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HISTORICAL SAISON BAND 39

MARGARET MCPHEE

Stürmische Liebe in den Highlands

In den schottischen Highlands versucht Sebastian Hunter vergeblich seine düstere Vergangenheit zu vergessen. Das gelingt ihm, als eine hinreißende junge Dame sein Schloss betritt: Phoebe ist die neue Gesellschafterin seiner Mutter, und sie weckt in ihm Gefühle, die er für immer verloren glaubte! Wieder lieben, wieder vertrauen – bis er Phoebe dabei überrascht, wie sie sein Schlafgemach durchsucht …

LAURA MARTIN

Gefangen in der Oase der Leidenschaft

Abenteurer Sebastian Oakfield ist auf der Suche nach wertvollen ägyptischen Artefakten, nach Reichtümern in den verborgenen Grabkammern der Pyramiden. Doch den größten Schatz findet er auf einem Segelboot auf dem Nil: die bezaubernde Emma Knight! Wagemutig bittet sie ihn, ihr die Wüste zu zeigen. Aber noch lieber würde Sebastian seine schöne Landsmännin in die Oase der Leidenschaft entführen …

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Stürmische Liebe in den Highlands

1. KAPITEL

Tolbooth-Gefängnis, Glasgow, Schottland, Juli 1810

Blackloch Hall?“ Sir Henry Allardyce schüttelte den Kopf. Sein dünnes weißes Haar wippte auf dem fast kahlen Kopf, auf dem sich die Adern abzeichneten. „Ich dachte, Mrs. Hunter hätte sich von ihrem Sohn entfremdet.“ Es zerriss Phoebe fast das Herz, wie besorgt er aussah, obwohl er selbst in einer feuchtkalten Kerkerzelle saß.

„So ist es auch, Papa. In all den Monaten, die ich schon als Gesellschafterin bei ihr lebe, habe ich noch nie gehört, dass sie selbst oder jemand anderes in ihrem Haus jemals seinen Namen erwähnt hätte.“

„Und warum hat sie dann plötzlich den Wunsch, ihn zu besuchen?“

„Wie du weißt, wurde in den vergangenen Monaten zweimal in der Charlotte Street eingebrochen. Beim letzten Mal haben sie alles komplett durchwühlt, ihre privaten Dinge durchstöbert … ihr Schlafzimmer, ihren Frisiertisch, sogar ihr …“

Phoebe hielt inne und schaute verlegen zur Seite. „Es genügt wohl zu sagen, dass nichts unberührt blieb.“ Sie runzelte die Stirn. „Der Schaden war nicht einmal besonders groß, aber Mrs. Hunter will trotzdem das ganze Haus neu herrichten lassen. So wie es jetzt ist, erinnert sie alles immer wieder daran, dass ihr Heim geschändet wurde. Dieses Ereignis hat ihr mehr zugesetzt, als sie zugeben würde, darum will sie eine Zeit lang fort von hier.“

„Und die Täter hat man nicht gefasst?“ Ihr Vater machte ein erschüttertes Gesicht.

„Wahrscheinlich wird man sie nie erwischen.“

„Wie weit ist es mit der Welt gekommen, wenn eine alleinstehende Witwe sich in ihren eigenen vier Wänden nicht sicher fühlen kann?“ Er schüttelte den Kopf. „Eine stolze, aber anständige Frau. Es war großzügig von ihr, dir heute den Besuch bei mir zu gestatten. Die meisten Damen hätten an ihrer Stelle darauf bestanden, dass du sie sofort nach Blackloch Hall begleitest.“

„Mrs. Hunter hat mir vor meinem Besuch noch einige Erledigungen in der Stadt aufgetragen.“ Phoebe lächelte. „Und sie hat mir das Fahrgeld für die Postkutsche nach Blackloch Moor gegeben, wo man mich von der Station abholen wird.“

„Na gut“, sagte er mit einem tiefen Seufzer.

„Sorge dich nicht, Papa. Mrs. Hunter meinte, Blackloch sei gar nicht so weit von Glasgow entfernt, nur etwa zwanzig Meilen. Darum ist sie einverstanden, dass ich dich weiterhin jede Woche besuchen komme. Wie du gesagt hast, ist sie wirklich eine gute und nette Dame, und ich kann mich glücklich schätzen, bei ihr zu arbeiten.“

Sie nahm seine alten Hände und rieb sie sanft, um ein wenig Wärme in die kalten, verkrümmten Finger zu bringen. „Sie erkundigt sich oft nach deinem Befinden.“

„Oh, Kind“, sagte er leise und Tränen traten in seine trüben Augen. „Ich wünschte, es wäre nie so weit gekommen. Nun bist du allein auf dich gestellt, musst dich ohne meine Hilfe durchs Leben schlagen. Und bist sogar gezwungen zu lügen, damit niemand erfährt, dass dein Vater im Gefängnis sitzt. Glaubt sie immer noch, dass ich im Krankenhaus liege?“

Phoebe nickte.

„Dabei muss es unbedingt bleiben. Trotz all ihrer Freundlichkeit würde sie dich auf der Stelle entlassen, wenn sie die Wahrheit wüsste. Um einen weiteren Skandal zu vermeiden, würde sie alles tun, die arme Frau. Sie hatte, weiß der Himmel, schon genug wegen ihres Sohnes zu ertragen.“

„Du weißt etwas über Mrs. Hunters Sohn? Was für ein Skandal?“

Er überlegte einen Moment und schaute zu einer dunklen Ecke seiner Zelle, wo sein zerlumpter Mithäftling zusammengekrümmt auf dem rauen Steinboden lag. Mehrere Sekunden vergingen, bis er Phoebe endlich wieder anschaute.

„Ich bin kein Mensch, der hinter ihrem Rücken über andere Menschen redet. Das ist eine Sünde und das Werk des Teufels, aber …“ Er stockte. Phoebe hatte den Eindruck, dass er um die passenden Worte rang. „Aber es wäre nicht richtig von mir, dich nach Blackloch Hall gehen zu lassen, ohne dir zu sagen, was für einen Mann du dort antreffen wirst.“

Phoebe hatte ein mulmiges Gefühl. Sie wartete darauf, was ihr Vater zu sagen hatte.

„Mein Kind …“ Seine Stimme klang ungewöhnlich ernst und besorgt. „Sebastian Hunter war ein Wüstling der übelsten Sorte. Er lebte in London auf großem Fuß, verspielte das Geld seines Vaters, trank und stellte den Frauen nach. Kein Wunder, dass der alte Hunter an ihm verzweifelte, bevor er starb. Man sagt, dass der Tod seines Vaters den jungen Mann verändert habe und dass er ein anderer Mensch geworden sei. Aber …“

Er blickte misstrauisch zu seinem Zellengenossen hinüber und senkte die Stimme auf ein Flüstern herab. „Man munkelt über finstere Geheimnisse, es gibt üble Gerüchte …“

„Worüber?“

Wieder schüttelte er das Haupt, als könne er sich nur schwer durchringen, ihr alles anzuvertrauen, und schaute sie mit festem Blick an. „Versprich mir, dass du alles daransetzen wirst, ihm in Blackloch aus dem Wege zu gehen.“

Sie sah ihn verwirrt an. „Meine Aufgabe ist es, Mrs. Hunter Gesellschaft zu leisten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich viel Kontakt zu ihrem Sohn haben werde.“

„Du bist zu unschuldig, um zu verstehen, wie ruchlos manche Männer sind, Phoebe.“ Die Stimme ihres Vaters klang grimmig. „Also tu, was ich dir sage, Kind, und versprich mir, dass du dich vor ihm sehr in Acht nimmst.“

„Das werde ich, Papa, ich gebe dir mein Wort.“

Er brummte zufrieden, dann fasste er die kleine Reisetasche ins Auge, die neben ihren Füßen stand. „Wieso hast du dein Gepäck dabei? Hat Mrs. Hunter es nicht zusammen mit ihrem mitgenommen?“

Sie folgte seinem Blick zu der abgenutzten Ledertasche, die ihre sämtlichen Habseligkeiten enthielt. „Selbstverständlich, aber der große Rest wird erst morgen geliefert, und ich wollte meine Lieblingskleider bei mir haben“, sagte sie mit einem koketten Lächeln.

„Mädchen und Mode …“ Er schüttelte den Kopf.

Phoebe lachte, aber sie hatte ihm nicht die Wahrheit gesagt. Sie besaß gar keinen großen Koffer voller Kleidung mehr. Außer ihrem besten Kleid und dem, das sie auf dem Leibe trug, hatte sie alles verpfändet, weil sie dem Gefängnis für ihren Vater bezahlen musste, um ihn vor der Zwangsarbeit zu bewahren.

„Ich habe dem Schließer etwas mehr Geld gegeben als sonst, damit du Kerzen und Decken bekommst, und außerdem Bier und gutes Essen für die nächste Woche. Achte darauf, dass er dir alles zukommen lässt.“

„Hast du denn noch genug für dich selbst übrig?“ Wieder schaute er besorgt drein.

„Natürlich.“ Sie überspielte die Lüge mit einem Lächeln. „Ich brauche nicht viel, weil ich von Mrs. Hunter alles bekomme, was ich brauche.“

„Gott segne dich, mein Kind. Was würde ich ohne dich tun?“

Der Wärter stand draußen vor der Tür und rasselte mit den Schlüsseln, weil die Besuchszeit vorüber war.

„Komm, Phoebe, gib deinem alten Vater einen Kuss.“

Sie küsste ihn auf die Wange. Seine fleckige Haut fühlte sich klamm und kalt an.

„Bis nächste Woche, Papa.“

Der Wärter schloss die Tür auf.

Das war immer der schlimmste Moment. Wegzugehen und ihn in der Zelle mit dem kalten Steinfußboden, den feuchten Wänden und dem winzigen, vergitterten Fenster zurückzulassen.

„Ich freue mich schon jetzt darauf, Phoebe. Bitte vergiss nicht, was ich dir gesagt habe wegen …“

Er sprach den Namen des Mannes nicht aus, aber Phoebe wusste, wer gemeint war. Hunter.

Sie nickte. „Natürlich, Papa.“ Dann drehte sie sich um und ging. Sie schritt durch die engen, dunklen Gänge und trat dann hinaus auf die hell erleuchtete und belebte Trongate, eine der größten Straßen von Glasgow.

Auf der rechten Seite befand sich das Tontine Hotel, vor dem viele Postkutschen auf Kundschaft warteten, aber Phoebe ging daran vorbei und drängte sich durch die Menschenmenge auf den belebten Straßen. Die Hälfte des Fahrgeldes, das Mrs. Hunter ihr gegeben hatte, sparte sie für den nächsten Besuch bei ihrem Vater auf, die andere Hälfte klimperte in der Tasche des Gefängniswärters.

Schließlich erreichte sie den River Clyde und die Bishop´s Bridge. Vor ihr lag jetzt die Straße, die aus der Stadt heraus zum Moor führte. Sie fasste sich ein Herz, nahm die Reisetasche in die andere Hand und machte sich zu Fuß auf den Weg nach Blackloch Hall.

„Hunter, bist du es wirklich, alter Junge? Habe dich ewig nicht mehr gesehen. Du warst nicht mehr in London, seit …“ Lord Bullford verstummte betreten. Er klatschte mit der Hand auf Hunters Schulter. „Tut mir leid, das mit deinem Vater.“

Hunter sagte kein Wort. Mit kalter Miene blickte er zuerst zu Viscount Linwood, der hinter Bullford stand, und dann auf die Hand, die auf dem schwarzen, teuren Stoff seines Mantels lag. Er schwenkte den Blick zu Bullfords Gesicht und sah ihn so vernichtend an, dass der Mann seine Hand zurückzog, als hätte er sich verbrannt.

Bullford räusperte sich verlegen. „War bei Kelvin und bin dann Linwood zufällig in die Arme gelaufen. Dachte, wir könnten bei dir auf Blackloch hereinschauen, wenn wir schon mal hier sind. Die Jungs machen sich Sorgen um dich, Hunter. Wegen …“

„Das ist überflüssig.“ Mit nicht zu übersehender Abneigung schaute er Linwood an, während er zur Seite trat. „Und Besucher sind auf Blackloch nicht willkommen.“

Hunter bemerkte, dass Bullford große Augen machte, aber so leicht ließ der Mann sich nicht abwimmeln.

„Kelvin kennt ein ausgezeichnetes kleines …“

„Nein.“ Hunter begann sich von ihnen zu entfernen.

„Die Wetteinsätze sind hoch, aber da gibt es sehr gute Tische und die Weiber dort …“ Bullford zeichnete mit den Händen einen kurvigen Umriss in die Luft. „Genau dein Geschmack.“

Hunter ging zurück, packte Bullford an den Mantelaufschlägen und stieß ihn gegen die Mauer des Gebäudes, neben dem sie standen. Dort hielt er ihn fest und starrte ihm ins Gesicht. „Ich habe Nein gesagt.“ Hinter sich spürte er, wie Linwood sich anspannte und sich auf ihn zu bewegte.

„Ganz ruhig, alter Junge.“ Schweiß glänzte auf Bullfords Oberlippe. „Schon verstanden.“

Linwoods Stimme ertönte hinter ihm. „Jetzt gehst du zu weit, Hunter.“

Hunter ließ Bullford los und drehte sich zu dem Viscount um. „Tatsächlich?“

Mit einem Blick in Hunters Gesicht überlegte Linwood es sich anders. Doch der hatte Bullford bereits stehen gelassen und war unterwegs zu seinem Pferd, das in der Nähe angebunden war. Der große schwarze Hengst bleckte die Zähne und schnaubte, doch als er seinen Herren erkannte, beruhigte er sich und ließ sich losbinden. Hunter schwang sich in den Sattel und wendete das Pferd, um davonzureiten. Dabei hörte er Bullford leise zu Linwood sagen: „Teufel auch, wenn der nicht schlimmer ist als alles, was man sich von ihm erzählt.“

Es war ein schöner, trockener Julitag. Phoebe lächelte vergnügt, als sie ganz allmählich, Meile für Meile, Glasgow hinter sich ließ und durch die umliegenden Orte wanderte. Nach dem lebhaften Gewühl in der Stadt kam sie jetzt durch ruhige kleine Dörfer, wo sie nur noch Landhäuser, Felder, Kühe und Schafe sah. Sie atmete den süßen Duft von Gras, Heidekraut und Erde ein und ein sanfter Wind wehte ihr ins Gesicht.

Auf der langen Straße kam sie ihrem Ziel Schritt für Schritt näher. Um sie herum erstreckte sich die grüne Hügellandschaft, dazwischen lagen gelbe Felder. Weit und breit sah alles friedlich aus. Schafe wanderten blökend neben der Straße her, und ihre kleinen Stummelschwänze wackelten beim Gehen. Der Himmel war blau und wolkenlos, die strahlende Sommersonne vergoldete die Landschaft ringsumher. Bienen summten, Vögel zwitscherten und schwirrten zwischen Weißdorn und Ginster hin und her.

Zwei Kutschen überholten sie, dann ein Bauer mit seinem Karren, und dann niemand mehr. Als sie sich allmählich dem Moor näherte, hätte man denken können, dass sie der einzige Mensch an diesem Ort war, wenn nicht zwei Reiter in weiter Ferne aufgetaucht wären.

Während sie wanderte, sann sie über Mrs. Hunters Sohn und die Warnung ihres Vaters nach. Finstere Geheimnisse und üble Gerüchte, dachte sie und nahm wieder einmal die Tasche in die andere Hand, weil ihr die Henkel allmählich schmerzhaft in die Finger schnitten.

Du weißt nicht, wie ruchlos manche Männer sein können

Ihre Füße waren heiß und die Stiefel scheuerten an ihren Zehen. Sie stellte sich den niederträchtigen Mr. Hunter vor. Sicher war er ein gedrungener Bösewicht, durch Trunksucht und Ausschweifung aufgedunsen, mit Augen schwarz wie Gewitterwolken in seinem wilden Gesicht. Und er lebte ganz allein im Heidemoor, wo er meilenweit entfernt war von anderen Menschen. Kein Wunder, dass seine eigene Mutter nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte. Ein Mann mit einer schwarzen teuflischen Seele. Phoebe schauderte bei diesem Gedanken, doch dann ärgerte sie sich über ihre Torheit.

Nach einer weiteren Meile hielt Phoebe bei einem Zauntritt an, um sich auszuruhen. Erleichtert warf sie die Tasche in das Gras und setzte sich auf eine der hölzernen Stufen. Sie bewegte die steifen Finger und rieb die Blasen, die sich trotz der Handschuhe darauf gebildet hatten. Dann nahm sie ihre Haube ab, damit der Luftzug durch ihre Haare wehen und ihre Kopfhaut kühlen konnte. Mit dem Rücken an das Gatter gelehnt, ruhte sie ein paar Minuten aus.

Das Geräusch der sich nähernden Pferdehufe wurde durch das Gras gedämpft, sodass Phoebe die beiden Reiter nicht kommen hörte. Erst zu spät wurde ihr bewusst, dass sie nicht länger allein war.

Keine zwanzig Yards von ihr entfernt, waren zwei Reiter aufgetaucht. Sie hatten Tücher über Mund und Nase gebunden und ihre ramponierten Lederhüte tief ins Gesicht gezogen. Es waren offensichtlich Straßenräuber. Schnell stand sie auf. Ein Fluchtversuch war aussichtlos. Die Männer waren zu nah, und sie wusste, dass sie ihnen wegen der schweren Reisetasche sowieso nicht entkommen konnte. Also nahm sie die Tasche in die Hand und starrte ihnen herausfordernd entgegen.

„Soso, was haben wir denn da?“, sagte der größere der beiden, der ein schwarzes Tuch vor das Gesicht gebunden hatte. Er sprach breiten Glasgower Dialekt und kam ganz offensichtlich aus der untersten Bevölkerungsschicht.

Obwohl sie die Gesichter nicht erkennen konnte, hatte sie den Eindruck, dass beide Männer noch recht jung waren. Beide trugen abgenutzte Lederhosen und – jacken, dazu alte, schäbige Hemden und Halstücher und hohe, abgewetzte Lederstiefel.

„Eine Dame in Not, würde ich sagen“, war die Antwort seines kleineren und schmächtigeren Begleiters, der ein rotes Tuch über dem Gesicht trug.

„Ich brauche keine Hilfe, vielen Dank, Gentlemen“, sagte Phoebe mit fester Stimme. „Ich raste nur ein wenig, bevor ich meine Reise fortsetze.“

„Stimmt das?“, sagte der Mann mit dem schwarzen Tuch. „Das ist aber eine ganz schön schwer aussehende Tasche, die Sie da haben. Erlauben Sie uns, Ihnen die Last zu erleichtern.“

„Nein, wirklich nicht nötig. Die Tasche ist nicht schwer“, sagte Phoebe grimmig. Sie beäugte die Männer misstrauisch und hielt ihre Tasche noch etwas fester.

„Aber ich bestehe darauf. Ich und mein Kumpel hier mögen es nicht, wenn wir eine Dame mit so einer schweren Last sehen. Weil wir nämlich richtige Gentlemen sind.“

Langsam stiegen die Männer ab und kamen auf sie zu.

Phoebe trat einen Schritt zurück, dann noch einen. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, und sie wusste nicht, was sie tun sollte.

„Die Tasche bitte, Miss.“

Phoebe umklammerte den Henkel der Tasche. Dass diese Männer sie einfach so ausrauben wollten, machte sie wütend. Sie hob den Kopf und schaute dem Mann direkt in die schwarzen, boshaft funkelnden Augen. Er amüsierte sich offenbar auch noch über sie. Das erzürnte sie mehr als alles andere.

Sie kniff ihre Augen zusammen. „Das werde ich nicht tun, Sir. Ich versichere Ihnen, dass nichts in der Tasche ist, was zu stehlen sich lohnt, es sei denn, Sie interessieren sich für Frauenkleider.“

Er lachte kurz auf, dann erschien hinter ihm der andere Räuber mit der Pistole in der Hand.

„Tun Sie, was er sagt, Miss, sonst wird es Ihnen noch leidtun.“

„Jim, Jim“, sagte der schwarz Maskierte, offenbar der Anführer der beiden. „Sei nicht so ungeduldig. Es gibt bessere Möglichkeiten, eine Lady zu überzeugen.“ Dann wandte er sich an Phoebe. „Vergeben Sie meinem Freund.“ Er ließ seine Blicke über ihr Gesicht und ihre Figur wandern.

Sie schauderte. Nun war ihr klar, dass sie ihnen die Tasche geben musste und damit alles, was sie besaß.

Hastig warf sie ihm die Tasche vor die Füße.

Der Mann mit dem schwarzen Tuch hob sie auf und schätzte das Gewicht. „Viel zu schwer für so ein schmächtiges Mädel.“ Sie konnte sehen, wie er unter der Maske lächelte, und irgendwie machte ihr das noch mehr Angst. „Durchsuchen“, befahl er seinem Komplizen, dabei ließ er Phoebe nicht aus den Augen. „Erleichtere die Kleine um die unnötig schweren Sachen.“

Der rot Maskierte – oder Jim, wie der andere ihn genannt hatte – nahm die Tasche und begann, darin herumzuwühlen. Doch er fand nichts außer ihren Kleidern, einem Paar Pantoffeln, einem Kamm und einigen Toilettenartikeln. Glücklicherweise hatte sie ihre Geldbörse mit den wenigen Münzen in ihrer Rocktasche versteckt.

Phoebe schaute den Mann verächtlich an. „Ich habe weder Geld noch Schmuck, wenn es das ist, was Sie suchen.“

„Sie hat recht, hier ist nichts“, sagte Jim und spuckte angewidert auf die Straße.

„Sieh noch einmal nach“, befahl der schwarz Maskierte. „Wir haben hier eine feine Lady vor uns, wenn man nach ihrer Art zu reden und dem vornehmen Gebaren geht. Sie muss irgendetwas Wertvolles bei sich haben.“

Sein Komplize leerte die Tasche aus und schlitzte sogar den Futterstoff auf. Doch auch weiteres Suchen brachte nichts Neues zutage. Er warf die Tasche mit dem zerfetzten Futterstoff auf den Kleiderhaufen und spuckte erneut aus.

„Nichts.“

Phoebe betete darum, eine Kutsche möge vorbeifahren, aber die Straße blieb so leer wie zuvor und ringsumher herrschte Stille. „Ich sagte es doch“, versetzte sie. „Wenn Sie mich jetzt freundlicherweise meinen Weg fortsetzen lassen würden …“ Sie hielt den Kopf erhoben und ihre Stimme drückte eine ruhige Gelassenheit aus, die sie nicht empfand. Doch ihr Herz hämmerte und ihr Magen hatte sich vor Angst verkrampft. Sie trat einen Schritt auf die Tasche zu.

„He, Süße, nicht so schnell“, sagte der schwarz maskierte Räuber und hielt sie mit dem Arm um ihre Taille zurück. „Für die Benutzung dieser Straße muss man bezahlen, und wenn du kein Geld und keinen Schmuck hast …“ Er ließ seinen Blick über das Mieder ihres Kleides wandern und dann immer tiefer bis zu ihrem staubbedeckten Rocksaum, dann sah er ihr wieder ins Gesicht.

Phoebe war starr vor Angst. „Ich habe nichts für Sie, Sir, und ich möchte jetzt gehen.“

Das schien er komisch zu finden. „Ich glaube, das beurteile ich lieber selbst.“ Er sah sie wieder an. „Ich will einen Kuss. Das ist der Preis. Sonst lasse ich dich nicht weiter.“

Sie hörte den anderen Mann kichern.

Der Räuber verstärkte seinen Griff und zog sie an sich. Er stank nach Bier und altem Schweiß. „Nur nicht so schüchtern, Miss, hier sieht uns doch keiner.“

„Wie können Sie es wagen, Sir? Lassen Sie mich auf der Stelle los, ich bestehe darauf.“

„So, du bestehst darauf?“ Der Räuber zog die Maske herunter und grinste sie anzüglich an. Dabei fletschte er seine gelben Zähne. Phoebe musste sich zusammenreißen, um nicht in Panik zu verfallen. In ihr rang Angst mit rasendem Zorn und Entrüstung. Doch es gelang ihr, ruhig zu bleiben, und sie warf ihm nur einen Blick zu, der ihre tiefste Verachtung ausdrückte.

Er lachte.

Mit aller Kraft trat sie ihm gegen das Schienbein.

Jetzt lachte er nicht mehr.

Unter lautem Fluchen lockerte er den Griff seiner Hände. Das war die Gelegenheit, auf die Phoebe gewartet hatte. Sie entriss sich ihm, raffte ihre Röcke und rannte los. Ihre Tasche ließ sie liegen.

Leider erholte sich der Mann viel zu schnell und schon bald hörte sie seine Schritte hinter sich. Phoebe rannte so schnell sie konnte, aber schon nach hundert Yards hatte er sie eingeholt.

„Brr, Mädel. Nicht so schnell. Du und ich, wir sind noch nicht fertig miteinander.“

„Nehmen Sie die Hände von mir, Sie Lump!“

„So, ein Lump bin ich also?“ Grob zerrte er sie in seine Arme und näherte sich mit seinem stinkenden Mund ihrem Gesicht.

Phoebe schlug nach ihm und schrie.

Plötzlich hörte sie schnelle Hufschläge.

Sie sah sich nach dem Geräusch um, ebenso wie der Räuber.

Auf der Straße galoppierte ein riesiges schwarzes Pferd mit einem schwarz gekleideten Reiter auf sie zu. Sie hoben sich deutlich von der sonnenbeschienenen Umgebung ab. Der Mann ritt so schnell, dass seine Rockschöße hinter ihm flatterten.

Eilig zerrte der schwarz maskierte Räuber Phoebe dorthin zurück, wo sein Komplize stand. Sie sah, dass auch dieser seine Maske herabgezogen hatte. Jim packte sie und hielt ihre beiden Hände mit einer Hand schraubstockartig hinter ihrem Rücken fest. Sie fühlte etwas Spitzes an ihrer Seite.

„Ein Ton von dir, und du bekommst das Messer zu spüren. Kapiert?“

Sie nickte und sah zu, wie der andere sich zwischen sie und die Straße stellte, damit der Reiter sie nicht sehen konnte, wenn er vorbeiritt.

Bitte … flehte Phoebe innerlich.

Offenbar hatte irgendjemand sie erhört, denn der Reiter wurde langsamer und brachte den riesigen Hengst vor ihnen zum Stehen. Er war wohl doch kein Teufel, sondern ein schwarz gekleideter Gentleman.

„Tretet von der Frau weg und verschwindet.“ Hunter sprach mit leiser Stimme, aber in einem Ton, den die Männer nicht ignorierten konnten, wenn sie wussten, was gut für sie war.

„Sie ist meine Frau. Hat Ärger gemacht“, sagte der größere Mann.

Hunter blickte sich um. Die Haube der Frau lag zerdrückt auf dem Gras neben den Füßen der Männer, die ihre Halstücher über dem Kragen trugen. Dann betrachtete er die Frau genauer. Ihr herrliches dunkelblondes Haar glänzte rötlich in der Sonne. Es hatte sich aus den Spangen gelöst und fiel üppig über ihre Schultern. Sie war jung und schön, und ihre Haltung bewies, dass sie aus gutem Hause stammen musste – auf jeden Fall aus einer wesentlich höheren gesellschaftlichen Schicht als die Männer, die sie festhielten. Offensichtlich verzweifelt schaute sie ihn an. Mit dem Blick aus ihren schönen goldbraunen Augen versuchte sie ihm klarzumachen, dass sie Hilfe brauchte. Er sprang aus dem Sattel.

„Sie ist ebenso wenig Ihre Frau wie meine. Also, wie ich bereits sagte, treten Sie beiseite … Gentlemen.“ Er sah, dass die Männer einander einen Blick zuwarfen, mit dem sie sich offenbar wortlos etwas mitteilten.

„Wenn Sie darauf bestehen, Sir“, sagte der größere Mann, zerrte die junge Frau hinter seinem Rücken hervor und stieß sie zu Hunter. Gleichzeitig griff er nach seiner Pistole.

Hunter zog das Mädchen hinter sich und schlug dem Räuber die Waffe aus der Hand. Er versetzte dem Mann einen harten Schlag ins Gesicht, und dann einen weiteren, sodass der Schurke zurücktaumelte und zu Boden fiel. Hunter sah das Blitzen eines Messers, bevor es auf ihn zuflog. Mit dem Handrücken wehrte er es ab und man hörte die Klinge auf der leeren Straße scheppern.

Jetzt kam der Komplize mit erhobenen Fäusten auf ihn zu. Hunter trat ihm entgegen. Den Hieb auf seinem Wangenknochen spürte er kaum. Jedenfalls konnte er dadurch nicht davon abgehalten werden, selbst mit solcher Gewalt zuzuschlagen, dass der Räuber den Halt verlor und flach auf dem Rücken landete. Der Aufprall war so heftig, dass der Boden dröhnte. Der Mann rappelte sich nach Hunters Schlag ein wenig auf, vielleicht um noch einmal anzugreifen, ließ es dann aber wohl doch lieber bleiben.

„Bitte, Sir, wir wollten doch nur ein bisschen Spaß haben.“ Der Mann winselte fast. „Wir hätten dem Mädel nichts getan. Schauen Sie, hier ist ihre Geldbörse.“ Der Räuber fischte die Börse aus seiner Tasche und bot sie ihm unterwürfig dar.

„Werfen!“, befahl Hunter.

Der Mann tat wie befohlen, und Hunter fing den Beutel geschickt mit einer Hand auf, bevor er sich der Frau zuwandte.

Obwohl sie äußerlich gefasst blieb, wirkte sie sehr bleich und misstrauisch. Das Messer des Räubers hielt sie in der Hand, als vertraute sie ihrem Retter nicht mehr als den Schurken, die auf dem Boden lagen und sich offenbar nicht mehr bewegen konnten.

Er hielt ihre Geldbörse hoch. „Die gehört vermutlich Ihnen?“

Ein wenig entspannter nickte sie zustimmend. Der Räuber musste ihr den Beutel entwendet haben, während sie kämpften.

Hunter warf ihr den kleinen Beutel zu. Dann befahl er den Räubern, die verstreuten Frauenkleider in die leere Reisetasche zu packen. Erst als die volle Tasche vor ihm stand, bewegte er sich wieder.

„Wohin wollten Sie eigentlich?“, fragte er barsch und stieg auf sein Pferd.

Sie schaute zu den Straßenräubern und dann zurück zu Hunter.

„Kingswell Inn.“ Eindeutig die Stimme einer gebildeten Frau. Erinnerungen kamen in Hunter hoch, die längst vergessen gewesen waren.

Er ließ Ajax ein paar Schritte gehen, dann streckte er ihr die Hand entgegen.

Zögernd biss sie sich auf die Unterlippe.

„Entscheiden Sie sich, Miss. Soll ich Sie nach Kingswell bringen oder hierlassen?“ Hunter merkte selbst, wie kalt seine Stimme klang, aber es war ihm gleichgültig.

Sie nahm seine Hand.

„Setzen Sie Ihren Fuß in den Steigbügel, dann haben Sie mehr Halt“, erklärte er und zog sie hoch. Als er sie seitwärts vor sich in den Sattel setzte, blickte ihm die Frau direkt in die Augen. Ihre Anziehungskraft traf ihn so stark, dass ihm der Atem stockte. Es war wie ein Schock, der ihn völlig unvermutet traf. Eine Sekunde lang starrten sie einander in die Augen, dann noch eine, bis er den Kopf abwandte und das erwachende Gefühl im Keim erstickte. Solche Gefühle gehörten seinem früheren Leben an. Er schaute sie nicht mehr an, sondern drückte ihr lediglich die Reisetasche in die Hand und trieb Ajax vorwärts.

„Haben die Kerle Sie verletzt?“ Seine Stimme klang nur wenig wärmer.

Phoebes Herz schlug viel zu schnell. „Ich bin unverletzt, danke, Sir. Obwohl es so aussieht, als hätten Sie etwas abbekommen.“ Sie lächelte nervös. Mit einer Hand hielt sie ihre Tasche fest, mit der anderen suchte sie ein Tuch hervor und bot es ihm an.

Sein Gesicht war sehr gutaussehend, aber seine Miene war immer noch kalt und grimmig. Das machte es etwas einfacher für Phoebe, das heftige Flattern der Schmetterlinge in ihrem Bauch zu ignorieren. Das helle Sonnenlicht ließ die tiefschwarzen Haare bläulich schimmern und brachte seine helle, porzellanweiße Haut zum Leuchten. Dunkle Brauen wölbten sich kühn über klaren, smaragdgrünen Augen. Sein Gesicht war so perfekt geschnitten wie bei einer der griechischen Götterskulpturen aus den Büchern ihres Vaters. Die geraden Linien seiner Wangen und des Kinns passten zu seinem wohldefinierten, entschlossen aussehenden Mund. Seine Nase war kräftig und wirkte sehr maskulin, und er hatte hohe Wangenknochen. Auf einer Wange war eine kleine blutende Wunde. Phoebe spürte seine dunkle und gefährliche Ausstrahlung, und doch hatte sie nur noch den Wunsch, ihn für immer anzusehen.

Sie ignorierte dieses Bedürfnis. „Sie haben ein wenig Blut auf der Wange.“

Wortlos nahm er das Taschentuch, wischte die kleine Blutspur fort und steckte es in seine eigene Tasche.

Phoebe fühlte den Arm, mit dem er sie auf dem Sattel festhielt. Sie war sich nur allzu sehr bewusst, wie nah ihre Körper sich waren, obwohl er so weit wie möglich im Sattel nach hinten gerutscht war, um etwas Abstand zu halten.

„Vielen Dank für Euer Eingreifen, Sir.“ Erfreut stellte sie fest, dass ihre Stimme ruhiger klang, als sie sich tatsächlich fühlte.

Er streifte sie kurz mit einem ernsten und abschätzenden Blick aus seinen grünen Augen und neigte in Andeutung den Kopf, aber er lächelte nicht.

„Die Männer hatten vor, mich zu berauben und mir einen Kuss zu stehlen.“

„Dabei wäre es gewiss nicht geblieben.“

Sie blickte in seine durchdringenden Augen, weil sie nicht sicher war, ob er wirklich das meinte, was sie vermutete. Sie konnte aus dieser Nähe sogar die Iris sehen, grün und klar wie aus Glas, umrandet von einem schwarzen Ring. Jede einzelne schwarze Wimper konnte sie erkennen, und auch jedes Härchen der dunklen Augenbrauen. Ihr Atem stockte.

„Sie sollten nicht allein auf dieser Straße unterwegs sein.“ Er trieb sein Pferd an und beendete so das Gespräch.

Da das Pferd schneller wurde, klammerte sie sich mit der linken Hand an den Sattelknauf und hielt mit der rechten die Tasche. Der Mann schlang seinen Arm noch fester um sie und ihre Körper glitten aufeinander zu, sodass Phoebes Rücken bald fest an seinem Oberkörper lag. Ihre Hüfte war an seinen Oberschenkel gepresst, seine Hand lag fest an ihrer Taille. Ihr Herz schlug viel zu laut, das Blut dröhnte in ihren Ohren, aber nicht nur wegen der hohen Geschwindigkeit, mit der das große schwarze Pferd die Straße entlangdonnerte. Dieser Mann schien ihre Sinne komplett gefangen zu nehmen, sodass sie nicht mehr klar denken konnte.

Er hielt nicht mehr an, bis sie die Poststation erreicht hatten. Das öde und karge Hochmoor erstreckte sich nun nach allen Seiten, soweit das Auge reichte. Der Wind wehte stärker, die Vögel waren leiser und die Luft kühler.

Als er sie behutsam vom Sattel zu Boden gleiten ließ, schaute Phoebe zu ihm auf, um sich erneut zu bedanken. Die Worte erstarben ihr jedoch auf den Lippen, denn er schaute so intensiv zu ihr herab, dass sie ihren Blick nicht mehr abwenden konnte. In diesem Augenblick schien die Zeit für sie stillzustehen. Sie hatte das Gefühl, dass etwas zwischen ihnen geschah, das sie nicht verstand, obwohl sie es im ganzen Körper spürte. Schließlich wandte er sich ab. Er lenkte das große Ross vom Hof des Gasthauses hinaus auf die Straße, wo er ohne einen Blick zurück über das Moor galoppierte.

Da stand Phoebe nun. Ihre Stiefel und der Saum ihres verblichenen blauen Kleides waren dick mit Staub bedeckt und sie hielt immer noch die Reisetasche in der Hand. Sie sah ihm nach, bis der dunkle Reiter auf dem schwarzen Pferd mit zunehmender Entfernung am Horizont immer kleiner wurde. Erst in diesem Moment fiel ihr auf, dass er sie nicht nach ihrem Namen gefragt hatte und ihr auch nicht gesagt hatte, wie er hieß. Sie drehte sich um und ging zu der kleinen Steinmauer neben dem Gasthof. Dort setzte sie sich in den Schatten und wartete. Die Uhr am Eingang zeigte halb sieben.

2. KAPITEL

Die weite Moorlandschaft wurde von der untergehenden Sonne in ein warmes, orangefarbenes Licht getaucht. In Blackloch Hall stand Sebastian Hunter bewegungslos unter den durchbrochenen Steinbögen am Fenster seines Studierzimmers und blickte hinaus auf die schroffe Landschaft.

Eine kühle Brise bewegte die schweren, dunkelroten Vorhänge und wehte durch seine Haare. Die Uhr auf dem Kaminsims schlug neun und tickte dann im gewohnten, langsamen Tempo weiter. Er schwenkte den Brandy in dem Kristallglas in seiner Hand, nahm einen Schluck und genoss das schwere Aroma und die Wärme auf der Zunge und am Gaumen.

Mit halbem Ohr hörte er Jed McEwan zu, seinem Freund und Verwalter, der auf dem Stuhl auf der gegenüberliegenden Seite des Schreibtisches saß und ihm jede Einzelheit seines Programms erklärte. Hunter dachte über den vergangenen Tag nach – das Auftauchen von Bullford und Linwood in Glasgow, die Ereignisse auf der Straße, die Straßenräuber und die Frau. Er steckte seine Hand in die Tasche und berührte das weiße, spitzenbesetzte Tüchlein.

„Und in weniger als zwei Wochen findet der alljährliche Ausflug des Personals ans Meer statt. Wirst du teilnehmen, Hunter?“

„Ich habe es vor.“ Es war eine Tradition, die seit Generationen in der Hunter-Familie gepflegt wurde, und er würde sich daran halten, auch wenn er nicht viel Lust darauf hatte.

„Wir sind jetzt jeden Punkt auf der Liste durchgegangen.“

Hunter wollte McEwans Glas wieder mit Brandy füllen, aber sein Freund lehnte dankend ab.

„Hat Mairi dir das Leben schwergemacht?“, fragte Hunter und schenkte sein eigenes Glas wieder voll.

„Nein, aber ich sollte wieder zu ihr zurückkehren.“ McEwan lächelte bei dem Gedanken und Hunter war fast ein wenig neidisch, weil sein Freund so glücklich war. „Mein Vater kommt heute zurück.“

In Hunters Wange zuckte ein Muskel. Er wandte sich ab, damit McEwan es nicht sah. Doch McEwan wusste es. Und Hunter wusste, dass er es wusste.

Durch das offene Fenster erklang von ferne das leise Rasseln von Kutschenrädern.

Überrascht hob Hunter eine Augenbraue und stellte sich wieder ans Fenster. Er starrte hinaus auf das Moor und die schmale, gewundene Straße, die einzig und allein nach Blackloch führte. „Wer zum Teufel …?“ Wieder dachte er an Bullford und Linwood.

„Es tut mir leid, Hunter. Ich wollte es dir schon viel früher erzählen, aber ich hatte so viel um die Ohren, dass ich es völlig vergessen habe.“ McEwan nahm seine Papiere und stellte sich neben Hunter. „Das muss die Gesellschafterin deiner Mutter sein, eine Miss Phoebe Allardyce. Mrs. Hunter hat Jamie mit dem Gig nach Kingswell geschickt, um sie von der Poststation abzuholen.“

Von einer Gesellschafterin seiner Mutter hatte er nichts geahnt. Hunter runzelte die Stirn. Andererseits wusste er überhaupt nicht viel über das Leben seiner Mutter und auch nicht, warum sie gestern so plötzlich in Blackloch aufgetaucht war. Schon gar nicht nach ihrer letzten Begegnung und der Art, wie sie auseinandergegangen waren.

Für einen kurzen Moment fragte sich Hunter, wie diese Frau wohl sein mochte – jung oder alt, unscheinbar oder hübsch? Dem früheren Sebastian Hunter wäre das wichtig gewesen, doch nicht dem Mann, der nun so still und düster am Fenster stand. Was ging es ihn an, wer sie war und was sie tat? Hunter schaute zu McEwan.

„Die Gesellschafterin meiner Mutter interessiert mich nicht.“ Er war nur erleichtert, dass nicht Bullford oder ein anderer aus seiner alten Clique in der Kutsche saß.

McEwan erwiderte nichts. Er wandte sich von dem Fenster und der Aussicht ab. „Ich sehe dich morgen früh, Hunter.“

„Dort drüben ist Blackloch Hall, Madam“, erklärte der junge Diener, der das Gig lenkte. „Und daneben ist der Black Loch, Mr. Hunters privater See, nach dem das Haus und das Moor benannt sind.“

Phoebe blickte in die Richtung, in die der junge Mann zeigte. In der kargen Heidelandschaft stand einsam und abweisend ein finsteres Gebäude. Im Moment sah man nur eine schwarze Silhouette vor der glutrot untergehenden Sonne und dahinter das schwarze Wasser des Lochs.

Der Kutscher lenkte das Gig um die Kurve, wo der schmale, kurvige Weg breiter wurde und als Allee direkt auf das Haus zuführte. Man konnte kaum erkennen, wo das Moor endete und das Grundstück begann. Keine Mauer, keine Hecke, kein Garten umgab das Gebäude. Mit jeder Drehung der Wagenräder ragte Blackloch Hall höher vor Phoebe auf.

Es war ein großes graues Herrenhaus, das mit seinen vielen kleinen Türmen und Erkern fast wie eine Burg aussah. Die Fenster waren dunkel, nicht eine einzige Kerze gab Licht. Alles war ruhig. Das Haus wirkte verlassen und die große eisenbeschlagene Eingangstür war fest geschlossen. Im Vorbeifahren sah Phoebe, dass der gusseiserne Türklopfer wie ein zähnefletschender Wolfskopf geformt war. Ihr schlug das Herz bis zum Hals. Sie fuhren um das Haus herum, durch ein hohes Bogentor, dann bis zum Stallhof hinter dem Haus.

Der junge Diener sprang vom Führersitz und ging um den Wagen herum, um ihr herabzuhelfen und ihre Tasche zu nehmen.

„Vielen Dank.“ Phoebe blickte auf die trostlosen Mauern von Blackloch Hall und schauderte. Das Haus hätte einem von Mrs. Hunters Gruselromanen entsprungen sein können, so unheimlich, dunkel und bedrohlich, wie es da stand. Kein Wunder, dass die Lady es vorgezogen hatte, in Glasgow zu leben.

Erwartungsvoll sah der Junge sie an.

„Welch ein bemerkenswertes Haus“, brachte sie mühsam hervor.

Der Diener, der sich ihr als Jamie vorstellte, nickte und ging mit ihrer Tasche voran.

Phoebe holte tief Luft und folgte ihm zum Hintereingang. Da er nichts mehr sagte, war die Stille vollkommen. Nur das Knirschen ihrer Schritte auf dem Kies war noch zu hören.

Vom Dach herab hörte sie das Krächzen einer Krähe, und aus dem Augenwinkel sah Phoebe dunkle Flügel schlagen. Sie dachte an den Mann, vor dem ihr Vater sie gewarnt hatte, Sebastian Hunter. Ihr lief es eiskalt den Rücken hinunter, als sie über die Schwelle trat.

Sie traf Mrs. Hunter erst spät am nächsten Morgen. Die Lady saß im großen Salon, der Phoebe stark an einen Saal in einer mittelalterlichen Burg erinnerte.

Von der Mitte der Decke hing ein riesiger, eiserner Kronleuchter mit honigfarbenen Wachskerzen. Die unbearbeiteten Wände waren mit verblichenen Wandteppichen bedeckt, die Jagdszenen in dunklen Farben zeigten. Auf dem Boden aus rauen grauen Steinplatten lag kein einziger Teppich. In der Mitte der Wand zu ihrer Linken war ein gewaltiger Kamin eingelassen, davor standen passende Stühle mit abgenutzten bestickten Sitzkissen. In dem Kamin lag Feuerholz, das aber nicht angezündet worden war, sodass es in dem riesengroßen Raum trotz des hochsommerlichen Wetters empfindlich kühl war. Drei große bleiverglaste Fenster unterbrachen die Wand gegenüber des Kamins. Von dort aus hatte man einen schönen Blick über das Moor.

Die übrigen Möbel waren ein Sammelsurium verschiedener Stile: zwei italienisch aussehende vergoldete Hocker; ein viereckiger drehbarer Bücherschrank; ein riesiger vergoldeter Adler, der neben der Tür kauerte und mit seinen Flügeln eine Tischplatte aus grau-weißem Marmor stützte, und ein kleiner neoklassischer Spieltisch. Weiter hinten im Raum stand ein breites dunkelgrünes Sofa mit passenden Sesseln auf beiden Seiten; und in der hintersten Ecke eine Ritterrüstung.

Mrs. Hunter hatte sich auf dem Sofa niedergelassen und überwachte die Zubereitung des Tees. Sie beobachtete Phoebe, die Milch und Zucker in die feinen Tassen gab und den Tee einschenkte.

„Wie geht es Ihrem Vater, Phoebe? Etwas besser?“

„Ein wenig“, sagte Phoebe. Schwer fühlte sie die Lüge auf ihrem Gewissen lasten.

„Das ist wenigstens etwas.“ Die Lady lächelte und nahm die Tasse entgegen, die Phoebe ihr reichte. „Und haben Sie alle meine Aufträge erledigt, bevor Sie zum Hospital gingen?“

„Ja, Madam. Alles in Ordnung. Mrs. Montgomery wird Ihre Einladung nach Blackloch Hall senden. Die Musterbücher habe ich den Herren Hudson und Collier sowie Mrs. Murtrie zurückgebracht. Wie Sie schon vermuteten, hatte Mr. Lyle Ihre Schuhe noch nicht fertiggestellt, meint aber, dass sie gegen Ende der Woche abholbereit seien.“

„Sehr gut.“

„Ihren Puder habe ich bei Dr. Watt abgeholt“, fuhr Phoebe fort. „Und ich habe allen auf Ihrer Liste Bescheid gegeben, dass Sie in den nächsten Monaten auf Blackloch Hall zu erreichen seien. Die Briefe und Päckchen habe ich im Postamt abgegeben.“

„Ausgezeichnet“, Mrs. Hunter nickte „Und wie war die Reise hierher?“

„Danke, gut“, log Phoebe und konzentrierte sich darauf, ihren Tee umzurühren, damit sie ihre Arbeitgeberin nicht ansehen musste.

„War die Kutsche nicht zu voll?“

„Durchaus nicht. Ich hatte Glück.“ Plötzlich sah sie wieder ein Bild der Straßenräuber und des attraktiven Mannes mit den eiskalten smaragdgrünen Augen vor sich. Der Teelöffel entglitt ihren Fingern, fiel auf den Steinfußboden und unter ihren Stuhl. Phoebe stellte ihre Tasse auf den Tisch und kniete sich auf den Boden, um den Löffel aufzuheben.

„Ich hätte ja John mit der Kutsche geschickt, aber ich möchte hier auf Blackloch nicht ohne meinen eigenen Wagen …“ Mrs. Hunter brach ab, als sich die Tür öffnete und Schritte ertönten. „Sebastian, du gibst mir die Ehre.“ Zu Phoebes Erstaunen klang die Stimme der Lady schneidend scharf.

Phoebe fühlte einen Schauer über ihren Rücken laufen. Schnell holte sie den Löffel hervor.

„Mutter, vergib mir meine Abwesenheit gestern bei deiner Ankunft. Ich wurde von dringenden Angelegenheiten in Glasgow aufgehalten.“ Die Stimme des Mannes klang tief und kalt wie Brunnenwasser … und beunruhigend vertraut.

Phoebe verharrte, wo sie war und hielt mit aller Kraft den Löffel fest. Ihr Herz schlug viel zu schnell.

Es konnte nicht sein.

Völlig unmöglich.

Langsam erhob sie sich und drehte sich zu dem verruchten Mr. Hunter um. Und dort, nur wenige Schritte von ihr entfernt, stand ihr gutaussehender Retter von gestern.

Hunter blickte die junge Frau mit den rotbraunen Haaren, die er allein am Kingswell Inn stehengelassen hatte, erstaunt an. Ihre Lippen waren leicht geöffnet. Aus ihren warmen hellbraunen Augen schaute sie ihn groß an. Sie wirkte genauso schockiert, wie er sich fühlte.

Er ging auf seine Mutter zu und berührte ihre kühle Wange mit den Lippen. Sie ertrug es offenbar nur mühsam, so als sei er ein Aussätziger, und zitterte ein wenig vor Abscheu. Also hatte sich nichts geändert. Warum, zum Teufel, war sie nach Blackloch gekommen?

„Sebastian.“ Die Stimme seiner Mutter war kalt, aber höflich in Gegenwart der Fremden. „Dies ist meine Gesellschafterin, Miss Allardyce. Sie ist gestern Abend mit der letzten Postkutsche angekommen.“ Dann zu der Frau: „Miss Allardyce, mein Sohn, Mr. Hunter.“ Er konnte hören, wie schwer es ihr fiel, die Verwandtschaft mit ihm zuzugeben.

„Mr. Hunter“, sagte die Frau mit der klaren Stimme, die er jederzeit wiedererkannt hätte. Sie machte einen Knicks vor ihm, konnte aber eine leichte Besorgnis nicht verbergen.

„Miss Allardyce.“ Er neigte den Kopf ein klein wenig. Ihre Besorgnis konnte er verstehen, denn jetzt war offensichtlich, dass sie das Geld eingesteckt hatte, das seine Mutter ihr für die Fahrtkosten gegeben hatte.

Sie trug immer noch dasselbe blaue Kleid, allerdings hatte sie jedes noch so kleine Staubkörnchen abgebürstet. Die Farbe unterstrich den rötlichen Glanz ihrer Haare, die sie heute straff zurückgekämmt in einem runden Kranz im Nacken trug.

Ihr Gesicht mit der kleinen geraden Nase und den frischen dunkelrosa Lippen wirkte äußerst verführerisch auf ihn. Er dachte daran, wie weich sie sich anfühlte, als sie an ihn gedrückt vor ihm im Sattel saß, und an ihren sauberen Duft nach Rosen. Schockiert spürte er plötzliches Verlangen in sich aufsteigen, das er eigentlich für alle Zeiten besiegt glaubte. Und dabei wirkte sie so anständig und korrekt, als sie sich wieder setzte und ruhig abwartete, ob Hunter ihr Geheimnis verriet.

Diese Absicht hatte er allerdings nicht. Er sah zu, als sie den Löffel auf das Tablett legte und dann ihre Tasse in die Hand nahm.

Mit kalter Stimme wandte sich seine Mutter an ihre Gefährtin und sagte: „Ich habe meinen Sohn seit neun Monaten nicht gesehen, Miss Allardyce, und doch sucht er mich jetzt erst auf. Ich sehe ihn zum ersten Mal seit meiner Ankunft in Blackloch Hall.“

Miss Allardyce schien sich unbehaglich zu fühlen und trank einen Schluck Tee.

Die Aufmerksamkeit seiner Mutter richtete sich wieder auf ihn. „Dein Interesse an mir ist ja wirklich überwältigend. Ich kann mir genau vorstellen, welch wichtige Angelegenheiten dich von mir ferngehalten haben.“ Mit kaltem Blick schaute sie sich die kleine Schnittwunde und die Schwellung auf seiner Wange an und zog eine Braue hoch.

„Du hast dich geprügelt.“

Er leugnete es nicht.

„Worum ging es denn dieses Mal? Lass mich raten, neue Spielschulden?“

Er erstarrte, aber sein Gesicht blieb gleichgültig und kalt.

„Nein? Dann wette ich, dass es um eine Frau ging.“

Eine Pause folgte, während der er bemerkte, dass Miss Allardyces Wangen sich leicht gerötet hatten.

„Sie kennen mich nur zu gut, Madam.“

„Das tue ich wirklich. Du hast dich nicht im Mindesten verändert, trotz all deiner Versprechungen …“

Das Porzellan klapperte, als Miss Allardyce ihre Tasse wieder absetzte. „Mrs. Hunter …“ Die Frau stand auf. „Ich fürchte, Sie irren sich, Madam. Mr. Hu…“

Seine Mutter sah stirnrunzelnd zu ihrer Gesellschafterin.

„Miss Allardyce“, unterbrach Hunter sie mit ruhiger Stimme. „Dies ist nicht Ihre Angelegenheit, und ich möchte, dass es so bleibt.“ Sein Ton war frostig und enthielt eine Warnung. Wenn seine Mutter das Schlimmste von ihm denken wollte, sollte sie es tun. Er wollte nicht, dass irgendein Mädchen ihn verteidigte. Immerhin hatte er noch einen gewissen Stolz.

Miss Allardyce schaute ihn einen Moment so konzentriert aus ihren goldbraunen Augen an, dass er sich fragte, was sie wohl dachte. Dann setzte sie sich ruhig zurück auf ihren Stuhl.

„Immer der Gentleman, Sebastian“, sagte seine Mutter. „Wie Sie sehen, Miss Allardyce, lohnt es sich nicht, Ihr Mitgefühl an ihn zu verschwenden. Er steht weit über den Nettigkeiten der Society. Jetzt wissen Sie, warum ich nicht gern nach Blackloch fahre. Die Gesellschaft hier gefällt mir nicht.“

Er lehnte sich zurück in seinen Stuhl. „Da wir gerade offen reden – warum bist du dann überhaupt gekommen, Madam?“

„Ich lasse mein Stadthaus renovieren und muss für ein paar Wochen irgendwo unterkommen, Sebastian. Welchen anderen Grund sollte ich wohl haben, dich zu besuchen?“, versetzte sie spöttisch.

Er erhob sich und verabschiedete sich mit einer kleinen Verbeugung. Wenn er es vermeiden konnte, wollte er seine Mutter und die Frau, die ihn an sein früheres, zügelloses Leben erinnert hatte, nicht mehr sehen.

Nach dem schrecklichen ersten Tag suchte Hunter seine Mutter nicht mehr auf. Phoebe konnte es ihm nicht verdenken. Warum hatte er Mrs. Hunter nicht die Wahrheit über die Verletzung in seinem Gesicht gesagt? Oder ihr erzählt, dass ihre Gesellschafterin das Geld nicht für die Fahrtkosten ausgegeben hatte? Und warum war das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn überhaupt so feindselig? Doch Mrs. Hunter erwähnte ihren Sohn mit keinem Wort mehr, und so war es einfach für Phoebe, ihr Versprechen gegenüber dem Vater einzuhalten. Sie sah den Mann in den nächsten Tagen nur von Weitem. Einmal sah sie ihn in sein Studierzimmer gehen, ein anderes Mal ritt er gerade zum Moor hinaus. Sonst nichts. Phoebe hatte aber auch nicht viel Zeit zum Beobachten, denn Mrs. Hunter war nicht gut aufgelegt. Ihre Stimmung war so trostlos wie das Moor rings um das Haus.

Die Zeit verging schneller als gedacht, und bald war es Dienstag. Phoebe freute sich auf ihren Vater. Außerdem war sie auch froh, der bedrückenden Atmosphäre in Blackloch für kurze Zeit entkommen zu können.

Das Glasgow Tolbooth war ein beeindruckendes fünfstöckiges Sandsteingebäude. Darin war nicht nur das Gefängnis untergebracht, sondern auch der Gerichtshof und die Stadtverwaltung. Über dem Haupteingang, im ersten Stockwerk des Gebäudes, befand sich ein viereckiger Säulenvorbau, von wo man ohne Umweg das Gefängnis betreten konnte. Über eine Treppe kam man von der Straße aus direkt nach oben zum Eingang.

Phoebe erreichte das Tolbooth und wollte gerade auf den Stufen hinauf zum Gefängnis eilen, als ein Mann sie ansprach.

„Miss Allardyce?“

Sie blieb stehen und sah sich um.

Der Mann nahm die Stoffkappe ab und entblößte einen Kopf voller dichter blonder Haare. Seine Kleidung war weder schäbig noch besonders gut geschnitten – graue Hosen mit einem passenden Jackett. Er sah ordentlich aus, war aber offensichtlich kein Gentleman.

„Miss Phoebe Allardyce?“, wiederholte er, und sie erkannte seinen Cockney-Akzent, der nicht in die schottische Umgebung passte.

„Wer sind Sie, Sir?“ Sie sah ihn misstrauisch an. Er war ganz sicher niemand, den sie kannte.

„Ich bin der Messenger. Der Bote.“

Mit seinen eng stehenden Augen sah er irgendwie verschlagen aus. Sie wollte weitergehen, aber bei seinen nächsten Worten stoppte sie.

„Wenn Sie etwas für Ihren Vater übrighaben, hören Sie mir zu.“

Phoebe zog ihre Brauen etwas dichter zusammen, denn instinktiv hatte sie eine Abneigung gegen den Mann. „Was wollen Sie?“

„Eine Botschaft überbringen.“

„Ich höre“, sagte sie.

„Ihr Vater sitzt dort oben für den Rest seines Lebens ein. Ein alter Mann wie er. Nicht allzu gesund. Unter den Haftbedingungen des Tolbooth. Muss Ihnen zu schaffen machen.“

„Das Wohlergehen meines Vaters und meine Gefühle sind nicht Ihre Angelegenheit, Sir.“ Sie ging weiter.

„Ich kann ihn herausholen, Miss Allardyce. Oder vielleicht sollte ich besser sagen, ich könnte Ihnen die Mittel geben, es zu tun. Fünfzehnhundert Pfund, um seine Schulden zu begleichen, plus weitere fünfhundert, damit Sie beide davon angenehm leben können.“

Plötzlich schauderte sie und starrte ihn schockiert an. „Woher wissen Sie so viel über die Schulden meines Vaters?“

Der Mann grinste anzüglich und zeigte seine geraden weißen Zähne. „Oh, wir wissen alles über Sie und Ihren Pa. Zerbrechen Sie sich nicht Ihr hübsches Köpfchen darüber. Denken Sie nur an das Geld. Zwei Riesen auf die Hand, Miss Allardyce, und der alte Pop ist im Nu draußen aus Tolbooth.“

„Sie bieten mir zweitausend Pfund an?“ Ungläubig starrte sie ihn an.

Er warf ihr einen Geldbeutel zu. „Einhundert als Anzahlung.“ Sie schaute hinein. Ihr blieb fast das Herz stehen, als sie die Rolle weißer Banknoten sah. „Den Rest gibt es nach Abschluss unseres Handels.“

„Und der wäre?“

„Nur ein kleiner Gefallen.“

Misstrauisch wartete sie.

„Als Mrs. Hunters Gesellschafterin haben Sie Zutritt zu allen Räumen von Blackloch Hall. Ein bestimmtes Objekt befindet sich zurzeit im Besitz des Sohnes dieser Lady. Ein unwichtiger kleiner Gegenstand, den er aber sicher nicht einmal vermissen würde.“

„Sie wollen, dass ich Mr. Hunter bestehle?“

„Wir möchten, dass Sie einen Gegenstand zu seinem rechtmäßigen Eigentümer zurückbringen.“

Der Mann verhieß Ärger. Was er verlangte, würde sogar sehr viel Ärger bringen. Sie schüttelte den Kopf und lächelte verächtlich, als sie den Geldbeutel in seine Hände zurückwarf. „Einen guten Tag, Sir.“ Sie begann die Stufen zu erklimmen. Nach vier Stufen hörte sie wieder seine Stimme. Er hatte sich nicht von der Stelle bewegt.

„Wenn Sie es nicht für das Geld tun wollen, Miss Allardyce, dann denken Sie an Ihren Pa, der dort oben eingesperrt ist. Das Tolbooth ist ein gefährlicher Ort. Alle möglichen unangenehmen Typen hausen dort, gegen die Ihr Pa nicht die geringste Chance hat. Wer weiß, mit wem er als Nächstes die Zelle teilen wird? Denken Sie darüber nach, Miss Allardyce.“

Bei den Worten des Mannes lief es ihr eiskalt den Rücken herunter, aber sie blickte nicht zurück, sondern rannte die restlichen Stufen hinauf bis zur Gefängnistür.

„Alles in Ordnung, Miss?“, fragte der Türsteher.

„Ja, danke“, sagte sie und schlüpfte hinein in die große viereckige Eingangshalle.

Ihre Hände zitterten, als sie beiseitetrat, um andere Besucher vorbeizulassen. Ein paarmal atmete sie tief ein und aus. Sie lehnte sich mit dem Rücken an eine der Steinsäulen und versuchte sich zu beruhigen. Sicher war es nur eine leere Drohung. Innerhalb eines so streng und rigoros geführten Ortes wie des Tolbooths konnte der Kerl ihrem Vater sicher nichts antun. Der Mann war ein Gauner und ein Dieb, der sie einschüchtern wollte, damit sie für ihn einen Diebstahl beging. Phoebe wollte sich jedoch nicht erpressen lassen. Sie strich ein paar lose Haarsträhnen zurück unter die Haube und glättete ihre Röcke mit der Hand. Erst, als sie sicher war, dass ihrem Papa nichts auffallen würde, trat sie durch den Eingang zu den Gefängniszellen. Als sie hindurch war, übergab sie dem Wärter ihren Korb zur Überprüfung.

Er nahm das Tuch ab und schaute rasch über den Inhalt. „Himbeeren diese Woche?“ Im Laufe ihrer wöchentlichen Besuche hatte sie ein beinahe freundliches Verhältnis zu den meisten Wachen und Gefängniswärtern entwickelt.

„Papa mag sie besonders gern.“

„Da wird sich Sir Henry sicher freuen.“

„Ich hoffe es.“ Sie lächelte und ging hinter ihm her die enge Treppe hinauf bis zu den Zellen der Schuldner im dritten Stock, wo ihr Vater eingesperrt war.

Doch in dem Moment, als sie die Zelle betrat, verschwand das Lächeln von ihrem Gesicht, und die Himbeeren waren vergessen.

„Papa!“ Sie setzte den Korb auf dem kleinen Holztisch ab und rannte zu ihm. „Oh nein! Was ist mit dir passiert?“ Sie führte ihn zu dem schmalen Lichtstreifen, der durch das kleine Gitterfenster fiel. Dort sah sie, dass Sir Henrys Gesicht dunkel verfärbt und angeschwollen war, das blutunterlaufene Auge war kaum noch zu sehen. Die Schwellung erstreckte sich über die gesamte linke Gesichtshälfte, von der Schläfe bis zum Kinn, und auch seine Unterlippe war blutig und dick.

„Nein, Kind, kein Grund zur Aufregung. Schuld ist nur meine eigene Ungeschicklichkeit.“

Aber in ihrem Kopf tönten laut die Worte des Mannes. Das Tolbooth ist ein gefährlicher Ort. Alle möglichen unangenehmen Typen hausen dort, gegen die Ihr Pa nicht die geringste Chance hat.

„Wer hat dir das angetan?“, wollte sie wissen. „Wer?“ Sie schaute in sein armes, übel zugerichtetes Gesicht.

„Ich bin gestolpert und gefallen, Phoebe. Mehr nicht. Beruhige dich.“

„Papa …“

„Phoebe“, sagte ihr Vater, und sie erkannte diesen Ton in seiner Stimme. Er würde ihr nichts mehr sagen, denn er wollte sie nicht beunruhigen. Er dachte, dass sie sowieso nichts ausrichten konnte.

Sie blickte sich in der Zelle um. „Wo ist der andere Mann, dein Zellengenosse?“

„Entlassen“, erklärte ihr Vater. „Jemand hat seine Schulden bezahlt.“ Sir Henry nickte ruhig. „Er war ein interessanter Mann.“ Wer weiß, mit wem er als Nächstes die Zelle teilen wird?

Phoebes Magen krampfte sich zusammen.

„Du bist weiß wie ein Laken, Kind. Vielleicht war die Reise von Blackloch Hall hierher zu viel für dich.“

„Nein, bestimmt nicht.“ Mühsam lächelte sie, um ihren Vater zu beruhigen. Sie nahm seinen Arm, führte ihn an den kleinen Tisch und zeigte ihm das Schälchen mit Himbeeren.

„Oh Phoebe, das ist ja schön.“ Er suchte sich die größte und saftigste Himbeere aus und steckte sie in den Mund. „Und nun erzähle mir alles über Blackloch Moor, die Gegend … und Hunter.“

„Ich habe Mr. Hunter kaum gesehen.“ Das war keine Lüge. „Mir scheint er ein Mann von Ehre zu sein, wenn auch sehr distanziert.“ Sie dachte daran, dass Hunter sie vor den Straßenräubern gerettet hatte und darüber Stillschweigen bewahrte.

„Lass dich nicht zum Narren halten, Phoebe. Nach allem, was ich gehört habe, passen die Worte ‚Ehre‘ und ‚Sebastian Hunter‘ nicht in denselben Satz. Was denkst du wohl, warum seine eigene Mutter nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte?“

„Es war mir nicht bewusst, dass sie so ein … schlechtes Verhältnis hatten.“ Sie dachte an das Zusammentreffen zwischen Hunter und seiner Mutter. „Was mag wohl der Grund dafür sein?“

„Wer kann das schon sagen?“ Ihr Vater zuckte mit den Achseln, aber irgendetwas an seinem Verhalten ließ sie vermuten, dass er mehr darüber wusste.

„Aber du hast doch sicher irgendetwas gehört?“

„Nichts, was ich vor unschuldigen Ohren wiederholen möchte, Kind.“ Sie sah, wie viel Mühe es ihn kostete, seine Schmerzen nicht zu zeigen. Darum bedrängte sie ihn nicht weiter, sondern versuchte, ihn mit Beschreibungen von Blackloch Hall und der rauen Moorlandschaft abzulenken.

Als sie zum Abschied die unverletzte Wange ihres Vaters küsste und sich auf den Rückweg machte, schlug ihr Herz heftig. Sie hatte einen Entschluss gefasst, aber der machte sie sehr zornig.

Der Mann lehnte an der Mauer vor dem Gefängnis und wartete offenbar auf sie.

Wieder nahm er seine Kappe ab, als er auf sie zutrat. „Miss Allar…“, begann er, aber sie unterbrach ihn mit entschlossener Stimme, um ihre Gefühle nicht zu zeigen. Sie blickte ihn an. Hätte sie ein Schwert dabei, würde sie den Schuft damit durchbohren.

„Ich werde es tun, vorausgesetzt, dass Sie meinen Vater in Ruhe lassen, und ihm nichts mehr zustößt.“

Sie sah an seinem Blick, dass er sich wunderte. Offenbar hatte er nicht damit gerechnet, dass sie so schnell zustimmen würde.

„Welchen Gegenstand soll ich für Sie stehlen?“

Er beugte sich näher zu ihr und flüsterte ihr leise etwas ins Ohr.

Sie nickte.

„Man hat uns gesagt, dass Hunter es in seinem Studierzimmer aufbewahrt. In seinem Schreibtisch. Bringen Sie es mit, wenn Sie nächste Woche zu Besuch hierher kommen. Und bewahren Sie unbedingt Stillschweigen darüber, Miss Allardyce. Ein Wort zu Mrs. Hunter oder ihrem Sohn, und ihrem Pa wird es schlecht ergehen …“ Er zog seinen Finger über die Kehle, um zu verdeutlichen, was er meinte. „Verstehen Sie?“

„Ich verstehe Sie genau“, sagte sie. Jemand rempelte sie im Vorbeigehen an, und als sie sich umsah, war der Mann verschwunden.

Der Gedanke an die Verletzungen, die ihr Vater hatte erleiden müssen, machte ihr das Herz schwer, und sie war zornig auf die Männer, die ihm das angetan hatten. Doch sie wusste, dass sie stark sein musste und nicht weinen durfte … nicht hier und nicht jetzt. Sie hielt die Schultern gerade, den Kopf hoch erhoben und ging zielbewusst die kurze Strecke zum Tontine Hotel. Dort nahm sie die Postkutsche, mit der sie zum Moor fahren würde.

3. KAPITEL

Die Moorlandschaft war von goldenem Licht überflutet, Dunst stieg vom Boden auf. Es war Abend. Hinter dem Haus, über dem Firth of Clyde, würde bald die Sonne in einem roten Feuerball untergehen. Kein Geräusch war zu hören außer dem langsamen Ticken der Uhr und dem Flüstern des Windes über Gras und Heidekraut.

Hunter dachte an den letzten Tag im Leben seines Vaters. Wenn er die Augen schloss, sah er immer noch sein rotes Gesicht vor sich, verzerrt vor Wut und Abscheu. Er konnte ihren letzten Wortwechsel nicht vergessen, jedes einzelne Wort ihrer Auseinandersetzung hallte in seinem Kopf nach. Und das, was danach kam. Seitdem gab es nur noch Reue, Zorn und Schuldgefühle für ihn. Es schmerzte ihn an Körper und Seele. Aller Brandy der Welt konnte nichts daran ändern.

Hunter hielt das leere Glas in der schlaffen Hand. Er hörte auf zu denken und füllte Brandy nach, um damit seinen Schmerz zu betäuben.

Phoebe wollte es noch in derselben Nacht tun, bevor ihr Mut und Zorn nachließen. Als sie auf Blackloch eintraf, war Mrs. Hunter bereits zu Bett gegangen. Sie hatte sich früh zurückgezogen, wie es ihre Gewohnheit war.

Im grünen Gästezimmer bereitete sich Phoebe darauf vor, schlafen zu gehen. Sie zog das Nachtkleid an, wusch sich, putzte die Zähne, kämmte und flocht ihr Haar, bürstete den Staub aus ihrem Kleid und polierte die Stiefel. Dann setzte sie sich in den kleinen grünen Sessel und wartete … wartete, während die Stunden quälend langsam verstrichen. Endlich hörte sie keine Geräusche mehr im Haus.

Das Tageslicht war schon lange vergangen, alles lag in tiefer Dunkelheit. Unten in der Halle hörte sie die alte Standuhr zweimal schlagen. Erst jetzt war Phoebe wirklich davon überzeugt, dass alle auf Blackloch schliefen. Sie stahl sich aus dem Zimmer und schlich, so leise und schnell sie konnte, den Gang entlang und die große Haupttreppe hinunter.

Da es stockdunkel war, hatte sie eine brennende Kerze mitgenommen, um sich zurechtzufinden. Die kleine Flamme flackerte, an den Wänden bewegten sich gespenstische schwarze Schatten. Es war so still, dass sie ihr Herz schlagen hörte, ihr Atem erschien ihr viel zu laut.

Die große Halle hatte den gleichen Fußboden aus grauen Steinplatten wie das gesamte untere Stockwerk. Ein dunkles Gewölbe bildete die Decke, es sah aus wie in einer mittelalterlichen Kirche. Phoebe hielt die Kerze etwas höher, um sich zu vergewissern, dass sie wirklich allein war. Ein kleines verzerrtes Gesicht starrte sie von oben an. Fast hätte sie vor Schreck die Kerze fallengelassen. Sie schaute sich das Gesicht genauer an und erkannte, dass es nur ein geschnitzter Wolfskopf war. Davon gab es eine ganze Reihe im Dachstuhl. Wie ein Wolfsrudel, das auf sie lauerte. Sie blieb ganz still stehen und wartete mit angehaltenem Atem, ob jemand kam. Die Standuhr zeigte an, dass fünf Minuten vergangen waren, und immer noch war sie allein. Mit einem erleichterten Seufzer wandte sie sich dem Studierzimmer zu.

Unter der Tür war kein Licht zu sehen, kein Ton kam von drinnen. Phoebe schlich leise zu der dunklen Mahagonitür, legte die Hand auf den Knauf und drehte ihn langsam. Die Tür öffnete sich, ohne zu knarren. Sie hielt die Kerze hoch und betrat Sebastian Hunters Studierzimmer.

Hunter saß still in seinem Stuhl am Fenster des dunklen Raums und starrte hinaus auf das finstere Moor. Am schwarzen Himmel funkelte eine Unzahl Sterne, der abnehmende Mond wurde von einer kleinen Wolke halb verdeckt. Plötzlich hörte er ein Geräusch vor seiner Tür und drehte den Kopf, um zu lauschen. Obwohl er getrunken hatte, war er auf einen Schlag hellwach.

Dort draußen war jemand, das konnte er spüren. Eine Magd auf dem Weg zur Küche? Ein Diener, der nach einem Stelldichein zu Bett ging? Oder ein weiterer Einbrecher wie die anderen, die es bereits früher versucht hatten? Hunter stellte sein Brandyglas ab und zog langsam und leise die Pistole aus der rechten unteren Schublade des Schreibtisches. Dann hob er seinen Stuhl so vor das Fenster, dass man ihn von der Tür aus nicht sofort sehen konnte. Er stellte sich daneben, wartete und lauschte.

Leichte Schritte waren vor der Tür zu hören … und dann das langsame Drehen des Türknaufs. Jemand huschte sehr leise herein. Auf den Fensterscheiben sah er die Reflexion von Kerzenlicht. Die vorsichtigen Schritte näherten sich dem Schreibtisch hinter ihm. Als er hörte, dass der Leuchter abgesetzt wurde, spannte er den Hahn der Pistole und trat einen Schritt vor, um den Einbrecher zu stellen.

Sie stand mit dem Rücken zu ihm und schaute sich den Schreibtisch an.

„Miss Allardyce.“

Erschrocken fuhr sie herum, schrie leise auf und stolperte rückwärts gegen den Schreibtisch. Sie bewegte die Lippen, aber kein Ton kam heraus.

Ihr Blick fiel auf die Pistole.

Er sicherte den Abzug und ließ die Waffe sinken.

„Mr. Hunter“, flüsterte sie mit zitternder Stimme. In ihrem Gesicht, ihrer Körperhaltung und der Art, wie sie sich an den Schreibtisch klammerte, nahm er die pure Angst war. „Ich ahnte nicht, dass Sie hier sind.“

„Das ist offensichtlich.“ Er betrachtete sie. Ihr dicker, rotbrauner Zopf hing über ihre Schulter. Das Nachtgewand war zwar sittsam und einfach, versteckte ihre Figur darunter aber nicht vollständig. Unter dem Saum lugten ihre kleinen Zehen hervor. Er blickte wieder in ihre goldbraunen Augen. Irgendetwas an dieser Frau schien nach ihm zu rufen, wie schon bei ihrer ersten Begegnung auf der Straße am Moor. Mit einem Mal spürte er ein überwältigendes Verlangen nach ihr. Wäre das vor einem Jahr passiert … bevor das Geschehene ihn verändert hatte …

Sie wandte den Blick ab, dann schaute sie ihn wieder an. Und hatte sich wieder im Griff.

„Mrs. Hunter konnte nicht schlafen und hat mich losgeschickt, um ihr ein Buch zu holen.“ Sie versuchte, sich von ihm fortzubewegen, aber Hunter trat auf sie zu und verwehrte ihr so den Rückzug zur Tür.

„Ein bestimmtes Buch?“

Miss Allardyce zuckte mit den Achseln. „Das hat sie nicht gesagt.“ Sie stand immer noch mit den Oberschenkeln an den Schreibtisch gepresst, mit den Händen klammerte sie sich an der Holzkante fest.

Er beugte sich über sie, um die Pistole auf die glatt polierte Schreibtischoberfläche zu legen. Dabei streifte sein Arm ihre weichen Brüste, sein Herzschlag beschleunigte sich.

Miss Allardyce zuckte bei der Berührung ihrer Körper zusammen. Er sah Panik in ihrem Gesicht … aber auch Lust. Ziemlich sicher war er ihr nicht völlig gleichgültig.

Mittlerweile stand er so nah vor ihr, dass seine linke Stiefelspitze unter den Saum ihres Nachtkleides ragte. Der Duft nach Rosen, Sonnenlicht und süßer Frau stieg ihm schier unwiderstehlich in die Nase. Er schaute ihr ins Gesicht, sah ihre Wangen und ihre Nase, dann blickte er auf ihre Lippen. Der Drang, sie in die Arme zu nehmen und zu küssen, wurde fast überwältigend. Einen Moment lang sah er vor seinem inneren Auge, wie sie sich auf dem Schreibtisch liebten. Wie er sich zwischen ihren weißen, weichen Schenkeln unter dem Baumwollstoff ihres Nachthemds bewegte. Sein Mund auf ihren Brüsten …

Eine solch plötzliche Intensität der Gefühle zwischen ihm und einer Frau hatte er noch nie erlebt. Hunter legte eine Hand auf ihren schlanken, cremeweißen Nacken. Ihre Lippen schienen nach seinen zu rufen. Alle seine Vorsätze waren vergessen. Er näherte sich ihrem Gesicht …

… und wurde von Miss Allardyce’ Händen fest zurückgestoßen.

„Was in aller Welt tun Sie da, Mr. Hunter?“ Ihr Atem ging heftig, als hätten sie sich tatsächlich gerade geliebt.

Das genügte, um die Tollheit dieses Moments zu unterbrechen, und es wurde ihm bewusst, was er gerade hatte tun wollen.

Sie starrte ihn an. Ihre Augen schimmerten dunkel im Kerzenlicht, und ihre Wangen waren rosig angehaucht.

„Verzeihen Sie mir.“ Rasch trat er zurück. Er war schließlich kein Wüstling, verdammt, das war er nicht. Zumindest nicht mehr … „Ein Buch, sagten Sie?“

„Wenn es Ihnen recht ist.“ Ein sachlicher ungekünstelter Tonfall. Allerdings konnte er sehen, dass ihre Hand ein wenig zitterte, als sie den Kerzenständer nahm.

„Bedienen Sie sich.“ Er wies auf die Bücher, die auf Regalen an den Wänden standen, und zog sich noch weiter zum Fenster zurück, wo er sich sicherer fühlte. „Evelina war früher eines der Lieblingsbücher meiner Mutter“, erinnerte er sich und nahm es von einem Regalbrett. Er gab es ihr, aber so, dass ihre Finger sich nicht berührten.

Sie bedankte sich und ging zur Tür, wo sie kurz stehenblieb und zu ihm zurückschaute.

„Ich möchte mich noch für Ihre Hilfe auf dem Moor bedanken … und für Ihre Diskretion.“ Miss Allardyce sprach zögernd, und er merkte, wie peinlich ihr das Ganze war, aber in ihrem Blick lag auch sehr viel Stärke. Mehr, als er je bei einer Frau gesehen hatte. „Ich nehme jetzt immer die Postkutsche.“ Und bevor er etwas sagen konnte, war sie verschwunden. Hunter starrte auf die geschlossene Tür und beschloss, sich für den Rest ihres Aufenthalts von ihr fernzuhalten.

In ihrem Schlafzimmer lehnte sich Phoebe erschöpft an die Wand. Ihre Beine waren weich wie Gummi, und sie zitterte so heftig, dass die Kerzenflamme wild flackerte. Sie stellte den Leuchter auf den kleinen Tisch und versuchte, ihren galoppierenden Herzschlag zu beruhigen. Ohne Erfolg.

Ihr Herz hämmerte immer noch so stark wie in dem Studierzimmer, als sie plötzlich Hunter gegenübergestanden hatte. Er trug nichts als sein Hemd und Kniehosen. Keine Jacke, keine Weste, kein Halstuch. Das weiße Hemd stand offen, sodass seine nackte Haut darunter zu sehen war. Sie wusste, dass er feste Muskeln hatte, weil sie ihre Hand kurz darauf gelegt hatte. Bei der Erinnerung an diese Nähe stockte ihr der Atem. In ihrer Erinnerung sah sie wieder den intensiven Blick seiner grünen Augen vor sich, der jeden vernünftigen Gedanken unmöglich machte. Alles drehte sich um sie. Sie wurde von Bildern und Vorstellungen verfolgt, die ihr den Atem raubten, sie hätten abstoßen müssen. Sie war schockiert. Schockiert über die Funken, die bei seiner leichten Berührung in ihrem ganzen Körper entfacht worden waren. Beinahe hätte sie zugelassen, dass er sie küsste. So etwas hatte Phoebe noch nie erlebt. Eine Hand vor den Mund gepresst versuchte sie, ihre wilden Gefühle unter Kontrolle zu bekommen.

Warum war er eigentlich mitten in der Nacht in seinem Arbeitszimmer gewesen? Sie hatte den starken Geruch nach Brandy in seinem Atem wahrgenommen. Sein Stuhl hatte vor dem Fenster gestanden. Ein Mann, der nicht schlief. Der zu viele Gründe zum Grübeln hatte.

Sie ging zum Fenster, öffnete es und starrte hinaus in die Nacht. Der Mond leuchtete silbern, und ringsherum waren die funkelnden Sterne wie Diamanten auf dem tiefschwarzen Samt des Himmels ausgebreitet. Frische kühle Luft strömte herein, und sie atmete tief und langsam aus, um sich zu beruhigen. In nicht allzu großer Entfernung hörte sie die Wellen von Black Loch leise plätschern. Das Wasser wirkte im Dunkeln wie schwarzes Glas. Sie dachte an die Warnung ihres Vaters, aber sie konnte sich das Bild des Mannes mit den rabenschwarzen Haaren und den grünen verlockenden Augen beim besten Willen nicht aus dem Kopf schlagen.

Im hellen Morgenlicht des nächsten Tages sah Phoebe die Dinge etwas klarer. Hunter hatte sie dabei erwischt, wie sie mitten in der Nacht seinen Schreibtisch durchsuchen wollte. Jede Frau hätte mit der gleichen Verwirrung reagiert, wenn sie erlebt hätte, dass eine Pistole auf sie gerichtet wurde … von einem Mann mit Hunters schlechtem Ruf. Sie war dankbar, dass er ihre Ausrede akzeptiert hatte, denn sie hatte Wichtigeres, worüber sie nachdenken musste. Durch den nächtlichen Vorfall durfte sie sich nicht davon abschrecken lassen, für die Sicherheit ihres Vaters zu sorgen.

In den nächsten beiden Nächten versuchte es Phoebe erneut, aber jedes Mal, wenn sie sich Hunters Studierzimmer näherte, sah sie einen dünnen Lichtstreifen unter der Tür des Studierzimmers und wusste, dass er allein drinnen saß und trank, als könne er es nicht ertragen einzuschlafen. Als läge ihm eine schwere Sünde auf der Seele, die ihn ständig quälte. Sie schauderte und schob diesen Gedanken beiseite, aber sie wusste, dass ihr nur noch wenig Zeit blieb. Nur noch wenige Tage, dann war wieder Dienstag und der Besuch in Tolbooth stand bevor.

Mrs. Hunter löste das Problem, als sie Phoebe von dem für Samstag geplanten Ausflug ans Meer erzählte.

Am Morgen des Ausflugs war herrliches Wetter. Die Sonne strahlte, das glitzernde Meer erstreckte sich endlos vor ihnen. Am Horizont konnte man die Küste der Arran-Insel sehen, zur Linken lag in der Ferne der kegelförmige Felsen von Ailsa Craig. Hinter dem grasbewachsenen Abhang lag der breite goldenen Sandstrand in der bogenförmigen Bucht. Die Landschaft war wunderschön, aber nichts davon schien Hunter zu berühren.

Er und McEwan stiegen ab und banden ihre Pferde an einen Pfosten. Die Mägde und Diener liefen bei den Wagen umher, schwatzten und lachten aufgeregt. McEwan organisierte die Party. Decken wurden auf dem Strand ausgebreitet, Picknickkörbe, Limonade und Holunderlikör geholt. Hunter stand allein da und beobachtete alles. Die Menschen waren fröhlich und gut gelaunt. Die Männer zogen die Jacken aus, die Frauen legten die Tücher ab und krempelten die Ärmel hoch. Es gab so viel Herzlichkeit und Frohsinn unter seiner Dienerschaft, dass Hunter fürchtete, er könnte ihnen die gute Stimmung verderben. Er entfernte sich und trat zur Kutsche seiner Mutter, die gerade mithilfe ihres Dieners abstieg.

Sie nickte ihm widerwillig zu. „Ich bin froh, dass du wenigstens die alten Bräuche noch achtest.“

Kalt erwiderte er ihr Nicken. Er verzog keine Miene. Niemand sollte die Erinnerungen, die ihre Worte hervorriefen, erkennen können.

Seine Mutter nahm ihren Sonnenschirm von der Zofe entgegen, die nach ihr aus dem Wagen stieg, und lächelte den Dienstboten schweigend zu, nicht aber ihrem Sohn.

Hunter schaute sich nach Miss Allardyce um, aber sie war nirgends zu sehen.

„War es das richtige Buch?“, erkundigte er sich.

„Welches Buch?“ Seine Mutter schaute ihn an, als spräche er Kauderwelsch.

„Evelina“, fügte er hinzu.

„Das Buch habe ich seit Jahren nicht mehr in der Hand gehabt“, erwiderte sie und wandte ihre Aufmerksamkeit von ihm ab.

Hunter überlegte eine Weile, was diese Antwort bedeutete, bevor er seine Mutter wieder ansprach.

„Deine Gesellschafterin begleitet dich heute nicht“, stellte er in nebensächlichem Ton fest und beobachtete weiter die Angestellten, die die Körbe zum Strand trugen.

„Miss Allardyce fühlt sich nicht wohl. Ich habe ihr empfohlen lieber im Bett zu bleiben und zu ruhen.“ Auch seine Mutter blickte nur zu den Mägden und Knechten.

„Ein ungünstiger Zeitpunkt, um krank zu werden.“ Oder ein günstiger, je nach Standpunkt, dachte er grimmig.

Seine Mutter nickte. „Das stimmt … armes Mädchen.“

Als jedermann auf den Decken saß – seine Mutter auf dem Ehrenplatz, einem Stuhl auf einem kleinen Teppich –, zogen er und McEwan ihre Jacketts aus, rollten die Ärmel hoch und servierten den wartenden Dienern Teller mit kaltem Huhn, Schinken und Rindsbraten, dazu Brötchen, Käse und hartgekochte Eier. Es gab Erdbeeren und Himbeeren mit frischer Schlagsahne, außerdem die feinste Konfitüre, Biskuitkuchen, Pfefferminz-Sahnetorte und Bonbons. Alles wurde zwischen Eisblöcken gekühlt. An nichts wurde gespart. Hunter tat, was er konnte, damit das Gesinde einen schönen Tag hatte, so wie sich sein Vater und sein Großvater vor ihm an den Brauch gehalten hatten.

Es war seine Pflicht, das wusste er, und darum konnte es Hunter ertragen, obwohl das Lachen und der Sonnenschein um ihn herum alles noch schwerer machten. Er fühlte sich sehr allein. In einigem Abstand von den Übrigen beobachtete er die kleine Gesellschaft. Seine Mutter war mittendrin, nahm gut gelaunt an den Scherzen und dem Geplauder teil. Die wenigen Bediensteten, die noch in Blackloch geblieben waren, waren so vertraut mit ihr, als sei sie nie fortgewesen.

Rasch warf er einen Blick auf seine Taschenuhr, dann trat er zu seiner Mutter. Ihr fröhliches Gesicht wurde sogleich ernst, als sie ihn erblickte.

„Es gibt noch Angelegenheiten in Blackloch, um die ich mich kümmern muss. Ich lasse McEwan zu deiner Verfügung zurück.“

Zustimmend lächelte sie, wenn man es so nennen konnte, denn ihr Gesicht zeigte Verachtung und Ablehnung. Sie unternahm keinen Versuch, ihn aufzuhalten, sondern sah eher erleichtert aus, dass er ging.

McEwan trat zu ihm, als er sein Jackett überzog.

„Könntest du bitte für die Wünsche meiner Mutter zur Verfügung stehen, McEwan. Ich sehe dich später in Blackloch.“

Hunter trieb Ajax mit den Fersen an und machte sich auf den Weg nach Blackloch Hall.

Phoebe wusste nicht, wo sie in dem sonnigen Studierzimmer noch suchen sollte. Alle sechs Schubladen waren geöffnet. Sie hatte jede einzelne davon zweimal durchsucht, aber nicht gefunden, was sie suchte. Es gab Tintenflaschen, Federn und Federmesser, Briefpapier mit Wappen, Geschäftsbücher, Zeitungen und Briefe, ein Paar Pistolen und sogar eine Rolle frischer weißer Banknoten. Nur nicht das Objekt, auf das sie es abgesehen hatte. Alle Bücherregale hatte sie durchsucht, sogar sicherheitshalber jeden dicken, lederbezogenen Band hervorgezogen, aber auch dahinter fand sie nichts als eine dünne Staubschicht.

Ein schwacher Geruch nach Brandy lag in der Luft, vermischt mit dem Duft eines Herrenparfüms – dem Geruch von Hunter. Sie dachte daran, dass er hier allein die langen, dunklen Stunden der Nacht verbrachte und sich mit ...

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