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Hochzeitsnacht mit einem Fremden?

Anna Cleary

Hochzeitsnacht mit einem Fremden?

1. KAPITEL

Ariane beugte sich über die Balkonbrüstung und überlegte, ob sie springen sollte. Es geschähe Sebastian Nikosto ganz recht, wenn man sie tot aus dem Meer fischen würde. Sollte er sich doch woanders eine Braut suchen.

Obwohl die Luft vor Hitze flimmerte, sah das Wasser im Hafen von Sydney bitterkalt aus. Schaudernd wich Ariane zurück. Die Tatsache, dass ihre Eltern in diesen unruhigen Fluten ums Leben gekommen waren, machte es auch nicht verlockender. Am Ende fraßen sie noch die Haie.

Der Blick über den Hafen aufs Meer war allerdings beeindruckend, selbst im Vergleich zu der atemberaubenden Schönheit von Naxos. Und doch fühlte sie sich nicht wohl hier. Ihre Freude über die Rückkehr nach Australien hatte sich gelegt. Sie kam sich in diesem Land vor wie eine Fremde. Kaum zu glauben, dass sie hier geboren war.

Niedergeschlagen ging sie in ihre Suite zurück, ließ sich auf dem luxuriösen Bettüberwurf nieder und nahm den Reiseführer zur Hand, der sie einst so fasziniert hatte. Katherine Gorge. Uluru. Wie hatte sie sich auf diese Sehenswürdigkeiten gefreut! Nur leider war nichts dergleichen für sie vorgesehen. Sie war hier, um an das Bett eines fremden Mannes gekettet zu werden.

Es sei denn, sie machte sich aus dem Staub. Sebastian Nikosto war nicht am Flughafen gewesen. Vielleicht hatte er es sich anders überlegt …

In diesem Moment klingelte das Telefon, und Ariane zuckte zusammen. War das ihre Tante, die anrief, um sich bei ihr zu entschuldigen und sie zu bitten, nach Hause zurückzukommen?

Es war die Rezeptionistin. „Guten Tag, Ms. Giorgias, hier ist Besuch für Sie. Ein Mr. Nikosto. Soll ich ihm Ihre Zimmernummer geben?“

Nein! Ich komme hinunter“, sagte sie schnell, obwohl ihr vor Schreck fast das Herz stehen blieb.

Sie würde diesem Nikosto schon klarmachen, dass sie Ariane Giorgias war, australische Staatsbürgerin, und keine Ware, um die man feilschte.

Hastig zog sie vor dem Spiegel ihre Jacke über. Ihr Teint schien noch blasser als ihr hellblondes Haar, ihre blauen Augen wirkten groß und dunkel, wie immer, wenn sie wütend oder verängstigt war.

Während sie im Lift nach unten fuhr, redete sie sich selbst Mut zu. Australien war ein zivilisiertes Land. Hier konnte niemand eine Frau zu etwas zwingen. Sie war sogar neugierig darauf, zu erfahren, welcher Mann so tief sinken konnte, sich im einundzwanzigsten Jahrhundert eine Frau kaufen zu wollen. Er musste entweder steinalt und von gestern oder so hässlich sein, dass er glaubte, keine andere Chance zu haben.

Wie auch immer, sie würde ihm mutig die Stirn bieten und ihn abblitzen lassen. Immerhin war sie die berühmt-berüchtigte Braut, die den Erben eines der größten Vermögen von ganz Griechenland vor dem Altar hatte stehen lassen. Das war mutig genug gewesen, auch wenn ihr Onkel und ihre Tante es anders sahen.

Trotz aller guten Vorsätze sank ihr das Herz, als sie im Erdgeschoss aus dem Lift trat und einen älteren Mann im schlecht sitzenden Anzug am Empfangstresen stehen sah. Wie können sie mir das antun?, dachte sie verzweifelt. Während die prunkvolle Lobby mit ihrer breiten Fensterfront und der spektakulären Aussicht auf die City sich vor ihren Augen zu drehen begann, sah sie zu ihrer Erleichterung, wie der ältere Mann quer durch den Raum jemandem zuwinkte und sich entfernte.

Gerettet! Zumindest für den Moment.

In banger Erwartung ließ sie den Blick über die Reisegrüppchen, diensteifrigen Hotelangestellten und die Warteschlange vor der Rezeption schweifen, bis sie einen weiteren Mann ohne Begleitung ausfindig machte. Dieser war groß und schlank und trug einen eleganten dunklen Anzug. Ein Telefon ans Ohr gepresst und gelegentlich wild gestikulierend, lief er mit federnden Schritten am Eingang auf und ab und vermittelte den Eindruck mühsam gezügelter Energie.

Plötzlich drehte er sich um und sah in ihre Richtung. Selbst von Weitem war zu sehen, wie er sich anspannte und die Stirn in Falten legte, als hätte er sie erkannt. Er beendete das Telefonat und steckte sein Handy ein.

Mit einem flauen Gefühl im Magen beobachtete Ariane, wie der Fremde quer durch die Empfangshalle auf sie zukam. Im Näherkommen glätteten sich seine Züge, und erstaunt stellte sie fest, dass er umwerfend attraktiv war. Ganz der Typ des gut aussehenden Griechen mit klassischem Profil, sonnengebräunter Haut und schwarz glänzendem Haar, verfügte er doch über den unverwechselbar lässigen Charme eines Australiers. Der schicke Geschäftsanzug konnte seinen athletischen Körperbau nicht verbergen. Wieso sollte ein Mann wie er es nötig haben, sich eine Frau zu kaufen?

Er war nicht einmal besonders alt. Anfang bis Mitte dreißig, höchstens. Vielleicht hatte sie sich geirrt, und er war gar nicht der, für den sie ihn hielt.

Einige Schritte vor ihr blieb er stehen. „Ariane Giorgias?“

Er hatte eine warme, dunkle Stimme, doch was Ariane noch mehr faszinierte, waren seine Augen, tiefbraun wie Bitterschokolade und von dichten schwarzen Wimpern umrahmt. Ein harter Zug lag um seinen Mund, als er sie jetzt mit seinen schönen Augen kühl und abschätzend musterte. Ariane war klar, worauf es ihm ankam: auf ihre Brüste, ihre Beine, den Schwung ihrer Hüften. War sie eine lohnende Trophäe?

Verletzter Stolz und Ärger ließen sie erröten. „Ja, ich bin Ariane Giorgias. Und Sie sind …?“

Sebastian, dem ihr beleidigter Tonfall nicht entging, fühlte sich in seiner Vermutung bestätigt. Ariane Giorgias, Spross einer alteingesessenen griechischen Reeder-Dynastie und seine potenzielle Ehefrau, war ebenso reich wie verwöhnt. Doch sosehr er es hasste, in der Falle zu sitzen, empfand er doch eine gewisse Erregung, als er der jungen Frau nun zum ersten Mal ins Gesicht sah. Immerhin war es gut möglich, dass er sie heiraten würde.

Sie hatte keinerlei Ähnlichkeit mit der Frau, die für ihn einst der Inbegriff weiblicher Schönheit gewesen war, aber ein fein geschnittenes Gesicht mit schönen, hohen Wangenknochen. Herzförmig, wie seine Schwestern sagen würden.

Ihr Teint war hell und zart, ihre Augen erstaunlich blau. Heftige Gefühle schienen sich darin widerzuspiegeln. Ihr Mund mit den schönen, vollen Lippen wirkte auf betörende Weise sinnlich und unschuldig zugleich. Ein verführerischer Mund.

Nun, die Bilanz hätte schlimmer ausfallen können, sagte er sich. Aber wenn ein Mann schon zur Hochzeit gezwungen wurde, dann sollte die Braut wenigstens vorzeigbar sein.

Kritisch nahm er den Rest von ihr unter die Lupe.

Ihr Haar schimmerte in einem hellen Aschblond, heller noch als auf dem Foto, das er von ihr gesehen hatte. Ihr Naturton, wie ihre schön geschwungenen blonden Augenbrauen verrieten. Man konnte sie durchaus als Schönheit bezeichnen, vorausgesetzt, man mochte diesen Typ.

Sie war etwas kleiner, als er erwartet hatte, aber in ihren Designerjeans und dem taillenkurzen Jäckchen wirkte ihre Figur schlank und anmutig. Prüfend ließ er den Blick über ihre vollen Brüste, die schmale Taille und die sanft gerundeten Hüften gleiten.

Ihre Kleidung war edel, aber nicht extravagant, ihr Schmuck dezent, aber vom Feinsten.

Sein Puls beschleunigte sich. Ja, sie sah gut aus. Und sie hatte wunderschöne Augen. Ein wenig blass um die Nase, vielleicht vor Nervosität. Doch deshalb würde er kein Mitleid mit ihr haben.

Sie hatte allen Grund, nervös zu sein. Sie würde noch sehr viel nervöser werden, wenn sie erst merkte, wen sie da dreisterweise als Nächsten auf die Liste ihrer Eroberungen gesetzt hatte.

„Sebastian Nikosto.“ Etwas verspätet streckte er ihr die Hand entgegen.

Ariane rührte sich nicht. Keinen Körperkontakt, befahl sie sich.

Er registrierte ihren Affront mit einem Zucken seiner Augenbraue, ging aber souverän darüber hinweg. „Verzeihen Sie, dass ich nicht am Flughafen war. Ich bin im Büro aufgehalten worden. Aber ich nehme an …“, er lächelte, doch das Lächeln erstreckte sich nicht bis zu seinen Augen, „… Sie haben Erfahrung in diesen Dingen.“ Je freundlicher er sprach, desto frostiger wirkten seine Worte.

Erfahrung worin?, fragte Ariane sich irritiert. Was mochte er über sie gehört haben? War die Neuigkeit von der geplatzten Hochzeit schon bis nach Australien vorgedrungen? Oder hielt er sie etwa für leichte Beute, für eine Frau, die man nach Lust und Laune durch die Gegend schicken konnte?

„Und da sind Sie nun, wohlbehalten und unversehrt“, fügte er lässig hinzu.

Ariane dachte daran, wie sie morgens am Flughafen verzweifelt darauf gewartet hatte, dass irgendjemand sie abholte. Auf ein freundliches Gesicht in der Menge, ein tröstliches Wort nach den beklemmenden Stunden voller Angst und Unsicherheit im Flugzeug. Bis zuletzt hatte sie gehofft, das Ganze sei ein Missverständnis und die Nikostos würden sie bei ihrer Ankunft in Sydney mit offenen Armen empfangen und sie im Schoß der Familie willkommen heißen. Nach der Ankunft dann hatte sie mit sich gehadert, ob sie zum Hotel fahren oder lieber fliehen sollte. Doch wohin?

Alles, was ihr von Australien in Erinnerung geblieben war, und auch das nur flüchtig, waren ihr Elternhaus und die kleine Dorfschule, die sie besucht hatte. Und ein Haus am Strand, das einer entfernten Verwandten von ihr gehörte und von dem sie aber nicht mehr wusste, wo es sich befand.

Sebastian Nikostos Entschuldigung war mehr als dürftig. War es ihm so schwergefallen, sich von seinen Satelliten loszureißen, oder womit immer er sein Geld verdiente? Erwartete er etwa, dass ihm seine gekaufte Braut frei Haus geliefert wurde?

„Tut mir leid, dass ich Sie von der Arbeit abhalte“, erwiderte sie ebenso kühl. „Möchten Sie unser Treffen lieber verschieben?“

Wieder zog er eine seiner schwarzen Augenbrauen hoch. „Keineswegs, Ms. Giorgios. Ich freue mich, Sie zu sehen.“

Sein Tonfall war nach wie vor liebenswürdig, doch hinter der eleganten Fassade dieses Mannes lauerte eine Mauer eisiger Ablehnung. Sein dunkelblauer Anzug und das blassblaue Hemd passten allerdings hervorragend zu dem sonnengebräunten Teint und dem tiefschwarzen Haar, wie Ariane zugeben musste.

Ihre kühle Zurückhaltung schien jedoch einen gewissen Reiz auf ihn auszuüben, denn nun musterte er ausgiebig ihren Mund.

Ihr wurde heiß unter seinem Blick. Ärgerlich wandte sie sich ab, bemüht, die erotischen Signale zu ignorieren, die von diesem großen, attraktiven Mann ausgingen. Ein Überschuss an Testosteron, nichts weiter, sagte sie sich und zog ihr Jäckchen enger um sich.

„Ich weiß nicht, was Ihnen mein Onkel von mir erzählt hat, Mr. Nikosto, aber ich bin hier, um Urlaub zu machen.“

Er musterte sie mit ausdrucksloser Miene, bevor er ihren Versuch, die Situation zu verharmlosen, mit einem Satz zunichte machte. „Man sollte meinen, Perikles Giorgias wäre in der Lage, seiner Nichte einen Bräutigam aus einem der großen europäischen Adelshäuser zu kaufen, Ms. Giorgias.“ Dabei taxierte er sie in einer Weise, die keinen Zweifel daran ließ, dass ihm ihre körperlichen Reize nicht entgangen waren. „Ich bin überrascht, dass die Wahl auf mich gefallen ist, fühle mich aber geehrt und geschmeichelt.“

Ariane empfand jedes Wort als Beleidigung, zumal seine düster funkelnden Augen deutlich zum Ausdruck brachten, dass er sich weder geehrt noch geschmeichelt fühlte, im Gegenteil. Ob er von ihr enttäuscht war? Nicht, dass sie ihm gefallen wollte. Aber beleidigt war sie schon.

„Und ich bin überrascht, dass ein Mann wie Sie käuflich ist“, entgegnete sie spöttisch, obwohl ihre Stimme zitterte.

Zorn blitzte in seinen Augen auf. „Sie werden schon sehen, wen Sie sich da eingehandelt haben, Ms. Giorgias. Was wollen Sie eigentlich mit mir anfangen?“

Seine Frage weckte wilde Fantasien in ihr: sie beide eng umschlungen zusammen im Bett, sein harter, warmer Körper an ihrem, sein feuriger Blick …

Nein, niemals. Sie würde doch nie … und er schon gar nicht.

Energisch verbannte sie die Bilder aus ihrem Kopf. Was hatte Onkel Perikles diesem Mann nur versprochen? Beschämt suchte sie nach Worten, um das empörende Vorgehen ihres Onkels zu vertuschen.

„Mein Onkel hat diesen Urlaub arrangiert, damit wir uns ganz unverbindlich kennenlernen können. Um zu sehen, ob wir … ob wir miteinander …“ Sie spürte, wie sie vom Dekolleté bis hinauf zu den Ohren zu glühen begann. Heiser vor Ärger und Verlegenheit fuhr sie fort: „Wir müssen nicht … ich meine, es muss nichts passieren. Ich bin eine unabhängige Frau. Wir leben in einer modernen Welt.“

Sein schöner, energischer Mund verzog sich zu einem ironischen Lächeln. „Natürlich, ich verstehe. Aber bedenken Sie, Ms. Giorgias, ich bin ein seriöser Geschäftsmann und kein reicher Lebemann. Ich leite eine Firma. Es gibt Leute, die einer Arbeit nachgehen, falls Ihnen das etwas sagt. Ich habe keine Zeit, rund um die Uhr für Ihre Unterhaltung zu sorgen.“

Seine kalte, abweisende Art ließ ihre Angst, ihre Verzweiflung und das Gefühl, verraten und verkauft worden zu sein, umso heftiger wieder aufflammen. Ihre aufgewühlten Emotionen brachen sich Bahn, als sie zornig erwiderte: „Ich wünschte, Sie würden sich mir überhaupt nicht widmen, Mr. Nikosto.“

Sebastian sah sie fassungslos an. Jetzt erst bemerkte er die dunklen Schatten unter ihren blauen Augen, die heftig pulsierende Ader an ihrem Hals. Und kam sich wie ein Grobian vor, der ein zartes, hilfloses Wesen von sich stieß.

Ein sensibles Wesen mit Ängsten und Nöten – und hübschen Brüsten, die sich unter der züchtigen Jacke reizvoll wölbten. Eine attraktive Frau, die er vielleicht schon bald eigenhändig entkleiden würde …

Gesetzt den Fall, er unterzeichnete diesen Vertrag.

Ob er wollte oder nicht, der Anblick ihrer bebenden Lippen erregte ihn. Himmel, sie hatte aber auch einen einladenden Mund! Wie geschaffen zum Küssen.

Ariane, immer noch aufgewühlt, spürte seinen Stimmungswandel. Als er einen Schritt auf sie zutrat und ihr sein angenehm würziger Duft in die Nase stieg, schalteten ihre Antennen sofort auf Empfangsbereitschaft. Ihre ganze Aufmerksamkeit war auf den Mann vor ihr gerichtet. Unter diesem feinen, blassblauen Hemd schlug ein lebendiges Herz, befand sich eine breite, muskulöse Männerbrust …

„Sebastian“, korrigierte er. „Hören Sie, Ariane. Wie auch immer Sie Ihren Aufenthalt hier nennen mögen, ich bin bereit, meinen Verpflichtungen nachzukommen. Es sei denn, Sie machen einen Rückzieher.“ Seine Miene war kühl und undurchdringlich.

Er stellt mir ein Ultimatum, dachte sie bestürzt. Wenn ihr Onkel erfuhr, dass sie nicht kooperierte, würde er sie womöglich restlos im Stich lassen und auch das Problem mit ihrer Unterbringung nicht lösen.

Ihr Budget war begrenzt. Bei den Preisen in Sydney konnte sie sich keine vier Wochen Hotelaufenthalt leisten. Am Ende müsste sie noch diesen arroganten Mann um Hilfe bitten!

War es das, was ihr Onkel beabsichtigt hatte? Plötzlich erhielt die Bemerkung, die er noch kurz vor ihrer Abreise gemacht hatte, eine ganz neue Bedeutung: „Die Nikostos sind nette Leute. Ich wette, sie laden dich sofort in ihre Familienvilla ein.“

Familienvilla? Leider hatte sie es hier nicht mit einer Familie zu tun, sondern mit einem einzelnen Mitglied dieser Familie. Einem zornigen, eiskalten Mitglied.

Solange sie nicht zu Hause angerufen und ihre finanzielle Lage geklärt hatte, hielt sie es für ratsam, gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

„Nein, schon gut. Hören Sie …“ Nur mit Mühe brachte sie die Worte über die Lippen: „Ich weiß Ihre Freundlichkeit zu schätzen.“

Seine dichten dunklen Wimpern senkten sich, seine Wangen färbten sich eine Spur dunkler. „Gut, dann hole ich Sie heute Abend um sieben zum Dinner ab.“ Wieder glitt sein Blick zu ihrem Mund. „Das ist doch ein vielversprechender Anfang.“

2. KAPITEL

Ariane lief so lange aufgeregt hin und her, dass sich fast auf dem Teppich ihrer Luxussuite bereits ein Trampelpfad abzuzeichnen begann.

Der perfide Plan ihres Onkels hatte sie dem kalten, abweisenden Sebastian Nikosto gegenüber in eine unmögliche Lage gebracht. Was hatte Onkel Peri diesem Mann nur geboten, damit er sich bereit erklärte, sie zu heiraten? Kein Wunder, dass Sebastian nicht gerade eine hohe Meinung von ihr hatte! Warum hatte er sich überhaupt auf diesen Handel eingelassen?

Wäre er doch nur abstoßender gewesen! Dann hätte sie sich vielleicht nicht ganz so sehr vor ihm geschämt. Für ihren Onkel. Für sich selbst. Für die Misere, in die sie geraten war, weil sie sich eingebildet hatte, diesen aalglatten Lügner Demetri Spiros zu lieben.

Hoffentlich hatte Sebastian Nikosto noch nichts von der geplatzten Hochzeit gehört! Wie hatte ihr Onkel es so nett formuliert? Nach diesem Skandal wird dich kein Mann in ganz Griechenland auch nur noch mit Handschuhen anrühren.

Perikles Giorgias hätte eigentlich klar sein müssen, dass jeder potenzielle Ehemann früher oder später von dem Skandal erfahren würde. Selbst ein gekaufter. Sebastians sarkastische Bemerkung trieb ihr jetzt noch die Schamesröte ins Gesicht.

Er hatte noch weitere verletzende Dinge zu ihr gesagt. Es gibt Leute, die einer Arbeit nachgehen, falls Ihnen das etwas sagt. Sah sie etwa aus, als verbringe sie ihre Tage damit, dekorativ in der Gegend herumzustehen?

Zu spät fiel ihr ein, was sie alles Schlagfertiges hätte erwidern können. Nun, sie würde es bei der nächsten Gelegenheit nachholen. Heute Abend vielleicht, falls sie seine Gesellschaft noch einmal ertrug. Er sollte sich nur nicht einbilden, sie sei für ihn zu haben.

Sie setzte sich aufs Bett, um in Ruhe nachzudenken. In Athen war es jetzt früher Morgen. Ihr Onkel würde auf dem Weg ins Büro sein, ihre Tante im Bad bei ihrem morgendlichen Schönheitsritual oder in der Küche, wo sie der Haushälterin Anweisungen gab. Tante Leni war eine warmherzige Frau, mit der sie immer gut ausgekommen war. Umso schockierender war es, dass ihre Tante offenbar an dem Komplott beteiligt war, mit dem ihr Onkel das Problem Ariane aus der Welt zu schaffen gedachte.

Niedergeschlagen stützte sie den Kopf in die Hände. Sie konnte es noch immer nicht fassen. Wollten Onkel Peri und Tante Leni sie bestrafen? Sie hatte die beiden immer für herzensgute Menschen gehalten, seit sie sie damals nach dem Tod ihrer Eltern zu sich nach Naxos geholt hatten. Obwohl um einiges älter als ihre eigenen Eltern, hatten die beiden sich nach Kräften bemüht, ihr Mutter und Vater zu ersetzen. Mit ihren altmodischen Ansichten und ihrer liebevollen Fürsorge gingen sie ihr allerdings auch manchmal auf die Nerven, erst recht, seit sie über achtzehn war.

Die Sache mit dem Urlaub hätte ihr gleich suspekt vorkommen müssen. Wann hatte Onkel Peri jemals zugelassen, dass sie allein ins Ausland reiste? Seit ihrem siebten Lebensjahr hatte er so eifrig über jeden ihrer Schritte gewacht, als hielte er sie für das kostbarste Wesen auf diesem Planeten.

Während ihrer Internatszeit in England war sie immer abgeholt worden, wenn die Ferien oder ein langes Wochenende bevorstanden. Und erst, als sie schon in Athen studierte, hatte sie erfahren, dass einer der Gärtner im Internat in Wahrheit ihr Leibwächter gewesen war. Onkel Peri hatte in der ständigen Angst gelebt, sie könne entführt werden.

Welche Ironie! Einst sorgsam gehütetes Juwel im Hause Giorgias, hatte sie nun nach dem Skandal ihren Glanz verloren. Nach altem Brauch hing für ihre Tante und ihren Onkel die Familienehre davon ab, dass die Nachkommen gut verheiratet wurden und wiederum Enkel produzierten, auf die man stolz sein konnte.

Bis zu einem gewissen Grad konnte Ariane die beiden sogar verstehen. Sie hatten es nie verwunden, keine eigenen Kinder haben zu können, und alle Hoffnungen in sie, Ariane, gesetzt. In ihr sahen sie ihre einzige Chance, sich jemals als stolze Großeltern fühlen zu können.

„Du wirst die Nikostos mögen“, hatte Onkel Peri ihr versichert. „Mein Vater und der alte Sebastian waren enge Freunde. Bei den Nikostos bist du gut aufgehoben.“

Und Tante Leni hatte sie so fest an sich gedrückt, als wäre es ein Abschied für immer. „Die Reise wird dir guttun, Liebes. Höchste Zeit, dass du deine Heimat kennenlernst.“

„Ich dachte, Griechenland wäre jetzt meine Heimat“, hatte Ariane protestiert, aber eigentlich war sie nur froh gewesen, sich keine Vorwürfe mehr anhören zu müssen. Und nervös, weil sie das erste Mal allein auf Reisen ging.

„Ja, schon“, hatte ihre Tante beschwichtigend eingelenkt. „Aber es ist das Land, in dem du geboren wurdest. Und sieh mal, du hast deine Arbeit und deine Wohnung verloren, und die Leute reden über dich. Du brauchst Abstand.“

In Wirklichkeit brauchten sie Abstand, und zwar von ihr. Von der Schande, die sie über sie gebracht hatte.

„Sebastian wird dich in Sydney vom Flughafen abholen und dir die Stadt zeigen“, war das Letzte, was ihre Tante zu ihr sagte.

Und noch auf dem Weg zum Gate klang ihr das schallende Lachen ihres Onkels im Ohr. „Komm mir nicht ohne Ring am Finger und einen Mann im Gepäck zurück!“

Da hätte sie schon misstrauisch werden müssen, denn bis dahin war Sebastians Name so gut wie gar nicht gefallen. Doch Verdacht geschöpft hatte sie erst, als sie schon im Flugzeug saß und den Sicherheitsgurt anlegte. In panischem Schrecken hatte sie ihr Handy hervorgeholt und die Nummer ihres Onkels gewählt.

„Onkel Peri! Ach, Onkel Peri … ihr wollt mich doch nicht verkuppeln, oder?“, hatte sie mit zitternder Stimme gefragt. „Ich meine, du hast keine Abmachung getroffen, von der ich nichts weiß?“

Wie immer, wenn er sich schuldig fühlte, hatte ihr Onkel gleich losgepoltert. „Du solltest dankbar sein, dass deine Tante und ich die Sache für dich in die Hand nehmen.“

„Wie bitte? Was soll das heißen?“

Über das laute Knistern in der Leitung hinweg drang seine Stimme an ihr Ohr: „Sebastian Nikosto ist ein guter Mann. Ein anständiger Mann.“

„Was? Nein, Onkel, das ist nicht dein Ernst! Ich habe ihn mir nicht ausgesucht!“

„Ausgesucht?“, wiederholte er dröhnend. „Du hattest genug Zeit, dir einen Mann auszusuchen, und nun sieh dich an! Bald vierundzwanzig, und kein Mann in ganz Griechenland, ach, in ganz Europa wird dich auch nur noch mit Handschuhen anrühren. Also sei ein braves Mädchen, und sei nett zu Sebastian.“

„Aber ich kenne ihn doch gar nicht. Ich sollte doch nur Urlaub machen! Du hast gesagt …“

Ihr tränenreicher Protest wurde von einem Flugbegleiter unterbrochen, der sie aufforderte, ihr Handy abzuschalten.

„Nein, das geht nicht“, fuhr sie ihn an. Sie, die auf keinen Fall Aufsehen erregen wollte! Mit einer hektischen Geste setzte sie ihr Gespräch fort: „Onkel Peri …“, ihre Stimme überschlug sich fast vor Verzweiflung, „… das kannst du nicht machen. Das ist gegen das Gesetz.“

Als ihr Onkel einfach auflegte, versuchte sie, ihn erneut anzurufen.

„Bitte, Miss!“ Der Steward griff nach ihrem Handy, und die Umsitzenden sahen neugierig zu ihr herüber.

„Aber es ist ein Notfall!“ Als sie merkte, dass die Maschine bereits über die Startbahn rollte, geriet sie in Panik. „Halt! Ich muss aussteigen!“ Sie ließ das Handy fallen, löste ihren Sicherheitsgurt und richtete sich halb auf.

„Bitte, Miss, bleiben Sie sitzen. Sie gefährden die anderen Passagiere.“

Nun verrenkten sich auch die übrigen Mitreisenden die Hälse, um einen Blick auf die Verrückte zu werfen, die so einen Aufstand machte. Als die Maschine beschleunigte, um abzuheben, plumpste Ariane zurück in ihren Sitz. Abgrundtiefe Verzweiflung überkam sie. Sie mussten umkehren, jetzt sofort!

Schon sah sie die Dächer Athens unter sich verschwinden.

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