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Süße Rache des Herzens / Miss Sylvies unschickliches Geheimnis

Mary Brendan

Süße Rache des Herzens

PROLOG

„Sie haben Ihre Meinung doch noch geändert.“

Die Freude in der Stimme des jungen Mannes traf Edgar Meredith wie ein Stich mitten ins Herz. Trotzdem quälte er sich ein Lächeln ab.

Nein, Rachel hat ihre Meinung geändert, dachte er bedrückt. Das Bedauern darüber war wie ein Schmerz und nahm ihm den Atem, sodass er nicht auf die Begrüßung antwortete.

Nach neunzehneinhalb Jahren, in denen er Zeuge vieler Tränen und Wutanfälle seiner ältesten Tochter sein musste, war ihm nicht entgangen, dass sie eigensinnig und ungestüm sein konnte. Jedoch hatte er nie angenommen, sie könne auch gefühllos und durchtrieben sein. Heute hatte sie allerdings den schockierenden, beschämenden Beweis dafür erbracht. Auch jetzt noch war er genauso unfähig zu sprechen wie vor einigen Stunden, als seine Frau ihn über die Situation unterrichtet hatte. Doch sprechen musste er …

Edgar betrachtete den jungen Mann, und wieder fiel ihm dessen beeindruckende, muskulöse Gestalt auf und mit welcher Leichtfüßigkeit er sich dennoch bewegte. Als er ihm zur Begrüßung kräftig die Hand schüttelte, klammerte Edgar sich fast verzweifelt an ihn, statt lediglich den Druck zu erwidern.

„Was möchten Sie trinken? Cognac? Champagner?“ In seiner frohen Erregung fiel der leicht singende Tonfall seines irischen Akzents nicht mehr so sehr auf. Connor Flint lachte verschwörerisch und suchte ein Glas für den Mann aus, den er ab morgen Vater würde nennen dürfen. „Sie haben es also geschafft, sich für ein Stündchen davonzuschleichen, was?“

Edgar ertappte sich dabei, wie er nickte und den Mund zu einem verzerrten Lächeln verzog, während er zusah, wie sein junger Freund ihm Champagner einschenkte. Nein, er brauchte sich nicht mehr davonzuschleichen. Von jetzt an konnte er so viel Zeit, wie er wollte, mit seinen Freunden verbringen. Denn man brauchte ihn für keine Hochzeitsvorbereitungen mehr. In den vergangenen sechs Monaten war er so stolz darauf gewesen, Major Connor Flint zu seinen Freunden zählen zu dürfen. Aber würde Connor nach heute Abend je wieder das Wort an ihn richten wollen?

Mr. Edgar Meredith war ein Mann mit vier Töchtern und dem heftigen Verlangen nach einem Sohn. Mrs. Meredith hatte ihm zu verstehen gegeben, dass genug genug sei, und zu ihrer Erleichterung und seiner Betroffenheit wurde sie darin bald von Mutter Natur unterstützt. Welch angenehmer Zuwachs zu seiner Familie wäre da doch Connor gewesen!

„Ich hatte keine Ahnung gehabt, wie viele Männer mir ihr Mitleid aussprechen wollten zu meiner letzten Nacht in Freiheit“, sagte Connor amüsiert und wies auf die lärmenden Gäste – darunter sein betrunkener Halbbruder – die seinen gemütlichen Salon füllten. Er lächelte, aber der Blick seiner klugen blauen Augen lag nachdenklich auf Edgar.

Der nickte nur, rieb sich mit einer fahrigen Handbewegung das Kinn und hob das Glas an die Lippen. Doch als würde ihm klar, wie enorm unangebracht es wäre zu trinken, stellte er es abrupt auf die Anrichte. Allen Mut zusammennehmend, zwang er sich, Connor anzusehen.

Einen Moment ließen ihre Blicke nicht voneinander, und Edgar wurde von einem Gefühl tiefster Erleichterung durchflutet. Connor wusste es! Er wusste es aus irgendeinem Grund und war bereit, ihm die ganze Sache zu erleichtern. Kein Grund für ihn, hilflos nach nutzlosen Ausreden zu suchen, um das empörende Benehmen seiner Tochter zu rechtfertigen „Es tut mir leid. Es tut mir so leid.“ Seine Stimme zitterte leicht, die Worte waren kaum zu hören beim rauen Gelächter, das sie umgab.

Connor zog ihn brüsk in eine Ecke des Raums, fort vom prasselnden Kaminfeuer und den betrunkenen Männern, die ihm lauthals zuprosteten.

„Warum?“

So heftig stieß er dieses eine Wort aus, dass Edgar zusammenzuckte, als wäre ein Schwall von Beleidigungen auf ihn niedergeprasselt. „Ich weiß es nicht. Sie ist eigensinnig … halsstarrig …“, erwiderte er hilflos und fügte hastig hinzu: „Ich hatte nicht die Gelegenheit, sie zur Rede zu stellen. Als ich von Windrush zurückkehrte, hatte sie sich bereits heimlich nach York davongemacht.“

Ein erstickter Laut von Connor unterbrach ihn, dann ein düsteres Lachen und ein leiser Fluch. „Nach York? Sie ist bis ganz nach York geflohen? Lieber Himmel!“

„Sie hat da eine Tante. Die Schwester meiner Frau“, erklärte Edgar zögernd. „Ich schwöre Ihnen, wir wussten nichts davon. Mrs. Meredith ist bestürzt. Wenn ich auch nur die leiseste Idee gehabt hätte, sie könnte so etwas tun … In ihren neunzehn Jahren habe ich sie kein einziges Mal gezüchtigt, und der Herrgott weiß, sie hat mich oft mit ihrem Eigensinn in Versuchung geführt. Doch wäre mir nur eine Ahnung gekommen, wie hinterhältig sie sich verhalten würde, hätte ich sie schon vor Jahren übers Knie gelegt.“

Connor wandte abrupt den Kopf. Seine blauen Augen blitzten. „Sagen Sie das nicht.“ Die Stimme klang ruhig, fast freundlich, doch der Hauch einer Warnung war nicht zu überhören.

Müde schloss Edgar die Augen und fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. „Ich werde mich natürlich um die Formalitäten kümmern, die Gäste und Reverend Dean in Kenntnis setzen. Als Brautvater – als Vater der abtrünnigen Braut – muss ich die Schuld auf mich nehmen und die Schande und die Verantwortung …“

„Sie hat zu niemandem etwas gesagt? Ist sie mit einem heimlichen Geliebten durchgebrannt?“

Die grimmige Enttäuschung in Connors Ton ließ Edgar schuldbewusst zusammenzucken. Wie konnte er die erbärmlichen Ausreden aufzählen, die Rachel erwähnt hatte? Wie konnte er diesem stattlichen, ansehnlichen Kavallerieoffizier, der mehrere Male für seinen Mut ausgezeichnet worden war, erklären, dass Rachel ihm am Abend vor der Hochzeit den Laufpass gegeben hatte, weil sie sich einen charismatischeren, aufregenderen Gemahl wünschte?

„Reist sie allein?“

„Mit ihrer Schwester Isabel. Meine Frau und Isabel haben alles versucht, um Rachel zur Vernunft zu bringen. Da alles nichts half, bestand meine Frau wenigstens darauf, dass Isabel sie begleitete. Als ich davon erfuhr, war es zu spät, mich an ihre Fersen zu heften. Und das hat sie natürlich gewusst. Sie wusste, dass meine Pflicht Ihnen gegenüber und die Ehre meiner Familie mir wichtiger sein würden.“ Er schüttelte den Kopf und fuhr mit zitternder Stimme fort: „Meine Rachel ist schon immer ein kluger Kopf gewesen. Aber ein solch rücksichtsloses Ränkeschmieden geht zu weit. Das werde ich ihr nie verzeihen! Mein Leben lang habe ich mich nicht so nutzlos gefühlt, so zornig … so zutiefst enttäuscht.“

„Wie wahr …“, sagte Connor tonlos.

1. KAPITEL

Sechs Jahre später

„Hast du denn nicht manchmal Sehnsucht nach einem Gatten und eigenen Kindern, Rachel?“

„Ich habe dir doch gesagt, dass ich mich gern damit zufriedengebe, deinen Paul mit dir zu teilen.“

„Nein, sei bitte ernst“, schalt Lucinda sie und kicherte. „Hast du es je bedauert, Mr. Featherstone abgewiesen zu haben?“

Rachel sah einen Augenblick verwirrt aus. „Oh, jetzt weiß ich, wen du meinst!“, rief sie plötzlich und brach in Gelächter aus. Natürlich, der letzte Mann, der um sie angehalten hatte. Und genau das war auch der einzige Grund für seine Anziehungskraft, erkannte sie jetzt amüsiert. Man hatte sie davon überzeugt – und nicht ohne Grund, wie sich herausstellte – dass er vielleicht der letzte heiratsfähige Mann war, der sie hofieren würde. Kaum einen Monat nach Bekanntgabe ihrer Verlobung war ihr allerdings klar geworden, dass sie doch nicht so verzweifelt darauf aus war, in den Ehestand zu treten.

Da ihre Freundin noch auf eine Antwort wartete, tat Rachel den Herrn mit einem Lachen ab. „Du lieber Himmel, nein! Er war ein notorischer Duellant und ein Spieler und in beidem nicht besonders erfolgreich. Für meinen Geschmack war er viel zu häufig abgebrannt. Und ich habe das ungute Gefühl, er spekulierte darauf, durch mich an Windrush zu kommen, um seine leeren Taschen wieder zu füllen.“

„Na schön, aber was war mit dem anderen Gentleman? Der mithilfe eines silbernen Gehstocks ging, weil er ein wenig hinkte, und das Gesicht eines Adonis hatte …“

„Es ist seltsam, dass du auf Philip Moncur zu sprechen kommst“, sagte Rachel nachdenklich. „Vor einem Monat ungefähr schickte er mir einige Gedichte, obwohl ich seit über drei Jahren nichts mehr von ihm gehört hatte … seit also unsere Verlobung aufgelöst wurde.“

„Wie schmeichelhaft, dass er sich an deine Vorliebe für Wordsworth und Keats erinnert hat.“

„Nun, wenn er sich erinnert hat, dann hat es jedenfalls nichts genützt, denn er schickte mir irgendwelchen Blödsinn, den er selbst verbrochen hat – einen Vierzeiler, der meine ätherische und klassische Gemütsruhe rühmte. Als ich darauf nicht einging, folgte eine Ode, in der er mich mit einer Marmorstatue verglich: düster und wunderschön, doch der heißblütigen Sonne seiner Anbetung bedürftig, um zum Leben zu erwachen …“

Lucinda unterdrückte ein Lachen. „Ich habe das Gefühl, er dürstet danach, dich in einer von Madame Bouillons Togen zu sehen.“

„Ich würde sagen, er will mich ohne diese Toga sehen. Alberner Mann! Warum macht er mir nicht gleich einen unsittlichen Antrag?“

„Rachel! Du würdest doch sicher nicht auf so einen Antrag eingehen?“

„Warum nicht? Ich denke, die Ehe wird allgemein überschätzt. Es hat seine Vorteile, eine Mätresse zu sein – Geld und Freiheit, um nur zwei zu nennen.“

„Du meine Güte! Und ich hätte geschworen, dass du nie wieder etwas sagen oder tun könntest, das mich so schockieren würde!“ Lucinda lachte, wenn auch ein wenig unsicher. „Erzähl bitte June nichts von diesen Theorien. Du weißt, wie viel sie auf deine Meinung gibt. Es wäre entsetzlich, wenn sie auch irgendwann im letzten Moment Reißaus nähme aus lauter …“ Sie brach ab und sah Rachel um Verzeihung heischend an.

„Panik?“, beendete Rachel scheinbar ungerührt, obwohl ihre Freundin recht taktlos auf ihre erste gelöste Verlobung anspielte, auf die sonst niemand und unter keinen Umständen zu sprechen kam. „Oh, mit June ist es ganz anders.“ Sie fächelte sich Luft zu, da die Wärme des schönen Frühlingstages begann, ihr ein wenig zu schaffen zu machen. „Wie könnte ich Bedenken haben, was Junes Verlobung angeht? Immerhin brauchte ich ganze drei Monate, um sie einzufädeln.“

„Ungefähr so lange wie für meine Verlobung mit Paul“, fügte Lucinda leise hinzu.

„Ja, es muss in etwa genauso lange gedauert haben.“ Rachel legte in gespielter Nachdenklichkeit den Kopf schief. „Mein Problem ist, dass ich zu selbstlos bin. Stattdessen hätte ich versuchen müssen, einen dieser großartigen Männer für mich zu behalten.“ Sie seufzte theatralisch. „Jetzt bin ich endgültig eine alte Jungfer und muss mir gefallen lassen, dass armselige Dichterlinge mir alberne Verschen schicken.“

Lucinda lachte. „Ich finde eher, Moncur erinnert an Lord Byron. Er sieht hinreißend aus und ist so wunderbar empfindsam.“

Eine kleine Weile verbrachten sie in freundschaftlichem Schweigen und betrachteten vom Sitz ihres Landauers aus die im Hyde Park promenierenden Damen, die an diesem außergewöhnlich warmen Frühlingstag zarte Musselinkleider und hübsche Sonnenschirme trugen.

„Jener erste Gentleman, Rachel … du weißt doch, der irische Major …“, als sie sich dem Ausgang des Parks näherten.

„Wer?“, fragte Rachel recht scharf, als ärgerte es sie, dass ihre Freundin den Gesprächsfaden wieder aufgriff. „Oh, der.“ Sie seufzte gelangweilt. „Das ist so lange her, Lucinda, dass ich mich kaum noch erinnern kann, wie er aussah …“

„Nun, dann sieh doch mal nach links und frische dein Gedächtnis auf“, schlug Lucinda ihr verschmitzt vor.

Rachel folgte ihrer Aufforderung neugierig und mit einem ungläubigen Lächeln um die sinnlichen Lippen. Doch das Lachen verging ihr sofort.

So oft hatte sie sich gefragt, was sie empfinden würde, sollte sie ihn jemals wiedersehen. Nach sechs Jahren schien es zunehmend unwahrscheinlich, dass ihre Wege sich je wieder kreuzen könnten. Besonders, da sie mit ihrer Mutter und ihren Schwestern London nur noch für gelegentliche Einkaufsausflüge aufsuchte und um ihre Freundin Lucinda zu besuchen. Diese Woche waren sie und ihre Familie nur wegen der Vorbereitungen für Junes Hochzeit hier.

Im Lauf der Jahre hatte sie sich auch immer wieder gefragt, wie er bei einer zufälligen Begegnung aussehen mochte, wie sie aussehen mochte und ob die Zeit sie so verändert haben würde, dass sie sich nicht wiedererkannten. In jedem Fall waren solche Gedanken natürlich müßig und belanglos, und Rachel, vernünftig, wie sie war, verbannt sie auf der Stelle. Jetzt erfuhr sie die niederschmetternde Wahrheit: Ein einziger Blick auf Major Connor Flint genügte, um ihr Herz stocken zu lassen. „Oh, Isabel. Wie sehr wünschte ich, du wärst jetzt bei mir …“, flüsterte sie mit gequälter Stimme.

Lucinda hörte den schmerzvollen Ton und fügte beunruhigt hinzu: „Er ist es wahrscheinlich gar nicht. Entschuldige, wie dumm von mir. Der Mann dort drüben scheint mir viel zu jung, und der Major muss doch inzwischen über dreißig sein … und hat sicher einen dicken Bauch und ergrauendes Haar. Und außerdem weilt er gewiss in Irland.“

„Doch, er ist es“, widersprach Rachel gedankenverloren. Oh ja, er war es. Sie hatte ihn sofort wiedererkannt. Obwohl er recht weit von ihnen entfernt war, glaubte sie, seine blauen Augen sehen und den melodiösen irischen Akzent hören zu können.

Mühsam riss sie den Blick von seinem Gesicht los und musterte seine Kutsche. Er fuhr einen gefährlich hohen Phaeton, an seiner Seite saß eine zierliche Dame, die in zitronengelbem Musselin sehr elegant und apart aussah. Ihr Gesicht wurde allerdings von einem Schirm verdeckt, den sie zum Schutz gegen die Sonne aufgespannt hatte. Nur eine einzige Strähne, genauso schwarz wie das Haar des Majors, lugte unter dem mit Stiefmütterchen geschmückten Strohhut hervor.

„Ich glaube, er wird von Signorina Laviola begleitet“, sagte Lucinda. „Ja, sie ist es“, fuhr sie aufgeregt fort, als die Frau den Kopf von ihrem Begleiter abwandte.

„Starr doch nicht so, Lucinda“, drängte Rachel sie. „Er könnte sich umdrehen und uns sehen.“

„Dazu ist er wohl zu gefesselt von seinem Singvögelchen. Lord Harley übrigens auch. Siehst du, da drüben steht er mit einigen seiner genauso dumm gaffenden Freunde. Wie es heißt, war die liebreizende Laviola kurz davor gewesen, Harley zu erhören, bis sie ihn zugunsten eines reicheren Galans wie eine heiße Kartoffel fallen ließ.“

Rachel konnte sich vorstellen, wer dieser reichere Galan war. Sie ließ sich abrupt in die weichen Polster des Landauers sinken und hielt ihren Sonnenschirm so, dass er sie zwar nicht vor der Sonne, aber vor neugierigen Blicken zu ihrer Linken schützen konnte. „Was versperrt uns denn bloß den Weg?“, rief sie ungeduldig. Der Landauer und der Phaeton standen auf etwa gleicher Höhe, wenn auch in einiger Entfernung zueinander. Keiner von beiden konnte sich allerdings fortbewegen, da ganz plötzlich Gefährte jeder erdenklichen Art die enge Straße zu blockieren schienen.

Auch Lucinda reckte den Hals und beugte sich so weit wie möglich vor, um die italienische Sopranistin besser sehen zu können. Die Signorina war erst seit wenigen Monaten in London, doch die Gerüchteküche hatte bereits zu kochen begonnen, kaum dass sie erschienen war. Niemand sprach über etwas anderes als ihre süße Engelsstimme – und den himmlischen Leib, den jeder Teufel in sein Bett locken wollte. So hatte Lucinda sich jedenfalls sagen lassen. Noch entschlossener, einen weiteren Blick zu erhaschen, bog sie sich zur Seite. Ihre Absicht wurde jedoch von einer Droschke zu ihrer Linken vereitelt, deren Räder sich in die eines Brauereiwagens verkeilt hatten. Der Kutscher hatte versucht, sich zwischen den Wagen und ein Kohlenfuhrwerk zu zwängen, und es nur geschafft, sich gründlich festzufahren. Zweifellos war er darauf aus gewesen, seinen Fahrgast rechtzeitig ans Ziel zu bringen und sich ein ordentliches Trinkgeld zu verdienen. Inzwischen wimmelte es von Wagen, die einander im Weg standen, und das Stimmengewirr verärgerter Menschen erfüllte die Luft.

Rachel wurde unruhig. Die Wahrscheinlichkeit wurde immer größer, ein bestimmter schwarzhaariger Herr könnte sich umdrehen, um zu erkunden, was es mit den lauten Schimpftiraden des Droschkenkutschers auf sich hatte, und sie entdecken. Sie sprang auf, um die Lage besser einschätzen zu können. Einige Meter entfernt beschwerte sich ein Straßenhändler gerade lauthals bei einem gleichgültigen Konstabler und wies immer wieder heftig gestikulierend auf seine umgestürzte Schubkarre und das auf der Straße liegende Obst.

Die Auseinandersetzung zwischen dem Droschkenkutscher und dem jungen Brauer zog wieder Rachels Aufmerksamkeit auf sich, da die Beleidigungen, die sie austauschten, zunehmend an Einfallsreichtum gewannen. In diesem Moment steckte der Passagier der Mietkutsche den Kopf mit seiner gepuderten Perücke heraus und bedachte den Kohlenmann mit einer ausnehmend groben Geste. Offenbar weil dieser das Recht zu haben glaubte, wegen seiner verbogenen Radspeichen seine unbedeutende Meinung zum Streit beisteuern zu dürfen.

Rachel zupfte ihren Fahrer am Ärmel. „Können Sie den Wagen nicht wenden, Ralph?“, bat sie ihn, obwohl sie bereits wusste, dass bei diesem Gedränge ein solches Manöver regelrecht unmöglich war.

„Geht nicht, Miss Rachel, sonst wär ich schon längst hier weg. Eine Dame dürfte sich so ’ne Pöbelei nicht mit anhören müssen.“ Womit er dem Jungen auf dem Brauereiwagen einen strengen Blick zuwarf und den Kopf schüttelte über den wie ein Jurist aussehenden Mann in der Kutsche.

„Was geht denn das Sie an?“, verlangte der Mann in der Kutsche zu wissen. Er schwitzte inzwischen heftig, die Wangen waren gerötet vor Ärger.

„Es sind Damen anwesend“, betonte Ralph mit einem vielsagenden Blick auf seine Passagiere.

„Richter anwesend“, konterte der Mann und grinste selbstgefällig. „Und ich habe eine gute Nase für Gauner …“ Er tippte sich mit dem Finger an die knollige Nase. Der Blick aus den boshaften kleinen Augen blieb an dem jungen Brauer haften. „Ich rieche einen Gauner auf jede Entfernung. Auf deinem Wagen steht kein Name, und ich erinnere mich auch nicht, dich bei den Brauereiversammlungen gesehen zu haben. Ich hätte nicht übel Lust, mir deine Ausschankerlaubnis anzusehen.“ Es war ein Schuss ins Blaue hinein – und traf doch mitten ins Schwarze.

Der junge Mann funkelte Ralph wütend an. „Großartig! Konnten Sie sich nicht da raushalten? Jetzt muss ich es mit dem Richter ausbaden!“

„Wag es ja nicht, mit mir in diesem Ton zu sprechen“, schimpfte Ralph und war schon im nächsten Moment vom Bock gesprungen. In seiner Wut achtete er nicht auf Rachels scharfen Befehl, er solle gefälligst sofort wieder aufsteigen und sie nach Hause fahren. Gereizt riss er sich die elegante Livree und den Hut herunter und rollte die gestärkten Baumwollärmel bis zu den Ellbogen hoch.

Mit federnder Geschmeidigkeit kam der junge Brauer vom Wagen herunter und stellte sich Ralph. Beide spuckten sich in die Hände, und es folgte das Ritual jedes Faustkampfs, bei dem beide Kontrahenten sich in den Knien wiegten und gleichzeitig in vorsichtiger Entfernung umeinander kreisten. Gerade als Ralph zum Schlag ausholte, wurde seine Faust mitten in der Bewegung von einer großen, starken Hand festgehalten.

„Gibt es Schwierigkeiten?“

Rachel hatte niemanden herankommen sehen. Sie war zu sehr damit beschäftigt gewesen, ihre Waffe vorzubereiten. Der junge Brauer würde ihren zusammengerollten Schirm zu spüren bekommen, bevor sie es zuließ, dass Ralph von ihm niedergestreckt wurde. Als Lucinda jedoch scharf die Luft einsog, öffnete Rachel ihren Schirm wieder mit zitternden Fingern und verbarg ihr Gesicht halb dahinter. Der Neuankömmling sprach mit einem eindeutig irischen Akzent, also gab es keinen Zweifel, um wen es sich dabei handelte. Ihr Herz begann beunruhigend schnell zu pochen.

Ralph ließ streitlustig die Finger knacken. „Was für’n Glück, dass Sie zufällig gekommen sind, Sir. Hätte ihn sonst ganz flott verdroschen, aber ratzfatz.“

Der Richter begrüßte den Schlichter mit einer trägen Handbewegung. Es entging ihm nicht, dass er einen wohlhabenden, einflussreichen Gentleman vor sich hatte, und er ließ es sich nie nehmen, eine nützliche Bekanntschaft zu pflegen. „Diese beiden Raufbolde behindern mich in der Ausübung meiner Pflichten. In nur zehn Minuten werde ich bei einer Verhandlung erwartet“, ereiferte er sich. „Und dieser Bursche …“, er wies mit einer jähen Kopfbewegung auf Ralph, wobei seine Perücke ihm über die Augen rutschte, „… ist entschlossen, so beleidigend wie nur möglich zu sein. Ich werde dafür sorgen, dass alle ausgepeitscht und mit einem Bußgeld belegt werden für ordnungswidriges Benehmen und die Behinderung eines Friedensrichters.“ Energisch rückte er die Perücke wieder zurecht.

„Das ist nicht gerecht! Und wahr auch nicht!“ Rachel, die sich die wilden Übertreibungen nicht länger mit anhören konnte, ließ ihren Schirm entschlossen zuschnappen. Tief einatmend, um sich Mut zu machen, hob sie den Kopf.

Der elegante Gentleman mit dem schwarzen Haar und der verblüffenden Ähnlichkeit mit ihrem ehemaligen Verlobten stand so dicht neben dem Landauer, dass Rachel nur die Hand hätte auszustrecken brauchen, um ihn zu berühren. Mutig ließ sie den Blick über die markanten, nur allzu vertrauten Züge gleiten. Er ist es nicht, sagte sie sich. Ich erinnere mich nicht, dass er so hochgewachsen oder eindrucksvoll gewesen wäre. Dieser Gedanke war sehr willkommen und gab ihr Kraft, seinem Blick standzuhalten.

„Wenn Sie in der Reihe gewartet hätten wie alle anderen, statt sich rücksichtslos vorzudrängeln, hätten die Räder sich nicht verheddert und wir wären alle schon längst zu Hause“, fuhr Rachel hitzig fort.

Ungläubig starrte der Richter sie an, fasste sich aber schnell und erwiderte herablassend: „Meine liebe junge Dame, ist Ihnen überhaupt bewusst, mit wem Sie reden? Wen Sie hier der Lüge bezichtigen?“ Sein aalglatter Ton gab jedem deutlich zu verstehen, dass er hingegen genau wusste, mit wem er es zu tun hatte – und nicht im Geringsten von ihr beeindruckt war.

„Ich weiß allerdings schon, wer Sie sind“, warf eine angenehme Stimme ein. Es war der hochgewachsene Gentleman, der sich zu Wort gemeldet hatte. „Sie sind doch der ehrenwerte Richter Arthur Goodwin, nicht wahr? Ich glaube, ich erinnere mich an Sie von Mrs. Crawfords kleiner Soiree letzte Woche. Oder werden Sie mich jetzt Ihrerseits der Lüge bezichtigen?“

Der ehrenwerte Richter verlor plötzlich das selbstgefällige Gebaren und machte einen eher erschrockenen Eindruck. „In der Tat“, brachte er stockend hervor, „ich war vielleicht sogar da … aber ich erinnere mich nicht an Sie.“

„Das kränkt mich nicht sonderlich.“

Der Richter überlegte verwirrt. An jenem besonderen Abend war er so betrunken gewesen, dass er sich nicht einmal an seinen eigenen Namen erinnert hätte. „Rufen Sie mir doch bitte in Erinnerung, Sir, wer Sie sind“, bat er, so gelassen er konnte.

„Devane, Lord Devane. Seltsam, dass wir uns so bald wieder begegnen. Wie geht es Mrs. Goodwin? Sie erwähnten ihre schlechte Gesundheit, wenn ich mich recht erinnere.“

Samuel Smith, der junge Mann, der den Brauereiwagen fuhr, bedachte seinen Retter mit einem bewundernden Blick.

„Hättest du gern etwas Hilfe mit deinem Rad?“, bot Connor ihm nachsichtig an. „Und könnten Sie uns wohl ein wenig zur Hand gehen?“, wandte er sich an den Kohlenmann.

Der Mann riss sich aus der Betrachtung des faszinierenden Vorgehens und war nur zu gern bereit, mit anzupacken, da auch er daran denken musste, seine Lieferung so schnell wie möglich ans Ziel zu bringen. Selbst der Droschkenkutscher ließ sich durch die ruhige, beherrschende Art des jungen Gentleman beeindrucken und legte mit Hand an.

Sam Smith überlegte insgeheim, welche Gründe Seine Lordschaft gehabt haben mochte, sich überhaupt einzumischen. Unwillkürlich ging sein Blick zu der schönen blonden Dame im schicken Landauer. Der Gentleman hatte großes Interesse an ihr gezeigt, obwohl sie darauf bedacht gewesen war, in jede nur denkbare Richtung zu schauen außer in seine. Was ihm besonders seltsam vorkam, da ihre Freundin keinen Moment den Blick von ihm genommen hatte.

Doch es war die schöne Dame gewesen, die ihnen beigestanden hatte. Dabei wussten die vornehmen Leute meist gar nicht, dass Menschen seines Stands überhaupt existierten … es sei denn, sie brauchten eine Droschke oder ein Feuer im Kamin oder neue Flaschen für den Weinkeller. Trotzdem hatte sie sich für drei ihr unbekannte Dienstleute gegen den aufgeblasenen Wicht von einem Richter eingesetzt.

Rachel drängte Ralph unauffällig, sie nach Hause zu fahren. Zu viele dunkle Erinnerungen waren durch das plötzliche Erscheinen dieses Mannes wachgerufen worden. Sie wollte allein sein, um in aller Ruhe über den Aufruhr ihrer Gefühle nachdenken zu können.

Der Verkehr bewegte sich mittlerweile frei und ungestört. Auch der Straßenhändler hatte seine Schubkarre zur Seite gezogen. Die einzigen Wagen außer Rachels, die noch standen, waren Lord Devanes Phaeton und Lord Harleys Karriol, das sich inzwischen einen Weg zu dem Phaeton und dessen hübscher Insassin gebahnt hatte.

Verstohlen betrachtete Rachel die Italienerin, die gleich mit drei Dandys kokettierte. Allerdings ließ sie sich von ihrem Flirt nicht davon abhalten, ein wachsames Auge auf ihren abwesenden Begleiter zu haben. Lord Devane jedoch schaute kein einziges Mal zu ihr hinüber, wie Rachel auffiel.

Lord Devane, wiederholte sie nachdenklich. Er klang wie Major Flint, wenn er sprach, er sah aus wie er, aber der Name war ihr neu.

„Lass uns nach Hause fahren, Ralph“, wies sie ihren Kutscher an, während sie den Gedanken in Betracht zog, es könnte gleich zwei so eindrucksvolle irische Gentlemen geben. Sie wusste von einem Stiefbruder im selben Alter, glaubte sich aber zu erinnern, dass Jason Davonport blondes Haar gehabt hatte und, da von verschiedenen Eltern, Connor folglich überhaupt nicht ähnlich gewesen war.

Lord Devane schlenderte herüber und schien ihre Abfahrt nur zufällig zu behindern, indem er einen der Grauen am Zaum packte und ihn hinter den Ohren kraulte. „Wir hatten noch keine Gelegenheit, ein Wort zu wechseln“, wandte Lord Devane sich lässig an niemanden im Besonderen, doch die klugen blauen Augen richtete er auf Rachel.

Leicht pikiert musste Rachel sich klarmachen, dass – sollte dieser Mann wirklich Major Flint sein – es recht arrogant von ihr gewesen war, zu glauben, er würde wissen, wer sie war. Es hatte zumindest nicht den Anschein, dass er sie wiedererkannte. Sein Blick war lediglich der eines Mannes, der eine anziehende Frau mustert. Und sie wurde allgemein für hübsch gehalten. Ihre Eltern sagten es ihr, Lucinda sagte es ihr, und ihr Spiegel gab ihr keinen Grund, es nicht zu glauben.

Nicht mit ihr bekannte Gentlemen setzten alles daran, ihr vorgestellt zu werden. Selbst jene, die sie sehr wohl kannten und auch von ihren gescheiterten Verlobungen wussten, versuchten, sie zu bezaubern – in der trügerischen Hoffnung, sie könnten den Spieß umdrehen und ihr das Herz brechen. Rachel fand es insgeheim lustig, dass sie wirklich glaubten, sie könnte ihre Absichten nicht durchschauen. Allerdings erfuhr sie meistens von den Wetten, die abgeschlossen wurden und bei denen es darum ging, wer es schaffen würde, sie zu erobern – und ihr am Ende rücksichtslos und vor aller Augen den Laufpass zu geben.

Wenn sie sich also in London aufhielt, erlaubte sie zwar einigen Dummköpfen, sie zu besuchen und mit ihr im Hyde Park auszufahren. Sie ermutigte sie auch dazu, sie in der Opern- oder Theaterloge ihrer Eltern aufzusuchen. Doch sobald man über diese neue, scheinbar so innige Bindung zu klatschen begann, brachte Rachel alle kurzerhand zum Schweigen, indem sie den jeweiligen Herrn von nun an links liegen ließ. Sie bedauerte nicht, dass sie dadurch ihren Ruf, eine kaltherzige Herzensbrecherin zu sein, nur verstärkte.

Das Wiehern der Pferde riss Rachel aus ihren Gedanken. Sie sah auf und blickte direkt in Lord Devanes blaue Augen.

Oh doch, er ist es, erkannte sie plötzlich. Und er hatte sie sehr wohl erkannt. Was mochte er denken? War er immer noch böse auf sie, weil sie ihn öffentlich gedemütigt hatte? Es musste schlimm für ihn gewesen sein.

Jedenfalls ließ er sich nichts anmerken. Aber warum gab er vor, einen Titel zu besitzen? Rachel rief sich insgeheim zur Ordnung. Es konnte ihr doch gleichgültig sein, ob er inzwischen einen Titel geerbt hatte oder nicht. Für sie blieb er schlicht Major Flint, und sie brauchte sich auch keine Sorgen darüber zu machen, dass sie ihn damals verletzt hatte, denn das war nun einmal geschehen und ließ sich nicht mehr ändern.

„Nehmen Sie bitte die Hand fort, Sir, damit wir weiterfahren können“, wies sie ihn kühl an.

Lucinda, die aufmerksam den angespannten, wortlosen Schlagabtausch zwischen den beiden beobachtet hatte, mischte sich schnell ein. „Ich bin Mrs. Saunders, Lucinda Saunders. Und ich bin Ihnen von Herzen dankbar für Ihre Hilfe, Mylord. Es hätte böse enden können, wenn Sie nicht eingegriffen hätten. Glücklicherweise ist noch mal alles gut gegangen.“

„Und Sie sind …?“, wandte er sich freundlich an Rachel.

Sie antwortete ruhig: „Oh, ich bin … Ihnen auch sehr dankbar, Sir. Sie hingegen sind hoffentlich bald so freundlich und treten zur Seite, damit ich endlich nach Hause kommen kann.“ Sie rief Ralph zu, er solle losfahren, und lehnte sich behaglich in ihren Sitz zurück.

Doch die Pferde wurden noch immer mit starker Hand festgehalten. „Soll ich Ihnen sagen, was ich glaube, was Sie sind?“

Rachel klopfte das Herz bis zum Hals. Sie spürte, wie sie errötete. „Ganz offensichtlich macht es Ihnen nichts aus, Ihre Zeit zu vergeuden, Sir. Wenn Sie mich allerdings schon ungebeten ansprechen müssen, dann machen Sie rasch, denn ich werde allmählich ungeduldig.“ Sie blickte ihm über die breiten Schultern und verzog geringschätzig den Mund. „Wie übrigens auch Ihre reizende Begleitung. Wie mir scheint, versucht sie, Ihre Aufmerksamkeit zu erringen.“

Die Italienerin machte keinen Hehl aus ihrem Missmut und schaute immer wieder zu ihnen herüber. Es war nicht mehr viel geblieben von ihrer kühlen Eleganz, und auch ihre Verehrer waren inzwischen ihrer Wege gegangen.

Connor Flint schenkte seiner Begleiterin nur einen flüchtigen Blick und zeigte noch immer keine Neigung, zu ihr zurückzueilen. Stattdessen wartete er, bis Rachel ihn wieder ansah, bevor er erwiderte: „Ich soll rasch machen? Sind Sie sicher?“ Ein kühles Lächeln ließ ihr Herz noch schneller schlagen. „Nun gut. Was ich glaube, ist, dass Sie noch genau so sind wie früher. Sie haben sich wenig verändert, Miss Meredith.“ Ein spöttischer Blick ruhte kurz auf ihren Lippen. „Was für mich günstig ist. Aber katastrophal für Sie“, fügte er mit honigsüßer Stimme hinzu. Daraufhin machte er sich lässig auf den Weg zurück zu seinem Phaeton. Er hatte die Zügel aufgenommen und die aufgebrachte Signorina mühelos besänftigt, bevor Rachel sich wieder gefasst hatte.

„Fahren Sie endlich los, Ralph! Sofort!“

2. KAPITEL

Er wird mir nicht den Tag verderben, schwor Rachel sich insgeheim und verdrängte die Gedanken an Major Flint, die sich ihr beharrlich aufdrängten. Sie ging Arm in Arm mit ihrer kleinen Schwester Sylvie den langen Korridor entlang, um June zu suchen.

„William ist zum Abendessen gekommen. Er sieht so unglaublich gut aus, nicht wahr? Wirst du jemanden wie William für mich finden, Rachel? Vielleicht ein wenig größer und mit dunklem Haar statt blondem, und ohne Sommersprossen. Ich weiß nicht genau, ob mir Sommersprossen an einem Mann gefallen, selbst wenn es nur ganz wenige sind, wie William sie auf der Nase hat. Auch an einer Frau gefallen sie mir eigentlich nicht.“

Rachel lächelte und strich Sylvie über die hellblonden Locken. „Du, mein Liebes, wirst wahrscheinlich nicht die geringste Mühe haben, genau den richtigen Mann für dich zu finden, wenn die Zeit gekommen ist. Und das ganz ohne meine Hilfe. Auf meine alten Tage werde ich mich damit zufriedengeben zu sticken, statt Ehen zu stiften. Ich sehe es ganz deutlich“, fuhr sie seufzend fort. „In sieben Jahren wirst du noch der Ruin für unseren armen Papa sein und unbekümmert die Herzen der jungen Männer brechen.“

„So wie du es jetzt tust?“, wollte Sylvie wissen. Sie hatte oft die Leute flüstern hören, wie herzlos Rachel mit den Männern umging.

„Nein, bitte folge auf keinen Fall meinem Beispiel“, erwiderte Rachel in ungewohnt ernstem Ton. „Hier werden wir wohl die beiden Turteltauben finden“, fügte sie hinzu und stieß auch schon die Tür zur Bibliothek auf.

Ihre Schwester June und ihr charmanter Verlobter William Pemberton waren allerdings nirgends zu sehen. Stattdessen entdeckten sie ihre Eltern, offenbar in ein ernsthaftes Gespräch vertieft. Es verging ein Moment, bevor den beiden bewusst wurde, dass sie nicht mehr allein waren. Zunächst sahen sie erschrocken und dann ein wenig verlegen aus, als ihre zwei schönen Töchter sich zu ihnen gesellten.

Sylvie lief zu ihrem Vater und umarmte ihn. Edgar Meredith tätschelte liebevoll die Hände seiner Tochter. Doch Rachel fiel die seltsame Stimmung auf, die herrschte, und ihr Magen zog sich zusammen. „Ist etwas geschehen?“ Rachel ließ den Blick über den Schreibtisch gleiten. „Ist die Post gekommen, während ich fort war?“, fragte sie und fixierte den Umschlag in den Händen ihres Vaters.

„Nein, nicht die Post. Dieser Brief wurde persönlich von einem Diener übergeben. Nur die Antwort auf eine unserer Einladungen zur Hochzeit“, warf Gloria Meredith auf viel zu beiläufige Weise ein, um das Misstrauen ihrer Tochter zerstreuen zu können. Jeder Aspekt der Hochzeitsvorbereitungen wurde doch gemeinhin mit großem Ernst behandelt. Wieso sollte dieser Brief so unwichtig sein?

Rachel setzte sich in einen Sessel neben dem Kamin, in dem wegen der trotz der Jahreszeit bereits fast sommerlichen Wärme allerdings kein Feuer brannte. Etwas an der Angelegenheit kam ihr seltsam vor. Die Einladungen waren schon vor Monaten verschickt worden und alle zu erwartenden Antworten waren bereits eingetroffen. Was hatte es also mit dieser hier auf sich?

Sylvie schien jedoch nichts sonderbar zu finden, denn sie ging zum Fenster und lehnte sich hinaus, um nach einem Fliederbusch genau darunter zu haschen. Ein angenehmer zarter Duft drang zu ihnen in das Zimmer, und Rachel runzelte unbewusst die Stirn über die Ablenkung. Irgendetwas Beunruhigendes ging hier vor, und man versuchte, es vor ihr geheim zu halten. „Nun, spannt mich nicht so auf die Folter“, schalt sie ihre Eltern freundlich. „Wer ist dieser so spät geladene Gast? War die Zahl unserer Gäste bisher ungerade? Hat es kürzlich Absagen gegeben? Wer wird uns nun auf Windrush mit seiner Anwesenheit beehren?“

Nach kurzem Zögern, bei dem ihre Eltern sich flüchtig ansahen, seufzte ihr Vater. „Der Brief ist vom Earl of Devane. Es ist eine Absage. Seine Lordschaft lehnt unsere freundliche Einladung dankend ab, denn natürlich ist er zu wohl erzogen, um uns einfach zu ignorieren. Ganz offensichtlich hat er nicht besonders gründlich überlegen müssen, dafür hat er viel zu schnell geantwortet.“

„Der Earl of Devane?“, wiederholte Rachel zutiefst gedemütigt.

„Ja.“ Ihr Vater wechselte wieder einen Blick mit seiner Frau. „Du klingst ganz so, als würdest du Seine Lordschaft kennen.“

„Kenne ich ihn denn?“, fragte Rachel ihn scharf.

„Du hast nur den Eindruck gemacht, als wäre der Name dir vertraut, meine Liebe“, wich ihr Vater aus.

„Weil ich heute Nachtmittag mit einem Mann gesprochen habe, der sich so nannte.“

„Wirklich? Wo?“, riefen ihre Eltern fast gleichzeitig.

Rachel sprang ungeduldig auf. „Was geht hier vor? Lord Devane ist doch Connor Flint, sonst müsste ich mich schon sehr irren. Was hat er getan? Vom Verkauf seines Offizierspatents einen Titel erstanden?“, spottete sie.

„Nichts so Ordinäres, meine Liebe“, erwiderte ihr Vater in sanft tadelndem Ton. „Er hat lediglich sein Erbrecht wahrgenommen. Sein Großvater mütterlicherseits starb vor Kurzem, und der Major hat seinen Titel geerbt. Es stand sogar in der Zeitung. Der Major hat jedes Recht, sich Lord Devane zu nennen.“

Während Rachel noch diese erstaunliche Nachricht zu bewältigen suchte, kam ihr plötzlich noch ein Gedanke. „Was meinst du mit … Einladung? Du hast ihn doch nicht etwa gebeten, an Junes Hochzeit teilzunehmen – nach allem, was geschehen ist?“ Sie hielt betroffen inne. Für alles, was geschehen war, trug sie ganz und gar die Verantwortung. Den Major traf keine Schuld, wie ihr Vater in seiner Verzweiflung über jenen unglücklichen Vorfall wieder und wieder betont hatte. „Warum in aller Welt bittest du ihn zu kommen, wenn du wissen musst, dass sein Erscheinen die Neugier boshafter Menschen wecken würde? Sie würden wieder unangenehme Fragen stellen darüber, was aus Isabel geworden ist und …“ Ihre Stimme brach. Rachel war unfähig weiterzusprechen.

„Wir reden nicht über Isabel, das weißt du“, warnte ihre Mutter, die plötzlich sehr blass geworden war, und schaute hastig zu ihrer jüngsten Tochter hinüber. Doch Sylvie war in Gedanken ganz woanders und stand weiterhin, das Kinn auf die Hand gestützt, am Fenster und erfreute sich am schönen Anblick der üppig blühenden Blumen.

„Er hat ja abgelehnt“, wechselte Edgar hastig das Thema, und die Enttäuschung darüber war ihm deutlich anzuhören. „Und das nur wenige Stunden nach dem Erhalt unserer Einladung. Ich denke, das sagt alles. Er beabsichtigt nicht, den Ölzweig anzunehmen, den deine Mutter und ich ihm gereicht haben. Unsere Absicht war, der Welt zu zeigen, dass alles vergeben und vergessen ist. Welcher Zeitpunkt wäre dafür geeigneter gewesen als Junes und Williams Hochzeit?“ Er seufzte tief auf. „Durch Connors Zusage wäre die Erinnerung an den Skandal sicher ein wenig verblasst. Ich glaube allerdings, ich wusste schon die ganze Zeit, dass seine Antwort so ausfallen würde. Und ich muss sagen, ich kann es ihm nicht verdenken.“

„Nein, das konntest du noch nie“, warf Rachel vorwurfsvoll ein.

„Er hat schließlich nichts getan. Selbst unter den schwierigsten Umständen benahm er sich tadellos“, fuhr ihr Vater sie mit ungewohnter Strenge an. „Was hätte ich ihm denn zur Last legen sollen? Dass er ein zu vollkommener Gentleman war und zu selbstlos? Die Papiere hatten wir bereits unterzeichnet, die Hochzeit sollte in nur zwölf Stunden stattfinden. Wenn er gewollt hätte, hätte er deine Mitgift verlangen können, weil du dein Eheversprechen gebrochen hattest. Das weißt du hoffentlich. Es stand in seiner Macht, uns zugrunde zu richten. Und dein Ruf, mein Mädchen, hätte sich von einem solchen Skandal nicht erholt. Stattdessen nahm er die ganze Schande unverdient auf sich und verschonte dich. Er erlitt große finanzielle Verluste durch seine Großzügigkeit. Der Major hatte enorme Ausgaben aus seiner eigenen Tasche bezahlt und weigerte sich dennoch, eine Entschädigung von mir anzunehmen. Ich musste darauf bestehen, dass er wenigstens den Verlobungsring akzeptierte! Er verlangte nichts, obwohl er in jeder Hinsicht dazu berechtigt war!“

Gloria Meredith erhob sich hastig, als die Stimme ihres Gatten vor unterdrücktem Schmerz zu brechen drohte. Mit einer flehenden Geste bat sie ihn, sich zu beruhigen, während sie gleichzeitig voller Sorge das blasse Gesicht ihrer ältesten Tochter musterte. „Genug, ich bitte euch! Lasst uns nicht streiten. Unsere Absicht war sicher löblich, mein Lieber, aber wenn es uns gelungen wäre, hätten wir nur geschafft, alte Wunden wieder aufzureißen. Lord Devane gelingt es, sich in jeder Situation comme il faut zu benehmen, doch wir können nicht einmal aufhören, uns ständig zu zanken. Trotzdem sollten wir nicht gleich einen Helden aus ihm machen.“

„Nein, das sollten wir nicht“, sagte Rachel kühl. Einen Moment sahen sie und ihr Vater sich kampflustig an, und die feindselige Stille wurde erst unterbrochen, als jemand die Tür zur Bibliothek öffnete.

June und William kamen lachend herein, doch nach nur wenigen Schritten bemerkten sie die Anspannung zwischen den Anwesenden im Raum und hielten inne. June, anmutig und schlank, legte ihre zarte Hand auf den starken Arm ihres hochgewachsenen Verlobten und zog ihn tapfer mit sich, wieder ein sonniges Lächeln auf den rosigen Lippen.

„Ah, da seid ihr ja, June. Kommt herein!“, begrüßte Mrs. Meredith sie mit so großer Erleichterung, dass man meinen könnte, ihre dritte Tochter wäre gerade aus Amerika heimgekehrt und nicht von einem kurzen Besuch bei freundlichen Nachbarn. „Wie geht es Ihnen, William?“, erkundigte sie sich. „Ich freue mich darauf, Ihre Eltern beim Musikabend später in der Woche zu treffen. Es ist eine ganze Weile her, seit ich mit ihnen gesprochen habe. Ihre Mama und ich müssen uns darüber unterhalten, wie die Vorbereitungen für den großen Tag voranschreiten.“ In ihrer Eile, irgendetwas zu sagen, um die Atmosphäre zu entspannen, hatte Gloria ganz vergessen, wie wenig sie die zukünftige Schwiegermutter ihrer Tochter leiden konnte. Seit der Verlobung vermittelte Pamela Pemberton ihr bei jeder Gelegenheit den Eindruck, dass June nicht gut genug sei für ihren Sohn.

Zu ihrer großen Freude bewies Williams aufrichtige Liebe für seine Verlobte, wie wenig er mit seiner Mutter übereinstimmte. Er betete den Boden unter Junes Füßen an, behandelte sie mit zärtlicher Ehrfurcht und erklärte sich zum glücklichsten Mann auf Erden.

Tatsächlich hätten ihm viele zugestimmt. June wurde allgemein für sehr hübsch und liebenswert gehalten, und keine Kosten waren gespart worden, um den glücklichen Tag, an dem zwei wohlhabende Familien ihre Verbindung feiern würden, zu einem unvergesslichen Ereignis zu machen.

Warum sollten die Merediths auch die Rolle der armen Verwandten spielen? Edgar Meredith verdiente mit seinen Geschäften in der City womöglich sogar mehr als Alexander Pemberton mit seiner Anwaltskanzlei. Gloria fand also, dass die Pembertons keinen Grund hatten, sich ihnen überlegen zu fühlen. Vielleicht gab es wirklich eine Verwandtschaft Pamelas mit einem Herzog, aber die war so entfernt, dass sie überhaupt nicht zählte. Mit einem leisen Lächeln erinnerte Gloria sich, wie Rachel beim Mittsommerball der Winthrops im letzten Jahr eben diese Ansicht Pamela gegenüber geäußert hatte.

Tatsächlich hatte Rachel am selben Abend nicht nur Pamela entschlossen auf ihren Platz verwiesen, sondern auch noch erwirkt, dass June und William einander vorgestellt wurden. Und nun waren sie unsterblich verliebt und würden bald heiraten. Nichts und niemand durfte das glückliche Ereignis ihrer bevorstehenden Hochzeit stören. Gloria war genauso entschlossen dazu wie ihre älteste Tochter.

Sie betrachtete Rachel liebevoll und seufzte verhalten. Vater und Tochter waren so dickköpfig und sich in vielem so ähnlich. Beide setzten sich mit aller Kraft für die Menschen ein, die sie liebten, handelten aber dabei oft unbesonnen und zu impulsiv. Andererseits war ihr Rat meistens gescheit und vernünftig. Wie schade, dass sie selbst nicht bereit schienen, ihrerseits kluge Ratschläge anzunehmen.

Edgar – bemüht, ruhig und gastfreundlich zu erscheinen – plauderte inzwischen mit William über ein braunes Jagdpferd, das er kürzlich erstanden hatte. Doch Gloria fürchtete sehr, William würde trotz seiner aufrechten, offenen Art nie den Platz im Herzen ihres Mannes einnehmen, den Connor vor so vielen Jahren errungen hatte. Noch größeren Kummer bereitete ihr der Verdacht, Edgar könnte sich vielleicht noch immer nicht damit abgefunden haben, dass jener junge Mann ein für alle Mal als Schwiegersohn für ihn verloren war. Aber er musste es einfach akzeptieren! Sie näherte sich dem Fenster, an dem Rachel und Sylvie standen. Plötzlich beugte Sylvie sich wieder vor, brach einen Zweig vom Fliederbusch, von dem sie die eine Dolde ihrer Schwester reichte und eine ihrer Mama. Ohne Rücksicht auf ihre Kleidung oder Anstand und Sittsamkeit, hievte sie sich danach einfach auf das Fensterbrett und sprang hinaus in den Garten.

„Oh, dieses Mädchen!“, sagte Gloria und schüttelte den Kopf. „Obwohl ich mich manchmal frage, ob sie wirklich eins ist. Sie ist der größte Wildfang von euch vieren, dabei glaubte ich, dir würde in dieser Hinsicht keine das Wasser reichen können. Erinnerst du dich noch an dein Baumhaus und das fürchterliche Krabbelgetier, das du da aufbewahrtest?“ Gloria schauderte beim Gedanken daran. „Ich weiß noch, du hattest eine beachtliche Menagerie angesammelt. Die arme Isabel erschrak fast zu Tode, als du ihr einmal jene riesige, pelzige Raupe ins Bett legtest …“ Ihre Stimme brach.

Rachel beugte den Kopf und atmete tief den zarten Duft der Fliederblüten ein. „Arme Isabel“, sagte sie leise. „Und auch armer Papa“, fügte sie trocken hinzu. „Ich habe ihn immer wieder enttäuscht, nicht wahr? Sicher hätte er es vorgezogen, wenn ich ein Junge geworden wäre. Dann hätte ich nach Herzenslust Insekten sammeln können.“

„Alle Väter sehnen sich nach einem Sohn und Erben, Rachel“, erwiderte ihre Mutter sanft. „So ist es nun mal.“

„Deswegen wollte er mich auch so schnell verheiraten, nicht wahr? Um endlich einen Sohn zu bekommen. Dabei war ich erst neunzehn Jahre alt“, erinnerte sie ihre Mutter mit rauer Stimme.

„So jung also auch nicht mehr, mein Liebes. Ich war noch nicht ganz achtzehn, als ich euren Papa heiratete, und kaum neunzehn, als du geboren wurdest.“

„Das war zu deiner Zeit so! Ich empfinde anders. Vor sechs Jahren fühlte ich mich noch nicht bereit, zu heiraten. Welchen Mann auch immer!“

„Damals sprachst du aber ganz anders, Rachel. Niemand zwang dich, Connors Antrag anzunehmen – er am allerwenigsten. Du behauptetest, im Gegenteil, du seiest in ihn verliebt. Deinem Papa war es wichtig, sich dessen sicher zu sein, bevor er Connor seinen Segen gab. Dein Glück lag ihm mehr am Herzen als alles andere. Vielleicht täusche ich mich ja, aber ich hätte damals geschworen, dass du zunächst sehr verliebt warst in deinen Verlobten …“

„Ich habe mich eben geirrt. Wegen eines Fehlers als ganz junges Mädchen muss ich wieder und wieder büßen.“

„Das ist nicht wahr, Rachel“, beschwichtigte Gloria sie bedrückt. „Du kannst nicht ehrlich annehmen, dass wir dich deswegen bestraft hätten, oder?“

„Nun, Papa hat ja jetzt seinen Sohn“, antwortete Rachel, beschämt durch die sanfte Aufrichtigkeit ihrer Mutter. „William ist ein guter Mensch, der vollkommene Schwiegersohn für jede Familie.“

„Der Flieder wird leider nicht mehr in Blüte stehen zu Junes Hochzeit“, sagte Gloria, nachdenklich die duftende Blume in ihren Händen betrachtend. „So ein Jammer. Die Kapelle sieht immer so malerisch aus, wenn die Büsche neben der Gartenpforte blühen.“

„Aber die Rosen werden blühen und die Lilien und der Jasmin und die Wicken.“ Rachel lächelte. „Der Garten wird großartig sein. Alles wird großartig sein.“

Sie wusste, dass ihre Mutter sich über sehr viel mehr Sorgen machte als den Zustand des Gartens, aber sie hatte auch nicht übertrieben mit ihrer Beschreibung. Wenn jemand Windrush kannte, dann Rachel. Sie kannte jeden Winkel des Gutsbesitzes – von der Steinmauer bis zum Schornstein, vom Fliederbusch bis zum Lilienteich. Jeder einzelne seiner zweihundert Morgen war ihr vertraut und ans Herz gewachsen. Als ältestes Kind, obwohl sie eine Frau war und ganz gegen die Gepflogenheiten, würde sie Windrush eines Tages erben.

„Ich möchte nicht indiskret sein, meine Liebe, aber Connor … hat er dich …“

Rachel lachte. „Ja, Mama. Er hat mich erkannt. Und ich glaube auch, dass er noch immer zornig ist, obwohl er sich sehr gut benommen hat – tadellos, wie Papa gesagt hätte. Tatsächlich ist er uns zu Hilfe gekommen. Wenn er nicht gewesen wäre, würden wir womöglich noch immer am selben Fleck in Charing Cross stehen und unserem tapferen Ralph dabei zuschauen, wie er sich mit einem Brauer schlägt.“ Sie berichtete ihrer Mutter kurz von dem Vorfall und fügte schließlich hinzu: „Es ist seltsam. Gestern hätte ich noch geschworen, dass ich nicht in der Lage wäre, ihn nach so langer Zeit richtig zu beschreiben. Und dennoch erkannte ich ihn im selben Moment, da Lucinda mich auf ihn hinwies.“ Gedankenverloren zupfte sie an den winzigen Fliederblüten und warf sie achtlos aus dem Fenster.

„Was sagte er zu dir? Und du? Du warst doch nicht unhöflich zu ihm, Rachel, oder? Dein Papa wäre wütend, wenn er glauben müsste, du hättest den Mann schon wieder gemein behandelt.“

„Natürlich nicht“, beteuerte Rachel, obwohl ihr Gewissen sie ein wenig zwickte. Insgeheim gestand sie sich ein, dass sie ihr Benehmen bereute. Lord Devane war jetzt ein Fremder für sie und hatte ihr keinen Grund gegeben, unwirsch zu sein. Heftig warf sie den Rest des zerzausten Flieders aus dem Fenster. „Er sagte … nun, nicht sehr viel. Er erwähnte nur, dass er fand, ich hätte mich nicht sehr verändert.“

Seine Worte waren ihr seitdem nicht aus dem Sinn gegangen. Sie haben sich wenig verändert, Miss Meredith. Was für mich günstig ist, aber katastrophal für Sie …

Danach hatte eine ungute Vorahnung sie erfasst, während sie ihn fortschlendern sah. Sie wusste, er hatte diese Antwort mit Bedacht gewählt, um sie zu beunruhigen, und sie sollte nicht allzu sehr darauf achten. Trotzdem hatte sie seitdem ständig über eine versteckte Bedeutung nachgegrübelt. Lucinda glaubte allerdings, dass nur Sarkasmus aus seinen Worten geklungen hatte und nichts Finsteres.

Also hatte sie sich überzeugen lassen. Lord Devanes Bemerkung sollte eine Beleidigung sein, keine Drohung. Er hatte ihr voller Ironie zu verstehen geben wollen, wie glücklich er darüber war, der Ehe mit einer Frau entkommen zu sein, die selbst nach so vielen Jahren noch immer einen bedauerlichen Mangel an guten Manieren aufwies. Wenn es sie auch nur einen Funken kümmern würde, was er nach sechs Jahren von ihr hielt, hätten seine Worte sie vielleicht gekränkt. Aber da das nicht der Fall war, ließ es sie völlig kalt.

Als ihr auffiel, dass ihre Mutter sie nachdenklich musterte, erzählte sie weiter: „Danach fuhr Lord Devane mit seiner weiblichen Begleitung davon. Lucinda glaubt, in der Frau eine italienische Opernsängerin erkannt zu haben, die angeblich der letzte Schrei in London und sehr beliebt bei den Gentlemen sein soll. Ich vermute, sie haben eine Art Liaison miteinander. Es schien ihr viel daran zu liegen, dass er ihren Flirt mit einigen Gecken bemerkte, die um sie herumscharwenzelten. Wie dem auch sei …“, schloss Rachel mit einem Lächeln, „… ich bin froh, dass wir uns begegnet sind. Nach sechs Jahren hat die gefürchtete Begegnung stattgefunden, und nichts ist geschehen. Kein Grund, sich weiterhin über ihn Gedanken zu machen. Ich bin außerdem sicher, Seine Lordschaft empfindet ebenso. Was Papa auch denkt, ich freue mich, dass der Earl of Devane die Vernunft besaß, die Einladung abzulehnen. Er hält es offensichtlich für besser, sich nicht mit uns abzugeben, und ich jedenfalls glaube nicht, dass seine Abwesenheit uns schmerzen wird. Ganz im Gegenteil.“

„Es klingt ganz so, als wäre seine Freundin Maria Laviola.“

„Ja, das ist der Name, den Lucinda erwähnte.“

Gloria Meredith schien im Begriff, etwas hinzuzufügen, schloss aber dann doch nur den Mund und lächelte. Dass Signorina Laviola der Ehrengast beim geplanten Musikabend der Pembertons sein würde, behielt sie besser für sich. Wenn die gefeierte Sängerin Devanes Geliebte war, würde er sicherlich an jenem Abend erscheinen. Und wenn Rachel das wüsste, wäre es gut möglich, dass sie unter irgendeinem Vorwand zu Hause bleiben würde. Doch das wollte sie nicht. Die ungewöhnliche Abwesenheit ihrer Tochter würde nur wieder boshaften Klatsch in Gang setzen. Sehr viel mehr als es eine Begegnung mit dem Mann tun würde, den sie einst grausam sitzen gelassen hatte. Höchste Zeit, die ganze Angelegenheit wie Schnee von gestern zu betrachten und die Klatschbasen ein für alle Mal zu enttäuschen. Liebevoll tätschelte sie Rachel den Arm und machte sich auf zu William, entschlossen, ihrem zukünftigen Schwiegersohn einige Einzelheiten über die Robe zu entlocken, die seine Mutter zur Hochzeit zu tragen gedachte.

3. KAPITEL

Schön, dass ich noch immer diese Wirkung auf sie habe, dachte Connor, als Rachel Meredith bei seinem Anblick errötete. Selbst während ihrer Verlobungszeit war sie jedes Mal rot geworden, sobald sie ihn sah. In seiner jugendlichen Ahnungslosigkeit hatte er sich eingeredet, es geschähe aus Freude. Ein spöttisches Lächeln erschien um seine Lippen, worauf Rachel abrupt den Kopf abwandte. Heute wusste er natürlich, wie sehr er sich geirrt hatte. Sie war damals aus dem gleichen Grund errötet wie auch jetzt – weil seine Gegenwart sie aus der Fassung brachte und sie sich wünschte, er wäre ganz woanders. Vielleicht hätte ihn der Gedanke verletzen sollen, aber eins erfüllte ihn mit Genugtuung – offensichtlich war er ihr nicht völlig gleichgültig.

Während er vorgab, sich mit seinem Stiefbruder zu unterhalten, blieb er so stehen, dass er Rachel diskret beobachten konnte. Sein Blick glitt über ihre anmutige, in schillernde blaue Seide gekleidete Erscheinung. Ihre blonden Locken waren kunstvoll angeordnet, ihr schlanker Hals erinnerte an makellosen Alabaster. Eine wahre Göttin, spottete Connor insgeheim, zuckte aber dennoch leicht zusammen, da dieser Gedanke der Wahrheit für seinen Geschmack viel zu nahekam. Seit er ihr zu Beginn der Woche begegnet war, hatte er ständig an sie denken müssen. Widerwillig gestand er sich ein, dass sie trotz ihrer fünfundzwanzig Jahre so schön war wie eh und je. Und ebenso verlockend und begehrenswert wie die Neunzehnjährige, die ihm den Verstand geraubt hatte. Ihre Figur war jetzt etwas weiblicher und somit noch aufregender.

Wie sehr hatte sie ihn in Versuchung geführt damals! Vor sechs Jahren war ihm nicht entgangen, dass sie ihre herausfordernden Blicke auch auf andere Gentlemen gerichtet hatte. Doch Connor war sich der Gepflogenheiten des ton bewusst gewesen. Er wusste, eine Dame – besonders wenn deren Ruf durch eine offizielle Verlobung beschützt wurde – hatte das Recht auf einen Kreis von Bewunderern. Hätte er sich seine Eifersucht anmerken lassen, hätte man das als unnötig und geschmacklos empfunden. Oft war seine Geduld auf eine harte Probe gestellt worden. Er erinnerte sich an einen bestimmten Abend in den Vauxhall Gardens, an dem Rachels Flirt mit einem ihrer Bewunderer eindeutig zu weit ging. Connor war im Begriff gewesen, sie zu packen und in ein Gebüsch zu zerren, um ihr zu zeigen, was geschehen konnte, wenn sie erregte Männer an den Rand ihrer Selbstbeherrschung brachte. Dann allerdings hatte sie ihn angelächelt, als würde ihr außer ihm niemand etwas bedeuten.

Also hatte er sie gewähren lassen. Er war verliebt in sie gewesen, also hatte er seinen Zorn geschluckt und sein Verlangen nach ihr im Zaum gehalten, obwohl es ihn fast umbrachte. Insgesamt hatte er sich so verhalten, wie Rachel es sich wünschte. Zumindest war er davon ausgegangen. Doch wie sehr hatte er sich geirrt. Sie hatte ihn nie wirklich gewollt. Für sie war alles nur ein kindisches Spiel gewesen, das sie nach ihren ganz persönlichen Regeln gespielt hatte.

Zu seinem Ärger konnte er nicht den Blick von ihr nehmen. Nach einer Weile schien ihr aufzufallen, dass er sie mit kaum verhohlenem Verlangen musterte. Sie wandte sich halb zu ihm um, als wollte sie ihn mit einem strengen Stirnrunzeln zurechtweisen. Stattdessen legte sie dann eine Hand an die Wange, zupfte verlegen an einer Locke und kehrte ihm gleich darauf ganz bewusst den anmutigen Rücken zu.

Connor verzog den Mund zu einem boshaften Lächeln. Die aufreizende kleine Hexe mit dem herausfordernden Blick gab es also nicht mehr. Vermutlich hatte ihr inzwischen ein Mann, der über entschieden weniger Geduld verfügte als er, eine dringend nötige Lektion in Bescheidenheit und Anstand erteilt. Connor hatte gehört, dass sie im Lauf der Jahre mehrere Verlobungen gelöst hatte und eigentlich bereits als alte Jungfer galt. Allerdings nicht wegen ihres Alters, denn dazu war ihre Mitgift ein zu großer Anreiz, sondern weil man sie allgemein für herz- und gefühllos hielt.

Und wirklich strahlte sie eine ruhige Gelassenheit, ja, fast Unnahbarkeit in ihrem eisblauen Kleid aus, das genau zu ihren Augen passte, an die er sich noch sehr gut erinnerte.

Von dem Moment an, da er entdeckt hatte, wie sie gelassen und zufrieden mit ihrer Freundin im Landauer gesessen und geplaudert hatte, war in ihm der Wunsch wach geworden, sie auf irgendeine Weise aus dem Gleichgewicht zu bringen. Als sie dann allerdings von allen Seiten von streitlustigen Männern bedrängt worden war, hatte ihre missliche Lage ihn nur wenige Augenblicke unterhalten. Gleich danach hatte er sich auf den Weg gemacht, um ihr zu helfen. Warum er jene letzte dumme Bemerkung gemacht hatte, war ihm allerdings ein Rätsel. Wahrscheinlich wieder nur, um sie zu verunsichern.

Und jetzt spürte er den Drang, es erneut zu tun. Er wollte ihren Stolz brechen und ihr absichtlich Schmerz zufügen, so wie sie ihm Schmerz zugefügt hatte. Er wollte derjenige sein, durch den sie ihre gerechte Strafe bekam. Was eigentlich sehr seltsam war. Vor sechs Jahren hatte er sich und viele andere davon überzeugen können, dass Rachels Verlust und die Demütigung ihrer Zurückweisung ihn nicht sonderlich verletzt hatten. Danach hatte er an einem Krieg teilgenommen, sich Feinde und Freunde gemacht und ein Vermögen erworben. Er hatte sich sogar ein oder zwei Mal verliebt. Doch seine verlorene Verlobte heute wiederzusehen, so schön und offenbar so wenig von allem berührt, was mit ihm zu tun hatte, machte ihm klar, dass er sich nach Rache sehnte.

Mit einem leichten Anflug von Selbstekel wandte Connor den Blick ab und gab seinem Bruder ein Zeichen weiterzugehen. Langsam bahnten sie sich einen Weg durch das Gedränge in der Vorhalle der Pembertons. Schließlich erreichten sie eine von zwei Treppen, die in einem weit ausholenden Bogen in den ersten Stock führten. Trotz des Stimmengewirrs hörte Connor, wie die Musiker ihre Instrumente für das heutige Konzert stimmten. Als er den Fuß auf die erste Stufe setzte, verstummten die Gespräche. Unwillkürlich hatte Connor das Gefühl, dass dies etwas mit ihm zu tun haben musste. Er sah neugierig auf.

Seine Mätresse kam die Treppe herunter auf ihn zu in einem reinweißen Kleid, hier und da mit roten Rosenknospen gesprenkelt. Sein raffinierter Schnitt betonte auf kunstvolle Weise ihren verführerischen Busen, und der beinahe durchscheinende Stoff des Rockes ließ einen Hauch der Haut darunter erahnen.

Irgendein rücksichtsvoller Mensch hatte daran gedacht, jedes Fenster und jede Tür im Haus zu öffnen, um die Wärme zu mildern, die sich in diesem Jahr ungewöhnlich früh bemerkbar machte. Die dadurch entstandene Brise hatte die Kerzen zum Flackern gebracht und die Stirn einiger zu warm gekleideter Gentlemen gekühlt. Ein plötzlicher Luftzug jedoch hatte das genaue Gegenteil zur Folge: Er geriet unter Marias Rock und bauschte ihn auf bis zu ihren wohlgeformten Waden. Unzählige Krawattentücher wurden plötzlich hastig gelockert, und man meinte fast, alle Männer einen lautlosen Seufzer ausstoßen zu hören. Die Damen in ihrer Begleitung erkannten die Anzeichen und durchbohrten die Sängerin mit bitterbösen Blicken.

Connor hörte Maria amüsiert lachen, doch dann setzte sie eine verschämte Miene auf und glättete das zarte Material ihres Rockes über ihren schlanken Schenkeln.

Es herrschte völlige Stille, während sie ihren Weg fortsetzte. Connor betrachtete sie gelassen, ein spöttisches Lächeln um die Lippen. Ohne Zweifel hatte er die Rechnung für diesen unschicklichen Rock bezahlt, der so vielen Männern heute Abend Freude verschaffte. Gerade heute Morgen hatte sein Sekretär ihm einen ganzen Stapel Rechnungen vorgelegt, ein großer Teil davon offenbar von Hutmacherinnen und Modistinnen, die behaupteten, eine gewisse Dame in seinem Namen ausstaffiert zu haben.

Maria begrüßte ihn mit einem intimen, sinnlichen Lächeln, das ausschließlich ihm galt, und erst dann ließ sie sich dazu herab, die wartende Menge zu beachten. Stolz hob sie das Kinn und warf den Kopf zurück, sodass ihre schwarzen Locken flogen.

Wie alle anderen beobachtete Rachel fasziniert dieses ausgesprochen sinnliche Schauspiel. Die Luft schien regelrecht zu knistern, sodass es Rachel unmöglich war, den Blick abzuwenden, als Maria Laviola sich triumphierend zum Earl of Devane gesellte, sich unschicklich eng an ihn schmiegte und die Hand besitzergreifend auf seinen Arm legte. Erst dann begrüßte sie den Herrn, der neben dem Earl stand. Rachel erkannte in ihm dessen Stiefbruder Jason Davenport. Die italienische Sopranistin stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihrem Geliebten etwas ins Ohr zu flüstern. Danach näherte sie sich Jason, um auch ihm ein kleines intimes Gespräch zu gewähren.

Sie genießt die Rolle der Femme fatale, stellte Rachel fest. Sie liebt die uneingeschränkte Aufmerksamkeit, die man ihr schenkt, gibt aber vor, sich ihrer gar nicht bewusst zu sein.

Jetzt hakte sie sich bei beiden Gentlemen ein und ließ sich von ihnen die Treppe hinaufbegleiten.

Als sie sich dem Treppenabsatz näherten, wandte Rachel hastig den Blick ab von den beiden hochgewachsenen Männern und der zierlichen Frau in ihrer Mitte. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass einige Gäste, die sich noch an damals erinnern mochten, sie mit unverhohlener Bosheit musterten. Während sie ihrem damaligen Verlobten dabei zugesehen hatte, wie er mit einer Dame, die zweifellos seine Geliebte war, schamlos vor aller Augen turtelte – hatte man sie ihrerseits neugierig beobachtet.

Die zukünftige Schwiegermutter ihrer Schwester stand dicht neben Lady Winthrop, und beide Damen lächelten süffisant. Offensichtlich über mich, dachte Rachel, und zu ihrem Entsetzen spürte sie, wie ihr die Röte in die Wangen stieg. Was für eine tückische Hexe Pamela Pemberton doch war! Wie gut, dass William ihr so gar nicht ähnlich war.

Es gelang ihr, so manches selbstgefällige Grinsen zum Erlöschen zu bringen, indem sie einfach ein ruhiges Lächeln aufsetzte.

Ohne auch nur einen Gruß an die zukünftige Schwägerin ihres Sohnes zu erübrigen, ließ Pamela Pemberton gleich ihre erste giftige Bemerkung vom Stapel. „Wir überlegten gerade, Miss Meredith, ob das nicht der irische Gentleman ist, mit dem Sie einmal …“

„Oh, gut erkannt, Mrs. Pemberton! Wie erstaunlich. Nach so vielen Jahren haben Sie sich noch erinnert. Ich muss zugeben, ich selbst hätte es fast vergessen. Ja, in der Tat, es ist der Herr, den ich mich damals weigerte zu heiraten. Was für eine Erleichterung allerdings, zu erkennen, dass ich meine jugendliche Entscheidung nicht zu bereuen brauche.“

Lady Winthrop lächelte säuerlich und hob erstaunt die Augenbrauen. „Das fällt mir schwer zu glauben, Miss Meredith. Es wäre wohl mehr als seltsam für eine unverheiratete Dame, die ihr Debüt seit Langem hinter sich hat, sich darüber zu freuen, dass sie eine so hervorragende Partie abgewiesen hat. Weit über die Hälfte der jungen Debütantinnen sprachen am Mittwoch bei Almack’s nur von Lord Devane und wie sie ihn auf sich aufmerksam machen könnten. Ich gestehe, es ermüdete mich nach einer Weile, wie sie sein Loblied sangen. Wie gut er doch aussehe, wie charmant er sei, wie reich, wie …“

„Wie unerreichbar“, fiel Rachel mit ein.

Lady Winthrop blickte sie finster an.

„Seiner Lordschaft scheint mir auf … romantischem Gebiet nichts mehr zu fehlen, meinen Sie nicht?“, fügte Rachel unschuldig hinzu.

Pamela Pemberton lachte höhnisch. „Ich denke, die jungen Damen, von denen meine liebe Freundin sprach, werden wohl auf einer mehr … regelmäßigeren Beziehung mit dem Earl bestehen als der, die er zurzeit mit Signorina Laviola genießt.“

„Oh, wie man aber sagt, ist es eine sehr … regelmäßige Beziehung zwischen den beiden“, erwiderte Rachel vertraulich. June gab vor Entsetzen einen erstickten Laut von sich und warf ihrer Schwester einen flehenden Blick zu.

Rachel seufzte insgeheim. So wenig es sie kümmerte, wenn man sie für vulgär hielt, musste sie June und ihrer Familie zuliebe etwas mehr Zurückhaltung an den Tag legen. Doch dann sah sie den vorwurfsvollen Blick, den Mrs. Pemberton ausgerechnet June zuwarf, als träfe die Arme irgendeine Schuld, und so beschloss Rachel, sich einen letzten kleinen Scherz zu erlauben. „Es gibt da sogar ein kleines Geheimnis, das ich Ihnen verraten werde“, flüsterte sie, als wäre ihre Geschichte nicht für jedes Ohr geeignet. Die älteren Damen tauschten einen neugierigen Blick und näherten sich erwartungsvoll.

„Wie ich höre, wohnt Seine Lordschaft mit großer Regelmäßigkeit … den Liederabenden der Signorina bei. Man sagt, er habe noch keinen einzigen verpasst.“ Rachel lächelte, als die Damen abrupt zurückwichen, die Enttäuschung nur allzu offensichtlich auf ihren faltigen Gesichtern.

Tatsächlich hatte sie nichts dergleichen gehört. Sie wusste nicht, ob Seine Lordschaft seiner Geliebten beim Singen zuhörte oder nicht. So wie sie auch weder das eine noch das andere auch nur einen Deut kümmerte. Es ärgerte sie allerdings sehr, dass sie hergekommen war, ohne zu ahnen, was ihr bevorstand. Hätte sie es gewusst, wäre sie lieber zu Hause geblieben und hätte sich in der Bibliothek eingesperrt – selbst wenn ihre einzige Lektüre dort Philip Moncurs Gedichte gewesen wären. Nun war es zu spät. Sie konnte unmöglich ein Unwohlsein vortäuschen und sich zurückziehen. Es würde nur neuen Klatsch hervorrufen. Ihr blieb also nur übrig, den Abend so würdevoll wie möglich hinter sich zu bringen.

„Nun, Ihre Eltern werden diese ganze Angelegenheit bei Weitem nicht so amüsant finden, wie Sie es zu tun scheinen, junge Dame“, bemerkte Pamela Pemberton spitz. „Vier Töchter verheiraten zu müssen, dürfte kein Zuckerschlecken sein. Obwohl es ja jetzt nur drei sind, denn die arme Isabel ist nicht mehr da. Was für ein entsetzlicher Kummer es für Ihre Mama gewesen sein muss. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie sehr sie …“

„Und deswegen ist es auch besser, nicht davon zu sprechen. Besonders bei einem so öffentlichen Anlass wie diesem“, wurde sie von einer männlichen Stimme streng unterbrochen.

Pamela errötete bis unter die mit Puder bestäubten Haare, als sie ihr einziges Kind entdeckte. Sie vergötterte ihren Sohn und wollte um nichts seinen Unmut erregen, also schenkte sie ihm ein strahlendes Lächeln. Die Art, wie er sie allerdings ansah, trieb ihr wieder die Röte ins Gesicht.

„Und natürlich habe ich mich geirrt“, schalt sie sich selbst. „Ich habe ganz vergessen zu sagen, dass die liebe June schließlich bald in unsere Familie einheiraten wird, und sehr willkommen ist. Es bleiben nur noch Miss Rachel und die kleine Miss Sylvie übrig. Als ich Sylvie das letzte Mal sah, dachte ich noch: Du meine Güte, was ist das Kind schnell gewachsen! Und so hübsch! Die Kleine wird noch einmal viele Herzen brechen, da bin ich …“ Ihr wurde wohl klar, dass ihre Bemerkung in Anbetracht von Rachels Vergangenheit nicht besonders weise war, und begann nervös an ihren dünnen Haarlocken zu zupfen.

„Da haben Sie sicher recht, Ma’am“, meinte Rachel scheinbar betrübt. „Und man kann nichts dagegen tun. Ich fürchte, es liegt in der Familie.“

Nach einem letzten vernichtenden Blick auf Rachel suchte Pamela nach einem Fluchtweg. „Oh, June, ich glaube, ich sehe deine Mutter dort drüben. Ich muss unbedingt mit ihr über … die Hochzeit reden.“ Und damit segelte sie in Begleitung von Lady Winthrop davon.

„Ich würde ja gerne behaupten, dass sie es nicht böse meint“, sagte William leise, „aber ich weiß nicht, wie ehrlich das wäre.“

„Nun, wir dürfen sie nicht voreilig verurteilen“, meinte June großzügig. „Ich denke, sie ist ehrlich, wenn sie sagt, sie findet Sylvie hübsch.“

„Und denkst du auch, sie heißt dich aufrichtig in unserer Familie willkommen?“

June senkte unsicher die Lider, während sie nach einer taktvollen Antwort suchte.

„Ich heiße dich jedenfalls von ganzem Herzen willkommen, mein Liebling.“

„Ich weiß“, flüsterte June und sah mit leuchtenden braunen Augen liebevoll zu ihm auf.

„Nun …“ Rachel fühlte sich ein wenig überflüssig. „Ich mache mich mal auf die Suche nach Lucinda und Paul. Ich habe gesehen, wie sie vorgefahren sind, als wir gerade durch das Tor kamen.“ Nach einigen Schritten wandte sie sich lächelnd ab. Sie wusste sehr wohl, dass weder ihre Schwester noch William wirklich auf ihre Worte geachtet hatten.

Jetzt war es leicht, sich einen Weg durch die Menge der Gäste zu bahnen. Nur wenige Grüppchen, noch in ein Gespräch vertieft, waren in der gefliesten Eingangshalle geblieben. Die meisten befanden sich bereits im Musikzimmer im ersten Stockwerk oder auf der Treppe auf dem Weg dorthin. Rachel suchte nach bekannten Gesichtern, und auf der linken Seite entdeckte sie ihre Eltern mit der Gastgeberin. Bei ihrem letzten Blick in die sich allmählich leerende Halle machte sie schließlich Lucinda und Paul Saunders aus, die nicht weit von ihr entfernt standen, bisher jedoch von einer Gruppe von Männern verdeckt worden waren. Sie achtete nicht auf diverse Dandys, die ihr schöne Augen machten, und stand schon im Begriff, sich zu ihren Freunden zu gesellen. Dann aber hielt sie inne, als ihr bewusst wurde, dass auch dieses Paar wohl lieber allein wäre. Lucinda sah liebevoll lächelnd zu ihrem Gatten auf, und Paul schien alles um sich herum vergessen zu haben außer ihr. Langsam hob er eine Hand und strich ihr über die Wange.

Rachel wich schnell zwei Schritte zurück, verzweifelt bemüht, nicht von ihnen bemerkt zu werden. Hastig drehte sie sich um und eilte zur Treppe. Auf der untersten Stufe zögerte sie zunächst. Eine seltsame Schwermut überkam sie, und die wohlklingende Melodie, die von oben zu ihr drang, tat nichts, um sie aufzuheitern. Zu ihrem Entsetzen erkannte Rachel, wie kurz sie davorstand, in Tränen auszubrechen. Die Vorstellung war so albern, dass sie stattdessen ein unsicheres Lachen unterdrücken musste.

Wie kannst du dich einsam fühlen, wenn doch deine Familie und Freunde ganz in deiner Nähe sind? schimpfte sie mit sich. Vielmehr hatte sie jeden Grund, Freude zu empfinden. Ihre beste Freundin erwartete ein Kind und war glücklich, und ihre geliebte Schwester June würde bald einen der ...

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