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HISTORICAL SAISON BAND 29

LOUISE ALLEN

Skandal um eine Lady

Avery Falconer, Earl of Wykeham, sorgt wie ein Vater für die kleine Alice. Da taucht plötzlich deren skandalumwitterte Mutter Laura Campion bei ihm auf – und fordert ihr Kind zurück! Avery ist fest entschlossen, um seine Ziehtochter zu kämpfen. Allerdings wird er von Lauras sinnlichen Reizen immer mehr in einen gefährlich verführerischen Bann gezogen …

MARGARET MCPHEE

Emmas pikantes Geheimnis

„Du hast mich belogen, Emma!“ Schockiert erkennt Ned Stratham, dass seine verführerische Geliebte kein einfaches Schankmädchen, sondern eine verarmte Adlige ist. Er ist verzweifelt, denn er verzehrt sich mit jeder Faser seines Körpers nach Emma. Aber Ned allein trägt die Schuld an ihrem gesellschaftlichen Abstieg – und das darf sie niemals herausfinden!

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Skandal um eine Lady

1. KAPITEL

April 1816 – Im Park von Westerwood Manor, Hertfordshire

Still halten! Nicht wackeln! Der kreisrunde Bildausschnitt schwankte, glitt dann über einen makellosen Rasen, Beete mit Narzissen und Tulpen, bis plötzlich ein Motiv von hellblauer Baumwolle im Fokus auftauchte … Da!

Die Beobachterin stieß mit der Hand so hart gegen einen Ast, dass dessen raue Rinde die Haut über ihren Fingerknöcheln aufriss.

Ja. Glänzende, goldbraune Ringellöckchen, ein keckes kleines Kinn, dichte, fein gewölbte Brauen und die Augen waren sicherlich hellgrün. Wunderschön. Sie ist so wunderschön!

Das kleine Mädchen strahlte, wandte sich um und rannte lachend los. Das Fernrohr verfolgte diese Bewegung und heftete sich an das Gesicht eines Mannes mit kastanienbraunem Haar, ausgeprägtem Kinn, geschwungenen Brauen und einem sinnlichen Mund, auf dem sich ebenfalls ein vergnügtes Lachen zeigte.

„Papa! Papa!“ Die Stimme des Kindes klang durch die stille, laue Luft. Der Mann beugte sich herunter, hob es schwungvoll auf den Arm und trug es zum Herrenhaus. Das kleine Mädchen klammerte sich wie ein Äffchen an ihn und schmiegte das Gesicht an seine Schulter. Eine leichte Brise trug ihr glückliches Lachen bis an den Waldrand.

Dumpf fiel das Fernrohr auf die dicke Schicht rotbrauner Buchenblätter. Die Frau, die es gehalten hatte, glitt am Baumstamm herunter. Schluchzend kauerte sie auf dem Waldboden und ließ den Tränen, die sie seit mehr als sechs Jahren zurückgehalten hatte, freien Lauf.

„Sie haben sie also gesehen.“

„Wie kommst du darauf?“ Laura Campion ließ die Tür hinter sich zufallen.

„Schauen Sie sich nur an. Völlig verheult. Sie konnten Ihre Tränen noch nie gut verstecken, Myla …, Madam.“

Wie so oft zeigte Mab wenig Feingefühl. Der Flickkorb aus Weidengeflecht schnarrte über das Holz, als das Dienstmädchen ihn beiseiteschob. Ihre Absätze klapperten laut auf dem Steinfußboden und die Kette des Kessels rasselte, als sie ihn über der Feuerstelle absenkte. Geräusche, so durchdringend wie Fingernägel, die über eine Schiefertafel kratzen. Doch ihre Worte beruhigten Laura mehr als überschwängliches Mitgefühl, denn Mab kannte sie viel zu gut.

„Ja, ich habe sie gesehen. Sie ist vollkommen.“ Laura zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor und setzte sich. Sie streifte ihre schmutzigen Stiefel ab, die eine Spur von Laub und Erde auf dem Boden hinterlassen hatten, und warf sie achtlos beiseite. „Sie sieht aus wie Piers. Sie sieht aus wie er.“

„Das sagten Sie gerade.“ Mab goss etwas heißes Wasser in die Teekanne und schwenkte sie.

„Nein, ich meine, sie sieht aus wie der Earl of Wykeham, Piers’ Cousin Avery.“ Laura presste die Lippen zusammen, ihr Blick glitt durch die Küche des kleinen gemieteten Hauses, in dem sie erst zwei Tage wohnte, und rang nach Fassung. „Sie nennt ihn Papa.“

„Aye. Nun, das erzählt er ja überall.“ Mab Douglas tauchte einen Löffel in die Teedose. „Ich brauchte im Laden nur zu fragen, wer in dem Herrenhaus wohnt, und schon fingen alle an zu tratschen. Wie seine Lordschaft vor erst einem Monat aus der Fremde mit einem unehelichen Kind und ohne Frau herkam, und dass er sich nicht einmal dafür schämt.“

„Aus der Fremde!“ Laura zog an den Bändern ihrer Haube. Das ich nicht lache. „Er hat sie aus Derbyshire mitgenommen, obwohl dies für die Menschen hier sicherlich fremd genug ist.“

„Davon wird hier niemand wissen, schließlich ist das schon sechs Jahren her, und er muss sie sofort mit ins Ausland genommen haben. Wie erzählt wird, nahm er an diesem Kongress in Wien teil und blieb dort, um irgendwelchen politischen Unsinn über die Zukunft der Niederlande zu verhandeln. Außerdem ist Mr Piers gestorben und Lord Wykeham ist nun Familienoberhaupt. Im Dorf erzählt man, dass er für das Anwesen Geld aufwendet.“ Kochendes Wasser ergoss sich auf die Teeblätter. „Vielleicht fühlt er sich für Mr Piers’ Kind und sein Anwesen gleichermaßen verantwortlich.“ Mit ihrem unerträglichen gesunden Menschenverstand übernahm Mab geradezu die Rolle von Wykehams Anwalt.

„Das würde zutreffen, wenn das Kind keine Mutter hätte.“ Laura spielte mit den Bändern ihrer Haube. „Aber sie hat eine.“ Mich.

„Aye, und genau da ist der Haken.“ Mab goss zwei Tassen Tee ein und trug sie zum Tisch. „Sie trinken das aus, sofort.“ Dann setzte sich die schmächtige, aber sehr resolute Frau zu Laura und sah sie kopfschüttelnd an. Das konnte sie sich erlaubten, denn sie umsorgte Laura schon, seit diese zehn Jahre alt war. „Er weiß, dass Sie die Mutter des Kindes sind, aber er glaubt, Sie wollen es nicht haben. Er weiß nicht, dass Sie es für tot hielten. Die Frage ist, was wollen Sie tun, nun, da Sie die Kleine gefunden haben?“

„Er hat mich nie kennengelernt.“ Sie hatte den ersten Schrecken überwunden und es war Zeit, alles in Ruhe zu überdenken. Laura strich mit den Händen über den schlichten Stoff ihrer Röcke. Sie war die schwarzen Kleider so leid, die sie trug, seit ihre Eltern vor fünfzehn Monaten an der Grippe gestorben waren. Gerade hatte sie die Trauerzeit beenden und ihr gesellschaftliches Leben wieder aufnehmen wollen, als diese unerwartete Neuigkeit ihre Welt ins Wanken brachte. Jetzt dienten ihr die Trauergewänder als Tarnung.

„Es gibt keinen Grund, warum er daran zweifeln sollte, dass ich die Person bin, für die ich mich ausgebe – die verwitwete Mrs Caroline Jordan, die sich aufs Land zurückgezogen hat, um neuen Lebensmut zu finden.“

„Und wie werden Sie es anstellen, die Bekanntschaft eines adligen Junggesellen zu machen, der in einem prächtigen Herrenhaus lebt?“ Mab war immer so vernünftig. Laura hingegen wollte nicht vernünftig denken. Sie wollte ein Wunder oder, wenn das nicht möglich wäre, einfach weinen und ihrem Kummer freien Lauf lassen und …

„Was werden Sie tun, wenn es Ihnen tatsächlich gelingt, dort hineinzukommen? Das Kind einfach entführen?“

„Ich weiß es nicht!“ Laura schloss die Augen und holte tief Luft, um sich zu beruhigen. „Es tut mir leid, Mab, ich wollte dich nicht kränken. Dass ich meine Tochter finden musste, war das Einzige, worüber ich mir sofort im Klaren war, als ich diese Briefe fand. Ich wagte gar nicht, weitere Pläne zu schmieden. Und jetzt, da ich sie gefunden habe, weiß ich nicht, wie es weitergehen soll.“

„Er hat sie Alice genannt“, sagte Mab und legte eine Hand auf Lauras eiskalte Finger. „Das haben mir die Leute im Dorf erzählt. Miss Alice Falconer. Das wäre auch ihr Name gewesen, wenn Sie Mr Piers geheiratet hätten, nicht wahr?“

Lauras Kehle war wie zugeschnürt, sie brachte kein Wort hervor. Dann sprudelten die Sätze plötzlich aus ihr heraus.

„Sie ist sechs Jahre alt. Ich hörte sie weinen, ein einziges Mal, ehe man sie mir wegnahm. Gleich darauf sagten sie mir, sie sei tot. Heute hörte ich sie sprechen und du nennst mir ihren Namen, den Namen, den du von Fremden erfuhrst. Ich sollte glücklich sein, denn sie lebt und ist gesund, und doch ist mir, als hätte ich sie noch einmal verloren. Wie konnten sie das tun?“

Wie konnten ihre Eltern – die angesehenen Lord und Lady Hartland – ihr sagen, das Baby wäre gestorben? Wie konnten sie das Kind – ihren Enkel – heimlich weggeben? Zwar waren die Brownes, die das Baby aufnahmen, ehrbare Leute, Pachtbauern auf einem entfernteren Anwesen der Hartlands, dennoch …

„Sie glaubten, es sei das Richtige für Sie“, besänftigte Mab. „Sie waren erst achtzehn Jahre alt. Ihre Eltern wollten, dass Sie zwei Monate später Ihr Debüt geben, ohne dass jemand etwas von dem Kind erfährt.“

„Tatsächlich? Was hätte ich dem netten jungen Mann, auf dessen Heiratsantrag sie hofften, denn sagen sollen? Es tut mir leid, Mylord, aber ich bin keine Jungfrau mehr. Ich habe schon ein Kind zur Welt gebracht. Ich hätte so tun können, als wäre ich noch unberührt – soviel ich weiß, gibt es schäbige Tricks direkt aus dem Freudenhaus – aber glaubten meine Eltern wirklich, ich würde einen Ahnungslosen finden, der die Wahrheit nicht erkennen würde?“ Sie klang zornig und verbittert, das wusste sie, doch es war ihr gleichgültig. Zorn und Verbitterung hatten ihr geholfen, die letzten fünf Jahre der Londoner Ballsaison als die berüchtigtste aller jungen Damen durchzustehen.

Skandalöse Jungfrau, so nannte man sie ironischerweise. Lady Laura Campion, Tochter des Earl of Hartland, hatte den Ruf, überaus kokett und schamlos zu sein. Zur großen Enttäuschung der Herren, die ihr nachstellten, und zum Leidwesen der Matronen, die sich über ihr Verhalten empörten, konnte jedoch niemand behaupten, dass sie jenen verhängnisvollen Schritt in den Ruin getan hatte.

Es stimmte, dass sie bei Bällen Champagner auf der Terrasse trank. Auch ließ sie im Gebüsch versteckt Küsse und Zärtlichkeiten zu, die eine unschuldige Dame nie erlauben sollte. Und es stimmte, dass sie Kleider trug, die eher zu einer lebenslustigen jungen Witwe passten. Sie ritt viel zu waghalsig und tanzte an einem Abend zu oft mit demselben Mann, wenn sie Lust dazu hatte. Trotz aller Wetten auf ihre Jungfräulichkeit, die in den Büchern der Herrenclubs von St. James’s verzeichnet waren, konnte aber kein Gentleman damit prahlen, dass sie sich ihm hingegeben hätte. Nie war sie bei mehr ertappt worden als beim Küssen hinter Rosenhecken.

Jede andere junge Dame, die nach fünf Saisons noch nicht verheiratet war, würde als Mauerblümchen, das seine beste Zeit hinter sich hatte, bemitleidet werden. Aber für Laura galt dies nicht. Niemand konnte bestreiten, dass sie wunderschön war, amüsant und geistreich und ihren Freunden treu zur Seite stand. Außerdem war sie die Tochter eines der wohlhabendsten und einflussreichsten Peers des Landes. So setzte sie als Skandalöse Jungfrau scheinbar rücksichtslos ihren Weg durch den Trubel der Londoner Gesellschaft fort, ohne ihrem Spottnamen oder den missbilligenden Blicken Beachtung zu schenken. Niemand ahnte, dass ihr Herz am Tod des Geliebten und dem Verlust ihres Kindes zerbrochen war.

„Wenn ein Mann Sie wirklich liebt, ist es ihm vermutlich egal“, bemerkte Mab vorsichtig.

Laura schnaubte verächtlich. Das hatte sie auch einmal gehofft, dann aber schnell erkannt, wie heuchlerisch die Herren waren. Keinem Verehrer wäre dies egal – selbst wenn er sie scheinbar innig liebte.

Im Januar 1815, gerade als sie sich wieder einmal in die Vorbereitungen für eine neue Ballsaison stürzte, um ihre innere Leere zu vergessen, erlagen ihre Eltern der Grippe. Völlig unerwartet kam die Krankheit über sie und schon zehn Tage nach den ersten Fieberanzeichen waren beide nicht mehr am Leben. In schwarze Schleier gehüllt zog sich Laura auf den Familiensitz Hartland Castle zurück. Nur die gelegentlichen Besuche des Anwalts und die Briefe ihres Cousins James, des neuen Earls, unterbrachen ihre Einsamkeit.

James berichtete ihr von seinen Bemühungen, sich aus der Armee freizukaufen und heimzukehren. Er sei dankbar, so schrieb er, dass Cousine Laura sich um die Belange des Schlosses kümmerte, und ermutigte sie, über alle Mittel des Anwesens zu verfügen, die sie zur Gestaltung ihres neuen Heims in Dower House für geeignet hielt.

Schließlich zwang Laura sich dazu, die nötigen Arbeiten in Dower House in Auftrag zu geben, damit sie dort einziehen konnte, wenn James Hartland Castle für sich beanspruchte. Sie schrieb die Stelle einer Gesellschafterin aus, fand keine, die sie mochte, und beschloss, zunächst ohne auszukommen. Mab war die einzige Gesellschaft, die sie brauchte. Ein Jahr nach dem Tod ihrer Eltern machte sie sich schweren Herzens daran, deren persönliche Habe durchzusehen, all die Dinge, die nicht an Hartland Castle gebunden waren.

Während Laura sich in ihren Erinnerungen verloren hatte, war Mab verstummt. Erst jetzt wurde ihr vage bewusst, dass das Dienstmädchen den Tisch abräumte und das Feuer schürte.

„Was denkst du, warum Mama sie behalten hat?“, fragte sie unvermittelt.

„Die Briefe?“ Mab zuckte mit den Schultern. „Niemand rechnet damit, dass er plötzlich sterben und jemand anders seine persönlichen Sachen durchsehen wird. Und letztlich ging es ja um ihr Enkelkind.“

Der Kasten hatte in einer verschlossenen Truhe unter einem Stapel alter Geschäftsbücher, zerknickter Rezepthefte und alter Kleiderrechnungen gelegen. Fast hätte Laura die Anweisung gegeben, alles unsortiert zu verbrennen, als sie ein paar Notenblätter entdeckte und beiseitelegte.

Ihr Vater hatte einmal einem Altertumsforscher erlaubt, einen alten Erdwall auf dem Anwesen auszugraben. An ihn musste Laura denken, während sie die geschichtsträchtigen Papierschichten durchsah, die Notenblätter herausfischte und über ein Rezept lächelte, mit dem man graues Haar färben konnte. Schließlich stieß sie auf den harten, mit Eisen eingefassten Deckel eines kleinen Kastens.

Der Kasten war verschlossen, aber Laura fand den Schlüssel am Gürtelgehänge, das ihre Mutter immer bei sich getragen hatte. Als sich der Deckel ächzend öffnete, offenbarte er ein sorgfältig verschnürtes Bündel Briefe. In der Annahme, dass es sich um alte Liebesbriefe handelte und da sie die Geister einer fremden Romanze abschreckten – sie hatte genug mit den eigenen zu tun – legte sie sie ungelesen zur Seite. Dann fiel ihr die Handschrift ins Auge.

Schmutzigbraune Tinte, eine Schrift, die krakelig und ungeübt aussah, und billiges Papier. Dies konnten keine Briefe der Familie sein. Neugierig nahm Laura sie zur Hand und begann zu lesen. Selbst jetzt, da sie die Wahrheit kannte, lag ihr der Inhalt dieser Seiten schwer auf der Seele. Laura stand auf, ging aus der Küche in den Salon und schritt dort auf dem türkischen Teppich auf und ab, bis ihr Magen sich beruhigte.

Zuerst die freudige Überraschung, dass ihr Kind noch lebte. Dann die monatlichen Briefe, drei an der Zahl, die die Brownes von Derbyshire Dales an Lady Hartland geschickt hatten. Das Kleine gedieh prächtig und das Geld kam an. Die Brownes, die gerade ein Neugeborenes verloren hatten, waren glücklich, ein gesundes Baby als ihr eigenes Kind aufziehen zu dürfen, und dankten seiner Lordschaft für die finanzielle Großzügigkeit. Schließlich, am 15. Mai 1810 kam die Nachricht, dass die Kleine an einem Fieber erkrankt sei, das sich rasch verschlimmerte. Das winzige Wesen schlief in den frühen Morgenstunden friedlich ein, schrieb Mrs Browne. Wir werden ihr ein anständiges Begräbnis auf dem Kirchhof geben.

Erst nach einem Tag und einer schlaflosen Nacht hatte sich Laura davon erholt, dass ihr der kleine Hoffnungsschimmer schon wenige Minuten später wieder genommen worden war. Am folgenden Morgen, noch immer seltsam benommen, gab sie die Anweisung, ihre Koffer zu packen und eine Kutsche bereitzustellen. Wenigstens würde sie ein Grab besuchen können, wenigstens hatte man ihr Kind nicht heimlich in der Familiengruft vergraben, namenlos und dem Vergessen anheimgegeben. Als Mab und sie an dem kleinen Bauernhaus aus grauem Kalkstein eintrafen, stürmte sie direkt hinein und vergaß dabei all die Worte, die sie sich sorgfältig zurechtgelegt hatte.

„Ich bin Lady Laura Campion und kenne die Wahrheit. Wo ist sie?“, hatte sie die magere, verängstigte Frau gefragt, die vor ihr zurückwich, bis sie schließlich auf einem Stuhl zusammenbrach und das Gesicht in ihrer Schürze verbarg.

Ihr Mann trat zwischen Laura und die schluchzende Frau. „Er sagte, niemand würde es je erfahren. Er sagte, er sei ihr Cousin, und es sei richtig, dass er sie zu sich nähme.“

„Was?“ Das ergab keinen Sinn. Sie hatten geschrieben, das Kind sei tot …

„Er sagte, dass es niemand herausfinden würde, wenn wir behaupteten, die Kleine sei gestorben, und dann den Mund hielten.“ Verstört und beschämt schüttelte Browne den Kopf. „Ich wusste, wir hätten es nie tun sollen, aber er bot so viel Geld …“

„Sie ist nicht tot.“ Es war mehr eine Feststellung als eine Frage. Laura starrte den Bauern an und versuchte zu verstehen. Er? Cousin?

„Erzählen Sie mir alles“, brachte sie endlich hervor.

Ein Gentleman, der sich als Lord Wykeham vorstellte, war unangemeldet auf dem Hof erschienen. Er hatte alles gewusst – wer die Mutter des Kindes war, wer dafür bezahlte, dass die Brownes es aufzogen. Er hatte ihnen seine Visitenkarte gezeigt, und das Wappen auf seiner Kutsche überzeugte sie, dass er der Earl war, für den er sich ausgab. In der Kutsche saß eine ehrbare Dame, und er bot ihnen Geld an, mehr, als sie sich je erträumt hatten. Alles, was sie tun mussten, war, Lord Hartland zu schreiben, dass das Kind verstorben sei.

„Babys sterben ständig“, flüsterte Mrs Browne, als sie langsam die Schürze von ihrem Gesicht nahm. „Unsere starben alle. Es brach mir das Herz …“ Sie wischte sich über die Augen. „Ich hatte noch Milch, wissen Sie. Ihre Ladyschaft, Ihre Mutter, vergewisserte sich, dass ich die Kleine ernähren konnte.“

Die Brownes lebten zurückgezogen in dem abgeschiedenen Tal. Niemand wusste, dass sie ein anderes Kind aufgenommen hatten. Alles war so einfach gewesen und Wykeham so gebieterisch, hatte sie so bedrängt. „Sie werden sicher das Geld wollen“, sagte Browne, und sein wettergegerbtes Gesicht war ausdruckslos vor Kummer. „Es war falsch, das weiß ich, aber die Milchkuh war gestorben und die Ernte so schlecht, und selbst mit dem Geld Ihres Vaters …“

Laura sah sich in der sauber gescheuerten Küche um, bemerkte die leere Wiege vor dem Kamin, die grauen Haare auf Mrs Brownes Kopf. All ihre Babys waren gestorben. „Nein, behalten Sie das Geld. Vergessen Sie, dass es je ein Kind oder einen Earl in einer Kutsche gegeben hat, und mich. Geben Sie mir nur seine Karte.“

Nun zog Laura das verknickte Rechteck aus ihrem Retikül und betrachtete es, so wie sie es seit acht Wochen jeden Tag tat, seit sie Wykeham aufgestöbert, ihre Tarnung aufgebaut und ihren Dienern und Nachbarn eine überzeugende Geschichte aufgetischt hatte.

Sie hatte den Mann gefunden, der ihr ihr Kind genommen hatte, ihr jeden Tag, den es heranwuchs, gestohlen hatte, den ersten Zahn, die ersten Schritte, das erste Wort. Avery Falconer, Earl of Wykeham, Piers’ Vetter, der reiche Diplomat. Nun brauchte sie das Stückchen Pappe nicht länger: Sie hatte ihn gesehen, diesen gut aussehenden, unbeschwerten und skrupellosen Mann, den ihre Tochter Papa nannte. Laura zerknüllte die Visitenkarte, während sie eine Möglichkeit suchte, ihn zu überlisten, diesen verlogenen, arroganten Dieb.

„Papa?“

„Mmm?“ Ja zu sagen war gefährlich, es konnte sein, dass ihm eine geflüsterte Fangfrage entgangen war. Auf diese Art waren schon Kätzchen ins Haus gelangt.

„Papa, wann darf ich reiten?“

Avery las den Brief zu Ende und kritzelte seine Unterschrift an den unteren Rand.

Sanders, sein Sekretär, nahm ihn an sich, streute Sand über die feuchte Tinte und legte das nächste Dokument vor.

„Wenn ich befinde, dass dein neues Pony ruhig genug ist.“ Er wandte sich wieder dem Papier zu und tippte mit dem Ende der Schreibfeder auf eine Schriftstelle. „Sanders, dies hier muss schärfer sein. Ich möchte, dass kein Zweifel über meinen Einspruch gegen diesen Vorschlag aufkommt.“

„Ich werde es neu formulieren, Mylord. Das war alles.“ John Sanders sammelte die Dokumente ein, legte sie in eine Aktenmappe und ging hinaus. Der dritte Sohn des Landpfarrers war tüchtig, loyal, diskret und intelligent. Er besaß alle Qualitäten, auf die Avery bei seinem Personal Wert legte.

„Aber, Papa …“

„Miss Alice.“ Die sanfte Stimme gehörte einer Bediensteten, die all diese Vorzüge und noch weitere in sich vereinte. „Seine Lordschaft arbeitet. Kommen Sie, es ist Zeit für ein Glas Milch.“

„Ich komme zu dir, ehe du schlafen gehst, mein Liebes.“ Avery legte die Feder beiseite und wartete, bis Alices blaue Röcke durch Tür verschwunden waren. „Miss Blackstock, auf ein Wort, bitte.“

„Mylord.“ Die Kinderfrau verschränkte die Hände vor ihrer Schürze und neigte den Kopf leicht zur Seite. Sie war die Tochter seines eigenen Kindermädchens und die einzige Bedienstete, die die ganze Wahrheit über Alices Herkunft kannte. Blackie, wie Alice sie nannte, hatte ihn zu dem abgelegenen Bauernhof begleitet, als er die Kleine endlich ausfindig gemacht hatte.

„Bitte setzen Sie sich. Ich denke, es ist Zeit, eine Gouvernante für Alice einzustellen, was meinen Sie? Keinesfalls um Sie zu ersetzen, aber Alice sollte mit den ersten Unterrichtsstunden beginnen. Sie ist ein sehr gescheites Kind.“ Und sehr ungestüm, wie ihr Vater.

„Allerdings, Mylord.“ Miss Blackstock saß vollkommen ruhig da, doch in ihren Augen spiegelten sich viele Fragen. „Sie werden die Stelle also bald ausschreiben? Ich werde Mrs Spence bitten, das Unterrichtszimmer herzurichten und zwei Wohnräume für die Gouvernante zu finden.“

„Wenn Sie das tun könnten.“ Er schaute über den Rasen bis zu dem Graben, wo der Park begann. Dieses Anwesen, das er von seinem Vetter Piers geerbt hatte, war klein, aber wunderschön. Er hatte es mit allen dazugehörigen Einnahmen an Alice überschrieben, denn er würde alles tun, um ihr zu größtmöglichem gesellschaftlichen Ansehen zu verhelfen. Westerwood Manor war Teil ihrer Mitgift, und er würde es wieder zu Wohlstand zu führen. Zusammen mit der Ausbildung durch eine ausgezeichnete Gouvernante würde dies der Grundstein für Alices Platz in der gehobenen Gesellschaft sein.

„Es besteht keine Eile, die Unterbringung hier zu arrangieren. Aber würden Sie bitte unverzüglich die gleichen Vorkehrungen für das Haus am Berkeley Square veranlassen?“

Miss Blackstock starrte ihn an. „Sie nehmen Miss Alice mit nach London, Mylord?“

„Das tue ich. Ich beabsichtige, dort die restliche Ballsaison zu verbringen.“

Er war ihr keinerlei Erklärung schuldig, doch es wäre hilfreich, wenn sie Bescheid wüsste. „Ich habe vor zu heiraten.“

„Aber, Mylord …“ Miss Blackstock zögerte, sprach dann aber offen weiter. „Wäre es möglich, dass Miss Alice … eventuell einige Damen abschrecken könnte?“

„Ihre Herkunft, meinen Sie?“ Avery zuckte mit den Schultern. „Ich würde keine Frau heiraten, die mir wegen des Kindes weniger zugetan ist. Jemand, der Alice nicht akzeptiert, ist auch für mich inakzeptabel.“

„Das wird sicherlich die Spreu vom Weizen trennen“, murmelte das Kindermädchen. „Wann werden Sie in die Stadt reisen, Mylord?“

„In zwei Wochen. Ende April.“ Die Spreu vom Weizen trennen, allerdings. Averys Lippen zuckten, als das Kindermädchen die Tür hinter sich schloss. Seit Langem war er nicht mehr zur Ballsaison in London gewesen und war gespannt, welche Vorzüge die diesjährigen Debütantinnen aufweisen würden.

2. KAPITEL

April in England. Einfach unübertrefflich!“ Der Spaniel blieb stehen und sah Avery fragend an. „Du stimmst mir zu, Bet, das kann ich sehen. Lauf los und jag ein paar Hasen.“

Die gesicherte Schrotflinte lag in seiner Armbeuge, nur für den Fall, dass ihm eine der pelzigen Plagen auf ihrem Weg in den Gemüsegarten vor den Lauf flitzen sollte. Eigentlich aber war sie nur ein Vorwand für einen Spaziergang, solange die Sonne schien und die Brise sanft war.

Ich komme langsam in die Jahre, dachte er mit selbstironischem Lächeln. Mit dreißig liebe ich die Ruhe und den Frieden auf dem Land. Wenn ich nicht aufpasse, werde ich zum Landedelmann mit einer braven Gattin und einer ganzen Schar Kinder. Der einzige gesellschaftliche Höhepunkt wäre dann die jährliche Schafschur.

Nachdem er einige Jahre in europäischen Hauptstädten inmitten der Spannungsfelder internationaler Diplomatie verbracht hatte, hatte er befürchtet, dass das Landleben ihn langweilen oder unangenehme Kindheitserinnerungen wecken würde. Doch bis jetzt fühlte er sich vor allem entspannt. Bei seinen regelmäßigen Ausritten hatte er festgestellt, dass der Park des Herrenhauses gepflegt war. Der Bauernhof, der zum Anwesen gehörte, warf reichlich Ertrag ab und die Höfe der Pächter florierten. Piers wäre erfreut gewesen, obwohl Landwirtschaft ihn kaum interessiert hatte. Seit seiner Kindheit war er schon auf die Armee versessen gewesen.

Avery fühlte sich zwar entspannt, aber liebeshungrig, wie er vor sich selbst zugeben musste. Es war leicht, sich in der Stadt eine Mätresse zu halten und das häusliche Leben separat zu führen, doch ein abgelegenes Haus auf dem Land und ein kleines Kind führten zwangsläufig zu Enthaltsamkeit. Eine Mätresse in London würde sich nach seinem Ehrgefühl jedoch nicht mit der gleichzeitigen Suche nach einer Gemahlin vereinbaren lassen.

Während er diesen sinnlichen Gedanken nachhing, umrundete er eine Baumgruppe und blieb abrupt stehen. Ein trockener Ast knackte unter seinen Stiefeln.

„Oh!“ Die schwarz gekleidete Dame, die auf dem umgestürzten Baumstamm gesessen hatte, sprang auf, drehte sich um und fuhr bei seinem Anblick erschreckt zusammen. In ihrem blassen Gesicht glaubte er einen Anflug von Verletzlichkeit zu sehen, gleichzeitig ließen ihre Augen einen wachen Geist erkennen. Ihre Figur war sehr weiblich, obwohl sie schlank war, vielleicht zu schlank. Ihr Blick wanderte hinunter zur Schrotflinte und zurück zu seinem Gesicht. Sie trug keine Handschuhe und ihre auf Taillenhöhe verschränkten Hände wirkten sehr weiß auf dem dunklen Tageskleid.

„Bitte verzeihen Sie, Madam. Ich hatte nicht die Absicht, Sie zu erschrecken.“

„Ich vermute, ich befinde mich unerlaubt auf Ihrem Anwesen.“ Sie hatte eine reizvolle Stimme, in der etwas Raues lag, das ihn an Tränen erinnerte. Er bemerkte, dass sie in Trauer war und einen Ehering trug. Eine Witwe. „Im Dorf sagte man mir, es gäbe einen öffentlichen Feldweg über das Anwesen, aber als ich einen Hirsch sah, folgte ich ihm und kam vom Weg ab … Wenn Sie mir die Richtung zeigen würden, werde ich zurückgehen und Ihren Grund wieder verlassen, Mylord.“ Jetzt, wo sie sich von dem Schrecken erholt hatte, war ihr Ton kühl und selbstbewusst.

„Sie wissen, wer ich bin?“

Der Spaniel kam mit gespitzten Ohren angelaufen und setzte sich ihr zu Füßen. Sie beugte sich hinunter und streichelte seinen Kopf, als sei sie an Hunde gewöhnt. Dabei ließen ihre dunklen Augen nicht von Avery ab. „Im Dorf hat man Sie beschrieben, Lord Wykeham.“ Ihr Blick war weder kühn noch aufreizend, trotzdem fühlte er, wie eine heiße Woge seinen Körper durchfuhr und ein seltsam misstrauisches Gefühl hinterließ. Dieses Gefühl schien ihm eine Warnung zu sein.

„Sie sind mir einen Schritt voraus, Madam“, sagte er und setzte seine gewohnte Diplomatenmiene auf.

„Caroline Jordan. Mrs Jordan. Ich haben das Croft Cottage für einige Monate gemietet.“ Sie schien ziemlich beherrscht, allerdings sie war auch kein junges Mädchen mehr, das bei der Begegnung mit einem Fremden verlegen wurde. Sie musste um die vierundzwanzig Jahre alt sein, so schätzte er. Ihrer gewählten Sprache, der Haltung und dem teuren Schnitt des schwarzen Kleides nach zu urteilen, war sie zudem eine Dame von Stand.

„Dann begrüße ich Sie in Westerwood, Mrs Jordan. Sie sind tatsächlich vom Weg abgekommen, aber ich denke, ich brauche nicht zu befürchten, dass Sie mein Wild jagen oder meine Zäune niederreißen. Sie können gern hier spazieren gehen.“ Was war bloß in mich gefahren, ihr dies anzubieten?

„Vielen Dank, Lord Wykeham. Vielleicht wären Sie so freundlich, mir zu zeigen, in welche Richtung ich gehen muss, um zum Cottage zurückzukehren.“ Ihre anmutigen Bewegungen versetzten seinem Empfinden wieder einen Stich, und dieses Mal waren seine Gefühle ganz eindeutig lustvoller Natur, obwohl sie sich nicht aufreizend verhalten hatte. Eine beunruhigende Frau, die sich ihrer weiblichen Anziehungskraft so sehr bewusst war, dass sie es nicht für nötig befand, diese auszuspielen, vermutete er. In ihren Augen stand jedoch eine Kälte, die mehr als nur Distanziertheit war. Vielleicht ahnte sie nicht einmal, welche Ausstrahlung sie auf ihn hatte.

„Das liegt auf meinem Weg, wenn ich Sie begleiten darf.“ Er ließ seine Stimme so höflich und reserviert klingen wie die ihre. Dann pfiff er nach dem Hund und ging auf den Weg zu, den sein Pferd ausgetreten hatte. Den Arm bot er ihr nicht.

„Springen Sie tatsächlich darüber?“, fragte sie und zeigte auf die Hufabdrücke in dem weichen Boden vor dem Baumstamm, auf dem sie gesessen hatte. „Kein leichtes Hindernis, würde ich meinen.“

„Mein Jagdpferd nimmt diese Hürde problemlos. Reiten Sie, Madam?“ Sie schloss mit großen Schritten zu ihm auf, die ahnen ließen, dass sie zu Pferde sehr sportlich war. Und woanders auch, flüsterte seine zügellose Fantasie.

„Vor meiner Trauerzeit, ja.“ Sie schaute ihn nicht an, während sie sprach. Avery sah nur ihr Profil unter dem Rand ihrer Haube und ertappte sich dabei, wie er sich wünschte, den Ausdruck in ihren Augen zu sehen, die Bewegung ihres Mundes, wenn sie sprach. Ihre Nase, so fand er, war etwas zu lang, aber ihr Kinn und die Wangenknochen waren zart geformt. Die vor Anstrengung leicht geröteten Wangen bildeten zusammen mit den fein geschwungenen dunklen Brauen und Wimpern einen aufregenden Kontrast zu ihrem blassen Teint.

„Ist Ihr Verlust lange her?“, fragte er vorsichtig.

„Einige Zeit, ja.“ Ihr bestimmter Tonfall ließ keine weiteren Fragen zu.

Nun, Madam, wenn Sie die Unnahbare spielen wollen, werde ich Sie nicht länger belästigen! Er war es nicht gewohnt, von Damen abgewiesen zu werden. Vielleicht lag ihr Verhalten aber auch in ihrer Schüchternheit oder ihrer Trauer begründet. Die Umgangsformen der Londoner Gesellschaft waren ihm weit weniger vertraut als die der diplomatischen Kreise. Bei den Damen, denen er dort begegnet war, handelte es sich keinesfalls um schüchterne Mauerblümchen.

„Hier trennen sich unsere Wege.“ Der Feldweg stieß an dieser Stelle auf den Grenzgraben, hinter dem der Garten des Herrenhauses begann. Eine notdürftige Treppe aus Steinplatten führte durch den Graben hinauf auf den Rasen. Bet, der Spaniel, preschte bereits die Stufen hoch. „Wenn Sie diesen Weg hier nehmen ….“, er zeigte zum Waldrand, „… werden Sie direkt auf die Straße gelangen, die zur Kirche führt.“

„Danke, Mylord. Ich wünsche Ihnen einen guten Tag.“ Sie wandte sich zum Gehen, als Bet plötzlich freudig kläffte. Erschrocken zuckte Mrs Jordan zusammen und stolperte. Avery streckte rasch den Arm aus, um sie zu stützen.

„Papa! Da sind Sie! Sie werden zu spät zum Tee kommen! Wir nehmen ihn heute im Garten.“

Mrs Jordan drehte sich um und blickte Alice an. Da sie am Rand des Grabens stand, verlor sie das Gleichgewicht und wäre gestürzt, wenn Avery sie nicht aufgefangen hätte. Einen kurzen Moment lang hielt er sie umschlungen, dann löste er den Griff. Sie verharrte regungslos neben ihm, so nah, dass er zu bemerken glaubte, wie sie tief einatmete. So nah, dass ein Hauch von Zitronenverbene seine Nase kitzelte.

„Madam? Geht es Ihnen gut? Ich entschuldige mich für das ungestüme Verhalten meiner Tochter.“

Die Witwe schien den Atem angehalten zu haben, denn nun stieß sie die Luft leise keuchend aus. „Es ist … nichts. Ich habe mir nur gerade etwas den Knöchel verstaucht.“

„Kommt die Dame zum Tee, Papa?“

„Nein … ich …“

Verflucht, sie ist fremd hier, kennt niemanden und sie trauert; warum eigentlich nicht?

„Würden Sie sich gern zu uns gesellen, Mrs Jordan? Vielleicht sollten Sie Ihren Fuß etwas ausruhen.“ Als sie noch immer nichts sagte, fügte er hinzu: „Wir nehmen den Tee im Garten.“ Nur falls sie dachte, er würde Kinder als Tarnung benutzen, um fremde Damen ins Haus zu locken und dort zu verführen. Die Gepflogenheiten auf dem Land waren ihm noch weniger vertraut als die in London.

„Danke, Lord Wykeham, ich würde mich sehr freuen.“ Sie wandte sich um, sodass sie das Kind direkt ansehen konnte. „Guten Tag“, sagte sie so ernst, als würde sie eine Herzogin begrüßen.

„Guten Tag, Madam.“ Das Mädchen – meine Tochter, dachte Laura – machte einen anständigen Knicks. „Ich bin Alice.“ Sie hatte keinen Hut auf und trug ein grünes Baumwollkleid mit weißer Schürze.

„Erlauben Sie“, bat Lord Wykeham, ehe Laura etwas entgegnen konnte. „Diese Stufen sind sicherer, als sie aussehen. Wenn Sie meine Hand nehmen, kann Ihnen nichts passieren.“

„Danke.“ Sie reichte ihm eine Hand, und ihre Finger umschlossen das raue Leder seiner Handschuhe. Als sie auf die erste Stufe trat, hoffte sie, dass der vorgetäuschte verstauchte Knöchel und die Unbeholfenheit, die eine Dame an den Tag legen sollte, wenn sie solch ein Hindernis erklomm, ihre Unsicherheit erklären würden. Wykeham brauchte nicht zu merken, wie weich ihre Knie bei der Begegnung mit Alice geworden waren.

Als sie auf der anderen Seite des Grabens angekommen war, streckte Alice ihr die Hand entgegen, und ihre warmen kleinen Finger umfassten Lauras. „Lassen Sie mich helfen.“

Laura fühlte sich, als hätte ein Blitz sie direkt ins Herz getroffen. Sie strauchelte und fiel auf die Knie. „Oh!“ Tränen füllten ihre Augen. Rasch unterdrückte sie sie mit einem Blinzeln und kämpfte gegen das Verlangen an, ihre Tochter in die Arme zu reißen und mit ihr davonzulaufen.

„Ihr Knöchel muss mehr als nur verstaucht sein.“ Lord Wykeham beugte sich einfach über sie. Laura zog die Schulter hoch, als könne sie ihn dadurch von diesem kostbaren Moment ausschließen, in dem sie endlich die Hand ihrer Tochter halten durfte. „Lass los, Alice, und lauf schnell zu Peters. Bitte ihn, einen Stuhl und eine Fußbank für Mrs Jordan herauszubringen.“

Laura hätte ihn am liebsten angefaucht, als Alice nun ihren Griff löste und loslief, doch irgendwie gelang es ihr, sich zu beherrschen und ein schmerzliches Schluchzen hervorzubringen.

„Bitte erlauben Sie.“ Ehe sie widersprechen konnte, hatte er sie auf die Arme gehoben und folgte dem Kind. „Ich lasse nach Dr. Pearce schicken.“

„Das ist wirklich nicht nötig“, brachte Laura recht gefasst hervor. Sie versuchte, so entspannt zu erscheinen, wie es einer Dame eben möglich war, die sich in den Armen eines völlig fremden Mannes befand. Dabei hätte sie ihn am liebsten geohrfeigt oder ihm die Worte ins Gesicht geschleudert, die wie wütende Hornissen in ihrem Kopf umherschwirrten. Doch diesem Drang durfte sie nicht nachgeben. „Ich bin sicher, dass es mir nach einer kurzen Pause besser geht.“

„Trotzdem. Ich lasse nach ihm schicken.“

Dieser Mann ließ keine Einwände zu, allerdings war sie ja bereits über seine Arroganz und Rücksichtslosigkeit im Bilde.

„Danke, aber das ist nicht nötig.“

„Wie Sie wünschen.“

Das tue ich. Weist man Sie nie zurück?

Irgendwie gelang es Laura, sich zu fassen und eine kleine Stichelei zu wagen. „Lady Alice ist ein entzückendes Kind.“

Hätte sie seine Reaktionen nicht so aufmerksam beobachtet, wäre ihr vermutlich entgangen, dass er kurz zögerte. Dennoch antwortete er gelassen und ohne aus dem Schritt zu geraten: „Sie ist nicht Lady Alice, sondern Miss Falconer.“

„Oh, bitte verzeihen Sie. Im Dorf sagte man, Sie seien ein Earl. Ich muss es missverstanden haben.“

„Ich bin Earl. Trotzdem war ich nie verheiratet, schon gar nicht mit Alices Mutter“. Er musste ihr überraschtes Aufatmen entweder als Empörung oder Verlegenheit über seine freimütige Antwort gedeutet haben. „Ich sehe keinen Grund, warum das Kind unter den Sünden seines Vaters leiden sollte. Ich werde nicht zulassen, dass man ihre Existenz verleugnet, als müsste ich mich für sie schämen.“

„Natürlich nicht.“ Laura heftete den Blick auf das Revers seiner Weste und fügte bissig hinzu: „Sie sieht ihrem Vater sehr ähnlich.“

Sie hatte ins Schwarze getroffen, denn sie spürte, wie sich die Muskeln seiner Arme kurz anspannten. Er blieb jedoch ruhig. „Sehr ähnlich“, stimmte Lord Wykeham zu. Er schien ihren bitteren Unterton nicht bemerkt zu haben.

Sie fand es höchst eigenartig, diesen höflichen Schlagabtausch in den Armen des Gegners auszutragen. Wäre der Mann nicht so beherrscht und in so ausgezeichneter Form gewesen, hätte er wahrscheinlich durch seine Körperhaltung Gefühle verraten, selbst wenn er es schaffte, seinen Gesichtsausdruck und seine Stimme zu kontrollieren. Da er unmöglich ahnen konnte, wer sie war, zählte diese Selbstbeherrschung vermutlich zu seinen Charaktereigenschaften. Er war warm und roch angenehm männlich nach sauberem Leinen und Leder. Diesen vertrauten und doch geheimnisvollen Geruch männlicher Haut hatte sie vermisst. Nun spürte sie die Muskeln unter seiner Kleidung und die verführerische Stärke, die von ihnen ausging. Es war diese männliche Kraft, die Frauen stets glauben ließ, ein solcher Mann würde zu ihnen stehen und ihnen treu sein.

Sie hatten die Kuppe des Hanges erreicht. Laura blickte auf und sah, dass auf der weitläufigen Rasenfläche unter einem Baum Tisch und Stühle aufgestellt waren. Ein Dienstmädchen verteilte Geschirr, und Alice sprach mit einem Diener, der in Lauras Richtung schaute. Dahinter erkannte Laura das Herrenhaus, dessen französische Fenster weit offen standen, um die milde Frühlingsluft hineinzulassen.

„Was für ein entzückendes Haus“, bemerkte Laura. Sie war nie hier gewesen, aber Piers hatte es oft beschrieben. Es hätte ihrer beider Liebesnest sein sollen, weitab von dem gesellschaftlichen Treiben Londons. Sie hatte sich oft vorgestellt, diesen Ort in ein Heim zu verwandeln, in dem Piers nach seiner Rückkehr aus dem Krieg Liebe und Frieden finden sollte. Ein Heim, in dem ihre kleine Familie hätte glücklich werden sollen. Nun betrat sie es als Fremde, und nur die Vorfreude auf das heimliche, einseitige Duell, das sie bereits begonnen hatte, linderte ihren Schmerz.

„Ja, es ist angenehm und gut aufgeteilt. Etwas klein, verglichen mit Wykeham Hall, und die Ländereien sind nicht so weitläufig, aber es ist fruchtbares Land.“

„Dies ist also nicht der Hauptsitz Ihrer Familie?“, fragte Laura, als sie beim Tisch ankamen.

„Nein, ich habe es von einem Cousin geerbt.“ Er wartete, bis der Diener einen robusten Lehnstuhl abstellte und Alice eine Fußbank davorschob. „Bitte nehmen Sie Platz.“

Lord Wykeham setzte sie so schwungvoll auf dem Stuhl ab, als wäre er erleichtert, sich ihrer zu entledigen. Warum sollte er sie auch länger als nötig im Arm halten wollen? Sie hatte die starke Anziehungskraft, die er auf sie ausübte, verleugnet und ihre weiblichen Reize unterdrückt. Stattdessen hatte sie sich kalt und abweisend gezeigt und ihn mit unhöflichen Fragen traktiert.

Und wenn ich es für notwendig erachten sollte, ihn zu verführen? Würde ich die Kraft dazu haben, obwohl er mir mein Kind genommen hat? Warum nicht? Er wäre nur ein Gentleman von vielen, die ich umgarnt und mit deren Verlangen ich gespielt habe. Es würde ihr nicht schwerfallen, Interesse für ihn zu zeigen und seine Nähe zu suchen, denn er sah so blendend aus wie Piers. Mehr noch – er war kein junger Mann mehr, dessen körperliche Kraft sich noch entwickelte. Der Earl war stark, erfahren … und gefährlich.

Als alle am Tisch versammelt waren, lächelte Laura Alice zu und fühlte, wie die eisige Kälte, die sie bei dem Gespräch mit Wykeham erfasst hatte, langsam schmolz. Endlich konnte sie ihrer Tochter nahe sein, sie ansehen und mit ihr sprechen. Wenn ich sie nur umarmen könnte!

„Danke, dass du mir die Fußbank gebracht hast“, sagte sie und legte ihren Fuß darauf. Als sie die Röcke zurechtzupfte, um ihre schmale Stiefellette, unter deren Leder sich ihre Fessel abzeichnete, zu bedecken, erhaschte sie den flüchtigen Blick des Earls. Hmm, anscheinend bin ich ihm doch nicht so gleichgültig? Das könnte nützlich sein … War es der Gedanke, mit einem solchen Mann zu flirten, der sie frösteln ließ, oder die Abscheu vor sich selbst, dies überhaupt in Erwägung zu ziehen?

„Tut Ihr Fuß sehr weh?“ Alice stand direkt neben dem Stuhl und sah Laura aufmerksam an. Ihre Augen waren klar und grün. Wie bei ihrem leiblichen Vater gaben die geschwungenen Augenbrauen ihrem Gesicht den Anschein, als würde sie fortwährend lächeln. Der Earl hatte dieselben Brauen, aber bei ihm erzeugten sie zynische Züge, die sich erst auflösten, wenn er lachte.

„Nein, danke, es geht schon viel besser, jetzt, wo er ruht. Ich bin sicher, es ist nur eine leichte Zerrung.“ Hatte das Kind etwas von ihr? Laura betrachtete das reizende kleine Gesicht, konnte aber nichts entdecken, dass ihre Verwandtschaft verriet, außer vielleicht eine leichte Ähnlichkeit in der feinen Linie ihrer Nase und der sanft gebogenen Oberlippe. Das Haar, der Teint und die Augen unterschieden sich von ihren, denn sie selbst hatte dunkelblondes Haar, braune Augen und blasse Haut. Vielleicht würde Alice ihr ähnlicher sehen, wenn sie zur Frau heranwuchs.

„Warum tragen Sie ein schwarzes Kleid? Ist jemand gestorben?“, fragte Alice.

„Alice, das ist eine sehr persönliche Frage“, wies Wykeham sie zurecht.

„Es ist schon gut.“ Laura konnte ihre erfundene Geschichte leichter erzählen, wenn sie auf die unschuldige Frage des Kindes antwortete, statt sie in die Konversation mit dem Earl einfließen zu lassen. „Ja, Alice. Ich habe meinen Gatten verloren.“ Im Grunde sagte sie die Wahrheit, denn tief in ihrem Herzen war Piers in jeder Hinsicht ihr Mann gewesen, auch wenn sie nicht gemeinsam vor den Altar getreten waren. „Und dann starben meine Eltern.“

Alices Hand umfasste ihren Arm, klein, warm und voller Vertrauen. Diese Berührung war so kostbar, dass sie schmerzte. „Deshalb sind Ihre Augen so traurig“, sagte sie mit zitternden Lippen. „Ich verlor meine Mama. Wirklich, denn sie ist nicht tot. Papa sagt, sie musste fortgehen und wird nie wiederkommen.“

Das ertrage ich nicht. Aber ich muss! „Ich bin sicher, deine Mama würde zurückkommen, wenn sie könnte“, antwortete Laura und strich mit den Fingerspitzen sanft über die Wange des Kindes. „Ich bin überzeugt, dass sie jeden Tag an dich denkt. Aber wir können nicht immer tun, was wir gern möchten, selbst wenn wir es uns von Herzen wünschen.“

„Alice, lauf hinein und bitte Miss Blackstock, uns beim Tee Gesellschaft zu leisten“, unterbrach Wykeham ihren Dialog.

Laura blickte Alice an, aber das Kind schien unbeeindruckt von dem schroffen Ton und dem Unmut in der Stimme des Earls. Offenbar liebte es diesen Mann, den es für seinen Vater hielt, aufrichtig und vertraute ihm. Laura wartete, bis die kleine Gestalt ins Haus gehuscht war, und fragte dann ohne nachzudenken. „Warum sagten Sie Alice nicht, ihre Mutter sei gestorben?“

3. KAPITEL

Lord Wykeham hätte allen Grund gehabt, verstimmt zu sein. „Ich werde sie nicht anlügen“, erwiderte er barsch. „Nehmen Sie Sahne oder Zitrone in Ihren Tee, Mrs Jordan?“

„Zitrone, bitte“, antwortete Laura abwesend. „Aber Sie …“ Sie verschluckte den Rest des Satzes. Aber Sie geben vor, ihr Vater zu sein. „Denken Sie nicht, dass es für sie schwieriger zu verstehen ist?“ Seine Miene wurde noch bitterer. „Bitte verzeihen Sie, Mylord, ich habe kein Recht, so etwas zu fragen.“

„Alice mag Sie“, sagte er, ohne auf ihre Bemerkung einzugehen. „Haben Sie eigene Kinder, Mrs Jordan?“

„Ich habe ein Kind verloren und bekam keine weiteren.“ Es war ungefährlich, zu erwähnen, dass sie ein Kind geboren hatte. Er würde nie vermuten, dass sie Alices Mutter sei könnte. Zweifellos nahm er an, dass sie vor drei oder vier Jahren geheiratet hatte, kurz nach ihrem Debüt, wie es in der feinen Gesellschaft üblich war.

„Sie ist von Natur aus ein freundliches und liebes Kind, nehme ich an.“ Er nickte und reichte ihr einen Teller mit Salzgebäck. „Hat sie viele Spielgefährten in der Nachbarschaft?“

„Nein, keine. Alice hat ihre Kindheit fast ausschließlich im Ausland verbracht. Wir sind erst vor einem Monat vom Kontinent zurückgekehrt, und es gab sehr viel zu tun. Aber Sie haben recht, diesen Punkt anzusprechen, Mrs Jordan. Ich sollte mich bemühen, hier Kontakte zu knüpfen, damit sie Freunde in ihrem Alter findet.“

„Mylord, ich hatte nicht die Absicht, Kritik zu üben.“ Was so nicht stimmte. Wie leicht dieser Mann sie durchschaute. Als Diplomat war er es sicher gewohnt, Menschen zu beobachten, genau zuzuhören und die Wahrheit hinter den Fassaden zu erkennen. Sie würde auf der Hut sein müssen. Ihr Blick schweifte zum Haus, doch dann wandte sie sich schnell wieder dem Teetisch zu. Wykeham durfte nicht erfahren, wie sehr sie sich nach Alice sehnte.

„Dann sagen wir also nur andeuten“, erwiderte er und lächelte sie zum ersten Mal an. Laura spürte, wie sie unwillkürlich zurücklächelte. Dieser Mann hatte unglaublich viel Charme, wenn er lächelte. Das verwirrte sie, denn sie durfte keine guten Seiten an ihm entdecken. Nicht eine einzige. Er hat mir mein Kind gestohlen. Sie senkte den Blick, ehe er ihre zwiespältigen Gefühle bemerken konnte.

„Papa! Hier ist Blackie.“ Alice schien ständig herumzuwirbeln. Sie musste jäh vor Lauras Stuhl anhalten, um nicht dagegenzulaufen. Als Kind hatte ich auch so viel Energie, dachte Laura schmerzlich. „Mrs Jordan, dies ist Blackie.“

Die Kinderfrau machte einen Knicks. „Miss Blackstock, Madam.“

„Miss Falconer macht Ihnen alle Ehre, Miss Blackstock.“ Und es spricht für Lord Wykehams Sorge um Alice, dass er sie für das Kind eingestellt hat, dachte Laura. Sie gestand sich widerstrebend ein, dass er vielleicht doch nicht so ein Ungeheuer war, wie sie angenommen hatte, wenn Alice ihn liebte und er ihre Betreuerin so sorgfältig ausgewählt hatte. Aber sie wollte nicht besonnen und gerecht sein, sie wollte ihn schlicht und einfach hassen.

„Danke, Madam.“ Die Kinderfrau setzte sich neben Alice, und es entspann sich eine kleine Diskussion darüber, ob man Brot und Butter vor dem Kuchen essen sollte. Diese zwanglose familiäre Mahlzeit entsprach so gar nicht dem, was sie erwartet oder sogar befürchtet hatte, stellte Laura verwirrt fest. Sie hatte sich darauf eingestellt, ihr Kind von einem unbarmherzigen Tyrannen zu befreien. Stattdessen fand sie ein glückliches Mädchen vor und einen liebenden Vater, der sich nur zeitweise hinter einer strengen Fassade verbarg.

Schließlich ging die Teezeit zu Ende. Obwohl Miss Blackstock verzweifelt protestiert hatte, hatte Alice dem Earl ein letztes Stückchen Kuchen abgebettelt und rutschte nun von ihrem Stuhl. „Darf ich aufstehen, Papa?“

„Du bist es bereits“, antwortete er.

Alice lächelte ihn an, und kleine Grübchen erschienen auf ihren Wangen. Dann schaute sie Laura ernst an.

„Werden Sie uns wieder besuchen, Mrs Jordan? Wir sind stets fröhlich und es gibt immer leckeren Kuchen. Vielleicht sind Sie dann nicht mehr so traurig. Sie dürfen auch mit meinen Kätzchen spielen.“

„Miss Alice!“ Miss Blackstock sprang auf und blickte Laura entschuldigend an.

„Der Kuchen war wirklich sehr lecker und die angenehme Gesellschaft hat mich tatsächlich aufgeheitert“, erwiderte Laura. Konnte sie es wagen, wiederzukommen? Sie durfte dem Kind nichts versprechen, was sie nicht halten konnte.

„Jackson!“ Auf Anforderung des Earls kam ein Diener über den Rasen gelaufen. „Gehen Sie zum Stall und bitten Sie Ferris, den Gig anzuspannen, um Mrs Jordan zurück ins Dorf zu bringen.“

„Bitte, ich möchte keine Umstände bereiten, ich kann laufen“, wandte Laura ein. „Mein Knöchel fühlt sich wieder gut an.“

„Ich kann nicht erlauben, dass Sie ohne Begleitung heimgehen. Da es aber wahrscheinlich besser ist, wenn man uns nicht zusammen aus dem Wald kommen sieht, sollten Sie die Kutsche nehmen.“ Das Lächeln war auf sein Gesicht zurückgekehrt. An dem Blick, den er ihr dabei zuwarf, erkannte sie, dass er ihre weiblichen Reize durchaus wahrnahm, obwohl er nicht mit ihr flirtete.

„Ich stimme Ihnen zu, Lord Wykeham.“ Wenn sie jetzt die Lider senkte, würde das bedeuten, dass sie auf seinen Blick einging. Deshalb schenkte sie ihm ein wohlkalkuliertes, höfliches, aber keineswegs verführerisches Lächeln. „Danke.“

„Ich weiß nicht, was ich tun soll!“ Laura ging im Salon des Cottages auf und ab. „Ich dachte, sie wäre unglücklich und einsam, doch anscheinend hat sie ihn wirklich lieb und er sie auch.“

„Was würden Sie tun, wenn es anders wäre?“, fragte Mab. „Das arme Kindchen entführen?“

„Vor Gericht gehen, denke ich“, erwiderte Laura. „Das würde zwar meinen Ruf ruinieren, es wäre jedoch die einzige Möglichkeit, die mir bliebe.“

„Aber sie ist glücklich, wird gut umsorgt und geliebt! Warum belassen Sie es nicht einfach dabei?“ Mab hatte die Arme in die Seiten gestemmt.

„Weil er sie nicht verdient! Er hat gelogen und sie den Brownes wie eine Sklavin abgekauft. Er hat kein Recht auf sie!“

„Sie ist von zweifelhafter Herkunft“, erklärte Mab, während sie begann, den Kaminsims abzustauben. „Es führt kein Weg daran vorbei. Der Earl ist ihre Familie und sie hat es bei ihm besser als irgendwo sonst, vorausgesetzt, er behandelt sie gut. Er kann sie besser schützen, als Sie es könnten.“

„Er ist reich, er ist privilegiert, er ist …“

„Das sind Sie auch“, gab Mab nüchtern zurück. „Aber er ist ein Mann. Sie könnten ihr nie den gleichen Schutz bieten wie er. Sein Ruf leidet nicht, nur weil er ein uneheliches Kind anerkennt, Ihrer allerdings würde so geschädigt, dass Sie jeglichen gesellschaftlichen Einfluss verlören.“

„Ich mag ihn nicht.“ Erschöpft ließ sich Laura auf das Sofa fallen.

„Warum auch?“, fragte Mab. „Sie brauchen nicht mit ihm leben. Alice schon.“

Ich bin ihre Mutter.“ Sie presste die Worte heraus. „All die Jahre, in denen ich um sie getrauert habe …, doch sie lebt! Und nun … nun muss ich tun, was am besten für sie ist. Oh Mab, es tut so weh, so furchtbar weh.“

„Ach, Herzchen …“ Mab legte das Staubtuch beiseite. „… bitte weinen Sie jetzt nicht. Das haben Sie die letzten Monate viel zu oft getan.“

„Ich weine nicht.“ Ihre Augen waren trocken, denn sie verschloss die Tränen tief in ihrem Inneren.

Mab kam zu ihr und setzte sich neben sie. „Alice liebt den Earl, und wie es sich anhört, sorgt er bestens für sie. Er ist anscheinend ein Ehrenmann, der zu seiner Familie steht, koste es, was es wolle. Sie sollten sich für ihre Tochter freuen und Ihr eigenes Leben in die Hand nehmen. Wykeham wird sicher bald wieder ins Ausland gehen, schließlich ist er Diplomat. Stellen Sie sich vor, was Alice auf dem Kontinent alles zu sehen bekommt, was sie dort alles tun kann. Und wenn sie erwachsen ist, wird er ihr eine schöne Mitgift geben und einen netten Ehemann für sie finden. Sie wird glücklich sein, Sie werden sehen.“

„Ich weiß.“ Ich weiß, dass es richtig ist. Ich bin froh, dass sie lebt und so ein aufgewecktes Kind ist, so lieb und reizend. Aber sie wird nie wissen, dass Piers ihr richtiger Vater ist, sie wird nie erfahren, dass ihre Mutter sie liebt und sie bei sich haben wollte. „Ich werde noch eine Woche bleiben, nur eine einzige. Ich werde sie wiedersehen und mich vergewissern, dass sie behütet und glücklich ist. Danach reise ich zurück nach London, lege meine Trauerkleider ab und nehme wieder am Leben der Gesellschaft teil.“

„Das ist gut so. Aber wer soll Ihre Anstandsdame werden?“, fragte Mab. „Sie konnten sich ja für keine der Gesellschafterinnen, die sich bei Ihnen vorstellten, erwärmen.“

Sie stand auf und tätschelte Laura den Rücken, ehe sie sich wieder dem Staub zuwandte.

„Ich habe Florence geschrieben, der Cousine meiner Mutter. Sie ist verwitwet und nicht besonders gut situiert. Sie antwortete, dass sie gern meine Anstandsdame wäre.“

„Was? Lady Carstairs? Die, von der Ihre Mutter immer behauptete, sie habe nichts im Kopf? Sie wird Ihnen als Anstandsdame nicht viel nutzen.“

„Dafür bin ich sowieso zu alt. Ich brauche nur eine Begleiterin, um den Schein zu wahren.“

„Hmm“, schniefte Mab.

„Ja, ich weiß, ich bin schrecklich ungezwungen und schamlos. Allerdings bin ich auch nicht auf der Suche nach einem Ehemann. Solange man mich empfängt, ist mir die Meinung der anderen gleichgültig.“

„Es wird viele Männer geben, die das kleine Malheur in Ihrer Vergangenheit bereitwillig übersehen würden.“

„Aufgrund meiner Herkunft und meiner Mitgift?“ Genauso wie viele Gentlemen Alices Herkunft übersehen werden, wenn sie ihr Debüt gibt. Nur wegen ihres einflussreichen Vaters und des Geldes, das er ihr mitgeben wird. „Daran glaube ich nicht. Ich möchte auch nicht, dass irgendein Mann irgendetwas übersieht, solange dies nicht aus Liebe geschieht.“ Und keiner würde nahe genug zu ihrem Herz vordringen, um solche Gefühle zu wecken. Sie hatte nicht den Mut, sich auf eine neue Liebe einzulassen, denn eine weitere Enttäuschung würde sie nicht überleben.

Feigling, höhnte eine leise Stimme in ihrem Inneren. Es hatte eine Zeit gegeben, da hätte sie alles für ein wenig Liebe getan. Das war jetzt vorbei. Die einzige Schlacht, in die sie bereitwillig ziehen würde, war die um Alices Wohlergehen.

Plötzlich schlug sich Mab mit der Hand an den Kopf. „Ich vergesse noch meinen eigenen Namen! Es waren Besucher für Sie hier. Das habe ich völlig vergessen, als ich Sie so kreideweiß zurückkommen sah. Sie haben ihre Karten hinterlassen, ich hole sie.“

Gleich darauf reicht Mab ihr drei Visitenkarten. Laura las sie und stellte fest, dass sie alle von verheirateten Damen stammten. Ihre Ecken waren eingeknickt als Zeichen dafür, dass die Damen persönlich vorgesprochen hatten.

„Dein Besuch im Dorfladen hat offenbar Interesse geweckt.“

„Hinter dem Tresen stand eine ziemlich geschwätzige Person. Sie wird jedem erzählt haben, dass Sie jetzt hier wohnen. Ich habe bewusst Ihren Namen genannt – natürlich nicht Ihren richtigen Namen –, damit man weiß, dass wir ehrbare Leute sind“, erklärte Mab.

„Mrs Gordon, die ehrenwerte Mrs Philpott und Mrs Trimmett. Sie ist die Gattin des Pfarrers, nehme ich an, da die Adresse des Pfarrhauses angegeben ist. Ich werde sie gleich morgen besuchen. Auf den Karten steht, dass sie alle dienstags bei sich zu Hause empfangen.“

„Was?! Wollen Sie riskieren, dass die Damen etwas herausfinden?“

„Warum sollten sie mir nicht glauben? Ich gebe ja nur vor, eine trauernde Witwe zu sein, und werde damit kaum ihre Neugierde wecken. Im Gegenteil: Wenn ich nicht hingehe, würde es seltsam erscheinen.“ Laura hatte die Karten in der Hand aufgefächert und war zu einem Entschluss gekommen. „Ich werde noch eine Woche bleiben und versuchen, so viel wie möglich über Wykeham herauszufinden. Diese Damen und ihre Freundinnen werden über seine Anwesenheit ganz entzückt sein und viel Interessantes zu erzählen wissen.“

„Sie haben Geschwätz doch immer verachtet“, murmelte Mab.

„Das tue ich, aber notfalls werde ich es mir zunutze machen. Ich wette, diese Damen sind über alles im Bilde, was im Herrenhaus vor sich geht. Ich muss sie nur dazu bringen, es mir zu erzählen.“

Einer der Nachteile meiner Tarnung ist, dass ich keinen Diener zur Verfügung habe, der mich begleitetet, und keine Kutsche, mit der ich vorfahren kann, überlegte Laura, als sie am folgenden Tag den Türklopfer der Pfarrei betätigte.

„Madam?“ Die Tür wurde glücklicherweise von einem Butler geöffnet, der nicht im Mindesten so hochnäsig war wie seine Londoner Kollegen.

Laura übergab ihre Karte. „Ist Mrs Trimmett zu Hause?“

Der Butler schaute kaum auf den Namen. Auf dem Land war alles viel ungezwungener. „Gewiss, Mrs Jordan. Bitte treten Sie ein.“ Er nahm ihr den Sonnenschirm ab und öffnete eine Tür. „Mrs Jordan, Madam.“

Zwei Damen saßen an einem Teetisch. Die grauhaarige, etwas mollige Frau erhob sich. „Mrs Jordan! Guten Tag, Madam. Ich freue mich, Sie zu sehen. Bitte erlauben Sie mir, Ihnen Mrs Gordon vorzustellen.“ Sie strahlte die Zuversicht einer Dame aus, die sich ihrer etablierten Stellung in der Gemeinde bewusst war und ihr Leben damit verbrachte, Ausschüsse, Wohltätigkeitsveranstaltungen und Ähnliches zu organisieren.

Laura und Mrs Gordon – eine blassblonde Dame unbestimmten Alters – verneigten sich voreinander, und Laura setzte sich. Zwei Fliegen mit einer Klappe, dachte sie und musste innerlich lächeln. „Ich bedaure, dass ich gestern nicht zu Hause war, als Sie liebenswürdigerweise Ihre Karten hinterließen. Wenn man fremd ist, sind neue Bekanntschaften sehr erfreulich.“

Bei einer Tasse Tee stellte sich Laura einem höflichen Verhör. Sie berichtete Einzelheiten über ihren vorgeblichen Trauerfall, sprach von ihrer angeschlagenen Gesundheit und ihren Plänen, in ihre Heimat zurückzukehren, sobald sie sich hinreichend erholt hätte. Die beiden Damen nickten mitfühlend und versicherten ihr aufrichtig, dass Westerwood ein entzückendes Fleckchen sei, an dem sie sicher schnell genesen würde. Dann fragten sie vorsichtig nach Lauras Herkunft und Familie.

Während sie an einem Plätzchen knabberte, enthüllte Laura Teile ihrer erfundenen Geschichte.

„Sie werden feststellen, dass jeder hier sehr liebenswert und gastfreundlich ist“, sagte Mrs Gordon. Wie Mab Laura berichtet hatte, war sie die Gattin eines Anwalts aus der Stadt, der sich aufs Land zurückgezogen hatte, um zu angeln und Jagdhunde zu züchten.

„Ich hoffe es sehr“, flüsterte Laura und nutzte die Gelegenheit. „Ich fürchte, ich habe gestern versehentlich den Eigentümer des Herrenhauses belästigt.“

„Den Earl of Wykeham?“ Beide Damen wurden sofort hellhörig.

„Ja, ich bin beim Spazierengehen im Park vom Weg abgekommen. Als ich plötzlich dem Earl begegnete, erschreckte ich mich und verstauchte mir den Fuß. Der Earl war so liebenswert, mir eine Erfrischung anzubieten und mich in seiner Kutsche heimfahren zu lassen.“ Es war unmöglich, eine solche Begebenheit in einem Dorf geheim zu halten, und sie merkte an den aufmerksamen Blicken, dass die Damen bereits Bescheid wussten.

„Nun! Wie unangenehm für Sie“, bemerkte Mrs Trimmett mit unverhohlenem Genuss und lehnte sich interessiert vor.

„In der Tat etwas misslich, aber er hat mir die Störung verziehen. Oh, Sie meinen die Erfrischung? Nur eine Tasse Tee im Freien. Selbstverständlich hätte ich mir nie erlaubt, hineinzugehen.“

„Selbstverständlich“, antworteten beide gleichzeitig. Offensichtlich konnten sie es kaum erwarten, selbst dort aufzuwarten.

„Bitte erzählen Sie“, drängte Mrs Gordon. „Wie ist der Earl? Mein Gatte hat natürlich schon vorgesprochen und seine Karte hinterlassen, ich selbst hatte noch nicht das Vergnügen, ihn kennenzulernen.“

„Er war völlig korrekt und höflich, aber ich fand ihn etwas arrogant, wissen Sie. Vielleicht liegt es an diesen teuflisch geschwungenen Augenbrauen …“

Die beiden Damen wurden plötzlich sehr still, ihre erwartungsvollen Mienen erstarrten in gekünsteltem Lächeln. Zu spät spürte Laura den Luftzug in ihrem Nacken, als sich die Tür hinter ihr öffnete.

„Der Earl of Wykeham“, verkündete der Diener.

4. KAPITEL

Wykeham konnte ihre Worte unmöglich überhört haben. Am liebsten wäre sie sofort aus dem Zimmer gelaufen, doch sie unterdrückte diesen inneren Trieb. Es blieben ihr nur zwei Möglichkeiten: Sie konnte sich entschuldigen und dabei womöglich noch mehr blamieren, oder sie konnte so tun, als hätte sie diese Worte nie gesagt.

„My… Mylord.“ Sogar Mrs Trimmetts Selbstsicherheit schien erschüttert. „Wie schön, dass Sie uns besuchen. Darf ich Sie mit Mrs Gordon bekannt machen?“ Der Dame gelang ein höflicher Gruß. „Und Mrs Jordan, die Sie, glaube ich, bereits kennen“, fügte sie hinzu. Der Earl hatte den Raum betreten und begrüßte die Anwesenden formvollendet.

„Mrs Gordon. Und Mrs Jordan, so treffen wir uns wieder. Haben Sie sich von Ihrem Sturz erholt?“ Seine Stimme war seidenweich, so höflich, dass Laura sich fragte, ob er ihren Fauxpas tatsächlich gehört hatte. Dennoch trat eine verräterische Röte auf ihre Wangen.

„Der Fuß schmerzt überhaupt nicht mehr, danke, Lord Wykeham.“ Ihr Blick flog zur Wanduhr. Sie war seit zwanzig Minuten hier. Mrs Gordon würde sicher bald gehen, wenn sie sich an die Regeln für morgendliche Besuche hielt, und auch ihre eigene halbe Stunde war fast vorbei. „Ich erzählte den Damen gerade, dass ich gestern unbefugt Ihren herrlichen Park betrat.“ Als Mrs Trimmett ihr eine weitere Tasse Tee anbot, lächelte sie und lehnte dankend ab. Sie würde ihren restlichen Tee austrinken und sich dann höflich verabschieden. Mrs Gordon hatte offenbar die Absicht, noch zu bleiben, jetzt, wo dieser faszinierende Besucher eingetroffen war.

„Ganz und gar nicht unbefugt. Und meine Tochter Alice war sehr erfreut, Sie kennenzulernen“, entgegnete der Earl.

Die beiden älteren Damen versteiften sich und das höfliche Lächeln auf ihren Lippen gefror. Das hat er mit Absicht gesagt, um ihre Reaktionen zu sehen, dachte Laura. Dann wurde ihr schlagartig etwas bewusst. Das ist meine Tochter, über die sie so missbilligend die Mienen verziehen.

„Miss Alice ist ein entzückendes Kind“, sagte sie. „Wirklich bezaubernd und so hübsch und aufgeweckt. Sie macht Ihnen alle Ehre, Mylord. Ich hoffe, dass sie hier in der Gegend bald Freunde findet. Haben Sie Enkelkinder, Mrs Trimmett?“

Die Gattin des Pfarrers wirkte äußerst pikiert. „Äh, …, ja, aber sie leben in Dorset. Sehr bedauerlich.“

„Meine kommen mich nächste Woche besuchen“, erklärte Mrs Gordon. „Meine beiden lieben Enkelinnen. Vielleicht würde Miss Alice gern zum Tee zu uns kommen?“ Sie wirkte selbstgefällig und zugleich unsicher. Laura musste fast lachen, denn sie konnte sich die Gedanken der älteren Frau vorstellen – die Tochter eines Earls, … aber unehelich. Einerseits die Gelegenheit für eine Verbindung zum Herrenhaus, … andererseits die Gefahr, dass ihre Nachbarn diese Bekanntschaft missbilligen könnten.

„Ich freue mich, die Einladung in Alices Namen anzunehmen“, antwortete der Earl.

Laura warf ihm einen Blick zu und sah, dass er höflich, vielleicht auch etwas verschmitzt lächelte. Oder bildete sie sich das ein? Vielleicht hatte sie ihre taktlose, unentschuldbare Bemerkung über ihn wiedergutgemacht, indem sie Alice gegen die Vorurteile der beiden Damen verteidigt hatte.

„Nun, es ist für mich an der Zeit zu gehen. Ich habe mich gefreut, Sie kennenzulernen, Mrs Trimmett, Mrs Gordon. Möglicherweise habe ich auch das Glück, Mrs Philpott zu Hause anzutreffen“, sagte sie und erhob sich. Wykeham stand ebenfalls auf und kam ihr dabei viel zu nahe.

„Ich war vor ungefähr einer Stunde bei ihr“, sagte Mrs Gordon. „Sie werden sie sicher in Laurel Lodge antreffen. Ihr Besuch war mir ein Vergnügen, Mrs Jordan.“

Nach einem leichten Knicks vor dem Earl, der ihr die Tür aufhielt, ging Laura hinaus und hoffte, dass es nicht wie eine Flucht wirkte.

Vor dem Pfarrhaus stand ein Zweispänner mit Reitknecht. Sie vermutete, dass er dem Earl gehörte, und warf einen neidvollen Blick auf die beiden Pferde. Dann schlug sie den Weg in Richtung Laurel Cottage ein.

Laura ließ sich Zeit und hoffte, an der frischen Luft ihre Fassung wiederzugewinnen. Ihre Wangen fühlten sich nun nicht mehr glühend heiß an. Was war nur in sie gefahren? Vielleicht hatte sie sich insgeheim gewünscht, die anderen Damen würden nach ihrer Bemerkung über Lord Wykeham ebenfalls über ihn herziehen. Doch sie hatte genau das Gegenteil bewirkt. Bestimmt würde er nun erst recht nicht mehr daran denken, sie noch einmal ins Herrenhaus einzuladen. Sie hatte sich von ihren Gefühlen hinreißen lassen und damit die Verbindung zu ihrer Tochter aufs Spiel gesetzt.

„Sehr rustikal, Mylord.“ Gregg lehnte mit vor der Brust verschränkten Armen und einem spöttischen Grinsen an dem Zweispänner.

„Genau das zeichnet das Leben auf dem Land aus“, stimmte Avery zu und stieg in die Kutsche.

„Wir sind es wohl kaum gewohnt, Mylord.“

„In der Tat.“ Ganz zu schweigen von dem völligen Mangel an Theatern, Schenken und anderen Vergnügungsstätten. Dies muss für einen stattlichen Reitknecht, der sich gern amüsiert und eine Schwäche für hübsche Mädchen hat, äußerst schmerzlich sein, vermutete er. „In ein oder zwei Wochen fahren wir nach London“, beschwichtigte er seinen Angestellten. Gregg stand seit über zehn Jahren in seinem Dienst und genoss Freiheiten, die anderen Dienern nicht gestattet waren.

Der junge Mann grunzte zufrieden und ließ die Pferde antraben. Averys Gedanken wanderten zu der geheimnisvollen Mrs Jordan. Warum stand sie ihm so ablehnend gegenüber? Die angeblich provozierende Form seiner Brauen konnte kaum der Grund sein, dass eine wohlerzogene Dame ihre Abneigung derart offen äußerte. Ihr Verhalten ihm gegenüber war jedoch überaus höflich gewesen, etwas kühl vielleicht. Dennoch fiel ihm eine ständige Wachsamkeit, ja sogar eine gewisse Feindseligkeit an ihr auf. Vielleicht verhielt sie sich bei allen Männern so, vielleicht hatte sie schlechte Erfahrungen gemacht? Trotzdem sagte ihm sein Gefühl, dass es sich um etwas Persönlicheres handeln musste.

Was schade war, denn Mrs Jordan hatte sofort Alices Zuneigung gewonnen und er selbst fand sie sehr anziehend. Allerdings war er es nicht gewohnt, dass eine Dame sich ihm gegenüber so wenig zugänglich zeigte – dies musste er sich mit einem ironischen Lächeln eingestehen.

„Hier müssen wir abbiegen, Mylord.“ Gregg wies auf eine schmale Gasse.

Jetzt hatte er also die Wahl. Er konnte zulassen, dass eine scharfzüngige Witwe ihn in die Flucht schlug, oder ihre Feindseligkeiten eine halbe Stunde lang in Mrs Philpotts Haus ertragen. Zum Teufel, dachte er, und gab Gregg Anweisung, die Pferde in die Gasse zu lenken. Er hatte erfahren, dass es in Mrs Philpotts Verwandtschaft Kinder gab, und er würde Alice nicht mögliche Spielkameraden vorenthalten, nur weil Mrs Jordan Vorurteile gegen ihn hegte.

Und da war sie, spazierte langsam und sorglos den Weg vor ihm entlang. Wieder ging sie ohne Begleitung. Da es aber helllichter Tag in einem beschaulichen Dorf war, konnte man daraus keine Schlüsse auf ihre Mittel, Ehrbarkeit und Herkunft ziehen.

Die Pferde gingen Schritt, der Boden war weich und Mrs Jordan schien die Kutsche nicht gehört zu haben. Avery ließ die Pferde laufen, bis sie mit ihr auf einer Höhe waren. Als eines der Tiere schnaubte, bemerkte er, wie sie aufschreckte. Ihre Miene war beherrscht, und doch schien ihr Körper ihre Gefühle zu verraten. Er erinnerte sich an die Röte, die ihren zarten Nacken überzogen hatte, als sie in Mrs Trimmetts Salon saß und erkannt haben musste, dass er ihre schneidenden Worte gehört hatte. Am liebsten hätte er diese warme Haut berührt und behutsam erkundet, wie weit die Röte wohl gehen mochte …

„Mrs Jordan? Noch einmal guten Tag. Darf ich Sie zum Haus der Philpotts mitnehmen?“

Ihre Augen wanderten zu Greggs stattlicher Figur. „Danke, Lord Wykeham, aber ich genieße die Bewegung an der frischen Luft.“ Sie setzte ihren Weg fort.

Sie wollte also nicht im Beisein seines Reitknechts sprechen, was verständlich war. „Gregg, nimm die Zügel“, sagte er. „Warte in einer halben Stunde vor Laurel Lodge.“ Er musste diese Situation unbedingt klären.

Sie schaute der Kutsche nicht nach, als diese vorüberfuhr, doch sie war auch nicht überrascht, als Avery an ihrer Seite erschien. „Mylord? Ich denke nicht, dass ich eine Eskorte benötige, um einige hundert Yards durch ein Dorf zu gehen.“

„Aber ich wünsche ein Gespräch mit Ihnen.“

„Und zweifellos eine Entschuldigung. Bitte nehmen Sie mein aufrichtiges Bedauern für meine unpassenden Worte im Pfarrhaus entgegen, Mylord.“

„Ich wünschte, Sie würden aufhören, mich Mylord zu nennen.“

Dieser Satz war ihm unwillkürlich entglitten, und ihr Blick zeigte, dass sie genauso überrascht war wie er.

„Und wie soll ich Sie nennen?“

„Ich heiße Avery, Caroline.“

„Unsere Beziehung erlaubt es, dass wir uns beim Vornamen nennen? Ich würde mich sicher erinnern, wenn wir Kindheitsgefährten oder verwandt wären.“

„Ich würde Ihnen gern meine Freundschaft anbieten. Ich erinnere mich nicht, etwas getan zu haben, dass Ihre Abneigung hervorrufen könnte. Wenn ich Sie also in irgendeiner Weise verletzt habe, möchte ich es wiedergutmachen.“

„Wie hätten Sie mich verletzen können?“, fragte sie, ohne ihn anzusehen. „Wir haben uns doch gerade erst kennengerlernt. Und warum wünschen Sie, mit mir befreundet zu sein?“

„Alice mag Sie. Etwas mehr weiblicher Einfluss in ihrem Leben wäre wünschenswert, denke ich.“

Sie hielt die Luft an, und dieser Laut schien ihn tief zu berühren. Das ist es also … Ich begehre diese kratzbürstige, trotzige Witwe. Avery blieb stehen, und als hätte er sie zurückgehalten, ging auch sie nicht weiter. „Sehen Sie mich an.“

Caroline wandte sich ihm zu und musterte aufmerksam sein Gesicht. Wie schon im Park schien ihr Blick nicht nur seine Miene zu erforschen, sondern tief in seine Gedanken vorzudringen. Jeder Muskel ihres feinen Gesichts war angespannt. In ihren dunklen Augen spiegelte sich Wachsamkeit, fast Angst – und noch etwas anderes. Ein Gefühl, das sie nicht zulassen wollte, darauf wettete er.

„Was immer zwischen uns ist“, flüsterte Avery, „es gibt eine körperliche Anziehung.“

„Sie schmeicheln sich selbst!“ Es war nicht überraschend, dass sie empört reagierte.

„Nein, bei einer solchen Neigung, die tief aus unserem Inneren entspringt, gibt es keinen Grund, eitel zu sein.“ Während er sprach, zog er den rechten Handschuh aus und strich mit den Fingern über die warme, zarte Haut ihrer Wange. Sie zuckte unter seiner Berührung leicht zusammen, doch weder wich sie zurück, noch schlug sie seine Hand weg oder ohrfeigte ihn. „Hat Ihnen jemand wehgetan, Caroline?“

Er las die Antwort in ihren Augen, erkannte einen schier unendlichen Mangel an Vertrauen. Trotzdem antwortete sie stolz. „Sie schmeicheln sich wieder, wenn Sie glauben, dass ich nicht auf Ihre Avancen eingehe, weil ich schlechte Erfahrungen gemacht habe.“

„Ich mache Ihnen keine Avancen.“ Das tat er tatsächlich nicht. Es wäre zu oberflächlich und würde das Verlangen, sie zu berühren, noch schmerzhafter machen. „Ich wünsche mir nur Ihre Gesellschaft für meine Tochter. Und ich möchte verstehen, was sich zwischen uns entwickelt und Ihnen so viel Kummer zu bereiten scheint.“

Sie senkte die Lider und verbarg ihre dunklen Augen. Als sie ihn wieder ansah, schien sie sich entschieden zu haben. „Ich habe keinen Grund, Männern zu vertrauen, am wenigsten starken, gebieterischen Männern, die versuchen, das Leben anderer nach ihren Vorstellungen zu lenken. Aber es ist lange her, seit … Ich muss leider zugeben, dass männliche Stärke eine gewisse Anziehung auf mich ausübt. Dennoch wünsche ich nicht, darüber zu sprechen.“

Oder dieser Anziehungskraft nachzugeben, das war offensichtlich. Was für ein Mann war ihr Gatte gewesen? Ein Tyrann? Oder ein Mann, der ihre Sinnlichkeit geweckt hatte? Beides schloss sich nicht aus.

„Ich möchte Sie nicht ausnutzen, sondern, wie ich bereits sagte, nur verstehen.“

„Menschen zu verstehen ist Ihre Berufung, nicht wahr?“ Caroline Jordan setzte langsam ihren Weg fort. Offenbar hatten seine außergewöhnlich gefühlvollen Worte ihr Misstrauen nicht weiter verstärkt.

„Das ist richtig. Ich beobachte ihr Verhalten, ihre Stärken und Schwächen, und versuche, ihre Beweggründe zu erforschen.“

„Ich werde Alice besuchen, wenn Sie es wünschen“, erwiderte sie unvermittelt. Immer noch hing dieses knisternde, sinnliche Begehren in der Luft, das Caroline jedoch zu verleugnen schien. „Hat sie eine Gouvernante?“

„Nein, aber ich gedenke, schon bald eine einzustellen. Alice ist von Natur aus sehr aufgeweckt. Gleichwohl möchte ich ihren Eifer und ihre Begeisterung nicht durch strengen Unterricht dämpfen.“

„Bei der Wahl der Gouvernante müssen Sie sehr sorgfältig vorgehen.“ Caroline wirkte nun wieder ruhiger. „Eine junge, natürliche Frau voll eigener Energie wäre am besten. Alice ist genau wie …

„Ja?“

„Wie meine beste Freundin Imogen in diesem Alter. Eine ältere, gesetztere Dame würde ihren Charakter unterdrücken.“

Eigentlich hatte sie etwas anderes sagen wollen, vermutete er. „Caroline“, er wandte sich zu ihr, doch sie reagierte nicht. „Caroline?“

„Oh! Bitte entschuldigen Sie, ich habe geträumt. Sie sollten mich nicht mit dem Vornamen ansprechen.“

Geträumt? Mitten in einer Unterhaltung, in der es um ein Thema ging, für das sie so starkes Interesse zeigte? Es schien, als hätte sie ihren eigenen Namen nicht erkannt …

„Ich habe gerade über die Gouvernante nachgedacht“, fuhr sie fort. „Angeblich sollen Frauen mehrere Dinge gleichzeitig tun können, aber offenbar besitze ich diese Gabe nicht.“

Avery musste lächeln. Er tadelte sich selbst für seinen ungerechtfertigten Verdacht. Das kam davon, wenn man zu viel Zeit mit Heuchlern, Spionen und durchtriebenen Frauen verbrachte.

Er hörte, wie Caroline tief einatmete. „Dies muss Laurel Lodge sein, Avery. Wäre es nicht diskreter, getrennt hineinzugehen?“ Während er sich von der Überraschung erholte, dass sie ihn mit dem Vornamen angesprochen hatte, gab sie selbst die Antwort: „Nein, das wäre töricht. Es werden sowieso alle über uns reden.“ Sie neigte sich etwas zu ihm und sagte: „Es wäre genauso töricht, sie glauben zu lassen, wir hätten irgendetwas zu verbergen.“

„Sie haben völlig recht.“ Avery klopfte an und wunderte sich, wie gut es Caroline gelang, ihre Verletzlichkeit zu überspielen. Ja, es gibt nichts zu verbergen, außer einer sinnlichen Anziehung, die einer Naturgewalt gleichkommt.

Laura erhaschte Averys Blick und unterdrückte ein Lächeln. Ihr gemeinsames Eintreffen hätte Mrs Philpott, ihren Töchtern und den anderen Besuchern keinen fruchtbareren Nährboden für Spekulationen liefern können. Das Dorf war klein und bot nicht allzu viel Abwechslung. Eine geheimnisvolle Witwe und ein hochrangiger Diplomat und Earl würden monatelang für Gesprächsstoff sorgen.

Avery. Es kostete sie Überwindung, zu lächeln und die von ihm gewünschte Vertrautheit zuzulassen. Doch sie musste es tun, wenn sie bei Alice sein wollte. Durch ihr Einlenken war sie in eine unbehagliche Position gelangt. Bisher hatten ihr ihre Wut und ihre Abneigung als Schutz vor Wykeham gedient, als Schutz vor seiner … was genau? Körperliche Anziehung, hatte er behauptet. Und er hatte recht, sie konnte sich nichts vormachen. Er war ein sehr anziehender Mann, intelligent, charmant und unverschämt männlich. In mancher Hinsicht erinnerte er sie an Piers, allerdings war er wohl nie so ein stürmischer Romantiker gewesen wie sein Vetter.

Eine Besucherin fragte sie etwas, und Laura wandte sich ihr zu. Ja, es war wirklich ein entzückendes Dorf und genau das, was sie suchte, um wieder zu Kräften zu kommen. Und, ja, es war sehr nett von Lord Wykeham, sie zu begleiten, obwohl eine Dame an einem so beschaulichen Ort sicher allein spazieren gehen konnte.

Der Earl schmeichelte Mrs Philpott mit lobenden Worten über ihre Nichten, die im Garten unter der Aufsicht einer Gouvernante spielten. Vielleicht könnte sie ihm raten, wie er für seine Tochter eine geeignete Gouvernante fand?

Mrs Philpott, so entschied Laura, war vornehmer und welterfahrener als die Gattin des Vikars. Sie blinzelte nicht pikiert bei der Erwähnung des Kindes und lud Alice von sich aus zum Spielen ein.

Laura war zufrieden. Alice würde Freundinnen finden, und jetzt, da hinreichend Höflichkeiten ausgetauscht waren, konnte sie gehen. Schließlich würde sie nur noch eine Woche bleiben, da war es nicht nötig, Bekanntschaften zu pflegen.

Avery nahm eine weitere Tasse Tee und schien den schmachtenden Blicken von Miss Philpott, einer der Töchter des Hauses, geschickt auszuweichen.

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