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HISTORICAL SAISON BAND 47

MARGUERITE KAYNE

Katerina – Sinnlich und verboten

Seit sie damals so bitter enttäuscht wurde, geht Artistin Katerina der Liebe aus dem Weg. Lieber konzentriert sie sich ganz auf ihre Auftritte. Doch dann trifft sie auf dem Sommerfest Fergus Kennedy. Der Colonel entfacht ein lange vergessenes Feuer in ihr. Aber ist sie mehr für ihn, als nur ein kleines Abenteuer?

BRONWYN SCOTT

Schwerenöter küsst man nicht

Lebemann Kael hatte erwartet, sich auf dem Sommerfest des Dukes zu Tode zu langweilen. Doch dann trifft er Zara und spürt: Die schöne Debütantin ist auf ein Abenteuer aus – und er ist mehr als bereit, ihre Leidenschaft zu wecken. Aus ihrem Flirt wird Liebe. Aber damit erregen sie den Zorn des Dukes, denn der hat andere Pläne …

LIZ TYNER

Die Countess, die ich liebte

Auch wenn man sie dafür bezahlt hat ihn zu verführen – Lord Andrew Robson ist hingerissen von der sündigen Lady Beatrice. Es kann nicht alles wahr sein, was über sie berichtet wird. Andrew verteidigt ihren Ruf – und gerät selbst in das Visier der Skandalblätter. In ihm wächst ein furchtbarer Verdacht: Will Beatrice ihn ruinieren?

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Katerina – Sinnlich und verboten

1. KAPITEL

Samstag, 14. Juni 1817

Brockmore Manor Hausparty

Programm

Willkommensfeier im großen Salon

Vorführung der weltberühmten russischen Artisten

„Die Fliegenden Vengarovs“

im großen Ballsaal

Der Salon von Brockmore Manor befand sich im westlichen Teil des Gebäudes und bot eine schöne Aussicht auf den ausgedehnten Barockgarten des Dukes und der Duchess of Brockmore. Durch die geöffneten Fenster wehte ein berauschender Duft von der Rosenlaube herein. Ein wahres Füllhorn englischer Rosen, sowohl drinnen als auch draußen, dachte Colonel Fergus Kennedy vom neunundneunzigsten Infanterieregiment ironisch. Er beobachtete die Grüppchen von aufgeregten Damen, deren helle Nachmittagskleider sich von den schimmernden kobaltblauen Seidenwandbehängen abhoben, die dem Raum das Aussehen einer Meeresgrotte verliehen. Auch die mit blauem Damast bezogenen Sofas an den Wänden nahmen das maritime Thema auf. Die vergoldeten Armlehnen und Beine hatten die Form von nackten Meerjungfrauen und grotesken Seeungeheuern. Ähnliche Kreaturen zierten den italienischen Kaminsims aus weißem Marmor, und auch die Gemälde an den Wänden zeigten Darstellungen des Meeres und der Seefahrt.

Fergus zupfte an seinem gestärkten Halstuch und näherte sich einem offenen Fenster. Schweißperlen rannen seinen Rücken hinab. Es war ungewöhnlich heiß für diese Jahreszeit. Sein Gastgeber, dem man nachsagte, ein äußerst geschickter Intrigant zu sein, schien sogar das Wetter kontrollieren zu können. Fergus beneidete die Damen um ihre leichten Baumwollkleider, die bei der Hitze sicher angenehmer zu tragen waren als seine Seidenweste und der schwere dunkelblaue Gehrock. Ein rascher Blick auf die übrigen Gäste bewies jedoch, dass er den inoffiziellen Dresscode dieser Willkommensfeier durchaus richtig interpretiert hatte, indem er sich nach der Londoner Mode gekleidet hatte.

Fergus war eigentlich nicht in der richtigen Gemütsverfassung für eine solche Hausparty. Das Ganze war ihm alles andere als angenehm, und er hätte die Einladung am liebsten abgelehnt. Wer weiß, welche Folgen sich daraus noch ergeben würden!

„Ich wette, Sie sind Colonel Kennedy. Darf ich mir selbst auf die Schultern klopfen und mir zu meinem Scharfsinn gratulieren?“

Vor ihm stand ein Mann unbestimmten Alters, angetan mit einer Art smaragdgrünem Morgenrock aus Seide, der üppig bestickt war mit roten und goldenen Drachen. In der rechten Hand hielt er einen dazu passend bemalten Fächer. Sein Gesicht war gepudert, aber er hatte ein energisches Kinn, und seine hellblauen Augen unter perfekt gezupften Augenbrauen musterten Fergus aufmerksam.

„Das dürfen Sie, wenn Sie es wünschen, obwohl ich es mir etwas schwierig vorstelle. Fergus Kennedy, zu Ihren Diensten. Ich fürchte, Sie sind mir einen Schritt voraus, Sir.“

Entzückt verzog der Gentleman seine dünnen Lippen zu einem Lächeln. „Ich wusste es! Nur ein Blick auf Ihre Schultern und den kerzengeraden Rücken, und ich war sicher, dass Sie ein Mann des Militärs sind. Wie schade, dass Sie Ihre Paradeuniform nicht tragen, Colonel. Die Ladies lieben Männer in roten Röcken. Ich bin selbst auch ein großer Freund davon. Aber wo sind meine Manieren! Erlauben Sie mir, mich vorzustellen. Sir Timothy Farthingale. Entzückt, Ihre Bekanntschaft zu machen.“

„Wie geht es Ihnen?“ Farthingales exotische Erscheinung passte nicht ganz zu seinem festen Händedruck, stellte Fergus im Stillen fest. „Darf ich fragen, ob Sie mit unseren Gastgebern bekannt sind? Ich habe mich ihnen noch nicht vorgestellt.“

„Keine Sorge, sie werden gleich in Erscheinung treten“, antwortete Sir Timothy und wedelte mit der Hand. „Marcus und Alicia choreografieren ihre Auftritte stets sorgfältig. Vermutlich fehlen noch einige Gäste. Sie sind seit Waterloo in London stationiert, nehme ich an?“

„Das ist richtig, ich arbeite im Kriegsministerium, bei der Leibgarde.“ Fergus dachte sehr ungern daran. Wie er die verflixte Schreibtischarbeit in dem engen Büro hasste! Langweilig war kein Ausdruck dafür, er verabscheute seine administrativen Pflichten. Jemand musste sich natürlich um die Versorgung und Ausrüstung der Truppen kümmern, aber warum ausgerechnet er? Die lange Erholungszeit nach den Verletzungen, die er sich in Waterloo zugezogen hatte, war schon schlimm genug gewesen, doch inzwischen er war bereits seit mindestens achtzehn Monaten wieder kampftauglich.

„Es wundert mich, dass sich unsere Wege bisher noch nicht gekreuzt haben, Colonel“, meinte Sir Timothy. „Ich kenne sonst jeden von Rang und Namen. An einem Mangel an Einladungen dürfte es sicher nicht liegen, denn ich habe gehört, dass Sie von Wellington besonders protegiert werden.“

Das hatte Fergus auch gedacht. Allerdings war seine Zuversicht mit jeder Ablehnung seiner Versetzungsanträge in den aktiven Dienst geschwunden. Wellingtons unbestimmte Versprechungen waren unerfüllt geblieben. Bis heute. „Für einen Mann, dem ich noch nie begegnet bin, scheinen Sie außerordentlich viel über mich zu wissen“, sagte Fergus.

Sir Timothy lächelte vielsagend. „Oh, ich mache es mir zur Aufgabe, immer wohl informiert zu sein, Colonel. Man weiß nie, wann sich etwas als nützlich erweisen könnte. Sehen Sie den Herrn dort drüben? Den, der wie ein Pfarrer gekleidet ist und eine Leichenbittermiene zur Schau stellt? Es ist Desmond Falkner, ein sehr reicher Kerl, kommt aus der Stadt. Ich könnte ihm möglicherweise – oder auch nicht – ein kleines Geschäft anbieten. Die drei jungen Burschen neben ihm sind Douglas Brigstock, der Earl of Jessop, Jessamy Addington und Jeremy Giltner. Sie sind perfekte Schachfiguren für den Duke – von angenehmer Erscheinung, beliebt, nicht allzu helle, nicht allzu blöde, mit guten Beziehungen und, wie ich leider sagen muss, austauschbar.“ Sir Timothy lächelte schelmisch. „Ohne Zweifel hat Brockmore geplant, jeden von ihnen mit einem der jungen Gänschen dort drüben am Kamin zu verkuppeln. Sie geben ein hübsches Bild ab, nicht wahr? Und das wissen sie genau.“

Fergus dachte daran, dass auch von ihm erwartet wurde, sich für eine ihm noch unbekannte junge Lady zu interessieren. Daher beobachtete er die Schar der Mädchen mit einer Mischung aus Furcht und gespannter Erwartung. Er behielt jedoch seinen neutralen Gesichtsausdruck bei, damit dem verschrobenen, aber offensichtlich blitzgescheiten Sir Timothy nichts auffiel. „Anscheinend wissen Sie ja alles über die Gäste des Dukes“, bemerkte er in der Hoffnung, dass Farthingale diesen Köder schlucken und ihn mit noch mehr Informationen versorgen würde.

Er wurde mit einem nachsichtigen Lächeln belohnt. „Dabei habe ich noch nicht einmal an der Oberfläche gekratzt. Die beiden drallen Blondinen sind die Kilmun-Zwillinge, Cecily und Cynthia. Alles, was Sie über irgendjemanden erfahren wollen – wenn ich einmal nicht in Ihrer Nähe bin –, können Sie aus ihnen herausbekommen. Die besonders züchtig aussehende Lady in Weiß dort drüben am Fenster ist Florence Canby. Lassen Sie sich nicht täuschen von ihren unschuldigen Rehaugen, Colonel Kennedy. Sie lässt nichts anbrennen, wenn Sie verstehen?“

Fergus trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen. Sir Timothy kicherte. „Das tun Sie, wie ich sehe. Eine der hübschesten Ladies ist allerdings noch nicht eingetroffen. Miss Zara Titus, kennen Sie sie? Nein? Sie ist wirklich eine Schönheit, wenn auch bedauerlicherweise sehr wählerisch. Vor kaum einem Monat hat unsere Miss Titus einen ziemlich großen Skandal verursacht. Ich wette jede Summe, dass ihre Mutter noch vor Ende der Woche einen Gatten für sie an Land zieht. Es gibt einige Kandidaten. Vielleicht sollte sie aber nicht ausgerechnet den großen, etwas verwegen wirkenden Gentleman, der gerade zu den drei jungen Burschen getreten ist, wählen. Das ist Mr. Kael Gage. Ich weiß nicht genau, warum er hier ist – sicherlich nicht, um eine Gattin zu finden. Ich frage mich, Colonel, ob Sie vielleicht ein Kandidat für die Hand von Miss Titus sind?“

„Also haben Sie sich selbst von der Liste gestrichen?“, scherzte Fergus.

„Die meisten meiner Bekannten würden sagen, dass ich Pferde einer anderen Farbe bevorzuge.“

„Bestimmt ist es Ihre Absicht, diesen Eindruck zu erwecken, Sir Timothy, doch im Laufe der Jahre habe ich Männer der verschiedensten Couleurs und Glaubensrichtungen kommandiert. Ihr Geheimnis ist sicher bei mir.“

„Bravo“, erwiderte Sir Timothy und klatschte lautlos Beifall. „Ein noch scharfsinnigerer Mann als ich. Gratuliere, Colonel Kennedy. Meine kleine Scharade bringt die meisten Menschen dazu, mich zu unterschätzen, und das ist in geschäftlicher Hinsicht durchaus von Vorteil für mich. Vermutlich fragen Sie sich, wo Lady Verity ist. Wenn Sie Ihr Augenmerk auf den Eingang richten, werden Sie belohnt. Ein hübsches Ding, die Nichte des Dukes. Wie Sie sehen, weiß ich durchaus, warum Sie hier sind. Ihr kleines Geheimnis ist übrigens auch bei mir sicher aufgehoben. Sie werden mich jetzt entschuldigen. Ich glaube, ich muss mich ein bisschen unters Volk mischen, um herauszufinden, warum Mr. Gage ohne Einladung hier aufgetaucht ist.“

Als er wieder allein war, beobachtete Fergus weiter das Treiben im Salon. Sein Gastgeber, der Duke of Brockmore, war inzwischen mit seiner Gattin erschienen. Er war ein gut aussehender Mann mit hoher Denkerstirn unter einer wallenden Frisur aus dichtem hellgrauem Haar und wurde „Silberfuchs“ genannt, obwohl er eher an einen Löwen als einen Fuchs erinnerte. Seine Gemahlin trug ein Kleid aus Moiréseide, das die gleiche Farbe wie der Rock und die Weste ihres Gatten hatte, wie Fergus amüsiert feststellte. Sie besaß Eleganz und Anmut und war von zeitloser Schönheit.

Direkt neben ihr stand die Nichte des Dukes, Lady Verity Fairholme. Fergus fühlte sich leicht unwohl, als er ihr seine Aufmerksamkeit zuwandte. Glänzende goldene Locken, kobaltblaue Augen, weißer Schwanenhals, niedliche Stupsnase und ein Mund wie eine Rosenknospe. In ihrem Kleid aus blauer und cremefarbener Seide sah sie absolut perfekt aus. Wellington hatte nicht übertrieben. Seltsamerweise wünschte Fergus fast, er hätte es getan. Eigentlich sollte er jetzt erleichtert und dankbar sein und daran denken, warum er sich darauf eingelassen hatte, an der Hausparty teilzunehmen.

Er brauchte nicht lange zu überlegen. Als der Duke of Wellington ihn vor einer Woche zu sich gerufen hatte, war er sehr erleichtert gewesen. Endlich waren die Tage hinter dem Schreibtisch gezählt. „Ägypten“, hatte Wellington gesagt und ausnahmsweise einmal gelächelt. „Henry Salt ist unser Generalkonsul in Kairo. Ein guter Mann, obwohl er einen problematischen Hang zum Sammeln von Antiquitäten hat. Die Einheimischen sind nicht immer begeistert davor und die Italiener und Franzosen versuchen, ihn dabei zu übertrumpfen. Eine möglicherweise heikle Situation. Wir brauchen einen erfahrenen und verlässlichen Mann vor Ort, einen Mann wie Sie.“

Er war nicht nur erleichtert, sondern überaus erfreut. Bis er den Preis hörte, den Wellington verlangte. Für diesen diplomatischen Posten sollte er eine Gattin vorweisen können, die große Gesellschaften veranstalten und Gäste unterhalten würde. Und Wellingtons Freund, der Duke of Brockmore, brauchte einen Gemahl für seine Nichte. Ein äußerst „glücklicher Zufall“, wie der General es nannte. Unglücklicherweise gab es das eine nicht ohne das andere, wie Wellington unerbittlich klarstellte. „Hochrangige Posten wie dieser sind sehr rar, Colonel. Es kann sein, dass Sie zwei, drei, aber vielleicht auch vier oder fünf Jahre warten müssen, bis sich wieder so eine Chance ergibt. Gefällt es Ihnen wirklich besser, bis dahin Musketen zu zählen?“

Inzwischen war das Lächeln des Generals schmallippig geworden. Es war eine kaum verhüllte Drohung. Seit sechzehn Jahren diente Fergus nun schon in der Army und führte gehorsam jeden Befehl aus. Wenn er sich Wellingtons Willen widersetzte, marschierte er vielleicht nie wieder. Es war ihm äußerst zuwider, so erpresst zu werden, aber wenn er für den Rest seiner Dienstzeit hinter einem Schreibtisch sitzen müsste, würde er wahrscheinlich an Langeweile sterben. Eine Gattin, eine schöne elegante Dame aus gutem Haus, war eigentlich ein geringer Preis für solch einen aufregenden Posten. Es ging um Ägypten – das musste er bedenken. Ägypten und das Ende der ungeliebten Schreibtischarbeit. Nun allerdings, da er bereits im Salon von Brockmore Manor stand …

Jetzt war er hier und musste aufhören sich zu wünschen, er wäre es nicht. Er hatte zwar seine Zweifel bezüglich dieser arrangierten Ehe, aber er vertraute Wellingtons Urteil absolut. Wenn der sagte, dass die Nichte seines Freundes vortrefflich zu ihm passe, dann war es Fergus’ Aufgabe, dafür zu sorgen, dass dem so war. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn er versagte.

Der Duke und die Duchess of Brockmore kamen auf ihn zu. Fergus nahm Haltung an. Auf der anderen Seite des Salons sah er Sir Timothy, der in eine Unterhaltung mit einer Dame mit feuerrotem Haar vertieft war. Sie war um die dreißig Jahre alt und hatte die Figur einer barocken Statue. Ihr scharlachrotes Kleid schmiegte sich an ihren üppigen Körper, und Fergus bemerkte mit einem Schmunzeln, dass Sir Timothy Schwierigkeiten hatte, seine Blicke von ihrem prachtvollen Busen abzuwenden. Es war wohl doch nicht immer ganz einfach für ihn, den Schein zu wahren.

„Colonel Kennedy, wie ich annehme? Sehr erfreut, endlich Ihre Bekanntschaft zu machen. Von meinem Freund Wellington habe ich schon viel über Sie gehört. Darf ich Ihnen meine Gattin vorstellen, die Duchess of Brockmore, und meine Nichte, Lady Verity Fairholme?“

Fergus verbeugte sich zuerst vor dem Duke, dann vor der Duchess und schließlich vor der Nichte. Lady Verity hatte einen schlaffen Händedruck. Während sie die üblichen Belanglosigkeiten austauschten, schienen ihre Augen leicht glasig zu werden, und ihr Blick schweifte ab zu dem Gemälde hinter ihm an der Wand. Leicht irritiert nickte und lächelte er. Er antwortete mechanisch auf die Bemerkungen der Duchess über das Wetter und die Erkundigungen des Dukes nach Wellingtons Gesundheit. Lady Verity schaute weiter im Raum umher und wedelte mit ihrem Fächer in Richtung der Kilmun-Zwillinge. „Entschuldigen Sie mich“, sagte sie plötzlich zu niemand Bestimmtem, drehte sich um und schritt auf einen großen Sessel in der Mitte des Raumes zu, wo sie sich niederließ und sofort von den Zwillingen umringt wurde.

„Es könnte sein, dass meine Nichte die Hitze nicht gut verträgt“, erklärte der Duke steif, denn das Ganze war zweifelsohne ein absichtlicher Affront. „Ich bin sicher, sie hatte nicht die Absicht, unhöflich zu sein.“

„Bestimmt nicht“, bemerkte Fergus knapp. „Ich bin sicher, wenn Lady Verity unhöflich sein wollte, hätte sie es besser anstellen können.“

Touché, Colonel Kennedy“, erwiderte die Duchess mit einem gezwungenen Lächeln. „Nun, wem möchten Sie gern noch vorgestellt werden?“

Die Person, die er hatte kennenlernen wollen, hatte er bereits getroffen. Es war allerdings kein besonders vielversprechender Anfang gewesen. Seine Nervosität ließ nach, und er fühlte sich innerlich leer, als hätte er den ganzen Tag auf die Konfrontation mit einem Gegner gewartet, der nie erschien. Nicht dass Lady Verity ein Feind war, obwohl sie sich genauso verhalten hatte – und nicht wie eine zukünftige Verlobte.

Es war eine der vielen Lektionen, die er von Wellington gelernt hatte – dass es bisweilen klüger war, einen strategischen Rückzug anzutreten, um sich wieder zu sammeln. „Vielen Dank“, antwortete Fergus mit einer Verbeugung. „Ich empfinde die unzeitgemäße Hitze selbst als ein wenig bedrückend. Wenn Sie mich entschuldigen, werde ich mich für eine Weile nach draußen begeben, um ein wenig frische Luft zu schnappen.“

Die Sonne strahlte gleißend vom wolkenlos blauen Himmel. Fergus warf einen Blick auf den praktischen kleinen Lageplan, den er in seinem Zimmer vorgefunden hatte und der ein weiterer Beweis dafür war, wie sorgfältig der Duke of Brockmore jede Kleinigkeit geplant hatte.

Er stand jetzt oben auf der Freitreppe, die zur südlichen Rasenfläche hinunterführte. Ja richtig, das Wasser des künstlichen Sees glitzerte in der Ferne. Dort würde es kühler sein als hier oben. Er konnte der Versuchung kaum widerstehen, direkt dorthin zu spazieren, aber aus den Fenstern des Salons konnte man ihn beobachten.

Daher ging er von der Terrasse hinunter zu der Rasenfläche, die so gepflegt aussah, als hätten die Gärtner des Dukes sie mit der Nagelschere bearbeitet. Das Gebäude hinter ihm glitzerte im Sonnenschein, als bestünde es aus Zuckerwatte. Der Landwohnsitz des Dukes war zweifellos von unaufdringlicher Schönheit und Symmetrie. Er erinnerte Fergus an einen italienischen Palazzo, in dem er einmal einquartiert gewesen war. Ihm fiel zwar nicht mehr der Name des Ortes ein, doch es war im Sommer gewesen, wie heute. Der marmorne Boden hatte sich angenehm kühl unter den Füßen angefühlt, die nach einem langen Marschtag schmerzten und voller Blasen waren. Dort hatte es auch einen See gegeben, in dem er geschwommen war.

Und eine Frau. Fergus lächelte. In jenen Tagen hatte es viele Frauen gegeben, und seine Truppe hatte ausgelassene Feste gefeiert, wenn sie nicht gerade erbitterte Kämpfe gegen die Franzosen ausfocht. Obwohl er die blutigen Kampfhandlungen nicht noch einmal erleben wollte und auf die endlosen Drill-Übungen gut verzichten konnte, gab es auch Dinge, die er heute vermisste – die Kameradschaft, die Gefahr, den Nervenkitzel. Und das Bedürfnis, jeden einzelnen Tag zu genießen, als könnte es der letzte sein. Sein Lächeln verschwand. Jene Tage waren lange vergangen. Er versuchte, das Hochgefühl wieder in sich wachzurufen, das er über den Posten in Ägypten empfunden hatte. Doch nachdem er nun die Dame kennengelernt hatte, mit der er seine Zukunft teilen sollte, kehrten die Zweifel wieder zurück. Dabei konnte er sich keine Zweifel leisten.

Die geometrisch angelegten Gärten lagen an der rechten Seite des Hauses. Es gab dort auch einen Irrgarten, in dem er vielleicht ein wenig allein sein konnte, aber in seinen Gedankengängen gab es bereits zu viele Sackgassen und Irrwege, mit denen er sich auseinandersetzen musste. Darum wandte er sich nach links und schlug einen Weg ein, der laut Lageplan zu dem Küchengarten führte.

Als Zugeständnis an die enorme Hitze zog er seinen dunkelblauen Rock aus und fühlte sich gleich etwas besser. Warum waren modische Kleider eigentlich immer so unbequem? Sehnsüchtig zupfte er an seinem gestärkten Halstuch. Wenn er es jetzt abnahm, musste er das verdammte Ding wieder mühsam umbinden, bevor er in den Salon zurückkehrte. Also begnügte er sich damit, die Hemdsärmel hochzukrempeln.

Er warf einen neugierigen Blick in das berühmte Orchideenhaus der Duchess of Brockmore, jedoch war es darin so heiß wie in einem Backofen. Hastig schloss er die Tür wieder. Er entschied sich auch dagegen, das Ananashaus und das große Gewächshaus zu besuchen, wo angeblich der größte Weinstock von England wuchs.

Ein gepflasterter Weg führte ihn zu dem ummauerten Küchengarten. Und richtig, ordentlich aufgereihte Töpfe mit Grünpflanzen nahmen dort den größten Raum ein. Exakt gestutzte Pfirsich- und Aprikosenbäume standen entlang der Mauern, und gerade ausgerichtete Reihen von Himbeer- und Stachelbeerbüschen wuchsen in einer sonnigen Ecke des Gartens. In der Mitte waren auf einer rechteckigen Rasenfläche zwei hohe Stangen aufgerichtet worden, zwischen denen ein dickes Seil gespannt war. Und auf dem Seil, so unwahrscheinlich es ihm auch vorkam, balancierte eine Frau, die nichts trug als eine kurze Tunika.

Fergus zog sich zurück, damit sie ihn nicht sah und womöglich erschrak. Sie war schlank und von zarter Statur. Durch den dünnen Stoff des kurzen Hemdchens konnte er einen geschmeidigen und äußerst gelenkigen Körper erkennen. Sie hatte schöne Beine und schlanke, elegant geformte Füße, mit denen sie sicher auf dem Seil stand. Ihre Haare waren goldbraun, die Haut wirkte dagegen sehr hell. Sie bewegte sich gekonnt und mit fließenden Bewegungen, wobei sie die Arme weit ausbreitete, als wolle sie fliegen.

Fasziniert sah er ihr beim Balancieren zu. Sie setzte geschickt einen Fuß vor den anderen und spazierte auf diese Weise über die gesamte Länge des Seils. Zu seinem Erstaunen machte sie plötzlich einen Luftsprung, vollführte einen graziösen Salto und landete geschmeidig wie eine Katze im Gras. Kaum hatten ihre Füße den Boden berührt, schlug sie ein paarmal das Rad so schnell, dass ihr Körper nur noch wie in einem Wirbel zu erkennen war. Schließlich hielt sie inne und verneigte sich tief und theatralisch. Fergus konnte nicht an sich halten und applaudierte.

Offensichtlich erschrocken warf sie ihm einen missbilligenden Blick zu. Ihre Augen waren smaragdgrün, ihr herzförmiges Gesicht war gerötet. „Dies ist ein privater Bereich des Gartens“, rief sie mit starkem Akzent. „Der Duke of Brockmore versprach, dass wir hier nicht gestört werden. Mr. Keaton, der oberste Gärtner, hat seine Männer angewiesen, anderswo zu arbeiten. Aber Sie“, erklärte sie mit erhobenen Augenbrauen und schwachem Lächeln, „Sie sehen nicht wie ein Gärtner aus.“

Er machte eine kunstvolle Verbeugung. „Colonel Fergus Kennedy, zu Ihren Diensten. Und Sie können niemand anders sein als Madame Vengarov. Es tut mir leid, dass ich Sie erschreckt habe, doch ich konnte einfach nicht wegschauen. Es sah aus, als klebten Ihre Füße an dem Seil.“

Spasibo. Danke. Im Vergleich zu Alexandr bin ich jedoch nur eine Anfängerin.“

„Ihr Gatte ist vermutlich die andere Hälfte der ‚Fliegenden Vengarovs‘?“

„Ja, trotzdem vermuten Sie falsch. Ich bin nicht verheiratet. Alexandr ist mein Bruder.“

„Dann bin ich noch mehr entzückt, Ihre Bekanntschaft zu machen, Miss Vengarov.“

Sie lächelte. Ihre Zähne waren sehr weiß, ihre Lippen rosig. Sommersprossen waren auf ihrer kleinen Nase verstreut, und in ihren Mandelaugen erschien ein schelmisches Glitzern. „Ich wüsste nicht, warum es Sie entzücken sollte, dass ich keinen Gemahl habe.“

„Da haben Sie vollkommen recht“, gab Fergus zu und fühlte sich irgendwie beschämt. „Das sollte es nicht, besonders unter meinen speziellen Umständen.“

„Die da wären …?“

„Ich bin hier auf Wunsch eines Dukes, um die Nichte eines anderen Dukes als Gattin zu gewinnen.“ Bei diesen unbedacht gesprochenen Worten erlosch das entzückende Lächeln auf Miss Vengarovs Gesicht. Es war durchaus verständlich. Wenn man die Tatsachen als Außenstehender betrachtete, konnte man ihn für einen Emporkömmling halten. Noch schlimmer, für eine willige Schachfigur im Spiel anderer gewichtiger Männer. Fergus fühlte, dass er errötete. Jetzt wäre es am besten, sich schnell zurückzuziehen. Dennoch konnte er sich nicht dazu durchringen. Denn obwohl er sich sagte, dass die Meinung der exotischen Miss Vengarov für ihn nicht von Bedeutung war, fühlte er sich zu einer Erklärung verpflichtet. „Es ist nicht ganz so, wie es sich anhört“, erklärte er. „Der erste Duke ist Wellington, mein Oberbefehlshaber. Der zweite ist mein Gastgeber, der Duke of Brockmore.“

„Wellington hat Ihnen befohlen, Brockmores Nichte zu heiraten?“

Ihre Stimme klang sehr erstaunt – kein Wunder. „Nicht direkt befohlen. Er hat mir einen Diplomatenposten in Ägypten in Aussicht gestellt. Offenbar ist es jedoch üblich, eine solche Stelle nur zu bekleiden, wenn man verheiratet ist“, sagte Fergus leichtfertiger, als er beabsichtigt hatte.

Katerina Vengarov schaute den Soldaten überrascht an. Er schien sich ziemlich unwohl in seiner Haut zu fühlen und bereute sicher schon, dass er einer völlig Fremden seine Privatangelegenheiten anvertraut hatte. Sie musste ihm erlauben, das unangenehme Thema fallen zu lassen. Aber sie war neugierig. Er wünschte sich diesen Posten sicherlich sehr, wenn er bereit war, dafür eine Frau zu ehelichen, die jemand anders für ihn ausgesucht hatte. „Was ist so reizvoll an Ägypten?“, fragte sie.

„Erst einmal ist es nicht das War Office in Whitehall“, antwortete er sarkastisch lächelnd. „Ich werde nicht mehr hinter einem Schreibtisch sitzen und endlose Listen erstellen, die nie jemand lesen wird. Ich muss mich nicht mehr zur Arbeit schleppen und vorher schon wissen, dass der heutige Tag genauso ablaufen wird wie der gestrige und der Tag davor. In Ägypten wird jeder Tag eine neue Herausforderung bringen.“ Er lächelte etwas freundlicher. „Ich bin Soldat. Der Frieden ist für mich ein zweischneidiges Schwert. Mit Untätigkeit komme ich nicht zurecht.“

„Das verstehe ich. Wenn ich keine Aufführung habe, lebe ich nicht. Ich kann Untätigkeit auch nicht ertragen“, gestand Katerina lächelnd. „Das haben wir gemeinsam, Colonel.“

„Ich heiße Fergus. Nennen Sie mich Fergus.“

Sie durfte ihn gar nichts nennen, sollte ihn besser wegschicken. Dies war genau die Art von Situation und er genau die Art Mann, die sie meiden wollte. Das wusste sie aus eigener Erfahrung, aber entgegen der Vernunft interessierte sie sich für ihn. Und entgegen der Vernunft musste sie zugeben, dass sie ihn attraktiv fand.

Seine Augen waren durchdringend blau – oder grün? Türkis? Er war groß, noch mehrere Zoll größer als Alexej, jedoch ebenso athletisch, wobei der Colonel breiter und kräftiger gebaut war als ihr Bruder. Wahrscheinlich lag es daran, dass er jahrelang marschiert war und gekämpft hatte, statt täglich ein artistisches Training zu absolvieren. Der Krieg hatte wohl die strahlenförmigen kleinen Fältchen in seine Augenwinkel eingegraben. Die Linien an seinem Mund und die schön geschwungenen Lippen ließen allerdings darauf schließen, dass er auch gern lachte. Die hellen Haare waren sehr kurz geschnitten, doch eine kleine widerspenstige Locke und der Schwung seiner Brauen widersprachen dem strengen Eindruck. Attraktiv war er auf jeden Fall, auf eine etwas raubeinige Art. Vor allem vermittelte er ihr den Eindruck eines Mannes, der Autorität besaß und es gewohnt war, eher Befehle zu geben, als sie zu empfangen. Das war zwar ein wenig einschüchternd, dennoch zog er sicher alle Blicke auf sich, wenn er einen Raum betrat.

„Fergus also“, sagte sie. „Und ich bin Katerina. Verzeihen Sie, aber warum dürfen Sie Ihre Gattin nicht selbst aussuchen, wenn Sie als Diplomat unbedingt eine vorweisen müssen?“ Sie runzelte die Stirn. „Ich kann nicht glauben, dass es nicht genügend Kandidatinnen geben würde.“

„Danke für Ihr Vertrauen“, erwiderte er spöttisch. „Wenn es nur so wäre!“ Er fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, und die kleine Locke stand ihm liebenswert vom Kopf ab. „Man hat mir klargemacht, dass man für diesen besonderen Posten besondere Anforderungen an mich stellt.“ Er seufzte. „Daher, Miss Vengarov, habe ich leider keine andere Wahl. Falls Lady Verity – die Nichte von Duke of Brockmore – mich überhaupt will.“

„Zweifeln Sie denn daran?“

„Ich weiß nicht, was ich glauben soll. Sie hat mich jedenfalls nicht besonders herzlich begrüßt.“

„Also haben Sie sie bereits kennengelernt?“

„Gerade eben.“

„Und sie hat Sie nicht sofort ins Herz geschlossen?“

Er lachte kurz auf. „Ist das so schwer zu glauben?“

Sein Lächeln war sehr gewinnend. Wenn auch nicht gewinnend genug, um sie in seinen Bann zu ziehen. „Ach kommen Sie! Sie brauchen doch wohl nicht mich, um Ihnen zu sagen, dass Sie ein attraktiver Gentleman sind, Colonel … Fergus“, antwortete Katerina. „Wahrscheinlich war die Lady wegen der Umstände nur nervös oder verlegen oder beides. Jeder weiß, dass die Hauspartys auf Brockmore Manor ein Heiratsmarkt sind.“

„Missfällt Ihnen das?“

„Ich bin sicher, dass hier jeder eine Gattin finden kann. Wie Sie sehen, werden wir einfachen Artisten nur innerhalb der Mauern dieses Küchengartens geduldet, damit es keine Verwechslung mit den richtigen Kandidaten und Kandidatinnen gibt.“ Auf beiden Seiten. Fergus Kennedy schaute etwas bestürzt drein. Katerina hatte nicht vorgehabt, ihre eigenen bitteren Erfahrungen so offen zu zeigen. Sie zuckte nachlässig mit den Achseln. „Es ist aber auch nicht meine Angelegenheit.“

„Das ist wahr“, stimmte er zu. „Obwohl ich Sie hineingezogen habe, indem ich mich Ihnen anvertraute. Das hätte ich besser nicht tun sollen. Ehrlich gesagt, weiß ich auch nicht, warum ich Ihnen davon erzählt habe. Außer weil ich mit mir selbst nicht ganz zufrieden bin.“

Seine Ehrlichkeit war entwaffnend. Aus irgendeinem Grund war sie erleichtert, nicht schlecht von ihm denken zu müssen. „Ich kenne Sie doch gar nicht“, erwiderte Katerina. „Allerdings muss ich zugeben, dass ich es seltsam finde, wenn ein Mann wie Sie, der sonst selbst das Kommando hat, jemand anderem gestattet, eine so wichtige Entscheidung für ihn zu treffen.“

„Der ‚andere‘ ist mein Oberbefehlshaber.“

„Das sagten Sie schon.“

„Ja, in der Tat.“ Für einen Augenblick schwieg er, dann seufzte er tief. „Sie haben recht. Wenn ich mit meiner Situation zufrieden wäre, würde ich mich unter die anderen Gäste mischen und höfliche Konversation betreiben. Stattdessen stehe ich hier draußen und belaste Sie mit meinen Problemen, in der Hoffnung, dass Sie mich etwas beruhigen.“

Sie wusste nicht, was sie dazu sagen sollte, denn sie war von seiner Unentschlossenheit ebenso verwirrt wie er selbst. Oder war es nur ein Trick, um ihre Sympathie zu gewinnen? So raffiniert schien er eigentlich nicht zu sein, doch sie war schon früher zum Narren gehalten worden. „Es tut mir leid“, antwortete sie und fühlte sich etwas hilflos.

„Ach nein, das braucht es nicht. Sie haben nichts gesagt, was ich nicht schon selbst gedacht hätte. Aber genug von mir“, sagte er und schüttelte sich ein wenig.

„Sie sind viel interessanter als ich. Brockmore hat den Vogel abgeschossen, indem er Sie und Ihren Bruder für die Party engagiert hat. Der Name Vengarov ist überall bekannt und hoch angesehen.“

„Woher wollen Sie das wissen?“

„Auf meinen Reisen habe ich schon einige solcher Auftritte wie Ihren gesehen, und ich habe auch den Turnplatz eines gewissen Herrn Jahn in Berlin besucht.“

Gegen ihren Willen war Katerina beeindruckt. „Der Duke of Brockmore scheut keine Ausgaben, wenn es um die Unterhaltung seiner Gäste geht“, bemerkte sie trocken. „Dennoch teilt er Ihren Respekt für unser Können nicht. Ich fürchte, wir sind in seinen Augen kaum mehr als dressierte Affen.“

„Dann ist der Mann ein Idiot. Wie ist es dort oben auf dem Hochseil? Sie müssen sich doch fühlen, als seien Sie in einer anderen Welt.“

Er hatte ein Lächeln, das man unmöglich ignorieren konnte, und sein Interesse an ihrer Arbeit schien echt zu sein. „In einer anderen Welt …“, wiederholte Katerina und konnte der Versuchung nicht widerstehen zurückzulächeln. „Sie haben einen Akzent. Sind Sie kein Engländer?“

„Ich bin Schotte. Und Sie kommen vermutlich aus Russland.“

„R-r-russland“, wiederholte Katerina und imitierte seinen Akzent gut genug, um ihn zum Lächeln zu bringen. „Ja. Ich bin Russin.“

„Sie sprechen ausgezeichnet Englisch.“

„Und Französisch und Deutsch, einigermaßen gut Italienisch und ein paar Brocken Spanisch. Wissen Sie, ich reise schon mein ganzes Leben lang umher und trete vor Publikum auf. Ich stamme aus einer Artistenfamilie mit langer Tradition. Wie Sie schon sagten – die Familie der Vengarovs gehört zu den Aristokraten der Artistenwelt.“

„Ich bin mir dessen bewusst, auch wenn Brockmore es nicht ist. Ich freue mich schon sehr auf die Vorstellung heute Abend. Wie ich dem Programm entnommen habe, werden Sie außerdem eine Lehrstunde für die Partygäste abhalten.“

„Die Aristokraten der einen Welt vermischen sich mit den Aristokraten der anderen“, erwiderte Katerina sarkastisch. „Werden Sie daran teilnehmen, Colonel Fergus?“

„Das werde ich ganz sicher. Sind die Damen ebenfalls dazu eingeladen? Ehrlich gesagt, kann ich mir die Duchess nicht gut in so einem kurzen Hemd vorstellen. Das möchte ich auch lieber nicht.“

Katerina war so in ihre Unterhaltung vertieft gewesen, dass sie zu ihrem eigenen Erstaunen völlig vergessen hatte, dass sie nur so ein „kurzes Hemd“ anhatte. Vielleicht deshalb, weil Fergus es anscheinend gleichfalls vergessen hatte. Jetzt hatte er sie darauf aufmerksam gemacht und sah sie anerkennend an. Mit einem Mal war sie sich überaus bewusst, dass sie große Teile ihres Körpers zur Schau stellte. Fergus schien seine Blicke nicht von ihr abwenden zu können. Als sie dies bemerkte, wurde sie sofort rot, obwohl es ihr eigentlich nicht peinlich war. Ärgerlich auf sich selbst hob sie das Kinn und sah ihm direkt in die Augen.

„Artistische Übungen sind nicht möglich in Korsett und langem Kleid“, antwortete sie mit gepresster Stimme. „Wir werden uns darauf beschränken, mit den Ladies geziemende und schickliche Bewegungen einzuüben.“

Er errötete ein wenig und wandte seinen Blick von ihr ab. „Verflixt. So werde ich um den Anblick einer stolpernden Duchess gebracht.“

„Und ich werde keine Gelegenheit erhalten, einen Colonel vom Hochseil stürzen zu sehen.“

„Sie sind sich wohl sehr sicher, dass ich fallen würde.“

„Dazu bekommen Sie gar keine Gelegenheit, denn Seiltanzen werden wir nicht anbieten“, teilte Katerina ihm mit. „Viel zu gefährlich.“

Fergus betrachtete nachdenklich das Seil. „So hoch sieht es gar nicht aus.“

„Weil das hier nur eine Trainingshöhe ist, die ich ohne Leiter erreichen kann. Für mich macht es keinen Unterschied, in welcher Höhe das Seil gespannt ist, aber für die Zuschauer ist es wichtig. Je höher, desto besser – das werden Sie nachher sehen.“

„Haben Sie denn niemals Angst, dass Sie fallen und sich verletzen könnten?“

„Der Trick besteht darin, sich selbst davon zu überzeugen, dass man keine Angst hat.“

„Auf dem Schlachtfeld ist es genauso.“

Sie schauten nicht mehr auf das Hochseil. Er sah sie wieder lächelnd an, doch in seinem Blick lag mehr als nur Freundlichkeit. Ihre Haut prickelte, obwohl er sie nicht berührte. Gewiss war es nur die Hitze des Junitages. Katerinas Magen schien zu flattern wie ein Schmetterling. „Das kann man nicht vergleichen“, meinte sie. „Ich bin nicht auf diese Weise mutig.“

„Vielleicht nicht“, erwiderte er sanft, „aber ganz sicher furchtlos.“

Eine Schweißperle rann über seine Stirn. Auf seiner Wange sah sie eine kleine Stelle, wo er sich beim Rasieren geschnitten hatte, gleich rechts neben dem Grübchen am Kinn. Plötzlich verspürte sie ein solches Verlangen nach ihm, dass es sie fast überwältigte. Sie erkannte es auch in seinen Augen. Die Luft zwischen den Gartenmauern schien stillzustehen, und die sommerliche Hitze verdichtete sich. Selbst die Vögel schienen für einen Moment zu schweigen. Katerina grub ihre Zehen in das Gras und merkte erstaunt, dass sie auf etwas wartete – darauf, dass er sie küsste.

Sie war verwirrt und entsetzt über sich selbst. Sofort schwang sie sich auf das Seil hinauf. Nun war sie vor ihrem eigenen Verlangen geschützt und konnte ihm dennoch zeigen, was er nie erreichen würde. Niemals würde es ihm gelingen, so auf dem Seil zu gehen, zu springen und zu tanzen. Sie war sich bewusst, dass sein Blick noch immer auf ihren Körper gerichtet war … ihre nackten Glieder … ihre weiche Haut. Erst als sie ihre Übung unterbrach und ihr Busen vor Anstrengung wogte, schaute sie ihm wieder in die Augen und musste feststellen, dass Begehren sich durch Begehren noch steigerte. Ihre Gefühle lagen ebenso offen wie seine.

Sie schwebte oben auf dem Seil, wütend auf sich selbst, weil sie dieses kaum bezähmbare Verlangen empfand. Und doch konnte sie nicht aufhören, ihm ihren geschmeidigen Körper zu präsentieren, denn sie wartete noch auf den Beweis, dass er genau wie jeder andere Mann war. Als er fast unmerklich den Kopf schüttelte und sich abwandte, traf es sie völlig unerwartet. Sie sprang hinunter. Fergus bückte sich nach ihrem Kleid, das die ganze Zeit über im Gras gelegen hatte, und hielt es ihr mit immer noch abgewandten Augen entgegen. Eigentlich hätte sie es schon zu dem Zeitpunkt anziehen müssen, als er plötzlich im Garten aufgetaucht war. Sie nestelte an der Schärpe.

Fergus schaute betont auf seine Taschenuhr. „Ich bin viel länger von dem Empfang im Salon fortgeblieben als beabsichtigt. Ich sollte mich wieder den Gästen des Dukes anschließen. Wenn man schon besondere Anforderungen an mich stellt, sollte ich nicht schon beim ersten Hindernis straucheln.“ Endlich sah er sie mit seinen auffälligen Augen wieder an. „Es war mir eine große Freude, Ihnen beim Trainieren zusehen zu dürfen. Und ich danke Ihnen für das Privileg, Ihre Bekanntschaft zu machen, aber jetzt möchten Sie sicher weiter üben. Ich hätte Sie nicht so lange davon abhalten dürfen.“

Sie war in Versuchung, diesen Mann zu mögen und zu glauben, er sei anders. Das hatte sie schon früher einmal gedacht – und wohin hatte es sie gebracht? „Ich verbringe die meiste Zeit mit meinem Bruder, Colonel Kennedy“, entgegnete Katerina kühl. „Jeder andere Besucher ist nur eine willkommene Abwechslung.“

„Nun, was für ein schönes Kompliment. Ich dachte, Sie genießen meine Gesellschaft um meiner selbst willen. Und ich heiße Fergus, nicht vergessen.“

Mit seiner lässigen Bemerkung und seinem Lächeln hatte er den peinlichen Moment überbrückt. Sie musste lachen. „Nun gut, Fergus“, sagte sie, „falls Sie dem charmanten Mr. Keaton oder einem seiner Gärtnergehilfen begegnen, würden Sie ihn bitte zu mir schicken? Ich wollte ihn bitten, mir noch etwas zu zeigen.“

„Das Ananashaus ist bestimmt interessant.“

„Es gibt auch noch ein Orchideenhaus. Ich glaube, die Duchess stellt dort einige seltene Pflanzen aus.“

„Oh, wenn es um ausgefallene Exemplare geht, hat der Duke die Nase vorn.“

„Was meinen Sie damit?“

„Sie meine ich damit“, antwortete Fergus. „Es gibt in dem ganzen Garten hier keine exotische Blume, die so betörend ist wie Sie. Es war mir eine große Freude, Sie kennenzulernen, Katerina.“ Da war es wieder. Als er seine Hände auf ihre legte, flammte ihr Begehren sofort wieder auf. Seine langen Finger waren mit Schwielen bedeckt, auf den Knöcheln befanden sich viele kleine Narben. Schmauchspuren? Behutsam führte er ihre Hand an seine Lippen, hauchte einen viel zu kurzen Kuss auf die Fingerspitzen und ließ sie dann los. „Ich freue mich schon sehr darauf, Ihre Aufführung heute Abend zu bewundern.“

Er straffte die Schultern, presste entschlossen die Lippen zusammen und fasste sein nächstes Ziel ins Auge. Mit einer knappen Verbeugung wandte er sich ab und marschierte auf das Haus zu. Jeder, der ihn so sah, würde annehmen, dass er in eine Schlacht zog.

Der imposante Ballsaal von Brockmore Manor erstreckte sich über die gesamte Länge des Hauses und mündete auf der Rückseite in eine große Terrasse. Der Saal war doppelt so hoch wie alle anderen Empfangsräume. An einer seiner schmalen Seiten befand sich eine Empore, die sich harmonisch in das Gesamtbild des Raumes einfügte. Die Wände des Ballsaals waren alabasterweiß. Seine schlichte Eleganz wurde von einem dekorativen Fries aufgelockert, und die Zierpfeiler gegenüber der Terrasse verliehen ihm ein wenig das Aussehen eines römischen Atriums. Drei riesige Kronleuchter spendeten helles Licht, die Flammen der Kerzen spiegelten sich in dem auf Hochglanz polierten Parkettboden. In der Mitte des Saales war ein Hochseil zwischen zwei fünfzehn Fuß hohen Stangen aufgespannt, darunter lagen dicke Teppiche übereinander. In einer Ecke des Raumes waren Reifen und Kegel aufgestapelt, neben ihnen stand ein Behälter mit Magnesiumkarbonat.

Marcus, der Duke of Brockmore, überwachte alles von seinem Aussichtsplatz auf der Empore aus. Er lächelte zufrieden und gab sich seiner Vorfreude hin. Die Willkommensparty am Nachmittag war nur das Vorspiel der eigentlichen Veranstaltung gewesen. Die heutige Darbietung würde bestimmend sein für den Rest der Woche. So ein Spektakel hatte es in England noch nicht gegeben. Die Vengarov-Geschwister sollten ein Zeichen setzen und seine Gäste daran erinnern, dass auch sie fliegen konnten – allerdings nur mit seiner Hilfe.

Marcus beugte sich über die Balustrade, um einem Diener genaue Anweisungen zu geben, wie er die vergoldeten Stühle für die Zuschauer aufstellen sollte. Er warf seine graue Mähne aus der Stirn und betrachtete die lebhafte Szene unter sich. „Silberfuchs“ nannte man ihn hinter seinem Rücken, aber er erfreute sich an diesem Namen. Keiner der Gäste hatte eine Ahnung von den subtilen Spielchen, die hier gespielt wurden. Die Brockmore Midsummer Party war mittlerweile fest etabliert als ein Ereignis, bei dem alle möglichen Bündnisse geschlossen und manchmal aufgelöst wurden. Er und Alicia manipulierten niemanden direkt, jedoch unterstützten sie gewisse Angelegenheiten – des Herzens, der Politik oder des Geschäftslebens. Ja, sie schmierten die Räder der Macht, und gelegentlich sorgten sie auch dafür, dass diese Räder sich in eine bestimmte Richtung drehten. Später einmal würden Alicia und er mit Stolz und Befriedigung auf ihre Erfolge zurückblicken können. Die Kinder aus den von ihnen angebahnten Ehen würden sie im Alter darüber hinwegtrösten, dass sie selbst tragischerweise keine Nachkommen hatten.

Wie immer fühlte er bei diesem Gedanken einen Stich im Herzen und dachte an seine Gattin. Wie auf ein Stichwort betrat sie gerade den Saal, hinter ihr folgten ihre Gäste. Sie blickte zu ihm hoch und lächelte ihr ganz spezielles Lächeln, das für ihn allein reserviert war. Heute Abend sah sie wieder einmal wundervoll aus: Ihr blassgrünes Abendkleid war farblich sorgfältig abgestimmt auf die etwas dunkleren grünen Streifen seiner Weste. Und seine mit Diamanten und Smaragden geschmückte Krawattennadel passte zu den herrlichen Diamanten und Smaragden, die an ihrem Schwanenhals funkelten. Diese kleinen Details waren enorm wichtig. Nein, er bereute nichts.

Er beobachtete seine graziöse Duchess auf ihrem Weg durch die Menge der handverlesenen Gäste und bewunderte die elegante Art, wie sie jeden sanft und mit der Gewandtheit eines Orchesterdirigenten so manövrierte, das er am Ende an dem für ihn vorgesehenen Platz stand.

Es war geplant, dass sich mehrere junge Damen und Herren zu Ehepaaren zusammenfanden, und im Großen und Ganzen überließ er das alles Alicias geschickten Händen. Viscount Monteiths Tochter beispielsweise war sicher einfach unter die Haube zu bringen, denn sie war eine schüchterne Schönheit und daher ein begehrenswerter Fang. Leider war ihre Mutter ein ziemlicher Drachen und mischte sich ständig in alles ein. Die Kilmun-Zwillinge. Marcus schaute sich schmunzelnd die beiden Ladies an. Cecily und Cynthia, oder? Er konnte sie beim besten Willen nicht auseinanderhalten. Es würde interessant sein zu sehen, ob die für sie als Gatten vorgesehenen Herren es konnten – oder wollten. Brigstock, Earl of Jessop, und Jessamy Addington waren für sie ausgewählt worden. Cynthia und Cecily, Jessop und Jessamy. Prächtige Burschen mit ausgezeichneten Beziehungen. Er hatte Pläne für beide, und eine Verbindung mit den Schwestern würde gut dareinpassen. Welche es jeweils sein würde, sollten sie unter sich ausmachen.

Und Verity – wo war Verity? Ach ja, dort saß sie, wie geplant neben Wellingtons Protegé. Colonel Kennedy schien einen starken Willen zu haben. Er war genau die richtige Art von Mann für seine störrische Nichte. In den Augen der Gesellschaft war er keine gute Partie, vor allem nicht im Vergleich zu einigen der Verehrer, die Verity bereits abgelehnt hatte. Aber in manch anderer Beziehung war er wahrscheinlich der Richtige. Wenn Wellington recht hatte – und das war bei seinem alten Freund unweigerlich der Fall –, würde der Colonel sich sehr schnell im Ausland hervortun und für die Brockmore-Familie zu einem weiteren Pfeil in ihrem Köcher werden. Nun ja, das erste Treffen des jungen Paares war nicht gut verlaufen, dennoch konnte man hoffen, dass Verity tatsächlich nur wegen der Hitze in dem überfüllten Salon schlecht aufgelegt gewesen war.

Und die übrigen Gäste? Der Duke ließ seinen Blick über die Gesellschaft im Saal schweifen und machte noch eine schnelle Bestandsaufnahme. Sir Timothy Farthingale war einfach zufriedenzustellen, denn alles, was er wollte, war ein großzügiger Wohltäter mit dicker Brieftasche. Doch Desmond Falkner war vielleicht nicht ganz so einfach auszunehmen, wie Sir Timothy es sich erhoffte. Vorhin beim Dinner hatte er einen besonnenen, wenn nicht schon zimperlichen Eindruck auf ihn gemacht. Farthingales extravagante Aufmachung hatte vielleicht genau den falschen Eindruck hinterlassen. Was hatte den Mann nur auf die Idee gebracht, türkische Pantoffeln und einen scharlachfarbenen Rock zu tragen? Marcus konnte es sich nicht erklären. Alicia hatte ihn in die hintere Reihe gesetzt, trotzdem wirkte er, als wolle er selbst bei der Vorstellung heute Abend auftreten. Vielleicht sollte man ihm in Ruhe ein Wörtchen dazu sagen. Vielleicht eine Aufgabe für Lillias? Durch einen seltsamen Zufall saß die Dame, die ihm und Alicia oft als Informantin diente, bereits neben Sir Timothy. Wie immer war sie in tiefes Scharlachrot gekleidet. Der Duke wand sich auf seinem Sitz, denn die Farbe ihres Kleides biss sich mit ihren tizianroten Haaren. Obwohl die schöne üppige Lillias Lamont eine getreue Teilnehmerin der Brockmore-Partys war, traute er ihrem extravaganten Geschmack im Hinblick auf Kleider und Farben ebenso wenig wie dem Farthingales.

„Euer Gnaden?“ Er drehte sich um und bemerkte die beiden Russen, die er für teures Geld engagiert hatte. Sie winkten ihm von der Tür aus zu. „Wir sind bereit für unseren Auftritt.“

Marcus musste den Drang unterdrücken, dem arroganten jungen Artisten mitzuteilen, dass die Vorstellung begann, wenn er es beschloss. Er bezahlte dem Paar ein kleines Vermögen für die ganze Woche, doch jedes Mal, wenn sie mit ihm sprachen, hatte er das Gefühl, der Kerl rümpfe die Nase über ihn. Es gab nicht viele Leute, die den Duke of Brockmore verunsicherten, aber etwas an Alexandr Vengarov gab ihm das Gefühl, er halte sich für etwas Besseres.

Andererseits hatte der verflixte Russe recht. Es war höchste Zeit, mit dem abendlichen Unterhaltungsprogramm zu beginnen. Marcus nickte, und die beiden Akrobaten verschwanden, um kurze Zeit später an der Tür zum Ballsaal wieder zu erscheinen.

Der Duke beugte sich über die Balustrade der Empore und räusperte sich. „Mylords, Ladies und Gentlemen, es ist mir eine große Ehre, Ihnen zu Ihrem Ergötzen die außergewöhnlichsten, talentiertesten, anmutigsten und gelenkigsten Artisten der zivilisierten Welt vorzustellen. Ich präsentiere Ihnen Die Fliegenden Vengarovs.“

Alle Gespräche endeten abrupt. Röcke raschelten, zierliche Fächer wurden zusammengeklappt und Monokel ins Auge geklemmt, als die Zuschauer sich auf ihre Plätze setzten.

Der Duke gab den Artisten ein Zeichen. Sie waren ein bemerkenswertes Paar – er war sehr groß und sie so klein dagegen. Beide trugen lange Umhänge, sie einen dunkelblauen und er einen schwarzen. Die Umhänge waren mit künstlichen Edelsteinen besetzt, die im Kerzenlicht funkelten. Auch im goldbraunen Haar der Russin glitzerten Steine. Die beiden schienen über den Boden zu gleiten wie ein leuchtendes Sternbild. Schweigen herrschte im Ballsaal, als sie vor dem Hochseil standen und sich den erwartungsvollen Zuschauern zuwandten. Der Duke musste ihre Professionalität bewundern. Dieses Paar besaß offensichtlich Bühnenpräsenz. Brockmore merkte, dass sein Herz schneller schlug. Er wechselte einen Blick und ein Lächeln mit seiner Gattin, dann wurde ihre Aufmerksamkeit völlig von dem Zauber der Vorführung in Anspruch genommen.

Die beiden Akrobaten sahen nicht wie Geschwister aus. Vengarov hatte ein kantiges Gesicht, braune Augen und dunkelbraune Haare, was ihn stark von seiner Schwester unterschied. Dennoch hatten beide hohe Wangenknochen und eine ähnliche Mundpartie.

Sie verbeugten sich. Vengarov ließ den Umhang fallen. Man hörte die Zuschauer nach Luft schnappen. Der Mann war halb nackt und trug lediglich schockierend enge Beinkleider. Sein muskulöser Oberkörper glänzte im Kerzenlicht. Der Duke hätte beinahe gekichert, denn hastig öffneten sich viele Fächer, hinter denen die Ladies zweifellos voller Bewunderung auf die wohlgeformte Figur des Burschen starrten. Die anwesenden Männer hingegen schienen eher gereizt oder entrüstet zu reagieren. Alle außer Kennedy, der lediglich schmunzelte. Und Farthingale, der wie ein Hund beim Anblick eines besonders leckeren Knochens aussah.

Dann schnappten wieder alle nach Luft, als auch die Russin ihren Umhang abwarf. Diesmal klatschte der Duke begeistert mit. Sie war praktisch nackt. Eine knappe fleischfarbene Tunika mit noch mehr künstlichen Diamanten schmiegte sich eng an ihren perfekt proportionierten Körper. Es war unsittlich. Aber auch sehr aufregend. Die Berichte über die exotische Kleidung der Vengarovs waren nicht übertrieben – eher untertrieben, besonders in Bezug auf die entzückende Katerina. Auf sie reagierten die männlichen Gäste keineswegs ablehnend. Von Kennedys Gesicht war das Lächeln gewichen, seine ganze Aufmerksamkeit richtete sich auf die Artistin. Er war offensichtlich hingerissen, anders konnte man es nicht nennen. Marcus gratulierte sich selbst: Er hatte für jeden seiner Gäste etwas zu bieten. Es war ein gewagtes Spektakel; kein anderer Gastgeber hätte sich getraut, so etwas zu präsentieren.

Dann stellte das Mädchen den nackten Fuß auf die verschränkten Hände des Bruders, und er schleuderte es hoch auf das Seil. Gleich darauf folgte er ihr. Es ging so schnell, dass der Duke nicht erkennen konnte, wie sie es schafften, sich in diese Höhe zu schwingen. Die Vorstellung begann, und wie das gebannte Publikum vergaß Marcus alles um sich herum. Er konzentrierte sich nur noch auf die beiden anmutigen und unglaublich geschickten Akorbaten.

2. KAPITEL

Sonntag, 15. Juni

Brockmore Manor Hausparty

Programm

Gartenführung für die Ladies

Picknick im Bootshaus am See

Bootsfahrt, anschließend

Kartenspiele und Konversation

Katerina schaute aus ihrem Schlafzimmerfenster. Einige Federwolken zogen sich über den blauen Himmel. Es war wieder ein schöner Tag. Die Sonne schien warm auf ihr Gesicht, obwohl es kaum elf Uhr morgens war. Sie öffnete das Schiebefenster so hoch wie möglich und beugte sich hinaus. Eine leichte Brise zerzauste die Haare, die sich aus ihrem festen Nachtzopf gelöst hatten. Ihr Schlafraum und der ihres Bruders befanden sich ganz oben, eine Etage unter den engen Dachkammern der Dienstboten, eine über den luxuriösen Zimmern der Gäste. Dies verdeutlichte ihren Platz in der Gesellschaft: zwar gern gesehen bei der Elite, aber vom gesellschaftlichen Umgang mit ihr ausgeschlossen; zwar beneidet vom gemeinen Volk, aber stets mit Misstrauen behandelt.

Von ihrem Fenster aus konnte sie direkt in den Küchengarten schauen. Hinter der Mauer lief Alexandr gerade auf den Händen über das Trainingsseil. Noch nie war sie jemandem begegnet, der geschickter war als ihr Bruder. So oft schon hatte sie dieses Kunststück gesehen, sogar in schwindelerregender Höhe, trotzdem empfand sie dabei immer noch eine Mischung aus Furcht und Bewunderung. Sie selbst hatte noch nie mehr als die Hälfte einer Seillänge geschafft und es noch nie vor Publikum versucht. Alexej würde diese Nummer wahrscheinlich bei seinem Soloauftritt im Verlauf der Woche vorführen.

Die Duchess of Brockmore und eine kleine Gruppe von Damen hatte den Küchengarten betreten. Normalerweise gestatteten die Geschwister dem Publikum niemals, ihnen beim Training zuzusehen, doch der Duke bezahlte ihnen mehr als das Übliche für diese Woche. Darum würde selbst Alexej es nicht wagen, den Ladies diese unverhoffte Gelegenheit, einen Blick auf ihn zu werfen, zu verwehren. Begeistert sah er allerdings ganz und gar nicht aus. Eine tiefe Falte kerbte seine Stirn, als er ablehnend zu den Frauen hinüberschaute.

Doch wie sie selbst war er vor allem Artist, und so vergaß er alles andere, als er wieder auf dem Seil stand und für seinen Auftritt übte. Die Zuschauerinnen sahen ihm begeistert zu – ihre Gesichter zeigten offen ihre Bewunderung. Den Menschen auf dem Erdboden erschien alles, was dort hoch oben auf dem Seil vorgeführt wurde, glamourös und aufregend. Artisten wie die Fliegenden Vengarovs, die auf dem Höhepunkt ihrer Kunstfertigkeit standen, waren im ganzen Land bekannt, manche sogar berüchtigt. Alexej behauptete zwar, die kriecherische Bewunderung zu verabscheuen, die ihm viele Frauen entgegenbrachten, dennoch war er kein Heiliger. Im Laufe der Jahre hatte er zahllose Affären gehabt.

Katerina konnte es ihm nicht übel nehmen. Sie führten ein einsames Leben, denn sie waren ständig unterwegs. Doch während ihr Bruder auch mit gelegentlichen Stunden des Trostes in den Armen einer seiner Bewundrerinnen zufrieden war, hatte Katerina sich törichterweise stets nach länger andauernder Zuneigung gesehnt. Sie hätte es besser wissen müssen. Es gab nichts Aufregenderes als das Hochseil. Das galt nicht nur für eine Artistin, sondern auch für die Männer, die ihr zusahen. Diese hatten jedoch kein wirkliches Interesse an der Frau, die oben über das Seil zu schweben schien. Der Mann, dessentwegen sie hinuntergefallen war und sich schwer verletzt hatte, war keine Ausnahme gewesen. Jetzt, nach zwei Jahren, waren immer noch die Narben zu sehen, die ihr Sturz hinterlassen hatte.

Irgendwie bewunderte sie Alexej. Er hielt sich an die Regeln, machte nie falsche Versprechungen und gab keine Gefühle vor, die er nicht hatte. Er liebte jemanden eine Zeit lang – aber irgendwann ging er. An der Frau, die sich hinter der hingerissenen Bewundrerin verbarg, hatte er ebenso wenig Interesse wie seine Geliebte an dem Mann, der in dem Artisten steckte. Wenn die Fliegenden Vengarovs ihre Koffer packten und zum nächsten Auftritt oder in das nächste Land fuhren, ließ er keine gebrochenen Herzen oder geplatzten Träume zurück. Er tändelte niemals, wenn wirklich etwas auf dem Spiel stand, und seine Liebhaberinnen waren ebenso diskret wie er. Als Frauen mussten sie das auch sein – für Männer war es einfacher.

Katerina zog einen Stuhl vor das Fenster und setzte sich. Sie stützte das Kinn auf die Hände und blickte nach unten. Die Ladies im Küchengarten schienen sich wohl und in Sicherheit vor möglichen moralischen Anfechtungen zu fühlen. Es waren „englische Rosen“ in ihren duftigen Sommerkleidern in den Farben der englischen Landschaft – rosenrot, primelgelb, grasgrün. Wenn sie sich so zusammendrängten und ihre Sonnenschirme in den zu den Kleidern passenden Farben hochhielten, um ihre Haut vor der Sonne zu schützen, sahen sie wie ein hübscher Blumenstrauß aus. Wie die Blüten eleganter und teurer Gewächshauspflanzen.

Obwohl ihre eigene zierliche Figur perfekt zu ihrer Arbeit als Seiltänzerin passte, war Katerina doch ein wenig neidisch auf die hochgewachsenen, gertenschlanken Figuren der weiblichen Partygäste. Zwei fielen ihr besonders ins Auge – eine verächtlich dreinblickende Blondine und ihre Freundin mit dunkelbraunen Haaren. Sie waren ein harmonisches Paar. Vielleicht war eine davon die Fergus Kennedy zugedachte Braut? Obwohl er sich bemüht hatte, es vor Katerina nicht zu zeigen, schien er gestern verletzt gewesen zu sein. Diese Dame hatte ihn irgendwie brüskiert. Vielleicht gehörte sie zu den Frauen, denen es Spaß macht, ihre Verehrer zu beschämen. Oder vielleicht wollte sie ihren Marktwert durch ständige Ablehnung steigern. Männer wollen immer das haben, was schwierig zu bekommen ist, dachte Katerina verbittert. Bis sie es haben – danach ist es nur noch eine Trophäe.

Die Nichte des Duke of Brockmore hatte es bestimmt nicht nötig, solche Spielchen zu betreiben. Wenn sie damit fortfuhr, war sie eine törichte Frau, denn Fergus Kennedy war ganz sicher kein Mann, der so etwas widerstandslos hinnahm.

Zumindest hielt sie ihn nicht dafür. Andererseits hätte sie auch nicht geglaubt, dass er jemand war, der sich seine zukünftige Gemahlin vorschreiben ließ. Er war weder willen- noch leidenschaftslos. Als er ihr gestern beim Training zusah, hatte sie eine leidenschaftliche Verbindung zwischen sich gespürt, die sie fast wie ein Seil verband. Auch bei ihrer Aufführung gestern Abend hatte sie es wieder ganz deutlich gefühlt. Keinen Augenblick hatte er seine Blicke von ihr abgewandt. In dem Bewusstsein, dass er ihr zusah, hatte ihr Auftritt ein neues ungeahntes Niveau erreicht, so als hätte sie plötzlich Flügel.

Dieser Gedanke machte ihr etwas Angst. Schon ohne Fergus Kennedy konnte sie gut fliegen. Er war bestimmt nicht anders als die anderen Männer, die ihren geschmeidigen Körper in den knappen Kostümen verführerisch fanden. Sie brüsteten sich gern mit ihren Eroberungen gegenüber ihren Freunden, aber keiner von ihnen würde sie jemals seiner Familie vorstellen. Für solche Männer war die Eroberung das Wichtigste, doch sobald eine Frau sich ihnen hingab, wurde sie … wertlos. Das wusste Katerina. Sie konnte es sich nicht erlauben, es je zu vergessen. Gestern schien Fergus ehrlich an ihr interessiert zu sein. Allerdings war sein Ego gerade verletzt worden, und er wollte sicher für einen Moment vergessen, warum er hier in Brockmore Manor war. Sie war nur eine kurze Ablenkung gewesen, mehr nicht. Es würde das Beste sein, wenn sie Abstand von ihm hielt.

Stürmischer Applaus ließ sie aus ihren melancholischen Gedanken aufschrecken. Alexej wurde von den Damen umringt. Er hatte die Arme verschränkt, sein Gesichtsausdruck wirkte nicht sehr freundlich. Endlich schien die Duchess zu begreifen, dass sie und ihre Gäste hier unerwünscht waren, denn sie führte die Ladies hinaus aus dem Küchengarten. Wahrscheinlich würden sie den Rundgang durch den übrigen Teil des Gartens fortsetzen und das berühmte Orchideenhaus besichtigen. Der Strauß „englischer Rosen“ sollte die exotischen Blumen der Duchess kennenlernen.

Fergus griff nach den Rudern des Bootes und konzentrierte sich darauf, es von der kleinen Anlegestelle der Insel abzustoßen und hinaus auf den See zu lenken. Lady Verity war ihm als Partnerin für die Rückfahrt nach dem Picknick zugewiesen worden, aber als er sie pflichtgemäß eingeladen hatte, hatte sie abgelehnt und ihm die Kilmun-Zwillinge an ihrer Stelle aufgedrängt.

Er hatte nicht versucht, sie umzustimmen. Eigentlich war er sogar ein wenig erleichtert, obwohl er sich deswegen beinah schuldig fühlte. Sie war sehr schön, doch ihre hochmütige Art sowie ihre kalte und knappe Sprechweise fand er abschreckend. Beim Dinner gestern Abend hatte er sich sehr um sie bemüht, jedoch ohne Erfolg. Er hatte gehofft, dass sie angesichts der besonderen Umstände lediglich nervös war. Während des Picknicks konnte er allerdings beobachten, wie entspannt sie mit den übrigen Gästen umging. Er bekam eine Ahnung davon, warum sie so überaus beliebt bei der Gesellschaft war. Nur wenn sie mit ihm zusammentraf, sah er förmlich die Eiszapfen wachsen. Und wenn er ganz ehrlich zu sich war – obwohl sie schön und anmutig war und offensichtlich genau die richtige Gattin für einen Diplomaten –, als Frau ließ sie ihn ebenso kalt wie er sie als Mann.

Er war kein eingebildeter Dummkopf, der erwartete, dass jede Frau ihm zu Füßen lag, aber bisher hatte sein Charme noch nie versagt, wenn er es wirklich darauf anlegte. War sie vielleicht gefühlskalt? Nein, da sprach wohl sein männlicher Stolz aus ihm. Außerdem war es nicht erforderlich, dass sie sich in dieser Woche verliebten, denn sie sollten nur ein Bündnis schmieden. Einen „Heiratsmarkt“ hatte Katerina diese Hausparty genannt, und damit hatte sie recht. Mehr war es tatsächlich nicht.

Das Boot verließ das seichte Wasser, und Fergus begann mit langen kräftigen Ruderschlägen auf das Bootshaus zuzusteuern. Die Kilmun-Zwillinge schauten ihn mit identischem Lächeln an.

„Sie handhaben die Ruder so gekonnt wie ein echter Seemann, Colonel Kennedy.“

„Wir sind in guten Händen, Schwester.“

„Eigentlich sollten Sie doch wohl in anderen Händen sein“, bemerkte Fergus und war froh, einmal an etwas anderes als seine eigenen Heiratspläne zu denken. „Brigstock, der Earl of Jessop, und – wie heißt er doch gleich? – Addington?“

„Ja, die beiden waren ziemlich entgeistert, als wir zu Ihnen ins Boot stiegen, nicht wahr? Wie Sie richtig vermuten, Colonel, hat Brockmore sie für uns vorgesehen, aber die Tölpel können uns nicht einmal auseinanderhalten“, meinte Cynthia und streckte das hübsche Näschen in die Luft.

„Und bis sie es endlich können, strafen wir sie mit Missachtung“, fügte Cecily hinzu. „Wir finden es beleidigend, Colonel Kennedy, dass es Menschen gibt, die denken, weil wir ähnlich aussehen, wären wir austauschbar. Wir sind jedoch verschieden. Übrigens habe ich festgestellt, dass Sie uns leicht unterscheiden können.“

Fergus lachte. „Und ich habe festgestellt, dass Sie mit ihrer bemerkenswerten Ähnlichkeit andere gern aufs Glatteis führen. Das ist Cynthia … Sie sind Cecily.“

Die Zwillinge begannen gleichzeitig zu klatschen. „Oh, sehr gut! Sie wissen gar nicht, wie erfrischend wir es finden, wenn ein Mann sich die Zeit nimmt, uns auseinanderzuhalten. Schade, dass der Duke Sie nicht als Heiratskandidaten für uns ausgewählt hat.“

„Ich fürchte“, schaltete sich Cynthia neckisch ein, „dass er andere Pläne für Sie hat, stimmt’s, Colonel?“

Es steigerte sein Unbehagen, die Wahrheit laut ausgesprochen zu hören. Er mochte den Gedanken nicht, dass er wie eine gefangene Fliege im Spinnennetz des Dukes zappelte. „Meine Pläne sind noch nicht endgültig“, antwortete Fergus steif. „Ich möchte vor allem die angenehme Gesellschaft genießen.“

„Also bitte, Colonel“, rief Cecily, „Sie brauchen nicht auszuweichen. Wir sind alle aus einem bestimmten Grund hier. Sir Timothy zum Beispiel soll sicher keine Gemahlin finden.“

Cynthia kicherte. „Wie alle reichen Herren ist er mit seinem Geld verheiratet. Andere Gäste, wie die herrliche Lillias Lamont, sollen die Party wieder in Gang bringen, falls es einmal langweilig wird. Aber achten Sie auf das, was Sie in ihrer Nähe sagen, Colonel, denn sie berichtet alles brühwarm den Brockmores.“

Das Boot stieß sanft gegen den Landungssteg. Ein Diener, der dort wartete, fing das Seil auf. Als er nacheinander Cecily und Cynthia an Land half, überlegte Fergus, ob er bis zum Ende dieser Woche wie jeder andere Gast nach der Pfeife des Dukes tanzen würde.

Man hatte ihm das Versprechen gegeben, ihm einen Posten in Nordafrika anzuvertrauen. Es wäre ein neues und aufregendes Leben, und er war davon so begeistert gewesen, dass er über den geforderten Preis nicht wirklich nachgedacht hatte. Eigentlich sollte es doch Freude bereiten, eine passende Gemahlin zu finden, aber in Wirklichkeit war so eine arrangierte Verbindung irgendwie ohne Leben. Eine Ehe war schließlich keine geschäftliche Transaktion. Eine Gattin war keine Handelsware, sondern eine Frau aus Fleisch und Blut. Ein Ehemann war auch nur ein Mann. Es verstörte ihn zutiefst, dass er körperlich erregt war, sobald er Katerina sah, jedoch in Lady Veritys Gegenwart eiskalt blieb. Es würde nicht leicht zu akzeptieren sein.

Die Begegnung mit Katerina war überhaupt eine ganz andere Angelegenheit. Nicht nur, dass ein Funke zwischen ihnen übergesprungen war, der sich zu einem Großbrand auszuweiten drohte. Er war kurz davor gewesen, sie zu küssen. Der bloße Gedanke daran erregte ihn wieder. Gestern Abend hatte sie auf dem Seil und danach auf dem Boden unglaubliche Kunststücke mit ihrem biegsamen Körper vollführt. Sie hatte sich geschmeidig und gleichzeitig sehr elegant bewegt in ihrem knappen Kostüm. Wie ein vom Himmel gefallenes Sternbild. Als er ihrem Auftritt zusah, war die gegenseitige Anziehung sofort wieder da gewesen, das hatte er gespürt.

„Eine Guinee für Ihre Gedanken, Colonel Kennedy. Sie waren ganz weit weg von hier.“ Cecily hakte sich bei ihm unter und schaute ihn fragend an, Cynthia nahm seinen anderen Arm.

„Ich dachte gerade, was für ein Glück ich doch habe, als schottische Distel zwischen zwei englischen Rosen zu stehen.“

„Ich glaube Ihnen zwar nicht, dass Sie das wirklich gedacht haben, trotzdem ist es ein entzückendes Bild. Wenn auch nicht so hinreißend wie die Vorstellung, wie Sie in Ihrer Paradeuniform aussehen. Wir Damen lieben nichts mehr als einen Mann im roten Rock“, neckte ihn Cynthia.

„Außer natürlich einen Mann wie den sehr beeindruckenden Mr. Vengarov, wenn er keine Jacke trägt“, fügte Cecily kichernd hinzu. „Es war uns ein Vergnügen, Colonel. Vermutlich sehen wir uns beim Dinner.“

Die Kilmun-Zwillinge marschierten mit flatternden Sonnenschirmen in Richtung Orchideenhaus. Sofort versank Fergus wieder in seine Gedanken und machte sich in entgegengesetzter Richtung auf den Weg. Er ging durch den betörend duftenden Rosengarten bis zum Irrgarten. Laut Programm folgten nach dem Dinner noch Kartenspiele und Konversation. Er würde es vermeiden, beim Spielen zu gewinnen, und stattdessen sein Bestes tun, dass ihm eine angenehme Konversation mit Lady Verity gelang. Vielleicht taute sie etwas auf, wenn sie ihn ein wenig besser kennenlernte. Und er auch. Vielleicht. Sein Bauchgefühl wurde immer eindringlicher. Es war das gleiche Gefühl, das er manchmal auf dem Schlachtfeld empfunden hatte. Eine Warnung, dass etwas nicht stimmte. Bei unzähligen Gelegenheiten hatte es ihm und vielen seiner Untergebenen das Leben gerettet. Nun musste er dagegen ankämpfen und durfte nicht darauf hören.

Fergus betrat das Labyrinth. Nachdem er einmal falsch abgebogen war, landete er in einer Sackgasse, wo er auf eine dichte Wand starrte. Der Trick bestand darin, stets nach rechts abzubiegen. Oder war es links? Heute konnte er sich auf keine Vorstellung auf dem Hochseil mehr freuen. Was Katerina wohl tat, wenn sie gerade nicht trainierte? Er bog noch einmal ab und dann noch einmal. Bald hatte er das Zentrum des Irrgartens erreicht und stand vor der Antwort auf seine Frage. Dort lag sie im Schatten einer großen kupfernen Statue des Gottes Atlas.

Sie schlief. Ihre linke Wange lag auf den gefalteten Händen, den Rücken hatte sie an den Sockel gelehnt. Der griechische Gott, der in gebückter Haltung die Welt auf den Schultern trug, warf seinen Schatten auf sie und schützte sie vor der schlimmsten Hitze der Nachmittagssonne. Die Statue symbolisierte vermutlich den allseits bekannten Eigendünkel des Dukes und spielte auf seine tragende Rolle in der englischen Society an. „Im Moment verstehe ich, wie du dich fühlst“, flüsterte Fergus und betrachtete fast mitleidig die schwellenden Muskeln und das schmerzverzerrte Gesicht des kupfernen Gottes.

Dann kehrte sein Blick zurück zu dem weitaus verlockenderen Anblick der schlafenden Katerina. Sie trug ein zitronengelbes Kleid mit hellgrünem Blümchenmuster. Die Puffärmel betonten ihre straffen schlanken Arme, der sittsame Ausschnitt betonte die Rundungen ihrer Brüste. Belustigt bemerkte Fergus, dass sie Schuhe und Strümpfe ausgezogen hatte. Obwohl sie deutlich mehr anhatte als bei ihren früheren Begegnungen, erregte ihn der Anblick ihrer nackten Zehen, die unter dem Saum des Kleides hervorlugten. Eine lange Haarsträhne lag quer über ihrem Gesicht und glänzte golden. Nur allzu gern hätte er sie ihr hinter das Ohr gestrichen. Obwohl er sich alle Mühe gab, gelang es ihm nicht, sich abzuwenden und sie ungestört schlafen zu lassen. Ihr Anblick war so verführerisch, dass er sich nicht davon losreißen konnte.

Irgendwie musste sie seinen leidenschaftlichen Blick gespürt haben, denn sie erwachte. Blinzelnd strich sie die Haarsträhne selbst zurück. Fergus dachte, es sei unhöflich, sich jetzt sofort zurückzuziehen, daher blieb er stehen und wurde mit einem schläfrigen Lächeln belohnt.

„Fergus …“ Katerina rieb sich die Augen, um sicherzugehen, dass sie nicht mehr träumte.

„Ich wollte Sie nicht wecken.“

Sie stand auf und schüttelte die Röcke aus. „Ich wollte gar nicht schlafen. Ich habe gelesen.“ Sie zeigte ihm ein abgenutztes Buch mit vielen Eselsohren. „Les Liaisons Dangereuses, auch bekannt als Gefährliche Liebschaften. Kennen Sie es vielleicht?“

„Ich fürchte, mein Französisch reicht nur für Gefechtsbefehle und Speisekarten“, erwiderte Fergus.

„Es ist ziemlich anstößig. Der Vicomte de Valmont ist ein noch größerer Ränkeschmied als der Duke of Brockmore – allerdings sind seine Absichten sehr viel weniger wohlwollend.“

Fergus runzelte die Stirn. Er wirkte, als fühle er sich äußerst unbehaglich. Nachdenklich fuhr er sich mit der Hand durch das Haar. „Ich glaube nicht, dass ich den Silberfuchs unbedingt wohlwollend nennen würde. Brockmore ist in gewisser Hinsicht wie sein Freund Wellington. Er ahndet Fehlschläge und belohnt erfolgreich umgesetzte Pläne.“

„Vielleicht nimmt er sich den Vicomte de Valmont ja zum Vorbild“, meinte Katerina. „Um Ihretwillen will ich hoffen, dass Sie zu den ‚Erfolgsgeschichten‘ des Dukes gehören werden.“

Sie hatte es leichthin gesagt, Fergus jedoch schaute noch grimmiger drein als vorher. „Was glauben Sie, was schlimmer wäre – eine unglückliche Ehe oder eine misslungene Karriere?“

„Gibt es denn nur das eine oder das andere?“

„Die Army ist mein Leben, ich kann mir nichts anderes vorstellen.“

„Aber in Ägypten werden Sie nicht als Soldat dienen, oder? Sie werden Diplomat sein und versuchen, den Frieden zu bewahren statt in den Krieg zu ziehen.“

„Ich diene meinem Land. Das ist das Gleiche.“

Sie war zwar anderer Meinung, doch offenbar wollte Fergus glauben, dass es keinen Unterschied zwischen beiden Professionen gab. „Von solchen Dingen weiß ich nichts“, sagte sie daher. „Ich habe bisher nur mit Botschaftern zu tun gehabt, wenn ich neue Reisedokumente brauchte. Und da wir wegen unserer Vorstellungen ein Wanderleben führen und ständig von Ort zu Ort ziehen, ist das ziemlich häufig der Fall.“

„Wir müssen oft durch dieselben Länder gereist sein, Sie und ich.“ Fergus ließ sich im Gras unter der Statue nieder und streckte seine langen Beine aus. „Allerdings vermute ich, dass wir einen sehr unterschiedlichen Eindruck von ihnen erhalten haben“, fügte er schmunzelnd hinzu. „Wenn Sie einen Ort aufsuchen, werden Sie wahrscheinlich mit offenen Armen empfangen, ich dagegen schaue eher in den Lauf eines auf mich gerichteten Gewehres.“

„Das hängt von den Waffen ab“, antwortete Katerina ironisch. „Es gibt genügend Leute, die unseren Auftritt schockierend finden. In der Anfangszeit, bevor wir berühmt wurden, mussten wir schon mal eine Aufführung abbrechen und aus der Stadt fliehen, weil wir den Zorn der dortigen Bevölkerung erregt hatten.“ Sie setzte sich neben ihn ins Gras. Die nackten Füße zog sie unter ihre Röcke. „Unsere Anwesenheit war nicht immer allen willkommen. Wie Sie sehen, haben wir mehr gemeinsam, als Sie dachten.“

Fergus lachte leise. „Wellingtons Armee musste nie fliehen. Zumindest würde Wellington es so darstellen.“

„Ich würde die Geschichte gern von Ihnen hören.“

„Möchten Sie die Tod-und-Ehre-Version oder die wahre?“

„Die wahre Geschichte, obwohl ich sehr enttäuscht sein werde, wenn Tod und Ehre darin nicht vorkommen.“

Fergus begann zögernd zu erzählen. Manchmal unterbrach Katerina ihn, wenn sie feststellte, dass sie an denselben Orten gewesen waren. Sie tauschten ihre Erfahrungen aus, und es fiel Fergus immer leichter, über seine Erlebnisse im Krieg zu sprechen. Wenn er von sich selbst berichtete, war er zurückhaltend und bescheiden, aber er glühte vor Stolz, wenn er über seine Männer redete. Über sich erzählte er lediglich in scherzhaftem Ton, dass man ihn oft als „last man standing“ bezeichnet hatte. Als sie nachfragte, musste er zugeben, dass er tatsächlich meist als Letzter auf dem Kampfplatz geblieben war, lange nachdem der letzte Schuss gefallen war. Er sorgte sich um jeden einzelnen seiner Männer. Manchmal huschte ein Schatten über sein Gesicht, wenn düstere Erinnerungen ihn heimsuchten. Doch das war nicht allzu oft – oder er bemühte sich, nicht daran zu denken. Im Großen und Ganzen blitzte öfter der Humor in seinen bemerkenswert türkisfarbenen Augen auf, und er genoss die Erinnerung an die aufregenden Erlebnisse seiner Vergangenheit.

Schließlich sagte er: „Das reicht. Ich habe mehr als genug von mir erzählt. Jetzt möchte ich etwas von Ihnen hören.“

„Die Tod-und-Ehre-Version oder die wahre?“

Fergus lächelte. „Selbstverständlich die wahre Geschichte.“

Er berührte sie leicht mit dem Knie, als er sich zu ihr wandte. Es wäre albern und kleinlich, nun von ihm abzurücken, denn wahrscheinlich war es ihm nicht bewusst. „Die wahre Geschichte ist eigentlich langweilig und wird Sie schwerlich interessieren.“

„Das möchte ich selbst beurteilen.“

Katerina stützte sich nach hinten auf die Hände. „Der glanzvolle Auftritt auf dem Hochseil ist nur ein sehr kleiner Teil meines Lebens. Das Publikum ahnt gar nicht, wie unendlich viele Stunden Trainingsarbeit dafür nötig sind. Die Zuschauer sehen einen exotischen Vogel, der ohne Flügel scheinbar mühelos durch die Luft fliegt, aber sie haben keine Ahnung von den schmerzenden Muskeln, dem langweiligen Auf- und Abbau von Reisezelt und Ausrüstung und den unsäglich langen Tagen bei der Reise von Ort zu Ort.“

„Dann ist das Leben eines Fliegenden Vengarov wohl doch nicht so verschieden von dem Leben eines Offiziers im neunundneunzigsten Regiment.“

Sie lächelte, schüttelte jedoch den Kopf. „Von außen betrachtet, vielleicht. Wenn Sie zusammenpacken, marschieren, trainieren oder sich in der Messe unterhalten, sind Sie immer noch Colonel Kennedy. Sie tragen Ihre Uniform mit den Abzeichen Ihres Ranges. Wenn ich mein Kostüm nicht trage, bin ich nur ein schäbiges Wesen, dem man keine Beachtung schenkt.“

Sie hatte nicht beabsichtigt, dass es so bitter klang, und sie mochte den scharfsinnigen Blick nicht, mit dem er sie nun musterte. „Schäbig wäre das letzte Wort, das mir einfiele, um Sie zu beschreiben“, erwiderte Fergus. „Ich habe Sie nicht für eine Frau gehalten, die auf Komplimente aus ist, aber andererseits auch nicht für eine, die sich dem Selbstmitleid ergibt.“

„Ich bin beides nicht“, sagte Katerina, peinlich berührt. „Ich bin es nur nicht gewohnt, über mich selbst zu sprechen.“

„Das glaube ich Ihnen, aber bestimmt nicht, weil es niemanden interessiert.“

„Oh, es gibt immer Interesse an meiner Fähigkeit, mich auf dem Seil zu bewegen oder Kunststücke auszuführen oder … suchen Sie sich etwas aus.“

„Wenn ich mir etwas aussuchen könnte …“, antwortete Fergus mit einem hintergründigen Lächeln, das sie zum Erröten brachte. Doch er schüttelte gleich darauf den Kopf. „Ich werde nicht so tun, als wäre das alles kein faszinierendes Thema für einen Mann. Trotzdem ist es nicht das, was mich am meisten interessiert. Ich möchte etwas über Sie erfahren.“

Wieder einmal fühlte sie sich gleichzeitig erregt und verwirrt. Sie sah hinunter auf ihre Hände. „Was wollen Sie wissen?“

Er breitete die Arme weit aus. „Alles. Wo Sie geboren wurden. Haben Sie noch mehr Geschwister? Leben Ihre Eltern noch? Was ist Ihre Lieblingsfarbe? Ihr Lieblingsland? Ihr Lieblingsessen? Können Sie reiten? Schießen? Schwimmen? Wovor haben Sie am meisten Angst?“

„Halt. Hören Sie auf.“ Lachend zählte sie seine Fragen an den Fingern auf. „Ich wurde in Kertsch auf der Halbinsel Krim geboren. Keine Schwestern, nur ein Bruder. Ja, meine Eltern leben noch. Meine Lieblingsfarbe ist das tiefe Blau des Mittelmeers. Mein Lieblingsland? Ich müsste wohl Russland sagen, aber es gibt so viele Orte, die ich noch nicht gesehen habe … ich würde gern irgendwann nach Amerika reisen. Mein Lieblingsessen ist Kulebjak, eine mit Lachs, gekochten Eiern und Reis gefüllte Pastete. Ja, ich kann ganz gut reiten. Nein, ich habe noch nie ein Gewehr benutzt. Und ja, ich kann sehr gut schwimmen, denn ich habe meine Kindheit am Schwarzen Meer verbracht. So, jetzt habe ich alles beantwortet.“

„Außer meiner letzten Frage.“

„Was mir am meisten Angst macht?“ Im Moment waren es ihre Gefühle für diesen Mann, der sie glauben ließ, dass er sich tatsächlich für sie interessierte. Aber solche Gefühle durfte sie nicht zulassen. „Zu fallen“, sagte sie daher vieldeutig.

Er drückte ihre Hand und lächelte sie ebenso vieldeutig an. „Ich hoffe, Sie glauben nicht, dass meine Neugier befriedigt ist. Ich will noch viel mehr wissen.“

Zu ihrem eigenen Erstaunen ging sie darauf ein. Nicht wegen seiner Hartnäckigkeit, sondern weil sie selbst es wollte. Sie vergaß ihren Entschluss, Abstand zu halten, und gab der Versuchung nach, mit einem Fremden, den sie begehrenswert fand, zu reden und zu lachen. Wenigstens für eine kurze Zeit.

Am Ende war die Zeit gar nicht so kurz. Vom Haus her erklang ein Gong, der die Gäste darauf aufmerksam machen sollte, dass es an der Zeit war, sich für das Dinner umzukleiden. Katerina sprang auf. „Meine Güte, ich habe gar nicht gemerkt … wir haben ja stundenlang geredet.“

„Mit Abstand die angenehmsten Stunden, die ich hier verbracht habe.“ Fergus nahm ihre Hand und küsste sie sanft. „Ich danke Ihnen.“

Seine Berührung veränderte die Atmosphäre zwischen ihnen. Spannung lag in der Luft und ließ ihren Atem stocken. Eine Woge des Begehrens durchströmte ihren Körper bis in die letzte Faser. Unter seinem Blick, der bis in ihr Innerstes zu reichen schien, wurde ihr noch heißer. „Sie gehen jetzt besser, sonst kommen Sie zu spät zum Dinner.“

„Als ich Ihnen gestern Abend zusah, war mir, als fielen die Sterne vom Himmel. Ich war wie gebannt“, bekannte Fergus.

„Ich weiß. Ich habe es auch gespürt. Sie gespürt. Wie Sie mich ansahen.“

Er zog sie an sich und legte seine Hände locker auf ihre Taille. Ihr ganzer Körper schien in Flammen aufzugehen. Ihre Röcke streiften seine Beine, mit den nackten Zehen berührte sie seine Stiefel.

„Hoffentlich habe ich Sie nicht allzu sehr abgelenkt.“ Er strich mit den Händen von ihrer Taille zu den Armen. Er berührte ihre Haut. „Wenn ich denken müsste, Sie könnten fallen, besonders da ich jetzt weiß, wie sehr Sie sich davor fürchten …“

„Ich bin einmal gefallen.“ Katerina gab der Versuchung nach und trat noch näher. „Das ist der Grund, warum ich sehr aufpasse, dass es mir nie wieder passiert“, flüsterte sie zitternd, als ihr Körper den seinen berührte.

Auch er erschauerte. „Niemals?“

Sie zog seinen Kopf zu sich heran. „Garantiert nie wieder“, antwortete sie und schloss die Augen, als sein Mund ihren berührte.

Dieser Kuss schien längst überfällig zu sein.

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