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HISTORICAL SAISON BAND 31

SARAH MALLORY

Verführung der falschen Braut

Behutsam hebt Gideon Albury den Schleier seiner Braut – und starrt schockiert in die grünen Augen einer schönen aber fremden jungen Dame. Man hat ihm einen grausamen Streich gespielt! Gideon will die Ehe schnellstmöglich annullieren lassen. Das heißt natürlich, dass er seiner falschen Braut nicht näherkommen darf – was ihm unerwartet schwer fällt.

LOUISE ALLEN

Eine Lady auf Abwegen

Auf der Flucht: Um einer Zweckehe zu entkommen überredet Lady Thea ihren Jugendfreund Rhys, Lord Denham, sie mit auf seine Europareise zu nehmen. Begeistert stürzt sie sich in das gewagte Abenteuer – und betört von Rhys‘ Charme, beginnt sie, sehnsüchtige Gefühle für den aufregenden Lord zu entwickeln. Bis eine skandalöse Nacht in Paris alles verändert …

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Verführung der falschen Braut

1. KAPITEL

Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.“

Die Worte dröhnten durch den Innenraum der kleinen Kirche. Der Honourable Gideon Albury lächelte beim Anblick der verschleierten Frau an seiner Seite. Sie trug eine jungfräuliche Sittsamkeit zur Schau, wie er sie noch nie an ihr erlebt hatte.

Vielleicht glaubte sie, dass sie damit sein Verlangen entfachen würde, aber das tat sie ohnehin und hätte sich dafür nicht eigens wie eine Nonne kleiden müssen. Mit ihrer hinreißenden Figur, den goldenen Locken und den kornblumenblauen Augen war sie von seltener Schönheit. Wenn sie jenen kleinen Kniff anwandte und ihn unter halb gesenkten Lidern ansah, versprachen ihre Augen sinnliches Vergnügen. Dann wurde er stets erregt in Erwartung lustvoller Genüsse. Endlich würde ihn nichts mehr davon abhalten können, alles an ihr zu erkunden.

Allerdings hatte die entzückende Blondine neben ihm ihre Vorzüge keineswegs schamlos zur Schau gestellt. Immerhin handelte es sich um eine Dame, nämlich um die Cousine des Earl of Martlesham. Sonst hätte er auch niemals eine Ehe in Erwägung gezogen, ohne die Zustimmung seines Vaters eingeholt zu haben. Mochte Lord Rotham ihn auch für verdorben halten, so tief war er nicht gesunken, dass er außerhalb seiner Kreise heiraten würde. Jedoch war er noch nie zuvor einer jungen Dame aus gutem Hause begegnet, die solch eine Vollkommenheit ausstrahlte. Einmal hatte er einen flüchtigen Blick auf ihre Knöchel werfen dürfen. Er hatte sie an der schmalen Taille umfasst und an sich halten müssen, um nicht den Ansatz ihrer vollen Brüste mit Küssen zu bedecken. Oh Gott, allein der Gedanke daran machte es schwierig, sich auf die Trauung zu konzentrieren. Die Heiratsurkunde wurde vorgelegt. Gideon kritzelte den eigenen Namen auf das Blatt Papier und sah zu, wie seine Braut ihren Namen neben seinen schrieb. Als sie den Federkiel festhielt, zitterte sie ein wenig. Wahrscheinlich konnte sie durch den verdammten Schleier nicht gut sehen.

Ihr Trauzeuge Martlesham unterschrieb mit einer schwungvollen Bewegung und grinste.„So, das wäre geschafft.“

„Ja, stimmt.“ Gideon lächelte seine junge Frau an. „Ich denke, darauf können wir jetzt verzichten.“

Als er nach dem Schleier griff, hielt sie ihn schnell mit der behandschuhten Hand zurück.

„Noch nicht“, flüsterte sie.

Er lachte.

„Vorsicht, meine Liebe, sonst denke ich noch, dass ich eine prüde alte Jungfer geheiratet habe.“

Er hatte erwartet, ihr herrliches, kehliges Lachen zu hören, doch sie blieb still und fasste ihn lediglich sanft am Arm, während er sie zum Portal führte.

Beim Heraustreten aus dem dunklen Steingebäude blendete ihn der grelle Frühlingssonnenschein die Sicht. Er blieb stehen und wandte sich wieder seiner Braut zu.

„Nun gestatten Sie mir aber einen Kuss, Sie Hüterin von Anstand und Moral …“ Er hob den Schleier. „Großer Gott!“ Er trat zurück, blankes Entsetzen in den Augen, als er in das Gesicht einer ihm völlig Unbekannten schaute.

2. KAPITEL

Dominique blieb regungslos stehen, als sie in das Gesicht ihres schockierten Ehemanns blickte. Darin waren alle Regungen zu lesen, auf die sie sich eingestellt hatte: Entsetzen, Abscheu und Entrüstung. Sie hatte gewusst, welchen Eindruck das Ganze auf ihn machen würde, nachdem er die List erst aufgedeckt hätte. Er fuhr sich mit den Fingern durch das mahagonibraune Haar, da erklang hinter ihnen Max’ boshaftes Lachen.

„Da bist du mir schön auf den Leim gegangen, Albury!“

„Aber ich verstehe nicht, Martlesham. Deine Cousine …“

„Das ist meine Cousine.“

Max lachte erneut, und Dominique empfand Mitgefühl für den Mann, der sie soeben geheiratet hatte. Fassungslosigkeit stand ihm ins Gesicht geschrieben.

Dazu hatte er auch jedes Recht. Statt der schönen, sinnlichen Blondine, die er in den letzten beiden Monaten umworben hatte, war er jetzt mit einer zierlichen Brünetten vermählt, die er noch nie im Leben gesehen hatte.

„Ist etwas nicht in Ordnung?“ Der Pfarrer schaute von einem zum anderen, bevor er dem Earl einen beunruhigten Blick zuwarf. „Lord Martlesham?“

„Nein, nein. Es ist alles in bester Ordnung“, verkündete Max grinsend. „Dem Bräutigam hat es nur angesichts der Tragweite dieses Anlasses die Sprache verschlagen, das ist alles.“ Er wandte sich an die Hochzeitsgäste: „Hier entlang, meine Damen und Herren. Die Kutschen stehen schon bereit.“

„Einen Augenblick!“ Der Mann neben ihr verharrte an Ort und Stelle, schüttelte lediglich ihre Hand ab. „Wo ist Dominique?“

„Mein Gott, Albury, hast du es immer noch nicht begriffen? Du hast sie gerade geheiratet.“ Max versetzte ihm einen Stoß. „Na los. Sonst starrst du hier noch Löcher in die Luft. Komm, wir fahren jetzt zurück nach Martlesham Abbey.“

„Bitte.“ Dominique räusperte sich leise, um ihre Stimme wiederzufinden. „Kommen Sie mit dorthin. Dann werden wir Ihnen alles erklären.“

Stirnrunzelnd griff er nach ihrem Arm und eilte so schnell in Richtung der Kutschen, dass Dominique beinahe rennen musste, um mit ihm Schritt zu halten. Wie bei Hochzeiten üblich, hatten sich auf beiden Seiten des Wegs Leute versammelt, die sie beglückwünschten. Der Landauer, an dessen Tür das Martlesham-Wappen prangte, war mit Bändern geschmückt. Ohne große Umschweife verhalf Argyl ihr in die Kutsche, stieg nach ihr ein und schon wurde die Tür hinter ihnen zugeworfen. Durchs geöffnete Fenster rief Max:

„Na dann, Gideon. Versuche dein Verlangen bis nach dem Hochzeitsfrühstück zu zügeln. Die Fahrt von hier zur Abbey ist zu kurz, um eine Frau zu beglücken. Ich spreche da aus eigener Erfahrung.“

Peinlich berührt schloss Dominique die Augen. Als die Kutsche sich in Bewegung setzte, ließen sie das heisere Lachen hinter sich.

„Also hat Max das Ganze eingefädelt.“

Dominique schaute Gideon an. Seine Stimme war zwar ruhig, doch in seinen haselnussbraunen Augen spiegelte sich Zorn wider, so als ob er kurz davor stünde, einen Mord zu begehen. Sie schluckte.

„Ja.“

„Und alle in der Abbey waren eingeweiht, außer mir.“

„Außer Ihnen und … meiner Mutter.“

„Max sagte, dass sie zu schwach sei, um der Trauung beizuwohnen.“

Dominique ließ den Kopf sinken.

„Sie weiß nichts davon. Maman hätte diesem Plan niemals zugestimmt.“

„Also wurde die Frau, die ich für Dominique hielt, engagiert, um mir etwas vorzuspielen?“

Sie nickte.

„Eine Schauspielerin. Agnes Bennet.“

„Eine verdammt gute dazu. Sie hat mich in dem Glauben belassen, dass sie eine Dame wäre. Aber Sie …“ Er verzog die Lippen. „Sie mögen vielleicht Max’ Cousine sein, aber eine echte Dame würde sich niemals für solch … solch einen Unfug hergeben.“

Aus seinem Blick sprach Verachtung. Unmöglich, ihm jetzt zu erklären, warum sie sich auf Max’ ungeheuerlichen Plan eingelassen hatte, denn sie fuhren bereits vor Martlesham Abtei vor. Stumm wartete sie, bis die Kutsche zum Stehen kam und der Diener in Livree ihnen die Tür aufmachte. Ihr Begleiter stürmte zuerst hinaus und bot ihr – übertrieben höflich – die Hand.

„Also gut, Madam. Sollen wir uns zum Hochzeitsfrühstück begeben?“

Niedergeschlagen begleitete Dominique ihn ins Haus.

„Wollt ihr mir jetzt endlich erklären, was zum Teufel hier gespielt wird?“

Gideon blickte im Speisesaal von einem Anwesenden zum anderen. Die Diener hatte man hinausgeschickt. Jetzt waren nur noch die zwanzig Geladenen versammelt, die in den letzten zwei Monaten an Max’ House Party teilgenommen hatten – abgesehen von der blonden Schönheit natürlich. Die Frau, die er für Martleshams Cousine gehalten hatte. Man hatte sie mit dieser kleinen, unscheinbaren Brünetten ersetzt, die jetzt seine Frau war.

Alle standen schweigend da. Niemand achtete auf den festlich gedeckten Tisch mit dem glänzenden Silberbesteck und dem funkelnden Kristall. Alles stand für das Hochzeitsfrühstück bereit. Gideon schaute sich in der Menge um, aber niemand wollte seinen Blick erwidern.

„Es sollte nur ein kleiner Scherz sein, mein Guter“, sagte Max, der sich an der Anrichte ein Glas Brandy aus der Karaffe einschenkte.

„Ich kann nichts Lustiges daran finden“, erwiderte Gideon. Immer noch lächelnd wandte sich Max ihm zu.

„Nein? Seltsam. Ich dachte, das würdest du, wenn man bedenkt, was letztes Jahr in Covent Garden passiert ist.“

„Ah …“ Gideon nickte langsam. „Darum geht es hier also. Du willst es mir heimzahlen, dass ich dir die schöne Diana vor der Nase weggeschnappt habe.“

Jetzt erinnerte er sich wieder. Er war einer von Dutzenden betrunkenen Kerlen gewesen, die sich nach der Aufführung in den Garderoben der Darstellerinnen herumgetrieben hatten. Max hat eine hübsche kleine Operntänzerin umschwärmt, erinnerte sich Gideon, aber sie hatte ihn mehrmals bedeutungsvoll angelächelt und ihm aus ihren mit Kohlstift umrandeten Augen vielversprechende Blicke zugeworfen. Da hatte er gewusst, dass sie sich in die Hände des höchstbietenden Verehrers begeben würde.

„Verdammt, Albury. Ich war seit Wochen hinter diesem Prachtstück hinterher gewesen. Gerade als ich dachte, dass ich sie um den Finger gewickelt hätte, kommst du und wirfst mit deinem Geld um dich.“

Gideon spürte Wut in sich aufsteigen. Es war ein himmelweiter Unterschied, um die Gunst eines leichten Mädchens zu konkurrieren oder den anderen bei der Eheschließung hinters Licht zu führen.

„Und weil ich dich damals übertrumpft habe, hast du dir diese Maskerade ausgedacht?“

„Ja, und ich halte sie für ziemlich gelungen.“ Max stürzte den Brandy hinunter. „Ich habe Agnes Bennett angeheuert, damit sie meine Cousine spielt, und du lagst ihr von Anfang an zu Füßen. Ich musste also nichts weiter tun, als dich davon zu überzeugen, ihr einen Antrag zu machen. Natürlich hat es geholfen, dass dir immer noch die Moralpredigt deines Vaters von letzter Weihnacht zu schaffen machte. Du hast doch nur auf eine passende Gelegenheit gewartet, es ihm heimzuzahlen.“

Das konnte Gideon nicht abstreiten. Er konnte sich nur zu gut an jene letzte unangenehme Begegnung mit seinem Vater erinnern. Sie hatten sich heftig gestritten. In Wahrheit hatte er schon damals keine Lust mehr auf Max’ ständige Spielchen gehabt, aber es hatte ihn auch geärgert, dass sein Vater sich über seine Freunde ausgelassen hatte. Er hatte die Beherrschung verloren und verkündet, dass er von jetzt an nur noch das tun würde, wonach ihm der Sinn stehe. Er erinnerte sich, wie er aus dem Haus gestürmt war und dabei gerufen hatte: „Ich werde mich anfreunden, mit wem ich will. Ich werde tun und lassen, was ich will. Und ich werde heiraten, wen ich will.“

Wie unklug es gewesen war, den ganzen Vorfall Martlesham zu erzählen.

Max fuhr fort: „Du wusstest, dass sich dein Vater über eine Hochzeit mit einer meiner Cousinen ärgern würde. Es hat natürlich nicht geschadet, dass sie solch eine Schönheit war.“

„Konntest es gar nicht abwarten, sie ins Bett zu bekommen, was?“, rief einer von Max’ Kumpanen, ein eitler Geck mit vorstehenden Zähnen namens Williams.

Oh Gott, warum war ihm noch nie aufgefallen, was für ein abstoßendes Grinsen dieser Mann hatte? Max schenkte Brandy in ein weiteres Glas ein und reichte es Gideon.

„Hinzu kam natürlich noch, dass du meintest, du würdest niemals eine Französin heiraten.“

„Ja und?“ Gideon nahm eine angespannte Haltung an.

Max’ Grinsen wurde noch breiter.

„Der Zufall will es, dass es sich bei meiner lieben Cousine um eine waschechte Französin handelt. Nicht wahr, ma petite?“

Die junge Frau, die er soeben geehelicht hatte, antwortete nicht, nickte jedoch leicht mit dem Kopf. Gideon kniff die Augen zusammen.

„Reynolds ist ein englischer Name. Du hast mir gesagt, dass ihr Vorname Familientradition sei.“

„Da habe ich dich zugegebenermaßen hinters Licht geführt, mein Guter. Der Name ist tatsächlich Familientradition, aber er stammt von ihren französischen Vorfahren – nicht von meinen.“ Max’ gehässiges Grinsen wurde noch breiter. „Mein lieber Gideon, du hättest dir die Heiratsurkunde genauer ansehen sollen, bevor du unterschrieben hast. Dann hättest du gesehen, dass der Name ihres Vaters nicht Reynolds, sondern Rainault lautete. Jerome Rainault, ein Weinhändler aus Montpellier. Ein waschechter Franzmann, Albury.“

„Wie bitte?“

Vor Überraschung gab Gideon seine beherrschte Haltung auf. Max’ blassblaue Augen funkelten vor Schadenfreude.

„Du hast schon richtig gehört. Du hast alle Franzmänner zu deinen Feinden erklärt, nicht wahr? Da erschien es mir nur wie ausgleichende Gerechtigkeit, dich mit einer Französin zu verheiraten.“

Bruchstückhaft kam die Erinnerung an die letzte hitzige Diskussion mit seinem Vater zurück.

„Martlesham ist keine gute Gesellschaft“, hatte der gesagt. „Du solltest deine Freunde mit mehr Bedacht wählen.“

Er hatte sich über die Aussage seines Vaters geärgert, doch ihr wahrer Kern traf ihn jetzt umso mehr.

Williams lachte lauthals. „Fürwahr, ein guter Witz. Du wurdest nach Strich und Faden hereingelegt, Albury. Du hast dich Hals über Kopf in Max’ Schauspielerin verliebt, nicht wahr? Heute Morgen hat er die beiden ausgetauscht. Sogar Schuhe mit Absätzen hat er herangeschafft, damit du nicht merkst, dass deine neue Braut kleiner ist als die reizende Agnes.“

Williams wollte seinen Spazierstock unter die Röcke der Braut schieben, doch die wich errötend vor ihm zurück. Die anderen lachten höhnisch, während Gideon innerlich fluchte. Was hatte er dem kindischen Humor dieser Leute jemals abgewinnen können?

Außer sich vor Wut sagte er: „Das geht über einen Scherz hinaus, Martlesham. Diesmal hast du mit dem Schicksal anderer Menschen gespielt.“

Max zuckte mit den Schultern.

„Wir fanden es alle zum Schreien komisch, alter Knabe.“ Er hielt das Glas hoch. „Komm, gib zu, dass wir dich nach allen Regeln der Kunst hereingelegt haben. Dann können wir das Hochzeitsfrühstück genießen, bevor ich den Pfarrer und den Anwalt aus dem Dorf holen lasse, damit sie die Ehe für ungültig erklären. Es gibt schließlich jede Menge Zeugen, die belegen können, dass du getäuscht wurdest.“

Gideon hob das Glas Brandy in seiner Hand und nippte daran. Alle um ihn herum grinsten, alle außer der Braut. Aus ihren Wangen war jetzt jede Farbe gewichen und sie stand bleich und still neben ihm. Dieses schmale dunkelhaarige Mädchen bildete einen absoluten Gegensatz zu der kurvenreichen blonden Frau, die er hatte heiraten wollen. Langsam wurde ihm das ganze Ausmaß der eigenen Narrheit bewusst. Er hatte nicht das Einverständnis seines Vaters zu der Hochzeit eingeholt – als kleine Rache dafür, dass sein Vater ihn bei ihrem letzten Treffen so zurechtgewiesen hatte. Noch nicht einmal Rogers, seinen Anwalt, hatte er verständigt, da der sicherlich darauf bestanden hätte, einen Ehevertrag aufzusetzen. Weil er besessen von der Idee gewesen war, seine Angebetete so schnell wie möglich zu heiraten, hatte er es widerspruchslos hingenommen, als Max ihm versicherte, dass sie sich später mit den üblichen Formalitäten befassen würden. Jetzt kannte er den wahren Grund, und es lief ihm kalt den Rücken hinunter.

Langsam sagte er: „Ich soll zugeben, dass man mich hereingelegt hat und mich vor aller Welt lächerlich machen? Nein, das werde ich nicht.“

Eine gewisse Genugtuung erfasste ihn, als er sah, wie ihnen das Lachen im Halse stecken blieb. Max runzelte die Stirn. Die Braut blickte zu ihm auf. Gideon zwang sich zu einem Lächeln.

„Nein“, sagte er gedehnt. „Irgendwann müsste ich ohnehin heiraten. Deine Cousine ist genauso gut wie jede andere auch, Martlesham. Diese Ehe wird nicht aufgelöst.“

„Nein!“

Atemlos stieß Dominique das Wort hervor. So war das nicht geplant! Flehend schaute sie ihren Cousin an, doch dessen Gesicht glich einer Maske.

„Kommen Sie.“ Gideon streckte die Hand nach ihr aus. „Nehmen wir Platz und genießen wir unser erstes gemeinsames Essen als Mann und Frau.“

Sein Ton gestattete keine Widerrede. Widerwillig begleitete sie den Fremden, der jetzt ihr Ehemann war, zu der Tafel. Allerdings war er ihr gar nicht fremd. In den letzten zwei Monaten hatte sie ihn heimlich beobachtet, wie er lachte, tanzte und die Frau umwarb, die vorgab, sie zu sein. Wie sehr sie sich wünschte, mehr wie die schöne Agnes mit ihrem sinnlichen Lachen und ihrem bezaubernden Lächeln zu sein. Als sie mitbekam, wie sich Gideon in die Schauspielerin verliebte, hätte sie ihr dunkles Haar und ihre grünen Augen am liebsten gegen deren blonde Locken und kornblumenblauen Augen eingetauscht. Dann hätte sie vielleicht einen bewundernden Blick von Gideon auf sich ziehen können. Max hatte nichts dagegen einzuwenden gehabt, dass sie sich als Dienstmädchen verkleidet hatte, um das Liebeswerben zu beobachten. Im Gegenteil, es hatte ihm gefallen, dass die Angelegenheit durch ihre Maskerade noch delikater wurde. Nach und nach hatte sie sich immer mehr von Gideon Albury angezogen gefühlt. Er war anders als die anderen, überlegter, und ihm fehlte jener niederträchtige Humor, den sie bei Max’ Freunden verabscheute. Zuerst hatte sie den Ausdruck seines schmalen Gesichts für ein bisschen ernst gehalten, aber dann hatte sie entdeckt, wie warm seine Augen strahlten, wenn er lächelte. Mit der Zeit hatte sie gelernt, auf seine Stimme zu horchen, die so dunkel und volltönend war.

Sie hatte sich verliebt.

Wenn jemand ihr gesagt hätte, dass sie ihr Herz an einen Mann verlieren würde, der noch nicht einmal von ihrer Existenz wusste, hätte sie es für unmöglich gehalten. Doch im Laufe der Wochen, in denen sie ihn beobachtet und belauscht hatte, war sie zu der Überzeugung gelangt, dass es mit diesem gut aussehenden jungen Mann mehr auf sich hatte, als es auf den ersten Blick schien. Er tat zwar so, als wäre ihm alles gleichgültig, aber sie hatte den grüblerischen Ausdruck in seinem Gesicht gesehen, wenn er sich unbeobachtet fühlte. Manchmal sprach eine flüchtige Traurigkeit aus seinem Blick. Max’ andere Gäste hatten ihr in der Verkleidung als Dienstmädchen oft anzügliche Blicke zugeworfen oder versucht, sie anzufassen, aber Gideon hatte sie nicht angestarrt. Falls er sie überhaupt beachtete, dann behandelte er sie mit einer gedankenlosen Freundlichkeit. Er bedankte sich kurz, wenn sie ihm ein Getränk servierte, oder er tadelte leise seine Freunde, wenn sie ihr gegenüber aufdringlich wurden.

Er war ein wahrer Gentleman, auch wenn er heute nur in verärgertem Ton mit ihr sprach und sie aus seinen haselnussbraunen Augen eisig ansah. Er verachtete sie, aber wenn sie daran dachte, welche Rolle sie in dieser Farce eingenommen hatte, konnte sie es ihm nicht verübeln. Wie würde sie sich fühlen würde, wenn jemand sie so sehr hinters Licht führen würde? Also warum sollte sie enttäuscht darüber sein, dass die pure Geringschätzung aus dem Blick des Bräutigams sprach? Ihr wurde schwer ums Herz, doch es würde nichts nützen, sich diesem Gefühl hinzugeben. Sie hatte eine Abmachung mit Max, und wenn er sich daran hielt, dann wäre diese ganze Maskerade der Mühe wert gewesen.

Dominique brachte während des Hochzeitfrühstücks kaum einen Bissen herunter. Äußerlich betrachtet, schien Gideon sich im Griff zu haben. Er lächelte, scherzte mit seinen Kumpanen und verhielt sich wie der perfekte Bräutigam. Doch als er einen Toast ausbrachte und sich zu ihr drehte, um ihr zuzuprosten, waren seine Augen hart wie Stahl. Ein Schauer der Angst lief ihr über den Rücken.

Endlich war das Essen vorbei, doch ihr Unbehagen blieb. Die Gäste standen auf und kamen in kleinen Gruppen zusammen. Gideon ließ sein Glas klirren und brachte die Versammlung zum Schweigen.

„Carstairs, ich möchte mich in aller Form bei dir bedanken, dass du uns Elmwood Lodge zur Verfügung stellst.“ Er stellte sich hinter ihren Stuhl und legte die Hände auf die Lehne. „Kommen Sie, meine Liebe, es ist an der Zeit, dass Sie sich umziehen, damit wir uns auf den Weg machen können.“

Dominique warf Max einen erschrockenen Blick zu, doch er zuckte lediglich mit den Schultern. Stumm stand sie auf, aber als sie an ihrem Cousin vorbeiging, hielt sie inne. Jetzt würde er doch bestimmt einschreiten. Leise sagte sie: „Das Spiel ist vorbei, Mylord. Ich habe meine Rolle gespielt. Bitte setzen Sie dem Ganzen jetzt ein Ende.“

Zu ihrer Bestürzung ergriff Max lediglich ihre Hand und führte sie sich an die Lippen.

„Erweise mir die Ehre und lass mich dir als Erster gratulieren.“

Fest umklammerte sie seine Hand. Angesichts seines höhnischen Grinsens fühlte sie sowohl Wut als auch Angst in sich aufsteigen.

„Und meine Mutter? Du hast es versprochen.“

Er zog die Augenbrauen noch höher.

„Ich habe dir mein Wort gegeben, oder etwa nicht?“ Er lehnte sich näher und murmelte: „Jetzt geh schon, meine Liebe. Lass deinen Mann nicht länger warten.“

Sie öffnete die Lippen und wollte gerade etwas erwidern, aber da Gideon sich ihnen näherte, verließ sie schnell den Saal.

Vor Wut schäumend, ging Dominique in ihr Schlafzimmer. Sie ärgerte sich nicht nur über Max. Sie hatte sich auf die Scharade eingelassen und konnte sich jetzt, da die Dinge anders als erwartet verlaufen waren, schlecht beschweren. Das Ganze war ihr so einfach vorgekommen, als ihr Cousin es ihr erklärt hatte: Man würde sich einen Spaß erlauben, und sobald der Getäuschte dahintergekommen wäre, würde man die Anwälte rufen lassen, um die vorgetäuschte Ehe aufzulösen. Alles würde sich zum Guten wenden. Nur dass Gideon nicht nach den gleichen Regeln spielte wie Max. Er wollte die Maskerade aufrechterhalten, um sein Gesicht zu wahren, um es ihrem Cousin heimzuzahlen und wahrscheinlich um sie dafür zu bestrafen, dass sie so unverfroren gewesen war, ihn hinters Licht zu führen. Als sie in den Spiegel schaute, verließ sie der Mut. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass er tatsächlich dauerhaft mit ihr verheiratete bleiben wollte, aber jetzt blieb ihr keine andere Wahl: Sie musste sich darauf vorbereiten, mit ihm wegzufahren.

Das einzige Kleid, das sie bei sich hatte, war das olivgrüne Promenadenkleid, das sie am Leib trug. Es war nicht neu, aber die Farbe stand ihr gut und durch den eleganten Schnitt und die goldenen Posamentenverschlüsse war es für die Cousine eines Earls angemessen. Der bestickte Spitzenschleier würde den tiefen Ausschnitt bedecken. Sie straffte die Schultern, als sie das Zimmer verließ. Wenn Gideon Albury diese Maskerade fortführen wollte, dann würde er sich mit diesem Kleid abfinden müssen.

Zu ihrer Bestürzung waren alle in der Eingangshalle versammelt und warteten auf sie. Anscheinend wollte jedermann so tun, als ob es sich um eine völlig normale Abschiedszeremonie handelte. Max rannte ein paar Treppenstufen hoch, um ihr feierlich den Arm zu reichen, so als wollte er sie noch einmal vor den Altar führen.

„Ich habe die Zimmermädchen beauftragt, dir eine Truhe zu packen“, flüsterte er. „Ich kann dich doch nicht ohne Hab und Gut gehen lassen.“

Er führte sie zu Gideon, der sie in seiner aufrechten, unerschütterlichen Haltung erwartete. Dominique warf einen flüchtigen Blick in sein Gesicht. Es hätte aus Stein gemeißelt sein können, so kalt und ausdruckslos sah er aus. Einen Schauder unterdrückend, senkte sie den Blick auf seine reich bestickte Weste. Vielleicht hatte er sie eigens für die Hochzeit anfertigen lassen, um seiner Braut zu imponieren. Umso mehr schämte sie sich dafür, dass sie sich auf Max’ niederträchtigen Plan eingelassen hatte.

Unter großem Jubel wurden sie zu der bereitstehenden Reisekutsche begleitet, auf deren Dach die von Max erwähnte Truhe geschnallt war. Nachdem sie eingestiegen waren und die Kutsche sich in Bewegung gesetzt hatte, spürte Dominique, wie Gideon sie leicht an der Schulter berührte.

„Nun, Madam. Möchten Sie Ihren Gästen zum Abschied nicht zulächeln?“

Sie schüttelte seine Hand ab.

„Wie weit wollen Sie diesen Scherz noch treiben, Sir?“

„Scherz?“ Seine Stimme war eisig. „Ich weiß nicht, was Sie meinen, Madam. Es war Martlesham, der sich einen Scherz erlaubt hat.“

„Und Sie haben es ihm heimgezahlt. Er ist aus allen Wolken gefallen, als sie ihm mitteilten, dass diese Ehe nicht aufgelöst werde.“

„Ja, seine Reaktion war herrlich amüsant.“

„Sie hatten Ihren Spaß, Sir“, sagte sie kühl. „Bitte hören Sie jetzt mit diesem Spielchen auf.“

„Oh, das ist kein Spielchen, Madam. Ich meine das todernst.“

Sie sah zu ihm auf. Als sie seinem unversöhnlichen Blick begegnete, hatte sie das Gefühl, als würde sich eine eiskalte Hand um ihr Herz legen.

„Aber … aber sie hatten nie vor, mich zu heiraten. Sie wollen mich doch nicht ernsthaft als Ihre Ehefrau haben.“

„Warum nicht? Wie ich bereits schon zu Max sagte: Eines Tages hätte ich ohnehin heiraten müssen. Sie sind genauso gut wie jede andere Frau.“ Er schaute sie von oben bis unten an, als wolle er sie mit bloßen Blicken ausziehen. Sie wurde rot vor Scham und spürte, wie sich glühende Hitze in ihrem ganzen Körper ausbreitete. Zum ersten Mal erkannte sie, dass sie sich auf Gedeih und Verderb in die Hände dieses Mannes begeben hatte.

All ihre Empörung zusammennehmend, antwortete sie: „Das ist ungeheuerlich!“

„Ungeheuerlich hin oder her, Madam. Sie hätten alle Möglichkeiten in Betracht ziehen sollen, bevor Sie diesem Plan zugestimmt haben. Sie haben mich geheiratet – in guten wie in schlechten Tagen. Es gibt keinen Weg zurück.“

Verunsichert durch den Ausdruck blanken Entsetzens in dem Gesicht seiner Begleiterin, schloss Gideon die Augen und gab vor zu schlafen. Er war immer noch außer sich, dass man ihn vor dem Traualtar getäuscht hatte, spürte jedoch auch etwas Mitgefühl für seine Braut. Wie er Max kannte, hatte er dieses junge Ding unter Druck gesetzt, damit es sich seinem Willen beugte. Allerdings hätte die Frau sich in der Kirche zu erkennen geben können, wenn sie tatsächlich etwas gegen diesen Plan gehabt hätte. Nein, so leicht würde er sie nicht davonkommen lassen.

Er fragte sich, was sie wohl in Elmwood Lodge erwarten mochte. Carstairs hätte sich beinahe am Wein verschluckt, als er sich bei ihm dafür bedankt hatte, dass er ihm sein Landhaus angeboten hatte. Da offensichtlich niemand damit gerechnet hatte, dass die Ehe über die Hochzeitszeremonie hinaus andauern würde, waren keine Vorbereitungen getroffen worden. Während alle darauf gewartet hatten, dass die Braut sich umzog, war ein Reiter nach Elmwood geschickt worden, um die Dienerschaft zu unterrichten, dass ein Brautpaar auf dem Weg dorthin war.

Wann genau er dieser Farce nach ihrer Ankunft ein Ende setzen würde, hatte er noch nicht beschlossen.

Als die Kutsche kurze Zeit später die Tore von Elmwood Lodge passierte, war es sofort offenkundig, dass man die Nachricht ihres Erscheinens mit Begeisterung aufgenommen hatte. Die offenen Tore waren mit Bändern geschmückt, und nachdem sie vor dem Haus angehalten hatten, trat ein älteres Paar aus der Tür heraus. Der Mann knöpfte eilig seine Livree zu. Gideon erkannte Chiswick, den Butler. Die Frau neben ihm mit der schneeweißen Schürze und der plissierten Haube war seine Frau und fungierte als Haushälterin der Lodge.

Chiswick eilte die Stufen hinunter, um den Wagenschlag zu öffnen.

„Oh Gott“, murmelte Gideon. „Jetzt wird es ernst.“

„Willkommen, Sir, Madam. Wir freuen uns, Sie in Elmwood Lodge begrüßen zu dürfen.“ Mrs Chiswick drängte ihren Mann fast zur Seite, als sie aufgeregt lächelnd knickste. „Kommen Sie herein. Im Salon stehen Kuchen und Wein bereit, und es brennt ein Feuer für Sie. Wenn wir früher Bescheid bekommen hätten, wären auch die anderen Zimmer für Sie hergerichtet, doch das dauert noch eine Weile. Aber ich habe nach Alice aus dem Dorf schicken lassen, damit sie mir hilft.“

Gideon sprang aus der Kutsche und drehte sich um, um seiner Braut hinauszuhelfen. Sie folgte ihm still und sah blass und benommen aus. Er legte ihre Linke auf seinen Arm und folgte der Haushälterin, die immer noch wie ein Wasserfall redete, ins Haus. Die große, holzverkleidete Eingangshalle hatte man eilig mit Zweigen von immergrünen Pflanzen und Frühlingsblumen geschmückt. Gideon wurde mulmig zumute, denn Chiswick und seine Frau freuten sich offensichtlich sehr darüber, ein frisch vermähltes Paar zu umsorgen. Er spürte, wie Dominiques Finger auf seinem Arm zitterten, und legte gedankenverloren seine Hand auf ihre, um sie ermutigend zu drücken.

Noch mehr Frühlingsblumen zierten den Salon, wo ein Feuer im Kamin brannte und Erfrischungen auf dem Tisch bereitstanden. Gideon wartete, bis ihre redselige Gastgeberin kurz Luft holte, um bestimmt zu sagen: „Vielen Dank, Mrs Chiswick. Wir werden uns selbst einschenken.“

„Sehr gut, Sir. Und …“ Sie drehte sich um und sah aus dem Fenster. „Dürfen wir Ihre Dienerschaft noch erwarten?“

„Nein, wir sind allein gereist.“

„Ah, natürlich.“

Gideon spürte, wie ihm Hitze in die Wangen schoss, als er ihr verständnisvolles Lächeln bemerkte. Er wagte es nicht, seine Begleiterin anzuschauen, um zu sehen, wie sie auf die Bemerkung reagiert hatte, doch sobald sie allein waren, sagte er: „Ich bitte Sie um Verzeihung. Als Max mir erzählte, dass Ihre Zofe in Martlesham Abbey bleiben würde, um sich um Ihre Mutter zu kümmern, hielt ich es für das Beste, meinen Kammerdiener ebenfalls zurückzulassen. Jetzt erkenne ich, dass ich damit Anlass für die wildesten Spekulationen gegeben habe.“

„Angesichts der Umstände sind es wohl keine abwegigen Spekulationen.“

Dank ihrer gefassten Antwort hatte er nun eine Sorge weniger: Sie würde nicht hysterisch werden. Andererseits hätte ihn das nicht überrascht. Sicherlich fühlte sie sich alles andere als gut damit, sich überhaupt auf diesen Unsinn eingelassen zu haben.

Kühl erwiderte er: „An diesen Umständen, wie Sie es nennen, tragen Sie eine erhebliche Mitschuld.“

„Dessen bin ich mir durchaus bewusst.“

Sie nahm ihren Hut ab, zog sich die Handschuhe aus und öffnete ihren Mantel. Als er ihr die Hände auf die Schultern legte, um ihr die Pelisse abzunehmen, versteifte sie sich, schüttelte ihn jedoch nicht ab. Er stand so dicht hinter ihr, dass er ihr Parfüm riechen konnte: ein sanfter Duft nach Maiglöckchen. Am liebsten hätte er den Kopf noch weiter hinabgesenkt und ihr vielleicht sogar einen Kuss auf den schlanken weißen Nacken gedrückt, den er jetzt sehen konnte.

Irritiert über die eigene Reaktion, zog er sich zurück. Diese Frau bedeutete ihm nichts – wie konnte er überhaupt auf den Gedanken kommen, zärtlich zu ihr zu sein? Aber die Vorstellung blieb in seinem Kopf und verstörte ihn.

Gideon warf den Mantel zusammen mit seinem Paletot über einen Stuhl und legte seinen Hut und seine Handschuhe auf einen kleinen Beistelltisch. Jetzt, da seine Wut nicht mehr so heftig war, wurde er sich ihrer misslichen Lage vollends bewusst. Vielleicht war es noch nicht zu spät, um sie daraus zu befreien. Mit großen Schritten stürmte er aus dem Salon. Als er auf dem Weg durch die Halle den Butler entdeckte, rief er: „Ist die Kutsche schon abgefahren? Schnell, Chiswick!“

„J…ja, Sir. Kaum hatten wir Ihr Gepäck entgegengenommen, war sie bereits fort. Der Kutscher wollte vor Einbruch der Dunkelheit wieder zu Hause sein. Es soll ja eine mondlose Nacht werden.“

Gideon riss die Haustür auf und starrte die leere Einfahrt hinunter.

„Aber das war erst vor wenigen Minuten. Wir müssen sie zurückholen. Sie haben doch bestimmt ein Pferd in den Ställen, das wir hinterherschicken können.“

Erstaunt schüttelte der Butler den Kopf.

„Das tut mir leid, Sir. Wir haben nur Bessie, den Haflinger, aber der zieht den Karren und wurde noch nie gesattelt. Vermutlich könnte der alte Adam ihn vor das Gig spannen …“

Gideon starrte in die Abenddämmerung hinaus und erkannte, dass es unmöglich war, die Kutsche jetzt noch einzuholen.

„Wie weit ist es bis in die nächste Stadt oder bis zum nächsten Gasthof?“

Der Butler sah ihn verblüfft an, und Gideon dachte, wie seltsam es wirken musste, dass der Bräutigam anscheinend vor seiner Hochzeitsnacht durchbrennen wollte. Dem Mann die Wahrheit mitzuteilen, wäre jedoch noch unangenehmer gewesen. Deshalb blieb er lieber stumm, während der Butler über seine Frage nachdachte.

„Es gibt keinen Gasthof, Sir, zumindest keinen, der Ihren Ansprüchen nur im Geringsten entsprechen würde. Bis nach Swaffham ist es zu weit, um dort noch vor Einbruch der Dunkelheit anzukommen.“

„Ja, natürlich.“ Kopfschüttelnd trat Gideon zurück und begab sich wieder in Richtung Salon. Er konnte sich kaum beschweren. Schließlich hatte er die Kutsche, die sie hierhergebracht hatte, selbst gemietet, und seine Anweisungen waren unmissverständlich gewesen: Man würde sie erst in zwei Wochen wieder benötigen. Er war davon ausgegangen, dass er die Flitterwochen mit seiner betörenden jungen Braut in vollen Zügen genießen würde. Jetzt fand er sich mitten im Nirgendwo wieder, und zwar mit einer Frau, der er bis zum heutigen Tage noch nie begegnet war. Eine ehrbare junge Frau noch dazu, auch wenn sie eine wichtige Rolle in dieser Scharade gespielt hatte. Zur Hölle mit Max und seinen Spielchen!

3. KAPITEL

Zurück im Salon, fand Gideon die besagte Dame das Zimmer auf und ab wandernd vor. So besonnen, wie es ihm möglich war, sagte er: „Es sieht so aus, als ob wir hier festsitzen, zumindest bis morgen früh.“

„War das nicht Ihre Absicht?“

Als sie ihn wutentbrannt ansah, runzelte er die Stirn.

„Nein, ich habe nichts geplant. Dazu war ich viel zu verärgert.“

„Und jetzt?“

„Jetzt habe ich erkannt, dass es besser gewesen wäre, wenn wir in Martlesham Abbey geblieben wären.“ Er hielt inne. „Wir stecken in einem ganz schönen Schlamassel.“

Sie seufzte. „Ich weiß.“

Er blickte auf den gedeckten Tisch.

„Sollen wir uns setzen?“ Als er einen Stuhl für sie hervorzog, durchfuhr ihn der Gedanke, dass sie wie zwei Katzen misstrauisch umeinander herumschlichen. Nachdem sie Platz genommen hatten, füllte er die beiden Gläser und schob eines in ihre Richtung. „Warum haben Sie Max’ absonderlichem Plan zugestimmt? Sie erwecken nicht den Eindruck, als würden Sie Ihre Zeit mit solchen Spielchen verbringen.“

„Das tue ich auch nicht.“ Sie legte ein Kuchenstück auf ihren Teller und zerteilte es in kleine Stücke.

„Hat er Ihnen Geld geboten?“

„So etwas Ähnliches.“

„Aber Sie sind seine Cousine.“

„Eine verarmte Cousine. Meine Mutter kam vor zehn Jahren mit mir nach England und wurde von ihrem Bruder, Max’ Vater, aufgenommen. Als Max das Anwesen und den Titel erbte, trug er auch die Verantwortung für uns. Seitdem haben wir von seiner Mildtätigkeit gelebt. Vor ein paar Monaten hat Max uns in einem Cottage in Martlesham Village untergebracht.“ Sie spielte mit den Krümeln auf ihrem Teller. „Er hat versprochen … Wenn ich mich auf seinen Plan einließe, würde er das Haus meiner Mutter überschreiben und ihr bis ans Ende ihres Lebens eine Rente zahlen.“

„Und dafür waren Sie bereit, einen fremden Mann zu heiraten.“

Bei diesen Worten schaute sie zu ihm auf. Verärgert sagte sie: „Haben Sie eine Vorstellung davon, wie es sich anfühlt, auf die Mildtätigkeit eines anderen angewiesen zu sein? Zu wissen, dass alles, was man hat, einem anderen gehört?“

„Das weiß ich in der Tat, denn ich bin kein erstgeborener Sohn. Über viele Jahre hinweg war ich von der finanziellen Unterstützung meines Vaters abhängig.“

Ihre Blicke verschränkten sich kurz, bevor sie wieder wegschaute und mit ruhiger Stimme fortfuhr: „Max versicherte mir, dass nach der Trauung alles vorbei sei. Er sagte, dass die Ehe für ungültig erklärt würde, sobald der Plan aufgedeckt sei.“

„Zur Hölle mit ihm!“ Abrupt stand Gideon auf und ging zum Fenster. Da es draußen schon stockfinster war, sah er nur seine eigene verdrießliche Miene. „Die Diener müssen gewusst haben, dass die Frau, die ich für Martleshams Cousine hielt, eine Betrügerin war.“

„Ja. Max hat damit gedroht, dass er jeden, der bei der Sache nicht mitspielen würde, entlassen werden würde.“

Er drehte sich wieder um und blickte ihr ins Gesicht.

„Und Ihre Mutter? Wird Max ihr das alles erklären?“

„Das bezweifle ich.“ Sie biss sich auf die Lippe. „Max denkt für gewöhnlich nur an Dinge, die ihn unmittelbar betreffen.“

„Aber wird sie sich keine Sorgen um Sie machen?“

Sie blickte auf ihre Hände, die zusammengefaltet auf ihrem Schoß lagen.

„Ich hinterließ ihr eine Nachricht, in der steht, dass ich für ein paar Tage in Martlesham Abbey bleiben würde.“

„Und damit wird sie sich zufriedengeben?“

Sie neigte den Kopf noch etwas tiefer.

Maman hat ihre eigenen Sorgen. Ihr wird nicht auffallen, dass etwas nicht stimmt.“

Gideon trank seinen Wein aus und schenkte sich ein weiteres Glas ein. Als er es hob, fiel sein Blick auf Dominique – beinahe zuckte er zusammen. Er musste sich daran gewöhnen, sie so zu nennen. Sie hatte kaum vom Wein getrunken, und der Kuchen lag zerkrümelt auf ihrem Teller. Gideon spürte einen Funken Mitgefühl für sie.

„Machen Sie sich keine Sorgen. Morgen früh werden wir nach Martlesham zurückkehren, und ich werde mich darum kümmern, dass die Ehe aufgelöst wird.“

„Und was machen wir bis dahin?“

Ihr Blick war skeptisch.

„Wir sind nicht allein hier. Mrs Chiswick ist eine ehrbare Frau. Wenn wir ihr von dem Irrtum erzählen, wird sie sich um Sie kümmern, bis wir zurück nach Martlesham können.“ Er versuchte, ein aufmunterndes Lächeln aufzusetzen. „Ich denke, sie ist vertrauenswürdig, wenn es darum geht, Ihren Ruf zu bewahren.“

Dominique zwang sich dazu, ihm in die Augen zu sehen, da sie sich über seinen veränderten Tonfall wunderte. Es war das erste Mal, dass Gideon Albury sie nicht mit einem zornigen Blick bedachte. Ja, er hatte während der Trauung gelächelt, aber da hatte er sie noch für eine andere gehalten. Jetzt lächelte er sie, die unscheinbare Dominique Rainault, an. Ihr Herz fing an, wie wild zu schlagen. Auch wenn sie in den letzten Wochen häufig von diesem Moment geträumt hatte, hätte sie es nie für möglich gehalten – nicht nach allem, was sich heute Morgen vor der Kirche ereignet hatte.

Nachdem sie die Abneigung in seinem Gesicht gesehen hatte, war auch ihr Verhalten ihm gegenüber kühler geworden. Seitdem hatte er sie nur mit großer Abscheu angesehen. Es traf sie völlig unvorbereitet, dass er plötzlich so charmant war und sie das Lächeln am liebsten erwidert hätte. Ihr gesunder Menschenverstand sagte ihr, vorsichtig zu sein. Obwohl sie sich von ihm angezogen fühlte, war er immer noch einer von Max’ Kumpanen, jenen verantwortungslosen jungen Männern, die sich gern gegenseitige boshafte Scherze spielten. Nur weil der Scherz diesmal auf seine Kosten gegangen war, bedeutete das noch lange nicht, dass sie ihm trauen konnte.

Nach einem leisen Klopfen öffnete die Haushälterin die Tür einen Spaltbreit und steckte den Kopf herein.

„Verzeihung, Sir, Madam, aber ich wollte fragen, ob Sie sich vor dem Dinner umziehen möchten? Das Schlafzimmer ist noch nicht hergerichtet, aber Ihre Truhen sind in die Ankleidekammer gebracht worden.“

Gideon schüttelte den Kopf.

„Ich werde mich nicht umziehen, aber vielleicht möchte sich Mrs Albury dorthin begeben?“

„Ja, gern. Ich möchte mir gern das Gesicht und die Hände waschen.“ Dominique ging zur Tür und war dankbar für die Gelegenheit, ihre Gedanken zu ordnen. Allerdings war die Haushälterin sehr redselig, als sie die Treppe hochstiegen.

„Leider hatte ich bisher keine Zeit, das Bett zu beziehen, Madam, denn Alice ist noch nicht eingetroffen und mir steht nur Hannah, die Spülmagd, zur Seite. Die Küche kann ich ihr nicht allein überlassen, aber ich werde mich sofort um das Bett kümmern, sobald ich Ihnen das Abendessen gekocht habe. Wenn wir nur mehr Zeit gehabt hätten, Ihnen einen gebührenden Empfang zu bereiten, aber na ja, Mr Carstairs hat uns noch nie lange im Voraus Bescheid gegeben.“ Die Frau lachte keuchend, als sie die Tür zum Ankleidezimmer öffnete.

Dominique wusste, dass sie diese Gelegenheit nutzen musste.

„Mrs Chiswick, wären Sie so freundlich, für mich noch ein anderes Bett in einem anderen Raum zu beziehen?“

Die Haushälterin kicherte laut, während sie im Ankleidezimmer die Kerzen anzündete.

„Gott segne Sie, meine Liebe. Das werden Sie heute Nacht nicht nötig haben.“

„Doch, ich glaube schon. Wissen Sie, es war alles ein großer Irrtum. Ich hatte nie die Absicht …“

Mrs Chiswick ergriff ihre Hände.

„Meine Liebe, Sie sind nicht die erste junge Braut, mit der in letzter Minute die Nerven durchgehen. Sie wissen nicht, was Sie in der Hochzeitsnacht erwartet, oder?“

„Doch schon, aber das ist es nicht …“

„Machen Sie sich keine Gedanken. Ich kann Ihnen versichern, dass Sie bei einem Mann wie Mr Albury nichts zu befürchten haben. Er war immer gut gelitten hier in Elmfield, besser als die meisten anderen Freunde von Mr Carstairs. Also, ich bin mir sicher, dass Mr Albury sich sehr gut um Sie kümmern wird. Genießen Sie einfach das Dinner. Ich habe keinen Zweifel, dass Sie das, was Sie danach im warmen, gemütlichen Schlafgemach nebenan erwartet, ebenfalls genießen werden.“

Dominique sah in das freundliche, lächelnde Gesicht und wusste, dass sie der Haushälterin jetzt sagen müsste, dass sie und Mr Albury in Wahrheit kein Ehepaar waren und daher in getrennten Räumen schlafen mussten. Sie holte tief Luft.

„Vielen Dank.“

Die Erklärung kam ihr nicht über die Lippen. Sie konnte sich nicht dazu überwinden die Wahrheit und die eigene Verwicklung in die Täuschung zu gestehen. Damit hätte sie zugegeben, diesen herzensguten Mann hintergangen zu haben. Allein bei dem Gedanken wäre sie am liebsten im Boden versunken. So ließ sie die Haushälterin gehen, ohne noch ein Wort zu sagen.

Dominique ärgerte sich über sich selbst. Sie hätte darauf bestehen müssen, dass Mrs Chiswick ihnen zwei Betten in einem anderen Schlafzimmer herrichtete: eines für sie und das andere für die Haushälterin. Sie legte den Spitzenschleier ab und goss Wasser in das Becken, um sich das Gesicht zu waschen. Erwartete sie allen Ernstes, dass Gideon Albury sie in Ruhe lassen würde, wenn sie nicht die nötigen Maßnahmen griff? Sie hielt ihn zwar für charmant, aber was wusste sie tatsächlich über ihn? Musste man einen Mann nicht nach den Menschen, mit denen er verkehrte, beurteilen? Er war mit ihrem Cousin befreundet, und Max war ein gemeiner Rüpel.

Der schwere goldene Trauring an ihrem Finger berührte ihre Wange, als sie sich wusch, und erinnerte sie an ihre schwierige Lage. Sie war verheiratet. Die Hochzeitsurkunde war unterschrieben. Sie gehörte jetzt zu dem Mann, der unten in diesem gemütlichen kleinen Salon saß. Die Gesetzeslage war eindeutig: Sie war sein Eigentum, und er konnte mir ihr verfahren, wie es ihm beliebte. Ein Schauder erfasste sie.

Als in der Ferne eine Glocke läutete, wurde sie sich wieder gewahr, wo sie sich befand. Zwar hatte sie sich so viel Zeit wie möglich gelassen, doch für immer konnte sie nicht im Ankleidezimmer bleiben. Sie ergriff einen Leuchter, löschte die anderen Kerzen und begab sich in das angrenzende Schlafzimmer. Das große Himmelbett erhob sich drohend in der dunklen Mitte des Raumes. Die Möbel warfen unheilvolle Schatten auf die blanke Matratze. Dominique wandte den Blick ab und schaute sich im Zimmer um. An einer Wand standen ein großer Wäscheschrank und eine gewölbte Kommode. Beim Fenster entdeckte sie einen hübschen Schreibtisch. Als sie daran vorbeiging, schimmerten im Lichtschein ein silbernes Tintenfass, ein silberner Federhalter und ein eleganter Brieföffner mit Elfenbeingriff.

Dominique hielt inne und stellte den Leuchter ab. Sie nahm den Brieföffner auf und ließ ihn in ihren Ärmel gleiten. Der Elfenbeingriff drückte gegen die weiche Haut auf der Innenseite ihres Handgelenks, doch dank der mit Knöpfen versehenen Manschette war die leichte Ausbeulung nicht zu erkennen. Sie ließ den Arm sinken. Der eng anliegende Ärmel hielt den Brieföffner an seinem Platz. Zufrieden griff sie nach der Kerze, bevor sie ihren Weg nach unten fortsetzte.

Gideon wartete im Salon auf sie. Vor ihm stand eine Flasche Wein auf dem Tisch. Er hatte sich das Krawattentuch gelockert und saß entspannt auf einem Stuhl, die Beine von sich gestreckt und die Füße übereinandergeschlagen. Sie fand dennoch, dass er unglaublich gut aussah. Das Kerzenlicht hob seine ebenmäßigen Gesichtszüge hervor. Dominique ließ den Blick zu seinen sinnlich geschwungenen Lippen wandern und konnte nicht umhin, sich zu fragen, wie sie sich anfühlen würden. Die Vorstellung ging ihr durch Mark und Bein, sodass sie wie erstarrt auf der Türschwelle stehen blieb.

Vielleicht dachte er, dass sie seine nachlässige Haltung gestört hatte, denn er stand augenblicklich auf und rückte ihr einen Stuhl zurecht. Stumm nahm sie Platz und war sich seiner Hände auf der Stuhllehne sowie seiner Gegenwart nur allzu bewusst. Um sich zu beruhigen, holte sie tief Luft, nahm dabei jedoch den intensiven Duft von Seife und Moschus wahr. Sie wurde von dem starken Wunsch ergriffen, sich zurückzulehnen, sich umzudrehen und ihm einen Kuss auf die Finger zu drücken. Sie wollte ihm ein Zeichen geben, ihn einladen …

Nein! Oh Gott, woher kamen bloß diese anrüchigen Gedanken? Sie biss sich auf die Lippe und zwang sich, still zu sitzen.

„Und?“ Er schenkte ihr ein und reichte ihr das Glas. „Haben Sie Mrs Chiswick unsere Lage geschildert?“

„Nein.“ Sein überraschter Blick hätte ihr die Hitze in die Wangen getrieben, wenn sie nicht ohnehin schon vor Scham über die eigenen sündigen Gedanken gebrannt hätten. „Ich habe gedacht, vielleicht sollten Sie das lieber tun.“

„Ich?“

„Ja.“ Sie griff nach dem Glas und kämpfte gegen das Bedürfnis an, seine Finger zu berühren. „Ich dachte, wenn ich das Thema anspreche, könnte sie denken, dass Sie mich zu dieser Hochzeit gezwungen hätten.“

„Dabei haben Sie mich hereingelegt.“

„Das habe ich nicht“, erwiderte sie erhitzt. „Ich konnte genauso wenig dafür wie Sie. Na ja, beinahe.“

Er verzog verächtlich die Lippen.

„Was halten Sie davon, wenn wir uns darauf einigen, dass Max die Schuld für diese leidige Angelegenheit trägt? Er wusste, dass es für mich keine schlechtere Partie als eine Frau mit französischem Blut gibt.“

„Natürlich.“ Sie erinnerte sich an seine Reaktion, als Max ihm von ihrer Herkunft erzählt hatte. „Möchten Sie mir sagen, woran das liegt?“

„Es liegt daran, dass …“ Er führte den Satz nicht zu Ende, da sie unterbrochen wurden. Ungeduldig sagte er: „Ja, Chiswick. Was gibt es?“

„Das Dinner steht bereit, Sir, wenn es Ihnen genehm ist.“

„Sehr gut. Wir werden sofort hinübergehen.“ Als der Butler sich zurückzog, wandte sich Gideon wieder Dominique zu. „Wir können diese Unterhaltung später fortführen.“

Trotz seines barschen Tons hörte sie eine Spur Erleichterung in seiner Stimme. Wortlos erhob sie sich und legte die Hand auf seinen Arm, als sie die Eingangshalle zum Speisesaal durchquerten. Durch den Ärmel hindurch konnte sie fühlen, wie stark er war. Er war angespannt, hatte seine Verärgerung kaum unter Kontrolle. Sein höfliches Verhalten war bloße Fassade, und sie hatte das Gefühl, neben einem wilden Tier zu gehen – ein falsches Wort und er würde sich auf sie stürzen.

Als Chiswick ihnen das Dinner servierte, entschuldigte er sich im Namen seiner Frau für die geringe Auswahl der aufgetragenen Speisen. Dominique beeilte sich, ihm zu versichern, dass es mehr als genug sei. Nachdem sie die Sahnesuppe, das Lammkotelett mit Rüben und Möhren und etwas von dem Karpfen gegessen hatte, konnte sie weder vom Hühnerfrikassee noch von einer der süßen Köstlichkeiten probieren. Mrs Chiswick erwies sich als gute Köchin, und die Weine, die ihr Gatte zu den Speisen einschenkte, waren ausgezeichnet. Dominique trank mehrere Gläser, auch um ihre Nerven zu beruhigen. Noch nie hatte sie allein mit einem Mann zu Abend gegessen, und der Anwesenheit des wortkargen Gentleman am anderen Tischende war sie sich nur allzu bewusst. Als sie fröstelte, bereute sie es, den Spitzenschleier im Ankleidezimmer gelassen zu haben. Ihr war zwar nicht kalt, doch sie war schrecklich … nervös.

Die Unterhaltung war dem Anlass entsprechend gekünstelt. Dominique atmete erleichtert auf, als das Essen vorbei war und sie wieder in den Salon gehen konnte. Sie hielt inne, da Gideon ihr aus dem Speisezimmer folgte.

„Trinken Sie Ihren Brandy nicht hier, Sir?“

„Chiswick wird mir welchen in den Salon bringen. Ich trinke nicht gern allein.“

„Ich muss zugeben, ich fand diesen Brauch schon immer merkwürdig. Warum sollte man allein zurückbleiben, wenn es keine Gäste im Haus gibt? Mein Cousin beharrt in der Abbey auf dieser Tradition, allerdings ist er fast nie ohne Begleiter da.“

Dominique redete munter weiter, während Gideon sie durch die schwach beleuchtete Eingangshalle führte. Sie konnte nicht anders. Es lag an den Nerven, das wusste sie, aber auch an etwas anderem: Unterschwellig war sie aufgeregt, weil sie allein mit Gideon war. Diese Situation hatte sie sich seit Wochen vorgestellt und davon geträumt. In ihren Träumen war er jedoch aus freien Stücken bei ihr gewesen, nicht weil die Umstände es erforderten. Sie plapperte immer noch, als sie bereits im Salon Platz genommen hatten. Chiswick servierte ihr einen kleinen Teller mit Konfekt und stellte auf der Anrichte ein Tablett mit Karaffen und Gläsern ab.

„Wünschen Sie den Tee in einer Stunde, Madam?“

„Nein, Mrs Chiswick soll ihn jetzt bringen“, antwortete Gideon an ihrer Stelle. Als sie wieder allein waren, fügte er hinzu: „Wenn sie kommt, können Sie ihr sagen, dass sie Ihnen ein weiteres Bett beziehen soll.“

„Werden Sie das nicht …“

Er schüttelte den Kopf.

„Einen Haushalt zu führen ist Angelegenheit der Frauen, Madam. Es obliegt Ihnen, Anweisungen an das Personal zu geben.“

Er stand auf, um sich ein Glas Brandy einzuschenken, während Dominique verdrießlich ins Feuer starrte. Unabhängig davon, wie beschämend es war, sie musste es hinter sich bringen. Die andere Option war zu ungeheuerlich, um sie überhaupt in Erwägung zu ziehen.

Gideon stand immer noch vor der Anrichte, als kurze Zeit später Mrs Chiswick geschäftig hineineilte.

„Ihr Tee, Madam, wie Sie gewünscht haben. Sie müssen sehr müde von der Reise sein, und werden den Abend sicher nicht in die Länge ziehen wollen.“

„Mrs Chiswick, eigentlich wollte ich …“

„Alice und ich werden jetzt hochgehen, um das Bett zu beziehen. Ich war so frei, Ihnen das Bett mit ein paar Ziegelsteinen vorzuwärmen, da es schon so lange nicht mehr benutzt wurde, aber vermutlich möchten Sie nicht, dass ich oder Chiswick sie später wieder entfernen, nicht wahr?“ Die Haushälterin schenkte ihnen ein verschwörerisches Lächeln, woraufhin Dominique spürte, wie ihr brennende Röte ins Gesicht stieg. Mrs Chiswicks Lächeln wurde noch breiter. „Gott segne Sie, meine Liebe. Es gibt doch keinen Grund, rot anzulaufen. Schließlich sind Sie in den Flitterwochen. Also, das Schlafgemach wird im Handumdrehen fertig sein. Chiswick wird in der Eingangshalle einen Leuchter für Sie hinstellen. Wir werden uns jetzt zurückziehen, damit wir Sie nicht noch einmal stören müssen. Morgen früh werden wir erst kommen, wenn Sie nach uns läuten. Sie werden wohl kaum mit den Hühnern aufstehen.“

Die Haushälterin lächelte noch einmal verschwörerisch und machte eine ausschweifende Handbewegung, bevor sie den Raum verließ. Dominique starrte auf die geschlossene Tür.

Eine angespannte Stille trat ein.

„Meine Güte, was für eine Plaudertasche“, sagte Gideon schließlich. „Ich muss zugeben, da kommt man kaum zu Wort.“ Er setzte sich neben sie auf die Chaiselongue. „Ich denke, ich kann auch hier schlafen.“ Überrascht sah Dominique ihn an. Es zuckte um seine Mundwinkel. „Da war wohl keiner von uns beiden mutig genug, diesem Wortschwall Paroli zu bieten, nicht wahr?“

Dominique legte sich die Hände über den Mund, konnte jedoch ein nervöses Kichern nicht unterdrücken. Auch Gideon fing an zu lachen. Schon bald konnten sie nicht mehr an sich halten. Es dauerte mehrere Minuten, bevor einer von beiden wieder sprechen konnte.

„Ich komme mir vor wie in einer dieser Komödien, wie sie in Drury Lane aufgeführt werden.“ Dominique bekam Schluckauf, während sie nach einem Taschentuch suchte, um ihre tränenden Augen abzutupfen.

Gideon zog eines hervor, umfasste ihr Kinn, um ihr sanft über die Wangen zu wischen.

„Aber wenn man dem Publikum solch eine Geschichte vorspielen würde, würde es sagen, dass sie zu weit von der Realität entfernt sei und nie passieren könnte.“

Er grinste immer noch, aber Dominique spürte nicht mehr das Bedürfnis zu lachen. Vorsichtig löste sie sich aus seinem Griff.

„Aber es ist geschehen.“ Seine Berührung auf ihrem Gesicht war so sanft wie ein Kuss gewesen, doch sie spürte immer noch ein Prickeln auf der Haut. Entspannt lehnte er sich jetzt zurück und lächelte. Sie dachte wieder, wie gut er doch aussah mit seinen edlen Gesichtszügen und dem dichten rotbraunen Haar, das im Kerzenlicht schimmerte. Wenn sie sich unter anderen Umständen getroffen hätten … Sofort unterbrach sie diesen Gedanken. Er hasste die Franzosen, und ihre Herkunft konnte und wollte sie nicht verleugnen. Sie war stolz auf ihren Vater.

Gideon erhob sich und ging zurück zur Anrichte.

„Tee dürfte jetzt nicht das Richtige sein. Ich werde Ihnen etwas Portwein einschenken.“

Sie schaute auf die Teekanne. Sie war froh, heute Abend keinen Tee eingießen zu müssen. Sie war so aufgeregt, dass sie womöglich eine der schönen Porzellantassen fallen gelassen hätte. Als er ihr ein Glas mit einer rubinroten Flüssigkeit hinhielt, nahm sie es entgegen und bedankte sich flüsternd. Vorsichtig hielt sie es in den Händen. Vielleicht würde der starke Wein ihre Lebensgeister wecken. Sie nahm einen großen Schluck und leerte dabei das halbe Glas in einem Zug. Zum Glück nahm Gideon keine Notiz davon, da er damit beschäftigt war, sich selbst einzuschenken.

„Wir stecken in ganz schönen Schwierigkeiten, meine Liebe.“ Er setzte sich wieder neben sie. „Mein Temperament ist mit mir durchgegangen und dafür möchte ich mich entschuldigen. Wären wir in Martlesham geblieben, dann wäre unsere Lage jetzt nicht so verzwickt.“

„Sie waren sehr verärgert. Dafür habe ich Verständnis. Ich möchte mich entschuldigen, dass ich bei dieser Angelegenheit mitgemacht habe.“

Er zog ein bisschen die Mundwinkel hoch, bevor er erklärte: Da ist wohl mein Temperament mit mir durchgegangen. Möglicherweise liegt’s an meinen roten Haaren.“

Sie konnte nicht umhin, leicht zu lächeln und ihm damit ihr Verständnis auszudrücken. „Ich bin zwar nicht rothaarig, aber ich verfüge auch manchmal über viel Temperament.“

„Vielleicht liegt das an Ihren französischen Wurzeln.“

„Vielleicht.“

In ihren grünen Augen lag ein schüchternes Lächeln. Zufrieden stellte Gideon fest, dass sie nicht mehr die Stirn runzelte. Wenn ihre Gesichtszüge entspannt waren, sah sie viel besser aus. Sie bekam etwas Farbe in die Wangen, als sie zur Anrichte ging und das leere Glas abstellte. Gideon entging es nicht, wie sich das Promenadenkleid an ihren Körper schmiegte und ihre schlanke Taille und das Schwingen ihrer Hüften betonte. Als sie zurückkam, genoss er den Anblick des Ansatzes ihrer Brüste, den der Ausschnitt enthüllte. Zwar war sie keine betörende Schönheit, doch er hätte wetten können, dass unter diesem schlicht geschnittenen Kleid ein recht bezaubernder Körper steckte. Er erinnerte sich daran, wie er zuvor hinter ihr gestanden und ihren Duft eingeatmet hatte. Dabei hatte er zum ersten Mal Interesse an ihr gespürt. Sein Blut war in Wallung geraten.

Als hätte sie seine Gedanken erraten, setzte sie sich in den Sessel neben dem Kamin. Gideon räusperte sich.

„Ich glaube, in den Ställen steht ein Gig. Sobald es hell wird, werde ich Sie nach Swaffham fahren. Dort können wir eine Kutsche mieten, um zurück nach Martlesham zu fahren.“

„Nicht in die Abbey“, sagte sie schnell. „Würden Sie mich bitte im Dorf, am Haus meiner Mutter, absetzen?“

Er zuckte mit den Schultern. „Wie Sie wünschen.“ Ein dumpfer Schlag an der Decke ließ beide aufschauen. „Aber zuerst müssen wir diesen Abend überstehen.“

Der Portwein hatte seine Wirkung getan und sie entspannt. Dominique wusste jetzt, was sie zu tun hatte.

„Ich werde hier unten bleiben“, verkündete sie, während sie sich kerzengerade aufsetzte. „Sie können das Schlafzimmer haben.“

„Unsinn. Ich habe bereits gesagt, dass ich auf der Chaiselongue schlafen werde.“

Sie reckte das Kinn. „Ich habe mich bereits entschieden.“

„Dann entscheiden Sie sich wieder um.“

Sein Befehlston stachelte sie in ihrem Widerstand nur noch mehr an.

„Das werde ich nicht.“

„So schlechte Manieren habe ich nicht, als dass ich Sie dieser Unbequemlichkeit aussetzen würde.“

„Ich werde es hier behaglich haben. Außerdem kann man die Salontür verriegeln, wohingegen das Schlafzimmer nicht einmal abschließbar ist.“

Stirnrunzelnd setzte sich Gideon auf.

„Wollen Sie damit sagen, dass Sie mir nicht vertrauen?“

„Sie haben es erkannt.“

Er sprang auf.

„Verdammt! Wann habe ich Ihnen jemals Anlass gegeben, an mir zu zweifeln?“

Sie zog die Brauen hoch.

„Als Sie darauf beharrten, dass wir hierherkämen.“

Die Wahrheit ihrer Aussage traf ihn völlig unvorbereitet. Er drehte sich um und ging mit großen Schritten zum Fenster.

„Seien Sie nicht so stur, Madam! Ich sagte, ich werde auf der Chaiselongue schlafen, also werde ich das auch tun.“

Seine Worte schienen nicht den geringsten Eindruck auf sie zu machen.

„Unmöglich. Sie ist viel zu kurz für Sie. Sie sind doch bestimmt einen Meter achtzig.“

„Ich bin einen Meter achtundachtzig“, erwiderte er gedankenverloren. „Aber darum geht es jetzt nicht.“

„Doch, genau darum geht es.“ Er hörte, wie ihre Röcke raschelten. „Schauen Sie, es hat genau die richtige Länge für mich.“

Als er sich umdrehte, lag sie ausgestreckt auf der Chaiselongue. Das Kleid hob die Umrisse ihres Körpers hervor: die Rundungen ihrer Brüste, die Kurven ihrer Hüften und die schlanke Taille. Wieso fiel ihm erst jetzt auf, wie lang ihre Beine waren? Als sie sich genüsslich reckte, warf er einen flüchtigen Blick auf ihre zarten Knöchel, die unter dem Rocksaum zu sehen waren. In jeder anderen Situation hätte er den Anblick betörend gefunden, aber diese Frau wollte ihn zum Narren halten.

„Das Schlafzimmer wurde hergerichtet, Madam, und Sie werden darin schlafen.“

„Nein, das werde ich nicht.“

Vor Ärger biss er die Zähne zusammen.

„Ich gebe zu, dass es ein Fehler war, hierherzukommen.“ Er sprach bedächtig und hielt seine Wut unter Kontrolle. „Ich habe mich geirrt, aber Sie müssen zugeben, dass ich maßlos provoziert wurde.“

„Natürlich.“

„Wenn es darauf ankommt, bin ich jedoch ein Gentleman. Ich werde es mir nicht nachsagen lassen, dass ich es mir in einem Federbett gemütlich gemacht habe, während Sie die Nacht auf dem Sofa verbracht haben.“

Bei seinem harten Ton spürte Dominique eine gewisse unerwartete Aufregung. Er war durcheinander und offensichtlich nicht mehr Herr der Lage. Ein triumphierendes Machtgefühl ergriff sie. Sie verschränkte die Hände hinter dem Kopf und sah ihn herausfordernd an.

„Aber ich habe die Chaiselongue bereits beschlagnahmt. Ich wüsste nicht, wie Sie das ändern wollten. Ich schlage vor, Sie geben sich geschlagen und treten den Rückzug an.“

Sie schloss die Augen und bezwang sich, still liegen zu bleiben und Gleichgültigkeit vorzugeben. Er würde schon einsehen, dass sie sich nicht von Ort und Stelle bewegen würde. Bestimmt würde er weggehen und sie in Ruhe lassen. Sie erwartete, schnelle Schritte und das Zuschlagen der Tür zu hören. Stattdessen vernahm sie so etwas wie ein Knurren, und im nächsten Moment wurde sie nicht allzu sanft vom Sofa gehoben. Hastig öffnete sie die Augen und gab einen kleinen Schrei von sich. Es war für sie eine bis dahin unbekannte Erfahrung, sich hilflos in den Armen eines Mannes wiederzufinden. Außerdem war es nicht irgendein Mann. Neben der natürlichen Empörung war sie sich des Verlangens, das durch ihren Körper jagte, nur allzu bewusst. Es machte ihr Angst, aber sie würde es bekämpfen. Sie würde ihm zeigen, dass sie kein kuschendes Hausmädchen war, das man so entwürdigend behandeln konnte.

„Sie haben gesagt, Sie seien ein Gentleman“, protestierte sie und versuchte, sich aus seinem Griff zu lösen. Daraufhin hielt er sie nur noch fester und drückte sie an seine Brust, während er mit dem anderen Arm ihre Knie umschlang. Verärgert trat sie um sich, traf jedoch nur ins Leere.

„Das bin ich auch, aber Sie haben meine Geduld überstrapaziert.“

„Lassen Sie mich auf der Stelle los.“

Sie versuchte, die Arme loszubekommen, aber just in dem Moment lockerte er den Griff um ihre Schultern. Unwillkürlich umfasste sie seinen Nacken, um nicht hinunterzufallen. Er sah auf sie herab. Ein schelmischer Glanz lag in seinen haselnussbraunen Augen.

„Wollten Sie nicht, dass ich Sie loslasse?“

Sie hatte das Gefühl, keine Luft zu bekommen. Das Herz hämmerte ihr so schmerzhaft gegen die Rippen, dass selbst er es spüren musste. Immerhin war sie eng an seine harte Brust gedrückt. Dennoch antwortete sie so würdevoll, wie es ihr möglich war.

„Auf den Boden möchte ich aber auch nicht fallen gelassen werden.“

Er gab einen zufriedenen Laut von sich und rückte sie in eine behaglichere Stellung. Sie hatte ihm die Arme immer noch um den Nacken geschlungen, und um nichts auf der Welt würde sie ihn loslassen. Dominique sagte sich, dass sie sich festhalten müsse für den Fall, dass er sie fallen ließe. Dennoch konnte sie nicht leugnen, dass es ihr ein sinnliches Vergnügen bereitete, sein seidiges Haar zwischen den Fingern zu spüren. Als sie entsetzt erkannte, dass sie Gideons herrisches Verhalten genoss, unternahm sie den halbherzigen Versuch, nach ihm zu treten. Er packte sie noch fester, und ihr fiel es zunehmend schwerer zu atmen.

„Sie drücken mir die Luft ab.“

„Dann halten Sie still.“

In drei schnellen Schritten durchquerte er den Salon und brachte es irgendwie zustande, die Tür zu öffnen.

„Lassen Sie mich hinunter“, zischte sie, als er mit ihr durch die leere Eingangshalle eilte. „Ich kann selbst gehen.“

„Damit Sie sofort in den Salon zurücklaufen? Das werde ich bestimmt nicht tun.“

Insgeheim bewunderte Dominique die Kraft, mit der er zwei Treppenstufen auf einmal nahm. Er umfasste ihren Rücken, seine Hand lag an ihren Rippen, und sie war sich nur allzu bewusst, wie nahe seine Finger sich an ihrer Brust befanden. Sie spürte nichts als Entrüstung – über sich selbst, weil sie solche schamlosen Gefühle hatte, aber noch mehr über Gideon, weil er sich so unmöglich verhielt. Wie konnte er es wagen, sie derart grob zu behandeln?

Als sie auf dem Treppenabsatz ankamen, erschien Chiswick im Flur. Er hielt inne und sah so aus, als würden ihm beinahe die Augen aus dem Kopf quellen.

„Stehen Sie nicht herum“, wies ihn Gideon an. „Machen Sie die Tür auf.“

Dominique, der es vor Ärger und Empörung die Sprache verschlagen hatte, sah zu, wie der Butler die Tür zum Schlafzimmer öffnete. Der Raum wurde vom goldenen Schein des Kaminfeuers und mehrerer Kerzen erhellt. Nachdem Gideon eingetreten war, zog der Butler die Tür zu. Hinter der verschlossenen Tür war eindeutig ein unterdrücktes Glucksen zu hören. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte! Dominique begann, wild um sich zu treten und sich mit aller Kraft zur Wehr zu setzen.

„Wie können Sie es wagen, mich so zu behandeln!“

„Wenn Sie sich so zänkisch aufspielen, dürfen Sie sich über meine Reaktion nicht wundern.“

„Zänkisch! Ich habe Sie lediglich darum gebeten, mich in Ruhe zu lassen.“

Fluchend stellte er sie auf den Boden, hielt sie jedoch an den Handgelenken fest.

„Mein Gott! Sie sind ja von Sinnen. Möchten Sie denn nicht in einem gemütlichen Bett übernachten?“

„Nein! Es wäre mir sehr recht gewesen, unten zu schlafen.“

„Mir aber nicht. Verdammt, Madam, jetzt sind Sie einmal hier, und hier bleiben Sie auch, ob es Ihnen passt oder nicht.“

„Ach, und wer will mich daran hindern zu gehen?“

„Ich. Selbst wenn ich die ganze Nacht vor der Tür Wache halten muss.“

„Das wird Ihnen ja viel nützen, wenn man bedenkt, dass man auch vom Ankleidezimmer auf den Flur gelangen kann.“

„Dann muss ich eben hierbleiben, wo ich Sie im Blickfeld habe.“

Er ließ sie los, sah sie jedoch herausfordernd an. Dominique wusste, dass er sie festhalten würde, wenn sie jetzt zum Ankleidezimmer laufen würde. Sie reckte das Kinn.

„Ich verlange, dass Sie mich wieder nach unten gehen lassen.“

„Ach, verlangen Sie das, ja? Was ist denn mit Ihrem Schwur, mich zu ehren und mir zu gehorchen?“

„Den können Sie vergessen. Lassen Sie mich jetzt gehen?“

„Niemals.“

Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf und sah zugleich so aus, als würde er sich etwas unwohl in seiner Haut fühlen. Sie erkannte, dass sie sich genau in der Situation wiederfand, die sie hatte vermeiden wollen. Dennoch war sie so wütend, dass seine Größe und Kraft sie nicht zurückschrecken konnten.

„Ich weigere mich, in diesem Bett zu schlafen.“

„Das ist ja schön und gut, aber heute Nacht werden Sie diesen Raum nicht mehr verlassen.“

Sie trat einen Schritt zurück und funkelte ihn an, wobei sie die Arme vor der Brust verschränkte. Bei der Bewegung spürte sie den schweren Brieföffner an ihrem linken Unterarm. Triumphierend zog sie ihn mit einer schwungvollen Bewegung heraus.

„Was zum Teufel haben Sie damit vor?“

„Sie niederstechen, wenn Sie mir nicht aus dem Weg gehen.“

Ungläubig starrte Gideon sie an.

„Oh Gott, Madam. Alle Welt würde denken, ich wäre wie ein Tier über Sie hergefallen, anstatt Ihnen das behaglichste Bett des Hauses anzubieten.“

Er wünschte sich, er hätte nicht das Wort herfallen verwendet, denn es ließ alle möglichen unangebrachten Vorstellungen in seinem Kopf entstehen. Schwer atmend stand sie vor ihm und sah ihn an, als wollte sie ihn mit Blicken töten. Ihr Haar hatte sich beim Kampf gelöst und fiel ihr jetzt in dunklen Locken über die Schultern. Das Verlangen, das er schon zuvor gespürt hatte, kam jetzt noch stärker zurück. Er besann sich darauf, dass er ein Gentleman war, dass er sich jetzt lieber zurückziehen sollte, bevor es zu spät wäre. Doch sie reizte ihn immer noch, hielt den Brieföffner wie einen Degen auf ihn gerichtet. Dieser Herausforderung konnte er einfach nicht widerstehen.

„Treten Sie zur Seite“, befahl sie ihm. „Lassen Sie mich zurück in den Salon gehen.“

„Darauf können Sie lange warten.“

„Ich … ich werde Sie niederstechen, wenn Sie sich mir in den Weg stellen.“

Er breitete die Arme aus.

„Nur zu!“

Angesichts seines Spotts flackerte Wut in ihren Augen auf. Schreiend stürzte sie sich auf ihn. Er griff nach ihrem Handgelenk. Der Brieföffner war zwar nicht sehr scharf, und Gideon glaubte nicht, dass sie viel Schaden damit anrichten könnte, aber anscheinend war sie fest entschlossen, ihn anzugreifen. Das würde er sich nicht gefallen lassen. Sie war überraschend stark. Als er ihr Handgelenk verdrehte, ließ sie die Waffe fallen, biss ihm jedoch unvermittelt in die Hand.

„Au! Sie sind ja wie von der Tarantel gestochen.“ Er drängte sie rückwärts auf das Bett, stieß sie darauf und hielt ihre Handgelenke über ihrem Kopf fest. „Könnten Sie endlich aufhören, wie eine Löwin zu kämpfen?“

Sie hörte nicht auf, sich zur Wehr zu setzen, sodass er gezwungen war, sein Körpergewicht einzusetzen, um sie niederzudrücken und ihre Tritte abzuwehren.

„Lassen Sie mich los!“

„Nicht, wenn Sie mir anschließend die Augen auskratzen. Hören Sie auf!“ Sie beendete den Kampf und blickte zu ihm auf. Die goldene Bordüre an ihrem Oberteil schimmerte, während sich ihre Brust hob und senkte. „So ist es gut.“

Er atmete ebenfalls schwer, doch er bemerkte, dass es nicht nur an der Anstrengung lag. Das Gefühl, ihren Körper unter sich zu spüren, erregte ihn bis ins Unermessliche. Als er lächelte, warf sie ihm einen glühenden Blick zu, bei dem sein Blut in Wallung geriet. Er lag zwischen ihren Beinen, und für einen ungestümen Moment stellte er sich vor, wie es sich anfühlen würde, ihre Schenkel an seinen zu spüren – Haut an Haut –, anstatt durch mehrere Schichten Kleidung voneinander getrennt.

„Das erinnert mich daran“, seine Stimme klang sehr weit weg und nicht sehr fest, „dass ich meine Braut noch nicht geküsst habe.“

Er redete sich ein, er würde sie necken und noch ein bisschen länger bestrafen wollen. Sie sah ihn aus diesen riesigen Augen an – groß, dunkel und unergründlich, als wollte sie, dass er sich in ihren Tiefen verlor. Er ließ den Blick zu ihrem Mund wandern.

Hör jetzt lieber auf damit, bevor es außer Kontrolle gerät.

Zu spät. Mit der Zungenspitze benetzte sie sich nervös die Lippen. Er konnte nicht widerstehen und senkte den Kopf, um ihren Mund auf seinem zu spüren. Es war ein kurzer, harter Kuss. Sie erzitterte unter ihm. Unverzüglich zog er sich zurück.

Dominique versuchte durchzuatmen, um sich zu beruhigen. Das war der Gipfel! Ihr Puls raste. Als sie sich mit dem Brieföffner in der Hand auf ihn gestürzt hatte, war sie von einem starken Triumphgefühl ergriffen worden. Ihr Herz pochte immer noch wie wild von dem Gerangel. Natürlich hatte er sie überwältigt, aber sie würde sich nicht geschlagen geben. Niemals würde sie aufgeben. Obwohl er sie niederdrückte, fühlte sie sich nicht schwächer, sondern stärker als zuvor. Gefühle, die sie nicht erklären konnte, hatten die Macht über ihren Körper gewonnen. Sie fühlte sich lebendig, überschäumend vor Energie und angriffslustig. Da hatte er den Abstand zwischen ihnen zunichte gemacht, seinen Mund auf ihre geöffneten Lippen gepresst und war zum Herrn der Lage geworden. Ihr Körper reagierte mit einer Woge des Verlangens, die sie sowohl entsetzte als auch überraschte. Eine Sehnsucht, eine Begierde, über die sie keine Gewalt hatte, war entfesselt. Sie wollte ihn so sehr, wie sie noch nie irgendwen oder – etwas gewollt hatte.

Erschüttert stellte sie fest, dass sie für eine Nacht mit Gideon Albury ihre Seele verkaufen würde. Was spielte es auch jetzt noch für eine Rolle? Ihr Ruf war ohnehin ruiniert. Was sprach dagegen, eine berauschende Nacht mit ihm zu verbringen, an die sie sich ihr Leben lang erinnern könnte? Er war gerade dabei, sich von ihr zurückzuziehen. Im nächsten Moment würde er für immer verloren sein.

„Ich bitte um Verzeihung“, murmelte er, als er ihre Handgelenke losließ. „Das hätte ich nicht …“

Gideon verstummte überrascht, als sie die Hände hob und nach seinem Krawattentuch griff. Sie zog ihn zu sich und begann ihn zu küssen – ein bisschen unerfahren, aber so sehnsuchtsvoll, dass er vor Verlangen nach ihr entflammte. Er war verloren. Als hätte jemand der Flut der Leidenschaft alle Tore geöffnet. Es gab kein Halten mehr.

Kleider wurden vom Leib gerissen, Knöpfe sprangen ab. Die ganze Zeit schenkten sie sich heftige, verzweifelte Küsse, die keinen klaren Gedanken zuließen. Gideon drückte sie auf das kühle Seidenlaken und legte sich nackt neben sie. Sie hielt sich an ihm fest, versessen darauf, von ihm berührt zu werden, und erwiderte seine Umarmung mit solcher Hingabe, wie er sie selbst verspürte. Er drang in sie ein, und sie schrie leise auf, doch als er zögerte, zog sie ihn zu sich, wollte von ihm geküsst werden, umspielte seine Zunge und ließ ihn ohne jeden Zweifel wissen, dass sie fortfahren wollte mit jenem unvergleichlichen Liebesakt, der sie beide zu einem überwältigenden Höhepunkt führte und schließlich keuchend und erschöpft zurückließ.

Dominique wachte auf, weil das Feuer niedergebrannt war und die kühle Luft sie frösteln ließ. Sie fuhr sich mit der Hand an die Stirn und versuchte zu begreifen, wo sie sich befand und was passiert war. Sie erinnerte sich daran, mit Gideon zu Abend gegessen und mit ihm gestritten zu haben. Er hatte sie mit beiden Händen gepackt, aber das war verständlich. Immerhin hatte sie versucht, ihn niederzustechen. Danach hatte sie sich nichts so sehnlich gewünscht, wie sich für immer an ihm festhalten zu können. Es hatte sich so angefühlt, als wäre sie besessen von einem Verlangen gewesen, das gestillt werden wollte. Sie fuhr sich mit der Hand über den Körper. Er fühlte sich zwar nicht anders an, aber die Nacht zuvor hatte doch alles geändert. Sie war keine Jungfrau mehr.

Sie versuchte ihre Gefühle für diese Tatsache und für den Mann, der schlafend neben ihr lag, zu ergründen. Benommenheit war das Einzige, was sie spürte. Als läge eine große, unglückliche Leere vor ihr, mit der sie sich noch nicht auseinandersetzen konnte. Vielleicht würde am Morgen alles mehr Sinn ergeben. Jetzt wollte sie sich einfach nur aufwärmen. Sie schlüpfte unter das Bettlaken. Die heißen Ziegelsteine, die man so fürsorglich bereitgelegt hatte, waren fort. Irgendwann waren sie aus dem Bett gefallen, ohne dass sie und Gideon es bemerkt hätten. Das Laken war kalt.

Durch ihre Bewegungen gestört, schlüpfte auch Gideon unter das Laken und zog sie stumm zu sich heran. Sie konnte nicht leugnen, dass sich sein warmer Körper, so eng an sie geschmiegt, gut anfühlte. Alles andere war nebensächlich, wenn sie in seinen Armen lag. Es konnte bis morgen warten. Dann würde sie sich Gedanken über all das machen. Als sie die Augen schloss und wieder in den Schlaf glitt, fühlte sie seinen Atem an der Wange und hörte, wie er nur einziges Wort flüsterte: „Dominique.“

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