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Historical Weihnachten, Band 2

RUTH LANGAN

Im Glanz der Sterne

Er kann ihr nicht sagen, welch edler Abstammung er ist – das würde die scheue Lindsay verschrecken, dessen ist Morgan McLaren sich sicher. Und er will auf keinen Fall die Bande zwischen sich und dieser bezaubernden Frau zerstören! Doch wenn der reiche Laird seine Liebste am Weihnachtsabend ehelichen will, muss er ihr gestehen, dass er sie getäuscht hat …

JACQUELINE NAVIN

Geheimnisvoller Engel

Mit klopfendem Herzen trägt Olivia ihrem Herrn das Festessen auf. Wenn William of Thalsbury sie nur ansieht, verspürt sie unbändige Sehnsucht: Mit seiner unbekümmerten Art hat er ihr Herz im Nu erobert. Nur darf sie seinem Werben auf keinen Fall nachgeben! Denn dann müsste sie ihr Geheimnis lüften – und das würde Williams Leben in Gefahr bringen …

LYNDA STONE

Das kostbarste Geschenk

Noch nie hat Ian eine so betörende Frau kennengelernt wie Lady Juliana! Stolz und unbeugsam, entflammt sie sein Blut wie keine andere. Schon bald verbringen sie eine gemeinsame Nacht voller Leidenschaft, und Ian glaubt sich am Ziel seiner Träume. Doch als er Juliana bittet, zum Fest der Liebe seine Braut zu werden, erwartet ihn eine Überraschung …

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Ruth Langan

Im Glanz der Sterne

1. KAPITEL

Im schottischen Hochland, 1560

„Pass auf, Ramsey! Hinter dir!“ Morgan McLarin gelang es, einen Warnschrei auszustoßen, während er sich gegen ein halbes Dutzend mit Schwertern bewaffnete Männer verteidigte, die brüllend aus dem Wald hervorstürmten. Mit jedem Schwertstreich bewegte er sich näher auf seinen Freund zu, der vom Pferd gestoßen worden war und um sein Leben kämpfte.

Die Luft war erfüllt von Flüchen und Stöhnen, während die beiden Männer, die seit ihrer Kindheit befreundet waren, all ihr Geschick einsetzten, um den Feind rasch zu erledigen.

„Du hast deinen letzten unschuldigen Highlander getötet“, knurrte Morgan, als er seine Klinge ins Herz eines der Feinde stieß.

„Und ihr auch.“ Er drehte sich um und hob sein Schwert, als noch zwei weitere Angreifer sich auf ihn warfen. „Lasst euch das eine Lehre sein. Mein Vater, der Laird dieses Hochlandes, hat geschworen, nicht zu ruhen, bis sein Volk frei ist von solchen Kerlen wie euch.“

Als das Schwert seine Schulter durchstieß, verspürte Morgan keinen Schmerz. Das warme Blutrinnsal schien ihn ehrlich zu erstaunen. Und noch erstaunter war er, als sein Arm plötzlich nutzlos an der Seite herunterhing. Doch da er darin geübt war, beide Arme in der Schlacht zu gebrauchen, nahm er das Schwert in die linke Hand und hielt so seine Feinde weiterhin in Schach.

„Gütige Mutter!“ Ramsey blickte auf und sah ein weiteres Dutzend Männer aus dem Schatten des Waldes hervorstürmen. „Wir sind tote Männer, Morgan.“

Morgan wandte den Kopf und fasste dann einen jähen Entschluss. „Nimm mein Pferd. Reite zu unserer Burg und schlage Alarm. Diese gesetzlosen Barbaren müssen aufgehalten werden, bevor sie auf unserem Land ein Blutbad anrichten.“

„Ich werde dich nicht verlassen.“ Ramsey schlug einen Angreifer nieder und durchbohrte ihn mit seinem Schwert. Dann fuhr er herum und stellte sich den drei nächsten.

„Einer von uns muss die anderen benachrichtigen. Sonst überrennen die Fremden unser Land. Willst du das?“

„Nein.“ In diesem Augenblick war Ramsey dankbar, dass Morgans schnelle Reaktion ihn vor einer herabsausenden Schwertklinge rettete. Blitzschnell hielt sein Freund den ersten Mann auf und tötete einen zweiten, noch bevor der sein Schwert heben konnte.

Während er sich gegen die nächste Welle von Angreifern wappnete, drehte Morgan sich zu Ramsey um. „Du hast keine andere Wahl, mein Freund. Ich befehle dir, sofort aufzubrechen, denn ich bin der Stärkere und kann sie lange genug aufhalten, um dir die Flucht zu ermöglichen.“

„Morgan …“

„Kein Wort mehr. Das Überleben unseres Clans hängt von dir ab. Nimm das Gold hier. Ich brauche es nicht.“ Er griff in seinen Kittel, holte eine pralle Börse hervor und warf sie ihm geschickt zu. „Nimm es für Essen und Unterkunft auf deinem Weg. Jetzt reite, Ramsey. Und vergeude keine Zeit. Blicke nicht zurück.“

Erzogen zu gehorchen, warf sich der junge Krieger auf das Pferd seines Freundes. Er duckte sich, um einem Pfeilhagel zu entgehen. Als er doch noch einen Blick über die Schulter riskierte, sah er Morgan von Schwertkämpfern umringt, die sich wie die Fliegen auf ihn stürzten.

Ramsey knirschte mit den Zähnen, entschlossen zu tun, wie ihm befohlen worden war. Er wusste, wenn jemand eine Belagerung überleben konnte, dann war es sein Freund. In den letzten fünf Jahren hatte Morgans Furchtlosigkeit in der Schlacht dazu beigetragen, dass seine Feinde ihn inzwischen Den Wilden nannten. Es war ein Name, der seine Gegner vor Furcht erbeben ließ und unter den Männern, die die Ehre hatten, an seiner Seite zu kämpfen, eine Welle des Stolzes hervorrief.

Während Ramsey sein Pferd vorwärtstrieb, trug der Wind die Schreie und Rufe der Krieger zu ihm herüber. Er verspürte ein Prickeln auf der Kopfhaut und hätte fast dem Wunsch nachgegeben, an die Seite seines Freundes zurückzukehren. Doch dann dachte er an Morgans Worte. Nein, er durfte nicht umkehren. Das Überleben seines Clans hing von ihm ab. Er betete, seine Entscheidung möge ihn nicht das Leben seines liebsten Freundes kosten.

„Lindsay.“ Der kleine Junge und das kleine Mädchen stürzten aus der winzigen Hütte. Sie standen staunend da, dann stürmten sie wieder ins Innere und riefen: „Großvater! Komm und schau. Lindsay hat ein Pferd.“

„Ein Pferd?“ Der alte Mann humpelte nach draußen und stützte sich dabei schwer auf einen knorrigen Stock. „Wie kommst du nur zu solch einem Schatz, Mädchen?“

„Ich habe es gefunden. Es graste im Wald. Die Zügel waren um einen Ast geschlungen, damit es nicht davonlaufen konnte.“ Sie ritt näher und glitt vom Rücken ihres Reittiers, bevor sie dem Jungen die Zügel zuwarf.

„Was ist das?“ Der alte Mann deutete mit knotigen Fingern auf ein Bündel, welches das Pferd hinter sich herzog.

„Es ist ein Mann, Vater. Ein Krieger, glaube ich. Er war von einer Menge toter Männer umgeben.“

Das Lächeln des alten Mannes verblasste. „Ein Krieger? Und du hast ihn hierher zu uns nach Hause gebracht?“

„Er ist schwer verwundet. Ich weiß nicht einmal, ob er die Nacht überleben wird. Aber ich konnte ihn doch nicht allein sterben lassen.“

„Aber wir kennen diesen Mann nicht. Er könnte einer der Fremden sein, die das Gemetzel unter unserem Volk angerichtet haben.“

„Aye.“ Sie löste die Seile, mit denen sie das Bündel am Pferd befestigt hatte, und bedeutete dann dem Jungen und dem Mädchen, ihr zu helfen. „Kommt, Gwen. Brock. Helft mir, ihn hineinzutragen.“

Die drei begannen, das in ein Tuch gewickelte Bündel zu der winzigen Hütte zu zerren.

Der alte Mann schüttelte die Faust nach ihnen. „Du könntest Tod und Verderben über unsere Schwelle bringen, Mädchen.“

Lindsay verhielt einen Augenblick, um Luft zu schöpfen. „Wenn du dir auch nur einen Moment lang die Zeit nimmst, einen Blick auf ihn zu werfen, wirst du sehen, dass er noch nicht einmal stark genug ist, die Augen zu öffnen.“

„Jetzt vielleicht noch nicht.“ Ihr Vater humpelte in die Hütte und sah zu, wie die Mädchen eine frische Lagerstatt neben dem Feuer herrichteten. „Aber wehe uns, sollte er wieder zu Kräften kommen. Dann werden wir sogar Angst haben müssen, unsere Augen zu schließen, aus lauter Furcht, wir könnten im Schlaf erschlagen werden.“

„Darum werden wir uns sorgen, wenn er sich erholt hat. Falls er wieder gesund wird“, murmelte Lindsay, während sie den bewusstlosen Körper auf das saubere Laken rollte. „Gwen.“ Sie wandte sich an das kleine Mädchen. „Hole mir Leintücher und heißes Wasser. Brock, ich brauche meine Kräuter und meine Heilsalben“, fügte sie, an den Jungen gewandt, hinzu.

Die beiden Kinder eilten davon. Als sie zurückkehrten, gab sie weitere Befehle. „Du bist jetzt für das Pferd verantwortlich, Brock. Ich erwarte von dir, dass du dafür sorgst, dass es Futter und Wasser bekommt. Und verstecke es, damit es nicht gestohlen werden kann.“

„Ja.“ Entzückt darüber, einen so wichtigen Auftrag erhalten zu haben, rannte der Junge davon.

„Gwen.“ Lindsay sah kaum auf, während sie das saubere Leinen in Streifen riss. „Am Pferd sind noch mehr Überraschungen festgebunden.“

Mit einem begeisterten Aufschrei lief das Mädchen nach draußen. Als es zurückkam, zog es ein dickes Bündel hinter sich her. In dem zerrissenen Tuch waren etliche Kleider und Waffen eingewickelt, die Lindsay den Toten abgenommen hatte.

Während das Kind und sein Großvater die Sachen durchwühlten, schnitt Lindsay die blutigen Kleider des Mannes auf. Sie war entsetzt über seine vielen Wunden. Nicht nur über die frischen, sondern auch über die Narben älterer Verletzungen. Dieser Mann war zweifellos ein Krieger. Oft genug hatte sie in früheren Jahren die Wunden ihres Vaters versorgen müssen, um zu wissen, wie viele Blessuren ein Krieger sich gezwungenermaßen einhandelte.

Sie tauchte ein Leinentuch in die Schüssel mit dem warmen Wasser und fing an, das Blut abzuwaschen. Während sie das tat, kam sie nicht umhin, den harten, festen Körper und die muskulösen Arme und Schultern zu bewundern. Wer immer dieser Mann auch sein mochte, im Kampf wäre er ein gefährlicher Gegner. Das sollte ihr eigentlich Angst einjagen. Die Wahrheit aber war, dass ihr Vater in der Vergangenheit von Fremden gut behandelt worden war. Sie spürte, dass sie eine Schuld zurückzuzahlen hatte. Trotzdem flüsterte sie ein Gebet, dieser Mann möge sich als Freund und nicht als Feind erweisen.

Sie wischte mit dem Tuch über den Schnitt auf seiner Stirn. Als das Blut abgewaschen war, stellte sie fest, dass er ein anziehendes Gesicht besaß. Eine hohe Stirn. Nase und Kinn waren fein geschnitten. Lindsay fragte sich, welche Farbe seine Augen wohl hatten. Dann schalt sie sich wegen dieses Gedankens. Hatte ihre Mutter sie nicht immer gewarnt und gesagt, dass die Augenfarbe eines Mannes nicht wichtig sei? Was zählte, war das Gute oder Böse, das man in seinem Herzen fand.

Als seine Wunden gesäubert waren, durchsuchte sie ihren Vorrat an Kräutern und bereitete dann schnell eine Salbe zu, die sie auf die schlimmsten Wunden strich, bevor sie sie mit einem sauberen Tuchstreifen verband.

Währenddessen lag er da wie tot. Ein oder zwei Mal sah sie seine Lider flattern. Doch er gab keinen Laut von sich, als sie ihn vorsichtig erst auf die eine Seite und dann auf die andere rollte und sich um die kleineren Wunden an seinem Rücken und seinen Schultern kümmerte. Zufrieden darüber, das ihr Mögliche getan zu haben, deckte sie ihn schließlich mit Fellen zu und ging hinüber zu dem alten Mann und dem Mädchen, die ihre gefundenen Schätze prüften.

„Was ist das?“ Der alte Mann hielt ein Fässchen hoch. Als er den Stöpsel entfernte, verzog er das Gesicht zu einem Lächeln. „Bier.“ Er kostete, seufzte und nahm dann einen großen Schluck. „Kein einfaches Bier, sondern feines, wohlschmeckendes“, meinte er. „Unser Gast hat einen ausgezeichneten Geschmack.“

„Jetzt ist er also ein Gast.“ Lindsay lachte. „Einen Augenblick zuvor nanntest du ihn noch einen Fremden, der uns alle in unseren Betten töten wird. Jetzt hat er sich zum Gast gewandelt. Und das alles nur wegen seines Bieres.“

„Wenn es denn wirklich das seine ist. Es könnte auch denen gehören, die um ihn herum gelegen haben.“ Der alte Mann musterte seine jüngste Tochter. „Von den anderen lebte keiner mehr?“

Sie schüttelte den Kopf. „Es muss ein wüster Kampf gewesen sein. Mehr als zwanzig auf jeder Seite würde ich sagen.“

„Ich frage mich, warum der da …“, der alte Mann drehte sich um und betrachtete den Mann, „von seinen Kameraden zurückgelassen wurde.“

Lindsay zuckte die Achseln. „Er war dem Tod nahe. Vielleicht dachten sie, er würde eine zu große Last sein.“

Sie erlaubte ihrem Vater, noch einen großen Schluck zu nehmen, bevor sie ihm das Fässchen fortnahm. „Ich werde das hier brauchen. Es wird die Wunden reinigen.“

„Das gute Bier! Was für eine Verschwendung!“ Der alte Mann verzog missgelaunt die Mundwinkel.

„Ärgere dich nicht.“ Lindsay lächelte verschmitzt. „Ich werde dir genug übrig lassen.“

Das kleine Mädchen schlug ein gegerbtes Fell auseinander. Frische Fleischstücke kamen zum Vorschein. „Schau, Großvater.“

Er schnüffelte. „Wild. Und nicht verdorben. Frisch getötet.“

Gwen klatschte in die Hände. „Heute Abend werden wir wie die Lairds essen.“

Der alte Mann drehte sich zu Lindsay um. „Vielleicht wurde der Mann während der Jagd überrascht.“

Lindsay zuckte die Achseln. „Vielleicht.“ Sie nahm das Fleisch und ging damit zum Feuer. „Wir sollten nicht vergessen, ihm später dafür zu danken. Aber Gwen hat recht. Heute Abend werden wir wie die Reichen essen. Und wenn wir sparsam mit dem Fleisch umgehen, können wir noch an vielen kommenden Abenden davon genießen.“

Inzwischen war Brock von seinen das Pferd betreffenden Pflichten zurückgekehrt. Der Duft nach gebratenem Fleisch und nach Brot, der vom Herd aufstieg, erfüllte die kleine Hütte. Die Familie saß um einen rohen Holztisch und genoss den seltenen Luxus des Wildbrets.

„Das mag ich lieber als nur Brot allein“, stellte der Junge mit vollem Mund fest.

„Ja. Und es ist besser als die Wurzeln und Beeren letzte Woche, als du den Fasan verfehlt hast, Lindsay“, bemerkte ihr Vater und wischte seinen Teller aus.

„Ich werde ihn nicht noch einmal verfehlen, darauf wette ich.“ Lindsay legte die Hand auf den Bogen und den Köcher mit Pfeilen, die sie vom Kampfplatz gerettet hatte.

„Hast du nicht vor, das alles im Dorf einzutauschen? Es würde einen guten Preis ergeben.“ Ihr Vater lehnte sich zurück. Er hätte gerne noch einen Schluck von dem guten Bier gehabt, aber er kannte seine Tochter und wusste, dass er es bereuen würde, wenn er sie fragte.

Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß, man könnte gut Tauschhandel damit treiben. Vielleicht könnte ich dafür sogar eine Bruthenne von der Witwe Chisholm bekommen. Aber ich habe lange gebraucht, um dem hier eine weitere Waffe hinzuzufügen.“ Sie legte die Hand auf den Dolch an ihrem Gürtel. „Mit den beiden werde ich uns jetzt immer Nahrung verschaffen können. Und das ist mehr wert als jede Henne.“

„Darf ich die Stiefel behalten, Lindsay?“ Brock strich mit der Hand über das abgetragene Leder der Stiefel, die auf einem Haufen blutbespritzter Kleider lagen. Es machte ihm nichts aus, dass sie einem toten Krieger gehört hatten.

„Ja. Falls sie dir passen.“ Sie sammelte die Teller ein. „Wenn der Winter kommt, wirst du festes Schuhwerk brauchen.“

Man musste den Buben nicht drängen, mit seinem Fuß hineinzuschlüpfen. Er stand auf und wackelte mit den Zehen. „Sie sind groß. Aber wenn du mir ein Paar dicke Socken strickst, sind sie in Ordnung.“

Lindsay seufzte. „Ich werde heute Abend damit anfangen. Bis sie fertig sind, kannst du die Spitzen mit etwas Wolle ausstopfen.“

Die Augen des Jungen leuchteten vor Aufregung. Es war das erste Paar Stiefel, das ihm gehörte. Bis jetzt hatte er sich die Füße immer mit Fellstreifen umwickelt.

Das kleine Mädchen hielt einen groben Wollmantel hoch. „Wirst du den behalten, Lindsay, oder willst du ihn gegen etwas eintauschen?“

„Das hängt davon ab.“ Lindsay stand mit dem Rücken zu ihnen, wusch die Teller ab und stellte sie beiseite. „Ich werde ihn zuerst Heywood Drummond anbieten und sehen, wie viel er dafür bietet.“

Als er den Namen erwähnte, sahen die Kinder einander an, und beide rümpften sie die Nase.

„Vielleicht ist er bereit, mir dafür einen Krug Milch von seiner Kuh zu geben.“

„Und dann wird er hingehen und den Mantel für den doppelten Wert verkaufen“, sagte ihr Vater mit einem Anflug von Abscheu.

„Ja. Gut möglich.“ Sie wischte den Tisch sauber. „Solange er mir gibt, was ich verlange, nehme ich es ihm nicht übel, wenn er Gewinn macht. Nun denn“, sie sah die beiden Kinder an, die bereits hinter vorgehaltener Hand gähnten, „ich glaube, es ist an der Zeit, euch ins Bett zu stecken.“

Ohne zu widersprechen kletterten sie die Leiter zu ihrer Schlafstelle hinauf. Als Lindsay ihnen folgte, beobachtete sie, wie ihr Vater nach dem Fässchen griff. Sie unterdrückte ein Lächeln. Eigentlich hätte sie mit ihm schimpfen müssen. Das war Teil ihres Spiels. Die Wahrheit aber war, dass es sie freute, ihm etwas mitbringen zu können, das ihm seine Bürde erleichterte. In den letzten Jahren hatte es so viel Elend in seinem Leben gegeben. Zu wissen, dass er heute Abend warm und zufrieden einschlafen würde, tat ihrem Herzen gut.

Sie küsste den Knaben und das Mädchen und lauschte ihren geflüsterten Gebeten. Nachdem sie sie mit warmen Fellen zugedeckt hatte, schlüpfte sie die Leiter wieder hinunter und griff nach ihren Stricknadeln und einem Strang Wolle.

Minuten später machte sich ihr Vater, vom Bier erwärmt, auf den Weg in sein Bett. Auch wenn Lindsay sich danach sehnte, es ihm gleichzutun, weil sie sich unglaublich erschöpft fühlte, gab es doch jetzt noch keine Ruhe für sie. Solange das Feuer nicht niedergebrannt war, würde sie sich zuerst um Brocks Socken kümmern.

Dann, und erst dann, würde sie dem Bedürfnis nach Schlaf nachgeben, zufrieden darüber, dass sie für ihre Familie alles getan hatte, was in ihrer Kraft stand.

2. KAPITEL

Morgan lag ruhig da und bemühte sich, Erinnerungsfetzen zu einem Bild zusammenzufügen. Fremde strömten aus dem Wald, entschlossen zu töten. Schwerter blitzten. Schreie und Flüche. Und Blut. So viel Blut. Männer fielen zu seinen Füßen nieder, während andere über ihre toten Kameraden kletterten, um ihn zu erreichen.

Er hatte standgehalten. Beim Himmel, er hatte standgehalten, obwohl einer seiner Arme nutzlos an ihm baumelte und sein Körper zerschlitzt und zerrissen wurde, bis wahre Höllenfeuer über ihm losbrachen.

Er erinnerte sich an einen letzten Schurken, der mit erhobenem Schwert auf ihn eindrang und dabei wüste Beschimpfungen brüllte. In diesem Augenblick hatte Morgan gewusst, dass seine Kraft, ja sein Leben dahinschwand. Es hatte ihm übermenschliche Zähigkeit abverlangt, aufrecht stehen zu bleiben.

War es ihm gelungen, den Gesetzlosen zu überwältigen? Oder war es ihm misslungen? Da er Schmerzen hatte, wusste er, dass er am Leben war. Auch wenn man das kaum noch als Leben bezeichnen konnte. Ihm war heiß. So heiß.

Irgendwo in der Nähe knisterte und prasselte ein Feuer. Er versuchte, seine Arme zu bewegen, aber irgendetwas, das um ihn herumgewickelt war, hinderte ihn daran. Vielleicht war er jetzt ein Gefangener.

Es gelang ihm, die Augen zu öffnen. Und er erblickte ein höchst erstaunliches Bild.

Eine Frau. Sie hielt den Kopf gebeugt, sodass ihr Haar wie ein Schleier nach vorne und ihr in einem Wust roter Locken über eine Schulter fiel. Sie trug ein grobes, handgewebtes Gewand, das nachlässig über die andere Schulter gerutscht war. Ihr entblößter Hals war so glatt und hell wie Alabaster. Das Gesicht konnte er nicht erkennen, denn ihr Blick war auf die Nadeln gerichtet, die klappernd in ihren Händen tanzten. Neugierig sah er sich um, weil er wissen wollte, wo er war. Eine Hütte. Die Wände waren mit Fellen behängt. Es roch nach Holzrauch, vermischt mit einem Rest von Essensduft. Er entdeckte die Tür, die von innen verriegelt war, um Eindringlinge draußen zu halten. An der gegenüberliegenden Wand führte eine Leiter zu einem Hängeboden. Dort oben konnte er Gestalten ausmachen, aber er war nicht fähig, sie zu zählen.

Hatte man ihn in das Land seines Feindes gebracht? Langsam griff er mit der Hand an seinen Schenkel und suchte den Dolch, den er immer an der Hüfte trug. Seine Finger fühlten nur das eigene Fleisch. Man hatte ihm die Kleider ausgezogen. Und ihm die einzige Waffe genommen. Jetzt hatte er nichts mehr als seine List. Er würde das Überraschungsmoment als Waffe nutzen müssen. Falls draußen Wachen aufgestellt wären, würde er die Frau als Schild benutzen.

Durch einen Nebel von Schmerzen sammelte er seine Kräfte für das, was kommen würde, und war gewillt, die Fesseln zu sprengen, die ihn hielten. Er staunte über seine Schwäche. Trotz all seiner Bemühungen weigerte sich sein Körper, zu reagieren.

Mit einer letzten Kraftanstrengung gelang es ihm, sich aufzusetzen. Bei dieser Bewegung rutschten ihm die Felle bis zur Taille hinunter, bevor er hilflos wie ein Kind wieder zurücksank. Er hatte gerade noch genug Kraft, um überrascht nach Luft zu schnappen.

Die Frau sah zu ihm hin. Und in diesem Augenblick gewahrte er das schönste Gesicht, das er je gesehen hatte. Eine Haut so hell, dass sie einen Engel beschämen würde. Hohe Wangenknochen und vollkommen gezeichnete Lippen, die jetzt vor Staunen halb geöffnet waren. Und diese Augen. Grün waren sie, mit kleinen goldenen Flecken. Sternenaugen, dachte er, als sie sich ihm jetzt zuwandte.

„Du lebst also.“ Sie ließ Garn und Nadeln fallen und legte ihm die Hand auf die Stirn. Die Berührung war sanft, so zart wie eine Liebkosung.

„Tue ich das?“ Bei der Anstrengung, die ihn diese einfachen Worte kosteten, zuckte er zusammen. Seine Kehle war trocken, und jeder Atemzug tat ihm weh.

„Du hast hohes Fieber. Hast du Schmerzen?“

„Ja.“

Er betrachtete sie so eindringlich, dass Lindsay ein unangenehmer Schauer überlief. Trotzdem konnte sie nicht leugnen, dass sie ein wenig Befriedigung empfand, weil sie jetzt endlich die Antwort auf ihre frühere Frage erhalten hatte. Seine Augen waren blau. So blau wie der Himmel über dem Hochland.

Langsam ließ sie den Blick über ihn gleiten. Während er bewusstlos gewesen war, musste er nackt sein, damit sie seine Wunden hatte versorgen können. Jetzt stellte sie fest, dass sie ihn auf eine andere Art betrachtete. Der Anblick seines harten, muskulösen Körpers rief ein seltsames Prickeln in ihrer Magengrube hervor.

Sie hatte das Gefühl, etwas tun zu müssen, und wandte sich ab. „Ich hole dir ein Schlafmittel.“

Er ließ sie nicht aus den Augen, während sie den Raum durchquerte und mit einem Becher voll Flüssigkeit zurückkehrte. Sie setzte sich zu ihm, legte eine Hand hinter seinen Kopf und hob ihn sanft an, bis er ihn hoch genug hielt, um trinken und schlucken zu können. Hoch genug, wie er feststellte, dass sein Mund eine feste, schwellende Brust berühren könnte, wenn er sich nur hätte bewegen können. Der Gedanke ließ erneut Hitze in ihm aufsteigen, die ihm den Schweiß auf die Stirn trieb.

Als sie das Glas an seine Lippen hob, schnüffelte er und fuhr zurück. „Es riecht … scheußlich.“

„Ja. Es tut mir leid. Aber trinke es. Bald wirst du dankbar dafür sein.“

Er tat, wie ihm geheißen, und zwang sich, sich dabei auf den verführerischen Spalt zwischen ihren Brüsten zu konzentrieren. Wenn ich immer noch derart auf die Nähe einer Frau reagieren kann, bin ich wohl nicht mehr dem Tod nahe, dachte er. So dicht bei ihm roch sie so frisch und sauber wie ein Kiefernwald. Als sie sich vorbeugte, kitzelten ihre Haare ihn an der Brust. Gefühle übermannten ihn, die sogar noch stärker waren als der Schmerz.

Im Nu war das Glas leer, und fast bedauerte er, dass sie ihn jetzt wieder zurücksinken ließ.

„Wer bist du?“, brachte er flüsternd heraus. „Wohin hast du … mich gebracht?“

„Ich heiße Lindsay Douglas. Und du bist im Haus meines Vaters, Gordon Douglas.“

„Douglas.“ Er kämpfte gegen die Spinnweben an, die seinen Verstand zu vernebeln schienen. Ihre Stimme, so sanft und wohlklingend wie die eines Hochlandengels, schien davonzuwehen. Wahrscheinlich liegt es an der Wirkung des Schlafmittels, dachte er. Vielleicht war er aber auch wirklich im Begriff zu sterben. Denn das Feuer in seinem Innern schien zu wachsen und drohte, ihn zu Asche zu verbrennen.

„Keine … Gesetzlosen?“

Sie lachte. Ihr Lachen hatte einen klaren Klang, der ihn an ein vom Wind getragenes Flüstern erinnerte. „Nein. Wir sind keine Gesetzlosen. Aber wir hatten Angst, du könntest einer sein.“

Er schüttelte den Kopf und holte unter einer Woge von Schmerz Luft. „Kein … Feind. Ich habe … gegen sie gekämpft.“

Sie konnte ihr Erstaunen nicht verbergen. „Du? Allein?“

„Ja.“ Seine Lider flatterten, doch er kämpfte darum, die Augen offen zu halten, um sie weiter anzuschauen. „Verlasse … mich nicht.“

Seine Finger umschlossen ihre Hand, und sie erschrak über deren Stärke. Selbst jetzt, wo er in Bewusstlosigkeit glitt, schien er noch die Kraft zu besitzen, ihr die Knochen zu brechen, wenn er es wollte.

„Ich werde dich nicht verlassen. Schlaf nun. Dein Körper braucht Ruhe, um gesund zu werden.“

„Du wirst hier sein … wenn ich erwache?“

„Ja.“ Sie starrte auf diesen hübschen Fremden herunter. Er brauchte ihre Zusicherung nicht mehr, denn er war bereits in Schlaf gesunken.

Der Klang von Stimmen weckte Morgan. Es waren viele Stimmen, die alle durcheinander schnatterten. Da war das hohe Lachen eines Kindes, gefolgt von den grollenden, dröhnenden Kommandos eines Mannes. Und dann war da noch die Stimme der Frau. Die Stimme, die immer wieder in seinen Träumen erklungen war.

Morgan öffnete die Augen dem schmerzenden Sonnenlicht, das durch die Tür fiel. Eine verschwommene Gestalt tauchte in seinem Blickfeld auf. Es war ein Mädchen von vielleicht sieben oder acht Jahren, mit langen roten Locken, die ihm bis über die Taille fielen.

„Lindsay.“ Fast ließ sie den Wassereimer fallen, den sie trug. „Der Fremde ist aufgewacht.“ Sie stellte den Eimer auf den Boden und lief davon. Minuten später kniete die Frau neben ihm. Das Mädchen, ein Junge und ein gebeugter Mann lugten über ihre Schulter. Alle sahen aus, als würden sie davonlaufen wie die Hasen, wenn er auch nur nieste.

„So. Du bist also wach.“ Lindsay legte ihm die Hand auf die Stirn.

Fast hätte er genussvoll aufgeseufzt, so sanft und kühl fühlten sich ihre Finger auf seinem brennenden Fleisch an.

„Du hast immer noch Fieber. Doch es scheint zu sinken. Ich gebe dir gleich noch ein anderes Betäubungsmittel gegen die Schmerzen. Aber zuerst musst du etwas essen, um zu Kräften zu kommen.“ Sie drehte sich zu dem Mädchen um. „Gwen, hol einen Becher Brühe.“

„Ja.“ Das Kind schoss davon und kam mit einem Becher voll dampfender Flüssigkeit zurück.

Wieder setzte sich Lindsay zu ihm; mit einer Hand stützte sie seinen Kopf, während die andere den Becher an seine Lippen hielt. Es gelang ihm, einige Schlucke zu trinken, bevor er dann weitere ablehnte.

Während die Frau das Schmerzmittel zubereitete, starrten die drei ihn an, als wären ihm gerade zwei Köpfe gewachsen.

Der Junge, der anscheinend ein oder zwei Jahre älter war als das Mädchen, sprach zuerst. „Lindsay sagt, du wärst kein Fremder.“

„Das ist wahr.“

„Zu welchem Clan gehörst du?“ Die Frage kam von dem alten Mann.

„Ich bin Morgan vom McLarin Clan.“

„Ah.“ Die Augen des alten Mannes blickten wärmer. „Ein guter und ehrenwerter Clan.“

Lindsay kam zurück und hob einen Becher mit Flüssigkeit an Morgans Lippen.

Wieder zog er die Nase kraus und murmelte: „Scheußlich!“

„Ja. Aber du musst zugeben, dass es dir hilft zu schlafen.“

Er leerte den Becher und fiel dann schwer atmend zurück.

„Was hast du im Wald jenseits des Dorfes gesucht?“, fragte Brock.

Lindsay drehte sich zu ihm um, um ihn zum Schweigen zu bringen. „Sei jetzt still, Brock. Zum Sprechen ist es noch zu früh für ihn. Du siehst doch, wie müde er ist.“

Sie stand auf, warf sich einen zerlumpten Mantel um und zog die Kapuze über den Kopf. Dann wandte sie sich an den alten Mann. „Ich reite ins Dorf und sehe, was ich eintauschen kann. Du bleibst hier bei … unserem Gast.“

Ihr Vater nickte.

Zu dem Jungen sagte sie: „Ich brauche noch mehr Kräuter, die ich auf die Wunden legen will, und etwas Moos, das am Flussufer wächst. Kümmerst du dich darum?“

„Aye, Lindsay.“

„Und Brock, kümmere dich auch um Gwen.“

„Du weißt, dass ich das tun werde.“

„Ich weiß.“ Sie zog ihn an sich und zauste ihm das Haar, bevor sie die Hütte verließ.

Morgan wollte den alten Mann fragen, wieso die Kinder sie bei ihrem Namen statt mit dem zärtlichen Wort Mutter riefen. Doch das Sprechen erschien ihm als eine zu große Anstrengung. Die Augen fielen ihm zu, und als der Hufschlag in der Ferne verklang, schlief er bereits.

Als er das nächste Mal erwachte, blieb er still liegen und lauschte den aufgeregten Stimmen. Langsam öffnete er die Augen. Die Familie war um den Tisch versammelt und prüfte eine Anzahl von Sachen, die Lindsay gerade unter ihrem Umhang hervorgeholt hatte.

„Man brauchte immer einen ganzen Tag, um zum Dorf und wieder zurückzukommen. Jetzt, mit einem Pferd, schaffe ich es in der halben Zeit. Und schaut euch nur an, was ich alles befördern kann. Sechs Eier von der Witwe Chisholm.“ Lindsay hielt sie mit einer Ehrfurcht hoch, die gewöhnlich nur dem Gold gezollt wurde.

„Was ist das, Lindsay?“ Brock hob einen ledernen Beutel hoch.

„Frische Milch. Du und Gwen werdet genug für eine Woche oder noch länger haben, wenn wir sorgsam damit umgehen.“

„Hast du die Waffen eingetauscht?“

„Ja.“ Ihr Lächeln verblasste ein wenig. „Heywood Drummond gab mir drei Goldmünzen dafür.“

„Drei.“ Gordon Douglas bekam einen Wutanfall. „Du hättest mindestens zwanzig dafür bekommen müssen. Allein das Schwert mit dem juwelenbesetzten Griff war bereits eine königliche Summe wert!“

Bei seinen Worten stieß Morgan einen leisen Fluch aus. Es war sein Schwert, über das sie sprachen, daran hatte er nicht denn geringsten Zweifel. Es war ein Geschenk seines Vaters gewesen. Eines, das er stolz in die Schlacht getragen hatte. Und jetzt war es zu einem erbärmlichen Preis eingetauscht worden.

„Kein anderer im Dorf hat die Waffen von mir kaufen wollen, Vater. Mir blieb gar nichts anderes übrig, als zu akzeptieren.“

„Aye. Und Heywood weiß das. Er ist nicht besser als ein Dieb.“

Lindsay legte die Hand auf die ihres Vaters. „Das Gold reichte aus, um vom Müller einen Sack Mehl zu kaufen.“

Sein Ton wurde etwas milder. „Gott segne dich, Mädchen.“

Sie beugte sich vor und küsste ihn auf die Stirn. Als sie sich aufrichtete, merkte sie, dass Morgan sie beobachtete. Sie trat näher. „Wie ich sehe, lässt die Wirkung des Schlafmittels nach. Möchtest du irgendetwas?“

Morgan nickte, und die Anstrengung ließ ihn schwindlig werden. „Wasser.“

„Gwen.“ Sie wandte sich an das Mädchen. „Hast du mit Brock Wasser vom Fluss geholt, während ich fort war?“

„Ja.“

Stumm nickte Lindsay ihr zu. Zögernd griff das Mädchen in einen Eimer und näherte sich dann mit einem Schöpflöffel in der Hand dem Lager.

Morgan bemerkte, dass sie ihn ansah, wie ein Rehkitz ein Raubtier ansehen mochte. Während er trank, wechselte sie Blicke mit den anderen.

Um sie zu beruhigen, zwang er sich zu einem Lächeln. „Ich danke dir. Ist Gwen die Abkürzung für Gwynnith?“

Sie schüttelte den Kopf, dass die roten Locken flogen. „Guinevere.“

„Guinevere. Ein hübscher, majestätischer Name für eine Königin.“

Sie machte große Augen, und ihre Lippen öffneten sich zu einem Lächeln. „Das sagte mein Vater immer.“ Sie nahm den Schöpflöffel aus seiner Hand, durchquerte den Raum und begann, Lindsay bei der Vorbereitung ihres Mahls zu helfen.

Morgan stellte fest, dass er während des Eindösens über den Vater des Kindes nachdachte. War er draußen auf der Jagd? Oder vielleicht war er in einer Schlacht? Was war das für ein Mann, der Frau und Kinder sich selbst überließ, sodass sie alles eintauschten, was sie nur konnten, nur um den nächsten Tag zu überleben?

Und was war mit dem alten Mann? Auch wenn das Alter und die Schwäche ihn jetzt zum Krüppel gemacht hatten, so umgab ihn doch noch ein Rest von Würde. In seiner Stimme lag ein Ton, der davon kündete, dass er früher Befehle gegeben haben mochte. Und sein hochmütiges Gebaren brachte einen auf die Idee, dass er einst ein weit besseres Leben als diese bescheidene Existenz hier geführt hatte.

Die Faszinierendste von allen aber war Lindsay. Trotz des groben Gewands und des schäbigen Mantels war sie eine seltene Schönheit, die weit eher in einen Palast passte, um einer Schar von Dienern zu befehlen. Doch sie war hier und ging allein ins Dorf. Wusste sie nicht, was mit einer Frau geschah, die den Gesetzlosen draußen in die Klauen fiel?

Aber das war nicht sein Problem, sagte er sich, während er tiefer in Schlaf sank. Sobald er Kraft genug zum Reiten hatte, würde er zur Burg eilen, um seinem Vater zu beweisen, dass er heil und gesund war. Dann würde er eine weitere Truppe anführen, um die Barbaren aus seinem geliebten Hochland zu vertreiben. Trotz dieser vielversprechenden Aussicht schweiften seine Gedanken schon wieder zu der Frau. Lindsay Douglas.

Es war ihr Gesicht, das er vor sich sah, als der Schlaf ihn überfiel. Im Geist hörte er ihre Stimme, und sie löschte den Kampfeslärm aus, der ihn sonst quälte. Ihre Berührung beruhigte das Feuer, das durch seinen Körper raste. Und ihr Duft, der dem eines Kiefernwalds ähnelte, füllte mit jedem mühsamen Atemzug seine Lungen.

3. KAPITEL

Morgan saß auf seiner Matratze. Einen Teil der schäbigen Decke des alten Mannes hatte er aus Scham um seine Taille gewickelt. Etliche Tage und Nächte waren in einem wirren, durch Schlafmittel verursachten Schlaf vergangen. Immer wenn er aufgewacht war, ging Lindsay gerade oder kehrte von irgendeinem entlegenen Dorf oder Schlachtfeld zurück. Ihm kam es vor, als würde sie von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang arbeiten, und das nur, um ihre Familie für einen weiteren Tag satt zu bekommen.

Trotz ihres freudlosen Daseins war sie erstaunlich vergnügt. Sie hatte immer Zeit, den Jungen Brock in die Arme zu nehmen oder das Mädchen Gwen auf die Wangen zu küssen. Was ihren Vater betraf, so brachte sie ihm immer eine Kleinigkeit mit, was seine Stimmung hob und ihn für eine Weile seine verkrüppelten Beine und seine schwachen Lungen vergessen ließ.

Während seines erzwungenen Nichtstuns war Morgan zu einem Entschluss gekommen. Er würde seine Identität als Sohn des Lairds nicht enthüllen, denn das brächte diese stolzen Menschen in Verlegenheit. Stattdessen würde er ihre Gastfreundlichkeit annehmen und einen Weg finden, ihnen seine Dankbarkeit zu zeigen. Doch wie sehr wünschte er sich, er hätte noch seinen Beutel voller Gold. Er könnte diesen guten Leuten das Leben so viel leichter machen.

„Ah, Morgan. Wie ich sehe, bist du kräftig genug, um zu sitzen.“ Gordon Douglas humpelte in die Hütte und blinzelte in Morgans Richtung. „Kannst du stehen?“

„Ich glaube schon.“ Mühsam stemmte Morgan sich hoch, lehnte sich dann an den steinernen Kaminsims und wartete, bis der Schwindel verging.

„Gut, dann komm. Wir werden uns eine Weile in die Sonne setzen.“

Der alte Mann ging voran, und Morgan folgte ihm nach draußen. Die beiden Männer ließen sich ins Gras sinken und lehnten den Rücken an einen gefällten Baumstamm.

Wenig später tauchten die Kinder auf. Brock schleppte in jeder Hand einen Eimer voll Wasser. Gwen neben ihm hatte ihre Schürze mit etwas gefüllt, das sie mit großer Vorsicht trug.

Als sie näher kamen, schienen sie erstaunt zu sein, den Fremden hier draußen und nicht im Bett zu sehen.

„Lindsay hat nicht geglaubt, dass du vor einer weiteren Woche kräftig genug sein würdest, um gehen zu können“, rief Brock.

Morgan grinste ihn an. „Ich könnte nicht weit gehen. Aber wenigstens kam ich nicht in die peinliche Lage hinzufallen.“

„Was hast du da geholt, Mädchen?“, rief der Großvater.

„Kräuter. Vom Fluss. Lindsay möchte heute Abend noch mehr von ihren Heilmitteln herstellen. Sie sagt, die alte Witwe Chisholm kann einige für ihre Hüfte brauchen.“

Der alte Mann seufzte. „Ich weiß nicht, wann mein Mädchen es schafft zu schlafen.“

Ein paar Augenblicke später gesellten sich die Kinder zu ihnen. In einträchtigem Schweigen saßen sie beisammen, und die schwache Wintersonne wärmte ihre Gesichter. Während sie sich ausruhten, lehrte Gordon seine Enkelkinder, neue Wörter in den Sand zu schreiben.

„Du kannst lesen und schreiben?“, fragte Morgan.

„Aye. Krieger müssen ihren Kameraden Botschaften schicken können. Ich habe darauf geachtet, dass auch Lindsay und meine Enkel es können.“

Morgan lehnte sich zurück, lauschte und sah zu, wie die Kinder ihre Wörter vollendeten.

Schließlich wandte der alte Mann sich ihm zu. „Seit wann bist du ein Krieger, Morgan McLarin?“

„Seit ich vierzehn bin.“

„So jung?“

„Aye.“ Morgan nickte. „Meine Mutter, Gott schenke ihr die ewige Ruhe, bat mich, doch noch ein Jahr zu warten. Doch die Fremden strömten über unsere Grenzen und richteten Unheil an. Und ich brannte auf Rache, da mein Vater in einer früheren Schlacht mit ihnen schwer verletzt wurde.“

Der alte Mann seufzte erinnerungsschwer. „Ich weiß, wie das ist. Ich tat das Gleiche für meinen Vater. Und Jahre später wieder, als ich neben dem Laird selbst kämpfte.“

„Du kämpftest mit meinem … mit dem Laird?“ Morgan drehte sich um und musterte den Mann neben sich.

„Ja. Damals war ich der Anführer unseres Clans. Und wir hatten ein seit langem bestehendes Bündnis mit dem McLarin Clan. Es war zu unserem gegenseitigen Vorteil, bei einem Angriff zusammenzustehen. Als dann die Fremden kamen, kämpften wir voller Mut. Aber wir waren ihnen zahlenmäßig schrecklich unterlegen.“ Er legte die Hand auf sein Bein. „Das hier ist damals geschehen. Am Ende der Schlacht konnte ich nicht länger stehen, aber ich konnte noch ein Pferd reiten. Und ich kämpfte neben dem Laird der McLarin, bis die Barbaren schließlich vertrieben wurden. Der Laird sagte, ohne unsere Hilfe wäre alles verloren gewesen. Und er gab mir sein Wort, dass von diesem Tag an der McLarin Clan darauf eingeschworen würde, uns zu beschützen, solange wir leben.“

„Und hat er sein Wort gehalten?“, fragte Morgan.

„Aye. Und dem Himmel sei Dank dafür.“ Gordon Douglas senkte die Stimme. „Mehr als die Hälfte meines Clans wurde in der Schlacht getötet. Der Rest war wie ich so schwer verwundet, dass wir wussten, wir würden nie wieder kämpfen. Ohne den Schutz des Lairds wären wir überrannt worden und aus dem Land verschwunden. Als wir aus der Schlacht heimkehrten, gab es hier im Hochland bei den Witwen und Waisen, welche diese schlimme Sache hinterlassen hatte, großes Weinen und Wehklagen. Aber wir lernten bald, dass wir noch zu den Glücklichen gehörten.“ Selbst nach all der Zeit, die vergangen war, verriet seine Stimme noch seinen Schmerz. „Als ich heimkehrte, entdeckte ich, dass die meisten aus meiner Familie von den Fremden, die sich zurückzogen, getötet worden waren. Sie schlachteten meine Frau und meinen Sohn und dessen Frau ab. Und sie hätten auch diese zwei und Lindsay getötet, wenn sie sie gefunden hätten.“

Morgan bemerkte, dass die beiden Kinder enger zueinander rutschten. Die bloße Erwähnung dieser grausamen Zeit brachte neuen Schmerz. Und mehr als nur ein wenig Furcht.

„Wie gelang es euch zu entkommen?“, fragte er den Jungen.

„Lindsay holte uns aus unseren Betten und versteckte uns im Wald“, berichtete Brock nüchtern. „Wir froren, denn es war Winter, und wir hatten Hunger und Angst. Oft wachten wir nachts weinend auf, aber sie beruhigte uns und sagte, wir dürften keinen Ton von uns geben, ganz gleich, wie schlimm es für uns sei. Viele Monate lang blieb sie mit uns in den Wäldern. Bis Großvater zurückkehren konnte.“

„Wie alt war sie damals?“, fragte Morgan.

Gordon überlegte einen Moment. „Das Mädchen konnte zu der Zeit nicht älter als zwölf gewesen sein. Aber sie wusste, dass sie alles tun musste, um das Leben der Kinder ihres Bruders zu retten.“

Morgan ertappte sich dabei, wie er an sein eigenes Leben in diesem Alter dachte. Trotz der Tatsache, dass er, wie alle anderen Jungen auch, damit begonnen hatte, für den Kampf zu trainieren, war es eine glückliche und sorgenfreie Zeit gewesen. In der Burg seines Vaters hatte es immer genug zu essen gegeben. Und selbst im eisigen Winter hatte er warme Kleidung besessen und gemütlich am Feuer sitzen können. „Wie habt ihr euch Schutz und Essen besorgt, Brock?“

Der Junge zuckte die Achseln. „Gewöhnlich ging Lindsay nach Anbruch der Dunkelheit fort und kehrte mit allem, was wir brauchten, zurück. Ich dachte nie daran, sie zu fragen, wo sie es her hatte. Aber ich vermute, es war ähnlich wie heute auch. Bis zu diesem Tag durchstreift sie die Schlachtfelder und Dörfer, bis sie findet, was immer sie gegen Dinge eintauschen kann, die wir benötigen.“

„Lindsay!“ Gwen sprang auf, als ein Pferd mit einer Reiterin auf die Lichtung galoppierte und rannte zu ihr, um sie zu begrüßen. Die Liebe zu ihrer Tante leuchtete aus ihren Augen.

„Was bringst du uns heute, Mädchen?“, rief ihr Vater.

„Nicht viel, fürchte ich.“ Die schlanke Frau glitt aus dem Sattel und begann, verschlissene Bündel loszubinden.

„Hast du heute irgendwelche Waffen gefunden?“ Die Augen des Jungen blickten begierig. „Irgendwelche Schätze?“

„Nein. Vielleicht habe ich morgen mehr Glück. Nimm das Pferd, Brock“, sagte sie sanft. „Sorge dafür, dass es Futter und Wasser bekommt. Gwen, du kommst mit mir. Es ist Zeit, dass wir uns um die Mahlzeit kümmern, wenn wir heute Abend etwas essen wollen.“

Als sie sich zur Hütte umwandte, konnte Morgan ihr Gesicht betrachten. Obwohl sie lächelte und die Fragen der Kinder so geduldig wie möglich beantwortete, sah sie blass und mitgenommen aus. Er konnte die Schatten unter ihren Augen sehen.

Kein Wunder, dachte er. Diese junge Frau war für das Überleben eines Jungen, eines Mädchens und eines verkrüppelten alten Mannes verantwortlich. Nicht zu reden von der zusätzlichen Bürde eines verwundeten Fremden.

Er musste ihre stille Kraft bewundern. Und er schwor, alles zu tun, um ihr die Bürde leichter zu machen.

Die Sonne glitt hinter eine Wolkenbank und ließ Morgan erschauern. Langsam erhob er sich und half dann dem alten Mann beim Aufstehen. Zusammen machten sie sich auf den Weg zur Hütte, die von einem wunderbaren Duft nach Fleisch, das auf dem Feuer schmorte, und von Brot erfüllt war, das auf den Kohlen buk und ihn daran erinnerte, dass sein Appetit endlich wieder zurückgekehrt war.

Erschöpft sank der alte Mann auf seinen Stuhl. „Leistest du uns bei Tisch Gesellschaft, Morgan McLarin?“

„Aye. Danke.“ Morgan nahm den angebotenen Platz an und sah zu, wie Lindsay eine Platte mit Wild auf den Tisch stellte, dann zum Feuer zurückging, um das Brot zu holen und schließlich den Kessel mit Kräutertee. Dann hob sie die Platte hoch und bot ihm Fleisch an.

Er überraschte sie, indem er sie ihr aus der Hand nahm. „Ich kann mich selbst bedienen, werte Dame. Setzt Euch und füllt Euren Teller.“

Die Kinder beobachteten das Ganze mit erstaunten Blicken.

Gwen machte runde Augen. „Du sprichst zu unserer Lindsay, als würdest du mit einer Königin reden.“

„Sie ist besser als eine Königin, Mädchen. Ihr habe ich es zu verdanken, dass ich noch lebe.“

Lindsay spürte, dass ihre Wangen glühten, als sie sich jetzt neben ihm niederließ. Ihre Knie berührten sich, und es wurde ihr angenehm warm. Vergnügt hielt Morgan ihr die Platte hin. Lindsay war gezwungen, sich unter seinem aufmerksamen Blick zu bedienen. Als sie sich von dem Essen genommen hatte, füllte Morgan seinen eigenen Teller, bevor er ihn an die anderen weitergab.

Nach dem ersten Bissen stieß er einen genüsslichen Seufzer aus. „Ich weiß nicht, wann ich je so etwas Zartes gekostet habe. Was hast du mit dem Fleisch gemacht?“

„Nichts Besonderes. Ich habe es nur so gekocht, wie meine Mutter es immer tat.“

„Dann muss deine Mutter ein Engel gewesen sein. Dieses Essen kommt bestimmt aus dem Himmel.“

Lindsay sah, dass die Kinder herüberstarrten, und senkte den Blick. „Das scheint dir nur so, weil du so lange nichts gegessen hast, Morgan McLarin.“

„Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich habe in den feinsten Burgen und in den feinsten Städten gegessen. Selbst in der Residenz der Königin in Holyrood House. Doch nirgends habe ich etwas Besseres bekommen.“

„Du warst in Edinburgh?“ Brock bleib vor Staunen der Mund offen stehen.

Morgan fluchte innerlich über seinen Fehler. „Ja.“

„Aber warum?“ Das Essen hatte der Junge völlig vergessen.

Die anderen schienen ebenfalls fasziniert.

„Unser Clan hatte der Königin seine Treue zugesichert. Wir waren die Ersten, die vortraten und uns auf ihre Seite stellten. Und so bestand sie darauf, dass wir nach Edinburgh kamen, damit sie uns anerkannte.“

„Wie ist es dort?“ Die sonst so scheue Gwen glühte vor Aufregung.

„Es ist wirklich großartig.“ Morgan zwinkerte ihr zu, was sie erröten ließ. „Und in Gegenwart der Königin zu sein ist tatsächlich erschreckend.“ Er wandte sich an Lindsay. „Aber Edinburgh ist voller lauter Händler. Pferde und Wagen verstopfen die Straßen, und es gibt dort so viele Menschen. Viele von ihnen wollen sich wie die Engländer kleiden.“ Er lehnte sich zurück, nippte an seinem Bier und spürte, wie seine Kräfte langsam zurückkehrten. „Mir ist das einfache Leben im Hochland viel lieber.“

„Ist dein Heim so wie dort?“ Gwen war ganz bezaubert von diesem weltmännischen Mann und seinen Reisen.

Morgan dachte an die hoch aufragende Burg aus massiven Balken, die groß genug war, um einem ganzen Dorf während eines Angriffs Schutz zu bieten. Seine Mutter, Gott hab sie selig, befehligte eine Armee von Dienern, die die Feuer am Brennen hielten und die Tische mit Speisen deckten, die eines Königs würdig waren. Die Binsen auf den Korridoren waren immer frisch, die Vorratsschränke immer voll und das Leinen war mit den feinsten Spitzen und Stickereien gesäumt. Aber er sagte nur: „Nicht so schön. Denn das Essen konnte es niemals mit dem aufnehmen, was ich gerade aus der Hand deiner Tante probiert habe.“

Die Kinder kicherten, während Lindsay tief errötete.

Verlegen schob Lindsay ihren Stuhl zurück und begann, den Tisch abzuräumen. „Gwen, hilf mir, bevor du dich aufs Lager legst.“

„Ja.“ Immer noch breit grinsend nahm sie die jetzt leere Platte und folgte Lindsay zu dem Topf mit warmem Wasser.

„Komm, Morgan McLarin.“ Gordon ging zu der Holzbank, die vor das Feuer geschoben war.

Während Lindsay ihnen den Rücken zuwandte, zwinkerte er und goss ein wenig Bier in ihre Becher. Dann streckte er seine steifen Beine der Wärme entgegen und lehnte sich mit einem zufriedenen Seufzer zurück. „Du hast nicht viel von deiner Familie erzählt.“

Morgan nippte an seinem Bier und starrte in die Flammen. „Meine Mutter starb, als ich in der Schlacht war. Ich habe es immer bedauert, dass ich ihr nicht noch einmal einen Besuch abstatten konnte.“

„Aye.“ Der alte Mann nickte und dachte dabei an seine eigene Frau und Familie, die ihm brutal entrissen wurden, während er fort war, um zu kämpfen. „Und dein Vater? War er auch ein Krieger?“

„Das war er. Und wie du trägt er bis zum heutigen Tag die Wunden aus den zahlreichen Kämpfen mit den Eindringlingen. Die Gebrechlichkeit lässt ihn nun alles langsamer angehen, aber immer noch würde er sich einem Feind entschlossen entgegenstellen.“ In Morgans Stimme klang Verehrung mit. „Auch wenn ich viele Freunde habe, so ist mein Vater mein engster Freund. Er ist mein Lehrer, mein Bruder, mein Held.“

Der alte Mann betrachtete ihn mit neuer Hochachtung. „Wenn mein Sohn noch leben würde, würde ich mir nichts mehr wünschen, als diese Worte zu hören, die du gerade gesprochen hast.“

Er leerte seinen Becher und ging mit steifen Schritten zu der Leiter, die zu den Schlafstellen hinaufführte. dann besann er sich eines Besseren, humpelte zu seiner Tochter, beugte sich zu ihr und drückte ihr einen Kuss auf die Wange.

Erstaunt sah sie bei dieser unerwartet gezeigten Zuneigung auf. „Wofür war das jetzt, Vater?“

„Für all die Dinge, die du für uns tust, Lindsay. Es beschämt mich, dass erst ein Fremder kommen musste, um mich daran zu erinnern.“ Er drehte sich zu den Kindern um, die ihn in sprachlosem Erstaunen anstarrten. Seine Stimme nahm wieder den üblichen mürrischen Befehlston an. „Wenn ihr mit eurer Hausarbeit fertig seid, helft einem alten Mann ins Bett.“

„Ja, Großvater.“

Nachdem sie Lindsay und Morgan eine gute Nacht gewünscht hatten, folgten der Junge und das Mädchen ihm die Leiter hinauf auf den Zwischenboden.

Lindsay blickte ihnen hinterher. Als sie sich umdrehte, sah sie, dass Morgan in die Flammen starrte. Sein Gesicht trug einen Ausdruck angespannter Konzentration.

„Möchtest du noch etwas Bier?“

Er schüttelte den Kopf und zwang ein Lächeln auf seine Lippen. „Nein, danke.“

Mit einem Mal fühlte Lindsay sich befangen. Sie nahm das Garn und die Stricknadeln und setzte sich neben ihn. Mit gebeugtem Kopf saß sie da und richtete ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Socken, den sie für Brock strickte. Doch sie war sich quälend des Mannes neben ihr bewusst, dessen Hüfte sich an die ihre presste und dessen Arm auf der Lehne der Bank ruhte.

„Du arbeitest so schwer“, bemerkte er.

„Nicht so schwer.“ Sie spürte, wie seine Finger über die Spitzen ihrer Haare strichen, und ließ eine Masche fallen. Sie hielt inne, ordnete das Garn und fing noch einmal an.

„Wann ruhst du dich aus?“

„Wenn … ich nicht mehr kann.“ Sie wusste, dass sie ihn nicht ansehen durfte. Doch trotz aller guten Vorsätze hob sie den Kopf und warf ihm einen Blick von der Seite zu.

Sein Anblick ließ ihr Herz schneller schlagen. Mit einer seltsamen Faszination starrte er sie an. Als würde er sie verschlingen. In seinen Augen lag etwas, das sie sofort erkannte. Der nackte Hunger. Ein Hunger, der dem ihren glich.

„Ich muss …“ Sie wollte aufstehen. Klappernd fielen die Nadeln mit dem Garn von ihrem Schoß zu Boden. Verlegen hielt sie inne, um alles wieder aufzuheben, doch im gleichen Augenblick sank er neben ihr auf die Knie.

Lindsay lachte nervös auf. „Sonst bin ich nicht so ungeschickt …“

„Lindsay.“ Er berührte ihre Hand, und sie erstarrte, als hätte er sie verbrannt.

Als sie Anstalten machte aufzustehen, legte er ihr beide Hände auf die Schultern und hielt sie neben sich fest. Ihre Augen wurden groß vor Angst und Verwirrung, und sie wandte das Gesicht ab.

„Hab keine Angst, mich anzusehen.“ Zart hob er ihr Kinn an und zwang sie so, den Kopf zu heben.

„Du darfst nicht. Wir dürfen nicht …“

„Schscht.“ Er beugte sich vor, bis sein warmer Atem über das Haar an ihrer Schläfe strich. „Ich möchte nur deine Lippen kosten. Denn seitdem ich dich das erste Mal sah, denke ich an nichts anderes mehr.“

„Aber ich …“

„Willst du das einem verhungernden Mann abschlagen?“

Bevor sie ihm antworten konnte, lag sein Mund auf dem ihren, so weich und kühl wie die Berührung einer Schneeflocke. Er hörte, wie sie hastig die Luft einsog und zwang sich, reglos zu verharren, auch wenn er sie am liebsten in die Arme gezogen und seinen Hunger gestillt hätte.

Lindsay fühlte, wie eine seltsame Wärme durch ihre Glieder strömte, ihr Blut erhitzte und den Verstand vernebelte. Einen Augenblick war sie nahe daran, wie ein erschrecktes Reh davonzulaufen. Im nächsten war sie wie erstarrt und nicht fähig, sich zu rühren. Auch wenn seine Hände sanft waren wie seine Lippen, so hielt er sie doch fest, als wäre sie seine Gefangene. So konnte sie nur da knien, während die erstaunlichsten Gefühle sie erfüllten. Es war ein seltsames Kitzeln, als wären in ihrem Innern Schmetterlinge losgelassen worden und kämpften nun darum, sich zu befreien. Ein plötzliches Sehnen nach etwas, das sie noch nicht einmal benennen konnte.

Als Morgan den Kopf hob, bemerkte er die warme Röte, die sich über ihren Hals und ihre Wangen ausbreitete. Und er konnte in ihren Augen das Erwachen einer seit langem schlummernden Leidenschaft erkennen.

Plötzlich sprang Lindsay auf die Füße und betete, dass ihre zitternden Beine sie tragen mögen. Hilfesuchend umklammerte sie die Banklehne und holte zitternd Luft, bevor es ihr gelang zu sprechen „Ich wünsche dir eine gute Nacht, Morgan McLarin.“

„Und ich dir ebenfalls, Lindsay Douglas.“

Während sie zur Leiter eilte, sammelte er Garn und Nadeln ein. „Du hast vergessen …“

Sie raffte die Röcke und zwang sich, die Leiter hinaufzuklettern.

Morgan stand unten und freute sich über den Anblick der enthüllten Fußknöchel und darüber, wie ihr Gewand sich um ihr wohlgeformtes Hinterteil schmiegte, bevor sie verschwand.

Langsam atmete er tief aus und stellte fest, dass seine Hände zitterten.

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