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Honigmann

Über die Autorin

Elisabeth Karamat wurde in New York geboren, wuchs in Dakar, Senegal und Washington auf, studierte in Wien Kunstgeschichte, Völkerrecht und internationale Verhandlungen und promovierte in Rechtswissenschaften. Sie war Botschaftsrätin in Brüssel, Wahlbeobachterin in Bosnien und Projektkoordinatorin für das »St. Paul’s Community Project of the Anglican Church« auf St. Kitts, wo sie seit 2009 lebt.

BASTEI ENTERTAINMENT

Was ist süßer als Honig und was ist stärker als ein Löwe?

(Buch der Richter 14,18; Altes Testament)

1

12. Juli 2009

Am Flughafen London Heathrow ging ich in eine Parfümerie. Ich war auf dem Weg von St. Kitts nach Wien und wollte die Zeit zwischen den Flügen nützen, um mir ein wenig Luxus für mein Leben auf der Insel zu gönnen. Strahlende Lichter und Farben, umrahmt von edlem Schwarz und Weiß, tanzten um mich herum, bis mir schwindlig wurde. Willkommen im Konsumtempel Europa!

Eine Verkäuferin in einem schwarzen Hosenanzug lächelte mich an. Sie stand am La-Mer-Stand, an dem niemand etwas kauft, weil jede der Cremen dort hundert Euro kostet.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte sie freundlich.

»Ich suche einen guten Augen Khol, am besten einen wasserfesten.«

»Da wird sich doch etwas finden lassen.«

Während ich ihr folgte, heftete ich meinen Blick auf ihre schwarze Jacke, um im Lichtertrubel nicht die Orientierung zu verlieren.

»Sie können auch einen normalen Kajal nehmen, ich mache das immer so«, sagte sie.

»Nein. Ich lebe in der Karibik, in einem feuchten, heißen Klima, da hält kein normaler Kajal.«

»Na, dann brauchen Sie den von Lancôme. Die haben einen wasserfesten.«

Die Verkäuferin und ich gingen zum nächsten Stand.

»Was machen Sie in der Karibik?«, fragte sie.

»Ich lebe auf St. Kitts.«

Ihre Augen leuchteten auf.

»Wow! St. Kitts! Was genau machen Sie dort?«

»Ich arbeite in einem sozialen Landwirtschaftsprojekt mit schwierigen Jugendlichen«, sagte ich. Mein Blick flog über die Produkte. Wenn ich in Europa landete, überwältigte mich immer der Überfluss an Luxusartikeln. Es waren so viele Reize auf einmal. Lichter, Farben, Düfte. In meinem Dorf auf St. Kitts lebte ich ein einfaches Leben. Die Verkäuferin unterbrach meine Gedanken.

»Das ist ja so interessant«, sagte sie. »Erzählen Sie mehr von Ihrem Leben dort.«

Ich lachte vor Freude.

»Wo soll ich anfangen? Ich arbeite auf dem Feld in der Hitze. Das ist das beste Körpertraining.«

»Das kann ich mir vorstellen. Es muss ja wunderschön sein. Das Meer und das sonnige Klima«, schwärmte sie. Ihre Augen waren stark geschminkt, wie es sich für eine Parfümerieverkäuferin gehört. Etwas Gefühlvolles und Lebendiges lag in ihrem Blick. Unter der Schminke ragten gerötete, geschwollene Tränensäcke hervor. Vermutlich gab es zu viel Alkohol und Einsamkeit in ihrem Leben.

»Ja, es ist wunderschön. Ich bin dort das erste Mal seit Langem sehr glücklich. Ich will nie wieder weg«, sagte ich.

Sie sah mich verständnisvoll an.

»Wissen Sie, ich fahre zwei Stunden in die Arbeit und stehe den ganzen Tag hier im elektrischen Licht. Das ist doch kein Leben.« Tränen rannen über ihre Wangen.

Aufmunternd lächelte ich ihr zu.

»Das ist anstrengend. Wenn Sie mich besuchen wollen, kann ich Ihnen eine Unterkunft in unserem Dorf besorgen. Sie haben sich einen Urlaub verdient.«

Sie sah mich ungläubig an.

»Ich war schon jahrelang nicht mehr in Urlaub.«

»Dann wird es Zeit. Kommen Sie nach St. Kitts. In der Früh arbeiten wir auf dem Feld und am Nachmittag gehen wir an den Strand.«

»Das würden Sie tun?«

»Geben Sie mir einfach Ihre E-Mail-Adresse!«

Sie umarmte mich hingerissen.

»Das mach ich doch gleich.« Behutsam trocknete sie ihre Tränen und suchte in der Schublade nach einem Stift. Dabei schob sie mir unter der Hand zwei Probetiegel zu.

»Augencreme.« Sie zwinkerte.

»Danke.« Ich musste zum Gate. »Ich bin Lisuscha. Wie heißen Sie?«, fragte ich, glücklich über die Luxuscremen und darüber, dass ich etwas von meiner Freude mit dieser Frau geteilt hatte.

»Laura.«

»Laura, wir sehen uns auf St. Kitts.«

2

Zwei Jahre zuvor.

Als ich am Abend vor dem Fitnessstudio parkte, war es noch hell. Ich blickte in den bedeckten Himmel und versuchte, mich positiv auf einen kühlen Sommer in Brüssel einzustellen. Ich hatte mich zum Training überwinden müssen. Als ich die Tür öffnete, krachte es. Ein silbergrauer Lexus hielt abrupt an. Nicht auch das noch! Entnervt beugte ich mich über das Lenkrad. Wutentbrannt kam ein unglaublich gutaussehender Mann in einem taillierten Wollanzug zu meinem Fenster.

»Können Sie nicht aufpassen?« Abfällig betrachtete er meinen roten Alfa. Die Fahrertür hing nur noch an einer Schraube. Die ganze rechte Seite seines funkelnagelneuen Lexus hatte einen breiten roten Streifen abgekriegt.

»Sie müssen zu schnell um die Kurve gefahren sein«, konterte ich.

»Sie haben einfach nicht aufgepasst«, sagte er wütend.

Ein gemütlicher belgischer Polizeikommissar mit Bauch und Schnurrbart kam zur Unfallstelle. Der Fahrer des Lexus stellte sich als Kabinettsmitglied eines EU-Kommissars vor. Der Abschleppdienst nahm mein Auto mit. Mit Tränen in den Augen fuhr ich im Taxi nach Hause zu meiner Tochter Nidia.

Einige Wochen und eine sündteure Werkstättenrechnung später riss mich der ätzende Weckton meines Mobiltelefons aus dem Schlaf. Nidia duschte singend im Bad. Ich sollte ihr Frühstück machen, dachte ich, auch wenn sie es gewöhnlich ablehnte, weil sie zu spät dran war. Ich fragte mich, was Menschen fröhlich und munter aufstehen ließ und blieb im Bett liegen. Mit schwarz umrandeten Augen und ihrer khakifarbenen Regenjacke unter dem Arm huschte Nidia zu mir ins Zimmer und küsste mich auf die Wange. »Hab einen schönen Tag, Mami.« Die Tür fiel hinter ihr zu. Ich raffte mich auf und ging verschlafen zum Kleiderschrank. Arbeitsuniformen hingen da, Röcke und Jacken, klassisch, in schwarz, dunkelblau und beige. Nach der heißen Dusche parfümierte ich mich zur Belebung mit meinem Clinique-Parfüm »Happy«. Ich griff nach einem meiner hundert Seidentücher, die ich immer trug, weil ich empfindlich auf Zug reagierte. Obwohl es schon Mitte Mai war, war es noch zu finster, um die vielen Farbkombinationen meiner Lieblingsaccessoires auseinanderzuhalten. Mein Mobiltelefon läutete und ich stolperte über den Teppich zum Nachtkästchen.

»Denk an den Elternsprechtag«, sagte Nidia. Sie besuchte die Europäische Schule. Ich hatte eine Wohnung ganz in der Nähe der Schule im grünen Residenzviertel von Uccle gefunden. Mein Weg ins Büro war dadurch lang, dafür konnte sich Nidia autark zwischen Schule, Zuhause und ihren Freunden bewegen.

»Ich habe heute eine Sitzung und muss nachher den Bericht schreiben«, sagte ich. »Ich komme etwa um acht.«

»Du musst auf jeden Fall mit dem Bio-Lehrer sprechen. Der ist so blöd, echt arg der Typ.«

Nidia war das jüngste meiner drei Kinder und stand ein Jahr vor dem Abschluss. Ihre beiden älteren Brüder lebten in Deutschland und England, um dort ihre Ausbildungen zu machen. Noch ein Jahr, dann hatten alle meine Kinder die Schule hinter sich.

»Bitte kauf Katzenfutter für Gato«, sagte ich zu Nidia.

»Okay. Und du musst noch den Flug für Anfang August nach Österreich buchen wie mit Papi besprochen.«

Diese kleinen Aufträge, diese Details meines Lebens gaben mir das Gefühl, etwas Nützliches zu tun. Die Kinder fuhren in den Ferien immer zu ihrem Vater nach Österreich. Er machte teure Urlaube mit ihnen und seiner Freundin. Was würde ich machen, wenn sie weg waren? Irgendwo in die Wärme fahren, am besten mit meiner Schwester auf Kur ans Meer.

Das ferngesteuerte Garagentor rollte quietschend auf und ich fuhr mit dem neu lackierten Alfa aus der stockdunklen Garage. Die klare Stimme von Miriam Makeba klang aus den Boxen. Ich sang mit und versuchte, mich nicht vom stockenden Autoverkehr in Richtung EU-Viertel nerven zu lassen.

Im fünften Stock der österreichischen Vertretung saß Vivianne, die Telefonistin, an einem Pult gegenüber der Lifttür.

»Ein Anruf aus Wien für Sie«, rief sie mir zu.

»Danke, Vivianne! Ihr Augen-Make-up passt gut zum Pulli.«

Vor meiner Bürotür kam meine Mitarbeiterin Roxanna auf mich zu.

»Hallo Lisuscha«, sagte sie.

»Guten Morgen, Roxanna.«

Die Frauen in meinem Bekanntenkreis hatten alle ihre morgendlichen Augenschminkrituale. Während meine Augenstifte seit Langem unberührt im Keramikbecher über dem Waschbecken standen, definierten sie sich jede Früh vor dem Spiegel neu. Nidia stand auf schwarz verschmierte Augen, Viviane, die Telefonistin, mochte violetten Lidschatten und Roxanna hatte Augen wie Maria Callas. Wie die Callas war sie Griechin und hatte obendrein in ihrer Jugend Operngesang studiert.

»Der österreichische Apothekerverband verschiebt seinen Besuch um eine Stunde«, sagte Roxanna.

»Wir besprechen das nach der Sitzung, ja?«

»Guuut«, sang Roxanna mit ihrer vollen Sopran-Stimme.

In den vergangenen Jahren hatten Roxanna und ich einen gut funktionierenden Besucherdienst geführt. Jährlich organisierten wir für mehrere tausend Besucher Informationsprogramme an der Österreichischen Vertretung bei der EU. Mit ihren wallenden blondierten Haaren eilte Roxanna in ihr Büro. Während mein Computer hochfuhr, rief ich meine Kollegin in Wien zurück.

»Hallo Bea! Du hast angerufen?«

Bea und ich hatten drei Jahre zusammen in Brüssel gearbeitet. Sie war inzwischen Abteilungsleiterin im Außenministerium in Wien geworden. Wer aus Brüssel zurückkam, machte Karriere.

»Ich wollte mich nur kurz melden«, sagte Bea. »Wie hast du deinen vierzigsten Geburtstag gefeiert?«

»Gar nicht.«

»Oje. Gönn dir ein Abendessen in einem guten Brüsseler Restaurant«, sagte Bea. Sie war eine Lebensgenießerin. Solange sie in Brüssel gelebt hatte, hatte sie mich ab und zu aus meiner Selbstkasteiung herausgezogen. Neben meiner Arbeit und den Kindern hatte ich vier Jahre lang an meiner Dissertation geschrieben. Während die Kinder in den Ferien in Österreich waren, hatte ich in Brüssel meine Urlaube halb sitzend und halb liegend mit dem Laptop im Bett verbracht und meinen empfindlichen Nacken mit vielen Polstern gestützt.

»Sehen wir uns im Sommer in Österreich?«, fragte Bea.

»Eigentlich würde ich gerne in die Wärme fahren.«

»Ein Strandurlaub mit einem heißen Liebhaber wäre schon was Feines, was?«

»Ich habe eher an eine Kur mit meiner Schwester gedacht.«

Bea neckte mich gerne. Männer gab es nur vereinzelt in meinem Leben, und wenn, dann waren es kurze unspektakuläre Begegnungen, oft mit vergebenen Exemplaren. Seit meiner Scheidung vor zehn Jahren hatte ich keine längere Beziehung mehr gehabt.

Mit meiner Magnetkarte durchquerte ich die Sperre beim Eingang ins Ratsgebäude. Für den poststalinistisch wirkenden Koloss mit mehr als zweihunderttausend Quadratmetern Gesamtfläche war eine ganze Straße mit alten Häusern weggesprengt worden. Vor dem Gebäude standen Beamte und Beamtinnen in dunklen Regenmänteln mit grantigen Mienen Schlange. Sie waren für einen Tag zu Sitzungen aus ihren Hauptstädten angereist und mussten durch den strengen Sicherheitscheck. Wir, die in Brüssel stationierten Beamten, hatten die Magnetkarte, die uns das Warten ersparte.

Im Gebäude reihten sich zahllose genau gleich aussehende Konferenzräume rund um ein Sekretariat. Ein elektronischer Bildschirm zeigte an, in welchem Konferenzraum meine Lateinamerika/Karibik-Arbeitsgruppe tagte. An dem zwanzig Meter langen Tisch voller Wasserflaschen und Mikrofone nahm ich hinter dem Schild mit der Aufschrift »Österreich« Platz. Mein Blick wanderte zu den Vertretern der übrigen sechsundzwanzig Mitgliedstaaten, der Ratspräsidentschaft und der Kommission. Alle kannten einander durch die wöchentlichen Sitzungen und grüßten einander mit Kopfnicken.

»Wir haben jetzt die Eierköpfe der Generaldirektion Handel aus der Kommission unter uns, die hoffentlich Neues über das Mercosur-Abkommen haben«, sagte der junge irische Vorsitzende ins Mikrofon, nachdem er die Sitzung eröffnet hatte.

Die Angesprochenen lächelten geschmeichelt. Sitzungsdokumente raschelten. Ein Kommissionsvertreter ratterte in hartem, spanisch geprägtem Französisch die Haltung der Kommission herunter. Er wiederholte zum zehnten Mal die alte Position der Kommission zum Handelsabkommen mit Mercosur. Keine neue Information für uns. Dabei wollte die EU Fortschritte im Handel mit Brasilien und seinen Nachbarstaaten machen. Wozu waren wir eigentlich in die Sitzung gekommen? Es folgten die Wortmeldungen der Mitgliedstaaten.

Der griechische Kollege hatte ein prozedurales Anliegen.

»Ich glaube nicht mehr an den Weihnachtsmann, ich will das drin haben«, brüllte er.

Die italienische Kollegin rückte ihre in Moschino-Strickware gewickelte Oberweite zurecht, ehe sie zehn Minuten lang wohl artikuliert ihre landwirtschaftlichen Anliegen vorbrachte.

»Holla Tonta! (Hallo Blöde!) Wie geht es dir heute?«, textete ich aus Langweile der spanischen Kollegin.

»Tonta Tu! (Selber blöd!) Ich meditiere«, schrieb sie zurück.

»Finnland ist dafür, dass …«, erklang die Roboterstimme unseres skandinavischen Kollegen. Ein Aufatmen ging durch die Runde. Der Finne brauchte für seine Position immer nur zwei Sätze.

Zu Mittag aß ich im Büro gebratene Nudeln vom Vietnamesen. Mein Nacken schmerzte vom Sitzen. Seit einem Reitunfall knapp nach meiner Scheidung plagte mich ein Bandscheibenvorfall im Hals. Ich hatte Angst vor den rituellen Links-Rechts-Küssen, die bei Empfängen manchmal recht unsanft auf die Backenknochen geknallt wurden. Höchste Zeit für eine Kur. Zwischen dem Arbeiten am Bericht hopste ich auf meinem blitzblauen Sitzball und löschte hunderte unnötige E-Mails, die am Vormittag eingegangen waren. Meine Bürostöckelschuhe hatte ich ausgezogen. Durch die Nylonstrumpfhose massierte die noppige Struktur des Teppichs meine Fußflächen. Durchhalten. Am Mittwoch war ich wieder bei Monsieur Chang, meinem chinesischen Masseur. Ich machte am Sitzball eine Brücke und konnte deshalb nicht auf das kurze Klopfen an der Tür reagieren. Joao, der portugiesische Majordomus der Ständigen Vertretung, sah auf meinen blutgefüllten Kopf hinunter.

»Madame, die Gruppe ist da. Roxanna holt sie unten ab«, sagte er, ohne eine Miene zu verziehen.

»Danke, Joao.« Stöhnend zog ich mich hoch und schlüpfte in meine Pumps.

Am späten Nachmittag des Freitags, als ich eigentlich schon nach Hause gehen wollte, rief mich mein Chef, der Botschafter, zu sich. Die ganze Woche über hatte ich nichts von ihm gehört oder gesehen.

»Dein Bericht ist eine Frechheit«, sagte er. »Du nimmst das alles ein wenig zu locker.«

»Der Bericht gibt wieder, was gesagt wurde. Die Sitzung war leider nicht produktiver.«

»Ich will einen kurzen, prägnanten Bericht, keine Dissertation.« Lauernd beobachtete er meine Reaktion.

»Na gut, ich schreib ihn um«, sagte ich.

»Der Bericht muss noch heute raus.« Er zog theatralisch eine Augenbraue hoch.

Niemand in Wien würde den Bericht heute noch lesen. Das wusste ich.

»Ich bin hart zu meinen Mitarbeitern. Aber du hast dir Brüssel selbst ausgesucht«, sagte er. Weich wie eine Riesenleberwurst lehnte er sich in seinem schwarzen ergonomischen Ledersessel zurück.

»Positive Motivation tut immer gut«, antwortete ich sarkastisch. Sechs Jahre lang hörte ich mir seine emotionsgeladene Kritik nun schon an. Viel Wut hatte ich in dieser Zeit in mich hineingeschluckt. Unsere Zusammenarbeit war von Anfang an unter keinem guten Stern gestanden. Bei einer unserer ersten Begegnungen in seinem Büro hatte er mir gepredigt, dass ich mehr Informationsmaterial lesen solle und sich lässig in seinem Ledersessel gedreht, um mir den Papierstoß hinter seinem Schreibtisch zu zeigen. Radabum! Er war vom Sessel und auf seinen Hintern gefallen. Die Beine angezogen hatte er am Boden gesessen und zu mir heraufgesehen. Ich hatte nicht gewusst, wohin ich schauen sollte, um ihm die Demütigung zu ersparen. »Der Botschafter sollte angeschnallt sitzen«, hatte Bea gescherzt.

Nidia musste ich absagen. Ich hatte zu ihrer Probe für ein Konzert von Nachwuchspianisten gehen wollen, bei dem sie nächste Woche im Brüsseler Konzerthaus spielen würde. Nun schrieb ich den Bericht um und kam erst spät am Abend nach Hause. Nidia war mit einer Freundin zu einem Clubbing gegangen. Mit Kopfhörern lag ich im Bett. Gato, unser Siamkater, lag zu meinen Füßen. Flach am Rücken liegend, die Handflächen zum Himmel gerichtet, gönnte ich mir eine lebensbejahende Meditation. Irgendjemand musste mir gut zureden, und wenn es nur die sonore Stimme von Louise Hay aus meinen Kopfhörern war. Süßer Schlaf überkam mich.

Am Montag schlug Helen, meine karibische Kollegin aus St. Kitts, ein Abendessen mit unseren Töchtern vor. Wir hatten uns vor einigen Jahren bei einer Sitzung kennengelernt. Helen war eine zierliche Frau, die ihre kurzen schwarzen Locken mit Gel stylte. Über den Verhandlungstisch hinweg hatten wir uns zugelächelt. Unsere Schicksale ähnelten einander. Wir wohnten im selben Viertel, waren beide geschieden und Helens Töchter Miranda und Sharida besuchten die gleiche Schule wie Nidia.

Die Woche wurde hart. Roxanna war in Hamburg. Vor einem halben Jahr hatte sie mit einer ganzheitlichen Psychotherapie-Ausbildung begonnen, für die sie berufsbegleitend Kurse besuchte. Ich musste mich ohnehin an ihre Abwesenheit gewöhnen. Vor Kurzem hatte sie mir zu meiner Bestürzung gestanden, dass sie nächstes Jahr an die Österreichische Botschaft nach Athen versetzt werden würde. Es war ihr eigener Wunsch, denn sie wollte in der Nähe ihrer Kinder sein, die beide in Griechenland studierten. Ich würde meine Freundin, Beraterin und engste Vertraute verlieren.

Am Freitag ging ich zum ersten Mal seit der Kollision mit dem Lexus wieder in das kleine Fitnessstudio des Hotels Darcon. In letzter Zeit trainierte ich seltener, weil es mich ermüdete und ich tags darauf kaum aus dem Bett kam. Trotzdem nahm ich stetig ab. Heute reichte meine Motivation gerade noch für eine kurze Einheit, nach der ich mich in die Sauna legte. Mit einer Handtuchrolle stützte ich meinen Nacken und streckte mich auf den brennheißen Brettern aus. Als ich die Augen schloss, flimmerte und rauschte es in meinem Kopf. Mein Körper entspannte sich in der Hitze und ich atmete regelmäßig. Was würde ich mit meinem Leben machen, wenn Nidia mit der Schule fertig war? Mein Exmann würde bald seine langjährige Freundin heiraten. Nach der Scheidung hatte ich gedacht, dass auch ich wieder eine Liebe finden würde. Aber dem war nicht so gewesen. Ich war allein und hatte keine Ziele. Wie ein Reptil konnte ich stundenlang in der Sauna liegen. Doch das war nicht besonders gesund. So konnte es nicht weitergehen. Ich wusste nicht, wie ich aus diesem dunklen Tunnel herauskommen konnte. Dennoch spürte ich, dass die Zukunft Besseres für mich bereithielt.

Bei unserem Abendessen erzählte ich Helen, dass ich im Sommer in Brüssel bleiben würde. Meine Schwester war von unserem Kururlaub abgesprungen. Das fand ich nicht so schlimm. Ich würde Geld sparen und meine Dissertation für eine Veröffentlichung bearbeiten.

»Warum kommst du nicht mit mir nach St. Kitts?«, fragte Helen. Sie hatte Lasagne und Salat gemacht, das Lieblingsessen ihrer Töchter, und servierte uns einen Rioja dazu.

Ich habe einfach zu viel zu tun, dachte ich und reagierte nicht. Nidia räumte mit den Mädchen schnell ab, damit sie sich zu dritt einen heruntergeladenen Film auf Mirandas Laptop ansehen konnten. Helen schenkte mir Rotwein nach.

»Es ist wunderschön dort. Du kannst bei mir im Gästeapartment wohnen«, sagte sie. »Nur meine Töchter und ich sind im Haus. Komm doch einfach mit.«

Ich zögerte.

»Ich fliege nächste Woche. Wenn dir das zu knapp wird, komm einfach nach«, sagte Helen. »Es gibt eine gute Verbindung über London oder Paris.«

Zu Hause gab ich in der Nacht noch »St. Kitts« in Google ein. Durch meine berufliche Beschäftigung mit Lateinamerika und der Karibik wusste ich ein wenig über die Politik und die Wirtschaft der Region Bescheid. Wunderschön war die Insel auf den Bildern, die ich im Internet fand.

3

Aus dem kleinen Fenster des Flugzeugs sah ich auf die untergehende Sonne.

»Gut, dass wir so niedrig fliegen«, sagte ein Inder neben mir. »Wenn wir abstürzen, schwimmen wir einfach bis zur nächsten Insel.« Nervös spielte er mit seinen pummeligen, behaarten Händen.

Ich war über Paris nach St. Martin geflogen und hatte auf der holländisch-französischen Karibikinsel mehrere Stunden auf die kleine Propellermaschine gewartet. Nun flogen wir an den Inseln St. Barth und Statia im karibischen Meer vorbei. Nach fünfzehn Minuten steuerte die alte De Havilland mit ihren zwanzig Passagieren St. Kitts an. Der Inder nickte mir zu, als wollte er mir vor der Landung Mut machen.

Nach der Passkontrolle im klimatisierten Flughafengebäude umarmte mich draußen die warme Meeresluft. Zwischen dem Geruch nach Gepäck und Kerosin erriet ich eine Note von verbranntem Zuckerrohr. Das Meer war beinahe in Reichweite und Kokospalmen wiegten sich in der Brise. Ich atmete tief durch und schüttelte meine Beine, um das taube Gefühl vom Transatlantikflug loszuwerden. Drei Filme hatte ich angesehen und keine Sekunde geschlafen.

Es herrschte reges Treiben auf dem kleinen Flughafen. Taxis und kleine Busse holten Touristen ab. Familien warteten auf ihre Angehörigen.

»Willkommen auf unserer schönen Insel«, sagte ein Faxifahrer in karibischem Englisch. »Ich hoffe, du hast einen guten Flug gehabt, Darling.« Freundlich und schroff zugleich packte er meinen Koffer.

»Wo musst du hin?«

Es war schon finster, als er mich an Helens Adresse absetzte. Sie wohnte am Stadtrand von Basseterre, der Hauptstadt von St. Kitts. Jauchzend vor Freude eilte sie mir aus dem hell beleuchteten Haus entgegen.

»Wie schön es hier ist«, sagte ich und drückte sie fest an mich. »Ich bin so froh, hier zu sein.«

»Mach dich frisch und dann führe ich dich zu Alfredos aus«, sagte sie. »Ein kleines Restaurant auf der anderen Seite von Basseterre. Aber es ist nicht weit, die Stadt ist winzig.«

Helen trug entschlossen mein Gepäck hinein. Ich blieb vor dem Haus stehen. Das Zirpen der Grillen durchdrang die warme Luft. Ganz in der Nähe entdeckte ich eine alte Zuckermühle in der Dunkelheit. In der Ferne leuchtete der Hafen von Basseterre. Ein Kreuzfahrtschiff lag dort vor Anker. Es war so mächtig, dass es die ganze Stadt samt ihrem Kirchturm bei Weitem überragte. Ich blickte auf das vom Mond beschienene Meer.

»Los jetzt«, drängte Helen. »Du bist müde vom Flug, aber du musst etwas essen.« Wir nahmen den alten weißen Toyota, den sich Helen für den Urlaub von ihrer Tante geliehen hatte.

Helen bestellte für uns beide gedämpften Roten Snapper mit Maismehlbrei.

»Danke Darling«, sagte sie der Wirtin zuzwinkernd, die uns zum Essen Ingwersaft servierte.

Helens Mutter war vor einem halben Jahr gestorben. Es war Helens traurige Aufgabe in diesem Heimaturlaub, das Haus auszuräumen. Trotzdem war sie guter Dinge.

»Ich male das Haus hellgelb an«, sagte Helen. »Im Garten ist auch viel zu tun. Er war Mom so wichtig.« Miranda und Sharida hatte sie für ein paar Tage zu ihrem Vater nach Nevis geschickt. Die beiden Inseln Nevis und St. Kitts bildeten miteinander einen Staat.

Übermüdet vom Flug beugte ich mich über den Fisch. Der Maismehlbrei war eine Art feine Polenta, die im Saft des Fisches lag. Still und genüsslich verzehrten wir unser Abendessen. Helen sorgte dafür, dass wir bald wieder nach Hause fuhren. Bevor ich mich ins Bett fallen ließ, untersuchte ich das Schlafzimmer und das Badezimmer auf Ungeziefer. Betäubt vom Duft des Jasminstrauchs neben meinem Fenster blendete ich die ungewohnte Umgebung aus und schlief ein.

Am Morgen kam ich mit dröhnendem Kopf auf die Veranda, von der aus ich das Meer sehen konnte. Es war erst acht Uhr, doch die Hitze breitete sich schon aus. Helen stellte Kaffee, Toast und aufgeschnittene Mango und Papaya auf den Frühstücktisch. Ich wollte möglichst schnell an den Strand.

»In einem halben Jahr ist für mich in Brüssel wahrscheinlich Schluss«, sagte Helen. »Mein Außenministerium will mich zurück auf St. Kitts haben.« Sie rückte weiße gusseiserne Sessel zum gedeckten Tisch.

»Dann werden wir uns bald nicht mehr sehen?«

»Unsinn«, sagte sie, während sie mir Frischkäse und Orangenmarmelade reichte. »Du weißt ja jetzt, wo ich bin. Du bist auf St. Kitts immer willkommen.«

Ihr Aufenthalt in Brüssel dauerte schon länger als ursprünglich geplant. Sie war geblieben, um ihren Töchtern den häufigen Schulwechsel zu ersparen. Aus dem gleichen Grund war auch ich nicht nach drei Jahren an eine andere Botschaft weitergezogen. Ich hatte das schwierige Verhältnis zu meinem Chef in Kauf genommen, weil Brüssel meinen Kindern guttat. Während ich Helens appetitliches Frühstück genoss, erwachten meine Sinne.

»Vielleicht arbeite ich in Zukunft nicht mehr fürs Außenministerium«, sagte sie und verschlang die letzten Papayascheiben. Sie erzählte, dass sie von einem eigenen Immobilienprojekt träumte. Ihre Augen leuchteten vor Tatendrang. Ihr Haus stand auf einem weitläufigen Grundstück, das bis zum Meer reichte. Sie wollte dort Häuser bauen, um sie zu vermieten oder zu verkaufen. Schon ihr Vater hatte Immobiliengeschäfte gemacht. Damals, als es noch kaum Infrastruktur auf der Insel gab, war er damit vermögend geworden.

»Das ist ja so aufregend«, sagte ich. Ich fand es mutig von Helen, dass sie die Sicherheit ihres Jobs aufgeben wollte.

Helen war nicht in Ferienstimmung. Sie blieb zu Hause, um auszumisten. Ich verbrachte die Tage allein am South-Friars-Strand auf der südöstlichen Halbinsel, joggte ein paar Mal im Sand, korrigierte mein Manuskript und schwamm so oft wie möglich im Meer. An den Abenden war ich meist mit Helen unterwegs. Sie nahm mich mit zu ihren Freunden und gewährte mir Einblicke in das Leben der Menschen dieser Insel, die mir zunehmend gefiel.

Einmal arbeitete ich am Strand unter einem Schirm an meinem Manuskript, als mir eine Gruppe von Kindern auffiel. Sie unterhielten sich laut in einer mir unverständlichen Sprache. Ein Engländer mit längeren schneeweißen Haaren und zwei ältere Frauen begleiteten sie. Der Engländer gab den Kindern Anweisungen, während sie kreischend an seinen Armen zogen. Mit einer Taucherbrille und Flossen watschelte der alte Mann in einer engen altmodischen Badehose ins Meer und tauchte wie ein Walross unter. Die Kinder schrien vor Freude und tollten im Wasser auf ihm herum. Die zwei Frauen lagen auf ihren Handtüchern und ließen sich die Sonne auf ihre blasse Haut scheinen.

Als der Mann und die Kinder vergnügt aus dem Meer kamen, legte ich mein Manuskript zur Seite und gesellte mich zu ihnen. Wir kamen sofort ins Gespräch. Der Mann war anglikanischer Priester in St. Pauls, einem entlegenen Dorf am westlichen Ende der Insel. Er hieß Hugh Fowler und machte mit den Dorfkindern regelmäßig Strandausflüge.

Pater Fowler erzählte mir von einem Landwirtschaftsprojekt, das die anglikanische Kirche in St. Pauls betrieb. Seine amerikanische Frau Margareta unterhielt sich inzwischen mit ihrer Freundin, die zu Besuch aus Boston gekommen war. Sie besprachen eine Opernsendung, die Margareta für den lokalen Radiosender vorbereitete.

Der Nachmittag neigte sich seinem Ende zu und die Sandflöhe wurden zu einer beißenden Plage. Rasch packten wir unsere Sachen und verließen den Strand. Pater Fowler nahm mich in seinem Bus voller Kinder mit. Wir fuhren über die Hügel der steppigen Halbinsel nach Westen. Vorne sitzend hörte ich die beiden Frauen hinten im Bus noch immer die geplante Musiksendung erörtern. Nikita, eine der Jugendlichen, lehnte für mein Gefühl etwas zu nahe an dem Pfarrer mit den durchgewehten weißen Haaren. Der streckte einen Arm aus dem fahrenden Bus, als würde er fliegen.

Der Pater lud mich ein, noch vor meiner Abfahrt an einer Messe in St. Pauls teilzunehmen. Helen, die Zwillinge und ich fuhren gemeinsam hin. Pater Fowler gab in einer abgetragenen weißen Kutte und in Lederschlapfen das klassische Bild eines Missionars ab. Margareta spielte in einer gestärkten weißen Leinenbluse und mit ernstem Gesicht die kleine Kirchenorgel. Die hohen Fensterläden der Kirche standen offen und unzählige Ventilatoren surrten leise. Die rund zweihundert Jahre alte Kirche war aus Stein gebaut. Vor einigen Jahren hatte sie einen gelben Anstrich erhalten. Ihr Inneres war bescheiden und renovierungsbedürftig, aber hell und luftig.

Die Messe war gut besucht. Helen und ihre Mädchen fanden einige Reihen vor mir Plätze. Lebhaft sangen alle die Lieder mit. Die Kinder schüttelten die Tamburine und trommelten rhythmisch mit den Fingern darauf. Mein Blick wanderte zu den sonnendurchfluteten Zuckerrohrfeldern und zu dem mit Regenwald bedeckten Vulkan im Landesinneren. Auf der anderen Seite der Kirche erstreckte sich das Meer rund um die Nachbarinsel Statia.

Ein Brummen lenkte die Aufmerksamkeit der Kirchenbesucher nach oben. Unter dem hölzernen Deckengewölbe schwirrten Bienen.

»Die Bienen werden zu einer Plage«, sagte Pater Fowler. Er ersuchte um Spenden. »Wir brauchen vierhundert EC-Dollar, um den Honigmann mit der Entfernung des Bienennests beauftragen zu können.« Bedrohlich hallte das Echo des Summens von der hohen Decke herunter. »Wir wollen nicht, dass ein Kind gestochen wird«, sagte Pater Fowler.

Helens Mädchen rückten verschreckt zusammen.

»Eine bescheidene, aber intensive Messe«, sagte Helen, als wir aus der Kirche kamen und über den Pfarrgrund gingen. Dattel- und Kokospalmen umgaben das Grundstück, auf dem Hühner herumliefen und Schafe weideten. Violette, weiße und korallenfarbene Bougainvillea wuchsen hoch über den Zaun hinaus. Pater Fowler kam in den Garten nach, sobald er sich von den Kirchgängern verabschiedet und sein Messgewand abgelegt hatte. Helen, Miranda und Sharida standen im Obstgarten unter einem Baum. Die drei telefonierten angeregt mit dem Vater der Mädchen in Nevis. Vor ihrer Rückkehr nach Brüssel sollten sie ihn noch einmal besuchen.

»Bitte denk daran, den Honigmann anzurufen«, sagte Margareta zu ihrem Mann und stellte ein Tablett auf einen wackligen kleinen Tisch. Zittrig und durstig von der Messe und der Hitze spähte ich auf die eisgekühlten rosa Getränke. »Es wird ein Erlebnis, wenn der Honigmann kommt«, sagte Margareta. »Lisuscha, das solltest du sehen.«

»Ja?« Ich wunderte mich, warum sie mit dem Austeilen der Getränke so lange wartete. Mir schwindelte bereits vor Durst.

»Schon seine Erscheinung ist beeindruckend«, sagte Margareta. »Er ist ein Rasta mit nur einem Bein. Unglaublich, wie er trotzdem ganz locker auf die Leiter klettert. Und dann, wie er mit den Bienen umgeht! Er arbeitet ohne Schutzbekleidung.«

»Ohne Schutz? Wie hält er sich die Bienen vom Leib?«

»Gar nicht. Sie sind überall auf ihm und er spricht zu ihnen«, sagte sie.

»Wie bitte?«

»Ja, er spricht zu ihnen«, schwärmte die Pfarrersfrau. »Wahrhaftig ein Bienenflüsterer.«

Dankbar fasste ich nach dem Glas, das sie mir endlich reichte, und nahm einen großen Schluck vom frischen Fruchtsaft.

»Ja, ja, es gibt begabte Leute hier auf der Insel«, sagte der Pater.

»Das schmeckt köstlich«, schwärmte ich. »Wie Ananas, nur raffinierter.«

»Das ist ja ein knalliges Getränk«, sagte Miranda, als die drei zu uns zurückkehrten. »So etwas gibt es doch gar nicht.« Sie hielt ihr Glas mit der rosaroten dicken Flüssigkeit gegen das Licht.

»Das ist Sauersacksaft«, sagte Pater Fowler. »Das Rot kommt vom Granatapfelsirup, den Margareta gerne dazumischt.«

»Er gibt dem Drink einen Kick«, sagte Margareta zwinkernd.

»Die Früchte kommen von diesem Baum«, sagte Pater Fowler und zeigte in den Obstgarten. Einige Früchte ragten aus dem dichten Laub.

»Sieht aus wie eine Dinosaurierfrucht«, rief Sharida.

Vorsichtig betastete ich die grüne ledrige Haut und die vielen weichen Stacheln der Frucht.

»Sauersack ist sehr gesund. Soll auch gut gegen Krebs sein«, sagte Margareta.

Während ich den aromatischen Saft viel zu schnell austrank, erklärte mir der Pater das kirchliche Landwirtschaftsprojekt genauer. Bis 2005 war die Insel eine einzige Zuckerrohrkultur gewesen. Die Regierung wünschte sich nun mehr Vielfalt in der Landwirtschaft. Die Kirche sollte dieses Vorhaben auf ihrem Grund unterstützen und Obst und Gemüse anbauen. Besonders weit gediehen kann der Plan der Regierung nicht sein, dachte ich. Um den Pfarrgrund lagen brache Felder, auf denen weiter Zuckerrohr wuchs.

»Das Grundstück der Kirche ist sehr groß. Es gibt viel zu tun hier«, sagte Pater Fowler. »Wir werden einen Projektkoordinator brauchen.«

Quietschend lachten Helens Mädchen, während sie an den Zweigen einer mächtigen Tamarinde zogen, um die herunterrieselnden Schoten aufzuheben.

Der Pater ging mit uns zu einem etwas abseits vom Pfarrhaus und der Kirche gelegenen ehemaligen Schulhaus. Bevor St. Kitts unabhängig und die Bildung staatlich geworden war, hatte die Kirche hier eine Grundschule betrieben. Zehn Jahre zuvor hatte ein Hurrikan das hölzerne Gebäude im alten Kolonialstil schwer beschädigt. Mit Unterstützung ausländischer Sponsoren hatte Pater Fowler das Haus aus Pechkiefer neu errichten lassen. Es sollte ein Gästehaus werden, das der wirtschaftlich schwachen Pfarre ein Einkommen bringen sollte.

»Es ist wunderschön hier«, sagte ich.

Die Sonne ließ Polster gelber Dschungelglocken entlang des Obstgartens leuchten. Die Bienen umschwärmten rosa blühende Schlingpflanzen, die sich entlang der Friedhofsmauer rankten.

»Kommen Sie doch wieder«, sagte der Pater zum Abschied. »Wir finden sicher eine nützliche Tätigkeit für Sie. Wir teilen unsere Gäste immer zum Arbeiten ein.«

Helen, Miranda, Sharida und ich fuhren zum Shipwreck-Strand auf der südöstlichen Halbinsel.

»Seht doch«, rief Miranda, als Helen neben einer Strandbar parkte. Ein paar kleine Affen beobachteten uns neugierig von einem Hügel aus. Wir gingen an der rustikalen Shipwreck-Bar vorbei und stiegen die Stufen zum Strand hinunter. Der Besitzer der Bar hatte am Strand Sonnenschirme aus Palmzweigen aufgestellt. Der Strand war nach einem Piratenschiff benannt, das in der Bucht gesunken war und kundige Tiefseetaucher anlockte. Hungrig von der langen Messe in St. Pauls ließen wir uns auf den Liegestühlen nieder und bestellten Cheeseburger. Die Mittagssonne ließ das ruhige karibische Meer grün und türkis leuchten. Der Himmel war so klar, dass die Insel Nevis zum Greifen nahe schien.

In der Ferne vernahm ich dumpfe Laute. Hufgetrommel näherte sich. Ein junger Rasta ritt quer über den Strand und führte zwei Pferde neben sich her. Abseits der Badegäste glitt er vom Pferd und ging mit den Tieren ins Wasser. Ich machte mich auf, um die Szene mit meinem Blackberry festzuhalten. Von Weitem winkte und lächelte mir der Rasta zu.

»Darf ich dich mit den Pferden im Wasser fotografieren?«, fragte ich.

»Na klar.« Er sprang wieder auf eins der Pferde und posierte mit seinem jugendlichen muskulösen Oberkörper.

»Jetzt du«, sagte er.

»Ich?«

»Steig auf. Ich mache ein Foto von dir.«

»Ich bin schon lang nicht mehr geritten. Ich hatte einen Unfall.«

»Wir sind im Wasser. Es kann dir nichts geschehen.«

Mit seiner Hilfe schwang ich mich auf das Pferd, dem das Wasser bis zum Bauch reichte. Leise sprach ich zu dem schnaufenden Wallachen, der vom Galopp in der Hitze noch dampfte. Dabei streichelte ich das rotbraune Fell an seinem Nacken.

»Auf einmal keinen Hunger mehr?«, scherzten Helens Mädchen.

Ich setzte mich zu ihnen, um ihnen die Aufnahmen auf dem Blackberry zu zeigen.

»Da kommen die Hormone in Schwung«, sagte ich lachend.

»Die musst du auf Facebook posten«, meinten Miranda und Sharida.

»Das wäre was«, sagte ich. »Ich als Brüsseler Diplomatin halbnackt auf einem Pferd.«

»Du trägst einen Bikini und das ist die Karibik.«

»Es ist wie im Paradies hier«, sagte ich. Mir lachte das Herz.

Als wir zum Toyota zurückgingen, sprang eine Schar Affen ins Gebüsch. Sie hatten Bananen gefressen, die ihnen der Barbesitzer hingelegt hatte. Auf dem Heimweg flatterten meine Haare im Fahrtwind. Die Sonne sank bereits. Das Meer um die kleine vulkanische Insel schimmerte silbern. Ein düsteres Gefühl überkam mich, denn mein Abflug stand bevor. In zwei Tagen würde mich Helen zum Flughafen bringen. Bald würde ich wieder morgens bis abends in meinem Büro mit dem synthetischen Teppich eingesperrt sein. Tief atmete ich die frische Luft ein.

In Basseterre brachte Helen die Mädchen zur Fähre nach Nevis, wo ihr Vater sie abholen würde. Ich beobachtete den Rummel an der Anlegestelle, die gleichzeitig ein Busterminal war. Menschen strömten von der Fähre, und Busse hupten, um Passagiere anzulocken. Am Beifahrersitz des Toyotas wippte ich zu Reggaeklängen, die aus einer der unzähligen Bretterbuden kamen. Helen plauderte mit einem Barmann. Der Abend brach an und die Männer versammelten sich an den Bars.

Ein großgewachsener Rasta mit nur einem Bein stand kerzengerade unter dem Vordach einer Bude und sah seelenruhig quer über den Platz zu mir herüber. Aus der Ferne sah ich sein Gesicht mit den hohen Backenknochen nur undeutlich. Sein ergrauter Bart verlieh ihm Würde. Helen öffnete die Autotür.

»Nichts ist schöner, als Zuhause zu sein«, sagte sie.

»Wer ist dieser Mann mit einem Bein?« Ich zeigte auf die gegenüberliegende Seite des Terminals.

Helen verstaute einen Sack mit gekühlter Limonade auf der Rückbank.

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