Logo weiterlesen.de
Zeit der Hoffnung, Zeit der Liebe? / Mein Engel der Weihnacht / Ein Weihnachtsmärchen in London

Betina Krahn

Zeit der Hoffnung, Zeit der Liebe?

PROLOG

MacPherson und Tochter, Buchhändler

Covent Garden, London

23. Dezember 1890, drei Uhr nachmittags

Engelnovizin Periwinkle lächelte erleichtert, als sie die zwei anderen Novizinnen auf einem der staubigen Bücherregale in der Buchhandlung von „MacPherson und Tochter“ in Covent Garden entdeckte. Fern und Rose hatten ihre ganze Aufmerksamkeit auf drei junge Frauen gerichtet, die im hinteren Teil des gemütlichen Geschäfts an einem Tisch saßen und Tee tranken. Periwinkle gesellte sich zu den beiden auf das Regal, begrüßte sie mit einer Umarmung und heftete ihrerseits den Blick auf die Runde der jungen Damen.

„Sie treffen sich hier also jeden Monat?“, fragte sie. Die beiden anderen wachten schon eine ganze Weile über ihre sterblichen Schützlinge, wie Periwinkle erfahren hatte. Sie selbst war Claire Halliday erst vor etwas über drei Wochen zugewiesen worden und fing an, ihre Aufgabe als recht erdrückend zu empfinden.

„Fast auf die Minute genau. Seit nun fast zwei Jahren“, erwiderte die mollige, freundliche Rose mit einem Nicken.

„Meine Fiona hat sie zusammengebracht, weißt du. Alle drei lieben Bücher“, fügte die hochgewachsene, energische Fern hinzu. „Jetzt sind sie die besten Freundinnen und gehen durch dick und dünn.“

„Nun, Claire Halliday kann gute Freunde wirklich gebrauchen.“ Periwinkle seufzte. „Ihr solltet mal sehen, was sie zu Hause alles erdulden muss.“

„Ah, die lieben Verwandten.“ Rose nickte wieder mitfühlend.

„Wir haben von ihnen gehört.“ Ferns ungeduldiges Schulterzucken ließ ihr Kleid rascheln und verursachte einen kleinen Funkenregen aus grün und gold schimmerndem Glitzerstaub.

„Sind sie so schlimm, wie Claire sie beschreibt?“, erkundigte sich Rose.

„Schlimmer.“ Periwinkle seufzte wieder. „Ich weiß nicht, wie das arme Ding die Weihnachtszeit übersteht. Wenn unsere Schützlinge nur näher beieinander leben würden und sich öfter treffen könnten …“

Nur leider taten sie das nicht. Außerhalb ihres monatlichen literarischen Gesprächskreises trafen sie nie zusammen. Und Claire Halliday kam auch sonst kaum mit anderen Menschen außer ihrer Familie in Kontakt. Eine Tatsache, die Periwinkles Aufgabe, Claire innerhalb der folgenden Woche dazu zu verhelfen, die wahre Liebe zu finden, regelrecht unmöglich zu machen schien. Wenn etwas, das die himmlischen Mächte anordneten, überhaupt unmöglich genannt werden konnte.

„Ich wünschte, die Damen würden sich eine andere Lektüre aussuchen.“ Periwinkle zog die zarte Nase kraus. „Dickens. Immer muss es Dickens sein zur Weihnachtszeit.“

„Ich bin schon ganz froh, dass sie überhaupt lesen können.“ Fern verschränkte die Arme. „Zu meiner Zeit standen Bücher nur den Reichsten und Mönchen zur Verfügung.“

„Kettenrasseln, Geistererscheinungen um Mitternacht und rücksichtsloses Hin- und Herzerren der Leute in die Vergangenheit und Zukunft wie bei Dickens …“, Rose verdrehte die Augen, „… als ob solche Methoden erlaubt wären.“

Die Arbeit der Engel, das wussten alle drei sehr gut, beschränkte sich meist auf zarte Anstöße, leises Zuflüstern und bedeutungsvolle Träume – also nur ein sanfter Einfluss, dazu gedacht, die Menschen auf den richtigen Weg zu leiten. Zu dramatischen Auftritten von der Art „Siehe, ich bring euch gute neue Mär“ waren Novizen nicht befugt. Allerdings gestaltete sich so die Erfüllung ihrer Aufträge als umso mühevoller, wie Periwinkles derzeitiges Dilemma bewies.

„Wird man von mir erwarten, ihr zu helfen, die wahre Liebe zu finden, ohne wenigstens einen kleinen Blick in die Zukunft zu tun?“, meinte Periwinkle mit einem Anflug von Verzweiflung.

„Du kennst ihre einzige große Liebe nicht?“ Rose klang entsetzt.

„Nicht wirklich. Angeblich weiß sie schon von seiner Existenz, aber so selten, wie Claire mit dem männlichen Geschlecht in Kontakt kommt, könnte sie genauso gut Nonne sein. In ihren Gedanken und Träumen ist kein einziges Mal der Name eines Mannes erschienen.“ Periwinkle ließ die Schultern hängen, betrachtete ihren braunhaarigen Schützling und dachte schaudernd an die drei trostlosen Wochen, während der sie Claire durch ihr ereignisloses Leben begleitet hatte.

Claire trug ein schlichtes, elegantes marineblaues Wollkostüm, das sowohl ihren guten Geschmack wie auch ihre auffallenden weiblichen Rundungen aufs Beste zur Geltung brachte. Sie war reizend anzuschauen, ein liebenswerter Mensch und freundlicher, als gut für sie war. Perinwinkle überkam nur leider das ungute Gefühl, dass Claire in den folgenden Jahrzehnten dazu verdammt sein würde, Teekannenwärmer zu häkeln und verschrobene Verwandte zu pflegen. „Mein Schützling steuert direkt und ohne Umwege auf das Los einer alten Jungfer zu, fürchte ich sehr.“

„Und dich zieht sie gleich mit in den Abgrund – zu weiteren hundert Jahren Novizentum“, fügte Rose schaudernd hinzu, und ein wunderhübscher rosa- und fuchsiafarbener Funkenregen bedeckte das Regal um sie herum. „Wenn du ihr bis Schlag Mitternacht am 31. Dezember nicht zu ihrer wahren Liebe verhelfen kannst, bleibst du wieder hundert Jahre ohne Flügel.“

„So wie wir alle.“ Fern runzelte die Stirn, wahrscheinlich in Gedanken an die gemeinsame Frist, die ihnen gesetzt worden war.

Alle drei blickten verstohlen über die Schultern und stellten sich die langen, wunderschönen Flügel vor, das Zeichen dafür, dass sie endlich den Status eines vollwertigen Engels erreicht hatten – und damit eine neue Stufe der Verantwortlichkeit.

„Das Schlimmste ist, dass ich sehr wohl weiß, wer Fionas wahre Liebe ist“, sagte Fern bedauernd. „Schon seit Jahren.“

„Ich auch.“ Rose warf ihrer Adelaide einen Blick voller Zuneigung zu. „Nicht, dass es die Aufgabe erleichtern würde. Er ist so gut wie verheiratet mit ihrer Schwester. Um an eine glückliche Wendung der Dinge zu glauben, muss man darauf vertrauen, dass Glück möglich ist. Ich fürchte nur, meine Addie hat jede Hoffnung aufgegeben.“

„Claire leider auch.“ Periwinkle seufzte.

Eine Weile saßen sie schweigend da.

„Sagt mal …“ Fern beugte den Kopf und senkte die Stimmte. „Habt ihr schon versucht, etwas zu bewegen? Zum Beispiel eine Lampe oder ein Buch? Wenn ihr es ein wenig übt, geht es nämlich. Habt ihr je etwas auf eine vereiste Fensterscheibe geschrieben? Oder eurem Schützling einen kleinen Stoß versetzt?“

„Ja“, gab Periwinkle verlegen zu. Es war ja nicht so, als wüssten die himmlischen Mächte nicht bereits von ihren Experimenten. „Aber jedes Mal, wenn ich versuche, mich auf der materiellen Ebene bemerkbar zu machen, kommen ihr meine blauen Funken wie Staub vor. Das arme Mädchen erleidet einen Niesanfall, kann kaum atmen und steuert sofort auf die Mentholsalbe los.“

„Träume sind das wirkungsvollste Mittel, habe ich festgestellt“, warf Rose ein und tätschelte Periwinkle mitfühlend den Arm. „Mit ein wenig Übung wirst du die Träume deines Schützlings beeinflussen und darin sogar mit ihr sprechen.“

„Wahrscheinlich hast du recht. Sieh dir doch nur den alten Scrooge an“, meinte Periwinkle trocken. „Einige merkwürdige Träume, und er wird ein völlig anderer Mensch … Aber ja!“ Sie setzte sich aufrechter hin. Ihre Augen leuchteten. „Dickens’ Geschichte hat sie so beeindruckt. Warum nutzen wir sie also nicht für unseren Zweck? Träume – von der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Es passt doch! Claire ist quasi Witwe, und man erlaubt ihr einfach nicht, von ihrer Vergangenheit loszukommen. Vielleicht sollte ich ihre Vorgeschichte ausnutzen, um sie zu erreichen und ihr Hoffnung zu geben.“

Roses Miene hellte sich auf. „Und Addie sieht einfach nicht, was sich genau vor ihrer Nase abspielt. Ich könnte die Gegenwart übernehmen.“

„Meine Fiona macht sich ständig Sorgen um die Zukunft“, warf Fern ein. „Also werde ich sie einmal in die Zukunft blicken lassen.“

In diesem Moment läutete die Glocke an der Tür des Geschäfts, und alle drei Engelanwärterinnen sahen mit einem Schauer der Erregung auf. Welch gesegneter Laut! Das Klingeln der Glocke zeigte an, dass irgendwo eine Novizin ihre Engelsflügel bekommen hatte. Die drei sahen einander hoffnungsvoll an, nickten und wandten sich mit noch größerer Entschlossenheit wieder ihren drei Schützlingen zu.

1. KAPITEL

23. Dezember 1890, vier Uhr dreißig nachmittags

„Aufdringliche Besserwisser, diese albernen Weihnachtsgeister“, meinte Claire Halliday, als sie und ihre Freundinnen sich vom Tisch erhoben. „Scrooge tut mir wirklich leid. Ich meine, der Mann war nicht nur geizig, sondern auch entsetzlich unglücklich. Sein Leben war so fürchterlich leer und kalt. Und da kommen die Geister einfach so daher und erschrecken ihn regelrecht zu Tode.“

„Ich glaube, das war auch der Zweck der Übung“, sagte Fiona, die Besitzerin der Buchhandlung, mit einem trockenen Lächeln. „Sein Leben war so einsam und trostlos, dass eine Änderung auf üblichem Wege nicht geschehen konnte. Es brauchte schon etwas Übersinnliches, um Scrooge aufzuschrecken.“

„Nun“, sagte Claire mit listigem Lächeln. „Ich frage mich, wie man solche Geister zu sich nach Hause bestellen könnte.“

Lady Adelaide Kendall und Fiona MacPherson lachten. Die drei Damen trafen sich seit geraumer Zeit hier zu einem Tee und Plausch über ihre geliebten Bücher und wussten von Claires Problemen mit der Verwandtschaft.

„Wieder kein Weihnachtspunsch oder Weihnachtsbiskuit im Haus der Mayhews, Claire?“, fragte Adelaide, während sie in ihre Mäntel schlüpften.

Claire hielt beim Zuknöpfen inne. „Stephen starb genau letzte Woche vor vier Jahren. Jedes Jahr um diese Zeit ist es, als würde es wieder passieren. Seine Mutter weint und geistert im Salon herum wie eine verlorene Seele. Onkel Abner bleibt bis spät in der Fabrik und kommt mit verdrossener Miene nach Hause. Tante Eloise kramt das schwarze Garn hervor und häkelt zum zigsten Mal Trauerspitzen. Cousin Halbert schließt sich im Arbeitsraum ein, und Cousine Tillie setzt sich an das Spinett und spielt die erbärmlichsten Klagelieder.“

„Klingt schaurig“, sagte Adelaide mitfühlend.

„Und du?“, fragte Fiona. „Was tust du?“

Claire schüttelte die finsteren Gedanken ab und griff nach den in braunes Packpapier gewickelten Büchern, die sie gerade von Fiona erstanden hatte. „Ich ziehe mich auf mein Zimmer zurück und lese. Dem Himmel sei Dank, dass du die Bücher gefunden hast, die ich haben wollte, Fiona. Ein Becher heißer Kakao und ein gutes Buch reichen mir. In wenigen Tagen ist Weihnachten vorbei. Vielleicht gehe ich am zweiten Weihnachtsfeiertag zur Fabrik und mache in Onkel Abners Büro ein wenig Ordnung und putze.“

„Putzen? Lieber Gott, sag mir bitte, dass du nicht ganz so verzweifelt bist“, warf Fiona in gespieltem Entsetzen ein und besah sich die mit dichtem Staub bedeckten Regale in ihrem Geschäft. „Ich kann dir ja für ein paar Tage eine Katze leihen, wenn du willst.“

Sie lachten und umarmten sich, und einige Minuten später war Claire auf dem Gehweg, schlug den Mantelkragen gegen die Kälte hoch und ging mit langen Schritten auf die Haltestelle des Dampfomnibusses zu. Das Wetter verschlechterte sich merklich. Der leichte Regen nahm zu und verwandelte sich schließlich in eisigen Graupel. Na, wunderbar, dachte Claire und blickte bedrückt zum bleigrauen Himmel empor. Er passte großartig zu den düsteren Erwartungen, die sie für den bevorstehenden Abend hegte.

Das Bücherpaket fest an sich drückend, klammerte Claire sich an die wohltuende Erinnerung des gemütlichen, warmen Nachmittags und versuchte so gut es ging, die zunehmend frostige Kälte abzuwehren. Doch als sie den Omnibus erreicht hatte, der sie bis nach Breton Cross, ein Dorf am Rande Londons, bringen würde, war ihr bereits ganz kalt. Auf dem Weg von der Endhaltestelle bis zu ihrem Haus würde ihr die Kälte wahrscheinlich bis in die Knochen kriechen.

Dieser Gedanke beschäftigte sie noch, während sie einstieg, das Fahrgeld zahlte und sich hinsetzte. Ihr Haus gehörte eigentlich gar nicht ihr, sondern den Mayhews. Das Haus, das Vermögen und – so sehr es sie schmerzte, es zuzugeben – auch die Trauer gehörten eher ihnen als ihr. Claire war Waise und stammte aus einer guten Familie, die mit den Mayhews geschäftlich verbunden gewesen war. Im Alter von zwölf Jahren war sie in die Familie Mayhew aufgenommen worden. Später war beschlossen worden, dass sie Stephen, den einzigen Sprössling der Mayhews, heiraten sollte.

Doch Stephen starb bei einem Kutschunfall vor vier Jahren, nur wenige Tage vor ihrer Hochzeit. Die Familie hatte darauf bestanden, Claire bei sich zu behalten. Sie gehörte hierher, meinten sie. „Die arme Braut unseres geliebten Stephen.“

Allerdings war sie nicht wirklich eine Braut, ebenso wenig eine Witwe und noch weniger ein junges Mädchen voller unschuldiger, hoffnungsfroher Träume. Sie war zu ihrem Unbehagen nichts von allem – weder Frau noch Mädchen, weder Braut noch Gattin, weder Jungfrau noch Witwe. Natürlich hatte sie Stephen geliebt, doch nach endlos langen vier Jahren begann sie allmählich, sein freundliches Gesicht und den Klang seiner ruhigen Stimme zu vergessen. Lag es daran, dass ihre Gefühle von den jährlich wiederkehrenden Trauerfeiern abgestumpft waren, oder stand sie kurz davor, den Schmerz über die Tragödie endlich zu überwinden?

Der Omnibus passierte soeben den Friedhof der St.-John’s-Kirche, wo Stephen zur Ruhe gebettet worden war. Zum ersten Mal seit vier Jahren wandte Claire sich nicht von seinem Anblick ab. Die hohen, kahlen Bäume, die unzähligen Grabsteine und Denkmäler machten ihr nicht mehr das Herz schwer, schnürten ihr nicht mehr die Kehle zu. Es war einfach nur ein stiller, geheiligter Ort, der denjenigen Trost spendete, die sich an ihre Erinnerung klammerten. Hin und her gerissen zwischen Erleichterung und Bedauern, erkannte Claire, dass sie diesen Trost nicht mehr brauchte.

Was sie stattdessen brauchte, war ein eigenes Leben. Die Zeit war gekommen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und einige jener Träume zu verwirklichen, die ihr Leben in den vergangenen vier Jahren erträglich gemacht hatten. Ihr Blick fiel auf das Bündel auf ihrem Schoß, und unwillkürlich strich sie mit der Hand darüber, um die Umrisse der Bücher darin zu spüren. Sie wollte reisen und die Wunder sehen, über die sie gelesen hatte. Sie wollte exotische Speisen kosten, den Klang fremder Sprachen hören und einen Sonnenuntergang erleben, der nicht vom Nebel und dem Rauch der Schornsteine Londons getrübt wurde. Und vielleicht würde sie irgendwo auf ihren Reisen auch einem hochgewachsenen dunkelhaarigen Fremden begegnen, der wieder ein Gefühl der Erregung, der Hoffnung und innigen Vertrautheit in ihr erwecken könnte.

Dunkelheit begann sich herabzusenken, als Claire Mayhew House erreichte. Wie alle Häuser in dieser Gegend war es ein großes Anwesen mit einem schönen Garten zur Straße hinaus. Ein Eisenzaun umgab das Grundstück, dessen Eingangspforte sich zu einem eindrucksvollen Bogen erhob. Der warme Lichtschimmer, der aus den Fenstern drang, und der elegante, von einem gepflegten Rasen gesäumte Weg zum Haus sprachen von Wohlstand und allen Annehmlichkeiten eines behaglichen Lebens. Allerdings war das Leben hinter jenen eindrucksvollen, schwarz lackierten Toren zurzeit leider alles andere als behaglich.

Claire hielt kurz unter dem Torbogen inne und wunderte sich schon fast, dass während ihrer Abwesenheit kein Trauerkranz an der Tür angebracht worden war. Sie atmete tief die eiskalte Luft ein und wappnete sich, als sie eintrat, für die schwermütige Stimmung, die sie zweifellos erwartete.

„Da ist sie!“ Tante Hortenses durchdringende Stimme erschallte hinter einem riesigen Stapel von Kisten, der die Eingangshalle füllte. „Claire ist zu Hause!“

Claire blieb an der offenen Tür stehen und betrachtete verwundert Tante Hortense, Stephens Mutter, die mit ihrer leicht verrutschten Haube und der schmutzigen Schürze einen äußerst ungewöhnlichen Anblick bot. In diesem Moment erschien hinter dem Stapel staubiger Kisten auch Cousine Tillie, ebenfalls mit einer Schürze angetan. Bevor Claire ihr Erstaunen ausdrücken konnte, kam Tante Eloise aus dem Esszimmer, ausgestattet mit Schürze und Ärmelschonern. Seit Claire denken konnte, legten die Mayhews eine gewisse Besessenheit an den Tag, wenn es um das Thema Staub ging. Dies hier ging allerdings weiter als alles, was sie bisher erlebt hatte.

„Was hat das hier zu bedeuten?“, fragte sie.

„Ach, du Armes! Du bist ja halb erfroren!“ Tante Hortense wischte Claire die Regentropfen von den Schultern und betastete ihre kühlen Wangen. „Du musstest ja leider darauf bestehen, auch beim schlimmsten Wetter zu deinem Buchklub zu gehen. Komm, wir müssen dich schnellstens von den feuchten Sachen befreien, bevor du dir noch eine Lungenentzündung zuziehst!“

Während sie ihr gemeinsam Bücher und Mantel abnahmen – der tatsächlich sehr feucht und kalt war –, wiederholte Claire ihre Frage.

„Was ist in all diesen Kisten? Woher kommen sie?“

„Vom Dachboden und aus dem Keller“, rief Onkel Abner, der mit einem weiteren verstaubten und vergilbten Pappkarton in den Armen die Treppe herunterkam. Zum ersten Mal seit Jahren erlaubte er sich ein Lächeln, das sein schmales, ernstes Gesicht weicher erscheinen ließ. „Wir haben überall Dinge verstaut.“

Während Claire noch versuchte, den Sinn dieser Antwort zu begreifen, nahm Tante Hortense sie bei der Hand und zog sie in den Salon, wo die Reste des Nachmittagstees noch auf sie warteten. Claire setzte sich in einen Sessel dicht am Kamin, Tante Eloise zog ihr die Handschuhe aus und Cousine Tillie hüllte sie in eine Häkeldecke, als wäre Claire noch ein Kind.

„Trink deinen Tee, mein Liebes, um dich aufzuwärmen.“ Tante Hortense legte prüfend die Hand an die Teekanne, entschied offenbar, sie sei heiß genug, und schenkte eine Tasse ein. Genüsslich legte Claire die kalten Hände um die zarte Porzellantasse und nippte behutsam. Tante Hortense und Eloise und Cousine Tillie zwängten sich auf das Sofa ihr gegenüber, Onkel Abner hockte sich auf die Armlehne. Claire schloss einen Moment die Augen, um die Wärme auszukosten, die sich allmählich in ihr auszubreiten begann. Als sie sie wieder öffnete, entging ihr die Anspannung in den vier Gesichtern nicht.

„Was ist?“ Insgeheim wappnete sie sich für das Schlimmste. „Ist etwas geschehen?“

Drei von ihnen platzten im selben Moment heraus:

„Wir haben Neuigkeiten.“

„Wir werden dieses Jahr Weihnachten feiern.“

„Wir bekommen Besuch.“

Claire brauchte eine Weile, um die verschiedenen Gedankengänge in einen logischen Zusammenhang zu bringen.

Tante Hortense rutschte an die Kante des Sofas und ergriff die Initiative. „Du erinnerst dich doch an Cousin Ralph Hutton, der in Indien lebt?“, fragte sie.

„Natürlich erinnere ich mich“, erwiderte Claire. Wie sollte sie auch nicht? Mit jedem Brief und Paket ihres geschätzten Cousins – eigentlich war es der Enkel eines Cousins – ergingen die Mayhews sich regelmäßig in einer wahren Lobeshymne über die Tugenden des Mannes. Cousin Ralph stellte sich sehr klug an im Umgang mit Zahlen und Geld. In seinen Adern floss kein Blut, sondern die Tinte der Kassenbücher. Er konnte mit einem Penny in der Tasche einen Abendspaziergang beginnen und würde mit einem Pfund heimkehren. Cousin Ralph war, kurz gesagt, so zuverlässig wie die Bank von England und so vernünftig wie wollene Socken. Er war treu, pflichtbewusst, vertrauenswürdig und fleißig – was Claire immer irgendwie an die Eigenschaften eines Schäferhunds erinnerte.

So lobenswert seine Tugenden allerdings auch sein mochten, bei der Lektüre seiner Briefe fielen Claire regelmäßig die Augen zu. Seine Berichte, die die Mayhews jedes Mal in Entzücken versetzten, hatten den Charme eines Kontorberichts. Und die Dinge, die er immer schickte! Die seltsamen Skulpturen und Schnitzarbeiten waren, wie Claire dann in Erfahrung gebracht hatte, Objekte der Ehrerbietung und Gottesanbetung in Indien und dem Fernen Osten – eigentlich also Götzenbilder. Ein wirklich merkwürdiges Sammelsurium an Dingen für eine Schar englischer, hoffnungslos in Trauer versunkener alter Herrschaften.

Noch schlimmer, Claire brauchte über keine hellseherischen Fähigkeiten zu verfügen, um zu erkennen, dass die Lobeshymnen einen ganz bestimmten Zweck verfolgten. Und über diesen Zweck wollte Claire lieber gar nicht weiter nachdenken.

„Wir erhielten heute Morgen einen Brief“, erzählte Onkel Abner mit so großer Begeisterung wie schon seit Jahren nicht mehr. „Wie es scheint, hat er die Merchant-Holmes-Handelsgesellschaft vor einem Monat verlassen. Er hat gekündigt und befindet sich bereits auf dem Weg nach England.“

„Zu uns“, fügte Tante Hortense hinzu, die Hand auf die Brust gepresst, offensichtlich außer sich vor Entzücken.

„Zu diesem Haus“, warf Cousine Tillie ein, als wage sie es kaum zu hoffen.

„Er kommt am Heiligabend an.“ Tante Eloise sorgte immer dafür, dass die praktische Seite der Dinge nicht vernachlässigt wurde.

Claire blickte durch die offene Salontür zu den Kisten und Kartons hinüber, die sich in der Halle stapelten. Cousin Ralphs Besuch hatte die Mayhews aus ihrem Kummer gerissen und sie dazu gebracht, sich wieder der menschlichen Gesellschaft zuzuwenden – und das innerhalb eines einzigen Tages. Das war wahrlich ein Wunder, mindestens so erstaunlich wie die Teilung des Roten Meeres!

„Wie … wundervoll“, sagte Claire mit schwacher Stimme und stopfte sich schnell ein Stück vom Teegebäck in den Mund, um nicht mit etwas herauszuplatzen, das die Begeisterung der alten Herrschaften dämpfen könnte.

„Ich hätte nie gedacht, wieder einen so glücklichen Tag zu erleben.“ Tante Hortenses Blick war auf einen unsichtbaren Punkt in der Ferne gerichtet. „Unser lieber Ralph kommt heim.“

„Und noch dazu zu Weihnachten.“ Cousine Tillie betupfte sich gerührt die Augen.

„Bei allen Heiligen!“ Onkel Abner unterstrich seine Worte, indem er mit der Faust in die Handfläche hieb. „Wir müssen den Jungen angemessen willkommen heißen.“

„So viele Jahre war er von zu Hause fort, gefangen an jenem schrecklichen fremden Ort, umgeben von Heiden.“ Tante Eloise schürzte pikiert die Lippen. „Unser lieber Ralph verdient ein anständiges englisches Weihnachtsfest.“

Und so stürzte die Familie sich allgemein in die Aufgabe, das gefühlvollste „englische“ Weihnachtsfest vorzubereiten, das man sich nur vorstellen konnte. Die Küchenmägde machten sich daran, Weihnachts-Pasteten, Zuckergebäck und Plumpudding zuzubereiten, die Hausmädchen wurden angewiesen, Stephens altes Zimmer herzurichten. Onkel Abner scheuchte Cousin Halbert aus seiner Werkstatt, damit auch er mit Hand anlegte, und schon bald waren sie dabei, Kisten und Kartons zu öffnen, aus denen sie den Weihnachtsschmuck, feines Service und weihnachtliche Tischdecken hervorholten.

Das Putzen, Polieren und Schmücken des Hauses schien kein Ende zu nehmen. Die grimmigen schwarzen Sofaschoner und Tischbeinhüllen wurden entfernt und durch fröhlichere weiße ersetzt. Schließlich wurde im Salon Platz geschaffen für die Krippe und den Weihnachtsbaum – wenn auch jeder Beteiligte anderer Meinung darüber war, wo man ihn aufstellen und wie man ihn schmücken sollte. Gegen Mitternacht schien der gesamte erste Stock aus unendlich vielen Puzzlestücken zu bestehen, die nur darauf warteten, endlich zusammengefügt zu werden.

Während der ganzen Zeit folgte erneut eine endlose Aufzählung von Cousin Ralphs Tugenden. Ganz eindeutig für meine Ohren gedacht, überlegte Claire resigniert. Ebenso wenig entging ihr, dass „unser lieber Ralph“ jetzt mit derselben Verehrung und Zuneigung ausgesprochen wurde wie „unser lieber Stephen“. Doch als sie sich schließlich an diesem Abend die Treppe zu ihrem Zimmer hinaufschleppte, war sie so erschöpft, dass es sie nicht mehr kümmerte.

Sie hätte schwören können, jemanden auf dem Treppenabsatz ihren Namen flüstern zu hören. Allerdings war niemand da, als sie sich umschaute. Der Staub von den Kisten musste die Treppe hinaufgestoben sein, denn in diesem Moment bekam Claire einen Niesanfall und eilte in ihr Zimmer, um dem Staub zu entkommen.

Später lag sie behaglich in ihrem Bett und glaubte wieder, ein Flüstern zu hören – irgendetwas über einen Mistelzweig. Sie musste wohl träumen.

Periwinkle saß auf dem Bett neben Claire und wartete auf jenen magischen Moment, da ihr Schützling ins Land der Träume eintauchte. Sie hatte bereits oft versucht, in Claires Erinnerungen nach jemandem zu suchen, der für die „wahre Liebe“ infrage käme, und war sehr enttäuscht gewesen von Claires mangelndem Interesse an Männern. Wenn es nach ihr ginge, würde sie am liebsten von Schiffen und Karawanen und Gewürzbasaren träumen – kein einziger gut aussehender Seekapitän oder romantischer Scheich weit und breit.

Stunden später saß Periwinkle auf dem Boden, den Rücken gegen einen Bettpfosten gelehnt, völlig erschöpft und entmutigt. Sie hatte der träumenden Claire leise Stephens Namen zugehaucht und sie an seine süßen Liebkosungen erinnert, alles in der letzten verzweifelten Hoffnung, das Glück vergangener Tage könnte in Claire wieder etwas Verlangen wecken. Doch alles, was Claire wahrzunehmen schien, war eine schwache, undeutliche Gestalt, die die ganze Zeit über weit entfernt blieb. Selbst die Küsse, an die Claire sich erinnerte, wiesen keinen Hauch von Leidenschaft oder Gefühlstiefe auf. Das arme Mädchen war in einem jämmerlicheren Zustand, als Periwinkle bewusst gewesen war. Selbst in ihren Träumen schien die Quelle ihres Verlangens vollkommen versiegt!

In ihrer Verzweiflung suchte Periwinkle nach Erinnerungen an diesen „Ralph“, der zu Besuch kommen sollte. Auch hier konnte Claire sich nur an ein, zwei Gelegenheiten erinnern, bei denen sie allerdings noch sehr jung gewesen war. Die Blicke, die sie auf ihn hatte werfen können, waren so beiläufig gewesen, dass sie nicht einmal sein Gesicht heraufbeschwören konnte. Er hatte Oxford lange vor Stephen verlassen und war danach direkt nach Indien abgereist.

Periwinkle seufzte. Wie gut konnten die Chancen schon stehen, dass er hochgewachsen, dunkel und anziehend genug war, um dieses erstarrte Herz wieder zum Leben zu erwecken? Ralph. Was für ein Name! Gewiss keiner, der die Fantasie einer jungen Frau auf der Suche nach der wahren Liebe anregen konnte. Perwinkle seufzte wieder.

Die Gegend war in tiefe Dunkelheit getaucht, und es regnete in Strömen. Der Zug, völlig überfüllt mit müden Reisenden, musste abrupt vierzig Meilen von London entfernt halten. Der heftige Regen in der letzten Zeit hatte einige der Gleise vor ihnen unterhöhlt, und der Schaffner hatte verkündet, dass sie diese Nacht wohl hier festsitzen würden. Rafe Hutton dachte an die alten Herrschaften, die auf ihn warteten. Wenn er nicht Heiligabend bei ihnen war, würden sie sich Sorgen machen. Er hatte es ihnen versprochen, und er war ein Mann, der seine Versprechen hielt. Mit einem müden Seufzer kehrte er seiner Erste-Klasse-Kabine mit ihrem frisch bezogenen Bett den Rücken zu, rief den Träger und bat um sein Gepäck.

Zu seiner Erleichterung gab es im nahe gelegenen Dorf ein Gasthaus, das so spät noch geöffnet war. Dort brachte er in Erfahrung, wo sich der hiesige Mietstall befand. Dessen Besitzer, immerhin unsanft aus seinem Schlaf gerissen, ließ sich dennoch dazu überreden, den Stall zu öffnen.

„Das kleine Gig.“ Er wies auf einen zweirädrigen, offenen alten Wagen, der wenig mehr als ein hölzerner Karren war. „Ist vielleicht nicht viel, aber alles, was ich habe.“

Rafe zuckte leicht zusammen, besah sich besorgt den Regen, der mit unverminderter Stärke herabprasselte, und nickte.

„Ich nehme es.“

2. KAPITEL

Heiligabend lag bereits zur Hälfte hinter ihnen, da erkannte Claire endlich das Offensichtliche. Sie saß im Salon und war damit beschäftigt, Girlanden zu basteln, den in einer Ecke lehnenden Baum zu betrachten und ihn sich aufrecht und mit festlich leuchtenden Kerzen geschmückt vorzustellen, da hörte sie zufällig Tante Hortense etwas zu Onkel Abner sagen.

„Wir müssen unbedingt Orangen besorgen.“ Hortense stand an der offenen Tür zum Salon. „Es fühlt sich irgendwie nicht an wie Weihnachten ohne Orangen und Bienenwachskerzen.“

„Nun, ich kann mir keine Orangen aus den Rippen schneiden, Hortense“, erwiderte Abner ungehalten. „Und er wird sich gewiss nicht durch etwas Obst, das in der Punschbowle schwimmt, zum Bleiben überreden lassen.“

„Unser lieber Ralph! Aber natürlich wird er bleiben!“ Tante Hortenses Antwort kam so heftig, dass nicht verborgen blieb, wie sehr sie in Wirklichkeit dasselbe befürchtete wie Abner. „Er wird einsehen, wie sehr wir ihn in der Fabrik brauchen, und …“, sie bemerkte Claires Blick auf sich, „…es gibt so vieles, das ihn hier halten wird.“

Das steckte also hinter ihrer wunderbaren Veränderung! Man nahm an, da Ralph keine anderen Verwandten besaß, kam er sicherlich, um die Besteck-Fabrik der Mayhews zu übernehmen. Vor seinem Unfall war es natürlich Stephens Pflicht gewesen, doch jetzt sahen sie in Ralph einen neuen Erben.

Claire hoffte nur, dass sie sich nicht zu große Hoffnungen machten. Erst jetzt fiel ihr noch einmal der seltsame Blick ein, den Tante Hortense ihr zugeworfen hatte. Es gibt so vieles, das ihn hier halten wird. Claire ließ die Rolle mit dem Draht fallen, den sie dazu benutzt hatte, die Tannenzweige zusammenzubinden. Wie es aussah, wurde von Ralph nicht nur erwartet, dass er Stephens Platz in der Fabrik einnahm, sondern auch den an ihrer Seite!

„Es wäre so schön, wieder einen jungen Menschen voller Energie und Kraft in der Fabrik zu haben“, sagte Onkel Abner. „Ich kann es kaum erwarten, ihm unsere neuen Stanzmaschinen zu zeigen und …“

„Abner.“ Tante Hortense zog die Stirn kraus. „Versprich mir, dass du jedes Gespräch über das Geschäft bis nach Weihnachten verschiebst. Er wird Zeit brauchen, uns wieder kennenzulernen. Wir sind alles, was er noch an Familie hat.“ Sie warf Claire einen liebevollen Blick zu. „So wie unsere Claire. Siehst du, schon haben sie beide etwas gemeinsam.“

Claire sah ihr fassungslos nach, als sie geschäftig zur Küche eilte. Onkel Abner griff nach seinem Mantel, um Cousin Halbert bei dem Anbringen einer Girlande an der Vordertür zu helfen. Noch ganz benommen von ihren widerstreitenden Gefühlen, erhob Claire sich und ging zur Treppe.

Mit jedem Schritt, den sie tat, wuchs ihre Empörung. Nach all der Hingabe und Zuneigung, die sie ihnen all diese Jahre geschenkt hatte, nach all dem Gejammer, das sie ertragen, und der Trauer, die sie zu mildern versucht hatte, dachten die alten Tunichtgute doch tatsächlich daran, sie zugunsten der Fabrik an einen völlig Fremden zu verschachern!

Ihre Betroffenheit wuchs noch, während sie in ihrem Zimmer unruhig auf und ab ging. Eigentlich hätte sie es ahnen müssen. Es hatte genügend Anzeichen gegeben. Mit jedem einschläfernden Brief, jedem Paket von Ralph hatten sie ein Loblied auf ihn angestimmt – damit sie es hörte. Bei jeder Geschichte aus Stephens Jugend war Cousin Ralphs Rolle als sein aufrechter, treuer Freund über jedes normale Maß betont worden. Claire hatte gespürt, dass nicht nur Familienstolz hinter diesen glühenden Berichten steckte, doch wie hätte sie sie wirklich ernst nehmen sollen? Cousin Ralph hatte sich auf der anderen Seite der Welt befunden!

Jetzt erkannte sie ihren Fehler. Aus lauter Rücksicht auf die Mayhews hatte sie ihren Plan, sie zu verlassen und ein neues Leben zu beginnen, viel zu lange hinausgeschoben. Sie hatte ihnen nicht erzählt, wie groß ihre Sehnsucht danach war, zu reisen und die Wunder der Welt zu sehen, von denen sie so oft gelesen hatte. Um sie zu schonen, hatte sie ihre unzumutbaren Erwartungen unbewusst genährt.

Claire verfügte über ein bescheidenes, aber ausreichendes Einkommen aus dem Vermögen ihrer Eltern, und sie war in einem Alter, das ihr erlaubte, unabhängig zu leben. Unverzüglich und bevor sich die Situation zuspitzte, musste sie den Mayhews klarmachen, dass sie ihre eigenen Pläne hatte.

Doch schon auf halbem Weg die Treppe hinunter erinnerte sie sich an den Kummer in Tante Hortenses Augen, die stoische Art, mit der Onkel Abner seinen Schmerz zu verbergen suchte, und den herzerweichenden Anblick von Cousine Tillie, wenn ihre Lippen vor Kummer bebten. Claire hielt mitten in der Bewegung inne. Heute war Heiligabend! Die alten Herrschaften gaben sich so viel Mühe, es zu einem denkwürdigen Fest zu machen, und nicht nur Cousin Ralph zuliebe. Auch sie selbst brauchten dringend wieder ein schönes Weihnachtsfest.

Claire zauderte, gab schließlich ihrem Gefühl nach und verschob die schwierige Aufgabe auf später. Schließlich würden die Lieben schon bald selbst erkennen, wie wenig sie und ihr todlangweiliger Cousin Ralph zusammenpassten.

Sie wollte weitergehen, blieb aber wie angewurzelt stehen.

Onkel Abner und Cousin Halbert waren gerade dabei, einen großen, mit Bändern geschmückten Mistelzweig an den Leuchter in der Eingangshalle zu hängen. Sie entdeckten sie auf der Treppe und lächelten ihr strahlend zu. Doch Claire erwiderte ihr Lächeln nicht, sondern rauschte verärgert an ihnen vorbei und zum Salon, wo sie über dem Eingang einen weiteren Mistelzweig entdeckte … ebenso über den Sofas und noch einen über der Tür, die zum Speisezimmer führte. Claire sah sich entsetzt um. Das ganze Haus war voll von verflixten Mistelzweigen!

Tante Hortense fiel offenbar auf, dass Claire den Mistelzweig im hinteren Teil der Eingangshalle anstarrte, denn sie zwinkerte ihr auf eine Weise zu, die nur doppeldeutig genannt werden konnte.

Ein Stöhnen unterdrückend, straffte Claire die Schultern. Wenn sie glaubten, dass sie mit dem vermaledeiten Grünzeug etwas erreichen würden, irrten sie sich gründlich. Verzweifelt suchte sie nach einem Ausweg. Cousin Ralph sollte sie genauso unpassend und unsympathisch finden wie sie ihn. Dafür wollte sie schon sorgen.

An diesem Nachmittag verschwand das Tageslicht hinter dunklen Wolken. Es begann wieder zu regnen, und die Diener, die die Lampen an der Eingangstür entzündeten, warnten davor, dass die Straßen und Gehwege und selbst die Stufen zum Haus vereist waren. Die Mayhews sahen einander betroffen an, fuhren aber fort, den Baum zu schmücken und von lange zurückliegenden Weihnachtsfeiern zu schwärmen. Cousine Tillie hämmerte inzwischen hartnäckig auf die Tasten des Spinetts ein, entschlossen, ihm ein oder zwei Weihnachtslieder zu entringen. Sie alle sprachen begeistert davon, dass man gemeinsam Lieder singen, Plumpudding essen und sogar aus Dickens’ Weihnachtsgeschichte vorlesen würde … sobald Cousin Ralph angekommen war.

Gerade als das Personal Tee und leckeres Gebäck hereinbrachte, klopfte jemand ungestüm an die Haustür. Es wurde geöffnet, und gleich darauf erfüllten Männerstimmen die Eingangshalle. Onkel Abner und Cousin Halbert beeilten sich, nach dem Rechten zu sehen. Die Worte „Unfall“ und „vereiste Brücke“ veranlasste die Damen, unversehens ihre Tassen abzustellen und in die Halle zu laufen.

Eine gebeugte, leicht wankende, in zerschlissene Decken gewickelte Gestalt wurde von mehreren ärmlich gekleideten Männern gestützt.

„Wir kriegten mit, wie er direkt von der Brücke in den Fluss plumpste. Kann von Glück sagen, dass es noch hell war“, berichtete einer der Retter.

„Er hat einen ordentlichen Schlag auf den Kopf gekriegt“, meinte ein anderer Helfer. „Wir haben ihn aus dem Wasser fischen müssen.“

„Dauerte auch ’ne Weile, bis wir wussten, wo er hingehört“, erklärte ein dritter Mann.

„Cousin Ralph?“ Tante Hortense erwachte erst jetzt aus ihrem Schockzustand, eilte an seine Seite und befreite seinen Kopf von der Decke, um ihn zu identifizieren. Nach einem erschrockenen Keuchen befahl sie den Bediensteten, Feuer im Kamin in Stephens altem Zimmer zu machen und ihr das Arzneitäschchen zu bringen. Ralph murmelte etwas Unverständliches und sank kraftlos auf die Knie.

Unverzüglich polterten die Retter mit dem ohnmächtigen Mann die Treppe hinauf, um ihn nach oben zu bringen. Als sie Stephens altes Zimmer erreichten und ihn auf das Himmelbett hoben, traten Tante Eloise und Cousine Tillie herbei und gesellten sich zu Tante Hortense, die neben dem Bett stand. Sie legte eine Hand an Ralphs kalte, blasse Wange. „Armer, lieber Junge. Du bist jetzt daheim. Mach dir keine Sorgen.“

Sie begannen, ihren zitternden Patienten auszuwickeln, gaben seinen Rettern die alten Decken zurück und verkündeten ihre Meinung zu dem Thema, wie man einen halb erfrorenen Körper am besten wieder aufwärmte. Tante Hortense warf ihrem Bruder einen gebieterischen Blick zu.

„Abner, führe diese Leute nach unten und serviere ihnen ein Glas Glühwein und etwas Warmes zu essen. Und sorge bitte dafür, dass sie eine Belohnung erhalten.“

Claire, die sich im Hintergrund gehalten hatte, machte jetzt hastig Platz, um die Männer vorbeizulassen. Dann blieb sie einen Moment im Flur stehen und schaute neugierig zu, wie die Damen sich um ihren Patienten kümmerten.

Es erinnerte sie alles so sehr an den Tag vor vier Jahren, dass ihr der Atem stockte. Auch damals war es ein Kutschunfall gewesen. Auch damals hatte ein Mitglied der Familie in Lebensgefahr geschwebt.

Als sie das Zimmer betrat, um ihre Hilfe anzubieten, fing Tante Eloise sie ab und drängte sie in den Flur hinaus, wobei sie ihr versicherte, es schicke sich für eine junge Dame nicht, dabei zu sein, während sie einen Mann von seiner Kleidung befreiten. Die Krankenpflege bliebe ausschließlich älteren, erfahrenen Frauen vorbehalten.

Zwei Stunden vergingen, in denen heißes Wasser herbeigeholt, Tränke gebraut und frische Laken herangeschafft wurden, bevor Cousine Tillie aus dem Zimmer trat und verkündete, dass Ralph sehr wahrscheinlich überleben würde. Eine weitere Stunde später teilte Tante Eloise ihnen mit, dass Ralph Fieber hatte und wirres Zeug redete, aber Gott sei Dank nicht wirklich zu Eis erstarrt war.

Claire hielt zusammen mit Onkel Abner und Cousin Halbert Wache im Salon. Es war fast schon Mitternacht, als Tante Hortense herunterkam und mit vor Erschöpfung schwacher Stimme sagte, dass ihr Patient das Schlimmste überstanden hatte. Bei guter Pflege würde er sich wieder ganz erholen. Claire stieg nachdenklich die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf. Ihr schlechtes Gewissen drängte sie dazu, ein bußfertiges Gebet für den armen Ralph zu sprechen – aus Sühne für die Abneigung, die sie ihm gegenüber empfunden hatte.

Weihnachten sollte doch noch auf die traditionelle Weise gefeiert werden, wie Tante Hortense am nächsten Tag zu aller Erleichterung verfügte. Cousin Ralph schlief zwar, doch bis zum Abend würde es ihm wohl gut genug gehen, dass er sich zu ihnen gesellen konnte, um Weihnachtslieder mit ihnen zu singen und – wenn auch verspätet – die Kerzen am Christbaum anzuzünden.

Nach einem frühen Weihnachtsmahl, es begann bereits zu dämmern, schoben Tante Hortense und Onkel Abner einen quietschenden, mit Rädern versehenen hölzernen Stuhl in den Salon. In ihm saß eine dick in Laken und Decken gewickelte Gestalt. Nur der halb vermummte Kopf war zu sehen, auf dem mit einem Schal eine neumodische Gummiwärmflasche befestigt worden war.

Das war der legendäre Cousin Ralph? Claire musste sich auf die Unterlippe beißen, um nicht laut zu lachen, als sie den stark geröteten Kopf mit dem ungläubigen Gesichtsausdruck musterte.

Periwinkle kippte vom Kaminsims, von wo sie die Krippe betrachtet hatte, und richtete sich fassungslos auf. Ein Schauer der Vorahnung überlief sie, der direkt von den himmlischen Mächten geschickt worden war, denn so kündigten sie ihr an, dass dieses Geschöpf der für Claire Auserkorene war. Ganz gegen ihren Willen war ihr erster Gedanke, das könne nicht sein. Der Mann sah aus wie siebzig und fürchterlich elend. Immerhin wäre er fast ertrunken. Gewiss hätten die himmlischen Mächte doch einen Passenderen für die arme, arme Claire finden können. Schließlich sollte er ihre große Liebe werden!

Die Familie drängte sich um ihn und hieß ihn begeistert willkommen. Jeder stellte sich ihm voller Eifer vor, doch der arme Ralph schien sich immer tiefer in seine Decken vergraben zu wollen. Am Ende schob Tante Hortense den Stuhl direkt auf Claire zu.

„Und diese liebreizende junge Dame ist unsere Claire Halliday. Du erinnerst dich gewiss an sie. Sie kam nach dem Tod ihrer Eltern zu uns.“

Ralph blinzelte mehrere Male und kniff die Augen zusammen, sodass Claire sich fragte, ob seine Sehkraft oder gar sein Verstand bei dem Unfall in Mitleidenschaft gezogen worden waren.

„Es freut mich, dich kennenzulernen, Cousin Ralph. Ich habe so viel von dir gehört.“ Sie beugte sich leicht vor, damit er sie besser sehen konnte, richtete sich dann jedoch hastig wieder auf und griff nach ihrem parfümierten Taschentuch. Sie hatten ihn mit einem von Tante Hortenses Umschlägen behandelt – einer Mischung aus Petroleum, Senf, Sulfat und der Himmel allein wusste, was sonst noch. Der arme Mensch roch, als wäre er gerade aus einer Gerberei gekrochen.

„Wie du siehst, haben wir mit dem Anzünden der Kerzen gewartet, bis du dich zusammen mit uns daran erfreuen kannst“, warf Tante Hortense ein und zog die Decken fester um Ralph. „Abner, diese Räder müssen geölt werden. Ich weiß nicht, wie unsere arme verstorbene Tante Delia es ertragen konnte – dieses fürchterliche Gequietsche.“ Dann wandte sie sich an Claire. „Sei ein Engel, mein Liebes, und zünde die Kerzen an.“

Claire neigte den Kopf und raunte Ralph leise zu, während sie nach dem Messingkerzenanzünder griff: „Wenn ein Feuer ausbricht, lauf schnell zur Schneewehe vor dem Haus. Aber achte auf die Stufen. Die sind völlig vereist.“

Sie sah zu ihm hinüber, als sie die Leiter hinaufstieg, um mit den oberen Kerzen anzufangen, und stellte fest, dass Ralph sie nicht aus den Augen ließ. Sein Blick drückte Verwirrung und Hilflosigkeit aus – besonders da Cousine Tillie in diesem Moment das Spinett öffnete und ein ungewöhnlich trübsinniges Weihnachtslied zu spielen begann.

3. KAPITEL

Rafe Hutton konnte nicht den Blick von Claire Halliday nehmen. Alles an ihr glänzte und funkelte – ihr Haar, ihre Augen, ihre Haut. Sie schimmerte, als würde Sternenglanz sie umgeben. Natürlich bildete er sich das alles nur ein, das war ihm klar, was bedeutete, dass es ernster um ihn stand, als man ihm sagen wollte. Seine Nase und Stirnhöhle waren so zugeschwollen, dass er nur mühsam atmen konnte. Aber die Hitze bereitete ihm die größten Beschwerden. Es war ihm so unerträglich heiß. Er schwitzte am ganzen Leib, und seine Brust schien Feuer gefangen zu haben.

Er versuchte, einige der Decken von sich zu werfen, doch seine Cousine Hortense tadelte ihn und deckte ihn wieder fürsorglich zu. Am liebsten hätte er auch die verdammte Wärmflasche vom Kopf genommen, aber jedes Mal wenn er versuchte, sie zu entfernen, war ihm, als würde sein Schädel platzen. Um sich abzulenken, wandte er den Blick zu dem Engel mit den himmlisch weiblichen Rundungen, der anmutig auf der Leiter stand und die Kerzen anzündete.

Was das göttliche Geschöpf auch berührte, erstrahlte in goldenem Licht, während es immer weiter hinunterschwebte und den riesigen Baum in einen zauberhaften Schimmer tauchte. Schon bald erglühte alles im flackernden Kerzenlicht, und die junge Frau kam auf ihn zu und setzte sich auf einen Stuhl neben ihn.

Sie war hinreißend. Für eine Schönheit wie sie erklommen Männer furchtlos riesige Berge und überquerten weite Ozeane – ihre großen Augen waren grün wie das Meer, ihren Lippen kirschrot, ihre Haut war zart und schimmernd. Sollte diese Erscheinung ein Traum sein, wusste er nicht, ob er je wieder aufwachen wollte.

Es gelang ihm, sich etwas aufrechter hinzusetzen.

Diese Musik, dieses verdammte Geklimper! Wenn er das nur irgendwie stoppen könnte, würde er sich schon etwas normaler fühlen. Allmählich wurde ihm klar, dass der Lärm von einem Spinett kam, das von einer krausköpfigen Frau mit Brille gespielt wurde. Und dann kam Cousine Hortense mit einem Buch in der Hand und bat den Engel an seiner Seite, es für ihn zu halten.

Der Gesang begann. Rafe wusste, dass es sich um Singen handeln musste, weil die engelgleiche Frau neben ihm das Buch öffnete und Noten zu ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Historical Weihnachtsband Band 04" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen