen müssen.«

»Es ist extrem unwahrscheinlich, dass Joachim uns solch eine Atempause zubilligt«, erwiderte Lababibi. Und, fügte sie in Gedanken hinzu, wenn du Ruhe willst, du selbstgefälliger, arroganter Esel, dann kannst du ja mal darüber nachdenken, wie ruhig mein Leben gewesen ist, ehe dieses durchgedrehte Miststück mich in eure wartenden Arme getrieben hat – deine und Aleksandras Arme.

»Wirklich, Samiha, welche Rolle spielt es, was Joachim uns zuzugestehen bereit ist? So lange wir an unserer Position festhalten, bleibt ihm und diesem abscheulichen Krietzmann keine andere Wahl, als auf unsere Antwort zu warten.« Er lächelte schmal. »Nach Berichten, die ich von gewissen Personen erhalten habe, die offiziell auf der anderen Seite stehen, hat unser lieber Freund Bernardus zunehmend Schwierigkeiten, die von dem HBR gestützten Delegierten auf Alquezars Seite zu halten. Wenn sie aber zu uns überwechseln …«

Er zuckte mit den Schultern, und sein Lächeln wandelte sich in etwas, das verdächtig an ein höhnisches Grinsen erinnerte.

»Noch gibt es keine Anzeichen, dass sie mit ihm brechen werden«, erwiderte Lababibi.

»Nichts Offenkundiges, das ist richtig. Sie wissen aber doch, dass es unter der Oberfläche Risse geben muss, Samiha. Egal was Van Dort und Alquezar verlangen, ein Schulterschluss mit Unterklassen-Kretins wie Krietzmann kann ihnen nicht angenehm sein. Es ist nur eine Frage der Zeit, ehe sie sich nacheinander auf unsere Seite stellen, und dann hat Alquezar keine andere Wahl, als den ›Kompromiss‹ zwischen Aleksandras Forderungen und meiner erheblich gemäßigteren Position zu akzeptieren.«

»Und Sie glauben nicht, dass von Nordbrandts Tod irgendein Einfluss auf diese Gleichung ausgeht?«

»Das habe ich nicht gesagt«, erwiderte Yvernau mit einem geduldigen Seufzer. »Ich sagte vielmehr, dass es noch zu früh ist, neue Politik zu formulieren, wenn wir nur über die Auswirkungen ihres Hinscheidens spekulieren können. Wenn ich allerdings raten müsste, wäre ich versucht zu wetten, dass es meine Position mehr stärkt als die jedes anderen. In einem gewissen Maß wird natürlich auch Aleksandras Position untermauert, Nordbrandt habe nie eine ernsthafte Bedrohung dargestellt. Insoweit diese Ansicht akzeptiert wird, stärkt sie auch ihre Position, an dem liberalmöglichsten Schutz unserer bestehenden Rechtssysteme und Gesellschaftsformen festzuhalten. Wie auch immer, es nimmt natürlich einigen Druck von gewissen ihrer … sagen wir einmal, weniger begeisterten Befürworter.«

Er schoss Lababibi über den Tisch einen Blick zu, die ihn mit vollkommen gelassener Miene erwiderte. Ein Ausdruck, von dem sie wusste, dass er sie beide nicht täuschen konnte. Sie war in der Tat von der Panikwelle, die Nordbrandts Extremismus durch das Spindle-System gesandt hatte, in Tonkovics Lager getrieben worden. Wenn Nordbrandt wirklich tot und ihre Organisation zerschlagen war, dann legte sich vielleicht von dieser Panik einiges. Es mochte sogar möglich sein, sich in eine Position zurückzuziehen, die nicht auf den Ängsten anderer Menschen, sondern auf Prinzipien basierte.

Nicht dass Yvernau besonders erfreut wäre, wenn ihr das gelang.

»Sobald«, fuhr er fort, »Aleksandras Wählerblock Anzeichen für den Zusammenbruch zeigt, wird Alquezar Blut wittern. Krietzmann und er – und Bernardus, falls er sich herablässt, von Rembrandt zurückzukehren – werden mit noch größerem Nachdruck ihre Forderung vertreten, dass wir das Rechtssystem des Sternenkönigreichs unverändert übernehmen. Das wird Aleksandras Widerstand natürlich nur verhärten. Ich rechne damit, dass uns eine Phase bevorsteht, in der ihre Basis allmählich zerfällt, es sei denn natürlich, jemand tritt an Nordbrandts Stelle. Der Prozess wird jedoch allmählich sein und Wochen und Monate beanspruchen, bis er im Konvent eine spürbare Verschiebung der Mehrheitsverhältnisse zeitigt. Am Ende wird sich die Waage natürlich zu ihren Ungunsten kehren. Das weiß sie jedoch genauso gut wie Sie und ich, ob sie es nun zugibt oder nicht. Folglich hat sie innerlich bereits hingenommen, dass sie nie alles bekommen wird, was sie fordert. Wenn ich also den Augenblick richtig wähle, in dem ich meinen Kompromiss vorlege – der Alquezar vielleicht die Hälfte dessen zugesteht, was er verlangt –, wird sie diesen Vorschlag unterstützen. Und wenn wir uns in plötzlich aufwallendem Wohlwollen und dem Geist des Kompromisses vereinigen, wird es für Alquezar außerordentlich schwierig sein, uns nicht auf halbem Wege entgegenzukommen.«

»Und wenn er sich dennoch weigert?«

»Dann verliert er seine eigenen Oligarchen«, sagte Yvernau unumwunden. »Nicht einmal Van Dort kann sie halten, wenn Alquezar erstens eine Chance auf einen Kompromiss verwirft und zweitens klarstellt, dass der von ihm bevorzugte Verfassungsentwurf die Abschaffung jedes einzelnen rechtlichen Schutzes vorsieht, die sie sich im Laufe der Jahrhunderte errungen haben. Was bedeutet, dass letzten Endes ich und diejenigen, die wie ich denken, das bekommen, was wir die ganze Zeit gewollt haben: eine im Grunde umfassende lokale Autonomie im Austausch gegen eine vereinigte interstellare Steuer-, Handels- und Militärpolitik und Diplomatie, die von Manticore ausgeht.«

»Und Sie glauben, es wird Wochen dauern. Monate sogar.«

»Ich halte das für außerordentlich wahrscheinlich«, bestätigte Yvernau.

»Ihnen macht die Warnung Baronin Medusas, wir hätten nicht unbegrenzt Zeit, keine Sorgen? Sie befürchten nicht, dass das Sternenkönigreich sich entscheiden könnte, uns einfach stehen zu lassen, wenn es ihm zu lange dauert? Dass es den Standpunkt einnimmt, uns könnte der Wunsch, dem Sternenkönigreich beizutreten, nicht ernst sein, wenn wir uns nach so viel Zeit nicht einmal auf einen Verfassungsentwurf einigen könnten?«

»Ich denke, das Sternenkönigreich wird sich einem gewissen inneren Druck ausgesetzt sehen, auf Entscheidung zu drängen«, erwiderte Yvernau gelassen. »In diesem Fall jedoch hat Aleksandra recht. Die Queen von Manticore hat sich mit Krone und Prestige für den Anschluss eingesetzt. Wenn sie Medusa tatsächlich ein Zeitlimit gesetzt hat – wenn unsere geliebte Provisorische Gouverneurin diese Drohung nicht einfach erfunden hat, um uns Beine zu machen –, dann vermute ich, dass dieses sehr viel Spielraum enthält, um zu bluffen. Elisabeth möchte uns vielleicht zur Eile treiben und ist womöglich nicht bereit, den Widerstand gegen den Anschluss mit Gewalt zu unterdrücken, aber sie wird uns nicht einfach stehen lassen und der Galaxis als Ganzes den Eindruck vermitteln, sie hätte uns der Grenzsicherheit vorgeworfen.«

»Ich verstehe.«

Lababibi nickte langsam, als stimmte sie dem Mann zu, mit dem sie zu Abend gegessen hatte, doch unter ihrer ruhigen Fassade fragte sie sich, wie weit die allzu große Zuversicht Yvernaus – und Tonkovics – eigentlich noch reichte.

»Glauben Sie, dass sie wirklich tot ist?«, fragte Baronin Medusa und schaute in die Runde. Sie hatte zum Abendessen gebeten, und alles saß um den Tisch, der in der – nach spindaleanischen Maßstäben – luxuriösen Villa stand, die man ihr als offizielle Residenz der Provisorischen Gouverneurin zugewiesen hatte. Das Esszimmer wurde von weit effizienteren Lauschabwehrsystemen geschützt als das Separee, in dem Samiha Lababibi und Andrieaux Yvernau gerade speisten.

»Das weiß ich nicht«, gab Gregor O’Shaughnessy zu. »Ich wünschte, wir hätten einige von unseren Forensikern vor Ort, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob sie wirklich viel ausrichten könnten.

Nach Colonel Basariceks Bericht klingt es ganz gewiss danach, als könnte Nordbrandt tot sein, aber der Colonel weist selbst darauf hin, dass die Beweislage extrem problematisch ist. Ich habe bei der KNP eine Kopie der Restlichtbilder angefordert. Sobald sie vorliegen, können wir die Qualität vielleicht so weit optimieren, dass wir eine genauere Abschätzung abgeben können, ob es Nordbrandt ...

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