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Hochzeit der Rivalen

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1. KAPITEL

„Dann kümmern Sie sich eben jetzt darum“, instruierte Christos Giantrakos seinen Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung. Sein Ton war kompromisslos, die Stimme maskulin und sexy, was Lucilla nur noch mehr ärgerte.

Wie ich diesen Kerl hasse!

Trotzdem saß sie in seinem Büro und wartete bemüht gelassen darauf, dass er sein Telefonat, mit wem auch immer, beendete, während sich ihr Blut allein beim Klang seiner Stimme in flüssige Lava verwandelte.

Dass Giantrakos eher einem männlichen Unterwäschemodel glich, anstatt auf seriöse Weise den neuen CEO von Chatsfield Enterprises zu verkörpern, war wenig hilfreich. Warum verdiente er sein Geld nicht auf den Laufstegen von Mailand oder Paris? Mit nichts als stylischen Boxershorts auf seinem Astralkörper …

Stattdessen thront er hier auf meinem Platz! Präziser ausgedrückt: Er saß in dem Chefsessel, der eigentlich ihr zustand, hinter ihrem Schreibtisch und machte jedem das Leben zur Hölle.

Mir ganz besonders!

Lucilla hatte lange hart gearbeitet und jahrelang auf jede Form von Privatleben verzichtet. Sie konnte einfach nicht widerstandslos hinnehmen, dass dieser neureiche Emporkömmling mit dem Körper eines griechischen Gotts ihr die Führungsrolle im eigenen Familienunternehmen wegschnappte!

Während sie innerlich vor Wut schäumte, strich Lucilla mit der Hand über ihren strengen Haarknoten, um sicherzugehen, dass auch jedes Haar an seinem Platz lag. Am liebsten wäre sie einfach aufgestanden und gegangen, doch sie wollte Christos nicht zeigen, wie leicht sie sich von ihm aus der Ruhe beziehungsweise in Rage bringen ließ.

Nicht zum ersten Mal war sie via einer dringlichen E-Mail zu ihm zitiert worden, nur um jetzt bis aufs Blut gereizt darauf warten zu müssen, dass er seine Telefonate erledigt hatte. Kerzengerade saß Lucilla auf dem Besuchersofa, ihr Tablet auf den Knien. Sie tat so, als ob sie ihre eigenen Mails checkte und es sie absolut nicht störte, dass Giantrakos sie komplett ignorierte.

Unter gesenkten Lidern sah sie sich in ihrem Büro um. Giantrakos hatte es nicht so rigoros okkupiert wie erwartet. Der neue Stil zeigte sich eher in subtilen Veränderungen. Auf dem Schreibtisch stand nichts außer dem PC. Neben der Tastatur lagen ein Stift, dessen Preis etwa der Höhe ihres Monatsgehalts entsprach, und eine kleine Münze. Soweit Lucilla es von ihrem Platz aus erkennen konnte, keine englische. Alles war exakt im rechten Winkel ausgelotet.

Die gerahmten Bilder, die ihr Vater aufgestellt hatte, waren in den Bücherschrank hinter dem Schreibtisch verbannt worden. Wenigstens stand die kostbare Erstausgabe von Aesops Fabeln, die ihrer Mutter gehört hatte, noch an ihrem alten Platz.

„Wenn Sie das nicht hinkriegen, müssen Sie nicht mehr zurückrufen. Das Chatsfield hat noch andere Lieferanten auf seiner Liste, Ron. Und mir macht es absolut nichts aus, Sie zu ersetzen.“ Brüsk legte er den Hörer auf und murmelte etwas auf Griechisch. Dann wandte er sich Lucilla zu, die sich tapfer bemühte, dem kalten Blick aus eisblauen Augen standzuhalten. „Was gibt’s für ein Problem mit dem Hochzeitsempfang der Frosts am nächsten Wochenende?“

Lucilla kochte innerlich. Keine Begrüßung, keine höfliche Einleitung, sondern nur die inzwischen gewohnte Holzhammermethode. „Problem? Ich weiß von keinem Problem, Christos.“ Sie weigerte sich standhaft, ihn Mr Giantrakos zu nennen, wie er es von allen Angestellten verlangte. Aber als solche sah sie sich nicht, sondern als rechtmäßige Geschäftsführerin der Hotelgruppe, auch wenn ihr Vater diesen arroganten Griechen vorzog.

„Ich habe andere Informationen“, kam es ungerührt zurück.

Bei Gelegenheiten wie dieser würde Lucilla ihn am liebsten erwürgen. „Dann hat man Sie falsch informiert.“ Mit erhobenen Brauen scrollte sie durch den Ordner mit den Einzelheiten des Frost’schen Hochzeitsempfangs. „Der einzige Knackpunkt könnte die Sitzordnung sein, was Brautmutter und Brautvater betrifft. Aber darum habe ich mich bereits gekümmert.“

„Und warum könnte das zu einem Problem führen?“, hakte Christos ungerührt nach.

„Weil die beiden einen erbitterten Scheidungskrieg ausfechten, und Mr Frost darauf besteht, in Begleitung seiner bedeutend jüngeren Freundin zu erscheinen. Ein Fauxpas, den jeder normale Mann vermeiden würde, sollte man denken.“

„Hmm …“ Die Augen des Griechen glitzerten’ kalt. „Lucca mag ja die royale Hochzeit in Preitalle zu einem unvergesslichen Event gemacht und damit den Coup des Jahrhunderts gelandet haben, aber gerade deshalb sind aller Augen momentan noch aufmerksamer und kritischer auf uns gerichtet. Die Frost-Hochzeit birgt ausreichend Sprengstoff, um Chatsfield den Todesstoß zu versetzen. Sie werden dafür sorgen, dass es nicht passiert, Lucilla.“

Mit schmalen Lippen erhob sie sich und versuchte, nicht verunsichert zu wirken. Verdammt! Immer, wenn er ihren Namen sagte, überlief sie ein heißer Schauer. Dabei war sein Akzent kaum zu hören, doch wie die einzelnen Silben über seine Lippen kamen, eher weich als akzentuiert, in diesem samtig rauen Ton, war unglaublich irritierend. Und offenkundig wollte er sie ebenso wenig Miss Chatsfield nennen, wie sie ihn Mr Giantrakos.

„Dafür sorge ich seit geraumer Zeit, schon lange vor Ihrem Antritt bei Chatsfield Enterprises. Und ich werde es immer noch tun, wenn Sie längst Geschichte sind, Christos.“ Sobald Antonio die feindliche Übernahme der Kennedy-Hotel-Group gelang, war es so weit. Dann würde ihr Vater endgültig einsehen, dass sie Christos Giantrakos nicht brauchten, um den Chatsfield-Hotels wieder Ruhm und Ehre zu verleihen.

Allerdings beunruhigte sie, dass Antonio ihr für letzte Woche anberaumtes Meeting ohne Angabe von Gründen einfach hatte platzen lassen.

Lucilla runzelte die Stirn. Obwohl ihr ältester Bruder momentan im Hotel wohnte, lief er ihr kaum öfter über den Weg als in den vergangenen Jahren. Und als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, hatte er … verändert gewirkt. Aufgewühlt und seltsam geistesabwesend. Unwillig verbannte sie ihre Sorge um Antonio in den Hinterkopf und konzentrierte sich wieder ganz auf den Mann vor ihr. Wenn sie ihn erst los waren, konnten sie endlich wie gewohnt mit ihrem Leben fortfahren. Sie alle wären viel glücklicher und …

„Momentan bin ich jedenfalls noch nicht Geschichte, Lucilla mou“, bemerkte Christos mit einem Lächeln, das dem Zähneblecken eines Hais glich, und prompt überlief sie der bereits vertraute Schauer.

„Momentan haben Sie noch die Kontrolle über das Chatsfield Empire und meinen Anteil vom Trust Fund, aber nicht über mich, Christos!“, fauchte sie. „Und ganz sicher lasse ich mich nicht von Ihnen manipulieren und einschüchtern, wie Sie es mit dem Rest meiner Familie bereits versucht haben.“

Hoch erhobenen Hauptes ging Lucilla zum Schreibtisch und stützte sich mit beiden Händen auf der massiven Platte ab, was sie auf gleiche Augenhöhe mit Christos brachte. Seit Wochen brodelten unausgegorene Emotionen in ihrem Innern, genauer gesagt seit dem Tag, als dieser Mann hier aufgetaucht war und wie ein Despot mit Befehlen um sich warf.

„Mich beeindrucken Ihre Schreckschüsse kein bisschen. Sie brauchen mich hier, an diesem Platz, wo ich das tue, was ich seit Jahren jeden Tag tue, sonst sind Sie geliefert. Feuern Sie mich, und Sie werden selbst sehen, was passiert. Mein Vater wird Sie schneller in die Wüste schicken, als Sie packen können.“

Seine eisblauen Augen glitzerten, während Christos sich langsam, sehr langsam vom Chefsessel erhob. Selbst mit ihren High Heels war sie nicht annähernd so groß wie er. Oben, von seinem Olymp herab, schaute er sie an wie ein Insekt, das er sich unter der Sohle seines maßgefertigten Schuhs eingetreten hatte.

„Das lag Ihnen schon eine ganze Weile auf der Seele, oder?“ Er brachte es fertig, seine Stimme milde amüsiert und dabei gleichzeitig kompromisslos klingen zu lassen.

Lucillas Herz klopfte zum Zerspringen. Die Hitze in ihrem Innern drohte sie zu versengen. Ja, sie hatte es schon viel zu lange zurückhalten müssen, und ja, es war fantastisch, sich endlich einmal Luft zu machen. Gleichzeitig hatte sie das Gefühl, gerade einen Riesenfehler zu begehen. Bisher hatte Christos maximal vermuten können, dass sie sich durch sein Auftauchen gestört und bedroht sah. Jetzt wusste er es.

Sie hatte sich dem Feind zu erkennen gegeben, anstatt ihn klammheimlich von innen heraus zu bekämpfen und zu vernichten. Auf keinen Fall durfte er Wind davon bekommen, worauf sie Antonio angesetzt hatte. Hätte sie doch bloß den Mund gehalten!

„So ist es“, gestand sie schmallippig, da der Schaden ohnehin angerichtet war. „Sie können sich gern zu der Taktik gratulieren, meine Geschwister mit Ihren albernen Botengängen über den gesamten Erdball verstreut zu haben. Mich können Sie nicht so leicht händeln, das verspreche ich Ihnen.“

Sein Blick schien sie neugierig abzutasten, das zynische Lächeln vertiefte sich, und Lucilla spürte, wie sich ihr Magen hob. „Wenn ich jemals den Wunsch haben sollte, Sie zu händeln, Lucilla mou … seien Sie versichert, Sie würden genau das tun, was ich von Ihnen erwarte. Und jeden einzelnen Moment davon genießen.“

Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Sprechen wir immer noch über das Hotel? „Sie sind ein Blender, Christos. Ich verachte Sie zutiefst und wünsche mir nichts mehr, als dass Sie baldmöglichst wieder in dem Loch verschwinden, aus dem Sie herausgekrochen sind.“

Schlagartig wechselte seine Mimik von ironischem Amüsement in kalte Arroganz und … Kränkung? Lucilla blinzelte. Fühlt er sich etwa verletzt? Kaum möglich! Dafür müsste Christos ein Herz haben.

Seine nächsten Worte bewiesen ihr ohne Umschweife, dass sie sich unnötig Gedanken machte.

„Es ist mir völlig egal, was Sie über mich denken, Lucilla mou. Ich halte Sie für ebenso verwöhnt und überflüssig wie den Rest von Genes trauriger Brut.“ Als sie protestieren wollte, stoppte er sie mit einer herrischen Geste. „Okay, im Gegensatz zu Ihren nutzlosen Geschwistern tun Sie wenigstens so, als würden Sie arbeiten, und liefern ganz ansehnliche Ergebnisse als Gästebetreuerin und Supervisor der Servicekräfte. Und Sie haben sogar recht damit, dass ich Sie brauche. Aber fühlen Sie sich deshalb nicht zu sicher. Wenn Sie mir einen Anlass geben, werde ich Sie feuern, ohne mit der Wimper zu zucken. Niemand ist in diesem Unternehmen unersetzlich, Lucilla, nicht einmal Sie.“

„Oder Sie!“

Eine dunkle Braue wanderte nach oben. „Oder ich. Und genauso muss es laufen. Jedes Unternehmen, das allein von den Talenten und dem Einsatz einer einzigen Person abhängt, ist ohnehin von vornherein dem Untergang geweiht. Mein Ziel ist es, das Chatsfield wieder zur Nummer Eins auf dem Sektor der Luxus-Hotelketten zu machen. Aber ich behaupte weder, das Unternehmen könne zukünftig nur unter meiner Ägide existieren, noch hege ich den Wunsch, es bis an mein Lebensende zu leiten. Das ist, glaube ich, der gravierendste Unterschied zwischen uns beiden.“

Der Stich in ihrer Brust nahm Lucilla den Atem. Es war, als hätte er ihr ein Messer direkt ins Herz gerammt. Als wenn es nicht auch ihr größter Wunsch wäre, das Chatsfield wieder auf Platz Eins in der Welt zu sehen! Nur glaubte sie eben nicht, dass dafür ein sich selbst überschätzender, berechnender Grieche unerlässlich war. Sie hätte es auch geschafft, wenn ihr Vater ihr die Chance dazu gegeben hätte.

Und sie konnte es immer noch schaffen – und würde es, wenn erst …

„Mir liegt der Erfolg des Chatsfield mindestens so am Herzen wie Ihnen“, sagte sie steif. „Und ich nehme es Ihnen persönlich übel, wenn Sie mir etwas anderes unterstellen.“

„Dann werden Sie endlich erwachsen und benehmen sich auch so. Lippenbekenntnisse allein bringen uns keinen Schritt weiter.“ Ungeduldig wedelte Giantrakos mit der Hand. „Und jetzt raus hier, ich habe wichtige Telefonate zu erledigen.“

Empört presste Lucilla die Lippen zusammen und ihr Tablet gegen die wild hämmernde Brust, obwohl sie es ihm lieber an den Kopf geworfen hätte. „Zu Befehl, Lord Möchtegern!“, höhnte sie, lief zwei Schritte in Richtung Tür und wirbelte noch einmal herum. Da Christos ihr nachschaute, begegneten sich ihre Blicke, seiner amüsiert, ihrer hitzig.

„Sie werden nicht immer hier sein, Christos. Genießen Sie dieses schöne, große Büro, so lange Sie es noch können!“

„Ganz bestimmt“, versprach er milde. „Und jetzt seien Sie ein braves Mädchen und gehen Sie endlich zurück an Ihre Arbeit.“

Lucilla verließ das Büro, während ihr Blut vor Empörung kochte. Am liebsten hätte sie laut gebrüllt und diesen Mistkerl gleichzeitig perverserweise wild auf den arroganten Mund geküsst. Im Vorzimmer rauschte sie an Jessie vorbei, ihrer äußerst effizienten PA, und knallte die Tür ihres deutlich kleineren Büros laut hinter sich zu. Dort sank sie auf einen Stuhl, schloss die Augen und versuchte, ihre Fassung zurückzugewinnen.

Warum kann ich diesem verdammten Kerl nie gegenüberstehen, ohne darüber nachzudenken, wie seine perfekt geschnittenen Lippen schmecken? Und jeden Tag wurde es schlimmer, statt besser! Und dann die Nächte, in denen sie davon träumte, seine harten Muskeln unter ihren Händen zu spüren …

Es war wie ein perverser Drang, nach links abzubiegen, wenn sie eigentlich nach rechts wollte. So war es schon immer gewesen. Man musste ihr nur sagen, sie könne etwas nicht, und sie tat alles, um das Gegenteil zu beweisen.

Zum Beispiel, was die Führung der Hotelkette betraf. Seit Jahren bewies Lucilla, dass sie die rechtmäßige Erbin der CEO-Position war, und was tat ihr Vater? Er gab den Job, für den sie ihr Leben lang geschuftet hatte, einem Griechen mit schlechten Manieren und dem Körper einer antiken Gottheit. Bereits mit vierzehn hatte sie ihre Träume abhaken müssen, als ihre Mutter einfach ging und es ihr und Antonio überließ, Ersatzeltern für ihre Geschwister zu spielen.

Verdammt! Sie war ein braves Mädchen gewesen und hatte immer getan, was von ihr verlangt wurde. Dafür wollte sie jetzt die Kontrolle über das Chatsfield-Imperium. Die Hotelbranche lag ihr im Blut. Christos war kein Chatsfield, ihn interessierten nicht die Hotels, sondern nur Dollar, Pfund und Euro.

Lucilla biss sich auf die Unterlippe und dachte nach. Als Christos überraschend bei Chatsfield Enterprises aufgetaucht war, hatte sie umgehend gründlich recherchiert, aber nichts Spektakuläres gefunden. Er schien von nirgendwo hergekommen zu sein, hatte keine Familie, gab Athen als seine Heimatstadt an und das war’s auch schon.

Es gab keine Informationen über ihn vor seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr. Plötzlich erschien er auf der Szene wie eine Art Zauberer, dem es gelungen war, im kühnen Handstreich eine alte, ehrwürdige Reederei auf neuen Erfolgskurs zu bringen. Dann passierte dasselbe mit einem anderen Unternehmen und noch einem. Er war ebenso rücksichtslos wie erfolgreich, riss gnadenlos alles ein und brandschatzte hemmungslos, doch was aus der Asche wieder erstand, war immer grandioser und strahlender als zuvor.

Er war wirklich gut, aber Lucilla traute ihm nicht. Und sie konnte ihn nicht ausstehen. Unfassbar, dass ihr Vater diesem Mann, über den man so wenig wusste, den Schlüssel zum Königreich übergeben hatte, bevor er wieder zurück in die USA geflogen war, um sich seiner neuen Verlobten zu widmen.

Lucilla jedenfalls wollte mehr wissen: Wer Christos Giantrakos wirklich war, wo er herkam und warum er glaubte, ungestraft derart kalt und rücksichtslos mit allen umspringen zu können. Und sie wollte ihn loswerden.

Unbedingt! Egal wie sexy

Um das zu erreichen, war sie so ziemlich zu allem bereit. Energisch griff sie zum Hörer. Es war an der Zeit, einen Gefallen, den ihr jemand schuldete, in Form von Informationen über den geheimnisvollen Griechen einzufordern.

Der Ballsaal des Chatsfield war für einen Galaabend glamourös geschmückt – eine Kunstauktion für wohltätige Zwecke, zu der die reichsten Mitglieder der Londoner Gesellschaft erwartet wurden.

Als CEO war es Christos’ Pflicht, sich selbst sozusagen als das neue Aushängeschild des Unternehmens zu präsentieren. Was auch immer die Chatsfield-Sprösslinge getan hatten, um den ehrwürdigen Namen in Verruf zu bringen, er würde es aus dem öffentlichen Bewusstsein löschen. Es mochte eine Zeit dauern, bis es so weit war, doch auch in diesem fast hoffnungslosen Fall würde er das angeschlagene Schiff auf neuen Kurs bringen. Daran hegte Christos nicht den leisesten Zweifel.

Er dachte an Lucilla Chatsfield, wie sie sich in seinem Büro vor ihm aufgebaut und versucht hatte, ihn niederzustarren. Sie mochte ihn nicht, das war klar. Und er mochte sie auch nicht. Sie war unglaublich zimperlich und verwöhnt, wenn auch vielleicht nicht ganz so nutzlos wie die meisten ihrer Geschwister.

Dass er sich von ihr trotz aller unleugbaren Makel gefesselt und herausgefordert fühlte, irritierte und ärgerte ihn. Genau wie ihre braunen Augen, in denen goldene Fünkchen tanzten und die zu lodern begannen, wenn ihr Temperament durchging.

Warum habe ich dieses Detail im Kopf? Keine Ahnung, aber so war es.

Und es waren genau diese goldenen Flecke, die ihn darüber nachdenken ließen, wie sie sich wohl im Zustand höchster Ekstase verändern mochten. Wie würde Lucilla aussehen, wenn sie von Leidenschaft zerzaust war? Ihr Haar war immer streng und glatt frisiert, entweder als schlichter Knoten oder dicker Pferdeschwanz. Ihre Kleidung war kühl und businesslike, nicht zu konservativ, nicht zu sexy.

Normalerweise wäre sie ihm nie aufgefallen. Sie war keine schöne Frau im klassischen Sinn. Dafür waren ihre Wangen zu rosig und gerundet, die Figur eine Spur zu kurvig, um wirklich stilvoll zu sein. Sie war zu ernst und runzelte eindeutig zu oft die Stirn. Dennoch ertappte er sich bei der Frage, wie sie splitterfasernackt auf seinem Bett aussehen würde.

Ein klares Zeichen, dass er zu viel arbeitete und nicht genug Sex hatte. Heute würde er das ändern. Seine Begleiterin für die abendliche Gala hatte mehr als einmal angedeutet, dass sie nichts dagegen hätte, die Nacht bis zum Morgen auszudehnen.

Nach einer kurzen Stippvisite zu Hause, wo er sich mit einer schnellen Dusche erfrischte und in seinen Smoking warf, setzte sich Christos hinter das Steuer seines Bugatti Veyron und fuhr los, um Victoria abzuholen. Sie erwartete ihn bereits hinter der gläsernen Eingangstür des Apartmentblocks. Das ultrablonde Haar als wilde Lockenmähne gestylt, den aufregenden Körper in etwas Hautenges, Glänzendes gezwängt, das an einen Taucheranzug erinnerte. Als sie aus dem Gebäude tänzelte, wären zwei männliche Passanten auf dem Bürgersteig fast über ihre eigenen Füße gestolpert.

Christos hätte mindestens ebenso ekstatisch auf diesen Anblick reagieren müssen, stattdessen war er irgendwie enttäuscht, als er ihr die Tür öffnete und in den Wagen half. Sie ist schön, sagte er sich. Umwerfend, geradezu atemberaubend.

„Ich freue mich wahnsinnig auf heute Abend“, murmelte Victoria und schob ihre Hand auf seinen Oberschenkel, sobald er auf dem Fahrersitz Platz genommen hatte. Sie beugte sich vor und küsste ihn auf die Wange. Außer dem Schock darüber, ohne Vorwarnung derart forsch angebaggert zu werden, fühlte er keine Erregung.

„Das reicht, Victoria“, wies er sie brüsk ab. „Zunächst müssen wir einen langen Abend überstehen.“

Sie lachte und fuhr ihm mit dem Daumen über die Wange, vermutlich um den pinkfarbenen Lippenstift zu entfernen. „Ich kann es kaum erwarten, Chérie …

Christos hielt direkt vor dem Hotel, ging um den Wagen herum, half Victoria beim Aussteigen und überließ es dem livrierten Boy, den Bugatti zu parken. Zu beiden Seiten des roten Teppichs drängten sich Fotografen hinter den Absperrseilen und versuchten die Aufmerksamkeit der Vorbeiflanierenden mit lauten Zurufen auf sich zu lenken. Mit Victoria am Arm ließ Christos ungerührt das Blitzlichtgewitter über sich ergehen. Er hatte keinen Zweifel daran, dass man auch innerhalb der Hotellobby sein Erscheinen registrierte, obwohl die Hotelangestellten sich nichts anmerken ließen.

Aber das hatte er auch nicht erwartet. Es war nicht seine Aufgabe, gemocht zu werden. Gene Chatsfield hatte ihn engagiert, weil er der Beste war – und nicht, damit ihm alle zu Füßen lagen.

Das Galaprogramm lief bereits, als sie den Ballsaal betraten. Mit seiner Art-déco-Decke und den stoffbespannten Wänden war der Raum an sich ein Kunstwerk – und als Rahmen für die ausgestellte Kunst geradezu perfekt. Zwischen den kostbaren Exponaten lustwandelten Männer in Smokings und Frauen in glitzernden Roben, kristallene Champagnerflöten in Händen, begutachteten die einzelnen Stücke und machten sich Notizen im Ausstellungskatalog.

Christos drehte seine Runde, schüttelte Hände, plauderte launig mit einzelnen Gästen und lächelte zufrieden über ihre Komplimente, Ambiente und Service betreffend. Victoria klebte förmlich an seiner Seite, bis er so gereizt war, dass er sie einfach inmitten einer Truppe exquisit gekleideter Frauen stehen ließ und sich verdrückte, während die Grazien untereinander die Adressen ihrer Designer austauschten.

Vorbildlich widmete er sich weiteren wichtigen Gästen, während er den Auktionsbeginn herbeisehnte. Während eines besonders langweiligen Gesprächs ließ er seinen Geist und seine Blicke wandern, bis etwas im feurigen Rot inmitten der homogenen Masse Mensch seine Aufmerksamkeit erregte. Es war eine dunkelhaarige Frau, die ihm den Rücken zuwandte. Ihren aufregenden weiblichen Körper umschloss ein rubinrotes Kleid, das über und über mit funkelnden Kristallen bestickt war. Sie stand allein vor einer Malerei, und Christos wollte herauszufinden, was sie daran derart faszinierte, dass sie alles um sich herum zu vergessen schien.

Er wusste nicht genau, was es war, das ihn antrieb. Aber wie sie so dastand, inmitten eines Lichtstrahls des prunkvollen Deckenlüsters, erschien sie ihm unwiderstehlich. Ihren Kopf hielt sie leicht geneigt, die Schultern nach vorn gebeugt, als ob ein Gewicht sie herabdrückte. Ihre Isolation und Einsamkeit sprachen ihn an, denn oft genug fühlte er genau das Gleiche. Zwar war seine Einsamkeit selbst gewählt, aber hatte er wirklich eine Wahl gehabt? Nicht, wenn er die Hölle seiner Kindheit überleben wollte. Sich quasi unsichtbar zu machen und auf eine innere, einsame Insel zu flüchten, war eine Fähigkeit, die er bereits mit vierzehn perfektioniert hatte. Eine notwendige Fähigkeit, um in der Jugendstrafanstalt zu überleben, in die sie ihn gesteckt hatten.

Christos entschuldigte sich bei seinem Gesprächspartner und steuerte auf die fremde Frau zu. Er wollte wissen, wer sie war und was sie in dem Bild sah, in das sie so versunken schien. Dann wandte sie leicht den Kopf, und Christos verharrte, wie vom Blitz getroffen. Lucilla Chatsfield Augenbrauen waren zusammengezogen, das Gesicht eine Maske aus Trauer und Schmerz. Wie sie da in diesem Spotlight stand, war sie so überwältigend, dass es ihm den Atem verschlug.

Das Licht betonte die zarte Knochenstruktur ihrer Wangen, verstärkte die Leuchtkraft der hellen Porzellanhaut und zauberte kastanienrote Reflexe auf ihr üppiges dunkles Haar, das in weichen Wellen bis auf den Rücken herabfloss.

Sie war immer noch Lucilla … aber Lucilla, wie er sie noch nie zuvor gesehen hatte. Ihre Schönheit traf ihn wie ein Schlag und ließ sein Blut heiß und unkontrolliert durch die Adern strömen.

Er wollte sie besitzen. Verlangte nach dem Recht, die Traurigkeit aus ihrem Blick zu bannen, ihr das fantastische rote Kleid vom Leib zu streifen und die weiche Haut darunter zu berühren. Das Verlangen war so stark, dass er vor Frustration die Hände zu Fäusten ballte. Er hatte keine Zeit für amouröse Intermezzi, und schon gar nicht mit Lucilla Chatsfield! Sie war nicht mehr als ein Hindernis auf seinem Weg nach oben. Und sie hasste ihn. Verachtete ihn dafür, dass er ihre Brüder und Schwestern auf Botengänge quer über den Globus schickte und ihr ...

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