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Hitze, Feuer, Glut!

1. KAPITEL

“Falls du Samstagabend Zeit hast, würde es dir dann etwas ausmachen, mich in die Geheimnisse der körperlichen Liebe einzuführen?”, murmelte Madeline Watson probeweise.

Nein, so ging es nicht. Maddy setzte sich auf eine Bank vor dem Aufenthaltsraum der Dozenten der Betriebswirtschaftslehre, um ihr Opfer zu erwarten. All die Sprüche, die sie sich ausgedacht hatte, waren viel zu spießig. Den Kopf in den Händen, starrte sie auf ihre bequemen Halbschuhe und wünschte, sie hätte besser aufgepasst, wenn andere Frauen über ihre erotischen Abenteuer redeten. Warum hatte sie in den letzten zehn Jahren nichts anderes getan, als sich in Büchern zu vergraben? Sie hatte keine Ahnung, wie sie es anstellen sollte, mit dem aufregendsten Mann der ganzen Stadt anzubändeln – oder mit überhaupt irgendeinem.

Wäre es nicht einfacher, sich ein sexy rotes Kleid und ein Paar Stöckelschuhe zuzulegen?

Sie räusperte sich und versuchte es noch einmal. “Was hältst du davon, unsere Beziehung auf eine andere Ebene zu bringen?” Ein Kichern machte sie auf eine Gruppe Studenten aufmerksam, die zu ihren Abendkursen gingen. Na wunderbar. Das fehlte ihr an diesem grässlichen Tag gerade noch, dass ein Student herumerzählte, sie übe hier Anmachsprüche ein!

Aber sollte ihr Vorhaben funktionieren, wäre es die Blamage sogar wert. Kein Mann hatte ihre Hormone je derart in Fahrt gebracht, wie Cal Turner es mit einem einzigen Lächeln schaffte.

Die Tür zum Aufenthaltsraum schwang weit auf, und mehrere Lehrkräfte strömten durch die Tür, dicke Bücher, Kaffeebecher und prall gefüllte Aktentaschen balancierend.

Maddy erhob sich und hoffte, dass sie genügend Mut haben würde, dem Mann gegenüberzutreten, der in ein paar Minuten allein im Aufenthaltsraum zurückbleiben würde. Sie nickte einigen Dozenten zu, die sie flüchtig kannte, doch die meisten waren Wirtschaftswissenschaftler und somit ein ganz anderer Schlag als die Soziologen, zu denen Maddy gehörte.

Ein Spruch von Mae West kam ihr in den Sinn. “Wie wär’s, wenn du irgendwann mal zu mir raufkommen würdest?” Aber das passte nicht bei ihr, denn sie lebte in einem einstöckigen Haus.

Sie brauchte etwas Moderneres, Direkteres. Wenn sie das Komitee, das über die Annahme ihres Dissertationsthemas zu entscheiden hatte, überzeugen wollte, musste sie beweisen, dass sie mehr war als eine zugeknöpfte Intellektuelle, denn schließlich würde sich ihre Studie ja mit den Paarungsritualen des Menschen beschäftigen. Eine Liaison mit dem berüchtigtsten Ladykiller auf dem Campus wäre genau das Richtige, um diesen Beweis zu erbringen. Die Tatsache, dass sich damit auch ihr geheimes Verlangen nach Cal erfüllen würde, war purer Zufall. Was konnte sie dafür, wenn der ideale Kandidat für ihr Vorhaben zufällig jemand war, von dem sie schon seit Langem träumte?

Maddy öffnete den obersten Knopf ihres weiten Männerhemds und straffte die Schultern. Sie konnte es schaffen.

Sobald der Lärm verklungen war und ihre Armbanduhr achtzehn Uhr anzeigte, öffnete sie die Milchglastür und betrat den Aufenthaltsraum. Leere Plastikbecher, zusammengeknüllte Servietten und Donut-Krümel bedeckten die drei runden Tische. Niemand außer Cal war noch im Raum.

Für einen Moment gestattete sich Maddy das Vergnügen, den Mann anzustarren, der nicht wusste, dass ihre Zukunft von ihm abhing. Er saß in einer Ecke und trug ein graues T-Shirt mit dem Maskottchen der Universität, dem roten Kardinal. Das T-Shirt straffte sich über ausgeprägten Muskeln, die ihn mehr wie den einfachen Automechaniker aussehen ließen, der er einst gewesen war, als wie den erfolgreichen Unternehmer und Dozenten von heute. Eigentlich hatte er dienstags keine Vorlesungen, doch gewöhnlich kam er trotzdem in die Uni, um den Papierkram zu erledigen und Arbeiten zu korrigieren, selbst nach einem langen Tag, an dem er mit der Leitung seiner Autowerkstättenkette beschäftigt gewesen war.

Maddy erfreute sich am Anblick seiner breiten Schultern und muskulösen Oberarme. Als ihr Blick sein Profil erreichte, erschrak sie über seine kantigen Züge. Ohne sein gewohntes Grinsen sah er viel weniger wie ihr gutmütiger Freund und weitaus mehr wie der legendäre Aufreißer aus.

Vielleicht hörte er sie nach Luft schnappen – auf jeden Fall wandte er sich von seinen Büchern ab und sah sie an. “Hi, Süße”, sagte er und schenkte ihr jenes unwiderstehliche Lächeln, das reihenweise Frauenherzen brach.

Maddy hatte plötzlich weiche Knie. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, hierherzukommen? Sie schloss die Augen und nahm all ihren Mut zusammen, weil sie wusste, wenn sie ihn jetzt nicht sofort fragte, würde sie es nie tun.

Er wartete geduldig.

Sprich nicht wie ein Lehrbuch, ermahnte sie sich. Benimm dich ganz natürlich. “Ich weiß, wie beschäftigt du bist, Cal. Aber was würdest du sagen, wenn ich dir den Vorschlag machte, von hier zu verschwinden und bei mir daheim … die Bettwäsche in Brand zu setzen?”

Einen bangen Moment lang hingen die Worte in der Luft und echoten durch Maddys Kopf. Sie schlug die Hand vor den Mund in einem vergeblichen Versuch, ihre idiotische Frage zurückzunehmen. Dann ließ sie die Hand sinken, bereit, zu fliehen, falls ihre Beine mitmachten.

Cal erwiderte schweigend ihren Blick. Langsam schloss er das Buch vor sich, wie um seine Antwort noch ein wenig aufzuschieben.

Maddy hatte sich nicht mehr so geschämt, seit sie, die Tochter eines Wissenschaftlers, in der zwölften Klasse die Physikprüfung verhauen hatte.

“Ich glaube, all die Jahre auf der Harley haben meinem Gehör geschadet.” Er schenkte ihr ein zerknirschtes Grinsen, das Grübchen zum Vorschein brachte, die weibliche Studenten unweigerlich ins Schwärmen geraten ließen. “Könntest du deine Frage bitte wiederholen?”

“Es war nichts Wichtiges, ich …” Maddy wusste nicht, was sie sagen sollte. “Ich glaub, ich geh jetzt wieder.” Begierig, von ihm wegzukommen, und wütend auf sich selbst, weil sie den Mut verloren hatte, wich sie ein paar Schritte zurück.

“Warte mal.” Cal stand auf. “Ich dachte, ich hätte gerade ein interessantes Angebot gehört.” Sein leichter Akzent – Cal kam aus Tennessee – ließ ihn die Worte leicht dehnen, und das verlieh seiner Stimme eine ganz besondere Sinnlichkeit.

Maddy schüttelte so heftig den Kopf, dass ihre Brille verrutschte. “Ich dachte, all die Jahre auf der Harley hätten deinem Gehör geschadet.”

“Maddy, wie lange sind wir jetzt schon Freunde?” Er umfasste ihre Schultern und hielt sie auf Armeslänge von sich ab.

“Vier Jahre und zwei Monate.” Sie erinnerte sich an jede einzelne Berührung in dieser Zeit. So wie jetzt Cals ungeteilte Aufmerksamkeit zu haben, war ein herrliches Gefühl.

“Das ist wohl richtig.” Für einen Moment wirkte er nachdenklich. “Und während dieser vier Jahre und zwei Monate hast du dich nach meinen Werkstätten, meinen Vorlesungen und meinen Studenten erkundigt. Aber in all dieser Zeit hast du mich nicht ein einziges Mal zu dir nach Hause eingeladen, um – wie du es nennst – deine Bettwäsche in Brand zu setzen.”

Hitze stieg in ihre Wangen. Sie wäre jede Wette eingegangen, dass sogar ihre Fingerspitzen rot waren. Offenbar hatte er ihre Frage doch verstanden.

“Das Verrückte ist, dass ich früher auf Teufel komm raus mit dir geflirtet habe, um dir auch nur ein Lächeln zu entlocken.” Er legte eine Hand an ihre Wange und hob ihr Kinn ein wenig an.

Berauschende Empfindungen erfüllten Maddy. Sicher, sie hatte seit der High School ein, zwei Freunde gehabt, doch diese Beziehungen ließen sich nicht einmal entfernt mit ihrem Verhältnis zu Cal vergleichen. Seit sie zur Universität gekommen war, war sie besessen gewesen von dem Wunsch, in der akademischen Welt Erfolg zu haben und in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten. Sie hatte keine Zeit für einen Mann gehabt – bis jetzt.

Cal ließ die Hand auf ihre Schulter sinken. “Aber egal, wie sehr ich mich bemühte, du hast mich nie auch nur eines Blicks gewürdigt.”

Sie blinzelte, noch etwas gehemmter als sonst in Gegenwart des bekannten Herzensbrechers. Sie mochte in der Lage sein, komplexe soziologische Theorien zu erläutern und vor einem Hörsaal mit Hunderten von Studenten zu reden, aber sie hatte keine Ahnung, wie man sich auf vertraulicher Ebene mit einem Mann verständigte.

“Warum erklärst du mir also nicht, was los ist?” Er zog sie zu dem Stuhl vor dem einzigen Computertisch im Raum und zwang sie sanft, sich hinzusetzen. Nachdem er einen weiteren Stuhl herangezogen hatte, setzte er sich ihr gegenüber und wartete.

Maddy seufzte. “Das soll wohl Nein heißen?”

Es war deprimierend, von seinem besten Freund abgewiesen zu werden, selbst wenn Cal vermutlich keine Ahnung hatte, dass er der beste Freund war, den sie je gehabt hatte. Die trockene Welt der Wissenschaft erschien ihr immer gleich viel heiterer, wenn Cal in ihrer Nähe war. Sie liebte die Abende, an denen sie zusammensaßen und sich über problematische Studenten, die Tücken der Verwaltung und ehrgeizige Kollegen unterhielten.

Cal strich ihr eine lose Strähne hinters Ohr. “Es soll heißen, dass in der Welt unserer gelehrten Lady irgendetwas nicht in Ordnung sein muss, wenn sie einem Typen von der falschen Seite der Stadt Avancen macht. Also sag schon, was es ist.” “Gelehrte Lady” war sein Spitzname für Maddy.

Die sanfte Berührung seiner Finger löste ein Entzücken in ihr aus, das erheblich größer war als die Befriedigung, die sie nach einem erfolgreichen Arbeitstag empfand. Cals von der Arbeit raue Hände streichelten sie erstaunlich sanft.

Aber sie wusste, dass körperliche Freuden nicht von Dauer waren, auch wenn sie selbst noch keinerlei Erfahrung darin hatte. Ihr Arbeitsgebiet – soziologische Studien – war die einzige Konstante in ihrem Leben gewesen. Sie musste es schaffen, dass man ihr Projekt akzeptierte. Wenn Cal doch nur bereit wäre, ihr zu helfen!

Cal sah, dass Maddy tief durchatmete. Sie war schon ein komischer Vogel, seine gelehrte Lady, aber er war verrückt nach ihr, seit sie vor vier Jahren ihren Wagen bei ihm hatte reparieren lassen. Intelligent, gewissenhaft und sehr für ihre Beiträge in Soziologie geachtet, obwohl sie noch so jung war, verkörperte Maddy die Qualitäten, die er am meisten schätzte.

Die Tatsache, dass sie auch der Inbegriff des zerstreuten Professors war, erhöhte ihren Reiz in seinen Augen nur noch. Cal vermutete, dass sie Massen dunklen Haars besaß, obwohl sie es immer in einer Art Knoten zusammengebunden trug. Sie schien gar nicht zu wissen, wie bezaubernd sie war – auf eine ganz natürliche Art. Cal fragte sich manchmal, ob er der einzige Mann auf dem Campus war, der das erkannte. Maddy marschierte in flachen Schuhen und mit Brille in der Universität herum und verbarg ihren feingliedrigen Körper unter weiten Männersachen.

Cal hatte manch angenehme Stunde damit verbracht, sich vorzustellen, wie ihr Körper unter diesen weiten Hemden aussah. Wie eine Schutzhülle eine kostbare alte Corvette zudeckte, verbargen ihre Kleider sie. Aber Cal war immer in der Lage gewesen, Klasse zu erkennen. Er hatte so oft versucht, Maddy anzumachen, und sie war nicht ein einziges Mal darauf eingegangen. Was trieb sie also jetzt für Spielchen mit ihm?

“Hör zu, Süße, ich werde nicht eher gehen, bis du mir gesagt hast, was los ist. Also heraus damit!” Er stand auf, um ihr einen Kaffee zu holen und ihr Zeit zu geben, sich zu sammeln.

Als er mit zwei Bechern zurückkam, schimmerten Maddys Augen feucht. Sie wirkte aber eher wütend als traurig.

“Sie haben mein Dissertationsthema zurückgewiesen!” Sie sagte es, als bedeutete das den Weltuntergang.

“Das tut mir leid.” Was hatte das mit ihrem Bettwäsche-in-Brand-setzen-Plan zu tun? Diese Frau hatte seine ganze Welt soeben auf den Kopf gestellt, und nun wollte sie über ihre Forschungsarbeit mit ihm reden?

“Das Komitee, das über das Dissertationsthema entscheidet, möchte, dass ich meine Arbeit in Literatursoziologie fortsetze, aber das interessiert mich nicht mehr.” Sie nahm ihre Brille ab und legte ihre Hände an die Stirn.

Cal erlebte einen Moment des Triumphs, als er ihre großen dunklen Augen ohne ihre ewige Schildpattmaske sah. Er klappte die Brille zusammen und legte sie beiseite. “Du warst sehr erfolgreich in diesem Bereich, nicht wahr?”

“Ja, aber ich möchte weiterkommen. Ich habe Soziologie studiert, weil ich Menschen studieren wollte und keine literarischen Theorien. Ich möchte eine reine soziologische Studie machen.”

Was war es nur an ihrer steifen Art zu sprechen, was so erregend auf ihn wirkte? Die Art, wie ihr hübscher Mund hochgesteckte Konzepte von sich gab, bewies, dass Intelligenz und Schönheit sehr gut nebeneinander existieren konnten. “Okay. Was schlägst du vor?” Mit einem großen Schluck Kaffee wappnete er sich für weitere Erklärungen.

“Ich möchte die menschlichen Paarungsrituale studieren.”

Es erforderte seine ganze Selbstbeherrschung, den Kaffee nicht auszuspucken. Stattdessen verschluckte er sich daran und musste husten.

“Alles in Ordnung?”, fragte sie, während sie ihm erstaunlich kräftig auf den Rücken schlug.

“Ich weiß nicht”, keuchte Cal. “Ich glaube, du überraschst mich heute ein bisschen.”

“Du glaubst wohl auch, ich eigne mich nicht für ein solches Thema.”

“Was?” Himmel, er kam gerade erst wieder zu Atem. Er war noch nicht bereit für die zweite Runde.

“Du glaubst wohl auch, ich sei nicht die Art von Frau, die sich auf diesem Gebiet genügend auskennt, um darüber schreiben zu können.” Sie sprang auf und er sah, dass sie vor Empörung zitterte.

“Ist es das, was das Komitee gesagt hat?” Kein Wunder, dass sie wütend war.

Dann schien sie sich jedoch wieder zu beruhigen und ließ sich resigniert auf ihren Sessel fallen. “Dass ich nicht viel ausgehe, heißt nicht, dass ich kein Auge für all die Paarungsrituale um mich herum habe. Es ist schließlich nicht so, als ob ich keine Gefühle hätte.”

Glücklicherweise stand seine Kaffeetasse sicher auf dem Tisch. “Wo hast du dich herumgetrieben, um diese … diese ‚Paarungsrituale` zu beobachten?” Cal wusste nicht, ob er die Diskussion fortsetzen konnte, wenn sie weiter mit dem Begriff “Paarung” um sich warfen.

“Ich meinte nicht den eigentlichen Liebesakt”, informierte sie ihn, “sondern das Flirten zwischen Mann und Frau als Einleitung zum Sex. Das menschliche Äquivalent zu den Balzritualen der Vögel. Du weißt schon.”

Hitze durchzuckte Cal. Er ertrug es nicht mehr, dazusitzen und Maddy anzustarren, und so erhob er sich und begann vor ihr auf und ab zu gehen. “Das ist es, was du für deine Dissertation studieren willst?”

“Ich möchte einige empirische Untersuchungen darüber anstellen, welche Art von Verhalten tatsächlich zum Erfolg führt.”

Cal fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. “Jetzt meinst du aber den Liebesakt.”

Maddy strahlte ihn an, als wäre er ein Musterschüler. “Genau.”

“Wird das nicht ein bisschen schwierig zu verfolgen sein?” Kein Wunder, dass ihr Vorschlag vom Prüfungskomitee abgelehnt worden war. Falls es Männer in der Kommission gab, war es ihnen bestimmt nicht leichtgefallen, während ihrer Ausführungen zu ihrem gewagten Projekt still zu sitzen. “Ich meine, wie willst du herausfinden, was zwischen deinen Versuchspersonen stattfindet, wenn sie dein Blickfeld verlassen haben?”

“Durch Interviews.” Sie nippte an ihrem Kaffee und schien ruhiger zu werden, jetzt wo sie ihr Fachgebiet besprachen.

Cal hingegen fühlte sich nervöser als ein eingesperrtes Tier. “Verstehe.”

Aber er verstand überhaupt nichts. Das Einzige, was er sich vorstellen konnte, war eine sehr naive Madeline Watson mit Brille und bequemen Schuhen in Single-Bars, wo sie von unsoliden Typen angequatscht wurde, die in solchen Läden herumhingen. Sie mochte zwar eine kluge Lady sein, was ihr Fachgebiet anging, aber es war mehr als offensichtlich, dass sie ein sehr behütetes Leben geführt hatte. Sie hatte keine Ahnung von der Welt, in der Cal aufgewachsen war – einer Welt, in der Mut und Entschlossenheit mehr zählten als akademische Titel.

Sie stellte ihren Kaffeebecher auf den Tisch. “Ein Mitglied des Komitees ließ durchblicken, mein Vorschlag würde nicht genehmigt, weil ich einfach nicht erfahren genug sei, um ein derartiges Projekt zu realisieren. Kannst du dir das vorstellen?”

Genau das dachte Cal auch. Wie konnte jemand über menschliche Balzrituale schreiben, wenn er es selbst noch nie probiert hatte? Von allen Leuten wusste er am besten, dass Madeline Watson nicht der Typ Frau war, bei der ein Mann sexuelle Anspielungen fallen lassen konnte. Er hatte den Eindruck, dass die von einem brillanten Wissenschaftler allein groß gezogene Maddy ein bisschen zu behütet aufgewachsen war.

“Aber ich habe den Entschluss gefasst, ihre Ablehnung nicht zu akzeptieren.”

“Wie meinst du das?”

“Ich werde das Projekt erneut vorschlagen.” Ihr Blick verriet eine ungewohnte Sicherheit, als sie aufschaute. “Aber zuerst muss ich mir die Erfahrungen verschaffen, an denen es mir laut Komitee angeblich mangelt.”

Cal hielt in seiner Wanderung inne und ließ sich auf einen der Stühle fallen. “Du willst dir Erfahrungen verschaffen?” Er hatte plötzlich jenes Gefühl, das einen bei der Bekanntgabe der Lottozahlen beschleicht, wenn man alle bisher genannten Zahlen auf seinem Tippschein hat und der letzten Zahl entgegenfiebert. Wollte die gelehrte Lady ihn etwa benutzen, um zu … üben? Er wusste nicht, ob er beleidigt sein oder sich geschmeichelt fühlen sollte.

“Ja.” Sie stand auf und straffte die schmalen Schultern unter ihrem weiten Männerhemd.

Trotzdem konnte er sehen, dass sie nervös an einem Ärmel zupfte.

“Aber es darf nicht im stillen Kämmerlein geschehen. Alle müssen es mitbekommen, damit man mir glaubt. Ich muss öffentliches Aufsehen erregen.”

Verdammt! Maddys Plan, öffentliches Aufsehen zu erregen, wirkte auf ihn wie eine kalte Dusche. “Und du kamst zu mir mit diesem Vorschlag, weil …?” Ein Teil von ihm wollte hören, dass sie nach all der Zeit doch noch irgendetwas Bewundernswertes an ihm entdeckt hatte.

“Ich kam zu dir, weil du als Frauenheld berüchtigt bist. Wenn man mich auch nur mit dir zur Vorlesung gehen sieht, wird mein Status als Bücherwurm ohne Verabredungen verblassen. Und wenn du mir vielleicht auch noch einen leidenschaftlichen Kuss in aller Öffentlichkeit geben würdest …”

Cals Magen krampfte sich zusammen. Sie wollte ihn also nur, weil sie hoffte, sein schlechter Ruf würde auf sie abfärben. Sie wollte den Mann, der er einst gewesen war, nicht den, der er zu sein versuchte – der Mann, der er sein musste, wenn er das Sorgerecht für seine Schwester zu erlangen hoffte.

Noch vor ein paar Monaten hätte er Maddys Angebot begeistert angenommen. Er hätte alles gegeben, um zu sehen, was passierte, wenn die konservative Madeline Watson einmal beschloss, etwas zu wagen. Wenn ihr Verhalten heute Abend ein Hinweis darauf war, was sie auf Lager hatte, klang es verdammt verführerisch für ihn.

Aber Maddy, die schon ihren Bachelor gemacht hatte und promovieren wollte, galt trotz ihrer Assistentenstelle offiziell noch immer als Studentin. Und Beziehungen zwischen Studenten und Dozenten – selbst wenn es nur solche mit einem befristeten Lehrauftrag waren wie Cal – wurden von der Universitätsleitung nicht gern gesehen. Cal konnte jetzt keinen Skandal riskieren. Er war überrascht, dass Madeline bereit dazu schien, obwohl sie doch so an ihrer Arbeit hing. Dieses Projekt musste ihr wirklich viel bedeuten.

Sie musterte ihn prüfend. “Hilfst du mir?”

Cal schloss die Augen und wusste, dass er sich für seine Antwort noch lange Zeit verfluchen würde. “Tut mir leid, Maddy. Ich kann es nicht.”

2. KAPITEL

Cal hatte damit gerechnet, dass Maddy enttäuscht sein würde.

Aber er war durch nichts vorbereitet auf das Entsetzen in ihrer Stimme, als sie fassungslos erwiderte: “Du kannst es nicht? Wie meinst du das?” Sie ließ ihren Blick über seine breite Brust wandern. “Das zu glauben fällt mir schwer, Cal Turner. Du bist auf dem Campus als notorischer Don Juan bekannt! Ich glaube nicht, dass du dir einen solchen Ruf erworben hättest, wenn du nicht fähig wärst, ihm gerecht zu werden.”

Cal starrte sie entgeistert an. “Selbstverständlich bin ich dazu fähig.” Er griff sich an die Schläfen und presste ärgerlich die Lippen zusammen. “Oh ja.”

Erleichterung erfasste sie. Von ihrem Projekt, Paarungsrituale zu studieren, einmal abgesehen, musste sie zugeben, dass sie Cal ausgewählt hatte, weil sie sich seit Jahren zu ihm hingezogen fühlte.

Er ließ die Hände sinken und pirschte sich an sie heran. Anders war nicht zu beschreiben, wie er sich ihr näherte. Wie ein Wachhund mit gesträubten Nackenhaaren schien Cal sämtliche Muskeln angespannt zu haben. Zumindest die, welche Maddy sehen konnte.

Sie schluckte und versuchte die Gedanken an die Muskeln, die für ihren neugierigen Blick verboten waren, zu verdrängen. Ihr Interesse an ihm war schließlich nicht nur körperlicher Natur.

Er blieb nicht eher stehen, bis ihre Zehen sich praktisch berührten und seine breite Brust nur Zentimeter von ihrem gestärkten weißen Hemd entfernt war. Ihre Haut prickelte in Reaktion auf die Hitze seines Körpers.

“Außerdem bin ich mehr als willig und körperlich durchaus bereit dazu.” Cals braune Augen verdunkelten sich. “Weißt du, was ich damit sagen will?”

Maddy zwang sich, nicht an ihm herabzuschauen. “Ich kann es mir vorstellen.”

“Das Problem ist nicht, dass ich nicht kann, sondern dass ich mir …”, sein Blick glitt entnervend langsam über ihren Körper, “… das Vergnügen nicht erlauben werde.”

Zum ersten Mal in ihrem Leben wünschte Maddy, sie würde zu den Frauen gehören, die Seide trugen statt Baumwolle. Wäre er dann bereit, ihr Angebot zu akzeptieren? “Oh.” Sie bemühte sich, zu lächeln. “Verstehe.”

“Nein. Du verstehst es nicht.” Cal trat zurück und setzte sich an einen der Tische.

Maddy hatte keine Lust, sich seine Ausreden, warum er nicht mit ihr schlafen wollte, anzuhören. Sie hatte sich ihm angeboten, und er hatte sie zurückgewiesen. Sie dachte nicht daran, zu bleiben, um sich einen Wir-können-doch-Freunde-bleiben-Vortrag anzuhören. “Schon gut.” Sie trug ihren leeren Becher in die kleine Küchenzeile. “Ich hatte nur an dich gedacht, weil wir Freunde waren und ich dachte, bei dir wäre ich sicher.”

Sie sah, dass Cal zusammenzuckte, und fuhr hastig fort: “Aber wahrscheinlich war es ziemlich unverschämt von mir, dich zu fragen. Vor allem, da man uns vielleicht feuern würde, wenn wir eine Affäre miteinander hätten.” Die Verwaltung übersah bisweilen Beziehungen dieser Art, doch Maddy sollte es schließlich besser wissen, als ihren Job aufs Spiel zu setzen, oder? Die ganze Idee war verrückt – nichts als ein schwachköpfiger Versuch, eine Fantasie zu verwirklichen und dem Promotionsausschuss zu beweisen, dass sie keine unerfahrene alte Jungfer war. Sie wollte an Cal vorbei zur Tür gehen. “Ich sollte besser wieder an die Arbeit gehen.”

“Warte, Maddy.” Er hielt sie am Arm zurück.

Sie wollte weitergehen. Aber etwas in seinen Augen wirkte auf sie noch zwingender als seine Berührung.

Maddy wartete.

“Ich muss mich momentan etwas zurückhalten, weil ich das Sorgerecht für meine Halbschwester beantragt habe.” Cal ließ sie los und griff in seine Hosentasche. Er zog seine Brieftasche hervor und zeigte ihr das abgegriffene Foto einer grinsenden Zehn- bis Zwölfjährigen mit Zahnspange. “Sie ist inzwischen sechzehn und macht jetzt doppelt so viel Arbeit wie früher.”

“Du hast eine Halbschwester?”

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