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HISTORICAL SAISON BAND 54

Die Liebe ist kein Spiel, Mylord!

1. KAPITEL

London – Sommer, 1819

Sophie betrachtete ihr Opfer. Der dralle Mops lag mitten auf einem riesigen hellgrünen Kissen, das strategisch günstig vor dem Kamin in Lady Minnies hinterem Salon platziert war.

„Es sind nur du und ich, Marmaduke. Und ich werde nicht klein beigeben.“

Nichts. Nicht die leiseste Regung. Er hatte die großen Glubschaugen geöffnet, also war er wach, es sei denn, er befand sich in einer Art Trance, was gut möglich war, so wie er auf die verblichene gold-und-purpur-gemusterte Tapete starrte, das Hinterteil trotzig Sophie zugewandt.

„Es ist ganz einfach, Duke. Entweder du lässt dich von mir ausführen, wie der Doktor es angeordnet hat, oder Tante Minnie wird mich in die nächste Kutsche zurück nach Ashton Cove setzen, und ich will wirklich, wirklich noch nicht heim. Für Augusta und Mary mag es hier die Hölle gewesen sein, doch selbst wenn ich London nicht erkunden darf, schätze ich mich überaus glücklich, hier vollkommen allein sein zu können, ohne dass jemand an mir herummäkelt oder irgendetwas von mir verlangt … außer Tante Minnie mit ihrer täglichen Vorlesestunde natürlich. Du hast offenbar keine Vorstellung davon, wie es ist, mit neun Leuten unter einem Dach zu leben, von Papas Pfarrmitgliedern ganz zu schweigen, von denen die meisten mich für einen Wechselbalg halten. Verstehst du nun, weshalb ich deine Hilfe brauche?“

Unter schnaufendem Hecheln wippte die rosa Zunge aus seinem grinsenden Maul, dass es aussah, als lachte er Sophie aus, und sie hätte wohl selbst über sich gelacht, wenn es ihr nicht so ernst gewesen wäre. Als die Einladung von Tante Minerva Huntley in ihr Stadthaus in London Sophie erreicht hatte, war sie ganz aus dem Häuschen gewesen, den schrecklichen Berichten ihrer älteren Geschwister zum Trotz. Denen hatte man untersagt, weiter zu gehen als bis zu dem Park auf der anderen Straßenseite, und schon nach wenigen Tagen waren sie wieder nach Hause geschickt worden. Keiner von ihnen war länger als eine Woche geblieben, und keiner hatte Glück mit Marmaduke gehabt.

Tante Minnies überaus sympathischer Butler hatte ihr mitgeteilt, dass sich niemand mehr im Haus an Marmaduke heranwagte, da er die verhängnisvolle Angewohnheit hatte, derart herzzerreißend zu jaulen, dass der letzte Bedienstete, der versucht hatte, mit ihm Gassie zu gehen, auf der Stelle entlassen worden war. Sophie wusste, ihre Chancen standen schlecht, aber sie glaubte, abgesehen von ihrer eigenen Befindlichkeit, würde es auch Marmaduke unendlich guttun, sich ein wenig die Beine zu vertreten.

„Ich hasse Ashton Cove ja nicht, Duke“, erklärte sie dem Hinterteil des Mopses. „Aber ich muss der Wahrheit ins Auge sehen. Ich bin meiner Familie nicht sehr nützlich. Selbst wenn ich den Antrag von einem der Männer, die bislang Interesse an mir bekundeten, hätte annehmen wollen – was nicht der Fall war – gelang es mir doch jedes Mal, sie zu verschrecken, ehe sie den nächsten Schritt machten. Augusta sagt immer, mein Beitrag zu Papas Gemeindearbeit bestehe darin, dass ich gut mit Tieren und Exzentrikern umgehen kann, aber ich weiß, dass das meine Eigentümlichkeit nicht aufwiegt. Und nun bin ich hier in London, mit einem Tier und einer einsiedlerischen Exzentrikerin – Tante Minnie möge mir verzeihen – und mache einfach keine Fortschritte. Wenn du dich nur ein bisschen, ein klitzekleines bisschen bemühen würdest, damit ich meinen Nutzen unter Beweis stellen kann? Wenn ich das schaffe, darf ich vielleicht etwas länger bleiben und möglicherweise sogar die Stadt erkunden. Was sagst du, Duke? Nur ein kleiner Spaziergang? Ich verspreche dir, es wird lustig.“

Wie schon zuvor ging ihre fröhliche Ansprache völlig ins Leere, und sie starrte auf den gleichmütig dasitzenden Hund. Hier bedurfte es offenbar mehr als nur der Worte. Sie atmete tief durch, hob das Tier entschlossen von seinem Kissen auf, ging in die Halle und geradewegs zur Vordertür hinaus. Marmaduke war dermaßen überrumpelt, dass er nicht einmal eine Reaktion zeigte, als sie über die belebte Straße hinüber in den Park eilte. Sicher dort angekommen, zog Sophie eine stabile Vorhangkordel durch sein Samthalsband, setzte ihn ins Gras und sah auf ihn hinab. Er starrte mit großen Augen zurück, dann drehte er den Kopf und betrachtete seine Umgebung. Tauben flogen umher, ein Kindermädchen zog zwei Kleinkinder mit sich den Weg entlang, die Bäume raschelten sacht im Wind.

„Siehst du? So schlimm ist es nicht, oder?“, sagte Sophie ermutigend und wurde mit einem dunklen Brummen belohnt, als eine Taube gefährlich nah vorbei spazierte. Marmaduke stemmte sich auf die Füße, und die Taube flatterte aufgeregt in die Luft. Das war Ansporn genug, und Marmaduke, den Sophie nie weiter als von seinem Kissen bis zu seinem silbernen Futternapf hatte gehen sehen, zeigte ihr eindrücklich, dass er sich sogar sehr schnell bewegen konnte. Lachend umfasste Sophie die Leine fester und lief hinter ihrem mopsigen Schützling her, als der sich daran machte, den Park von sämtlichem Federvieh zu befreien. Nach zehn Minuten keuchte er gewaltig, und Sophie beschloss, dass es für heute genug war, hob ihn hoch und machte sich auf den Weg zurück zum Haus.

Er ließ sich so vertrauensvoll und gemütlich in ihren Armen wiegen, dass sie nie auf den Gedanken gekommen wäre, es könnte noch mehr Energie in ihm stecken. Doch als sie eben die Straße überquerte, entdeckte er einen weiteren Vogel auf dem Bordstein, sprang mit einem mächtigen Satz von ihrem Arm und setzte zur Verfolgung an. Sophie war so überrascht, dass sie nicht einmal daran dachte, die Kordel zu greifen, und sie konnte nur noch bestürzt zusehen, wie die hinter Marmaduke her über den Boden schleifte.

„Duke! Stehen bleiben!“, rief sie scharf und pfiff ihn zurück, als sie sich von der ersten Überraschung erholt hatte. Dann lief sie ihm nach. Der Hund schenkte ihr keinerlei Beachtung, doch ein Mann und eine Frau hielten so abrupt auf dem Gehweg inne, dass der Mops geradewegs gegen die eleganten Hessenstiefel des Mannes prallte. Der kurze Moment reichte Sophie, sie schnappte sich die Kordel und schlang das Ende um ihr Handgelenk.

„So – es geht zurück nach St. Helena für dich, du kleiner, treuloser Diktator. Das ist das letzte Mal, dass ich dich ausgeführt habe, wenn du es mir auf diese Weise dankst!“

Marmaduke warf ihr einen hochmütigen Blick zu, dann nieste er auf die Stiefel des Mannes, die diesem vermutlich eine liebe Erinnerung an Waterloo waren.

Sophie sah entschuldigend zu dem Pärchen auf, das unfreiwillig zu ihren Komplizen geworden war.

„Das tut mir furchtbar leid, aber vielen Dank, dass Sie ihn aufgehalten haben. Tante Minnie hätte mir nie verziehen, wenn er weggelaufen wäre. Er ist ihr Liebling, wenn ich auch nicht weiß, warum. Meistens sitzt er nur auf seinem Kissen und starrt die Wand an. Bis heute wusste ich nicht einmal, dass er mehr als nur schlurfen kann.“ Sie blickte hinab zu dem Missetäter. „Zugegeben, das war eine tolle Vorführung deines Temperamentes, Marmaduke. Aber vielleicht ein bisschen viel auf einmal. Wir sollten es langsam angehen, nicht?“

Die Frau, die ganz nach der letzten Mode gekleidet war, wirkte leicht entsetzt, sah dann jedoch zu dem großen Mann neben sich auf und kicherte – ein eher unpassendes Verhalten für eine so elegante Dame. Sophie, die deren Aufzug ein wenig neidisch beäugt hatte, wandte ihre Aufmerksamkeit dem Mann zu und hatte das seltsame Gefühl, vor der prächtigen, kunstvoll gearbeiteten Skulptur eines Kriegers zu stehen. Er wirkte mächtig und unnachgiebig und hätte sehr adäquat den Tempel irgendeines rachedurstigen Gottes geziert. Vollkommen ruhig stand er da, nur seine eindringlichen dunkelgrauen Augen verengten sich leicht, als sich ihre Blicke trafen, und sie erinnerte sich zurück an eine Nacht in Cornwall, wo sie sich im Park ihres Cousins in St Ives verirrt hatte und auf eine Statue des griechischen Gottes Mars getroffen war. Sie war vor Schreck wie erstarrt gewesen und hatte sich winzig klein gefühlt im Angesicht des vom Mondlicht beschienenen, düsteren, halbnackten Kriegsgottes. Erst als ihre Vernunft wieder die Oberhand gewonnen hatte, hatte sie sich rühren können und war zurück zum Haus gelaufen.

Der Mann verneigte sich leicht, und das seltsame Gefühl verflog, hinterließ nur eine eigentümliche Empfindung, ähnlich der Stille, nachdem man eine laute Gesellschaft verlassen hatte, das Gefühl, allein und von allem weit entfernt zu sein.

„Das ist schon in Ordnung“, sagte er mit tiefer, träger Stimme, die seine Ungeduld kaum verbarg. „Wir sind sehr erfreut, dass wir behilflich sein konnten. Eine richtige Leine wäre allerdings hilfreicher als diese Kordel.“

Sophie schüttelte sich innerlich und verfiel in hastiges Geplapper. „Ich weiß, aber Tante Minnie hält nichts davon, vor die Tür zu gehen, und weigert sich, Leinen zu kaufen. Was sehr bedauerlich ist, da er ganz offensichtlich etwas Erziehung benötigt. Schauen Sie das arme Ding nur an.“

Alle sahen auf Marmaduke hinab, der einem kleinen, massigen Findlingsstein gleich dasaß und die rosa Zunge mit einem triumphierenden Grinsen aus seinem Maul hängen ließ. Das harte, kompromisslose Gesicht des Mannes entspannte sich zu einem kleinen Lächeln. Ein sehr hübsches Lächeln, dachte Sophie, überrascht von der Verwandlung, die es bei ihm bewirkte. Das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, verstärkte sich.

„Ich finde, er sieht nicht aus wie ein armes Ding. Er scheint vielmehr überaus verhätschelt zu sein. Handelt es sich bei Tante Minnie zufällig um Lady Minerva Huntley?“

„Ja, sind Sie miteinander bekannt?“

Die Blicke, die das Pärchen tauschte, zeugten von einer so leichten, heiteren Kommunikation, dass Sophie mit einem für sie vollkommen untypischen Anflug von Eifersucht dachte, dass die beiden sich sehr lieben mussten.

„Eigentlich nicht“, antwortete die Frau. „Sie geht nicht mehr viel aus. Aber als wir Kinder waren, und bevor Lord Huntley verstarb, haben wir sie oft gesehen. Sie war immer sehr imposant. Wohnen Sie bei ihr?“

„Ja. Ich bin ihre Nichte und ihr neustes Haustierchen.“

Die grünen Augen der Lady funkelten amüsiert.

„Haustier?“

Beschämt errötete Sophie angesichts dieses Ausrutschers. Sie hatte sich durch ihre Verlegenheit zu genau dem ungezwungenen Geplauder hinreißen lassen, bei dem ihre Eltern sich winden würden.

„Das war nicht nett von mir, nicht wahr? Sie ist wirklich … fürsorglich, auf ihre Art. Ich danke Ihnen noch einmal, aber ich sollte Marmaduke zurückbringen, ehe wir noch vermisst werden. Guten Tag.“

Lächelnd drehte sie sich um und zog an der Leine, aber Marmaduke hatte augenscheinlich all seine Tatkraft aufgebraucht und gedachte nicht, sich auch nur ein paar Zoll weiter fortzubewegen. Einen Moment herrschte peinliche Stille, und Sophie wurden die Wangen heiß, als sie sich bückte, um den Hund hochzuheben.

„Du bist ein Meister des Starrsinns, Duke. Dein unschuldiger Blick täuscht auch nicht darüber hinweg!“, informierte sie ihn und mit einem letzten grüßenden Nicken, das, wie sie hoffte, zumindest den Anschein von Würde wahrte, eilte sie Richtung Huntley House. Flüchtig schloss sie die Augen, als sie begriff, welch einen albernen Eindruck sie auf dieses hübsche, elegante Paar gemacht haben musste. Sie würden sie zweifellos hinter ihrem Rücken auslachen. Zum Glück hatten ihre Eltern nicht miterlebt, wie vorhersehbar sie gleich bei ihrem ersten Kontakt mit Menschen außerhalb von Tante Minnies Reich ins Fettnäpfchen getreten war. Nun, es war unwahrscheinlich, dass sie die beiden je wiedersehen würde. Zumindest etwas Gutes hatte sie heute getan, wenn auch nur für den Mops.

2. KAPITEL

Max sah der jungen Frau nach, bis sie im Eingang von Nummer achtundvierzig verschwunden war, dann blickte er seine Schwester an, deren Augen immer noch belustigt funkelten.

„Da ist der Beweis. Verrücktheit ist erblich, Hetty.“

Sie lachte wieder, schüttelte aber den Kopf, während sie weiter nach Osten zur Brook Street gingen.

„Unsinn, Max, ich glaube, weder das Mädchen noch Lady Huntley sind in irgendeiner Form verrückter, als ich es bin. Lady Huntley gibt sich inzwischen lediglich dem Vergnügen hin, eine berühmte Einsiedlerin und Exzentrikerin zu sein. Meine Zofe sagt, sie sei über den gesamten Londoner Klatsch voll und ganz im Bilde. Und was die junge Frau betrifft, so ist sie vermutlich bloß zu Tode gelangweilt und heilfroh, überhaupt mit jemandem reden zu können, wenn sie die neuste Verwandte ist, die abkommandiert wurde, Lady Huntley zu besuchen. Wirklich, diese Frau scheint mehr Cousinen und mittellose Verwandte zu haben als jeder andere, den ich kenne. Selbst bei ihrem Vermögen wird pro Kopf nicht mehr als ein Bettel übrig bleiben, sollte sie es je unter allen aufteilen müssen.“

„Vielleicht hofft ihre aktuelle Gefährtin, die Vierbeiner der Merkwürdigen Minnie, insbesondere dieser eine, könnten ihr den Weg zur Alleinerbin pflastern. Sie scheint sich jedenfalls gerne mit diesem … Hund zu unterhalten. Sie hätte mich beinahe überzeugt, dass er jedes Wort versteht.“

„Du bist so ein Zyniker, Max. Müsste ich länger als einen Tag dort verbringen, würde ich auch anfangen, mit den Hunden zu reden. Ich hörte, Lady Huntley spricht manchmal kein Wort mit ihren Verwandten und lässt alles nur über ihren Butler ausrichten. Einmal hat sie einen Neffen mitten in der Nacht mit der Postkutsche heimgeschickt und es nur zwanzig Minuten vorher ausrichten lassen! Ich möchte mir nicht ausmalen, was dem armen Kind passiert wäre, hätte sie den Lieblingsmops der Merkwürdigen Minnie verloren.“

„Sie hätte sich vermutlich im Keller eingeschlossen wiedergefunden oder schlimmer. Und sie ist wohl kaum noch ein Kind. Ich schätze drei- oder vierundzwanzig.“

Hetty schnaubte wenig damenhaft. „Natürlich werde ich das Urteil des Kenners aller weiblichen Wesen nicht anfechten! Bist du sicher, dass du das Datum nicht noch etwas präziser festlegen kannst? Oder war sie nicht schön genug, um sie so genau zu betrachten?“

„Keine Häme, Hetty. Sie war passabel, aber ich habe keine Vorliebe für vorlaute junge Damen vom Land, nicht einmal für so unbestreitbar originelle. Zu ermüdend.“

Hetty seufzte. „Du hast gar keine Vorlieben, mein lieber Max. Versuche bitte, etwas positiver zu sein, wenn wir bei Lady Carmichael sind. Sie und Lady Penny werden mit deinen bissigen Bemerkungen nicht zurechtkommen. Benimm dich!“

Er verkniff sich eine ebensolche über die ständigen Versuche seiner Schwester, eine potenzielle Ehefrau für ihn zu finden. Er sollte wirklich lernen, sich mit seinem Urteil zurückzuhalten. Mit Lady Penny hatte er erst einmal gesprochen, an einem öden Abend bei Almack’s, und es sollte ihn überhaupt nicht wundern, dass sie nichts weiter von sich gegeben hatte als all die Albernheiten, die von jungen Damen zu solchen Anlässen eben erwartet wurden. Und er musste zugeben, dass sie eine wirklich hübsche, reizende und schickliche junge Dame aus exzellenter Familie war. Sie würde sich als Duchess of Harcourt und Mutter seiner Erben gut machen. Und sollte sie doch zu langweilig sein, hatte Hetty ihm noch drei weitere Kandidatinnen in Aussicht gestellt.

Vor allem aber sollte er Hetty dankbar sein, dass sie ihm half, sein Versprechen einzulösen, das er längst überaus bereute, dem er aber nicht mehr entrinnen konnte. Der Gedanke, sich allein durch den Dschungel heiratswilliger Frauen kämpfen zu müssen, war erschreckender als jeder seiner bisherigen militärischen Feldzüge. Also brauchte er Hettys Hilfe. Sie war von seinen fünf Schwestern die versierteste auf dem gesellschaftlichen Parkett, und bis zu ihrer Hochzeit vor sechs Jahren hatte sie jeden gekannt, der im Londoner ton irgendwie bedeutend war.

„Das ist heute das zweite Mal, dass jemand von mir Gehorsam fordert. Hab Erbarmen“, entgegnete er reumütig lächelnd.

Sie kicherte. „Das war lustig! Und ein Duke hat ihr gehorcht, wenn auch nur du und nicht der Mops. Wenn ich dich mal wieder von deinem hohen Ross holen muss, werde ich das deinen Freunden erzählen. Dich nimmt sowieso jeder zu ernst.“

„Dann pass auf, dass ich nicht eine von deinen peinlichen Eskapaden unserer Kindheit zum Besten gebe! Jenes sonderbare Mädchen jedenfalls hat kein Gefühl für Etikette, wenn sie derart mit Fremden spricht. Sie wird noch Schwierigkeiten bekommen.“

„Sie tut mir leid. Sie schien so froh, sich unterhalten zu können. Vielleicht sollte ich mutig sein und bei ihr vorsprechen, solange ich in der Stadt bin.“

Max lächelte sie an, während sie vor dem eleganten Stadthaus an der Ecke der Brook Street stehen blieben.

„Du hast ein gutes Herz. Und offen gesagt würde, sogar ich es vorziehen, den Nachmittag mit der Merkwürdigen Minnie zu verbringen statt mit Lady Carmichael. Ich wünschte, ich hätte Vater nie versprochen, innerhalb von zehn Jahren zu heiraten. Damals erschien einunddreißig noch in so unglaublicher Ferne, und es schien mir ein fairer Preis zu sein für seine Erlaubnis, mich Wellington in Spanien anzuschließen.“

Hetty dachte nach. „Ich glaube, er hätte dieses Versprechen gar nicht gebraucht. Ich weiß, was ihm Harcourt bedeutete, aber er war das Pflichtbewusstsein in Person, und er fand es daher nicht falsch, seinem Land zu dienen. Er wollte nur sichergehen, dass du irgendwann heiratest. Ich glaube, er fürchtete nur, du würdest dich weigern … nach dem, was mit Serena geschah …“

Unwillkürlich ging ein Ruck durch Max, und Hetty brach ab.

„Verzeih mir, ich hätte sie nicht erwähnen sollen“, sagte sie zerknirscht.

Er machte eine wegwerfende Geste mit der Hand und versuchte, die Spannung zu lösen, die ihn jedes Mal befiel, wenn die Erinnerung an Serena geweckt wurde. Er hätte freudig einige seiner weltlichen Güter geopfert, wenn dafür jenes Jahr aus seinem Leben gelöscht werden könnte. Sein Vater, steif wie eh und je, hatte in einem Anflug elterlicher Fürsorge das Sprichwort „Zeit heilt alle Wunden“ angebracht. Aber obgleich die Zeit den Schmerz gelindert hatte und die Schuld und all die anderen Emotionen, denen er hatte entkommen wollen, indem er sich damals in die Schrecken des Krieges stürzte, fühlte er sich keineswegs geheilt. Nur abgeklärter. Älter und weiser. Ein weiteres Klischee.

Serenas Schönheit und Lebhaftigkeit hatten Gefühle in ihm entfacht, an die er sich nur noch vage erinnern konnte, so wie er sich an die Bücher seiner Kindheit erinnerte – eindringlich, doch weit entfernt, nicht mehr ganz real.

Viel stärker dagegen waren die Gefühle, die mit der Zeit hinzugekommen waren – Verwirrung, Verbitterung, Hilflosigkeit. Hass. In jedem Fall hatte sie sein emotionales Repertoire erweitert. Jedes Mal, wenn die Erinnerung zurückkam, zuckte er unweigerlich zusammen, und die Schuld klopfte wieder an, der Beweis dafür, dass dort noch immer ein giftiger Kern in ihm lauerte, der einfach nicht weichen wollte. Er verzog das Gesicht bei dem Gedanken. Eine dürftige Wortwahl …

„Es ist lange her. Fast so, als wäre es jemand anderem geschehen. Und was Vater betrifft, was immer seine Beweggründe waren, ich war viel zu verdutzt, dass er mich nach Spanien gehen ließ, als dass ich noch daran gedacht hätte, über die Bedingungen zu verhandeln.“

„Weißt du, du musst nicht heiraten. Ich meine … er würde nicht von dir verlangen, ein Versprechen zu halten, dass du …“ Sie verstummte, als sie seinen Blick sah. „Oh je, natürlich würde er. Armer Papa. Aber er ist tot, also …“ Erneut brach sie ab. „Ich vergaß wohl, mit wem ich hier spreche. Natürlich wirst du es halten.“

Max zwang sich zu lächeln. Er wünschte, er wäre fähig, sein Versprechen zu brechen, aber er konnte es einfach nicht. Es war nicht bloß irgendein leeres, willkürliches Versprechen. Er mochte seinem Vater nie sehr nahegestanden haben, aber der frühere Duke of Harcourt hatte ganze Arbeit dabei geleistet, ihm einzuschärfen, was sie ihrer Position und den Menschen, die auf sie angewiesen waren, schuldeten. Das Herzogtum gehörte ihnen nicht in dem Sinne, es war ihnen vielmehr anvertraut. Seine Pflichten zu erfüllen war nicht bloß eine Frage der Ehre, es bedeutete, die Verantwortung für Hunderte von Menschen zu tragen, die von den Gütern abhängig waren. Sein Vater hatte ihm gestattet, das aufs Spiel zu setzen, weil er begriff, dass Max den Schauplatz seiner Tragödie eine Weile verlassen musste. Dabei hatte er klargestellt, dass jeder Luxus seinen Preis hatte, und er, Max, hatte sich darauf eingelassen in dem Wissen, dass er diesen bestimmten Preis bezahlen musste.

Und Max konnte am Anliegen seines Vaters nichts bemängeln. Als Kind mochte er sich über die Regeln seiner Eltern geärgert haben, aber er war nun einmal ein Harcourt, und er würde bloß Serenas wegen und der Fehler, die er gemacht hatte, nicht etwas so Wichtiges wie die Erbfolge umstoßen. Im Prinzip gab es gegen eine Konvenienzehe nichts einzuwenden. Er und seine Eltern hatten sich nur gewaltig verkalkuliert, was Serenas Eignung anging.

Max hatte sich gar nicht so jung verloben wollen, und sein Vater war klug genug gewesen, trotz seiner Sorge um die Nachfolge nichts zu erzwingen, sondern hatte lediglich Lord Morecombe und seine Tochter zu ihnen nach London eingeladen. Als Max sie das erste Mal sah, trug sie ein gelbes Kleid und platzte fast vor Freude darüber, endlich aus der Schule entlassen zu sein; in ihren dunklen Augen glühte ein Feuer, wie er es nie zuvor gesehen hatte. Schon am nächsten Tag stimmte er der Verlobung zu und besiegelte so ihrer beider Schicksal. Sie trank das Leben förmlich und verlangte immer mehr, was zu Beginn überaus berauschend gewesen war, vollkommen anders als das, was er sich selbst je erlaubt hatte. Er hätte wissen müssen, dass sie einfach zu verschieden waren. Ein Teil von ihm hatte es erkannt, aber als er dann langsam wieder hatte klar denken können, war es schon zu spät gewesen.

Dieses Mal würde er vorsichtiger sein. Was brachten einem Fehler, besonders so monumentale, wenn man nicht aus ihnen lernte?

„So schlimm ist es nicht, Hetty“, sagte er schließlich. „Irgendwann werde ich heiraten müssen; also kann ich es auch gleich hinter mich bringen.“

„Das ist nichts, was man einfach so hinter sich bringt!“ Sie sprach ungewohnt scharf. „Du wirst mit deiner Erwählten den Rest deines Lebens verbringen, das weißt du!“

„Nur zu gut. Also werde ich alles daransetzen, eine Frau mit angenehmem, fügsamem Wesen zu finden. Selbst wenn es nicht um das Versprechen ginge, glaube ich, würde es mir sehr schwerfallen, das Erbe an Onkel Mortimer und Cousin Barnaby gehen zu lassen, die es mir ohnehin nicht danken würden.“

„Sie wären furchtbare Dukes, nicht wahr? Wie hat Mortimer es ausgedrückt? Das Herzogtum schwebe über ihnen wie ein Schwarm Heuschrecken über einem Garten.“

Max seufzte und erklomm die Treppe, um den Türklopfer zu betätigen.

„Im Augenblick fühlt es sich wirklich an wie eine der Plagen Ägyptens. Aber du hast recht; ich kann diesen beiden Idioten nicht den gesamten Harcourt-Besitz überlassen. Sie würden sämtliche Pächter vergraulen und überall nur Lilien und Rosen pflanzen anstatt Getreide und Viehfutter. Hätte Mutter Vater nicht einfach mit einem weiteren männlichen Erben beglücken können? Ich brauche wirklich keine fünf Schwestern.“

Hetty lachte. „Ich frage jetzt nicht, auf welche von uns du verzichten könntest, mein liebster Max. Und nun versuche, charmant zu sein, ich weiß, dass du es kannst, wenn du dich nur etwas bemühst.“

Da die Tür aufging, biss Max die Zähne zusammen und folgte seiner Schwester und dem Butler hinein, um seine mögliche zukünftige Frau zu treffen.

3. Kapitel

Als Sophie nach Tante Minnies Vorlesestunde in ihr Zimmer zurückkehrte, wartete ein kleines Päckchen für sie auf dem Sekretär.

Quer auf dem Packpapier stand: „An Lady Huntleys Nichte“. Und darunter: „Für die Sicherheit der Anwohner des Grosvenor Squares“. Stirnrunzelnd öffnete Sophie das Päckchen und brach in schallendes Gelächter aus, als sie eine Leine und ein passendes Halsband aus braunem Leder darin fand.

Sie nahm beides, dazu ihren Skizzenblock und ging sofort auf die Suche nach Marmaduke. Sie fand ihn in seiner Lieblingsposition auf seinem Kissen, schwer hechelnd, den Kopf dicht vor der Wand, das Hinterteil dem Raum zugewandt.

„Seht her, edler Marmaduke. Mir wurden die Mittel zu Eurem Verhängnis gesandt!“, verkündete sie dramatisch, erzielte jedoch keinerlei Effekt. Seufzend beugte sie sich vor und legte ihm das Halsband um. Marmaduke brauchte einen Augenblick, um diesen Angriff auf sich zu realisieren, doch als er aufstand und energisch den Kopf schüttelte, war es bereits zu spät. Ehe er noch anfangen konnte zu jaulen, wedelte Sophie aufmunternd mit einer Hand vor seinem Gesicht, bis er sie aufmerksam ansah.

„So ist es brav. Weißt du noch, wie viel Spaß du bei der Vogeljagd hattest? Nun, die sind draußen und warten auf die nächste Runde.“ Vorsichtig ging sie Richtung Tür, und zu ihrer freudigen Überraschung kam er tatsächlich mit. Unter den fassungslosen Augen des Butlers vollführten sie einen stattlichen Abgang.

Das Halsband und die Leine wirkten Wunder, und nach einigen lebhaften Attacken auf die geflügelten Eindringlinge ließ Marmaduke sich zu einer Bank im Schatten eines Kastanienbaumes führen, wo er sich zufrieden zu Sophies Füßen niederließ.

„Und jetzt werde ich diesen glücklichen Moment für die Ewigkeit festhalten, Duke“, erklärte sie ihm und zog ihren Skizzenblock hervor.

Sie zeichnete schnell und erfasste gekonnt den pummeligen Körper und den seligen Ausdruck auf seinem froschähnlichen Gesicht. Er sah nachgerade zufrieden aus, und sie lachte leise, weil sie selbst sich angesichts ihres kleinen Erfolges so zufrieden fühlte.

„Fertig. Ich werde es ‚Der rastende Duke‘ nennen und es Tante Minnie schenken. Denkst du, es würde ihr gefallen?“

„Zweifellos“, sagte eine tiefe, ihr vage bekannte Stimme hinter ihr. Verwundert drehte sie sich um. Der große Mann, der Marmaduke am Vortag aufgehalten hatte, stand dort hinter der Bank. Der Blick seiner grauen Augen ruhte auf ihrer Skizze, doch sein schönes, wie gemeißeltes Gesicht war völlig ausdruckslos. So erinnerte er noch mehr an die Statue eines göttlichen Kriegers, meisterhaft gefertigt und doch vollkommen emotionslos. Und obwohl er so kühl wirkte, spürte Sophie eine prickelnde Hitze in ihren Wangen und wusste zunächst nicht, was sie sagen sollte. Während sie noch nach Worten rang, die möglichst nicht an ihren peinlichen Eindruck vom Vortag anknüpfen sollten, ließ er sich überraschend neben ihr auf der Bank nieder und nahm ihr den Skizzenblock ab. Ihr Blick fiel dabei auf seine Hände, die ebenso von einem Künstler hätten geschaffen worden sein können. Einzig eine gezackte, blasse Narbe, die über die Handkante bis zum Ballen seiner Handfläche verlief, tat der Perfektion einen kleinen Abbruch.

„Das ist recht gut“, sagte er und gab ihr den Block zurück.

Diese beiläufige Bemerkung, ein äußerst lasches Kompliment bezüglich einer Sache, die ihr selbst so wichtig war, verwandelte ihre Verwirrung augenblicklich in Empörung.

„Es ist sogar sehr gut für eine grobe, aus dem Stegreif gezeichnete Skizze“, korrigierte sie ihn. Er verengte die Augen, und sie wusste nicht, ob sie ihn nun amüsiert oder beleidigt hatte.

„Das stimmt. Ich bitte um Verzeihung, keine angemessenere Anerkennung gezeigt zu haben. Es ist fraglos weit besser als sonst die Zeichnungen junger Damen, die für gewöhnlich kaum erträglicher sind als deren Bemühungen auf dem Pianoforte. Spielen Sie?“

„Selbst wenn ich es täte, hätte ich nun wohl kaum mehr den Mut, es zuzugeben“, entgegnete sie steif. „Spielen Sie? Oder unterliegen wir der Annahme, dass nur von jungen Damen erwartet wird, abscheulich schlechte künstlerische Bemühungen abzuliefern?“

„Ich besitze keinerlei künstlerische Fähigkeiten. Der Unterschied ist, ich versuche mich erst gar nicht darin.“

„Ist das eine Feststellung Sie selbst betreffend oder ein Rat an mich?“, fragte sie misstrauisch.

„So etwas würde ich mir nicht anmaßen. Ich sagte doch, die Skizze ist recht gut, nicht wahr? Sie sind zu empfindlich.“

Seine Stimme war tief, und er sprach völlig tonlos, nur in seinen grauen Augen funkelte etwas, als lachte er Sophie insgeheim aus. Sie waren nur einen Hauch heller als das Meer in der winterlichen Bucht. Es würde ihr nie gelingen, dieses besondere Grau einzufangen, und dennoch würde sie liebend gerne versuchen, sein Gesicht zu zeichnen, mit diesen kantigen Zügen, den perfekten Linien und Flächen und diesem fest geschlossenen Mund, den sie nur zu gerne so entspannt lächeln gesehen hätte wie am Tag zuvor.

„Darf ich Sie zeichnen? Ihr Gesicht bietet sich geradezu an.“ Die Worte waren ihr entschlüpft, ehe sie sich bremsen konnte.

Sie hätte nicht gedacht, dass sein Blick sich weiter verhärten könnte, aber sie irrte sich. Erst blitzte Verblüffung in seinen Augen auf, dann zog er die Brauen zusammen, was ihm einmal mehr Ähnlichkeit mit einem göttlichen Wesen verlieh.

„Nein, dürfen Sie nicht!“, erwiderte er knapp. Schulterzuckend wandte sie sich ab und blätterte im Versuch, ihre Kränkung zu verbergen, angelegentlich durch ihren Block.

„Gut“, sagte sie so gleichgültig wie möglich und erwartete schon, er würde aufstehen und gehen, doch er rührte sich nicht. Sie hielt inne, als sie bei der Skizze ankam, die sie von seiner Frau gemacht hatte. Deren liebliches Lächeln erinnerte Sophie daran, dass sie keinen verheirateten Mann, genau genommen, gar keinen Mann, auf diese Weise ansehen sollte. Wenngleich er zugegebenermaßen nun einmal ein ausgesprochen eindrucksvolles Exemplar war. Gestern hatte sie ihn für attraktiv, aber unterkühlt gehalten, jetzt erkannte sie, dass es weit mehr als das war. Er war sehr, sehr männlich. Und absolut außerhalb ihrer Sphäre. Sie atmete tief durch und entschloss sich, ihren guten Willen zu demonstrieren.

„Ich habe Ihre Frau gezeichnet. Sie hat ein sehr hübsches Gesicht. Eigentlich sieht sie Ihnen sogar etwas ähnlich, aber ich finde, verheiratete Paare sehen sich oft ähnlich. Hier, sie ist gut getroffen, finden Sie nicht auch?“

Sie zwang sich, ihn anzusehen, bemüht um eine ebenso gelassene und ausdruckslose Miene wie die seine. Er erwiderte ihren Blick, dann betrachtete er das Bild. Sophie hatte sie lächelnd gezeichnet, was schwierig gewesen war, aber der einzige Ausdruck, den sie noch im Gedächtnis hatte. Seltsam angespannt, wartete sie auf seine Reaktion.

Als er ihr den Block erneut abnahm, konnte sie nicht widerstehen. Sein Profil vor Augen versuchte sie, sich die charakteristischen Züge einzuprägen, sodass sie ihn später zeichnen konnte, doch es fiel ihr schwer, das große Ganze zu sehen, zu abgelenkt war sie von kleinen Details, um die sie sich sonst erst kümmerte, wenn sie ein richtiges Porträt von jemandem malte – hier ein Schatten, dort ein Fältchen, die straffe Haut über seinen Wangenknochen. Ihre Hände kribbelten vor Verlangen, ihn zu berühren, wie sie wohl eine Skulptur berührt hätte. Sie verschränkte sie fest miteinander und zwang sich, nieder auf Marmaduke zu sehen, der leise schnarchend vor ihren Füßen lag.

„Kann ich bitte meinen Block zurückhaben? Ich sollte langsam heimgehen.“

Er sah auf, und so, wie er sie aus seinen dunklen Augen musterte, ließ es dieses bezeichnende Unbehagen in ihr wachsen. Dann lächelte er, und sein Lächeln brachte die Wärme zum Vorschein, die sie schon gestern an ihm wahrgenommen hatte.

„Könnten Sie in Erwägung ziehen, es Hetty zu schenken? Ich glaube, es würde ihr gefallen. Und sie ist meine Schwester, nicht meine Frau, daher die Ähnlichkeit.“

Sophie spürte, wie sie errötete, und unbewusst legte sie die Hände an ihre erhitzten Wangen. „Oje, bitte entschuldigen Sie. Ich sage immer mehr, als ich sollte. Und natürlich kann sie es haben, als Dank für das Halsband und die Leine, für die ich mich unhöflicherweise noch nicht bei Ihnen bedankt habe.“

Sie riss das Blatt aus ihrem Block und wollte es ihm eben reichen, als Marmaduke mit einem lauten Grunzen erwachte und Sophie es vor Schreck fallen ließ. Schnell wollte sie es wieder aufheben, ehe der Hund auf dumme Gedanken kam, doch ihr Begleiter griff ebenfalls danach und bekam halb das Blatt, halb ihre Hand zu fassen. Rasch zog sie die ihre zurück, überwältigt von der Glut seiner Berührung, die nur einen Augenblick gedauert hatte und dennoch ein verstörendes Prickeln auf ihrer Haut hinterließ. Kaum hatte er die Zeichnung an sich genommen, stand er auf.

„Danke hierfür und viel Glück mit … Duke.“

Sie nickte und beschäftigte sich wieder mit ihrem Skizzenblock und Marmaduke. Der Mann zögerte, dann ging er jedoch ohne ein weiteres Wort, und sie konnte endlich ausatmen. Sie nahm den Hund hoch und ging rasch zurück nach Huntley House, wo sie Marmaduke auf seinem Kissen absetzte und hinauf in ihr Zimmer im dritten Stock eilte. In dem kleinen stillen Raum stand nun nichts mehr zwischen ihr und ihren befremdlichen Gedanken. Die Erinnerung an diesen Augenblick im Park kehrte zurück, an die Hand des Mannes, warm und kräftig, wie er die ihre gefasst hatte und sie entflammt war wie ein Pulverfass. Es war absurd und unangemessen. Dieser schroffe, schwer einzuschätzende Mann kam aus einer ganz anderen Welt als sie, ganz gleich wie achtbar ihre eigene Familie sein mochte. Alles an ihm sprach von Reichtum und Einfluss und einem Grad an Behagen in dieser fremden Welt, das sie nie verstehen würde. Es wäre töricht von ihr, sich zu ihm hingezogen zu fühlen, nur weil sie einsam war und er und seine Schwester die einzigen Menschen waren, die sie mit einer gewissen Freundlichkeit behandelten, wenn auch, was ihn betraf, einer eher reservierten und spöttischen Freundlichkeit.

Es war ja auch nicht das erste Mal, dass sie einen Mann anziehend fand. Drei Monate lang war sie von John, dem mittleren Sohn des Gutsherren, vollkommen bezaubert gewesen, als der aus Cambridge zurückgekommen war, bis sie erkannte, was für eine aufgeblasene, eklige Kröte er doch war. Der Zauber war rasch dahin gewesen, und so würde es ihr zweifelsohne auch mit diesem fremden Mann gehen, sobald sie etwas mehr über ihn herausgefunden hatte.

Nur war er so unfassbar gut aussehend. Und dann war da dieser Kontrast zwischen seiner kühlen Maske und diesem plötzlichen, beinahe vertrauten Lächeln. Ganz bestimmt hatte es schon bei Dutzenden leichtgläubigen Frauen seine Wirkung gezeigt. Sie dagegen mochte sich vielleicht mit den Londoner Regeln nicht auskennen, aber sie war gewiss nicht leichtgläubig, und sie erkannte, wenn ein Mann es gewohnt war, bewundert zu werden und von Frauen zu bekommen, was er wollte. Dachte sie jetzt darüber nach, konnte sie nicht fassen, dass sie ihn wirklich gebeten hatte, ihn zeichnen zu dürfen. Was musste er von ihr halten? Seine jähe Zurückweisung hatte es recht deutlich gemacht. Sie durfte nicht vergessen, dass sie nicht zu Hause unter Leuten war, die sich mit ihrer sonderbaren Art bereits arrangiert hatten. Wenn sie nicht lernte, ihre Zunge im Zaum zu halten, würde sie hier in dieser Stadt niemals zurechtkommen. Nicht dass das von Bedeutung gewesen wäre. In wenigen Tagen würde auch sie ihre Sachen packen müssen und zurück nach Devon geschickt werden, und das alles hier wäre nichts weiter als ein verblassender Traum. Sie sollte also ihr Bestes tun und die restlichen Tage ihrer seligen Einsamkeit genießen. Viel zu bald schon würde es vorbei sein.

Hetty saß an ihrem Sekretär und schrieb gerade einen Brief, als Max in den Salon kam.

„Hier, das ist für dich.“ Er reichte ihr die Skizze und sofort erhellte sich ihre Miene, als sie die schlichte Zeichnung betrachtete.

„Max! Woher in aller Welt hast du das? Oh, ich sehe ganz bezaubernd aus!“

„Lady Huntleys Wildfang von einer Nichte hat es gemacht. Ich traf sie im Park, als sie dabei war, eine Skizze von diesem Mops anzufertigen. Sie machte mir … oder vielmehr dir dieses Geschenk, als Dank für die Leine und das Halsband. Es ist gut, nicht wahr?“

„Es ist ausgezeichnet, obwohl ich das vermutlich nicht sagen sollte, da es irgendwie ein Kompliment an mich selbst ist. Das trifft mich viel besser als dieses steife Portrait, das Mama in Auftrag gab, ehe Ned und ich heirateten. Nun muss ich wirklich das Mausoleum stürmen und ihr danken. Wie lieb von ihr.“

Den Blick auf das Bild gerichtet, setzte Max sich. Die Absurdität dieser ganzen Begegnung war noch frisch, und er wusste nicht, ob ihn dieses Mädchen amüsieren oder verärgern sollte. Wann war es zuletzt jemandem gelungen, ihn derart zu verwirren? Ihre Art, sich auszudrücken, und ihre Kleidung, zwar anständig, aber dennoch etwas aus der Mode, ließen sie wie eine der vielen jungen Damen vom Lande wirken, die London überschwemmten, aber das war es auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Für gewöhnlich übte sich eine junge Damen ihres Alters und ihrer Herkunft in sittsamer Zurückhaltung und verwickelte einen fremden Mann nicht in kuriose, zwanglose Unterhaltungen, als würde sie ihn kennen und ihm vertrauen. Es wäre undenkbar, so etwas bei Lady Penny zu wagen, ohne zuvor in angemessener Weise dazu eingeladen worden zu sein. Lady Penny allerdings würde auch nicht allein im Park umherlaufen mit nur einem Mops als Begleitung. Oder fragen, ob sie das Gesicht eines Mannes zeichnen durfte. Selbst nicht, nachdem sie ihm bereits in aller Form vorgestellt worden war. Kein Wunder, dass dieses Mädchen ihn so verdutzt hatte.

„Sie bat darum, mich zeichnen zu dürfen. Sie sagte, mein Gesicht böte sich dazu an.“

Hetty kicherte unterdrückt. „Meine Güte, sie ist ein Original, nicht wahr? Hast du zugestimmt?“

Er runzelte die Stirn. „Natürlich nicht!“

„Oh, warum nicht? Du könntest die Skizze Mama senden; du weißt, sie wünscht sich schon lange ein Portrait von dir. Und wie es aussieht, würde sie das sehr anständig machen.“

Kurz überdachte er diese Möglichkeit. Es stimmte, seine Mutter bat ihn schon seit Ewigkeiten darum. Aber die Vorstellung, sich von den ausdrucksvollen blauen Augen dieses Mädchens begutachten und studieren zu lassen, gefiel ihm nicht. Darin lag dann doch etwas zu Intimes. Wenn er sich von jemandem zeichnen lassen musste, dann von jemandem, der Grenzen respektieren konnte.

Vorhin im Park hatte es gar keinen Grund für ihn gegeben, stehen zu bleiben, um mit ihr zu sprechen, und noch immer wusste er nicht, weshalb er es dann doch getan hatte. Gewiss war es nicht sein Plan gewesen, als er sie dort erblickte, aber er war aufmerksam geworden, weil sie so konzentriert über ihrer Skizze saß, und als er erst einmal hinter ihr stand, hatte er sich einfach nicht wieder abwenden können. Er hatte sie beobachtet, ihre Hand, die federleicht und doch stetig über das Papier glitt; ihr Kopf leicht zur Seite geneigt, die Sonnenstrahlen auf ihrem Hals, eine hellbraune Haarsträhne, die ihrer Haube entkommen war und sich ihren Nacken hinabkringelte. Erst als sie begann, mit dem Hund zu reden, hatte er zurück in die Realität gefunden, seinen Weg aber dennoch nicht fortgesetzt.

Sie anzusprechen war seiner eigenen Dummheit geschuldet, aber er war einfach neugierig gewesen. Bis er ihre Hand berührte. Wie albern, dass ein so belangloser, unbeabsichtigter Kontakt zu derart prickelnden Empfindungen führen konnte. Er war zu alt und zu erfahren für eine solch rohe körperliche Reaktion. Vermutlich war es die Verwunderung darüber gewesen, sich an einem Ort, der ihm so vertraut war wie dieser Park, plötzlich selbst wie ein Eindringling zu fühlen. Ja. Das musste es gewesen sein.

„Kommst du mit zur Soiree der Carmicheals heute Abend?“, fragte Hetty, das Schweigen brechend.

Max wusste, worauf sie hinauswollte, und seufzte.

„Ich kann das nicht, Hetty. Lady Penny ist ganz, wie du gesagt hast, aber sie ist einfach zu … fügsam. Wer ist die Nächste auf deiner Liste? Vielleicht gibt es eine, die eine Unterhaltung führen kann, ohne mir in allem zuzustimmen.“

Hetty seufzte schwer.

„Du hast vermutlich recht. Vielleicht Clara Bannerman, sie ist reizend und …“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Ihr Lachen.“

„Oh Gott, das stimmt. Das wäre tagein, tagaus kaum zu ertragen. Was ist mit Melissa Arkwright?“

Max überlegte. Das könnte gehen. Sie war schön und hatte Haltung, und schon jetzt sah man, dass sie sich gut als Gastgeberin machen würde. Sie würde mühelos über seine Güter präsidieren. Einen Versuch wäre es wert.

„Auf den ersten Blick wirkt sie recht passabel. Warum hast du sie nicht vor Lady Penny vorgeschlagen? Sie erscheint mir passender.“

„Ich weiß, aber Penny ist … netter. Ich dachte, sie wäre eine bessere Mutter. Ich weiß nicht. Es ist nicht so leicht, eine Schwägerin für meinen einzigen und sehr geliebten Bruder zu finden!“, entgegnete sie so streng, dass Max lachen musste.

„Und ich weiß deine Hilfe sehr zu schätzen, Hetty. Es fällt dir gewiss nicht leicht, von deiner Familie fern zu sein, um mir zu helfen, das lang aufgeschobene Versprechen an meinen Vater einzulösen. Es schien immer noch so viel Zeit zu bleiben, ich hätte mich eher darum kümmern müssen.“

„Unsinn, ich habe hier viel Spaß. Zum ersten Mal seit sechs Jahren habe ich Zeit für mich. Ned und die Kinder werden vermutlich von einer gut erholten Ehefrau und Mutter profitieren. Was mich auf die Idee bringt, dies hier rahmen zu lassen und Ned zu schicken, damit er mich bei sich hat, bis ich zurückkomme. Ich sehe darauf wirklich entzückender aus als ich bin, nicht wahr? Ob sie auch malt …?“

Max zuckte mit den Schultern. Für diesen Tag hatte er genug von dem exzentrischen blauäugigen Wesen.

„Was weiß ich? Wird Lady Melissa heute Abend auch anwesend sein? Vielleicht sollte ich doch hingehen.“

4. KAPITEL

Der Stallbursche wartete bereits mit dem grauen Hengst, als Max die Treppe herunterkam. Er hatte schlecht geschlafen und brauchte dringend einen Ausritt, um die Spannung loszuwerden, die sich jedes Mal während dieser unangenehmen, aber leider notwendigen Veranstaltungen in ihm ansammelte. Er hatte gewusst, dass spekuliert werden würde, wenn er erst einmal mit seiner Schwester Gesellschaften besuchte, an denen auch Debütantinnen und ihre Mütter teilnahmen. Schlimm genug, dass er selbst dort erscheinen musste, noch schlimmer aber war es, zum Objekt diverser Wetten zu werden, sogar in seinem eigenen Klub und unter seinen Bekannten. Je schneller er sich entschied und es hinter sich brachte, desto besser. Zumindest hatte Lady Melissa sich bezüglich der meisten seiner Kriterien als passend erwiesen. Noch mehr als ihre Schönheit schätzte er die ihr eigene Zurückhaltung – sie würde sich gewiss nicht als eine zweite Serena entpuppen, ein schönes, aber äußerst brüchiges Gefäß, das nur darauf wartete zu zerbersten. Und ganz gewiss würde er sich nicht darum sorgen müssen, ob seine Kinder auch wirklich seine wären. Lady Melissa war ebenso gelassen und kontrolliert, wie Serena feurig und unbeständig gewesen war. Er würde es noch ein, zwei Tage abwägen und dann den Sprung wagen. Es gab keinen Grund, diese Tortur unnötig zu verlängern.

Eben hatte er die Zügel übernommen und seinen Groom entlassen, als er das Huntley-Mädchen sah, wie es seinen plumpen Mops spazieren führte. Wäre er doch nur zehn Minuten später aufgebrochen, dann hätte er sie verpasst! So blieb ihm nicht anderes übrig, als höflich zu sein.

„Guten Morgen. Wie ich sehe, nimmt er sein Schicksal recht gleichmütig an.“

Lächelnd blieb sie stehen, aber das Lächeln war nicht so offen wie noch am Vortag, und, als spürte sie seine Zurückhaltung, war ihr Tonfall eher der einer gesellschaftlich versierten Dame.

„Guten Morgen. Nach seiner Morgenvisite bei Tante Minnie ging er sogar ganz alleine die Treppen hinunter. Er wird regelrecht munter, nicht wahr, Marmaduke?“

Zweifelnd beäugte Max den trägen Mops. Dabei war munter nicht gerade das Erste, was ihm in den Sinn kam.

„Beeindruckend. Was hat Lady Huntley zur Einführung der gefürchteten Leine in ihr Heim gesagt?“

„Ich wollte es ihr nicht sagen, doch der Butler hat mich verpetzt. Es hatte eine erschreckende Wirkung.“

„Ist sie verärgert?“

Sie lachte, und er musste sich zwingen, daraufhin nicht zu lächeln.

„Keineswegs. Als der Butler so begeistert von Marmadukes Auftritt erzählte, hat sie mir sogar in die Wange gekniffen. Offensichtlich verrieten die Spione unter ihren Bediensteten ihr, dass der Absender der Leine nicht bekannt sei, und sie verlangte zu wissen, wer sie schickte, aber ich sagte ihr, ich würde den Namen von Ihnen und Ihrer Schwester nicht kennen, vermute aber, Sie wohnten in der Nähe, und da meinte sie, dass ich sehr gerissen sei und das nur gut für mich sei. Das war mit Abstand die längste Unterhaltung, die ich bisher mit ihr geführt habe.“

Max lachte unwillkürlich. Dieses seltsame Mädchen schien in allem etwas Positives, zumindest aber Amüsantes zu sehen. Es war nicht ganz angebracht oder klug, hier mitten auf der Straße so mit ihr zu reden, aber wie Hetty schon angemerkt hatte, musste es für eine lebhafte Person wie sie schrecklich langweilig sein, nur Lady Minerva und ihre Hunde als Gesellschaft zu haben. Ein wenig Konversation würde nicht schaden.

„Wie lange werden Sie in der Huntley’schen Festung gefangen sein?“

„Das hängt ganz von Tante Minnie ab. Meine anderen Geschwister waren zwischen zwei und sechs Tagen hier. Sechs schaffte nur Augusta, und das nur wegen ihres Pianospiels.“

„Verstehe. Und von welchen Fähigkeiten hängt die Länge Ihres Aufenthaltes ab, abgesehen von der Erziehung ihrer Hunde?“

Belustigt sah sie ihn an.

„Ich bin nicht ganz sicher. Sie lässt sich gerne von mir vorlesen, die unterhaltsamsten Bücher und sicher nichts, was wir zu Hause lesen dürften. Und nun, da sie herausgefunden hat, dass ich recht gut male, möchte sie ein Ganzkörperporträt …“, ihre Stimme geriet leicht ins Schwanken, „… von Marmaduke.“

„Großer Gott.“ Max sah hinab auf den Gegenstand ihres Gesprächs, der sich eben mit der Hinterpfote am Ohr kratzte. „In einer heroischen Pose?“

Ihr Lachen war ansteckend und voller Freude und doch klang es, als wäre sie gewohnt, es zu zügeln.

„Ganz recht. Auf einem erhöhten Podest, mit einer Landschaft als Hintergrund oder einem Schloss. Natürlich stimmte ich zu, damit sie mir die Malutensilien kauft. Ich soll zu Reeves in Cheapside gehen und besorgen, was ich brauche; das wird sehr aufregend. Und ich möchte mir die Royal Academy ansehen, um Inspiration für ein gutes Porträt zu finden. Der liebe Marmaduke erweist sich als sehr nützlich, nicht wahr, mein Schätzchen?“

Marmaduke hechelte und warf ihr einen erstaunlich anbetenden Blick zu. Max lächelte – das Ganze war so skurril – das Mädchen, der Hund, die Konversation der beiden und insbesondere seine Rolle dabei.

„Dann scheint sich Ihr Aufenthalt ja zu verlängern. Waren Sie schon einmal in der Royal Academy?“

„Nein. Ich würde zu gerne die Sommerausstellung sehen, doch eine der Bedingungen des Aufenthaltes hier ist, dass wir uns nicht amüsieren oder zumindest den Grosvenor Square nicht verlassen. Aber jetzt, da ich eine offizielle Erlaubnis habe, werde ich sie in vollen Zügen nutzen. Die Royal Acadamy liegt dort entlang, richtig?“

„So ist es, aber … haben Sie vor, zu Fuß zu gehen? Mit dem Hund?“

„Ist es zu weit?“, fragte sie besorgt.

„Ja. Er wäre nach der Hälfte des Weges erledigt. Davon abgesehen, können Sie keinen Mops in die Royal Academy mitnehmen!“, sagte er ernst. „Und Sie können dort nicht allein hingehen. Es sollte zumindest ein Kammermädchen mitkommen.“

„Tante Minnie würde mir nie erlauben, über ihre Zofe zu verfügen. Und ich weigere mich, mir diese Gelegenheit entgehen zu lassen, nur weil ich keine Begleitung habe; das würde ich mir nie verzeihen. Abgesehen davon, was soll mir dort schon passieren?“

„Darum geht es nicht. Junge Damen … wohlgeborene junge Damen … streifen nicht ohne Begleitung durch die Stadt.“

„Oh bitte, ich fühle mich schon schuldig genug! Niemand in London kennt mich, niemand wird es je erfahren. Ich muss einfach hin.“

Er sollte sich heraushalten, das war nicht seine Angelegenheit. Aber die Vorstellung, sie allein und ohne Schutz in einer fremden Stadt herumirren zu lassen …

„Gehen Sie eine Runde mit diesem grässlichen Hund und treffen Sie mich in einer Stunde im Park. Ich werde mit Ihnen hingehen“, sagte er plötzlich.

Er sah Überraschung und Vorsicht und auch Wehmut in den Tiefen ihrer großen meerblauen Augen und hoffte nur, niemand würde herausfinden, dass er den Chaperon für dieses seltsame Mädchen zu spielen beabsichtigte.

„Das ist sehr nett von Ihnen, aber Sie müssen sich meinetwegen keine Umstände machen“, entgegnete sie artig, was ob dieser für sie völlig untypischen Demonstration von Anstand seine Anspannung einer gewissen Belustigung weichen ließ.

„Sie klingen, als würden Sie jemanden nachahmen“, meinte er, und ihr warmes Lachen weckte dieselben eigentümlichen Regungen in ihm wie schon die versehentliche Berührung am vorherigen Tag. Flüchtig nur, doch heftig, unmissverständlich. Es gab gar keinen bestimmten Auslöser für dieses unerwünscht auftretende Verlangen. Sie war recht hübsch, aber nur durchschnittlich, abgesehen von ihren Augen, die ihn an die Farbe des Meeres im Sommer an der Küste von Harcourt erinnerte. Aber da war etwas an ihr, das weit über Äußerlichkeiten hinausging, eine anziehende Lebhaftigkeit – eine unterschwellige Einladung, das Leben zu genießen.

„Oje, tatsächlich! Meine Tante Seraphina; sie ist schrecklich. Ich war nicht sehr glaubwürdig, nicht wahr? Aber Sie müssen mich wirklich nicht begleiten. Ich komme wunderbar allein zurecht.“

„Vermutlich. Dann machen wir einen Kompromiss. Ich bringe Sie sicher hin und lasse Sie die Ausstellung allein erkunden. Ich habe ohnehin später noch eine Besprechung in der Stadt. Danach können Sie eine Mietkutsche zurück nach Hause nehmen.“

Ehe sie noch etwas entgegnen konnte, schwang er sich auf sein Pferd. „Dann sehe ich Sie in einer Stunde“, ergänzte er und ritt davon. Ob sie dort sein würde? Oder vor einem solch unkonventionellen Verhalten doch zurückschreckte?

Überrascht war er nicht, sie eine Stunde später tatsächlich im Park anzutreffen. Sie trug nicht wie sonst eines der schlichten, ländlichen Musselinkleider, sondern ein rauchblaues Straßenkleid unter einer dunkelblauen Pelisse. Und wenn es vielleicht auch schon ein paar Jahre aus der Mode war, war das Kleid maßgeschneidert, und er konnte zum ersten Mal ihre ansehnliche, wohlgeformte Figur erkennen. Jetzt sah sie auch mehr ihrem Alter entsprechend und gleich viel eleganter aus, und genau das führte ihm auch sein unbesonnenes Handeln vor Augen, ganz gleich, wie edel seine Motive waren. Dann trafen sich ihre Blicke, und er las das unterdrückte Funkeln der Vorfreude in ihren Augen und kapitulierte. Für ihn war es eine Kleinigkeit und für sie eine solch große Sache, dass es nicht falsch sein konnte, wenn er sie einfach sicher zur Royal Academy geleitete.

„Kommen Sie.“ Er bot ihr seinen Arm, und sie trat mit dieser ihr ganz eigentümlichen, irgendwie aufgestauten Energie zu ihm heran und folgte ihm auf die Straße, wo er eine Droschke anhielt.

Mit leisem Lachen kletterte sie auf ihren Platz.

„Ich fühle mich, als würde ich aus der Bastille flüchten! Das ist albern. Ich bin erst seit zwei Wochen hier und verliere schon den Blick für die Wirklichkeit.“

Max lächelte. Er hätte wissen müssen, dass sie diesen Ausflug mit ihrem unbändigen Enthusiasmus angehen würde. Er lehnte sich zurück und wartete auf ihre nächste haarsträubende Bemerkung. Es dauerte nicht lange.

„Danke für Ihr Angebot, mich hinzubringen. Es erscheint dadurch weit … gewöhnlicher.“

„Das klingt enttäuschend. Sollte ich mich dafür entschuldigen, dass es nun kein Abenteuer mehr ist?“

„Oh, so habe ich das nicht gemeint … Ich versuche nur, mich davon zu überzeugen, dass ich nicht so ein Aufheben darum machen muss. Dass es ganz normal für mich ist, heute etwas von einem der beeindruckendsten, noch lebenden Künstler Englands zu sehen. Ein Teil von mir will gar nicht gehen.“

„Weshalb nicht?“

„Nun, ich werde unweigerlich herausfinden, dass zwischen meinem kümmerlichen Talent und wahrem künstlerischen Geschick eine unüberwindbare Kluft liegt. Ich bin darauf vorbereitet, einiges an Demütigung zu erleiden, ehe ich mich von meiner Eitelkeit befreien und die wahrhaft Begnadeten bewundern kann.“

„Das ist sehr großmütig“, entgegnete Max, nachdem er einen Moment gegen sein Lachen angekämpft hatte und sich erinnerte, dass es sich hierbei für sie um ein ernstes Thema handelte.

„Lachen Sie mich aus?“, fragte sie dennoch vorwurfsvoll.

„Wäre das schlimm?“

Sie sah ihn amüsiert an.

„Ich habe furchtbar pompös geklungen, nicht wahr? Aber ich meine es so. In Ashton Cove war ich mit Abstand eine der besten Künstlerinnen – nicht, dass sich dort jemand darum schert. Aber heute werde ich echtes Talent zu sehen bekommen. Es gibt nur so wenige, und von einigen werden dort Bilder an der Wand hängen. Und ich weiß dann ganz bestimmt, dass ich niemals eine solche Größe sein werde. Ich weiß, dass heute etwas in mir sterben wird, und auch wenn es schmerzhaft wird, würde ich es nicht missen wollen, denn es bedeutet auch, große Genies sehen zu dürfen. Es klingt immer noch pompös, aber ich kann nicht anders – das ist es, was ich empfinde. Oh, schauen Sie, ist das Piccadilly?“

Max bejahte, aber ihre Worte hatten ihn gefesselt. Durch seinen Onkel war er mit einigen Künstlern bekannt, und die Einstellung dieser jungen Dame war sehr erwachsen und eher ungewöhnlich für die meisten Künstler.

Abgesehen von einigen Fragen zu Gebäuden, die sie passierten, sagte sie nichts mehr, bis sie schließlich vor Somerset House hielten, in dem die Royal Academy untergebracht war.

„Oh, da sind wir! Das ging schnell! Oh, rasch, kommen Sie!“

Sie sprang fast aus der Kutsche und wartete mit unverhohlener Ungeduld, während er den Fahrer bezahlte, um sich dann durch einen der drei großen Bögen ins Somerset House und zu der geschwungenen Treppe führen zu lassen, über die man zum Ausstellungsraum im obersten Stockwerk gelangte.

„Gut, dass Sie Marmaduke nicht mitgenommen haben“, bemerkte er auf halber Strecke nach oben. Sophie lachte nur, sagte jedoch nichts. Sie ermattete auch nicht, wie so viele andere Damen, die anhalten und sich fächeln mussten. Max kam das sehr gelegen, musste er so doch mit niemandem seiner Bekannten sprechen und konnte es dabei belassen, ihnen zuzunicken. Den neugierigen Blicken, die man ihm zuwarf, war er sich allerdings vollauf bewusst.

„Sind Sie gar nicht erschöpft?“, fragte er, neugierig ob ihrer schier unerschöpflichen Energie. „Sie fliegen die Treppe ja förmlich hinauf“, fügte er erklärend hinzu.

Schuldbewusst errötete sie.

„Verzeihen Sie, ich bin nur so aufgeregt. Und ich bin es gewohnt, die Klippen nahe Ashton Cove zu erklimmen. Dort ist eine kleine Bucht, in die ich mich am liebsten zum Malen zurückziehe. Der Aufstieg ist sehr steil, diese Treppe ist kein Vergleich. Aber ich kann langsamer gehen, wenn ich Ihnen zu schnell bin.“

„Werden Sie nicht frech“, entgegnete er lässig, und sie lachte. Oben angekommen, zog er sie sanft zu sich herum.

„Ehe wir den Ausstellungsraum betreten und ich Ihre Aufmerksamkeit endgültig verliere, sollten Sie mir vielleicht Ihren Namen nennen, falls wir nicht umhin kommen, mit jemandem zu sprechen. Es wäre doch recht peinlich, wenn ich Sie als das Mädchen mit dem Mops vorstelle.“

Seine Worte ließen sie in ihrer Ungeduld innehalten.

„Da haben Sie recht. Wie dumm, aber mir fiel gar nicht auf … wir wurden einander noch nicht vorgestellt, so ist es nicht weiter überraschend. Ich bin Sophie Trevelyan. Und Sie?“

Er zögerte. Aber schließlich hatte es er angestoßen.

„Max …“

„Harcourt!“

Max straffte die Schultern, da ein ganz exzellent gekleideter Dandy aus dem Ausstellungsraum auf sie zukam. Seine Kragenspitzen waren so hoch, dass es aussah, als ragte sein freundliches Gesicht aus einem schmalen weißen Blütenkelch hervor. Er verbeugte sich vor Sophie, dann sah er Max erwartungsvoll an.

„Miss Trevelyan, das ist Lord Bryanston. Bry, das ist Miss Sophie Trevelyan.“

„Trevelyan! Das ist ein Name aus den westlichen Grafschaften, nicht wahr? Leben Sie in der Nähe von Max?“

Ehe Max noch etwas erwidern konnte, reichte sie Bryanston brav die Hand und lächelte warm.

„Ja, wir sind Nachbarn. Wie geht es Ihnen, Lord Bryanston?“

Mit geübtem Blick musterte er sie und beugte sich galant über ihre Hand.

„Jetzt schon viel besser, Miss Trevelyan“, meinte er mit anerkennendem Blick. Ihr fesselndes Lachen zog die Blicke zweier Männer auf sich, die eben die Carlini-Skulptur auf dem oberen Treppenabsatz betrachteten.

„Ich wusste nicht, dass die Ausstellung schon hier draußen beginnt“, merkte Sophie mit solch einer Mischung aus Unschuld und Heiterkeit an, dass es Max nicht wunderte zu sehen, wie Bryanstons Blick sich schärfte wie bei einem Hund, der Witterung von seiner Beute aufnimmt.

„Ich auch nicht“, sagte Bryanston. „Wenn ich bedenke, dass ich mich beinahe herausgeredet hätte, um meine Tante nicht begleiten zu müssen. Max, sei ein guter Kamerad und kommt herüber zu unserer kleinen Gesellschaft.“

„Dieses Mal nicht, Bry“, antwortete Max knapp.

„Was für ein Freund bist du?“, protestierte Bryanston und wandte sich an Sophie. „Ich weiß nicht, warum ich ihn ertrage, er ist so halsstarrig wie diese Statuen dort drüben und ebenso warm.“

„Zumindest bin ich nicht bunt wie ein Papagei. Woher zur Hölle hast du diese Scheußlichkeit von einer Weste?“

„Besitzt du keinen Geschmack, du Banause? Ich habe sie selbst entworfen, zusammen mit Stulz!“

„Ich finde Ihre Farbauswahl sehr kreativ, Lord Bryanston“, mischte Sophie sich ein. „Nicht viele Leute würden auf den Gedanken kommen, Safrangelb mit Rotbraun zu kombinieren.“

„Man muss schon mit wenig zufrieden sein“, murmelte Max. „Ich glaube, deine Tante verlangt nach deiner Aufmerksamkeit, Bryanston, also los jetzt.“

Hastig sah Bryanston sich um, wobei ihm sein hoher Kragen etwas im Weg war.

„Hab Gnade, Mann. Zwischen meiner Tante und Lady Pennistone werde ich zu emotionalem Schutt zermalmt. Miss Trevelyan, Sie haben offensichtlich ein gutes Herz, überzeugen Sie dieses eiskalte Untier doch, uns Gesellschaft zu leisten.“

Er warf Sophie ein gewinnendes Lächeln zu, doch ehe sie noch antworten konnte, schob Max sie schon zum Eingang der Ausstellung.

„Setze deinen Charme lieber bei deiner Tante ein, ehe sie dich noch enterbt.“

„Guten Tag, Lord Bryanston“, verabschiedete Sophie sich förmlich, während sie schon losging, doch angesichts ihres lebhaft strahlenden Lächelns verharrte Bryanston, wo er war, die Hand theatralisch an die Brust gepresst. Max wollte Sophie eben darüber aufklären, wie wenig weise es war, Leute wie Bryanston noch zu ermutigen, aber es war zu spät, er hatte ihre Aufmerksamkeit eindeutig verloren.

Den Kopf in den Nacken gelegt, die Lippen leicht geöffnet, ließ sie voller Ehrfurcht ihren Blick durch den Saal schweifen. Max war so oft hier gewesen, dass er vergessen hatte, wie beeindruckend es war, diese große Halle zu betreten. Für jemanden wie sie musste es überwältigend sein. An den Wänden des imposanten Raumes hingen in vergoldeten Rahmen Hunderte Gemälde, und durch die großen halbmondförmigen Oberlichter, die die gesamte Decke beherrschten, fiel das Licht darauf. Dutzende modisch gekleideter Männer und Frauen schritten gemächlich umher oder saßen auf den niedrigen olivgrünen Sofas in der Mitte des Raumes. Das hallende Stimmengewirr verschluckte Sophies erstaunten Seufzer. Sie ging einen Schritt voran und dann, als wäre ihr seine Anwesenheit wieder bewusst geworden, drehte sie sich zu ihm um.

„Oh, danke, dass Sie mich hergebracht haben. Sie müssen nicht bleiben, ich weiß, dass Sie es lieber nicht würden. Ich werde nun zurechtkommen. Guten Tag, Mr. Harcourt.“

Max zögerte, überlegte, ob er sie korrigieren sollte, aber da er unter dem einen oder anderen Titel litt, seit er denken konnte, hatte es einen gewissen Reiz, nun einfach Mr. Harcourt zu sein. Diese Frau wusste nichts von ihm, außer dass er in ihrer Nähe wohnte und eine Schwester hatte, und, im Gegensatz zu anderen jungen Frauen, verfolgte sie nur das Ziel, ihn zeichnen zu dürfen. Schlicht Mr. Harcourt zu sein machte die Dinge einfacher, leichter. In ein paar Tagen war sie vermutlich schon auf dem Weg nach Hause, und er würde sie nie wiedersehen. Was schadete es schon, einen seiner liebsten Orte in der Begleitung einer Person zu genießen, die die Kunst selbst schätzte und nicht bloß das Spektakel um die sich zur Schau stellenden Menschen?

„Kommen Sie, ich zeige Ihnen mein Lieblingswerk“, sagte er.

Sie sah ihn fragend an, nickte dann aber und ging mit ihm, als er ihre Hand in seine Armbeuge legte. Sie sog die Gemälde förmlich in sich auf, während sie den Raum durchschritten, auf ihren Lippen die Andeutung eines Lächelns, aber ihre Hand auf seinem Arm teilte ihm ihre Aufregung mit. Am anderen Ende des Saals, wo sich ein weiterer Korridor, abgetrennt durch eine samtene Kordel, anschloss, blieben sie stehen.

Das Licht der Fenster war hier etwas schwächer, doch Turners Gemälde stach zwischen den anderen eher dunklen Landschaften und Porträts dennoch hervor. Es hieß Venedig, Blick von der Giudecca nach Osten, und seine trügerische Einfachheit und die eingeschränkte Farbpalette machten es außergewöhnlich. Es bestand größtenteils aus verwaschenem Himmel und Meer in blassem Rosé und Gold und in der Ferne einer violett-blauen Linie der Silhouette Venedigs. Sophie ging näher heran, betrachtete es eindringlich und trat dann wieder einen Schritt zurück. Max beobachtete, wie sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht ausbreitete und sie voller Freude erstrahlen ließ. Als sie sich schließlich ihm zuwandte, lag pure Bewunderung, aber auch etwas Traurigkeit in ihrem Blick.

„Ich wusste nicht, dass jemand so etwas kann. Er ist vollkommen frei. Ich verstehe, weshalb Sie es lieben“, sagte sie und schaute zurück zu dem Gemälde.

Sie blieb noch einen langen Moment davor stehen, dann wandte sie sich seufzend ab und begutachtete die anderen Bilder. Sie schien kaum wahrzunehmen, wie er ihre Hand wieder auf seinem Arm platzierte, ihre Aufmerksamkeit galt allein den Kunstwerken. Seltsamerweise machte es ihm nichts aus, einfach als gegeben hingenommen zu werden. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht zeugte von so viel Freude und Ehrfurcht, dass es ihm genügte, ihr zuzusehen und ihre gelegentlichen Fragen zu den Gemälden und Künstlern zu beantworten.

Als sie den Rundgang beendet hatten, führte er sie zum Ratssaal der Academy.

„Ich will Ihnen etwas zeigen.“

Normalerweise durften Besucher nicht in diesen Teil des Gebäudes, aber Sophie würde es gewiss zu schätzen wissen, Angelika Kauffmanns allegorische Wandgemälde sehen zu dürfen, nicht nur wegen deren Qualität, sondern auch wegen des Geschlechts der Künstlerin. Doch kaum hatten sie den Saal betreten, als auch schon der Blick eines korpulenten Mannes, der dort mit einer Gruppe Leute stand, auf sie fiel. Der Mann rief Max prompt einen Gruß und kam zu ihnen herüber.

„Oh Gott“, murmelte Max kläglich. „Er ist ein guter Freund meines Onkels und ein gnadenloser Schwätzer. Wenn er erst anfängt, Fragen zu stellen, werden wir ihn nicht wieder los. Warten Sie hier, ich werde ihn abwimmeln.“

Er ging, nahm ihn am Ellbogen und dirigierte ihn ans andere Ende des Raumes, von wo aus schließlich die fröhliche Stimme des Mannes ertönte.

„Max, alter Junge! Wie geht es dir? Was macht Charles?“ Und so ging es weiter und weiter.

Als Max sich endlich freimachen konnte und sich umwandte, stand er vor einem leeren Raum.

„Wenn du nach deiner hübschen, kleinen Begleitung suchst – die sah ich zu den Räumen mit beschränktem Zugang gehen.“

„Was?“ Ohne sich zu verabschieden, eilte Max geradewegs zu dem gegenüberliegenden Durchgang. Verdammtes Mädchen! Das sah ihr ähnlich, ausgerechnet in den Raum zu gehen, den sie auf keinen Fall betreten durfte.

„Um Himmels willen, hier dürfen Sie nicht rein!“, sagte Max streng, als er Sophie entdeckt hatte, nahm sie beim Arm und führte sie zurück in den Korridor.

„Warum nicht?“

„Warum nicht? Ich dachte, das sei offensichtlich! Dieser Teil der Akademie ist nichts für wohlerzogene junge Damen.“

Als sie ihn ansah, lag dieses ihm inzwischen gut bekannte amüsierte Funkeln in ihren Augen, das allerdings nichts dazu beitrug, ihm seine Vorsicht zu nehmen.

„Ich weiß, dass die Leute das sagen, aber ist das nicht ziemlich albern? Es gibt hier wohl kaum etwas, was eine Frau in Verlegenheit bringen könnte. Schließlich sieht eine jede genau das, wenn sie nackt in einen Spiegel blickt. Wenn überhaupt, würde ich sagen, dies ist kein Raum für wohlerzogene junge Männer.“

Max musste sich sehr bemühen, bei dieser ziemlich originellen Betrachtungsweise nicht zu lachen. Das Mädchen war wirklich erstaunlich.

„Abgesehen davon“, fuhr sie fort, „habe ich eben zwei sehr hübsch gekleidete Damen durch diesen Raum gehen sehen.“

„Sie mögen hübsch gewesen sein, jedoch kaum wohlerzogen.“

„Oh! Glauben Sie, es waren … lockere Vögelchen?“

„Ich glaube, dass wir, sofern Sie nicht zu ihnen gezählt werden wollen, zurück zur Hauptausstellung gehen sollten“, sagte Max, ebenso ungehalten mit sich selbst wie mit ihr.

Ziemlich sehnsüchtig warf sie einen Blick zurück auf das Bild einer ruhenden Frau.

„Das ist sehr schade. Es sind einige großartige Gemälde darunter, obwohl ich dieses hier nicht recht einschätzen kann. Irgendetwas stimmt nicht an dieser Frau. Etwas in ihrem Blick. Abgesehen davon, ist es eines der besten hier, neben Turners …“

„Oh, vielen Dank, Miss. Obwohl ich nicht weiß, was ich davon halten soll, neben Turners immer exzentrischeren Werken eingestuft zu werden.“

Ein Herr, ganz in dunkles Grau und Schwarz gekleidet, trat zu ihnen. Ein schöner Mann mit kastanienbraunem Haar und braunen Augen, doch seine berechnende, fast boshafte Miene passte so gar nicht dazu. Als er sich leicht vor Max verneigte, wurde dieser Makel noch offensichtlicher.

„Harcourt.“

Max verfluchte ihr Pech. Ausgerechnet der musste ihnen über den Weg laufen!

„Wivenhoe“, bemerkte er kalt, ergriff Sophie beim Arm und wollte mit ihr auf die Tür zusteuern.

„Sie gehen schon, Harcourt? Wollen Sie mich ihrer … Freundin nicht vorstellen?“

Zu Max’ Überraschung brach Sophie in Gelächter aus.

„Oje, Sie hatten recht!“, sagte sie zu Max, noch immer schmunzelnd. „Er denkt, ich bin Ihre … wie sagt man? Chère amie? Sehe ich wirklich danach aus?“, fragte sie Wivenhoe neugierig. „Bei meinem Aussehen und meiner Kleidung hätte ich das nicht gedacht. Haben wirklich Sie dieses bemerkenswerte Bild gemalt? Offen gesagt, sehen Sie auch nicht danach aus.“

Das schien selbst Wivenhoes Aura von Lebensüberdruss zu erschüttern, und er musterte sie ohne den ihm sonst eigenen Zynismus.

„Ich stelle fest, dass ich mich fürchte, nach der Bedeutung dieser Äußerung zu fragen“, sagte er.

„Ja, ich glaube diese Bestie weckt man besser nicht“, entgegnete Max spitz. „Wenn Sie jetzt entschuldigen, werde ich Miss Trevelyan zurück zur Hauptausstellung geleiten. Sie kennt sich in Somerset House nicht aus und ist versehentlich in diese Räumlichkeiten geraten.“

„Es ist nicht fair, dass Männer so wundervolle Gemälde für sich behalten“, sagte Sophie, während Max sie durch den Korridor zurück zur großen Halle brachte. „Ich gewinne den Eindruck, dass man in London viel prüder ist als auf dem Land. Nach allem, was ich hörte, dachte ich, es sei hier viel aufregender.“

Wivenhoe, der hinter ihnen ging, lachte flüchtig.

„Das kommt auf die Gesellschaft an, in der man sich befindet, meine Liebe. Wenn Ihnen nach Aufregung ist, ist Harcourt der falsche Mann. Zumindest, wenn Sie von vornehmer Geburt sind. Zu seinen anderen Beziehungen kann ich nichts sagen, da er sich Frauen sucht, die ebenso verschwiegen sind wie er.“

Sophie warf Max einen fragenden Blick zu. Der wünschte sich zurück in die dunkle Gasse, in der er zehn Jahre zuvor schon einmal auf Wivenhoe getroffen war. Nur dieses Mal würde er zusehen, dass er mehr Schaden anrichtete als damals.

„Wivenhoe amüsiert sich auf Ihre Kosten, Miss Trevelyan. Am besten ignorieren Sie ihn.“

„Ganz recht, meine Liebe“, erwiderte Wivenhoe unverfroren. „Ich bin nicht sehr zuverlässig. Sie sehen, ich gebe meine Laster gerne zu. Max dagegen ist darin behutsamer, wenngleich seine Laster harmloser sein mögen als meine, aber man weiß nie, was sich hinter einer solch beherrschten Fassade verbirgt. Gewiss ist er seinen leichten Damen gegenüber großzügiger, gemessen an dem hübschen Tand, den die letzte trug, als er mit ihr fertig war.“

Stirnrunzelnd sah Sophie Wivenhoe an.

„Sie sprechen geringschätzig von Menschen, die sich den Frauen gegenüber großzügig zeigen, die auf Unterstützung angewiesen sind. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie mit dieser Einstellung sehr weit kommen, Mr. Wivenhoe“, sagte sie mit vernichtender Kälte.

Max wusste nicht, ob ihn diese ungebührliche, aber prinzipientreue Aburteilung von Wivenhoes Moral entsetzen oder die verdutzte Miene des Mannes ihn doch eher belustigen sollte. Allerdings fand Wivenhoe seinen typisch gelangweilten Ausdruck rasch wieder.

„Ich honoriere entsprechend, meine Liebe, das versichere ich Ihnen.“

„Wenn Sie es sagen.“ Wenig überzeugt zuckte sie mit den Schultern. Zurück im Ausstellungsraum, wandte Sophie sich Max zu. „Jetzt sollte ich wirklich zurück nach Hause, sonst trachtet Tante Minerva noch nach meinem Blut. Vielen Dank, dass Sie mir diese wundervollen Kunstwerke gezeigt haben, Mr. Harcourt.“

„Ich bringe Sie nach Hause …“, begann er, doch sie unterbrach ihn.

„Unsinn. Sie sagten, Sie hätten noch Verpflichtungen in der Stadt. Ich werde mir eine Droschke nehmen, draußen gibt es genug. Vielen Dank. Guten Tag, Mr. Harcourt.“ Sie nickte dem Künstler flüchtig zu, dann ging sie zur Treppe.

Mr. Harcourt?“, erkundigte Wivenhoe sich bedächtig. „Hat diese junge Dame etwas gegen Titel, oder hat man sie in Unkenntnis über die Identität ihres Kavaliers gelassen?“

„Sie ist eher eine Bekannte meiner Schwester. Ich sah sie in diesen Raum gehen und hielt es für weise, sie wieder herauszuholen, ehe sie auf jemanden wie Sie trifft. Sie spielt nicht in Ihrer Liga, Wivenhoe.“

„Oh, ganz klar jenseits davon. Auch nicht in Ihrer, mein lieber Harcourt. Viel zu freimütig. Und so erfrischend. Trevelyan … Da klingelt etwas. Wer, sagte sie …? Ach, Tante Minerva … Könnte sie mit Lady Minerva Huntley, geborene Trevelyan, verwandt sein?“

Ohne zu antworten, drehte Max sich um und ging ebenfalls. Wivenhoe mit seiner scheinheiligen Freundlichkeit täuschte ihn nicht. Bald zehn Jahre war der Vorfall nun her, aber keiner von ihnen hatte vergeben oder vergessen. Wivenhoes Auftritt war eine unerfreuliche Erinnerung daran, wie wenig durchdacht es gewesen war, diese kecke und unlenkbare junge Dame vom Lande hierher zu eskortieren. Es hätte ihm klar sein müssen, dass es ihn nur in Schwierigkeiten bringen würde. Jetzt, da sie fort war, wusste er nicht einmal mehr, weshalb er sie hatte begleiten wollen. Er hatte sich von ihrer Begeisterung mitreißen lassen, genau wie jener Mops. In Zukunft wäre er besser dran, wenn er ihr aus dem Weg ginge. Sie hatte etwas an sich, dass Ärger anzog wie Honig die Bienen, und davon hatte er in seinem Leben schon genug gehabt. Er sollte es besser wissen.

„Gestern Abend bei Lady Jersey traf ich Lord Bryanston. Er erkundigte sich, wer deine neuste Liebschaft ist. Eine junge Dame aus Devon mit, wie er sagte: ganz entzückenden, lachenden blauen Augen“, sagte Hetty beiläufig, während sie am Frühstückstisch saßen.

„Bryanston ist ein Idiot“, erwiderte Max, ohne von seiner Zeitung aufzusehen.

„Stimmt. Aber Mrs. Westminger fragte mich, wer die lebhafte junge Frau sei, der im Ausstellungsraum für bald eine Stunde deine Aufmerksamkeit galt. Da sie Pennys Großmutter ist, sagte sie es vermutlich in Lady Melissas Nähe mit Absicht so laut, weil es gerade so aussieht, als würden die Wetten eher in ihre Richtung tendieren. Vorsichtiger war sie, als sie erwähnte, man habe dich mit derselben jungen Dame im Gespräch mit ausgerechnet Lord Wivenhoe gesehen.“

Max faltete die Zeitung zusammen und legte sie hin.

„Beinhaltet das eine Frage?“

Hetty nickte, unbeeindruckt von seinem unterkühlten Tonfall. „In der Tat. Ich nehme an, es ging um Lady Huntleys Nichte? Ist etwas davon wahr? Warst du mit ihr in Somerset House? Und stelltest du die junge Frau diesem Wivenhoe vor?“

Mit Mühe hielt er seinen Ärger im Zaum, der vor allem sich selbst galt. Wenigstens kannte Hetty nicht das ganze Ausmaß von Wivenhoes Niedertracht. Zum Glück hatten seine Eltern seinen Schwestern nie die Wahrheit über Serena erzählt.

„Ja, ich nahm sie mit. Denn sie wollte allein dorthin gehen, zu Fuß, nur in Begleitung ihres verflixten Mopses. Aber denkst du wirklich, ich würde sie jemandem wie Wivenhoe vorstellen? Das war ihr eigenes Tun. Ich kehrte ihr eine Minute den Rücken, und sie entwischte mir in die privaten Räume, wo sie dann gleich Hackfleisch aus Wivenhoe machte. Abgesehen davon, ist das alles deine Schuld.“

„Meine?“

„Ja, du fandest, sie müsse sich so allein in dem Mausoleum langweilen. Sie tat mir leid. Deshalb bot ich ihr an, sie hinzubringen. Mein Fehler, aber erspare mir den Vorwurf, entweder sie ausgenutzt oder sie jemandem wie Wivenhoe ausgesetzt zu haben.“

Hetty seufzte. „Nein, ich weiß, das würdest du nicht tun. Aber Max, es war nicht sehr klug, überhaupt mit ihr hinzugehen. Natürlich sind die Menschen neugierig, wenn sie dich mit einer unbekannten jungen und hübschen Dame ohne weitere Begleitung sehen.“

„Man kann mir wohl zugutehalten, dass ich nie mit tugendhaften Damen gespielt habe“, erwiderte er bissig.

„Nun, genau genommen ist es nicht typisch für dich; daher überhaupt die Aufmerksamkeit. Da hinlänglich bekannt ist, dass du endlich zu heiraten gedenkst, haben die Klatschmäuler viel Freude daran zu spekulieren, wer die nächste Duchess of Harcourt wird. Ich kann kaum vor die Tür gehen, ohne gefragt zu werden, wen du favorisierst. Schön, ich sage kein Wort mehr. Sei einfach umsichtiger.“

„Das waren noch drei Worte. Aber sei unbesorgt; meine ritterlichen Triebe sind für lange Zeit befriedigt. Ich werde mich zukünftig von diesem lästigen Kobold fernhalten.“ Er nahm die Zeitung wieder auf, vorwiegend, um das besorgte Gesicht seiner Schwester nicht mehr sehen zu müssen, aber auch, damit er seiner Wut nicht doch noch Luft machte. Natürlich waren gleich alle in Aufruhr, sobald er einmal einen Schritt aus der Reihe machte. Sein Leben lang war er auf dem schmalen Grad zwischen seiner Unabhängigkeit und der immer in Hinblick auf seine Pflichten formulierten Kritik seiner Eltern balanciert, sich aber jetzt auch noch vor Hetty rechtfertigen zu müssen, obwohl er nur Mitleid mit diesem furchtbar lebhaften Mädchen gehabt hatte, überanstrengte beinahe seine Höflichkeit. Mit einem Mal wünschte er Hetty und alle anderen zum Teufel.

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