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Höhenangst

Lindsay Gordon (Hg.)

Höhenangst
und andere erotische
Erzählungen

Aus dem Englischen übertragen von
Rosy Caspary

Inhalt

Höhenangst
Heather Towne

Eingesperrt
Nikki Magennis

Die Doppelgängerin
Monica Belle

Spiel mit dem Feuer Marianna Multiple
Kristina Lloyd

Höhenangst

Heather Towne

Ich stand am Fuße eines dieser riesigen Wachttürme, von denen aus die Park Ranger das unendliche Waldgebiet observieren, um rechtzeitig Brandherde zu entdecken. Ich blickte an dem Koloss empor, bis ganz nach oben. Die Stahlleiter zwischen den grünen Stahlbeinen schien gar nicht mehr aufzuhören. Manche Park Ranger betrachten sie vermutlich als Himmelsleiter, für mich hingegen war sie die Hölle.

Gestern war mein einundzwanzigster Geburtstag. Ein guter Grund, um mich von einigen meiner vielen, vielen kindlichen Phobien zu trennen, insbesondere von meiner Höhenangst.

Jetzt war ich hier mitten im Wald allein und schaute mich ein wenig ängstlich um. Denn meine beste Freundin Carrie, die unseren Wandertrip organisiert hatte – als Geburtstagsgeschenk und um mir zu helfen, meine Angst vor Staub, Schmutz und Ungeziefer zu überwinden –, trieb sich da draußen irgendwo herum. Ihre freundliche, süffisante Aufmunterung klang mir noch in den Ohren. Nun war ich arme Kleine mutterseelenallein auf dieser Lichtung. Allein mit meinen Nerven und diesem gigantischen Eiffelturm der Parkaufsicht.

Ich schluckte heftig, tauchte unter die Konstruktion und berührte die Stahlleiter. Ein Schauder überlief mich, dem ein trockener Schluckauf folgte. Trotz der Hitze des Hochsommers fühlte sich das Metall kalt an, wie die Kälte eines Grabes.

Die Finger meiner linken Hand umschlossen die fünfte Leitersprosse. Dann umfasste auch meine rechte Hand das runde Metall. Ich starrte auf meine Hände und wagte nicht, nach oben zu schauen. Ich wollte mich auf die Aufgabe konzentrieren und sie Schritt für Schritt bewältigen. Mein Plan war, so weit wie möglich hinaufzusteigen, bevor mein Herz aufhörte zu schlagen.

Eine warme, angenehme Brise umhüllte mich und wehte durch mein blondes Haar, aber mir war immer noch eiskalt. Sonnenstrahlen trafen meine nackten Arme und Beine. Sie drückten mich nieder, wärmten mich aber nicht. Immer nur einen Schritt, beruhigte ich mich und setzte meine Füße in Bewegung.

Ich setzte einen Wanderschuh auf die erste Sprosse, dann den zweiten Schuh, und hatte mit beiden Füßen die Bodenhaftung verloren. Ich hing an der Leiter wie der bucklige Wasserspeier in der Dachrinne. In meinen Handflächen bildete sich Angstschweiß. Ich atmete tief die Pinienluft ein, hob den linken Arm und umfasste mit der linken Hand die sechste Sprosse, meinen rechten Fuß setzte ich auf die zweite Sprosse.

Um mich herum schwirrten Insekten, die ich aber kaum wahrnahm, weil das Blut so laut in meinen Ohren rauschte. Ich starrte geradeaus, erdrosselte mit meinen Händen die Leitersprossen, während Adrenalin durch meinen Körper schoss. Ich kletterte und wusste nun, wie sich Sir Edmund Hillary gefühlt haben musste.

Ich schluckte erneut, hatte aber keine Spucke mehr. Nicht in dieser Höhe. Ich hatte die Anzahl der bereits erklommenen Stufen vergessen und schlich wie eine lauernde Katze die Leiter aufwärts. Mein Verstand war außer Betrieb gesetzt. Ich bewegte mich mit der Entschlossenheit und der Vehemenz einer arthritischen Schildkröte. Eine Hand, ein Fuß, andere Hand, anderer Fuß, eine Sprosse nach der anderen.

Dann sah ich nach unten und erstarrte. Ich umklammerte die Sprossen wie Kristie Alley das letzte Stück Käsekuchen. Unter mir, gefühlte hundert Fuß entfernt, breitete sich im freien Fall die kanadische Landschaft aus. Mein Herz raste, Tränen schossen mir in die Augen, und meine Glieder schienen ihr eigenes Leben zu führen, so unkontrolliert zitterten sie.

Ich presste mich gegen das dünne, kalte Metall, das viel zu viele offene Zwischenräume hatte. Ich merkte, wie ich hysterisch wurde, und versuchte, den Mund zu öffnen, um nach Carrie zu schreien. Aber mein Kiefer knackte nur, und vor lauter Angst brachte ich keinen Laut hervor. Meine Fingerknöchel krampften sich um das Metall und waren vor Anstrengung weiß geworden. Meine Knie schlabberten wie ein weicher Pudding.

Yogi und klein Boo Boo würden mich hier finden. Als klapperndes Skelett an der Leiter baumelnd, zwanzig Leitersprossen über der Erde. Park Ranger Smith würde mich mit einer Lötlampe oder einer Knochensäge von diesem verdammten Turm brennen oder sägen und mich mit einem Stahlseil zur Erde lassen.

»Geht’s rauf oder runter?«, fragte unten jemand.

Ich erschrak und neigte den Kopf langsam und schmerzvoll in die Tiefe. Meine Nackenknochen knackten wie Äste.

Unten stand ein Mann. Ein großer Mann, der zu mir hinaufsah. Auf seinem sonnengebräunten Gesicht lag ein breites Grinsen. Er hatte schwarze Bartstoppeln, schwarzes, volles krauses Haar und strahlende Augen. Er trug ein ehemals weißes T-Shirt und ausgebleichte Jeans. Er stemmte die Hände auf die Hüfte. Die Haare auf seinen nackten muskulösen Armen kräuselten sich in einer Sommerbrise. Klarheit umgibt die Sterbenden.

Er musste die Panik in meinen Augen erkannt haben, denn er kletterte ohne Zögern zu mir nach oben. Die Leiter bebte unter seinem Gewicht. Ich klammerte mich verzweifelt an sie und brachte durch meine kalten toten Lippen nur noch ein animalisches Gewimmer zustande.

Dann hatte mich der Riese erreicht und presste seinen großen warmen Körper gegen mich, die ich in der Fötuslage über den Sprossen hing. Seine beruhigenden Worte klangen heiß und scharf an meine Ohren. Aber um dieses Mädchen nach unten zu bekommen, musste er sich schon etwas einfallen lassen.

Kein Problem für ihn.

Er legte einen starken, behaarten Arm um meine Taille und zog mich von den Sprossen weg. Ich griff verzweifelt nach ihnen, aber er hielt mich mit sanfter Gewalt fern. Einen Arm um meine Mitte geschlungen, eine Hand auf der Leiter, so stieg er mit mir abwärts. Er ließ mich auf meine Knie fallen, als wir wieder festen Boden unter den Füßen hatten.

Als er mir beim Aufstehen half, umarmte ich ihn spontan – dankbar und schwindlig. Ich merkte, wie ich wieder zu Kräften kam und die Angst verschwand. Er küsste mich fest auf den Mund.

»Hey, du großer Affe!«, keuchte ich und schob ihn weg. Mein Gesicht loderte so heiß wie die Sonne. Sie müssen wissen, eine meiner anderen Phobien ist die öffentliche Zurschaustellung von Zuneigung.

Er hieß Ken Kane und wohnte in einem kleinen Haus im Wald, wo er eine bescheidene Sägemühle betrieb. Ken lud Carrie und mich zu sich ein. Davon hielt ihn auch meine abweisende Reaktion nicht ab. Wir setzten uns um seinen rustikalen Küchentisch und tranken selbst gekelterten Wein.

Er war ein großer, unbekümmerter Naturbursche, der vermutlich noch nie etwas von verwirrenden Sexspielen gehört hatte. Grob und gefestigt, mit ungetrübten braunen Augen und Zähnen wie ein weißer Gartenzaun. Er lachte laut und herzlich, als ich meine ganze Litanei von Ängsten aufzählte und erklärte, warum er mich gefunden hatte, als ich Liebe mit den Leitersprossen machte.

»Du und ich ergänzen uns doch gut«, sagte er lachend und ließ seine große Pranke auf mein nacktes Knie fallen und zerquetschte es beinahe.

»Das wünsche ich euch beiden von ganzem Herzen«, schleimte Carrie und sah mich und seine Hand grinsend an.

Ken war groß genug, um mich ganz zu verschlingen, und alt genug, um mein Vater zu sein. Sein vernarbtes, unrasiertes Gesicht war nahe über mir. Er hatte einen rauen, ultra-maskulinen Appeal; Lichtjahre entfernt von dem ausgemergelten Charme der Bürolaffen, die ich kannte. Ich befreite mein Knie von seiner Pranke und lächelte auch, ein wenig jedenfalls.

Er schlug uns eine Besichtigung seines Anwesens vor. Wir zogen durch den Wald, und Ken erklärte uns Blumen und Pflanzen, Vogelnester und Flüsse, Biberdämme und Abwürfe von Hirschgeweihen. Dann führte er uns auf eine Anhöhe, von der aus wir die umliegenden Wälder überblicken konnten. Grüner Samt, so weit der Blick reichte.

»Vor diesem kleinen Berg hast du doch wohl keine Angst?«, neckte er mich und strahlte mich an. Er griff meine Hand und tätschelte sie warm und beruhigend.

Ich zog sie schnell weg, weil ich befürchtete, Carrie könnte es sehen.

»Eigentlich nicht. Aber hier oben ist ja auch Platz genug, und der Aufstieg war nicht schwer und ...«

Er unterbrach mein kindisches Quatschen einfach, indem er sich zu mir beugte und mich küsste. Dicke rote Lippen nahmen meine gefangen, aber viel sanfter als beim ersten Mal.

Ich warf meinen Kopf – wie schon bei seinem ersten Kuss – zurück. »Hey, wenn Carrie uns sieht ...«

»Na und?«

Ich schaute mich um, konnte meine Freundin aber nicht entdecken und entspannte mich ein wenig. Aber die Dinge entwickelten sich für mein schwerfälliges Wohlgefühl viel zu schnell – die Höhe, die Küsse – einfach alles.

Ken küsste mich erneut. Er benahm sich dabei wie ein tapsiger Hundewelpe. Diesmal stieß ich ihn nicht weg. Die Lippen des Naturburschen fühlten sich zu gut auf meinen an, und seine Selbstsicherheit übertrug sich auf mich.

In seine bärenstarken Arme geklemmt und unsere Lippen aufeinandergepresst, schwebten wir wie Blätter im Wind. Hier draußen auf diesem sonnigen Berg inmitten einer unberührten Wildnis.

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