Logo weiterlesen.de
Höllisch verliebt

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Widmung

Für die üblichen Verdächtigen: Haden, Seth, Chloe, Riley, Victoria, Nathan, Meg, Parks, Lauren, Stephanie, Brittany und Brianna. Was soll ich sagen, Leute? In einer Welt, in der ich das Zepter schwinge, wachsen euch nun einmal Fangzähne. Und Klauen. Und Finsternis fällt übers Land. Bitte, gerne.

Für die Großartige, meine Lektorin Natashya Wilson, für ihren Scharfblick und ihren unermüdlichen Einsatz. Sie ist kein einziges Mal in Panik verfallen, wenn ich ihr wieder einmal gesagt habe: „Keine Ahnung, überleg ich mir später.“ (Was so ungefähr meinen Arbeitsstil beschreibt.)

Für die wunderbaren Menschen bei Harlequin, die mich als eine der Ihren aufgenommen haben.

Für P. C. Cast, Rachel Caine, Marley Gibson, Rosemary Clement-Moore, Linda Gerber und Tina Ferraro, die mir letztes Jahr geholfen haben, das Rätsel-Gewinnspiel zu „Höllisch verliebt“ zu veranstalten. Was für ein Spaß! Ihr habt was bei mir gut.

Für Penny Edwards, die beste Schwiegermutter, die eine Frau sich wünschen kann. Ohne sie wäre ich beim Schreiben dieses Buchs wahnsinnig geworden. Also noch wahnsinniger, meine ich. Für meinen Hasen. Als ich mich in meine Schreibhöhle verkrochen habe, hat er das Monster gut versorgt. Selbst wenn er das Essen unter der Tür durchschieben und um sein Leben rennen musste.

Für Jill Monroe und Kresley Cole. Wäre ich nicht schon verheiratet – und sie auch –, würde ich die beiden glatt heiraten. Im Ernst! Und dieses Mal widme ich dieses Buch nicht mir selbst, sondern der Coloration von L’Oréal (Mittel- bis Dunkelbraun). Nach diesem Buch brauche ich das Wundermittel mehr denn je.

1. KAPITEL

Aden Stone blickte auf das Mädchen hinab, das auf einem steinernen Podest schlief. Langes Haar, schwarz wie eine Winternacht und doch glänzend wie Schnee im Mondlicht, umspielte ihre schmalen Schultern. Lange dunkle Wimpern warfen Schatten auf die hohen, scharf geschnittenen Wangenknochen. Ihre üppigen rosa Lippen schimmerten feucht.

Er hatte beobachtet, dass sie sich die Lippen geleckt hatte, und wusste, was in ihr vorging. Selbst im Schlaf roch sie etwas Köstliches und sehnte sich nach dem Geschmack.

Geschmack … ja …

Ihre schneeweiße Haut war an genau den richtigen Stellen von einer frischen Röte überzogen und absolut makellos. Ohne jede Falte oder Runzel – obwohl sie schon über achtzig Jahre alt war.

Für ein Geschöpf ihrer Art war das jung.

Ein zerrissenes Kleid bedeckte sie von den Achseln bis zu den Zehenspitzen. Oder besser: hätte sie bedeckt, wäre es nicht zum Teil hochgezogen gewesen. Ein schlankes Bein ragte angewinkelt darunter hervor. Ein Fest für die Augen, vielleicht sogar eine Einladung, aus der Vene an ihrem Oberschenkel zu trinken.

Er sollte widerstehen.

Er konnte es nicht.

Sie war das schönste Mädchen, das er je gesehen hatte, zerbrechlich und anmutig. Wie die unschätzbaren Kunstwerke in dem einzigen Museum, das er je besucht hatte. Der Kurator hatte ihm einen Klaps auf die Hand verpasst, als er verbotenerweise versucht hatte, etwas zu berühren.

Sie hingegen muss niemand bewachen, dachte er mit einem leisen Lächeln. Sie konnte sich selbst beschützen, mit einer einzigen Handbewegung hätte sie einem Mann das Genick brechen können.

Sie war eine Vampirin. Seine Vampirin. Sein Fluch und sein Segen.

Aden stemmte ein Knie auf das provisorische Bett. Durch die Bewegung spannte sich das T-Shirt, auf dem das Mädchen ein klein wenig bequemer liegen sollte, und sie rollte in seine Richtung. Ohne ein Stöhnen oder einen leisen Seufzer, den ein Mensch vielleicht ausgestoßen hätte. Sie war still, unheimlich still. Ihr Gesichtsausdruck blieb unverändert: gelassen, unschuldig … vertrauensvoll.

Lass es sein.

Er würde es tun.

Aden trug eine zerrissene Jeans voller Blutflecken. Die gleiche Jeans hatte er bei ihrer ersten Verabredung getragen, dem Abend, an dem sich seine ganze Welt verändert hatte. Sie trug nichts außer dem Kleid. Manchmal hielt nur die Kleidung die beiden davon ab, mehr zu tun, als voneinander zu trinken.

Voneinander zu trinken. Den anderen zu nähren. Was für harmlose Wörter dafür. Er hätte ihr nie absichtlich wehgetan, aber wenn ihn – oder sie – der Wahn überkam, war alle Zuneigung vergessen. Sie wurden zu Tieren.

Lass es sein, wiederholte das bisschen Gewissen, das ihm geblieben war.

Nur einen Schluck, dann höre ich auf.

Das hast du letztes Mal auch gesagt. Und das Mal davor. Und davor.

Kann sein, aber dieses Mal halte ich mich daran. Hoffentlich.

Früher hätte er mit den drei Seelen gesprochen, die in seinem Kopf gefangen gewesen waren. Aber jetzt steckten sie nicht mehr in seinem Kopf fest, sondern in ihrem, und er sprach mit sich selbst. Zumindest bis das Monster erwachte. Ein waschechtes Monster, das durch seinen Verstand streifte und zornig nach Blut brüllte. Ohne es zu wollen, hatte das schlafende Mädchen das Monster auf ihn übertragen, und nun hatte er ein neues Hobby: Blut saugen. Wenn dieser Punkt erreicht war, sprach Aden mit niemandem mehr.

Aden beugte sich immer tiefer, bis seine Brust die der Vampirin berührte. Er legte ihr beide Hände an die Schläfen und verlagerte sein Gewicht. Ihre Gesichter waren nur noch Millimeter voneinander entfernt, doch er wollte ihr noch näher sein. Immer noch näher.

Mit der linken Hand verstärkte er den Druck, bis sich ihr Haar straffte und ihr Kopf zur Seite rollte. Die Bewegung entblößte einen langen eleganten Hals, an dem ein stetiger Puls pochte.

Anders als die Blutsauger aus den Mythen war sie nicht tot. Sie war ein lebendes, atmendes Wesen, das nicht geschaffen, sondern geboren worden war. Und lebendiger war als jede andere, die er je getroffen hatte. Außer er brachte sie nun versehentlich um.

Das werde ich nicht.

Du könntest es aber. Mach das nicht.

Nur einen kleinen Schluck …

Ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Als er Luft holte, fühlte es sich an wie sein allererster Atemzug. Alles war so neu, so wunderbar. Er hielt den Atem an … Fast konnte er schon ihren süßen Körper schmecken … Langsam atmete er aus. Doch das brachte ihm keine Erleichterung, und sein allgegenwärtiger Hunger wurde ihm nur noch bewusster. Er fuhr sich mit der Zunge über die Zähne und das schmerzende Zahnfleisch. Er wollte sie beißen, wollte trinken, langsam und genüsslich. Trinken und trinken.

Natürlich, auch ohne Fangzähne konnte er beißen, und wäre sie ein Mensch gewesen, hätte er sie sogar leer trinken können. Aber die Haut von Vampiren war so hart und glatt wie poliertes Elfenbein. Mit seinen Zähnen käme er an keine Ader heran. Er brauchte je la nune, die einzige Substanz, die Vampirhaut durchdringen konnte. Das Problem war nur, dass es ihnen ausgegangen war. Somit blieb ihm nur eine Möglichkeit, zu bekommen, was er wollte.

„Victoria“, flüsterte er.

Offenbar hatte sie sich noch nicht von ihrem letzten Tête-à-Tête erholt, denn sie reagierte nicht auf seine Stimme. Unter seinem Hunger flackerten Schuldgefühle auf. Er sollte aufstehen und sie in Ruhe lassen, damit sie sich erholen konnte. Sie hatte ihm in den letzten Tagen – Wochen? Jahren? – so viel Blut gegeben, dass kaum noch etwas übrig sein konnte.

„Victoria.“ Er konnte ihren Namen nicht länger zurückhalten. Jeden Augenblick des Tages verspürte er diesen Hunger. Er wurde stärker und stärker, lullte ihn ein und umklammerte seine Seele. Trotzdem würde er nur einen Tropfen trinken, nur den kleinen Schluck, den er sich versprochen hatte. Dann würde er sie in Ruhe weiterschlafen lassen.

Bis er mehr brauchte.

Mehr bekommst du nicht, schon vergessen? Das ist das letzte Mal.

„Wach für mich auf, meine Süße.“ Er küsste sie auf die Lippen, fester, als er es gewollt hatte. Ein Kuss für sein Schneewittchen.

Wie das Mädchen im Märchen öffnete Victoria blinzelnd die Augen. Sie glichen reinen Kristallen, tief und unergründlich. Auch in ihnen lag ein unbestimmter Hunger.

„Aden?“ Sie rekelte sich wie ein Kätzchen, streckte die Arme über den Kopf und drückte den Rücken durch. Ein leises Schnurren drang aus ihrer Kehle. „Ist es wieder so schlimm?“

Das Kleid klaffte über ihrer Brust auseinander, ein wenig nur, aber weit genug, dass er die Tätowierung über ihrem Herzen sehen konnte. Die schwarze Farbe war verblasst, bald würde sie ganz verschwunden sein. Dabei waren die verwirbelten Kreise, die sich in der Mitte trafen, mehr als ein hübscher Körperschmuck. Sie bildeten einen Schutzzauber auf ihrer Haut, der sie vor dem Tod bewahrte. Ohne ihn wäre sie gestorben, als sie ihm damals, beim ersten Mal, einen Großteil ihres Blutes zu trinken gegeben hatte.

Er hätte gern gewusst, wie lange das her war, aber Zeit existierte für ihn nicht mehr. Es gab nur noch das Hier und Jetzt – und sie. Immer nur sie. Immer diesen Hunger, diesen Durst, die zu einem wilden, verzehrenden Verlangen verschmolzen. Sie zog ein Knie an, sodass es gegen seinen Hüftknochen gepresst war, und er drängte sich noch enger an sie. Was für ein intimer Moment! Aber es blieb keine Zeit, ihn zu genießen. Ihnen blieben ein, vielleicht zwei Minuten, bis die Stimmen Victorias Konzentration störten und er vom Brüllen des Monsters abgelenkt werden würde.

Eine Minute, bis sie ihrem düsteren Wesen nachgeben würden.

„Bitte.“ Mehr sagte er nicht. Vor seinen Augen flimmerten nun schwarze Spinnweben, sie wurden dicker und dichter, bis er nur noch ihren Hals sehen konnte. Sein Zahnfleisch schmerzte unerträglich, und er fürchtete fast, er würde anfangen zu sabbern.

„Ja“, sagte sie, ohne zu zögern. Sie schlang die Arme um ihn, vergrub die Hände in seinem Haar und zog ihn näher, um ihn zu küssen.

Ihre Zungen trafen sich, und einen Augenblick lang verlor er sich in Victorias süßem Geschmack. Sie glich köstlicher Schokolade, gemischt mit Chili, sanft und gleichzeitig scharf. Wären sie doch einfach nur ein Junge und ein Mädchen gewesen, dann hätten sie sich nichts als geküsst, und er hätte vielleicht versucht, weiter zu gehen. Vielleicht hätte sie ihn abgewiesen. Oder ihn gebeten, weiterzumachen. Auf jeden Fall hätte es für beide nur den anderen gegeben. Aber jetzt war nichts wichtiger als das Blut.

„Bereit?“, hauchte sie. Sie war seine Dealerin, seine Lieferantin und seine Droge, alles in allem unwiderstehlich. Er wollte sie dafür hassen. Ein Teil von ihm, der neue, finstere Teil, tat das auch. Der Rest liebte sie grenzenlos.

Irgendwann würden die beiden Teile miteinander kämpfen.

Und Kämpfe konnten tödlich enden.

„Bereit?“, wiederholte sie.

„Tu es.“ Sein heiseres Knurren klang unmenschlich, beinahe tierisch.

War er überhaupt noch ein Mensch? Sein Leben lang hatte er übernatürliche Dinge angezogen. Vielleicht war er nie wirklich ein Mensch gewesen. Nicht dass ihn die Antwort im Moment interessiert hätte. Blut … Ihr Kuss wurde intensiver. Ohne zurückzuzucken, schlitzte Victoria ihre Zunge an ihren Fangzähnen auf. Nektar der Götter quoll hervor, Schokolade und Chili wichen sofort dem Geschmack nach Champagner und Honig, der ihn berauschte. Ihm wurde schwindlig und gleichzeitig warm.

Rasch, bevor sich die Wunde schließen konnte, trank er das Blut, jeden verfügbaren Tropfen. Und bei jedem Schluck stöhnte er verzückt. Ihm wurde noch wärmer, bis er von Feuer durchströmt wurde, das ihn innerlich versengte.

Dieses Gefühl kannte er. Erst vor Kurzem waren seine Gedanken mit denen eines Vampirs verschmolzen. Eines toten Vampirs, der gerade auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Für Aden hatte es sich angefühlt, als läge er selbst in den Flammen.

Wenig später hatte er die Gedanken eines Elfen geteilt. In der Brust des Elfen hatte ein Messer gesteckt, und mit jedem Herzschlag war die Spitze tiefer eingedrungen.

Beide Male hatte er unglaubliche Schmerzen erlitten, aber sie verblassten gegen die Qualen, die er verspürt hatte, als das Messer in seiner eigenen Brust steckte. Ohne das Mädchen, das jetzt unter ihm lag, wäre er gestorben.

Er und Victoria hatten ihren Sieg über einen Hexenzirkel und einen Trupp Elfen feiern wollen, nur sie beide. Doch plötzlich war aus den Schatten ein Dämon in Menschengestalt gesprungen, und bevor Aden sich versehen hatte, war ihm ein Messer in die Brust gerammt worden.

Victoria hätte ihn gehen lassen sollen. Genau diesen Angriff hatte eine der Seelen in seinem Kopf vorausgesagt. Aden hatte sich auf ihn eingestellt, und auch wenn er noch nicht sterben wollte, so hatte er doch gewusst, dass für ihn danach keine Zukunft vorgesehen war.

Und auch für Victoria wäre es besser gewesen, wenn sie ihn hätte gehen lassen. Wer dem Schicksal ins Handwerk pfuschte, musste dafür bezahlen. Er sollte tot sein, anstatt Victoria zur Last zu fallen. Doch sie hatte Panik bekommen. Ihre schrillen Schreie klangen ihm noch in den Ohren. Er spürte noch, wie sie ihn gepackt und geschüttelt hatte, als ihn das Leben verließ. Und er erinnerte sich noch an Victorias heiße Tränen, die auf sein Gesicht gefallen waren.

Und jetzt bezahlte sie dafür. Vielleicht würde sie so lange bezahlen, bis Aden sie versehentlich tötete – oder bis sie ihn tötete. Ein Leben für ein Leben. So war das doch in dieser Welt.

Dieses Mal rechnete Aden damit, dass Victorias Blut ihn töten würde. Stattdessen wurde er … ruhiger. Nicht nur ruhiger, es ging ihm besser. Er fühlte sich stärker, sein Körper vibrierte vor Energie, seine Muskeln spannten sich an.

Das war vorher nie passiert, wenn er getrunken hatte. Und es sollte auch jetzt nicht geschehen. Sie tranken, sie rangen miteinander, dann wurden sie ohnmächtig. Er konnte sich nicht einfach neue Kraft holen, wie man eine Batterie auflud.

Als das Blut, das von ihrer Zunge tropfte, viel zu schnell versiegte, wurde der Drang wieder stärker, er brauchte mehr, sofort. Die Konsequenzen waren ihm egal, und auch, ob ihm das Blut bekam, interessierte ihn nicht mehr.

„Victoria“, ächzte er.

„Mehr?“ Sie atmete flach. Mit den Nägeln zerkratzte sie ihm Nacken und Schultern. Offenbar bekam auch sie wieder Hunger.

Auch ohne ihr Monster – das Herz ihrer Vampirnatur und die treibende Kraft hinter Adens neuen Ernährungsvorlieben sehnte sich nach Blut. Vielleicht weil sie es nicht anders kannte. Vielleicht war sie auch genauso abhängig wie er.

„Mehr“, bestätigte er.

Wieder schlitzte sie ihre Zunge an ihren Fangzähnen auf. Aus der neuen Wunde drang Blut, aber es war weniger und floss langsamer. Trotzdem saugte und saugte er.

Nicht genug, nicht genug, nie genug.

Schon nach wenigen Sekunden versiegte das Blut. Er wollte ihr nicht wehtun, durfte es nicht, trotzdem biss er sie in die Zunge. Anders als ihre Haut war ihre Zunge weich und verletzlich. Sie stöhnte, aber nicht vor Schmerz. Er hatte sich versehentlich selbst auf die Zunge gebissen, und jetzt tropfte sein Blut in ihren Mund.

„Mehr“, sagte sie. Das war keine Frage, sondern ein Befehl.

Er krallte die Hände in ihr seidiges Haar und zog ihren Kopf zur Seite, damit sie tiefer vordringen konnten. Herrlich.

Vor einiger Zeit hatte sie ihm erzählt, ein Vampir könne einen Menschen nicht verwandeln, er würde es nicht überleben. Und auch der Vampir würde sterben. Damals hatte er nicht verstanden, warum.

Jetzt verstand er es – aber für dieses Wissen musste er bezahlen.

Als sie sein letztes Blut getrunken und ihm ihres gegeben hatte, hatten sie nicht nur DNA ausgetauscht oder seine Seelen gegen ihr Monster. Sie hatten alles getauscht und geteilt, alles. Erinnerungen, Vorlieben und Abneigungen, Fähigkeiten und Wünsche, hin und her, hin und her, bis er nicht mehr wusste, was von ihm stammte und was von ihr.

War er einmal mit einer neunschwänzigen Katze ausgepeitscht worden? Hatte er einen Menschen ausgesaugt, bis dieser gestorben war? Oder war er zufällig auf einen Clan kranker Werbären gestoßen und hatte sie gesund gepflegt?

Ein gedämpftes Grollen – ein Gähnen? – in seinem Unterbewusstsein ließ ihn aufhorchen. Das Monster. Eigentlich war „Dämon“ eine passendere Bezeichnung für Scharfzahn. Aden fühlte sich von ihm wie besessen. Dieses Gefühl hätte er eigentlich gewohnt sein müssen. Allerdings war Scharfzahn ganz anders als die Seelen, die zuvor seinen Kopf geteilt hatten. Er war nicht so umgänglich wie Julian, so pervers wie Caleb oder so mitfühlend wie Elijah. Scharfzahn dachte nur an Blut und Schmerzen. Er wollte Blut fließen lassen und anderen Schmerzen zufügen.

Wenn er das Kommando übernahm, war Aden eher Raubtier als Mensch. Er hasste sich dafür ebenso sehr, wie er Victoria hasste. Was absurd war. Scharfzahn vergötterte Aden, ganz ohne Zweifel. Es gefiel ihm in Adens Kopf, und er schlug nicht ständig um sich, um herauszukommen, wie bei Victoria. Trotzdem hatte Scharfzahn eine gewalttätige Ader, die ihren Tribut forderte.

Manchmal tauschten Aden und Victoria erneut, und die Seelen kehrten zu ihm zurück, Scharfzahn zu ihr. Aber dann vermischte sich alles von Neuem, immer wieder. Und jeder Tausch trieb sie ein bisschen näher an den Rand des Wahnsinns. Zu viele Erinnerungen wirbelten durcheinander, zu viele widersprüchliche Begierden. Bald würden sie endgültig über die Klippe stürzen.

„Aden“, keuchte Victoria. „Ich … brauche …“

Er wusste, was sie gleich sagen würde.

Sie legte seinen Kopf zur Seite, so wie er vorhin ihren, und öffnete ihre Lippen. Das gefiel ihm nicht. Sie schlug ihre Fangzähne in seine Halsschlagader. Das gefiel ihm auch nicht, und er fauchte. Früher hatte sich ihr Biss gut angefühlt, doch in ihrem blindwütigen Hunger wurde sie ungeschickt, und ihre Fangzähne schnitten in eine Sehne. Trotzdem hielt er sie nicht zurück. Sie musste ebenso dringend trinken wie er.

Schritte hallten durch ihre Höhle und brachen sich an den Wänden.

Aden blieb ruhig. Victoria konnte sie beide an jeden Ort versetzen, den sie schon einmal besucht hatte. So waren sie hierhergekommen, als er verletzt worden war. Er wusste nicht, wo „hier“ war oder woher sie die Höhle kannte, nur, dass ab und zu Wanderer hereinkamen. Bisher hatte sich keiner zu ihnen vorgewagt, und er bezweifelte, dass sich das ändern würde.

Natürlich hätten sie sich gemeinsam an einen anderen, noch entlegeneren Ort zurückziehen können. Vielleicht wäre es sicherer gewesen, wenn sie sich so weit wie möglich von der Zivilisation entfernt hätten. Immerhin war Aden eine lebendige Zielscheibe, seit Victorias Vater von den Toten zurückgekehrt war und seinen Thron zurückforderte.

Aden mochte ein Mensch sein – vielleicht –, aber er war nun König der Vampire. Er hatte getötet, um die Herrschaft zu erlangen, und er würde den Thron wieder für sich beanspruchen. Sobald es ihm gelang, sich von Victorias Blut zu entwöhnen.

Waren das seine Gedanken oder die des Monsters?

Seine eigenen, beschloss er. Es mussten seine Gedanken sein. Der Drang, König zu sein, war ebenso stark wie sein Blutdurst.

Früher war das aber anders. Er hatte sogar nach jemandem gesucht, der ihn ersetzen konnte.

Das war früher. Außerdem habe ich schon Pläne für mein Volk geschmiedet.

Sein Volk? Da sprach wohl sein Adrenalin.

Ach ja? Jetzt spreche ich – halt die Klappe.

Die widerhallenden Schritte kamen immer näher …

Victoria riss ihre Fangzähne aus seinem Hals und wandte sich fauchend in Richtung Höhleneingang. Wäre sie bei klarem Verstand gewesen, hätte sie die Besucher einfach fortgeschickt, bevor sie die Höhle betreten konnten. Ihre Stimme war so mächtig, dass sich kein Mensch ihren Befehlen widersetzen konnte. Bis auf Aden. Scheinbar war er gegen ihre Stimme immun geworden, denn ihr Zauber wirkte bei ihm nicht mehr. Jedes Mal wenn sie hier in der Höhle der Wahnsinn überkommen hatte, hatte sie versucht, ihm zu befehlen: Neige den Kopf, zeig mir deinen Hals … Doch er hatte nur getan, was er wollte.

„Wenn der Mensch noch näher kommt, reiße ich ihm das Herz heraus und esse seine Leber“, knurrte sie.

Die Drohung macht sie nicht wahr, dachte Aden. In den letzten Tagen – oder Jahren? – hatte sie nur Adens Blut gewollt, und er nur ihres. Beide konnten die Wanderer riechen, sobald sie die labyrinthartige Höhle betraten. Aber wenn Aden sich vorstellte, deren Blut zu trinken, und sei es, um sein Leben zu retten, brodelten Säure und Galle in seinem Magen. Trotzdem blieb er gerade auch deshalb hier. Falls er oder Victoria irgendwann doch fremdes Blut brauchten – ob sie es wollten oder nicht –, würden sie es bekommen.

Die Schritte klangen jetzt noch näher und schneller, entschlossen. „Ist da hinten jemand?“ Der Mann sprach mit einem leichten Akzent. Ein Spanier möglicherweise. „Ich will Ihnen nichts tun. Ich habe nur Stimmen gehört und dachte, Sie brauchen vielleicht Hilfe.“

Victoria sprang vom Podest, und Aden fiel mit dem Gesicht auf das dünne T-Shirt, das sie als Kissen benutzt hatte. Ein großer schlaksiger Mann um die vierzig mit dunklem Haar und dunkler Haut betrat ihre Zuflucht. Victoria packte den Mann so schnell am Hemd, dass Aden nur eine schemenhafte Bewegung sah. Der Rucksack des Mannes schlug gegen seine Feldflasche. Mit einer Handbewegung – hatte er es nicht gesagt? – schleuderte Victoria ihn tiefer in die Höhle hinein.

Er schlug hart auf und schlitterte weiter, bis er gegen die Wand knallte. Instinktiv rollte er sich herum und setzte sich auf. Verwirrung und Angst standen ihm ins Gesicht geschrieben.

„Was …“ Schützend streckte er die Hände aus.

Nach einer weiteren nur schemenhaft wahrzunehmenden Bewegung hockte Victoria vor dem Fremden und nahm sein Kinn in eine Hand. Von ihren Mundwinkeln tropfte immer noch Adens Blut. Ihr pechschwarzes Haar stand wild vom Kopf ab, ihre Fangzähne ragten hervor und schnitten in die Unterlippe. Sie bot einen betörenden Anblick, gleichzeitig Albtraum und Engel.

Kleine Schweißperlen standen dem Mann auf der Stirn. Angst überschattete seinen Blick. Pfeifend atmete er durch die Nase, seine Brust hob und senkte sich rasch.

„Es … es tut mir leid. Ich wollte nicht … ich gehe … sage es niemandem … versprochen … lass mich einfach gehen … bitte … bitte.“

Victoria starrte ihn an wie eine Ratte in einem Laufrad.

„Sag ihm einfach, er soll gehen“, forderte Aden sie auf. „Und uns vergessen.“ Sie würde sich hassen, wenn sie einen unschuldigen Menschen verletzte. Nicht heute, wahrscheinlich auch nicht morgen, aber sobald ihr Verstand zurückkehrte.

Falls er zurückkehrte.

Schweigen. Victoria packte fester zu. So fest, dass der Mann vor Schmerzen das Gesicht verzog, auf dem sich schon Blutergüsse abzeichneten.

Als Aden gerade zu einem zweiten Befehl ansetzen wollte, hörte er tief in seinem Inneren wieder dieses Grollen. Dieses Mal war es lauter, mehr als ein Gähnen. Jeder Muskel in seinem Körper verkrampfte sich.

Scharfzahn war aufgewacht.

Leichte Panik stieg in Aden auf. „Victoria. Sofort! Sonst lasse ich dich nie wieder von mir trinken.“

Wieder kurzes Schweigen, dann sagte sie: „Du wirst von hier weggehen.“ Die Macht ihrer Stimme schien gebrochen. Warum? „Du hast niemanden gesehen und mit niemandem gesprochen.“

Anders als sonst dauerte es einen Augenblick, bis der Mensch ihrem Befehl gehorchte. Schließlich wurde sein Blick matt, und seine Pupillen zogen sich zusammen. „Kein Problem“, antwortete er tonlos. „Ich gehe. Keinen gesehen.“

„Gut“, sagte sie zornig. Sie ließ den Arm sinken. „Geh jetzt. Bevor es zu spät ist.“

Der Mann stand auf und verschwand aus der Höhle, ohne zurückzublicken. Er würde nie wissen, wie knapp er dem Tod entronnen war.

Wieder nahm das Grollen in Adens Kopf zu. Nur einen kurzen Moment noch, und aus dem Grollen würde …

Ein Brüllen.

So laut und durchdringend, dass es Aden bis in die Seele erschütterte.

Er hielt sich die Ohren zu, um den Laut auszusperren, und wusste zugleich, wie sinnlos der Versuch war. Das Brüllen steigerte sich bis zu einem schrillen Kreischen, das seinen Verstand zerfetzte. Er konnte nur noch zwei Wörter denken.

Trinken.

Zerstören.

Nein, nein, nein. Ich habe getrunken, sagte er zu Scharfzahn. Wir können nicht –

TRINKEN. ZERSTÖREN.

Wieder standen ihm Spinnweben vor Augen, durch die ein rotes Leuchten drang. Er starrte Victoria an. Sie erwiderte seinen Blick wachsam, immer noch in der Hocke. Sie wusste, was gleich passieren würde.

TRINKENZERSTÖREN.

Ja. Aden schwang sich vom steinernen Podest und stand unsicher auf. Victoria richtete sich zu ihrer vollen Größe auf, gertenschlank und wunderhübsch. Wild. Sie ballte die Fäuste. Sicher, er hatte gerade erst getrunken, aber er wollte mehr. Er brauchte mehr.

„Trinken“, hörte er sich sagen. In seine eigene, vertraute Stimme mischte sich ein rauer, heiserer Ton. Kämpf dagegen an. Du darfst nicht zu Scharfzahns Marionette werden.

Victoria wimmerte leise und legte die Hände an die Ohren. Offenbar wachten die Seelen gerade auf. Er wusste, wie laut sie sein konnten. Genauso laut wie Scharfzahns Brüllen.

„Beschütze mich“, sagte sie. In ihren Augen blitzte plötzlich Braun, Grün und Blau auf. Allerdings, die Seelen waren da und redeten auf sie ein.

Sie beschützen, genau, sie sagte es. Er musste sie beschützen. Stattdessen grollte er: „Zerstören!“ Und obwohl er versuchte stehen zu bleiben, stampfte er weiter, während ihm der Speichel im Mund zusammenlief.

Zerstörenzerstörenzerstören.

ZERSTÖRENZERSTÖRENZERSTÖREN.

Scharfzahn war schon immer fordernd gewesen. Aber das hier – das war reine, ursprüngliche Wildheit.

Seine Zeit mit Victoria ging dem Ende zu, so oder so – dieses Wissen gehörte mit einem Mal ebenso zu Aden wie sein von der Verwundung genesenes Herz. Und er ahnte, dass nur einer von ihnen überleben würde.

2. KAPITEL

Victoria Tepes, Tochter von Vlad dem Pfähler und eine der drei Prinzessinnen der Walachei, wappnete sich gegen den Aufprall. Und das war auch gut so. Denn im nächsten Moment stürzte Aden auf sie zu und schleuderte sie gegen die gleiche Felswand, an die sie soeben den Menschen geworfen hatte. Sie bekam keine Luft mehr.

Ihr blieb nicht einmal Zeit, ihre Lungen zu füllen. Aden war bei ihr, packte sie an der Kehle und drückte zu. Nicht fest genug, um ihr ernsthaft zu schaden, aber so fest, dass sie sich nicht befreien konnte. Sie wusste, dass er mit ganzer Kraft gegen die Begierden des Monsters ankämpfte. Sonst hätte er ihr schon die Kehle zerquetscht.

Bald würde es den Kampf gewinnen.

Wut hätte ihr helfen können, ihn wegzuschieben, aber sie spürte keinen Funken davon in sich. Sie hatte ihm das angetan, und die Schuld zerfraß sie wie ein bösartiges Krebsgeschwür. Er hatte ihr gesagt, dass sie ihn nicht retten sollte. Falls sie es doch versuchte, würden schlimme Dinge passieren. Aber als sie den Jungen, den sie liebte – den einzigen Menschen, der sie ohne Bedingungen und Erwartungen ganz und gar akzeptiert hatte – verletzt auf dem Boden hatte liegen sehen, war sie nicht imstande gewesen, ihn sterben zu lassen. Er gehört zu mir, ich brauche ihn, hatte sie gedacht. Deshalb hatte sie gehandelt, bevor der Tod ihn holen konnte. Sie bereute nicht, was sie getan hatte – wie könnte sie? Er war bei ihr! Und genau deshalb fühlte sie sich so schuldig. Ihrem Aden war sicher ein Gräuel, was aus ihm geworden war. Er war aggressiv und dominant, ein Krieger ohne Seele.

Normalerweise ging er sanft mit ihr um und behandelte sie wie etwas sehr Kostbares. Der Wunsch, sie zu beschützen, war tief in ihm verwurzelt. Und das, obwohl sie imstande gewesen wäre, ihn in Stücke zu zerreißen. Allerdings stimmte das so nicht mehr. Er hatte sich nicht nur geistig, sondern auch körperlich verändert. Schon jetzt war er größer, stärker und schneller – dabei war er schon vorher groß, stark und schnell gewesen.

Seine Augen, in denen früher die Augenfarben der Seelen aufgeblitzt waren, die ihn bewohnt hatten, strahlten jetzt violett. „Durst“, keuchte er. Sie spürte förmlich die sengende Hitze, die er ausstrahlte.

Na super, meldete sich eine männliche Stimme in ihrem Kopf. Wir sind wieder in der Vampirin. Das war Julian der Leichenflüsterer. Er konnte die Toten aus ihren Gräbern treiben. Bis jetzt hatte er allerdings höchstens ihren Blutdruck in die Höhe getrieben.

Geil! Hi, Vicki. Sofort schaltete sich eine zweite Stimme ein. Du brauchst dringend eine Dusche. Du weißt schon, du musst dir doch das ganze Blut abwaschen. Und ordentlich schrubben. Überall. Reinlichkeit kommt gleich nach Frömmigkeit. Diese Stimme gehörte Caleb, der sich in andere hineinversetzen konnte und ein großer Fan von nackten Tatsachen war.

„Ich will Adens Körper übernehmen“, sagte sie. Sie hatte schon gesehen, wie Aden in andere Körper geschlüpft war und das Kommando über sie übernommen hatte. Von einem Moment auf den anderen wurde er zu einem Teil seines Gegenübers und zwang es dazu, alles zu tun, was er wollte.

Jetzt brauchte er Calebs Hilfe dazu nicht mehr. Er besaß die Fähigkeit selbst und konnte sie nach Belieben einsetzen. Ihr gelang das allerdings nicht. Ein paarmal hatte sie es versucht und war kläglich gescheitert. Vielleicht weil die Seelen kein natürlicher Teil von ihr waren. Für Victoria waren sie neu, und sie hatte noch nicht ganz herausgefunden, wie sie mit ihnen umgehen konnte. Oder es lag daran, dass die Seelen sich gegen sie wehrten. Auf jeden Fall brauchte Victoria ihre – pfui! – Erlaubnis, um ihre Fähigkeiten einzusetzen.

Ein mehrstimmiges Nein, nein, nein war die Antwort. Wie immer.

„Ich bin auch ganz sanft mit ihm“, versprach sie. „Ich will ihn nur dazu bringen, dass er sich hinsetzt, bis der Wahn vorübergeht.“ Falls sie das schaffte. Manchmal überkam der Wahn sie selbst, und sie vergaß, was sie tun wollte.

Nee, tut mir leid. Die Jungs und ich bin … Moment, die Jungs und ich sind … wie heißt das noch mal richtig?

„Ist das jetzt wichtig?“, fragte sie verärgert.

Caleb ließ sich nicht beirren. Jedenfalls haben wir geredet, und wir werden uns von dir nicht benutzen lassen. Dadurch könnte eine dauerhafte Beziehung entstehen, verstehst du? Wie ein festes Band. Du bist scharf, und ich fände eine Beziehung ja gut, ich habe sogar für dich gestimmt, aber die Mehrheit entscheidet, und wir bleiben nicht länger bei dir als nötig. Um auf die Sache mit der Dusche zurückzukommen …

„Glückwunsch zu eurem kleinen Gespräch. Wenn ihm etwas passiert, seid ihr selbst schuld.“

Nein, wir wissen dann schon, wer schuld ist. Du hast nämlich recht: Das wird nicht gut ausgehen. Elijah, der den Tod voraussagen konnte, meldete sich zu Wort. Er hatte nie etwas Gutes zu sagen. Zumindest nicht zu ihr.

Caleb schnaubte. Sei still, Elijah. Duschen enden immer gut, wenn man weiß, was man macht.

Aden packte Victoria fester und schüttelte sie, damit sie ihn beachtete. „Durstig“, wiederholte er. Offenbar erwartete er, dass sie etwas dagegen unternahm.

„Ich weiß.“ Sie war also auf sich gestellt. Dämliche Seelen. Nicht nur, dass sie ihr nicht halfen, sie lenkten Victoria auch noch so sehr ab, dass sie sich selbst nicht helfen konnte. „Aber du kannst nicht von mir trinken. Ich habe mich vom letzten Mal noch nicht erholt.“ Zumal das letzte Mal etwa fünf Minuten her war. So verzweifelt dürfte er eigentlich nicht sein.

„Durstig.“

„Hör mir zu, Aden. Das bist nicht du, das ist Scharfzahn.“ Was für ein alberner Name für so ein wildes Biest. „Wehr dich gegen ihn. Du musst kämpfen.“

Du dringst nicht zu ihm durch, sagte Elijah, den Victoria für sich „Überbringer guter Nachrichten“ zu taufen beschloss. Diesen Kampf habe ich schon mit angesehen. Aden hat keine Chance.

„Ach halt doch die Klappe!“, schimpfte sie. „Deine Kommentare kann ich nicht gebrauchen. Und weißt du was? Du hast dich vorher schon mal getäuscht! Aden ist an der Messerwunde nicht gestorben. Keines der beiden Male!“

Stimmt, aber sieh dir mal an, was ihr beide davon habt.

Das wusste sie auch. Sie waren echt am Tiefpunkt. „Halt. Die. Klappe.“

In Adens dunklen Augen flackerte Mitgefühl auf, bevor der kalte, irre Durst ihn wieder packte. „Durstig. Trinken. Jetzt.“ Mit gebleckten Zähnen wollte Aden sich auf ihren Hals stürzen. Im Grunde wusste er, dass er es nicht bis zu ihrer Ader schaffen würde, aber in diesem Zustand versuchte er es trotzdem jedes Mal.

Victoria packte ihn an den Haaren und schleuderte ihn nach hinten. Fass ihn nicht zu fest an, ermahnte sie sich. Als er gegen die gegenüberliegende Höhlenwand krachte, zuckte sie zusammen. Ups. Staub und Steinsplitter flogen bis zu ihr, während er zu Boden rutschte. Sie holte tief Luft, musste aber gleich husten, da ihr der Staub in die Lungen drang.

He! Schön sachte mit unserem Kleinen, verlangte Julian. Ich will schließlich noch mal zu ihm zurück.

Ich versuche es ja, hätte sie am liebsten geschrien. Wie hatte Aden es sein Leben lang mit diesen Wesen ausgehalten? Sie redeten ununterbrochen und mussten zu allem einen Kommentar abgeben. Julian fand alles falsch, was sie machte, Caleb nahm überhaupt nichts ernst, und Elijah war überhaupt der größte Spielverderber aller Zeiten. Vermutlich war selbst eine Überdosis Schlaftabletten spannender als ein Gespräch mit ihm.

Wo waren eigentlich all die menschlichen Junkies, wenn sie, Victoria, auch einmal eine Dröhnung brauchte?

Aden stand auf, den Blick unverwandt auf sie gerichtet.

Wie kann ich ihn aufhalten, ohne ihm etwas zu tun? Diese Frage hatte sie sich schon tausendmal gestellt, aber noch keine Antwort gefunden. Es musste doch eine Möglichkeit geben …

He, mir ist irgendwie komisch, verkündete Caleb so großspurig, als wäre in der Geschichte der Welt nie etwas so wichtig gewesen wie er und seine Gefühle.

Kannst du es mal sein lassen? Dir ist komisch in deiner unsichtbaren Hose, und es wird nur besser, wenn Victoria sich auszieht. Das hatten wir schon, fuhr Julian ihn an. Kannst du unserem Aden nicht mal einen Gefallen tun und aufhören, dich an seine Freundin ranzuschmeißen?

Victoria hätte sich am liebsten die Finger in die Ohren gerammt, um endlich die Seelen zu erreichen und sie umzubringen. Sie waren unglaublich laut, immer unglaublich präsent, wie Schatten in ihrem Schädel. Sie waren nicht zu packen, immer wenn sie näher kam, huschten sie weg.

Was soll das, ich bin nicht scharf auf sie. Nach einer vielsagenden Pause fuhr er fort: Na ja, scharf bin ich schon, aber das meine ich nicht. Ich … ich glaube … mir ist schwindlig.

Caleb sagte die Wahrheit. Die Benommenheit griff auf Victoria über, und sie taumelte.

He, meinte Julian. Mir auch. Was hast du mit uns gemacht, Prinzessin?

Natürlich gab er ihr die Schuld, obwohl sie gar nichts gemacht hatte. Kurz bevor sie zu Aden zurückkehrten, wurde ihnen immer schwindlig, und trotzdem waren sie jedes Mal überrascht.

Da kommt Aden, warnte Elijah sie. Ich hoffe, du bist auf die Veränderungen, die gleich kommen, vorbereitet. Ich bin es jedenfalls nicht.

He, hilf doch nicht dem Feind, knurrte Julian.

„Ich bin nicht euer …“ Zuerst traf sie der Geruch von Adens Blut wie ein Schlag, so stark und verlockend, dass ihr eigener Körper seine Bedürfnisse anmeldete. Dann fiel sie plötzlich und wurde von starken Händen zu Boden gedrückt. Mit dem Rücken schrammte sie über den kalten Felsboden, während sie den Satz keuchend beendete: „… Feind.“

„Trinken.“ Aden drückte sie mit seinem Gewicht nach unten, seine Zähne nagten an ihrem Hals. Wieder packte sie ihn bei den Haaren, aber als sie dieses Mal zog, biss er nur noch stärker zu – bis in die Ader. Ihre Haut riss auf.

So etwas war noch nie geschehen, und sie schrie vor Schmerzen laut auf. Doch ebenso schnell verstummte sie wieder. Ihr schnürte sich die Kehle zu, als das Schwindelgefühl zurückkehrte und eine Welle der Müdigkeit sie erfasste. Ihre Muskeln bebten, und sie meinte, Caleb stöhnen zu hören.

Caleb. Bei dem Gedanken an ihn keuchte sie seinen Namen. Jetzt war sie bereit, die Seele um Hilfe anzuflehen. „Lass mich seinen Körper …“

Caleb unterbrach sie stöhnend. Was geschieht mit mir?

„Konzentrier dich. Bitte. Lass mich …“

Sterbe ich? Ich will nicht sterben! Ich bin noch zu jung zum Sterben.

Mit diesem Gebrabbel war er ihr keine Hilfe. Genauso wenig wie die anderen. Julian und Elijah stöhnten auch. Aber sie kehrten nicht zu Aden zurück. Dann schwoll das Stöhnen zu einem Schreien an, das ihren Verstand vernebelte.

Vor ihrem inneren Auge blitzten Bilder auf, wie kurze Filmszenen. Ihr Leibwächter Riley – groß, mit dunklem Haar und verschmitztem Lächeln. Ihre Schwestern Lauren und Stephanie, beide blond und bildhübsch, die sie gnadenlos aufzogen. Ihre Mutter Edina, die sich im Kreis drehte, dass ihr mitternachtsschwarzes Haar flog. Ihr vor Langem verlorener Bruder Sorin, ein Krieger, den sie auf einen Befehl hin vergessen sollte; den sie auch versucht hatte zu vergessen, nachdem er ohne einen Blick zurück fortgegangen war.

Neue Bilder, dieses Mal nur in Schwarz-Weiß. Shannon, ihr Zimmergenosse, freundlich, mitfühlend, besorgt. Nein, nicht ihr Zimmergenosse, sondern Adens. Ryder, der Junge, auf den Shannon stand, bei dem er aber abgeblitzt war. Dan, der hochgeschätzte Besitzer der D&M-Ranch, die seit ein paar Monaten ihr Zuhause war. Nein, nicht ihr Zuhause. Adens.

Ihre eigenen Gedanken und Erinnerungen vermischten sich mit Adens zu einer konfusen Wolke. Dann verschwanden die Bilder plötzlich. Victoria wurde schwächer und musste gegen den Schlaf ankämpfen …

Komm schon, Tepes! Du bist eine Prinzessin. Du schaffst das! Die kleine Aufmunterung kam von ihr selbst. Sie konnte es wirklich schaffen.

Entschlossen packte sie Adens Haare und riss seinen Kopf zurück. Leider war sie nicht stark genug, um ihn wegzustoßen. Dieses Mal nicht. Einen Augenblick lang trafen sich ihre Blicke. Seine Augen glühten rot. Dämonisch. Von seinem Mund tropfte Blut, ihr Blut, und fiel auf ihr Kinn. Sie brauchte dieses Blut.

Eigentlich hätte sie Angst haben müssen. Denn in diesem Ungeheuer, das sie geschaffen hatte, sah sie ihren Tod. Einen Tod, der nur folgerichtig war. Schließlich hatte auch Elijah behauptet, Aden sei dem Biest unterlegen, und Elijah irrte sich nie. Und trotzdem …

Blut … Auch in ihr stieg Durst auf, das Verlangen danach erfüllte sie, bis sie nichts anderes mehr wahrnahm. Es verlieh ihr neue Kraft. Sie würde sich nicht geschlagen geben, ohne auch von ihm zu trinken.

Ihre Fangzähne wurden spitzer, als sie sich auf ihn stürzte, um ihn zu beißen. Aber sie konnte nicht durch seine Haut dringen. Etwas hielt sie auf. Was? Sie sah nach, um das Hindernis aus dem Weg zu räumen, fand aber nur Adens gebräunte Haut. Nichts schützte seinen hämmernden Puls.

Schmecken, schmecken, muss ihn schmecken. Für diese Worte, die in ihrem Kopf hämmerten, konnte sie den Seelen nicht die Schuld geben.

Fauchend ließ sie sein Haar los und kratzte ihn mit den Fingernägeln. Ein winziger Riss würde ihr schon reichen. Das klang so einfach, doch ihre Nägel versagten ebenso wie ihre Zähne.

„Trinken.“ Wieder stürzte sich Aden auf sie. Ihre Halsschlagader war offenbar sein bevorzugtes Ziel.

SCHMECKEN. Sie schnellte hervor und versuchte noch einmal, ihn zu beißen.

„Schmecken“, sagte das Monster, als würde es ihre eigenen Gedanken wiedergeben.

Sie rollten über den Boden und kämpften miteinander. Sobald sie ihn wegstieß, warf er sich sofort wieder auf sie. Sie krachten gegen die Wände, gegen das Podest und traten in die flachen Pfützen.

Wer diesen Kampf gewann, würde trinken. Wer verlor, würde sterben, er würde ausgesaugt werden, der Kreis des Lebens würde sich schießen. Nur der Stärkste konnte überleben, alle anderen waren nichts als Nahrung. Das war vor Aden ihr einziges Prinzip gewesen. Doch seit sie ihn kannte, versuchte sie die Schwächeren zu beschützen. Dafür kämpfte sie gegen ihren Instinkt an, sich einfach zu nehmen, was sie wollte. Aber jetzt kam sie nicht mehr dagegen an. Sie wollte Blut. Und sie würde es sich holen.

Doch bald drückte Aden sie zu Boden, und dieses Mal hielt er sie so fest, dass sie sich nicht losreißen konnte. Ihre Körper schlangen sich umeinander, während sie kämpften. Schließlich bekam er ihre Handgelenke zu fassen und drückte sie über ihrem Kopf auf den Boden.

Das war’s. Sie hatte verloren.

Sie zog Bilanz. Sie keuchte, schwitzte, ihr Hals schmerzte, und in ihrem Kopf gab es nur einen Gedanken: SCHMECKENSCHMECKENSCHMECKEN.

Ja.

„Lass mich los“, fauchte sie.

Aden über ihr hielt inne. Auch er keuchte und schwitzte. Seine Augen glühten immer noch blutrot, aber dazwischen sah sie bernsteinfarbene Flecken. Seine natürliche Augenfarbe. Also hatte Elijah sich ausnahmsweise geirrt. Aden war immer noch da und kämpfte mit dem Monster um die Vorherrschaft.

Das konnte sie auch.

Der Gedanke war wie ein Rettungsring, an den sie sich klammerte.

Victoria konzentrierte sich auf ihren Atem – ein und aus, langsam und kontrolliert. Allmählich drangen auch andere Stimmen zu ihrem Bewusstsein durch.

… noch schlimmer, sagte Caleb gerade.

So schwindlig war Victoria noch nie gewesen. Und nachdem das Wechselspiel einmal angefangen hatte, hätten die Seelen eigentlich nicht bei ihr bleiben dürfen. Warum waren sie immer noch da?

Wir müssen alle ruhig bleiben, sagte Elijah. In Ordnung? Das wird schon. Alles wird gut, das weiß ich.

Du lügst. Julian sprach undeutlich. Bei diesen Schmerzen kann gar nicht alles gut werden.

Ja, du lügst. Caleb hörte man seine Panik deutlich an. Es ist schrecklich. Ich sterbe, und ihr auch. Wir sterben alle. Ich weiß es genau.

Hör auf, vom Sterben zu faseln, und beruhige dich, befahl Elijah. Sofort. Mit deinen kleinen Panikanfällen bringst du Aden und Victoria nur in größere Gefahr.

Endlich zeigte er einmal Besorgnis. Aber es war zu wenig und kam zu spät. Die Gefahr war schon längst da.

Ich … ich brauche …

Caleb! Uns bringst du damit auch in Gefahr. Bitte beruhig dich endlich.

„Durstig.“ Adens heisere Stimme riss Victoria zurück in die verhasste Gegenwart.

Die Bernsteinfarbe schwand aus seinen Augen, das Rot breitete sich aus. Er verlor den Kampf – gleich würde er sie angreifen. Schon jetzt hing sein Blick an der blutenden Wunde an ihrem Hals. Er leckte sich über die Lippen und schloss die Augen, um ihren Geschmack besser genießen zu können.

Der perfekte Augenblick, um zuzuschlagen, dachte sie, als sich ihre niederen Instinkte meldeten. Ihr Gegner war abgelenkt. „Schmecken“, murmelte sie.

Victoria. Du liebst ihn doch. Du hast so gekämpft, um ihn zu retten. Mach das nicht alles zunichte für einen Hunger, den du in den Griff kriegen kannst. Eine Stimme durchdrang das Chaos in ihrem Kopf. Natürlich wusste Elijah der Gedankenleser ganz genau, worauf sie hören würde. In Ordnung? Okay? Ich kann mich nicht gleichzeitig um dich und um Caleb kümmern, dazu ist mir zu schwindlig. Einer von euch muss sich benehmen wie ein Erwachsener. Und weil du über achtzig bist, bist das wohl du.

Aden riss die Augen auf. Sie waren knallrot, von seiner menschlichen Seite war nichts mehr zu sehen.

Sie musste sich zusammenreißen. Ja, das konnte sie. Das würde sie schaffen. „Aden, bitte.“ Und ihn retten. Auch das würde sie versuchen. Er war ihr Ein und Alles. „Ich weiß, dass du mich hörst. Und ich weiß, dass du mir nicht wehtun willst.“

Einen angespannten Moment lang geschah nichts. Dann flackerte wie durch ein Wunder Bernstein in seinen geliebten Augen auf. „Kann dir nicht wehtun …“, sagte er. „Will nicht.“

Vor Erleichterung liefen ihr Tränen über die Wangen. „Lass mich los, Aden. Bitte.“

Er zögerte eine gefühlte Ewigkeit lang. Ganz langsam löste er die Finger und zog die Arme zurück. Er richtete sich auf, bis er breitbeinig über ihr saß, seine Knie neben ihren Hüften.

„Victoria … Es tut mir so leid. Dein armer, schöner Hals.“ Die Stimmen, seine und die des Monsters, überlagerten sich, eine Mischung aus Mitgefühl und dunklem Rauch strömte über sie.

Sie lächelte matt. „Du musst dich nicht entschuldigen.“ Ich habe dir das angetan.

Ich … brauche … Du musst … Caleb röchelte, und auch Victoria bekam plötzlich nicht mehr richtig Luft. Irgendwas stimmt nicht … Ich kann nicht …

Hör mir gut zu, Caleb, sagte Elijah grob. Wir können noch nicht zu Aden zurückgehen. Dann sterben wir.

Sterben, keuchte Caleb. War ja klar! Das wusste ich doch.

Was soll das heißen, wir sterben, knurrte Julian.

Uns passiert nichts, wenn ihr jetzt damit aufhört! Mit eurer Panik vertreibt ihr uns aus Victoria, und wir können sie noch nicht verlassen. Also hört jetzt endlich auf mich und beruhigt euch. Alles klar? Wir können später zu Aden zurückgehen. Nachdem … Später eben. Also, Caleb, Julian, hört ihr jetzt …

Sein Satz brach abrupt ab. Caleb schrie auf, dann auch Julian, darunter mischte sich Elijahs gequältes Stöhnen. Nein, sie hatten nicht auf ihn gehört.

Und Victoria offenbar auch nicht. Sie war die Nächste, die schrie, dass ihr fast die Trommelfelle platzten. Laut, so unglaublich laut. Entsetzliche Schmerzen. Dann war ihr alles egal. Die Schmerzen verschwanden, und ihr Schrei verklang zu einem Schnurren.

Vollkommene Macht war in ihr entstanden, sie rauschte durch ihren Körper und verschmolz mit ihr. Sie wurde ein Teil von ihr. Gut, unglaublich gut.

In ihrem langen Leben hatte sie von mehreren Hexen getrunken. Was für Vampire nichts Gutes bedeutete. Das Blut von Hexen war wie eine Droge, sobald man einmal von ihr gekostet hatte, konnte man kaum an etwas anderes denken. Das wusste sie nur zu gut. Obwohl ihr letzter Rückfall schon Jahre her war, überkam sie manchmal das Verlangen danach, und dann rannte sie verzweifelt durch die Wälder, um eine Hexe zu finden. Irgendeine Hexe. Das war der Hauptgrund, warum sich Hexen und Vampire normalerweise aus dem Weg gingen.

Aber dieser plötzliche Energiestoß – er war wie von einer Hexe, berauschend, warm wie Sonnenlicht und zugleich kalt wie ein Schneesturm. Schwindelerregend, überwältigend, alles und nichts. Sie schwebte wie auf Wolken, weit weg von der Höhle. An einem Strand döste sie, während das Wasser ihre Füße umspielte. Sorglos wie das Kind, das sie nie sein durfte, tanzte sie durch den Regen.

Was für eine wunderschöne Ewigkeit sie hier umfing. Sie wollte nie wieder gehen.

Sie glaubte, die Seelen leise weinen zu hören, beinahe wie Kinder. Erlebten sie nicht das Gleiche? Gebrüll durchdrang ihre Euphorie. Dünne Tentakel griffen nach ihr, packten sie mit überraschender Stärke und wollten sie fortzerren. Entschlossen stemmte sie sich dagegen. Ich bleibe hier!

Ein zweites Brüllen ertönte in ihrem Kopf, lauter, bedrohlicher. Es trieb ihr den kalten Schweiß aus den Poren …

Mit einem Mal wurde sie zurück in die Gegenwart gerissen. Ebenso schnell war es um ihre wohlige Ruhe geschehen. Nein. Nein, nein, nein!

Doch. Die Seelen redeten nicht mehr, sie schrien und weinten nicht, sie taten gar nichts, und mit der Ruhe war auch das Gefühl der Macht verschwunden. Und mehr noch, Scharfzahn war zurückgekehrt. Dieses Mal wollte er nicht, dass sie Aden wehtat.

Bislang hatte sie einfach nur einen scharfen Stich gespürt, wenn das Monster zu ihr zurückgekehrt war. Mehr nicht. Dann hatte es sie wieder verlassen. Und war zurückgekehrt. Dieser Kreis hatte sich endlos wiederholt, während sie und Aden immer wieder voneinander getrunken hatten. Aber dieses Mal war etwas anders. Sie spürte eine Kraft, eine Art Energie. Oder hatten sie den Kreislauf der Besessenheit endlich durchbrochen?

Scharfzahns Hunger verschmolz mit ihrem eigenen. Das Gefühl war vertraut, aber alles andere als willkommen, denn das Monster hinderte sie daran, etwas dagegen zu unternehmen. Das ließ Scharfzahn nie zu, nicht bei Aden.

Als Victoria die Augen öffnete, schnappte sie nach Luft. Sie hatte die Höhle nicht verlassen, aber sie war nicht untätig gewesen. Sie stand aufrecht da, mit ausgebreiteten Armen. Von ihren Fingern ging ein goldenes Strahlen aus, das abnahm und verglühte. Aden lag zusammengesunken an der gegenüberliegenden Höhlenwand. Er war bewusstlos, rührte sich nicht, vielleicht war er sogar … Nein. Nein!

Barfuß rannte sie zu ihm. Als sie ihn erreichte, fühlte sie sofort nach seinem Puls. Nein, nein, nein. Bitte nicht! Da! Schnell, fast zu schnell und äußerst schwach, aber der Puls war da. Aden lebte.

Erleichterung durchströmte sie, gefolgt von heftigen Gewissensbissen. Was hatte sie ihm angetan? Ihn geschlagen? Von ihm getrunken? Nein, das konnte nicht sein. Scharfzahn hätte das nicht zugelassen. Oder?

„Ach Aden.“ Sie strich ihm das Haar aus der Stirn. Sie fand weder Prellungen auf seinem Gesicht noch Bisswunden an seinem Hals. „Was ist nur mit dir?“

Ein Geräusch drang an ihr Ohr. Stirnrunzelnd beugte sie sich hinunter. War das … ein Summen? Sie blinzelte und hörte genauer hin. Ja, tatsächlich. Wenn er summte, hatte er doch sicher keine Schmerzen, oder? Offenbar durchlebte er eine Art Glücksgefühl. Vielleicht genau wie sie gerade. Oder?

Dir darf nichts passiert sein, bitte.

Sie musterte ihn genauer. Sein Gesichtsausdruck wirkte gelassen, die Mundwinkel waren gekräuselt. Er sah jungenhaft aus, unschuldig, beinahe wie ein Engel. Also erlebte er tatsächlich die gleiche Euphorie wie sie.

Beruhigt fuhr sie mit einer Fingerspitze seinen Haaransatz entlang. Er war so schön mit seinen schwarz gefärbten Haaren und dem breiten blonden Ansatz, den perfekt geschwungenen Augenbrauen über den bildschönen, leicht schrägen Augen und der geraden Nase. Seine Lippen waren sanft, sein Kinn kräftig. Und ebenfalls perfekt. An einem solchen Gesicht konnte sich ein Mädchen gar nicht sattsehen. Vielleicht weil jeder Blick eine neue Facette offenbarte. Dieses Mal waren es seine langen dichten Wimpern, die im Halbdunkel der Höhle goldbraun schimmerten.

„Wach auf, Aden. Bitte.“

Nichts, keine Reaktion.

Vielleicht wollte er einfach an jenem Ort bleiben, genau wie sie. Tja, dann hatte er Pech. Sie hatten einiges zu bereden.

„Aden. Aden, wach auf.“

Wieder nichts. Nein, nicht ganz. Ein Stirnrunzeln, das sich zu einer Grimasse auswuchs.

Ihr Herz hämmerte wie wild. Na gut. Und wenn er nicht sorglos auf Wolken schwebte? Wenn er irgendwo festhing? Oder, schlimmer noch, Schmerzen hatte? Diese Grimasse …

Sein Atem ging flach und rasselnd, einmal, zweimal. Dieses Rasseln hatte sie früher schon gehört – jedes Mal wenn sie zu viel Blut von einem Menschen getrunken hatte.

Er stirbt nicht. Er darf nicht sterben. Seit einer Woche waren sie hier. Sieben Tage, drei Stunden und achtzehn Minuten. Die ganze Zeit über hatten sie gekämpft, sich geküsst und voneinander getrunken. Aden hatte alles überlebt, also würde er auch das hier überleben. Was immer das hier war.

Sie schämte sich plötzlich so sehr, dass ihre allgegenwärtigen Schuldgefühle in den Hintergrund gedrängt wurden. Vielleicht lag es an dieser Scham, dass ihr Monster ruhiger wurde und nicht wie sonst brüllte, um freigelassen zu werden.

Moment. Scharfzahn brüllte nicht. Verwirrt blinzelte sie. Sie sah an sich hinunter und bemerkte, dass alle Schutzzauber verblasst waren. Und trotzdem war das Monster still. Das war vorher noch nie geschehen.

Was hatte sich sonst noch verändert? Ihr Blick fiel auf Adens Hals und seinen schlagenden Puls. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen, aber der Trieb, das drängende Verlangen, ihn zu beißen, blieb aus.

Nein, das stimmte nicht ganz. Es war noch da, aber nicht mehr so stark wie zuvor. Sie konnte es kontrollieren. Trotzdem war sie durstig, sie musste trinken, von irgendjemandem. Doch wenn sie von jemand anderem trinken konnte, dann konnte das vielleicht auch Aden. Und wenn das stimmte …

Dann konnte er gerettet werden. Endgültig. Hoffte sie zumindest. Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden. Obwohl sie immer noch schwach war, verschränkte sie ihre Finger mit Adens, schloss die Augen und stellte sich ihr Zimmer in dem Herrenhaus vor, das die Vampire in der Nähe von Crossroads, Oklahoma, bewohnten. Weißer Teppich, weiße Wände, weißer Bettüberwurf.

Bitte lass es funktionieren, dachte sie. Bitte.

Ein kalter Wind kam auf, packte ihr Haar und wirbelte es durcheinander. Es klappte! Lächelnd hielt sie Adens Hand noch fester. Der Höhlenboden sackte weg, sie hingen in der Luft. Nur noch einen Moment, dann würden sie …

Ihre Füße trafen auf weichen flauschigen Boden. Teppich.

Zu Hause. Sie waren zu Hause.

3. KAPITEL

Drei Tage später

Die Zimmertür knallte gegen die Wand, und eine raue Männerstimme knurrte: „Ich habe gehört, du willst jedem den Bauch aufschlitzen, der in dein Zimmer kommt. Also, hier bin ich. Aber sag mir vorher mal lieber, was zum Teufel hier los ist.“

Victoria, die im Zimmer auf und ab gelaufen war, blieb stehen und wandte sich zu dem Eindringling um. Es war Riley, ihr Leibwächter. Ihr bester Freund. Groß, ebenso muskulös, wie es Aden mittlerweile war, und mit einem Gesicht, dem man ein hartes Leben und die vielen Faustkämpfe ansehen konnte.

Ihr wurde die Brust eng. Er war kein hübscher Traumprinz wie Aden, aber er war sexy – ein Kämpfer, der seine Gegner fertigmachte, was es auch kostete, und das mit einem Grinsen auf dem Gesicht. Und genau so jemanden brauchte Victoria jetzt. Jemanden, der tun würde, was nötig war.

Er war vielleicht der Einzige, der ihr helfen konnte.

Und obwohl er sichtlich stinksauer war und seine Augen vor Wut blitzten, war er für sie doch der schönste Anblick seit Tagen. Er hatte dunkles, zerzaustes Haar, strahlend grüne Augen unter tiefschwarzen langen Wimpern und eine unzählige Male gebrochene Nase mit einem leichten Höcker in der Mitte. Manche Verletzungen heilten einfach nicht richtig, wenn sie sich ständig wiederholten.

Er trug ein grünes Lucky-Charms-T-Shirt und eine Hose, die aussah wie eine Jeans, auch wenn sie keine war. In Victorias wolkenweißem Zimmer war er der einzige Farbfleck.

„Nettes T-Shirt“, sagte sie. Zum einen, um ihn von seiner Wut abzulenken, bevor sie womöglich noch ihre Geheimnisse ausplauderte, zum anderen, um einen Sinn für Humor zu beweisen, den sie sich unbedingt zulegen wollte. Mary Ann Gray, Rileys menschliche Freundin, hatte ihr einmal vorgeworfen, sie sei zu ernst.

„Etwas anderes habe ich nicht gefunden. Victoria, rede. Jetzt! Bevor ich vom Schlimmsten ausgehe und einfach jeden im Haus kaltmache.“

Die vorgespielte Heiterkeit fiel von ihr ab, und Tränen traten ihr in die Augen, diese dummen, menschlichen Tränen, die sie vor ihrer Zeit in Amerika nie belästigt hatten. Sie lief zu Riley und warf sich in seine starken, schützenden Arme.

„Ich bin so froh, dich zu sehen.“

„Das wird sich ändern, wenn ich dich zum Reden zwingen muss.“

Trotz der Drohung drückte er sie fest an sich, genau wie früher, als sie noch klein waren und die anderen Vampire nicht mit ihr spielen wollten.

Weil sie die Tochter von Vlad dem Pfähler war, hatten alle Angst, bestraft zu werden, falls Victoria etwas passierte. Nur Riley nicht, er nie. Er war wie der Bruder, den sie sich immer gewünscht hatte, er tröstete und beschützte sie.

Sie hatte zwar einen echten Bruder gehabt, Sorin. Aber Vlad hatte ihr verboten, Sorin anzusehen, mit ihm zu sprechen oder seine Existenz auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Ihr werter Herr Vater wollte nicht, dass sein einziger Sohn von seinen „verweichlichten“ Töchtern verdorben wurde. Als sie und Aden sich kennenlernten und er nach ihren Geschwistern fragte, hatte sie ihm überhaupt nur von ihren Schwestern erzählt. Den letzten Neuigkeiten zufolge, die ihr zu Ohren gekommen waren, führte Sorin zurzeit eine halbe Armee von Vampiren durch Europa, um Bloody Mary in Schach zu halten, die Anführerin der schottischen Vampirsippe. Unterm Strich zählte ihr Bruder also nicht.

Außerdem hatte Vlad schon vor langer Zeit Riley mit Victorias Schutz beauftragt, und der Gestaltwandler nahm seine Aufgabe sehr ernst. Nicht nur aus Pflichtgefühl oder aus Angst vor Folter und Tod, falls er versagte, sondern weil er sie mochte. Zuallererst waren sie Freunde, alles andere war zweitrangig.

„Warum bist du überhaupt hier?“, fragte sie, ohne auf seine Aufforderung einzugehen. Wieder mal.

„Meine Brüder haben mich aufgespürt und mir erzählt, du seist völlig abgedreht. Der Schreck hat mich bestimmt zweihundert Jahre meines Lebens gekostet. Aber genug von mir.“ Riley wich zurück und nahm ihr Gesicht zwischen die Hände, sodass sie ihn ansehen musste. „Hast du anständig getrunken? Du siehst beschissen aus.“

Seine Sorge – sogar seine Beleidigung – taten ihr unglaublich gut und waren so herrlich typisch für ihn, dass sie sagte, was er hören wollte: „Ja, Papa, ich habe getrunken.“ Was auch stimmte. Fünf Minuten, nachdem sie zu Hause angekommen waren und Aden sie in ihr Bett verfrachtet hatte, hatte sie schon die Fangzähne in einen der Blutsklaven geschlagen, die in der Villa wohnten.

Sie war so durstig gewesen, dass sie dem Menschen fast das ganze Blut ausgesaugt hätte. Ihre Schwester Lauren hatte sie gerade noch rechtzeitig zurückreißen können. Stephanie, ihre andere Schwester, hatte ihr einen zweiten Menschen besorgt und dann einen dritten und vierten, und Victoria hatte getrunken, bis ihr Magen nicht mehr fassen konnte.

„So kommst du mir also.“ Rileys Mundwinkel zuckten. „Wann hast du denn Sarkasmus gelernt?“

„Weiß ich nicht mehr.“ Sie wusste nur, dass sie die Wahl hatte. Entweder ihre Situation mit Humor angehen oder in ihrem Elend ertrinken. „Vielleicht vor zwei Wochen.“

Als sie über die Zeit sprach, wurde Rileys amüsierte Miene von einem finsteren Stirnrunzeln vertrieben.

Diese Wirkung hatte bei ihm nur ein Thema. Mary Ann Gray. In der Nacht, in der Aden mit dem Messer angegriffen wurde, war sie allein von zu Hause weggegangen. Der verliebte Werwolf Riley war ihr gefolgt, um sie zu beschützen – ohne auf die Gefahr für sich selbst zu achten.

„Wo ist dein Mensch?“ Moment, Mary Ann war ja gar nicht mehr ganz menschlich. Sie hatte sich zur Kraftdiebin entwickelt – was Victoria nicht hatte kommen sehen. Mary Ann konnte nicht nur Hexen ihre Magie stehlen, sondern auch Vampiren ihre Monster, den Elfen ihre Macht und Wölfen die Fähigkeit, sich zu verwandeln.

Victoria fragte sich, ob Mary Ann überhaupt je ganz menschlich gewesen war. Elfen waren schließlich auch Kraftdiebe. Der Unterschied war nur, dass diese ihren Hunger kontrollieren konnten. Mary Ann konnte das nicht. Trotzdem warf das eine erschreckende Frage auf: War Mary Ann vielleicht ein Mischwesen aus Mensch und Elfe?

Von einer solchen Mischung hatte Victoria zwar noch nie gehört, doch in der letzten Zeit war ihr klar geworden, dass nichts unmöglich war. Falls Mary Ann tatsächlich eine Art Schimäre war, würde jeder Vampir und Gestaltwandler im Haus – natürlich abgesehen von Riley – ihren Tod wollen. Elfen waren die größten Feinde, eine enorme Gefahr. Sie bedrohten die gesamte Anderwelt.

„Und?“, hakte Victoria nach, als Riley nicht reagierte.

„Ich habe sie aus den Augen verloren.“ Der zuckende Muskel unter seinem Auge verriet, wie aufgewühlt er war.

„Moment mal. Du als erfahrener Fährtenleser hast dich von einer Teenagerin abhängen lassen, die sich nicht mal verstecken könnte, wenn sie unsichtbar wäre?“ Scheinbar steckte in Mary Ann doch mehr, als man ihr ansah.

Das Zucken wanderte zu Rileys Kiefermuskel. „Ja.“

„Du solltest dich schämen.“

„Ich will nicht darüber reden“, sagte er. „Sondern über dich. Wie geht es dir? Und zwar ganz im Ernst.“

„Es geht mir gut.“

„Na schön. Ich tue mal so, als würde ich das glauben. Hast du etwas von deinem Vater gehört?“

„Nein.“ Vlad hatte befohlen, Aden zu töten, hielt sich aber bislang verborgen.

Noch nie war Victoria so froh über die Eitelkeit ihres Vaters gewesen. Er wollte unbesiegbar erscheinen, immer. Deshalb wusste niemand hier, dass Vlad noch lebte. Und wenn es nach ihr ging, würde es dabei bleiben. Sollten sie davon erfahren, würden die Vampire vielleicht einen Aufstand gegen Aden anzetteln, bevor er offiziell zu ihrem König gekrönt wurde. Und wenn er sich dann noch immer in diesem Zustand befand, würde er verlieren. Die ganzen Qualen, die er bis jetzt durchlitten hatte, wären umsonst gewesen.

Selbst gesund und kräftig würde er jeden Vorteil nutzen müssen, der sich ihm bot. Nicht nur, um an der Macht zu bleiben, sondern einfach, um zu überleben.

Noch hatte er Zeit. Victoria kannte ihren Vater. Sie wusste, dass Vlad erst zurückkehren würde, wenn er seine volle Kraft zurückerlangt hatte. Dann … dann allerdings würde es Krieg geben. Vlad würde jeden bestrafen, der Aden folgte. Auch sie und Riley. Und an Aden würde er ein Exempel statuieren. Das tat er gern, indem er vor der Eingangstür einen abgeschlagenen Kopf auf einem Spieß präsentierte.

Würde Aden gegen ihn kämpfen? Und wenn ja, konnte Aden gewinnen?

„Wie geht es Aden?“, fragte Riley. Der Wolf konnte Auren deuten und hatte wahrscheinlich erkannt, in welche Richtung ihre Gedanken abschweiften. „Hat er … überlebt?“

Ja und nein. Ihr Magen verkrampfte sich. Sie löste sich von Riley und deutete mit einer Hand aufs Bett. „Da ist unser König.“

Riley kniff die grünen Augen zusammen, als er die Gestalt auf dem Bett entdeckte. Mit fünf raschen Schritten trat er näher heran und musterte sie. Victoria stellte sich neben ihn und versuchte, Aden mit Rileys Augen zu sehen.

Er lag auf dem Rücken, reglos wie eine Leiche. Seine normalerweise gebräunte Haut war blass, die blauen Adern hoben sich deutlich ab. Seine Wangen waren eingefallen, die Lippen spröde und rissig. Das Haar klebte ihm schweißnass am Kopf.

„Was ist mit ihm?“, fragte Riley leise, aber in schroffem Ton.

„Ich weiß es nicht.“

„Du weißt wohl etwas.“

Sie schluckte schwer. „Na ja, ich habe dir doch erzählt, dass Tucker ihn mit einem Messer verletzt hat.“

„Ja, und dafür wird Tucker sterben.“ Das war eine Feststellung, mehr nicht. „Bald.“

Der angekündigte Mord überraschte Victoria nicht. Rache passte zu Riley. Auge um Auge, etwas anderes gab es nicht. Auf diese Art konnte einem ein Feind kein zweites Mal schaden. „Ich wollte ihn retten – Aden, meine ich. Deshalb habe ich … Ich wollte …“ Sag es einfach. „Ich wollte ihn verwandeln. Das habe ich dir doch schon gesagt.“

„Und ich dachte, du seist vernünftig geworden und hättest es dir anders überlegt.“

„Na ja, nein. Ich hätte es nicht tun sollen, ich weiß, aber ich konnte nicht … Ich wollte nicht … Ich habe getan, was nötig war, damit er überlebt!“

„Aden hat dir gesagt, welche Konsequenzen es hat, wenn man etwas gegen Elijahs Vorhersagen unternimmt, Vic. Bei den wenigen Malen, als er es versucht hat, haben die Leute noch mehr gelitten, als wenn er nichts unternommen hätte.“

Sie richtete sich kerzengerade auf und reckte das Kinn. „Ja, das hat er mir erzählt, und nein, das hat mich nicht davon abgehalten. Ich habe ihm mein Blut gegeben, jeden Tropfen, den ich entbehren konnte. Ich habe von ihm getrunken, und er von mir. Immer wieder.“

„Und?“

Ihm war natürlich klar, dass mehr dahintersteckte. Sie ließ die Schultern sacken. „Und … irgendwie habe ich seine Seelen übernommen, und er mein Monster.“

Riley fiel die Kinnlade hinunter. „Du hast die Seelen?“

„Jetzt nicht mehr. Wir haben immer wieder getauscht, und wir haben weiter voneinander getrunken, obwohl wir kaum noch Blut übrig hatten. Ich dachte, wir bringen einander um. Beinahe hätten wir das auch.“ Ihr Kinn zitterte, und sie konnte kaum sprechen.

„Das ist doch noch nicht alles. Erzähl weiter.“ Riley war unnachgiebig, wenn er etwas wollte, und im Moment wollte er, dass sie ihm die Wahrheit sagte. Er hatte sie gewarnt, dass es unangenehm werden würde, wenn er sie zum Reden zwingen müsste, und sie nahm die Drohung sehr ernst.

„Wir waren in dieser Höhle, und am letzten Tag habe ich irgendwas mit ihm gemacht. Ich weiß nicht, was, und das bringt mich beinahe um! Ich war wie weggetreten, und als ich wieder zu mir kam, war er in diesem Zustand.“

„Du warst ohnmächtig? Wie lange?“

„Keine Ahnung.“

„Hat er geblutet?“

„Nein.“ Das stimmte. Aber das hieß nicht, dass er keine inneren Verletzungen hatte.

Warum konnte sie sich nicht daran erinnern, was passiert war?

„Warum hast du ihn hierhergebracht? In diesem Zustand ist er schwach und angreifbar. Der beste Moment für eine Revolte. Dein Volk könnte sich erheben und sich den menschlichen König vom Hals schaffen, den es nie wollte.“

Wieder reckte sie das Kinn. „Ich habe ihn bewacht, und bisher hat kein Vampir gewagt, mein Zimmer zu betreten. Wahrscheinlich wissen sie noch, wie sehr ihre Monster ihn lieben.“ Jeder Vampir trug eines in sich, und ohne die Schutzzauber auf ihrer Haut konnten die Monster aus ihren Körpern treten, feste Formen annehmen und sie angreifen. Und dann war niemand mehr sicher, schon gar nicht ihre „Herren“, die Vampire. Doch sobald Aden in der Nähe war, benahmen sich diese Monster wie wohlerzogene Schoßhündchen – sie taten, was er wollte, und schützten ihn vor allen Gefahren.

„Oder sie haben noch nicht mitbekommen, dass Aden hier ist“, fuhr sie fort.

„Oh doch, das haben sie. Alle sind total nervös. Ihre Monster wollen raus und zu Aden.“

Das glaubte sie sofort. Mit der wunderbaren Stille, die sie in den letzten Minuten in der Höhle genossen hatte, war es sofort vorbei gewesen, als sie zu Hause ankamen. Scharfzahn hatte für immer bei Aden bleiben wollen und hatte gebrüllt vor Enttäuschung darüber, dass er in Victoria festsaß.

Nach ihrem Trinkgelage hatte sie gleich ihre Schutzzauber aufgestockt, um ihn im Zaum zu halten.

„Ist Aden jetzt ein Vampir?“, fragte Riley.

„Nein. Ja. Keine Ahnung. Als er noch bei Bewusstsein war, wollte er Blut. Mein Blut.“ Und zwar bis zum letzten Tropfen. Aber das behielt sie für sich. Nicht abzusehen, wie Riley darauf reagiert hätte.

Riley schob Adens Lippen zurück. „Keine Fangzähne.“

„Nein, aber seine Haut …“

„Ist wie deine?“ Stirnrunzelnd ließ Riley seine langen scharfen Krallen wachsen. Bevor Victoria ihn zurückhalten konnte, fuhr er mit seinen Klauen über Adens Wange.

„Nicht …!“

Kein Kratzer.

„Interessant.“ Eine durchscheinende Flüssigkeit – je la nune – trat an den Krallenspitzen aus, und Riley fuhr noch einmal über Adens Wange. Dieses Mal riss die Haut mit einem Zischen.

„Lass das!“ Victoria warf sich auf Aden, damit Riley ihn nicht noch weiter verletzte. Der allerdings versuchte das gar nicht.

„Du hast recht. Er hat wirklich Vampirhaut“, meinte Riley.

„Das habe ich dir doch gesagt!“ Allerdings wollte sie sich noch nicht eingestehen, dass sie jetzt Haut wie ein Mensch hatte. Sie konnte es selbst kaum glauben. Damit war sie unglaublich verletzlich. Auch das frische Blut hatte den Schaden nicht behoben. Sie zweifelte, ob das überhaupt je möglich war. „Du hättest ihm nicht wehtun müssen. Das je la nune hätte einen Menschen genauso verbrannt.“

Darauf ging Riley nicht ein. „Wie lange ist er schon in diesem Zustand?“

„Seit drei Tagen.“ Sie setzte sich neben Aden und funkelte ihren Leibwächter herausfordernd an, falls er ihr die Schuld dafür geben wollte.

„Das muss ich erst mal überschlagen.“ Er zögerte einen winzigen Moment, dann sprach er weiter: „Ja, das sind drei Tage zu lang. Hat er in letzter Zeit getrunken?“

„Ja.“ Sie hatte ihm von mehreren Blutsklaven zu trinken gegeben, nachdem sie sich mit einer Kostprobe versichert hatte, dass von ihnen keine Gefahr drohte. Als er keine Reaktion zeigte, hatte sie ihm immer mehr gegeben, bis ihm das Blut beinahe aus den Poren lief. Trotzdem hatte sich nichts geändert.

Stundenlang hatte sie überlegt, ob sie ihm noch mehr von ihrem eigenen Blut geben sollte. Was, wenn er wieder abhängig wurde? Andererseits war er vielleicht noch abhängig und nur ihr Blut konnte ihm helfen.

Also hatte sie es versucht. Sie hatte sich das Handgelenk aufgeschlitzt – was extrem geschmerzt hatte – und ihr Blut in seine Kehle laufen lassen. Die Wunde war für ihre Verhältnisse langsam geheilt, wenn auch äußerst schnell für einen Menschen. Bis dahin hatte Aden mehrere Schlucke Blut abbekommen. Sofort war Farbe in seine Wangen gestiegen, und sie hatte Hoffnung geschöpft – für sie beide. Aber wenig später war er wieder blass und unruhig geworden. Viel zu unruhig. Er hatte vor Schmerzen gestöhnt, sich im Bett gewunden und sich schließlich übergeben.

Das alles erzählte sie Riley.

„Vielleicht liegt es daran“, überlegte er. „Vielleicht braucht er kein Blut.“

„Als ich ihm vierundzwanzig Stunden kein Blut gegeben habe, wurde es noch schlimmer. Er wurde erst ruhig, als er wieder getrunken hat.“

Riley seufzte schwer. „Also gut, wir machen Folgendes.“ Wie immer übernahm er das Kommando. „Ich postiere Wachen vor deiner Tür. Außer dir und mir darf niemand dieses Zimmer betreten. Verstanden?“

„Nein. Dazu bin ich zu dumm. Kleiner Tipp, Riley: Deshalb habe ich gedroht, jeden aufzuschlitzen, der reinkommt.“ Oha. Stress und Schlafmangel machten sie offenbar zickig.

Er fuhr ungerührt fort: „Gib ihm weiter dein Blut zu trinken, wie bisher, und sag mir Bescheid, wenn sich etwas ändert. Egal, was. Ich gehe zur D&M-Ranch und hole seine Tabletten.“

Die D&M-Ranch. Adens Zuhause. Na ja, wohl eher sein früheres Zuhause. Dort wohnten Teenager, die sich in Schwierigkeiten gebracht hatten.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Höllisch verliebt" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen