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Höchstgebot für die Liebe - das exklusive Waverly-Auktionshaus - 6-teilige Serie

Maureen Child, Charlene Sands, Yvonne Lindsay, Paula Roe, Cat Schield, Barbara Dunlop

Höchstgebot für die Liebe - das exklusive Waverly-Auktionshaus - 6-teilige Serie

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1. KAPITEL

Vance Waverly blickte auf die eindrucksvolle Fassade des Auktionshauses, das seinen Namen trug. Das Gebäude hatte im Laufe der letzten 150 Jahre ein oder zwei Faceliftings erhalten, aber seine Bestimmung zeigte sich immer noch deutlich: Hier wurde das Schöne, das Antiquarische, das Einzigartige ausgestellt.

Er lächelte und ließ den Blick über alle Stockwerke schweifen, sieben insgesamt, eine Glückszahl. Vor dem Eingang standen zwei Zypressen schweigend Wache. Auf den Fensterscheiben spiegelte sich die Frühsommersonne. Der Balkon im zweiten Stock hatte ein schwarz geschmiedetes Eisengitter. Der graue Stein, aus dem das Haus gebaut war, verlieh ihm seine Würde, und auf dem ovalen Fenster über der Flügeltür stand schlicht: Waverly.

Ein Anflug von Stolz erwachte in Vance, als er das Werk betrachtete, das sein Urgroßonkel Windham Waverly geschaffen hatte. Mit diesem Auktionshaus hatte er sich unsterblich gemacht. Das Haus war weltweit bekannt und genoss einen ausgezeichneten Ruf.

Nun war Vance einer der letzten Waverlys. Daher lag es in seinem ureigensten Interesse, dafür zu sorgen, dass das Haus weiterhin seine Spitzenstellung unter den Auktionshäusern weltweit behauptete. Er war Vorstandsvorsitzender und stets in alles involviert – von der Gestaltung des Katalogs bis zum Aufspüren von Gegenständen, die es wert waren, bei Waverlys versteigert zu werden. Er war hier mehr zu Hause als in seiner Luxuseigentumswohnung, die auf den Hudson blickte. Dort schlief er lediglich.

Hier lebte er.

„Hey, Kumpel!“, rief jemand hinter ihm. „Wollen Sie da den ganzen Tag rumstehen?“

Ein FedEx-Fahrer mit einer Sackkarre, auf der sich die Pakete stapelten, stand ungeduldig hinter ihm. Vance trat zur Seite und ließ ihn vorbei.

Bevor er das Haus betrat, grummelte der Mann: „Die Leute meinen alle, der Gehweg gehöre ihnen allein.“

„New York muss man einfach lieben“, murmelte Vance.

„Morgen.“

Vance blickte nach rechts. Sein Halbbruder kam über die Straße auf ihn zu. Roark war nur selten in New York und gerade hierhergeflogen, um einige seiner Geschäftskontakte zu treffen. Er war genauso groß wie Vance, über eins achtzig, hatte braune Haare und grüne Augen. Da endete die Familienähnlichkeit auch schon, aber sie hatten ja auch nur den Vater gemeinsam. Und bis vor fünf Jahren, als Edward Waverly gestorben war, hatte Vance nicht einmal von seinem Halbbruder gewusst.

Seit damals hatte sich zwischen ihnen eine enge Freundschaft entwickelt, für die Vance sehr dankbar war – auch wenn Roark darauf bestand, dass sie ihre familiäre Verbindung geheim hielten. Roark war immer noch nicht davon überzeugt, dass Edward Waverly wirklich sein Vater war. Als Beweis gab es nur einen Brief, den Edward, zusammen mit dem Testament, hinterlassen hatte. Vance reichte das, doch er respektierte den Wunsch seines Bruders.

„Danke, dass du kommst.“ Vance nickte ihm zu.

„Könnte wichtig sein“, erwiderte Roark, während sie gemeinsam das Auktionshaus passierten und weiter zu einem kleinen Café um die Ecke gingen. „Ist spät geworden gestern, und ich bin eigentlich noch gar nicht wach.“

Er trug eine dunkle Sonnenbrille, eine abgetragene braune Lederjacke, ein T-Shirt, Jeans und Stiefel. Kurz beneidete Vance seinen Bruder. Er hätte auch lieber Jeans getragen, aber die Arbeit bei Waverlys verlangte nun mal Anzug und Krawatte. Und Vance tat immer, was verlangt wurde.

„Ja“, sagte er, als sie sich einen Tisch vor dem Café aussuchten. „Es ist wichtig. Oder könnte es sein.“

„Faszinierend.“ Roark drehte im selben Moment wie Vance seine Kaffeetasse um, und sie warteten beide, bis die Kellnerin die Tassen gefüllt und ihre Bestellungen entgegengenommen hatte, bevor sie ihr Gespräch fortsetzten. „Also, lass hören.“

Vance umfasste seine Tasse mit beiden Händen und musterte die schwarze Flüssigkeit darin. Normalerweise gab er nichts auf Gerüchte oder Tratsch. Und für Menschen, die das taten, hatte er nichts übrig. Doch wenn es um Waverlys ging, konnte er nicht einfach weghören.

„Hast du das Gerede über Ann mitbekommen?“

„Ann Richardson?“, fragte Roark. „Unsere Geschäftsführerin?“

„Ja, die Ann.“ Mal im Ernst, wie viele Anns kannten sie schon?

Roark legte die Sonnenbrille auf den Tisch und schaute sich kurz um. „Welches Gerede?“

„Über sie und Dalton Rothschild. Du weißt, wer das ist, oder? Leiter des Rothschild-Auktionshauses, unseres größten Konkurrenten?“

Ein, zwei Sekunden lang starrte Roark ihn einfach nur an. Dann schüttelte er den Kopf. „Nie im Leben.“

„Ich will das ja auch nicht glauben“, gab Vance zu.

Ann Richardson war eine brillante Geschäftsführerin. Klug und fähig wie sie war, hatte sie sich in der Firma nach oben gearbeitet und war die jüngste Leiterin eines Auktionshauses dieser Größe.

Roark lehnte sich zurück. „Und was genau hast du gehört?“

„Tracy hat mich angerufen und vorgewarnt wegen der Kolumne, die heute in der Post erscheint.“

„Tracy Bennett, die Reporterin? Deine Ex?“

„Ja. Sie hat gesagt, die Story würde heute rauskommen.“

„Welche Story?“

„Dass Ann eine Affäre mit Dalton hatte.“

„Ann ist zu klug, um auf Dalton reinzufallen.“ Roark winkte ab.

Zu gern hätte Vance dasselbe getan. Aber seiner Erfahrung nach trafen Menschen ständig dumme Entscheidungen. Und gaben dann „der Liebe“ die Schuld daran. Aber in Wahrheit war das doch nur eine Ausrede, damit sie tun und lassen konnten, was immer ihnen gefiel. Liebe war ein Märchen, das Grußkartenfirmen und Hochzeitsmessen einem weismachen wollten.

„Ich stimme dir ja zu“, sagte er, „aber wenn da irgendwas zwischen ihnen …“

Roark pfiff. „Was könnten wir da schon tun?“

„Nicht viel. Ich werde mit Ann reden, ihr von dem Artikel erzählen.“

„Und?“

„Und ich möchte, dass du die Augen und Ohren offen hältst.“ Vance fixierte seinen Bruder. „Ich vertraue Ann, aber ganz sicher nicht Dalton. Der wollte Waverlys schon immer aus dem Weg haben. Wenn er uns nicht aufkaufen kann, wird er es mit einer Übernahme versuchen – oder versuchen, uns ein Grab zu schaufeln.“ Vance trank einen Schluck Kaffee und blickte Roark entschlossen an. „Und das werden wir nicht zulassen.“

„Guten Morgen, Mr Waverly. Ich habe Ihren Kaffee und den Terminplan für die Woche vorbereitet. Oh! Und die Einladung zur Gartenparty von Senator Crane ist gestern noch gebracht worden.“

Vance blieb vor seinem Büro stehen und musterte seine neue Assistentin. Charlotte Potter war zierlich und kurvig und trug ihr gewelltes blondes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie hatte lebhafte blaue Augen, und ihr geschwungener Mund schien ebenso wie sie auch ständig in Bewegung zu sein.

Sein Vorgänger hatte sie sehr geschätzt, und nur auf dessen Bitte hin hatte Vance sie übernommen. Gerade mal eine Woche war sie jetzt seine Assistentin, aber Vance wusste bereits, dass ihre Zusammenarbeit nicht funktionieren würde.

Sie war zu jung, sie sah zu gut aus und war zu … Sie drehte sich um und bückte sich, um die unterste Schublade des Aktenschranks zu öffnen, und Vance schüttelte den Kopf. Er starrte auf ihre runden Pobacken in der schwarzen Stoffhose. Charlotte war zu … viel.

Als sie sich aufrichtete und ihm einen dicken Umschlag überreichte, sagte er sich, er solle sie einfach an jemand anderen im Unternehmen abschieben. Er konnte sie schließlich nicht feuern, nur weil sie ihn ablenkte. Aber ihm missfiel diese Ablenkung.

Vance hatte lieber matronenhafte Frauen oder einen Mann im Vorzimmer, ob es nun politisch korrekt war oder nicht.

Seine frühere Assistentin Claire war mit fünfundsechzig in Rente gegangen. Sie war kühl, unerschütterlich und notorisch pedantisch gewesen, was ihren Arbeitsplatz anging. Jeder Bleistift hatte stets an seinem Platz gelegen. Vance hatte immer darauf vertrauen können, dass Claire alles im Griff hatte.

Charlotte hingegen … Mit gerunzelter Stirn betrachtete er den Benjamini in der Ecke, die Farne auf dem Regal am Fenster und die dunkelvioletten Usambaraveilchen auf dem Schreibtisch. Dort standen auch gerahmte Fotos, die er noch nie näher betrachtet hatte; bislang hatte er einfach nur das Durcheinander wahrgenommen.

Ihre Stifte steckten in einem Becher, der wie ein Footballhelm der New York Jets geformt war, und neben dem Telefon stand eine Schüssel mit M&Ms. Ganz klar, diese Bitte hätte er niemals erfüllen dürfen. Keine gute Tat bleibt ungestraft, hatte sein Vater immer gesagt.

Vance mochte keine Ablenkung an seinem Arbeitsplatz, und jetzt, wo ihm Schwierigkeiten mit Rothschild drohten, duldete er sie noch viel weniger. Und wenn ihn das zu einem verdammten Chauvinisten machte, nun, dann war das eben so.

Als einer der letzten Waverlys, die noch im Auktionshaus arbeiteten, zog Vance es vor, seine Geschäftsstunden ganz und gar dem Geschäftlichen zu widmen. Und eine attraktive junge Frau förderte nun einmal nicht seine Konzentrationsfähigkeit.

„Danke, Charlotte.“ Er ging auf sein Büro zu. „Und stellen Sie bitte keine Anrufe durch, bis die Vorstandssitzung vorbei ist.“

„Natürlich. Oh, und nennen Sie mich doch Charlie“, erwiderte sie fröhlich.

Vance blieb stehen und blickte zurück. Ihr strahlendes Lächeln war einfach umwerfend. Sie ging zu ihrem Schreibtisch und begann, die Post zu sortieren. Ihr langes Haar fiel ihr über eine Schulter und lag auf ihrer Brust. Etwas in ihm zog sich zusammen. Er hasste es, sich das einzugestehen, aber er musste zugeben, dass man diese Frau unmöglich ignorieren konnte.

Verärgert über sich selbst lehnte er sich gegen den Türrahmen und nippte an dem Kaffee, den sie ihm gegeben hatte. Er beobachtete sie und merkte, dass sie vor sich hinsummte, dieselbe Melodie wie schon die ganze Woche lang. Sie summte sie völlig schräg. Vollkommen unmusikalisch schräg.

Erschöpft schüttelte er den Kopf. Er musste das Londoner Büro anrufen, sich nach den anstehenden Auktionen dort erkundigen. Auch die Gerüchte über Ann beschäftigten ihn immer noch, die Gefahr, die drohte, wären die Gerüchte wahr. Und er war ganz und gar nicht in Stimmung für die Vorstandssitzung, die für den Nachmittag anberaumt war.

Charlotte richtete sich auf und drehte sich um. Sie keuchte auf und legte eine Hand auf ihre Brust, als müsse sie dafür sorgen, dass ihr Herz darin bliebe. Dann lachte sie kurz und schüttelte den Kopf. „Sie haben mich vielleicht erschreckt. Ich habe gedacht, Sie wären in Ihr Büro gegangen.“

Das hätte er auch tun sollen. Stattdessen hatte er sich ablenken lassen. Nicht gut. „Haben Sie schon die Tagesordnung für die Sitzung heute fertig? Ich möchte noch ein paar Notizen machen, bevor ich mich mit dem Vorstand treffe.“

„Natürlich.“ Sie zog einen Hefter aus einem Stapel und reichte ihn ihm. „Ich habe neben der Tagesordnung auch gleich noch eine Liste mit den Privatsammlungen ausgedruckt, die in den nächsten Wochen zur Auktion anstehen.“

Er schlug den Hefter auf und blätterte darin. Seine alten Notizen waren jetzt fett gedruckt auf der Tagesordnung vermerkt, und er schaute sich die weiteren Papiere dahinter an, hielt bei der letzten Seite inne. „Was ist das?“

„Oh.“ Sie lächelte. „Das Layout für den nächsten Katalog hat ein wenig gedrängt gewirkt, daher habe ich ein paar der Bilder neu angeordnet und …“

Er betrachtete ihre Arbeit und musste zugeben, dass es so viel besser aussah. Die Vasen aus der Ming-Dynastie wurden jetzt einzeln präsentiert und erstrahlten in all ihrer Schönheit, im Gegensatz zu vorher, wo sie alle zusammen auf ein Blatt gequetscht worden waren.

„Ich weiß, das hätte ich nicht tun sollen, aber …“

„Sie haben gute Arbeit geleistet.“ Er schloss den Hefter und blickte in ihre sanften blauen Augen.

„Wirklich?“ Sie strahlte ihn an. „Danke. Das ist toll. Ich war ein bisschen nervös, weil ich mir das einfach rausgenommen habe, das kann ich Ihnen sagen. Mir liegt viel an meinem Job hier, und ich will alles richtig machen.“

Als er den Feuereifer in ihrem Blick sah, machte sich ein ungewohntes Schuldgefühl in Vance breit. Sie vibrierte förmlich vor Begeisterung über ihren neuen Job. Und er fühlte sich noch schlechter, weil er bereut hatte, sie eingestellt zu haben.

Vielleicht sollte er dem hier also eine Chance geben. Er musste einfach aufhören, Charlotte als Frau zu sehen.

Doch ein kurzer Blick auf ihre zierliche, kurvige Figur machte diesen Gedanken zunichte.

Das Telefon klingelte, und sie hob ab. „Vance Waverlys Büro.“

Ihre Stimme klang sanft. Verführerisch. Oder vielleicht bildete er sich das nur ein.

„Warten Sie bitte einen Moment.“ Sie drückte eine Taste auf dem Telefon und drehte sich zu Vance um. „Das ist Derek Stone vom Londoner Büro.“

„Oh, gut.“ Er war dankbar für den Vorwand, in sein Büro gehen zu können. „Stellen Sie ihn bitte durch, Charlotte. Und danach keine weiteren Anrufe mehr.“

„Selbstverständlich, Mr Waverly.“

Vance schloss die Tür. Kaum bemerkte er das dumpfe Geräusch seiner Schritte auf dem polierten Holzfußboden. Gemälde Alter Meister sowie noch unentdeckter Künstler hingen an den elfenbeinfarbenen Wänden. Hinter seinem Schreibtisch boten große Fenster einen Ausblick auf die Madison Avenue und das immer geschäftige Manhattan.

Er griff nach dem Telefonhörer und wandte dem Ausblick den Rücken zu, während er am Schreibtisch Platz nahm. „Derek. Gut, dass du anrufst.“

Völlig erschöpft stieß Charlotte den Atem aus und schlich sich an ihren Schreibtisch zurück. Das fröhliche Grinsen auf ihrem Gesicht fühlte sich so spröde an, als könnte es jeden Moment zerbrechen, und sie hoffte bei allen Heiligen, dass Vance Waverly nicht gemerkt hatte, wie nervös er sie machte.

„Warum muss er auch so gut riechen?“, murmelte sie vor sich hin, als sie sich setzte. Sie stütze sich mit den Ellbogen auf und legte den Kopf in die Hände. Sie musste sich in den Griff bekommen.

Ihre Hormone waren leider nicht ihrer Meinung und tanzten weiter aufgeregt durch ihren Körper. Das passierte ihr jedes Mal, wenn sie Vance Waverly begegnete, und es war verdammt beschämend. Wie konnte sie sich so zu dem Boss hingezogen fühlen, der die Hälfte der Leute hier im Haus in Angst und Schrecken versetzte?

Aber so war es nun mal. Er war groß und breitschultrig. Und seine dunkelbraunen Haare sahen immer leicht verwuschelt aus. In den braunen Augen fanden sich kleine Goldsprenkel, und seinen Mund verzog er so gut wie nie zu einem Lächeln. Bei ihm ging es immer nur ums Geschäft, und sie hatte das deutliche Gefühl, dass er sie genauestens beobachtete und nach einem Vorwand suchte, sie zu feuern.

Sie würde ihm keinen liefern.

Dieser Job war das Wichtigste in ihrem Leben. Nun ja, dachte sie und schaute auf das Foto des lächelnden Kleinkinds, das Zweitwichtigste. Aber auf beruflicher Ebene gab es nichts Besseres. Für Vance Waverly, einen Vorstandsvorsitzenden, zu arbeiten war ihre große Chance, und die würde sie nicht aufs Spiel setzen.

Charlie nickte vor sich hin und atmete tief durch. Sie warf noch einmal einen Blick auf das Foto von ihrem Sohn Jake und rief sich in Erinnerung, dass sie vielleicht auf Bitten eines alten Freundes hin eingestellt worden war, aber alle Qualifikationen mitbrachte, diesen Job hervorragend zu meistern. Sie würde stets gut gelaunt und optimistisch und fröhlich bleiben, auch wenn es sie umbrachte.

Als ihr Telefon klingelte, griff sie eilig danach. „Vance Waverlys Büro.“

„Wie läuft’s?“, ertönte die bekannte weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung.

Charlie blickte schnell auf die geschlossene Tür zum Büro ihres Chefs. „Bislang ganz gut.“

„Und was hat er zu deinen Ideen zum Katalog gesagt?“

„Du hast recht gehabt, Katie.“ Sie stellte sich vor, wie ihre Freundin unten in der Buchhaltung grinste. Charlie hatte im Geheimen am neuen Layout des Katalogs gearbeitet und die Vorstellung davon genossen, wie sie ihn gestaltet hätte. Erst auf Katies Vorschlag hin hatte sie ihre Ideen Vance gezeigt. „Er meint, ich habe gute Arbeit geleistet.“

„Hab ich’s dir nicht gesagt?“ Katie tippte, während sie sprach; Charlie hörte, wie sie mit den Fingern auf die Tastatur einhämmerte. „Ich wusste doch, dass ihm deine Ideen gefallen würden. Er ist klug. Er muss einfach merken, dass du fantastische Arbeit leistest.“

„Die ganze letzte Woche lang hat er mich einfach nur beobachtet, als würde er darauf warten, dass ich Mist baue.“

„Vielleicht beobachtet er dich einfach nur, weil du umwerfend aussiehst.“

„Das glaube ich nicht.“ Obwohl der Gedanke einen heißen Schauer in ihr auslöste. Sofort löschte sie ihn mit einem Schwall imaginären Eiswassers. Schließlich war sie nicht wegen einer Verabredung hier. Sie wollte sich ein besseres Leben aufbauen, für sich und für ihren Sohn. Und der neue Job mit der wunderbaren Gehaltserhöhung war Teil des großen Plans. Sie musste nur ihren neuen Boss davon überzeugen, dass sie unverzichtbar war.

„Hast du in letzter Zeit mal in den Spiegel geschaut?“, entgegnete Katie. „Glaub mir, wenn ich vom anderen Ufer wäre, dann würde ich versuchen, bei dir zu landen.“

Charlie lachte angesichts dieser Idee. Katie jonglierte mit so vielen Männern, dass sie kaum einen Moment für sich hatte. Aber Katie hatte nicht ganz unrecht. Die meisten sahen, wenn sie Charlie anschauten, die Blondine mit großen blauen Augen und Brüsten, auf die jede Barbiepuppe stolz gewesen wäre, und zogen daraus sofort den Schluss, dass sie keine einzige funktionierende Gehirnzelle haben könnte. Die meiste Zeit ihres Lebens hatte sie damit zugebracht zu beweisen, dass sie sich irrten.

Das eine Mal, das sie ihrem Herzen statt ihrem Verstand gefolgt war …

„So ist er nicht“, sagte sie und schaute wieder auf die geschlossene Bürotür.

„Süße, alle Männer sind so.“

Charlie ignorierte den Kommentar und senkte die Stimme. „Ich weiß, dass er mich nur aus Gefälligkeit gegenüber Quentin eingestellt hat.“

„Und? Wen kümmert’s, warum er dich eingestellt hat?“ Das Tippgeräusch verstummte plötzlich. „Es ist egal, wie du an den Job gekommen bist. Das Entscheidende ist, dass du ihn hast. Und bereits bewiesen hast, dass du perfekt dafür bist.“

„Danke“, sagte Charlie. „Dann werde ich jetzt an der perfekten Ablage arbeiten. Wir hören uns später wieder.“

Noch als sie auflegte, lächelte Charlie.

2. KAPITEL

Zwei Stunden später knüllte Vance die Zeitung zusammen. Schnell zügelte er seine aufsteigende Wut. Genau wie Tracy gesagt hatte, stand die Story um eine mögliche Affäre zwischen Ann Richardson und Dalton Rothschild auf Seite 26. Für einen Moment gestattete sich Vance die Hoffnung, die Story könnte zwischen all den Anzeigen auf der Seite unbemerkt bleiben.

Aber die Chancen dazu tendierten gegen null. Nichts liebten die Leute mehr als einen ordentlichen Skandal, und über diesen würde man wochenlang sprechen. Die Gerüchte um die Affäre beunruhigten ihn weniger als der Gedanke an mögliche geheime Absprachen. Er hoffte auf Teufel komm raus, dass da nichts dran war, denn sonst mussten sie mit offiziellen Nachforschungen, Anklagen – womöglich mit dem Ruin Waverlys – rechnen.

Er schnappte sich den Hörer und tippte eine Nummer. Ungeduldig wartete er, dass sein Anruf angenommen wurde. „Verdammt, Tracy!“, blaffte er, als sie sich meldete.

„Vance, das ist nicht meine Schuld.“ Tracys Stimme blieb ruhig. „Mein Redakteur hat einen Tipp bekommen, und dem sind wir nachgegangen. Ich habe dich immerhin vorgewarnt.“

„Ja, das war wirklich eine große Hilfe.“ Spät in der Nacht hatte Tracy ihn angerufen. Nicht gerade viel Vorwarnzeit, und er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass sie das nur getan hatte, damit er noch etwas länger darüber brüten konnte.

„Gibt es irgendwelche Beweise für die Story?“

„Du weißt, dass ich dir darauf nicht antworten kann.“

„Schön. Aber wenn du noch weitere ‚Tipps‘ bekommst, lass es mich wissen, bevor du damit in den Druck gehst, ja?“

„Keine Versprechen“, konterte sie. „Klingt das irgendwie vertraut?“ Sie legte auf.

Vance zuckte zusammen. Vor einem Jahr hatte er eine Affäre mit Tracy gehabt, ein paar Monate lang. Und als er mit ihr Schluss gemacht hatte, hatte er sie daran erinnert, dass er die Affäre mit den Worten „keine Versprechen“ begonnen hatte.

Diese Warnung gab er jeder Frau, die in sein Leben trat. Er suchte nicht nach einer lebenslangen Bindung. Er hatte erlebt, was der Tod seiner Mutter und seiner älteren Schwester seinem Vater angetan hatte. Zum Teufel, das hatte den Mann völlig gebrochen, ihn als leere Hülle zurückgelassen. Wenn Liebe eine solche Macht hatte, dann wollte Vance nichts damit zu tun haben. Da er also nicht nach einer Ehefrau suchte, keine Familie gründen wollte, war es da nicht besser, von Anfang an ehrlich zu sein?

Er schüttelte den Kopf, um die Gedanken loszuwerden, schließlich hatten sie mit der aktuellen Situation nichts zu tun. Vance steckte die Hände in die Hosentaschen. Waverlys war alles, was er hatte, und er würde es verdammt noch mal nicht verlieren. Seine Familie hatte dieses Unternehmen aufgebaut, und als einer der letzten Waverlys würde er alles dafür tun, um es zu erhalten.

Er aktivierte die Gegensprechanlage. „Charlie, würden Sie bitte in mein Büro kommen?“

Wenige Sekunden später stand sie in der Tür. Ihr langes blondes Haar hing über eine Schulter, und sie sah ihn aus großen blauen Augen an. Wieder spürte Vance, wie ihm heiß wurde, und er musste das Gefühl mit Macht unterdrücken.

„Gibt es ein Problem?“

„Das könnte man so sagen.“ Vance winkte sie herein. Er deutete auf das große Sofa an der gegenüberliegenden Wand. „Setzen Sie sich.“

Als sie auf dem Sofa Platz nahm, bemerkte er den wachsamen Ausdruck in ihren Augen.

„Entspannen Sie sich.“ Er setzte sich ans andere Ende des Sofas. „Ich werde Sie nicht feuern.“

Sie stieß den Atem aus und lächelte ihm zu. „Gut zu wissen. Was kann ich dann für Sie tun?“

Er blickte sie an. „Sie können mir alles erzählen, was Sie in letzter Zeit über Ann Richardson gehört haben.“

„Wie bitte?“

„Wenn es Gerede gab, will ich es wissen“, sagte er kurz angebunden. „Sie haben bestimmt von dem Artikel gehört.“

Sie sah kurz von ihm weg. „In der letzten halben Stunde stand das Telefon kaum still.“

„Großartig. Wer?“

„Ich habe einen ganzen Stapel mit Nachrichten auf dem Schreibtisch, aber hauptsächlich waren es die anderen Vorstandsmitglieder und ein paar Reporter. Und ein Kabelsender hat wegen eines Interviews angefragt.“

Er ließ sich gegen die Sofakissen fallen und schüttelte den Kopf. „Das wird noch viel schlimmer werden, bevor es vorbeigeht.“ Er musste dringend mit Ann reden. Herausfinden, was genau vorging. Und eine Verteidigungsstrategie ausdenken. Sein Blick bohrte sich in Charlies. „Ich weiß, dass die Leute hier im Unternehmen darüber reden. Was haben Sie gehört?“

„Ich höre nicht auf Tratsch.“

„Was eigentlich ja gut ist. Aber jetzt muss ich wissen, worüber getratscht wird.“

Sie wirkte, als würde sie einen Kampf mit sich selbst ausfechten. Kurz erwog Vance, aus seiner Bitte einen Befehl zu machen, unterließ das aber. Er brauchte so viele Informationen wie möglich und wollte sie daher nicht unnötig gegen sich aufbringen.

Sie biss sich auf die Unterlippe. „Alle sind besorgt. Sie haben Angst, Waverlys könnte geschlossen werden und sie könnten ihre Jobs verlieren. Ehrlich gesagt, bin ich auch etwas beunruhigt. In dem Artikel stand etwas von möglichen Absprachen …“

„Ja, ich weiß.“

„Was sagt denn Ms Richardson?“

„Ich habe noch nicht mit ihr gesprochen. Zwar habe ich eine Vorwarnung zu dem Artikel bekommen, aber nicht rechtzeitig, um noch irgendwas zu unternehmen. Das wird bestimmt auch noch Thema der Vorstandssitzung.“

„Was glauben Sie, was da vorgeht?“, fragte sie.

Zu spät realisierte er, dass er eine Tür zwischen ihnen geöffnet hatte, indem er sie um ihre Meinung gebeten hatte. Noch vor einer Woche wäre sie zu ängstlich, zu nervös gewesen, um so eine Frage zu stellen. Das hatte sich nun offenbar geändert. Seltsamerweise machte ihm das nichts aus. Sie war eine aufmerksame Zuhörerin, und es tat ihm gut, die Sache mit jemandem besprechen zu können.

„Ich weiß es nicht“, gab er zu, was ihn viel Überwindung kostete. Er war nicht daran gewöhnt, im Dunkeln zu tappen. „Ich mag Ann. Und sie ist mir immer wie eine vernünftige, ehrliche Frau vorgekommen. Sie war immer gut für Waverlys …“

„Aber?“

Unwillkürlich lächelte er leicht. Nicht nur eine gute Zuhörerin, auch eine einfühlsame. Das Zögern in seiner Stimme hatte sie sofort gehört.

„Aber die Wahrheit ist, dass ich sie nicht gut kenne. Niemand hier kennt sie wirklich. Sie leistet gute Arbeit, aber bleibt sehr für sich.“

„Das machen viele hier“, erwiderte sie.

Er legte den Kopf schräg. „Was soll das heißen?“

„Entschuldigung.“ Sie versteifte sich. „Ich wollte nicht – ich habe nur gemeint, dass Sie – na ja, Sie sind auch ein ziemlicher Einzelgänger, und … O Gott, bringen wir es hinter uns, feuern Sie mich einfach.“

Zum ersten Mal seit langer Zeit lachte Vance. Überraschung zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab, und er wusste, dass es sich auf seinem spiegelte. Die ganze Woche lang hatte er bedauert, Charlotte Potter eingestellt zu haben. Im Moment wusste er nicht einmal mehr warum. Sie war klug und kompetent, und sie brachte ihn zum Lachen.

Wenn sie nur nicht so gut duften würde.

„Wie schon gesagt: Ich werde Sie nicht feuern.“

Immer noch irritiert von den heißen Gefühlen, die in ihm aufstiegen, drängte Vance all das entschlossen zurück und stand vom Sofa auf. „Wenn Sie irgendetwas hören, lassen Sie es mich umgehend wissen.“ Seine Stimme hatte wieder einen geschäftsmäßigen Ton. Boss zu Assistentin. So wie es sein sollte.

Charlie erhob sich langsam, das Kinn kämpferisch gereckt. „Ich werde meine Kollegen nicht ausspionieren.“

Damit stieg sie nur noch weiter in seiner Achtung. Vance schätzte Loyalität. „Ich bitte Sie nicht zu spionieren. Sie sollen nur zuhören.“

„Das kann ich machen.“

„Gut.“ Er öffnete seine Garderobe und holte seinen Mantel heraus. „Ich gehe jetzt zur Vorstandssitzung.“ Er warf einen Blick auf die Uhr an seinem linken Handgelenk. Wenn er nicht sofort losging, dann würde er zu spät kommen. Und Vance Waverly kam nie zu spät.

„Ich sollte so gegen vier zurück sein – bitte haben Sie dann die Berichte über den Zustand der Ming-Vasen für mich bereit.“

„Natürlich, Sir.“

Er hörte ihren scharfen Klang und bedauerte kurz, dass sie dasselbe tat wie er – zurück auf Geschäftsbeziehung schaltete. Dann ließ er das Bedauern fallen. Besser so. Leichter. Und viel logischer. Er blickte nicht zurück, als er das Büro verließ und zu der Sitzung ging, die vieles bei Waverlys verändern könnte.

Charlie stieß den Atem aus. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass sie die Luft angehalten hatte. Für ein paar wenige Momente hatten Vance und sie sich unterhalten wie … Freunde. Kurz hatte sie hinter die kühle Fassade blicken dürfen, die den Mann sonst umgab.

Und dieser kurze Einblick hatte sie fasziniert und den Wunsch nach mehr geweckt. Ganz und gar nicht gut, schalt Charlie sich. Mehr von Vance Waverly zu wollen machte genauso viel Sinn, wie sich einen Nachmittag in Paris zu wünschen. Und wie die große Chance, Wirklichkeit zu werden.

Mit diesen Gedanken begab sie sich wieder an die Arbeit. Sie nahm einen Hefter von ihrem Schreibtisch und machte sich auf den Weg zum Schmuckverkaufsraum im zweiten Stock. Sie musste Herkunftsberichte für einige Schmuckstücke abgeben.

Der dicke Teppichboden dämpfte das Geräusch ihrer Schritte, als sie über den Flur zum Aufzug ging. Aus den Büros drangen leise Stimmen zu ihr heraus. Hier auf dem siebten Flur wurden die Entscheidungen getroffen, die Waverlys an der Weltspitze der Auktionshäuser hielt. Und genau hier werde auch ich meine Spuren hinterlassen, sagte sie sich und betrat den Fahrstuhl.

Die ersten zwei Stockwerke des altehrwürdigen Gebäudes waren den Verkaufsräumen vorbehalten. Jeder von ihnen war anders. Und alle waren sie wunderschön.

Eichendielen streckten sich ins schier Unendliche. Gemälde und Skulpturen zierten die Wände, und in riesigen Vasen standen Blumen, deren Duft dezent in der Luft lag.

Die Atmosphäre war ähnlich ehrfürchtig wie die in einer Kirche. Und warum auch nicht? Hier waren Schätze aus aller Welt versammelt, um bewundert und dann verkauft zu werden. Charlie ging zum Raum am Ende des Flurs und trat durch die großen Flügeltüren.

„Charlie!“ Justin Dawes kam ihr entgegengeeilt. Er war der Leiter der Edelstein-Abteilung. Er war um die vierzig, wurde langsam kahl und war viel zu dünn. Seine freundlichen blauen Augen schienen in einem ständigen Zwinkern gefangen, ein Fluch seines Berufsstandes, wie er einmal erwähnt hatte. Er blickte zu viele Stunden durch Lupen auf die Edelsteine, die er so sehr liebte.

Heute wirkte er ein bisschen gehetzt und weniger wie sein kultiviertes Selbst. Seine Krawatte hing lose herab, und er hatte die Ärmel seines weißen Hemdes bis zu den Ellbogen hochgekrempelt. „Haben Sie die Herkunftsberichte?“

„Genau hier.“ Sie gab ihm den Hefter.

„Gut. Fantastisch.“ Schnell sah er die Papiere durch. „Sie wurden alle bestätigt?“

„Wiederholt.“ Sie lächelte. „Justin, Sie haben die Steine selbst begutachtet. Noch bevor die Herkunftsberichte hier waren. Machen Sie sich keine Sorgen. Alles ist in Ordnung.“

„Es ist eine bedeutende Sammlung.“ Er betrachtete den Raum, in dem in zwei Tagen die Auktion stattfinden würde. „Wollen Sie mal einen Blick drauf werfen?“

„Sehr gerne.“

Er nahm ihren Arm und führte sie herum. Charlie konnte einen bewundernden Seufzer nicht zurückhalten. Die Juwelen in ihren Schaukästen funkelten wie herabgefallene Sterne – oder Stücke eines Regenbogens.

„Kommen Sie, schauen Sie sich dieses Stück hier an, es ist umwerfend.“

„Oh, mein Gott!“ Unter dem Glas lag eine Kette, wie sie noch nie eine gesehen hatte. An einem Golddraht, so fein wie eine Haarsträhne, hingen unendlich viele Diamanten und Rubine. Die Steine waren in den zierlichen Golddraht eingeflochten und hingen wie Träume aufgereiht an der dünnen Kette. Die Rubine glänzten, und die Diamanten waren …

„Wunderschön.“

„Nicht wahr?“ Justin starrte die Steine verliebt an. „Die Königin von Cadria hat sie getragen, vor über hundert Jahren. Die Kette wurde speziell für sie angefertigt – mancher behauptet von Fabergé selbst.“ Er seufzte leise. „Das können wir natürlich nicht mehr beweisen, auch die königliche Familie weiß das heute nicht mehr. Wirklich eine Schande. Hätte das nicht beeindruckend ausgesehen auf dem Herkunftsbericht? Trotzdem, das Stück ist atemberaubend.“

Charlie fürchtete sich fast schon, in der Nähe der Kette zu atmen. „Sie ist absolut bezaubernd. Aber warum werden so viele der königlichen Juwelen versteigert?“

„Ah.“ Er zwinkerte ihr zu. „Der König möchte seine Großmutter mit einer Stiftung ehren. Und die Erlöse dieser Auktion kommen direkt dieser Stiftung zugute. Außerdem glaubt er, dass die Publicity, die diese Auktion hervorruft, noch mehr Leute zu Spenden anspornen wird, ganz im Sinne der Wohltätigkeit seiner Großmutter.“

„Kommt mir trotzdem noch furchtbar vor, all diesen Familienbesitz zu verkaufen.“

„Oh, machen Sie sich mal keine Sorgen über die Königsfamilie, Süße. Die haben so viele Juwelen und Glitzerkram, dass sie gar nicht wissen, was sie damit anfangen sollen. Diese Stücke hier werden vermutlich nicht mal vermisst.“

„Also ich würde eine Kette wie die hier vermissen. Ich würde sie zwar vermutlich nicht tragen, ehrlich, ich hätte zu viel Angst, sie zu zerbrechen oder zu verlieren – aber ich würde sie vermissen.“

„Sie haben ein weiches Herz, Charlie.“ Justin lächelte. „Und Sie werden die Legende zu dieser Kette lieben.“

„Eine Legende?“

„O ja. Alle guten Steine haben eine Legende. Der damalige König ließ diese Kette speziell für seine Braut anfertigen, als Hochzeitsgeschenk. Es heißt, die Rubine wären verzaubert und würden das Geheimnis für eine lange und glückliche Ehe bergen.“

Charlie fragte sich, wie es wohl wäre, so sehr geliebt zu werden. „Das ist wunderbar.“

Justin blinzelte ihr zu. „Ja. Und es wird den Preis für die Kette in die Höhe treiben. Die Bieter mögen nichts lieber als eine gute Story zu einem schönen Schmuckstück.“

Sie konnte einfach nicht anders, sie musste lachen. „Sie sind schamlos.“

„Ertappt“, gab er mit einem Grinsen zu.

Charlie streckte eine Hand nach dem Glaskasten aus, dann hielt sie inne, bevor sie ihn berührte.

„Keine Sorge. Das Alarmsystem ist gerade ausgeschaltet. Hier.“ Justin hob den Glasdeckel hoch.

„So sieht sie noch schöner aus.“ Charlie seufzte.

„Möchten Sie sie streicheln?“, fragte er lachend.

„Streicheln, anprobieren, nach Hause mitnehmen und in den Schlaf singen.“ Sie legte die Hände auf den Rücken, um nicht der Versuchung zu erliegen und die Steine anzufassen.

„Da kann ich Ihnen keinen Vorwurf draus machen. Und bei Ihrem Hautton würde sie Ihnen fantastisch stehen.“

Fast konnte Charlie schon fühlen, wie sich die goldene Kette kühl um ihren Hals schmiegte, wie sich jeder Stein eisig kalt an seinen Platz legte. Oh, es wäre wundervoll und erschreckend zugleich, etwas zu besitzen, das so … magisch aussah. Dann stellte sie sich den Ausdruck auf Vance Waverlys attraktivem Gesicht vor, während er ihr die Kette umlegte und – Okay. Schluss damit!

Mit den Leuten, die hier hereinkommen und mit den Juwelen der Königin wieder hinausgehen konnten, hatte sie nichts gemein. Was auch bedeutete, mahnte sie ihre Hormone, dass sie nichts mit Vance Waverly gemein hatte.

3. KAPITEL

„Ich werde diese unbegründeten Gerüchte nicht mit einer Rechtfertigung würdigen“, sagte Anne Richardson sanft. Ihr Blick glitt über die am Tisch versammelten Vorstandsmitglieder. „Und ich hoffe, ich kann auf die Unterstützung von Ihnen allen zählen.“

Einige der Versammelten rutschten unruhig auf den Stühlen herum, nur Vance blieb ruhig und fixierte die Frau, die ihnen mit der Haltung einer jungen Königin gegenüberstand. Der Blick aus ihren eisblauen Augen war scharf, und sie erwiderte furchtlos das Starren der Vorstandsmitglieder. In ihrem elegant geschnittenen Hosenanzug stand sie aufrecht da, wirkte ebenso stark wie stolz, und forderte jeden Einzelnen von ihnen heraus, ihr zu widersprechen.

Vance hatte Ann Richardson schon immer bewundert, aber nie so sehr wie in diesem Moment. Nach diesem Zeitungsartikel würde man in der ganzen Stadt über sie flüstern, spekulieren. Aber es schien, als hätte sie sich für einen Umgang damit entschieden – eiserne Gleichgültigkeit –, und dazu konnte er ihr nur gratulieren. Würde sie die Vorwürfe vehement bestreiten, so würde sie den Gerüchten nur neues Futter liefern.

Die Vorstandsmitglieder sahen erschüttert und besorgt aus, und er wusste, dass sie alle an die möglichen Folgen dachten. Wenn sich die Situation nicht schnell klären ließ, könnten sich die Gerüchte erst zu einem ernsthaften Verdacht und dann gar zu einem Fakt entwickeln. Ob sie nun schuldig war oder nicht, die Sache konnte leicht Anns Karriere und ihren Ruf zerstören – und auch Waverlys.

Die Stille im Raum war betäubend, während die Sekunden verstrichen. Auch Vance schwieg, denn er wollte erst die Reaktionen der anderen hören, bevor er sich äußerte. Er wusste, er würde nicht allzu lange warten müssen. Es wurden zehn Sekunden.

„Das Ganze ist unfassbar“, ereiferte sich George Cromwell.

„Es sind alles haltlose Anschuldigungen.“ Anns Stimme blieb ruhig. „Ich würde Waverlys niemals einem Risiko aussetzen, und ich hoffe, dass Sie alle das wissen.“

„Ja, Ann“, erwiderte George Cromwell. „Ich bin mir sicher, wir alle wissen Ihre Hingabe an unser Unternehmen zu schätzen. Aber dieser Artikel zeigt deutlich, dass wir ein Problem haben.“

Vance bemerkte Anns winziges Zucken. Allerdings war er sicher, der Einzige zu sein, der es gesehen hatte.

„Der Artikel besteht aus nichts weiter als Gerüchten und Vermutungen.“

„Aber er ist da“, entgegnete George Cromwell. „Und wo Rauch ist, ist auch Feuer, das zumindest werden die Leute denken.“

Vance verdrehte die Augen. Typisch George, der musste jedes Klischee aussprechen. Der alte Fuchs war längst übers Rentenalter hinaus, aber er hatte keinerlei Absicht, seinen Vorstandsposten aufzugeben. Er mochte die Macht. Er mochte den Einfluss. Und im Moment sah es so aus, als bereite es ihm Vergnügen, Ann in die Mangel zu nehmen.

„Wie können wir uns in dieser Sache auf Ihr Wort verlassen, wenn diese Reporterin ganz offenbar genug Beweise hatte, um diese Story zu bringen?“

„Seit wann muss eine Reporterin eine Story beweisen?“, fragte Ann geringschätzig. „In den Tageszeitungen steht mehr Fiktion als Sie im Buchladen nebenan finden werden. Das wissen Sie doch alle.“

Gutes Argument, dachte Vance, der die Geschäftsführerin immer noch prüfend betrachtete. Er wünschte sich, er würde Ann besser kennen. Aber sie war immer darauf bedacht gewesen, die Menschen um sich herum auf Abstand zu halten – und diese Strategie könnte sich jetzt als fatal erweisen.

„Die Leute glauben, was sie lesen.“

„Ach, sei doch still, George“, mischte Edwina Burrows sich vom anderen Ende des Tisches ein.

„Du weißt, dass ich recht habe!“

Die zwei älteren Vorstandsmitglieder schossen weiter verbale Pfeile aufeinander ab, und Vance beobachtete Ann. Es musste hart sein, dieser Bande gegenüberzustehen und sich gegen Gerüchte zu verteidigen.

Schließlich wandte sie sich ihm zu. „Vance? Was sagst? Du bist der letzte Waverly im Vorstand, und daher schätze ich deine Meinung. Glaubst du mir?“

Vance betrachtete sie. Er wusste, dass nun alle auf seine Einschätzung warteten. Was immer er jetzt sagte, konnte die Vorstandsmitglieder für Ann einnehmen oder gegen sie aufbringen. Wie auch immer – er war zuallererst dem Unternehmen verpflichtet. Tausende von Leuten und deren Jobs hingen von Waverlys ab. Aber er schuldete auch Ann seine Unterstützung. Sie war eine kluge und kompetente Geschäftsführerin und hatte ihm nie Grund gegeben, an ihrer Loyalität zu zweifeln.

Trotzdem war er nicht überzeugt, dass sie in allem die Wahrheit sagte. Ob es ihm nun gefiel oder nicht, in einem Punkt hatte George recht. Diese Reporterin hatte irgendetwas aufgeschnappt, etwas, was sie zu dieser Story veranlasst hatte. Doch falls Ann tatsächlich eine Affäre mit Dalton hatte, bezweifelte Vance, dass sie Waverlys schaden wollte.

„Ich glaube dir“, sagte er laut und deutlich. Letztendlich vertraute er immer auf seinen Instinkt.

Ihre Schultern entspannten sich ein wenig.

Aber er war noch nicht fertig. „Nichtsdestotrotz müssen wir vorbereitet sein, sollte diese Reporterin weiter mit Schmutz um sich werfen.“ Seine stille Botschaft an sie verstand sie sicher: Wenn ich mich in dir täusche, hast du besser einen guten Plan in der Hinterhand – denn wenn ich dich zur Rettung Waverlys feuern muss, bist du Geschichte.

Sie nickte ihm kurz und knapp zu.

„Du hast recht.“ Sie wandte sich wieder an den gesamten Vorstand. „Dalton Rothschild darf man nicht trauen. Wenn er glaubt, dass er den Riss in unserer Rüstung finden kann, wird er handeln.“

„Wie?“, fragte Edwina.

Ann biss die Zähne aufeinander. „Eine feindliche Übernahme wäre nicht ausgeschlossen.“

Vance hörte still den empörten Schreien und dem aufgebrachten Flüstern zu. Warum hatte niemand von ihnen daran gedacht? Erst den Ruf des Hauses ruinieren und dann die Trümmer aufkaufen. Kein schlechter Plan, dachte Vance mit eisiger Gelassenheit. Aber einer, der schiefgehen konnte. Dafür würde er sorgen.

Er beobachtete Ann, wie sie darauf wartete, dass der Tumult sich legte. Als ihr das zu lange dauerte, klopfte sie mit den Fingerknöcheln auf den Tisch, wie eine Lehrerin, die eine laute Klasse zur Ruhe bringen wollte. Stille kehrte ein.

„Wir müssen alle ab sofort sehr vorsichtig sein. Unsere Angestellten genau beobachten. Wenn Dalton Ernst macht, könnte er jemanden von uns als Spion anwerben. Wir dürfen im Moment nichts als gegeben hinnehmen. Waverlys braucht uns – uns alle und unsere Wachsamkeit.“

Der Gedanke an einen Spion im eigenen Haus behagte Vance ganz und gar nicht. Warum sollte jemand Waverlys betrügen? Das Unternehmen bot beste Arbeitsbedingungen, sorgte gut für alle Angestellten. Zum Teufel, sie hatten im vierten Stockwerk sogar eine Kindertagesstätte eingerichtet, damit Mütter sich während der Arbeit keine Sorgen um ihre Kinder machen mussten.

Kinder.

Der Gedanke löste eine Erinnerung aus. Das gerahmte Foto auf Charlies Schreibtisch. Das Foto eines kleinen Jungen, der in die Kamera grinste und dabei zwei unglaublich winzige Zähne zeigte. Unbehagen stieg in ihm auf, während die Vorstandssitzung weiterging.

Kurz fragte er sich, ob er nun Charlie misstrauen musste.

Er hörte den auf- und absteigenden Stimmen im Raum zu, was er normalerweise nicht tun musste, um zu wissen, was gesagt wurde. Die beiden einzigen Frauen im Vorstand, Veronica Jameson und Edwina Burrows – beide große Damen der Gesellschaft und beide in den Siebzigern –, standen immer an Anns Seite.

„Ich bin mir sicher, Sie wissen am besten, was zu tun ist, Ann“, sagte Veronica.

„Danke. Das weiß ich zu schätzen.“

„Da bin ich mir sicher“, mischte Simon West sich hörbar verärgert ein.

„Mir ist klar, wie schwierig diese Situation für uns alle ist.“ Anns Stimme übertönte die aller anderen. „Aber wenn wir zusammenhalten, bin ich mir sicher, dass wir …“

„Zusammenhalten? Wogegen? Eine vorübergehende Gefahr? Oder gegen Sie?“ Simon, ein runzeliger, kleiner Mann, schlug mit seinem Gehstock auf den Tisch, um die anderen zum Zuhören zu bringen. Selbst Vance schreckte aus seinen Gedanken auf.

Simon war länger bei Waverlys, als irgendwer zurückdenken konnte. Manche behaupteten, er wäre schon bei der Einweihung des Hauses vor 150 Jahren dabei gewesen. Ein Lächeln huschte bei diesem Gedanken über Vances Gesicht.

Simon war wütend und wirkte, als bekäme er gleich einen Herzinfarkt. „So etwas ist hier noch nie passiert! Nicht bevor wir zugelassen haben, dass eine Frau die Geschäfte führt!“

„Oh, um Himmels willen“, murmelte Vance. Manchmal vergaßen die Mitglieder der alten Garde, dass sie in einer modernen Welt lebten, in der Frauen nicht mehr zu Hause am Herd blieben, es sei denn, sie wollten das.

„Das ist nicht hilfreich, Simon.“ Ann blieb ruhig, und Vance bewunderte sie für ihre Geduld. Wäre es um ihn gegangen, dann hätte er sicherlich den Gehstock an sich gerissen und ihn in die nächste Ecke gefeuert.

Veronica und Edwina stürzten sich in Verteidigung ihres Schützlings ins Getümmel, und Vance verdrehte die Augen.

Er warf einen Blick auf den leeren Stuhl am Tisch. Sein Onkel Rutherford Waverly hätte dort sitzen sollen. Und Vance hätte jetzt zu gern dessen Meinung zu all dem gehört. Doch Rutherford hasste alles, was mit Waverlys zu tun hatte, seit er und Vances Vater sich vor Jahrzehnten heftig gestritten hatten. Auch Vance hatte mit seinem Onkel seit Jahren nicht gesprochen.

Trotzdem hätte er jetzt gern die Unterstützung eines kühleren Kopfes gehabt. Eine unvoreingenommene Meinung gehört.

„Ob es uns nun gefällt oder nicht, die Situation ist, wie sie ist.“ Ann brachte die Streithähne zum Verstummen, indem sie so leise und ruhig sprach, dass sie still sein mussten, um ihre Worte zu verstehen. „Falls Dalton Rothschild eine Übernahme plant, müssen wir alle die Augen offen halten und auf Anzeichen von Betrug oder Verrat achten. So sehr es mir missfällt, das zu sagen, jemand von unseren Leuten könnte für den Feind spionieren.“

Wieder sah Vance seine neue Assistentin vor sich. Was wusste er schon wirklich über sie?

Zurück an ihrem Schreibtisch, arbeitete Charlie die Post von Vance auf. Anfragen für Echtheitsprüfungen aus der Gemälde-Abteilung und die gerade hereingekommenen Zertifikate für die Ming-Vasen, deren Auktion als Nächstes anstand.

Sie überflog alle Berichte auf dem Bildschirm, bevor sie sie zum Drucker schickte. Es faszinierte sie, über Künstler zu lesen, die vor Jahrhunderten gelebt und so wunderschöne, fragile Kunstwerke geschaffen hatten, die ihre eigenen Leben überdauert hatten.

Wie musste es gewesen sein, solch langlebige Kunst zu erschaffen? Hatten sie erwartet, dass ihre Werke so lange bestehen bleiben würden? Oder hatten sie nur daran gedacht, eine Vase zu schaffen, die einen reichen Käufer anlocken würde, damit sie ihre Familie ernähren könnten? Das würde wohl niemand je wissen, aber Charlie liebte es, sich die Leben dieser längst gestorbenen Künstler auszumalen. Was sie wohl denken würden, wenn sie ihre Vasen hier in einem modernen Auktionshaus sehen könnten?

Während der Laserdrucker summte, ertönte ein heller Klang, der eine hereinkommende Mail ankündigte. Sie öffnete das Mail-Programm und klickte auf den Betreff. Dann erstarrte sie.

Ihr Blick blieb auf dem Bildschirm haften, ihr Herz stand still. Ihr stockte der Atem.

Angst stieg in ihr auf und fraß sich in ihre Seele.

4. KAPITEL

Vance verließ den Sitzungssaal und dachte über das nach, was Ann gesagt hatte. Er wollte so gern glauben, dass da nichts war zwischen ihr und Dalton Rothschild. Ebenso wie er glauben wollte, dass niemand eine feindliche Übernahme vorbereitete. Und dass jemand bei Waverlys für den Feind spionieren könnte, war ein schier unerträglicher Gedanke.

Einzig noch schlimmer war, was ihm seitdem nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte. Wenn er schon jemanden der Spionage verdächtigte, würde er Charlotte Potter genau unter die Lupe nehmen müssen. Sie war neu im Unternehmen. Neu als seine Assistentin. Eine Position, die ihr Zugang zu vielen vertraulichen Informationen über das Haus verschaffte.

Er marschierte den langen Flur zu seinem Büro entlang, und wer immer ihm entgegenkam, machte ihm umgehend Platz. Vance nahm das nur am Rande wahr. Seine Gedanken rasten. War Charlie eine Spionin? Oder war sie so unschuldig, wie sie aussah?

Er musste herausfinden, was hier vorging.

Charlie starrte auf die wenigen Sätze der Mail.

Ich weiß, wer Du wirklich bist. Leite alle Geschäftsunterlagen der letzten fünf Jahre von V. Waverly an diese Adresse weiter, oder riskiere vor einem Gericht, als ungeeignet zur Mutter erklärt zu werden.

„Ungeeignet?“ Charlie drehte sich der Magen um, als die kleine, ordentliche Welt, die sie sich aufgebaut hatte, um sie herum einstürzte.

Furcht verschlang sie, und sie konnte kaum atmen. Sie war nicht ungeeignet. Sie liebte ihren Sohn und würde um ihn kämpfen. Und doch flüsterte eine Stimme in ihr: Die Vergangenheit hat dich eingeholt, Charlie. Du kannst sie nicht ändern. Kannst sie nicht verstecken. Wenn jemand herausfindet …

„Jemand hat es herausgefunden. Aber wer?“ Sie hörte die Eiseskälte der Angst in ihrer Stimme. Das hier konnte nicht geschehen. Es war unmöglich. Niemand hier in New York wusste etwas über sie – weder wo sie aufgewachsen war noch wer ihre Familie war. Außer …

Die Erkenntnis ließ sie zitternd zurück. Die einzige Person, die ihre Vergangenheit kannte, war Jakes Vater. Der Mann, den sie nicht mehr gesehen hatte, seit sie ihm gesagt hatte, dass sie schwanger war.

Ein Mann, der nicht einmal existierte, wie sie schnell herausgefunden hatte, als sie damals nach ihm gesucht hatte.

O Gott, sie war so eine Idiotin gewesen! So jung und dumm und vertrauensvoll. Frisch aus der Kleinstadt angekommen, hatte sie einen Job auf dem untersten Level bei Waverlys bekommen und sich so … kultiviert gefühlt. Das leibhaftige Klischee: Junge Frau kommt in die Großstadt. Kennt niemanden. Ist überwältigt von den Möglichkeiten einer Welt, die größer ist, als sie je geglaubt hätte.

Schnell hatte sie eine kleine Wohnung in Queens gefunden. War jeden Tag mit der U-Bahn nach Manhattan gefahren. Hatte sich als Teil der großen, geschäftigen und aufregenden Stadt gefühlt. Im Rückblick konnte sie sehen, was für eine leichte Beute sie für den Mann gewesen war, der sie verführt hatte.

Sie hatte ihr Telefon fallen lassen, und der große, attraktive Mann hatte es für sie aufgehoben. Ein Blick in seine lächelnden braunen Augen und sie hatte jegliche Vernunft verloren, die ihre Großmutter ihr jahrelang gepredigt hatte.

Sie schämte sich immer noch, wenn sie daran dachte, wie leichtgläubig sie auf seine Komplimente hereingefallen war. Seine Aufmerksamkeiten.

Er hatte sie im Sturm erobert, hatte sie in nur wenigen Wochen in sein Bett bekommen und sie davon überzeugt, dass es wahre Liebe war. Sie war überwältigt gewesen, weil so ein bedeutender Architekt wie Blaine Andersen sie und nur sie gewollt hatte. Er hatte ihr erzählt, sein Urgroßvater hätte das Waverly-Auktionshaus entworfen. Er war so liebevoll und nett gewesen – hatte ihr Blumen und Süßigkeiten ins Büro gebracht, hatte ihren Blackberry gefunden, beide Male, die sie ihn verloren hatte. Er war der Traumprinz, daran hatte sie geglaubt.

Bis sie ihm erzählt hatte, dass sie schwanger war. Und er verschwunden war. Und sie ihn gesucht und entdeckt hatte, dass Blaine Andersen, Architekt, gar nicht existierte. Dass der Andersen, der das Waverly entworfen hatte, nie Kinder gehabt hatte. Dass sie bereitwillig all die Lügen geschluckt hatte, weil sie so sehr geliebt werden wollte. Akzeptiert.

Die Erinnerungen schwirrten ihr durch den Kopf und ließen sie voller Wut zurück. Das musste Blaines Werk sein. Nur ihm hatte sie ihre Vergangenheit anvertraut.

„Du wirst mich kein zweites Mal zur Närrin machen“, murmelte sie und tippte schnell eine Antwort.

Wer bist Du?

Die Antwort traf umgehend ein. Spielt keine Rolle. Ich kenne dich. Und ich werde dafür sorgen, dass du dein Baby verlierst.

Allein schon die Worte auf dem Bildschirm zu sehen, krampfte sich ihr Bauch vor Furcht zusammen. Der Absender, wer immer er war, hatte einen Link mitgeschickt. Voller Angst klickte sie darauf.

Ein alter Zeitungsartikel erschien auf dem Bildschirm. Eine Story über ihren Vater und wie er gestorben war. Schnell klickte sie das alles weg, als könnten sich die Worte in den Bildschirm einbrennen und als Schandfleck darauf zurückbleiben.

Charlie presste die Hände zusammen, bis ihre Knöchel weiß wurden. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Wenn sie vor Gericht um ihren Sohn kämpfen müsste, würde sie verlieren. Das wusste sie.

„O Gott!“

„Probleme?“

Sie fuhr herum und sprang auf. Vance Waverly stand im Türrahmen. Wirkte sie so schuldig, wie sie sich fühlte? Konnte er die Panik in ihren Augen sehen? Wie lange stand er schon da? Was hatte er gesehen? Was gehört?

Er trat ins Zimmer und schien es ganz und gar auszufüllen. Er war so groß, so breitschultrig, und seine Augen waren scharf genug, um einer Frau bis auf den Grund ihrer Seele zu blicken. Sie hoffte, sein Blick ginge in genau diesem Moment nicht so tief.

„Nein“, brachte sie schließlich hervor. „Keine Probleme.“ Die Lüge kam ihr leicht über die Lippen, auch wenn sie einen bitteren Geschmack zurückließ. Sie wollte kein Leben führen, das sie zum Lügen zwang. Aber welche Wahl hatte sie?

„Gut.“ Er musterte sie immer noch. „Haben Sie die Papiere für die Ming-Vasen fertig?“

„Ja, ich bringe sie Ihnen sofort.“

„Ist wirklich alles in Ordnung?“ Er betrachtete sie nachdenklich und mit schmalen Augen.

Reiß dich zusammen, Charlie! ermahnte sie sich. Sie durfte ihn nicht sehen lassen, wie durcheinander sie war. Er durfte nicht wissen, dass jemand versuchte, sie zu erpressen. Sie konnte nicht riskieren, dass jemand herausfand, wer sie war – wenigstens nicht, bis sie einen Ausweg aus diesem Chaos gefunden hatte. Ihr würde schon was einfallen. Sie brauchte nur etwas Zeit. Nur ein bisschen Zeit.

Charlie atmete kurz durch und nickte. „Selbstverständlich. Ich hole Ihnen die Papiere.“

Als er in sein Büro zurückging, fiel sie in sich zusammen. Was sollte sie bloß tun? Wenn sie wie verlangt die Unterlagen weiterleitete, konnte sie das den Job kosten. Leitete sie die Papiere nicht weiter, konnte sie ihren Sohn verlieren. Doch wenn sie beim Weiterleiten der Papiere erwischt wurde, konnte sie ins Gefängnis kommen und ihren Sohn verlieren.

Tränen brannten ihr in den Augen, aber sie kämpfte gegen sie an. Sie würde nicht weinen. Sie war nicht mehr das naive junge Ding, das Jakes Vater verführt und betrogen hatte. Sie war älter. Klüger. Sie hatte sich verbrannt und ihre Lektion gelernt. Und jetzt musste sie nicht nur sich selbst beschützen. Sie war eine Mutter. Und niemand würde ihr den Sohn wegnehmen.

Niemand.

In den folgenden Tagen behielt Vance seine neue Assistentin genau im Blick. Sicher, er kannte sie nicht gut, aber selbst er erkannte die Veränderungen an ihr. Sie war sprunghaft. Nervös. Wenn sie ihr Mail-Programm öffnete, schien es, als erwarte sie, ihr Computer würde explodieren.

„Irgendwas stimmt nicht mit ihr“, sagte er.

„Dann finde raus, was es ist“, erwiderte Roark.

„Tolle Idee. Warum bin ich da nicht drauf gekommen?“

Roark ignorierte den Sarkasmus und zuckte nur mit den Schultern. Er ließ den Blick über die Fußgänger auf der Fifth Avenue schweifen. Der Sommer war da, und die Sonne schien sichergehen zu wollen, dass das auch ja alle bemerkten. Der Himmel war strahlend blau, die Hitze geradezu drückend, und der absolute Verkaufsschlager an den Straßenkiosken war eiskaltes Wasser.

Selbst unter dem großen Sonnenschirm spürte Vance die Hitze noch. Trotzdem hatte er darauf bestanden, mit seinem Bruder hier draußen zu essen, wo sie nicht belauscht werden konnten.

„Erst gestern habe ich Charlie an meinem Schreibtisch überrascht. Sie ist so bleich geworden, als würde sie gleich umfallen.“

Roark grinste. „Das muss gar nichts heißen. Du kannst Furcht einflößend sein.“

Vance runzelte die Stirn. Das stimmte doch nicht. Oder? Nun ja, wenn er so darüber nachdachte – die meisten Leute wichen vor ihm zurück, wenn er einen Raum betrat. War es also nur das? War Charlie einfach nur in seiner Gegenwart nervös?

„Nein, das ist es nicht.“ Vance schüttelte den Kopf. „Sie hat nicht ängstlich gewirkt, sondern schuldig.“

Roark drehte sich wieder zu ihm um und schob die Sonnenbrille hoch. „Wenn du wirklich wissen willst, was los ist, dann kitzel es aus ihr heraus. Verführ sie.“

„Wie bitte?“

„Ein nettes Abendessen. Ein kleiner Tanz. Ein bisschen Wein …“ Er zuckte wieder mit den Schultern. „Der schnellste Weg, der Sache auf den Grund zu gehen.“

„Und unmoralisch.“

„Genauso wie den Arbeitgeber ausspionieren.“

„Ich kann kein Date mit meiner Assistentin haben.“

„Dagegen gibt es keine Regeln.“

„Aber es gibt Anzeigen wegen sexueller Belästigung.“

Roark lachte. „Ich habe nicht gesagt, dass du mit ihr schlafen sollst.“

Nein, aber zu genau dieser Vorstellung waren seine Gedanken abgewandert, ganz ohne Hilfe. Seit Tagen dachte er nun über Charlie Potter nach, und dabei ging es nicht nur um Verdachtsmomente.

Ihre Haare waren für ihn fast schon zu einer Besessenheit geworden. Er wollte durch diese blonden Locken streichen und sie kühl an seiner Haut spüren. Und ihr Duft – leicht und blumig schien er in der Luft zu hängen, auch wenn sie gar nicht im Büro war. Der Klang ihrer Stimme – und ihre Beine in den Schuhen mit diesen unglaublich hohen Absätzen, die sie immer trug … Ja, sie beschäftigte ihn viel zu sehr in letzter Zeit.

„Und wenn ich herausfinde, dass sie schuldig ist?“, fragte Vance.

„Dann feuerst du sie. Oder – du benutzt sie, um Rothschild mit falschen Informationen zu füttern.“

„Benutzen und wegwerfen – das meinst du doch damit, oder?“ Auch wenn er nicht in der Waverly-Familie aufgewachsen war, schien Roark deren Feinfühligkeit zu haben. Vielleicht lag das im Blut. Zum Teufel, nachdem er den Verlust von Frau und Tochter erst einmal überwunden hatte, war ihr eigener Vater von einer Frau zur nächsten gehüpft. Sein Herz hatte er kein zweites Mal aufs Spiel gesetzt, und so war Vance in einem Liebesvakuum aufgewachsen. Und er hatte von seinem Vorbild gelernt.

Roark war mit einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen, also war es bei ihm vielleicht ähnlich gewesen. Wodurch wir nur noch mehr Gemeinsamkeiten haben, dachte Vance.

„Wenn sie schuldig ist, schuldest du ihr gar nichts“, sagte Roark. „Ist sie unschuldig, musst du auch nichts unternehmen. Eine Win-win-Situation.“

„Ich werde drüber nachdenken.“ Als hätte er in den letzten Tagen an irgendwas anderes gedacht.

„Gut. Halt mich auf dem Laufenden.“ Roark setzte seine Sonnenbrille wieder auf. „Morgen früh bin ich weg. Hab noch ein paar Dinge zu erledigen, und dann geht’s nach Dubai.“

„Dubai?“ Vance lächelte. Sein Halbbruder war ein Genie, wenn es darum ging, wertvolle Dinge für Auktionen bei Waverlys aufzutreiben. Der Nachteil daran: Er war kaum je in New York. Er flog so viel in der Weltgeschichte herum, dass er bereits seinen dritten Reisepass hatte – so schnell füllte er sie mit Stempeln.

„Ja.“ Roark grinste. „Bin was Unglaublichem auf der Spur. Wenn ich das bekomme, ist es mit Rothschilds Glück vorbei. Wir wären so weit an der Spitze, dass die uns nicht mal mehr berühren könnten.“

„Was ist es?“

„Eine Überraschung. Wird das Warten wert sein. Vertrau mir.“

Und das tat Vance. Er warf eine paar Geldscheine auf den Tisch und folgte seinem Bruder. Taxifahrer hupten, in der Ferne heulte die Sirene eines Krankenwagens, und der Geruch von Hot Dogs lag in der Luft.

„Pass auf dich auf“, bat Vance.

„Mach ich doch immer.“ Roark schlug ihm auf die Schulter. „Ich bin bald zurück. Und ich habe mein Satellitentelefon immer dabei. Ruf mich an, wenn du mich brauchst.“

„Mach ich.“ Vance sah Roark hinterher, bis er in der Menschenmasse verschwunden war.

Sein Bruder, der Schatzjäger, war auf und davon, auf der Jagd. Und Vance musste seine eigene Jagd beginnen. Die Verführung der Assistentin. Missmutig schloss er sich einer Gruppe Fußgänger an und überquerte die Straße. Er hatte so ein Gefühl, dass Roarks Job wesentlich uninteressanter würde als seiner.

Die ganze Woche über war Charlies Nervenkostüm bis aufs Äußerste angespannt. Sie tat ihr Bestes und riss sich zusammen, aber …

„Nummer 32“, rief der Auktionator.

Sie schreckte aus ihren Gedanken hoch und zuckte zusammen. Durch ihre Adern strömte so viel Adrenalin, dass sie vermutlich aus eigener Kraft bis zum Mond und zurück hätte fliegen können.

Charlie mahnte sich selbst zur Konzentration und trug ein Teakholztablett mit einer mit Diamanten und Saphiren besetzten Tiara in den Auktionsraum. Sie zwang sich, nicht mehr an den Erpresser zu denken, der ihr jetzt täglich immer bedrohlichere Mails schickte. Sie durfte jetzt keinesfalls stolpern und hinfallen, das Tablett aus den Händen rutschen lassen, sodass die Tiara gegen die nächste Wand knallen würde.

O Gott! Allein der Gedanke brachte sie dazu, aufrecht und langsam zu gehen. Der Auktionator starrte sie an, als wolle er sagen: Nun machen Sie schon!

Sie ignorierte ihn und blieb neben dem Podium stehen. Dabei hielt sie das Tablett leicht geneigt, damit das Publikum einen guten Blick auf die Tiara werfen konnte.

An jedem anderen Tag würde sie das hier genießen. Sie würde dem Publikum zulächeln und stolz zum Podium schreiten, weil sie so Teil der Waverly-Tradition würde.

Heute konnte sie sich gerade so aufrecht halten.

Sie hätte sich krankmelden und die heutige Auktion verpassen können. Aber sie brauchte das Geld, das die Überstunden bringen würde. Und sie wollte nicht zulassen, dass ihre Welt ganz und gar aus den Angeln gehoben wurde. Sie wollte keine Angst haben, also gab sie vor, keine zu spüren. Sie wollte nicht verlieren, was sie sich hier aufgebaut hatte.

„Wir starten mit einem Gebot von 35.000 Dollar.“

Der Auktionator begann sein Spiel, und Charlies Gedanken schweiften wieder ab. Sie musste eine Lösung finden. Jeden Tag öffnete sie voller Furcht ihre Mails. Und jeden Tag fasste der Erpresser sich kürzer. Bedrohlicher. Seit der ersten hatte sie ihm nicht mehr geantwortet und gehofft, er würde somit annehmen, sie bekäme seine Mails nicht.

Doch auch wenn sie darauf hoffte, wusste sie, dass das nicht passieren würde.

Wer auch immer ihr diese Mails schickte, wollte Informationen und würde nicht aufhören, bis er oder sie diese bekam. Und wo würde Charlie das hinbringen?

Ins Gefängnis oder nur in die Arbeitslosigkeit? Würde sie ihren Sohn verlieren?

Ihr Herz begann zu klopfen, und sie fühlte sich schwach. Sie schluckte und hielt sich aufrecht. Die Gebote kamen jetzt immer schneller. Nummern wurden gehoben und gesenkt. Bieter nickten. Telefone klingelten, und anonyme Bieter gaben ihre Gebote ab. Aufregung lag in der Luft, aber Charlie fühlte nichts davon. Schließlich sauste der Hammer des Auktionators herunter, und das Geräusch ließ sie zusammenzucken.

„Verkauft für 75.000 Dollar.“

Das war für Charlie das Zeichen, die Tiara in den Aufbewahrungsraum zurückzubringen. Dort würde der neue Besitzer sie nach dem Ende der Auktion abholen.

Justin nahm ihr die Tiara ab. „Danke, Süße. Sie können sich jetzt ein bisschen ausruhen. Ich brauche Sie erst wieder für die Nummern 41 und 46.“

Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Ich werde hier sein.“

„Hey, alles in Ordnung mit Ihnen?“

Gott, war sie so leicht zu durchschauen? Wie konnte sie jemals als Spionin erfolgreich sein und etwas unter Vance Waverlys Nase stehlen, wenn schon Justin – ein Mann, der kaum von den Schätzen aufblickte, die er überwachte – sofort bemerkte, dass etwas mit ihr nicht stimmte?

„Alles okay. Ich bin nur ein bisschen hungrig. Hab das Frühstück ausgelassen.“

„Dann gehen Sie und essen Sie was.“ Er tätschelte ihr den Arm. „Wir haben Snacks für alle im Pausenraum aufgebaut.“

„Mach ich.“

Aber Justin hörte schon gar nicht mehr zu. „Sam, leg die Onyxringe auf roten nicht auf schwarzen Samt. Wer soll sie denn so sehen?“

Das Auktionsteam um sie herum war geschäftig, und Charlie stahl sich hinaus auf der Suche nach etwas Ruhe. Ein bisschen Zeit für sich, zum Nachdenken.

Allerdings dachte sie seit Tagen über ihr Problem nach und fand keine Lösung. Konnte nicht entscheiden, wie sie damit umgehen sollte. Wusste nicht, mit wem sie darüber sprechen konnte, denn niemand hier kannte sie aus der Zeit, bevor sie nach Manhattan gekommen war. Und sie wollte, dass es auch so blieb.

Charlie nahm sich einen Keks von dem Tisch mit den Snacks und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Sie biss von dem Zimtgebäck ab, auch wenn es in ihrem Mund nach nichts als Sägespänen schmeckte.

Jake spielte oben in der Kindertagesstätte. Ihr kleiner Junge war sicher und glücklich. Sie musste dafür sorgen, dass er beides blieb. Doch dafür musste sie die Leute bestehlen, die ihr in ihrem Job vertrauten. Sie fühlte sich wie entzweigerissen.

„Nichts kann so schlimm sein“, sagte jemand mit tiefer Stimme hinter ihr.

Vance Waverly stand im Türrahmen und blickte sie an. Eine heiße Welle durchflutete sie. Schon in den Anzügen, die er normalerweise trug, sah Vance so heiß aus, dass sie keine Worte dafür finden konnte. Heute jedoch trug er schwarze Jeans, ein weißes Hemd und dazu schwarze Stiefel. Er sah nicht nur heiß aus, sondern … gefährlich. Und so sexy, dass ihr Mund trocken wurde und sie sich am Rest ihres Bissens verschluckte.

Sie hustete und keuchte, schlug sich mit der flachen Hand auf die Brust und rang nach Luft, während ihre Augen feucht wurden.

Er reichte ihr eine Wasserflasche und stand wartend neben ihr, als sie einen Schluck nahm und der Husten langsam nachließ. Als sie sich schließlich beruhigt hatte, lächelte er. Und wie er lächelte – absolut verheerend. Vermutlich war es gut, dass er so selten lächelte. Keine Frau wäre immun gegen ein Lächeln von Vance Waverly.

„Das ist mir noch nie passiert, dass eine Frau sich fast zu Tode verschluckt bei meinem Anblick.“

„Sie haben mich überrascht.“

„Offensichtlich.“ Er legte den Kopf schräg. „Alles in Ordnung?“

„Ja.“ Sie hielt die Wasserflasche mit beiden Händen fest. „Alles klar.“

„Gut.“ Er zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben sie. „Also, was macht Sie so nervös?“ Er musterte sie.

„Nichts“, log sie und starrte in seine braunen Augen mit den verführerischen goldenen Sprenkeln. „Ich bin nur müde. Mein Sohn hat letzte Nacht schlecht geschlafen, und das heißt, niemand von uns hat geschlafen.“

„Kann Ihr Mann nicht helfen?“

Sie wurde rot. „Ich bin nicht verheiratet. Es gibt nur Jake und mich.“

„Muss hart sein.“

„Das kann ich nicht bestreiten, aber ich würde auch nichts daran ändern wollen.“

„Der Junge hat Glück.“

„Also, was machen Sie hier?“

„Ich arbeite hier.“ Ein Lächeln deutete sich auf seinem Gesicht an.

Genial, Charlie. Wirklich genial. „Ja, aber sonst kommen Sie nicht zu den Auktionen.“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich wollte Sie sehen.“

„Sie sehen mich doch jeden Tag.“ Nervosität stieg in ihr auf, und sie bemühte sich, ihr Zittern nicht zu zeigen.

„Ja, aber hier ist das etwas anderes. Wir sind nicht im Büro. Hier sind wir eher wie … Freunde.“

Sie lachte und trank noch einen Schluck. „Freunde?“

„Stimmt da dran was nicht?“

Oh, wenn er nur wüsste. Sie waren keine Freunde. Bei Freunden fühlte man sich nicht durcheinander und nervös. Freunde ließen einen keine Träume haben, aus denen man aufwachte und nach ihnen greifen wollte. Und Freunde spionierten einander nicht aus – oder hatten die Macht, einen zu feuern.

„Vermutlich nicht“, sagte sie, da sie das, was ihr gerade durch den Kopf gegangen war, kaum wiederholen konnte.

„Gut. Denn ich möchte meine ‚Freundin‘ heute zum Abendessen einladen.“

„Wie bitte?“

5. KAPITEL

Niemand war überraschter als Vance selbst, nachdem er mit dieser Einladung herausgeplatzt war. Obwohl Charlie, ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, einen fast ebenso großen Schock erlitten hatte.

„Abendessen?“ Ihre Stimme klang höher als sonst. „Mit Ihnen?“

Er verdrehte die Augen. „Nein, mit Justin.“

Sie lachte leise. „Das würde seiner Frau kaum gefallen.“

„Ich muss auf keine Frau Rücksicht nehmen …“ Er blickte auf ihre Hände. Kein Ring. „Und Sie sind auch nicht verheiratet. Also, wo liegt das Problem?“

Sie krampfte die Hände in ihrem Schoß zusammen. „Sie sind mein Boss.“

„Wenn ich also sage, dass es okay ist, sollte es das auch sein.“

„Ich weiß nicht.“ Sie blickte sich um, als wolle sie sich vergewissern, dass sie immer noch allein waren.

„Es ist nur ein Abendessen, Charlie.“ Er wusste selbst nicht, warum er so hartnäckig versuchte, sie zu überreden. Vielleicht weil er nicht an Zurückweisungen gewöhnt war. Üblicherweise schmissen die Frauen sich ihm an den Hals. Charlie Potter war anders. „Sie müssen doch etwas essen.“

Sie trommelte nervös auf dem Tisch herum. „Ich weiß die Einladung zu schätzen, wirklich, aber Jake ist oben in der Kindertagesstätte und …“

„Wir können ihn mitnehmen.“ Vance konnte kaum glauben, dass er das gesagt hatte. Den Abend mit einem Baby zu verbringen, war ganz und gar nicht Teil des ursprünglichen Plans gewesen. Zum Teufel, er wusste nicht einmal, wann er zuletzt ein Baby gesehen hatte. Aber sie war drauf und dran gewesen, seine Einladung abzulehnen, und das konnte er unmöglich zulassen. So schwer würde es schon nicht werden.

Sie lachte kurz auf. „Sie wollen wirklich mit einem Baby im Schlepptau essen gehen? Sie?“

Noch eine Sekunde zuvor hatte er genau deswegen an seinem Verstand gezweifelt, aber jetzt, wo sie über die bloße Idee lachte, fühlte er sich beleidigt. „Ich habe wenigstens ein Jahrzehnt lang kein Baby mehr verspeist“, erklärte er mit feierlichem Ernst. „Ich denke, Ihr Sohn ist bei mir sicher.“

Das Lächeln lag noch immer auf ihren Lippen. „Er schon, aber werden Sie das auch überleben?“

„Es ist nur ein Essen, Charlie. Ich glaube, das schaffe ich.“

„Mr Waverly …“

„Vance.“

Sie blickte so entsetzt drein, dass er sich schon ärgerte.

„Das kann ich nicht.“

Missmutig sah er sie an. Sie machte ihm wirklich das Leben schwer. Noch nie hatte er sich so anstrengen müssen, um sich mit einer Frau zu verabreden. Er hatte erwartet, dass sie seine Einladung dankbar annehmen würde. Aber er hätte wissen müssen, dass Charlie Potter eben nicht das Erwartete tat.

„Ich bin der Boss. Wenn ich also sage, Sie können, dann ist es okay.“

„Also gut, Vance.“ Sie schüttelte leicht den Kopf. „Wie gesagt, ich weiß die Einladung zu schätzen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie Ihren Abend mit einem Baby verbringen möchten.“

Was dachte sie von ihm? Er war doch kein verdammtes Monster! Millionen Menschen gingen Tag für Tag mit Babys um. Und er war Vance Waverly. Es gab nichts, womit er nicht fertig würde. „Gerüchten nach war ich auch mal ein Kind.“

„Gibt es so kleine Anzüge?“

Er legte den Kopf schräg. „Machen Sie sich über mich lustig?“

„Ein bisschen.“

Vance konnte sich nicht erinnern, wann ihm das zum letzten Mal passiert war. Seltsamer noch: Er genoss es. Auch das hatte er nicht geplant.

„Okay.“ Er blickte ihr in die Augen. „Ich kann damit umgehen.“

„Mr Waverly – Vance“, korrigierte sie sich schnell, bevor er es tun konnte. „Ich weiß nicht, was hier vorgeht, aber …“

Sie wollte ihn schon wieder zurückweisen, und er wollte verdammt sein, wenn er das zuließ. Zwar sagte er sich, er täte all das für Waverlys, aber die Wahrheit war etwas komplizierter. Darüber allerdings wollte er nicht weiter nachdenken.

„Charlie, es ist nur ein Abendessen. Wenn Sie hier fertig sind, holen wir Ihren Sohn ab und gehen essen.“

„Das klingt verdächtig nach einem Befehl.“

„Muss es das denn sein?“

Sie dachte einen Moment lang nach und nickte dann. „Das würde es für mich einfacher machen.“

„Wir sprechen hier von einem Abendessen, Himmel noch mal! Ich lade Sie ja nicht nach Bali auf ein Sex-Wochenende ein …“ Bei dem Gedanken stoppte er abrupt. Die Bilder, die das in ihm weckte, waren zu verführerisch. Charlie nackt, im sanften Licht des Mondes, wie sie zu ihm aufblickte und ihre Arme um ihn … Er rutschte unangenehm berührt auf seinem Stuhl hin und her, bis er merkte, dass sie mit ihm sprach.

„Ähm, okay, dann. Also, Abendessen. Sicher.“ Sie räusperte sich. „Ich kann frühestens in einer Stunde hier weg.“

„Gut.“ Wo waren nur diese Bilder hergekommen? Vance fragte sich, ob in ihrem Kopf Ähnliches vorgegangen war.

„Charlie!“, rief Justin von nebenan. „Ich brauche Sie hier!“

„Ich komme!“ Die Erleichterung in ihrer Stimme verriet Vance, was er wissen wollte. Sie war auf denselben Fantasie­trip gegangen wie er. Nur schien sie sich schneller davon zu erholen.

Schon sprang sie von ihrem Stuhl auf. „Sehen Sie sich die Auktion an?“

Er biss die Zähne zusammen, um sich von dem Ziehen in seinen Lenden abzulenken. „Ja. Ich komme in einer Minute nach. Gehen Sie nur.“

Sie blickte ihn verwundert an, aber zuckte nur mit den Schultern. „Bis gleich dann.“

Er sah ihr nach, bewunderte ihren Po unter dem schmalen schwarzen Rock – und weiter unten diese High Heels, durch die ihre Beine so lang und schlank wirkten.

Hör auf, sie anzustarren, sonst wirst du nie hier rausgehen können, schalt er sich und griff nach einem Muffin.

Die Auktion nahm an Tempo zu, als die wertvolleren Stücke der Sammlung präsentiert wurden. Eigentlich hätte Charlie all das hier genossen, aber jetzt konnte sie nur an die Drohung denken, die über ihr hing.

Nun, wenn sie ehrlich war, konnte nicht einmal der Möchtergern-Erpresser sie so aus der Ruhe bringen, wie es Vance Waverly gerade getan hatte. Ein Sex-Wochenende auf Bali?

Sobald sie die Worte gehört hatte, waren ihre Gedanken auf Fantasiereise gegangen. Sofort hatte sie Vance und sich auf einer Bank gesehen, aneinander gekuschelt, während der Mond auf sie herabschien. Er hatte sie umarmt, und seine Hände fühlten sich auf ihrer Haut so heiß an wie die Leidenschaft, die in seinen Augen brannte.

Sie hatte keinerlei Probleme, ihn sich in ihrem Bett vorzustellen. Vom Boss zum Liebhaber in weniger als einer Sekunde. Wenigstens in ihrer Vorstellung. Himmel, sie steckte wirklich in Schwierigkeiten.

Warum war er plötzlich so nett zu ihr? So … interessiert? Die meisten Männer nahmen die Beine in die Hand, sobald sie erfuhren, dass eine Frau alleinerziehende Mutter war. Aber Vance lud sie und Jake zum Essen ein. Warum?

„Verkauft für 47.000 Dollar“, verkündete der Auktionator, und Charlie war dankbar für die Unterbrechung. Gleich war sie wieder dran und musste die Kette präsentieren, deren Geschichte Justin ihr erzählt hatte.

Sie war sich der begehrlichen Blicke nur zu bewusst, als sie den Raum betrat. Und die galten nicht allein dem Schmuck, den sie zeigte.

„Die mit Diamanten und Rubinen besetzte Kette von Königin Cadria“, sagte der Auktionator. „Und wie Sie sehen können, ein wahrhaft bezauberndes Schmuckstück.“

Ein Foto der Kette wurde auf die Leinwand hinter dem Podium projiziert, und die Frauen im Saal seufzten ergriffen auf.

Charlie konnte das Gefühl nachvollziehen. Die Juwelen waren wunderschön, auch wenn Justin ihr erklärt hatte, dass der altmodische Schliff der Diamanten und Rubine den Preis für das Schmuckstück mindern würde. Was sie absolut nicht nachvollziehen konnte, doch da es außer Frage stand, dass sie die Kette kaufte …

Während sie durch den Gang zwischen den Bietenden schritt, erzählte der Auktionator die Geschichte der Kette. „Dieses faszinierende Schmuckstück war ein Hochzeitsgeschenk für die einstige Königin von Cadria. Und die Legende verspricht der Frau, die diese Schönheit trägt, eine lange und glückliche Ehe. In Ihren Programmen finden Sie den Gesamt-Karatwert der Kette. Wir starten mit einem Gebot von 150.000 Dollar.“

Charlie geriet beinahe ins Stolpern, als sie ihn diese Summe aussprechen hörte, aber sie fing sich gerade noch. Sie verstärkte ihren Griff um die Schmuckschatulle, in der sie die Kette präsentierte, und schritt durch den Mittelgang. Von Zeit zu Zeit blieb sie stehen und gestattete dem Publikum einen genaueren Blick. In der letzten Reihe erspähte sie Vance. Er saß allein, und sein Blick galt nicht der Kette, sondern ihr.

Sofort hatte sie wieder Bali und den Strand im Kopf und spürte seine Hände auf ihrer Haut. Ihr wurde heiß. Ihr Herz galoppierte. Sie war nicht daran gewöhnt, dass ein Mann sie mit solchem … Begehren ansah. Aber das lag unmissverständlich in seinen Augen, und Charlie begann zu fürchten, dass das Essen mit Vance eine Tür öffnen könnte, die besser geschlossen blieb.

Die Hitze seines Blicks trieb ihre Temperatur weiter in die Höhe, und sie wusste, sie würde diese Tür öffnen, ob es nun klug war oder nicht. Sie schenkte ihm ein kurzes Lächeln, das er nicht erwiderte, und kehrte an ihren Platz neben dem Podium zurück.

Sie hörte nichts von den Geboten, das Schlagen ihres Herzens war viel zu laut. Wie hatte sich ihr Leben innerhalb einer Woche so sehr ändern können? Sie wurde nicht nur erpresst, nein, sie hatte auch ernsthaft erotische Tagträume über einen Mann, der sie noch vor wenigen Tagen zu Tode geängstigt hatte.

Vielleicht stand sie kurz vor einem Zusammenbruch. Das würde eine Menge erklären.

Sie zwang sich, ihre immer schneller kreisenden Gedanken zu ignorieren, und schaute auf die Kette. Während sie das Schmuckstück bewunderte, hoffte sie, dass es jemand kaufen würde, der seine Schönheit zu schätzen wusste und nicht nur den finanziellen Wert. Etwas so Schönes musste getragen werden. Berührt.

„Herzlichen Dank, Ladies und Gentlemen, damit ist unsere heutige Auktion beendet“, verkündete der Auktionator. „Im Namen von Waverlys bedanke ich mich für Ihre Unterstützung und möchte Sie noch gern zu einem Glas Champagner im großen Salon einladen. Und wenn Sie zu den Glücklichen gehören, die ein Stück Ihrer Wahl ersteigert haben, kommen Sie bitte mit in den anschließenden Raum, damit wir das Geschäft zum Abschluss bringen können. Noch einmal Ihnen allen einen herzlichen Dank.“

Der Applaus holte Charlie endgültig aus ihren Gedanken. Sie war so abwesend gewesen, dass sie nicht einmal das letzte Gebot mitbekommen hatte. Vorsichtig brachte sie die Kette zurück in den Ausstellungsraum.

„Das war fantastisch.“ Justin strahlte, als sie ihm die Kette überreichte.

„Wie hoch war das letzte Gebot?“

„Das haben Sie nicht gehört?“

Sie schüttelte den Kopf.

Justin starrte sie an, als könne er nicht begreifen, wie jemand Diamanten und Rubinen nicht die ihnen gebührende Aufmerksamkeit schenken konnte. „Das letzte Gebot kam per Telefon.“ Missmutig fuhr er fort: „Ich hasse Telefongebote. Ich will wissen, wer unsere Schmuckstücke kauft.“

Charlie lächelte.

„Wie auch immer, die Kette ist für drei fünfundsiebzig über den Tisch gegangen.“

„375.000 Dollar?“ Sie starrte ihn fassungslos an.

Justin hob die Augenbrauen, und seine Augen leuchteten. „Ich habe doch gesagt, es ist ein unglaublich faszinierendes Schmuckstück.“

Sie schaute auf die Kette mit den funkelnden Juwelen. „Bin ich froh, dass ich die Summe nicht gehört habe, als ich die Kette noch halten musste.“

„Danke für Ihre Hilfe heute, Süße.“

„Sie wissen doch, wie gern ich auf den Auktionen arbeite.“ Sie warf einen Blick auf ihre Uhr. „Ich mache besser, dass ich loskomme, ich muss Jake noch abholen.“

„Sicher.“

„Sind Sie fertig?“ Vances tiefe Stimme klang von der Tür herüber, und Charlie spürte die unwillkommene Hitze wieder in sich aufflammen.

„Ja.“ Sie wandte sich zu ihm um.

„Fertig wofür?“, erkundigte sich Justin.

Vance schwieg, und Justin wartete, ließ seinen viel zu interessierten Blick zwischen Vance und ihr hin und her wandern.

„Vance – ich meine, Mr Waverly – hat angeboten, Jake und mich heimzufahren.“

„Hmmm…“

„Erst zum Essen und dann nach Hause“, stellte Vance klar.

„Verstehe.“ Justins Augen funkelten so sehr, dass sie eigentlich schon Funken sprühen mussten. „Nun, dann, will ich mal niemanden aufhalten.“

Als er ihr zublinzelte, seufzte Charlie laut auf. Sie griff nach ihrer Handtasche und schaute ihren Boss an. „Dann lassen Sie uns gehen.“

Sobald sie außer Hörweite waren, räusperte Charlie sich. „Ihnen ist schon klar, dass morgen jeder bei Waverlys von unserem gemeinsamen Abendessen wissen wird.“

„Ja. Ich kenne Justin lange genug.“

„Warum haben Sie es dann vor ihm erwähnt?“

„Wollten Sie unser Abendessen geheim halten?“

„Nicht geheim.“ Sie folgte ihm in den Fahrstuhl. „Aber …“

Er hob eine Augenbraue. „Gibt es ein Problem?“

„Sollte es nicht eins geben?“ Schließlich war er ihr Boss, und nun ging sie mit ihm aus. Er löste Gefühle in ihr aus, die sie nicht wollte und doch genoss. Und seine Familie hatte Waverlys gegründet, das Unternehmen, das sie liebte und nun verraten sollte, wenn es nach ihrem Erpresser ging.

Konnte ihr Leben noch komplizierter werden?

Vance nahm ihre Hand. „Ich glaube, Sie grübeln zu viel.“

Als er sie den Flur hinunterführte und immer noch ihre Hand hielt, wusste Charlie, dass sie tief in Schwierigkeiten steckte. Und das Schlimmste daran war, dass es ihr nichts ausmachte.

Vance war in der Hölle gelandet.

Das ließ sich an dem Geschrei um ihn herum leicht bestätigen.

Bei seiner Einladung hatte er ein nettes Restaurant im Sinn gehabt. Nicht zu exklusiv, aber auch nicht zu billig. Einfach etwas Nettes dazwischen, mit gutem Service und einer ruhigen Atmosphäre, sodass sie sich unterhalten konnten. Damit er herausfinden konnte, ob sie eine Spionin war oder nicht.

Was er nicht im Sinn gehabt hatte, war ein im Zoo-Stil eingerichtetes Diner, in dem es mehr Kinder als Erwachsene gab und die Spezialität des Hauses aus Makkaroni mit Käse bestand.

„Sie sehen nicht gerade glücklich aus.“

„Wie bitte?“ Er hob die Stimme, um die schreienden Kinder zu übertönen.

„Ich habe gesagt, Sie sehen unglücklich aus und als wären Sie lieber woanders.“

„Nein, haben Sie nicht.“

„Okay, das meiste davon hab ich nur gedacht. Aber Sie sehen wirklich unglücklich aus.“

Sie hingegen ganz und gar nicht, bemerkte Vance. Ihr Sohn saß in einem Kinderstuhl neben ihr am Tisch. Vance kannte sich mit Babys nicht aus, doch dieses hier sah ganz gut aus und war zum Glück besser erzogen als die anderen kleinen Tyrannen um sie herum.

„Es ist nur ein bisschen laut.“

„Tatsächlich?“ Sie zerkleinerte eine Hühnchenbrust für ihren Sohn. „Ist mir nicht aufgefallen.“

„Wirklich?“ Er beugte sich vor. „Ich habe gar nicht gemerkt, dass Sie taub sind.“

Sie lachte, und etwas in Vance zog sich so fest zusammen, dass er kaum atmen konnte. Wenn sie lächelte, war sie wunderschön. Wenn sie lachte, war sie unvergleichlich. Ihr ganzes Gesicht leuchtete, und ihre Augen funkelten. Und ihr volles Lachen entlockte ihm ein Grinsen.

„Tut mir leid, Vance. Das hier ist wirklich eine Qual für Sie, oder?“

Plötzlich kam es ihm gar nicht mehr so schlimm vor. „Macht mir nichts aus.“

„Außer dass Sie aussehen wie ein Mann, der am liebsten auf der Stelle die Flucht ergreifen würde.“

„Nein, ganz und gar nicht.“ Er runzelte die Stirn.

„Dann sollten Sie lächeln, damit ich Ihnen glaube.“

Er lächelte.

„Das sollten Sie öfter tun. Sie wirken viel weniger bedrohlich, wenn Sie lächeln.“

„Vielleicht gefällt mir bedrohlich ja.“

„Sie sind jedenfalls wirklich gut darin.“ Sie beugte sich vor und küsste ihren Sohn auf die Stirn. Der Kleine grinste und strampelte mit den Beinen. Dann schloss er eine Faust um ein Stückchen Huhn.

Vance blickte sich in dem Diner um, er weigerte sich, das hier als Restaurant zu bezeichnen. Die Kellner trugen mit Tiermustern bedruckte Uniformen, gingen als Zebras, Löwen und Tiger. Andere Angestellte trugen ganze Tierkostüme und wurden von einer Armee Kleinkinder in der Spielecke belagert. Vance konnte sich keinen schlimmeren Job vorstellen.

Aber er war hier mit Charlie, und sie schien entspannt und glücklich, also würde er das Beste aus der Situation machen. Während sie nicht länger auf der Hut war, würde er so viele Informationen sammeln wie möglich. Und am Ende des Abends würde er wissen, ob sie eine Spionin war – oder eine potenzielle Geliebte.

6. KAPITEL

Vance beugte sich zu ihr herüber, damit er nicht brüllen musste. „Also, wie hat Ihnen die Auktion gefallen?“

„Wundervoll.“ Ihre Augen leuchteten. „Das ist es jedes Mal. Aber heute mit den königlichen Juwelen. Etwas zu berühren, das vor Hunderten von Jahren von einer Königin getragen worden ist. Wundervoll – und auch beängstigend.“

„Beängstigend?“

„Wissen Sie, für wie viel diese Kette verkauft wurde?“ Sie lachte und schüttelte den Kopf. „Ich habe ständig gefürchtet, ich würde die Kette fallen lassen oder aus Versehen den Golddraht beschädigen oder einen der Steine herausdrücken oder so was …“

Sein Mund zuckte. „Eine lebhafte Fantasie.“

„Oh, unglaublich lebhaft. Vermutlich werde ich Jake in den Wahnsinn treiben, wenn er etwas größer ist. Wenn er sich erkältet, wächst sich das in meinem Kopf innerhalb von Sekunden zu einer Lungenentzündung aus, dann sehe ich schon ein Sauerstoffzelt vor mir und wie ich eine Lunge spende oder so.“ Sie atmete tief durch. „Jetzt, wo Sie wissen, dass ich verrückt bin, dürfen Sie gern die Beine in die Hand nehmen.“

„Hab ich nicht vor.“

„Nicht?“ Sie legte den Kopf schräg, und eine Kaskade blonden Haars fiel ihr über die Schultern. „Ich frage mich warum.“

Das fragte er sich auch. Sie gehörte nicht zu dem Typ Frau, den er sonst attraktiv fand, und doch fand er sie so anziehend, dass er den Tumult um sich herum hinnahm, nur um ihr gegenübersitzen zu dürfen.

„Wie auch immer, ich liebe die Auktionen“, kam sie auf seine Frage zurück. „Teil dieser ganzen Aufregung zu sein, wenn auch nur ein kleiner.“

Vance nickte. „Das verstehe ich. Mein Vater hat mich zum ersten Mal auf eine Auktion mitgenommen, als ich zehn war. Sport-Fanartikel. Baseballkarten, der Handschuh von Babe Ruth, der Lieblingsschläger von Ted Williams, all so Sachen.“

Sie lächelte ihn an, ermutigte ihn schweigend weiterzuerzählen.

„Selbst mit zehn habe ich diese Aufregung gespürt, die Sie eben meinten. Diese Dinge aus der Vergangenheit zu sehen und wie sie eine neue Chance bekommen, wieder wertgeschätzt werden …“

„Genau.“ Ohne nachzudenken, tätschelte sie ihm in diesem Gefühl der Verbundenheit die Hand. „Wie der Schmuck heute. Justin meinte, in Cadria wäre er vermutlich in einem Safe geblieben – wer weiß? Aber heute sind die Schmuckstücke wieder ans Tageslicht gekommen. Wurden bewundert. Gekauft, um wieder getragen zu werden. Zu funkeln.“ Sie seufzte.

„Der Schmuck hat Ihnen wohl gefallen?“

„Welcher Frau nicht? Besonders diese Kette. Aber nicht nur wegen der Steine, vor allem wegen der romantischen Geschichte. Ein Hochzeitsgeschenk eines Königs an seine Königin. Die Legende dahinter, dieses ‚glücklich bis an ihr Lebensende‘. Die Diamanten und Rubine waren nur Teil davon.“ Immer noch hingerissen schüttelte sie den Kopf. „Umwerfend.“

Am Tisch hinter ihnen schrie ein Dreijähriger nach Kuchen, und seine Eltern sagten ihm, er solle seine Drinnenstimme benutzen. Vance zweifelte, dass der Junge so etwas überhaupt besaß.

„Woher kommt Ihr Interesse an Auktionen? Ich meine, ich wurde da hineingeboren. Was ist Ihr Grund?“

Die Kellnerin brachte Kaffee und einen Teller mit Obst. Charlie schnitt eine Melone in kleine Stücke. „Als ich im College war, bin ich mit Freunden zu ein paar Auktionen gegangen. Natürlich waren die nicht vergleichbar mit denen bei Waverlys. Da wurden eher Farmgeräte versteigert, ein paar Antiquitäten und Möbel. Aber das Gefühl war dasselbe. Wissen Sie, was ich meine? Diese Erwartung – wenn die Leute hoffen, etwas Besonderes zu entdecken. Vielleicht ein Gemälde für einen Dollar zu kaufen und unter einem hässlichen, Poker spielenden Hund einen Alten Meister zu finden …“

Er lachte.

Charlie zuckte mit den Schultern. „Es war einfach alles zusammen. Der Auktionator, die Menschenmenge, das Bieten. All das. Als meine Großmutter gestorben ist …“

„Ihre Großmutter?“

Sie hielt inne, und er sah das Zögern in ihrem Blick, als sie sich auf die Unterlippe biss. Seine Neugier war geweckt.

„Meine Großmutter hat mich aufgezogen. Jedenfalls, als sie gestorben ist, habe ich zusammengepackt und bin nach New York gegangen. Vor zwei Jahren habe ich dann einen Job bei Waverlys bekommen. Hab in der Personalabteilung angefangen und mich hochgearbeitet. Und jetzt arbeite ich direkt für den Boss.“

Er lachte. „Einen der Bosse wenigstens.“

„Warum haben Sie uns zum Essen eingeladen?“ Sie strich ihrem Sohn ein paar Haarsträhnen aus der Stirn. „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Sie ein unstillbares Verlangen danach hatten, mit einer Bande Kinder um sich herum zu essen.“ Ihre Augen weiteten sich. „Ups.“

Vance spürte, dass jemand ihn beobachtete und drehte den Kopf. Der dreijährige Schreihals starrte ihn aus großen dunklen Augen an. Vance starrte zurück. Als der Junge ihm die Zunge rausstreckte, lachte Charlie und Vance zuckte zusammen.

„Trevor!“ Die Mutter des Jungen zog ihn zurück auf seinen Stuhl. „Entschuldigung“, murmelte sie.

Vance wandte sich wieder Charlie zu. „Der böse-Boss-Blick zeigt offensichtlich keinerlei Wirkung auf Kinder.“ Er sah ihr in die Augen. „Sie genießen das, oder?“

„Wäre es falsch, jetzt Ja zu sagen?“

„Ja, absolut.“

Sie nickte. „Dann also Nein. Nein, mir gefällt das ganz und gar nicht. Es ist furchtbar, wie Sie hier leiden müssen.“

Reumütig lächelte er sie an. Er konnte sich nicht einmal erinnern, wann er zum letzten Mal aufgezogen worden war. Die meisten Leute – Frauen – behandelten ihn mit einer Vorsicht, als wäre er eine Granate, die jeden Moment explodieren könnte. Nicht so Charlie. Und obwohl er dieses Diner nie wieder betreten wollte, so hatte er doch eine erstaunlich gute Zeit hier.

Das hatte er nicht erwartet. Er hatte sie zum Reden bringen, ihre Geheimnisse herausfinden wollen. Was er immer noch nicht getan hatte. Was wiederum bedeutete, er würde mehr Zeit mit ihr verbringen müssen. Ein Plan, der ihm gefiel.

Jake rieb sich mit seinen winzigen Fäusten die Augen. „Ich sollte ihn nach Hause und ins Bett bringen“, sagte Charlie.

„Es ist noch nicht mal acht.“

„Babys gehen früher ins Bett als wir.“

„Oh, natürlich.“ Idiot. Er bat um die Rechnung und zahlte. Sie standen auf, und Charlie hob ihren Sohn aus dem Kinderstuhl.

Sofort streckte der die Ärmchen nach Vance aus.

Vance starrte den kleinen Jungen an. Seine Haare standen in alle Richtungen und auf seinem I-love-Mommy-T-Shirt war ein Essensfleck. Seine dunklen blauen Augen fixierten Vance, als wäre er Osterhase und Weihnachtsmann zugleich.

Er hatte nie viel mit Babys zu tun gehabt und hätte bis heute Abend auch behauptet, keinerlei Interesse an Kindern zu haben. Aber dieses Baby war irgendwie anders. Ruhiger als die anderen Kinder im Diner. Und es hatte diese Grübchen, genau wie seine Mutter.

„Jake …“ Charlie war von ihrem Sohn offenbar genauso überrascht wie Vance. Aber wer war er schon, dagegen zu argumentieren? Vance streckte die Arme nach dem kleinen Jungen aus und legte ihn gegen seine Brust. Charlie folgte ihnen, und Vance ging voran zur Tür.

Das Baby schmiegte sich an Vance und, trotz seiner besten Bemühungen, schmolz Vance dahin.

„Ich kann nicht glauben, dass ich das erst von Justin erfahren musste.“ Katie ließ sich neben Charlie auf die Steinbank fallen. „Hast du dein Handy schon wieder verloren?“

„Nein.“ Charlie lachte. „Ich wollte es dir ja erzählen, aber …“

„Aber du warst zu abgelenkt von dem Date mit deinem Boss?“

Katies erstaunter Gesichtsausdruck spiegelte sicherlich ihren eigenen wider, da war sich Charlie sicher. Himmel, sie war letzte Nacht live dabei gewesen und stand immer noch unter Schock. Nach dem Essen hatte Vance ein Taxi angehalten – und war mit eingestiegen.

Jake war, an seine breite Brust geschmiegt, auf dem Heimweg eingeschlafen. Und obwohl sie ihm angeboten hatte, ihm den Jungen abzunehmen, hatte Vance ihn bis hinauf zu ihrer Wohnung getragen. Und für einen kurzen Moment hatte Charlie ihren Sohn beneidet.

Erst vor ihrer Wohnungstür hatte er ihr Jake gegeben und ihnen eine gute Nacht gewünscht.

„Ich kann es nicht fassen.“ Katie sprach fast schon ehrfürchtig. „Dir ist klar, dass alle im Haus drüber reden, oder?“

„Danke, Justin.“ Charlie seufzte.

„Na, selbst wenn er nicht geredet hätte, hättest du das nie lange geheim halten können.“

„Vermutlich.“ Sie runzelte die Stirn. „Ich glaube, Vance ist es ganz egal, dass alle Bescheid wissen.“

„Vance? Du nennst ihn Vance?“

„Mr Waverly schien ein bisschen förmlich bei einem Date.“

Ihre Freundin schüttelte langsam den Kopf. „Ein Date. Mit deinem Boss.“

„Wirst du irgendwann in nächster Zeit darüber wegkommen?“

„Ich glaube nicht.“ Katie blickte sie an. „Hat er dich geküsst?“

Sie hatte die Tür geöffnet, und von drinnen fiel etwas Licht auf Vances Gesicht. Er blickte sie an. Erwartung lag in der Luft. Er beugte sich zu ihr herunter, und sie streckte sich ihm entgegen. Für einen atemlosen Moment lang war sie nur noch einen Atemhauch von einem Kuss entfernt gewesen. Doch dann war Jake mit einem Schrei aufgewacht – und der Moment war vorüber. Vermutlich war es besser so. Denn Charlie war sicher, dass Vance ein solches Date nicht wiederholen wollte. Warum sich also Fantasien hingeben?

„Nein.“

„Zu blöd“, grummelte Katie. „Und wie kommt es, dass ich all das verpasst habe?“

Charlie grinste. Katie wohnte im Apartment über ihr, und sie fuhren fast jeden Morgen zusammen zur Arbeit. „Letzte Nacht warst du nicht zu Hause, und heute Morgen bist du vor mir hergefahren.“

„Stimmt. Trotzdem. Ein Date mit deinem Boss. Ist irgendwie sexy. Es sei denn, es wäre mein Boss.“ Katie schüttelte sich.

„Ich glaube, Vance wollte einfach nur nett sein.“

„Er lädt dich und Jake zum Essen ein und begleitet euch bis nach Hause in Queens, einfach nur, um nett zu sein. Klar, glaub ich sofort.“

Charlie nippte an ihrem Eistee und beobachtete die Leute, die auf der Fifth Avenue an ihnen vorbeieilten. Es war heiß, und die Luft war feucht, doch trotzdem tat es gut, mal das Gebäude zu verlassen.

Ganz besonders jetzt, wo Charlie alles tat, um nicht an ihren Erpresser denken zu müssen. An diesem Morgen hatte sie eine weitere Drohung erhalten, und die Worte hatten sich ihr ins Gedächtnis gebrannt.

Kein Hinhalten mehr. Schick die Unterlagen oder verabschiede Dich von Deinem Sohn.

Sie wusste nicht, was sie tun sollte, und die Zeit lief ihr davon. Sie konnte die Papiere nicht stehlen. Und sie konnte nicht riskieren, sie nicht zu stehlen. Den Job verlieren. Ihren Sohn verlieren. Es war ein Teufelskreis, und sie konnte dabei nicht gewinnen.

„Katie, hast du in letzter Zeit irgendwas über Rothschild gehört?“

„Was zum Beispiel?“

„Egal. Alles.“

Katie zuckte mit den Schultern. „Ein paar Leute reden wegen dieses Zeitungsartikels. Diese angebliche Affäre zwischen Ms Richardson und Dalton Rothschild. Haben sie oder haben sie nicht? Aber mal ehrlich, was soll’s? Selbst wenn sie was miteinander hatten, wird sie ihm ja nicht gleich die Schlüssel zu Waverlys geben.“

„Aber es wirkt nicht besonders gut nach außen.“

„Stimmt. Aber Ms Richardson würde niemals Waverlys schaden.“ Katie schwieg. „Oder? Würde sie?“

Charlie wusste es nicht. Und Vance offenbar auch nicht, denn sonst hätte er sie kaum gebeten, auf den Tratsch im Haus zu achten. Sie war besorgt. Es konnte kein Zufall sein, dass sie die erste Droh-Mail an dem Tag erhalten hatte, als der Artikel erschienen war. Wer immer sie bedrohte, war auch die Quelle für diesen Artikel.

Und was verriet ihr das? Nichts, gar nichts.

„Hey.“ Katie stieß Charlie leicht an. „Nimm’s nicht so schwer. Alle großen Unternehmen haben Probleme. Sie werden schon eine Lösung finden.“

„Du machst dir gar keine Sorgen?“

„Meine einzige Sorge ist, mit der Buchprüfung für dieses Quartal fertig zu werden, bevor mein Boss einen Herzinfarkt kriegt.“

Charlie lächelte, aber nur halbherzig. Zum Glück schien Katie nichts zu merken.

„Ich muss zurück an die Arbeit“, sagte Katie nach einem Blick auf die Uhr. „Ich sehe dich später auf dem Heimweg … es sei denn, du bekommst ein besseres Angebot.“

„Wohl kaum. Bis später.“ Sie hatte noch zwanzig Minuten, bis sie wieder an die Arbeit gehen musste, und wahrlich keine Eile, an den Computer zurückzukehren. Sie würde in Ruhe ihren Tee austrinken und dann noch bei Jake in der Kindertagesstätte vorbeischauen.

„Warten Sie auf jemanden?“, erklang Vances Stimme hinter ihr.

Sie drehte sich um. „Beobachten Sie mich?“

„Beobachten klingt so nach Stalken.“ Er setzte sich neben sie auf die Bank und streckte einen Arm auf der Rückenlehne aus. „Ich würde bewundern vorziehen.“

Charlie schüttelte den Kopf. Sie hatte in der vergangenen Woche so viele Seiten von Vance kennengelernt, dass sie fast den Überblick verlor.

„Ich hab gesehen, dass Ihre Freundin gegangen ist und dachte mir, ich komme rüber und leiste Ihnen Gesellschaft.“ Er legte den Kopf in den Nacken und ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen. „Schöner Tag.“

„Heiß.“

„Aber trotzdem schön.“ Er sah sie an. „Was ist los, Charlie?“

„Nichts.“

„Sie scheinen mir etwas angespannt.“

„Nein. Ich denke nur nach.“

„Worüber?“

„Vieles.“

„Möchten Sie das genauer definieren?“

„Nicht wirklich.“ Sie hätte nicht einmal gewusst, wo sie da anfangen sollte. Außerdem konnte sie ihm nicht erzählen, dass sie erpresst wurde. Und sie konnte ihm auch nicht sagen, dass er ihre Gedanken beschäftigte. Himmel, konnte ihr Leben noch komplizierter werden?

Vance setzte sich aufrecht, und sein Arm auf der Rückenlehne berührte sie fast. Charlie spürte das Verlangen, sich gegen ihn zu lehnen. Aber sie tat es nicht.

„Arbeitet Ihre Freundin auch bei Waverlys?“

Charlie nickte. „Buchhaltung.“

„Hatte sie irgendwas zur der Sache mit Rothschild zu sagen?“

„Sie weiß nichts.“ Charlie seufzte. „Und sie ist deswegen auch nicht besorgt. Sie glaubt, das alles wird sich von allein in Luft auflösen.“

Er lachte kurz und humorlos auf. „Ich wünschte, sie hätte recht. Wir haben keine Ahnung, was Dalton vorhat.“

„Ms Richardson konnte nichts weiter dazu sagen?“

„Nein.“ Er ließ den Blick über die Straße und das geschäftige Treiben um sie herum schweifen.

Charlie beobachtete ihn. Seltsam, dass die Welt sich einfach so weiterdrehte, völlig unberührt von dem Chaos, in dem sie steckte.

„Ich fand es schön, gestern Abend“, sagte er ruhig.

Sie lachte. „Nein.“ Sie blickte weiter auf die Straße, denn das war sicherer, als ihm in die Augen zu schauen. „Fanden Sie nicht.“

Er umfasste ihr Kinn mit einer Hand und zwang sie, ihm den Kopf zuzuwenden. Dann grinste er, und das Leuchten in seinen Augen raubte ihr den Atem. Dieser Mann war einfach umwerfend, wenn er lächelte und es auch so meinte.

„Verrückt.“ Er ließ sie los. „Aber ich fand es wirklich schön. Nicht, dass ich irgendwie schon Sehnsucht nach dem Zoo-Diner hätte. Passender Name, übrigens. Aber ich fand es schön mit Ihnen.“

O Gott, es wäre so leicht, sich in ihn zu verlieben. Allein diese kurze Berührung weckte in ihr das Verlangen nach mehr. Und sie wollte diesen Mund mit seinem weichen Lächeln küssen. Er war der gefährlichste Mann, den sie je kennengelernt hatte.

„Vance, was tun Sie da?“

„Was meinen Sie?“

Sie sah ihm in die Augen. „Hier. Mit mir. Warum sind Sie so … nett?“

„Brauche ich einen Grund, um nett zu sein?“

„Es ist nur …“ Sie atmete tief durch. „Sie verhalten sich, als hätten Sie Interesse an mir. Und ich weiß nicht warum. Oder was Sie erwarten.“

Er nahm ihre Hand und hielt sie fest. Eine Sekunde lang. Zwei. Lange genug, dass ihr Puls zu rasen begann.

Er drückte ihre Hand und ließ sie dann los. „Ich mag Sie. Ist das so merkwürdig?“

„Vermutlich nicht.“ Doch ist es. Ich bin Ihre Assistentin. Ich bin nicht reich. Ich habe ein Baby. Ich bin nicht der Typ Frau, mit dem Sie sonst Ihre Zeit verbringen. Was also geht hier vor?

„Gut.“ Er stand auf. „Die Mittagspause ist vorbei, und wie ich höre, ist Ihr Boss ein Mistkerl, was Arbeitszeiten betrifft.“

„Ja.“ Sie erhob sich ebenfalls. „Sie müssten mal die Storys hören, die über ihn im Umlauf sind.“

Er starrte sie an. „Storys?“

„Tausende. Aber ich tratsche nicht.“

„Das merke ich mir.“

Irgendetwas lag da in der Luft zwischen ihnen, und plötzlich wollte Charlie ihm alles erzählen. Ihn um Hilfe bitten. Aber sie hatte zu viel Angst. Was würde er von ihr denken? Was würde er tun? Sie durfte ihren Job nicht verlieren. Sie durfte ihren Sohn nicht verlieren.

Also entschied sie sich dafür, den Verstand zu verlieren.

„Ich sehe Sie dann im Büro.“ Sie warf ihren Becher in den nächsten Papierkorb und ging davon, verschwand in der Menschenmenge. Teil davon und doch allein.

„Das fängt an zur Gewohnheit zu werden“, sagte Charlie drei Tage später, als sie die Wohnungstür öffnete und Vance davorstand. Er lächelte sie an, und Charlies Herz schlug einen Salto. Dieser Mann war einfach … überwältigend. Selbst wenn er, wie jetzt, nur Jeans und ein kurzärmeliges rotes Hemd trug, strahlte er eine Aura von Macht und sinnlicher Hitze aus, die illegal hätte sein sollen.

Seitdem sie zusammen essen waren, tauchte Vance jeden Abend bei ihr auf, und sie unternahmen lange Spaziergänge mit Jake. Manchmal machten sie einen Schaufensterbummel oder gingen irgendwo rein für Kaffee und Kekse. Meistens jedoch wechselten sie sich einfach dabei ab, Jakes Kinderwagen zu schieben und … redeten.

Und Charlie hatte sich schon viel zu sehr daran gewöhnt.

Vance lehnte sich gegen den Türrahmen und grinste sie an. „Willst du dich beschweren?“ Er tat, als wolle er sich umdrehen. „Ich kann auch wieder gehen …“

„Nein.“ Sie war sich nicht sicher, was hier zwischen ihr und ihrem Boss vorging, aber es gefiel ihr. Zu sehr vermutlich. „Ich beschwer mich ja gar nicht.“

„Gut.“ Er blickte sie an, und Charlies Herz begann schneller zu schlagen. Dann hockte er sich vor Jakes Kinderwagen. „Also, Jake, wo gehen wir heute hin?“

Der kleine Junge quiekte vor Vergnügen. „Ba! Ba!“

Vance sah zu Charlie hoch. „Er meint, ein Ballettabend wäre zu klischeehaft. Er würde den Park vorziehen.“

Charlie lachte. „Na dann, auf in den Park.“

Die Straßen in Forest Hills, Queens, waren schmal und mit Bäumen gesäumt, die aussahen, als stünden sie seit Jahrhunderten dort. Hier war selbst New York etwas langsamer, und Charlie konnte sich fast einreden, wieder in einer Kleinstadt zu leben. Und es war der perfekte Ort für Jake. Sie sah zu Vance, der ihrem Sohn zulächelte, und dachte, dass in diesem Moment alles perfekt war.

„Wohin geht’s denn heute?“, zerstörte eine Stimme die Stille. Katie lehnte sich aus ihrem Wohnzimmerfenster und grinste zu ihnen herunter. Bestimmt hatte sie schon am Fenster gelauert und nur darauf gewartet, dass Vance auftauchte. Charlie konnte ihr nicht wirklich einen Vorwurf daraus machen. Das alles war so seltsam, so ungewöhnlich …

„In den Park“, antwortete Vance und bückte sich dann nach dem Stoffhund, den Jake hatte fallen lassen.

„Habt einen schönen Abend.“ Katie blinzelte Charlie zu, bevor sie vom Fenster verschwand. Bestimmt würde sie später mit einer Flasche Wein und tausend Fragen bei ihr auftauchen. Fragen, auf die Charlie keine Antworten hatte.

Sie seufzte. „Dir ist schon klar, dass Katie überall bei Waverlys rumerzählt hat, dass du jeden Abend zu mir kommst?“

Er zuckte mit den Schultern. „Macht dir das was aus?“

Das sollte es. Sich mit Vance Waverly einzulassen war vermutlich ein Riesenfehler. Aber wenn sie in seine Augen blickte, wusste sie, dass sie keinen Moment von dem hier – was immer es war – bedauerte. Jeden Abend sagte sie sich, sie dürfe nicht so auf ihn warten. Und jeden Abend, gerade wenn das Licht zu schwinden begann, tauchte er an ihrer Tür auf. Und jedes Mal verfiel sie ihm ein bisschen mehr. Wie sollte sie sich auch dagegen wehren? Er ging so gut mit Jake um. Und sie konnte so gut mit ihm reden. Und wenn er ihre Hand nahm, fühlte sie sich so … geschätzt.

Dumm.

„Nein“, antwortete sie. „Es macht mir nichts aus.“

„Gut.“ Er lächelte sie an, als hätte sie ihm die perfekte Antwort gegeben. „Dann mal los.“

Sie gingen Richtung Osten, und bald änderte sich die Umgebung merklich. So sehr Charlie ihre kleine Straße liebte, so spürte sie hier doch jedes Mal einen Stich der … nun, nicht direkt Eifersucht, eher so etwa wie Sehnsucht, wenn sie durch Forest Hills Gardens spazierte. Hier standen Luxusvillen in großen, sorgfältig gepflegten Gärten, und dahinter erstreckten sich Privatwälder.

„Ich bin seit meiner Kindheit nicht mehr hier gewesen“, stellte Vance fest.

„Hast du hier gewohnt?“ Charlie konnte sich keinen schöneren Ort zum Leben vorstellen. Sie konnte förmlich vor sich sehen, wie Jake in dieser wunderschönen Umgebung aufwuchs, wie er mit dem Fahrrad in den Auffahrten herumkurvte und auf die majestätischen Bäume kletterte. Natürlich war das ein komplett unrealistischer Tagtraum – aber welchen Sinn hätten Träume, wenn sie nicht ungewöhnlich wären?

„Nein, ein Freund meines Vaters hat hier gewohnt“, sagte Vance. „Wir haben ihn oft besucht. Komisch, ich habe seit Ewigkeiten nicht da dran gedacht. Aber es ist wirklich schön hier, nicht wahr? Und nah an der City.“

„Es ist perfekt“, bestätigte Charlie und seufzte.

„Ach ja?“ Er blieb stehen und sah sie an. „Wenn du wählen könntest, welches Haus würdest du dann kaufen?“

Sie lächelte. „Die Wahl wäre nicht einfach, aber ich habe einen Favoriten“, gab sie zu, denn sie hatte dieses Spiel jedes Mal gespielt, wenn sie mit Jake allein hier spazieren ging. Sie hakte sich bei Vance ein. „Komm mit, ich zeig’s dir.“

Ein Stück weiter die Straße hinunter blieb sie stehen und drückte seinen Arm. „Das ist mein Haus. Na ja, die Besitzer wissen natürlich nichts davon.“ Ihr Traumhaus sah aus wie ein englisches Cottage, nur größer. Es hatte drei Stockwerke und dunkelrote Fensterläden. Über die ganze Länge der Veranda zogen sich Kästen mit rosafarbenen und gelben Blumen, und die Vordertür war breit und geschwungen, wie die eines Schlosses.

„Wunderschön“, sagte Vance.

„Ja.“ Sie wandte sich zu ihm um und entdeckte, dass er sie und nicht das Haus ansah. „Fehlt nur noch eine Hollywoodschaukel.“

„So was hättest du gern?“

„O ja. Man würde draußen auf der Veranda sitzen und zusehen, wie die Sonne untergeht, die Nachbarn grüßen …“

Ein leichter warmer Wind wehte über die Straße. Aus der Ferne konnte man das dumpfe Aufschlagen eines Basketballs hören, und ein Hund bellte. Die Abenddämmerung ging langsam in Nacht über, und Jake lachte in seinem Kinderwagen und sprach mit sich selbst.

Der Moment war perfekt.

Vance beugte sich zu ihr. Charlie stellte sich auf die Zehenspitzen, und ihr Blick wanderte von seinen Augen zu seinem Mund und zurück. Ihr Herz pochte, und die Welt schien den Atem anzuhalten.

Sein Mund war nur noch einen Zentimeter von ihrem entfernt, als Jake seinen Stoffhund fallen ließ und dann frustriert aufschrie. Der Schrei brach den Bann zwischen Vance und ihr, und Charlie wusste, sie sollte dankbar dafür sein. Träumen war eine andere Sache, als sich zur Närrin zu machen. Und das vor einem Mann, den sie nie würde haben können. Das wäre etwas völlig anderes.

Schnell hob sie den Stoffhund auf. „Wir sollten Jake nach Hause bringen.“

„Ja, ist spät geworden“, murmelte Vance.

Sie warf ihm einen Blick zu und schaute schnell wieder weg. Zu spät, dachte sie, für mein Herz ist es schon zu spät.

Eine Woche später saß Vance in seinem Büro und fühlte sich ebenso angespannt wie aufgewühlt. Nur Charlie gegenüber war er noch nicht ausfallend geworden, alle anderen hatten seine Laune zu spüren bekommen. Was eine gewisse Ironie in sich barg, denn schließlich war sie an seiner Anspannung schuld.

Diese Frau ging ihm unter die Haut, und das hatte nicht zum Plan gehört. Ihre Nähe brachte ihn um den Verstand, und er konnte nur noch daran denken, sie zu besitzen. Sein Begehren wuchs von Tag zu Tag in ihrer Nähe.

Und er wusste, dass sie ihn über irgendetwas belog. Er war sicher.

Himmel, er fuhr jeden Abend nach Queens. Für sie. Was käme als Nächstes? Brooklyn? Er sprang auf und starrte aus dem Fenster.

Charlie war ganz offensichtlich nervös. Und es wurde mit jedem Tag schlimmer. Sie klickte sich durch den Posteingang, als fürchtete sie sich vor dem, was sie darin finden würde. Sie zuckte zusammen, wenn er den Raum betrat, und erst gestern hatte einer der Sicherheitsleute berichtet, dass sie im Archiv gewesen war, wo die alten Ordner und Berichte aufbewahrt wurden. Was zum Teufel hatte sie dort zu suchen? Und warum hatte sie ihm nichts davon gesagt? Was verbarg sie?

Sein Bauch sagte ihm, dass mit Charlie etwas nicht stimmte. Und ein anderes Körperteil sagte ihm, dass ihm das egal sein sollte. Sein Verstand steckte irgendwo in der Mitte fest.

Als die Gegensprechanlage summte, schlug er auf die Taste und konzentrierte all seinen Frust darauf. „Was?“

„Jemand von der Sicherheit ist auf Leitung zwei“, teilte sie ihm ein wenig atemlos mit.

„Danke.“ Er wollte nicht darüber nachdenken, wie nervös sie klang. Stattdessen drückte er auf die nächste Taste. „Waverly.“

„Mr Waverly, ich bin Carl von der Sicherheitsabteilung. Sie wollten informiert werden, wenn etwas Ungewöhnliches geschieht.“

„Und?“ Er hatte seit Wochen dafür gesorgt, dass alle im Haus wachsam und in Alarmbereitschaft waren. Sie mussten denjenigen schnappen, der sie an Rothschild verkaufen wollte. Jetzt, wo es offenbar etwas zu berichten gab, war Vance sich gar nicht mehr so sicher, ob er es hören wollte.

„Die IT-Abteilung hat alle unsere sensiblen Bereiche streng überwacht – kurz gesagt, dort ihre eigenen Alarmsysteme installiert. Sie haben uns gesagt, dass heute Morgen jemand aus Ihrem Büro versucht hat, auf geschützte Ordner zuzugreifen. Und zwar nicht von Ihrem Computer aus.“

Heute Morgen. Als er sich mit einem potenziellen Kunden getroffen hatte. Als Charlie allein im Büro gewesen war. Ob sie jetzt wohl besorgt war, da sie wusste, dass er mit einem von der Sicherheitsabteilung sprach?

„Offenbar ging es um alte Berichte kleinerer Auktionen“, fuhr Carl fort. „Die IT-Leute sagen, dass die Person an nichts Wichtiges gekommen ist. Sie richten gerade eine neue Firewall ein, alle Daten sind also gesichert.“ Carl hielt kurz inne. „Sollen wir irgendetwas unternehmen?“

„Nein.“ Seine Gedanken rasten, und Wut stieg in ihm auf. Er musste sich selbst darum kümmern. Er musste Charlie in die Augen sehen, wenn er sie mit seinem Wissen konfrontierte, denn nur so würde er wissen können, ob sie ehrlich zu ihm war oder nicht. Ihr Gesicht verriet sie immer. So viel hatte er bereits über sie gelernt. Und zum Teufel, vielleicht war sie es gar nicht gewesen. Vielleicht war sie zu dem Zeitpunkt ganz woanders gewesen, und jemand hatte sich in ihr Büro geschlichen und ihren Computer benutzt, nur damit sie verdächtig wirkte.

Er würde nicht davon ausgehen, dass sie schuldig war. Jetzt noch nicht. Aber es gefiel ihm nicht. Ihm gefiel ganz und gar nicht, dass Charlie eine Verräterin sein könnte.

„Ich kümmere mich darum“, sagte er zu Carl und legte auf. Jetzt musste er nur noch entscheiden, wie er sich kümmern wollte.

7. KAPITEL

Charlie hasste dieses Gefühl. Die ständige Anspannung. Und das Schuldgefühl, das sie dieser Tage überallhin verfolgte.

Vance war so nett zu ihr. Und sie belog ihn. Jedes Mal, wenn sie mit ihm sprach, log sie. So wie ihre Großmutter immer gesagt hatte: Wenn du etwas weißt, Charlie, und es nicht sagst, dann ist das eine Lüge. Genau so, wie wenn du dir selbst etwas vormachst. Und Grandma hatte recht gehabt. Charlie wusste etwas und schwieg darüber, weil sie sich selbst schützen musste. Und ihren Sohn.

Und das machte sie zur Lügnerin.

Und jetzt sprach Vance mit der Sicherheitsabteilung. Ging es dabei um sie? Hatte jemand was gesehen? Wurde sie von noch jemand anderem außer ihrem Erpresser beobachtet? O Gott!

Charlie öffnete das Mail-Programm und klickte in der letzten Droh-Mail, die sie erhalten hatte, auf „Antworten“. Gerade als diese neue Drohung hereingekommen war, hatte sie versucht, auf alte Berichte zuzugreifen, aber sie war nicht weit gekommen. Hatte schnell wieder alles geschlossen. Sie konnte es nicht tun. Sie konnte Waverlys das nicht antun. Oder Vance.

Sie tippte schnell und bat um mehr Zeit. Doch schon als sie auf „Senden“ klickte, wusste sie, dass es sinnlos war. Das hier würde nicht aufhören, bis sie entweder Vance und Waverlys betrog oder sich Jake schnappte und flüchtete.

Aber wohin? Sie hatte keine Familie mehr. Niemanden. Die einzigen Leute, die sie kannte, lebten hier. Sie hatte ein paar Ersparnisse, aber nicht genug, um irgendwo anders mit Jake neu zu beginnen.

Sie lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück, und die Angst überwältigte sie. Als das Licht von Leitung zwei ausging, begann sie zu zittern. Was würde als Nächstes geschehen? Würde sie verhaftet? Gefeuert?

„Grandma, ich wünsche mir so sehr, du würdest noch leben. Ich würde nach Hause rennen, zu dir, so schnell …“

Sobald sie die Worte ausgesprochen hatte, fühlte sie Scham in sich aufsteigen. Wegrennen war keine Lösung. Sie musste sich den Dingen stellen und Vance die Wahrheit sagen. Und hoffen, dass er ihr glauben würde, wenn sie ihm schwor, Waverlys niemals zu verraten.

O Gott!

Immer noch drehte die Angst ihr den Magen um, aber wenigstens hatte sie jetzt eine Entscheidung getroffen. Jetzt musste sie nur noch den Mut aufbringen, sie auch umzusetzen. Denn sie wusste, sobald er ihre Vergangenheit kannte, würde er nichts mehr mit ihr zu tun haben wollen. Und sie würde ihn vermissen. Oh, und wie sie ihn vermissen würde!

Sie drückte auf die Taste für sein Büro und wartete, bis er sich meldete. „Ja?“

„Vance, ich mache kurz eine Pause. Ich bin in einer Viertelstunde zurück.“

„Alles klar.“

Bevor sie Vance alles erzählen würde, brauchte sie ein paar Augenblicke mit ihrem Sohn. Jake schlief, als sie in die Kindertagesstätte kam. Sie hob ihn hoch und drückte ihn an sich. Dann setzte sie sich mit ihm in einen der Schaukelstühle im Schlafsaal und betrachtete ihn mit tränenfeuchten Augen. Sie waren allein in dem halb dunklen Raum, und die Wärme ihres schlafenden Babys vertrieb ein wenig von der Kälte in ihr. Charlie strich ihm mit einer Hand übers Haars und küsste ihn auf die Stirn.

„Es tut mir so leid, Süßer. Ich habe es wirklich versucht. Ich wollte dir so viel geben, und jetzt weiß ich nicht mehr, was ich tun soll.“

Das Baby schlief weiter, und Charlie genoss das Gefühl, wie es auf ihrer Brust ruhte, nah an ihrem Herzen. Was auch immer in ihrem Leben schiefgehen mochte, sie hatte Jake. Und sie würde ihn nicht enttäuschen. Sie würde dafür sorgen, dass er in einer warmen, sicheren Welt aufwuchs.

„Ich werde das irgendwie hinkriegen, mein Kleiner. Alles wird gut.“

Tränen liefen ihr über die Wangen, aber das kümmerte sie nicht. Wer würde sie hier schon sehen?

„Warum weinst du?“

Sie blickte auf. Vance stand im Türrahmen und starrte sie an. Auch wenn er im Schatten stand, konnte sie die sorgfältig im Zaum gehaltene Wut in seinen Augen erkennen.

„Nichts weiter.“ Was konnte sie sonst schon sagen?

„Du sitzt hier allein im Dunkeln, hältst dein Baby im Arm und weinst. Das ist nichts weiter.“ Er machte einen Schritt auf sie zu. „Ich muss dich etwas fragen.“ Vance blickte ihr in die Augen. „Bist du eine Spionin, Charlie?“

„Nein.“ Sie versuchte ruhig zu sprechen, obwohl ihr die Tränen immer noch über die Wangen liefen. Sie wischte sie mit einer Hand fort.

Vance ging vor ihr in die Hocke und schaute sie an. „Was geht hier vor, Charlie? Was verschweigst du mir?“

„Ob du mir nun glaubst oder nicht, ich wollte es dir gerade sagen.“ Sie streichelte Jake, der im Schlaf vor sich hin murmelte. „Ich musste nur erst zu meinem Sohn. Etwas Mut sammeln und mich beruhigen. Dann wollte ich zu dir.“

„Ich glaube dir.“ Vance nickte. „Aber jetzt bin ich hier. Also rede mit mir.“

Sie wich dem Ärger in seinem Blick nicht aus. „Ich weiß nicht mal, wo ich anfangen soll.“

„Wie wäre es damit: Du legst Jake wieder in sein Bett, und wir beide machen einen Spaziergang?“

Sie atmete tief durch und seufzte schwer. Mit einer Lüge zu leben war nicht leicht. Und ebenso würde es nicht leicht sein, die Wahrheit zu sagen. Aber wenigstens würde sie wieder ruhig schlafen können. Sie reckte das Kinn. „Es ist eine lange Geschichte.“

An diesem warmen Sommertag war der Central Park voller Touristen und New Yorkern, und er lag weit genug von Waverlys entfernt, damit alles, was sie sagten, auch zwischen ihnen bleiben würde. An einem Waffelstand kaufte Vance zwei Flaschen Wasser und führte Charlie dann zu einer Bank unter einer alten Weide.

Sie setzten sich. Die Weidenäste reichten fast bis auf den Boden und bewegten sich leicht in der leisen Brise. Blumenduft und der Geruch nach verbranntem Kaffee mischten sich.

Als Charlie ihm gesagt hatte, sie wolle eine Pause machen, war Vance ihr gefolgt. Wie ein drittklassiger Privatdetektiv hatte er sich gefühlt, als er ihr hinterhergeschlichen war. Als ihr Boss war er verärgert und voller Verdächtigungen gewesen. Als der Mann, der sich etwas aus ihr machte, war er besorgt gewesen. Aber keineswegs hatte er erwartet, sie in Tränen aufgelöst und mit ihrem Sohn vorzufinden.

„Rede“, forderte er sie auf, als sie weiterhin schwieg. „Ich will alles wissen, Charlie.“

Sie lachte kurz auf und trank einen Schluck Wasser. Erst als sie die Flasche wieder sorgfältig verschlossen hatte, blickte sie auf. „Ich weiß wirklich nicht, wo ich anfangen soll.“

„Wie wäre es damit. Hast du heute Morgen versucht, auf Waverlys alte Berichte zuzugreifen?“

„O Gott!“ Ihre Augen weiteten sich.

„Ich interpretiere das mal als ein Ja.“ Er trank einen Schluck. „Ich hatte wirklich gehofft, dass du es nicht warst, als mich die Sicherheitsabteilung alarmiert hat.“ Und verdammt, er hätte geschworen, dass sie unschuldig war! Er starrte sie an und bemühte sich, dieses neue Wissen mit der Charlie in Einklang zu bringen, die er in den vergangenen Wochen kennengelernt hatte. War sie eine so gute Schauspielerin? Wer war die echte Charlie?

Sie schwieg lange. „Ich konnte es einfach nicht. Ich hab es versucht. Aber ich konnte nicht von Waverlys stehlen. Von dir.“

„Ich bin froh, das zu hören.“ Und das meinte er auch so. Eine echte Diebin hätte keine Skrupel bekommen. „Also, warum erzählst du mir jetzt nicht einfach, warum du es überhaupt versucht hast?“ Er bemühte sich gar nicht erst, den Ärger in seiner Stimme zu verbergen. „Was hat dich so nervös gemacht? So besorgt, dass du ernsthaft darüber nachgedacht hast, Waverlys zu betrügen, auch wenn du es eigentlich nicht wolltest?“

Endlich fing sie an zu reden. Die Worte strömten nur so aus ihr heraus. Und je länger er zuhörte, desto wütender wurde er. Als sie schließlich verstummte, konnte er nicht länger still sitzen und sprang auf. Er ging ein paar Schritte und drehte sich dann um, blickte sie an.

„Du bist wütend.“ Der Wind spielte mit ihren Haaren, und Schatten tanzten über ihr Gesicht.

„Gut erkannt.“ Er warf seine noch fast volle Wasserflasche in den nächsten Mülleimer. Frustriert und wütend fuhr er sich mit beiden Händen durch die Haare. „Verdammt, Charlie.“

„Ich hätte es nicht getan.“ Sie ging zu ihm, griff nach seinem Arm und zwang ihn, sie anzusehen. „Das musst du mir glauben. Ich würde Waverlys niemals betrügen. Oder dich.“

„Glaubst du, deswegen bin ich wütend?“ Er schnaufte.

„Nicht?“

Vance blickte in ihre kummervollen Augen, und wieder stieg die Wut in ihm auf. „Himmel, du musst mich wirklich für einen absoluten Mistkerl halten!“

„Nein, tu ich nicht.“

„Warum hast du mir dann nicht erzählt, in welchen Schwierigkeiten du steckst?“ Er konnte es einfach nicht glauben. Er hatte sie des Betrugs verdächtigt, dabei war sie die ganze Zeit über … „Dich hat irgend so ein Widerling bedroht, und du hast nichts gesagt? Verdammt, warum nicht?“

„Weil es mein Problem war.“

„Das ist keine Antwort, Charlie.“ Vance erstickte fast an seiner Wut. „Du hast zwei Wochen voller Angst verbracht und nie ein Wort gesagt.“

„Was hätte ich denn sagen sollen? Hätte ich von der Erpressung erzählt, was hättest du schon tun können? Du hättest doch nur angenommen, dass ich dich betrügen würde.“

Er lachte hart auf. „Danke. Gut zu wissen, dass du so eine hohe Meinung von mir hast.“

Geschockt starrte sie ihn an. „Du hättest mir geglaubt?“

„Ich glaube dir jetzt“, stellte er klar und war immer noch wütend darüber, wie wenig sie offenbar von ihm hielt. „Von dem Moment an, wo du mir endlich gesagt hast, was los ist, hab ich dir geglaubt.“

„Das konnte ich doch nicht wissen. Und außerdem habe ich keine Hilfe gebraucht. Na ja, schon gebraucht – aber ich wollte keine Hilfe brauchen. Verstehst du das? Ich bin erwachsen. Ich kann für mich und Jake sorgen und – o Gott, ich habe das alles total vergeigt.“

„Jeder braucht mal Hilfe.“ Vance merkte, wie seine Wut langsam schwand. Wenigstens wusste er jetzt, was Sache war. Wusste, dass sie bedroht wurde und würde etwas unternehmen können.

„Du nicht.“ Sie sah unglücklich aus.

„Falsch. Gerade brauche ich deine Hilfe, um aus all dem schlau zu werden. Bist du dabei?“

Sie nickte.

„Also, jemand hat dir gedroht und gesagt, du würdest deinen Sohn verlieren, wenn du nicht meine Geschäftsunterlagen der letzten fünf Jahre klauen würdest?“

„Ja.“ Ihre Augen waren immer noch gerötet, aber es standen keine Tränen mehr darin. „Die erste Mail habe ich an dem Tag bekommen, als der Artikel über Ms Richardson erschienen ist.“

„Kein Zufall vermutlich.“

„Das habe ich auch gleich gedacht.“

„Die Frage ist: Warum hat diese Person angenommen, sie könne dir Jake wegnehmen?“ Vance musterte sie. „Ich habe dich mit Jake erlebt. War in deiner Wohnung. Du bist eine gute Mutter und bietest ihm ein gutes Zuhause.“

„Danke.“ Sie lächelte kurz.

„Da steckt doch mehr dahinter, Charlie. Du hast mir noch nicht alles erzählt.“ Der Wind ließ plötzlich nach, und die Luft schien stillzustehen. „Erzähl mir den Rest, Charlie. Lass mich dir helfen.“

Sie spielte an ihren blonden Haaren herum. „Ich wünschte, das könntest du. Aber dabei kannst du mir nicht helfen, Vance. Die Dinge sind nun mal, wie sie sind. Daran lässt sich nichts ändern.“

„Ach ja?“ Es gab nichts, was er nicht in Ordnung bringen konnte. „Versuch’s. Du wirst überrascht sein.“

„Nicht mal ein Vance Waverly kann die Vergangenheit ändern.“

Er wusste, dass sie damit recht hatte. Würde er die Vergangenheit ändern können, dann hätte er den Autounfall verhindert, bei dem seine Mutter und seine Schwester gestorben waren. Er hätte irgendwie seinen Vater davon überzeugt, früher nach Roark zu suchen, damit er seinen Bruder in jüngeren Jahren kennengelernt hätte. Ja, könnte er die Vergangenheit ändern, gäbe es eine Menge zu tun. Doch auch wenn die Vergangenheit selbst nicht geändert werden konnte, so konnte man doch ihren Einfluss auf die Gegenwart ändern.

„Wenn du mir nichts erzählst, kann ich auch nicht helfen, soviel ist sicher. Was hast du schon zu verlieren?“

„Eine Menge.“ Sie sprach so leise, dass er sie fast nicht gehört hätte. In ihrem Blick lagen so viele verschiedene Gefühle, dass er sie nicht interpretieren konnte. Sie schienen sie schier zu zerreißen, und das wiederum zerriss ihm das Herz.

„Was hat dieser Kerl gegen dich in der Hand, Charlie? Was willst du so verzweifelt geheim halten?“

Sie atmete tief durch. „Weißt du noch, wie ich erzählt habe, dass ich bei meiner Großmutter aufgewachsen bin?“

„Ja, und?“ Er führte sie zurück zur Bank, und sie setzten sich.

„Ich habe dir nicht erzählt, warum.“ Kurz lag ein trauriges Lächeln auf ihren Lippen. „Als ich fünf war, hat mein Vater einen Lebensmittelladen überfallen.“

Das hatte Vance nicht erwartet. Auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck von Scham und Demütigung, aber er blieb still, denn er spürte, dass da noch mehr kommen würde.

„Er starb auf der Flucht vor der Polizei. Setzte sein Auto gegen einen Baum.“

„Charlie …“

„Bald danach ist meine Mutter verschwunden. Ich habe sie nie wiedergesehen. Und die Mutter meiner Mutter hat mich bei sich aufgenommen und mich großgezogen.“

Sie hob den Blick und vermied es, Vance anzusehen. Stattdessen schaute sie in den Park. „Kennst du das Sprichwort darüber, auf der falschen Seite der Gleise geboren worden zu sein? Tja, das waren wir. Ich. Als Grandma gestorben ist, bin ich hierhergekommen und hab niemanden erzählt, woher ich kam.“

Vance fühlte mit ihr. Sie hatte es schwer gehabt und doch etwas aus ihrem Leben gemacht. Aber nichts von all dem bot genug, um sie damit zu erpressen.

„Komm schon, Charlie. Da muss mehr dahinterstecken“, beharrte er. „Das alles ist kein Grund für eine Erpressung.“

Sie verschluckte sich fast an ihrem Wasser. „Hast du mir nicht zugehört? Mein Vater war ein Dieb. Er ist bei einer Verfolgungsjagd mit der Polizei gestorben. Meine Mutter ist verschwunden. Nicht gerade ein Bilderbuchhintergrund.“

„Auch nicht wirklich deine Verantwortung. Du warst fünf.“

„Leicht gesagt, für dich. Du hast doch keine Ahnung, wie es war. Alle in der Stadt haben über uns geredet. Aber das kannst du nicht verstehen, wie solltest du auch?“

„Danke für das Vertrauen“, murmelte er. „Du bist nicht die Einzige, über die geredet wird. Schon mal einen Blick in die Zeitung geworfen? Über die Waverlys wird ständig getrascht.“

„O ja, du Armer! Wie furchtbar, dass man dir zu all diesen schicken Essen folgt und dich zwingt, für Fotos zu posieren. Wirklich sehr aufdringlich.“

„Gut zu wissen, dass du ein Temperament hast.“ Er hob eine Augenbraue. „Und Sarkasmus.“

Sie blickte ihn missmutig an. „Du bist erst die zweite Person, der ich das von mir erzähle. Ich hätte gedacht, du würdest verstehen, wie beschämend das für mich ist.“

„Ich sehe, dass du dich schämst. Ich verstehe nur nicht warum! Dann bist du eben in Armut aufgewachsen, na und?“

„Du verstehst das nicht.“ Sie schüttelte den Kopf – eher wütend als verzweifelt. Und Vance war froh, das zu sehen.

„Gut. Dann verstehe ich das also nicht. Und jetzt erzähl mir den Rest.“

„Da gibt es nicht mehr viel zu erzählen.“ Sie rückte von ihm ab. „Ich habe für mich selbst gesorgt, bin durchs College gekommen, und als Grandma gestorben ist, bin ich nach New York gezogen.“

„Und Jakes Vater?“

Sie sprang auf und umklammerte ihre Wasserflasche. „Was soll’s? Erzähl ich dir also auch noch den demütigenden Rest und bring es hinter mich.“ Der Ausdruck in ihren Augen brachte Vance dazu, aufzustehen und zu ihr zu gehen.

Doch sie hob eine Hand und hielt ihn auf Abstand. „Sei jetzt nicht nett zu mir, okay? Ich hänge hier am seidenen Faden.“

„Okay. Dann raus damit.“

„Jakes Vater habe ich kennengelernt, gleich nachdem ich den Job bei Waverlys bekommen habe.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Blaine Andersen. So hieß er – zumindest hat er mir das erzählt.“

Vance schwieg. Er hatte so eine Ahnung, worauf das Ganze hinauslief, doch nichts, was er hätte sagen können, wäre jetzt hilfreich gewesen.

„Er war süß und witzig. Wir sind in den Park gegangen und ins Kino. Er hat mir Blumen und sogar einen neuen Black Berry geschenkt, als ich meinen verloren hatte. Er hat gesagt, er würde mich lieben und …“

„Und du hast ihn geliebt.“ Seltsam, aber diese Worte hinterließen einen bitteren Geschmack in seinem Mund.

„Zumindest hab ich das gedacht. Als ich rausgefunden habe, dass ich schwanger war, wollte ich ihm davon erzählen. Doch er war weg.“ In der Erinnerung versunken, schüttelte sie den Kopf. „Vertraute Story, oder? Kleinstadtmädchen kommt in die große Stadt und wird ausgenutzt. Gott, ich habe mich so dumm gefühlt. Ich bin sogar zum Andersen-Architekturbüro gegangen, weil er mir erzählt hatte, das gehöre seiner Familie. Doch die hatten nie von ihm gehört.“

„Charlie …“

„Ist schon okay. Das spielt alles keine Rolle mehr. Immerhin habe ich Jake wegen all dem. Und er bedeutet mir alles.“

Vance lächelte, als er an den kleinen Jungen dachte, der sich bereits einen Platz in seinem Herzen erobert hatte. Eine Komplikation mehr, die er so nicht geplant hatte. „Er ist ein tolles Kind.“

„Ja.“ Sie erwiderte sein Lächeln.

„Dann ist das alles? Das sind all deine dunklen Geheimnisse?“

„Tja, ich habe dir noch nicht meine Sucht nach Erdbeeren in Schokolade gestanden – aber davon mal abgesehen, ja, das ist alles.“ Sie seufzte auf. „Fühlt sich an, als sei mir ein Riesenlast von den Schultern gefallen.“

„Nicht gerade überraschend. Warum hast du das alles für dich behalten, Charlie? Warum bist du damit nicht zu mir gekommen?“

„Ich bin daran gewöhnt, für mich selbst zu sorgen.“ Sie seufzte erneut. „Und ich habe nicht gedacht, dass du mir glauben würdest.“

„Nun, das tue ich aber.“

Als sie voller Hoffnung zu ihm aufblickte, fühlte er sich wie der sprichwörtliche Ritter in der weißen Rüstung, aber das war er nicht. Himmel, halb Manhattan würde beschwören, dass er der Bösewicht und nicht der Held war. Trotzdem genoss er ihren Blick.

„Ich bin also nicht gefeuert?“, fragte sie.

„Das wirst du, wenn du mir noch mal so was verschweigst.“ Er legte einen Arm um sie und zog sie an sich. „Charlie, du musst damit nicht allein fertig werden.“

„Ich weiß nicht, wie sonst.“

„Dann ist es höchste Zeit, das zu lernen.“ Er zog sie noch näher an sich und schlang beide Arme um sie. Sie passte in seine Umarmung, als wäre sie dafür gemacht. Als ob sie seine Ergänzung wäre.

Vance schloss die Augen und verdrängte diesen Gedanken. Er hatte bereits gewusst, dass er sie wollte. Jetzt wusste er, dass sie bedroht worden war, und fühlte mit ihr. Verlangen und Mitleid. Das war alles, redete er sich ein.

„Ich mag es nicht, wenn man dir Angst macht“, sagte er.

„Ich auch nicht.“ Sie sah zu ihm hoch. Er war erleichtert, dass in ihren Augen keine Schatten mehr lagen und auch keine Tränen. Sie sah einfach viel zu gut aus, befand er.

Charlie stellte sich auf die Zehenspitzen und legte den Kopf zur Seite. In ihm zog sich alles zusammen, so sehr wollte er sie. „Charlie, du schuldest mir nichts“, erklärte er dennoch.

„Hier geht es nicht um Schuld.“ Sie blickte auf seinen Mund und wieder in seine Augen. „Hier geht es um Wollen.“

Er strich über ihren Körper und umfasste ihr Gesicht mit beiden Händen. „Dann ist das etwas komplett anderes“, flüsterte er.

„Zeig es mir.“

Und das tat er. Sein Herz sprang ihm fast aus der Brust, als er seinen Mund auf ihren legte. Ihr Geschmack füllte ihn ganz und gar aus, und sein Verlangen nach ihr erfasste seinen Körper. Und als sie die Lippen öffnete, verlor er sich in ihr.

Erst ihr leiser Seufzer weckte ihn aus dieser Verlorenheit, aus diesem Kuss, von dem er sich wünschte, er möge noch Tage dauern. Doch dann wollte er mit ihr allein sein. In einem Bett. Nicht in einem verdammten Park.

Widerstrebend beendete er den Kuss und blickte sie an. Ihre Augen wirkten verschleiert, und ihr Mund war immer noch so verlockend und sinnlich. Er musste sich mit aller Macht beherrschen, um sie nicht noch einmal zu küssen.

„Wir gehen jetzt zurück ins Büro, Charlie, und dann zeigst du mir alle Mails, die dieser Mistkerl dir geschickt hat.“

„Okay.“ Sie nickte. „Und dann?“

„Dann schlagen wir zurück.“

8. KAPITEL

„Er hat dich geküsst“, sagte Katie sofort, als Charlie ihr Büro betrat.

Vermutlich hätte sie nicht hinunter in die Buchhaltung gehen sollen, aber Charlie wollte im Moment nicht allein sein. Und gleich als sie mit Vance ins Büro zurückgekehrt war, hatte Ann Richardson um ein sofortiges Gespräch mit ihm gebeten.

Er war nicht gerade erfreut darüber gewesen, aber er war der Bitte nachgekommen und hatte das Büro wieder verlassen, noch bevor Charlie ihm die Mails hatte zeigen können. Bevor sie ihre nächsten Schritte planen konnten. Aber er hatte sie noch einmal geküsst und versprochen, sie würden über alles sprechen, sobald er zurück wäre. Da sie es nicht ertragen hatte, allein im Büro zu sitzen und vor sich hinzubrüten, war sie zu ihrer besten Freundin geflüchtet. Die offenbar entweder eine Hellseherin war oder den Röntgenblick hatte.

„Hast du einen Radar für so was?“, fragte sie.

„Brauch ich gar nicht.“ Katie grinste. „Du hast diesen verträumten Blick, und deine Lippen sind geschwollen. Ganz abgesehen davon, dass du förmlich glühst. Also, raus damit.“ Sie rieb sich erwartungsvoll die Hände. „Ich will jedes Detail wissen. Lass bloß nichts aus. Er hat hi gesagt, du hast hi gesagt, und dann hat er dich mit seinen starken männlichen Armen umschlossen und dir einen Kuss aufgedrückt und …“

„Ich habe ihn geküsst.“

„Wirklich?“ Katie starrte sie mit offenem Mund an. „Ich bin so stolz auf dich.“

„Sehr witzig.“

„Komm schon, du hast dich für keinen Kerl mehr interessiert seit …“

„Ich weiß.“ Charlie zuckte zusammen. Katie kannte die ganze Geschichte und hatte ihr die letzten zwei Jahre über immer wieder zugesetzt, sie solle drüber hinwegkommen und sich jemand Nettes suchen. Der Sache eine Chance geben.

„Himmel, wenn du wieder rangehst, dann aber richtig.“ Katie blinzelte ihr zu.

„Scheint so. Aber, ganz ehrlich, ich kann mich kaum erinnern, wie das passiert ist. In einem Moment haben wir uns unterhalten, und im nächsten …“ Charlie konnte es selbst kaum glauben. In ihrem Körper hallte der Kuss immer noch nach. Sie spürte noch immer Vances Lippen auf ihrem Mund, seinen Atem sanft auf ihrer Wange und seine starken Hände, die sie hielten.

„Ich weiß nicht mal, was mich dazu gebracht hat“, gestand sie. „Nein, das stimmt nicht. Natürlich weiß ich das. Er war so nett die ganzen letzten Wochen über. So gar nicht Alpha-Männchen-mäßig.“

„Ich mag Alpha-Männer.“

„Oh, das ist er auch immer noch“, versicherte sie Katie schnell.

Von der Erpressung hatte sie Katie nichts erzählt, daher erwähnte sie jetzt auch nicht, dass Vance sofort seine Unterstützung angeboten hatte.

Katie seufzte. „Und er hat den Kuss erwidert?“

„O ja.“

„Warum lässt du dann zu, dass dein Glühen schon wieder dahinschwindet?“ Katie runzelte die Stirn. „Ehrlich, Charlie, du darfst nicht so hart mit dir sein. Du hast das Recht, einen umwerfenden Kerl zu küssen und das auch noch zu genießen.“

„Hab ich das?“ Charlie ging zu dem schmalen Fenster neben Katies Schreibtisch. „Ich bin Mutter. Ich darf nicht nur an mich denken. Wenn ich mir den Falschen aussuche, dann hat das auch Folgen für Jake.“

Katie drehte ihren Schreibtischstuhl zu ihr herum. „Und Vance ist der Falsche?“

Darauf hatte Charlie keine Antwort. Wenn sie ihrem Instinkt vertraute, dann war Vance absolut nicht der Falsche. Doch wenn sie die kalten, harten Fakten betrachtete, dann lautete die Antwort: O ja und wie! Wenn sie eine Beziehung mit Vance Waverly einging, dann würde das unweigerlich Schmerzen und Unglück mit sich bringen.

Er kannte jetzt die Wahrheit über sie. Kannte ihre Vorgeschichte. Wusste, dass sie dumm genug gewesen war, sich von einem Mann verführen zu lassen, dessen richtigen Namen sie nicht einmal kannte. Sie hatte zugegeben, dass sie erpresst wurde. Das Auktionshaus, das seine Familie gegründet hatte, war dadurch bedroht.

Und sie könnten gar nicht unterschiedlicher sein. Sie lebten praktisch in verschiedenen Universen.

„Du bist schon dabei, dir das selbst auszureden, oder?“ Katie seufzte.

„Es war nur ein Kuss, Katie.“ Sie schaute ihre Freundin an. „Komm schon, ich und Vance Waverly? Wer soll das denn glauben?“

„Du denkst zu viel.“ Katie stellte sich neben sie ans Fenster. „Ich verstehe das. Nach der Geschichte mit Jakes Vater bist du misstrauisch. Und das ist sehr nachvollziehbar, wirklich. Aber wenn du dich neuen Möglichkeiten nicht öffnest, wirst du immer allein bleiben.“

„Ich habe Jake.“

„Ja.“ Doch Katie schüttelte langsam den Kopf. „Jake wird erwachsen werden. Er wird sein eigenes Leben leben, und du wirst allein bleiben.“

Charlie rang sich ein Lachen ab. „Na ja, ein paar Jahre habe ich noch, bevor ich drüber nachdenken muss, mir eine Katze zur Gesellschaft anzuschaffen.“

„Klar. Hast du. Aber wenn du jetzt nicht anfängst ein bisschen zu leben, wird es später vielleicht zu spät sein.“

Vielleicht hatte Katie recht. Und vielleicht wollte sie auch nur, dass Katie recht hatte. Sie war schon wieder drauf und dran, sich zu verlieben. So wie sie sich in Jakes Vater verliebt hatte. Schnell und haltlos.

Und diese Beziehung hatte nur aus Lug und Trug bestanden. Konnte sie wirklich noch mehr Verletzungen riskieren? Dann erinnerte sie sich an diesen Kuss im Schatten der Weide und daran, wie die leichte Sommerbrise sie beide eingehüllt hatte. Konnte sie wirklich riskieren, davor wegzulaufen?

Kendra Darling saß im Vorzimmer zu Ann Richardsons Büro und bewachte es wie ein gut gekleideter, charmanter Drache. An ihr kam ohne Termin niemand vorbei, nicht mal ein Vorstandsvorsitzender.

„Mr Waverly.“ Kendra nickte ihm knapp zu. „Ms Richardson erwartet Sie.“

„Danke.“ Er ging an ihrem Schreibtisch vorbei und blickte dann zurück. Kendra arbeitete seit Jahren hier und kannte viele Geheimnisse bei Waverlys. Aber er hatte auch Charlie verdächtigt, und da war nichts dran gewesen, also verwarf Vance den Gedanken wieder. Kendra war absolut loyal. Genauso gut konnte der Verräter einer der alten Haudegen im Vorstand sein. Kurz stellte er sich vor, wie George oder Simon oder eine der Ladies Droh-Mails an Charlie schickten. Oder Firmendaten an Dalton weitergaben.

„Kann ich noch etwas für Sie tun, Mr Waverly?“

„Nein.“ Vance verwarf seine wilden Fantasien. „Danke.“ Es würde dauern, den Verräter ausfindig zu machen. Es würde nicht leicht und ganz sicher nicht angenehm werden. Aber er würde herausfinden, was hier vorging.

Er betrat Ann Richardsons Büro.

Ihre kühle Gelassenheit schien ganz und gar verschwunden. Sie hielt ein paar Papiere in Händen und ging lächelnd auf und ab. Noch von der Tür aus konnte Vance das aufgeregte Glitzern in ihren Augen sehen.

„Vance! Sehr gut. Hast du mit Roark gesprochen?“

„Vor zwei Tagen. Warum?“

„Also weißt du es noch nicht. Schön, dann freue ich mich schon darauf, deine Reaktion zu sehen.“

„Ann, wovon redest du?“ Vance wollte zurück in sein Büro. Zurück zu Charlie. Es gab unendlich viel zu tun. Er musste diese Mails sehen. Er musste Charlie noch einmal küssen. Verwirrt über diesen Gedanken runzelte er die Stirn.

„Über das hier.“ Sie reichte ihm die Papiere.

Schnell überflog er den Text und konzentrierte sich dann auf die Abbildungen. „Ist es das, was ich denke?“

„Wenn du dabei an die Rayas-Sammlung denkst inklusive der Goldherz-Statue“, flüsterte sie, „dann ja. Das ist sie.“

„Aber die gilt seit mehr als hundert Jahren als verschollen.“ Vance konnte den Blick nicht von den Bildern der Statue lösen.

„Roark hat sie gefunden.“ Ann strahlte. „Manchmal ist er zwar schwierig im Umgang und noch schwieriger im Blick zu behalten, aber dein Bruder kann Wunder wirken, wenn es um Funde fürs Haus geht.“

Ein Wunder. Genau das war die Entdeckung dieses Kunstwerks. Verblüfft starrte Vance auf die Fotos der berühmten Statue. In der Legende dazu hieß es, dass der König von Raya für jede seiner drei Töchter die Statue einer Frau anfertigen ließ. Jede war ungefähr fünf Zentimeter groß und stand auf einem Sockel aus purem Gold, der jeweils einen einzigartigen Stempel trug. Und auf jeder der Frauenfiguren prangte ein Herz aus Gold.

Sie sollten den Töchtern des Königs Glück in der Liebe bringen. Und alle drei Töchter – sowie alle folgenden Generationen – hatten dieses Glück. Solange die Statuen in den jeweiligen Palästen blieben. Eine der Statuen gehörte heute der Familie von Scheich Raif Khouri, und die zweite war noch immer ein Erbstück in der ursprünglichen Königsfamilie. Die dritte allerdings war verschwunden. Entweder hatte ein Familienmitglied sie gestohlen oder verkauft – das zumindest war die landläufige Annahme.

Sobald die Statue aus ihrem Palast verschwunden war, befiel diesen Zweig der Familie ein Unglück nach dem anderen, bis er schließlich ausgestorben war. Was einen fast dazu bringen konnte, an die Legende zu glauben.

Aber dass diese Statue jetzt in einer Sammlung auftauchte, war verdammt ungewöhnlich. Wo kam sie her? Wie hatte Roark sie gefunden? Und warum hatte er ihm nichts davon gesagt? Als sie sich getroffen hatten, musste Roark doch schon eine Spur zur Statue gehabt haben. Warum hatte er sie nicht erwähnt?

„Roark hat dir diese Fotos geschickt?“

„Ich habe sie heute Morgen per Fax erhalten.“ Ann blickte auf die Fotos und strahlte. „Umwerfend. Einfach umwerfend. Und sie gehört Waverlys.“

Unglaublich. Vance starrte auf die Fotos. Ein stolzes Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit, während er die drei anderen Gegenstände betrachtete, die auch Teil der Auktion sein würden. Roark hatte es geschafft. Er hatte die weltweit begehrtesten Auktionsgegenstände gefunden, gerade als Waverlys gute Presse mehr als nötig hatte. Ein Geschenk des Himmels, dachte er, und genau zur richtigen Zeit.

„Wo ist die Statue jetzt?“

Ann blickte hoch und blinzelte, als müsse sie erst wieder zu sich kommen. Und das konnte er ihr nicht verübeln. Die letzten Wochen waren voller Anspannung und Probleme gewesen, und diese Neuigkeiten konnten das alles verändern. Für Ann ebenso wie für Waverlys.

„Er bewahrt sie in seinem Safe in Übersee auf. Da ist sie sicher, bis er sie herbringen kann. Aber vorher hat er sie authentifizieren lassen, Vance. Sie ist echt. Es gibt keinen Zweifel: Das ist die verloren geglaubte Goldherz-Statue.“

Vance nickte.

„Bevor ich die Neuigkeit an die Presse gebe, wollte ich deine Meinung einholen. Wir dürfen uns hier keinen Fehler leisten. Wenn wir erst einmal verkündet haben, dass die Goldherz-Statue in unserem Besitz ist, steht Waverlys guter Ruf auf dem Spiel.“

Sie hatte natürlich recht. Sollte sich die Statue als Fälschung herausstellen, konnte das Waverlys zerstören. „Roark kennt sich aus, das weißt du so gut wie ich. Niemand sonst hat so hervorragende Instinkte – oder sein Wissen über Kunst und Antiquitäten. Wenn er sagt, die Statue ist echt, dann ist sie echt.“

Ann seufzte erleichtert auf. „Genau das war auch mein Gefühl. Ich brauchte nur eine Bestätigung dafür. O Gott, Vance, ist dir klar, was das für Waverlys bedeutet?“

„Ich weiß. Aber verdammt, warum lässt Roark so eine Kostbarkeit in einem Safe in Übersee? Warum bringt er sie nicht gleich her?“

Ann winkte ab. „Dafür hatte er keine Zeit. Er ist schon auf dem Weg ins Amazonasgebiet zu einem geheimen Treffen mit einem seiner Kontakte. Wäre er erst nach Hause gekommen, dann hätte er wohl eine nächste Möglichkeit verpasst.“

Trotzdem gefiel es Vance nicht. Die Goldherz-Statue war eine Legende. Sammler in der ganzen Welt hatten über ein Jahrhundert lang nach ihr gesucht. Sie in einem Safe zu lassen, war ein Risiko, ganz gleich, wie sicher dieser Safe sein mochte. „Wann wird er zurück sein?“

„Das weiß ich nicht.“ Ann war immer noch in die Betrachtung der Fotos versunken. „Er hat gesagt, es könnte ein paar Schwierigkeiten geben mit seinem nächsten Vorhaben.“

„Schwierigkeiten? Was für Schwierigkeiten?“

„Hat er nicht gesagt.“

Typisch für seinen Bruder. Verdammt. Wenn es Schwierigkeiten gab, wollte Vance darüber Bescheid wissen. „Wonach ist er denn dort auf der Suche?“

„Das hat er mir auch nicht verraten.“ Sie hob den Blick. „Roark hält uns nicht wirklich auf dem Laufenden, wenn er auf einem seiner Abenteuer ist. Das weißt du doch, Vance. Und du hast es gerade selbst gesagt: Niemand ist besser als Roark bei dem, was er tut.“

„Schon. Das heißt aber nicht, dass mir das gefällt.“

„Vergiss doch mal alles andere, Vance. Begreifst du überhaupt, was das hier für uns bedeutet? Die Goldherz-Statue könnte bei einer Auktion gut und gerne zweihundert Millionen bringen. Mehr vielleicht. Und da rechne ich noch nicht einmal den Rest der Sammlung mit ein. Der im Übrigen nicht unbedeutend ist.“

„Ich weiß, Ann.“ Trotzdem hatte er ein ungutes Gefühl. Nicht wegen der Statue. Wenn Roark sagte, dass sie echt war, dann vertraute er ihm. Aber warum tauchte sie gerade jetzt auf? War das nicht verdächtig? Ein wenig zu perfekt?

„Sobald wir diese Neuigkeiten rausbringen, ist Waverlys über jeden Zweifel erhaben.“ Ann sprach voller Ehrfurcht. „Niemand wird mehr über irgendetwas anderes reden als die Statue und darüber, dass Waverlys das Spitzenauktionshaus der Welt ist.“ Ihre Stimme sank zu einem Flüstern herab. „Da kann Dalton nichts gegen uns ausrichten.“

Vance musterte sie. War doch etwas dran an den Gerüchten über Dalton und Ann? Dem Vorstand gegenüber hatte sie das verneint, aber zweifellos würde sie lügen, um sich zu retten. Blieb die Frage, ob sie dafür auch Waverlys verraten würde.

Er glaubte nicht daran. Aber Ann war emotional angegriffen, vielleicht sogar einem Zusammenbruch nahe. In ihren sonst so kühlen, emotionslosen Augen stand jetzt eine Leidenschaft, die er nie zuvor an ihr gesehen hatte.

Vielleicht kämpfte nicht nur Charlie gegen eine Bedrohung aus unbekannter Quelle an. Vielleicht kämpfte auch Ann gegen ihre ganz eigenen Dämonen.

„Das sind alle?“

Charlie blickte zu Vance, der neben ihrem Schreibtischstuhl hockte und die Mails studierte, die sie auf den Bildschirm geholt hatte. Die Wärme seines Körpers, so nah an ihrem, vernebelte ihr die Sinne und vertrieb jeden vernünftigen Gedanken. Es grenzte schon an ein Wunder, dass sie noch wusste, wie man atmete.

Er schaute sie an, und etwas in ihrem Blick musste sie verraten haben. Seine braunen Augen verdunkelten sich, während die goldenen Sprenkel darin umso heller aufschienen. „Wenn du mich weiter so ansiehst, kriegen wir hier nichts zustande.“

„’tschuldigung.“ Sie fühlte Hitze in ihren Wangen aufsteigen und war entsetzt. Du Idiotin, beschimpfte sie sich insgeheim, er will dir helfen. Du könntest wenigstens versuchen bei der Sache zu bleiben! „Ja, das sind alle. Mit Ausnahme von der, die ich heute Morgen bekommen habe.“

„Es gibt noch eine? Zeig sie mir.“

Sie hatte sie ihm nicht zeigen wollen, obwohl das dumm war. Sie hatte ihm alle ihre Geheimnisse erzählt. Aber diese Mail war bedrohlicher. Angsteinflößender. Sie wollte sie nicht noch einmal lesen müssen. Trotzdem konnte sie den Blick nicht von dem Text abwenden, der nun auf dem Bildschirm erschien.

Kein weiteres Hinhalten mehr. Gib mir, was ich will, oder Du verlierst das Kind. Ich weiß, wo Du wohnst. Ich kenne Deine Geheimnisse. Ich bin die Spielchen leid. Melde Dich morgen um 17 Uhr bei mir.

„Widerlicher Mistkerl.“ Vance knirschte mit den Zähnen. „Hast du ihm geantwortet?“

„Ja. Gleich nach der ersten Mail. Ich habe versucht, ihn dazu zu bringen, mir zu sagen, wer er ist. Hat er natürlich nicht. Und nach dieser hier habe ich ihm noch eine geschickt und um mehr Zeit gebeten. Keine Antwort. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich kann Waverlys nicht betrügen – aber wenn ich ihm das sage, könnte ich meinen Sohn verlieren …“

„Du wirst Jake nicht verlieren.“

„Ich kann kein Risiko eingehen.“ Nicht einmal Vances Nähe konnte ihre Panik vertreiben. „Ich muss etwas tun.“

Er nickte und starrte auf die Mail. „Er weiß, wo du wohnst.“

„Ja.“ Sie rieb sich die Arme, als könnte sie damit die Kälte vertreiben, die sich in ihr ausbreitete. Was natürlich nicht funktionierte. „Es ist erschreckend, daran zu denken, dass er mich vielleicht die ganze Zeit über beobachtet.“

„Er hat dich beobachtet.“

„Ich weiß nicht, wie ich ihn stoppen kann.“

„Aber ich weiß es. Du wirst mit Jake für eine Weile zu mir ziehen.“

Charlie starrte ihn an. Unmöglich, schrie ihr Verstand. Juhu, jubelte ihr Körper. Und irgendwo dazwischen bemühte sich Charlie zu begreifen, was Vance da gerade vorgeschlagen hatte.

„Das kann ich nicht zulassen.“ Sie schüttelte den Kopf, hörte auf ihren Verstand statt auf das Drängen ihres Körpers.

„Es geht nicht darum, was du mich tun lässt oder nicht. Die Entscheidung ist gefallen.“

„Wie bitte?“ Ihr Rücken versteifte sich, und auch angesichts Vances unnachgiebigen Blicks wich sie kein Stück zurück. „Ich nehme keine Befehle von dir an …“ Sie hielt kurz inne und überdachte ihre Worte. „Also, na gut, tue ich doch, immerhin bist du mein Boss. Aber du kannst nicht einfach so über mich bestimmen.“

Ein ungeduldiger Seufzer entrang sich seiner Kehle. „Charlie, willst du Jake in Sicherheit wissen?“

„Natürlich will ich das. Was für eine blöde Frage.“

„Dann wirst du zu mir ziehen. Denn dieser Kerl …“, er wies mit dem Finger auf den Bildschirm, „… weiß, wo du wohnst. Und das bedeutet, ihr seid dort beide nicht länger sicher. Weder du noch Jake.“

Sie wollte nicht Vance Waverlys gute Tat des Jahres sein. Wollte nicht so erbärmlich sein, dass ein großer, starker Mann zu ihrer Rettung herbeieilen musste. Aber sie musste sich eingestehen, dass sie auch nicht allein nach Hause gehen und sich weiter über eine namenlose Bedrohung sorgen wollte. Sie könnte bei Katie unterkommen. Aber sie wollte auch nicht Katie in Gefahr bringen.

Sollte sie es also tun? Sollte sie bei ihrem Boss einziehen? Auch wenn es dabei um die Sicherheit ihres Sohnes ging, war das wirklich ein kluger Schachzug? Sie blickte Vance in die Augen und sah die grimmige Entschlossenheit darin.

Dummer Fehler, sagte sie sich. Dieser Schritt wäre vermutlich ein Riesenfehler. Aber so sehr sie sich auch anstrengte, ihr fiel kein vernünftiger Grund ein, Nein zu sagen.

9. KAPITEL

Vance bestand darauf, dass sie sich einen Teil des Nachmittags freinahmen, um ihren Umzug zu bewerkstelligen.

Schon der erste Blick auf sein Zuhause überzeugte sie, dass ihr Einzug hier ein schlechter Einfall gewesen war. Ihre ganze Wohnung hätte in das Wohnzimmer seines Penthouses gepasst – und es hätte immer noch Spielraum gegeben. Über die ganze Länge zog sich eine Fensterfront mit Blick auf den Hudson. Auf dem tiefblauen Wasser tummelten sich Ausflugsdampfer und gelbe Kajaks, von hier oben klein wie Buntstifte, und Charlie vermutete, dass der Ausblick auf die Lichter der Stadt bei Nacht absolut bezaubernd war.

Die Einrichtung stammte von einem Experten und war so kinderfreundlich wie ein Set Steakmesser. Schwarze Ledersessel und Ledersofas bildeten eine Sitzecke, und ähnliche Sitzmöbel gruppierten sich um den offenen Kamin. Auf dem gefliesten Boden lagen einzelne, teuer wirkende Teppiche. Und Lampen, die eher wie moderne Kunstwerke aussahen, standen im gesamten Raum verteilt.

„Bitte.“ Er breitete die Arme aus. „Jede Menge Platz.“

„Für mich und eine ganze Armee“, wisperte sie und folgte Vance über den Flur zu den drei Schlafzimmern. Sie warf einen Blick in sein großes Schlafzimmer. Beim Anblick des riesigen, einladenden Bettes fing ihr Herz an, heftig zu schlagen.

„Du stehst wirklich auf Schwarz, oder?“, fragte sie.

Er zuckte mit den Schultern. „Passt zu allem. Hat wenigstens der Dekorateur behauptet.“

„Natürlich.“ Sie nickte. „Der Dekorateur.“

Nur noch ein Unterschied zwischen ihnen. Selbst wenn sie sich einen Profi leisten könnte, hätte Charlie niemals jemanden beauftragt, ihr Zuhause einzurichten. Dem Ort, der ihr sicherer Hafen und ihre Zuflucht sein würde, wollte sie ihren eigenen Stempel aufdrücken.

Vance öffnete die Tür eines Gästezimmers, und Charlie war erleichtert, als sie die hellblauen Wände und dunkelblauen Sessel vor dem offenen Kamin sah. Auch das Bett war in Hellblau und Grüntönen gehalten. Das Zimmer war so anders als all die anderen, dass sie es kaum glauben konnte. „Das sieht wunderschön aus.“

„Du klingst überrascht.“

„Nun, das hier habe ich nicht erwartet.“ Sie war ganz selbstverständlich von noch mehr Schwarz ausgegangen. „Danke.“

„Gern geschehen. Das Bad ist gleich hier.“ Er öffnete die Tür zu einem palastartigen himmelblau gekachelten Raum mit weißen Waschbecken und einer riesigen Badewanne. Die hintere Hälfte des Badezimmers war mit Glastüren abgetrennt – eine Dusche, die groß genug aussah für … für alles Mögliche, dachte sie und drängte dann entschlossen jeden Gedanken daran beiseite.

Wie der Rest der Wohnung war das Badezimmer stilvoll, elegant und einschüchternd.

„Im Bad ist eine Verbindungstür zum nächsten Zimmer. Das ist bestimmt perfekt für Jake. Ein Bett für ihn kann in einer Stunde hier sein.“

„Du musst das nicht tun.“ Sie sah sich in dem dritten Schlafzimmer um, das auch in Blau- und Grüntönen gehalten war. „Du musst das alles wirklich nicht tun. Jake und ich kommen schon zurecht.

„Ja. Das werdet ihr. Hier.“

Er legte ihr die Hände auf die Schultern, und sie spürte seine Wärme. Verführerisch. Das war er. Himmel, wie hatte sie ihn jemals für kalt und verschlossen halten können? In den letzten zwei Wochen war er fürsorglicher und aufmerksamer gewesen als irgendwer zuvor in ihrem Leben.

Jetzt hatte er ihr sogar einen Platz in seinem Zuhause angeboten. Warum? Sie hatte ihm die volle Wahrheit über sich erzählt. Er musste wissen, dass, was immer da zwischen ihnen war, nicht von Dauer sein konnte. Unwirklich war. Nie hätte beginnen dürfen. Warum also wandte er sich nicht von ihr ab?

Er glaubte ihr, dass sie Waverlys nicht verraten wollte. Das hatte er gesagt. Aber vielleicht war es trotzdem keine gute Idee, bei ihm einzuziehen.

„Dieser Kerl weiß, wo du wohnst, Charlie. Was ist, wenn er der Mails überdrüssig wird und tatsächlich bei dir auftaucht? Was dann?“

Sie zitterte bei dem Gedanken. „Ich weiß. Aber ich fühle mich schuldig. Du bist so nett zu mir, Vance …“

„Verdammt, Charlie, du musst das nicht allein durchstehen!“ Er zog sie an sich, bis sie den Kopf in den Nacken legen musste, um ihn noch anzusehen. „Ich mache das nicht aus Nettigkeit. Ich will dich und deinen Sohn in Sicherheit wissen. Und ich habe hier genug Platz, was also ist das Problem?“

Sie streckte sich und legte die Hände auf seine Arme. „Vance, ich weiß das wirklich zu schätzen. Aber du hast noch nie mit einem Baby zusammengelebt und weißt nicht, worauf du dich hier einlässt.“

„Das lass mal meine Sorge sein, okay? Lass mich dir helfen.“

Sein Blick war so intensiv, als wolle er sie allein damit überzeugen zu bleiben. Und obwohl Charlie wusste, sie würden die Entscheidung irgendwann bereuen, aber sie wusste auch, dass sie bleiben würde.

„Okay.“

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