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Hoffnung im Herzen, Freiheit im Sinn

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autoren
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Vorspann
  8. 1. Etappe: »Niemand zwingt mich!«
  9. 2. Etappe: »Passport, bitte!«
  10. 3. Etappe: Ein Dorn im Auge
  11. 4. Etappe: Im Transit
  12. 5. Etappe: Durst
  13. 6. Etappe: »Meer ansehen kostet sechs Dinar«
  14. 7. Etappe: Paulus ist auch gekentert
  15. 8. Etappe: Festung Europa
  16. 9. Etappe: Frieren über dem Abluftschacht
  17. 10. Etappe: Der Schweizer Liebesbrief
  18. 11. Etappe: Illegal
  19. 12. Etappe: »Wer sind Sie?«
  20. 13. Etappe: »Wer? – Einer mit Flügeln!«
  21. 14. Etappe: Nachworte
  22. 15. Etappe: Dank
  23. 16. Etappe: Was, wenn meine Patenschwester aus Afrika dabei war?
  24. Literatur
  25. Karte

Über die Autoren

Zekarias Kebraeb wurde 1985 während der Kriegswirren in Eritrea geboren. 2002 ist er aus seiner Heimat geflohen, um dem unmenschlichen Regime der Militärdiktatur zu entgehen. 2006 wurde sein Aufenthalt in Deutschland genehmigt.

Er hat Deutsch gelernt und den deutschen Schulabschluss nachgeholt. Heute lebt er in Nürnberg und macht eine Ausbildung, mit der er auch anderen Flüchtlingen helfen kann.

Marianne Moesle, geboren 1960 im Allgäu, studierte Romanistik und Germanistik. Als freie Journalistin und Buchautorin schreibt sie für Die Zeit, BrigitteWoman, Chrismon und verschiedene Tageszeitungen.

Zekarias Kebraeb

Hoffnung im Herzen,
Freiheit im Sinn

Vier Jahre auf der Flucht
nach Deutschland

Aufgeschrieben von
Marianne Moesle


»Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut.«

Perikles

Juni 2001, Asmara/Eritrea, Richtung Norden: Asmara-Flughafen. Kurz vor meinem Abitur setzte ich mich nach Schulschluss auf mein grünes Fahrrad, made in Italy, und radelte los, sechs Kilometer direkt bis zum Flughafenterminal, dort, wo Asmara nach Afrika aussieht und die Straße aus der Stadt, die einmal Piccola Roma hieß, in einem Kreisel endet. Ich suchte mir eine kleine Anhöhe mit Blick auf das Rollfeld, setzte mich unter riesige Kakteen in den Staub, starrte in die Weite, auf diese unendlich scheinende Fläche aus Stein, Sand und Gestrüpp, spürte den Wind, der von den Bergen über das Hochplateau von Asmara strich. Die Luft war klar, es roch nach Wüste, nach Kamelen und Pferden, die mit ihren kleinen, bunt beladenen Fuhrwerken vorbeitrabten. Ich sah in den Himmel, und sobald ein Flugzeug startete, durfte ich mir etwas wünschen. Wie bei einer Sternschnuppe.

»Bitte, nimm uns mit nach Europa«, schrien wir als Kinder in den blauen Asmara-Himmel, wenn wir Flugzeuge fliegen sahen. Damals war ich fünf Jahre alt, 1990, kurz vor dem Ende des dreißigjährigen eritreisch-äthiopischen Kriegs. Unsere Stadt war abgeschlossen von der Welt, wir hatten Hunger und sangen mit Michael Jackson »We are the world«. Da brachten uns die Flugzeuge Säcke mit Mehl. Meine Mutter konnte wieder Brot backen, und wir Kinder schlugen uns den Bauch voll. Dieses Brot schmeckte anders als das, was wir kannten. Weil das Mehl aus dem Paradies kam. Mehl aus Europa.

Im Krieg wollte ich überleben, jetzt will ich frei sein. Frei denken, frei leben. Und keinen Wehrdienst leisten, zu dem uns die Militärdiktatur unseres Landes nach dem Abitur zwingt. Weil es kein Wehrdienst, sondern Sklavendienst ist. Eritrea, meine Heimat, Land am Roten Meer. Seit die italienischen Kolonisten aus dem fernen Europa Ende des 19. Jahrhunderts dieses schöne Fleckchen Erde entdeckt hatten, ist aus einem freien Land ein Militärgefängnis geworden. Ohne die eritreische Bevölkerung zu fragen, sprach die UNO das kleine Land am Horn von Afrika nach dem Zweiten Weltkrieg dem großen Nachbarn Äthiopien als Provinz zu. Dagegen wehrte sich Eritrea, und 1961 begann der längste Krieg auf dem afrikanischen Kontinent. Dreißig Jahre lang dauerte der Kampf um die Unabhängigkeit, und 1998 noch einmal zwei weitere furchtbare Jahre lang, bis heute halten die Grenzkonflikte an. Die Kriege haben das Land verwüstet, grüne Wälder und fruchtbare Felder verbrannten im Granatenhagel, und die Menschen, die unter den italienischen Kolonialherren verlernt hatten, Getreide und Hirse anzubauen, wurden zu Soldaten.

Denn Krieg traumatisiert, Krieg verbeißt sich im Kopf. Krieg, um nichts anderes kreisen die Gedanken. Es ist wie ein Spuk. »Krieg«, flüstert die Regierung, die seit 1994 jeden, der gehen kann, Frauen und Männer, zum Militärdienst einzieht und jeden Nakfa in die Rüstung steckt. Während die Bevölkerung am Hungertuch nagt und auf internationale Hilfslieferungen angewiesen ist, läuft Präsident Afewerki hemdsärmelig herum und spielt den mächtigen Mann, wenn er nicht gerade in einem seiner grünen Landcruiser durchs Land braust und Geld für Waffen verschleudert. Zweihundertzweitausend Männer und Frauen hat Eritrea unter den Waffen stehen, die größte Armee Schwarzafrikas, und sie wächst weiter. Immer mehr Soldaten werden rekrutiert, manche zur Unterstützung von somalischen Terroristen auch in die Nachbarregionen geschickt. Schulabgänger müssen in Zukunft das letzte Schuljahr in einem Armeelager verbringen, die Universität von Asmara wird geschlossen und durch technische Hochschulen in militärischen Ausbildungslagern ersetzt. Der Militärdienst, der für Männer und Frauen offiziell zwei Jahre dauert, wird routinemäßig verlängert, keiner weiß, wie lange. Es herrscht Dauerrekrutierung, Militärdienst lebenslang. Wenn ich an diese Unfreiheit denke, packt mich grenzenlose Wut. Eine Wut, die größer ist als die Angst vor dem Tod.

Kurz nach dem Krieg begann 2001 die große Flucht derer, die keinen Dienst an den Waffen leisten und frei sein wollen. Sechzig Eritreer flohen täglich über die Grenze in den Sudan, eintausendachthundert Menschen im Monat. Nur wenige Jahre später stellten weltweit Hunderttausende Landsleute Asylanträge, darunter die komplette Fußballnationalmannschaft.

Human Rights Watch bezeichnet das Land, dessen Grenzen für junge Menschen absolut dicht sind, als das größte Gefängnis der Welt. Wird Diktator Afewerki mit diesen Zahlen konfrontiert, lacht er und bezichtigt die ganze Welt einer großen Lüge. »Die Menschen sind nicht auf der Flucht«, erklärt er, »sie machen nur Picknick.«

Dabei blüht der Menschenhandel. Heute kostet die illegale Reise über die eritreisch-sudanesische Grenze bereits viertausend Dollar. Viertausend Dollar für einen Traum. Auch ich hatte diesen Traum. Frei sein, frei leben, frei handeln, frei denken.

Ich bin ein Mensch,

kann trotzdem fliegen,

weil ich Flügel habe

in meiner Seele,

stürze ich nicht ab

und träume …

… schrieb ich in mein Schulheft. Ich schrieb, und wenn ich schrieb, war das wie die Erfüllung all meiner Hoffnungen. Ich stieg mit den Flugzeugen auf in den Himmel und träumte mit offenen Augen. Von großen Abenteuern und vom Paradies in der Ferne. Europa! Doch eine Flucht ist kein Picknick. Flüchtlinge riskieren ihr Leben für die Freiheit.


1. Etappe:

»Niemand zwingt mich!«


2. März 2002, zu Hause in Asmara: Noch einen Schluck Tee, lauwarm, ich betrachte meine Mutter, die ich Adey nenne. Gebeugt steht sie in der Küche, ihr Gesicht sehe ich nicht, über ihre schwarzen Haarflechten, die sich um den Kopf winden, bevor sie sich wie ein Wasserfall über die Schultern ergießen, zieht sich eine weiße, pudrige Spur aus Mehl. Sie backt Injera, unser Hirsebrot für die ganze Woche. Der Teig, den sie mit einem großen Holzlöffel in einer blechernen Schüssel rührt, gluckst. Wie jeden Samstagvormittag. Die Sonne hat das Küchenfenster noch nicht erreicht, ich friere, falte für einen Moment meine Hände um die Teekanne auf dem blauen Holzkohleherd und schenke mir dann frischen Tee in ein Glas. Im Radio läuft FM-Eritrea, der Staatssender, rund um die Uhr, einen anderen haben wir nicht mehr. Der säuerliche Teiggeruch steigt mir in die Nase, Geruch meiner Kindheit. Alles wie immer. Sitze auf dem niedrigen, mit Ziegenleder bespannten Holzschemel vor dem Tischchen aus Plastik, trinke meinen Tee und beiße von süßem Brot ab, während ich die Bewegungen meiner Mutter beim Brotbacken verfolge. Das Zischen, wenn sie den Teig in die Kupferpfanne gießt, um das dunkle Fladenbrot wie Pfannkuchen zu backen, das Holzkohlefeuer, das sie mit einem Fächer am Glühen hält, und ihr Blick, der hin und wieder versonnen an der kleinen Muttergottesstatue im Regal hängen bleibt. Ob sie noch an unseren schlimmen Streit denkt?

Ich greife in meine grüne Stofftasche, die ich ab sofort nicht mehr aus den Augen lassen werde: Militärausweis, Militärjacke, ein paar Fotos, eine Lieblingskassette, der Brief meines Freundes Tantu mit Adressen – alles da. Auch die fünfhundert Dollar von meinem Bruder aus England, die ich in den Hosenbund eingenäht habe. Fertig. Da kommt Lilli, unsere Katze, und streicht mir um die Beine. Ich hebe sie hoch auf meinen Schoß, sie lehnt sich an meinen Bauch. Als ich ihr über den Rücken kraule, fängt sie an zu schnurren. Mir wird warm. »Ciao, mein Goldfleck«, flüstere ich in ihr Fell, »ich muss los!«

Erinnerung: Ich sehe hinaus in den Garten, wo der Aprikosenbaum anfängt zu blühen. Frühling. Knapp siebzehn bin ich, 1985 mitten in einer Hungersnot geboren, siebzehn Frühjahre, acht davon war Krieg. Acht Jahre Hunger, Angst, Ausgangssperre, Verdunkelung, Untertauchen. Als ich klein war, flüchtete meine Familie aufs Land, nach dem Tod meines Vaters schlug sich die Mutter mit uns Kindern in der Stadt durch. 1990, vor Kriegsende war Asmara abgeschlossen von der Welt. Wir hungerten, und ich erinnere mich gut an das Gefühl, wie es war, Abend für Abend mit knurrendem Magen ins Bett zu schlüpfen und die Bettdecke weit über den Kopf zu ziehen. Dann malte ich mir Essen aus: süße Beeren, Honigmilch und butterweiches Injera. Und ich weinte und stellte mir vor, wie es wäre in Freiheit zu leben. Dort hingehen, wo es etwas zu essen gibt. Europa! war das Zauberwort, das mich einlullte und satt machte, bis ich eingeschlafen war.

Am Tag, als der Krieg von 1998 ausbrach, saß ich in unserem Garten unter dem Aprikosenbaum auf dem Boden, den nackten Rücken nach vorn gebeugt, meine Arme um die Knie geschlungen, Duft vom Gras in der Nase, das ich abgezupft hatte. Adey leerte einen Eimer Wasser über meinem Kopf aus, um mir die Haare zu waschen. Es war Mai, die Luft klar in unserer Stadt in den Bergen, wo immer Frühling ist. Während zuerst meine Adey durch meine Haare rubbelte und dann ich selbst, schließlich war ich fast dreizehn, da hörten wir dieses entsetzliche Geheul von Kampfjets und Sekunden darauf Detonationen von Bomben. Ich schnellte hoch. Beißender Gestank in der Luft, grässlich schwarze Rauchschwaden zogen über die Stadt. Sie bombardierten den Flughafen! Wer sie? Die Äthiopier? Ich begriff es nicht. Abends dann war es stockfinster, kein Stern zu sehen, gespenstische Ruhe hüllte alles ein, aber an jeder Hausecke ein Wispern, wer getötet und wer verletzt worden sei.

Zwei Jahre dauerten die erneuten Kämpfe zwischen Eritrea und Äthiopien, viele schwarze Tage und Nächte. Viele Tote und Verletzte, Tausende. Einhundertzwanzigtausend Eritreer und Äthiopier tot, Millionen verletzt und die gesamte Bevölkerung traumatisiert. Oft versteckten meine jüngere Schwester und ich uns nach der Schule in fremden Häusern, gelähmt vor Angst. Zu Hause dann drängten wir uns schlotternd in Mutters Bett, wo sie mit uns betete und uns Märchen gegen die Angst erzählte. Ich flehte im Stillen, dass mein Vater aus Amerika käme, um uns zu sich zu holen. Aber er kam nie. Damals wusste ich noch immer nicht, dass er längst nicht mehr lebte.

Noch sehe ich das ungläubige Grauen im Gesicht meiner Adey, als die Nachricht kam, dass Samson, einer meiner beiden großen Brüder, schwer verletzt im Krankenhaus von Keren liege. Der lustige Samson, der mit sechzehn aufs Schlachtfeld gezwungen wurde, obwohl er keiner Fliege etwas zuleide tun konnte. Dabei hatten an diesem Morgen doch Vögel in unserem Garten gesungen. Eine frohe Botschaft, hatte die Mutter, abergläubisch wie sie war, gedacht.

Ich bin das vierte von fünf eigenen Kindern und einem Cousin, die meine Mutter allein großzog und durch die Kriegsjahre brachte. Ich weiß nicht, wie sie das geschafft hat. Ich war knapp drei, als mein Vater starb. Mein ältester Bruder Mikiele war sechzehn damals, kurz vor dem Abitur; Rahel war elf Jahre und kümmerte sich um uns Kleinere; Alex, der Cousin, der seine Mutter als Baby verloren hatte, war zehn; mein großer Freund, Samson, sieben, und meine kleine Schwester Adiam zwei Jahre alt. Die Frechste von uns allen und mir immer dicht auf den Fersen.

Nur die Großen wussten von Vaters Tod. Vor Adiam und mir hatte unsere Mutter ihn lange geheim gehalten, wie vieles in Eritrea vor Kindern geheim gehalten wird. Weil sie sich schämte, dass ihr Mann an einer schlimmen Krankheit gestorben war und sie ihre sechs Kinder allein aufziehen musste. »Eine Strafe Gottes«, munkelte man. In Eritrea glauben die Menschen, dass Krankheit und Tod Gottesstrafen sind, wofür, weiß keiner.

Mikiele ging nach seinem Abitur nach London, um Biologie zu studieren. Das war im dreißigjährigen Krieg vor der Unabhängigkeit, damals konnte man noch ins Ausland. Er war einer der jüngsten Doktoranden, obwohl er nebenher bei der BBC arbeitete. Geld verdienen – er musste für uns sorgen. Eine Witwenrente gab es nicht, und als die Mutter bei der Kirche um Hilfe fragte, schickte der Pfarrer einen Fotografen, der Adiam und mich fotografierte. Schwarz gelockte Waisenkinder mit großen, ernsten Augen. Wir waren hübsche Kinder, wir konnten traurig gucken, wir wussten, dass unsere Fotos die Herzen weißer Familien in Europa rühren würden. Ich hatte sogar eine Patenschwester in Deutschland, Franziska, deren Familie regelmäßig Geld ans arme Waisenkind in Afrika schicken sollte, nur kam dieses nie bei uns an.

Ein geflügeltes Wort in Eritrea sagt: Hast du einen Pfarrer in der Familie, bist du ein reicher Mann!

Eine Weile lang fragte meine Mutter nach dem Geld der Patengeschwister aus Europa. Meistens hieß es: Nichts angekommen! Trotzdem ging sie jeden Tag zur Kirche. »Gegrüßet seiest du, Maria …« Immer nachmittags um halb fünf und am Sonntag mit uns Kindern in frischen Kleidern. Sie hatte ihren gesamten Goldschmuck verkauft, um uns das tägliche Mittagessen kochen zu können. Ein paar Nakfa verdiente sie sich mit dem Schneidern von Schuluniformen dazu, weiße Hemden, rote Westen, blaue Hosen und Röcke. Aber das reichte nicht aus.

Europa kannte ich von meinem großen Bruder. Jeden Monat schickte er uns zehn oder zwanzig Dollar, einmal hat er das Geld sogar selbst gebracht. »In einer halben Stunde bin ich da!« Er rief vom Flughafen aus an. Wie aufgeregt unsere Mutter da mit dem Kehrbesen durchs Haus fegte und das »Juijuijui«, den Freudenschrei eritreischer Frauen ausstieß, sodass alle Nachbarn herbeigelaufen kamen. Das ganze Viertel feierte die Rückkehr meines Bruders, während ich fieberte wie an Weihnachten. Wann endlich durfte ich Geschenke auspacken? Doch Mikiele ließ mich zappeln. Wasserkocher, Farbfernseher, Bügeleisen, alle nur erdenklichen Elektrogeräte wurden verteilt. Erst am Abend, kurz vor dem Einschlafen, rückte er mit meinem Paket heraus: Jeans, ein rotes Polohemd und Adidas-Sportschuhe. Ich war so stolz, dass ich diese Schuhe sogar noch trug, als sie mir längst zu klein geworden waren. Sogar eine kleine Orgel stellte mein Bruder mir in mein Zimmer. »Zum Musizieren«, sagte er, wie das jeder echte eritreische Junge macht. Ich komponierte darauf, und bei einem kirchlichen Wettbewerb »Wer schreibt das beste Gospel?«, einer Art KSDS – Kirche sucht den Superstar, kam sogar einer meiner Songs auf den dritten Platz.

Europa, die neue Heimat meines großen Bruders, war für mich ein Land, in dem die Menschen immer genug Brot zu essen hatten, in riesengroßen Villen lebten und nie arbeiten mussten für ihr Geld. Denn das wuchs wie Gestrüpp aus Hauswänden an der Straße. Das hatten wir im Fernsehen gesehen, alle meine Freunde meinten das. Geldautomaten kannten wir nicht. Als meine große Schwester, Rahel, kurz vor ihrer Hochzeit an Diabetes erkrankte und der Bräutigam sie sitzen ließ, sagte meine Mutter: »Das hätte es in Europa nicht gegeben.«

Europäer, davon waren wir überzeugt, straft Gott nicht mit Krankheiten, Krieg und Tod. Überhaupt konnte ich mir nicht vorstellen, woran Europäer sterben. Sterben Europäer überhaupt? Europa war für uns das Paradies. Mit Schnee, der die grünen Täler und Berge wie Schmuck zum Glänzen bringt.

Juni 2001 bis 2. März 2002, versteckt in Asmara: Ich war sechzehn Jahre alt, die grünen Militärbusse standen vor den Türen der ehemals katholischen Klosterschule, die ich besuchte, um uns am letzten Schultag direkt vom Abitur weg ins Militärlager Sawa zu holen. Der Krieg von 1998 war vorbei, aber die Angst vor dem Feind noch lange nicht. Im Gegenteil, unter den grausamen Eindrücken von Zerstörung, Hunger und Tod sah das Regime seine Macht von allen Seiten bedroht und hatte sich innerhalb kürzester Zeit in eine hysterische Militärdiktatur verwandelt. An Gesetz und Verfassung, die das Volk forderte, dachte niemand mehr, stattdessen wurde die lebenslange Militärpflicht für Mädchen und Jungen eingeführt, die, wenn man Glück hatte, später in einen Zivildienst umgewandelt wurde. Wer andere Träume hatte – Pech gehabt.

So hieß es fortan für jeden Abitur-Jahrgang Ciao bambini, Kindheit vorbei, jetzt bläst ein anderer Wind. Angreifen, schießen, ducken und decken, mutig und stark sein, aushalten, herhalten, hinhalten. Aber nur wenige Jugendliche gingen freiwillig zum Militär. Den Soldatendrill, die üblichen Folterstrafen – an den Füßen gefesselt mit ausgebreiteten Armen in der Sonne stehen, Untertauchen des Kopfes in kaltes Wasser – und die Gefängnisstrafen ohne Prozesse bei geringsten Zuwiderhandlungen, all das war kein Geheimnis. Nein, ohne mich!

Ich schwänzte die Abifeier am letzten Schultag. Die Militärzeit würde ich nicht überstehen. Ich wollte Gedichte schreiben und Geschichten, Musik machen und tanzen. Nicht umsonst nannte mich meine kleine Schwester Adiam »Tagträumer«. Wenn ich an das Militär dachte, hatte ich immer meinen Cousin Alex, der wie ein Bruder für mich ist, vor Augen, der getürmt war und dann … Nein! Auf keinen Fall. Noch immer sitzt Alex in einem dieser Foltergefängnisse, wo er sich mit zwei Häftlingen einen heißen Blechcontainer teilen muss, zwei auf zwei Meter, schon über zwei Jahre lang. Einmal am Tag dürfen sie auf die Toilette, die einzige Mahlzeit besteht aus Linsen und Tee, zwischendurch wird gefoltert. Wann er entlassen wird, weiß der liebe Gott.

Verdammt, ich will nicht daran denken! Aber ich habe von Frauen gehört, die nach ihrem Militärdienst traumatisiert von brutalen Übergriffen nur noch an Wänden entlang rückwärts gehen, und von Männern, die wilde Schreie von sich geben und nicht mehr schlafen können. Neben Äthiopien gehört Eritrea zu den Ländern mit den grausamsten Strafen der Welt. Ich wusste, wovor ich Angst hatte.

Unter ein paar Hundert Jugendlichen bei der Abiturfeier war mein Fehlen nicht aufgefallen. Adiam, meine schlaue kleine Schwester, die mit mir Abitur machte, weil sie eine Schulklasse übersprungen hatte, war eingeweiht. »Komm, wir tauschen die Rollen«, hatte sie mir wenige Wochen zuvor vorgeschlagen. »Du bleibst bei Mutter zu Hause wie ein Mädchen, und ich lerne schießen.« Wahrscheinlich hatte sie recht, wenn sie meinte, dass ich viel zu eigensinnig, zu politisch und zu ängstlich für den Militärdienst sei. Und naiv außerdem. Aber ich konterte nur: »Du wirst schon sehen, wir können ja um die Wette ballern.« Von wegen.

Im Gegensatz zu mir ist Adiam quirlig und draufgängerisch. Ich wusste alles von ihr, sie alles von mir. Wenn ich traurig war, brachte sie mich zum Lachen. Dafür verriet ich sie nicht, wenn sie Süßigkeiten aus Mutters Kleiderschrank stahl, und kassierte manchmal sogar die Prügel dafür. Süßigkeiten waren rar. An Neujahr zogen wir gemeinsam mit brennenden Kaktusblättern durch die Straßen, ließen die Leute für ein paar Münzen darüberhüpfen, manchmal begleitete sie mich mit einer Blechtrommel, wenn ich in ein Holzstück, das ich zum Mikrofon umfunktionierte, alte Befreiungslieder grölte. Eigentlich war ich schüchtern, aber wenn ich singend durch die Straßen tanzte, vergaß ich alles um mich herum.

Und während meine Freunde ihre Abiturzeugnisse und Militärausweise unter feierlichen Reden in Empfang nahmen und dann über staubige Wüstenpisten ins Militärlager rumpelten, drehte ich zu Hause die Musik laut auf: »There’s a choice, we’re making«, sang ich mit unserem Idol. Ich hatte mich auch entschieden. Aber anders. Erst mal verweigern.

Ich machte die Betten wie jeden Tag, Decken ausschütteln und zusammenlegen. Meine Mutter, Adiam und ich, die einzigen Kinder, die noch zu Hause waren, haben uns die Hausarbeit geteilt. Jetzt musste ich zusätzlich Adiams Job übernehmen, Fußböden wischen, vier Zimmer und Küche. Jeden Tag, rot-weiß, blau-weiß, grün-weiß, schwarz-weiß gemusterte Fliesen. Ich liebte diese Arbeit, wie Tanzen war das, immer im gleichen Rhythmus drehte ich mich mit Putzbürste und einem alten T-Shirt als Lappen. Dass das in den nächsten zehn Monaten meine einzige Bewegung sein würde, konnte ich nicht ahnen, sonst wäre ich vielleicht nicht so übermütig gewesen.

Wie über einen gelungenen Jungenstreich freute ich mich, dass ich dem Militär entwischt war. Dieses Mal. Später, unter unserem Awei’e-Baum im Garten, den wir auch Zahnbürstenbaum nennen, weil die Ästchen zum Zähneputzen genutzt werden können, sah ich der untergehenden Sonne nach, die sich in den verzinkten Dächern der Nachbarhäuser spiegelte, und während ich auf den Zweigen und Blüten meines Lieblingsbaums kaute und frische Luft mein T-Shirt aufblähte, fühlte ich mich für einen kurzen Moment – frei. Freiheit, die nach Awei’e-Baum schmeckt.

Ich hoffte, es würde reichen, mich unsichtbar zu machen, aber ein paar Tage später flatterte ein neuer Einberufungsbescheid ins Haus, der mich zur städtischen Militärverwaltung zitierte. Ich ging nicht hin, sondern ließ den Termin verstreichen, weil ich ahnte, dass man Schüler, die sich wie ich dem Militärdienst entzogen hatten, mit Gewalt in Autos zum Abtransport zwingen würde. Erst ein paar Tage später meldete ich mich bei der Militärverwaltung. »Meine Mutter hat mich gebraucht, sie ist allein, ich bin der einzige Mann im Haus«, antwortete ich der Beamtin nach dem Warum und Wieso. »Was? Allein? In meiner Akte steht, dass deine Mutter fünf Kinder hat. Da wird doch wohl einer …?«

Ein großer Bruder sei in England, meine große Schwester verheiratet, ein Cousin im Gefängnis, ein anderer Bruder beim Militär, meine kleine Schwester auch. Daraufhin lachte sie mich aus. »Weißt du was? Es gibt Mütter in Eritrea, die nur ein einziges Kind haben, und das geht auch zum Militär.« Ohne meine Einwände zu beachten, beschimpfte sie mich als Feigling, Drückeberger, Vaterlandsverräter. »Ruf sofort deine Mutter an; sie soll dir ein paar Kleider fürs Militärlager vorbeibringen.« – »Ich werde nicht zum Militär gehen«, sagte ich trotzig. – »Aha, der junge Mann macht sein Programm selbst! Wo gibt’s denn so etwas? Wir sind es, die dein Programm machen, dass das klar ist!«

»O heiliger Franziskus, hilf!« Mit Zeter und Mordio kamen meine Mutter und ihre blinde Freundin Hadas, die uns jeden Tag zum Kaffeetrinken besuchte, angerauscht. Ich sei wie eine Sehhilfe, eine Brille für sie, rief die Freundin unter Anrufung aller Heiligen; auch meine Mutter flehte und bettelte, der einzige Sohn noch zu Hause, und ich selbst bestand auf meinem politischen Grundrecht auf Selbstbestimmung. Der Militärbeamtin war das zu viel. »Dummer Junge, der wie ein Politiker redet.« Mit meiner Zusage, mich zur nächsten Einberufung ein paar Wochen später zur Stelle zu melden, entließ sie mich. »Ich mach keinen Sklavendienst«, zischte ich beim Rausgehen, »und wenn ich deswegen desertieren muss.«

Wer sich nicht meldete, war ich. Dickkopf, schon immer gewesen, der sich von diesem Tag an zusammen mit seinem Freund Tantu zehn Monate lang auf unserem Dachboden verkroch wie ein Schwerverbrecher auf der Flucht. Tantu ist der Spitzname meines Freundes, Moskito auf Tigrinya, weil er so klein und wendig ist. Im Gegensatz zu mir hatte er seinen Militärdienst sogar begonnen, war dann aber bei nächster Gelegenheit abgehauen. Ich war froh darüber, denn geteilte Langeweile ist halbe Langeweile. Und es war langweilig, unendlich langweilig im Versteck auf dem Dachboden. Wir warteten, warteten und warteten und wussten nicht einmal, worauf wir warteten. Wie im Gefängnis.

Dreihundert Tage, siebentausendzweihundert Stunden, vierhundertzweiunddreißigtausend Minuten. In denen wir einfach nur nichts taten, nichts anderes, als durch eine Dachluke Löcher in den Himmel zu starren. Wir hörten Radio, manchmal diskutierten wir über Politik, manchmal steigerten wir uns in die kühnsten Fantasien über Europa, wie die Menschen dort in Freiheit lebten, reisen konnten, wohin sie wollten, studieren, Party machen; manchmal erzählten wir aber auch Witze und brachten uns zum Lachen, meistens froren wir.

Oft lauschten wir von oben den Gesprächen meiner Mutter und ihrer Freundin oder meiner Schwester Rahel, wenn sie zum Kaffeetrinken vorbeigekommen waren. Rahel war immer fröhlich, obwohl sie es nicht leicht hatte. Wie der Vater war sie an Diabetes erkrankt. Eine Schande, wenn das nur nicht mit dem Teufel zugegangen war. Mutter hatte sie zum Heiler geschickt, der sie in den Körper schnitt, damit das schwarze, böse Blut hinausfloss. Alles Humbug, aber es war Krieg, und wir hatten kein Geld für Medikamente. Wie durch ein Wunder hat Rahel überlebt und nach der ersten geplatzten Hochzeit einen Mann geheiratet, den nicht wie beim ersten Mal die Mutter ausgesucht hatte, sondern sie selbst. Während ich im Versteck war, wurde ihre kleine Tochter, meine süße Nichte Ella, geboren.

Meistens diskutierten Mutter und Schwester an solchen Nachmittagen über die Beschneidung. Rahel war dagegen, Adey dafür. »Die Tradition … Was sollen denn die Nachbarn denken?« – »Mir egal«, entgegnete Rahel trotzig. »Die Nachbarn werden sich damit abfinden, wenn sie es erfahren. Deine kleine Enkeltochter aber wird sich mit den Schmerzen nie abfinden, so wie ich mich auch nicht damit abgefunden habe.« Mit der Mutter konnte man sich streiten, sogar heftig, aber zum Schluss lag man sich meistens weinend in den Armen. Tantu und ich hätten am liebsten mitgeheult.

Trotzdem: Es war ein eiskaltes, muffiges Stundentotschlagen auf dem Dachboden, kein Leben. Nach dem wir so hungerten. Der Krieg gegen Äthiopien war zu Ende, wir waren jung, wollten Spaß, so wie wir es in amerikanischen Serien im Fernsehen sahen. Wie lange hatten wir nicht mehr Basketball im Hof unserer Francesco-Kirche gespielt? Keine Musik mehr gemacht? Keine Gedichte und Geschichten in unserem wunderschönen Jugendstiltheater gelesen wie während der Schulzeit. Ich wollte wieder sechsstündige Bollywoodschnulzen aus der Videothek holen, sie bis zur Hälfte gucken, dann zurückbringen, da mein Geld nur für eine Dreistundenausleihe ausgereicht hatte. Oder mir einen Kassettenrecorder um den Hals hängen und unter dem tiefblauen Asmara-Himmel zu eritreischen Gospels tanzen. Stattdessen waren wir weggesperrt, verstecken war unser Alltag.

Immer wieder versuchte meine Mutter, mal im Guten und mal im Bösen, mich dazu zu bewegen, mich doch noch beim Militär zu melden. Aber ich wollte nie und nimmer in dieses Straflager, wie wir dazu sagten. Systematisch wurden die Stadtviertel von den Männern mit den Initialen MP (military police) auf den Ärmeln durchkämmt. Davor fürchteten wir uns, vor unserem eigenen Militär, das Jungen und Mädchen aus ihren Häusern und Familien herausriss, um sie zu Soldaten zu drillen. Einmal, Tantu und ich hielten uns bei seiner Familie versteckt, standen plötzlich Soldaten, bewaffnet bis an die Zähne, vor der Tür. Eine Razzia. »Jetzt haben sie uns.« Panisch vor Angst verbarrikadierten wir uns in einer Abstellkammer.

Die Soldaten polterten durch die Zimmer, drehten jedes Kissen um, stocherten mit Gewehrkolben unter Betten und in Schränken und rüttelten zuletzt an unserer Tür. Das Zimmer sei an einen ausländischen Studenten vermietet, log Tantus Schwester. Es war wie ein Wunder, aber die Soldaten glaubten ihr.

Unser Dachboden mit Blick auf eine Militärkaserne schräg gegenüber war unsere Zuflucht, wo wir monatelang auf eine Lösung warteten, die es nicht gab. Wie ich diese mit Stacheldraht umwundenen Mauern, diese protzigen Klötze aus grauem Beton samt den monströsen Wachtürmen hasste! Schon als Kind hatten sie mir einen Schrecken eingejagt, und die Soldaten, die aus und ein gingen und uns drangsalierten, wenn sie wollten, oder auch nicht.

Das war unser Leben, kein Leben, versteckt leben ist kein Leben! Entweder Tantu und ich begaben uns endlich freiwillig in die Sklaverei, denn etwas anderes ist es nicht. Oder? Wir liefen weg! Der einzige Ausweg. Wenn man uns schnappte, würden wir mit Gewalt ins Militärlager gebracht, wenn nicht, dann hatten wir vielleicht eine Chance. Flucht! Genau, ein neues Zauberwort. Aber wohin? China, Indien, Amerika, keine Ahnung, wir hatten nur wenige Bilder im Kopf. Ganz langsam keimte diese Hoffnung in uns auf, bis wir uns schließlich jeden Morgen nach dem Aufwachen gegenseitig fragten: »Wohin?« Wohin würden wir gehen, wenn wir das Land verlassen könnten?

Europa? Europa war der einzige Erdteil, den wir meinten zu kennen. Dorthin träumte ich mich in eine grüne Wiese voll mit gelben Blumen. Schneeflocken fielen vom Himmel und tanzten auf meinen dunklen Haaren, die lang nach allen Seiten abstanden. Wie Silberperlen und Diamanten legten sie sich auf meine dunkle Haut, weich und warm fühlte sich der Schnee an – so stellte ich mir Europa vor.

Zuerst war es nur ein Traum, ein Spiel, doch mit der Zeit wurde es ernst, immer öfter sprachen Tantu und ich davon, wie es wäre zu flüchten. Auf ins gelobte Land: Richtig euphorisch wurden wir und verdrängten die Gedanken an die vielen tausend Migranten aus Afrika, die auf dem Weg nach Europa in der glutheißen Sahara verdursteten, von Menschenhändlern getötet wurden, im Mittelmeer ertranken oder sich in Europa aus lauter Enttäuschung aus den Fenstern der Asylheime stürzten. Nein, davon wollten wir nichts wissen. In unseren Köpfen streiften wir durch Wiesen und Wälder, in Wirklichkeit wussten wir nicht einmal, wie wir bis zur nächsten Straßensperre kommen sollten.

»Schlepper gefunden!« An einem Morgen wurden wir zu Tantus Familie gerufen, weil sie tatsächlich einen Mann organisiert hatte, der uns über die eritreisch-sudanesische Grenze bringen sollte. »Sorry, nur einer von euch …«, sagte dieser jedoch, als wir vor ihm standen. Knüppelhart. »Nein, zwei nehme ich nicht mit!« – »Warum?« Tantu wollte auf keinen Fall ohne mich los. – Das Risiko mit zwei Flüchtlingen sei ihm zu groß, sagte der Schlepper achselzuckend, so einfach, es sei denn, wir legten einen Tausender drauf. Tantus Familie, die seit Monaten für die Flucht ihres Sohnes Geld gespart hatte, drängte ihn.

»Mach die Fliege, Moskito!«, sagte ich, obwohl ich todunglücklich war. Um meine Enttäuschung zu überspielen, stieß ich meine Schulter gegen seine. »Ich werde dich schon finden in Europa.« Hand drauf.

Von diesem Tag an war ich allein. Und wütend, mein monatelang aufgestauter Frust gärte, ich rannte von morgens bis abends durchs Haus. Wollte auch weg, musste flüchten, die Heimat verlassen, weggehen von diesem schönen Stück Erde, das seine Kinder den Waffen opfert, die Familie, meine Mutter zurücklassen, meinen großen Bruder Mikiele in England anrufen und bitten, mir Geld zu schicken.

Hat er sofort getan, ohne lange nachzufragen, wieso und warum. Das ist nicht seine Art, lieber steckt er seinen Kopf zwischen die Bücher. Dass man sich in der Familie gegenseitig hilft, selbst wenn man nicht immer mit dem Vorhaben des anderen einverstanden ist, ist eine Selbstverständlichkeit in Eritrea. »Viel Glück«, wünschte er mir und: »Pass auf dich auf, kleiner Bruder!« Wenn ich in Europa sei, solle ich mich melden.

David, ein entfernter Verwandter, Krankenpfleger, wusste, wie man gefälschte Militärausweise beschafft, um durch die Polizeikontrollen zu kommen, die an jeder Straßenecke lauern. Ihn wollte ich auch noch um Hilfe bitten. Gleich, nachdem ich mit Adey gesprochen hatte.

Streit: »Adey?« Die Wohnung war leer. Aus, ich will mich nicht mehr verstecken! Nie mehr unters kalte Dach, wo ich mich vor Spinnen ekelte. Das Holz splitterte, so heftig knallte ich die Tür zu meinem Zimmer hinter mir zu. Noch ein Funke und alles explodierte, ich explodierte. Ich warf mich auf das Bettgestell aus Eisen, es knarrte, stierte auf die blaue Wand gegenüber, an die ich ein Poster von Michael Jackson gepinnt hatte. »Mensch, hast du es gut, keiner verbietet dir deine Träume.« Mir war zum Heulen. Ich wollte doch nichts Besonderes: nur eine Zukunft!

Reglos blieb ich auf dem Bett liegen. »Ich werde nicht gehen!«, hatte ich beim letzten Streit, als mich meine Mutter überreden wollte, der Einberufung zu folgen, gebrüllt. Ich war kein Rebell, überhaupt nicht. Eigensinnig schon. Und darauf war meine Adey sogar stolz. Nicht umsonst erzählte sie gern vom Tag meiner Geburt: »Es war Sperrstunde, als Zekarias zur Welt kam, aber er war dagegen, hatte halt seinen eigenen Willen!« Als in der Nacht damals die Wehen einsetzten, musste meine Mutter die feindlichen äthiopischen Soldaten rufen, die Asmara belagerten, damit diese sie ins Krankenhaus fuhren. Weit nach Mitternacht kam ich zur Welt, machte jedoch keinen Mucks, so erschöpft sei ich gewesen. Erst am nächsten Tag, als mein Vater mit meinen Geschwistern ins Krankenhaus kam, tat ich den ersten Schrei. Gleich zu Beginn meines Lebens hatte ich es geschafft, Grenzen zu überschreiten. Ich werde es wieder schaffen!

Ich stand auf, öffnete ein Fenster und spähte zur Straße hinaus, hinunter Richtung Harnet Street, der Straße der Freiheit. Ich will nicht mehr, hallo. Wo bleibt sie denn bloß, meine Adey? Ein paar Mal hatte sie sich den Spaß erlaubt und mir entgeistert zugerufen: »Zekarias, zieh den Kopf ein, sonst sieht dich der Präsident und schleppt dich höchstpersönlich ins Militärlager!« Meine Adey hatte Humor. Meine beste Adey der Welt, und die schönste, wenn sie ihre Haare zu feinen Zöpfchen über den Kopf flocht. Wenn wir miteinander stritten, sagte sie zum Schluss jedes Mal: »Ja, ja, ihr Jungen meint immer, ihr könnt mit euren Dickschädeln durch die Wand und die ganze Welt umkrempeln. Aber das ist gut so. Wer, wenn nicht ihr, soll denn die Welt verändern? Auch wenn ihr euch dabei ein paar Beulen holt.« Doch je länger ich mich versteckte, desto häufiger geriet ich mit Adey aneinander.

Das Quietschen der schweren Eisentür, die in unseren Hof führte: Das musste sie sein. Eine schwarzblaue unförmige Sporttasche in der linken Hand und mehrere Plastiktüten in der rechten kam Adey auf das Haus zu. Sehr aufrecht, trotzdem müde. Mehr ahnte ich, als dass ich es wusste: In den Taschen waren wieder tausenderlei Dinge, die ich ihrer Meinung nach fürs Militär brauchte. Immer brachte sie etwas mit aus der Stadt. Trockenfrüchte, Vitamintabletten, Malaria-Mittel, langärmlige T-Shirts, kurze Hosen … Verdammt! Sie konnte es nicht lassen. Wut schäumte in mir hoch, gewaltig, keine harmlose, kleine, niedliche. Sondern ein Dammbruch.

»Warum hast du mich in die Welt gesetzt?«, schrie ich unvermittelt, kaum dass sie durch die offene Haustür kam. »Verdammt …« Ich war durch den Flur zur Haustür gerannt, wo Adey wie angewurzelt stehen blieb. Ein wenig vornübergebeugt, sodass ihr das lila Chiffonkleid über die Füße strich. »Was ist denn los, Zekarias?«, rief sie sorgenvoll, stellte ihre Taschen ab. So hatte sie mich noch nie erlebt. »Mensch, du wusstest doch genau, was für ein beschissenes Leben das hier ist, oder?« Barfuß stapfte ich auf den schwarz-weißen Fliesen auf und ab, schlug mit der flachen Hand gegen die Wand. »Krieg, Hunger, Sklaverei, bumm und tot. Willst du das? Das ist doch sinnlos.«

»Zekarias, bitte«, versuchte meine Mutter mich zu beruhigen. »Was willst du denn? Du kannst dich doch nicht länger verstecken.« Dass sie es gut mit mir meinte, wusste ich, jaja. Auch sie hatte dieses dämliche Versteckspiel satt und fürchtete sich vor dem Tag, an dem man mich finden würde. Aber jetzt ging es nur um mich, um meine Zukunft. Und ich schrie’s heraus: »Warum hast du mich überhaupt geboren? Als Kanonenfutter? Noch nie etwas von Verhütung gehört, oder?« – »Zekarias, spinnst du? Ich hatte keine Wahl und nahm die Kinder, wie sie kamen.« – »Aha, du hattest keine Wahl? Nimmst so hin, was kommt?« – »Ja, genau so!« – »Hast du denn keine eigene Meinung, Adey, hat dich dieses Land schon so kleingekriegt?« – »Nein, nicht klein, sondern vernünftig.« – »Kinderkriegen aus Vaterlandspflicht oder Mutterpflicht, ha?« – »Zekarias, hör sofort auf.« Gern hätte ich ihr entgegengeschleudert: Ach, zur Hölle mit Afrika, zur Hölle mit Eritrea. Das einen zum Militärdienst zwingt, alle zwingt. Ich will aber nicht, sondern demokratisch leben, frei leben! Und jetzt schickt mich sogar meine eigene, meine liebste Adey …? Obwohl ich ihr hundert Mal gesagt hatte, dass ich mich nur als Gefangener in Handschellen ins Militärlager nach Sawa transportieren lasse.

»Willst du wirklich, dass deine Kinder als Sklaven im Gefängnis oder im Krieg landen?« Sie musste doch endlich begreifen. – »Natürlich nicht …!« – »Ich an deiner Stelle hätte keine Kinder in die Welt gesetzt, das wäre vernünftig gewesen, nicht in diese Welt.«

»Aber Zekarias, ich, ich schicke dich doch nicht ins Gefängnis.« – »Und die Klamotten, mit denen du mich versorgst – was soll das? Ich träume von einem besseren Leben. Und wenn es sein muss …« – »Wie willst du denn vom Träumen leben?«, unterbrach Adey mich entschieden.

Ohne ihre Taschen im Eingang weiter zu beachten, raffte sie nun ihr Kleid über dem Bauch zusammen und stieg über unsere Hühner, die sich mittlerweile um ihre Füße geschart hatten. Dann löste sie umständlich die Gazella, ihr Tuch, von Schultern und Kopf und legte es auf die hölzerne Ablage im Flur. Meine Freunde beneideten mich, weil ich mit meiner Mutter über alles reden konnte, auch wenn wir unterschiedlicher Meinung waren. Das ist nicht üblich zwischen Mutter und Sohn in Afrika. Sie verstand mich, auch wenn wir über arrangierte Ehen, Beschneidung oder Hokuspokusheiler stritten und sie sich über meine modernen und ich mich über ihre traditionellen Ansichten lustig machte. Andere Eltern ziehen frechen Kindern einen Gürtel über den Rücken und stecken ihre Köpfe in Säcke mit scharfem Pfeffer.

»Jeder muss helfen, unser Land aufzubauen«, sagte sie jetzt. »Eritrea ist unabhängig …« – »Dass ich nicht lache – unabhängig? Eritreas Berge und Täler vielleicht. Aber die Freiheit eines Landes ist doch nichts wert, wenn ich nicht tun kann, was ich will.«

»Zekarias, unsere Kinder sollten es einmal besser haben als wir; dafür haben wir gekämpft.« Meine Mutter streckte ihren Arm mit dem dunklen Hennamuster von einer vergangenen Hochzeit nach mir aus. Noch immer wollte sie mich beruhigen. Doch ich wich zurück, stemmte mich trotzig gegen die gelblich getünchte Flurwand und stützte mich mit einem Fuß nach hinten ab.

»Besser? Dass ich nicht lache, indem ihr uns zwingt, einem Diktator zu dienen und weiterzukämpfen?« Bei diesen Worten wurden Mutters dunkle Augen ganz klein; ich sah genau die Fältchen und das Zucken um ihren Mund. – »Aber«, sagte sie nach einer Weile traurig, »seit zehn Monaten hängst du nur herum. Was willst du denn tun, wenn du nicht zum Militär gehst?«

Ja, was wohl? Nichts. Ich wusste es nicht. Nur eines, ewig so weitergehen wie bisher konnte es nicht. »Träumen will ich, nicht schießen; schreiben, singen, tanzen, spielen, so wie andere Jugendliche auf der ganzen Welt …« Warum akzeptierte sie das nicht? Wenn ich schrieb, war das die Erfüllung. Schon während meiner Schulzeit schrieb ich. Viele Gedichte und Geschichten, vor allem herzzerreißende Liebesgeschichten, die meisten davon waren sogar in einer Jugendzeitschrift veröffentlicht worden. Die vergangenen Monate im Versteck hatte ich sogar unter einem Pseudonym weitergeschrieben.

Ich liebe die Heimat,

ich liebe die Armut,

mir fehlt die Gerechtigkeit,

ich leide unter der Macht der Mächtigen,

ich leide unter meiner Ohnmacht,

ich will nicht länger zusehen,

ich will nicht mehr trauern,

ich will etwas tun.

Aus der Traum. Vergiss das Schreiben! Genau kalkuliert, nämlich eine Woche nach dem verheerenden Terroranschlag in New York, am 18. September 2001 um die Mittagszeit hatte Solomon Abera, einer der bekanntesten eritreischen Journalisten, im Staatsradio verkündet: »Ab heute ist die freie Presse verboten.« Von jetzt auf gleich wurden unabhängige Fernseh-, Radio- und Zeitungsredaktionen aufgelöst und oppositionelle Journalisten zusammen mit Ministern, die dagegen waren, ins Gefängnis geworfen. Ohne dass die Weltöffentlichkeit davon Notiz genommen hätte.

Bei diesen Gedanken kochte von Neuem die Wut hoch, bodenloser Zorn. Mit einem Ruck löste ich mich von der Wand, nahm Anlauf und kickte Mutters Einkaufstaschen durch die offene Haustür, hinaus ins verdorrte Gras: »Was wird jetzt aus mir? – Leben will ich!«

Aufgeregt stoben unsere Hühner durcheinander. Adey liebte ihre Hühner, die sie alle von Hand aufzog. Nun aber nahm sie keine Notiz von der gackernden Meute, sondern atmete laut durch, richtete sich gerade auf. Dann sah sie einen Moment lang nach oben, hoch in die Aprikosenbäume vor unserem Haus, rosarot mit Blüten voll wie Morgenwolken. »Zekarias …!«

»Ich pfeif auf die Unabhängigkeit von Eritrea, wenn ich keine eigene Meinung haben darf!«, schrie ich. »Das ist mein Menschenrecht. Weder du noch der Staat, absolut keiner kann mich zwingen. Du wirst schon sehen …« Und plötzlich wurde meine Stimme ganz leise. »Ich finde einen Weg!« – »Pass auf, dein Eigensinn wird dir noch vergehen.« – »Genau, und wenn’s sein muss … im Meer nach Europa!« – »Nein!« – »Immer noch besser, als hier bis zum Tod auf meine Freiheit zu warten.« – »Nein, du hast keine Wahl und du machst deinen Militärdienst wie alle anderen auch, basta. Selam habeni! – Und jetzt lass mich in Ruhe!«

»Du wirst schon sehen …«, mit diesen Worten hechtete ich durch den dunklen Flur zurück ins Haus, nicht mehr auf den Dachboden, sondern in mein Zimmer, wo ich mich bebend in eine von meinen vielen Decken einwickelte. Lieber Gott, hier war doch nichts außer Stillstand. Ich – gefangen im Nochnicht, bewegungslos, starr und stumpf. Aber ich will laufen, fort von hier.

Vater? Plötzlich dachte ich an ihn. Von Militär und Krieg hatte er nie etwas gehalten. Im Gegenteil, während der dreißigjährigen Auseinandersetzung mit Äthiopien hat er als Lehrer an der Universität von Addis Abeba in Äthiopien und später auch hier in Asmara seinen Studenten beigebracht, selbstständig zu denken, selbstständig zu handeln, selbstständig, nicht als Sklave …

Ich musste eingeschlafen sein, denn als ich aufwachte, war es dunkel. Im Flur leises Schlurfen, Adey, die sich fürs Bett fertig machte, dann wieder Stille. Die Nacht draußen war sternenklar und kalt. Ich zündete eine Kerze an, die lange Schatten an die Wand warf, und plötzlich hörte ich Paviane von den nah gelegenen Bergen heulen, Chöre von Tieren, die jaulten und lachten. Frei, mit einem Mal fühlte ich mich frei, frei wie seit zehn Monaten nicht mehr. Alle Ängste und Skrupel verflogen.

Mein Blick blieb bei Michael Jackson hängen: silberner Anzug, silberne Schuhe, weiße Socken, das Mikrofon in der Hand mit den eleganten Glitzerhandschuhen, die Haare glänzend und glatt, die Haut hell, Sonnenbrille und schwarzer Hut. Das war kein Trugbild, er lebte. Er konnte singen und tanzen und moonwalken, wohin und so lange er wollte.

Er sei gut in Khartoum im Sudan angekommen, hatte mir Tantu in einem Brief geschrieben: »Komm, Zaki, mach dich auf den Weg!« War ich es nicht sogar meinem Vater schuldig, für meine Freiheit zu kämpfen? Er wäre stolz auf mich, wüsste er von meinen Plänen. Und wer weiß, vielleicht sah er mir ja von oben im Himmel aus zu! Ich lachte in die Dunkelheit, und alles schien ganz einfach: aufstehen und gehen. »Andiamo! Herr Präsident, Zeit fürs Picknick«, blies ich meine Worte in die Kerzenflamme, sodass sie anfing zu flackern und dann ausging. Mein Entschluss stand fest: Ich würde laufen, ohne mich umzudrehen.

Lilli miaute an der Zimmertür: »Komm rein, du Goldgefleckte.« Wie oft habe ich mich mit meiner Schwester Adiam um sie gestritten. Bei wem Lilli abends beim Fernsehen liegen darf, wer sie zum Schlafen mit zu sich ins Bett nimmt und zu wem sie freiwillig kommt. Dann haben wir die Katze entscheiden lassen, ließen unsere Zimmertüren offen, und Lilli kuschelte sich zu Adiam oder zu mir. Kam sie zu mir, habe ich meine Schwester ausgelacht: »Du hast verloren, sie schläft bei mir, ätsch! Lilli hat Geschmack, sie mag dich nicht, nur miiiiiich.« Seit meine Schwester beim Militär war, kam Lilli jeden Abend zu mir. Schnurstracks hüpfte sie auf meine Decken, wenn ich ihr die Tür öffnete. Sie wird mir fehlen.


2. Etappe:

»Passport, bitte!«


NZZ Online, 4. November 2007

Nichts wie raus aus Eritrea

Dieses Jahr stellen Eritreer die meisten Asylgesuche in der Schweiz. Schuld daran ist die Praxis, eritreische Deserteure aufzunehmen, vermutet der Justizminister. Aber auch im übrigen Europa mehren sich die Eritreer. Sie verlassen ihr von Staatsterror geprägtes Land in Scharen. (…)

2. März 2002, Asmara, Aufbruch: Meine Mutter rührt noch immer den Teig, doch jetzt lächelt sie, und ihr Gesicht wird dabei ganz rund. »Tzubokh gerka! – Gut gemacht!«, sagt sie nur und reckt den Daumen nach oben. Im Radio läuft eine Michael-Jackson-Sendung mit meiner Biografie-Übersetzung, die ich ein paar Wochen vorher aus dem Englischen gemacht habe. Ich kann meine Tränen nicht zurückhalten, muss mich wegdrehen. »Kulu dehando? – Alles klar?«, fragt Adey. – »… ja, aber sieh dich mal im Spiegel an, dein Haar ist ganz weiß.« – »Kein Wunder, bei den Sorgen mit dir.« – »Bist du nicht froh über den einzigen Mann im Haus?« – »Doch, doch – aber versteckt wie ein heimlicher Liebhaber …« – »Wie bitte? – Sklave heißt das, oder Putzfrau. Wer macht hier täglich die Betten und putzt den Dreck weg?« – »Wenn mein lieber Sohn nicht gerade Liebesgeschichten schreibt oder von Europa träumt.« – »Exakt.«

Wir lachen, Adey stellt mir ein Glas Wasser auf den Tisch, »Mai – Wasser«, sagt sie, »komm, trink«, und mitten hinein platze ich mit meiner Abschiedsausrede, die ich mir die halbe Nacht lang überlegt habe. Ich kann ihr nicht sagen, dass ich gehen werde, unmöglich, sie würde sich viel zu viele Sorgen machen. Wie um Tantu, fast täglich fragt sie nach ihm. Dass ich übers Wochenende David besuchen wolle, erzähle ich. David hat mir nicht nur einen Urlaubsschein vom Militär mit Stempel und Unterschrift vom örtlichen Militärbüro gegen ein Schmiergeld von einhundert Nakfa besorgt – dreißig Dollar, ein kleines Vermögen in Eritrea –, sondern war auch sofort bereit, mich bis zur sudanesischen Grenze zu begleiten. Ein Glück, denn keiner kennt das Land besser als er.

Ich bin mit ihm im Büro meiner großen Schwester Rahel im Zentrum der Stadt verabredet. Sie arbeitet als Buchhalterin für eine Medizinfabrik. Von meinen Fluchtplänen hat sie keine Ahnung. Während ich Lilli ausgiebig übers Fell streichle, stottere ich die Worte heraus: »Vielleicht bleibe ich auch ein paar Tage länger, ich muss raus, vielleicht kann er mir Tipps geben, wie ich den Militärdienst schwänzen kann.« Als Deserteur, aber das behalte ich für mich.

Wenn’s unbedingt sein muss, kann ich notlügen, aber nicht gut, eigentlich nur aus Spaß, meistens muss ich mir dabei die Hand vor den Mund halten, um nicht loszukichern. Jetzt sitzt mir ein Kloß im Hals, und zum Lachen ist mir überhaupt nicht. Nicht wie damals, als ich meinem Schulrektor versicherte, dass ich meine Mutter auf keinen Fall den Sommer über allein zu Hause lassen könne, um den obligatorischen Ferienarbeitsdienst, sprich die Zwangsarbeit, anzutreten. »Meine Mutter ist blind, verstehen Sie?«, sagte ich da und präsentierte ihm zum Beweis ihre blinde Freundin Hadas. Sie spielte mit, unser Rektor war beeindruckt von meinem Verantwortungsgefühl gegenüber der Familie in einem Land, in dem es keine Behindertenrente, überhaupt keine Rente gibt, und wir hatten richtig Spaß an unserem Streich.

Wenn meine Mutter wüsste, was ich vorhabe, würde sie mich nicht gehen lassen. Aus dem Staatsfernsehen kennen wir die Geschichten der Flüchtlinge, die »picknicken«, zur Genüge. Natürlich nur als Horrormeldungen. Unter der Hand verbreiten sich die guten Nachrichten trotzdem nachhaltiger als die schlechten. Wer es bis nach Italien schafft und wer in Dubai oder in den USA landet. Ich bin gespannt …

Dass ich mich nicht von meiner Mutter verabschieden kann, ist das Schlimmste. Dass mir keiner Mut macht und sagt: »Kopf hoch, du wirst es schon schaffen!« Nur wenige sind in meine Fluchtpläne eingeweiht. Mein Bruder Mikiele, der mir die fünfhundert Dollar über Western Union überweisen hatte lassen. Und Adiam! Klar! Als ich meiner kleinen Schwester, auf Wochenendurlaub vom Militär zu Hause, verkündet hatte, dass ich abhauen wolle, gab sie sich schnippisch. »Wetten, dass ich dich einhole!« – Typisch, sie hat mir schon immer alles nachgemacht. »So eine Flucht ist kein Abenteuer«, drohte ich ihr streitlustig. – »Wir werden ja sehen, wer zuerst ins Paradies kommt.« – »Der große Bruder natürlich …« Wenn ich da den Mund bloß nicht zu voll genommen hatte.

Jetzt gibt es niemanden, bei dem ich Abschiedstränen vergießen kann, keinen, der um mich weint und mich in den Arm nimmt. Niemanden, der meine Träume und Hoffnungen, aber auch niemanden, der meine Ängste versteht. Ich fühlte mich so einsam.

Umständlich stehe ich auf und ziehe die grüne Militärjacke an. Ich taste nach meiner Stofftasche, die ich mir quer über die Brust hänge. Sonnenbrille ins Haar, beide Hände so cool wie möglich in den Hosentaschen versenken. »Ciao, ciao, Adey«, wispere ich und erschrecke über meine kleinlaute Stimme. Ich habe Angst, und wie! Und wie in einem Traum sehe ich mein Gesicht, von dem sich verbrannte Hautfetzen lösen, meinen Mund ausgetrocknet und voller Sand, die Lippen blutig, Arme und Beine aufgedunsen, immer deutlicher spüre ich die glutheiße Wüstensonne wie einen Dolch auf meiner Brust, sehe mich im Meer mit weit aufgerissenen Augen unter Wasser und Händen, die ins Leere krampfen. Es riecht nach Tod. Warum hilft mir denn keiner, Adey, will ich in Todesangst rufen. Mutter, hilf mir!

Aber ich bin mutterseelenallein mit meiner Entscheidung. Allein gehe ich fort, allein ohne Abschied, und tue so, als kehre ich in wenigen Stunden zurück. »Amlak msaka ykun! – Gott sei mit dir!«, ruft mir meine Mutter nach, wie stolz und erhaben sie aussieht. »Mit dir auch.« Fast lautlos stoße ich die Worte heraus, während ich über die Stufen vor der offenen Haustür springe.

Die Luft prickelt wie jeden Morgen hier im Hochland, zweitausendvierhundert Meter über dem Meeresspiegel, die Häuser leuchten rot, braun, gelb vor dem Himmel, der sich so tief und so blau über Asmara spannt, dass wir ihn »asmarabella« nennen. Aufgeschreckte Lerchen steigen auf und singen flügelschlagend ein Lied, um in den Büschen im nahen Park wieder abzustürzen. Ich weine, gleichzeitig fühle ich mich leicht. Flucht beflügelt, frei summen meine Beine und drehen sich um die eigene Achse. Fast übermütig, so nah liegen Albtraum und Traum beieinander. Frei jagt mein Herz das Blut durch die Adern; frei singt die Luft in meiner Lunge. »Harnet« – Freiheit, nach elf Monaten Eingesperrtsein.

Freiheit riecht süß, nach Glyzinien, die wie ein unendlich blassblauer Wasserfall von der Mauer vor unserem Haus fallen. Das grüne Gartentor quietscht in seinen Angeln, und ich gehe den breiten Gehweg entlang, vorbei an der undurchdringlichen Fassade der Kaserne. Frei – frei in Asmara. Mein Asmara, einen anderen Ort kenne ich nicht. Dass die Stadt, die übersetzt »in Frieden leben« heißt, überhaupt noch existiert, gleicht einem Wunder nach so vielen Kriegen. Ich laufe los, mit großen Schritten. Aufbruch ist ein Lichtblick, wie Wetterleuchten.

Die Hauptstraße entlang in Richtung der Fiat-Taglieri-Tankstelle, diesem ultramodernen Gebäude aus der italienischen Kolonialzeit, das wie ein Flugzeug aussieht. Ich kenne keinen, der ein Auto hat, um zu tanken, dafür kaufen wir dort jede Woche den Spiritus für unseren Kocher in der Küche ein. Die Straße ist kaum befahren, daher sehe ich den Wagen, der mir entgegenkommt, sofort: Soldaten. Eine Sekunde zucke ich zusammen. Nur nicht auffallen, hämmert es in meinem Schädel, während der Militärjeep an mir vorbeirauscht. Mein Herz pocht wild, aber ich ziehe meinen Kopf nicht ein.

Vom Hang hinter dem Regierungsviertel hallt das Bellen der wilden Hunde herüber, und auf einmal ist meine Euphorie wie weggeblasen. Den Menschen, die dort in Holz- und Wellblechverschlägen hausen, geht es noch schlechter als mir. Weil sie nicht einmal mehr die Kraft haben, wegzulaufen; Geld dafür schon gar nicht. Saufend, bettelnd und sich prostituierend vergehen ihre Tage. In den Gassen, wo sich bis auf die Rippen abgemagerte Kinder mit verfilzten Haaren und Narben im Gesicht halb tot schlagen, weil sie von den Erwachsenen nichts anderes als Streiten gelernt haben, vergammeln Abfälle und Exkremente. Die Armut ist unerträglich. Man steht vor Lebensmittelläden mit leeren Regalen, überlebt mit Almosen, Rabatt- und Lebensmittelmarken oder mit Hilfe der Verwandtschaft im Ausland.

Oder man geht – wie ich. Die Rabenvögel, die weit oben am Himmel kreisen, warten auf die, die auf der Strecke bleiben. Mit langen Schritten laufe ich das Kopfsteinpflaster entlang, das die Italiener in Marmor hinterlassen haben. Die europäische Kultur ist das einzige Erbe, worauf wir in diesem Land noch stolz sind. Unsere eigene Kultur ist untergegangen, was die Kolonisten nicht wegzivilisiert haben, haben unsere Kriege vernichtet.

Trotzig recke ich meinen Kopf in die Luft, und mit einem »Ciao, bello« werfe ich der hohen Statue des heiligen Francesco vor unserer Kirche einen luftigen Handkuss zu. Fast habe ich vergessen, wie es sich anfühlt, sich frei zu bewegen. Das Leben ist schön, die Welt steht mir offen. Wenigstens bis zur nächsten Militärpolizeikontrolle, auf die ich auf der Höhe meiner Schule treffe.

»Menkesa-kesi bejaka! – Ausweis, bitte!«, rufen die beiden Soldaten schon von Weitem. Früh gealterte Männer mit Armen wie Wurzelholz. Bei meinen wenigen Ausflügen in den vergangen Monaten habe ich mich in einer solchen Situation weggeduckt. Was sonst? Aber diesmal nicht. Ich muss hier raus. Das schaffst du! Ich straffe meine Schultern, wiege sie im Takt einer lautlosen Musik und tanze schließlich auf die Uniformierten zu. »Here, please Mister«, antworte ich auf Englisch. Frech strecke ich den beiden meinen Urlaubsschein vom Militär entgegen. Sie halten ihn gegen das Licht, vergleichen Name und Foto mit meinem Schülerausweis und geben mir den grünen Wisch ohne weitere Fragen zurück.

Yeah, wer sagt’s denn! Bloß nicht lachen, tapfer verschlucke ich meinen Triumph und huste vor mich hin. So einfach. Eine Militärjacke und ein Urlaubsschein make me a soldier. Ein falscher Soldat, echt ist dagegen mein Militärausweis, der es dem Inhaber erlaubt, zehn Tage als Soldat bis nach Tesseney an der sudanesischen Grenze zu reisen. Nur wenige haben das Glück und einen großen Bruder im Ausland, der ihnen das bezahlt. Gegen Bares ist in diesem Land alles zu haben.

In der großen Godena Harnet, der Straße der Freiheit, hole ich tief Luft und fange an zu laufen: Mein Leben ist grenzenlos – ich pfeif auf die Kontrollen, alles lebt auf, das Blau des Himmels ebenso wie meine Seele. Hoffentlich. Frauen in weißen Tüchern kommen mir wie wandelnde Fische entgegen. Mit schweren Plastiktüten von Lidl, Carrefour oder Standa, Berlusconis Kette, obwohl es nur wenige Supermärkte in Eritrea gibt. Dafür Freunde im Ausland, die einem bereits mit einer gebrauchten Einkaufstüte eine Freude machen können. Männer mit kantigen Schädeln zwischen krummen Schultern sitzen unter Bäumen im Schatten, ratternd schieben hohlwangige Straßenkehrerinnen in blauen Kittelschürzen ihre Schubkarren vor sich her. Es ist nicht viel los auf der Straße, aber ich muss mich in Acht nehmen.

Ich sehe zurück und sehe nach vorn. Als ich forsch an unserem Jugendstiltheater mit der großen Freitreppe vorbeieilen will, spüre ich, wie es mir die Kehle zuschnürt. Das Theater fehlt mir jetzt schon. Jeden Samstagnachmittag habe ich dort zu Schulzeiten im kleinen Saal bei Veranstaltungen des tigrinischen Sprachvereins meine Gedichte gelesen. Kaum kann ich meine Tränen zurückhalten, sehe hoch in die grün, rot, blauen Wimpel, die über die Straße gespannt sind, streife mit meinem Blick die maronenfarbene Fassade des Cinema Odeon. Noch ein Mal durch das marmorverkleidete Foyer flanieren und in den Samtsesseln »Asmara-style« atmen, das wäre schön. Ich schlucke: so ein Blödsinn! Schon vergessen, dass David wartet? Du bist nicht frei, Zekarias! Ganz im Gegenteil, wenn sie dich erwischen, landest du bei deinem Cousin im Folterkäfig.

Da vorn, die hohen Arkaden des Postgebäudes, von wo aus ich meine Geschichten an die Jugendzeitung gefaxt habe. Jetzt laufen mir die Tränen übers Gesicht. Würde ich je wieder schreiben? »Mein Land am Roten Meer ist frei, ich bin frei …«, oder so ähnlich dichtete ich unbeholfen mit knapp acht Jahren mein allererstes Gedicht. Mit dem Zettel in der Hand lief ich zu Radio Eritrea, habe ihn dem Pförtner wie eine Kostbarkeit übergeben und schüchtern: »Man soll es bitte im Radio bringen«, geflüstert. Es wurde tatsächlich gesendet, denn es war April 1993. In einem Referendum hatte Eritrea mit neunundneunzig Prozent für die Unabhängigkeit gestimmt. Das Land war frei, wir tanzten auf der Straße, der schönste Tag meines Lebens. Wenn ich daran denke … Komm, hör auf zu heulen!

Nichts ist übrig geblieben von dieser herrlichen Unabhängigkeit. Nichts als ein traumatisiertes Volk und eine hysterische Regierung, die überall den Feind wittert. Unser Präsident unterstützt Terroristen in Somalia, verhandelt mit Israel ebenso wie mit der palästinensischen Hamas, und an der Grenze zu Äthiopien hören die Konflikte nicht auf. Ich verstehe das nicht. Die Äthiopier sind doch meine Brüder, deren Sprache ich spreche wie meine eigene. Meine Familie hat in Addis Abeba gelebt. Wir sind ein Volk, Abessinier-Habesha.

»Nebsi – Hey, du«, schreckt mich eine Stimme auf. Verdammt, schon wieder eine Kontrolle! Was tun? Wieder den Unschuldigen mimen? Die Polizisten sehen mir meine Fluchtpläne doch auf hundert Meter an. Dieses Mal bin viel zu aufgeregt, kann keinen Urlaubsschein suchen, sondern mache auf dem Absatz kehrt und gebe Fersengeld. Keuche, laufe wie ein Verrückter, bis ich mich an einer Straßenecke hinter dem blauen Zeltstand eines Schuhputzers verstecke. Solche Hetzjagden sind Alltag, einmal, als ich mich mit Tantu aus unserem Versteck hervortraute, haben wir sogar stundenlang bei den Kesselflickern auf dem Markt ausgeharrt. Noch immer dröhnen mir die Hammerschläge in den Ohren.

»Was ist passiert? Warum bist du ausgebrochen?«, ruft mir meine hübsche Schwester entgegen, als ich außer Atem in ihrem Büro nicht weit von der großen Sankt Josephs-Kathedrale und der weißen Moschee ankomme. »Versteckspielen ist etwas für Kinder«, entgegne ich locker, obwohl ich zittere und mir der Schweiß in den Augen brennt. »Holla, mein kleiner Bruder wird erwachsen.« Rahel lächelt und schüttelt ihre krause Haarmähne, die sie offen trägt. »Wird aber auch Zeit«, meldet sich David, der rauchend am Fenster steht. »Wer hat Angst vorm bösen Militärpolizisten?«, feixe ich. Wenn Rahel wüsste …

»Pass auf, dass sie dich nicht zu Adiam ins Militärlager stecken!« – »Oder zu Alex ins Gefängnis«, antworte ich sarkastisch. Rahel weiß nicht, dass ich gekommen bin, um mich heimlich von ihr zu verabschieden. Ob sie es ahnt? Schließlich kann ich nicht mein Leben damit verbringen, mich zu verstecken und von Michael Jackson zu träumen. Unsicher lacht sie und fragt, was wir Jungen denn im Schilde führen. Aber wir albern herum. »Nichts für Mädchen«, sagt David, der eine undurchdringliche Miene aufsetzt. Ich spiele den Clown, so habe ich schon einige brenzlige Situationen überstanden. »Geheimrecherche für eine neue Liebesgeschichte, an der ich gerade schreibe«, sage ich, verschließe meine Lippen mit dem Finger. »Alles klar, kleiner Bruder – könntest du mir bitte vorher noch eine Haddas-Eritrea bringen?« Als ich ihr kurz darauf unsere regierungstreue Tageszeitung, alle anderen sind verboten, in die Hand drücke, sieht sie mich seltsam an, fragt aber nichts. Wie man in Eritrea eben nicht viel fragt und nicht viel sagt, wir lieben das Geheimnis.

Höchste Zeit! Keiner, meine große Schwester schon gar nicht, kann mich jetzt noch von der Flucht abhalten. Der Busbahnhof ist nicht weit. Das Licht klar wie im Herbst, am Himmel treiben Schäfchenwolken, und in der Nähe sind die schrillen Triller von Frauen zu hören, die eine Geburt oder eine Hochzeit ankündigen. Wortlos stiefeln David und ich nebeneinander her. Kaffeeduft zieht mir in die Nase, Geruch meiner Stadt. Ich bin melancholisch. Jeder hier ist mit einem Glas Kaffee unterwegs. Wir trinken ihn bei der Kaffeezeremonie wie die Äthiopier oder als Caffè Latte und Cappuccino wie die Italiener auf der Straße. Auch wenn unsere europäischen Kolonialherrn ein knallhartes Apartheitsregime betrieben, sind sie heute unsere Götter. Sie kutschierten mit Lastwagen und Autos durchs Land, bauten Fabriken, Waren- und Parkhäuser und stellten in Asmara mehr Ampeln als in Rom auf. Als sie »Ciao« sagten, ließen sie ein unselbstständiges Volk zurück, das sich keine eigenen Ideen mehr zutraut. Sondern fremdgesteuert den Traum vom Dolce Vita träumt und nicht mehr daran glaubt, dass Wissenschaft, Technik, Fortschritt und Moderne auch etwas für Menschen in Afrika sind.

Die Götter haben den schwarzen Kontinent vergessen und machen sich ein schönes Leben in Europa. Wartet nur, bis wir kommen! In der Markthalle gleich neben dem Busbahnhof herrscht ein sagenhaftes Treiben. Menschen wogen in farbigen Tüchern und Stoffen zwischen bunten Türmen aus Papayas, Mangos und Bananen, unter den Schreien der Händler, die ihre Ware anpreisen. Daneben dösen Hunde und Ziegen in der Sonne.

Jetzt wird es ernst. Ich stecke getrocknete Feigen und Datteln ein, dann suchen David und ich auf dem sandig-roten Platz des Busbahnhofs nach einem blauen Überlandbus, der nach Keren fährt. »Da, dort hinten …« David zeigt zu einem Mann hinüber. Doch in diesem Moment werden wir von stinkenden Dieselschwaden eingehüllt, und die Zeit steht still. Wie eingefroren. Soll ich wirklich …? Mir ist mulmig zumute. Doch da verzieht sich der Nebel schon wieder, und ich sehe David, wie er dem Mann, einem Fahrkartenverkäufer, ein paar Nakfa für die Tickets in die Hand zählt. Ja, verdammt noch mal, ich will gehen, fort, zu den Göttern!

Wir stolpern über Töpfe und Pfannen, die hier vor Ort geschmiedet werden, was für ein unbeschreiblicher Lärm, bahnen uns einen Weg durch wuselnde Händler und Händlerinnen, die frühmorgens ihre Tiere auf dem Markt verkauft haben und nun bepackt mit Säcken voller Mehl, Eimern voll Reis, Schalen voller Hülsenfrüchte, Blechschmuck und Plastiksandalen aus China zurück in ihre Dörfer fahren wollen. Schweigend setzen wir uns schließlich in den Staub, um auf den Überlandbus zu warten.

Wir fahren Richtung Keren, achtzig Kilometer nordwestlich von Asmara, von dort aus weiter über Agordat nach Barentu, dann nach Tesseney nicht weit von der sudanesischen Grenze. Unmittelbar hinter dem letzten Haus ist die Stadt zu Ende, nichts mehr außer zwei Militärpolizisten in grüner Uniform, die den Bus auf offener Straße stoppen. Die Sperre besteht aus einem Seil, das von der einen Seite zur anderen gespannt ist, wie beim Seilhüpfen, an jedem Ende hält einer fest. Als der Bus steht, steigt einer der beiden Polizisten zur Passkontrolle ein. Sein kahler Schädel ist eine einzige Narbe. Ohne eine Miene zu verziehen, prüft er die Papiere, die ihm gereicht werden.

Ich bin nervös, strecke ihm meinen Ausweis über drei Sitzreihen hinweg entgegen. Er lässt seinen Blick durch den Bus schweifen. Blut steigt mir in den Kopf, und als mich seine dunklen Augen mustern, bin ich mir sicher, dass er ahnt, wen er vor sich hat: einen … Ich halte den Atem an. Sekundenlang. Erst als er sein Gesicht von mir abwendet, um die nächsten Papiere zu prüfen, atme ich erleichtert auf. Es passiert nichts, absolute Routine, keiner von uns wird herausgeholt. Doch manchmal, so viel weiß ich, wechselt ein kleiner Geldbetrag von einer Hand in die andere. Unauffällig und selbstverständlich, und alle sind zufrieden.

Es geht vorbei an Gemüsegärten und kleinen Feldern, die die Frauen am Rand unserer Stadt bewirtschaften. Sie tragen lange, grellfarbene Kleider, um sie herum toben Kinder, spielen Fangen und verstecken sich in Erdlöchern oder kleinen Höhlen an den Abhängen. Größere laufen barfuß die Straße entlang, kilometerweit zurück in ihre Dörfer hoch oben in den Bergen. Sie tragen Hühner vom Markt nach Hause, denen sie die Beine zusammengebunden haben und die sie mit den Köpfen nach unten halten.

Ein leichter Wind kommt auf und wirbelt Zigarettenpackungen und bunte Plastikfolien durch die Luft, bis sie sich an Kakteen verhaken. Wrackteile von Armeefahrzeugen und Panzern türmen sich an den Wegrändern.

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