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Homeless – Mein Weg zurück ins Leben

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form,

sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der

gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Brianna Karp

Homeless –

Mein Weg zurück ins Leben

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Ivonne Senn

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ob·dach·los [̍ɔpdaχ ̩loːs]

keinen festen Wohnsitz habend

Ob·dach·lo·se, Plural: Ob·dach·lo·sen

Menschen ohne festen Wohnsitz, oft als Gruppe definiert.

§ 11302 Generelle Definition eines obdachlosen Individuums:

ein Individuum ohne einen festen, regulären und adäquaten Platz zum Übernachten; und ein Individuum, dessen hauptsächlicher Übernachtungsort eine von öffentlichen oder privaten Trägern geführte Unterkunft ist, die darauf ausgerichtet ist, vorübergehend als Wohnstatt zu dienen (inklusive Wohlfahrthotels, Sammelunterkünfte und Übergangswohnungen für geistig Kranke); eine Institution, die zur klinischen Einweisung bestimmten Individuen vorübergehend Obdach gibt; oder ein öffentlicher oder privater Platz, der nicht als ständiger Schlafplatz für Menschen gedacht war und normalerweise auch nicht dazu genutzt wird.

– Staatliche Definition von Obdachlosigkeit; United States Code Title 42, Chapter 119, Subchapter 1

Für Deutschland gilt:

Der Begriff Obdachlosigkeit oder Wohnungslosigkeit wird verschieden definiert. Nach der Definition der BAG für Wohnungslosenhilfe ist eine Person wohnungslos, wenn sie nicht über einen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügt. Das sind nicht nur Menschen, die auf der Straße leben, sondern auch Bewohner von Heimen, Anstalten, Notübernachtungen, Asylen, Frauenhäusern, Aussiedler- und Asylbewerberunterkünften sowie Personen, die bei Verwandten, Freunden und Bekannten vorübergehend untergekommen sind.

PROLOG

Kalt lag die Abendluft über dem Walmart-Parkplatz in Südkalifornien. Ich hatte nicht genügend Decken mitgebracht und würde noch einmal bei dem Gebrauchtwarenladen vorbeigehen müssen, um weitere zu holen. Die Straßenlampen tauchten alles in helles Licht. Es herrschte eine unheimliche Stille. Als ich ankam, standen ein gutes Dutzend Wohnwagen herum, aber es gab keinerlei Anzeichen dafür, dass darin tatsächlich jemand wohnte. Ich war einmal in Calico Ghost Town gewesen, einer alten, verlassenen Minenstadt in den Hügeln außerhalb von San Bernadino, und hier lag das gleiche Gefühl der Verlassenheit in der Luft. Ich wusste, dass sie da waren. Vermutlich standen sie hinter ihren Vorhängen und beobachteten mich genau, aber ich konnte sie weder sehen noch hören.

Gab es unter ihnen noch mehr wie mich? Oder waren sie alle nur auf der Durchreise? War ich die Einzige, die dumm genug war zu glauben, dass sie so eine Nummer durchziehen könnte?

Eine irrationale Angst überkam mich. Wie sollte ich schlafen können? Ich war so erschöpft wie lange nicht mehr, dennoch knipste ich eine einsame Taschenlampe an und versuchte, ein Buch zu lesen, auch wenn ich es nicht wirklich lesen nennen würde. Es war mehr ein blindes Auf-die-Seiten-Starren; meine Blicke rasten über die Wörter, ohne sie aufzunehmen, während mein Kopf ein Horrorszenario nach dem anderen ersann. Was, wenn ich vom scharfen Klopfen eines Polizeischlagstocks gegen mein Fenster geweckt würde? Was, wenn sie wüssten, dass ich plante, länger hierzubleiben als nur eine oder zwei Nächte? Was, wenn sie es spüren konnten? Was, wenn ich an einem Abschlepphaken hängend aufwachen würde, während meine Kisten langsam auf mich zurutschten und meine Hilfeschreie unter Hunderten von Büchern begraben würden?

Ich hatte mir nie viel Gedanken über Obdachlosigkeit oder Obdachlose gemacht. Sicher, es gab den einen oder anderen Landstreicher auf der Straße, der auf dem Bürgersteig vor einem 7-Eleven herumlungerte und um Kleingeld bettelte, zerlumpt, vielleicht mit einer abgetragenen Skimütze auf dem Kopf, vielleicht mit ein paar fehlenden Vorderzähnen, mit zotteligen Haaren und einem runzeligen Gesicht.

„Schau ihnen auf keinen Fall in die Augen“, hatte meine Mutter immer gesagt und mich eng an ihre Seite gedrückt. Sie gab sich nicht einmal Mühe, leise zu sprechen oder gar zu flüstern. Sie sprach über sie, als wenn diese Menschen sie nicht hören oder verstehen würden oder als wenn sie keine Gefühle hätten, die man verletzen könnte. Ich habe nie wirklich daran gedacht, das infrage zu stellen. Es war nur ein weiteres Klischee, das mir von klein auf immer wieder vorgekaut worden war.

„Das sind alles Faulpelze. Zu faul, um sich Arbeit zu suchen. Sieh sie nicht an, sprich nicht mit ihnen und gib ihnen nichts. Die Hälfte von ihnen ist gar nicht wirklich obdachlos, weißt du. Sie tun nur so, um Geld zu verdienen, ohne ernsthaft arbeiten zu müssen.“

Ich hatte nie darüber nachgedacht, wie die Obdachlosen auf der Straße gelandet waren. Ich hatte nicht einmal daran gedacht zu fragen, warum ein fauler Mensch freiwillig so ein Leben wählen würde. Dabei schien es mir ein ziemlich hartes, beängstigendes, unsicheres Leben zu sein. Also die letzte Art von Leben, die man sich aus Bequemlichkeit aussuchen würde.

Im Rückblick schämte ich mich für mich. Auf gewisse Weise war das hier meine Wiedergutmachung, meine Buße dafür, dass ich all die Jahre so selbstgerecht gewesen war. Geschieht mir ganz recht, schoss es mir unbändig durch den Kopf.

Es war Donnerstag, der 26. Februar 2009. Ich war obdachlos.

Aber es reicht nicht, wenn ich Ihnen erzähle, dass ich obdachlos bin, oder? Sie wollen wissen, wer zum Teufel ich bin und was genau dazu geführt hat.

1. KAPITEL

Ich versuche zu entscheiden, ob es fair ist oder nicht, wenn ich sage, dass der Wahnsinn in meinen Genen liegt.

Ganz sicher ist es eine Aussage, an der einige meiner Familienmitglieder, sagen wir, Anstoß nehmen würden. Aber ich weiß nicht, ob es aus Sicht eines Fremden auch so weit hergeholt erscheint. Wohlgemerkt, ich spreche nicht über die niedliche, anbetungswürdig dysfunktionale Sorte von verrückt. So wie die bei der Familie in Mondsüchtig, die sich ständig wild gestikulierend anschreit, worauf dann eine Versöhnung mit dicken Umarmungen und Küssen und großen Festessen folgt. Die großherzige Art des Verrücktseins.

Nein, so ist meine Familie nicht. Unsere Verrücktheit ist mehr der total abgefuckte, irrsinnige Wahnsinn.

Wie Sie sich vorstellen können, reicht das aus, um einem Mädchen gehörig den Kopf zu verwirren. Da ist ständig diese unterschwellige Paranoia – die Frage, ob ich auf wundersame Weise der Backform unserer Familie entkommen und damit dem Fluch entronnen bin oder ob der Wahnsinn knapp unter der Oberfläche begraben liegt und dort vor sich hin dämmert und nur darauf wartet, endlich ausbrechen zu können.

Ich bin als Zeugin Jehovas in vierter Generation geboren worden. In der Sache gab es also keine große Wahl. Aufseiten meiner Mutter reicht das Erbe der Zeugen Jehovas bis zu meinen Urgroßeltern zurück. Polnische Emigranten in Kanada, die sich in den frühen Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts in einem Bus getroffen haben, feststellten, dass jeder dachte, der andere sähe sehr fesch aus, und eine Woche später heirateten. Mary und TaTa Mazur konvertierten später zu den „Freien Bibelforschern“, die 1931 in die „Zeugen Jehovas“ umbenannt worden waren. Sie bekamen neun Kinder, die sie gemeinsam durch die Große Depression brachten. Eines davon war meine Großmutter, Iris, die Jüngste und das schwarze Schaf der Familie.

Der Mazur-Clan erzählte später gerne, wie die Zeugen Jehovas während beider Weltkriege verfolgt worden waren und in Kanada von 1940 bis 1943 sogar verboten wurden. Daraufhin organisierten die Mitglieder einen aus dem Untergrund operierenden Widerstand. Meine Großmutter erzählte oft liebevoll die Geschichte, wie ihr Vater verhaftet worden war, weil man ihn dabei ertappt hatte, Flugblätter der Zeugen Jehovas zu verteilen. Kurz darauf war er allerdings als erster bekannter Gläubiger aus dem Gefängnis geworfen worden, weil er aus voller Kehle (und unglaublich schief) religiöse Hymnen auf Polnisch gesungen und damit Gefängnisaufseher und Insassen in gleichem Maße gegen sich aufgebracht hatte.

Ich weiß, ich weiß, das klingt alles sehr charmant und erfreut das Herz, nicht wahr? Glauben Sie mir, wo diese Geschichte herkommt, gibt es noch viele weitere. Die Zeugen Jehovas reiten auf dem Märtyrerkomplex herum, seitdem sie glauben, dass die Bibel den Mitgliedern der Einen Wahren Religion prophezeit, sie würden unter steter Verfolgung leiden müssen. Aus diesem Grund habe ich jede Variante der Geschichte gehört, in der ein unterdrückter Zeuge Jehovas seinem Peiniger eins auswischt.

Aber.

Meine Urgroßeltern behaupteten auch, zu „Den Gesalbten“ zu gehören. In der Sprache der Zeugen Jehovas bedeutet das, sie glaubten, Jehova selber habe zu ihnen gesprochen und ihnen eröffnet, dass sie zu den 144.000 Auserwählten gehören, die in den Himmel aufsteigen und an Seiner Seite als Könige regieren dürfen, sobald Er die Neue Ordnung der Dinge in die Welt gebracht hätte. Diese Neue Ordnung, so glauben die Zeugen Jehovas, beinhaltet die brutale Zerstörung eines jeden Nichtgläubigen in einem blutigen, apokalyptischen Armageddon und die darauf folgende Errichtung eines irdischen Paradieses, das nur von – Sie ahnen es – dem Rest der Zeugen Jehovas bewohnt wird, die nicht dazu auserwählt wurden, als Könige im Himmel zu regieren. Diese Geschichte erzählen sie einem nicht an der Haustür, oder?

Also. Zwei Ahnen, die Stimmen hörten und Wahnvorstellungen von königlicher Erhabenheit hatten. Abgehakt.

Meine Großmutter Iris hatte ein paar wilde Jahre in ihrer Jugend, zog Cain auf und lebte eine Art Doppelleben, das den meisten Zeugen nicht gefallen hätte, und doch bleibt sie bis zum heutigen Tag dieser Religion treu. Sie besucht den Königreichsaal (die Zeugen Jehovas nennen ihre Versammlungsorte nicht Kirche; Kirchen sind für sie „Heidnisch“ und von „Falscher Religion“) in Kalifornien, wohin sie damals mit meinem Großvater Jeremiah gezogen war, um ein gemeinsames Leben aufzubauen. Sie sind inzwischen geschieden, aber er ist auch ein Zeuge Jehovas und lebt mit seiner zweiten Frau ein relativ gutes, bescheidenes Leben in Alabama.

Iris Wallingford, geborene Mazur, trug die Fackel des Wahnsinns weiter und verbreitete ihn (und entschuldigen Sie das Wortspiel) in biblischem Ausmaß. Nach dem, was man sich erzählte, hat sie ihre drei Töchter körperlich, seelisch und emotional missbraucht. Legendäre Geschichten, wie sie den Staubsauger durch die Luft schwang und auf die Köpfe ihrer Kinder niedersausen ließ und sie so an den Haaren durch den Flur zog, bis es büschelweise ausfiel, oder ihnen Bleistiftminen in die Knie drückte, wenn sie während der zweistündigen Versammlungen im Königreichsaal auf ihren Sitzen hin und her rutschten, waren Teil meiner Kindheit. Das alles habe ich mir aus den mit flüsternder Stimme vorgetragenen Fabeln und Märchen zusammengereimt, die ich von verschiedenen Quellen und Familienmitgliedern erzählt bekam. Aber glaube ich, dass ein Funken Wahrheit darin enthalten ist? Oh ja. Allen drei Mädchen war es beschieden, in jungen Jahren von zu Hause fortzulaufen. Erst verschwand Louisa, die Älteste, nach Hawaii. Gefolgt von meiner Mutter, Linda, als sie gerade einmal sechzehn Jahre alt war. Mom verließ die Highschool, nahm ihr Abschlusszeugnis und lebte ein Jahr oder so mit Louisa (die inzwischen in die Drogenszene abgerutscht war) auf Oahu, bevor sie nach Kalifornien zurückkehrte. Charisse, die Jüngste, traf es vermutlich am schlimmsten – sie litt unter einer schweren, lebenslangen Form der Alopezie, was dafür sorgte, dass ihr die Haare ausfielen und sie sowohl in der Schule als auch zu Hause extrem gehänselt wurde. Nachdem sie ausgezogen war, suchte sie Trost in den Armen von Männern. Sie flatterte von einem zum anderen und schaffte es dank ihrer zwanghaften Untreue, zwei Ehen mit netten, liebevollen (und nicht zu den Zeugen Jehovas gehörenden) Männern zu versenken. In dem Moment, wo ich das hier schreibe, sitzt sie in Illinois eine zwölfjährige Gefängnisstrafe wegen Totschlags ab. Sie war zum dritten Mal dabei erwischt worden, betrunken Auto zu fahren, und hatte dabei jemanden überfahren. Ich habe sie seit Jahren nicht gesehen, aber was ich so von anderen Familienmitgliedern höre, hatte sie außerdem schon seit längerer Zeit Probleme mit illegalen Drogen und war mindestens zwei Mal aus der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas ausgeschlossen oder exkommuniziert worden. Um ihre beiden Kinder kümmert sich ihr Exmann. Da er kein Zeuge Jehovas ist, hege ich die Hoffnung, dass sie trotz allem ein einigermaßen normales Leben führen.

Meine Großmutter verbringt inzwischen die meiste Zeit zu Hause in ihrem Schaukelstuhl vor dem Fernseher. Einst eine schlanke, entzückende junge Frau mit Schalk in den Augen, die Männer anzog wie das Licht die Motten, ist sie inzwischen aufgequollen wie ein Hefekloß und braucht ihren Rollator, um von hier nach da zu kommen. Ihr Haus sieht aus wie aus der Dokumentation Grey Gardens aus den 70er-Jahren – über Jahrzehnte gesammelter Müll und Krempel stapeln sich bis zur Decke, dazwischen lediglich schmale Wege, die von einem Raum in den anderen führen. Ich bin mir ziemlich sicher, dort schon McDonald’s-Verpackungen aus den 60er-Jahren gesehen zu haben. Sie glauben, ich mache Witze? In Iris Wallingfords krudem Geist ist jedes Stück Müll ein Schatz oder eine Erinnerung, die sie in ihrem Elsternest hortet. In der Vergangenheit habe ich versucht, Zeit mit meiner Grandma zu verbringen, konnte sie aber nur in kleinen Dosen ertragen. Sie lebt fast vollständig in der Vergangenheit und erzählt nur zu gerne mit kreischender Stimme von eingebildeten Kränkungen und Groll der vergangenen siebzig und mehr Jahre. Vieles davon bezieht sich auf ihre eigenen Brüder und Schwestern, von denen bis auf einer alle bereits verstorben sind – doch der Respekt vor den Toten bedeutet ihr nichts. Sie und meine Mutter hassen sich leidenschaftlich. Obwohl sie der gleichen Gemeinde angehören, sprechen sie nicht miteinander. Sie haben aber beide immer ein umfangreiches Arsenal an schnippischen Bemerkungen zur Hand, die sie der jeweils anderen aus dem Stegreif entgegenschleudern. Trotz Iris’ außergewöhnlicher Missachtung ihrer eigenen Gesundheit, die eigentlich für den schlimmsten Herzinfarkt der Geschichte sorgen müsste, scherzt meine Mutter oft grimmig, dass sie uns noch alle überleben wird.

Ich erzähle all diese Geschichten, weil ich es für wichtig halte, vorab klarzustellen, dass ich verstehe oder zumindest versuche zu verstehen, wieso meine Mutter so ist, wie sie ist. Einen großen Teil ihres Lebens war sie tatsächlich ein Opfer – Sektenindoktrination vom ersten Lebenstag an, dazu der unaufhörliche Missbrauch durch eine 350 Pfund schwere Irre, das ist der direkte Weg in die Katastrophe. Bis heute weiß ich nicht genau, ob die seelische Instabilität meiner Mutter auf die Natur oder auf die Erziehung zurückzuführen ist, aber ich habe so meine Vermutung, dass beide Facetten einander nicht gerade geholfen haben.

Nach ihrem wenig erfolgreichen Ausflug nach Hawaii, von dem sie in so jungen Jahren pleite und desillusioniert zurückkehrte, erduldete meine Mutter eine weitere kurze Periode häuslichen Missbrauchs bei Iris zu Hause. Mit achtzehn war sie nach Ansicht der Zeugen Jehovas schon eine alte Jungfer, obwohl sie jung, hübsch und temperamentvoll war – sie war zum Beispiel sehr beliebt in der Schule, wo sie gerne den Klassenclown gab, vermutlich als Kontrapunkt zu ihrem dunklen Leben zu Hause, dessen sie sich so sehr schämte. Schlussendlich entkam sie (dachte sie zumindest), indem sie mit neunzehn den erstbesten Mann heiratete und sofort mit mir schwanger wurde.

Bob Neville. Bob war nicht die Kurzform von Robert. Er hieß einfach nur Bob. Ein linkischer, vogelscheuchenartiger Junge, nur ein Jahr älter als meine Mutter, dem man eine gewisse Ähnlichkeit mit Peter Pan nachsagte. Er sah definitiv nicht wie ein Monster aus.

Mom begegnete ihm in der Mopedwerkstatt, nachdem sie einen unglücklichen Unfall mit dem Nachbarn gehabt hatte. Der war rückwärts aus seiner Ausfahrt herausgefahren und hatte sie nicht auf ihrem Roller die Straße hinaufkommen sehen. Später zeigte sie mir die Hecke, die dem Nachbarn die Sicht genommen hatte: „Wenn es die Hecke nicht gegeben hätte, wärst du nie geboren worden!“ Irgendwann allerdings fing sie an, die Existenz der verdammten Hecke zu bereuen.

Zeugen Jehovas gehen nicht mit Nicht-Zeugen Jehovas aus – und heiraten sie schon gar nicht. Für sie ist das, wie einen lebenden Toten zu heiraten. Wo liegt der Sinn, sich in jemanden zu verlieben, den der große und mächtige Jehova am Jüngsten Tag durch einen flammenden Meteoriten grillen wird? Mitglieder können privat gerügt, öffentlich getadelt, diszipliniert oder gar aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und verstoßen werden, wenn sie eine Beziehung mit einem Nichtgläubigen eingehen. Folglich akzeptierte Bob ein „Bibelstudium“ mit meiner Mutter, das seine Konvertierung zum Ziel hatte, und dann heirateten sie schnell und heimlich. Ich wurde am 6. März 1985 geboren.

Bob entpuppte sich als der klassische Mann, der seine Frau schlägt. Was sein nettes, jugendliches Aussehen somit Lügen strafte. Meine Mutter behauptet, dass er sie eine Woche nach der Hochzeit mitten in der Nacht aufgeweckt hat, sie beschuldigte, ihn zu betrügen, sie ins Auto zerrte und schweigend mit ihr in die Wüste fuhr, wo er nur so lange anhielt, wie es brauchte, die Tür zu öffnen und sie, die nur T-Shirt und Unterhose trug, in den Sand zu stoßen. Dann fuhr er nach Hause und legte sich wieder schlafen, während sie so lange lief, bis ihre Füße bluteten. Gegen Morgengrauen wurde sie schließlich von einem besorgten Autofahrer und dessen Frau aufgelesen und mitgenommen.

Andere Geschichten drehten sich um die Zeit, als Bob meine Mutter so brutal gegen eine Wand stieß, dass sich Lindas Kontur danach perfekt als Loch darin abzeichnete. Oder als er während eines Streits ein paar schwere, steinerne Untersetzer vom Couchtisch nahm und anfing, sie gegen seine Stirn zu schlagen, bis das Blut floss und auf die Möbel spritzte. Währenddessen schrie er sie die ganze Zeit an, als wolle er sie mit einem unabänderlichen Fluch belegen.

„Sieh nur, wie sehr ich dich liebe! Ich verletze mich für dich sogar selbst. Sieh nur, was ich mir deinetwegen antue! Schau dir an, zu was du mich treibst!“

Ich tue dir weh, weil ich dich liebe. Natürlich. Das war sein ständiger Spruch. Definitiv nicht die originellste Zeile, die je von einem schlagenden Ehemann ersonnen wurde. Interessanterweise sollte sich das als wiederkehrendes Thema in meinem eigenen Leben herausstellen – wie ein hartnäckiger, ständig in der Luft liegender Gestank, den man nicht wegbekommt, egal, wie sehr man schrubbt.

Wenige Monate nach meiner Geburt wurde meine Mutter wieder schwanger. Molly kam am 7. Mai 1986 zur Welt. Sie hatte einen angeborenen Herzfehler, der sofort operiert werden musste, was die Älteren der Gemeinschaft in helle Aufregung versetzte. Zu der Zeit waren erst an sehr wenigen Säuglingen minimalinvasive Herzoperationen durchgeführt worden, und die Zeugen Jehovas nehmen das archaische Bibelgebot „Sich vom Blut zu enthalten“ (Apostelgeschichte 15:29) sehr wörtlich: Blutpudding ist nicht das einzige No-Go! Das Gebot wurde früher fälschlicherweise auf Organtransplantationen angewandt, die jahrelang als Form des Kannibalismus galten. Das „Neue Licht“ von Jehova jedoch enthüllte den alten Männern im Chefsessel in Brooklyn, also dem Dachverband der Zeugen Jehovas, dass – huch – Organtransplantationen (und später Übertragungen von Blutplasma, wenn auch nicht von Blut selber) doch in Ordnung gingen. Sorry, Leute, wegen der ganzen gläubigen Zeugen, die unter dem „Alten Licht“ gestorben sind (oder ihre Kinder hatten sterben lassen). Gehen Sie bitte weiter, es gibt hier nichts zu sehen.

Zum Zeitpunkt der Geburt meiner Schwester waren jedoch selbst medizinische Behandlungen, die Teile des Blutes verwendeten, wie Plasma, Eiweiß, Immunoglobulin und so weiter, für Zeugen Jehovas nicht erlaubt. (Sie wurden für die Zeugen Jehovas erst im Jahr 1989 „Bewusste Materie“; zu dem Zeitpunkt war Molly drei Jahre alt.) Meine Mom, beinahe selber noch ein Kind, wurde von den Älteren bedrängt, die mit irgendwelchen Handlungsvollmachten vor ihrer Nase herumwedelten. Das Krankenhaus, in dem Molly geboren worden war, bestand darauf, dass sie eine Bluttransfusion benötigte, und verkündete, dass sie bereit wären, dafür sogar vor Gericht zu ziehen, um eine entsprechende gerichtliche Anordnung zu erwirken. Der Zirkus erreichte seinen Höhepunkt, als meine Mutter meine kleine Schwester heimlich aus dem örtlichen Krankenhaus holte und sie nach Texas brachte, wo Dr. Denton Cooley, der bekannteste „Blut-freie Mediziner“ der Welt (und zu der Zeit einer von nur zwei Ärzten in den Vereinigten Staaten, der diese Operation an Kindern durchführte) Molly den beiden Operationen unterzog, die ihr Leben retteten und von denen sie zwei Narben zurückbehielt: Eine dicke, unförmige, die vom Brustbein bis zum Bauchnabel reichte, und eine dünne, halbmondförmige unter ihrer Brust in der Nähe der Achselhöhle. Auch wenn ich nur ein Jahr älter war, erinnere ich mich noch genau an den Anblick meiner zerbrechlichen, ausgezehrten Schwester, die weinend in einer Krankenhauswiege lag, umgeben von Schläuchen und Kuscheltieren, die meine Mutter für sie gekauft hatte. Ihr Bettchen und die Apparate waren alle mit großen Aufklebern beklebt, auf denen stand: „Zeugen Jehovas – Kein Blut!“ Mollys Genesung und ihre Erfolgsgeschichte wurden von den Zeugen Jehovas überall verkündet und als Triumph Jehovas über Satan gefeiert. Sie waren der Beweis, dass ihre Religion schließlich doch die beste war.

Mom versuchte, ihrer gewalttätigen Ehe zu entfliehen, doch die Ältesten wollten davon nichts wissen. Trotz der bösen Prellungen und Beulen, die sie von Kopf bis Fuß bedeckten, und trotz so „unschöner Vorfälle“ wie dem, dass Bob (vor Dutzenden Zeugen) auf dem Parkplatz des Königreichsaals auf die Motorhaube des Wagens sprang, um meine Mutter mit ihren auf dem Rücksitz weinenden Kindern an der Flucht zu hindern, wiesen sie sie an: „Warte auf Jehova, sei eine bessere Frau, und vielleicht wird dann alles gut.“ Scheidung ist den Zeugen Jehovas schriftgemäß verboten, es sei denn bei Ehebruch. Sogar misshandelten Ehepartnern wird geraten, in ihren schlechten Ehen zu verbleiben und ihrem Misshandler „ein gutes Beispiel zu geben, auf dass er vielleicht ohne Worte bekehrt werden kann“. (Will heißen: Wenn du wirklich, wirklich nett zu ihm bist, fällt ihm vielleicht auf, was für ein Blödmann er war, und es tut ihm leid und er bereut. Selbst wenn das ein Jahrzehnt oder auch drei dauern sollte.)

Sie sagten auch, wenn er sie tötet – was er oft genug androhte und wovor sie sich fürchtete –, würde sie ins Paradies kommen. Gott würde schon alles richten. Nur eben nicht gleich jetzt und hier.

Trotz des Zorns der Ältesten reichte meine Mutter die Scheidung ein, als ich zwei Jahre alt war. Das war mitten in dem Debakel um Mollys Operationen. Die Glaubensgemeinschaft warnte sie: Auch wenn sie nun legal frei wäre, gelte sie nach dem Gesetz der Zeugen Jehovas immer noch als verheiratet. Es war ihr nicht erlaubt, sich mit einem anderen Mann zu verabreden oder ihn gar zu heiraten, bevor Bob sich mit einer anderen Frau einließ und seine Untreue eingestand. Da er aber immer noch besessen von ihr war, weigerte er sich als besonders sadistische Form der Folter eine lange Zeit stur, ihr einen Grund für eine nach der Schrift der Zeugen Jehovas rechtmäßige Scheidung zu liefern.

In der Zwischenzeit sprachen die Gerichte Bob, der mittlerweile in die Garage seiner Mutter gezogen war, ein Besuchsrecht an den Wochenenden zu. Ich und manchmal auch Molly – wenn sie nicht gerade im Krankenhaus war – besuchten ihn ein Jahr lang ab und zu (falls er denn tatsächlich mal auftauchte, um uns abzuholen). Man kann wohl sagen, dass ich während dieser Zeit das Objekt der Begierde meines Vaters war, sein Augapfel. Ohne Vorankündigung entwickelte mein Vater Gefallen an dem wohl Schlimmsten, Abscheulichsten, was ein Mann nur tun kann. Er übte an mir die Art Fummelei und sexuelle Aktivität aus, die normalerweise für ungelenke Sechszehnjährige auf dem Rücksitz eines Autos reserviert waren. Nur dass ich erst zwei Jahre alt und von all dem sehr verwirrt war. Ich wusste nur eines: Wenn ich das Spielzeug aus meiner Happy-Meal-Tüte wollte, musste ich ein gutes Mädchen sein und Daddys Schwanz küssen und ihn seine Finger (und eines denkwürdigen Tages auch einen gelb und rot gestreiften McDonald’s-Strohhalm) in mich reinstecken lassen, ohne zu weinen. Dabei zeigte er mir, was für tolle Tricks er konnte, zum Beispiel dickflüssiges, weißes, glitschiges Zeug pinkeln anstatt des normalen gelben Pipis. Mit einem Gefühl, das irgendetwas nicht richtig war, schlief ich dann meistens ein und fragte mich, ob das blaue Plastikkamel mit den faltigen Knien aus den Tiefen der Papiertüte das alles wirklich wert war. Das war jedoch unser ganz besonderes Geheimnis, und ich durfte es nicht Mommy erzählen, sonst würde Daddy etwas ganz Schlimmes passieren. Und das wollte ich doch nicht, oder? Natürlich nicht. Durch all die Aufmerksamkeit, die Molly seit ihrer Geburt zuteilwurde, fühlte ich mich oft einsam. Ich hatte niemanden zum Spielen. Wenigstens verbrachte so jemand etwas Zeit mit mir. Ich nahm es als Beweis, dass Daddy mich wirklich liebte, auch wenn er Mommy gegenüber viele Fehler gemacht hatte, als sie noch verheiratet gewesen waren.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich kichernd auf den Gartenschlauch gezeigt habe, mit dem meine Mutter gerade die Pflanzen in unserem Vorgarten goss.

„Das sieht aus, als hältst du Daddys Penis in der Hand!“

Ein Schatten fiel über ihr Gesicht, und sie warnte mich mit erhobenem Zeigefinger. „Es ist nicht nett, so etwas zu sagen! Und es ist auch nicht lustig. Wir benutzen solche Wörter nicht in der Öffentlichkeit.“

Oops. Ich wusste sofort, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Beinahe hätte ich Daddy und mein besonderes Geheimnis verraten. Ich hätte fast sehr schlimme Sachen heraufbeschworen. Ich schwor mir, in Zukunft meinen Mund zu halten, damit so etwas nicht noch einmal passierte. Ein paar Tage später setzte sich meine Mutter mit mir hin und erklärte mir die Geschlechtsteile und die richtigen Namen dafür. Sie betonte, dass ich niemals jemandem erlauben dürfte, mich dort unten zu berühren, und dass ich ihr sofort Bescheid sagen müsste, sollte es doch jemand tun. Ich nickte ernsthaft und schenkte ihr dann mein pausbäckiges Lächeln. Niemand würde mich überlisten, Daddys und mein Geheimnis zu verraten, auch sie nicht.

Eines Tages fand Bob eine Freundin. Charlie war ungefähr so alt wie meine Mutter und auch ein ähnlicher Typ: braunes Haar, unschuldig, große Augen und naiv. Meine Mom war überglücklich – jetzt war sie auch gemäß der Schrift frei und nahm richtigerweise an, dass nun Charlie ihren Platz als Objekt von Bobs Besessenheit einnähme, womit er sich langsam aus unserem Leben entfernen würde. Charlie war eine freundliche, warmherzige Person, und sie betete Molly und mich förmlich an. Ich mochte sie so sehr, dass es mir nicht einmal etwas ausmachte, als sie sich zusammen eine Wohnung suchten und sie nachts meinen Platz in Daddys Bett einnahm. Auch störte es mich nicht, dass seine Aufmerksamkeit mir gegenüber schnell nachließ. Sie machte so schöne Sachen, wie uns Geschichten vorzulesen oder Sandwiches zuzubereiten, wenn wir zu Besuch kamen. Bob war jetzt zu beschäftigt, um mit uns zu spielen. Die Abstände zwischen den Besuchen wurden immer größer, bis er eines Tages gar nicht mehr auftauchte, ohne dass es mir wirklich aufgefallen wäre oder ich es verstanden hätte.

Als ich sechs war, heiratete meine Mutter Joseph Karp aus einer Nachbargemeinde. Joe war das genaue Gegenteil von Bob. Er war das menschliche Gegenstück zu Kermit, dem Frosch: harmlos, unterhaltsam, irgendwie gedankenverloren, von gemäßigter Natur, auf nette Art leicht tollpatschig und zudem eine rothaarige, siebenundzwanzigjährige Jungfrau. Sein Tag war endlich gekommen. Sogar als alleinerziehende Mutter mit einer rauen Vergangenheit und zwei jungen Kindern war Linda Simpson immer noch eine wunderschöne Frau.

Nach einem Jahr vorsichtigen Umwerbens – eine ziemlich übertrieben lange Zeit für die Maßstäbe der Zeugen Jehovas – pfiff meine Mutter auf die Tradition. Anstatt still und bescheiden im Königreichsaal zu heiraten, entschied sie sich, die Trauungszeremonie im Rosengarten von Anaheim abzuhalten. Das rief natürlich hühnerartiges Gegacker und Geklatsche von den Frauen der Ältesten hervor. Die Hochzeit war das Ereignis des Jahrzehnts im Zeugen-Jehovas-Land. Dreihundert Gäste. Molly und ich als Blumenmädchen in pfirsichfarbenen Kleidern aus Samt und Tüll und mit ins Haar geflochtenem Schleierkraut. Ohs und Ahs ertönten, als wir Hand in Hand mit unseren kleinen Weidenkörbchen voller pfirsichfarbener Rosenblätter den langen Gang zum Altar hinuntergingen. Hinter uns kam meine Mutter. Sie trug ein mit Pailletten besticktes, weißes Kleid im Meerjungfrauenstil und dazu lockig aufgesteckte Haare. Ich war ganz aufgeregt, einen neuen Daddy zu haben. Anfangs war ich etwas nervös gewesen. Ich hatte gehofft, dieser Daddy würde nicht irgendwelche peinlichen und schmerzhaften nächtlichen Aktionen verlangen, aber die Aufregung war umsonst gewesen. Joe machte nur nette Sachen, wie mich Huckepack zu nehmen und in wilden Bocksprüngen über den leuchtend orangefarbenen Teppich zu Hause zu springen. Oder mich zu kitzeln, bis ich vor Lachen schrie.

Er brachte mir auch bei, Schach zu spielen. Ich dachte, er würde einen guten Daddy abgeben.

Es war wohl absehbar und trotzdem traurig, dass ihre Ehe unter keinem guten Stern stand, auch wenn sie nicht von Anfang an dem Untergang geweiht war.

Zum einen war Joe ein wenig wischiwaschi, was die Ausübung dessen anging, was die Zeugen Jehovas „Führung“ nennen. In anderen Worten, er war einfach zu nett, um das heißblütige Flittchen, das er seine Frau nannte, an der kurzen Leine zu halten, wie Gott es verlangte. Meine Mutter hingegen schien nicht zu wissen, was sie in einer Beziehung mit einem so leidenschaftslosen Mann tun sollte. Ehetechnisch war sie von einem Extrem ins andere gefallen. Früher hatte sie kämpfen müssen, um ihre Töchter und sich vor einem psychotischen Monster zu schützen. Jetzt hatte sie das Gefühl, sie müsste weiterkämpfen, doch es gab nichts, worüber sich auch nur zu streiten lohnte. Abgesehen davon, dass Joe ein schwaches, sanftmütiges Weichei war. Sie glaubte, was man ihr ein ganzes Leben lang beigebracht hatte: dass sie „Ihrem Ehemann untergeben“ war. Aber sie hatte leider keinen einzigen unterwürfigen Knochen im Leib. So langsam, dass wir gar nicht bemerkten, was passierte, bis es eines Tages ausbrach und unser Leben in Stücke riss, fing meine Mutter an, die Persönlichkeit einer nörgelnden, misshandelnden Hyäne anzunehmen.

Sie führten drei Jahre eine gute Ehe. Bis ich neun wurde, erinnere ich mich an meine Mutter, wie viele andere es tun: die jüngste, hübscheste Mommy von allen Mommys in der Welt. Eine Frau, die Molly und mich erbittert liebte und beschützte. Sogar als das Leben rau war, bevor sie Joe getroffen hatte, und sie uns morgens um vier Uhr halb schlafend auf die Rückbank unseres alten Plymouth Voyager legte, um FedEx-Kisten schrubben zu gehen, damit sie Geld verdiente, um uns ernähren zu können, schaffte sie es, einen Spaß daraus zu machen. Nie erlaubte sie es ihrer Verzweiflung, durchzusickern und das Leben ihrer Töchter zu vergiften. Sie war zwar auch sehr streng, als wir klein waren, aber niemals böse oder ungerecht. Wir fühlten uns von unserer Mommy immer geliebt und angebetet.

Doch das sollte sich ändern.

2. KAPITEL

Es war Mitte Januar 2009 im Brea Jamba Juice. Ich bettelte gerade meinen Exfreund, der mich betrogen hatte, an, mich nicht für seinen C-Star in dem kitschigen Dinnerkrimistück zu verlassen, als ich erfuhr, dass mein biologischer Vater seinem Leben mit einer Remington12 ein Ende gesetzt hatte. Ich war dreiundzwanzig Jahre alt.

In der einen Minute behandele ich mich noch mit einem Drink, als wäre er ein wohldosiertes Narkotikum, mit dem ich mich gegen Dennis’ Worten betäubte, die ich so hassen gelernt hatte: „Ich brauche noch Zeit, um mir über alles klar zu werden.“ (Fragen Sie mich nicht, warum ich dem Arschloch nie einen Granatapfel-Smoothie über den Kopf geschüttet und ihn für immer verlassen habe – ich habe keine Antwort darauf.) In der nächsten Minute klingelt mein BlackBerry, eine Nummer aus Los Angeles, und ich gehe ran, weil ich denke, es ist eine Einladung zu einem Bewerbungsgespräch für einen der Jobs, auf die ich mich in L.A. beworben habe.

„Ms Karp? Mein Name ist Joyce Cato. Ich rufe Sie wegen eines gewissen Bob Jason Neville an“, fing die Frau am anderen Ende der Leitung an. Sie hatte eine nette Stimme, aber ich war sofort auf der Hut. Oh mein Gott, er hat mich ausfindig gemacht. Ich hatte keine Ahnung, wie und warum, aber es war ihm gelungen. Ich wusste es.

In mir tobte die Panik. Ich wollte nichts von dem wieder in meinem Leben haben. Ich hatte die vergangene Woche damit zugebracht, meiner Therapeutin das wenige zu erzählen, an das ich mich von diesem Mann erinnern konnte. Von den Sachen, die er mit mir gemacht hat, was er meiner Mutter angetan hat, und von den Albträumen, die vor einem halben Jahr über mich hereingebrochen waren – eine lange verzögerte Reaktion auf das Trauma, das mich mehrmals die Woche schluchzend aufwachen ließ und mich so in Angst und Schrecken versetzte, dass ich nicht wieder einschlafen konnte. Das alles machte mich unglaublich nervös und zerstörte meine einst so angenehme Beziehung mit Dennis, der mit dieser Art von Belastungen nicht umgehen konnte. Er entschied unverzüglich, dass es am besten wäre, eine Beziehung mit irgendeiner Schauspielerin einzugehen (ohne vorher wirklich mit mir Schluss zu machen). Mysti hieß sie, glaube ich. Ich hatte keine Ahnung, wie sie aussah, aber in meiner Vorstellung war sie eine nuttige Blondine mit Extensions, einem Pferdegesicht, falschen Brüsten und dem für Südkalifornien typischen dunklen Teint.

Ich fand das mit Mysti zwei Tage vor Weihnachten heraus. Auf irgendeiner Ebene meines Unterbewusstseins wusste ich es, doch als ich ihn fragte: „Wer ist sie?“, betete ich, dass Dennis sagen würde, er hätte nicht den Hauch einer Ahnung, wovon ich spreche. Stattdessen sah er ertappt drein und leugnete nichts. Später erzählte er mir, er habe bemerkt, dass seiner Reaktion eine viel zu lange Pause vorausgegangen wäre, um mir noch glaubhaft eine Lüge erzählen zu können. Ich warf ihm sein Weihnachtsgeschenk an den Kopf. Unglücklicherweise war es nur ein Umschlag mit zwei Karten für einen Fallschirmsprung (er wollte unbedingt mal aus einem Flugzeug springen, und ich, die schon vor mir sah, wie ich einer schreienden Grapefruit gleich herauspurzeln würde, nur um auf den Lake Elsinor Hills zu zerschellen, hatte mich irgendwie selbst dazu überredet, mitzumachen). Der Umschlag war unschuldig zu Boden geflattert, und mein Leben war offiziell zusammengebrochen.

Joyce Catos Stimme war erwartungsvoll verebbt, was mich dazu brachte, meine durcheinandertobenden Gedanken einzusammeln und mich wieder auf die vorliegende Situation zu konzentrieren. Allerdings schluckte ich den Köder nicht. Ich blieb ganz neutral.

„… Ja?“

„Sind Sie die Tochter von Bob Jason Neville?“ Tja, schöner Scheiß. Um die Antwort kam ich nicht herum.

„Ich, äh, ja, irgendwie. Ich habe ihn seit Jahren nicht gesehen. Ungefähr seit zweiundzwanzig Jahren. Ich habe nicht … ich meine … meine Mutter hat wieder geheiratet. Ich habe nichts mehr mit ihm zu tun. Deshalb heiße ich jetzt auch Karp und nicht Neville.“

Wenn sie eine Privatdetektivin war, die er angeheuert hatte, um mich aufzuspüren, damit er wieder Teil meines Lebens werden könnte, wollte ich ihr gleich klarmachen, wie ich dazu stand. Vielleicht würde sie dann auflegen und mich in Ruhe lassen. Doch jetzt kam der Moment, in dem sie mich darüber informierte, dass sie im Auftrag des Gerichtsmedizinischen Instituts von Los Angeles anrief und Bob tot war und es ihr leidtäte.

Leidtun? Ich war nicht sicher, wie sich das anfühlt. Ich saß mit meinem Ex auf der Terrasse des Jamba Juice, zu unserer Rechten rauchte ein Mann, und, ach ja, die eine Hälfte meiner DNA war tot. Für immer. Würde nie zurückkehren. Gewisse Fragen konnten nie mehr gestellt, bestimmte Geheimnisse nie mehr gelüftet werden. Einige Türen waren für immer verschlossen. Machte es mir etwas aus? Tat es mir leid? Ich weiß es nicht. Irgendwie seltsam abwesend fragte ich mich, ob ich in Joyce Catos Ohren wohl gefühllos klang, als ich fragte: „War es eine Überdosis?“

Dennis, der mir gegenübersaß, schaute plötzlich auf. Sorge schimmerte in seinen dunklen Augen. Der vollkommene Schauspieler. Ich schwieg und hörte der blechernen Stimme zu, die durch den Hörer klang. Dann wiederholte ich: „Selbstmord. Jagdgewehr. Hm-mh. Gut, okay. Ich schätze, das verstehe ich. Ich meine, das ergibt vollkommen Sinn. Nach allem, was ich von ihm weiß, ist das durchaus etwas, das er tun würde.“ Meine Stimme war flach, sachlich und doch beinahe auch ein bisschen fröhlich. Ich war so kühl, als würde ich ein Bewerbungsgespräch führen. Wenn überhaupt, würde der sorgfältige Beobachter höchstens bemerken, dass ich ein kleines bisschen zu ungerührt wirkte. Zu gesammelt und ernst, sogar ein wenig gefühllos.

„Sie sind die nächste Angehörige“, fuhr Joyce Cato fort. „Seine Mutter Jesse und seine Schwester Carol sind vor zwei Wochen informiert worden, als er gefunden wurde. Jesse sagte uns, dass es vier Kinder und zwei Exfrauen gibt. Es war relativ leicht, die andere Frau und ihre Kinder zu finden, da sie noch seinen Nachnamen tragen, aber Sie und Ihre Schwester waren schwerer aufzuspüren. Sie sind die Älteste und somit seine nächste Verwandte. Es gab weder ein Testament noch einen Abschiedsbrief, also müssen Sie in die Gerichtsmedizin kommen, um sich um ein paar Dinge zu kümmern. Zum Beispiel, welche Arrangements Sie für die Beerdigung treffen möchten. Außer natürlich, der zweite Ehemann Ihrer Mutter hat Sie adoptiert. Dann sind Sie nicht länger die nächste Angehörige. Sind Sie adoptiert worden?“

„Nein“, flüsterte ich. „Nie offiziell.“

„Noch einmal, Ihr Verlust tut mir sehr leid, Ms Karp.“

„Ich … wissen Sie, ich kannte ihn nicht. Wir haben nie Kontakt gehabt. Seit über zwanzig Jahren nicht. Danke, dass Sie angerufen habe, aber das ist alles so surreal. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden? Ich glaube, ich muss meine Mutter anrufen und sie darüber informieren. Ich werde Sie zurückrufen und Bescheid geben, wann ich vorbeikomme und mich um alles kümmere.“ Mir kam noch ein Gedanke, und ich fragte die Frau, wann er sich umgebracht hatte. Sie zögerte und sagte dann, dass er erst ein paar Tage später gefunden worden war, man aber anhand der Beweise vom Silvesterabend ausging.

So erfuhr ich, dass ich zwei jüngere Halbschwestern hatte, beide unter achtzehn Jahre, und dass ich die Verantwortung für die ordentliche Einäscherung und Beerdigung der Überreste meines mir entfremdeten, drogenabhängigen Vater hatte. Ich dankte Joyce Cato für ihre Zeit und legte auf. Ohne Vorwarnung brach ich in vollkommen unangemessenes Lachen aus. Dennis’ Augenbrauen schossen in einer schauspielerischen Meisterleistung nach oben.

Ich finde den Tod nicht lustig. Ehrlich gesagt finde ich den Tod sogar richtig Scheiße. Aber zu lachen war schon vor langer Zeit meine Art geworden, mit meinen schlimmsten Erlebnissen umzugehen. Es ist eine Eigenart von vielen (zu vielen, meiner Meinung nach), in denen ich meiner Mutter gleiche. Allerdings gehört sie zu den nützlicheren Charaktereigenschaften, die ich von ihr übernommen habe.

Als Kind habe ich oft geweint, nachdem das Leben in meinem neunten Lebensjahr düster wurde und jedes Fitzelchen Kindheit, das ich hatte, ein für alle Mal verschwand. Im Laufe der Zeit zeigte der Satz „Halt den Mund und hör auf zu heulen, du schniefende kleine Zicke, du machst mich krank“, der meist davon begleitet wurde, dass ich mit einem Regenschirm, Kochlöffel oder Schneidbrett heftig auf den Kopf gehauen wurde, Wirkung und ich legte mir eine dickere Haut zu. Tränen wurden zu verletzendem, sarkastischem Witz. Ich gönnte ihr nicht die Befriedigung, mich weinen zu sehen. Ha. Wie gefalle ich dir jetzt?, waren die Worte, die ich ihr in Gedanken vor die Füße spuckte. Ich sagte sie jedoch nicht laut – das musste ich auch nicht. Das Fehlen von Tränen war nicht nur der Beweise für meine boshafte, aufsässige Haltung, sondern brachte meine Mutter auch so gegen mich auf, dass die Schläge immer brutaler wurden. Lange vorbei waren die Zeiten, in denen sie mich mit dem Holzbrett verhaute, das mit dem Bild eines grasenden Rehkitzes und eines watschelnden Bärenbabys verziert war. „Für das kleine Reh mit dem nackten Hintern.“ Ich hasste dieses Züchtigungsinstrument, erinnerte mich später seiner allerdings mit einer gewissen Nostalgie. Die guten alten Zeiten von einem oder zwei Schlägen auf den Allerwertesten waren vorbei. Die Prügelstrafe wird fortgesetzt, bis eine Verbesserung der Moral eintritt, dachte ich bitter. Erst wenn ich den Tatort verlassen und mich in meinem Zimmer eingesperrt hatte, erlaubte ich mir, mich in ein rotgesichtiges, rotznäsiges Häufchen Elend zu verwandeln.

Zuerst schwieg meine Mutter, als ich sie anrief und ihr erzählte, dass Bob voreilig das Zeitliche gesegnet hatte. Dann bat sie mich, nach Hause zu kommen.

„Ich bin im Moment mit Dennis zusammen. Wir müssen noch ein paar Dinge besprechen, dann komme ich und wir können gemeinsam die Gerichtsmedizinerin anrufen.“ Es war etwas kindisch von mir, aber ich freute mich über den kleinen Seitenhieb. Sie mochte Dennis nicht, und zwar schon bevor er angefangen hatte, es mit einer anderen zu treiben. Ehrlich gesagt mochte sie keinen der Männer, mit denen ich ausging, einfach weil keiner von ihnen Zeuge Jehovas war. Manchmal fragte ich mich, ob sie mir wirklich ihren Segen gäbe, wenn ich mich mit einem Zeugen Jehovas einlassen würde. Irgendwie hatte ich immer das Gefühl, dass es Linda Karp extrem störte, mich glücklich an der Seite eines Mannes zu sehen. Anzuerkennen, dass jemand mich bedingungslos liebt, hätte ja die Einsicht vorausgesetzt, dass ihre eigene unzufriedene Ehe – für die sie die Schuld nur zu oft auf meine schmalen, kindlichen Schultern gelegt hatte – womöglich ihr Fehler war. Stattdessen labte sie sich daran, Untergangsszenarien für jede aktuelle und zukünftige Beziehung vorherzusagen. Ihre regelmäßige Behauptung, dass niemand mich jemals lieben würde, hinterließ tiefe, einschneidende Spuren in meiner Psyche, die ich wohl nie ganz loswerde. Es sind einfach keine Worte, die ein Mensch leicht vergisst.

Was die Männer der Zeugen Jehovas anging, die hätte ich nicht mal für Geld und gute Worte angefasst. Es waren meistens selbstgerechte, leicht arrogante Angsthasen. Jehovas Zeugen befürworten die Ungleichheit der Geschlechter – die Frau hat sich den Entscheidungen ihres Mannes stets zu unterwerfen, mögen sie auch noch so falsch oder ungerecht sein. Aus diesem Grund haben zahllose weibliche Zeugen Jehovas jahrelang stumm jegliche Form des Missbrauchs durch die Hand ihrer Ehemänner erduldet, während die Ältesten der Gemeinde ihnen zusprachen, „Auf Jehova zu warten“, in der Hoffnung, dass der Ungerechtigkeit eines Tages ein Ende gesetzt würde – von Gott, natürlich. Nicht von der Polizei oder einem Sozialarbeiter. Ausgebildete und zertifizierte Experten im Umgang mit häuslicher Gewalt konnten einer Gruppe alter Männer in einem fensterlosen Raum aber mit einem direkten Draht zum Großen J da oben nichts vormachen. Alleine der Gedanke daran, mich einem öden, fundamentalistischen Jungen zu unterwerfen, der Haushaltsvorstand spielte, weckte in mir den Wunsch, mir die Augäpfel herauszureißen und sie wie Weintrauben zu zerstampfen. Zu meinem Glück schienen die fraglichen Jungs meine Bockigkeit zu spüren, denn sie machten einen weiten Bogen um mich und umwarben lieber weniger halsstarrige Mädchen der Gemeinde, was mir nur recht war. Wenn man ein Kind der Zeugen Jehovas ist, denen der Glaube den Sex vor der Ehe verbietet (und nicht in dem üblichen Sinne von „Wir werden sehr traurig und/oder enttäuscht sein, wenn du Sex hast, aber wenn es sein muss, dann benutz wenigstens ein Kondom“, sondern eher wie „Wenn du Sex hast, wirst du exkommuniziert und von deiner Familie und Freunden verstoßen“), dann ist die Auswahl nicht sonderlich groß und Hochzeiten werden schnell gefeiert. Sehr schnell. Die kurze Phase des Werbens ist getrieben von den rasenden Hormonen, und man könnte denken, die anderen Mädchen der Glaubensgemeinschaft wären froh über mein mangelndes Interesse an einem „passenden Ehepartner“, doch sie waren genauso irritiert von mir wie alle anderen. Seit meiner Kindheit hatte ich keine nahe Freundin in der Gemeinde. Bei den vielen wöchentlichen Treffen im örtlichen Königreichsaal war ich eine einsame, frustrierte Insel. Alleine schon das Wort Ehepartner verursachte mir eine Gänsehaut. Das war mir alles zu klinisch, zu leidenschaftslos. Ich wollte Liebe. Und Leidenschaft. Und Sex. Vor allem Sex. Als Frühentwicklerin hatte ich mich regelmäßig der Masturbation gewidmet, was mir durch ein sexloses, von Schuldgefühlen durchsetztes Jahrzehnt half, bis ich schließlich geschlagen (oder triumphierend, je nachdem, wie man es betrachtet) meine Hände hob und mit achtzehn meine Jungfräulichkeit auf dem Silbertablett an einen drängenden, vierundzwanzig Jahre alten und nicht zu den Zeugen Jehovas gehörenden Freund verschenkte. Zufälligerweise war er ein auf arrogante Weise religiöser Angsthase. Ich schätze, alte Gewohnheiten sind schwer abzulegen.

Dennis und ich saßen auf einem kleinen Rasenstück in der Nähe des Parkplatzes vom Jamba Juice. Plötzlich fing er an, mich auszufragen. Er wollte wissen, was mir durch den Kopf ging, wie ich mich fühlte, und dieses Mal interessierte es ihn wirklich. Ich nehme an, es war komisch für ihn, einen so intimen Moment im Leben eines anderen Menschen mitzuerleben, erst recht mit seiner Exfreundin. Wenn ich heute daran zurückdenke, frage ich mich natürlich, ob er diese Szene zur Verwendung in späteren Theaterstücken im Kopf behalten hat, aber damals war ich einfach nur dankbar für die Unterhaltung. Mitleidiger Wicht, der ich war, wünschte ich mir nichts mehr, als ihn an meiner Seite zu haben, egal, wie gut oder schlecht er als Freund und Gefährte auch war. Ich wollte nicht allein sein, sehnte mich mit ruchloser Verzweiflung danach, geliebt zu werden. Von wem, war mir ganz egal. Ich konnte es nicht ertragen, noch etwas zu verlieren, und sei es nur totes Gewicht, das ich schon längst hätte über Bord schmeißen sollen.

Also redete ich. Ich erzählte und spuckte alles aus, was ich in Bezug auf Bobs Tod fühlte. Oder besser gesagt, was ich nicht fühlte. Ich redete über einige der verrückten Dinge, die Bob getan hatte, während er auf Drogen war. Ich erinnerte mich an den Hamster, den Bob mir gekauft hatte und den ich Benjamin nannte. Ich habe ihn immer fröhlich von der oberen Etage unserer Stockbetten auf die Erde fallen lassen und zugesehen, wie er aufschlug und dann zu Tode erschrocken davonlief, während ich kicherte, wie nur eine Zweijährige kichern kann, mir meiner eigenen Grausamkeit überhaupt nicht bewusst. Dann, ermutigt durch meinen eigenen Strom an verbaler Diarrhö, sprach ich über Dennis und darüber, wie sehr er mich verletzt hatte. Ich sprach von dem Schmerz, den mir das Wissen bereitete, dass ein Mann, der allem Anschein nach ehrenwert und sensibel war, mich betrogen hatte. Sein eigener Vater hatte seine Mutter verlassen und war mit einer anderen Frau nach Italien durchgebrannt. Dennis verabscheute Untreue und hatte immer wieder geschworen, dass er mich niemals betrügen könnte – das wäre gegen seine wahre Natur. Ich endete meine Erzählung damit, dass er nicht der Mann war, für den ich ihn gehalten habe, und dass ich diesen Mann vermisste. Zu meiner großen Überraschung stimmte er mir zu.

„Ich bin auch nicht der Mann, für den ich mich gehalten habe.“ Er sagte es mit Bedauern in der Stimme; vielleicht schwangen auch ein Hauch Melancholie und Selbsthass mit. „Bitte glaub mir, dass ich mir die Nächte um die Ohren schlage in dem Versuch, einen Ausweg zu finden. Ich kämpfe selber mit dem, was du heute gesagt hast, und was ich dir angetan habe macht mich in meinen Augen kein bisschen liebenswürdig. Vielleicht müssen wir beide akzeptieren, dass ich kein guter Mensch bin; dass ich ein Arschloch bin, und damit hat’s sich.“

„Aber warum wolltest du ein Arschloch sein? Warum wolltest du dich damit zufriedengeben, weniger zu sein als die beste Version deiner selbst? Ich verstehe das nicht. Es gibt vieles, das ich an mir nicht mag – es ist ein täglicher Kampf gegen meine schlimmsten Triebe. Ich bekämpfe sie aber weiter, weil ich mich nicht mit weniger zufriedengebe, denn ein Mensch zu werden, den ich hasse, würde mich krankmachen. Warum also?“

Er hatte keine Antwort.

Meine Mutter begrüßte mich bereits an der Haustür. „Ich habe Joe wegen Bob angerufen. Er hat Molly informiert. Sie ist in Tränen ausgebrochen, als sie es gehört hat.“

Molly. Molly, Molly, Molly. Blonde, zarte, wunderschöne, eifrig predigende Molly. Meine kleine Schwester ist in Arizona, wo sie an Türen klopft und ihr Möglichstes versucht, um so viele nichts ahnende Trottel wie möglich zu Jehova zu bekehren (bevor der Weltuntergang kommt und brennende Meteoriten vom Himmel stürzen, um die anderen 99 Prozent der menschlichen Rasse auszulöschen). Außerdem stalkt sie einen armen, neunzehnjährigen Jungen ihrer Gemeinschaft, von dem sie in der Sekunde, als sie ihn das erste Mal sah, beschlossen hatte, dass er ihr zukünftiger Ehemann werden soll. Selbst für ein sehr fundamentalistisches Sektenmitglied ist sie manchmal ein wenig verrückt. Mir fiel es schwer, nachzuvollziehen, wie eine Person gleichzeitig so hochintelligent sein konnte wie sie und doch nicht mehr Verstand als ein Sack Steine an den Tag legte. In beinahe jedem ihrer Sätze steckte mindestens ein Schlag- oder Sprichwort aus dem reichen Fundus der Zeugen Jehovas. Verloren gingen dabei ihre eigenen unabhängigen Gedanken und Ideen, ihre Kreativität und ihr Potenzial. All das opferte sie dem Druck, sich anzupassen, dazuzugehören.

Mir fiel es ebenfalls schwer, mir unsere völlig gegensätzlichen Reaktionen auf die gleiche Nachricht vorzustellen. Molly war erst anderthalb, vielleicht zwei Jahre alt gewesen, als sie Bob das letzte Mal gesehen hatte. Auch wenn ich einige nur zu lebhafte Erinnerungen an ihn hatte, war ich nicht sicher, an wie viel sie sich noch erinnern konnte. Andererseits, vielleicht war das genau der Grund, warum sie geweint hatte.

Meine Mutter tat ziemlich ungerührt, aber das leichte Zittern in ihrer Stimme strafte ihre Worte Lügen. Ich wusste, dass sie in ständiger Angst gelebt hatte, er würde eines Tages wieder auftauchen, dieser Mann, der sie mitten in der Nacht nur in T-Shirt und Unterhose in der Wüste ausgesetzt hatte, von wo sie alleine den Weg nach Hause hatte finden müssen. Der Mann, der mich und Molly als Deckung mit auf seine Stippvisiten nach Mexiko nahm und unsere Kindersitze auf dem Rückweg mit Drogen vollstopfte, die er in Kalifornien verkaufen wollte. Der Mann, der meiner Mutter vorschlug, sie solle Molly sterben lassen, als sich herausstellte, dass sie eine Operation am offenen Herzen benötigte, weil er die Arztrechnungen nicht bezahlen konnte. Der Mann, der mich und Mom in die Garage mitnahm, uns eine Waffe an den Kopf hielt und drohte, unser Gehirn über den Plymouth Voyager zu verteilen, bevor er sich selber umbringen würde.

Nun hatte er sich wirklich selber getötet, und ich merkte, dass Mom nicht so richtig wusste, was sie mit der Angst tun sollte, die sie in den letzten zwei Jahrzehnten zu einer wahren Paranoia hochgepäppelt hatte.

„Ich bin nur so froh, dass er niemanden sonst mit sich genommen hat. Das hätte so leicht passieren können“, wiederholte sie wieder und wieder. Ja, ich wusste es.

Am folgenden Morgen hatte ich eine panische Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Sie stammte von einem jungen Mädchen. Auch wenn ich noch immer nichts für Bob empfand, brach sie mir das Herz.

„Äh, hi, hier ist Patricia Neville – Patty – und ich wohne in Texas, und ich denke, du kennst meinen Dad, Bob Neville, ich glaube, dass du vielleicht meine ältere Schwester bist, und ehrlich gesagt suche ich schon seit ein paar Jahren nach dir, und meine Mom hat mir geholfen, aber wir kannten deinen Nachnamen nicht, also haben wir dich nicht gefunden, aber jetzt hat der Gerichtsmediziner dich ausfindig gemacht. Meine Mom ist Charlie, ich glaube, du hast sie gekannt, als du noch sehr klein warst. Sie hat meinen Dad, unseren Dad, geheiratet, und ehrlich gesagt versuche ich nur, so viel wie möglich herauszufinden. Die aus der Gerichtsmedizin sagten, dass du die Sache ab jetzt in der Hand hast, und wenn du mir irgendetwas über meinen Dad erzählen kannst, dann bitte, bitte, bitte ruf mich zurück.“

Dann rasselte sie ihre Telefonnummer herunter.

Beim Sprechen brach ihre Stimme immer wieder mal, und sie tat mir unglaublich leid. Es gab nur wenig, was ich ihr über Bob erzählen konnte, und das, woran ich mich erinnerte, wäre garantiert kein großer Trost für sie. Ich fühlte mich nicht als Schwester dieser Fremden, noch nicht zumindest, aber ich fühlte ihren Schmerz, und das war ja auch schon was.

Beim Lunch im Marie Callender’s an dem Nachmittag mit meinen Eltern erzählte ich ihnen von dem Anruf. Meine Mutter setzte sofort zu einer Hetzrede an.

„Ich finde nicht, dass du sie anrufen solltest! Es gibt überhaupt keinen Grund für dich, mit ihr in Verbindung zu treten! Du hast ihr nichts zu sagen. Lass ihre Mutter ihr erzählen, was immer sie über Bob wissen will – das liegt in ihrer Verantwortung! Hast du jemals daran gedacht? Es ist nicht deine Aufgabe, ihr all die schlimmen Geschichten über Bob zu erzählen! Du weißt ja nicht mal, was für Leute das sind!“

Schweigend schob ich ein paar Erbsen auf meinem Teller hin und her. „Ich hatte nicht vor, ihr die schmutzigen Details zu offenbaren, Mom. Ich dachte nur, ich meine, sie hat ihre Hand nach mir ausgestreckt. Vielleicht kann ich ihr ein, zwei tröstende Worte sagen, und wenn sie irgendwelche Wünsche für das Begräbnis haben, könnten sie sie äußern. Außerdem muss ich im Zweifel sowieso mit ihnen sprechen, falls es irgendein Erbe zu verteilen gibt. Du hast die Nachricht nicht gehört. Sie hat mich nahezu angefleht. Sie ist noch ein Kind, Mom, und sie hat gerade ihren Vater verloren. Es wäre unhöflich und grausam von mir, ihren Anruf zu ignorieren.“

„Nein, ich finde das überhaupt nicht unhöflich. Da ist nichts Unhöfliches dran. Du bist ihr gegenüber zu nichts verpflichtet, und ich bin mir sicher, dass sie dafür Verständnis hat.“ Ich starrte sie an. Ihre Miene war ausdruckslos, aber Gefahr lag in der Luft. Die Wut, die ich nur zu gut kannte, brodelte gleich unter ihrer Haut. Ihre Augen waren leer und kalt, wie immer, wenn sie mich schlagen wollte. Ich beschloss, dass es am besten wäre, sie nicht weiter zu drängen, solange sie in dieser Stimmung war. Stattdessen zuckte ich leichthin mit den Schultern und schlürfte meine Minestrone. Mom stand abrupt auf und ging auf die Damentoilette.

Ich schaute den Ehemann meiner Mutter an. Armer, armer Joe, murmelten die Zeugen Jehovas der hiesigen Gemeinde immer, und manchmal war ich geneigt, ihnen zuzustimmen. Ganz selten fragte ihn mal jemand, was er dachte. Sanft und blass wie er war, mit langsam dünner werdendem, rötlichem Haar und einem Sonnenbrand mitten auf dem Kopf, erweckte er den Eindruck, still, bescheiden und anspruchslos zu sein. Oder aber ein Weichei, das seine Frau nicht so im Griff hatte, wie es die Bibel befahl. Ich hatte Mitleid mit Joe, so wie ich oft Mitleid mit meiner Mutter hatte. Diese unpassende Verbindung hatte auf beiden Seiten ihren Tribut gefordert.

„Dad, was denkst du? Sie hat ja mehr als deutlich gemacht, was sie davon hält, aber du hast noch gar nichts zu der ganzen Sache gesagt. Wie ist deine Meinung?“

Er war überrascht, dass ich ihn gefragt hatte. Ich sah einen kleinen Anflug von Verwirrung, doch dann schaute er mich mit ruhigem Blick und gerunzelter Stirn an, verdrehte die Augen und verzog den Mund, als wäre für ihn die Antwort vollkommen offensichtlich.

„Ich denke, du solltest sie zurückrufen. Ich denke, es wäre unhöflich, wenn du es nicht tust. Du musst verstehen, dass deine Mutter sehr lange in Angst gelebt hat. Jetzt ist er tot, aber die Angst ist immer noch da, und diese beiden Mädchen sind eine Verbindung zu dieser Angst – und ein lebender Beweis für diese Angst. Vielleicht wäre ihre Antwort anders ausgefallen, wenn das Mädchen zu Bobs Lebzeiten mit dir Kontakt aufgenommen hätte. Aber jetzt ist er tot, und ich sehe keinen Grund, wieso ein einfacher Anruf schaden sollte.“

„Das habe ich auch gedacht. Danke, Dad. Ich werde sie zurückrufen. Ich glaube allerdings, dass Mom das im Moment nicht wissen muss.“

Unsere Blicke trafen sich. Wir kamen zu einer stillschweigenden Übereinkunft.

Patty Neville war siebzehn, ihre Schwester Penny vierzehn. Bob war aus ihrem Leben verschwunden, als Patty acht und Penny fünf Jahre alt gewesen war. Ihre Mutter Charlie hatte nach der Scheidung erneut geheiratet und war mit der Familie nach Texas gezogen. Bob hatte alle Anrufe der verzweifelten Mädchen ignoriert. Vier Jahre später tauchte er wieder auf. Seine neue Freundin hatte ihn dazu gedrängt. Seitdem war er bis zu einem gewissen Punkt ein Teil von Pattys und Pennys Leben gewesen. Sie besuchten ihn in den Ferien und an Feiertagen in Kalifornien und schliefen dann in der Garage seiner Mutter, wie Molly und ich es schon als Kleinkinder getan hatten (Jesse war eine freundliche und hart arbeitende Frau, die aber leider an Zwangsstörungen litt und unter anderem unordentliche kleine Kinder in ihrem Haus nicht ertragen konnte; sie hatte einen Rechen an der Tür, für den Fall, dass jemand hineinkommen und die Richtung der Teppichfasern durcheinanderbringen würde). Ein Jahr vor seinem Tod hatte Bob Jesse in einem betreuten Wohnheim untergebracht und als Verwalter ihrer Finanzen ihr abbezahltes Haus refinanziert. Er nahm die 200.000 US-Dollar, die die Bank ihm gab, und verschleuderte sie für Drogen und Männerspielzeuge, bevor das Jahr noch um war.

Meine Halbschwestern hatten ihren Vater das letzte Mal kurz vor Weihnachten, nur wenige Wochen vor seinem Tod, besucht. Patty sagte, auf dem Rückweg hätte Bob sie auf dem Flughafen in seine Arme genommen und ihr mit gefühlserstickter Stimme gesagt: „Sei nicht so dumm wie ich, Patty. Lass die Finger von Drogen.“ Ich versuchte, mir die Szene vorzustellen, aber es fiel mir unglaublich schwer. Alles, was ich über Bob wusste, war eine Mischung aus Schmerz, Missbrauch und Vernachlässigung. Ich kann ohne zu lügen behaupten, dass ich mir nie vorstellen konnte, dass er auch eine menschliche Seite hatte.

Die Mädchen fingen an, sich Sorgen zu machen, als sie Bob anriefen, um ihm ein frohes neues Jahr zu wünschen, aber niemanden erreichten. Noch besorgniserregender war, dass er sich ein paar Tage später an Pattys Geburtstag nicht meldete. Ungefähr zu der Zeit, zu der sie frenetisch seine Handynummer wählten, rief ein alter Mann, der die Garage von Bobs Mutter gemietet hatte, den Notruf und beharrte darauf, dass irgendetwas nicht stimmte. Er hatte Bob seit Tagen nicht gesehen, was sehr ungewöhnlich war. Auch auf sein Klopfen an der Tür reagierte niemand. Stattdessen hörte er Bobs Handy im Haus ohne Unterlass klingeln, und so bat der Mann die Polizei, mal nach dem Rechten zu sehen. Sie kamen, betraten das Haus durch das Badezimmerfenster und fanden Bobs Leiche.

„Viele Menschen hatten Probleme mit meinem Dad“, sagte mir Patty am Telefon. „Ich weiß, dass er nur von wenigen gemocht wurde. Aber … glaubst du, dass er ein guter Mann war? Carol hat uns vor ein paar Tagen abends angerufen und sofort davon angefangen, wie grausam er gewesen ist. Ich weiß, dass er einige wirklich schlimme Sachen gemacht hat … aber glaubst du, dass es auch irgendetwas Gutes in ihm gegeben hat?“

Er, äh, hat mich über mehrere Monate hinweg missbraucht. Und war auf Drogen. Er hat meine Mutter zu blutigem Brei geschlagen. Aber ansonsten war er ein feiner Kerl. Ein echt guter Charakter.

Patty hatte mich völlig aus dem Konzept gebracht. Ganz offensichtlich sehnte sie sich verzweifelt nach Trost und griff nach jedem Strohhalm. Ich überlegte, ihr einfach etwas vorzulügen, denn auf keinen Fall konnte ich ihr meine Version von Bob erzählen. Sie war ein trauerndes Kind, das gerade seinen Vater verloren hatte. Schlussendlich gab ich ihr die beste Antwort, die mir einfiel.

„Ich kannte ihn nicht sonderlich gut, Patty. Ich habe ihn nicht mehr gesehen, seit ich klein war. Was ich weiß, ist, dass er einige Dämonen zu bekämpfen hatte, wie wir alle. Aber vergiss, was ich von ihm halte. Wichtiger ist doch, dass du ihn in Erinnerung behalten willst. So wie du es erzählst, hat er am Ende doch versucht, dir ein guter Vater zu sein. Das klingt, als hättest du ihn sehr geliebt, und du fühlst, dass er dich auch geliebt hat. Und es steht weder mir noch Carol noch sonst jemandem zu, dir das zu nehmen. Wenn du gute Erinnerungen an deinen Dad hast, dann halte sie fest. Erinnere dich so an ihn, wie du ihn gekannt und geliebt hast.“

Ich wartete. Mit einem Mal fühlte ich mich dumm und sentimental – meine Güte, diese Antwort ist ja sogar für meine Verhältnisse unglaublich kitschig. Aber was Besseres war mir nicht eingefallen. Die Pause zog sich sehr lange hin.

„Danke, Bri. Das war genau das, was ich hören musste.“

Charlie, Bobs zweite Frau, freute sich, mit mir zu sprechen. Ich habe noch bruchstückhafte Erinnerungen an sie – wie sie hieß, dass sie mit Bob zusammengewohnt hat, während er noch ein Besuchsrecht für uns hatte, wie nett sie zu mir und Molly gewesen war – aber das war auch schon alles. Es stellte sich heraus, dass sie Patty und Penny schon vor einigen Jahren von Molly und mir erzählt hatte. Besonders Patty war davon fasziniert gewesen und hatte uns aufspüren wollen.

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