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Holst du mir die Sterne vom Himmel?

PROLOG

Zehn Jahre zuvor, Campus der Hillbrook Universität,

Upstate New York …

Cassiopeia Barclay hob ihr Glas und prostete den anderen zu. „Natürlich ist das nicht das Ende.“ Sie sah ihre drei Mitbewohnerinnen an. „Sondern erst der Anfang. Heute mag ja unser letzter gemeinsamer Abend sein, aber bestimmt nicht für lange. Wir machen doch bald den Ausflug, richtig?“

Alle drei Frauen nickten zustimmend, auch wenn Trustfund-Prinzessin Reese das Gesicht abwandte und einen großen Schluck Champagner nahm. Gina, die Engländerin, tat es ihr gleich und stürzte gekonnt den Rest ihres Glases Champagner hinunter. Südstaatenschönheit Marnie nippte elegante kleine Schlückchen, ihre Manieren wie immer perfekt.

Entgegen des weit verbreiteten Klischees über Australier nahm Cassie ebenfalls nur einen kleinen Schluck. Nicht, weil sie großen Wert auf gute Manieren legte oder Champagner zu schätzen wusste – ihr war gleich, ob sie Dom Pérignon, den Reeses monatlicher Scheck aus der Park Avenue ihnen ermöglichte, oder Malzbier trank, aber alles, was sie tat, tat sie eben auf ruhige, gelassene und logische Art.

Warum Champagner, ob nun teueren oder billigen, hinunterstürzen, wenn man sich dadurch unweigerlich Kopfschmerzen zuzog?

Den ersten Kater ihres Lebens hatte Cassie hier in diesem Haus gehabt, zusammen mit diesen drei Frauen, und sie hatte keineswegs vor, die Erfahrung zu wiederholen. Das wäre die ultimative Definition von Dummheit.

Und Cassiopeia Barclay war alles andere als dumm. Um genau zu sein, galt sie mit einem IQ von 163 offiziell als Genie.

Die Aufmerksamkeit der Frauen kehrte wieder zum Sportplatz zurück, der direkt vor ihrer Veranda lag. Die Sonne ging langsam unter, doch das Hillbrook Leichtathletikteam war noch immer gut beim abendlichen Training auszumachen. Es war zum Ritual der „Fantastischen Vier“, wie die Frauen überall hießen, geworden, den Jungs beim Training zuzusehen – auch wenn Cassie nur mitmachte, weil die drei anderen so etwas wie ihre Familie waren. Sie akzeptierten ihren mangelnden gesellschaftlichen Schliff ohne jedes Wort der Kritik.

Cassie begriff diese Faszination nämlich nicht, weder für Sport im Allgemeinen noch für das männliche Geschlecht, das ihn trieb. Die meisten waren wohl nur an der Uni, weil sie ein Sportstipendium bekommen hatten. Cassie fand das eigentlich unmöglich. Bei der Forschung wurde ständig gekürzt, aber für den Sport war immer genug Geld da.

Gina seufzte herzhaft, als einer der Jungs ihnen, ohne es zu wissen, seine muskulöse Kehrseite präsentierte. „Na, das nenne ich doch mal ein wirklich knackiges Gerät“, murmelte sie, und ihr britischer Akzent trat überdeutlich hervor.

Marnie verdrehte die Augen. Die Blondine aus dem tiefsten Süden war das genaue Gegenteil der Engländerin. Schlank und zierlich, war ihre Aura von Unschuld der absolute Kontrast zu Ginas offenkundiger Sinnlichkeit. Doch in dem letzten Jahr hatte Cassie oft genug miterlebt, dass Marnie aus ihrem Schneckenhaus herausgekommen war, genau wie sie selbst, wohl dank Ginas und Reeses – wenn auch sehr unterschiedlichem – Einfluss.

Reese lächelte Gina milde an. Überhaupt tat sie das in der letzten Woche oft – lächeln. Ginas Vermutung, dass das etwas mit einem gewissen Marine-Soldaten zu tun haben könnte, hatte sich durch Reeses verblüffende Zusicherung bestätigt, dass besagter Marine „der Eine“ war.

Man stelle sich vor, nach nur einer Woche!

Manchmal kam Cassie sich wie von einem anderen Stern vor. Im Gegensatz zu ihr schienen die anderen selbst mit neunzehn wie erfahrene Frauen aus einem Paralleluniversum, einschließlich Marnie.

Reese hatte die Bombe platzen lassen, dass sie sich auf den ersten Blick verliebt hatte. Gina arbeitete sich langsam, aber beharrlich durch die gesamte begehrenswerte – und weniger begehrenswerte – Junggesellenschaft, und Marnie seufzte jedes Mal verträumt lächelnd, wenn sie sich die große Hochzeit ihrer Freundin ausmalte.

Wirklich seltsam, aber für einen Verhaltensforscher sicher interessant. Wie weit könnten ihre Freundinnen es bringen, wenn sie die Hormone ignorierten und ihre Energie stattdessen auf die Zukunft richten würden, so wie Cassie es tat? Dennoch … die drei hatten ihr eine ganz neue Welt erschlossen, der sie sich vorher nie wirklich gewusst gewesen war. Man lernte eben nie aus!

Zu Hause in Australien hatte Cassie ein ziemlich einsames Leben geführt. Entweder hatte sie sich im elterlichen Haus in ihrem Zimmer eingeschlossen und gelernt, oder sie war an der Uni gewesen und hatte dort dasselbe getan. Es hatte weder Freundinnen noch Freunde gegeben, keine Partys und auch keine Gratisshows eines Leichtathletikteams.

Doch hier in Hillbrook ließen die Freundinnen weder ihre linkische Art noch ihren nicht vorhandenen Sinn für Mode und erst recht nicht ihre Unfähigkeit beim Tanzen als Entschuldigung gelten. Sie zerrten sie mit auf Partys, in Nachtclubs und Bars, wo sie Cocktails tranken und Karaoke sangen. Sie liehen ihr Schuhe und Kleider, staffierten sie aus, frisierten und schminkten sie, und vor allem akzeptierten sie kein Nein.

Sie verdankte den dreien viel. Das Jahr hier in Amerika würde sie immer als Selbstexperiment ansehen, bei dem sie enorm nützliche Daten gesammelt hatte.

„Eines Tages“, Reeses Stimme drang in Cassies Gedanken, „wirst du dich Knall auf Fall verlieben, und ich hoffe, dass ich das miterlebe, damit ich dann endlich sagen kann: ‚Ich habe es ja schon immer gesagt!‘“

Marnie hob ihr Glas. „Darauf trinke ich.“

Schnaubend schüttelte Gina das Haar zurück. „Von wegen.“

Die anderen lachten und widmeten sich wieder der Mannschaft. Cassie schloss sich an. Sie war zutiefst dankbar, dass sie nichts für Sportkanonen übrig hatte und viel zu vernünftig war, um sich von ihren Hormonen ablenken zu lassen.

Als Wissenschaftlerin verstand sie natürlich, dass der Mensch darauf ausgerichtet war, für den Fortbestand seiner Art zu sorgen, aber bei ihr herrschte der Kopf über die Gefühle. Gina, zum Beispiel, würde jetzt nicht in einer solchen Bredouille stecken, hätte sie auf ihr Hirn und nicht auf ihre unteren Körperregionen gehört.

Mit Marnies Bruder Carter zu schlafen, hatte Gina wirklich aus der Bahn geworden. Nuancen entgingen Cassie meist, aber sie hätte schon blind sein müssen, um nicht zu sehen, wie rastlos und nervös Gina seitdem war. Wozu das jetzt noch gut sein sollte, war ihr allerdings unklar. Es war geschehen und ließ sich nicht mehr rückgängig machen. Und schließlich war es ja nicht Gina, die verlobt war und demnächst heiraten wollte, oder?

Das hatte sie Gina auch gesagt, als diese sie letzte Woche eingeweiht und totale Verschwiegenheit von ihr verlangt hatte. Wenn so etwas vorkam, war Cassie immer heilfroh, dass sie nie Opfer der Liebe werden würde. Wie auch, wenn sie nicht daran glaubte? Selbst wenn … für ein solch unlogisches Minenfeld hatte sie einfach keine Zeit, nicht, wenn es da draußen ein riesiges Universum zu erforschen gab, das wesentlich interessanter war, als ein Mann es je sein könnte. Und eines stand sowieso fest: Selbst wenn ihr IQ um hundert Punkte fallen und sie sich je mit irgendeinem Mann einlassen sollte … dann würde es bestimmt keine von diesen Sportskanonen sein, für die Gina so schwärmte.

„Erzähl uns was über die Sterne, Cassie.“

Sie sah zu Marnie, die den Kopf in den Nacken gelegt hatte und zum Himmel aufsah.

„Das da ist die Venus, nicht wahr?“

Cassie lächelte. Marnie liebte es, in die Sterne zu gucken, und genoss es, ihren eigenen Astronom gleich neben sich sitzen zu haben und jederzeit fragen zu können.

„Können wir heute die Cassiopeia sehen?“

Cassie schüttelte den Kopf. „Hier ist es zu hell. Aber wenn wir bei unserem Ausflug am Barringer Krater in Arizona übernachten, zeige ich sie dir.“ Das war auch der wichtigste Grund, weshalb Cassie den Ausflug mitmachen wollte. Sicher, die Zeit mit den Freundinnen würde bestimmt Spaß machen, aber vor allem wollte sie den Krater sehen, den ein Meteorit vor über fünfzigtausend Jahren in die Erde geschlagen hatte.

„Carter hat unter den Sternen im Grand Canyon um Missys Hand angehalten. Ist das nicht romantisch?“, meinte Marnie verträumt. „Darum will Missy ja auch einen künstlichen Sternenhimmel für den Empfang haben. Sie gibt ein Vermögen für die nachtblauen Stoffbahnen aus, in denen kleine Lichtchen blinken.“

Weshalb man ein Vermögen für einen Kunsthimmel ausgeben sollte, wenn es den echten gratis gab, verstand Cassie beim besten Willen nicht. Das schien ihr Geldverschwendung zu sein. Aber Hochzeiten waren ihr ein ebensolches Rätsel wie die Liebe, darum versuchte sie auch erst gar nicht, es zu lösen.

Sie würde einfach hier mit ihren Freundinnen zusammensitzen und zusehen, wie die Sterne aufgingen.

Ein letztes Mal.

1. KAPITEL

Eine Dekade später …

Cassiopeia beobachtete Tuck … wie auch immer er mit Nachnamen hieß, wie er mit der Lässigkeit eines vom Erfolg verwöhnten Quarterbacks auf ihren Tisch zuschlenderte. Irgendwie schien der blonde Hüne mit seiner Präsenz das ganze Festzelt zu beherrschen, von dessen Decke zahllose Volants in einem wunderschönen Blau hingen. Allerdings würde er vermutlich jeden Raum mit seiner Präsenz füllen.

Er kam nur langsam voran. Männer hielten ihn an, um ihm die Hand zu schütteln und auf die Schulter zu klopfen, Frauen stellten sich in seinen Weg, um ihm die Hand auf die Brust zu legen und mit den Wimpern zu klimpern. Er ließ die allgemeine Bewunderung mit einem „Hey, ich bin nichts Besonderes“-Grinsen freundlich über sich ergehen. Der Mann war so locker, dass Cassie sich wunderte, warum er überhaupt noch gerade stehen konnte.

So ganz anders als der Mann, den sie gestern mit Reeses Exmann Mason eine sehr aggressive und überaus körperbetonte Runde Basketball hatte spielen sehen.

Reese hatte die Party, die ursprünglich als Hochzeitsempfang für ihre Trauung mit Dylan geplant gewesen war, verlassen und war Mason nachgefahren. Ihre Anweisung an den Rest des Kleeblatts war eindeutig gewesen: Kümmert euch darum, dass es zu keiner Schlägerei kommt.

Darum hatte sie Cassie auch als Tischpartnerin neben Tuck, den besten Freund des desertierten Bräutigams, gesetzt – weit weg von Gina. Das sollte die Gefahr eines Streits von vornhe­rein eindämmen.

Mit Tuck als treuem Anhänger des Teams Dylan und Gina, die es liebte zu provozieren und natürlich zum Team Reese gehörte, ahnte Cassie schon jetzt, dass ihr ein langer Abend bevorstand.

„Der Junge sieht aber auch wirklich gut aus“, murmelte Gina vor sich hin.

Ein sehr langer Abend.

Cassie verstand die Faszination an der ganzen Sache einfach nicht. Sie war noch nie so programmiert gewesen. Sicher, Tuck Wie-auch-immer konnte all die Faktoren vorweisen, auf die die weibliche Spezies beim anderen Geschlecht achtete – groß, breite Schultern, schmale Hüften. Die ausgebildeten Muskeln waren heute Abend nicht zu sehen, auch wenn sie wusste, dass sie unter dem anthrazitfarbenen Anzug lagen. Davon hatte sie sich gestern überzeugen können, als er mit nacktem Oberkörper Basketball gespielt hatte.

In der Tierwelt bedeuteten ausgebildete Muskeln Stärke, und sicher waren sie auch in der Menschenwelt von Vorteil.

Mit der Symmetrie seines Gesichts konnte er ebenfalls punkten. Markante Züge, betonte Wangenknochen, Kinn und Stirn proportional, Lippen und Nase passend zum Gesamteindruck. Ein symmetrisches Gesicht war einer der Hauptmarker für körperliche Anziehungskraft, und davon hatte Tuck eindeutig genug.

Trotzdem verstand Cassie es nicht.

„Ich muss einmal kurz verschwinden.“ Sie drehte sich zu Gina. „Leg dich nicht mit ihm an, solange ich weg bin. Denk daran, Reese zählt auf uns.“

„Ich werde mein bestes Benehmen an den Tag legen“, versicherte Gina.

Hätte Cassie ein besseres Gespür für Nuancen gehabt, wäre sie ganz bestimmt nicht so beruhigt aufgestanden.

„Hier, zieh nach.“ Gina kramte den Lippenstift aus ihrer Handtasche und hielt ihn Cassie hin.

„Warum?“

„Darum.“ Seufzend wedelte Gina mit dem Lippenstift vor Cassies Gesicht, die das kleine Teil anstarrte, als wäre es ihr unheimlich. „Du weißt doch … wer schön sein will, muss leiden.“

Cassie lächelte. Wie gut sie sich an den alten Spruch erinnerte. Unter Ginas Ägide hatte sie viel über Frauen gelernt, auch wenn ihr in der letzten Dekade sicherlich einiges wieder entfallen war. Aber sie würde nie vergessen, dass Gina die ganze Nacht in Stilettos durchtanzen konnte, ohne auch nur eine Miene zu verziehen, und sie würde auch nie vergessen, wie Gina sie unter ihre Fittiche genommen hatte – als wäre sie eine Art Eliza Doolittle.

Auch wenn Cassie im Grundkurs „Weiblichkeit“ mit Pauken und Trompeten durchgerasselt war … Gina war immer geduldig und nett geblieben. Etwas an ihrem spritzigen Wesen zog die Leute in den Bann. Cassie und Gina hatten Kontakt gehalten, trotz der Kluft, die sich zwischen den Fantastischen Vier aufgetan hatte, als Gina an jenem fatalen letzten Abend vor zehn Jahren Marnie ihren One-Night-Stand mit Carter gestanden hatte.

Und jetzt, zehn Jahre später, sorgte Gina im Modedepartment noch immer für Cassie. Ein Blick auf Cassies formloses Maxikleid, und Gina hatte es sofort als „unnatürliche Katastrophe“ bezeichnet. Bevor Cassie noch irgendetwas hatte sagen können, war sie bereits in ein ärmelloses Kleid mit weitem runden Kragen aus fließendem Stoff gehüllt gewesen, dessen Saum sich auf Kniehöhe um die Beine schmiegte. Passende hohe Riemchensandaletten waren wie von Zauberhand erschienen, das glatte braune Haar leicht aufgedreht und Lidschatten, Mascara und Lippenstift aufgetragen worden.

„Zieh einfach nach“, wiederholte Gina ihre Anordnung.

Und Cassie beugte sich der Expertenmeinung, nahm den Lippenstift und ging zum Waschraum.

Eine Minute später setzte Tuck sich an den Tisch, der ihm zugewiesen worden war. Sein Knie schmerzte höllisch, aber er ignorierte es und richtete seine Aufmerksamkeit allein auf die laszive Sexgöttin mit dem rabenschwarzen Haar. Sie trug etwas blutrotes, eng Anliegendes und lächelte ihn mit vollen Lippen an. Schon immer ein Freund der Frauen, gefiel ihm, was er sah.

Er lächelte sein Killerlächeln zurück. Er wusste, dass es ein Killerlächeln war, weil die Zeitungen noch immer darüber berichteten. „Na, das ist wohl meine Glücksnacht.“ Beim Reden zog er die Vokale absichtlich in die Länge und schoss eine volle Breitseite Südstaatencharme ab. Dabei hatte sein Akzent sich längst verwässert, er war viel gereist und lebte schon lange weit von seinen texanischen Wurzeln entfernt. Aber wenn es nötig war, konnte er noch immer mühelos darauf zurückgreifen.

Laut Zeitung konnten Frauen dem Charme von Südstaatenmännern nicht widerstehen.

Gina hob eine elegant gezupfte Augenbraue. „So, wirklich? Erklären Sie mir das.“

„Ah, Sie sind die Engländerin.“ Er grinste. „Gina, richtig?“

Sie nickte. „Und Sie müssen der Quarterback sein.“

Tuck besah sich die handgeschriebenen Platzkärtchen und stellte enttäuscht fest, dass er der sexy Engländerin gegenüber saß. Er hielt die Karte hoch. „Was meinen Sie? Sollen wir die nicht einfach gegen den Platz direkt neben Ihnen austauschen?“

„Hmm …“ Gina stützte das Kinn in die Hand. „Ich glaube, Reese wollte Sie und mich absichtlich getrennt halten.“

Er wirkte regelrecht geknickt. „Warum sollte sie so etwas tun?“

„Weil sie wohl befürchtet, dass wir uns in die Haare kriegen.“

Jetzt gab er sich gespielt entsetzt. „Weswegen denn?“

„Wegen der … nennen wir es Trennung aus Mangel an einem anderen Wort … von ihrem Bräutigam, der zufälligerweise Ihr bester Freund ist.“

„Ah. Wissen Sie, wenn Dylan es nicht so tragisch nimmt, dann hat es doch wenig Sinn für mich, Groll deshalb zu hegen, oder? Außerdem …“, Tuck setzte sich auf seinen Platz, sein Knie meldete sich protestierend, „… ich kann von dieser Seite genauso gut flirten.“

Gina lachte. Der blonde Hüne hatte ein Ego so groß wie ganz Nordamerika. „So gut sind Sie also?“

„Darlin’, ich bin der Beste.“

Gina sah Cassie zum Tisch zurückkommen und warf Tuck einen kurzen Blick zu. Es wäre bestimmt lustig, ihn von seinem hohen Ross herunterzuholen. „Gegen Ihren Charme ist also keine Frau immun?“

Er schüttelte den Kopf. „Die Frauen lieben mich.“ Er zuckte mit den Schultern und schenkte ihr ein strahlendes Lächeln. „Was soll ich sagen? Es ist eben eine Gabe.“

Ja, der Mann sah wirklich extrem gut aus, und sein Selbstbewusstsein verstärkte seine Ausstrahlung nur noch. Zu schade, dass sie momentan nicht in Stimmung war, um sich auf einen lockeren Flirt einzulassen. Denn eine Nacht mit Tuck wäre sicher ein wirksames Mittel, um zu vergessen, dass sie es vor Jahren so schlimm verbockt hatte.

In diesem Augenblick legte der DJ die erste Platte auf, und Tuck nutzte den Vorteil. „Sie spielen unser Lied“, behauptete er keck. „Kommen Sie, tanzen Sie mit mir, Gina.“

Sie musterte ihn. „Nein, mit mir zu tanzen, wäre viel zu leicht. Schließen wir eine kleine Wette ab?“

Tuck lächelte. Eine Frau, die wettete … Das wurde ja immer besser. „Ich bin ganz Ohr.“

„Ich wette, es gelingt Ihnen nicht, diese Frau dort …“, Gina nickte zu Cassie, „… zum Tanzen zu bekommen.“

Um zu sehen, wen Gina für ihn im Sinn hatte, drehte Tuck sich in seinem Stuhl um. Eine Frau im gleichen Alter wie Gina kam auf den Tisch zu. Langes dunkles Haar fiel ihr in weichen Wellen über bloße Schultern. Sie hatte eine süße Nase, hübsche Augen und einen interessanten Mund. Eine kleine Falte auf der Stirn verriet, dass sie ihre Umgebung gar nicht wahrzunehmen schien, sie wirkte, als wäre sie mit ihren Gedanken ganz woanders.

Auf jeden Fall war sie kein englisches Sexkätzchen. Wie ein Football-Groupie wirkte sie auch nicht, aber sie war eine Frau, und für eine Herausforderung war Tuck immer zu haben. „Kinderspiel.“

Gina lachte. „Oh, das wird herrlich!“

Tuck hob eine Augenbraue. „Und was bekomme ich, wenn ich die Wette gewinne?“

Sie lächelte. „Natürlich das Vergnügen von Cassies Gesellschaft.“

Er neigte leicht den Kopf. „Natürlich.“

Auch wenn sie anfangs Bedenken gehabt hatte, Gina und Tuck allein zu lassen, hatte Cassie in der Viertelstunde, in der sie weg gewesen war, überhaupt nicht mehr daran gedacht. Vielmehr hatte sie sich mit einem Problem aus einem Astronomieartikel beschäftigt, den sie gestern Abend gelesen hatte. Den Lippenstift hatte sie wie befohlen nachgezogen, während sich ihre Gedanken noch einmal um die faszinierenden neuen Daten drehten.

Für einen Moment stutzte sie, als sie Gina und Tuck Wie-auch-immer zusammen am Tisch sitzen sah. Die beiden schienen bestens miteinander zurechtzukommen.

Sie speicherte den Artikel in ihrem Kopf ab und trat an den Tisch. „Alles in Ordnung hier?“

Tuck erhob sich, setzte sein bestes „Hi, Baby“-Lächeln auf und streckte die Hand aus. „Hallo, ich bin Tuck, Reeses Cousin. Ich freue mich wirklich außerordentlich, Sie kennenzulernen, Ma’am.“

Cassie sah blinzelnd in sein Gesicht. Zwei Dinge fielen ihr auf. Der Mann roch unglaublich gut, sein Duft stieg ihr sofort in die Nase. Und sie war sicher, dass es nicht sein Aftershave war, überhaupt nichts Künstliches, höchstens vielleicht Seife und dezentes Deo.

Nein, das hier war wesentlich ursprünglicher. Und mächtiger. Geradezu überwältigend. Am liebsten hätte sie ihre Nase an sein Hemd gehalten und seinen Duft tief eingeatmet.

So, das waren also Pheromone. Wissenschaftler kannten sie natürlich schon lange. Kosmetik- und Parfümfirmen überall auf der Welt versuchten, ihr Geheimnis zu ergründen. Und von diesem Mann strömten sie in großen Wellen aus.

Das Zweite waren seine Augen. Sie hatten ein wirklich ganz erstaunliches Blau. Das gleiche Blau, das sie bei einem explodierenden Stern gesehen hatte, den sie durch ein Weltraumteleskop beobachtet hatte. Seine Augen waren kosmisch.

Tuck sah in Cassies Gesicht. Mit geöffneten Lippen starrte sie ihn an. Er warf einen vielsagenden Blick zu Gina. Kinderspiel.

„Ma’am?“

Cassie kehrte aus dem Universum in seinen Augen wieder zurück in die Wirklichkeit. Sein Duft lag ihr noch immer in der Nase. „Oh ja, natürlich … Entschuldigung.“ Sie schüttelte sich leicht. Was hatte er gesagt? Richtig, er hatte sich vorgestellt. „Ich heiße Cassie. Cassiopeia.“

Und dann beging sie den Fehler und ergriff seine Hand.

„Sie sind also das Superhirn.“ Er lächelte sie an.

Für einen Moment war Cassie wie benebelt. Aber ja, ich bin das Superhirn und er der Muskelprotz. Sie übertraf ihn um mindestens sechzig IQ-Punkte, wenn nicht mehr. Und sie wurde nicht blöd, nur weil sie sich in der Gegenwart eines Mannes aufhielt.

Dann benimm dich auch gefälligst nicht so!

Hastig zog sie ihre Hand zurück. „Und Sie sind der Muskelprotz.“ Der Satz half, sich daran zu erinnern.

Gespielt beleidigt sah Tuck zu Gina. „Warum habe ich den Eindruck, dass Cassie nicht viel von Muskelprotzen hält?“

Gina zuckte mit einer Schulter. „Nehmen Sie es nicht persönlich. Cassie hält generell nicht viel von Männern. Und von Frauen auch nicht“, fügte sie an, bevor Missverständnisse aufkamen.

Grinsend richtete Tuck seine Aufmerksamkeit wieder auf Cassie. So, da hatte er also eine echte Aufgabe vor sich. Nun, seine Momma meinte sowieso immer, dass ihm alles viel zu leicht zufliege. Aus der Nähe waren Cassies Augen sogar noch hübscher – graublau, wie ein nebelverhangener See. Er nickte zu den Platzkarten. „Sieht aus, als bliebe mir der ganze Abend, um Ihre Meinung zu ändern.“ Er hielt ihr lächelnd den Stuhl.

Einen Moment lang konnte Cassie sich nicht rühren. Seine Stimme, sein Lächeln, sein Duft … jede Zelle in ihrem Körper wurde von sexuellem Bewusstsein überschwemmt. Ihre plötzlich harten Brustspitzen, die sich gegen den Stoff ihres Kleids drückten, rissen sie aus ihrer Starre.

„Normalerweise ändere ich meine Meinung nur, wenn es sich aufgrund von mehreren unabhängigen und verlässlichen Quellen als notwendig erweist“, erwiderte sie spitz und setzte sich.

„Registriert.“ Tuck verkniff sich ein Lachen und nahm ebenfalls wieder Platz. „Sie sind nicht von hier, oder?“

„Nein.“ Mehr sagte sie nicht. Nur weil Reese sie nebeneinander gesetzt hatte, musste sie nicht freundlich zu ihm sein.

Gina erbarmte sich. „Cassie ist Australierin.“

„Ah. Aus Sydney? Eine wirklich hübsche kleine Stadt, die ihr da habt.“

„Aus Canberra. Das ist Australiens Hauptstadt, was viele Leute nicht wissen.“

Mit einem flüchtigen, aber vielsagenden Blick auf Gina lehnte er sich zu Cassie herüber. „Wir könnten uns ja mal bei den Vereinen Nationen treffen.“

„Wohl kaum.“ Als Gegenreaktion lehnte Cassie sich so weit wie nur möglich in ihren Stuhl zurück. Sie sollte sich fest vor Augen halten, dass er ein Muskelprotz war – eine Sportskanone. Selbst wenn er so starke Pheromone ausstrahlte, dass sie im Smithsonian Institute untersucht werden sollten. Oder an den höchstbietenden Parfümhersteller verkauft werden. „Die UNO mit Sitz in Genf hat 193 Mitgliederstaaten. Genf liegt übrigens in der Schweiz.“ Muskelprotze hatten normalerweise nicht viel Ahnung von Geografie.

Amüsiert hob Tuck eine Augenbraue. Er war es gewohnt, dass die Leute seine Intelligenz infrage stellten. Oft spielte er ihnen sogar in die Hand, einfach weil es Spaß machte, sich ...

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