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Hochzeit ohne Happy End?

Patricia McLinn

Hochzeit ohne Happy End?

Steve Corbett ist der Letzte, den Annette bei ihrer Rückkehr in ihr Heimatstädtchen sehen will! Schließlich hat sie vor sieben Jahren ihre Hochzeit platzen lassen, weil sie glaubte, dass er es mit der Treue nicht genau nahm. Doch kaum angekommen, begegnet sie Steve. Erst ein Mal und dann immer wieder – das kann einfach kein Zufall sein! Annette ahnt, dass sie nicht länger vor den Erinnerungen fliehen kann, sondern sich der Vergangenheit stellen muss. Denn nur dann ist eine neue Liebe möglich – mit Steve?

PROLOG

Vor siebeneinhalb Jahren

„Falls irgendjemand einen Grund nennen kann, weshalb diese beiden Brautleute …“

Annette hörte, wie sich die Seitentür der Hauptkirche von Tobias in Wisconsin quietschend öffnete, drehte sich jedoch nicht um.

Heute fand ihre Hochzeit mit Steve Corbett statt. Es war der Mann, den sie liebte und der gelobt hatte, sie zu lieben und zu ehren.

Der Mann, der in den vergangenen Wochen zunehmend geistesabwesender und unverbindlicher geworden war. Annette war zu Ohren gekommen, dass man ihn kürzlich bei einem sehr intensiven Gespräch mit seiner Exfreundin gesehen hatte.

Doch das war nur Klatsch von Leuten, die nie geglaubt hätten, dass der ältere der beiden Corbett-Söhne ausgerechnet Annette Trevetti heiraten würde. Sogar sie selbst hätte das zu Anfang nicht für möglich gehalten. Sie hatte darauf bestanden, dass Steve und sie ein ganzes Jahr lang miteinander ausgingen. Er hatte sie schief lächelnd angesehen und gesagt: „Vielleicht meinst du es ja nicht ernst …“

Aber heute war ihre Hochzeit. Ein Tag der Verheißung, der Freude und Hoffnung. Der glücklichste Tag ihres Lebens. So sollte es sein. Unzählige Male hatte man ihr gesagt, dass es die Hochzeit des Jahrhunderts in Tobias sei. Die Musik, die Blumen, das Kleid und die Trauzeremonie – alles war von erlesenem Geschmack. Selbst die Gäste waren sorgfältig ausgewählt. Deshalb, so wurde ihr mitgeteilt, könne ihr Bruder nicht dabei sein. Er passe nicht in die illustre Gesellschaft.

„Das ist doch absurd!“, hatte Annette in Gegenwart der Hochzeitsplanerin ausgerufen, was ihr sofort einen missbilligenden Blick von Lana Corbett eintrug. Und Steve äußerte lediglich den Standardsatz der Corbett-Familie: „Wir sprechen später darüber.“

Als sie dann tatsächlich darüber sprachen, sagte Steve, falls es Annette wichtig sei, werde er dafür sorgen, dass Max bei der Hochzeit dabei sein würde – auch gegen die Einwände seiner Mutter und obwohl Max sich weigerte, einen Smoking zu tragen. Am liebsten hätte sie erwidert, dass man sich keine Gedanken um irgendwelche Smokings machen müsste, wenn die Hochzeit so schlicht geblieben wäre, wie sie es ursprünglich geplant hatten. Annette hatte gehofft, dass Steve sich dafür einsetzen würde. Doch er wirkte so abwesend, dass sie sich fragte, ob er überhaupt merkte, was aus ihrer Hochzeit geworden war.

Dann schloss er sie in die Arme und meinte: „Das Einzige, was zählt, ist doch, dass wir den Rest unseres Lebens zusammen sind.“

Dagegen konnte sie nichts mehr sagen. Und warum hätte sie einen weiteren Familienstreit heraufbeschwören sollen, obwohl sie wusste, dass er schon seinen Willen gegen seine Mutter durchgesetzt hatte, indem er Annette heiratete?

Also entschied Lana Corbett über jedes kleine Detail der Hochzeit, da die arme, mutterlose Annette natürlich nicht die geringste Ahnung davon hatte, wie eine für die Corbetts standesgemäße Hochzeit aussehen musste.

Ob die Hochzeit wohl etwas darüber aussagte, wie der Rest ihres gemeinsamen Lebens verlaufen würde?

„… nicht den heiligen Bund der Ehe eingehen sollten …“

„Ich!“

Trotz des allgemeinen Raunens und obwohl dem Pastor der Mund offen stehen blieb, rührte Annette sich nicht vom Fleck. Doch dann spürte sie, wie Steve erstarrte, und erst jetzt wurde ihr die wahre Bedeutung dieses Ausrufs bewusst.

Sie drehte den Kopf und sah Lily Wilbanks, die ihre Hände über dem sichtlich gerundeten Bauch gespreizt hatte.

„Ich bin diejenige, die da vorn stehen und ihn heiraten sollte. Denn das hier ist Steve Corbetts Baby.“

Zu dem Raunen kam jetzt noch der eine oder andere Aufschrei der Entrüstung. Wie aus weiter Ferne hörte Annette, wie Lana verlangte, dass diese Frau weggeschafft werden sollte.

Lily musste sich irren. Das Baby konnte nicht von Steve sein. Aber da waren diese Gerüchte … Er und Lily in Steves Auto am See, die Köpfe zusammengesteckt und ins Gespräch vertieft.

Nein, er hat nicht Lily aus der ach so vollkommenen Familie gebeten, seine Frau zu werden, sondern mich. Er würde mich niemals betrügen.

Annette …“

Das war seine Stimme. Ein beschwichtigender, mitfühlender Tonfall, in dem jedoch auch das steife Corbett-Credo mitschwang, nur ja Würde zu bewahren und keine Szene zu machen.

Durch die Handschuhe hindurch spürte sie seine Finger, die sich kalt anfühlten. Aber vielleicht war auch nur ihr selbst kalt. Sie entzog sich seiner Berührung, konnte den Blick jedoch nicht von Steves Hand abwenden, die noch immer nach ihr ausgestreckt war, und fragte: „Hast du Lily geschwängert?“

Die Hochzeitsgäste schnappten schockiert nach Luft. Annette beobachtete Steves Gesicht, das immer verschlossener wurde.

„Annette“, sagte er so sachlich, dass sie hätte schreien mögen. „Lass uns später darüber reden …“

„Nein. Nicht später. Sag es mir jetzt.“

„Annette …“

„Jetzt oder nie, Steve.“

Ein kaum merklicher Schatten huschte über seine Miene. „Dies ist nicht …“

„Der geeignete Zeitpunkt? Oder der rechte Ort? Ich habe es satt, dass meine Gefühle von den Corbetts ignoriert werden. Eine Kirche ist genau der richtige Ort, um sich die Wahrheit einzugestehen: nämlich, dass es mit uns nicht funktionieren wird.“

Sie wandte sich ab, stieß mit dem Fuß die Schleppe aus dem Weg und flüchtete durch die nächste Tür in die Sakristei. Dort streifte sie die verhassten Handschuhe ab, die dabei zerrissen, ließ sie auf den Tisch fallen, zog den Verlobungsring vom Finger und warf ihn auf die weißen Seidenhandschuhe.

Annette war schon fast draußen, als sie ein Geräusch hinter sich hörte. Steve stand vollkommen erstarrt an der gegenüberliegenden Tür. Er öffnete den Mund, doch er brachte keinen einzigen Ton hervor. Entsetzt sah er auf die Handschuhe und den Ring.

Annette lief weiter, und die schwere Holztür fiel dumpf hinter ihr ins Schloss.

1. KAPITEL

„Ich weiß zwar immer noch nicht, warum Juney dich angerufen hat, aber wenn du schon mal da bist, dann lass uns von hier verschwinden.“

„Weil sie genau wusste, dass ich sie bis in die Flitterwochen nach Maui verfolgen und mir zur Brust nehmen würde, wenn sie mir nicht Bescheid gesagt hätte, dass du dich verletzt hast.“

Der Arzt hatte Annettes Sorge um ihren Bruder zwar etwas zerstreut, aber noch war es zu früh, um eine mögliche Nervenschädigung des gebrochenen Handgelenks völlig auszuschließen. Die Schnittwunde am Kopf war genäht worden und würde vermutlich gut verheilen. Als Nächstes musste Annette Max nach Hause bringen und ihn dort irgendwie ruhig stellen, damit er die Anweisungen des Arztes befolgte.

Außerdem musste sie sich überlegen, wie sie die kleine Baufirma am Laufen halten konnte, die er in jahrelanger harter Arbeit aufgebaut hatte. Denn er hatte sich verletzt, und Juney, seine Sekretärin und rechte Hand, war gerade auf ihrer vierwöchigen Hochzeitsreise.

„Juney in ihren Flitterwochen auf Hawaii zu stören, also wirklich … Und wieso warst du überhaupt so schnell hier? Du sollst doch nicht rasen. Wenn …“

„Ich bin nicht gerast“, erklärte Annette.

Tatsächlich hatte sie sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung gehalten. Wenigstens fast immer. Allerdings hatte sie ihre Sachen in Rekordzeit gepackt. Als sie aus dem Haus in einer Vorstadt von Chicago stürzte, in dem sie zusammen mit ihrer Geschäftspartnerin Suzanna Grant wohnte, hatte diese sie am Arm gepackt und eindringlich davor gewarnt, in der Hektik einen Unfall zu verursachen. Das würde Max nicht im Geringsten nützen. Glücklicherweise waren durch das milde Märzwetter mittlerweile auch die Straßen schneefrei, sodass man gut vorankam.

„Ich habe mir bloß das Handgelenk gebrochen, weiter nichts. Ich kann mich sehr gut um mich selbst kümmern.“

„Klar. Du hast eine Operation hinter dir und willst jetzt …“

„Das war keine Operation. Nur ein kleiner Eingriff mit Gips und Nägeln.“

„Na gut, dann eben ein kleiner Eingriff. Aber willst du mir etwa erzählen, dass du nach diesem Eingriff kochen, putzen, Auto fahren und deine Firma leiten kannst, und das alles mit der linken Hand?“ Annette deutete auf den frischen Gips an Max’ rechtem Arm, der von den Fingerspitzen bis zum Oberarm reichte. „Du hast doch gehört, was der Arzt gesagt hat. Du darfst nicht Autofahren und sollst das Gelenk nicht unnötig belasten.“

„Aber du hast doch im Augenblick selbst mehr als genug um die Ohren.“ Er griff nach seinem Hemd. „Mit dem Verkauf eurer Firma und …“

„Darum kann Suzanna sich kümmern.“

Sie und Suzanna hatten einen Dienstleistungsservice namens ‚Every Detail‘ eingerichtet, wo viel beschäftigte Geschäftsleute mit allem versorgt wurden, was sie brauchten – von Autoreparaturen über Gartenarbeit bis hin zu Umbaumaßnahmen an ihren Häusern. Die Kunden bezahlten Annette und Suzanna dafür, dass sie alle anfallenden Arbeiten an ausgesuchte Betriebe vermittelten und persönlich überwachten. Die außerordentlich positive Resonanz hatte all ihre Erwartungen bei Weitem übertroffen. Nicht nur die lokalen Medien wurden auf sie aufmerksam, sondern man brachte ihnen landesweit großes Interesse entgegen.

Das wiederum erregte die Aufmerksamkeit eines Konzerns, der einen ähnlichen Service anbieten wollte. Um den Namen ‚Every Detail‘ zu übernehmen und jegliche Konkurrenz auszuschalten, machte der Konzern ihnen ein Angebot, das Suzanna und Annette nicht ausschlagen konnten, denn damit hatten sie finanziell ausgesorgt.

Annette nahm Max das blutverschmierte grüne Arbeitshemd aus der Hand und hielt es ihm hin, sodass er den linken Arm hineinstecken konnte. Daraufhin verfinsterte sich seine Miene jedoch so sehr, dass sie es ihm zurückgab. Die einzige Möglichkeit, Maximilian Augusto Trevetti zu beweisen, dass er Hilfe brauchte, war die, ihn selbst darauf kommen zu lassen.

„Ja, schon. Aber du musst dir überlegen, was du als Nächstes machen willst“, meinte er etwas von oben herab – ganz der große Bruder. „Außerdem weiß ich, dass du lieber gar nicht hier wärst.“

Er hatte Recht. Annette war in den vergangenen sieben Jahren nur wenige Male nach Tobias zurückgekehrt, um Max zu besuchen, wenn er es nicht geschafft hatte, zu ihr zu kommen. Sie war auch jetzt lediglich aus einem einzigen Grund hier: weil Max sie brauchte. Und nicht einmal ihrem überfürsorglichen Bruder würde es gelingen, sie fortzuschicken, bevor er wieder gesund war. Was aber nicht bedeutete, dass sie über den Aufenthalt in ihrer Heimatstadt sonderlich erfreut war.

„Also, lass uns von hier abhauen, bevor …“ Max brach ab, während er mühsam versuchte, den Ärmel durch Schlängelbewegungen seines Arms hochzuziehen.

Nach allem, was ihr Bruder für sie getan hatte, war es das Mindeste, dass Annette sich nun um seinen Haushalt und seine Firma kümmerte, ob er nun wollte oder nicht. Er hatte das Hemd inzwischen über der linken Schulter und halb über dem Rücken, schaffte es jedoch nicht, es am Kragen zu packen und über die rechte Seite zu ziehen. Sein Gesicht war schmerz verzerrt, als er sich streckte, um den Hemdkragen zu erreichen.

Annette ließ ihre Handtasche auf den blauen Plastikstuhl in der Kabine fallen. „Hör auf, dich wie ein Macho zu benehmen, du Idiot.“

„Ich brauche niemanden, der mich anzieht.“

Trotzdem ließ er es sich gefallen, dass sie ihm das Hemd über die rechte Schulter zog. Dann schob sie den oberen Teil unter seinem eingegipsten Ellbogen durch und machte die vier unteren Knöpfe zu. Schließlich legte sie ihm seine leichte Jacke um die Schultern.

„So. Das dürfte die rechtschaffenen Bürger von Tobias davon abhalten, dich wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses anzuzeigen und dich vor den sehnsüchtigen Blicken deiner weiblichen Fans bewahren.“

Max brummte nur.

Annette legte ihm die Hand auf den Arm, für den Fall, dass er Unterstützung benötigen würde, wenn er vorsichtig von der Behandlungscouch aufstand.

„Danke.“

„Gewöhn dich dran, großer Bruder. Annette ist wieder da.“ Sie nahm die Handtasche und ihren Regenmantel und öffnete den Vorhang der Kabine. „Jetzt habe ausnahmsweise ich mal das Sagen.“

„Du brauchst wirklich nicht zu bleiben. Ich kann selbst nach Hause fahren und mich versorgen.“

„Ach ja?“ Sie lachte. „Und wie willst du nach Hause kommen, wenn ich deine Schlüssel habe und dein Truck gar nicht hier ist?“

„Du kommandierst mich ja ganz schön herum. Du bist der reinste Drachen …“

Da ertönte plötzlich eine ruhige Stimme. „Hallo, Annette.“

Die Stimme war etwas tiefer geworden, doch Annette erkannte sie sofort. Steve Corbett stand direkt vor ihr.

Ihr glitt der Vorhang aus der Hand. Der Linoleumboden und die mit Streifen bemalten Wände schienen zu schwanken. Sie hätte darauf vorbereitet sein müssen, in dieser kleinen Stadt dem Erben der Corbetts, der Gründerfamilie des Ortes, über den Weg zu laufen. Schließlich war er nicht einfach verschwunden, nur weil sie es bei ihren seltenen Besuchen vermieden hatte, ihm zu begegnen.

Bitte, lass ihn weitergehen, flehte sie im Stillen. Jedoch vergeblich.

Steven Worthington Corbett rührte sich nicht vom Fleck, sondern versperrte ihr den Weg.

Sein Gesicht hatte sich verändert. Seine prägnanten Züge waren noch markanter geworden. Er würde immer ein gut aussehender Mann bleiben, auch wenn das dichte mahagonifarbene wellige Haar teilweise schon von den ersten Silberfäden durchzogen war. Früher hatte Annette davon geträumt, diese Veränderung mitzuerleben, umgeben von ihren Kindern und Enkeln …

Entschlossen kehrte sie in die Gegenwart zurück. Falls er nicht zur Seite trat, dann sollte sie ihm eine kühle Antwort geben und einfach an ihm vorbeigehen. Aber sie brachte kein Wort heraus.

Da von ihr keine Reaktion kam, wandte Steve sich ihrem Bruder zu. „Wie geht es dir, Max? Ich dachte, du brauchst vielleicht jemanden, der dich nach Hause fährt.“

Verblüfft drehte Annette sich zu Max herum. Seit wann war er so vertraut mit Steve, dass er sich von ihm chauffieren ließ? Ihretwegen hatte Max ihn toleriert, aber das war auch alles. Er war entschieden dagegen gewesen, dass sie heiratete, bevor sie das College abgeschlossen hatte. Denn er fürchtete, dass sie ihren Abschluss nicht mehr machen würde, sobald sie erst einmal Mrs. Corbett war. Trotzdem unterstützte er sie, nachdem sie ihre Entscheidung einmal getroffen hatte.

Von ihm erfuhr sie auch die wichtigsten Neuigkeiten über Steve im Laufe der letzten sieben Jahre. Von seiner Heirat mit Lily, der Geburt ihrer Tochter, dass Steve die Verwaltungslaufbahn eingeschlagen hatte, anstatt wie erwartet ein Jurastudium zu beginnen. Dann die Scheidung, Lilys Tod durch einen Verkehrsunfall, und dass Steve Stadtdirektor und Leiter des Landbezirks von Tobias wurde. Aber diese Dinge waren in Tobias allgemein bekannt. Max und Steve hatten einander jedenfalls nie besonders nahe gestanden. Zumindest bis jetzt.

„Mir geht’s gut“, erwiderte Max, ohne seine Schwester anzusehen.

Jetzt begriff sie auch, weshalb er es so eilig gehabt hatte, das Krankenhaus zu verlassen. Weil er wusste, dass Steve auftauchen würde.

Steve hob die Brauen. „Sie verpassen hier Leuten einen Gips, denen es gut geht? Und ich dachte, wir hätten ein verantwortungsbewusstes Krankenhaus.“

„Reine Vorsichtsmaßnahme.“

„Nach meinen Informationen hast du dir das Handgelenk gebrochen. Und du wirst wochenlang, wenn nicht sogar für mehrere Monate außer Gefecht sein.“ Er warf Annette einen kurzen Seitenblick zu. Ja, sie würde mehrere Wochen in derselben Stadt sein wie er.

„Kontrollierst du mich etwa?“, murrte Max. „Du klingst schon wie Annette. Wenn die Ärzte glauben, dass ich …“

Das Wiedersehen mit Steve hatte Annette erschüttert, aber sie war entschlossen, ihren Standpunkt von vornherein klarzumachen. Genauso, wie sie es bei einem Geschäftstermin tat. Deshalb schlang sie sich den Riemen ihrer Handtasche über die Schulter, zwang sich zu einem Lächeln und unterbrach ihren Bruder.

„Und wie geht es dir, Steve? Oder nennst du dich inzwischen Steven?“ Ihr Ton enthielt eine gewisse Schärfe, die sich als recht nützlich im Umgang mit Handwerkern, Mechanikern und Geschäftspartnern erwiesen hatte, die es gewohnt waren, junge Frauen herablassend zu behandeln.

„Immer noch Steve.“

Annette sah ihn an. Unter der alten Lederjacke trug er Jeans und ein verblasstes Chicago-Cubs-T-Shirt, das zeigte, dass er noch immer den Körperbau eines Leistungsschwimmers hatte. Die legere Kleidung betonte die klaren Linien seiner Gesichtszüge. Die gerade Nase, das markante Kinn sowie der schön geschnittene Mund wirkten geradezu aristokratisch. Sein Haar war akkurat geschnitten, aber leicht zerzaust.

„Komm, wir gehen“, brummte Max.

Unverbindlich lächelnd, erkundigte sie sich bei Steve: „Und wie geht es deiner Familie? Ich hoffe, sie sind alle wohlauf?“

„Von Zach weiß ich nichts.“ Seine Stimme klang hart, als er den Namen seines jüngeren Bruders erwähnte. „Wir haben nichts mehr von ihm gehört, seitdem er damals in dem Frühjahr aus der Stadt verschwunden ist.“

Nach einem lautstarken Streit mit seiner Mutter war Zach auf sein Motorrad gesprungen und dröhnend davongebraust. Wie so oft in jener Zeit hatte Annette keine Fragen gestellt, und Steve gab auch keine Erklärungen. Nicht einmal dann, als Zach einige Monate später auch nicht zur Hochzeit seines Bruders erschien, wo er eigentlich Trauzeuge sein sollte. Annette war erstaunt, dass er überhaupt nicht wieder zurückgekehrt war.

„Meiner Mutter geht es wie immer bestens“, fügte Steve hinzu. „Und Nell …“ Ein Lächeln erhellte sein Gesicht. „Nell ist einfach toll.“

„Nell?“ Ach ja, natürlich. „Deine Tochter. Wie geht es ihr?“

Steve hatte sich Kinder gewünscht, und sie hatten so oft darüber gesprochen … Max berührte sie am Arm und riss sie aus ihren Erinnerungen.

„Sie ist ein wundervolles Kind, und durch sie wird das Leben erst richtig aufregend und interessant. Sie beschäftigt sich nie lange mit einer Sache“, erzählte Steve voller Wärme und schüttelte den Kopf. „Wenn sie schon mit sieben so ist, möchte ich nicht wissen, wie sie als Teenager wird.“

Lily war als Teenager blond, schlank und selbstbewusst gewesen, ganz anders als Annette, die sich durch ihre dunklen Haare und die üppige Figur sehr unsicher gefühlt hatte.

Max trat von einem Fuß auf den anderen. „Annette …“

Doch weder sie noch Steve beachteten ihn.

„Das mit Lilys Unfall und ihrem Tod tut mir leid“, sagte Annette aufrichtig.

„Lily hat in ihrem Leben viele Fehler gemacht, aber zum Schluss hat sie dafür gesorgt, dass ich Nell bekomme, und dafür bin ich ihr dankbar.“

Steve klang merkwürdig distanziert, als er erklärte, wie es dazu gekommen war, dass er seine Tochter allein aufzog. Aber wenn er von Nell sprach, war von dieser Distanz jedoch nichts zu merken. Er liebte sein Kind.

Das Kind, das er mit Lily gezeugt hat, während wir beide miteinander verlobt waren.

Wie ein kaltes Tuch senkte sich der Schmerz von damals erneut auf sie herab, aber Annette verdrängte ihn. Zumindest ein Gutes war bei der ganzen Sache herausgekommen: Das kleine Mädchen hatte einen Vater, der sie liebte. Annette wusste aus eigener Erfahrung, wie wichtig es war, weil ihr früher so ein Vater gefehlt hatte. Die meisten eisernen Regeln der Corbetts hatte sie verabscheut, aber sich einer Verantwortung zu stellen, das bewunderte sie. Viele Männer hätten sich sicher anders als Steve Corbett aus der Affäre gezogen.

„Wenn du Nell kennenlernst, wirst du sehen …“

Hastig erklärte Annette: „Das wird nicht geschehen. Ich bin nur hier, um Max zu helfen. Und bei all dem, was im Betrieb zu tun ist, und … mit den Ärzten und so, da wird wohl kaum Zeit bleiben …“ Sie riss sich zusammen. „Schön zu wissen, dass es dir gut geht, Steve, aber ich glaube nicht, dass wir uns wiedersehen werden. Deshalb wünsche ich dir jetzt schon weiterhin viel Glück.“

Obwohl es endgültig klang, lag ein herausfordernder Blick in seinen blaugrauen Augen. „Tobias ist eine kleine Stadt. Wir werden uns ganz sicher wieder über den Weg laufen, und zwar ziemlich häufig.“

„Seit wann bist du mit einem Corbett befreundet, Max?“, fragte Annette, sobald sie in ihrem Wagen saßen.

„Befreundet wäre zu viel gesagt.“

„Er ist ins Krankenhaus gekommen, um nach dir zu sehen, und wollte dich nach Hause fahren. Ein Fremder würde so etwas nicht tun.“

„Er war dabei, als ich gestürzt bin, weil er einen neuen Mitarbeiter herumgeführt hat. Und er hat mich ins Krankenhaus gebracht.“

„Oh.“

„Aber ich respektiere den Mann“, erklärte Max rau und sah dabei geradeaus auf die Straße. „Ich finde es nicht gut, was er dir angetan hat, aber er hat sich der Sache gestellt und richtig gehandelt.“

„Für Lily und das Baby.“

„Ja.“ Er zögerte. „Erinnerst du dich daran, als ich nach Evanston gekommen bin und dir erzählt habe, dass er und Lily heiraten würden?“

„Sicher.“ Selbstverständlich erinnerte sie sich daran. Weniger als zwei Monate nachdem Annette zur Northwestern University gewechselt hatte, war Max zu ihr gekommen und hatte ihr davon erzählt. Damals hatte sie ihre letzten heißen Tränen wegen Steve vergossen.

„Aber ich habe dir nicht erzählt, dass sonst niemand in der Stadt von der Hochzeit wusste. Sie haben sich in aller Stille vom Friedensrichter trauen lassen, und die Öffentlichkeit erfuhr erst später davon.“

„Aber … wieso hast du es dann vorher gewusst?“

„Steve hat es mir gesagt.“

„Was?“

„Er ist zu mir gekommen, hat geklingelt, und ich habe ihm einen Kinnhaken verpasst.“

„Wie bitte?!“

„Was hättest du denn erwartet, nachdem er dir so wehgetan hat? Ich habe ihm eins aufs Maul gegeben.“

„Max, wie konntest du nur? Wenn er die Polizei gerufen hätte …“

„Hat er aber nicht, weil er es verstehen konnte. Er hat gar nicht versucht auszuweichen, obwohl er den Schlag kommen sah. Er stand einfach da und hat den Kopf hingehalten.“ Max’ respektvoller Unterton war nicht zu überhören.

Annette presste die Handflächen an die Schläfen. Sie hatte stechende Kopfschmerzen. „Nicht zu fassen.“

„Er meinte, an meiner Stelle hätte er dasselbe getan. Dann habe ich ihm Eiswürfel und Handtücher gegeben. Aufgesprungene Lippen bluten nämlich wie verrückt. Und anschließend hat er mir gesagt, dass er Lily heiraten würde. Er wollte nicht, dass du es hintenherum erfährst. Und da war noch etwas“, fuhr er fort. „Nach Lilys Beerdigung wollte er dich sehen. Ich habe ihm gesagt, dass das nicht geht. Es war etwa anderthalb Jahre nachdem du weggegangen bist und mich zum Thanksgiving besuchen wolltest. Ich weiß nicht, wie er herausgefunden hat, dass du kommst, aber er wusste es. Und er hat mir das Versprechen abgenommen, dass ich dich fragen würde, ob du mit ihm reden würdest.“

„Aber … du hast mich nicht gefragt.“

„Ich habe dir gesagt, dass es etwas gibt, was du wissen solltest. Du meintest, wenn es etwas mit den Corbetts zu tun hätte, sollte ich es lieber für mich behalten. Und wenn ich deinen Wunsch nicht respektierte, würdest du überhaupt nicht mehr wiederkommen. Nicht nur in die Stadt, sondern auch zu mir. Ich habe dir geglaubt, und das wollte ich nicht riskieren.“

„Es tut mir leid, Max. Das hätte ich nicht sagen dürfen.“

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