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Historical Weihnachten, Band 1

JO BEVERLEY

Die Winterbraut

Ein Ritter zieht die junge Joan auf sein Pferd und prescht mit ihr durch die kalte Nacht. Muss Joan Angst haben? Schließlich ist Edmund de Graves der Erzfeind ihrer Familie! Doch ihr Herz verrät ihr: Sie hat nichts zu befürchten, in seinen Armen ist sie sicher. Denn es ist Weihnachten, und der helle Stern der Liebe weist ihnen den Weg …

MARGARET MOORE

Das Geschenk der Heiligen Nacht

Von Turnier zu Turnier zieht Sir Rafe Bracton, um seinen Lebensunterhalt im Kampf zu erstreiten. Weder Burg noch Land nennt der ritterliche Vagabund sein eigen. Ganz anders als die vermögende Lady Katherine DuMonde, die ihm über Weihnachten Unterkunft gewährt. Doch in der Heiligen Nacht hat er ein Geschenk für sie, das mehr wert als alles Gold der Welt ist …

DEBORAH SIMMONS

Licht der Hoffnung

Was verbirgt die geheimnisvolle Lady Joy Warwick, die auf seiner Burg Zuflucht vor einem Schneesturm gesucht hat? Als der Earl of Campion sie nach ihrem Reiseziel fragt, schweigt sie. Aber als sie ihn am nächsten Tag sinnlich küsst, erwacht in seinem einsamen Herzen eine Hoffnung: Wird für sie beide das nahende Weihnachtsfest ein Fest der Liebe?

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Jo Beverley

Die Winterbraut

PROLOG

„Sie haben die gesegnete Jungfrau Maria geraubt!“

Die Leibeigenen von Woldingham schauten fassungslos dem Reiter nach, der sein Pferd mit donnernden Hufschlägen in Richtung des winterlichen Waldes galoppieren ließ. In der eisigen Kälte der Nacht verhallten allmählich die Hilferufe der Frau, die sich in seiner Gewalt befand. Dann auf einmal verstreute sich die versammelte Menge – einem Schwarm Stare auf dem Feld gleich – in alle Richtungen. Die meisten zogen sich rasch in ihre einfachen strohgedeckten Häuser zurück und hofften darauf, nicht mit der Katastrophe in Verbindung gebracht zu werden. Die wahrhaft Vorsichtigen scharten ihre Familie um sich und machten sich selbst auf den Weg in die Wälder.

Wer außer den de Graves würde schon ein solches Verbrechen begehen? Und wenn sich der Lord of Woldingham mit seinem alten Erzrivalen stritt, konnte man gar nicht vorsichtig genug sein, wollte man sich vor den Pfeilen und den Schwerthieben in Sicherheit bringen.

Es dauerte nur einige Augenblicke, dann standen der Priester und der Dorfschulze allein auf der vom Mond beschienenen Straße, die hinauf zur Burg führte – abgesehen von einem Esel, den man in der plötzlichen Aufregung zurückgelassen hatte und der mit gesenktem Kopf dastand und wartete. Sogar Josef hatte seinen geborgten Mantel zu Boden fallen lassen und war gegangen.

Die beiden Männer sahen sich in stummem Mitleid an, dann liefen sie in Richtung der nahe gelegenen Burg. Trotz der Festbeleuchtung, die durch schmale Fenster nach außen drang, und trotz des Freudenfeuers auf dem Burghof hob sich das Bauwerk von dem sternenübersäten Himmel wie ein unheilvoller Schemen ab.

Jemand musste Henry de Montelan, Lord of Woldingham, die Nachricht überbringen, dass seine Tochter seinem erbittertsten Feind in die Hände gefallen war.

Und das ausgerechnet zur Weihnachtszeit!

Die Burgtore standen weit offen, da man auf die traditionelle Prozession wartete, die Maria und Josef zur Burg führen sollte, um dort am Heiligen Abend eine Unterkunft zu suchen. Im Gegensatz zur Schilderung in der Bibel, wonach sie überall abgewiesen wurden, wo sie Einlass begehrten, würde sich der Lord of Woldingham von seiner gütigen Seite zeigen und sie in seinen verschwenderisch eingerichteten Gemächern nächtigen lassen.

Das Schauspiel selbst war eine seit Generationen überlieferte Tradition, begründet durch den letzten de Montelan, der zu einem Kreuzzug aufgebrochen war. Zugleich war diese Gepflogenheit eng verbunden mit der Blutfehde zwischen Woldingham und dem nahe gelegenen Mountgrave Castle.

Die zwei Wachleute am Tor musterten die beiden heraneilenden Männer und hielten dann Ausschau nach der Prozession. Im Vorbeilaufen erfuhren sie vom Priester Pater Hubert und vom Dorfschulzen Cob Williamson, was sich Schreckliches zugetragen hatte, und waren sofort in Alarmbereitschaft.

So etwas bedeutete Ärger.

Und das ausgerechnet zur Weihnachtszeit!

Die beiden Männer bahnten sich ihren Weg über den belebten Burghof, riefen den Umstehenden die unerfreuliche Neuigkeit zu, blieben aber nicht stehen, um sorgenvolle Fragen zu beantworten. Ein paar leicht angetrunkene Köche hielten erschrocken in ihrer Arbeit inne, Spanferkel und Ochsen am Spieß über den Flammen zu drehen, während der verschwitzte Bäcker fluchend seine Helfer zu sich rief, damit sie die Brote von den Tischen nahmen und in Körbe packten, um sie so leichter in Sicherheit zu bringen. Schon bald würde es auf dem Burghof von bewaffneten Männern und Pferden wimmeln.

Und das ausgerechnet zur Weihnachtszeit!

Der Lärm der Feier im großen Saal drang ebenso wie der goldene Lichtschein durch die Schießscharten und das erwartungsvoll offen stehende Tor nach draußen. Die beiden Männer mühten sich ab, die Außentreppe zu bewältigen, und oben angekommen, mussten sie erst einmal stehen bleiben, um Luft zu holen. Im Saal sorgten große Feuer dafür, die winterliche Kälte zu vertreiben. Funken stiegen jedes Mal auf, wenn hier und da ein brennendes Scheit verrutschte, und der Rauch dieser Feuer vermischte sich mit dem der Fackeln entlang der Wände.

Überall saßen die vornehmen Damen und Herren von Woldingham und unterhielten sich angeregt mit Gästen, Rittern des Hauses und dem höheren Dienstpersonal. Eine Kinderschar, die von Kleinkindern bis zu Grünschnäbeln reichte, spielte ausgelassen unter den Tischen und rings um die Bänke, wo sie sich mit einer Hundemeute vergnügte.

Allmählich wurde man auf die beiden Neuankömmlinge aufmerksam, und erwartungsvolle Stille breitete sich aus.

Lord Henry de Montelan erhob sich trotz seines massigen Körpers elegant von seinem Stuhl, und seine rosigen Wangen ließen erkennen, wie gut er sich amüsierte. „Da seid Ihr ja endlich! Nun, dann sprecht Euren Text.“

Der Dorfschulze sah Pater Hubert an, woraufhin der Priester sich mit einem Nicken in seine Rolle fügte. Er trat einen Schritt vor. „Lord Henry, etwas Entsetzliches ist geschehen.“

Aus dem erwartungsvollen wurde ein entsetztes Schweigen. „Wie bitte?“, rief Lord Henry und verließ das Podest, um zu ihnen zu kommen. Auch seine vier strammen Söhne standen langsam auf; sie wirkten zwar ein wenig verwirrt, waren aber hellwach. Irgendwo knurrte ein Hund. „Was ist geschehen? Wo sind Maria und Josef? Wo ist meine Tochter?“

Der Priester sank auf die Knie. „Die de Graves haben sie entführt, Mylord.“

Einen Moment lang herrschte unheilvolle Stille, dann auf einmal heulte ein Mann auf. Sir Gamel, der draufgängerischste von Lord Henrys Söhnen, sprang mit einem Satz über den Tisch, hinter dem er gestanden hatte, und bleckte die Zähne. „Mein Schwert! Mein Schwert! Ich werde ihnen allen den Leib aufschlitzen! Zu den Pferden, wir üben Rache!“

Mit diesen Worten stürmte er zum Tor, dicht gefolgt von seinen Brüdern.

Mit einer einzigen Handbewegung bewirkte Lord Henry, dass seine vier Söhne in ihrem Tatendrang innehielten. Vermutlich war er der einzige Mann in ganz England, der die jungen Männer aufhalten konnte. Obwohl Lord Henrys Gesicht noch immer gerötet war, hatte dies nun nichts mehr mit seiner vormals guten Laune zu tun. „Aye, mein Sohn, wir werden Rache üben, und es wird Blut fließen. Doch wir werden nicht blindlings in eine Falle laufen!“, rief er mit volltönender Stimme. Sofort waren alle Männer im Saal aufgesprungen. „Rüstungen! Waffen! Gamel, Lambert und Reyner, ihr werdet sie jagen und Nicolette unversehrt zurückbringen. Unversehrt, vergesst das nicht! Harry“, wandte er sich nun an seinen ältesten Sohn, „du und ich, wir bleiben hier. Für alle Fälle.“

Harry nickte zustimmend, wenngleich seine Miene keinen Hehl aus seiner Enttäuschung machte.

„Zu Weihnachten?“, fragte der junge Reyner, erst sechzehn, aber schon fast so groß wie seine Brüder. „Sie rauben am Heiligen Abend die Jungfrau Maria?“

„Den de Graves“, grollte sein Vater, „ist nichts zu schändlich.“

Innerhalb weniger Augenblicke legte sich eine kämpferische Stimmung über den ganzen Saal, während sich der Lord, sein ältester Sohn und der Waffenmeister in eine Diskussion über ihre Vorgehensweise vertieften. Pater Hubert und Cob beglückwünschten sich insgeheim, dass es für sie ohne Konsequenzen geblieben war, die schreckliche Nachricht zu überbringen, und verließen den Saal, nicht jedoch ohne zuvor noch ein großes Stück Fleisch und einige Brotlaibe mit auf den Weg zu bekommen, da den Anwesenden die Lust am Feiern vergangen war. Für die armen Dorfbewohner kam die Gabe dagegen einem kleinen Festmahl gleich.

„Eine schöne Bescherung“, brachte Cob hervor, den Mund voll mit saftigem Fleisch.

„An Weihnachten! An einem heiligen Feiertag! Was für gottlose Männer! Einfach nur gottlos.“

„Wollen wir hoffen, dass der armen Lady Nicolette nichts zustößt, Pater. Um unser aller Wohl.“

„Wie wahr, wie wahr.“ Dann warf der Priester seinem Freund einen nachdenklichen Blick zu. „Aber wisst Ihr, Cob, ich hätte schwören können, ich sah Lady Nicolette auf der Galerie des großen Saals, wie sie nach unten spähte.“

Verdutzt hielt der Dorfschulze inne. „Was sagt Ihr da? Nein, Pater, da müsst Ihr Euch irren. Wie sollte das möglich sein?“

„Nun, was wäre denn, wenn eine andere Dame die Rolle der Jungfrau gespielt hat? Ich fand es jedenfalls ein wenig seltsam, dass Lady Nicolette die ganze Zeit über kein Wort mit mir sprach und sich unter ihrem Mantel praktisch versteckte.“

Cob schluckte einen Happen Fleisch. „Aber es ist eine Tradition, Pater. Eine heilige Tradition. Die jüngste Jungfrau im heiratsfähigen Alter in der Familie des Lords übernimmt die Rolle der Jungfrau. Und indem …“

„… indem sie im Saal von Woldingham willkommen geheißen wird, anstatt sie fortzuschicken, um in einem Stall zu nächtigen, ist jedem für das kommende Jahr Gottes Segen sicher. Ja, ja. Das, was geschehen ist, macht einen schon nachdenklich, nicht wahr?“

„Es bereitet einem schreckliche Angst! Was soll aus uns allen werden, wenn die Tradition auf eine solche Weise verspottet wird?“

„Und was soll aus denen werden, die darin verstrickt sind, wenn alles bekannt wird?“, überlegte der Priester leise.

Er dachte dabei nicht an die Bauern oder an die Männer, die in den Kampf ziehen wollten, sondern an jene jungen Frauen, die an diesem gefährlichen Täuschungsmanöver beteiligt waren.

Und er dachte an deren Beweggründe, die sie zu dieser Täuschung veranlasst haben mochten.

Pater Hubert bekreuzigte sich und begann zu beten.

1. KAPITEL

Joan of Hawes war froh um das dicke Polster vor ihrem Bauch, da es zumindest die härtesten Stöße bei diesem Ritt abfederte. Bäuchlings lag sie vor ihrem Entführer quer über dem Pferd, wobei ihr Kopf nach unten hing. Sie hatte es längst aufgegeben, um Hilfe zu schreien, denn inzwischen tat ihr davon der Hals zu weh. Ihr Entführer behandelte sie wie einen Stoffballen und ignorierte sie fast völlig, abgesehen lediglich von seiner starken Hand an ihrem Gürtel, mit der er verhindern wollte, dass sie von seinem Reittier rutschte oder sich gar absichtlich fallen ließ.

Obwohl sie von Wut und Angst zugleich erfüllt war, empfand sie Dankbarkeit für diesen sicheren Griff. Immerhin ritten sie im Galopp über einen Waldweg, und sie wollte ganz sicher nicht durch einen Sturz vom Pferd ums Leben kommen. Aber wer hatte sie von dem Esel gezerrt? Und warum? Und weshalb gerade jetzt, wo doch klar sein musste, dass diese Tat nur schreckliche Folgen nach sich ziehen würde?

Urplötzlich brachte der Reiter sein Pferd zum Stehen, sodass sie glaubte, durch die Luft geschleudert zu werden, dann packte er sie und hob sie hoch, als wäre sie leicht wie eine Feder. Noch bevor sie vor Schreck aufschreien konnte, drehte er sie um, bis sie vor ihm rittlings auf dem Pferderücken saß, ganz benommen von der plötzlichen Bewegung. Als sich der Schwindel gelegt hatte, waren sie längst schon wieder unterwegs, und von dem Reiter hatte sie nichts weiter gesehen als einen Schatten, der unter einer Kapuze verborgen zu sein schien. Nun aber machte sie in der Dunkelheit ringsum weitere Reiter aus, die den Eindruck erweckten, als würden sie sich unglaublich schnell und mit teuflischem Geschick zwischen den winterlich kahlen Bäumen hindurchbewegen. Zuvor waren sie lautlos ins Dorf eingefallen, so wie ein Schwarm schwarzer Falken, die vom Himmel herabstießen …

„Heilige Maria, rette mich“, flüsterte sie. War sie etwa von den Mächten der Finsternis geholt worden?

Sie drehte sich um und versuchte zu ergründen, ob ihr Entführer ein menschliches Antlitz hatte, doch sie sah nichts als tiefes Schwarz. Ein Schauer des Entsetzens lief ihr über den Rücken, aber dann gewann der gesunde Menschenverstand die Oberhand. Er strahlte Wärme aus wie jeder Mensch, und er roch ganz wie ein Mann – nach Schweiß, Wolle und Pferd. Sie konnte nun auch erkennen, dass seine Kapuze weit nach vorn gezogen war, um sein Gesicht in einen tiefen Schatten zu tauchen. Was sie von seiner Haut sehen konnte, wirkte irgendwie dunkel. Er musste ein gewöhnlicher Verbrecher sein.

Dann aber fielen ihr noch mehr Dinge auf. Dieses Pferd trug keinen Sattel, und der Mann, der sie an sich gedrückt hielt, hatte kein Kettenhemd an. Zaumzeug und Zügel bestanden nur aus Stricken. Es waren also keine Teufel aus den Tiefen der Hölle, sondern Männer ohne Harnisch oder rasselndes Kettenhemd. Kein Wunder, dass es schien, als seien sie aus dem Nichts aufgetaucht.

Das konnten nur die de Graves sein, die Erzfeinde ihres Onkels, die diese Gelegenheit genutzt hatten, um die heiligste Zeremonie der de Montelans zu stören. Gleichzeitig verspürte sie aber auch Bewunderung, wie diese Entführung geplant und durchgeführt worden war. Es gefiel ihr, wenn ein Plan so hervorragend in die Tat umgesetzt wurde.

Aber warum nur mussten sie sich ausgerechnet dieses Jahr dafür aussuchen, wenn all dies zu so schrecklichen Verwicklungen führen würde? Ihre Cousine sollte eigentlich die Jungfrau spielen, und niemand durfte davon erfahren, dass sie mit Joan getauscht hatte.

Vielleicht würden diese Männer sie ja bald wieder freilassen. Sie hatten die Zeremonie gestört und damit ihr Ziel erreicht, also gab es keinen Grund, sie noch länger festzuhalten. Wenn sie sie gehen ließen, würde sie es dann zurück zur Burg schaffen, bevor jemand Nicolette entdeckte? Wahrscheinlich schon. Sofern sie jetzt sofort zurückkehren konnte.

„Sir“, sagte sie.

Als er nicht reagierte, brüllte sie: „Sir!“

Wieder nahm er von ihr keine Notiz, sondern konzentrierte sich auf den dunklen Weg vor ihnen. Das Pferd galoppierte unermüdlich weiter, sodass sie sich immer mehr von der Burg entfernten. Abrupt riss Joan ihren Arm nach hinten und rammte dem Mann hinter ihr den Ellbogen in den Leib.

Das Pferd machte im gleichen Moment einen Fehltritt, als ihr Entführer ein leises Ächzen ausstieß. „Hört auf damit“, war jedoch das Einzige, was er dazu sagte.

Dann ritten sie auch schon weiter. Da Joan sich mit Männern auskannte, wusste sie, dass sie erst dann anhalten würden, wenn er den richtigen Zeitpunkt für gekommen hielt. Sollte doch der Teufel seine Zehen verfaulen lassen! Sie überlegte, ob sie sich vom Pferd fallen lassen sollte, aber sie trug sich nicht mit Selbstmordgedanken, sondern war nur verängstigt und verärgert zugleich.

Was war das nur für ein törichtes Vorhaben, sie zu verschleppen! Andererseits war die ganze blutrünstige Fehde zwischen den Familien de Graves und de Montelan nichts anderes als rundweg töricht. Über Generationen hinweg hatte sie zahllose Menschenleben gekostet, und der ganze Landstrich war deswegen gespalten – und alles nur wegen eines Stücks Stoff, das man während des ersten Kreuzzugs mit nach Jerusalem genommen hatte.

In den Wochen seit ihrer Ankunft in Woldingham hatte sie von ihrer Cousine Nicolette, der sie eine Gefährtin sein sollte, alles über die verruchte, ehrlose Familie de Graves erfahren. Angeblich trugen die de Graves die Schuld an allem – angefangen beim Diebstahl des Banners bis hin zu einem Fluch, mit dem im letzten August die Schafe von Woldingham belegt worden waren. Vielleicht trafen diese Geschichten ja zu, aber Joan war davon nicht so ganz überzeugt, was vor allem mit dem gegenwärtigen Oberhaupt der Familie de Graves zu tun hatte.

Nicht, dass sie dem berühmten Edmund de Graves je begegnet wäre, aber ganz England hatte vom Goldenen Löwen gehört – schön wie St. Michael, tapfer wie St. George, Beschützer der Schwachen, Verteidiger des Rechts, Richter über alle, die Böses taten … Man erzählte sich Legenden über ihn, Troubadoure lobpreisten ihn in ihren Liedern.

Der Goldene Löwe war der Sohn des ebenso berühmten Silbernen Löwen – Remi de Graves, ein mächtiger Krieger und der Berater des Königs. Lord Edmund war von klein auf von den besten Lehrern und Kriegern unterrichtet worden, darunter auch der fast schon mythische Almar de Font, ein bekannter Held aus eigenem Recht. Mit sechzehn Jahren hatte der Goldene Löwe bei einem schillernden Turnier den Sieg davongetragen, mit siebzehn kämpfte er wahrhaft meisterlich im Krieg gegen Frankreich. Mit achtzehn hob er ganz allein ein Nest von Gesetzlosen aus, die die Gegend rund um eines seiner Anwesen in Angst und Schrecken versetzt hatten.

Es war durchaus möglich, dass ein de Graves vor vielen Generationen einem de Montelan das Banner abspenstig gemacht hatte, aber der Goldene Löwe konnte mit solchen Rivalitäten und Rachegelüsten wohl kaum etwas zu tun haben.

Wenn de Graves aber nicht der Hintermann war, in wessen Hände war sie dann geraten?

Wieder brachte der Mann sein Pferd abrupt zum Stehen, wobei er sich gegen ihren Rücken drückte. Wer immer ihr Entführer war, es handelte sich bei ihm um einen exzellenten Reiter, da er dieses feurige, kraftvolle und ungestüme Tier allein mit dem Seil und dem Druck seiner Schenkel beherrschte.

„Ruhig, Thor“, murmelte der Mann und beugte sich über Joan hinweg nach vorn, um den Hals des Pferdes zu tätscheln. Dabei presste er seine muskulöse Brust so fest gegen sie, dass sie das Gefühl hatte, zerquetscht zu werden, und daher schwach protestierte.

Er setzte sich aufrecht hin. „Verzeiht mir, Lady.“

„Nun, Sir“, gab sie zurück, bereit, mit ihm zu diskutieren, damit er sie endlich freiließ. Doch er erwiderte, sie solle warten, und wandte sich den anderen dunklen Reitern zu, die sich um ihn scharten. Jeder Atemhauch stieg als kleine weiße Wolke in der kalten Nachtluft auf.

Zu ihrer eigenen Verwunderung und Verärgerung wartete Joan tatsächlich ab, was nun geschehen würde. Sie musterte das halbe Dutzend Männer um sie herum und suchte nach Hinweisen auf ihre Zugehörigkeit. Keiner von ihnen trug irgendeine Art von Abzeichen, und vor der in silbernes Mondlicht getauchten Waldlandschaft wirkten sie so stumm wie Schatten. Die einzigen Geräusche verursachten die Pferde, die leise schnaubten und hin und wieder mit einem Huf über den Boden scharrten.

„Alles in Ordnung“, sagte Joans Entführer schließlich, und ohne eine Erwiderung ritten die anderen in alle Himmelsrichtungen davon, wobei sie ausgetretene Pfade mieden und stattdessen mit dem Wald verschmolzen.

Diese Perfektion deutete darauf hin, dass der große Lord Edmund seine Hand im Spiel hatte, doch sie wollte nicht glauben, er könnte sich zu etwas so Kleinlichem hinreißen lassen.

Es mussten einige seiner Männer sein, die sich ohne sein Wissen einen Spaß erlaubten. Ihr war zu Ohren gekommen, dass es gerade die bewaffneten Krieger und die Gefolgsleute der beiden Familien waren, die für den meisten Ärger sorgten.

Worauf es im Moment aber nur ankam, war ihre Freilassung, damit sie nach Woldingham zurückkehren konnte.

„Kommt Ihr von den de Graves?“, flüsterte sie ihm zu, als er mit seinem Pferd ebenfalls den Pfad verließ, aber eine andere Richtung einschlug als die übrigen Männer.

Wieder beugte er sich über sie, diesmal jedoch, um sie vor dem dornigen Zweig einer Stechpalme zu beschützen, den er mit einer Hand zur Seite drückte.

„Natürlich. Ihr seid in Sicherheit, Lady. Keine Angst.“

In Sicherheit. Was für eine eigenartige Bemerkung, noch dazu eine gänzlich unzutreffende. Joan hatte sich noch nie in ihrem Leben so wenig in Sicherheit gefühlt wie in diesem Moment, was aber nicht durch den Mann hinter ihr bedingt war. Sie und Nicolette hatten geplant, die Plätze zu tauschen, sobald Maria und Josef in die Burg eingelassen worden waren. Doch je mehr Zeit verstrich, umso wahrscheinlicher wurde es, dass man Nicolette entdeckte. Onkel Henry würde glauben, sie hätten ihm einen kindischen Streich spielen wollen, und würde außer sich vor Wut sein. Wenn er aber erst einmal den wahren Grund dafür kannte … Joan wollte sich gar nicht erst ausmalen, wie sehr er dann wohl vor Wut rasen würde.

Sie musste zurück auf die Burg.

„Lasst mich gehen“, drängte sie. „Ihr habt Euer Ziel erreicht.“

„Tatsächlich?“

„Ja, natürli…“

Er legte seine große, schwielige Hand auf ihren Mund, dann hörte sie, was er vor ihr schon wahrgenommen hatte. Aus weiter Ferne erklang das Geheul der Hunde, die ihrem Onkel gehörten.

„In der kalten Winterluft werden Geräusche weiter getragen als sonst“, hauchte er ihr zu. „Versucht, nicht zu reden.“

Dann nahm er seine Hand weg, und sie ritten weiter, kamen aber wegen des unwegsamen Geländes nur langsam voran. Versucht, nicht zu reden? Wie sollte sie ihn zur Vernunft bringen, wenn sie nicht sprechen durfte? Dennoch verfiel Joan in Schweigen. Welchen Sinn hätte es schon gehabt, mit diesem Mann über ihre Freilassung zu diskutieren? Wie sollte sie jetzt noch unbemerkt zurück in die Burg gelangen, wenn ihr Onkel schon die Spürhunde auf ihre Fährte angesetzt hatte?

Doch der Gedanke an Nicolette ließ sie einen weiteren Versuch unternehmen. Vielleicht interessierten sich die Hunde ja gar nicht für ihre Fährte. „Lasst mich absitzen“, flüsterte sie. „Dann könnt Ihr weiterreiten.“

„Wir reiten bereits weiter“, erwiderte er mit einem amüsierten Unterton.

„Ihr seid allein. Ihr könnt Euch nicht gegen sie wehren. Und die Hunde …“

„Die haben etliche Fährten, denen sie folgen können. Zu schweigen fällt Euch offensichtlich schwer, nicht wahr, Lady Nicolette?“

Bevor Joan sich darüber im Klaren war, ob sie ihm sagen sollte, dass sie nicht Nicolette war, redete er bereits weiter: „Und hier ist wie geplant das Wasser, das unsere Fährte verwischen wird.“

Es handelte sich um einen flachen Flusslauf, dessen Wasser laut plätschernd die Steine im Flussbett umspülte. Das Pferd befolgte die minimalen Signale, die der Reiter ihm mit seinem Muskelspiel gab, und trottete durch das Wasser.

Noch ein kluger Zug dieses Mannes. „Was wollt Ihr von mir?“, fragte sie ihn. „Warum lasst Ihr mich nicht wieder gehen?“

„Könnt Ihr Euch das nicht vorstellen?“

Was sollte sie sich denn vorstellen? Ihr Plan war es doch wohl gewesen, die Zeremonie zu stören. Was sollte da sonst noch sein?

Dann kam ihr ein schrecklicher Gedanke. Was, wenn der Plan damit noch nicht erfüllt war? Was, wenn aus der brodelnden Fehde ein Höllenfeuer werden sollte? Es gab einige in Woldingham, die sich für einen Krieg aussprachen, darunter auch ihr Cousin Gamel. Vielleicht gab es auf Mountgrave Castle Männer, die genauso dachten. Männer, die Öl ins Feuer gießen wollten.

Die Zeremonie zu stören, entsprach nur einem Spritzer Öl, eine Entführung einem Becher voll. Aber einer Frau Gewalt anzutun … der einzigen Tochter von Lord Henry Gewalt anzutun … das war so, als würde man ein ganzes Fass Öl in die Flammen schütten, das eine Feuersbrunst entfachte, die nur mit dem Blut einer ganzen Familie gelöscht werden konnte.

Und wenn es nicht die Tochter war, sondern ihre Cousine Joan, dann entsprach das immerhin noch einem Kelch voll Öl, der für eine ausreichend wütende Flamme genügte.

Joan schickte ein Stoßgebet an die Jungfrau Maria, die Beschützerin aller Jungfrauen, und versuchte verzweifelt, einen Ausweg aus ihrer misslichen Lage zu finden.

Gegenwehr? Nein, das war lächerlich.

Vom Pferd springen und davonlaufen? Er würde sie nach wenigen Augenblicken eingeholt haben.

Sollte sie ihn vom Pferd stoßen und davonreiten? Ein für Gefechte ausgebildetes Pferd würde sich von ihr keine Befehle geben lassen, und Joan hätte ebenso versuchen können, die Hügel zu beiden Seiten des Flusses aus dem Weg zu schieben, wenn sie glaubte, sie könnte diesen Mann vom Pferd werfen!

Vor Hilflosigkeit und Panik begann sie am ganzen Leib zu zittern.

„Ist Euch kalt?“, fragte er. „Wir werden bald eine Zuflucht erreicht haben.“

„Wo? Was? Wohin bringt Ihr mich?“ Ihre Stimme wurde so schrill, dass er fluchend abermals seine Hand auf ihren Mund legte.

„Zu einer Höhle“, erklärte er und klang gereizt. „Sie ist so ausgestattet, dass sich eine Dame dort wohlfühlt. Und nun seid ruhig, bis wir dort angekommen sind.“

Da seine Hand nach wie vor auf ihrem Mund lag, blieb ihr ohnehin keine andere Wahl. Dennoch ließ ihre Angst zumindest ein wenig nach. Während sie sich nach hinten gegen den Reiter lehnte und das Pferd einem Pfad aus dem Fluss folgte, auf dem vermutlich sonst Schafe durch den Wald getrieben wurden, musste sie über den gereizten Tonfall des Mannes nachdenken. Würde ein Mann, der darauf aus war, einer Frau Gewalt anzutun oder sie gar zu ermorden, so reden wie er?

Wie sollte sie das beurteilen können? Sie hatte zwar etliche Brüder und kannte sich recht gut mit den Denk- und Verhaltensweisen von Männern aus, doch sie wusste nichts darüber, wie sie reagierten, wenn es um einen Krieg oder eine Blutfehde ging. Der Gedanke an ihre Brüder und damit an ihre Familie ließ ihr Tränen in die Augen steigen.

Wieder war sie in Schwierigkeiten geraten. Das jedenfalls würden sie zu ihr sagen, sollte sie dieses Grauen hier überleben. Ihre Brüder würden sich umgehend auf den Weg machen, um den Mann zu töten, der Schande über sie gebracht hatte, doch davon hätte sie letztlich auch nichts mehr. Jeder würde sagen, es sei ihre eigene Schuld, und wie üblich hätten die anderen damit recht.

Als Joan in Pelze gehüllt in Woldingham angekommen war, da hoffte sie auf neue Abenteuer. Sie musste jedoch feststellen, dass ihre Cousine Nicolette eine schwächliche, weinerliche Person war. Offenbar war das auch der Grund, weshalb man sie auf die Burg geholt hatte – um ihr Gesellschaft zu leisten und dafür zu sorgen, dass sich ihre Laune besserte. Von ihrer Tante Ellen erfuhr sie, Nicolette sei liebeskrank und müsse bewacht werden, damit sie nicht mit dem betreffenden Mann durchbrannte. Auf keinen Fall durfte sie in ihrer Laune bestärkt werden.

„Deine Eltern berichten, du seist eine vernünftige junge Frau, Joan, die nicht zu Dummheiten neigt.“

Joan fühlte sich in dem Moment, als sie diese Worte zu hören bekam, nicht besonders vernünftig, da sie beim Anblick von Woldingham überwältigt und sprachlos war – von der Größe des Anwesens und der Anzahl der Bediensteten ebenso wie von den glitzernden Kostbarkeiten, die es zu sehen gab, wohin sie auch schaute. Zwar murmelte sie eine zustimmende Bemerkung – schließlich hatte sie ihrer Mutter versprochen, sich gut zu benehmen –, dennoch wagte sie es, eine Frage zu stellen: „Wen liebt Cousine Nicolette, Tante?“

„Das ist nicht wichtig. Er ist völlig unpassend für sie. Wirklich völlig unpassend.“

Joan konnte sich nicht vorstellen, wie Nicolette so dumm sein konnte zu glauben, sie sei in einen besitzlosen Ritter oder einen Troubadour verliebt, und sie war mehr als glücklich darüber, ihr dabei zu helfen, diesen Irrglauben zu überwinden. Sie selbst war fest davon überzeugt, dass sich die Liebe auf ein vernünftiges, passendes Ziel hin dirigieren ließ.

Nicolette schien sich über Joans Gegenwart und die Ablenkung zu freuen, die sie ihr bot, und nach kurzer Zeit wandelte sie sich zu einer lebendigen, charmanten Freundin – auch wenn sie hin und wieder unglücklich seufzte. Joan ihrerseits genoss den Reichtum und die Bequemlichkeiten, die Woldingham zu bieten hatte, und Gleiches galt für die zahlreichen gut aussehenden jungen Männer, die ihr Interesse an Nicolette bekundeten. Sie hatte für sich zwar längst entschieden, dass ein älterer, vernünftigerer Mann für sie als Ehemann besser geeignet war, dennoch gab es nichts dagegen einzuwenden, von höflichen jungen Burschen umschwärmt zu werden. Auch wenn Nicolette sich erkennbar von keinem von ihnen in Versuchung geführt fühlte, hatte Joan gehofft, die Vorfreude auf das Weihnachtsfest würde ihre Seufzer für eine Weile verstummen lassen.

Je näher aber die Feiertage rückten, umso nachdenklicher und schwermütiger wurde Nicolette. Ihre Eltern waren zwar in Sorge um sie, da sie ihre Tochter über alles liebten, doch sie ließen kein Einlenken erkennen. Dieser Mann musste wahrhaftig völlig unpassend für Nicolette sein.

Dann eines Tages wurde Nicolette auf einmal ohnmächtig. Nachdem man sie in das luxuriöse Schlafgemach gebracht hatte, das sie sich mit ihrer Cousine teilte, sagte Joan ihr gehörig die Meinung. „Nicolette, dein Verhalten ist über alle Maßen dumm und albern. Kein Mann ist es wert, seinetwegen zu hungern und ohnmächtig zu werden!“

„Doch, das ist er!“, begehrte ihre Cousine auf, und plötzlich waren Tränen in ihren Augen zu sehen. „Aber das ist es eigentlich nicht … ich … ich habe solche Angst …“

„Angst? Wovor?“

„Vor … dem Schauspiel.“

„Du meinst das mit Maria und Josef? An Heiligabend?“

Nicolette nickte.

„Was ist an dem Stück, dass dir davon schlecht werden könnte? Du spielst doch schon seit drei Jahren die Jungfrau Maria, nicht wahr?“

„Ja, seit bei mir die … Blutung begonnen hat. Die jüngste Jungfrau im heiratsfähigen Alter …“

„Und?“

Nicolette sah sich erst im Raum um, als fürchte sie, jemand könnte dort lauern und sie belauschen, dann flüsterte sie: „Aber das bin ich nicht.“

„Was bist du nicht?“

„Eine Jungfrau.“

Mit offenem Mund sah Joan die Cousine an. Was sie da hörte, war so unfassbar, dass sie es nicht glauben wollte.

Aber es erklärte einiges.

„Schlimmer noch“, fuhr Nicolette fort, während sie die zitternden Hände vors Gesicht legte. „Ich erwarte ein Kind! Was soll ich nur machen?“ Mit großen Augen sah sie Joan hilfesuchend an. „Du darfst Vater und Mutter nichts davon sagen!“

„Das ist doch selbstverständlich“, versprach ihr Joan, die das Gefühl hatte, ihr Frühstück nicht länger bei sich behalten zu können. „Warum? Wie? Ich nehme ja nicht an“, herrschte sie ihre Cousine mit einer Mischung aus Entrüstung und Entsetzen an, „dass dich der Erzengel Gabriel aufgesucht hat. Wurde dir Gewalt angetan?“ Dies schien ihr die einzig vernünftige Erklärung zu sein.

Nicolette setzte sich auf. „Aber natürlich nicht. Ich liebe ihn!“

Ungläubig starrte Joan sie an. Nach Sir Taugenichts oder einem charmanten Troubadour zu schmachten, war eine Sache, aber ihm ihren Körper zu schenken …? „Wann?“

„Auf dem Jahrmarkt am Martinstag. Es ist einfach passiert. Wir wollten ein paar verstohlene Augenblicke für uns, und dann … Wir waren doch beide so unglücklich, und … ach, würde doch Vater bloß nachgeben! Aber bis vor Kurzem bin ich gar nicht auf den Gedanken gekommen, ich könnte ein Kind erwarten.“

Würde Onkel Henry sich von seiner sanfteren Seite zeigen, wenn er von dem Kind erfuhr? Sie wusste die Antwort, auch ohne ihm erst diese Frage stellen zu müssen. Nicolettes Eltern verwöhnten ihre Tochter über die Maßen, doch wenn sie sich so gegen den Mann sträubten, den sie liebte, dann musste er für sie tatsächlich völlig unpassend sein. Daran würde auch ein Kind nichts ändern. Obwohl … durch ein Kind würde sich alles ändern.

Ihr schauderte bei dem Gedanken an die Reaktion der Eltern, wenn Nicolette ihnen die Wahrheit gestehen musste. Würde das Kind sie davor bewahren, von ihrem Vater geschlagen zu werden? Von ihm in den finstersten Kerker gesperrt zu werden? Würde die Liebe ihrer Eltern stärker sein als der Schock und die Schmach?

Ganz gleich, wie die erste Reaktion ausfiel, auf jeden Fall würde Nicolette in einem Kloster enden, um dort ihr Kind zur Welt zu bringen, das man entweder ersticken oder an Fremde geben würde, damit die es großzogen. Anschließend war zu erwarten, dass sie entweder dauerhaft im Kloster blieb oder den nächstbesten Mann heiraten musste, der bereit war, für eine entsprechende Summe über ihren Makel hinwegzusehen.

Joan nahm ihre weinende Cousine in die Arme, obwohl sie gar nicht wusste, wie sie sie trösten sollte. Sie konnte nicht mehr lange darüber hinwegtäuschen, dass ein Kind in ihr heranwuchs. Es war nur eine Frage der Zeit.

Als sich ihre Cousine wieder ein wenig beruhigt hatte, sprach Joan ihr Mut zu, so gut sie konnte. „Mach dir keine Sorgen wegen des Schauspiels. Man sieht dir nichts an, und niemand weiß etwas davon.“

Ein wenig entrüstet sah Nicolette sie an. „Joan, Gott wird davon wissen! Ich kann nicht die gesegnete Jungfrau spielen! Ich würde einen Fluch über uns alle bringen!“

„Dein Kind wird früher oder später auch einen Fluch über uns bringen, welchen Unterschied macht es da, ob du bei dem Stück mitmachst oder nicht?“

„Es macht einen ganz beträchtlichen Unterschied aus!“, widersprach Nicolette und legte die Hände auf ihren Bauch. „Ich weiß, ich trage eine drohende Katastrophe mit mir herum, aber ich kann sie deswegen nicht noch schlimmer machen. Seitdem die de Graves das Bethlehem-Banner gestohlen haben“ – sie musste schlucken, weil ihr erneut die Tränen kamen –, „seit jener Zeit hängt das Wohlergehen von Woldingham von diesem Stück ab.“

Joan hoffte, eine gute Christin zu sein, doch sie wollte nicht so recht glauben, dass sich Gott um irgendwelche Schauspiele kümmerte. Die Geschichte von Maria und Josef nachzuspielen, hatte weitaus mehr mit menschlichem Wettstreit als mit Frömmigkeit zu tun.

Die bedeutenden Familien der de Graves und der de Montelans besaßen zahlreiche Anwesen, zwischen denen sie hin und her reisten, doch das Weihnachtsfest feierten sie beide hier in dieser Gegend. Die de Graves stellten dabei jenes Banner zur Schau, das man während des Kreuzzugs nach Bethlehem getragen hatte. Als direkte Antwort darauf hießen die de Montelans in ihrem Zuhause Maria und Josef willkommen, um so zu beweisen, dass sie etwas Besseres waren als der Rest der Menschheit. Jede Seite zeigte der anderen eigentlich nur eine lange Nase, mit einem Akt von Frömmigkeit hatte das Ganze kaum etwas zu tun.

„Du wirst es für mich tun müssen“, sagte Nicolette und riss Joan aus ihren Gedanken.

„Wie bitte?“

„Die Jungfrau spielen.“

„Das kann ich nicht machen!“

„Du musst es machen. Du bist doch eine Jungfrau, oder nicht?“

„Aber natürlich bin ich das!“

„Na bitte. Ich habe mir die Aufzeichnungen unserer Familie angesehen, und ich glaube, du bist ohnehin die jüngste Jungfrau im heiratsfähigen Alter.“

Joan überlegte, was sie selbst darüber wusste. Ihre Mutter war die Schwester von Lord Henry. Von den drei Brüdern waren zwei unverheiratet, der dritte hatte nur Söhne. Sie selbst hatte vier ältere, verheiratete Schwestern und fünf Brüder. Was Nicolette sagte, konnte durchaus stimmen.

„Aber ich kann nicht für dich durchgehen.“

„Doch, das kannst du. Um den Schein zu wahren, wirst du heimlich die Burg verlassen.“

„Ganz ohne Wachen?“

„Die Wachen werden dich bis zum Dorf begleiten und dann zurückkehren. Ihnen wird nichts auffallen. Du trägst ein Kopftuch und einen weiten Mantel, außerdem bindest du dir ein Kissen um, damit du aussiehst, als würdest du ein Kind erwarten. Davon abgesehen haben die Wachen nicht mit dir zu reden. Und vergiss nicht, wenn du in den Saal kommst, dann soll dich auch niemand erkennen können. Du musst also gut verhüllt bleiben.“

Joan musste zugeben, dass es durchaus machbar erschien. „Aber was ist dann mit dir? Dich darf doch niemand entdecken. Und wird den Leuten nicht auffallen, dass ich bei der Feier fehle?“

Nicolette lehnte sich zurück und überlegte eine Weile. „Deine Monatsblutung!“, rief sie plötzlich. „Du leidest ganz schrecklich darunter.“

„Das stimmt“, pflichtete Joan ihr bei. Sie hatte jedes Mal starke Schmerzen, und mindestens einen Tag im Monat musste sie sich ins Bett legen, schmerzstillende Tränke zu sich nehmen und angewärmte Steine auf den Bauch legen.

„Du wirst an Heiligabend deine Schmerzen bekommen.“

„Aber meine Regel setzt erst eine Woche später ein.“

„Ich glaube nicht, dass jemand mitzählen wird. Außerdem gebe ich vor, du zu sein.“

„Das wird nicht funktionieren. Deine Mutter war beim letzten Mal schrecklich um mich besorgt.“

„Du wirst ihr klarmachen, dass du nicht umsorgt werden willst. Zudem wird sie mit dem Fest so viel zu tun haben, dass ihr gar keine Zeit für etwas anderes bleiben wird. Ich ziehe unterdessen die Bettdecke über den Kopf und stöhne, falls jemand hereinkommt, um nach mir zu sehen.“

„Ich kann mir hundert Möglichkeiten vorstellen, wie das misslingen kann.“

„Ich auch, aber wir müssen es versuchen. Bitte, Joan. Ich werde kein Sakrileg begehen.“

Letztlich erklärte sich Joan seufzend mit dem Vorschlag einverstanden. „Aber es ändert nichts an deinem Problem, Nicolette. Was wirst du machen?“

Einen Moment lang glaubte sie schon, ihre Cousine würde nicht antworten, doch dann flüsterte die: „Ich stehe mit ihm in Verbindung. Ich habe ihm von dem Kind erzählt, und er wird einen Weg finden.“

Eine Lösung kam ihr in den Sinn, doch es fiel ihr schwer, diese auszusprechen. „Willst du weglaufen? Deine Familie verlassen?“

„Mir bleibt keine andere Wahl.“

„Oh, Nicolette!“ Joan beugte sich vor und nahm sie in die Arme, während ihr die Tränen kamen. Es war verlockend gewesen, ihr abermals vorzuhalten, welche Folge von Dummheiten zu diesem Elend geführt hatte, aber ihrer Cousine war zweifellos jeder einzelne Fehler bewusst. Und nun war sie selbst auch noch Teil dieser verheerenden Situation. Es würde schwer genug sein, die Wachen zu umgehen, die Nicolette behüteten, und sie aus der Burg zu bringen. Doch dann würde Nicolette für immer von ihrer Familie getrennt sein, während jeder in Woldingham von Gram erfüllt war. Und wofür das alles? Für jenes Trugbild namens Liebe, für jene Wildheit, genannt Lust.

Joan konnte nur beten und hoffen, Lord Henry würde angesichts dieser schrecklichen Situation einlenken und zu der Einsicht gelangen, dass es besser war, einen unwürdigen Ehemann zu akzeptieren, anstatt seine Tochter zu verlieren. Doch nach nunmehr einem Monat auf der Burg begann Joan zu zweifeln, es könnte je so kommen. Lord Henry war zwar ein gerechter, aber auch ein unerbittlicher Mann. Wer unschuldig war, der wurde nicht bestraft, doch wer schuldig war, durfte nicht auf Nachsicht hoffen. Jedes Zögern und jede Form von großzügiger Auslegung schien dieser Mann wie eine todbringende Seuche zu meiden.

Und sie selbst, die nun von den Armen des Feindes umschlossen war, hatte sich der Täuschung und vielleicht sogar eines Sakrilegs schuldig gemacht. Schlimmer noch war indes, dass Nicolette in der Burg festsaß, wo sie sich vermutlich nach wie vor unter der Bettdecke versteckte und kläglich stöhnte. Das Schauspiel und das Fest waren beide zunichtegemacht worden, und die de Montelans folgten wutentbrannt und zum Morden bereit der Fährte der de Graves’.

2. KAPITEL

Das Pferd blieb stehen, und Joan warf dem Mann einen wütenden Blick zu. „Ihr habt eine unglaubliche Bescherung angerichtet!“, sagte sie vorwurfsvoll.

„Ich habe gar nichts angerichtet“, gab er knapp zurück und saß ab, dann umfasste er Joan und hob sie ohne Mühe vom Pferd. Augenblicklich wurde sie daran erinnert, dass sie die Gefangene eines sehr starken und unbarmherzigen Mannes war, der womöglich böse Absichten hegte.

„Kommt mit ins Warme.“ Er führte sie zu einer unheilvoll wirkenden Öffnung im Hügel. „Vielleicht wird sich dann Eure Laune bessern.“

Ein Vorhang hing vor dem Höhleneingang, vermutlich um zu verhindern, dass Licht nach draußen fiel, denn das Innere wurde von drei tellerförmigen Öllampen erhellt. Es musste einen Schacht nach oben geben, denn der Rauch sammelte sich nicht in der Höhle, in der es nur wenig wärmer war als draußen.

Für das Pferd standen Heu und Wasser bereit, und es war auch sein Reittier, um das er sich als Erstes kümmerte. Joan war bis zu diesem Moment nicht bewusst gewesen, wie viel Wärme der Mann ihr während des Ritts mit seinem Körper gespendet hatte, doch nun begann sie zu schaudern. Aber womöglich war ihre Angst mit ein Grund für die Kälte, die sie nun verspürte.

Holz für ein Lagerfeuer war vorbereitet worden, das sie mit der Flamme einer der Öllampen entzündete, damit sie ihre Hände wärmen konnte. Als sie sich umsah, entdeckte sie zwei edle Holztruhen, drei Krüge und dicke Felle, die über einem Felsvorsprung ausgebreitet waren.

Vielleicht ein Bett? Sie musste schlucken, gleichzeitig überlegte sie, ob es vielleicht besser wäre, sich weiterhin für Nicolette auszugeben. Doch dann entschied sie sich dagegen. Selbst seit Ewigkeiten verfeindete Nachbarn liefen sich irgendwann einmal über den Weg, daher musste dieser Mann Nicolette zumindest einmal gesehen haben. Es war also unmöglich, dass er sie mit ihrer Cousine verwechseln könnte, wenn er sie erst einmal richtig sah.

Nicolette war schlank, ihr feines Haar hatte einen blassgoldenen Farbton wie köstliche Sahne. Joans weibliche Formen waren dagegen deutlich ausgeprägt, zudem kam ihr lockiges Haar der Farbe von Honig näher. Das große Polster, mit dem sie vortäuschte, hochschwanger zu sein, half zwar im Augenblick, die Unterschiede in der Figur der beiden zu überspielen, doch das würde ihr nichts mehr nützen, wenn er erst einmal die Gelegenheit bekam, sie genauer zu betrachten.

Nach einem leichten Klaps auf den Hals seines Pferdes kam er zu ihr. „Bitte, Lady Nicolette, setzt Euch doch.“ Er deutete auf die Pelze.

Joan blieb vor dem Feuer stehen, um den Moment hinauszuzögern, da er ihre wahre Identität erkannte.

„Wer seid Ihr, und was wollt Ihr von mir?“

„Es tut mir leid“, sagte er und klang aufrichtig. „Ich dachte, Ihr hättet es erraten, Nicolette. Unter dunkler Kleidung und Ruß verbirgt sich Lord Edmund de Graves, und Ihr befindet Euch nun in meiner Obhut.“

Vor Schreck wie benommen, drehte sie sich langsam um.

Goldblondes Haar, und von Ruß verdeckt ein Gesicht, das es in seiner Schönheit mit dem Erzengel Michael hätte aufnehmen können. Dazu der geschickte Umgang mit seinem Pferd. Das edle Reittier an sich. Die Aura eines Mannes, der Herr einer Situation war.

Der Goldene Löwe.

Und er hatte Nicolette entführt. Aber warum?

Natürlich! Weil er ihr Geliebter war!

Sie ging die wenigen Schritte bis zum Felsvorsprung und ließ sich auf das Fell niedersinken. Welcher Mann konnte so gut aussehen, dass der Verstand ihrer Cousine aussetzte, und war zugleich als Ehemann für Nicolette of Woldingham so ungeeignet wie kein anderer?

Lord Edmund de Graves.

„Habt keine Angst“, sagte er, während er sein Lederwams auszog, unter dem ein dunkelgrüner Waffenrock zum Vorschein kam. „Wir sind hier in Sicherheit. Nicht mehr lange, dann wird die erste Verfolgungsjagd aufgegeben, und wir können nach Mountgrave weiterreiten.“

Er tauchte ein Stück Stoff in einen Eimer voll Wasser und rieb sich das Gesicht sauber. Joan saß derweil da und war sprachlos und zugleich tief enttäuscht. Vermutlich würde auch er jeden Moment von großer Enttäuschung erfasst werden. Zu dumm von ihm, nicht zeitig zu erkennen, dass er die falsche Frau entführt hatte. Aber nachdem sie ihr Leben lang an der Seite ihrer Brüder verbracht hatte, die manchmal genauso schwer von Begriff waren, wunderte sie sich gar nicht so sehr über eine solche Dummheit.

Zumindest musste sie nun nicht mehr fürchten, er könnte ihr Gewalt antun. Doch anstelle großer Erleichterung verspürte sie nur Bedauern – ein Bedauern, das einem Helden mit einem Makel galt. Unfassbar, dass jemand wie er zu der Sorte von Männern gehörte, die während des Jahrmarkts am Martinstag in einer dunklen Ecke Schande über eine junge Frau brachten!

Er drehte sich zu ihr um. „Bitte, Mylady, wir sind hier in Sicherheit. Macht es Euch doch etwas bequemer.“

Es war sinnlos, das Ganze noch länger hinauszuzögern. Joan nahm das Tuch ab, das sie sich um den Kopf gewickelt hatte.

Der Mann ihr gegenüber wurde ernst. „Wer seid Ihr?“

„Joan of Hawes, die Cousine von Lady Nicolette.“

In einer atemberaubend fließenden Bewegung ließ er sich im Schneidersitz neben das Feuer sinken. „Dann haben wir jetzt ein Problem, Mylady.“

Joan kämpfte mit den Tränen, als sie aufstand und den Gürtel lockerte, sodass ihr umgebundenes Kissen zu Boden fiel, das sie achtlos mit dem Fuß zur Seite schob.

Sein wohlgeformter Mund zuckte leicht. „Was für eine beiläufige Art, mit der Nachkommenschaft umzugehen.“

„Ich bin mir fast sicher, viele Frauen wünschten sich, Schwangerschaften könnten so zum Abschluss geführt werden.“

„Da habt Ihr wohl recht. Warum spielt Ihr diese Rolle, Lady Joan?“

„Die Antwort darauf kennt Ihr, Mylord“, gab sie zurück, setzte sich wieder hin und zog den Umhang enger um sich.

„Ach ja“, sagte er, wobei seine Augen etwas größer wurden. „Die Jungfräulichkeit der gesegneten Maria. Es stimmt, daran hätte ich denken sollen.“

„Allerdings!“

Er zog die Brauen ein wenig hoch, da er ihren spöttischen Tonfall bemerkt hatte. Es waren wunderschöne Brauen, goldfarben und sanft geschwungen. Auch sein Haar war bewundernswert, das in Wellen bis auf seine Schultern fiel.

Was für eine trügerische Schönheit.

Was für eine Vergeudung.

Und was für eine Versuchung!

Zweifellos erteilte ihr der Himmel soeben eine Belehrung, um sie in ihrer Ansicht zu bestärken, dass eine Frau dumm war, wenn sie ihren Ehemann allein nach dessen Aussehen auswählte.

Während sie einen Seufzer angesichts dieser bitteren Lektion unterdrückte, stand sie auf. „Werdet Ihr mich nun nach Woldingham zurückbringen, bevor sich eine Dummheit in eine Tragödie verwandelt?“

Er rührte sich nicht von der Stelle. „Besäße ich einen Zauberstab, würde ich das zweifellos tun, Lady Joan. Aber den besitze ich nicht, und daher müssen wir der ersten Gruppe von Verfolgern aus dem Weg gehen. Wir werden eine Weile hierbleiben und abwarten.“ Er drehte sich um, griff nach einem Krug und zwei Bechern, dann schenkte er ihnen beiden Wein ein. Einen Becher hielt er Joan hin. Sie nahm ihn und bemerkte, wie schwer der Becher war. Er bestand aus massivem Silber und wies kunstvolle Verzierungen auf. Als sie an dem Getränk nippte, entpuppte es sich als vollmundiger Met. Selbst auf der Flucht und in einer Höhle versteckt führte Edmund de Graves kein schlichtes Leben.

Dieser Teil des Mythos entsprach also der Wahrheit, denn der Reichtum von Mountgrave gehörte zur Legende, die diese Familie umgab. Und damit auch ein Teil der Verbitterung zwischen den beiden Familien, da die de Montelans den unermesslichen Wohlstand der de Graves’ auf den Besitz des Banners zurückführten.

Zu gern hätte Joan darauf bestanden, dass sie sofort aufbrachen, doch sie wusste, er hatte recht. Ringsum wimmelte es inzwischen längst von den Männern aus Woldingham, Männer, die erst töten würden, ehe sie ihren Verstand benutzten.

Dem Goldenen Löwen sagte man nach, er sei ein Krieger von nahezu wundersamem kämpferischem Geschick und ebensolcher Kraft, doch selbst wenn das stimmte, konnte er nicht ganz allein zehn oder zwanzig Gegner niederringen – erst recht nicht, wenn er unbewaffnet war.

Dann bemerkte sie Rüstung und Schwert in der Ecke, in der sein Pferd stand, beides aus mattem Stahl und glänzendem Gold, das im Feuerschein funkelte. Aber selbst seine Rüstung konnte ihm nicht helfen, sie sofort unbemerkt nach Woldingham zurückzubringen. Damit war jede Hoffnung vergebens, vielleicht doch noch zu verhindern, dass Nicolette entdeckt wurde und die Wahrheit ans Licht kam.

Seufzend lehnte sie sich auf der luxuriösen, wenngleich behelfsmäßigen Bank nach hinten.

„Wo ist Lady Nicolette?“, wollte er wissen.

„Im Bett. Sie gibt vor, ich zu sein und sich unwohl zu fühlen.“

„Kann sie dort längere Zeit unentdeckt bleiben?“

Zumindest war er so klug, wie man ihn beschrieb, sodass es nicht nötig war, ihm erst jedes Detail zu erklären. „Vielleicht für eine Weile, solange niemand Verdacht schöpft.“

„Lady Nicolette wird von ihrer Familie sehr geliebt. Und da soll sie niemand besuchen, um sich davon zu überzeugen, dass es ihr gut geht?“

„Ihr vergesst, sie ist nicht Nicolette, sondern sie ist ich, und ich bin nichts weiter als eine Cousine.“

„Aber Ihr seid dort ein Gast. Das erscheint mir nachlässig.“

Eigentlich wollte sie mit diesem Mann nicht über so intime Dinge reden, dennoch erklärte sie: „Meine Regel verläuft immer sehr schmerzhaft, Mylord. Einmal hatte ich sie bereits bei meiner Ankunft in Woldingham. Lady Ellen weiß, dass sie mir dann für eine Weile Ruhe gönnen muss. Außerdem wird sie genug anderes zu tun haben.“

„Ah, und das Glück wollte es so, dass Ihr jetzt Eure Regel bekamt? Dafür haltet Ihr Euch tapfer aufrecht.“

Ihre Wangen begannen zu glühen. „Bis dahin dauert es eigentlich noch ein bisschen, Mylord. Wir können nur hoffen, dass Lady Ellen auf solche Dinge nicht allzu genau achtet.“

Er zuckte mit den Schultern und trank einen Schluck Wein. „Und wie wolltet Ihr diese Täuschung bis zum Ende durchhalten?“

Daraufhin erklärte sie ihm, wie sie sich auf dem Weg zum Dorf getarnt hätte. „Wäre alles nach Plan verlaufen, dann hätte man Josef und mich zum Gemach begleitet, und das Fest hätte seinen Anfang genommen. Dort wäre es uns möglich gewesen, unbeobachtet unsere Umhänge abzulegen, um dann ebenfalls an der Feier teilzunehmen. Natürlich wäre Nicolette dann erschienen, um meinen Platz einzunehmen, während ich mich an ihrer Stelle ins Bett gelegt hätte. Das Täuschungsmanöver hätte nicht lange dauern müssen, weil ich vorhatte, nach etwa einer Stunde wie durch ein Wunder von meinen Schmerzen zu genesen und mich zu den anderen zu gesellen.“ Mit einem wehmütigen Unterton fügte sie hinzu: „Ich hatte mich darauf gefreut.“

„Meine bedauernswerte Lady“, sagte er mit dem Anflug eines Lächelns auf den Lippen. „Allerdings hatten wir keine andere Wahl. Vom heutigen Abend abgesehen, lässt Lord Henry seine Tochter keinen Moment lang unbewacht, und ich möchte kein weiteres Blutvergießen zwischen unseren Familien.“

Sie musste daran denken, wie Hunde gejault hatten, und warf ihm einen fragenden Blick zu.

„Es gab bislang kein Blutvergießen, und wenn es nach mir geht, wird es das auch nicht geben“, erklärte er.

„Was ein weiterer Grund sein dürfte, weshalb Ihr derzeit nicht versuchen werdet, mich nach Woldingham zurückzubringen.“

„Richtig. Denn wenn es Eurer Familie gelingen sollte, mich zu töten, dann würde das nicht dem Frieden dienen.“

„Dieses gesamte Abenteuer wird dem Frieden nicht dienen!“, hielt sie ihm vor Augen.

„Das ist mir nur allzu deutlich bewusst. Wie lange wird Lady Nicolette die Täuschung aufrechterhalten können?“

Joan gab die Hoffnung auf, ihn zu der Einsicht zu bringen, wie dumm es gewesen war, Nicolette überhaupt erst zu verführen. „Das lässt sich unmöglich sagen, Mylord. Ich kann nur hoffen, Lady Ellen ist wegen der Entführung viel zu abgelenkt. Dennoch könnte es sein, dass sie zu Nicolette ans Bett kommt, in dem ich vermeintlich liege, um mir von dem Vorfall zu erzählen. Denkbar ist auch, dass man sie bis zum Morgen unbehelligt lassen wird. Könntet Ihr mich bis vor Tagesanbruch zurückbringen?“

„Vielleicht. Aber das war nie Teil des Plans. Was wird mit Lady Nicolette geschehen, wenn man sie entdeckt?“

„Den wahren Grund wird sie nicht nennen können, also wird sie behaupten müssen, wir hätten uns einen Streich erlaubt. Lord Henry wird sie dafür bestrafen, so viel ist gewiss.“

„Wie hart wird seine Strafe ausfallen? Ihr habt Lord Henrys heiliges Schauspiel ruiniert, vielleicht sogar ein Sakrileg oder einen Verrat begangen.“

Joan wusste auch so, was sie getan hatten, das musste er ihr nicht noch erklären. „Lord Henry liebt seine Tochter sehr.“

„Aber ich nehme nicht an, dass er Euch genauso liebt wie sie. Vielleicht wäre es besser, Ihr würdet gar nicht nach Woldingham zurückkehren.“

„Ich werde nicht zulassen, dass Nicolette sich allein ihrem Vater stellen muss.“ Ihre ehrenhafte Erklärung wurde von einem plötzlichen Geräusch unterbrochen – dem Knurren ihres leeren Magens.

Edmund zog die Brauen hoch, dann stand er auf und nahm eine Holzkiste hoch, die er geöffnet neben Joan abstellte. „Schweinefleisch, Brot und ein Kuchen mit getrockneten Früchten. Kein Festmahl, aber immerhin etwas zu essen.“

Er selbst nahm nichts davon, sondern kehrte zu seinem Platz neben dem Feuer zurück. Joan hätte es ihm gern nachgetan und das Essen ignoriert, doch sie war wie ausgehungert. „In Woldingham fastet man an Heiligabend“, erklärte sie. „Ich habe den ganzen Tag nur trockenes Brot und Wasser zu mir genommen.“

„Wohingegen ich Fisch und anderes aß. Bitte, Mylady, bedient Euch. Es ist für Euch gedacht. Während Ihr esst, haben wir Zeit zu überlegen, was wir unternehmen können.“

Joan versuchte, sich ihren Hunger nicht zu sehr anmerken zu lassen, und nahm nur winzige Bissen Fleisch und Brot. „Ihr müsst mich nach Woldingham zurückbringen, Mylord, solange noch Hoffnung besteht, dass wir das Täuschungsmanöver aufrechterhalten können.“

„Wenn es allerdings bereits aufgedeckt wurde, dann wird es um Euch schlecht bestellt sein.“

„Ich gehe nicht davon aus, dass Lord Henry mich umbringen wird. Und Nicolette auch nicht“, fügte sie hinzu, da es sie mit einem Mal störte, wie wenig Sorge er für seine Geliebte erkennen ließ. „Aber wenn er von dem Kind erfährt …“

„Dieser Gefahr bin ich mir bewusst, Lady Joan. Deshalb auch dieser Versuch, Lady Nicolette in Sicherheit zu bringen.“

Sie wollte ihn zurechtweisen, weil ihre Cousine seinetwegen ein Kind erwartete, doch sie konnte sich noch eben beherrschen. „Wie lange wird es dauern, bis wir zurückkehren können?“

Sein Blick wanderte zu der Holzkiste. „Bei Eurem Appetit nicht mehr lange.“

Erschrocken darüber, dass sie Stück für Stück fast alles aufgegessen hatte, liefen ihre Wangen rot an. „Ich war eben hungrig.“

„Ich zum Glück nicht.“ Zuckten seine Mundwinkel gerade wieder? Machte er sich etwa über sie lustig? Joan konnte den Goldenen Löwen plötzlich gar nicht mehr besonders gut leiden.

Bedächtig griff sie nach dem letzten Stück Obst und biss davon ab. „Wann können wir nach Woldingham zurückkehren, Lord Edmund?“, hakte sie noch einmal nach.

„Vielleicht bei Tagesanbruch. Bis dahin sollte die Suche beendet sein. Doch selbst wenn Ihr unbehelligt zurückkehren könnt, ändert es nichts daran, dass Lady Nicolette nach wie vor auf der Burg festgehalten wird. Wüsstet Ihr einen Weg, ihr zu helfen, damit sie nach Mountgrave gelangen kann?“

Joan wollte eben erwidern, dass sie dies nicht machen würde, selbst wenn sie es könnte, doch in diesem Moment meldete sich ihr Verstand zu Wort. Dieser Mann war der Vater von Nicolettes Kind, er war derjenige, den ihre Cousine liebte, und zumindest er schien ihr Wohlergehen über alles andere zu stellen. Nicolette würde an seiner Seite sein wollen, wo sie eindeutig sicherer aufgehoben war als bei ihrer Familie, sobald ihr Zustand nicht mehr zu verheimlichen war.

„Warum sollte ich Euch helfen?“, fragte sie in der Hoffnung, mehr über seine Absichten zu erfahren. Ob er vorhatte, ihre Cousine zu heiraten? Aber wie sollte er das bewerkstelligen, ohne den Segen ihrer Familie und angesichts der Tatsache, dass Lord Henry zweifellos dem König sein Leid klagen würde?

Er trank einen Schluck Wein. „Möchte sie denn nicht wieder mit ihrem Geliebten vereint sein?“

„Das weiß ich nicht. Es wird viel Leid und Ärger nach sich ziehen.“

„Diese verfluchte Fehde sorgt schon seit Generationen für Leid und Ärger. Und ihr Zustand wird noch viel mehr Ärger heraufbeschwören. Glaubt Ihr, Lord Henry wäre milder gestimmt, wenn er weiß, dass sie ein Kind erwartet?“

Er wusste die Antwort, ohne dass Joan etwas erwidern musste. Sie legte das Stück Obst zur Seite, da ihr der Appetit vergangen war. „Das ist eine solche Torheit. Warum sitzt diese Feindschaft zwischen Euch und Lord Henry so tief?“

„Von meiner Seite aus besteht keine Feindseligkeit, das kann ich Euch versichern, auch wenn es über die Jahre hinweg so viele Tote zu beklagen gab.“

Joan erinnerte sich, dass sie davon gehört hatte, Lord Edmund habe einen Waffenstillstand vorgeschlagen. „Aber er will nicht einlenken?“

„Er ist nicht gänzlich abgeneigt. Ich glaube, tief in seinem Inneren ist Lord Henry diesen Wahnsinn genauso leid wie ich. Doch dieser Zwischenfall lässt den Zwist nur wieder umso stärker aufflammen.“

„Was auch nicht anders zu erwarten war“, fuhr Joan ihn an und sprang auf, da ihre Geduld erschöpft war. „Bei Gott, Lord Edmund, wie konntet Ihr nur so dumm sein?“ Ohne auf seine energische Geste zu achten, redete sie weiter: „Wenn ich Euch so ansehe, dann kann ich verstehen, warum Nicolette alle Vernunft fahren ließ, aber Ihr seid reicher an Jahren und an Erfahrung. Ihr seid der Goldene Löwe! Ihr hättet für Euch und für sie gemeinsam stark sein müssen.“ Sie begann in der beengten Höhle auf und ab zu gehen, während sie weiter das aussprach, was ihr durch den Kopf ging. „Ach, Männer sind doch alle unmöglich. Ihr denkt nur mit Eurem …“

Er packte sie an ihrem Rock und zog sie ruckartig zu sich, sodass sie fast ins Lagerfeuer gestürzt wäre. „Hört auf damit!“ Im letzten Moment konnte sie zurückweichen, fiel dabei jedoch rücklings auf den Boden. Sie wollte den Abstand zu Lord Edmund vergrößern, doch er fasste ihre Taille und zog sie auf seinen Schoß.

„Wenn Ihr mich anseht?“, wiederholte er ihre Worte. In seinen Augen stand ein sonderbares Funkeln. „Gelüstet Euch dann selbst auch nach mir, Lady Joan?“

Sie wandte ihr Gesicht von ihm ab. „Ich nehme nur Eure Ausstrahlung zur Kenntnis, Mylord. Die Ausstrahlung, die Ihr auf eine empfängliche junge Frau ausübt.“

„Und Ihr selbst, die Ihr auch jung seid, würdet Euch nicht als empfänglich bezeichnen?“

„Keineswegs.“ In aller Eile ergänzte sie dann noch: „Und fühlt Euch bitte nicht veranlasst, mir das Gegenteil zu beweisen …“

Er zog sie näher an sich heran, sodass sie gezwungen war, ihn anzusehen. Ein spöttisches Lächeln lag auf seinem Gesicht. „Wie gut kennt Ihr denn Männer, Lady Joan? Ihr wisst doch, dass wir einer Herausforderung nicht widerstehen können, nicht wahr? Seid Ihr Euch sicher, überhaupt geeignet zu sein, die gesegnete Jungfrau zu spielen?“

Plötzlich spürte sie, wie er eine Hand gleich unterhalb ihrer Brust auf ihren Bauch legte. So dicht unterhalb ihrer Brust, dass es einer unterschwelligen Verführung gleichkam. Vermutlich konnte er fühlen, wie wild ihr Herz schlug. Warum nur hatte sie nicht den Ratschlag ihrer Mutter befolgt, in der Gegenwart von Männern ihren Mund zu halten?

„Mylord“, versuchte sie es in einem beschwichtigenden Tonfall, in dem sie auch mit einem knurrenden Hund reden würde. „Ihr seid doch eigentlich gar nicht an mir interessiert, und mit Eurem Verhalten entehrt Ihr nur Nicolette.“

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