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Holy Shit!

Rolf-Bernhard Essig

HOLY SHIT!

Alles übers Fluchen
und Schimpfen

Mit Illustrationen von Papan

Inhaltsübersicht

1. »Scheiß die Wand an! Morgen kommen die Maler.«
Eine verflixt kurze Einführung ins Thema

2. Verflucht in alle Ewigkeit:
Über den magischen Ursprung der Schimpftiraden

3. »Führerschein im Lotto gewonnen, du Blinkidiot?«
Wie uns der Straßenverkehr auf 180 bringt

4. Wer flucht denn da?
Die psychoneuronalen Hintergründe unserer Schimpftiraden

5. »I don’t like mondays.«
Die verfluchte Arbeit und die verdammten Kollegen

6. »Talk dirty to me!«
Schmutzige Wörter in sauberen Laken

7. Dass dich der *** mit seinem **** in den ***!
Sprachliche Tabus und der Zwang, sie zu brechen

8. »Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch.«
In den sprachlichen Niederungen Hoher Häuser

9. »Ich nehm lieber deine Nutten-Schwester!«
Die bunte Welt der Sportflüche

10. Rattenarsch, Mistkäfer, Sauhund:
Tierische Flüche

11. Wenn der Wichser mit der Schlampe:
Männerschimpfworte, Frauenschimpfworte

12. »Jodelschnepfe!« – »Winselstute!«
Die schönsten Flüche in der Literatur

13. Wie die Alten fluchen, so fluchen nicht die Jungen.
Über Fluchmoden der Jugendsprache

14. »Du Brunzkachl, du oogsaachta! … Du Hämmorrhitenpritschn!«
Über den Dialekt und seine drastischen Wörter

15. Cazzo! Vittu! Perkele! Saatana!
Andere Länder, andere Flüche

16. Schöner Fluchen

Literaturverzeichnis

Fluch

1.

»Scheiß die Wand an! Morgen kommen die Maler.«

Eine verflixt kurze Einführung ins Thema

Als ich einer befreundeten Autorin meine Idee für ein Fluchbuch mailte und fragte, ob sie bei Gelegenheit ein paar Beispiele beisteuern könnte, hatte ich kaum fünf Minuten später folgende Antwort im elektronischen Postkasten:

»Was ich schimpfe?
Pissnelke, Tuffnucke (ein Fantasiewort), Arschgeige, unter den Arschgeigen die erste, Vollhorst, Vollpfosten, Honk, Spacken, Dummkuh, Vollzipfel, blöde Kuh (eines der liebsten m. E.), Chronoklast, Weichhirn, Arschpenner, Sackgesicht, Sohn einer Vollschnepfe, Brut eines Arschgebärers, Hackfresse (auch ein beliebtes Wort), Schwucke, Schwuchtel, Maulhure, Schrumpfhirn, Kacknase (Sie sehen schon, ich bin typisch deutsch/britisch auf das Hintenrum geeicht), feiges Dreck-/ Mist-/Saustück, versoffene Hetäre, hysterische Ziege, Nichtskönner, Spießerwurst, Dummwurst, Fickfrosch, billiger Fickfrosch, saudummer blöder billiger Fickfrosch mit Hackfresse, Pussy, Mädchen, Anfängertyrann, Mögen Sie bis ins achte Glied mit Hämorrhoiden geplagt sein, Sie Vollspacken! Mach mich nicht an, Sacknase! Schon mal was von Blinken gehört, Gurkenkopf? Jetzt nehmen Sie mal den Stock aus dem Hintern, Sie Angstwurst!

Herzlichst Ihre
Nina (gerade sauer: Grrrrrr!!!!!!)«

Holy shit!, dachte ich. Was für ein herrlicher Ausbruch! Und schon hatte sich ein Titel fürs Buch gefunden, der gleich zwei der drei beliebtesten Tabubrüche vereint: den Missbrauch des Gottesnamens und die Fäkalienerwähnung.

Mit solchen Ausdrücken gerät man verflixt fix in Teufels Küche. Schon im Alten Testament findet man in den Zehn Geboten: »Du sollst nicht fluchen!« Im Neuen Testament stellt Jesus unmissverständlich klar: »Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnet, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Racha! [Taugenichts], der ist des Gerichts schuldig; wer aber sagt: Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig.«

Das klingt überzeugend. Die Welt wäre ohne Kraftausdrücke besser und freundlicher, denkt man. Gott hätte freilich mit gutem Beispiel vorangehen sollen. Stattdessen lässt er die Menschheitsgeschichte gleich mit einer Schimpftirade beginnen und verflucht nach dem Sündenfall Adam und Eva samt Nachkommen, dazu die Schlange. Auch nach der Vertreibung der Menschen aus dem Paradies beschwert Gott sich immer wieder über die gottlosen Mistkerle, die sodomitischen Hurensöhne, die schamlosen Metzen in seinem Volk; und seine Propheten wie sein Sohn schlagen in dieselbe Kerbe. Ganz besonders Jesus regt sich über die heuchlerischen Religionsführer, die Verräter und die geldgeilen Händler auf. Drei Dinge werden jetzt schon klar:

1. Das Fluchen kommt vom Fluch.

2. Es fehlt nicht an Fluchverboten.

3. Sich an diese konsequent zu halten ist offensichtlich unmöglich, wenn es sogar Gott nicht schafft. Neue neurologische, psychologische, soziologische Forschungen bestätigen es: Fluchen lässt sich nie vollkommen verhindern, gar ausrotten. Und – es wäre auch nicht wünschenswert.

Wo sollte man auch hin mit Frust, Enttäuschung, Schmerz, Wut, Neid und bösem Witz? Was für eine Erleichterung, wenn man schreien, schimpfen, spotten kann, wie einem  der  Schnabel gewachsen ist: »Galgenvogel, stinkiger! Mieser Mistfink! Du Rabenaas von dämlicher Nebelkrähe!« Manche lieben beim Fluchen die Abwechslung, andere greifen zu purer Wiederholung: »Scheiße! Scheiße!!! SCHEISSE!!!« Unwillkürlich drängt sich eine alte Vorstellung auf, die Konrad Lorenz »psychohydraulisches Instinktmodell« nannte. Einfach gesagt, geht es dabei um seelischen Druck, der sich so lange aufbaut, bis Überdruck entsteht, der sich bei entsprechendem Reiz schlagartig entlädt. Danach sei man im Wortsinne nicht mehr bedrückt, weil man Dampf abgelassen habe.

Bild

So kennen wir es ja alle: Man hat sich dämlich angestellt, ist in ein Fettnäpfchen getreten, hat sich wehgetan oder einen plötzlichen Verlust erlitten. Jetzt still zu leiden, vernünftig zu überlegen, was man hätte tun oder lassen sollen, was man zukünftig besser machen könnte, das bringen die wenigsten fertig. Wohl die meisten schimpfen stattdessen drauflos wie ein Rohrspatz und – fühlen sich gleich deutlich besser, befreit, im besten Fall sogar belustigt: Das Fluchen kann also tatsächlich wie ein Ventil funktionieren, das den Überdruck angestauter Aggressionen und Enttäuschungen abzulassen hilft. Damit bekommt man Kopf und Herz frei. Und – besser schimpfen als schießen. Man denke nur an die Diss-Battles in manchen Gegenden der USA, wo sich Jugendliche im heftigen Schimpfwortstreit messen, statt Fäuste, Messer, Schusswaffen sprechen zu lassen.

Nun gut, auch beim Fluchen sollte man gewisse Regeln beachten. Es macht einen Unterschied, ob ein Farbiger zu einem Farbigen »Nigger!« sagt oder ein Bleichgesicht. Mancher Mann wird Kraftausdrücke eher als derbe Lustigkeit nehmen, die manche Frau schon tödlich beleidigten. Ein harmloser Fluch hierzulande kann im Ausland ein extremes Tabu betreffen. Deshalb sind schlichte Listen mit fremdländischen Flüchen mit großer Vorsicht zu genießen. Natürlich faszinieren fremde Ausdrücke wie »Gift soll aus deiner Gurgel spritzen!« (Süditalien), aber man sollte schon wissen, welchen Stellenwert eine solche Aussage vor Ort hat, bevor man sich in Gefahr begibt. Ein einziges, hier unschuldiges Handzeichen kann in Nepal oder Ecuador üble Folgen haben.

So wie man einander nicht in jedem Land zur Begrüßung die Hände schüttelt, so flucht man nicht überall gleich. Dass man seinem Ärger in Deutschland eher mit »Scheiße« und »Arschloch« Luft macht, in angelsächsischen Ländern mit »fuck« und »cocksucker«, im arabischen Raum mit Familienverwünschungen, Südländer oder Holländer mit religiösen Flüchen, stimmt im Groben und Ganzen, aber richtig interessant wird es im Detail.