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Höllensee

Alfred J. Schindler

 

 

Höllensee

 

Horrorthriller

 

von

 

Alfred J. Schindler

 

 

 

 

 

 

VORWORT

 

 

 

Im Leben geschehen immer wieder unerklärliche Dinge, die man einfach nicht begreifen kann. Vielleicht will man sie ja auch nicht begreifen. Man kann diese Ereignisse aus den verschiedens­ten Perspektiven betrachten, jedoch man kommt letztendlich doch zu keiner aussagefähigen, de­finitiven Erklärung. Auch mein Freund Hugo und ich mussten diese bitterböse Erfahrung machen.

 

Aber lesen Sie selbst...

 

 

 

GRÜNDONNERSTAG

 

 

 

„Es geht doch nichts über das Gefühl der Freiheit, was Hugo?“

„Ja, es ist ein wunderbares Gefühl!“, bestätigt er schwärmerisch und haut mir kameradschaftlich auf die Schulter.

 

Wir brausen mit unserem alten, rot gestrichenen Vehikel, das früher bessere Zeiten gesehen hatte, von München aus Richtung Allgäuer Alpen. Das Osterfest steht vor der Türe und die Sonne lacht. Gerade passieren wir Garmisch-Partenkirchen.

 

„Wie heißt dieses Tal, in das wir fahren?“

„Oy-Tal, Hugo.“

„Fünf volle Tage haben wir vor uns, Alex!“

„Fünfmal ausschlafen, Fleisch brutzeln, saufen und entspannen.“

 

„Hast du auch an alles gedacht?“

„Aber sicher.“

„Hierher hätten wir schon viel früher fahren sol­len!“ „Ja. Drei Stunden Fahrt von München, und schon sind wir in der herrlichsten Gegend!“

 

Nachdem wir etwas später das wunderschöne Städtchen Oberstdorf hinter uns haben, geht es langsam ins Oy-Tal über.

 

„Seealpsee! Hört sich gut an, Hugo!“

„Sag mir, wo es lang geht, Alex!“

„Vielleicht finden wir dort irgendwo auch einen kleinen Campingplatz!“

„Mal sehen.“

 

Die enge, weiterführende Straße führt uns schließlich an besagten See. Wir befinden uns in einer sehr gebirgigen Landschaft, etwa einhundert Meter über dem herrlich schimmernden Gewässer. Der See selbst hat einen eiförmigen Umriss.

 

„Der See passt genau zu Ostern, Hugo!“

„Weißt du was? Hier bleiben wir!“

 

Ganz am Ende des Sees geht die schmale Straße in einen Feldweg über. Wir sehen in einiger Entfer­nung ein altes, verwittertes Schildchen. Jetzt können wir es lesen:

 

- CAMPINGPLATZ -

 

Auf einem holprigen, ausgetrockneten Weg geht es einige hundert Meter weiter. Ringsum ist ein wun­derschöner, dunkler Wald. Hugo fährt im Schritt­tempo. Der Weg führt uns, nachdem hinter uns einige kleine, sicherlich unbewohnte Hütten aus unserem Blickfeld verschwunden sind, Richtung See.

 

„Ich bin ja gespannt, was uns dort erwarten wird, Hugo!“

„Ja, ich auch.“

„Dort unten ist sicherlich nicht viel los, was?“

„Mir wäre es am liebsten, Hugo, wenn überhaupt niemand dort wäre. Dann hätten wir unsere selige Ruhe.“

„Hauptsache, wir können ungestört Schach spielen und so ganz nebenbei vielleicht noch das eine, oder andere nette Mädchen aufreißen.“

„Mal sehen. Lassen wir uns überraschen.“

 

Der etwas düstere, undurchdringliche Wald liegt hinter uns. Urplötzlich haben wir einen geradezu unglaublichen, ja atemberaubenden Blick auf den ruhig und majestätisch wirkenden See. Die steile Felswand im Hintergrund vervollkommnet dieses geradezu paradiesische Bild.

 

„Hast du schon mal solch eine herrliche Land­schaft gesehen, Alex?“

„Nein. Sie ist grandios!“

 

Direkt vor uns liegt ein länglicher, vereinsamter Campingplatz. Wenigstens wirkt er so auf uns. Es befinden sich etwa ein Dutzend Gespanne, die der Reihe nach, fast direkt am See, nebeneinander in einem Abstand von etwa drei Metern stehen.

 

„Schau! Hier sind schon einige Camper!“, meint Hugo.

„Aber was sind das denn für alte Gespanne?“, frage ich ihn erstaunt. „Da steht ein alter OPEL Kadett mit Vogelnest. Und da! Vier VW-Käfer mit Vogel­nest.“

„Ein FORD Taunus mit Vogelnest. Daneben ein FIAT 126!“m kommentiert Hugo.

„Mit Vogelnest“, ergänze ich.

„Was soll das denn bedeuten?“ Er schaut mich un­sicher an.

„Da fragst du mich zu viel. Das sind Autos um die Baujahre 1966 bis 1968! Ja, so in etwa. Und an jedem Fahrzeug befindet sich eines dieser winzi­gen Vogelnester!“

„Diese Dinger waren damals unglaublich billig und somit bei jungen Leuten sehr begehrt!“

„Woher weißt du das?“

„Von meinen Eltern, Alex!“

„Dagegen sind wir ja geradezu luxuriös ausgestat­tet!“

 

Aber was das Seltsamste daran ist: Wir sehen kei­ne Menschenseele. Der Platz liegt völlig verein­samt vor uns. Nicht einmal ein kleiner Hund springt um die alten Autos herum.

 

Komisch.

 

Hugo rangiert unsere Karre am See entlang rechts an der Reihe von Fahrzeugen mit Hänger vorbei, direkt neben das hinterste Gespann, und schaltet den Motor ab. Wir steigen aus und dehnen unsere halb eingeschlafenen Glieder. Wir rauchen und schauen uns interessiert um.

 

„Lass uns mal ein wenig umhergehen, Hugo.“

„Ich bin ja gespannt, wo die ganzen Leute sind!“, antwortet er leise.

„Vielleicht schlafen sie alle?“

„Nachmittags um vier Uhr? Du spinnst wohl?“

„Oder sie tauchen gerade alle zusammen?“

„Was bist du doch für ein Witzbold! Tauchen...“

 

Wir schlendern ganz langsam und unauffällig über den etwa einhundertzwanzig bis einhundertdreißig Meter langen Platz. Die Gespanne stehen, wie gesagt, sauber und ordentlich aneinandergereiht, eines neben dem anderen, etwa drei Meter vom Wasser entfernt. Diese drei Meter stellen sozusa­gen den Strand dar. Ganz am Anfang des Platzes (hier macht der See eine kleine, halbkreisförmige Biegung nach rechts) stehen zwei uralte, verros­tete Duschen aus den sechziger Jahren. Dahinter ist wieder Wald. Dichter, dunkler Wald. Ich drehe spaßeshalber an einem der zwei Räder der Duschstangen und warmes Wasser schießt aus der so gebrechlich erscheinenden Anlage heraus. Auf einem Schildchen, das arg verrostet ist, lese ich:

 

1969.

 

„Diese beiden Duschen sind fast vierzig Jahre alt!“

„Ja. Es scheint so, Alex.“

„Hier gibt es warmes Wasser, Hugo!“

„Das gibt es doch gar nicht!“, antwortet er über­rascht.

„Wo kommt denn diese warme Brühe her?“, frage ich etwas blöde.

„Von unten. Woher denn sonst?“

„Du Affe! Von unten. Aber wieso ist sie so warm?“

„Vielleicht ist unter uns eine heiße Quelle, Alex.“

„Ja, anders kann ich mir das auch nicht erklären.“

 

Ich blicke etwas ratlos umher.

 

„Oder dort unten ist ein unterirdischer Ofen!“

„Verarschen kannst du dich selbst, Hugo!“

„Wie kannst du es dir denn erklären?“

„Dieses Wasser hat mindestens 35 C!“

„Wie schön, Alex.“ Er fährt unbeirrt fort: „Ich klopfe jetzt an die Wohnwagen!“ Er ist sichtlich zu allem entschlossen.

 

Wir gehen zurück zum ersten Gespann und klopfen sachte an die erste, schmale und zerbrechlich wir­kende Türe eines der alten Vogelnester.

 

Nichts.

Keine Reaktion.

Noch einmal.

Wieder nichts.

 

„Vielleicht sind sie ja alle irgendwo unterwegs?“, meint Hugo zweifelnd.

„Wo denn, bitte? Ohne ihre Fahrzeuge! Etwa mit Fahrrädern?“

„Ja, das könnte schon möglich sein. Genau. Sie haben sicherlich alle zusammen eine Fahrradtour unternommen!“ Hugo grinst, weil er anscheinend die Lösung des etwas mysteriösen Falles gefunden hat.

„Gut kombiniert, Sherlock!“

„Hast du etwa eine andere Lösung auf Lager?“

„Nein. Ich passe.“

 

Wir marschieren, anscheinend völlig unbeteiligt, weiter und Hugo klopft, offensichtlich seine eige­ne These anzweifelnd, an das nächste Nest.

 

Keine Reaktion.

Absolute Stille.

Die perfekte Ruhe.

 

Wir klopfen nun der Reihe nach an alle zwölf Wohnwagen und wundern uns nicht nur über die gähnende Leere des Campingplatzes. Nein! Diese Autos hier haben keine Luft mehr in den Reifen, ebenso die Anhänger. Außerdem sind sie allesamt völlig verschmutzt. Ja, genau. Sie sind verdreckt! Ich schaue der Reihe nach auf die Nummernschil­der und lese folgende Städtenamen: Augsburg, Kempten, Ulm, Garmisch-Partenkirchen, Memmin­gen und München.

 

„Eine Münchner Familie ist auch hier, Hugo!“

„Meinst du?“

 

Aber jetzt, ja, gerade jetzt, bei dem letzten Schildchen, fällt mir plötzlich auf, dass dieses Nummernschild seit 1968 keinen TÜV-Stempel mehr hat. Ich laufe zurück und muss bei jedem Auto dasselbe feststellen. Ganz zu schweigen von ASU oder AU. Diese alten Fahrzeuge besitzen auf den vorderen Nummernschildern überhaupt keine Prüfplaketten!

 

„Hugo, diese Fahrzeuge stehen seit 1968 hier.“

„Denkst du?“

„Denkst du, denkst du! Ich weiß es! Sie wurden seit Jahrzehnten nicht bewegt!“

„Sei doch nicht so ungeduldig! Dann stehen sie eben seit damals hier!“, ist seine stoische Ant­wort.

 

Ich könnte ihn erwürgen! Hugo kann wohl gar nichts aus der Ruhe bringen!

 

Er betrachtet die Autos und Hängerchen genauer und erklärt mir dann: „Sieht wie eingetrockneter Schlamm aus, Alex.“

„Ich nehme an, dass sie ihre Wagen komplett so stehen ließen, also all die Jahrzehnte über, und dann mit anderen, neueren Fahrzeugen hierhergekommen sind, wenn sie Urlaub machen wollten. Die Vogelnester verwenden sie lediglich als Schlafstellen. Genau so wird es sein.“

„Sie sparen sich dadurch teure Wohnwagen!“

„Stimmt.“

„Ja“, meint er gähnend, „sicherlich hatte der See irgendwann Hochwasser und die Gespanne wurden unterspült und dementsprechend verdreckt.“

 

So, jetzt haben wir endlich unsere logischen Er­klärungen. Wir sind zwei Typen, die alles genau durchleuchten müssen.

 

Alles!

 

Aber wieso sollte hier Hochwasser gewesen sein? Vielleicht durch eine starke Schneeschmelze?

 

„Dann sind wir also, gewissermaßen, die einzigen Campinggäste hier!“, knurre ich.

„Wieso? Du wolltest doch deine selige Ruhe haben, oder etwa nicht?“

„Dass du immer so penetrant recht haben musst, Hugo. Es ist ganz furchtbar mit dir!“

„Recht, recht“, äfft er mich nach.

„Ja, rechthaberisch bist du! Darum bleibt dir ja auch keine Frau!“

„Gott sei Dank! Das würde mir ja gerade noch feh­len! Eine feste Beziehung! Dass ich nicht lache!“

 

Wir albern laut über den vereinsamten Camping­platz und werfen uns eine Gemeinheit nach der anderen an den Kopf. Aber Keiner meint es natür­lich ernst. Diese Albereien gehören zu unserem Leben. Zu unserer guten Freundschaft. Und wir versuchen es am letzten Nest noch einmal. Ich klopfe kräftig:

 

„Hallo! Ist da jemand?“

 

Vollkommene Ruhe.

Genau wie zuvor.

Jetzt ist es genug.

 

„Komm, lass uns das Vorzelt aufbauen, Alex!“

„Eine gute Idee. Möchtest du ein Bierchen?“

„Eins? Zwei oder drei möchte ich!“

 

Wir setzen uns auf das rechte Trittbrett des DAF (Er steht jetzt mit der Schnauze Richtung Vogel­nester) und trinken zuerst einmal ein frisches, schäumendes Dosen-Bier. Danach bauen wir, kurz entschlossen, unser kleines, blaues Eingangszelt auf und trinken hinterher, auf unseren wackeligen Stühlchen am noch wackligeren Tischchen sitzend, zwei weitere Dosenbiere. Diese munden uns sehr, und so kommt es, dass wir unsere üblichen Erkun­dungsbegehun-gen auf den morgigen Tag verschie­ben. Dies entspricht zwar nicht unseren sonstigen Gewohnheiten, aber das Bier ist stärker.

 

„Ich kann dir sagen: Ich bin so richtig faul, Alex.“

„Ich auch.“

 

Wir richten uns ein, packen so manches aus, wie z. B. Luftmatratzen, den Grill, Klamotten und Schuhe. Wir kennen natürlich jeden erforderlichen Handgriff. Etwas später widmen wir uns unserem heißgeliebten Schachspiel. Man kann mit Recht behaupten, dass wir zwei ganz hervorragende Spieler sind und abgesehen davon, zum Glück, gleichwertig. Einmal gewinnt er, und das andere Mal wieder ich. Jedoch die meisten Partien gehen auf ein Remis hinaus. Dies ist genau in unserem Sinn.

 

In unserem DAF befindet sich neben der normalen, üblichen Ausstattung auch ein kleiner Farbfernse­her. Wir hauen uns etwas später auf die beiden altmodischen Matratzen und glotzen in die Röhre. Dazu dampfen wir unsere Zigaretten bzw. Rillos, dass es nur so staubt, und trinken das ein oder andere Bierchen.

 

Da wir - es ist schon nach acht Uhr - zu faul sind, so spät noch etwas zu kochen, machen wir uns nur ein paar Wurstbrote. Ratz - Fatz - fertig. Geschirr brauchen wir auch keines.

 

Als ich um kurz nach zehn Uhr einschlafe, bilde ich mir ein, von draußen leise Geräusche zu ver­nehmen. Hugo schläft schon seit einer halben Stunde, und ich will ihn deswegen nicht wecken.

 

Platsch, platsch.

 

Es hört sich so an, als ob sich ein Tier im Wasser bewegen würde. Vielleicht ein Otter? Was inter­essieren mich fremde Tiere? Im Übrigen bin ich jetzt viel zu müde, um noch einmal aufzustehen. Ich schlafe ein.

 

Um kurz nach Mitternacht wache ich schon wieder auf, da ich ganz dringend zur Toilette muss. Ich wälze mich vorsichtig um den tief schlafenden Hugo herum, steige halb über ihn hinweg, und öff­ne leise unsere leicht knarrende Türe.

 

„Verdammt!“, sage ich mir, „ich hätte sie zu Hause noch ölen sollen! Aber dies werde ich gleich mor­gen Früh nachholen.“

 

Ich kenne Hugo zur Genüge! Er kann ja dermaßen ekelhaft werden, wenn man ihn aufweckt, dass man es kaum beschreiben kann.

 

Ich laufe vorsichtig zwei Schritte durch unser Vor­zelt hindurch. Ich öffne vorsichtig den Reißver­schluss und schleiche um unseren Wagen herum.

 

Da! Was sehe ich denn da?

 

Da brennt doch in zwei Gespannen, also in den jeweiligen Vogelnestern, gedämpftes Licht! Wie kann das sein? Kamen diese Leute etwa erst vor­hin? Aber wir hatten keinerlei Motoren gehört! Ich tigere vorsichtig an die beiden Anhänger, die di­rekt nebeneinander stehen heran und versuche, in das Innere der Wagen zu schauen. Jedoch ohne Erfolg. Diese Leute haben kleine, mit Blumen ver­zierte, aber undurchsichtige Vorhänge an ihren Wagen!

 

Verflixt noch mal!

 

Ich schaue angestrengt, ob ich noch irgendwelche, andere Fahrzeuge neuen Baujahres, außer den bereits erwähnten alten Karren, sehen kann, je­doch Fehlanzeige! Hier sind keine Autos, Motorrä­der oder Ähnliches, mit denen diese Leute gekom­men sein könnten!

 

xxx

 

Ich tapse langsam um die Wagen herum und be­gebe mich Richtung Wald. Da es hier leider keine Toiletten gibt, ist wildes Pinkeln angesagt. Tief drinnen, zwischen dunklen und mächtigen Bäumen, verrichte ich insgeheim meine Notdurft und frage mich, wie diese Menschen wohl hierhergekommen sind. Sie müssen also zu Fuß gekommen sein, sin­niere ich. Das ist aber schon mehr als seltsam! Jedoch: Vielleicht handelt es sich ja um Leute, die hier in der Nähe wohnen? Menschen, die hier ihre Häuser und Wohnungen haben? Ja, das könnte schon möglich sein. Muss es aber nicht. Den Auto­schildern nach zu urteilen, kann es aber nicht sein. Aber welche andere Möglichkeit gibt es sonst noch? Kruzifix noch mal, wenn ich nur nicht so furchtbar neugierig wäre! Ich frage mich ernst­haft, ob ich überhaupt noch einschlafen kann, so­lange ich keine absolute Gewissheit habe. Hugo hatte kürzlich recht, als er behauptete, dass ich, anstatt Taxifahrer, besser Detektiv hätte werden sollen! Damit hatte er auf meinen Wissensdurst angespielt. Na ja, Kollegen dürfen sich solche Äu­ßerungen schon erlauben! Aber nur ausnahmswei­se!

 

Ich gehe langsam und vorsichtig den gleichen Weg wieder zurück und lausche an einer der beiden Türen der Wohnwagen. Absolute Stille. Kein Radio. Kein Fernseher. Keine Unterhaltung.

 

Das kleine Fenster eines Anhängers ist leicht ge­kippt. Direkt davor steht ein verrosteter, alter VW Käfer - ich schätze Baujahr 1965 oder 1966. Was mache ich jetzt, geht es mir durch den Kopf, wenn plötzlich jemand aus dem Anhänger herausspringt? Mich sozusagen in flagranti beim Lauschen er­tappt? Ja, dann bin ich aber schön aufgeschmis­sen! Was könnte ich dann wohl für eine Ausrede gebrauchen? Etwa, dass ich mich verlaufen habe? Oder dass ich hier eine Münze verloren habe? Ge­nau hier, unter diesem winzigen Fensterchen? Nein, es wird wohl besser sein, so sage ich mir, wenn ich mich jetzt gleich von hier schleunigst verziehe! Denn sicher ist sicher! Spätestens mor­gen werden wir ja sehen, wer hier so plötzlich und auch überraschend wohnt! Ich werde, wenn Hugo und ich frühstücken, so tun, als ob mir von diesen Zuwanderungen überhaupt nichts bekannt wäre! Ja, genauso werde ich das machen.

 

Ich drehe mich langsam und vorsichtig um und werfe einen kurzen Blick auf den still liegenden See hinaus. Täusche ich mich, oder liegt dort nicht ein nahezu nicht sichtbarer, roter Schimmer über dem Wasser?

 

Unsinn.

Das ist nur eine meiner Sinnestäuschungen!

Sonst nichts.

 

Wie kann ein so abseits und tief liegender See trotz Vollmondes so rot leuchten? Wahrscheinlich vertrage ich kein Bier mehr. Genau. Ja! Das ist es. Oder habe ich etwas an den Augen? Jedoch tief in meinem Inneren weiß ich, dass diese Ausreden völliger Blödsinn sind. Von diesen paar Bierchen, die ich verkonsumiere, kann man gar keine Hallu­zinationen bekommen!

 

Also, was ist es?

 

Verdammt noch mal!

Wenn ich das nur wüsste!

 

Ich schleiche mich wie ein Indianer zum See hin­unter und stelle mich, auf alles gefasst, direkt ans Ufer. Der rötliche Schimmer bleibt.

 

Ist es ein roter Nebel?

 

Ich kann es unmöglich Hugo erzählen. Er würde mich sicherlich nur auslachen. Dieser Affe.

 

Also: Schwamm drüber!

 

Ich gehe zurück. Da ich nun innerlich etwas beru­higt bin, gelingt es mir auch ohne größere Proble­me, wieder einzuschlafen. Die arme Seele hat ihre Ruhe. Die „Neuen“ machen sich um uns si­cherlich nicht so viele Gedanken, wie ich es umge­kehrt tue! Ist mein letzter Gedanke, bevor ich ins Reich der Träume zurückkehre...

 

 

 

KARFREITAG

 

 

 

Ein neuer Tag erwacht. Die Sonne lacht. Es wird sicherlich ein herrlicher Tag, ja, ein beschaulicher Tag. Wir haben bereits um kurz vor acht Uhr zwanzig Grad im Schatten. Dies zeigt jedenfalls das Thermometer an, das an der hinteren Innentü­re unseres Vehikels hängt.

 

Schon als ich aufstehe, gelüstet es mich nach frisch gebratenem Fleisch. Dieses Phänomen tritt bei mir natürlich nur am Karfreitag auf.

 

Hugo ist schon angezogen, d.h. er hat sich wie üblich in seinen völlig zerknautschten Trainingsanzug aus dem Jahre 1980 geworfen. Sexy sieht er darin heute wieder aus, finde ich, und muss natürlich innerlich laut lachen. In die­sem Aufzug wirst du mit Bestimmtheit keine All­gäuer Braut aufreißen, du verkappter Möchtegern!

 

Ich habe im Gegensatz zu ihm meinen neuesten, gelb-blauen Jogginganzug angezogen. Dazu kaufte ich mir kürzlich Turnschuhe von Reebok. Versteht sich. Optik heißt das Zauberwort!

 

Wir brutzeln uns zum Frühstück eine Pfanne voll mit Spiegeleiern. Dazu gibt es eingelegte Knob­lauchze-hen und frisches Bauernbrot. Wir haben sogar tief gefrorenes Brot in unserem kleinen Kühlschrank aufbewahrt, der natürlich brechend voll mit guten Lebensmitteln ist. Außerdem besit­zen wir noch zusätzlich fünf Kühltaschen, in denen wir unsere Getränke aufbewahren.

 

Ich frage ihn: „Wie hast du heute Nacht geschlafen?“

„Ich?“

„Ja, ist denn sonst noch jemand hier?“

„Ich habe gut geschlafen.“

 

Er wirkt zerstreut, der Bursche. Ich wüsste ja all­zu gerne, was gerade wieder in seinem Kopf vor sich geht.

 

„Sag mal, Hugo, träumst du noch, oder was ist los?“

 

Ich schiebe mir ein herrliches Stück gebra­tenes Ei in den Mund, dazu zwei kleine Zehen, und lege ein Stück Brot hinterher.

 

Kauend erwidert er: „Ich mache mir um diesen Platz hier etwas Gedanken. Er kommt mir wie ein Autofriedhof am See vor.“

„Weißt du schon das Neueste?“

„Was denn? Bist du schwanger?“

„Idiot. Wir haben tatsächlich Zuwachs bekommen!“

„Wen? Wann? Wo?“ Sein neugieriger Blick ver­sucht, den Zeltstoff zu durchdringen.

„Ich war heute Nacht beim Pinkeln draußen, und habe dabei gesehen, dass in zwei der zwölf Ge­fährte Licht brannte.“

„Ehrlich?“

„Ja.“

„Ich war auch draußen, aber ich sah nichts.“

 

Er steht auf und wirft einen neugierigen Blick nach draußen. Dann, nach etwa zehn Sekunden, dreht er sich wieder um und setzt sich auf den kleinen, angeknacksten Campingstuhl. Dieser quietscht gequält auf.

 

„Und? Hast du jemanden gesehen?“

„Keine Seele! Hast du dich letzte Nacht nicht doch getäuscht?“

„Ich war doch nicht besoffen, Mann! Was denkst du denn von mir?“

„Willst du noch eine Tasse Kaffee, Alex?“

„Ja, schenk mir noch eine ein!“

Er gießt mir die Tasse randvoll und sagt: „Könn­test du heute die Türe ölen?“

„Mach ich, Hugo.“

 

Er ist also doch wach geworden! Normalerweise würde er mir jetzt sicherlich vorwerfen, dass ich ihn geweckt hatte, aber sicherlich will er unseren Kurzurlaub nicht verderben. Sehr nett von ihm. Hugo und ich verstehen uns von Grund auf her­vorragend. Es hatte in den letzten zwanzig Jahren noch nie auch nur den geringsten Grund gegeben, uns zu entzweien. Gut, wir haben nicht immer die gleichen Ansichten und diskutieren auch des Öfte­ren über dies und jenes, aber im Endeffekt kom­men wir immer zu einer akzeptablen Einigung. Sogar bei den Frauen sind wir uns einig: Er steht auf blond und ich auf Rot- und Schwarzhaarige.

 

Etwas später, als wir uns vor unserem DAF-Ge­fährt ein wenig dehnen und recken, hören wir ein lei­ses Motorengeräusch. Die Türe habe ich selbstver­ständlich umgehend geölt.

 

„Noch dazu mit Wohnwagen!“ Ich konzentriere mich auf die Autonummer des Fahrzeugs, kann sie jedoch ohne meine Brille leider noch nicht erken­nen.

„HB!“

„Was - HB?“ Frage ich begriffsstutzig.

„Hansestadt Bremen!“

„Ja, dort kommen sie, die ersten Preußen!“

 

Der über elf Meter lange 100.000-Euro-Zug fährt locker und zugleich majestätisch an uns Beiden im Schritttempo vorbei und eine Frau mit wunder­schönen, grünen Augen, die sich auf dem Beifah­rersitz befindet, winkt uns freundlichst zu. Dann ertönt das Bellen eines Hundes.

 

„Schluss mit der Ruhe, Alex!“

„Mal sehen, ob sie hier bleiben, Hugo!“

 

Lady Rothaar höchstpersönlich steigt auf der Bei­fahrerseite aus. Dabei rutscht ihr etwas weites, blumiges Kleid fast ganz nach oben und wir be­kommen einen wunderbaren Einblick auf ihre weißen Schenkel. Hugo erstarrt. Ich auch. Nun schält sich der Ehemann der Dame, nachdem er seinen ewig langen Zug absolut professionell in einem Abstand von knapp drei Metern an unseren DAF heran geparkt hat, aus seinem grünmetallic farbigen AUDI A6. Ein Hund (es dürfte ein Mischling sein) springt indessen fröhlich vom Rücksitz aus dem teuren Wagen und rennt direkt auf uns zu. Mit wütendem Gebell begrüßt er uns und leckt Hugos Hand. Die­ser zieht sie sofort zurück, denn er fürchtet kläf­fende Hunde.

 

„Hallo! Wir grüßen Sie!“, ruft der Mann, der inzwi­schen auch ausgestiegen ist. Er ist sicherlich zwei Meter groß, hat dunkle Haare und einen überdi­mensionalen Schnurrbart.

„Seien Sie gegrüßt!“, antworte ich.

Die Dame haucht: „Campen Sie auch hier?“

 

Ihr Augenaufschlag ist geradezu perfekt. Einfach einmalig. Filmreif, würde ich sagen! Mein Herz klopft. Laut und deutlich. Sie gefällt mir auf An­hieb.

 

„Ja, aber erst seit gestern.“

„Schön, dass wir hierher gefunden haben!“, wirft ihr Ehemann ein.

„Ja, wir übernachteten letzte Nacht auf einem Parkplatz, weil wir nichts Entsprechendes finden konnten. Heute, früh am Morgen, fuhren wir los und suchten weiter. Unser Campingführer ist näm­lich total veraltet!“, erklärt sie uns.

„Na, dann setzen Sie sich doch mal gleich zu uns. Ich heiße Alex, und das ist Hugo!“

„Ich bin Therese Müller, und das ist mein Mann Günter. Wir freuen uns!“

„Wir freuen uns auch!“, betone ich und betrachte sie innig.

 

Sie setzen sich zu uns, nachdem Hugo blitzschnell zwei weitere Campingstühle aus unserem schier unergründlichen Wagen geholt hat, und der Hund bekommt von mir die restlichen Spiegeleier, die noch in der Pfanne klebten. Auch stelle ich ihm ein kleines Schälchen mit frischem Wasser hin.

 

Sie lächelt uns an und sagt: „Unser Hund heißt Schatz. Sie ist eine Dame!“

„Schatz? Ein lustiger Name für einen Hund!“, grinst Hugo.

„Ja, Hugo. Wir wollten eigentlich vor einer Vier­tel-stunde, als wir hier entlang fuhren, dieses mickrige Schildchen mit der Aufschrift CAMPING­PLATZ vorbeifahren, aber Günter meinte, dass es uns hier sicherlich gut gefallen würde.“

„Eine hervorragende Entscheidung, Günter!“ Ich grinse ihn an.

 

Wenn ich in diesem Augenblick geahnt hätte, was wir hier noch so alles erleben würden, hätte ich mir diesen letzten, alles entscheidenden Satz si­cherlich erspart...

 

„Wenn wir schon früher gewusst hätten, dass es diesen kleinen Platz gibt, dann wären wir schon vor Jahren hierher gefahren, was, Schnecki?“

 

Er klopft seiner Frau Gemahlin leicht auf die ihm dargebotene, entblößte Schulter. Hugo und ich schauen uns unauffällig an und denken dasselbe: Schnecki! Was für ein lächerlicher Kosename.

 

Ich erzähle den beiden Neuankömmlingen die ak­tuellsten Dinge: Dass gestern noch niemand hier war, außer uns, und dass dann letzte Nacht in zwei Wagen Licht gebrannt hatte.

 

„Ja, und wo sind diese Leute denn jetzt?“, will Schnecki von uns wissen.

„Fragt uns bitte etwas Leichteres! Also, wir haben bisher noch keine Seele gesehen, außer euch Bei­de!“, ergänze ich höflich.

„Wahrscheinlich schlafen sie noch“, meint Hugo und zündet sich in Folge seine fünfte Zigarette an.

 

Schatz verfolgt indessen hoch interessiert die kleinen Rauchschwaden. Sie liegt direkt zwischen Thereses rechtem Bein (sie sitzt recht nahe links neben mir) und meinem linken Bein und wedelt mit dem Schwanz.

 

„Nun, dann freuen wir uns auf ein paar ruhige, gemeinsame Tage, nicht wahr?“

 

Sie wirkt sehr kokett, finde ich, aber Günter ist an ihre Art offensichtlich gewöhnt. Nun gut. Sie ist in der Tat eine sehr gepflegte, gut gebaute und außerdem äußerst sexy wirkende Lady. Ja, das trifft so wohl zu. Wie alt wird sie wohl sein? Fünf­undvierzig? Ja, das könnte hinkommen. Rein rech­nerisch könnte sie fast meine Mutter sein. Aber nur rein rechnerisch.

 

Grünauge.

 

Ich mache mir trotz Hugos Erklärung, dass die Leute noch schlafen, meine persönlichen Gedan­ken. Im offenen Vorzelt sitzend, überdenke ich die neueste Lage: Normal ist es ja nicht gerade, dass man beim Camping um elf Uhr noch schläft! Wann stehen die Leute denn endlich auf, um sich bei uns vor­zu-stellen? Oder sollen wir uns bei ihnen vorstel­len? Lassen wir es einmal dahingestellt. Hauptsa­che ist doch, dass sie endlich aus ihren Vogelnes­tern herauskommen, diese Schlafmützen!

 

Kurz zuvor unterhielt ich mich noch mit unseren neuen Freunden, während Hugo den Abwasch erle­digte. Sie waren genauso perplex wie wir, hier nur diese uralten Autos mit Vogelnestern vorzufinden. Wir sprachen alle Möglichkeiten durch, die erklär­ten, warum all diese seltsamen Gespanne wohl verlassen sind, jedoch kamen wir leider zu keiner vernünftigen Erklärung. Auch auf die ominöse Fra­ge des so unerklärlich warmen Wassers aus den völlig verkalkten Duschhähnen fanden wir keine Antwort.

 

Leider.

 

Aber dies wird sich ja schon sehr bald klären! Spätestens dann, wenn die ersten Vogelnest-Be­wohner ihr Betten verlassen werden!

 

Ich zünde mir eine meiner Sticks an und paffe durch die Gegend. Was sehe ich denn da? Therese schleicht - sie hat sich umgezogen und trägt nun einen phantastischen Bikini - zu mir ins Vorzelt und setzt sich unaufgefordert neben mich.

 

„Hast du ein Bierchen für mich, Alex?“

„Kalt oder warm?“

„Eiskalt, bitte.“

 

Sie schlägt ihre formvollendeten Beine gekonnt übereinander. Da könnte sich so manches junge Fotomodell aber eine Scheibe abschneiden, über­lege ich. Ich kann den Blick auch kaum von ihren wunderschönen Brüsten nehmen und dann merke ich, dass sie es merkt. Aber das - ja, genau das - ist sie sicherlich seit Jahrzehnten gewöhnt. Ich spüre sehr deutlich, wie sie es genießt.

 

Was für ein Bombenweib!

 

„Danke!“, haucht sie und wir stoßen an.

„Auf den wunderschönen Seealpsee, Therese.“

„Ja, Alex.“ Sie schaut mich dabei an, als ob wir uns schon Jahre kennen würden.

 

Halleluja, aber auch! Eigentlich wollte ich ja end­lich einmal fünf Tage ausspannen, und was pas­siert? Theresa erscheint - mir! Warum macht sie sich denn nicht an Hugo heran? Gut, er ist einen Kopf kleiner als ich, jedoch sieht er sehr gut aus, finde ich.

 

„Wo ist denn Hugo?“, fragt sie mich mit schmach­tender Stimme.

„Er schläft noch eine kleine Runde, soviel ich ge­sehen habe, Therese.“

„Schlaf macht schön.“, ist ihre Antwort.

„Dann musst du aber schon sehr viel geschlafen haben!“

 

Irgendwann komme ich auf die blendende Idee, an den beiden Vogelnestern, in denen letzte Nacht Licht zu sehen war, anzuklopfen. Therese ist von diesem Einfall hellauf begeistert und folgt mir. Ich frage mich währenddessen, wo denn Günter mit dem Hund ist.

 

„Sie gehen Gassi!“

 

Kann sie Gedanken lesen? Sie schaut mich völlig überrascht an und fährt fort: „Ich hatte soeben das Gefühl, als ob du an Günter gedacht hättest. Also, wo er im Augenblick sein könnte.“

Ich gehe nicht darauf ein und antworte: „Geht er etwa um den See herum?“

„Aber sicher. Günter ist der neugierigste Mensch, den ich überhaupt kenne, musst du wissen, Alex.“

„Somit könnte er mein Bruder sein.“, lache ich.

 

Wir klopfen am ersten Nest.

Poch! Poch!

 

Innerhalb von dem Bruchteil einer Sekunde öffnet jemand die Türe, und dann steht sie auch schon vor uns. Es ist eine Frau um die Fünfzig, sehr schlank, etwas fahl im Gesicht, unordentliches, dunkles Haar und starke Augenringe. Therese und ich schrecken ungewollt etwas zurück. Mein Gott! Haben die Herrschaften vielleicht die Nacht durch­gemacht?

 

„Entschuldigen Sie mein Aussehen. Erstens haben wir noch geschlafen, und zweitens bin ich krank.“

„Sie und Ihr Mann haben noch geschlafen? Bitte verzeihen Sie unsere Aufdringlichkeit!“, antworte ich.

 

Therese steht schweigend neben mir und macht sich von dieser merkwürdigen Person sicherlich erst einmal ihr ganz persönliches Bild.

 

„Gestatten: Ich bin der Alex. Das ist meine Nach­barin Therese.“

„Ist sie nicht Ihre Frau?“

Ihre Augen sind sehr trübe, finde ich. Ja, ver­schlafen sieht sie noch aus!

„Nein. Noch nicht.“, scherze ich.

Therese erwacht aus ihrer steifen Haltung und lacht fröhlich: „Wir kennen uns erst einen einzi­gen Tag!“

„Ich bin die Gertrud!“ Sie hält mir ihre Hand zag­haft entgegen.

 

Ich ergreife ihr zartes Händchen und ein Schauer jagt über meinen Rücken. Diese Hand ist nicht nur kalt, nein, sie ist auch glitschig! Leicht nass, könnte man getrost behaupten! Wahrscheinlich hat sie gerade Geschirr gespült, bevor wir hierher kamen! Auch Therese ergreift diese kühle, ja, völ­lig untertemperierte Hand und ich sehe, wie sie zusammenzuckt. Sie will es sich natürlich nicht anmerken lassen, jedoch ist ihre kurze, heftige Reaktion eindeutig zu offensichtlich.

 

„Verzeiht mir bitte. Ich sagte euch ja schon vor­her, dass ich krank war.“

„Aber du sagtest doch vorhin, dass du krank bist? Oder habe ich mich da verhört?“ Ich setze einen meiner unschuldigsten Blicke auf.

„Nun ja. Ich war krank, wurde gesund, und jetzt bin ich wieder krank.“

 

Ihre Ausreden sind ja geradezu perfekt!

 

„Ach, so ist das!“, rufen wir zugleich. Befreites Gelächter folgt. Wir lassen uns natürlich nichts anmerken.

„Aber bitte. Du musst dich doch nicht dafür zu entschuldigen, Gertrud! Brauchst du irgendwelche Medikamente? Können wir dir vielleicht helfen?" Therese zeigt ihre mütterliche Seite.

„Nein, danke. Das ist sehr nett von euch. Aber ich brauche keine Medikamente.“

„Wieso nicht?“, bohrt sie weiter.

„Wir brauchen prinzipiell keine Medikamente.“

 

Sie sagte: Wir! Wer sprach denn von Plural? Wir jedenfalls nicht. Also gut. Sie alle brauchen prin­zipiell keine Medikamente. Also sind sie nie krank.

 

Oder was sonst?

 

„Nun gut, falls doch, müsstest du es nur sagen. Wir haben nämlich eine solch umfangreiche Apo­theke dabei, die so manchem Hausarzt Konkurrenz machen würde.“

„Ich komme auf dein Angebot zurück, Therese. Aber im Augenblick benötige ich, wie gesagt, nichts.“

 

Wir drehen uns um und gehen.

 

Diese Frau ist verschlagen. Sie dreht und wendet sich, wie es ihr gefällt. Nun gut. Therese und ich geben uns (offiziell) geschlagen. Denn gesund ist diese Frau nicht, so wie sie aussieht! Leidet sie vielleicht unter Blutarmut, oder was in Gottes Namen fehlt ihr? Sie wirkt so wahnsinnig blass und schlaff. Auch irgendwie verlebt. Sicherlich arbeitet sie als Bedienung in einer Nachtbar, überlege ich. Ich bin ja gespannt, wie ihr Mann aussieht! Ich habe das unbestimmbare Gefühl, als ob er auch so ähnlich auf uns wirken wird, wenn wir ihn endlich sehen werden. Mit Sicherheit ist er ein Nachtbarbesitzer.

 

In der Zwischenzeit kommt Günter mit Schatz von seinem Seerundgang zurück. Die Hündin ist selt­samerweise an der Leine, und sie zittert wie Espenlaub. Auch Günter sieht nicht besonders fröhlich aus. Die beiden stoßen auf uns, als wir gerade vor ihrem luxuriösen Wohnanhänger sitzen und Kaffee trinken. Therese hat mich eingeladen, und ich habe dieses freundliche Angebot natürlich gerne angenommen.

 

Günter wirkt auf mich etwas zerstreut, als er sich zu uns setzt. Ja, und Schatz liegt dermaßen brav und hingebungsvoll zu Thereses Füßen, dass es geradezu auffällt. Sie knurrt nicht, sie bellt nicht, und verhält sich im Augenblick gar nicht wie ein gesunder und aufgedrehter Hund.

 

Wie gesagt: Sie zittert.

Ihre dunklen Augen flattern.

 

Was soll das wohl bedeuten, frage ich mich. Gut, die verdächtige Verhaltensweise des Köters kann reiner Zufall sein, vielleicht auch eine sogenannte Hundelaune, aber diese plötzlichen, fahrigen Be­wegungen von Günter lassen mich doch etwas überlegen. Mag er es vielleicht nicht, dass ich hier mit seiner Frau sitze und Kaffee trinke? Oder was ist hier los? Soll er es doch sagen, der alte Knabe!

 

Gerade, als ich aufstehen und mich unauffällig davonmachen will, sagt Günter mit etwas monoto­ner Stimme:

 

„Bleib ruhig sitzen, Alex. Fühle dich hier wie zu Hause.“ Er atmet tief durch.

„Was ist mit dir los, Günter?“, fragt Therese ihn und schaut dabei sorgenvoll in sein Gesicht.

„Ach, wisst ihr, ich ging doch vorhin mit Schatz um den gesamten See herum. Dann warf ich ein Stück Holz, das ich direkt am Ufer gefunden hatte, ins Wasser, damit sie es wieder holen sollte. Schatz sprang mit einem Riesensatz in die Fluten und als sie gerade den Stock, der etwa zehn Meter vom Ufer entfernt im Wasser lag, mit ihren Zähnen packte, jaulte sie laut auf und paddelte wie ver­rückt Richtung Ufer. Den Stock ließ sie im Wasser zurück, und dann rannte sie wie von Furien gejagt in die Büsche, die etwa fünfzehn Meter hinter mir lagen. Ich rief nach ihr, aber sie versteckte sich in diesen dichten, undurchdringlichen Gebüschen. Dabei jaulte sie, als ob sie verletzt wäre. Ich lief zu ihr hin und holte sie mühevoll aus dem Strauch heraus. Sie ließ sich wie ein Baby tragen, was sie ja normalerweise nicht tut, und zitterte am gan­zen Körper. Danach ging ich wieder ganz langsam Richtung See und Schatz führte sich auf wie ver­rückt. Sie sträubte sich, und ich musste sie ge­zwungenermaßen von meinen Armen herunterlas­sen. Etwa zehn Meter vom Wasser entfernt blieb sie im Sand liegen und rührte sich nicht mehr. Doch sie knurrte Richtung See. Ich ging zum Was­ser und fasste hinein. Einfach so.“

Er schnauft tief durch und Therese fragt ihn voller Ungeduld: „Ja, und dann?“

„Der See hatte eine Temperatur von 35-40 C.“

„Wie bitte?“, frage ich überrascht.

„Ja, du hast schon richtig gehört, Alex. 40 C. In etwa.“

„Aber wir haben doch nur eine Lufttemperatur von knapp 20 C!“, wirft Therese ein.

„Ich kann mir das auch nicht erklären, Leute. So etwas Seltsames habe ich ja noch nie erlebt.“ Günter ist sichtlich durcheinander.

„Ich habe es! Dort unten ist eine heiße Quelle!“, triumphierend schaue ich die Beiden an.

 

Währenddessen gesellt sich nun auch Hugo zu uns. Er setzt sich, nachdem man ihm einen Platz ange­boten hat, und trinkt einen kurzen Schluck aus seiner frischen, bunten Kaffeetasse, die ihm The­rese gereicht hat.

 

„Was ist denn hier los?“, will er wissen.

 

Günter erzählt ihm die etwas makabere Geschich­te, so wie sie sich zugetragen hatte. Er sagt auch, was ich vermute. Hugo verzieht keine Miene:

 

„Ich denke, dass Alex recht hat. Denn eine andere Erklärung gibt es ja wohl nicht!“

„Du meinst auch, dass unter dem See eine heiße Quelle ist? Aber ich sage euch: Wenn dem wirklich so wäre, dann wäre dieser Seealpsee eine europa­weite Attraktion! Es wären jetzt nicht nur diese zwölf seltsamen Dauercamper-Pärchen und wir hier, sondern es stünde hier ein Exklusiv-Hotel mit allem Drum und Dran!“

„Leuchtet mir ein, Günter. Ich stimme dir zu. Das würden sich die Allgäuer Geschäftsleute nicht ent­gehen lassen! Denn wo gibt es schon einen See, noch dazu mit diesem unglaublichen Panorama, der im April 40 C hat?“

„Die Gäste würden sich hier nur so tummeln!“, wirft Hugo ein und grinst zweideutig.

„Also, was kann es dann sonst sein?“ Ich werfe einen kurzen Blick in die kleine Runde.

 

Keiner kennt eine vernünftige Antwort.

Keiner.

Wie auch?

 

Aber was am seltsamsten ist, ist Schatzs unge­wöhnliche Verhaltensweise. Sie hatte eine riesige Angst, als sie in dem warmen See so dahin paddel­te. Sie war höchstens eine halbe Minute im Was­ser, aber schon diese kurze Zeitspanne war fast zu viel für sie. Die Frage aller Fragen ist wohl die:

 

Wovor hatte Schatz eine solche furchtbare Angst?

Was brachte sie dazu, in Panik zu geraten?

 

Auch die anderen sind, als ich diese Frage stelle, vollkommen überfragt. Keiner von ihnen kann sich dieses komische Phänomen erklären. Da wir uns jedoch nicht verrückt machen wollen, beschließen wir, uns Gertrud anzuvertrauen. Wir werden sie fragen, ob sie uns erklären kann, was hier wohl gespielt wird...

 

... denn wir sind nach wie vor der Meinung, dass Gertrud mit Ehemann, und all die anderen Camper, mit ihren uralten Autos und Vogelnestern Stamm­camper sind.

 

Unsere Unterhaltung wandelt sich nun etwas, und wir trinken zur Feier des Tages zusammen eine Flasche Burgunderwein. Günter stiftet sie uns und wir stoßen miteinander an:

 

„Auf gute Freund­schaft, Leute!“

 

Günters wohlwollender Blick streift über unsere Köpfe hinweg und bleibt an Gertruds Gestalt hän­gen, die gerade aus ihrem Vogelnest steigt.

 

„Wer ist denn das?“, fragt er leise.

„Das ist Gertrud, Günter.“ Therese strahlt ihn da­bei von der Seite an.

„Die sieht ja wie eine Vogelscheuche aus!“, lacht er und trinkt einen kleinen Schluck aus seinem teuren Weinglas.

„Ja, so sieht sie aus“, bestätige ich.

„Ihr kennt sie schon?“, fragt Hugo mich.

„Ja, wenn du nicht andauernd gepennt hättest, würdest du sie jetzt auch kennen“, gebe ich zu­rück.

„Aber da habe ich wohl nicht viel verpasst, oder?“, fragt er uns mit einem zynischen Unterton.

„Das kann man so nicht beurteilen“, meint Therese mit einem undurchsichtigen Blick.

„Ja, man sollte nicht immer aufs Äußere gehen“, ergänzt Günter und zupft sich an der Nase.

„Das musst gerade du sagen!“, kritisiert Therese ihn.

„Ja, ja...“

 

Gedankenverloren schaut Günter immer noch Rich­tung Gertrud, die gerade ihre alten, schwarzen Schlappen anzieht. Trotz der Entfernung von etwa dreißig Metern kann man doch sehr gut erkennen, wie verschlissen die Schlappen sind. Wenn ich jetzt gerade meine Brille auf meiner neugierigen Nase hätte, würde auch ich es klar und deutlich sehen können.

 

Irgendwie ist die gesamte Situation doch etwas komisch, finde ich. Günters auffällige Wesensver­änderung nach dem kurzen Seerundgang, Schatz= unerklärliche Angst und eben der gesamte, momentane Wirbel, der hier vorherrscht.

 

„Ich habe eine Idee, Leute!“ Sie schauen mich irritiert an.

 

Ich springe auf und gehe zu unserem DAF. Dort suche ich meine schwarz-weiß gestreifte Badehose und ziehe mich kurz um. Drei Minuten später er­scheine ich wieder auf der Bildfläche und Günter frotzelt:

 

„Tarzan würde vor Neid erblassen!“

„Ja, und Jane erst!“, ergänzt Therese.

 

Thereses Blicke irritieren mich etwas. Ich setze mich, zünde mir eine meiner Rillos an und Therese grinst, während ich vor mich hinpaffe: „Du wirst doch nicht etwa...“

„Doch, werde ich. Wenn ich einmal neugierig bin, dann kann mich nichts mehr halten.“

„Sei aber vorsichtig, Alex“, meint Günter mit sor­genvoller Miene. Du weißt, wie Schatz reagiert hat.

„Nimm lieber eine Luftmatratze mit, für alle Fäl­le!“ Hugo ist ebenfalls nervös, wie es scheint.

„Was soll denn schon passieren? Das ist ja gera­dezu lachhaft!“, antworte ich.

 

Ich frage die nette Runde noch, wer mich in das warme Wasser begleiten will, jedoch Keiner hat dazu Lust. Seltsam. Wieso will niemand?

 

„Ihr Feiglinge! Kommt! Zieht euch schnell um! Es gibt doch nichts Schöneres, als einen solch war­men See!“

 

Ich stehe auf, drücke meine Rillo in dem wunder­schönen, quadratischen Glasaschenbecher aus und gehe langsam Richtung See. Es sind höchstens fünf oder sechs Schritte bis dorthin, und aus dem Augenwinkel heraus kann ich sehen, wie Gerlinde erstarrt vor ihrem Vogelnest steht und zu mir he­rüberschaut. Ihr Gesicht ist eine einzige Maske, jedoch bleibt sie stumm.

 

Außerdem starr.

Wie eine Statue steht sie dort!

Als ob sie etwas wüsste, was wir nicht wissen!

 

Unsinn!

Alles nur Einbildung.

 

Diese Frau ist psychisch etwas labil. Ansonsten fehlt ihr sicherlich gar nichts! Ja, so könnte man es wohl nennen.

 

Ich gehe langsam und vorsichtig in den wunder­schönen See hinein, und das herrlich warme Was­ser umspült meine Beine. Wie in einer Badewanne, fährt es mir durch den Sinn. Einfach herrlich! Der Boden ist zwar hart, jedoch spüre ich keinerlei Gegenstände wie Flaschen, Dosen oder ähnliches. Dieser See ist richtig jungfräulich, durchfährt es mich. Bei uns zu Hause findet man so etwas si­cherlich nicht!

 

Nun bin ich mit dem gesamten Körper im Wasser. Es ging komischerweise doch recht steil hinein, was für einen solchen, natürlichen See eigentlich recht ungewöhnlich ist. Ich mache die ersten Schwimmzüge und stecke innerlich voller Erwar­tung.

 

Jedoch nichts geschieht.

 

Ich schwimme weiter. Verdammt, sage ich mir, was soll auch schon geschehen? Dieser Hund hat eine Macke weg! Aber eine ganz gehörige! Viel­leicht wollte er nur auf sich aufmerksam machen? Sich interessant machen? Jedoch: Macht ein Hund so etwas überhaupt? Ich überlege und überlege, als ich vom Ufer her die Rufe meiner Freunde hö­re:

 

„Schwimm nicht so weit hinaus!“

 

Thereses Stimme klingt schrill. Sie ist sehr aufge­regt, durchfährt es mich. Offenbar liegt ihr an mir etwas! Unsinn. Das bilde ich mir natürlich nur ein. Warum sollte ihr an mir etwas liegen? Wir kennen uns ja noch gar nicht!

 

„Alex, komm wieder zurück!“, ruft Hugo.

 

Ich mache eine halbe Drehung nach links und habe sie nun alle genau im Blickfeld. Etwas abseits steht, wie am Boden festgenagelt, immer noch diese unscheinbare Gertrud und starrt zu mir he­rüber. Unheimlich sieht sie aus! Wie eine abstrak­te Vogelscheuche! Und so furchtbar bleich! Das kann ich trotz fehlender Brille erkennen. Sie sollte sich etwas schminken!

 

Ich beginne, mit kräftigen Zügen zurück zu schwimmen. Ich schwimme und schwimme und plötzlich fällt mir auf, dass ich keinen Meter vor­wärts komme.

 

Keinen Zentimeter!

 

Auch Günter, Therese und Hugo fällt dies zwi­schenzeitlich offensichtlich auf, denn sie schreien plötzlich wild durcheinander:

 

„Was ist los, Alex?“

„Warum kommst du nicht vorwärts?“

„Ist da draußen etwas?“

 

Was hat Günter gefragt?

 

„Ist da draußen etwas?“

 

Siedend heiß durchfährt es mich: Irgendetwas hält mich zurück. Ich spüre nicht das Geringste, also keinen körperlichen Widerstand oder etwas, was mich physisch festhält, aber ich komme trotzdem nicht vorwärts.

 

Verflucht!

Was ist das nur?

Ein Strudel?

Aber den würde ich doch spüren!

Also, was sonst?

 

Ich gerate langsam, aber sicher in Panik. Jedoch kann ich mich gerade noch beherrschen. Kann es eine Strömung sein?

 

Ich sehe, wie in Gertrud plötzlich Bewegung kommt. Sie schreit wahnsinnig laut, so dass es alle hören können:

 

„Sebastian! Schnell! Das Boot! Dort ertrinkt jemand!“

 

Keine zehn Sekunden später sehe ich, wie dieser Sebastian - ein sehr kräftiger Typ - aus einem der vielen, undurchdringlichen Gebüsche ein langes, schmales Boot hervorzieht. Er schleift es rasend schnell hinter sich her, wirft es ins Wasser, springt hinein, dass ich denke, es würde gleich kippen. Er packt ein kurzes Paddel, das sich in diesem Boot befindet, und beginnt, mit äußerst kräftigen Stößen, auf mich zuzufahren. Er schlin­gert dabei verdächtig gefährlich hin und her, und man könnte wirklich befürchten, dass er jeden Moment umkippen würde. Wie gesagt.

 

Inzwischen greift die Todesangst nach mir. Ich fange an, zu schreien. Dabei schlucke ich dieses ekelige, warme Wasser und denke, dass ich jeden Moment absaufen werde.

 

Endlose Sekunden vergehen. Sie werden schier zur Ewigkeit! Ich sehe noch, wie Hugo mit einem ge­wagten Kopfsprung ins Wasser hechtet. Günter hinterher. Jetzt ist dieser Sebastian auch schon bei mir und zieht mich, als ob ich das Gewicht einer Puppe hätte, zu sich ins Boot. Seine Hände sind, das kann ich trotz meines armseligen Zu­standes genau registrieren, feucht und eiskalt. Dann schreit er laut, ja, sehr laut:

 

„Ihr Zwei! Zu­rück ans Ufer!“

 

Ich bin gerettet und spucke lauwarmes, ekelhaftes Wasser. Pfui Teufel noch mal! Ich hasse warmes Wasser!

 

Hugo und Günter sprinten - noch halb im Wasser - als ob der Teufel hinter ihnen her wäre, zurück zu Therese, die am AUDI steht, und sich überhaupt nicht mehr bewegt. Sie wirkt wie paralysiert. End­lich sind wir aus dem Wasser.

 

Die Hündin hatte sich während dieser gesamten Aktion überhaupt nicht gerührt. Sie hatte nur be­obachtet. Aber sie hatte unentwegt geknurrt. Laut und vernehmlich.

 

Warum wohl?

 

Sebastian zieht mich aus seinem wackeligen Boot und stellt sich zugleich bei uns Allen vor. Er wirkt dabei überraschenderweise völlig ruhig:

 

„Ich bin der Sebastian. Gertruds Ehemann. Hat euch denn meine Frau nicht gesagt, dass man hier an Ostern nicht baden soll?“

„Nein. Hat sie nicht“, erwidert Günter verstimmt.

 

Hugo, Günter und Therese schütteln ihm die Hand und stellen sich mit ihren Vornamen vor. Ich be­merke trotz meines Schocks, wie sie wegen seiner kalten Hände alle leicht zusammenzucken.

 

„Wahrscheinlich setzte sie voraus“, verteidigt er seine Frau, „dass von euch generell niemand ba­den würde.“

„Aber sie hätte es uns schon sagen können!“, knurrt Hugo bissig.

„Zugegeben, ja.“ Auch er scheint leicht ver­stimmt. Er fährt fort, sich an mich wendend: „Wie heißt du eigentlich, Mann?“

„Alex“, erwidere ich kleinlaut.

Betretenes Schweigen. Ich ergreife trotzdem die Initiative: „Hör mal, Sebastian: Warum kam ich plötzlich nicht mehr vorwärts, als ich zurück schwimmen wollte?“

„Keine Ahnung.“ Sein Gesicht verschließt sich merklich.

„Kann es ein Strudel gewesen sein?“

„Keine Ahnung.“

„Wie kann in einem See ein Strudel entstehen?“, mischt Günter sich ein.

„Was fragt ihr mich? Ich bin doch kein Seefor­scher!“, poltert Sebastian. Wahrscheinlich hatte er freundlichere Worte erwartet.

„Warum darf hier an Ostern Keiner baden?“, fragt Therese ihn nun.

„Weil das Wasser dieses Sees von Karfreitag bis Ostermontag sehr, sehr warm ist.“

„Aber das ist doch keine Erklärung auf meine Ant­wort!“

„Wir wissen nur, wie gesagt, dass der See an Ostern warm ist, und dass man dann darin nicht baden darf.“

„Wie kann es sein, dass dieser See nur an Ostern warm ist, und sonst nicht?“

„Keine Ahnung.“

 

Shit. Er wiederholt sich absichtlich. Wie eine alte, gesprungene Schallplatte! Er will offensichtlich nicht heraus mit der Sprache. Therese bedankt sich bei dem Burschen etwas zynisch, aber berech­tigt, für die ausführlichen Antworten.

 

Ich danke ihm für seine lebensrettende Aktion und versichere ihm: „Ich stehe voll in deiner Schuld!“

„Vergiss es. Du warst nicht der Erste, den wir hier herausgezogen haben.“

„Das ist ja ein richtiger Teufelssee!“

Er blickt erstaunt und etwas betreten.

„Also, kam so etwas schon öfter vor, Sebastian?“

„Ja, schon einige Male.“

„Hast du eine Erklärung dafür?“

„Nein.“

 

Zwischen unserem kurzen Dialog bemerke ich, wie Sebastian verstohlen Günters AUDI A6 betrachtet. So, als ob er einen solchen Wagen noch nie gese­hen hätte...

 

„Sicherlich sind hier auch schon einige Leute er­trunken, oder?“, frage ich ihn vorsichtig, jedoch offensichtlich etwas zu neugierig.

Er prallt leicht zurück und antwortet: „Davon ist mir nichts bekannt.“

„Aber du sagtest doch, dass hier schon einige Er­trinkende herausgezogen wurden!“

„Sagte ich?“

 

Um die Situation etwas zu entschärfen, bitten wir unseren merkwürdigen, jedoch nicht unsympathi­schen Lebensretter an Thereses und Günters schön gedeckten Tisch:

 

„Bier? Wein? Schnaps?“, will Günter wissen und steht sprungbereit neben seinem neuen Gast.

„Ja, gerne.“

 

Wir schauen uns alle an und lachen laut.

 

„Jetzt weißt du, was er will, Günter!“, ist Hugos vorlaute Bemerkung, und er grinst dabei lausb­übisch.

 

Günter, nicht faul, holt aus seinem Wohnwagen jeweils eine Flasche Cognac, eine Flasche Bier und eine Flasche Rotwein. Er stellt alles direkt vor Sebastian auf den Tisch und betrachtet interes­siert dessen nächste Handlung:

 

„Was ist denn das für eine komische, weiße Scheibe auf eurem Wohnwagen?“, will er erstaunt von uns wissen. Er schaut überrascht in die Richtung dieser leicht konkav-gerundeten, runden Scheibe.

„Das ist unsere Satellitenschüssel“, lacht There­se, die sich nun wieder in das langsam auftauende Gespräch einklinkt.

„Eine Satelliten... - Schüssel?“ Sein Blick drückt völliges Unverständnis aus.

„Ja, kennst du denn keine Satellitenschüssel, Se­bastian?“, wirft Hugo ein.

„Noch nie gesehen.“ Sein Blick geht ins Leere.

„Du weißt auch nicht, wofür wir sie brauchen?“

„Nein.“

„Für unseren Fernseher!“

„Was hat ein Satellit mit einem Fernseher zu tun?“ Sein Blick drückt völliges Unverständnis aus.

„Damit wir besseren Empfang haben und mehr Sender hereinkriegen!“

 

Sebastian schaut, als ob er gerade erfahren hätte, dass die Erde ein Würfel ist. Aber wir lassen ihn...

 

Jedoch: Wir wundern uns alle sehr!

 

Um die erneute, leicht angespannte Situation et­was zu entschärfen, prosten wir dem großartigen Lebensretter, der, genau wie seine Frau, ziemlich blass auf uns wirkt, freundlichst zu, und er nimmt einen gewaltigen Schluck aus der kühlen Bierfla­sche. Dann setzt er die volle Weinflasche an und säuft sie zu einem Drittel aus. Er rülpst laut und hemmungslos:

 

„Aaaaahhhhhh!“

 

Zum krönenden Abschluss nimmt er noch einen ganz gewaltigen Hieb aus der Schnapsflasche und lehnt sich genüsslich zurück.

 

„Man holt ja nicht jeden Tag jemanden aus dem See, oder?“

 

Er lacht doch tatsächlich, der bärbeißige Bursche. Er wirkt, wie er so dasitzt, sehr draufgängerisch, finde ich. Was könnte er anstatt eines Barbesit­zers wohl beruflich sein, überlege ich. Fernfahrer? Maurer? Zuhälter? Nein bei dieser Frau kann er sicherlich kein solcher sein, überlege ich. Eher noch ein Totengräber! Mein geistiger Vergleich gefällt mir sehr. Ich muss es ehrlich zugeben.

 

Urplötzlich steht er auf und reicht uns Allen noch einmal die kalte, feuchte Hand. Dabei wiederholt er seinen Vornamen:

 

„Ich heiße Sebastian.“

 

Es jagt uns erneut einen kalten Schauer über den Rücken. Aber wir sagen nichts. Kein einziges, ge­wagtes Wort. Hat er denn vollkommen vergessen, dass wir uns schon vor einer halben Stunde gegen­seitig vorgestellt hatten, überlege ich. Hat der gute Mann vielleicht Gedächtnislücken?

 

Anschließend setzt er sich wieder, als ob nichts gewesen wäre.

 

Marionettengleich!

Hat er etwa einen Schwips?

Oder was ist los mit ihm?

 

Nun gut, denken wir uns, und stellen uns bei ihm noch einmal mit unseren Vornamen vor. Als dann Schatz zu ihm hin wedelt, weicht er unmerklich, aber deutlich erkennbar zurück. Jeder andere Mann mit seiner Statur würde diesen mittelgroßen, völlig harmlosen Hund jetzt streicheln, jedoch er, Sebastian, hält sich sehr bedeckt. Dabei beobach­tet er ängstlich die weiteren Handlungen des Tie­res. Sie knurrte ihn plötzlich leise an. Etwas selt­sam finden wir das ja schon, aber was soll‘ s? Au­ßerdem kann es uns ja egal sein, welche Eigen­arten diese Herrschaften hier vorweisen!

 

„Ich muss euch jetzt um etwas bitten: Sagt kei­nesfalls Gertrud, dass ich bei euch Alkohol ge­trunken habe.“

„Aber natürlich nicht“, meint Günter lächelnd.

„Er schadet uns nämlich.“, flüstert er geheimnisvoll.

„Wer schadet euch?“, will Therese wissen.

„Na, der Alkohol!“

„Ja, uns schadet er auch, Sebastian!“, lache ich ihn an.

 

Hugos Blick streift mich. Er will mir damit wohl sagen: „Ob Sebastian wohl trocken ist und einen kleinen, gepflegten Rückfall hatte?“ Ja, genau dies will Hugo mir klammheimlich mitteilen. Ich nicke leicht. Es kann aber auch sein, überlege ich, dass diese Leute hier einer Sekte angehören, in der Alkohol verpönt ist. Eine weitere, vernünftige Er­klärung kann ich aber beim besten Willen nicht finden. Jedenfalls benimmt sich Günter sehr merk­würdig. Er kennt keine Satellitenschüssel, er säuft sich innerhalb von knapp fünf Minuten an, und auch er hat diese kalten, glitschigen Hände, die auf uns so abstoßend wirken. Wahrscheinlich hat er dieselbe Krankheit wie Gertrud! Aber was soll das denn für eine Krankheit sein? Hoffentlich ist es nicht etwas Ansteckendes! Das würde uns gerade noch fehlen! Zuerst fast ersaufen, und sich dann hinterher infizieren!

 

Allzu gerne wüsste ich auch, was Günter und The­rese über ihn denken. Ich beschließe, sie nachher noch einmal darauf anzusprechen, wenn sich Se­bastian verdünnisiert hat.

 

Schließlich wendet sich Therese noch einmal an ihren Gast:

 

„Sag mal, Sebastian, du weißt doch über diesen seltsamen See mehr, als du zugibst, oder?“

Er schaut sie durchdringend an, nimmt einen kräf­tigen Schluck aus der halbvollen Weinflasche, und antwortet grob: „Wer viele Fragen stellt, bekommt viele dumme Antworten!“

 

So, jetzt haben wir den Salat. Wir sind mit unse­rer ewigen Fragerei einen kleinen Schritt zu weit gegangen. Jetzt verschließt er sich, und wir er­fahren überhaupt nichts mehr. Jedoch habe ich Thereses Kaltschnäuzigkeit gehörig unterschätzt:

 

„Jetzt sag mal, wo sind denn all die anderen Cam­per?“

„Unsere Freunde? Sie kommen spätestens morgen. Ja, am Karsamstag sind wir dann immer alle voll­ständig.“

Sein Blick ist unergründlich und geheimnisvoll.

„Trefft ihr euch jedes Jahr hier?“, bohrt Günter weiter.

 

Ich finde, er übertreibt es jetzt doch ein wenig. Jedoch wirkt nun offensichtlich der plötzliche Al­koholschub bei Sebastian. Er vergisst wohl sein Vorhaben, uns auf unsere etwas neugierigen Fra­gen nicht mehr zu antworten. Er senkt seine Stim­me:

 

„Ja, schon seit vielen Jahren...“

„Warum habt ihr denn solch alte Autos?“, fragt Hugo.

Sebastian überlegt zwei, drei Sekunden. Dann sagt er völlig emotionslos: „Weil wir uns keine Neuen leisten können.“

 

Es ist eine ehrliche und offene Antwort, die man akzeptieren muss. Auch wenn sie etwas verspätet kam. Aber, ob sie auch stimmt?

 

Sicherlich nicht!

 

„Ihr trefft euch also hier immer an Ostern, Pfing­sten und im Sommer?&

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