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Hitlers Helferinnen

 

Wendy Lower

 

Hitlers Helferinnen

 

Deutsche Frauen im Holocaust

 

Aus dem Englischen von

Andreas Wirthensohn

 

Carl Hanser Verlag

 

 

Für meine Großmütter Nancy Morgan und Virginia Williamson

Für meine Mutter Mary Suzanne Liljequist

Und für meine Schwestern Virginia Lower und Lori Lower

Inhalt

 

Die Hauptpersonen

 

Einleitung

 

1.  Die verlorene Generation deutscher Frauen

2.  »Der Osten braucht dich!«

3.  Augenzeuginnen

4.  Komplizinnen

5.  Täterinnen

6.  Warum haben sie gemordet?

7.  Was geschah mit ihnen?

 

Epilog

 

Danksagung

Anmerkungen

Bildnachweis

Register

Die Hauptpersonen

Augenzeuginnen, Komplizinnen,

Mörderinnen

 

 

IngeleneIvens, Lehrerin aus Kiel, wurde ins polnische Poznań geschickt.

 

ErikaOhr, Krankenschwester aus dem schwäbischen Ort Stachenhausen, Tochter eines Schäfers, wurde in ein Lazarett in Schytomyr, Ukraine, geschickt.

 

AnnetteSchücking, Jurastudentin aus Münster, Großenkelin des bekannten Publizisten und Schriftstellers Leon Schücking, Tochter eines SPD-Politikers und Journalisten, wurde als Krankenschwester in Soldatenheime in Nowograd-Wolinsky, Ukraine, und im russischen Krasnodar geschickt.

 

PaulineKneissler, Krankenschwester aus Duisburg, geboren im ukrainischen Odessa, emigrierte am Ende des Ersten Weltkriegs nach Deutschland, wurde nach Polen und Weißrussland geschickt.

 

IlseStruwe, Sekretärin aus der Nähe von Berlin, ging mit den deutschen Truppen nach Frankreich, Serbien und in die Ukraine.

 

LiselotteMeier, Sekretärin aus dem sächsischen Reichenbach, nicht weit von der deutsch-tschechischen Grenze, wurde nach Minsk und Lida in Weißrussland geschickt.

 

JohannaAltvater, Sekretärin aus dem westfälischen Minden, Tochter eines Gießereimeisters, ging nach Wolodymyr-Wolinsky in der Ukraine.

 

SabineDick, geb. Herbst, Sekretärin aus dem Gestapo-Hauptquartier in Berlin, Abiturientin, ging nach Lettland und Weißrussland.

 

GertrudeLandau, geb. Segel, Tochter eines SS-Untersturmführers, Sekretärin im Gestapo-Hauptquartier in Wien, meldete sich freiwillig zum Einsatz im polnischen Radom und in Drohobytsch in der Ukraine, Ehefrau von Felix Landau, Mitglied eines SS-Einsatzkommandos und Gestapo-Chef.

 

JosefineBlock, geb. Krepp, Stenotypistin, die im Gestapo-Hauptquartier in Wien tätig war und häufig ihren Ehemann, den SS-Sturmbannführer Hans Block, besuchte, der die Gestapo-Stelle in Drohobytsch in der Ukraine leitete.

 

VeraWohlauf, geb. Stähli, aus den »besseren Kreisen« Hamburgs stammend, Ehefrau von Hauptmann Julius Wohlauf, Kompanieführer des Reserve-Polizeibataillons 101, begleitete ihren Mann nach Polen.

 

LieselWillhaus, geb. Riedel, Stenotypistin, Tochter eines Stahlarbeiters im Saarland, katholisch erzogen, Ehefrau von Gustav Willhaus, SS-Kommandant des Konzentrationslagers Lemberg-Janowska, begleitete ihren Mann in die Ukraine.

 

ErnaPetri, geb. Kürbs, Bauerntochter, die ihrerseits wieder einen Landwirt heiratete, Volksschulbildung, leitete zusammen mit ihrem Mann, dem Untersturmführer Horst Petri, ein SS-eigenes Landwirtschaftsgut in der Ukraine.

 

Einleitung

 

Im Sommer 1992 kaufte ich mir ein Flugticket nach Paris, erstand einen alten Renault und fuhr mit einer Freundin über holprige Sowjetstraßen Hunderte von Kilometern in die Ukraine. Unsere abenteuerliche Reise mussten wir häufig unterbrechen. Die Schlaglöcher ließen die Reifen platzen, es gab kein Benzin, und neugierige Bauern und LKW-Fahrer wollten unbedingt einen Blick unter die Motorhaube eines westlichen Gefährts werfen. An der einzigen Schnellstraße, die Lwiw mit Kiew verband, besuchten wir die Stadt Schytomyr, ein Zentrum jüdischen Lebens im ehemaligen Ansiedlungsrayon, wo während des Zweiten Weltkriegs Heinrich Himmler, der Architekt des Holocaust, sein Hauptquartier namens »Hegewald« aufgeschlagen hatte. Südlich der Route, in Winnyzja, lag Adolf Hitlers Führerhauptquartier, der Werwolf. Die gesamte Region war einst Tummelplatz der Nazis gewesen, mit all seinem Schrecken.

In seinem Bestreben, ein »Tausendjähriges Reich« zu errichten, kam Hitler in diese fruchtbare Gegend der Ukraine – die begehrte Kornkammer Europas – und hatte ganze Legionen von Entwicklern, Verwaltern, Sicherheitsbeamten, »Rassenkundlern« und Ingenieuren im Gepäck, die dieses Gebiet kolonialisieren und ausbeuten sollten. Die Deutschen trieben ihren »Blitzkrieg« 1941 Richtung Osten voran, verwüsteten und plünderten das eroberte Territorium und suchten 1943 und 1944 geschlagen Richtung Westen das Weite. Als die Rote Armee die Gegend besetzte, stellten sowjetische Offizielle Unmengen an Material sicher: seitenweise offizielle deutsche Berichte, ordnerweise Fotos und Zeitungen und ganze Schachteln voller Filmspulen. Sie bewahrten diese Kriegsbeute auf und werteten die Dokument-»Trophäen« in staatlichen und regionalen Archiven aus, wo sie jahrzehntelang hinter dem Eisernen Vorhang blieben. Genau deshalb war ich in die Ukraine gefahren: um mich mit diesem Material zu beschäftigen.

Im Archiv von Schytomyr stieß ich auf Papiere, auf denen Stiefelabdrücke zu sehen und die an den Rändern verkohlt waren. Die Dokumente hatten zwei Angriffe überstanden: den Rückzug der Nazis mit ihrer Politik der verbrannten Erde, zu der auch die Vernichtung von belastendem Beweismaterial gehörte, und die Zerstörung der Stadt während der Kämpfe im November und Dezember 1943. Die Aktenordner enthielten lückenhafte Briefwechsel, Papierfetzen, auf denen die Tinte verblasst war, Erlasse mit der ausladenden, unleserlichen Unterschrift von kleinen Beamten des NS-Staates und polizeiliche Verhörprotokolle mit dem zittrigen Gekritzel verängstigter ukrainischer Bauern. Ich hatte schon zuvor zahlreiche NS-Dokumente zu Gesicht bekommen, allerdings im komfortablen Ambiente des Mikrofilmraums in den National Archives in Washington. Nun aber saß ich in den Gebäuden, die von den Deutschen besetzt gewesen waren, und entdeckte neben dem »Rohzustand« des Quellenmaterials noch etwas anderes. Zu meiner Überraschung fand ich auch die Namen junger deutscher Frauen, die in der Region als Hitlers Reichsgründerinnen aktiv gewesen waren. Sie standen auf harmlosen Listen, auf denen die Behörden Kindergärtnerinnen verzeichnet hatten. Mit diesen Hinweisen kehrte ich in die amerikanischen und deutschen Archive zurück und suchte systematischer nach Dokumenten über deutsche Frauen, die gen Osten geschickt worden waren, insbesondere über solche, die den Holocaust als Augenzeuginnen erlebt oder als Täterinnen aktiv daran mitgewirkt hatten. Der Aktenberg wuchs und wuchs, und so langsam wurden darin einzelne Geschichten erkennbar.

Bei der Durchsicht von Untersuchungsberichten aus der Nachkriegszeit fiel mir auf, dass Hunderte von Frauen als Zeuginnen befragt worden waren und dass viele von ihnen ausgesprochen mitteilsam gewesen waren, denn die Strafverfolger interessierten sich vor allem für die abscheulichen Verbrechen ihrer männlichen Kollegen und Ehemänner und weniger für die der Frauen. Viele Frauen erzählten unbewegt und freimütig von dem, was sie erlebt hatten. So sprach eine ehemalige Kindergärtnerin in der Ukraine von einer »Judensache während des 2. Weltkrieges«. Sie und ihre Kolleginnen seien instruiert worden, als sie 1942 die Grenze Deutschlands zu den besetzten Gebieten im Osten überquerten. Wie sie sich erinnerte, habe ein NS-Beamter in »gelb, bzw. brauner Uniform« ihnen versichert, sie müssten keine Angst haben, wenn sie Gewehrfeuer hörten – da würden »lediglich ein paar Juden erschossen«.1

Wenn die Erschießung von Juden während des Krieges kein Grund zur Aufregung sein sollte, wie reagierten die Frauen dann, als sie auf ihrem Posten eintrafen? Schauten sie weg, oder wollten sie mehr sehen oder gar tun? In den bahnbrechenden Untersuchungen von Historikerinnen wie Gudrun Schwarz und Elizabeth Harvey fand ich meinen Verdacht bestätigt, wonach deutsche Frauen bei der Eroberung Osteuropas durch die Nationalsozialisten dabei waren, aber es blieben offene Fragen nach einer breiteren und tieferen Verstrickung in die dortigen Verbrechen.2 Schwarz hatte gewalttätige Frauen von SS-Führern ausfindig gemacht. Eine von ihnen hatte beispielsweise im polnischen Hrubieszów ihrem Mann die Pistole aus der Hand genommen und während eines Massakers auf dem örtlichen Friedhof Juden erschossen. Doch den Namen dieser Mörderin nannte Schwarz nicht. Harvey hatte herausgefunden, dass Frauen als Lehrerinnen in Polen aktiv waren und bei dieser Gelegenheit die Ghettos besuchten und jüdisches Eigentum stahlen. Unklar jedoch blieb, inwieweit Frauen an den Massakern in den Ostgebieten beteiligt gewesen waren. Offenbar hatte niemand die Dokumente aus der Kriegs- und Nachkriegszeit auf diese zentralen Fragen hin untersucht: Hatten sich gewöhnliche deutsche Frauen an den Massenerschießungen von Juden beteiligt? Waren deutsche Frauen an Orten wie der Ukraine, Weißrussland oder Polen in den Holocaust verstrickt, und zwar auf eine Weise, die sie nach dem Krieg nicht eingestehen wollten?

Bei den Nachkriegsuntersuchungen in Deutschland, Israel und Österreich identifizierten jüdische Überlebende deutsche Frauen als Täterinnen, nicht nur als fröhliche Gafferinnen, sondern als gewalttätige Peinigerinnen. In den meisten Fällen jedoch konnten die Überlebenden diese Frauen nicht namentlich benennen, oder die Beschuldigten hatten nach dem Krieg geheiratet und einen anderen Namen angenommen, sodass man sie nicht ausfindig machen konnte. Zwar war die Quellenlage bei meinen Nachforschungen eingeschränkt, aber mit der Zeit wurde deutlich: Die Liste mit Lehrerinnen und anderen Parteiaktivistinnen, auf die ich 1992 in der Ukraine gestoßen war, war nur die Spitze des Eisbergs. Hunderttausende deutscher Frauen gingen in die von den Nazis besetzten Gebiete im Osten – also nach Polen und in die westlichen Regionen dessen, was viele Jahre lang die Sowjetunion war, darunter auch in die heutige Ukraine, Weißrussland, Litauen, Lettland und Estland – und waren tatsächlich integraler Bestandteil von Hitlers Vernichtungsmaschinerie.

Eine dieser Frauen war Erna Petri. Ich stieß im Sommer 2005 auf ihren Namen, und zwar im United States Holocaust Memorial Museum. Dort hatte man nach längeren Verhandlungen Mikrofilmkopien von Akten der früheren DDR-Staatssicherheit erhalten. Darunter waren auch die Vernehmungs- und Prozessprotokolle des Gerichtsverfahrens gegen Erna Petri und ihren Mann Horst, denen man vorwarf, auf ihrem Privatgrundstück im besetzten Polen Juden erschossen zu haben. Glaubhaft detailliert schilderte Erna Petri, wie die halbnackten jüdischen Jungen wimmerten, als sie ihre Pistole zückte. Als der Vernehmungsbeamte fragte, wie sie als Mutter diese Kinder habe ermorden können, sprach Petri vom Antisemitismus des Regimes und ihrem eigenen Wunsch, sich gegenüber den Männern zu profilieren. Hier hatte keine gesellschaftliche Außenseiterin gemordet. Für mich standen Petris Verbrechen beispielhaft für das NS-Regime.

Dokumentierte Fälle von Mörderinnen waren in gewisser Weise repräsentativ für ein viel umfassenderes Phänomen, das unterdrückt, übersehen und viel zu wenig erforscht worden war. Angesichts der ideologischen Indoktrination der jungen Kohorte von Männern und Frauen, die während des »Dritten Reiches« erwachsen wurden, angesichts ihrer massenhaften Mobilisierung für den Feldzug im Osten und angesichts der Kultur genozidaler Gewalt, die in die Eroberung und Kolonisierung durch die Nationalsozialisten eingebettet war, kam ich zu dem Schluss – als Historikerin, nicht als Strafverfolgerin –, dass es jede Menge Fälle von Frauen gab, die Juden und andere »Feinde« des Reiches umgebracht hatten, mehr jedenfalls, als während des Krieges dokumentiert oder danach strafrechtlich verfolgt worden waren. Zwar sind nicht viele Fälle unmittelbaren Tötens dokumentiert, aber diese gilt es ernst zu nehmen und nicht einfach als Anomalien abzutun. Hitlers Helferinnen waren keine randständigen Soziopathinnen. Sie waren der Überzeugung, ihre Gewalttaten seien als Racheakte an Feinden des Reiches gerechtfertigt; in ihren Augen waren solche Taten ein Ausdruck von Loyalität. Für Erna Petri waren nicht einmal hilflose jüdische Jungen unschuldig, die aus einem Güterwaggon geflohen waren, der sie zu den Gaskammern bringen sollte; für sie waren es Menschen, die fast davongekommen wären.

 

*

 

Es war kein Zufall, dass der Massenmord der Nazis und ihrer Helfershelfer in Osteuropa geschah. Die Gegend war seit je Heimat der größten jüdischen Bevölkerung, die in den Augen der Nationalsozialisten vielfach gefährlich »bolschewisiert« worden war. Die westeuropäischen Juden wurden in entlegene Gegenden in Polen, Weißrussland, Lettland und Litauen deportiert, wo sie am helllichten Tag erschossen und vergast wurden.

Die Geschichte des Holocaust ist eng verknüpft mit der imperialen Eroberung Osteuropas durch die Nazis, die alle Deutschen mobilisierte. Im NS-Jargon bedeutete die Zugehörigkeit zur »Volksgemeinschaft«, dass man sich an allen Aktionen des Reiches beteiligte, also auch am Holocaust. Hauptvollstrecker waren die mächtigsten Institutionen, angefangen mit der SS und der Polizei; an der Spitze dieser Instanzen standen Männer, doch auch Frauen taten dort Dienst. In den Regierungshierarchien fassten dort beschäftigte Frauen und Ehegattinnen Zuneigung zu den mächtigen Männern und übten ihrerseits enorme Macht aus, nicht zuletzt über das Leben der verwundbarsten Untertanen des Regimes. Frauen, die militärische Hilfsdienste leisteten, damit die Männer an die Front konnten, hatten die Befugnis, Untergebenen Befehle zu erteilen. Diese Frauen bekleideten in der NS-Hierarchie Posten von ganz unten bis ganz oben.

Zu Hitlers Entourage in den Ostgebieten gehörten auch seine Sekretärinnen – Frauen wie Christa Schroeder, denen der Führer in seinem Bunker in der Nähe von Winnyzja diktierte. Nach einer Rundreise durch die Ukraine, auf der sie mit den regionalen Gauleitern zechte und Kolonien der »Volksdeutschen« besuchte, sinnierte sie in einem Brief über die Zukunft des neuen deutschen »Lebensraums«:

 

Unsere Leute, die sich hier ansiedeln, haben es sicher nicht leicht, aber auch wiederum viele Möglichkeiten, Großes zu schaffen. Je länger man allerdings in diesem weiträumigen Lande weilt und die vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten erkennt, um so mehr drängt sich die Frage auf, von wem in der Zukunft die großen Aufgaben erfüllt werden sollen. Immer mehr kommt man zu der Ansicht, daß das Fremdvolk aus verschiedenen Gründen dazu nicht geeignet ist, letzten Endes schon deshalb nicht, weil im Laufe der Generationen doch eine Vermischung der herrschenden Schicht, also des deutschen Elementes, mit dem Fremdvolk zustande kommen würde. Das wäre ja ein kardinaler Verstoß gegen unsere Erkenntnis der Notwendigkeit der Erhaltung unseres nordisch bedingten Erbgutes und unsere weitere Geschichte würde einen ähnlichen Verlauf nehmen wie die Geschichte z.B. des römischen Volkes.3

 

Natürlich befand sich Schroeder in einer höchst ungewöhnlichen Position, wie sie nur einige wenige innehatten; gleichwohl belegen ihre Worte, dass die Sekretärinnen an der Front ihre imperiale Rolle sehr wohl erkannten und dass sich ihre Auffassung von der nationalsozialistischen Mission der gleichen rassistischen und kolonialistischen Terminologie bediente, die üblicherweise den männlichen Eroberern und Statthaltern zugeschrieben wird.4

Als selbsternannte überlegene Herrscherinnen übten deutsche Frauen im nationalsozialistisch besetzten Osten beispiellose Macht über diejenigen aus, die zu »Untermenschen« erklärt worden waren. Sie hatten die Erlaubnis, diejenigen, die – wie eine Sekretärin aus der Nähe von Minsk nach dem Krieg es formulierte – als »Abschaum« der Gesellschaft galten, zu misshandeln und auch zu töten. Diese Frauen befanden sich ganz nah am Zentrum der Macht in dieser ungeheuren staatlichen Vernichtungsmaschinerie. Sie waren zudem ganz in der Nähe der Tatorte; die Entfernungen zwischen den Kleinstädten, wo die Frauen ihrer täglichen Routine nachgingen, und den Schrecken der Ghettos, Lager und Massenhinrichtungen waren nicht groß. Heimatfront und Kampffront ließen sich nicht streng voneinander trennen. Frauen konnten sich vor Ort dazu entschließen, bei der Gewaltorgie mitzumachen.

Hitlers Helferinnen waren eifrige Verwalterinnen, Räuberinnen, Peinigerinnen und Mörderinnen in den »Bloodlands«.5 Sie mischten sich unter die Hunderttausende von Frauen – es waren mindestens eine halbe Million –, die in den Osten gingen. Schon die nackten Zahlen zeigen, wie wichtig Frauen im NS-System der völkermörderischen Kriegsführung und der Imperialherrschaft waren. So bildete das Deutsche Rote Kreuz in der NS-Zeit 640.000 Frauen aus, und etwa 400.000 kamen während des Krieges als Helferinnen zum Einsatz. Sie wurden mehrheitlich in die rückwärtigen Gebiete oder in die Nähe der Kampfzonen in den Ostgebieten geschickt. Sie arbeiteten in Feldlazaretten der Wehrmacht und der Waffen-SS, auf Bahnsteigen, wo sie Soldaten und Flüchtlinge mit Essen und Getränken versorgten, in Hunderten von Soldatenheimen, wo sie mit den deutschen Truppen in der Ukraine, in Weißrussland, Polen und im Baltikum in Kontakt kamen. Die Wehrmacht bildete über 500.000 junge Frauen für Hilfstätigkeiten aus – als Funkerinnen, Karteihelferinnen, im Flugmeldedienst und als Flakhelferinnen –, von denen 200.000 im Osten Dienst taten. Sekretärinnen organisierten, lenkten und verteilten die Unmengen an Nachschub, die man brauchte, um die Kriegsmaschinerie am Laufen zu halten. Zahllose Organisationen, die von der NSDAP (etwa die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) und von Himmlers Rasse- und Siedlungshauptamt betrieben wurden, setzten deutsche Frauen und Mädchen als Fürsorgerinnen, »Rassenprüferinnen«, Ansiedlungsbetreuerinnen, Erzieherinnen und Hilfslehrerinnen ein. In einer Region des besetzten Polen, die als Laboratorium der »Germanisierung« fungierte, beschäftigte die NS-Führung Tausende von Lehrerinnen. Hunderte weitere – darunter auch die in den Akten von Schytomyr erwähnten jungen Lehrkräfte – wurden in andere koloniale Enklaven des Reiches geschickt. Im Kontext des nationalsozialistischen empire-building bekamen diese Frauen die konstruktive Arbeit des deutschen »Zivilisierungsprozesses« zugeteilt. Doch die destruktiven und konstruktiven Praktiken der NS-Eroberung und -Besatzung lassen sich nicht voneinander trennen.

Angesichts des Entsetzens über die Gewalt von Krieg und Holocaust fanden die meisten Augenzeuginnen Mittel und Wege, um sich davon zu distanzieren und die eigene Rolle als Vertreterinnen eines verbrecherischen Regimes so klein wie möglich zu halten. Doch für die 30.000 Frauen, die von Himmlers SS und Polizei als Hilfskräfte in Polizeidienststellen, Gestapo-Hauptquartieren und Gefängnissen rekrutiert wurden, kam eine psychologische Distanzierung nicht wirklich in Frage, und die Wahrscheinlichkeit einer direkten Beteiligung am Massenmord war in ihrem Falle hoch. In der Zivilverwaltung der Gouverneure und Reichskommissare in den besetzten Gebieten waren weitere 10.000 Sekretärinnen überall in den östlichen Hauptstädten und in den Bezirksverwaltungen in Rowno (heute Riwne), Kiew, Lida, Reval (heute Tallinn), Grodno, Warschau und Radom beschäftigt. Diese Behörden waren für die Verteilung der einheimischen Bevölkerung und damit auch der Juden zuständig, von denen viele in Ghettos und Zwangsarbeitseinrichtungen landeten, die von diesen deutschen Bürokraten und Bürokratinnen verwaltet wurden. Hitlers Helferinnen waren nicht immer Repräsentantinnen des NS-Regimes. Oftmals waren sie Mütter, Freundinnen und Ehefrauen, die ihre Söhne, Partner und Gatten nach Polen, in die Ukraine, nach Weißrussland, Russland und ins Baltikum begleiteten. Zu dieser Gruppe gehörten einige der schlimmsten Mörderinnen.

Aus dieser mobilisierten Masse ragen einige Frauen heraus. Mit vielfältigen Aufgaben betraute Sekretärinnen waren zugleich Schreibtischtäterinnen und Sadistinnen: Einige tippten nicht nur die Hinrichtungsbefehle, sondern beteiligten sich an Massakern in den Ghettos und nahmen an Massenerschießungen teil. Frauen und Geliebte von SS-Männern spendeten nicht nur ihren Partnern Trost, wenn diese von ihrer schmutzigen Arbeit nach Hause kamen, sondern hatten in einigen Fällen selbst Blut an den Händen. In den Augen der Nazis war es harte Arbeit, wenn man stundenlang Juden zusammentrieb und erschoss, und so war zu Hause mehr als nur moralische Unterstützung gefragt: Im Umfeld von Massenhinrichtungen und Deportationsstätten hielten Frauen für ihre Männer Erfrischungen in Form von Speisen und Getränken bereit.6 In einer Kleinstadt in Lettland tat sich eine junge Stenographin als Stimmungskanone und als Massenhinrichterin hervor. Beim Studium der Akten fiel mir dabei immer wieder die Verbindung von sexueller Intimität und Gewalt auf, allerdings in deutlich profanerer Weise, als sie die vulgäre Nachkriegspornographie in Szene gesetzt hatte. Romantische Ausflüge wie ein Spaziergang in den Wäldern konnten Liebende in unmittelbaren Kontakt mit dem Holocaust bringen. Und ich las von einem deutschen Kommissar in Weißrussland und seiner Sekretärin, mit der er ein Verhältnis hatte. Als sie im Winter eine Jagd organisierten und keine Tiere fanden, schossen sie eben auf Juden, die langsam durch den Schnee liefen.

 

Frauen, die in Hitlers Reich offizielle Funktionen bekleideten – wie etwa die Reichsfrauenführerin Gertrud Scholtz-Klink7 –, mögen weithin sichtbar gewesen sein, aber es handelte sich zumeist um bloße Repräsentantinnen, die nicht wirklich über politische Macht verfügten. Dagegen blieb der Beitrag anderer Frauen in unzähligen weiteren Funktionen weitgehend unberücksichtigt und unerforscht. Besonders auffallend ist dieser blinde Fleck im Hinblick auf die Frauen in den besetzten Ostgebieten.

Alle deutschen Frauen mussten ihren Beitrag zum Krieg leisten, in bezahlten wie in unbezahlten Positionen. Sie kümmerten sich in Abwesenheit der Männer um Haushalte, bäuerliche Familienbetriebe und Firmen. Sie schufteten tagtäglich in Fabriken und modernen Bürogebäuden. Sie waren im Bereich der Landwirtschaft und in weiblichen Angestelltenberufen wie der Krankenpflege und Sekretariatstätigkeiten dominant. 25 bis 30 Prozent der Lehrer in der Weimarer Republik und in der NS-Zeit waren weiblich. Als sich der Terrorapparat des Reiches ausweitete, eröffneten sich für Frauen neue berufliche Möglichkeiten, unter anderem in Form einer Beschäftigung in Konzentrationslagern. Doch während die Karrieren und Taten der Lagerwärterinnen von Journalisten und Wissenschaftlern intensiver erforscht wurden, ist über Frauen, die traditionelle weibliche Rollen besetzten – also Frauen, die nicht darin ausgebildet waren, grausam zu sein – und die letztlich zufällig oder gezielt der verbrecherischen Politik des Regimes dienten, deutlich weniger bekannt.

Lehrerinnen, Krankenschwestern, Sozialfürsorgerinnen und Ehefrauen – das waren die Frauen in den Ostgebieten, wo es zu den schlimmsten Verbrechen des »Dritten Reiches« kam. Für ehrgeizige junge Frauen eröffneten sich im entstehenden NS-Imperium im Ausland neue Möglichkeiten voranzukommen. Sie ließen repressive Gesetze, bürgerliche Sitten und gesellschaftliche Traditionen hinter sich, die das Leben in Deutschland reglementierten und erdrückten. In den Ostgebieten erlebten und verübten die Frauen Greueltaten in einem viel offeneren System, für sie waren diese Verbrechen ein Teil dessen, was sie als berufliche Chance und als befreiende Erfahrung erlebten.

Das vorliegende Buch konzentriert sich auf die Wandlungen, die einzelne Frauen im inneren Gefüge und in den äußeren Landschaften des Holocaust erfuhren – in den Amtsstuben, unter der Besatzungselite, in den killing fields.8 Oftmals waren es gerade diejenigen, bei denen man am wenigsten annahm, sie würden sich an den Schrecken des Holocaust beteiligen, die dann am stärksten in die Verbrechen involviert waren. Die Frauen, um die es im Folgenden gehen soll, hatten einen ganz unterschiedlichen sozialen Hintergrund und kamen aus ganz verschiedenen Regionen – aus dem ländlichen Westfalen, aus dem weltläufigen Wien, aus dem industriellen Rheinland –, doch zusammen bilden sie eine Generationenkohorte (im Alter zwischen 17 und 30 Jahren). Sie alle wurden mit dem Aufstieg und Fall Adolf Hitlers erwachsen.

 

Mitunter erlaubte es mir eine Quelle, tiefergehenden Fragen nachzuspüren. Warum waren diese Frauen gewalttätig? Wie sahen sie nach dem Krieg ihre Zeit im Osten? Ohne detaillierte Verhörprotokolle, Memoiren und private Schriftstücke wie Tagebücher oder Briefe sowie eine ganze Reihe außergewöhnlicher Interviews wäre es so gut wie unmöglich gewesen, Genaueres über die Ansichten und die Einstellungen dieser Frauen vor, während und nach dem Krieg zu sagen.

Nach dem Krieg sprachen die meisten deutschen Frauen nicht offen über ihre Erfahrungen.9 Sie schämten sich zu sehr oder hatten zu große Angst, als dass sie davon erzählt hätten, was geschehen war und was sie getan hatten. Ihre Scham hatte nicht zwangsläufig mit Schuld zu tun. Einige hatten schöne Erinnerungen an eine Zeit, die eigentlich als schlimm galt. Es gab reichlich Verpflegung,10 erste Liebschaften, man hatte Hausangestellte, hübsche Villen, feierte Partys bis in die Nacht und verfügte über jede Menge Ländereien. Deutschlands Zukunft schien grenzenlos, und das Land herrschte über Europa. Tatsächlich markierte diese Zeit vor der militärischen Niederlage Deutschlands für viele Frauen und Männer einen Höhepunkt in ihrem Leben.

Ihr Schweigen über die Juden und andere Opfer des Holocaust zeugt auch vom Egoismus der Jugend und des Ehrgeizes, vom ideologischen Klima, in dem diese deutschen Mädchen aufwuchsen, und davon, dass diese prägenden Jahre auch nach dem Krieg noch wirksam waren. Als Teenager, eifrige Berufstätige und Frischverheiratete steckten diese Frauen tief in den eigenen Plänen, ganz gleich, ob sie sich auf einem kleinen Bauernhof im Schwäbischen oder in einer geschäftigen Hafenstadt wie Hamburg ihre Zukunft ausmalten. Sie wünschten sich respektable Berufe und ein gutes Einkommen. Sie wollten Freunde und etwas Schickes zum Anziehen haben; sie wollten reisen und tun, wonach ihnen der Sinn stand. Wenn sie sich in ihren neuen Rotkreuzuniformen bewunderten oder stolz ihre Zertifikate präsentierten, die sie bei einem von der NSDAP veranstalteten Kinderbetreuungskurs erworben hatten, oder ihren neuen Job als Schreibkraft in einem Gestapo-Büro feierten, so wurden sie, ob sie es wollten oder nicht, Teil des NS-Regimes. Dass diese jungen Frauen sich oder uns, entweder damals oder viele Jahre später, vor Gericht oder in ihren Memoiren nicht eingestanden, welche Folgen ihre Beteiligung am NS-Regime tatsächlich gehabt hatte, überrascht wohl nicht wirklich.

Unmittelbar nach dem Krieg hat die starke Fokussierung auf die schlimmsten KZ-Aufseherinnen wie Irma Grese und Ilse Koch vermutlich eine nuanciertere Diskussion über die Beteiligung und das schuldhafte Verhalten von Frauen verhindert. In Gerichtsverfahren kamen sensationsheischende Geschichten von weiblichem Sadismus zum Vorschein, die durch einen Nachkriegstrend zu Pornographie nach Nazi-Art noch zusätzlich verstärkt wurden. Zugleich wurde die gewöhnliche deutsche Frau gerne als Heldin dargestellt, die den Trümmerhaufen beseitigen musste, welchen Deutschlands beschämende Vergangenheit hinterlassen hatte, als das Opfer marodierender und vergewaltigender Rotarmisten oder als kokettes Püppchen, das die amerikanischen GIs unterhielt. Eine im Entstehen begriffene feministische Perspektive betonte die Opferrolle von Frauen, nicht ihr kriminelles Handeln. Dieses wohlwollende Bild hatte trotz der Popularität von Romanen wie Bernhard Schlinks Der Vorleser weitgehend Bestand.11 In deutschen Städten findet man heute Statuen und Gedenktafeln, die den »Trümmerfrauen« gewidmet sind. Allein in Berlin, so schätzt man, haben 60.000 Frauen den Schutt der Hauptstadt beseitigt und die Vergangenheit zugunsten der Zukunft entsorgt. Sie wurden dafür gefeiert, dass sie das westdeutsche Wirtschaftswunder und die ostdeutsche Arbeiterbewegung inspiriert hätten.

Zu den hartnäckigen Mythen der Nachkriegszeit gehört der von der unpolitischen Frau. Nach dem Krieg sagten viele Frauen vor Gericht aus oder erklärten in oral histories, dass sie nur Büroangelegenheiten erledigt oder sich um die sozialen Aspekte des Alltagslebens, sprich: um die Pflege oder Pflichten anderer im Osten stationierter Deutscher gekümmert hätten. Was sie nicht sahen – oder nicht sehen wollten –, war, dass das Soziale politisch wurde und dass ihr scheinbar kleiner Beitrag zu den Alltagsgeschäften in Verwaltungs-, Militär- oder Parteiorganisationen auf ein genozidales System hinauslief. Faschistinnen – in der NSDAP-Zentrale in Kiew, in der Militär-, SS- und Polizeiverwaltung in Minsk und in abgeschotteten Villen in Lublin – verrichten nicht einfach »Frauenarbeit«. Solange man deutsche Frauen einer anderen Sphäre zuteilt oder ihren politischen Einfluss für minimal erklärt, ist die halbe Bevölkerung einer genozidalen Gesellschaft, um mit der Historikerin Ann Taylor Allen zu sprechen, »unschuldig an den Verbrechen des modernen Staates« und wird »außerhalb der Geschichte« angesiedelt.12

Nicht alle deutschen Frauen (1939 waren das fast 40 Millionen) können als Opfer gelten. Ein Drittel der weiblichen Bevölkerung – 13 Millionen Frauen – beteiligte sich aktiv an einer der zahlreichen Parteiorganisationen der Nationalsozialisten, und die Zahl der weiblichen NSDAP-Mitglieder stieg bis Kriegsende stetig an. So wie allgemein das Wirken von Frauen in der Geschichte unterschätzt wird, so wurde auch die Beteiligung von Frauen an den Verbrechen des »Dritten Reiches« nicht wirklich herausgearbeitet und erklärt – was angesichts der moralischen und rechtlichen Implikationen vermutlich noch viel problematischer ist.13 Sehr viele ganz gewöhnliche deutsche Frauen waren keine Opfer, und die Routineformen weiblicher Beteiligung am Holocaust wurden bisher noch nicht erforscht.

Zu vermeiden sind sicherlich jegliche Verallgemeinerungen über alle deutschen Frauen. Wie aber bekommen wir ein gewisses Verständnis dafür, welche Rollen Frauen im Holocaust spielten, von der Retterin über die Zuschauerin bis zur Mörderin und all die Grauzonen dazwischen? Wie können wir den Platz der Frauen in der Vernichtungsmaschinerie des Regimes genauer bestimmen?14 Menschen allein bestimmten strafrechtlichen Kategorien wie Komplize oder Täter zuzuordnen erklärt noch nicht, wie das System funktionierte und inwieweit gewöhnliche Frauen Zeugen des Holocaust wurden oder sich daran beteiligten. Aufschlussreicher ist es, die allgemeinere Machtverteilung im NS-System zu betrachten und genauer herauszuarbeiten, wer wem was und wo antat. So entschied beispielsweise eine Kriminaldirektorin im Reichssicherheitshauptamt unmittelbar über das Schicksal Tausender Kinder, und sie tat das mit Unterstützung von fast 200 Beamtinnen, die über das ganze Reich verstreut waren. Diese weiblichen Ermittlerinnen suchten nach Belegen für »rassisch minderwertige« Jugendliche, die sie als künftige Kriminelle einstuften. Zu diesem Zweck entwickelten sie ein farbliches Karteisystem, in dem sie die Daten zu rund 2000 »Judenkindern«, »Zigeunerkindern« und anderen »Delinquenten« sammelten. Diese Kinder wurden in spezielle »Jugendschutzlager« gesperrt. Solche organisatorischen Bürofertigkeiten galten als weiblich und passten damit gut zum modernen, bürokratischen Ansatz der »Verbrechensbekämpfung«.15

 

Die Geschichten der hier präsentierten Zuschauerinnen, Mitläuferinnen und Täterinnen stützen sich auf deutsche Dokumente aus der Kriegszeit, sowjetische Untersuchungen zu Kriegsverbrechen, ostdeutsche Stasi-Akten und Prozessprotokolle, westdeutsche und österreichische Untersuchungsberichte und Prozessakten, Dokumente aus dem Simon-Wiesenthal-Archiv in Wien, veröffentlichte Memoiren, private Korrespondenzen und Tagebücher aus der Kriegszeit sowie auf Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen in Deutschland und in der Ukraine. Die offiziellen Dokumente aus den Kriegsjahren – die Heiratsgenehmigungen der SS, Personenakten der Zivilverwaltung, Akten des Roten Kreuzes und Tätigkeitsberichte der NSDAP – erwiesen sich als nützlich, um die Präsenz von Frauen in verschiedenen Positionen zu ermitteln, ihre biographischen Daten im Detail zu erfahren und die ideologische Schulung der Organisationen zu erhellen, denen sie angehörten. Doch in solchen Akten, die zwar von Individuen hand- oder maschinenschriftlich verfasst wurden, erfährt man so gut wie gar nichts über Persönlichkeit oder Motive.

Biographische Porträts, die in persönliche Erfahrungen und Perspektiven im Verlauf der Zeit eintauchen, müssen stärker auf das setzen, was deutsche Wissenschaftler als »Ego-Dokumente« bezeichnen. Dabei handelt es sich um Selbstdarstellungen des betreffenden Subjekts: um Aussagen, Briefe, Memoiren und Interviews. Diese Berichte, die zumeist aus der Nachkriegszeit stammen, werfen zahlreiche schwerwiegende Probleme auf, doch als historische Quellen darf man sie nicht außer Acht lassen. Mit der Zeit lernt man, wie man diese Dokumente zu lesen und zu verstehen hat, wie man Techniken des Ausweichens, Übertreibungen und die Verwendung literarischer Tropen und Klischees erkennt. Und so versucht man ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Gleichwohl ist es gerade die radikale Subjektivität, die diese Quellen so besonders wertvoll macht.

Es ist ein beträchtlicher Unterschied, ob man vor einem Staatsanwalt eine Aussage macht, als Zeitzeuge von einem Journalisten oder einem Historiker befragt wird oder seine Memoiren schreibt.16 Die Erzählerin gestaltet ihre Geschichte so, dass sie den Erwartungen des Zuhörers entspricht, und diese Geschichte kann sich im Lauf der Zeit wandeln, wenn die Erzählende aus anderen Quellen mehr über ihre Vergangenheit erfährt und die Fragen des Publikums sich verändern. So zeigen beispielsweise in den 1980er Jahren veröffentlichte Zeitzeugenberichte nicht die gleiche Sensibilität gegenüber den Ereignissen des Holocaust wie Memoiren, die Anfang des 21. Jahrhunderts publiziert wurden. Die Erinnerungen aus jüngerer Zeit kreisen oft um die Frage des Wissens und der Beteiligung, da die jeweilige Augenzeugin die entsprechenden Fragen des Lesers oder Zuhörers bereits antizipiert: »Was wussten Sie über die Judenverfolgung? Was haben Sie gesehen?« Zudem sind Memoiren – die üblicherweise von den Älteren verfasst werden – oft das Gemeinschaftsprojekt eines Elternteils mit seinen Nachkommen. Die betagten Zeitzeugen des Krieges wollen ein Vermächtnis hinterlassen oder ein dramatisches Ereignis der Familiengeschichte festhalten; das Wissen darum, dass ihre Erinnerungen von künftigen Generationen gelesen werden, hält sie davon ab, zu offen oder drastisch von ihren Begegnungen mit Juden, von ihrer Begeisterung für den Nationalsozialismus oder von ihrer Beteiligung an Massenverbrechen zu erzählen. Mitunter ist die Sprache dieser Erlebnisberichte codiert, oder es werden nur Andeutungen gemacht. In mehreren Fällen profitierte ich vom direkten Kontakt mit der Verfasserin von Memoiren und konnte detaillierter nachfragen.

Man sollte nicht von vornherein davon ausgehen, dass die Verfasser von Erinnerungen und Zeitzeugen täuschen oder Tatsachen verbergen wollen und dass es irgendeine schreckliche Wahrheit zu enthüllen gibt. Es ist nur natürlich, Schmerzliches zu unterdrücken, um damit fertig zu werden. Die Frauen, die ihre Erinnerungen veröffentlicht haben, wollten verstanden werden und ihr Leben gewürdigt wissen; sie wollten nicht be- oder verurteilt werden. Im Laufe meiner Beschäftigung mit zahlreichen Berichten wurde klar, welche glaubwürdiger waren als andere.

Im Bereich der Holocaust and Genocide Studies besteht Konsens darüber, dass die Systeme, die Massenmord möglich machen, ohne die breite Beteiligung der Gesellschaft nicht funktionieren würden. Gleichwohl lassen so gut wie alle Geschichten des Holocaust die Hälfte dieser Bevölkerung außen vor, so als hätte sich die Geschichte der Frauen anderswo abgespielt – ein nicht nachvollziehbarer Ansatz und eine irritierende Ausklammerung. Die dramatischen Geschichten dieser Frauen enthüllen die dunkelsten Seiten weiblichen Tuns. Sie zeigen, was passieren kann, wenn Frauen unterschiedlicher Herkunft und verschiedenster beruflicher Tätigkeit für Kriegszwecke mobilisiert werden und den Genozid stillschweigend billigen.

1
Die verlorene Generation
deutscher Frauen

 

Die Männer und Frauen, die die Terrorsysteme des »Dritten Reiches« aufbauten und lenkten, waren erschreckend jung.1 Als Adolf Hitler im Januar 1933 mit 43 Jahren zum Reichskanzler ernannt wurde, waren mehr als zwei Drittel seiner Anhänger unter 40 Jahre alt. Der künftige Chef des Reichssicherheitshauptamts, Reinhard Heydrich, war gerade einmal 37 Jahre alt, als er die Wannseekonferenz leitete und die Pläne der Nazis für den Massenmord an den Juden enthüllte. Die Legionen an Sekretärinnen, die die Maschinerie des Massenmords am Laufen hielten, waren zwischen 18 und 25 Jahre alt. Auch die Krankenschwestern, die im Kriegsgebiet arbeiteten, bei medizinischen Experimenten assistierten und tödliche Injektionen verabreichten, waren noch ganz frisch in ihrem Beruf. Die Geliebten und Ehefrauen der SS-Elite, deren Aufgabe darin bestand, die Reinheit der »arischen Rasse« durch gesunden Nachwuchs auch künftig zu sichern, waren – wie verlangt – im gebärfähigen Alter. Das Durchschnittsalter der KZ-Aufseherinnen lag bei 26 Jahren; die jüngste war gerade einmal 15 Jahre alt, als sie ihren Posten im Lager Groß-Rosen an der Grenze zu Polen antrat.

Terrorregime zehren vom Idealismus und von der Energie junger Menschen, indem sie diese zu gehorsamen Kadern von Massenbewegungen, zu paramilitärischen Truppen und sogar zu Massenmördern formen. Männliche Deutsche, die das Pech hatten, zur Zeit des Ersten Weltkriegs erwachsen zu werden, entwickelten sich zu einer ganz spezifischen Gruppe, deren Deformationen wir bis heute zu ergründen versuchen. Ein Historiker hat diese jungen Männer als »Generation des Unbedingten« bezeichnet: stramme Ideologen, die beruflich von sich selbst absolut überzeugt waren und ihre Ambitionen in der SS-Elite als Entwickler der Holocaust-Maschinerie in Berlin verwirklichten.2 Auch eine Generation junger Frauen trug ihren Teil zum Genozid bei, nicht an der Spitze, sondern gleichsam im Maschinenraum. Was die Kader junger berufstätiger Frauen und Partnerinnen, die den Holocaust ermöglichten, auszeichnete – also die Frauen, die während des Zweiten Weltkriegs in den Osten gingen und dort unmittelbare Augenzeuginnen, Komplizinnen und Täterinnen des Massenmords wurden –, war, dass sie den geburtenstarken Jahrgängen des Ersten Weltkriegs angehörten: gezeugt am Ende einer Epoche und am Beginn eines neuen Zeitalters.3

 

Ende 1918 brach das Deutsche Kaiserreich zusammen: Die militärische Niederlage war besiegelt, Soldaten meuterten, und der zum Kriegsverbrecher erklärte Kaiser floh in die Niederlande. Die patriarchale Welt des alten Regimes lag in Trümmern, und politisch schien nun alles möglich zu sein.

Den Frauen eröffnete die neue Ordnung – Deutschlands erstes Experiment in Sachen Demokratie, das sich am amerikanischen und britischen Vorbild orientierte – die Chance auf mehr individuelle Freiheit und Macht in einem sich modernisierenden Westen. So durften deutsche Frauen im Januar 1919 zum ersten Mal wählen und waren laut Weimarer Verfassung zumindest auf dem Papier formal gleichberechtigt. Das bedeutete eine enorme Veränderung, wenn man bedenkt, dass Frauen in Deutschland bis 1908 von jeglichen politischen Aktivitäten ausgeschlossen gewesen waren und als das »schwache Geschlecht« in der deutschen Gesellschaft untergeordnete Positionen bekleideten, was die meisten Frauen als ganz natürlich betrachteten. Zwar waren die Frauen durch den Ersten Weltkrieg gezwungen gewesen, in die öffentliche Sphäre der kriegsbedingten Arbeit einzutreten – in Fabriken, Straßenbahnen und Ämtern –, doch in politischen Dingen verfügten sie nur über wenig Erfahrung, und die meisten Frauen bezeichneten sich gerne als unpolitisch. Mit dem Zusammenbruch der Monarchie öffnete sich die politische Arena, die ihnen so lange verschlossen geblieben war, plötzlich für sie.

Die Weimarer Republik erlebte eine wahre Explosion an bunt gemischten Bewegungen, Bürgerwehren und organisierten Parteien jeglicher Couleur.4 Allein in München gab es Anfang der 1920er Jahre 40 solcher Bewegungen, unter ihnen auch die noch junge NSDAP. Die meisten von ihnen bezeichneten sich selbst voller Stolz als »völkisch«, doch als »Volk« waren dabei allein die Deutschen gemeint. Diese Bewegungen waren allesamt zutiefst nationalistisch, fremdenfeindlich und antisemitisch. Sie strebten nach Einheit durch Rassismus, und Liberalismus und parlamentarische Demokratie lehnten sie ab, da diese einer imaginären germanischen Lebensweise, in der Frieden und Ordnung herrschten, vom Ausland aufgezwungen worden seien. Diejenigen, die das »Volk« verherrlichten, pflegten eine verklärte Sicht der Vergangenheit und priesen die Einheit von deutschem »Blut und Boden« sowie die stählerne Entschlossenheit des Kämpfers. Angesichts der Demütigung des besiegten Deutschland nach dem Krieg fielen die Mythen von einer nationalen Wiedergeburt und die Sehnsucht nach einem Retter, der die Ehre des Landes wiederherstellen sollte, vor allem bei der Jugend und bei der armen Landbevölkerung, die sich den zahlreichen Volksparteien anschlossen, auf fruchtbaren Boden.

Die Rolle deutscher Frauen bei der Herausbildung rechter Bewegungen war vermutlich minimal. Die Männer waren nicht bereit, von ihrer traditionellen Vormachtstellung in der Politik zu lassen, Frauenfragen galten als nachgeordnet und gehörten definitiv nicht zu den nationalen Prioritäten. Ihre Stärke bezogen die völkischen Parteien der Weimarer Republik aus der Männerwelt der Kriegsfront und nicht aus der weiblichen Welt der Heimatfront. Besser repräsentiert waren die Frauen in den etablierten Parteien aus der Vorkriegszeit wie der katholischen Zentrumspartei und der Sozialdemokratischen Partei. Lediglich eine radikale, zumeist städtische Minderheit unterstützte die kommunistische Bewegung (an deren Spitze Rosa Luxemburg stand, die nach einem gescheiterten Aufstand in Berlin brutal ermordet wurde).

Dem Feminismus mangelte es an einer engagierten Frauenbewegung, wie sie dann in den 1960er und 1970er Jahren entstand.5 Stattdessen tauchte die »Frauenfrage« in Politik, Kultur und Gesellschaft der Weimarer Republik in eher diffusen, widersprüchlichen Formen auf – beispielsweise in Gestalt organisierter Kampagnen zu so unterschiedlichen Fragen wie Prostitution, Empfängnisverhütung, sexueller Lust, Sozialreformen, Arbeitsbedingungen und der Hilfe für deutsche Flüchtlinge aus den Gebieten, die aufgrund des Versailler Vertrags verloren gegangen waren. Die Bewegung, die im Kampf um das Frauenstimmrecht zusammengefunden hatte, zerfiel nun in eine Fülle von Einzelkampagnen. Einige wie etwa diejenigen, denen es um sexuelle Befreiung und Experimente ging, waren auf explosive Weise innovativ; sie sorgten oft für heftige Kontroversen und brachten die Rechte ebenso in Rage, wie sie die Linke ermutigten.

Frauenorganisationen bezeichneten sich selbst oft als unpolitisch, doch in Wirklichkeit war ihr Eintreten für Frauen- oder Familienwerte alles andere als Augenwischerei im nationalen Parlament. Diese Werte definierten auf höchst eindringliche, üblicherweise zutiefst umstrittene Art und Weise, was es hieß, deutsch zu sein. Die Frauenabteilung der Deutschen Kolonialgesellschaft kämpfte schon seit langem gegen die »Rassenmischung« bei Auslandsdeutschen, und der Deutsche Hausfrauenbund brachte jungen Frauen bei, wie ein richtiger deutscher Haushalt aussah, einer, der heimisches Dienstpersonal ausbeutete, nur mit deutschen Gütern ausgestattet war und von einer stramm patriotischen Hausfrau mit blitzsauberer Schürze wissenschaftlich geführt wurde.6 Es gab auch gegenläufige Entwicklungen, etwa die Arbeit des Deutschen Bundes für Mutterschutz und Sexualreform, der unverheiratete Mütter unterstützte und Heime für alleinstehende Frauen und ihre Kinder unterhielt. Doch selbst diese radikale Bewegung aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wies einen Kern von männlichen und weiblichen Medizinern auf, die sich zunehmend der »Rassenkunde« zuwandten, um eine Lösung für die sozialen Probleme zu finden, die Frauen betrafen.

Die 1920er Jahre brachten dem deutschen Normalbürger eine Ausweitung individueller Freiheiten und ein größeres Maß an politischer Macht. Meinungsfreiheit, Freizeit, Mobilität, Handel, Zugang zum öffentlichen Dienst – all das gab es in größerer Fülle als je zuvor. Zugleich brachten der Rundfunk, Zeitschriften und das Automobil das Tempo der Stadt – und oft auch ihre Hektik – aufs Land. Wie sich freilich zeigte, war das mehr, als die meisten Deutschen wollten. Angesichts des Chaos und der Unsicherheit von Moderne und Demokratie sehnten sich immer mehr Menschen zurück nach Ordnung und Tradition. Konterrevolutionäre Bewegungen brachten die fragile Republik in Bedrängnis. Unzufriedene Patrioten und entmachtete Monarchisten weigerten sich, die deutsche Niederlage zu akzeptieren, und setzten ihre Grabenkämpfe unbeirrt fort, nunmehr auf den Straßen des Landes und gegen neue Feinde, nämlich das rote Gespenst des Kommunismus und die Weimarer »Novemberverbrecher«, die im November 1918 den Friedensvertrag unterzeichnet hatten und damit Deutschland von hinten »erdolcht« hätten. Die alte und die neue Rechte machten die Situation an der Heimatfront und nicht die auf den Schlachtfeldern für die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg verantwortlich, und sinnbildlich für diese Heimatfront standen vor allem zwei Figuren: die deutsche Märtyrerin, gezeichnet von der alliierten Blockade, welche die Nahrungsmittelversorgung in Deutschland unterbrach, und »der Jude«, der üblicherweise wie ein kapitalistischer Schwindler oder ein Politiker gekleidet war. Solche Mythen und Vorurteile führten in der fragilen Republik zu einer politischen Polarisierung und zu dysfunktionalen Koalitionen. Blockaden wurden durchbrochen, indem man Neuwahlen ausrief. In Deutschland herrschten quasi ununterbrochen Wahlkampf und eine ermüdende politische Kultur des Agitprop mit ihrer seltsamen Mischung aus Massenwerbung und Druck, die die Menschen häufig an die Wahlurnen schickten. Zwischen 1919 und 1932 versuchten sich 21 verschiedene Koalitionen an einer Regierung. In diesem Deutschland – mit dem Streit und der Unsicherheit eines unablässigen Kampfes um Wählerstimmen, einer galoppierenden Inflation und all den verwirrenden und aufregenden Perspektiven der Moderne – wuchsen die meisten der Frauen auf, die sich dann an Hitlers Völkermordprojekt beteiligen sollten.

Der extreme Rechtsschwenk deutscher Frauen begann nicht mit der NSDAP.7 Von den 30 verschiedenen offiziellen Parteien der Weimarer Zeit wählten die Frauen mehrheitlich die konservativen Kräfte, stimmten aber nicht überproportional für die NSDAP, selbst als die Beliebtheit der Partei an den Wahlurnen 1932 einen Höhepunkt erreichte. Tatsächlich war die NSDAP für konservative Frauen die am wenigsten attraktive Option, denn die Nazis nahmen keine Frauen als Mitglieder auf und setzten keine Frauen als Kandidatinnen auf die Wahllisten. Moderner politischer Aktionismus, der in Wirtshäusern geplant und auf die Straßen getragen wurde, war Männersache. Frauen konnten Ende der 1920er Jahre bei Demonstrationen und in Uniform marschieren, doch am »Führer« durften sie nicht vorbeiparadieren. In den offiziellen Geschichtsbüchern der Partei erinnerte man sich gefühlsselig an die Roten Hakenkreuzschwestern, die sich um die verletzten SA-Kämpfer kümmerten: In diesen frühen Tagen des Kampfes wurde eine Menge Blut vergossen, und die Krankenschwestern der Bewegung mussten jede Menge Wunden versorgen. Frauen, die die NS-Bewegung der 1920er Jahre unterstützten, wurden als Ernährerinnen idealisiert und mit untergeordneten Rollen bedacht. Gleichwohl fühlten sich einige Frauen zu Hitlers Bewegung hingezogen und riefen aus eigener Initiative Unterstützungsorganisationen ins Leben wie etwa den Frauenkampfbund (1926), der sich die gesellschaftliche und politische Integration der Frauen in die »Volksgemeinschaft« auf die Fahnen geschrieben hatte. Deutsche Frauen, die sich Hitlers Bewegung anschlossen, leisteten ihren Beitrag an der Wahlurne, in den Parteibüros und zu Hause. Eine frühe Aktivistin berichtete 1934 vom politischen Erwachen der Frauen für die NS-Bewegung und von ihrer Rolle bei den frühen Straßenkämpfen und Wahlen:

 

An diesem Kampfe konnten auch die Frauen nicht unbeteiligt bleiben, denn es ging ja um ihre Zukunft, um die Zukunft ihrer Kinder. […] Da hörten wir den ersten Redner der Nationalsozialisten. Wir horchten auf, wir gingen in weitere Versammlungen, wir hörten den Führer, und wie Schuppen fiel es uns von den Augen. […] Die Männer standen in vorderster Front. Die Frauen taten in der Stille ihre Pflicht. In mancher Nachtstunde horchten Mütter angstvoll auf einen heimkehrenden Schritt. Manche Frau spähte in den dunklen Straßen Berlins nach dem Mann, dem Sohn, der im Kampf gegen das Untermenschentum Blut und Leben einsetzte. Manches Flugblatt wurde gefaltet, um den S.A.-Männern fertig für den Briefkasten übergeben zu werden. Manche Stunde kostbarer Zeit wurde in den S.A.-Küchen und -Nähstuben verbracht. In ständiger Werbearbeit wurde Geld gesammelt. Die Kunde des neuen Glaubens von Mund zu Mund gegeben. Kein Weg war zu weit, kein Dienst für die Partei zu gering.8

 

Gleichwohl kann man den deutschen Frauen bei aller aktiven Unterstützung für die NS-Bewegung nicht vorwerfen, sie hätten Hitler mit ihren Stimmen an die Macht gebracht.9 Hitler war nicht demokratisch gewählt; vielmehr wurde er durch eine Intrige alter Männer aus der Oberschicht zum Kanzler ernannt, die glaubten, sie könnten den jugendlichen Emporkömmling dazu benutzen, die Linke zu zerschlagen und den Konservatismus wiederherzustellen.

Kaum war Hitler im Amt, nutzten er und seine Anhänger jede Gelegenheit und jedes gesetzgeberische Schlupfloch, um Deutschland in eine Einparteiendiktatur und eine »rassenreine« Nation zu verwandeln.10 Im Februar 1933, nicht einmal einen Monat nach Beginn seiner Kanzlerschaft, wurden die bürgerlichen Freiheitsrechte außer Kraft gesetzt, politische Gegner wurden verhaftet und wanderten ins Gefängnis oder ins neu errichtete Konzentrationslager Dachau. Gewerkschaften wurden aufgelöst, jüdische Läden boykottiert, missliebige Bücher verbrannt. Der gesamte öffentliche Dienst wurde »wiederhergestellt«, und Beamte »nichtarischer Abstammung« zwang man in den »Ruhestand«. Zu den Verfolgten gehörten rund 8000 Kommunistinnen, Sozialistinnen, Pazifistinnen und »asoziale« Frauen.11 So wurde Minna Cammens, die für die SPD im Reichstag saß, im März 1933 festgenommen, weil sie antinazistische Flugblätter verteilt hatte. Sie wurde von der Gestapo verhört und in der Haft ermordet. Auch weibliche Mitglieder der Kommunistischen Partei wurden verhaftet und ermordet, oder man fand sie erhängt in ihren Gefängniszellen. Das Landeswerkhaus im niedersächsischen Moringen wurde zum ersten Lager im Reich, in dem nur Frauen interniert waren, darunter auch Zeuginnen Jehovas, die gegen den Krieg waren und sich weigerten, Hitler als ihren obersten Heilsbringer zu akzeptieren. Lina Haag und andere Frauen prominenter KPD-Mitglieder wurden zusammen mit ihren Ehemännern festgenommen. Als die Gestapo Lina Haag zur Mittagszeit zu Hause in ihrer Wohnung abholte und durchs Treppenhaus nach draußen eskortierte, hörte sie »überall im Haus die Türen gehen, sehr leise und vorsichtig«.12 Fünf Jahre verbrachte Haag in Gefängnissen und Lagern. In einer Einzelzelle in Stuttgart flüsterte ihr eine verzweifelte Mitgefangene zu, man habe sie zum Tode verurteilt. Als es nach und nach der ganze Trakt erfuhr, bekam eine Gefangene nebenan Schreikrämpfe, während in der gegenüberliegenden Kaserne die »heisere Stimme einer Stallwache […] unentwegt ›Sag zum Abschied leise Servus‹ plärrt«.13

Die zunehmende Zahl weiblicher Häftlinge bedeutete auch eine Zunahme weiblicher Aufseherinnen, die vor allem aus der Frauenorganisation der NSDAP rekrutiert wurden.14 Auch Ärztinnen und Krankenschwestern waren in den Lagern tätig; bei Kriegsende war rund ein Zehntel des Lagerpersonals weiblich. Mindestens 3500 Frauen wurden als KZ-Wärterinnen ausgebildet, überwiegend in Ravensbrück, von wo aus sie in die verschiedenen Lager geschickt wurden, unter anderem nach Stutthof, Auschwitz-Birkenau und Majdanek. Diejenigen, die sich freiwillig für diese grausige Tätigkeit meldeten, sahen die Orte des Massenmords als Arbeitsplatz und als berufliche Chance. Die Uniform machte Eindruck, die Bezahlung war gut, und die Aussicht, über Macht zu verfügen, war verlockend. Einige der Frauen, die zu KZ-Aufseherinnen wurden, waren selbst straffällig geworden oder saßen im Gefängnis, und die neue Tätigkeit bedeutete für sie die Möglichkeit, sich im NS-System zu rehabilitieren. Während des Krieges wurden viele im Zuge der Arbeitspflicht zu dieser Art von Dienst gezwungen.

Sobald die Bewerberinnen ihre Ausbildung absolviert, den Eid geleistet hatten und in das Lagersystem eingetreten waren, legten nur wenige eine menschliche Einstellung gegenüber den Gefangenen, für die sie zuständig waren, an den Tag. So waren die Aufseherinnen im KZ Neuengamme berüchtigt für ihr schrilles Gebrüll und für die Schläge, die sie verabreichten.15 Für die Häftlinge waren diese »Disziplinierungen« freilich willkürliche Terrorakte – die noch dazu besonders irritierend waren, weil sie von einer Frau verübt wurden.

Auch außerhalb der Lager verfolgten Frauen andere Frauen. Die Haftgründe waren bewusst vage und dehnbar gehalten. Jede konnte als Drückebergerin, Saboteurin, Außenseiterin oder »Asoziale« denunziert werden. Als etwa eine Frau eine Bäckerei betrat und ihre Nachbarinnen nicht mit dem erwarteten »Heil Hitler« begrüßte, wurde sie anschließend von der Gestapo verhört. »Asoziale« – Landstreicher, Gelegenheitsdiebe, Prostituierte, das »Gesindel«, das sich auf deutschen Straßen herumtrieb und das makellose Bild arischer Schönheit besudelte – wurden verhaftet, oft sogar sterilisiert und ermordet. Eine Diktatur benötigt keinen riesigen sicherheitspolizeilichen Apparat, wenn die Nachbarn bereit sind, die Überwachungsarbeit für das Regime zu verrichten, ob nun aus Angst, Fügsamkeit, Fanatismus oder Boshaftigkeit.16 Persönliche und politische Rechnungen können beglichen werden. Die verletzlichsten Mitglieder der Gesellschaft, die an den Rändern, sind entbehrlich.

Hitler verkündete, der Platz der Frau sei sowohl zu Hause als auch in der Bewegung. Auf dem Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg 1934 bemühte er die für ihn typische martialische Rhetorik:

 

Was der Mann einsetzt an Heldenmut auf dem Schlachtfeld, setzt die Frau ein in ewig geduldiger Hingabe, in ewig geduldigem Leid und Ertragen. Jedes Kind, das sie zur Welt bringt, ist eine Schlacht, die sie besteht für das Sein oder Nichtsein ihres Volkes. […] Wir haben deshalb die Frau eingebaut in den Kampf der völkischen Gemeinschaft, so, wie die Natur und die Vorsehung es bestimmt hat. So ist unsere Frauenbewegung für uns nicht etwas, das als Programm den Kampf gegen den Mann auf seine Fahne schreibt, sondern etwas, das auf sein Programm den gemeinsamen Kampf mit dem Mann setzt. Denn gerade dadurch haben wir die neue nationalsozialistische Volksgemeinschaft gefestigt, daß wir in Millionen von Frauen treueste fanatische Mitkämpferinnen erhielten.17

 

1936 erklärte Hitler in seiner Rede vor der NS-Frauenschaft auf dem Reichsparteitag, eine Mutter von fünf, sechs oder sieben Kindern, die allesamt gesund und wohlerzogen seien, habe »mehr geleistet, mehr getan« als eine »weibliche Juristin«.18 Und im Jahr zuvor hatte er sich gegen die marxistische Forderung nach »sogenannter« Gleichberechtigung gewandt, diese »sei in Wirklichkeit keine Gleichberechtigung, sondern eine Entrechtung der Frau, denn sie ziehe die Frau auf ein Gebiet, auf dem sie zwangsläufig unterlegen sein werde, weil sie die Frau in Situationen bringe, die nicht ihre Stellung, weder dem Manne noch der Gesellschaft gegenüber, festigen, sondern nur schwächen könnte«.19 Die Zahl der Frauen, die höhere Bildungsabschlüsse und politische Ämter anstrebten, wurde durch Quoten begrenzt. Der Parteiideologe Alfred Rosenberg fasste das nationalsozialistische Ideal der Frauenbildung so zusammen: »Der Frau sollen also alle Möglichkeiten zur Entfaltung ihrer Kräfte offenstehen; aber über eines muß Klarheit bestehen: Richter, Soldat und Staatslenker muß der Mann sein und bleiben.«20

In der Schlacht des Reiches um den Nachwuchs mussten Hitlers Kämpferinnen sich unterordnen, Befehlen gehorchen, sich für die größere Sache opfern, Nerven aus Stahl entwickeln und im Stillen leiden.21 Sie mussten die Kontrolle über den eigenen Körper abgeben, der nun ganz im Dienste des Staates stand. Siege bemaßen sich nicht an der Zahl der Geburten, sondern an der Zahl gesunder »arischer« Kinder. Die Massenkampagne zur selektiven Züchtung betraf deutsche Frauen über Generationen und Klassen hinweg, sie alle hatten am Ende unter dem »Rassenkrieg« der Nazis zu leiden und trieben ihn zugleich voran. Der Beruf der Hebamme erlebte einen wahren Boom. Um der nationalsozialistischen Überhöhung von Reinheit und Natur zu genügen, gab es nur in begrenztem Maße Geburten per Kaiserschnitt, und Frauen, die ihre Kinder stillten, wurden belohnt. Doch nicht alle Frauen galten als geeignete »Soldatinnen« in diesem Kampf um »Rassenreinheit«. Diejenigen mit sogenannten erblich bedingten Störungen (darunter Alkoholikerinnen und Depressive), Prostituierte mit Geschlechtskrankheiten, Frauen der Sinti und Roma sowie Jüdinnen wurden zwangssterilisiert und mussten abtreiben. Von den 400.000 nichtjüdischen Deutschen, die einer Zwangssterilisation unterzogen wurden, waren ungefähr die Hälfte Frauen. Einige tausend starben infolge schlampiger Eingriffe.22 Gewöhnliche deutsche Frauen und Mädchen wurden von Hebammen und Krankenschwestern verraten, denn diese meldeten nach der Geburt eines Kindes angebliche Defekte und empfahlen aufgrund von gynäkologischen Routineuntersuchungen Abtreibungen und Sterilisationen. In dem Bürgerkrieg um perfekte »arische« Kinder, der schon vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in vollem Gange war, fällten somit Frauen für andere Frauen grausame Entscheidungen über Leben und Tod, was sich verheerend auf das moralische Empfinden auswirkte und Frauen in die Verbrechen des Regimes verstrickte.

Von deutschen Frauen und sogar Mädchen wurde politische Fügsamkeit verlangt. Formal begann die Indoktrination mit zehn Jahren. Ab 1936 war die Mitgliedschaft im Bund Deutscher Mädel (BDM), dem weiblichen Pendant zur Hitler-Jugend, verpflichtend. Später dann machten die Nazis den meisten anderen Jugendorganisationen ein Ende oder gliederten sie in die Hitler-Jugend ein; ausgenommen waren nur ein paar katholische Jugendgruppen, die unter dem Schutz des Vatikans standen. Da Eltern, die ihr Kind vor der NS-Bewegung zu schützen und abzuschirmen versuchten, ihre häusliche Autorität und ihr gesellschaftliches Ansehen verloren, gaben sie in der Regel dem Drängen der Parteiagitatoren, Nachbarn und Kollegen nach. In Städten wie Minden versorgten lokale Beamte die Partei mit Listen der registrierten Mädchengeburten, und damit gingen Freiwillige der NSDAP von Tür zu Tür, um deutsche Mädchen für die Bewegung zu gewinnen.

Der BDM erfüllte den Wunsch vieler Mädchen – ob sie nun politisch gesinnt waren oder nicht – nach Gemeinschaft und dauerhaften Freundschaften. Für einige war die BDM-Zugehörigkeit ein Sprungbrett zur NSDAP-Mitgliedschaft und für eine Karriere in der Bewegung, denn dort lernte man die entsprechenden Fertigkeiten. Die örtliche BDM-Führerin in Minden war »wahnsinnig autoritär […], die war in der ganzen Stadt Minden bekannt, daß sie furchtbar schrie und nahezu bösartig war«.23 Noch die widerlichsten lokalen Nazi-Führerinnen konnten so als Rollenmodell für junge Mädchen dienen, die in Kleinstädten aufwuchsen.

Die jungen Frauen dieser Zeit blickten nach vorne, nicht zurück. Sie waren keine selbsternannten Feministinnen; tatsächlich lehnten die meisten ihrer Generation die Suffragetten als passé ab. Als die Nationalsozialisten 1933 das Frauenstimmrecht abschaffen wollten, traten die deutschen Frauen nicht in den Hungerstreik. Ihr Gegner war nicht der »männliche Unterdrücker«, für viele wurde »der Jude«, »der Asoziale«, »der Bolschewist« oder »die Feministin« zum Feindbild. Der jüdische Intellekt habe das Wort von der Emanzipation der Frauen erfunden, erklärte Hitler 1934 in Nürnberg. Der NS-Bewegung hingegen ging es mit den Worten Alfred Rosenbergs um die »Emanzipation der Frau von der Frauenemanzipation«.24 Tatsächlich hatten deutsche Jüdinnen eine wichtige Rolle bei den Sozialreformen und in den Frauenbewegungen der Weimarer Zeit gespielt. Hitlers Äußerungen dienten also zwei Zielen: Juden aus der deutschen Politik zu drängen und eine unabhängige Frauenbewegung in Deutschland zu zerschlagen. Das Versuchslabor der Weimarer Republik musste vollständig diskreditiert und beseitigt werden, und gleichzeitig galt es, mit dem Nationalsozialismus eine andere emanzipatorische Alternative zu bieten, eine, die auf Disziplin und Konformität setzte. Deutsche Frauen, die sich durch die NS-Bewegung gestärkt fühlten, erfuhren eine Art Befreiung in der Kameradschaft – nicht als Feministinnen, die das Patriarchat in Frage stellten, sondern als Verfechterinnen einer konservativen, rassistischen Revolution. Als vollwertige »arische« Mitglieder von Hitlers faschistischer Gesellschaft waren sie selbst gleichwohl politisch. Tatsächlich nahm die »Frauenfrage« jetzt eine andere Form an: dass nämlich Frauen und Mädchen für Umzüge und Aufmärsche auf die Straße gingen; dass sie auf Bauernhöfen Arbeitseinsätze leisteten; dass sie an Sommercamps, an Marschübungen, an Hauswirtschaftskursen, an Musterungen und an feierlichen Flaggenappellen teilnahmen.

 

 

Mitglieder des BDM bei Schießübungen,

die Teil der paramilitärischen Ausbildung waren, 1936

 

Die völkische Ideologie hatte ihre ganz eigene weibliche Ästhetik.25 Schönheit war demzufolge das Ergebnis gesunder Ernährung und sportlicher Betätigung und hatte nichts mit Kosmetik zu tun. Deutsche Frauen und Mädchen sollten sich nicht die Fingernägel lackieren, die Augenbrauen zupfen, Lippenstift auftragen, die Haare färben oder zu schlank sein. Hochrangige NS-Vertreter verurteilten den Schminkboom der 1920er Jahre als jüdisches Gewerbe, das die deutsche Weiblichkeit herabwürdige, da es Frauen zu Prostituierten mache und zu »rassischem« Verfall führe. Deutsche Männer sollten das Mädchen von nebenan heiraten, nicht irgendeine Großstädterin oder eine Verführerin nach Hollywood-Art. Der natürliche Glanz einer jungen Frau sollte von körperlicher Betätigung, vom Draußensein und, in seiner höchsten Form, von der Schwangerschaft herrühren.

Hitler wollte das »Rassenbewusstsein« der normalen Deutschen steigern, doch für viele Frauen war das »rassische« Erwachen auch ein politisches. Frauen begannen nach der ehrgeizigen – mitunter lähmenden, zumeist aber beflügelnden – Vorstellung zu handeln, dass sie eigentlich mehr vom Leben erwarten durften. In ihren Erinnerungen und in den Gesprächen berichteten Hitlers Helferinnen von ganz ähnlichen Erfahrungen in ihrer Jugend: Als sie die Volksschule beendet und das junge Erwachsenenalter erreicht hatten, merkten sie, dass sie etwas werden wollten.26 Dieses Bestreben ist heute natürlich ein Klischee, aber damals war es revolutionär. Junge Frauen bescheidener Herkunft behaupteten sich, indem sie ihre Heimatdörfer verließen, eine Ausbildung zur Schreibkraft oder Krankenschwester begannen und sich einer politischen Bewegung anschlossen. Die Töchter der Frauen, die in der Weimarer Zeit erstmals hatten wählen dürfen, witterten ihre Chance in Deutschland und darüber hinaus.

 

 

Eine Parteiversammlung der NSDAP in Berlin im August 1935.

Auf den Spruchbändern ist zu lesen: »Die Juden sind unser Unglück« und »Frauen und Mädchen, die Juden sind Euer Verderben«.

 

Die nationalsozialistische Judenpolitik der Vorkriegszeit wird von den Frauen, die in diesem Buch zu Wort kommen, nur selten geschildert oder auch nur erwähnt. Brigitte Erdmann, die die Truppen in Minsk unterhielt, schrieb 1942 sogar an ihre Mutter, sie sei in Weißrussland zum ersten Mal einem deutschen Juden begegnet. Wussten deutsche Frauen, dass die »Judenfrage« im Zentrum von Hitlers Ideologie stand, und bekamen sie mit, was mit den Juden geschah? Natürlich sahen Mädchen, die im nationalsozialistischen Deutschland aufwuchsen, auf Plakaten und in Zeitungen die primitive Propaganda, die Bilder von den Juden als minderwertiger Rasse. In Romanen und Filmen wurde der Jude als gefährlich – und im Hinblick auf die Mädchen als lüstern – dargestellt.

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