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Höhepunkt in Blau

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© 2016 Sarah Pérez Girón

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN
Paperback: 978-3-7345-4874-1
Hardcover: 978-3-7345-4875-8
e-Book: 978-3-7345-4876-5

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Para ti, Vicente.
Siempre serás con quien
quería pasar el resto de mi vida.
Infinito y para siempre.

Kapitel 1

Wenn ich an Josie zurückdenke, ist in meinem Kopf immer Sommer. Obwohl wir doch auch dreimal Herbst, Winter, Frühling miteinander verbrachten. Josie war wie der Sommer. Ein durchgeknalltes Glühwürmchen, das Karussell tanzt, bis es gegen die Wand knallt. Ein Sommergewitter in Orange und Tiefschwarz. Mit Josie waren die Nächte zu kostbar zum Schlafen und das Leben zu kurz, um innezuhalten. Auf die Dauer ist so viel Sommer im Kopf nicht auszuhalten. Vielleicht war das der Grund. Vielleicht hatte Josie sich selbst nicht mehr ausgehalten. Der höchste Punkt. Vielleicht hatte sie daran gedacht.

Schweigen. Unerträgliches Schweigen. Wenn wenigstens der Motor laut geknattert hätte. Oder im Radio die Verkehrsnachrichten gelaufen wären. Regen. Einen donnernden Sommerregen hätte ich mir gewünscht, der auf das Autodach geprasselt, gegen die Fenster gepeitscht wäre. Einen Sommerregen, der mein klägliches Schluchzen übertönt hätte. Aber da war nur dieses Schweigen, das sich mit seiner erstickenden Leere vor mir auftat. Mein Vater vorn am Lenkrad starrte mit grimmig zusammengezogenen Brauen auf die Straße. Josie schlief mit dem Kopf auf meinem Schoß, friedlich, unschuldig wie ein kleines Kind, und ich streichelte ihre Wange, während meine Tränen auf ihre Haare tropften. In meinem Kopf hallten die Vorwürfe nach, die zu Hause auf mich heruntergedonnert waren. Was hast du dir nun schon wieder geleistet, wann wirst du endlich erwachsen und vernünftig, was geht bloß vor in deinem Kopf. Selbstzerstörerisch sei ich, alle mir offen stehenden Türen habe ich mutwillig zugeknallt, ein hoffnungsloser Fall sei ich, mit dem man nicht vernünftig reden könne. Wir sprachen in der Tat nicht mehr allzu viel miteinander, meine Eltern und ich, und vernünftig schon gar nicht. Wozu auch? Die Gespräche machten alles nur noch schlimmer. Jeder Satz von mir wurde in seine kleinsten Bestandteile zerlegt, analysiert, interpretiert, archiviert und zu immer neuen Gelegenheiten wieder herausgekramt und gegen mich verwendet, wenn ich gar nicht mehr damit rechnete. Also hielt ich lieber die Klappe. Wenn mir alles zu viel wurde, ging ich schwimmen. Ich sprang kopfüber ins Wasser, hielt die Luft an, bis mir beinahe der Kopf platzte und stellte mir vor, wie es wäre, nie mehr auftauchen zu müssen. Unter Wasser war ich frei. Daran dachte ich, wenn meine Eltern wild auf mich einredeten. Luft anhalten, bis der Kopf platzt.

Wenn ich jemanden zum Reden brauchte, und das brauchte ich ständig, dann hatte ich dafür Josie und sie hatte mich. Vor drei Jahren hatte sie an einem trübseligen Novembertag neu in unserer Klasse gestanden, dunkelblonde lange Haare, Schmollmund, kieselgraue Augen, aus denen sie uns herausfordernd musterte. Josefine Rohrmann, 15 Jahre alt. Mit einer mir bis dahin unbekannten Willenskraft hatte ich beschlossen, dass dieses Mädchen meine beste Freundin werden sollte. Ausgerechnet Josie, mit der doch jeder befreundet sein wollte. Ich verliebte mich in ihren herablassenden Blick, mit dem sie aus halb geschlossenen Augen nach vorn schaute, so dass sich jeder zwangsläufig kleiner fühlte als sie, obwohl sie nur 1,65 m groß war. Und ich verliebte mich in ihr einmaliges Lachen. Josie hatte das schönste Lachen der Welt. Es begann mit einem leisen Glucksen im Bauch, perlte mit einem Geräusch, das nach tausend Seifenblasen klang, in ihr hoch und platzte schließlich mit einem lauten, unverschämten Prusten aus ihrem breiten Mund heraus.

Bevor Josie in mein Leben trat, war ich ein nettes, zurückhaltendes Mädchen aus gutem Hause und hasste mich dafür. Ich war die Klassenbeste und unter meinen Zeugnissen stand immer der gleiche Satz: „Emma ist eine stille, aber aufmerksame Schülerin und ihre Leistungen sind stets tadellos.“ Ich war keine Streberin, es war nicht so, dass ich besonders viel Zeit mit Lernen verbrachte. Es war eher so, dass ich während des Unterrichts nichts Besseres zu tun hatte, als still und aufmerksam zuzuhören. Meine Mitschüler kicherten miteinander und warfen sich gegenseitig Zettel mit geheimen Botschaften zu. Bei mir landeten solche Zettel nie. Es gab ein paar Mädchen in meiner Klasse, mit denen ich auf dem Pausenhof herumstand und über Jungs redete, aber ich fühlte mich nie so, als ob ich richtig dazugehörte. Ich hatte einen dicken Hintern, war schüchtern und fühlte mich mit meinem Notendurchschnitt von 1,0 wie ein Totalversager. Mein sozialer Status war gleich Null. Zu Hause war das auch nicht anders. Da war meine Schwester Linda, gegen die ich keine Chance hatte. Sie war laut und lustig, der reinste Sonnenschein, und ich wurde neben ihr unsichtbar. Wenn ich beobachtete, mit welcher Selbstverständlichkeit meine Eltern und meine Schwester miteinander redeten und lachten, krampfte sich mein Magen zusammen. Ich war immer irgendwie dabei, aber nie mittendrin, sondern trottete meinen Freundinnen und meiner Familie hinterher, still, aufmerksam, tadellos. Meine engsten Freunde fand ich in Büchern. Beim Lesen vergaß ich meine Schüchternheit, meinen dicken Hintern, wegen dem der doofe Ulf aus der Parallelklasse mich als „Schlachtschiff von hinten“ bezeichnete, ich vergaß, dass mit mir ganz offensichtlich etwas nicht stimmte, weil ich es trotz aller Anstrengung nicht schaffte, die Tochter zu sein, die meine Eltern sich gewünscht hatten. Lesen war mein Ausweg aus mir selbst und die Papierfreunde meine Schutzengel. Wenn ich las, spürte ich, dass es da noch ein mutigeres, abenteuerlustigeres ICH gab, das hinauswollte. Bevor ich Josies beste Freundin wurde, war ich ein weltfremder Freak zwischen lauter normalen, gesunden Menschen. Danach waren wir zu zweit.

Osterferien sind immer scheiße. Im Sommer kann man schwimmen gehen, im Winter ist Weihnachten, aber Ostern ist so ziemlich das Langweiligste der Welt. Die Osterferien, in denen Josie in mein Leben platzte, waren besonders langweilig. „Dir würde ein bisschen frische Luft auch gut tun, du siehst wie ausgeschissen aus!“ hatte meine Mutter mir zum Abschied an den Kopf geknallt, bevor sie sich mit meinem Vater und Linda aus der Tür schob, um zwei Wochen lang endlose Spaziergänge an der Nordsee zu machen. Ich hatte nichts gegen frische Luft. Aber drei Tage vor Ferienbeginn hatte Philipp aus der Klasse über mir, den ich schon seit langem anhimmelte, mich in der Crêperie im dunklen Gang vor den Toiletten geküsst und ich wollte die fragile erste Phase einer womöglich großen Liebe nicht durch zwei Wochen Nordsee gefährden. Außerdem fühlte ich mich mit meinen 15 Jahren zu erwachsen für Wattwürmer und Ausflüge zu den Seehund-Sandbänken. Am ersten Abend meiner zweiwöchigen Freiheit ging ich mit Philipp ins Kino, ließ mich küssen und unbeholfen betatschen und stellte fest, dass der schöne Philipp nicht nur Mundgeruch, sondern auch einen unmöglichen Tick hatte. Nach jedem Satz zog er die Mundwinkel weit auseinander und machte ein zischendes Geräusch, das nach „sssssüsch“ klang. Warum war mir das nicht vorher aufgefallen? Am zweiten Tag ignorierte ich schaudernd das Telefon, auf dem Philipps Nummer fröhlich aufleuchtete. Stattdessen schrieb ich eine To-Do-Liste mit lauter Dingen, die ich schon lange tun wollte. Mein Zimmer dunkelblau streichen. Einen Roman schreiben. Salsa tanzen lernen. Meinen zu dicken Po mit Gymnastik in Form bringen. Am dritten Tag stopfte ich die To-Do-Liste in eine Schreibtischschublade und fühlte mich komisch. Ich war gern allein, das war es nicht. Ich konnte sogar ganz wunderbar allein mit mir selbst sein und stundenlang lesen oder auf meiner Gitarre herumklimpern, wenn ich wusste, dass ich bald wieder mit einem Menschen sprechen würde. Aber es war gar nicht so einfach, ganze Tage mit sich selbst zu füllen. Am vierten Tag schlurfte ich schon den ganzen Tag im Schlafanzug durchs Haus und verfluchte all die freie Zeit. Weil ich an den frische-Luft-Vorwurf meiner Mutter dachte und sowieso nichts Besseres zu tun hatte, ging ich vor lauter Langeweile spazieren. Sobald es dämmerig wurde, drehte ich eine Runde durch den kleinen Wald hinter unserer Wohnsiedlung und setzte mich danach auf den menschenleeren Spielplatz auf die Schaukel. Ich musste mir frustriert eingestehen, dass diese Dämmerspaziergänge vermutlich das Highlight meiner Ferien darstellen würden.

Als ich eines Abends wie gewohnt zu meiner Schaukel trottete, saß dort jemand. Josie schwang langsam hin und her, umklammerte mit der einen Hand das Seil und hielt in der anderen eine Zigarette. Ihre Augen waren ganz verquollen und die Wimperntusche bildete kleine Rinnsale bis zum Mundwinkel. Sie erinnerte mich an ein trauriges Panda-Baby. Ich wollte mich umdrehen und heimlich aus dem Staub machen, aber da hatte sie mich schon bemerkt.

„He, warte doch!“ Sie wischte sich die Tränen weg und schniefte laut.

Ich blieb stehen.

„Willst du ‘ne Kippe?“

Ich nickte, obwohl ich noch nie geraucht hatte. Schweigend setzte ich mich auf die andere Schaukel, ließ mir Feuer geben, hustete ein bisschen.

„Du wohnst auch hier in der Nähe, oder?“

Ich nickte und brachte immer noch kein Wort heraus.

„Komisch, ich hab dich vorher noch nie hier gesehen.“

Natürlich nicht. Warum sollte sie auch? Ich hatte sie ständig gesehen, im Bus, auf dem Heimweg, im Supermarkt, aber warum sollte jemand wie Josie mich sehen? Das sagte ich natürlich nicht.

„Du redest nicht besonders viel, hm?“

„Nee. Die meisten Leute reden zu viel und sagen zu wenig dabei.“

„Meinst du damit etwa mich?“

Ich schüttelte wild den Kopf.

„Quatsch, nein. Du wirkst nicht wie jemand, der nichts zu sagen hat.“

Sie lächelte mich an und mir wurde ganz warm ums Herz. Ich nahm meinen Mut zusammen. „Warum bist du so traurig?“

Josie schnaubte und machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Ach, meine Eltern. Das Leben. Du weißt schon. Es ist alles so trostlos, dass es mir das Herz zerreißt! Kennst du das Gefühl?“

Ich nickte, obwohl ich keine Ahnung hatte, wovon sie sprach. Aber das Gefühl, ja, das Gefühl kannte ich. Josie wandte mir ihr Gesicht zu und blies wütende Rauchkringel in die Luft.

„Erst soll ich schön brav zur Schule gehen und lernen, lernen, lernen. Damit ich später ´n Job finde und dann arbeite, arbeite, arbeite. Bis ich tot umfalle. UND DAS WAR’S. Wenn ich zu meinen Alten sage, dass das doch voll frustrierend ist, zucken sie die Achseln und gucken mich so mitleidig-herablassend an, nach dem Motto: Du wirst das auch noch verstehen. Ich will das aber gar nicht verstehen. Es muss doch noch was anderes geben. Wenn das echt alles ist, wofür lebe ich dann eigentlich?“

Ich schwieg und dachte daran, wie ich mich unter Wasser fühlte. Unter Wasser sah die Welt viel schöner aus. Blau und verzaubert. Als ich klein war, musste mir meine Mutter jeden Abend das Märchen von der kleinen Meerjungfrau vorlesen. Damals hegte ich noch die Hoffnung, dass mir irgendwann Schwimmhäute zwischen den Fingern wachsen würden, wenn ich nur oft genug schwimmen ging. Jetzt glaubte ich nicht mehr an meine Verwandlung, ich war ja nicht bescheuert. Aber wenn ich das Leben nicht mehr ertrug, flüchtete ich immer noch unter Wasser. Ich verstand, was Josie meinte. Luft anhalten und schwerelos sein. Nie mehr auftauchen. Josie sah mich fragend an.

„Was passiert eigentlich in deinem Kopf, während du vor dich hin schweigst?“

Ich grinste.

„Schwerelosigkeit. Meeresrauschen. Ganz viel Blau.“

Sie grinste zurück.

„Du spinnst ja noch mehr als ich.“

Wir schaukelten eine Weile schweigend weiter. „Was machst du jetzt noch?“ fragte sie dann.

„Nichts“ antwortete ich ehrlich. „Ich mache schon seit Tagen absolut NICHTS und werde noch richtig bescheuert dabei.“ Ich holte tief Luft. „Aber weißt du, ich glaube, das Allerschlimmste ist, dass ich schon mein ganzes Leben lang NICHTS mache.“

Josie lachte und sprang auf.

„Dann lass uns halt IRGENDWAS machen. Darf ich mit zu dir kommen?“

„Klar.“

Wir sahen Le Grand Bleu, das war damals mein Lieblingsfilm, und schaufelten eine Familienpackung Schokoladenkekse in uns hinein. Bisher hatte ich den Film nie unter dem Aspekt männlicher Sex-Appeal gesehen, sondern nur der Schluss-Szene mit dem Delfin entgegengefiebert, bei der ich jedes Mal heulte, aber Josie unterzog Jean Reno und Jean-Marc Barr einem knallharten Vergleich.

„Jean Reno ist eher so ´n Testosteron-Bolzen“ behauptete Josie. „Ich finde sensible Männer viel attraktiver.“

„Hast du ´n Freund?“

„So halbwegs. Kennst du Florian?“

Ich hielt die Luft an. Der sexy Florian, der zwei Häuser weiter wohnte? Ich nickte.

„Naja, wir sind nicht so richtig zusammen, es ist ziemlich kompliziert, weißt du…“

Ich sagte lieber nichts dazu, weil ich nicht von Philipp sprechen wollte und meine vorherigen Beziehungsversuche auch nicht mit der Kategorie sensibler Mann stattgefunden hatten. Merkwürdiger Mann wäre die treffendere Bezeichnung gewesen. Irgendwie suchte ich mir immer Typen aus, für die ich mich kurz danach schämte. Josie seufzte und klatschte sich auf den mit Schokokeksen gefüllten Bauch.

„Ich bin so voll, ich kann mich nicht mehr bewegen.“

Wir machten kichernd ein paar Übungen aus dem Yoga-Buch meiner Mutter und Josie erklärte mir das Om, bis wir gackernd über den Boden kullerten und ich einen Schluckauf bekam.

„Du bist viel lustiger, als ich dachte“ erklärte Josie.

Ich schwieg. Ich und lustig? Bevor Josie in mein Leben trat, hatte ich mich für ein ziemlich ernstes Mädchen gehalten. Um nicht zu sagen langweilig. Josie gähnte laut.

„Ich mag nicht mehr nach Hause laufen. Kann ich bei dir schlafen?“

Sie blieb auch am nächsten und übernächsten Tag und ging schließlich nur noch nach Hause, um neue Klamotten zu holen. Als meine Eltern aus dem Urlaub zurückkamen, kannte ich ihr ganzes Leben und sie meins. Ich konnte mir nicht erklären, wie es mir jemals möglich gewesen war, ohne Josie zu existieren.

Kapitel 2

Wendepunkte gibt es in jedem Leben. Oft bemerkt man sie erst im Nachhinein, wir Menschen traben ja in der Regel ziemlich kurzfristig durch unser alltägliches Hamsterrad. Aber hin und wieder knallt so ein Wendepunkt wie ein Meteorit in den wohlbehüteten Alltag, wirbelt alles durcheinander und ändert die eigene Existenz so rasant, dass man nur atemlos und mit weit aufgerissenen Augen mitrennen kann. So ein Meteorit war Josie für mich. Und vielleicht knallte sie genau deshalb in mein Leben, weil ich auf sie gewartet und herbeigesehnt hatte. Fest steht, dass es ein Leben vor Josie gab und eins danach, so wie es mich vor Josie gab und mich danach. Ob das nun gut oder schlecht war, hängt davon ab, welches Kriterium man zur Beurteilung heranzieht. Für mein Dasein als Klassenbeste war Josie eine glatte Katastrophe. Wir saßen in jeder Schulstunde zusammen und Josie vertraute mir mit Vorliebe während des Unterrichts Details ihrer tragischen Romanze mit Florian an. Das war viel aufregender, als mathematische Gleichungen zu lösen oder französische Vergangenheitszeiten auswendig herunterzuleiern. Während ich früher die unsichtbare Musterschülerin gewesen war und von den Lehrern nur in Form von wohlwollenden Kommentaren unter meinen schriftlichen Arbeiten wahrgenommen wurde, häuften sich nun die Ermahnungen. Ich wurde dann zwar knallrot und schämte mich, aber wenn Josie mich in die Seite knuffte und mir ein weiteres Geheimnis anvertraute, entschädigte mich das für alles.

Herr Mombert, unser Mathelehrer, war ein kleiner grauer Zwerg mit krallenartigen Nikotinfingern, der es als persönliche Beleidigung auffasste, wenn man seine Begeisterung für Sinuskurven und unregelmäßige Gleichungen nicht teilte. Josie hatte nichts für Zahlen übrig. „Was hat es denn mit dem echten Leben zu tun, ob hier nun 2x oder xy steht? Wenn Sie mir das erklären können, höre ich Ihnen ab sofort zu!“ hatte sie Herrn Mombert einmal verächtlich an den Kopf geknallt und der hatte darauf keine Antwort gewusst. Seitdem warf er Josie in jeder Stunde hasserfüllte Blicke zu, aber traute sich nicht, sich auf weitere Wortgefechte mit ihr einzulassen. Bei mir lag der Fall anders. Je mehr ich Herrn Mombert meine Aufmerksamkeit entzog und dafür Josie schenkte, desto größer wurde seine Rachsucht. Er schien eine sadistische Befriedigung darin zu finden, mich bloßzustellen. Sobald er bemerkte, dass ich nicht zuhörte, rief er mich mit hämischem Grinsen an die Tafel, um komplizierte Gleichungen zu lösen, ließ mich ratlos mit hochrotem Kopf ein paar Minuten vor der Klasse stehen und entließ mich dann mit einem verächtlichen „Was anderes habe ich auch gar nicht erwartet“ zurück auf meinen Platz. Ich hatte immer öfter Bauchschmerzen vor dem Matheunterricht. Und außerdem war Sommer.

Josie und ich saßen schweigend nebeneinander im Bus auf dem Weg zur Schule. Am knallblauen Himmel zeigte sich nicht das kleinste Wölkchen und das Thermometer war schon am frühen Morgen auf 25º C geklettert. Aber mich erwartete Herr Momberts grausames Mathematikuniversum gleich in der ersten Stunde und das lastete tonnenschwer auf meinen Schultern.

„Es ist ein Verbrechen, bei so ´nem Wetter Mathe zu haben“ murmelte ich bedrückt und spürte die üblichen Bauchschmerzen.

„Mathe an sich ist ´n Verbrechen“ stimmte Josie mir zu und dann fuhren wir den Rest des Wegs schweigend und missmutig weiter. Als der Bus vor der Schule hielt, stand ich auf und warf meine Tasche über die Schulter. Josie rührte sich nicht vom Fleck. Ich stupste sie an.

„He, wir sind da…“

„Ich gehe heute nicht zur Schule.“

„Was? Du kannst mich doch nicht allein lassen!“

„Dann gehst du halt auch nicht.“

„Aber dann ruft der alte Mombert unsere Eltern an.“

„Ach was, der ist doch insgeheim froh, wenn wir nicht da sind!“

Ich warf ihr einen zweifelnden Blick zu.

„Außerdem ist es so warm, da haben wir später sowieso hitzefrei. Eigentlich ist es also nur sowas wie ein beschleunigtes Hitzefrei-Verfahren.“

So richtig überzeugt war ich nicht von dieser Argumentation. Ich hatte noch nie die Schule geschwänzt und war mir sicher, dass meine Eltern, die so viel Wert auf Bildung und gute Noten legten, nicht das geringste Verständnis dafür aufbringen würden. Aber erstens war der Bus bei meinen Überlegungen ohnehin schon weiter gefahren und zweitens graute mir davor, ohne Josie an meiner Seite den mathematischen Gleichungen von Herrn Mombert ausgesetzt zu sein. Mir war komisch zumute, als wir mit dem Bus einfach so weiterfuhren, ohne zu wissen wohin. Ich war bisher immer nur bis zur Haltestelle unserer Schule gefahren, da endete mein kleines Universum.

„Und was machen wir jetzt?“

Josie zuckte mit den Schultern und grinste.

„Keine Ahnung. Wir machen halt blau.“

Ich hatte eine Idee.

„Na klar, aber so richtig blau. Lass uns zum blauen See fahren!“

Der blaue See war ein stillgelegter Steinbruch und hieß so wegen seines türkisblauen Wassers. Karibisches Blau mitten in Nordhessen. Verantwortlich dafür war der hohe Kalkgehalt oder so etwas in der Art. Meine Bauchschmerzen waren verpufft, ich fühlte mich wach und frisch und voller Tatendrang. Wir stiegen am Waldrand aus dem Bus und liefen den kleinen Pfad zum See durch den Wald. Es roch nach feuchter Erde und Unbeschwertheit.

„Sommergeruch“ erklärte ich und Josie lachte.

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