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Hörsturz

1
Zuhören:
Der Gesang der Sirenen

»Hören Sie!« sagte die Stimme. Die Stimme hatte sich als Minnie aus dem 2. Bezirk vorgestellt.

»Am Telefon habe ich die Minnie aus dem 2. Bezirk. Servus, Minnie!« sagte Ruth Strelecky mit dem überlegen wirkenden Unterton, der bei den Radiohörern anscheinend so gut ankam. Ihr Markenzeichen. Der Trick bestand darin, die Stimme um einen Halbton zu senken.

»Und was hält die Minnie von der Musikstadt Wien?« fragte Ruth. Es sollte klingen wie: Wer auf den Namen Minnie hört, kann zu gar nichts eine nennenswerte Meinung haben, nicht einmal zum Thema Musikstadt Wien. Es klang auch so. So weit hatte Ruth das locker im Griff.

»Hören Sie zu …!« sagte die Stimme und stockte.

»Klar«, sagte Ruth. Minnie schien ein bißchen länger zu brauchen. Es gab solche Typen. Ab und zu mußte man Geduld zeigen. Das konnte Ruth. Das tat ihr nicht weh.

Im Kopfhörer hörte sie es knacken. Als ob jemand zweimal kurz auf die Sprechmuschel seines Telefons klopfte. Minnie? Es begann zu tuten.

»Hallo? Minnie?« fragte Ruth und blickte zu Alex, ihrem Tontechniker, hinaus. Der saß hinter der Glasscheibe wie ein Äffchen im Versuchslabor und zuckte mit den Schultern. Ruth verdrehte die Augen zur Studiodecke hin. Alex zuckte weiter. Seine Schuld war es gewiß nicht, daß das Gespräch unterbrochen worden war. Alex drückte keine falschen Knöpfe. So etwas passierte ihm nicht. Was seinen Job anging, war er hundertprozentig verläßlich.

»Aus der Leitung gefallen«, sagte Ruth ins Mikrophon. »Hoffentlich hat sich die Minnie nicht weh getan.«

Sie plapperte ein wenig über die Gefahren, die in der modernen Welt überall lauerten, und wartete, ob Alex ihr sofort einen anderen Anrufer durchstellen konnte.

Hinter Alex war eine zweite Glasscheibe, hinter der sich ein zweiter Sprecherraum befand. Dort würde der Stationssprecher sitzen, wenn der Sender ihn nicht mit der Begründung eingespart hätte, daß seine Aufgaben genauso von den Moderatoren miterledigt werden konnten. Als nächstes waren Alex und seinesgleichen dran. Schon jetzt waren ein paar Studios auf Selbstfahrbetrieb umgestellt worden, und der Rest würde bald folgen. Dann durften die Moderatoren auch den Technikerjob miterledigen. Natürlich erst, wenn sie zu Computerfachleuten mutiert waren.

»Im Moment kein Anruf«, sagte Alex über Kopfhörer. Na gut. Ruth kam zur Sache:

»Unser Wochenthema ist die Art von akustischer Umweltverschmutzung, die hierzulande gern als Musik bezeichnet wird und auf die wir Wiener allgemeiner Überzeugung nach stolz zu sein haben. Kommt euch die Brühe aus Walzern und Operetten, Heurigenliedern und Musicalsongs auch schon zu den Ohren heraus? Ruft uns an! 06–6066996. Sagt uns eure Meinung zum Mythos klingendes Wien. Zur Anregung hier: ›Bahn frei‹, eine Polka von Eduard Strauß.«

Ruth schob den Regler nach oben und blendete die Musik ein. Die Polka hüpfte los und hoppelte durch den Äther. Entsetzlich. Gut, Ruths Publikum dürfte zum größten Teil polkaresistent sein, aber dennoch würde der Rhythmus ein paar alten Herrschaften, die mit zittrigen Fingern den falschen Kanal eingestellt hatten, ins Ohr gehen, unter Umgehung der denkenden Regionen des Gehirns das zentrale Nervensystem anspringen, krampfartige Muskelreaktionen hervorrufen, die Beine mitwippen lassen, im Eisenbahnrhythmus wippen lassen, auf und ab, tsch, tsch, tsch. Und dann kam der Pfiff der Lokomotive, der Eduard-Straußsche-Dampflokomotivenpfiff, ein langgezogener Pfiff aus vergangenen Zeiten, einmal, zweimal, ein Pfiff aus der Vergangenheit, tsch, tsch, tsch, aus der Jugendzeit, an die sich die Herrschaften so gerne erinnerten, daß sie sogar das Wippen fast vergaßen und nur noch pfiffig lächelten. Ja, ja, die Jugendzeit! Die Jugendzeit war die Zeit, in der die Lokomotiven noch gepfiffen hatten. In der sie so gemütlich vor sich hingeschnaubt hatten, daß man im Polkarhythmus mit ihnen Schritt halten konnte, wenn man so jung war, wie es sich die alten Herrschaften in der Erinnerung von sich selbst vorstellten. Bahn frei für die Selbsttäuschung, die Lüge auf tönenden Füßen.

Draußen tauchte Kollege Bussemann auf. Allein, ohne sein Alter ego Holderied. Das war verwunderlich, und noch verwunderlicher war, daß sich Bussemann mehr als zehn Minuten nach Schluß seiner eigenen Sendung immer noch hier herumtrieb. Vielleicht hatte er etwas vergessen. Er sprach auf Alex ein, obwohl der am Telefon hing. Bussemann wirkte wie ein Goldfisch im Aquarium. Es lag an der Scheibe. Und an den Mundbewegungen. Sie wurden Ruth fremd, wenn sie die dazugehörigen Worte nicht hörte. Tierisch fremd. Menschen, mümmelnd wie Hasen, hechelnd wie Hunde, lautlos wieherndes Zähneentblößen. Es gab Unterschiede. Es kam darauf an, wer sprach und was gesagt wurde. Bussemann sprach wie ein um Luft schnappender Goldfisch. Wahrscheinlich über die Ungeheuerlichkeiten, die ihm jemand angetan hatte, oder über die, die er jemandem antun würde. Das letztere war wahrscheinlicher. Vielleicht sagte er auch etwas ganz anderes, wer wußte das schon? Ruth nicht. Es lag an der Scheibe zwischen ihr und der Welt, an der schalldichten Glasscheibe, die sich durchs Studio zog und sie hier mit dieser gottverdammten Polka allein ließ, mit diesem lautmalerischen Dampflokgetue, tsch, tsch, tsch, dem hoffentlich bald die Luft ausgehen würde.

»Okay«, sagte Alex im Kopfhörer, »Anruf!«

Ruth sah ihn an seinem Sendepult hantieren. Sie wußte, daß er den Anruf splittete, auf ihren Kopfhörer und ihr Mikrophon aufteilte. Sie blendete die Polka aus. Schluß damit, die Bahn war nicht mehr frei. Nicht für Eduard Strauß. Ruth legte das Telefon auf Sendung.

»Ja, hallo …« Ruth kannte die Stimme.

»Minnie?« fragte sie.

»Ja, ich wollte …«

»Am Telefon Minnie aus dem 2. Bezirk. Minnie, wir sind vorhin unterbrochen worden, was uns aber immerhin Gelegenheit gab, dieser wunderschönen Polka zu lauschen. Wien, die Welthauptstadt der Musik? Was sagst du dazu?«

»Es geht nicht nur um Schrammelmusik und Heurigenlieder«, sagte Minnie, »wir möchten erstens ausdrücklich die sogenannte ernste Musik einbeziehen. Haydn, Schubert, Mozart, Beethoven und so weiter. Und wir lehnen zweitens den Ausdruck ›akustische Umweltverschmutzung‹ als viel zu schwach ab. Es handelt sich um Unzucht mit Abhängigen, um schweren Drogenhandel, um akustischen Terrorismus. Wien ist das internationale Zentrum dieses Terrorismus, der mit verlogener und verbrecherischer Musik den letzten Rest an Wahrheit, der irgendwo noch aufklingen könnte, zerstören will. Dahinter steckt eine Ideologie des falschen Tiefsinns und des fröhlichen Tralala, der angeblich ewigen Werte und der ach so gemütlichen Wiener Gemütlichkeit, die alles erstickt, was an progressiven Ansätzen je in dieser Stadt hervorgebracht wurde. Wir werden das nicht länger dulden …«

»Wer ist wir?« fragte Ruth dazwischen, ohne wirklich an einer Antwort interessiert zu sein. Etwas in ihr war zwar angesprochen worden, hatte aufgehorcht, aber sicher nicht wegen dieser fundamentalistisch anmutenden Anklage. Schuld war Minnies Stimme. Ruth kannte sie, und nicht nur von dem unterbrochenen Gespräch her. Sie hatte diese Stimme schon gehört. Vielleicht früher, vor langer Zeit. Ruth kam nicht darauf.

»Der Skandal ist«, sagte Minnie, »daß alle ihre Finger im Spiel haben. Der Magistrat gibt zig Millionen an Subventionen aus, die Tourismusindustrie läßt das Musikgeschäft zum eigenen Nutzen boomen, ihr vom Radio seid die Großdealer, deren Überdosen sich die Wiener gedankenlos hineinziehen, ohne zu merken, wie das Musikgift sich in ihre Ohren frißt und sie für alles andere ertauben läßt. Aber nicht alle Wiener. Wir nicht!«

Minnies Stimme war jung. Eine glatte Stimme, voll, rund, kein bißchen heiser. Eine Stimme ohne die Risse und Sprünge, die die Jahre eingravierten. Es war die Stimme einer Zwanzigjährigen, Fünfundzwanzigjährigen. Ruth war 39 Jahre alt. Minnie gehörte nicht zu ihrer Generation.

»Wer ist wir?« fragte Ruth noch einmal.

»Die Diagnose ist klar, die Therapie ebenso: Es handelt sich um akustischen Terror, der einen kollektiven Hörsturz bei seinen Opfern hervorgerufen hat. Man muß einen Schnitt machen. Eine Notoperation. Und wir werden es sein, die das Messer ansetzen. Widerstand ist nicht nur erlaubt, sondern geboten. Es ist genug geredet, gejammert und geklagt.«

Es war eine junge Stimme, eine melodiöse Stimme, die die Vokale klingen ließ und die Konsonanten auch am Wortende nicht verschluckte. Es war eine Stimme, die viel sang oder sprach. Minnie war eine Frau, die mit ihrer Stimme arbeitete, von ihr lebte. Schauspielerin? Politikerin? Vertreterin für Tupperware? Oder gar eine Kollegin? Die Stimme war glatt und schmeichelnd, aber sie hatte ein gewisses Etwas, das sich nicht so leicht vergessen ließ. Ruth hatte es nicht vergessen. Ihr fiel nur nicht ein, zu wem diese Stimme gehörte.

»Es muß gehandelt werden«, sagte Minnie. »Wir werden zurückschlagen, einmal, zweimal, dreimal, so oft es nötig ist. So lange, bis der Musikwahnsinn vorbei ist, bis die Wahrheit wieder hörbar wird, bis die Vernunft zurückgekehrt ist.«

Ruth sah Alex draußen hektisch gestikulieren.

»Aus!« schrie er wohl.

»Musik!« schrie er wahrscheinlich.

»Schnell einen Marsch!« schrie er, ohne daß ein Wort zu hören war. Alex hatte keine junge, glatte, schöne Stimme, er hatte überhaupt keine Stimme, er saß hinter einer schalldichten Scheibe am Sendepult und sollte sich gefälligst um seinen Kram kümmern.

»Zurückschlagen? Terrorismus?« fragte Ruth, obwohl sie wußte, daß es politisch nicht korrekt war, auf Minnie einzugehen. Obszönitäten, rassistische und extremistische Äußerungen waren zu unterbinden. Und was Minnie da von sich gab, entsprach extremistischen Äußerungen im Sinne der Senderrichtlinien durchaus. Es klang ein bißchen nach Manifest, nach aufgesetztem Programm. Wie abgelesen. Und es klang nicht so, als ob Minnie selbst es aufgesetzt hätte. Es paßte einfach nicht zu ihrer Stimme, die schön und leicht war und dazu gemacht schien, über die Dinge hinwegzufliegen. Irgendwer mußte dahinterstecken, hinter Minnie, hinter dieser Stimme, die Ruth so gut kannte. Und um sie vielleicht doch noch identifizieren zu können, mußte Ruth Minnie dazu bewegen, weiterzureden. Sie versuchte es mit Ironie:

»Angesägte Geigensaiten? Stolpersteine gegen den Dreivierteltakt? Seid ihr die Stumm-wie-ein-Fisch-Fraktion?«

»Wir sind Minnie vom 2. Bezirk«, sagte Minnie. »Ende des ersten Kommuniqués.«

Alex werkelte hinter dem Regiepult. Bussemann glotzte wie ein Goldfisch.

»Hören Sie …«, sagte Ruth und ärgerte sich sogleich über das »Sie«, das nicht angemessen war. Nicht einer Stimme gegenüber, die sie so gut kannte.

»Hallo, Minnie?« fragte Ruth. Alex gab ihr irgendwelche Zeichen. Im Kopfhörer tutete es. Die Leitung war tot. Nur mehr Morsezeichen aus einer anderen Welt. Aus einer Welt, die genauso gestört war wie die hiesige.

Das Geburtshaus von Franz Schubert fand Leo Blum sofort. Zu Schuberts Zeiten mußte es am Rand der Vorstadt, fast schon auf dem Land gelegen haben. Inzwischen war die Nußdorfer Straße zur innerstädtischen Hauptstraße mit dem üblichen Bestand an Wohnblöcken und Bürogebäuden herangewachsen, zwischen denen das niedrige Häuschen verloren und bieder wirkte. Einzig die drei Luken im dunkel gedeckten Dach, die wie schläfrige Katzenaugen dem Verkehr zuzusehen schienen, verliehen ihm den Anflug des Geheimnisvollen, den Leo Blum an historischen Stätten unwillkürlich erwartete und zumeist auch vorfand.

Obwohl Blum erst seit drei Wochen in Wien wohnte, hatte er von den Sehenswürdigkeiten der Stadt wahrscheinlich schon mehr gesehen als ein durchschnittlicher Einheimischer. Wenn er keinen Dienst hatte, streifte er durch die Stadt, jede freie Minute. Er interessierte sich eben für Kultur und Geschichte, obwohl er nicht studiert hatte, obwohl er nur ein einfacher Polizist war. Sicherheitswache, Revierinspektor im 7. Bezirk. Ein Bulle, aber auch Bulle ist nicht gleich Bulle. Für Blum jedenfalls war die Kultur einer der Gründe gewesen, warum er sich nach Wien hatte versetzen lassen. Zu Hause, in seinem dumpfen Dorf, hatte er ja nichts anderes tun können, als sich mit seinen Lieblingsbüchern im Zimmer zu vergraben und in ferne Zeiten und Welten zu flüchten. Mit der »Odyssee« hatte er halbe Tage verbringen können, doch irgendwann muß man notgedrungen in die Gegenwart zurück, und dann hatte er aus dem Fenster gesehen, hatte die Felswände über dem schwarzen Tal aufragen sehen und die besoffenen Mitglieder des Schützenvereins in der Dorfwirtschaft grölen hören. Doch das war vorbei, seit drei Wochen war er hier, mitten in der Kultur, in der Welt, und er wollte alles mitbekommen, was sie zu bieten hatte.

Leo Blum sah auf die Uhr. Für das Konzert war es etwas zu früh, und das Schubertmuseum hatte schon um 17.00 Uhr geschlossen. Schräg gegenüber lag eine Gastwirtschaft. Daß sie, obwohl in Steinwurfweite vom Schuberthaus gelegen, den Namen »Mozartstüberl« trug, fiel Blum zwar auf, befremdete ihn aber kaum mehr. Zuviel Verwirrendes war ihm begegnet, zu viele Absonderlichkeiten hatte er auf seinen Erkundungen Wiens bemerkt. Heute mittag zum Beispiel. Sieben, acht Stunden waren schon vergangen seither, aber immer noch hörte er die heisere Stimme der jungen Frau, die vor der Kapuzinergruft inmitten der Touristenscharen wie aus dem Nichts erschienen war und begonnen hatte, Zigarettenkippen vom Pflaster aufzusammeln.

»Passen Sie auf!« hatte sie ihm entgegengezischt, als er ihr 20 Schilling zusteckte.

»Sie sind ein guter Mensch«, hatte sie geflüstert, als er ihr verblüfft entgegenschwieg. »Ein zu guter Mensch für diese Stadt! Sie sind nicht von hier, oder?«

Sie war eine schöne Frau, zigeunerhaft, trug den Zauber der Fremdheit in den Augen. Zauberhaft, ja. Sie erinnerte Blum an die Prinzessinnen, die er von den Märchenerzählungen seiner Kindheit in Ohr und Kopf hatte, ohne daß sie je zu einer bildhaften Vorstellung gediehen waren. Nur die Stimme paßte überhaupt nicht dazu, eine heiser schnaubende Stimme, die keinen Klang zu haben, nur Geräusch zu sein schien. Eine Stimme, in der nichts schwang oder klang, die nur aus gewaltsam ausgestoßener Luft bestand, aus Hauchen und Husten.

»Die Kapuzinergruft«, hatte sie ihm ins Ohr gekrächzt und dabei verstohlen auf den Eingang gezeigt, als ob es sich um den Eingang zur Unterwelt handelte. »In der Kapuzinergruft liegen die Körper der Habsburger, die äußeren Hüllen, Haut und Knochen. Aber vorher wurden sie ausgeweidet, wissen Sie das? Die Herzen kamen in Urnen in die Augustinerkirche und die Eingeweide nach St. Stephan. Zerlegt, portioniert, ordentlich sortiert, eingelegt, eine Metzgerarbeit. Man muß Spaß am Tod haben, um auf so eine Idee zu kommen, glauben Sie nicht? Spaß, ja, und auch Ernst. Den Ernst, mit dem Kinder lebende Frösche sezieren, als sei es das Natürlichste der Welt. Alle scheinen hier auf den Tod zu warten, um die Hände hineintauchen, um in ihm herumwühlen zu können. Und wenn er nicht von selbst kommt, rufen sie ihn an, rufen ihn herbei. Der Tod, das muß ein Wiener sein, singen sie. Zentralfriedhof, St. Marx, das Bestattungsmuseum, das ist nur die Spitze des Eisbergs. Epitaphe und Grüfte, Schausärge, Sackleichen und Sterbehäuser, Schädelstätten überall. Wien, eine einzige Leichenhalle. Und die Lust daran. In Wien singen die modernden Toten aus Kirchen und Palästen, aus dem Straßenpflaster, überall. Lockende Lieder singen sie. Komm, komm, komm! Und die Lebenden? Wissen Sie, was die größte Furcht der Lebenden ist? Zu sterben, meinen Sie? Nein, lebendig begraben zu werden! Kennen Sie nicht die Glöckchen und Klingeln der Sargausstattungen von früher, die testamentarischen Befehle, das Herz vor der Beerdigung zu durchbohren, um ja nicht zwei Meter unter der Erde plötzlich aufzuwachen? Um ja nicht noch ein wenig weiterleben zu müssen. Mit dem Tod sind die Wiener auf du und du, nur mit dem Leben haben sie Schwierigkeiten. Es gibt keine Lebenden hier, es gibt nur Tote und noch nicht ganz Tote.«

Leo Blum hatte zugehört und sich gleichzeitig geweigert, zuzuhören. Er wollte davon nichts wissen. Er interessierte sich für Kultur und Geschichte, nicht für den Tod. Es war auch nicht richtig, was die Frau gesagt hatte. Zumindest war es viel zu einseitig. Morbidität, gut, das gehörte zu Wien wie die Lipizzaner, aber das war doch nur Show, nicht das Wesen der Stadt. Hier waren nicht mehr Menschen gestorben als anderswo, und im großen und ganzen sicher genauso ungern. Man redete nur öfter und lieber darüber. Und auch das vielleicht nur, weil es die Touristen so hören wollten.

Vielleicht hatte Blum etwas geringschätzig gelächelt.

»Passen Sie auf!« hatte die Frau noch einmal gekrächzt. Er hatte genickt und sich verabschiedet.

»Hauen Sie ab!« hatte sie gezischt.

Blum war gegangen. Die Kapuzinergruft hatte er natürlich trotzdem besichtigt, doch obwohl er wirklich nichts auf die Worte der Frau gab, war ihm ihre tonlose Stimme den ganzen Tag über im Kopf herumgeschwirrt. Es war nicht so, daß er bei seinem Rundgang durch Wien unwillkürlich das Stöhnen von Sterbenden aus jedem alten Gemäuer erwartet hätte. Für solche Schauerromantik war er wenig empfänglich, und doch ertappte er sich dabei, an Hauseingängen und Kellerlöchern, im Gewühl vor dem Stephansdom und in menschenleeren Gassen vor der krächzenden Stimme auf der Hut zu sein, zu fürchten, von ihrem »Passen Sie auf!« in einem unvorbereiteten Moment überfallen zu werden. Und so war ihm die Stadt mehr und mehr unheimlich geworden. Eine Odyssee schien er begonnen zu haben, auf einem unbekannten Meer schien er unterwegs zu sein, unter dessen trügerisch ruhiger Oberfläche es brodelte und zischte.

Blum versuchte die Gedanken wegzuschieben. Es war Zeit für den Liederabend. Er würde ihm sicher guttun. Schubert war zwar nur seine zweite Wahl gewesen, aber nun war Blum fast froh, daß der »Don Giovanni« in Schönbrunn schon ausverkauft gewesen war. Liebe, Intrige, Kampf und Höllenfahrt, ein aufwendig inszeniertes Spektakel – es wäre ihm heute zuviel gewesen. Er mußte sich nicht zerstreuen, sondern sammeln. Er wollte zu sich heimkehren, und dafür schienen ihm Schuberts Lieder geeigneter.

Blum trat durch das Tor des Schuberthauses. Gleich dahinter, links von der Einfahrt, führte eine Tür zum Vortragssaal, einem schmalen, langgezogenen Raum, dessen Fenster sich zum Innenhof hin öffneten. Blum fand einen Platz in der fünften Reihe, grüßte mit dem Kopf zu seinen Nachbarn hin, einer Gruppe Soldaten, die sich leise unterhielten. Er selbst war natürlich in Zivil, wie immer, wenn er nicht im Dienst war. Blum tat seine Arbeit gern, aber er ging nicht so in ihr auf, daß er seine Zugehörigkeit zur Sicherheitswache 24 Stunden am Tag verkünden mußte. Und die Soldaten neben ihm? Ob sie sich wirklich für Schuberts Musik interessierten? Ob sie freiwillig gekommen waren wie er? Oder gab es da einen mißgünstigen Vorgesetzten, der es im Rahmen der Offiziersanwärterausbildung für nötig befand, seine Männer auch zu kulturellen Veranstaltungen zu befehlen?

Die kleine, sonst leere Bühne wurde von einem schwarz glänzenden Flügel beherrscht, der wie ein Fremdkörper in dem hellen, nüchternen Raum wirkte. Wie ein Lavablock oder ein Meteoritenstein, der zufällig hier niedergestürzt war. Beifall erhob sich, als der Pianist zur Bühne vorschritt, sich knapp verbeugte und vor den Flügel setzte. Er kreuzte die Hände über dem Schoß und erstarrte. Das Flüstern im Publikum erstarb, bis nach einigen Momenten die Sängerin von hinten her auftrat und etwas stärkeren Beifall einheimste. Blum warf einen Blick ins Programmheft. Die Sopranistin hieß Eva-Maria Stern. Er hatte den Namen nie zuvor gehört.

Dann sah er auf. Sah nach vorn.

Es war …

Nein, es war nicht möglich. Menschen sahen sich ähnlich, sahen sich auch zum Verwechseln ähnlich.

Blum starrte auf die Sopranistin.

Es war möglich. Es war sicher! Es gibt Menschen, die sich ähnlich sehen, aber es gibt keine zwei Menschen, die absolut gleich aussehen. Identisch! Da vorn stand die Zigeunerin, die krächzende junge Frau von der Kapuzinergruft! Sie trug nun ein Abendkleid, aber es gab keinen Zweifel, dasselbe Gesicht, dieselben Haare, sie war es! Sie verbeugte sich, scheinbar vor dem Publikum, aber eigentlich nur für ihn, er wußte das, sie war nur für ihn da, ihn allein, Leo Blum, sie hatte ihn angesprochen, ihn gewarnt, sie würde für ihn singen, und alle anderen konnten ebensogut wieder gehen, nichts würden sie hören, nichts von dem, was eigentlich zu hören wert war, denn das war nur für ihn bestimmt. Eine Privatsache zwischen ihr, der Prinzessin, der Warnerin, und ihm, der in Reihe 5 saß, neben einer Gruppe Soldaten, die besser ins Manöver gezogen oder gleich zu Hause geblieben wären, bei ihren Kindern, bei Wein, Weib und …

Gesang! Wie konnte sie singen, wenn sie nicht einmal ordentlich reden konnte? Sie mußte sich verstellt haben, dort, bei den Habsburgerknochen, als sie den Kopf schräg gelegt und ihm ihr »Passen Sie auf!« ins Ohr gekrächzt hatte. Sie war Sängerin, sie konnte alles mit ihrer Stimme anstellen, sie konnte sie sogar stimmlos erscheinen lassen. Das wäre zumindest denkbar. Oder sie hatte sich nicht verstellt und konnte wirklich nicht singen. Vielleicht hatte sie sich irgendwie und aus irgendwelchen Gründen auf die Bühne gemogelt, hatte die echte Eva-Maria Stern verschwinden lassen, sie im Einverständnis mit dem Pianisten ermordet, warum nicht? Roch sie etwa nicht überall Leichen, hörte sie nicht überall Todesschreie? Gleich würde sie den Mund aufsperren und ein schreckliches Gurgeln herausstoßen, ein Würgen, ein klangloses Rabengekrächze, das schwer und schwarz durch den Konzertraum flattern, blind gegen die Köpfe der Zuhörer torkeln, irgendwo kraftlos abstürzen und langsam zuckend verenden würde.

Sie begann zu singen. Sie sang engelsgleich. Es war ein Gesang, der nicht von dieser Welt stammte. Überirdisch. Töne, die keine Töne mehr waren, sondern Laut gewordene Wünsche, Hoffnungen, Feuer, Farben. Sie sang so, daß alles hörbar wurde, was es an Schönem gab, und auch das, was es nicht gab, was man nur ahnte, was Leo Blum in seinen glücklichsten Augenblicken nur ganz undeutlich geahnt hatte. Sie sang. Es gab keinen anderen Gesang neben diesem. Es gab überhaupt nichts anderes neben diesem Gesang.

Sie war ihm schon zuvor schön erschienen, aber nun, als sie nur für ihn sang, schien sie ihm göttlich. Sie war seine Göttin, die ihn mitnahm auf eine Reise durch ihr Reich. Ihre Stimme hören und mit ihr aufzubrechen, abzuheben, wegzufliegen auf Nimmerwiedersehen war eins. Keine Aufforderung war nötig, kein Befehl, es war einfach und unumgänglich wie das Atmen, wie der Kreislauf des Bluts.

Blum blickte verstohlen zu seinen Reisegefährten, zu seinen Nachbarn, die leise schnaubten, selbstvergessen das Programmheft zerknüllten. Er hätte sich gerne eingeredet, daß die anderen eine andere Stimme hörten, eine mehr oder minder begabte Singstimme, über deren Timbre man nachher streiten konnte. Er wollte, daß die Engelsstimme nur für ihn hörbar wäre, aber so war es nicht. Alle wurden mitgerissen, einer wie der andere schmolz wie Wachs vor ihrer Stimme. Blum war eifersüchtig. Es war seine Stimme! Er war sich sicher, daß sie ihm gehörte. Nur für ihn war sie da, doch die anderen drängten sich anmaßend dazwischen, unrechtmäßig nahmen sie Anteil, rücksichtslos. Er haßte sie. Verrecken sollten sie! Er wünschte ihnen den Tod, Schlimmeres als den Tod. Er wünschte ihnen, daß sie ihr Gehör verlören, daß sich ihre Ohren auf immer mit giftigem Wachs verklebten, daß sie taub und qualvoll verenden sollten. Nein, hilflos sollten sie vor sich hindämmern, am Wegrand sollten sie liegen, verlassen und ausgestoßen von der Welt, mitleiderregend in ihrem bewußtlosen Vegetieren, aus dem sie niemand erlösen könnte.

Blums Haß hatte sich in Trauer verwandelt, und nur daran merkte er, daß bereits das zweite Lied begonnen hatte. Er hatte keinen Beifall vernommen, wie er auch keine Textzeile, kein einziges Wort wirklich wahrgenommen hatte. Er war in den Klang versunken gewesen und würde sich gleich wieder zurückfallen lassen. Er war nur kurz aufgetaucht. Vielleicht, um einen Gedanken zu fassen. Vielleicht, um kurz und kalt zu überlegen, wie seine Nebenbuhler auszuschalten waren. Es war ganz einfach. Es schien ihm selbstverständlich. Er mußte kämpfen. Es war seine Stimme, seine Reise, natürlich, aber er mußte sich seinen Besitz gegen die anderen erkämpfen, er durfte nicht einfach nur dasitzen und zuhören, er mußte sich hineinhören, sich selbst in den Klang drängen. Er würde sich breitmachen. Er würde kämpfen.

Er kämpfte.

Er hörte, wie die Sängerin sang, wie unsägliche Trauer aus ihrem Gesang sprach. Es mußte ein Lied über einen unwiederbringlichen Verlust sein. Über eine erloschene Liebe vielleicht, ein verstorbenes Kind, vergessene Heimat. Unendliche Trauer, aber verklärt durch die Töne, auf denen sie daherkam, mit denen sie sich den Zuhörern einschmeichelte, eine in ihrer Schönheit tröstliche Trauer, die niederschmetterte und zugleich zufrieden stimmte. Glücklich machte.

Aber all das war nicht wichtig, nicht für Leo Blum. Er kämpfte um das, was ihm allein gehörte. Er hörte in sich hinein, während er dem Lied lauschte, hörte das Blut in seinem Kopf pochen, langsam und stetig wogte es voran. Ein unbeirrbarer Rhythmus, der anschwoll und sich den Tönen der Sängerin unterlegte, sich die Flügelbegleitung untertan machte. Seltsam Fremdes mischte sich in die süße Trauer, ein unbekannter Ton, der aus der Ferne kam. Der aus ihm kam. Erstickte Schreie, kein Seufzen, nein, ein leises Stöhnen grundierte den Gesang, der plötzlich nicht mehr nur traurig klang, nicht mehr nur schön. Unheimliches summte, die Untertöne rochen nach Gewalt. Nach Lust an Zerstörung. Tod und Verderben.

Endlich zeigte das Lied sein Gesicht. Der Lack war ab, eine Fratze kam zum Vorschein und lachte höhnisch. Blum warf einen schnellen Blick zur Seite, zu den anderen Zuhörern. Versunken wie zuvor, die gleiche Haltung. Sie hatten nichts bemerkt. Eine wilde Freude explodierte in Blum. Jetzt waren die anderen wirklich taub, hörten das Eigentliche nicht, schmeckten nicht das Bittere unter der süßen Hülle. Ein paar Soldaten, die Schubertliedern zuhörten, das war alles. Es war eine Kriegserklärung, die ihnen entgegentönte, brutale Gewalt, ein Vernichtungsfeldzug, dem sie ausgesetzt waren, aber sie hörten es nicht. Sie waren Soldaten, sie hätten sich wehren müssen, aber sie hatten keinen Sinn für die Gefahr.

Blum hatte es geschafft. Es war sein Gesang, seine Sängerin. Er hörte die Kriegstrommeln in seinem Körper immer wildere Rhythmen hervorbringen, und er sah zu seiner Sängerin auf der Bühne, sah, wie sie dort stand im langen Abendkleid und wie das Kleid in den Boden hineinzuwachsen schien, und hörte das Stöhnen lauter werden, näher kommen, und sah den Stein des Bühnenbodens heraufwachsen in ihr Kleid und hörte im Stöhnen ein Fauchen, sah sie langsam zu Stein werden, hörte aus dem Fauchen ein Brüllen wachsen, ein nie gehörtes Raubtiergebrüll, sah, wie ihr Krallen wuchsen, eine Zauberin, ein Teufelswesen, und immer noch sang sie engelsgleich, und das Stöhnen und Fauchen und Brüllen der Bestie hörte nicht auf, und in Leo Blum pochte das Blut sein Lied: Angst und Angst und Angst. Er hatte Angst vor dem Raubtier, vor sich, vor den Tönen und Klängen, vor ihr, die da vorn stand und sang, er hatte Angst vor allem, panische Angst.

Weg hier! dachte er und wollte aufspringen, doch er konnte sich nicht rühren. Irgend etwas hielt ihn fest in dieser stöhnenden, klingenden Hölle. Wie gefesselt blieb er an die Lehne gedrückt, gelähmt, nicht einmal zu schreien vermochte er. Vielleicht schrie er auch, und niemand hörte es, weil sie alle taub waren, die Ohren verklebt hatten oder weil das Stöhnen jeden anderen Laut erstickte. Es gab keine Hoffnung, Trauer, Schönheit. Alles war Angst. Leo Blum wünschte, er wäre taub.

Da begann die Sirene zu singen.

Ihr Gesang stieg aus der Angst empor. Die Sirene sang aus der Unterwelt, aus dem Boden heraus. Blum spürte die Steinplatten zittern, die Schwingungen in seine Füße kriechen, seine Beine hinauf. Der Ton schwoll zu gellender Pracht an, wogte nach oben, fiel zurück von der Decke, wurde leiser, schwoll an, schwoll ab. Wie im Krieg. Eine Luftschutzsirene. Eine Sirene wollte Blum retten. Eine Sirene, die ihn aus dem Bunker rief, in dem er Schutz finden sollte, ein simpler Ton, der sich in ohrenbetäubende Frequenzen verstieg, ein Jubelton.

Triumphierend blickte Blum zur Bühne. Die Sängerin hatte zuerst abgebrochen, der Pianist spielte noch ein, zwei Takte und ließ dann die Arme sinken. Sie wußten nicht, was zu tun war. Sie sahen sich an, verblüfft. Sie glaubten nicht an den Sirenenton, doch er war da und sang aus der Unterwelt hervor. Er war viel zu laut, um als Sinnestäuschung gelten zu können. Ein Kriegsgeschrei, dessen Nachhall den Saal füllte. Vielleicht wollten die beiden dort warten, bis die Sirene aufhörte, um weiterzumachen, um mit Flügel und Singstimme noch mehr Stöhnen und Fauchen und Angst zu verbreiten. Aber die Sirene hörte nicht auf. Unbeirrt schwoll ihr Ton an und ab, ein Ton wie das Rollen des Meers gegen den Strand, wie für die Ewigkeit gemacht, und dann sprang jemand auf, stürzte hinaus in den Innenhof. Kaum hörte man die Tür durch das Heulen der Sirene zuschlagen, aber der dumpfe Laut war doch das Zeichen, war der Zauber, der die Lähmung löste. Man rührte sich, man grummelte, wisperte, tuschelte, und Leo Blum vermochte seine Beine wieder zu bewegen. Blum stand auf wie die Soldaten neben ihm. Es funktionierte bei ihm genauso selbstverständlich wie bei seinen Nachbarn, da war kein Unterschied, sie waren gleich, frei, brüderlich.

»Was ist das?« fragte er zu einem der Soldaten hin, um auszuprobieren, ob er wieder sprechen konnte. Er konnte sprechen. Der andere zuckte die Achseln. Blum konnte nicht nur sprechen, er schien auch verstanden worden zu sein. Alles war normal. Jemand schrie durch den Sirenenton, daß die Veranstaltung kurz unterbrochen sei, eine kleine Pause, in der man versuchen wolle, die Ursache der Störung zu finden und zu beseitigen. Blum nickte. Eine ganz normale Störung, eine ganz normale Unterbrechung. Eine Sirene heulte irgendwo. Irgendwo aus der Unterwelt. Das war alles. Alle drei Türen zum Innenhof standen inzwischen sperrangelweit offen. Wie all die anderen ging Blum ins Freie, zusammen mit ihnen tappte er hinaus, es war noch warm, und die Reste der Dämmerung verblaßten im Hof. Ein paar einsame Sterne standen am Himmel. Die Sirene war lauter als drinnen.

Blum hatte Lust, sich zu unterhalten, je banaler, desto lieber. Er sprach jeden an, der ihm über den Weg lief, wechselte zwei, drei Worte, mehr brauchte er nicht und mehr war bei diesem Krach auch gar nicht möglich.

»So ein Krach!« sagte er.

»Haben Sie so etwas schon erlebt?« fragte er.

»Ich verlange mein Geld zurück!«

Alles war normal. Die Sirene heulte, die Leute nickten.

»Unerhört!« sagten sie.

»Eine Übung? Meinen Sie, es ist eine Übung?«

»Daß man so etwas nicht abstimmen kann!«

»Abstellen?«

»Ja, das auch.«

Leo Blum nickte. Er schüttelte den Kopf. Alles war in Ordnung. Er gesellte sich zu einer Gruppe, die sich vor einer Kellerluke gesammelt hatte.

»Da unten«, sagte einer, »es kommt von da unten.«

Blum beugte sich über gekrümmte Rücken dem ummauerten Loch entgegen. Ein Gewölbe war zu erahnen. Nach unten verlor sich der Kellerraum im Schwarz.

»Warum stellt sie denn niemand ab?« schrie einer dem Heulton entgegen. Dort unten war die Sirene. Aus dem tiefen Schwarz brüllte sie hervor.

»Ja, es kommt von da unten«, sagte Blum. Im Keller heulte eine Sirene, die den Liederabend jäh unterbrochen hatte. Er war Leo Blum. Er war Polizist. Auch wenn er nicht im Dienst war, war es vielleicht an der Zeit, einzuschreiten.

»Sie sind schon unterwegs«, sagte jemand.

Es schien kein elektrisches Licht im Keller zu geben. Blum sah nur den Strahl einer Taschenlampe, der über die Mauern irrlichterte, wie ein Flakscheinwerfer nach oben fuhr, während der Sirenenton aufbrauste, dann am Boden entlangkroch, lange Schatten warf und sich unter dem Kellerloch festbiß.

»Und?« schrie einer nach unten. Man sah nichts als den Schein einer Taschenlampe, man hörte nichts als den gellenden Sirenenton.

»Habt ihr es?« schrie einer durch das Heulen, das noch lauter zu werden, aus dem Licht Kraft zu schöpfen schien, sich zu unglaublichen Höhen aufbaute.

»Was ist …?« schrie einer der Soldaten mit aller Macht gegen die Mauer aus Lärm an, als diese plötzlich in sich zusammenbrach, auf einen Schlag verschwunden war, wie nie dagewesen, eine akustische Fata Morgana. Wie ein Schuß krachte die Stille herbei, der Urknall der Stille.

»… es?« schrie der Soldat durch das verschwundene Sirenenheulen in die plötzliche Stille hinein, in diese Ruhe, die so lautlos war, daß sie in den Ohren dröhnte, in diesen Schock des Nichts, diesen Schlag von Taubheit.

Das »Es« schrie sich durch den Keller, ohne Widerstand zu finden, zischte durch den Hof, baute sich großspurig und lächerlich auf, und als sich der Soldat erschrocken umsah, war der Moment der absoluten Stille schon vorbei, hörte Blum ein rauschendes, leises Echo des Sirenentons, wußte, daß das nur der Nachhall in seinen Ohren war, daß es ein paar Sekunden dauern würde, bis er sich wieder an die Ruhe gewöhnt hätte. Wenn er jetzt etwas sagen würde, wären die ersten beiden Sätze lauter als üblich, aber das ginge schnell vorbei. Man mußte sich nur umstellen.

»Eine Sirene«, sagte eine Stimme aus dem Kellerloch, »eine dieser tragbaren Sirenen, mit denen die Fußballfans ins Stadion ziehen.«

Eine Sirene, was sonst? Eine Sirene, deren Echo immer noch in Blums Ohren klang, anders zwar, leiser und gleichmäßiger. Kein Singen und Heulen, eher ein Ton zwischen Summen und Pfeifen, zwischen Wecker und Zahnarztbohrer.

»Sie funktioniert mit Druckluft und ist …«, sagte die Stimme aus dem Keller.

»Die Alarmanlage«, schrie eine Frauenstimme dazwischen. Blum lauschte. Jeder lauschte. Das gleichmäßige Summen war kein Nachhall der Sirene. Es war da, keine Einbildung, keine akustische Täuschung in der Folge des Krachs.

»Um Gottes Willen, der Alarm!« rief die Frau. Es war die Frau, die als Platzanweiserin fungiert hatte. Sie stürzte Richtung Eingangstor, links die Treppe hinauf in den ersten Stock, wo vom Holzbalkon aus die Räume der Franz-Schubert-Gedenkstätte zu erreichen waren. Zuerst folgte ihr einer der Soldaten. Dann setzten sich, wie auf einen unhörbaren Befehl hin, auch die anderen in Bewegung. Hastig stiegen sie die Stufen hinauf. Blum war bei den ersten. Die Alarmanlage war jetzt deutlich zu hören, obwohl sie nach vorne, auf die Nußdorfer Straße hinausschallte. Der Ton, den sie von sich gab, war kein Summen und kein Pfeifen. Es war der Ton einer Alarmanlage.

Die Tür zum Museum brauchte nicht aufgesperrt zu werden. Sie war aufgestemmt worden. Holzsplitter standen aus dem Türrahmen. Das Stemmeisen fand sich im zweiten Raum. Es steckte im Klavier, auf dem Franz Schubert vor ein paar Generationen gespielt hatte. Zwischen fis und gis. Die g-Taste fehlte. Aber sie würde wohl irgendwo auftauchen, wenn man daranging, das Chaos aufzuräumen, das in den vier kleinen Zimmern herrschte. Kaum vorstellbar, daß ein simples Stemmeisen von 1,20 Meter Länge ausreichte, um solch eine Verwüstung anzurichten. Jede Glasvitrine war zerschlagen, grün lackierte Rahmenteile markierten sinnlos den Dielenboden, Autographen und Zeichnungen lagen zerknüllt und zerrissen dazwischen.

»Nein«, sagte die Platzanweiserin, die wohl auch für das Museum verantwortlich war. Sie schüttelte den Kopf.

Einer Geige war der Hals gebrochen. An ihren Saiten hatte sich ein halber Kopfhörer aufgehängt. Auf dem zersplitterten Abspielgerät mit Schubertschen Musikbeispielen, zu dem er gehört hatte, lag eine Stuhllehne. Das Gerät würde nie mehr einen Ton von sich geben.

»Aufhören«, sagte die Platzanweiserin.

Alles war zerstört, zerschlagen. Die Alarmanlage war das einzige, was noch heil war. Unverdrossen warnte sie nach draußen vor dem, was schon längst geschehen war. Von fern her schien sich erneut ein leiser Sirenenton darunter zu mischen.

»Jemand sollte die Polizei rufen«, sagte jemand.

»Die Alarmanlage soll aufhören!« sagte die Platzanweiserin. Sie ging um das ramponierte Piano zum Fenster. Die Glasscherben knirschten unter ihren Schritten. Der Sirenenton wurde lauter, kam rasch näher.

»Schluß jetzt!« schrie die Platzanweiserin aus dem Fenster. Jemand lachte hysterisch. Blum drehte sich um. Es war die Sängerin, die aufgelacht hatte, die Sopranistin, Eva-Maria Stern. Kraftlos hing sie am Arm ihres Pianisten. Blum machte einen Schritt auf sie zu. Kein Zweifel, es war die Sängerin. Sie sah genauso aus wie vorher im Konzertsaal, etwas bleicher vielleicht. Blum verstand nur nicht mehr, wie er sie hatte schön finden können. Sie war weder schön noch häßlich, sie hatte ein völlig durchschnittliches Gesicht. Nichtssagend. Kein Prinzessinnengesicht, kein Engelsgesicht, schon gar keine Fratze einer Bestie. Und vor allem, sie hatte keinerlei Ähnlichkeit mit der Frau vor der Kapuzinergruft. Nicht die geringste. Blum hatte sich getäuscht. Er verstand nicht, wieso er sich so hatte täuschen können. Es hätte ihm zu denken geben sollen, doch er fühlte sich nur erleichtert. Er war froh. Er hätte singen mögen vor Freude.

Die Alarmanlage tutete fröhlich in die Nacht hinaus und begrüßte den Sirenenton, der draußen bei quietschenden Reifen zum Stehen kam und blaues Licht durch die Fenster warf. Zwei Türen knallten. Die Kollegen von der Sicherheitswache waren schon da.

Die Kollegen waren vom 9. Bezirk, eine Frau, ein Mann. Blum kannte beide nicht. Er stellte sich vor und fragte, ob er behilflich sein könne. Der Wagenkommandant warf einen Blick über das zerstörte Museum, entschied, daß es sich um mehr als gewöhnliche Sachbeschädigung handle, und schickte seine Kollegin zum Streifenwagen, um das Sicherheitsbüro zu verständigen. Während er selbst die Sirene im Keller sicherstellen wollte, sollte Blum das Museum räumen.

Blum nickte. Die Leute mußten hinaus. Sie behinderten die Arbeit der Kollegen, würden mögliche Spuren vernichten, die Aufklärung erschweren.

»Wenn ich bitten darf, meine Herrschaften!« sagte Blum. Der Liederabend war vorbei, Blum war kein Zuhörer mehr, die Zuhörer waren keine Zuhörer mehr, niemand sang, Sirenen waren Teil der Grundausstattung eines Streifenwagens und sonst nichts. Gesetze waren übertreten, ein Verbrechen verübt worden, es war Alltag, Blum war so gut wie im Dienst, weisungsbefugt, und die Schaulustigen hatten zurückzutreten.

Blum schickte alle in den Innenhof, mit Ausnahme der Platzanweiserin, Frau Schmidt-Wolny, die vielleicht noch benötigt wurde. Die Revierinspektorin kam zurück und ging durch die Gedenkstätte, um sich die Sauerei anzusehen. Frau Schmidt-Wolny schüttelte in einer Tour den Kopf. Sie war fertig.

»Beruhigen Sie sich!« sagte Blum.

»Es ist alles vorbei«, sagte Blum. Die Frau schüttelte den Kopf.

»Wir werden die ganze Sache aufklären«, sagte Blum. »Das verspreche ich Ihnen.«

Frau Schmidt-Wolny schüttelte den Kopf, und Blum redete weiter auf sie ein, erfand ähnlich gelagerte Fälle, die in zwei Tagen gelöst waren, machte großspurige Witze über die Dummheit von Verbrechern, schwor, daß alles in Ordnung käme. Blum gab sein Bestes. Frau Schmidt-Wolny hörte endlich auf mit der Kopfschüttelei und stand nun stocksteif wie ein Automat, der gar nicht wahrnimmt, daß man auf ihn einspricht. Sie rührte sich auch nicht, als der Beamte vom Sicherheitsbüro eintraf und die Stufen hochächzte. Ein Oberinspektor Waworka. Er sah aus, als ob ihn jemand gerade aus seinem wohlverdienten Schlaf unter einer Donaukanalbrücke gerissen hätte. Eine Fleisch gewordene Widerlegung des Bildes von der effizienten, freundlichen, bürgernahen Wiener Polizei, das Blum Frau Schmidt-Wolny auszumalen versucht hatte. Zwei Zentner keuchende Schmuddeligkeit. Oberinspektor Waworka hustete auf seinen Zigarillo ein. Seine Lungen pfiffen, und aus der Gegend der Bronchien rasselte etwas. Er schnippte den Zigarillo in den Innenhof. Blum war sich nicht ganz sicher, ob das der Mann war, der alles in Ordnung bringen würde.

»Die beiden da?« fragte Waworka und zeigte mit dem Daumen auf Blum und Schmidt-Wolny.

»Ein Kollege von der Sicherheitswache, der zufällig im Konzert war, und eine Museumsangestellte«, sagte die Streifenpolizistin schnell.

Wenn Waworka überhaupt an eine Antwort gedacht haben sollte, dann ging diese in einem neuerlichen Hustenanfall unter. Das Zeug aus den Zigarillos schien in den Bronchien zu kleben und ließ die Luft beim Einatmen zischen.

»Scheiße«, sagte Waworka. Er versuchte sich freizuhusten.

»Gesundheit!« wünschte die Streifenpolizistin. Blum lächelte zustimmend. Er war Nichtraucher.

Der Oberinspektor zischte los: »Hören S’ auf mit den Anzüglichkeiten, Frau Kollegin. Ich weiß selber, daß ich aufhören sollte.«

»Ich …«, sagte die Polizistin.

»Ich bin alt genug«, polterte Waworka. »Und Sie, sind Sie vielleicht meine Frau Mama? Das sind Sie nicht, sonst wären S’ nämlich schon tot. Tun S’ lieber Ihre Arbeit!«

Die Streifenpolizistin stand mit offenem Mund da.

»Na los, Protokoll aufnehmen! Das haben S’ doch gelernt, oder?« höhnte Waworka. Die Polizistin wandte sich Frau Schmidt-Wolny zu.

»Aber sie wollte doch nur …«, sagte Blum. Er hätte nichts sagen, sich nicht einmischen sollen, aber etwas in ihm entrüstete sich über dieses Ekel. Seine Prinz-Eisenherz-Seite. Leo Blum, der Beschützer von Witwen, Waisen und überforderten Revierinspektorinnen. Es war lächerlich, aber es steckte in ihm. Er konnte nichts dagegen tun.

»Was?« bellte Waworka.

»Na, sie wollte doch nur Gesundheit wünschen.«

»Und?«

Blum verstand nicht. Und was? Nichts und! Die Kollegin wollte Gesundheit wünschen, das war alles. Waworka machte einen Schritt auf ihn zu. Blum spürte den Rauchgestank.

»Na, sie wollte Gesundheit wünschen … und?« fragte Waworka.

»Und?« sagte Blum. Er wußte wirklich nicht …

»Wie heißt ’n, Bürscherl?« fragte Waworka.

Prinz Eisenherz verblaßte in Blum.

»Blum, Leo«, sagte Blum.

Waworka brüllte: »Blum, Herr Oberinspektor! So heißt das! O-ber-in-spek-tor! Gesundheit wünschen, Herr Oberinspektor, verstehst, Bürscherl? Herr Oberinspektor! Das ist das Zauberwort! Der Herr Oberinspektor, das bin ich, und so möchte ich auch angesprochen werden. Ist das klar, Blum?«

Das war klar. Blum verstand sehr wohl. Der Oberinspektor war ein Sadist. Trat nach unten, wann immer er die Gelegenheit dazu hatte, und buckelte wahrscheinlich nach oben.

»Ist das klar, Blum?« Waworkas Stimme schnitt durch Blums Gedanken. Blum mußte antworten, mußte etwas sagen. Aber was? In Blum arbeitete es, kämpften zwei Seelen, stritten zwei Stimmen. Die eine sagte: ›Du kannst mich mal, du Volldepp!‹ Die andere sagte: ›Laß gut sein. Der ist es nicht wert, das ist es nicht wert, den siehst du wahrscheinlich nie wieder, wenn du jetzt nichts Falsches sagst, den alten, verbitterten Mann, der einem nur leid tun kann, diesen titelsüchtigen k.u.k.-Dinosaurier, vom Aussterben bedroht. Ein Platz für wilde Tiere, und schließlich gibt der Klügere nach.‹ In Blum stritten die Stimmen, und er selbst schwieg. Sagte gar nichts.

»Ist das klar, Blum?« fragte Waworka.

Er lauerte. Er spitzte die Ohren. Blum war sich darüber im klaren, daß das eine Falle sein sollte. Wenn er einfach ›ja‹ sagte, würde der Oberinspektor erneut explodieren, ihn endgültig zur Schnecke machen. ›Ja, Herr Oberinspektor‹? Das brachte Blum nicht zustande. Dagegen sträubten sich seine Stimmbänder, das würde ihm nicht durch die Kehle passen.

»Ich habe gefragt, ob das klar ist, Blum«, sagte Waworka.

Blum könnte auch ›nein‹ sagen. Oder ›nein, Herr Oberinspektor‹? Oder sonst etwas. In Blum kämpften viele Stimmen, irrten Worte durcheinander, Sätze, ein Tohuwabohu von Ausrufen und Einwürfen, von blitzenden Formulierungen und rüden Schimpfworten. Blum sagte nichts. Er versuchte den Stimmen in sich zu folgen und sagte kein Wort.

»Gut«, sagte Waworka, wandte sich von Blum ab und der Polizistin zu.

»Und?« fragte er.

»Im Erdgeschoß fand ein Liederabend statt, Herr Oberinspektor. Wenigstens solange, bis im Keller eine Sirene losging. Mein Kollege hat sie sichergestellt. Wahrscheinlich haben die Täter die Sirene angestellt, um ungestört und ungehört hier ihr Zerstörungswerk durchzuführen. Die Alarmanlage war auf jeden Fall erst zu hören, als die Sirene abgestellt werden konnte.«

Frau Schmidt-Wolny nickte.

»Ist das alles?« fragte Waworka.

»Ob etwas gestohlen wurde, ist bei dem Chaos hier noch nicht festzustellen.«

»Ich glaub’s nicht«, sagte Waworka. »Außerdem wird das Zeug ja wohl versichert sein.«

Er probierte aus, welche Tasten des Klaviers noch Töne von sich gaben. Von unten nach oben. Die unvollständigen Tonleitern klangen in Blums Ohren wie ein höhnischer Kommentar zum Kampfgeschrei der Fraktionen, der Meinungen und Überzeugungen, die sich in seinem Inneren bis aufs Blut bekämpften. Die immer noch nach der Antwort suchten, nach dem einen richtigen Wort.

»Bis auf ein paar Tasten ist es eh noch ganz in Ordnung«, sagte Waworka.

»Brauchbare Tatortspuren sind kaum zu erwarten«, sagte die Polizistin. »Die ganze Horde Konzertbesucher ist hier drinnen gewesen. Von den Tätern hat aber keiner etwas bemerkt. Nichts. Keine Beobachtungen.«

Waworka zuckte die Achseln. »Wer wird’s denn schon gewesen sein?«

Frau Schmidt-Wolny sah ihn fragend an. Waworka steckte sich einen neuen Zigarillo an und sagte:

»Vandalismus, verstehen Sie? Besoffene, Drogenabhängige, Punks, Skinheads, irgendwelche Verrückten.«

»Aber wer …?« fragte Frau Schmidt-Wolny.

»So etwas passiert doch in einer Tour«, sagte Waworka. »Hören S’ denn keine Nachrichten?«

Er winkte ab. »Versiegeln wir und gehen wir heim!«

Frau Schmidt-Wolny schüttelte den Kopf. Es war ihr Reich, das soeben verwüstet worden war.

»Was soll ich jetzt machen?« fragte Waworka. »Die ganze Welt verhaften?«

In Blum tobte der Krieg der Stimmen. Die Sätze stellten sich Fallen, fielen übereinander her, löschten einander aus, bevor sie hörbar wurden, ja, bevor sie ausformuliert waren. Blum mußte jetzt etwas antworten. Er konnte nicht.

»Alles klar, Blum?« fragte Waworka. Er grinste feist.

»Get down, get down …«, wummerte das Radio los. Die Bässe schlugen von innen gegen die Magenwand und prügelten der Melodie einen Rhythmus ein, dem sie im Gleichschritt nachzumarschieren hatte. Der Tag begann für Ruth Strelecky gegen Mittag, und er begann katastrophal. Mit den Back Street Boys. Sie hatte sich angewöhnt, noch im Bett das Radio anzuschalten und das erste, was sie hörte, als Orakel für den Tag anzusehen. Sie hatte eher subjektive Interpretationsschemata. Verkehrsdurchsagen versprachen einen ruhigen Tag ohne größere Höhe- oder Tiefpunkte, Nachrichten ließen Streß bei der Arbeit befürchten. Am fröhlichsten stimmten sie Reiserufe. Die kamen leider sehr selten. Herr X aus Y, mit einem blauen BMW im Salzburger Land unterwegs, soll bitte seinen Bruder anrufen. Das klang für sie nach Abenteuer, nach bedeutsamen Erlebnissen. Bei Musik kam es auf den Einzelfall an, auch wenn aktuelle Hits eher verdächtig, ihr unbekannte Stücke eher positiv wirkten. Wahrscheinlich hing alles davon ab, ob sie gut geschlafen hatte, wie sie aufgewacht war, ob sie gut aufgelegt war. Ruth glaubte nicht an Orakel, Horoskope und den ganzen Unsinn. Es war nur eine Art von Spiel. Nichtsdestotrotz konnte »Get down« von den Back Street Boys nur Übles bedeuten.

»Gett daun, gett daun, jur …«, dudelte es im Radio. Oberinspektor Waworka bohrte mit dem kleinen Finger im Ohr. Er brauchte nicht zu überlegen. Es half nichts. Das Gerät stand nebenan beim Chef, da konnte man nichts machen. Waworka war selbst schuld. Er hätte nach dem Gabelfrühstück noch im Café Westend bleiben sollen, statt hierher ins Sicherheitsbüro zurückzukommen. Das Westend war eh der einzige Ort, wo man erfuhr, was los war. Wenn wo was los war. Man hörte dieses und jenes, fragte beim Jean nach, wenn er einen großen Schwarzen brachte, schaute in die Kronenzeitung und in den Standard, legte ein Steinchen zum anderen, und mit der Zeit bildete sich schon ein Mosaik. Man durfte bloß nichts überstürzen. Was noch fehlte, konnte man sich leicht zusammenreimen, wenn einen kein Radiogedudel störte und wenn man nicht deppert war. Deppert war Waworka nicht. Und das Radio störte ihn heute nur allgemein. Er hatte ja sowieso nichts Wichtiges zu tun. Na ja, die Spinner vom Schuberthaus. Aber wichtig war das nicht, wenn er auch vom Jean gehört hatte … Ach ja, er sollte vielleicht mal im Funkhaus an der Argentinierstraße anrufen. Die Moderatorin von gestern abend erwischte er natürlich nicht, aber immerhin eine Kollegin, die ihm deren Privatnummer gab.

Das ausländische Lied nebenan war endlich vorbei, und der Radiosprecher plärrte los. Er schien beim Chef im Zimmer zu sitzen und auf ihn einzubrüllen. Waworka dachte an Schallschutztüren und Isolierzellen.

»… unglaubliche Nachricht aus Wels: Eine Achtundachtzigjährige wurde vom Schnellzug überrollt, und sie blieb unverletzt! Ich bin jetzt mit der Rettung in Wels verbunden. Doktor Stammer, erst einmal, wie geht es der achtundachtzigjährigen Frau?«

Oh, Gott, dachte Ruth. Das darf doch nicht wahr sein, dachte sie. Neben ihrem täglichen Morgenhoroskop gab es einen zweiten Grund, warum sie gleich morgens Radio hörte: Selbstbestätigung. Es baute sie auf. So tief konnte sie mit ihren eigenen Sendungen überhaupt nicht sinken, so schlecht würde sie nie sein wie der liebe Kollege Roman Kern zum Beispiel, der jetzt am Mikrophon saß und seine Stimme der unverhofft hereingeschneiten Sensation entsprechend aufstylte. Roman besaß eine ausgezeichnete Stimme, verfügte über eine klare Modulation, guten Ausdruck, Variationsbreite. Was immer er sagte, es klang angenehm. Das war ein zwiespältiges Kompliment, doch mehr an Positivem konnte Ruth ihm beim besten Willen nicht zugestehen. Intellektuell war Roman ein glatter Ausfall. Von des Gedankens Blässe in keiner Weise angekränkelt. Immerhin versuchte er auch nicht, mehr zu scheinen, als er war, und hatte sich klugerweise auf die human-interest-Schiene verlegt. Themen wild durch den Gemüsegarten, denen gemeinsam war, daß mehr als handwerkliches Können des Moderators dabei nur schaden konnte. Kurz, Roman kam prächtig an.

Ruth ging in die Küche, schaltete dort das Radio ein und füllte Wasser in die Kaffeemaschine.

»… ja freilich können Sie mit der Patientin sprechen. Wir haben sie schon dementsprechend vorbereitet. Kommen S’, Frau …«

Na, war das nicht unerhört? Das mußte Waworka später im Kaffeehaus erzählen. Legt sich die zwischen die Schienen wie in einem Gangsterfilm, eine Achtundachtzigjährige! Und kein Haar gekrümmt. Die hätte leicht tot sein können. Kopfschüttelnd tippte Waworka die Nummer von Ruth Strelecky. Sehr deutsch klang das nicht, weder Ruth noch Strelecky. Waworka hatte nichts gegen Juden, Tschechen und so weiter, nicht einmal hier in Wien. Die waren ja immer schon haufenweise hier gewesen, schon zu Franz Josefs seligen Zeiten. Anständig aufführen mußten sie sich halt.

»Iih, ummistrkriang ga wummakumma geagnia!« sagte eine hohe, brüchige Frauenstimme aus dem Radio, als Ruths Telefon läutete. Brutaler Dialekt, eine kranke alte Frau, unter Schock, aufgeregt, zu nah am Mikrophon, die gurgelnde Kaffeemaschine dazwischen – eine tödliche Mischung. Das Telefon klingelte noch immer. Beim sechsten Läuten hob Ruth den Hörer ab.

»Ruth Strelecky?«

»Waworka, Kriminaloberinspektor.«

»Ja?«

»Sie haben doch gestern eine Sendung im Radio gemacht.«

»Und? Das ist mein Job.«

»Da ging es darum, die Wiener Musik zu zerstören?«

»Nein, umgekehrt, da ging es darum, wen oder was die Wiener Musik zerstört.«

»Wer.«

»Wie?«

»Wer oder was die Wiener Musik zerstört.«

»Warum?«

»Warum was?«

»Warum hat wer …?«

»Warum? Weiß ich nicht. Wegen Ihrer Sendung vielleicht.«

»Wegen …?«

Im Radio sagte eine achtundachtzigjährige, vom Leben gezeichnete, vom Zug überrollte, aber sonst einigermaßen heil gebliebene Frauenstimme:

»Kriangstimpflttrrst, ngst!«

Waworka hörte das Radio jetzt zweifach. Stereo, sagte man wohl. Einmal krachend laut aus dem Chefzimmer und ein zweites Mal als leises Echo aus dem Telefonhörer. Waworka beschloß, Klartext zu reden. Die Strelecky tat ja so, als ob sie überhaupt nichts kapierte. Als ob sie ein Tschusch wäre. Und das als Radiomoderatorin. Er sagte:

»Gestern nacht Attentat im Schubertmuseum. Viel kaputt, große Sauerei! Franz Schubert wichtiger Mann sein in Wiener Musik. Verstehen S’? Und in Ihrer Sendung kurz vorher …«

»Bei Ihnen tickt es wohl nicht richtig. Wie war Ihr Name? Waworka?«

»Tatsache ist, daß in Ihrer Sendung …«

»Klar. Jeden Abend, wenn ich aus dem Sender komme, schlage ich ein Denkmal der Wiener Musikgeschichte kurz und klein. Schubert, Mozart, Beethoven, Robert Stolz, den ganzen Kram. Alles, was einen Namen trägt, der im Musiklexikon vorkommt. Ich sprenge einfach alles in die Luft. Bumm. Ach, wie das klingt!«

»Junge Frau …«

»Das ist meine nächtliche Hauptbeschäftigung. Tagsüber – jetzt gestehe ich alles, wo Sie mich schon aufgespürt haben, Herr Kriminaler – tagsüber vernichte ich heimlich Noten. Ich gehe in ein Musikgeschäft, Feuerzeug raus, schschscht, und schon steht Mozarts Requiem in Flammen, ist der halbe Haydn abgefackelt. Eine Heidenarbeit, echt! Wissen Sie, wie viele Notenhefte es gibt?«

»Jetzt machen Sie mal halblang …«

»Motiv: unermeßlicher, manischer Haß, seit meine Eltern mich mit drei Jahren gezwungen haben, Klavier zu spielen. Zwanzig Stunden täglich mußte ich üben, ich sollte ein Wunderkind werden. Jahrelang Tonleitern, Etüden, Préludes …«

»Nehmen Sie sich nicht so wichtig! Von Ihnen redet ja keiner. Bis jetzt wenigstens. In Ihrer Sendung hat eine angerufen und Drohungen ausgestoßen. Das ist alles, was mich interessiert.«

»Pfrdl, mrtl, krzrtl«, sagte eine halbtote Frauenstimme im Radio, und ein fröhlicher Roman Kern fügte hinzu: »Hauptsache, daß es Ihnen gutgeht. Vielen Dank nach Wels. Das war die unglaublich gute Nachricht von heute und nun …«

Ein Witz, dachte Ruth, das kann nur ein Witz sein. Da kam so ein Bulle daher, sprach sie wie eine Debile an und schob ihr ein Attentat in die Schuhe. Oder zumindest die geistige Urheberschaft daran. Als ob sie in ihrer Sendung darauf aus wäre, Terroristen heranzuzüchten. Abziehbilder von Terroristen, die antimusikalischen Zellen oder so etwas. Surreal! Oder doch bloß ein Witz? Vielleicht steckten die Kollegen vom Radio dahinter. Das dauernde kindische Blabla, zu dem man bei diesem Job gezwungen wurde, das ewige Locker-flockig-Getue konnte schon mal zu solchen Ausrastern führen. Vor allem Ruth gegenüber, die von der herrschenden Küßchen-Kollegialität sowieso nichts hielt und das auch deutlich zum Ausdruck brachte. Da mochte durchaus einer auf die Idee kommen, sich als Kriminaler auszugeben und ihre Reaktion auf diesen Blödsinn auszutesten. Roman zum Beispiel wäre infantil genug für diese Art von Humor. Die Kaffeemaschine spotzte zustimmend. Ruth schenkte sich eine Tasse ein.

»Sind Sie noch dran, Frau Strelecky? Ich wollte ja nur wissen, wer’s war. Wer angerufen hat.«

»Wer sagt mir, daß Sie wirklich von der Polizei sind?«

»Ja glauben S’, ich mache das zum Spaß?«

»Beweisen Sie es!«

»Soll ich Ihnen meinen Dienstausweis durchs Telefon zeigen?«

»Ihr Problem!«

»Hören S’ auf! Den Namen und die Adresse, wenn ich bitten darf.«

»Berufsgeheimnis, Schweigepflicht, du verstehen? Wie Beichtgeheimnis von Priester. Wenn brechen, dann in Hölle kommen. Und Hölle sein schlecht, viel heiß und kleine Teufel, die zwicken und zwacken.«

Ruth legte auf. Ein blöder Witz, sonst nichts. Abhaken, sofort vergessen! Aus dem Radio tönte eine männlich-herbe Stimme, Typ Edelbitterschokolade:

»Zum Sport: Eine gute und eine schlechte Nachricht von den österreichischen Tennisspielern. Im Finale des Turniers von Kitzbühel setzte sich Thomas Muster souverän durch. Gilbert Schaller verlor das Spiel dagegen unglücklich in drei Sätzen. Die Satzergebnisse: 6:3, 4:6, 6:0. In der Weltrangliste …«

In der Weltrangliste der hartnäckigsten Kieberer stand Waworka eigener Einschätzung nach ziemlich weit oben. Er konnte Leuten so lange auf die Nerven gehen, bis sie gestanden, ihre eigene Großmutter zu sein. Wenn er wollte. Jetzt wollte er. Er wählte die Nummer der Strelecky. Wäre doch gelacht!

»Das ist die zweitbeste Position, die ein Österreicher seit der Vorwoche je eingenommen hat«, verkündete das Radio.

Ruth machte Morgengymnastik, als das Telefon läutete. Sie war in der Brücke, kopfüber, mit den Augen zehn Zentimeter über dem Teppich, und dachte, daß sie unter dem Regal mal saugen sollte. Im Telefon nuschelte es unverständlich. Ruth stützte sich mit einer Hand ab, ohne die Brücke abzubrechen, und fragte:

»Was?«

»–,–«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»–!!–?«

»Was? Reden Sie lauter!«

»..aa…eeh!!«

»Tut mir wirklich leid, falsch verbunden«, sagte Ruth und tastete schon nach der Gabel, um aufzulegen, als sie merkte, daß sie den Hörer verkehrt gehalten und der Sprechmuschel gelauscht hatte. Sie drehte sich auf den Bauch. Der Kopf war nun wieder oben, die Sprechmuschel des Telefons am Mund, die Hörmuschel am Ohr, und das Radio sang:

»Soßen binden leicht gemacht.«

Waworka schrie gegen die Soßen an. Gegen alle Soßen dieser Welt, die aus dem Zimmer des Chefs trieften und anscheinend auch alle Telefonleitungen dieser Welt verstopften. Er schrie: »Der Name?«

»Schreien Sie mich nicht so an!«

»Den Namen, aber sofort!«

»Sie wieder, der angebliche Bulle?«

»Hören Sie, ich kann Ihnen jede Menge Schwierigkeiten machen, und ich werde Ihnen jede Menge Schwierigkeiten machen. Das verspreche ich Ihnen. Ich tu das gern. Es ist mir ein Vergnügen. Das liegt in meiner Natur. Und jetzt den Namen, los!«

»Wenn Sie so lieb ›bitte‹ sagen …«

»Also?«

Sicher steckten die Kollegen vom Radio dahinter. Roman Kern, der irgendeinen Freund dazu gebracht hatte, sich als Polizist auszugeben, um Ruth zu veräppeln. Aber sie würde zeigen, daß sie sich zu wehren wußte. Sie sagte:

»Minnie Kern heißt die Anruferin. Ihr Mann nennt sich Roman. Und ebenfalls Kern. Adresse unbekannt.«

»Minnie Kern?«

»Ohne Gewähr. Wie beim Lotto.«

Waworka legte grußlos auf. Das Radio meinte:

»Die latenten Regressionstendenzen in der multimedialen Ära manifestieren sich, um nur auf den Bereich der akustischen Massenkommunikationsphänomene zu rekurrieren, als Fluchtimpetus in einen Meta-Uterus und können ergo als pränatales Nostalgiemoment definiert werden.«

Den Nachmittag verbrachte Ruth damit, ihrem Papagei das Sprechen beizubringen. Genauer gesagt, einen Satz. Der Papagei hieß Kant. Der Satz, den ihm Ruth beizubringen dachte, hieß: Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Bisher hatte Kant »Au« gelernt. Das war immerhin ein Anfang. Als Ruth zum Sender aufbrechen mußte, war sie mit Kant noch keinen entscheidenden Schritt vorangekommen. Es brauchte eben alles seine Zeit.

Das Radio sagte den Nachmittag über dieses und jenes.

Waworka rief zwei Roman Kerns in verschiedenen Bezirken Wiens an. Keinen davon traf er an. Na ja, die liefen ihm nicht davon. Dann schrieb er seinen Bericht über die Sache im Schuberthaus. Mehr konnte er eh nicht machen. Man mußte abwarten, ob die Spurensicherung etwas finden würde. Das war nicht sein Geschäft, und im Grunde war Waworka die ganze Geschichte so etwas von egal, wie er es kaum ausdrücken konnte. Er ging dann ins Westend, wo er am Morgen gleich hätte bleiben sollen.

Im Sender empfingen sie Ruth mit Generalschelte. Natürlich verpackt in Zuckerwatte. Rosarot.

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