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Hör auf dein Herz

1. KAPITEL

„Ich versuche nur, eins und eins zusammenzuzählen“, verteidigte sich Marlene aufgewühlt gegenüber dem gereizten Konstantin. „Frau Saalfeld hat deine Mutter verdächtigt, sie heimlich von Morphalin abhängig zu machen …“

„Glaubst du diesen Unsinn jetzt etwa auch?!“, fuhr Konstantin sie an.

„Und mit letzter Kraft hat sie ‚Doris‘ in den Schnee geschrieben.“ Unbeirrt sprach Marlene weiter. „Als sie dachte, sie muss sterben.“

„Lass mich das mal zusammenfassen …“ Er funkelte sie an. „Du behauptest, meine Mutter hat Frau Saalfeld wochenlang unbemerkt mit Drogen vollgepumpt und sie aus der Hütte in die Eiseskälte gejagt, damit sie im Wald erfriert?!“

Dass das ein ungeheuerlicher Vorwurf war, wusste Marlene ja auch. „Aber Frau Saalfeld würde so etwas niemals erfinden …“

„Sie ist aber anscheinend nicht mehr sie selbst!“, rief Konstantin wütend. „Sie ist zugedröhnt und benebelt!“

„Trotzdem“, beharrte Marlene. „Wieso sollte sie ausgerechnet deine Mutter belasten?“

„Um sich selbst und allen anderen etwas vorzumachen.“ Konstantin traute seiner Mutter ja einiges zu – aber einen kaltblütigen Mord? Niemals! „Und ich traue einer Süchtigen jedes Hirngespinst zu.“ Er erinnerte Marlene daran, wie er selbst damals aus dem Koma erwacht war. „Weißt du noch, wie grotesk das war? Als ich dachte, wir beide wären ein Paar?“ Sie schluckte betroffen. Damit war für ihn offenbar alles gesagt. „Behalt also deine absurde Verschwörungstheorie über meine Mutter bitte für dich!“

Jetzt hielt Konstantin sie also für durchgedreht. Marlene war vollkommen frustriert. Natürlich wollte er nichts hören von ihrem Verdacht, das hätte sie sich auch denken können. Doris van Norden war seine Mutter, und er liebte sie. Aber Marlene konnte sich trotzdem sehr gut vorstellen, dass sie schuld an Charlotte Saalfelds Unglück war. Und das würde sie dieser Hexe auch nachweisen. Um Konstantin damit gleich wieder vor den Kopf zu stoßen. Marlene seufzte. Wie er sie dann noch an die Sache mit dem Koma erinnert hatte … Das zeigte mal wieder, dass er in ihr nicht ansatzweise eine Frau zum Verlieben sah. Tapfer straffte sie die Schultern. Wenn sie sich mit Konstantin deswegen zerstritt, dann war das eben so. Aber Frau van Norden durfte nicht einfach so davonkommen. Marlene musste alle Verdachtsmomente gegen sie zusammentragen. Bis auch Konstantin begriff, wie gefährlich seine Mutter war …

Konstantin konfrontierte zur gleichen Zeit Doris mit den Vorwürfen. Und die ging zum spöttischen Gegenangriff über.

„Frau Saalfeld hat mit all ihren Vorwürfen gegen mich recht“, höhnte sie. „Mein Mordanschlag war minutiös geplant. Ich habe eine mit Borreliose infizierte Zecke auf sie abgerichtet und sie damit krank gemacht. Weil ich genau wusste, dass man sie mit Morphalin behandeln würde. Und ich sie in die Abhängigkeit und den Tod würde treiben können. Skrupellos und erbarmungslos, wie ich bin.“

„Es tut mir leid.“ Entschuldigend hob Konstantin die Hände. „Aber warum hat Marlene dann entdeckt, dass Frau Saalfeld deinen Namen in den Schnee geschrieben hat?“

Für einen Moment war Doris aus dem Tritt gebracht. „Wenn das stimmt, beweist es nur, wie übergeschnappt diese alte Xanthippe ist!“

„Und wieso hast du Marlene in der Lobby vorhin so angeschnauzt?“, bohrte Konstantin weiter.

„Ich war nervös“, erwiderte seine Mutter ungehalten. „Weil mir völlig klar war, dass man mir ihren Zusammenbruch anhängt. Aber mir war nicht klar, dass selbst du so weit gehen würdest.“ Vorwurfsvoll sah sie ihn nun an.

„Du warst immer eifersüchtig auf Frau Saalfeld …“, meinte er.

„Und sie auf mich“, konterte Doris. „Der von mir angeblich vergiftete Tee wurde sogar im Labor untersucht: Nichts! Und Werner und Herr König haben sie erwischt, wie sie heimlich die Tropfen nehmen wollte. Aber ich werde verdächtigt!“

„Du warst also nicht in der Hütte von Herrn König?“, fragte er noch einmal.

„Warum sollte ich?“, fauchte sie. „Ich war nicht dort. Und ich habe Frau Saalfeld kein Haar gekrümmt. Das schwöre ich dir.“

Er nickte. „Ich hoffe, wenn ihr künstliches Koma beendet wird, kann sie alles aufklären.“

Dass er damit Doris’ größte Angst aussprach, war ihm natürlich nicht bewusst.

Charlotte lag derweil immer noch im künstlichen Koma. Julius wich nicht von ihrer Seite und kümmerte sich rührend um sie. Er las ihr aus der Fortsetzung seines Romans vor. An dessen Ende sich die Gräfin und der Stallknecht dann doch bekamen – ganz so, wie Julius es eigentlich schon für den ersten Teil geplant hatte …

Nachdem sie von Konstantin erfahren hatte, dass Charlotte ihren Namen in den Schnee geschrieben hatte, machte sich Doris sofort auf den Weg in den Wald. Endlich fand sie die Stelle, an der Charlotte zusammengebrochen war. Und in der Tat: Da war noch immer „Doris“ zu lesen. Schnell wollte sie die Buchstaben verwischen, da hörte sie, dass sich jemand näherte. Hastig versteckte sie sich im Gebüsch, um zu beobachten, wer da kam. Es war Marlene Schweitzer.

Marlene war gekommen, um den Schriftzug im Schnee zu fotografieren. Natürlich bemerkte sie sofort, dass jemand versucht hatte, ihn zu verwischen. Die letzten beiden Buchstaben fehlten bereits. Und außerdem kam es Marlene so vor, als würde sie in diesem Moment beobachtet …

Zurück zu Hause wandte sich Doris an ihre Madonna.

„Du weißt, was passiert, wenn die heilige Lotte wieder erwacht?“, flüsterte sie. „Dann verrät sie allen, dass ich mit dem Morphalin in die Hütte gekommen bin. Und sie im Wald habe liegen lassen. Das ist so gut wie Mord. Welch ein Triumph wäre das für diese scheinheilige Natter: Ich, hinter Gittern und getrennt von Werner und Konstantin!“ Doris’ Stimme wurde jetzt flehend. „Das kannst du nicht zulassen, Madre!“ Sie atmete tief durch. „Jetzt heißt es, die Nerven zu bewahren. Beweisen kann sie mir nämlich nichts. Drei krakelige Buchstaben im Schnee, von einer Suchtkranken. Pah!“ Selbst wenn Charlotte die Wahrheit erzählten würde – wem würde man mehr glauben? Doch wohl mit Sicherheit Doris …

„Ich war noch mal im Wald …“ Marlene hielt Konstantin das Handyfoto mit der Schrift im Schnee unter die Nase.

„Bestenfalls kann ich da ‚Dor‘ lesen“, entgegnete er abweisend. Er war spürbar sauer auf Marlene.

„Jemand wollte die Schrift verwischen!“, rief sie. Und natürlich war es klar, wen sie dabei im Sinn hatte. „Vielleicht habe ich sie gestört.“

Konstantin wollte noch immer nichts davon hören. „Ich glaube meiner Mutter“, erklärte er. „Und das solltest du auch.“

„Hast du etwa mit ihr darüber gesprochen?“, fragte Marlene entsetzt. Er nickte. „Na, dann ist es ja klar, dass sie die Spur vernichten wollte.“

„Diese ‚Spur‘ beweist gar nichts!“, herrschte er sie an. „Und ich habe meine Mutter schon einmal fälschlich verdächtigt, nach Tante Pilars Tod. So etwas werde ich nicht wieder tun …“

Dass er schon damals richtiggelegen hatte, ahnte er ja nicht. Denn Doris hatte seine Tante Pilar tatsächlich umgebracht …

Martin hatte beschlossen, dass er wegen seiner Suspendierung weder Urlaub noch Bedenkzeit brauchte. Außerdem hatte Bischof Krahwinkel zugegeben, dass er versucht hatte, ihn hinzuhalten – um Martin bestenfalls doch noch vom weiteren Bleiben in der Kirche zu überzeugen.

„Aber jetzt hat er meine Entscheidung akzeptiert und leitet meine Suspendierung offiziell ein“, berichtete Martin, nachdem er noch einmal mit dem Bischof telefoniert hatte.

„Das ist kein Traum, oder?“ Kira konnte es kaum fassen. „Zwick mich mal!“ Stattdessen gab er ihr einen Kuss, den sie glücklich erwiderte. „Und du bist dir wirklich völlig sicher?“, fragte sie dann. „Dass du auch ohne die Kirche und deine Arbeit leben kannst?“

„Ja“, antwortete er aus vollem Herzen. „Weil die wunderbarste Frau der Welt mich liebt. Und ich sie.“ Das war sein voller Ernst. „Die nächste Zeit wird mir vielleicht alles seltsam und ungewohnt vorkommen, aber mit dir zusammen kriege ich das hin.“

Kira nickte langsam. Natürlich freute sie sich über die Klarheit seiner Entscheidung. Und doch spürte sie, dass die nächste Zeit alles andere als einfach werden würde.

Trotzdem war es wunderbar, dass sie erst jetzt ihre Liebe wirklich unbefangen genießen konnten. Kuschelnd lagen sie später miteinander auf dem Sofa.

„Nichts und niemand trennt mich von dir“, flüsterte Martin zärtlich.

„Hoffentlich.“ Sie lächelte ihn an.

„Bestimmt“, versicherte er. „Ich bin nämlich endlich angekommen …“

Dass Xaver weiterhin wie ein Hund unter Kiras Verlust litt – das konnten sie im Augenblick nur verdrängen. Schuldgefühle brachten sie nicht weiter.

Marlene verbrachte den Abend bei Michael in der Scheune. Sie war still und nachdenklich. Michael schob ihr Verhalten zunächst mal darauf, dass sie sich Sorgen um ihren Vater machte. Veit hatte sich noch immer nicht aus Marokko gemeldet. Und Marlene erreichte immer nur die Mailbox.

„Vielleicht hat er wirklich seinen Sohn gefunden und gerade etwas anderes im Kopf“, meinte Michael. Natürlich war Veits Konstitution so kurz nach einer Operation alles andere als stabil genug für eine so anstrengende Reise. Aber es hätte ihn niemand aufhalten können.

Marlene beschloss, ihren Verlobten ins Vertrauen zu ziehen. Also erzählte sie Michael von ihrem Streit mit Konstantin und dem Verdacht gegen seine Mutter. Auch Michael war der Meinung, dass das ein reichlich schwerer Vorwurf war, den Marlene da erhob. Und auf Charlottes Wort sei im Moment nicht zu hundert Prozent Verlass, fürchtete er.

„Zuletzt war sie gar nicht mehr sie selbst. Aufgrund der Medikamente.“ Marlene seufzte – das hatte Konstantin auch schon zu ihr gesagt. „Du sorgst dich um Charlotte“, fuhr Michael fort. „Das tun wir alle. Sobald sie aus dem künstlichen Koma geweckt wird, erfahren wir die Wahrheit. Und bis dahin hältst du dich Frau van Norden gegenüber besser zurück. Sonst macht sie dir nur Ärger …“

Am Morgen des nächsten Tages liefen Kira und Martin zum ersten Mal Hand in Hand die Dorfstraße entlang. Für beide war es noch ungewohnt, ihre Liebe öffentlich zu zeigen. Aber der Bischof hatte bereits eine E-Mail geschickt: Alles war in die Wege geleitet. Martins Rückversetzung in den Laienstand war nur noch eine Formsache, die allerdings noch ein bisschen Zeit benötigte.

Und jetzt kam den beiden Natascha Schweitzer entgegen. Marlenes Mutter machte keinen Hehl aus ihrer Verwunderung.

„Ist das nicht ein bisschen zu intim für einen Priester?“, meinte sie. „Händchen halten?“

„Ist Ihre Frage nicht ein bisschen zu intim?“, gab Martin lächelnd zurück.

„Ich bin Gemeindemitglied“, rechtfertigte sich Natascha. In seinen Gottesdiensten war sie allerdings fast nie gewesen. „Warum müssen die auch immer in aller Herrgottsfrühe beginnen?“ Natascha warf Kira einen prüfenden Blick zu. „Wobei – bei dieser legendären Messe, als Sie Ihre Affäre gebeichtet haben, da wäre ich gern im Publikum gewesen …“

Kira senkte den Blick.

„Diese Affäre ist eine Beziehung und nicht mehr heimlich“, erklärte Martin gelassen.

Kira fasste sich wieder und ergänzte: „Er hat sein Priesteramt bereits niedergelegt.“

Natascha stutzte. Dann ging ein Lächeln über ihr Gesicht. „Das freut mich sehr für Sie beide“, sagte sie aufrichtig. „Gratuliere. Manchmal muss man etwas Altes zurücklassen, um neues Glück zu finden … Die Kirche oder – die Mutter.“ Dabei dachte Natascha natürlich an Marlene, mit der sie schon wieder über Kreuz lag. Denn Marlene hatte sich nun einmal in den Kopf gesetzt, nach ihrer Hochzeit nach Italien zu gehen.

„Martin hat sich suspendieren lassen!“ Strahlend war Kira in Marlenes Laden gekommen und fiel der Freundin nun um den Hals.“

Die drückte Kira fest an sich. „Sag nie wieder, Träume werden nicht wahr!“ Sie freute sich so für Kira!

„Wir haben uns heute auf offener Straße umarmt!“ Kira war noch immer ganz überwältigt. Obwohl sie weiterhin Angst hatte, dass Martin seinen Entschluss bereuen könnte – nicht alle Leute im Dorf waren so tolerant wie Natascha.

„Ihr glaubt beide an eure Liebe“, sagte Marlene. „Und manchmal musst du eben ein Risiko eingehen.“ Sie stand beruflich gerade auch vor einer riskanten Entscheidung: Sie wollte auf einer sehr angesehenen Schmuckmesse in München ausstellen. Und hatte Angst, dass man sie dort nicht annehmen würde. Außerdem plante sie eine Kollektion mit Weißgold – bislang hatte sie nur mit Silber experimentiert. Und Gold war nun einmal furchtbar teuer.

„Frag doch deinen Vater“, schlug Kira vor.

Doch das wollte Marlene auf gar keinen Fall. Sie musste das ohne Veits Hilfe hinbekommen …

Julius war zuversichtlich, als er sich zu Doris und Werner an den Frühstückstisch setzte.

„Charlottes Zustand hat sich stabilisiert“, berichtete er freudig. „Sie wollen sie noch heute aus dem Tiefschlaf holen.“

„Gott sei Dank!“, entfuhr es Werner. Doris hingegen wäre beinahe zusammengezuckt. „Dann wird sie auch endlich aufklären können, was ihr passiert ist“, fuhr der Senior fort. „In der Hütte, mit dem Morphalin und warum sie in den Wald geirrt ist.“

Julius stimmte ihm zu.

Und Doris klopfte das Herz bis zum Hals. Das durfte nicht passieren!

Werner erkundigte sich bei Doktor Niederbühl, ob es gefährlich werden könnte, Charlotte aus dem künstlichen Koma zu wecken.

Der Arzt schüttelte den Kopf. „Ihr Zustand hat sich ja stabilisiert. Außerdem wird sie dabei rund um die Uhr bewacht.“

„Wird sie sofort wieder Entzugserscheinungen haben?“, fragte der Senior.

Michael verneinte erneut. „Noch sind genug Narkosemittel in ihrem Blut.“ Und sie konnten eigentlich nur abwarten, wie es Charlotte ging, wenn sie aufwachte.

„Und danach …“ Werner stockte. „Danach bitte ich Sie, dafür zu sorgen, dass sie das Morphalin unter ärztlicher Aufsicht absetzt.“

Michael seufzte. Das hatte er ja bereits versucht. „Aber wir beide wissen, was für ein Dickkopf Charlotte sein kann.“

Dem konnte Werner nur beipflichten. „Wenn Frau Schweitzer sie nicht rechtzeitig gefunden hätte …“, meinte er dann. Charlotte wäre tot gewesen …

Doris hatte sich derweil ins Krankenhaus geschlichen. Und sorgte mit einem Anruf dafür, dass Julius von Charlottes Bett weggeholt wurde: Eine Dame verlange, ihn dringend zu sprechen, richtete die Stationsschwester ihm aus.

Kaum hatte er das Krankenzimmer verlassen, kam Doris herein. Sie hatte Gift dabei. Und eine Spritze.

„Es tut mir unendlich leid“, flüsterte sie, als sie die bewusstlose Charlotte betrachtete. Und dann zog sie die Spritze auf. Ihre Hände begannen zu zittern. Sie schaffte es einfach nicht, die Spritze mit dem Gift in die Braunüle, die an Charlottes Hand befestigt war, zu stecken. „Madre de Dios …“ Doris flehte um Beistand für ihre Tat – vergeblich. Verzweifelt ließ sie die Spritze sinken. „Ich verfluche dich …“, zischte sie und huschte schnell wieder hinaus.

Julius wunderte sich, als er zu Charlotte zurückkam. Niemand war am Telefon gewesen. Dabei hatte man ihn doch angeblich so dringend sprechen wollen. Michael kam dazu. Beide waren nervös – gleich sollte Charlotte aufgeweckt werden.

„Ich mache mir die größten Vorwürfe“, gestand Julius dem Arzt. „Hätte ich Charlotte nicht allein gelassen, wäre das alles nicht passiert.“

„Keiner von uns konnte ahnen, dass sie aus der Hütte läuft und in der Kälte zusammenbricht“, erwiderte Michael.

Doch das ließ Julius nicht gelten. „Ich hätte gar nicht erst zulassen dürfen, dass sie sich da oben zurückzieht und das Morphalin von heute auf morgen absetzt. Wenigstens ich hätte klar denken müssen.

„Zum Glück hat Marlene sie ja rechtzeitig gefunden“, sagte der Arzt.

„Ihre Verlobte ist ein wahrer Schutzengel …“, entgegnete Julius.

Michael lächelte verliebt.

Marlene hatte beschlossen, ihre Ersparnisse in Weißgold zu investieren. Wenn sie vorankommen wollte als Schmuckdesignerin, musste sie das Risiko auf sich nehmen. Und so bestellte sie eine Goldlieferung für zwanzigtausend Euro. Das Edelmetall würde in den Fürstenhof geliefert werden.

Sabrina bekam zufällig das Telefonat mit, das Marlene mit dem Juwelier führte. Und staunte nicht schlecht.

„Was haben Sie denn vor mit so viel Gold?“, fragte sie.

„Ich will mich bewerben“, erklärte Marlene. „Für eine Schmuckmesse in München. Dafür plane ich meine erste Gold-Kollektion. Wenn ich die gleich auf der Messe präsentieren könnte, wäre das eine Riesenchance.“ Im Moment hatte sie allerdings noch nicht mal Entwürfe. Für die Messe-Bewerbung würde sie der Jury einfach Abbildungen ihrer bisherigen Arbeiten schicken.

Es fühlt sich gut an, einfach mal so die eigenen Ideen zu verwirklichen, dachte Marlene. Zwanzigtausend Euro für Gold – wurde sie vielleicht größenwahnsinnig? Eigentlich hätte sie jetzt Konstantin gebraucht. Aber seit sie seine Mutter verdächtigt hatte, herrschte Funkstille zwischen ihnen. Schade war auch, dass Veit in Marokko war und sie nicht beraten konnte. Vielleicht war das aber auch besser so – sie wollte ihre Kollektion schließlich allein hinbekommen. Hoffentlich fand ihr Vater seinen Sohn! Dann wären sie am Ende fast so etwas wie eine Großfamilie!

Charlotte war wieder bei Bewusstsein! Und sie erkannte Julius und Michael, die an ihrem Bett standen, sofort. Erst dann registrierte sie, dass sie im Krankenhaus war.

„Was mache ich hier?“, flüsterte sie.

„Du hast ohnmächtig im Wald gelegen, mit einer starken Unterkühlung“, gab Michael zur Antwort. „Man hat dich in ein künstliches Koma versetzt.“

„Wie lange?“ Mühsam versuchte Charlotte, sich zu erinnern, was genau passiert war.

„Gestern hat dich Marlene gefunden. Wenn sie nicht gewesen wäre …“ Michael sprach den Satz nicht zu Ende.

„Wann kann ich nach Hause?“, fragte sie.

Julius lachte auf. „Gerade dem Tod ein Schnippchen geschlagen und schon wieder die Alte …“ Liebevoll drückte er ihr die Hand.

„Du hast großes Glück gehabt“, sagte Michael ernst.

Erst jetzt begriff sie. „Dann ist es ein kleines Wunder, dass ich noch lebe?“ Die beiden Männer nickten. „Erst Alexander, jetzt ich … Marlene Schweitzer ist unser Schutzengel …“ Sie war noch so erschöpft, dass ihr die Augen jetzt wieder zufielen.

„Du wirst hier erst einmal richtig aufgepäppelt“, meinte Julius.

„Allerdings“, stimmte Michael ihm zu. „Du hast jetzt Urlaub, sozusagen.“

„Und alles andere ist unwichtig“, fuhr Julius fort. „Der Fürstenhof steht noch, und du machst es dir hier ein bisschen gemütlich.“

„Schauen wir mal“, murmelte sie.

„Charlotte …“ Julius suchte nach den richtigen Worten. „Magst du mir erzählen, wie das alles passiert ist?“

„Ich war doch bei dir in der Hütte“, antwortete sie langsam. „Weil ich von dem elenden Morphalin loskommen wollte …“ Sie versuchte krampfhaft, sich zu erinnern. „Mir war schrecklich kalt …“

„Und da läufst du ausgerechnet im Nachthemd in den Wald?“ Hilflos zuckte sie die Schultern. „Und auf dem Hüttenboden lag ein zerbrochenes Morphalin-Fläschchen. Was ist denn da los gewesen?“

2. KAPITEL

Doris hatte sich in die Kapelle zurückgezogen, um zu beten.

„Herr, alles, was ich tue, tue ich aus Liebe zu Werner“, wisperte sie verzweifelt. „Eine Liebe, die du mir geschenkt hast … Wenn Charlotte Saalfeld aufwacht und sich erinnert, dass ich in der Hütte war und ihr das Morphalin gegeben habe, werde ich Werner verlieren und womöglich im Gefängnis landen.“

Da ging die Tür auf, und Martin trat ein – ohne Soutane.

Doris zuckte zusammen, bekreuzigte sich und stand auf.

„Ich wollte dich nicht stören“, entschuldigte er sich. „Aber ich muss dich sprechen. Ich bin vom Priesteramt suspendiert und lasse mich wegen Kira zurück in den Laienstand versetzen.“

Doris sah ihn an, als hätte er den Verstand verloren. „Dann willst du also wieder der kleine Martin Windgassen sein, schutzlos der bösen Welt, dem Schicksal und deinen Hormonen ausgeliefert?“, spottete sie. „Du hast doch im Glauben Zuflucht gesucht – und gefunden!“

„Mein Entschluss ändert nichts an meinem Glauben“, entgegnete er ernst.

„Die Ausbildung, die Gemeinde, deine Berufung …“, fuhr sie vorwurfsvoll fort. „Alles wirfst du weg für ein romantisches Gefühl?“

„Keine Angst, von mir erfährt trotzdem niemand, wie Günter van Norden zu Tode kam“, bemerkte er sarkastisch.

Insgeheim war Doris erleichtert, das zu hören. „Darum geht es mir nicht“, behauptete sie dennoch. „Wie willst du ohne Kirche glücklich werden? Die weltliche Liebe ist nicht unbedingt von Dauer, wie man weiß. Im Gegensatz zum Glauben und zu der Liebe zu Gott.“

Genervt verzog Martin das Gesicht. Er hatte nicht die Absicht, seine Entscheidung mit ihr zu diskutieren.

Als Michael aus dem Krankenhaus kam, lief Marlene ihm schon entgegen. Sie wollte unbedingt wissen, wie es Frau Saalfeld ging. Dass Doris, die gerade das Hotel betreten wollte, ihr Gespräch mithören könnte, bemerkte keiner von beiden.

„Charlotte geht es den Umständen entsprechend gut“, berichtete Michael. „Sie ist wieder ansprechbar.“

„Hat sie was über Frau van Norden gesagt?“, fragte Marlene gespannt. „Warum sie den Namen ‚Doris‘ in den Schnee geschrieben hat? Ist sie bei ihr gewesen? Und hat sie vielleicht sogar hilflos in der Kälte liegen lassen?“

Doris hielt den Atem an.

„Langsam …“ Beruhigend legte Michael eine Hand auf den Arm seiner Verlobten. „Charlotte hat keinerlei Erinnerung daran. Sie weiß nur noch, dass Herr König weggegangen ist und sie sich sehr schlecht fühlte. Aber wie sie aus der Hütte in den Wald gekommen ist – totaler Blackout.“

Marlene wirkte enttäuscht.

Doris hingegen stieß einen erleichterten Stoßseufzer aus.

„Besteht die Chance, dass ihre Erinnerung zurückkommt?“, fragte Marlene jetzt.

„Das weiß der Himmel“, antwortete Michael.

Jetzt sah Marlene Frau van Norden. Doris tat so, als wäre sie gerade erst aus dem Hotel gekommen.

„Doktor Niederbühl!“, rief sie mit gespielter Anteilnahme. „Wie geht es denn der armen Frau Saalfeld?“

Marlene musterte Konstantins Mutter voller Misstrauen.

Dann verabschiedete sie sich von Michael, um einen kleinen Spaziergang durch den Park zu machen. Doris folgte ihr.

„Ich bin ja so froh, dass Frau Saalfeld endlich unter ärztlicher Aufsicht ist“, säuselte sie. Marlene nickte nur. „Ich habe es die ganze Zeit kommen sehen“, fügte Doris hinzu. „Eine Medikamentenabhängigkeit kann man nicht allein in den Griff bekommen. Insofern hatte sie noch Glück im Unglück.“

„Sie wäre fast erfroren!“, ereiferte sich Marlene nun doch.

„Entsetzlich!“ Doris gab sich mitfühlend. „Hoffen wir, dass es Frau Saalfeld eine Lehre war.“

Forsch sah Marlene Konstantins Mutter ins Gesicht. „Die Sie ihr erteilen wollten?!“

„Frau Schweitzer …“ Doris setzte ein schlangenfreundliches Lächeln auf. „Ich habe mit diesem bedauerlichen Vorfall wirklich nicht das Geringste zu tun. Bitte tappen Sie nicht in die Lügenfalle einer Süchtigen.“

„Und warum hat Frau Saalfeld dann ‚Doris‘ in den Schnee geschrieben?“, platzte Marlene heraus.

„Wenn diese Kritzeleien überhaupt von ihr stammen, kann es sich nur um einen Hilferuf gehandelt haben“, behauptete Doris.

Diese Dreistigkeit verschlug Marlene kurz die Sprache. „Hören Sie auf zu lügen“, sagte sie dann. „Sie sind nur erleichtert, weil sie von Frau Saalfelds Erinnerungslücke erfahren haben.“ Doris wollte etwas entgegnen, doch Marlene ließ sie einfach stehen.

Charlotte zermarterte sich unterdessen das Hirn. Sie musste sich doch erinnern, was mit ihr passiert war! Aber da war einfach nur Nebel in ihrem Kopf.

„Es ist im Moment doch völlig egal, was in der Hütte geschehen ist und warum du in den Wald gelaufen bist“, meinte Julius. „Hauptsache, du bist jetzt hier, im Warmen, und kannst wieder gesund werden.“

„Ich habe das Morphalin-Fläschchen nicht mit in die Hütte genommen“, beteuerte sie hilflos.

„Das glaube ich dir doch …“ Diese Versicherung kam etwas zu schnell.

„Nein, das tust du nicht“, stellte Charlotte fest. Julius schluckte. „Ich habe ein paar Gedächtnislücken, aber du kannst mir nichts vormachen.“

„Jetzt gib doch Ruhe …“, bat er.

„Ich war wirklich fest entschlossen, das Medikament abzusetzen“, beharrte sie. „Was ist, wenn Doris van Norden die Tropfen heimlich in meinen Sachen versteckt hat?“

„Quäl dich doch nicht schon wieder mit diesen Verdächtigungen“, meinte er seufzend.

„Von denen du nichts hältst.“

Dem konnte er nicht widersprechen. „Jetzt erholst du dich erst mal ganz in Ruhe.“

Sie nickte. „Es ist wohl das Beste, ich bleibe im Krankenhaus, bis ich ohne das Morphalin auskomme.“

Erleichtert atmete er auf. Genau das hatte er sich gewünscht! Endlich kam Charlotte zur Vernunft. „Unter ärztlicher Aufsicht wird der Entzug ein Kinderspiel. Na ja, nicht ganz, aber …“

„Du hattest ja recht“, gab sie zu. „Ihr alle hattet recht.“

Doris saß im Büro, hielt einen Rosenkranz in der Hand und betete zur Muttergottes.

„Santa Maria, du bist voll der Gnade“, murmelte sie. „Danke, dass du mir in meiner Not beistehst. Danke für Charlotte Saalfelds Blackout. Von mir aus soll sie leben, aber sie darf Werner nie zurückbekommen.“ Doris küsste den Rosenkranz. „Jetzt brauche ich nur noch eine Eingebung, wie ich der kleinen Schweitzer das Maul stopfen kann.“

In diesem Moment ging die Tür auf, und Werner kam herein. Er trug eine Schachtel, die Marlene ihm gegeben hatte. Darin befand sich das Gold – es war eben angeliefert worden. Er zeigte es Doris. Und die war sichtlich erstaunt zu hören, dass das edle Metall Marlene Schweitzer gehörte.

„Ich soll es im Safe deponieren“, erklärte Werner. „Frau Schweitzer plant eine Gold-Kollektion. Ganz schön ambitioniert, die junge Dame.“ Er legte die Schachtel mit dem Gold in den Safe.

In Doris hatte es zu arbeiten begonnen. Aber erst einmal tat sie mitfühlend und demütig.

„Wenn ich an deine Exfrau denke … Wie böse ihr das Schicksal mitgespielt hat. Ein kleiner Zeckenbiss hätte sie am Ende fast ins Grab gebracht.“

„Zum Glück geht es Charlotte schon viel besser.“ Werner klang zutiefst erleichtert. „Ich habe gerade mit Herrn König gesprochen – sie hat entschieden, den Entzug in der Klinik zu machen.“

„Dann hat sie wohl endlich akzeptiert, dass sie suchtkrank ist und professionelle Hilfe braucht“, erwiderte Doris genüsslich. „Dass sie so tief sinken musste …“

Werner zuckte die Schultern. „Es bleibt mir ein Rätsel, wie eine Frau wie Charlotte in eine solche Abhängigkeit rutschen konnte.“

Um Doris’ Lippen spielte ein böses Lächeln.

„Kann man nicht irgendwas tun, damit Frau Saalfeld ihre Erinnerung ganz schnell wiederfindet?“, fragte Marlene zur gleichen Zeit ihren Verlobten. „Nach meiner letzten Begegnung mit Frau van Norden bin ich restlos überzeugt davon, dass sie etwas mit der Geschichte zu tun hat.“

„Das Thema hatten wir doch schon“, seufzte Michael. „Das Ganze ist doch kein Krimi. Das ist eine klassische Suchtgeschichte.“ Für ihn klang es vollkommen einleuchtend, dass Charlotte das Morphalin zwar hatte absetzen wollen in der Hütte – aus lauter Angst aber doch noch ein Fläschchen mit den Tropfen mitgenommen hatte.

Marlene konnte sich das allerdings nicht vorstellen. „Eine so starke Frau wie Frau Saalfeld würde das niemals tun.“

„Es ist bewundernswert, wie du dich für Charlotte einsetzt“, sagte er. „Aber – du hast zum Glück keine Erfahrung mit Abhängigen. Und Charlotte ist medikamentenabhängig.“ Das hatte Marlene ja auch nie bezweifelt. „Das ist eine Krankheit mit klaren Symptomen und eindeutigen Verhaltensauffälligkeiten“, fuhr er fort. „Sich und andere zu belügen, gehört dazu.“

„Trotzdem …“, beharrte Marlene. Irgendetwas war faul an der Angelegenheit, das spürte sie. „Und ich werde Frau Saalfeld helfen, das, was vor ihrer Ohnmacht geschehen ist, zu rekonstruieren.“

Xaver hatte angefangen, Zither zu spielen – vor allem, um sich von seinem Liebeskummer abzulenken. Nach Dienstschluss trug er das Instrument durch die Lobby. Als Natascha das bemerkte, sprach sie Xaver an und forderte ihn auf, ihr vorzuspielen. Obwohl er alles andere als ein Könner war, tat er, was sie wünschte. Und Natascha begann, zu seiner Zither-Begleitung zu singen. Aus dem Ganzen entwickelte sich eine spontane Party von Angestellten und Hotelgästen, die am Ende sogar in einer Polonaise durch die Lobby zogen. Für einen kurzen Moment vergaß Xaver sogar sein gebrochenes Herz, so sehr amüsierte er sich.

Und der Trubel in der Lobby kam noch jemandem entgegen: Doris konnte sich nämlich unbemerkt ins Büro schleichen. Sie wusste, welchen Ausschnitt des Raums die Videokamera aufzeichnete, und überklebte die Linse mit einem schwarzen Klebeband, ohne dass sie selbst ins Bild geriet. Und dann holte sie Marlenes Gold aus dem Safe.

„Was war gestern Abend hier los? Eine Party? Es hagelt nur so Beschwerden!“ Verärgert trat Werner am nächsten Morgen an die Rezeption, wo Alfons und Xaver gerade den Tagesablauf besprachen.

„Ich habe auf Wunsch der Gäste Zither gespielt“, behauptete Xaver. „Und Ihr Sohn war auch dabei.“ Das stimmte – Konstantin hatte mitgemacht.

„Das ist mir egal“, knurrte Werner. „So etwas geht nicht. Als Assistent der Geschäftsführung sollen Sie den Fürstenhof repräsentieren und sich nicht zum Hanswurst machen. Darum …“

„Dann bitte ich vielmals um Entschuldigung für diesen Fauxpas“, fiel Xaver ihm kleinlaut ins Wort. „Kommt nicht wieder vor.“

Aber der Senior war noch nicht fertig mit ihm. „Steindle, ich war immer Ihr Fürsprecher. Aber dieser peinliche Auftritt gestern hat mal wieder gezeigt, dass Sie der Verantwortung doch nicht gewachsen sind. Darum sind Sie ab sofort wieder Page.“

Xaver fiel die Kinnlade herunter. „Wie bitte?!“

„Und Sie können von Glück sagen, dass Sie keine Abmahnung bekommen und überhaupt noch hier arbeiten dürfen!“ Damit rauschte Werner ins Büro.

„Ich will kein Page mehr sein“, flüsterte Xaver entsetzt.

„Da hat der Direktor aber wirklich nicht lange gefackelt …“, meinte Alfons voller Mitgefühl.

„Ich habe so einen guten Job gemacht, ich hab mir ein Bein ausgerissen“, jammerte Xaver.

„Schon“, pflichtete Herr Sonnbichler ihm bei. „Aber ich kann den Herrn Direktor auch ein bisschen verstehen. Wir sind ein Fünf-Sterne-Hotel und kein Bierzelt.“

„Alle haben mitgemacht“, beklagte sich Xaver.

„Wohl nicht alle“, wandte Alfons ein. Sonst hätte sich schließlich niemand beschwert. „Der Lärm war offenbar über zwei Stockwerke zu hören.“

„Okay, vielleicht war es ein Fehler.“ Trotzdem fand Xaver es unglaublich ungerecht, dass er deshalb gleich zum Pagen degradiert wurde. Konstantin und Natascha waren auch ...

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