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HISTORICAL SAISON BAND 24

MARGARET MOORE

Die wilde Schöne aus den Highlands

Wie bedankt sich eine Lady angemessen bei ihrem Retter? Mit einem heißen Kuss! Zu spät erfährt die temperamentvolle Moira, wer der attraktive Fremde ist, dem sie sich in einem Gefühlsrausch hingegeben hat: Gordon McHeath – ein Anwalt aus Edinburgh, der sie verklagen will! Moira ist hin- und hergerissen: zwischen lodernder Wut und sehnsüchtigem Verlangen …

JULIA JUSTISS

Mein unwiderstehlicher Earl

Seit der Earl of Beaulieu die bezaubernde Laura zum ersten Mal erblickt hat, will er sie erobern! Aber die stille Witwe geht nicht auf seine Avancen ein. Wie kann sie nur das Feuer ignorieren, das so wild zwischen ihnen brennt? Der Grund muss in Lauras mysteriöser Vergangenheit liegen – und der Earl wird nicht eher ruhen, bis er ihr Geheimnis gelüftet hat!

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Die wilde Schöne aus den Highlands

1. KAPITEL

Schottische Highlands 1817

Über den Kamm des Hügels wehte ein herbstlicher Wind, der den Duft von Kiefernnadeln und Heidekraut mit sich trug. Ich war viel zu lange in der Stadt, dachte Gordon McHeath, als er über den Hügel weiter in Richtung des Dorfes Dunbrachie ritt. Tief atmete er die frische Luft ein. Nachdem er so viele Jahre in Edinburgh gelebt hatte, war er die Gerüche, den Lärm und die Menschenmassen einer hektischen Stadt gewöhnt und hatte fast vergessen, wie rein und klar die Luft der Highlands war. Hier unterbrachen nur zwitschernde Vögel und blökende Schafe die Stille.

Der Nordhang des Hügels links von ihm war dicht mit Ginster und Farn bewachsen, während sich auf der anderen Seite ein kleiner Wald aus Birken, Erlen und Kiefern erstreckte. Obwohl es erst September war, hatten sich die Blätter einiger Bäume bereits rot und golden verfärbt, und der laubbedeckte Boden wirkte feucht und schlammig. Durch das Gehölz erspähte Gordon einen rauschenden Fluss, in dem es im Frühjahr wahrscheinlich von Lachsen wimmelte.

Leider hatte er auch vergessen, wie unbarmherzig kalt der Wind in den Highlands sein konnte. Schwere graue Wolken trieben aus der Ferne unaufhaltsam auf ihn zu. Wenn er nicht in einen starken Regenschauer geraten wollte, musste er das Pferd, das er für diese Reise gemietet hatte, zu einem schnelleren Gang antreiben.

Als das Pferd zu traben begann, durchbrach das wilde Bellen eines Hundes die ländliche Stille. Es war weniger das Heulen eines Jagdhundes, sondern hörte sich vielmehr wie ein Wachhund an, der Alarm schlug. Vielleicht war es der Hund eines Schafhirten oder ein Hofhund, der ein Bauernhaus bewachte.

Gordon richtete sich in den Steigbügeln auf und sah sich um. Er konnte weder eine Schafherde noch ein Gehöft oder etwas anderes, das einen Wachhund erforderte, entdecken.

„Zu Hilfe! Helfen Sie mir!“

Der verzweifelte Schrei einer Frau drang mitten aus dem Wald zu ihm. Durch das laute Hundegebell und das Rauschen des Flusses war er kaum wahrnehmbar, dennoch ließ sich die Furcht, die in den Worten mitschwang, nicht überhören.

Gordon stieß dem Pferd die Fersen in die Seiten und lenkte es vom Weg ab in die Richtung der Frau und des Hundegebells. Doch der Gaul war so bockig wie ein Esel und wollte nicht gehorchen. Es war eines der stursten Pferde, die er je geritten hatte.

Fluchend saß Gordon ab, warf die Zügel um einen nahe gelegenen Strauch und stieg so schnell er konnte den rutschigen Abhang zwischen den Bäumen hinunter.

Dabei riss er den Ärmel seines Reisemantels am Ast eines Weißdorns auf. Seine Reitstiefel und der Saum seines Mantels waren binnen Minuten von Schlamm verdreckt, und sein Hut wurde ihm von einem tief hängenden Zweig vom Kopf geschlagen. Als er ihn aufhob, rutschte er auf feuchten Blättern aus, stürzte zu Boden und glitt den Hang hinab, bis er endlich einen dicken Ast zu fassen bekam.

Unterdessen bellte der Hund unaufhörlich, und die Frau rief erneut um Hilfe. Es klang schon viel deutlicher, obwohl Gordon sie noch immer nicht sehen konnte.

Als er sich aufrichtete, erblickte er unweit des Flussufers einen riesigen schwarzen, furchterregenden Hund, der am Fuß einer hochgewachsenen, goldblättrigen Birke stand und kläffte. Gordon konnte die Rasse nicht benennen, aber es war eines der größten und hässlichsten Tiere, das er je gesehen hatte. Der Kopf und der Kiefer des Hundes waren außergewöhnlich breit, die Augen lagen weit auseinander, und die kleinen Ohren waren angelegt. Bedrohlich knurrend, und dabei unablässig sabbernd, wich das Tier nicht von der Stelle.

Gordon hatte schon einmal einen tollwütigen Hund gesehen: mit Schaum vor dem Mund, wilden Augen und torkelndem Gang. Diesen Anblick hatte er nie vergessen und war sich deshalb sicher, dass diese Bestie nicht tollwütig sein konnte. Dennoch hielt er vorsichtshalber Abstand.

„Sind Sie verletzt?“ Die Stimme der Frau kam aus derselben Richtung wie das Knurren des Hundes. An ihrer vornehmen Aussprache erkannte Gordon, dass sie weder eine Bauersfrau noch eine Schafhirtin sein konnte.

„Nein“, rief er zurück.

Wer war sie? Wo war sie? Er konnte niemanden sehen, weder neben dem Hund noch am Baum, es sei denn … Vorsichtig trat er näher und blickte prüfend die Zweige hinauf.

Da war sie! Sie hatte die Arme um den schlanken Baumstamm geschlungen und stand auf einem Ast, der trotz ihrer zarten Gestalt kurz davor war durchzubrechen.

Obwohl sie sich in einer durchaus gefährlichen Situation befanden, entging Gordon nicht, dass sie außergewöhnlich schön war, mit feinen Gesichtszügen, großen dunklen Augen und dunklen Locken, die unter ihrer narzissengelben Reithaube hervorlugten. Ihr Reitkleid war aus dem gleichen leuchtend gelben Samtstoff gefertigt. Offensichtlich handelte es sich bei ihr um keine Diebin oder Landstreicherin.

„Mir geht es gut. Sind Sie verletzt?“, fragte er und überlegte, was er tun konnte, um sie aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Zunächst einmal musste er den wild gewordenen Hund loswerden.

Da man in diesem Teil des Landes besser nicht unbewaffnet unterwegs sein sollte, trug er eine Pistole in seinem nachtblauen Gehrock bei sich. Er wollte das Tier jedoch nur im äußersten Notfall erschießen, weil es möglicherweise genau das tat, worauf es abgerichtet worden war: Unbefugte von privatem Land zu vertreiben.

Anstatt die Pistole zu ziehen, hob Gordon einen Stein auf. In Schultagen war er ein ziemlich geschickter Kricketspieler gewesen. Als er den Stein nun auf das Hinterteil des Hundes warf, flehte er, dass er noch immer so gut zielen konnte.

Er traf das Tier so hart, dass es aufschreckte, doch leider nicht hart genug, um es in die Flucht zu treiben. Geschwind suchte er nach einem anderen geeigneten Wurfgeschoss, das schwer genug war, den Hund zu verjagen, ohne ihn ernsthaft zu verletzen. Als Anwalt konnte er sich die Klage eines wütenden Bauern ausmalen, dessen Hund getötet worden war, während er nur treu den Besitz seines Herrn verteidigt hatte.

„Der Ast knackt. Er wird brechen!“, rief die junge Dame.

Und sie würde ganz tief fallen.

Gordon fand einen größeren, schlammigen Stein und konnte diesen gerade noch rechtzeitig auf das Tier schleudern, ehe er ihm aus der behandschuhten Hand glitt. In hohem Bogen und gefolgt von einem Schauer aus Schmutzbrocken, flog der Stein durch die Luft und landete direkt auf dem Rücken des Hundes.

Endlich flüchtete dieser und sprang durch die Bäume in Richtung Fluss davon, wo er durchs Wasser rannte und schließlich am anderen Ufer verschwand.

„Oh, haben Sie vielen Dank!“, rief die Frau, als Gordon zum Baum eilte. „Ich hatte befürchtet, die Nacht hier oben verbringen zu müssen!“

Jetzt konnte er sie besser sehen. Sie stand auf einem Ast, der nicht dicker als drei Zoll war, und bemühte sich, das Gleichgewicht zu halten. Passend zu ihrer Reitkleidung aus gelbem Samt trug sie Stiefel und hellbraune Ziegenlederhandschuhe. Sie konnte nicht viel älter als Anfang zwanzig sein. Ihre Haut war hell und schien ihm außergewöhnlich zart; ihre Lippen waren rosig und fein geschwungen, und mit ihren großen dunkelbraunen Augen sah sie ihn bewundernd an.

„Ich freue mich, Ihnen helfen zu können.“

„Glücklicherweise waren Sie in der Nähe“, antwortete sie, während sie unerwartet flink den Baum hinabkletterte. „Ich bin heilfroh, dass ich als kleines Mädchen so oft in den Lagerhäusern meines Vaters herumgeturnt bin. Sonst wäre mir heute vermutlich ein schlimmeres Schicksal widerfahren.“

Lagerhäuser? Natürlich, ihr Vater musste wohlhabend sein. Das erklärte die vornehme Reitkleidung. Er fragte sich, ob sie noch andere Angehörige hatte, eine Mutter, vielleicht Geschwister oder sogar einen glücklichen Gemahl.

Doch er wurde abgelenkt, als sich der Saum ihres Kleides an einem kleinen Zweig verfing und er einen Blick unter ihren Rock erhaschen konnte. Ihm bot sich der bezaubernde Anblick ihres schlanken Fußes, der auch durch den Stiefel hindurch eine zierliche Fessel erkennen ließ. Ihre Wade war ebenso wohlgeformt und nur von einem dünnen Seidenstrumpf bedeckt …

Du lieber Himmel, was tat er? Oder vielmehr, was nicht?

„Bitte verzeihen Sie. Ihr Kleid hat sich verfangen.“

„Ja, so ist es“, gab die schöne Unbekannte zurück, während sie versuchte, es zu befreien. Ihre sanften Wangen röteten sich leicht. „Ich bin ohne Schwierigkeiten hinaufgeklettert, aus Angst, der Hund würde mir etwas antun, aber hinunterzusteigen ist etwas anderes.“

„Erlauben Sie mir, Ihnen behilflich zu sein“, bot er an, als sie den untersten Ast erreicht hatte.

Obwohl er sich noch nicht ganz sicher war, was er tun wollte, streifte Gordon seine schmutzigen Handschuhe ab, stopfte sie in die Manteltasche und trat einen Schritt nach vorn.

Ich sollte sie nicht berühren, dachte er, das wäre nicht anständig.

Andererseits waren dies auch außergewöhnliche Umstände.

Sie nahm ihm die Entscheidung ab, indem sie einfach die Hände auf seine Schultern legte. Er ergriff ihre Taille, dann sprang sie von der Birke hinunter.

Es ging alles so schnell, und ihre vertrauliche Geste kam für ihn so völlig unvorbereitet, dass er beinah das Gleichgewicht verlor und sie beide gefallen wären, hätte er nicht unverzüglich die Arme um sie gelegt.

Er kannte nicht einmal ihren Namen, und dennoch … sie in den Armen zu halten, fühlte sich so unglaublich … richtig an. Nein, mehr als nur richtig. Es fühlte sich wundervoll an, als ob diese Frau aus irgendeinem Grund in seine Arme gehörte.

Dies war wohl der kühnste Gedanke, der sich je in seinen nüchternen Anwaltsverstand eingeschlichen hatte.

Schlimmer noch, er errötete wie ein Schuljunge, obwohl er schon neunundzwanzig Jahre alt war und nicht zum ersten Mal eine Frau in den Armen hielt.

„Bitte sehr, nun sind Sie sicher wie in Abrahams Schoß“, sagte er lächelnd und versuchte, ungezwungen zu wirken.

„Danke, dass Sie mich gerettet haben. Ich wüsste nicht, was ich ohne Sie getan hätte, Mr …?“

„McHeath. Gordon McHeath, aus Edinburgh“.

„Ich stehe in Ihrer Schuld, Mr Gordon McHeath aus Edinburgh.“

Noch nie hatte das Wort Schuld schöner geklungen.

Und plötzlich, ohne Vorwarnung und ehe er überhaupt merkte, was geschah, stellte sich diese unglaublich schöne, ihm völlig unbekannte Frau auf die Zehenspitzen und küsste ihn.

Ihre Lippen waren weich, ihr Körper geschmeidig und wohlgeformt; ihre Berührung entfachte sofort ein leidenschaftliches Feuer in ihm.

Instinktiv und ohne zu überlegen, folgte er einem tiefen Verlangen und zog sie in seine Arme. Das Herz schlug ihm bis zum Hals, als er ihren Kuss erwiderte. Voller Begehren glitten seine Lippen über ihren Mund, bis sie ihm Einlass gewährte und er mit seiner Zunge die warme Feuchtigkeit genussvoll erkundete. Langsam, mit sanften Berührungen strich er über ihren Rücken. Sie bog sich ihm entgegen, und durch den Stoff ihrer Kleider konnte er spüren, wie sich ihre Brüste an seinen Oberkörper schmiegten. Dieses Gefühl ließ sein Herz einen Moment lang stillstehen, dann hob und senkte sich seine Brust unter raschen Atemzügen.

Als sie mit den Händen seinen Rücken hinauffuhr und schließlich seine Schultern umfasste, erschienen ihm diese Berührungen beinahe vertraut und überaus köstlich.

Gütiger Himmel. Noch nie war er so geküsst worden. Noch nie hatte er so geküsst. Er wünschte, dieser Kuss würde niemals enden …

Dann fiel ihm ein, dass er kein Casanova war, sondern ein Anwalt aus Edinburgh. Und sie musste eine junge Dame aus vermögender Familie sein, die neben Vater und Brüdern vielleicht sogar einen Ehegatten besaß.

Fast im selben Moment zog auch sie sich zurück, so unvermittelt, als wäre ein Keil zwischen sie getrieben worden. Eine tiefe Röte überzog ihr Gesicht, und sie schluckte schwer. Scheinbar suchte sie genau wie er verzweifelt nach den passenden Worten.

Schließlich kam sie ihm zuvor. „Es … es tut mir leid, Mr McHeath“, sagte sie mit zitternder Stimme, unfähig, ihre Erregung zu verbergen. „Ich kann mir nicht erklären, was in mich gefahren ist. Ich bin für gewöhnlich nicht so … Ich meine, hoffentlich denken Sie nicht, dass ich leichtfertig fremde Männer küsse.“

Er war nicht gerade ein Fremder, verstand aber, was sie sagen wollte. „Auch ich küsse gewöhnlich keine Frauen, denen ich nicht vorgestellt wurde.“

Sie trat weiter zurück und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Es muss die Anspannung gewesen sein. Oder die Erleichterung. Und die Dankbarkeit, natürlich.“

Das erklärte zweifellos ihr Verhalten, aber welche Entschuldigung hatte er dafür, ihren Kuss mit solcher Leidenschaft zu erwidern?

Einsamkeit. Sein Herz, das vor Kurzem gebrochen oder zumindest verwundet worden war. Ihre Schönheit. Das Verlangen, die Arme einer Frau um sich zu spüren, auch wenn es nicht die von Catriona McNare waren.

Tatsächlich hatte diese unerschrockene junge Dame, die vor ihm stand, nichts mit der sanftmütigen, braven Catriona McNare gemeinsam.

„Darf ich fragen, wo Sie wohnen, Mr McHeath? Ich bin sicher, mein Vater würde Sie gern kennenlernen. Eine Einladung zum Abendessen ist das Mindeste, um unsere Anerkennung für Ihre unerwartete Hilfe zum Ausdruck zu bringen.“

Sie spricht von ihrem Vater, nicht von einem Ehemann, dachte er erleichtert.

„Ich wohne in McStuart House.“

Schlagartig änderte sich ihr Verhalten. Was hatte er bloß gesagt? Sie versteifte sich, und ihre sinnlichen Lippen kräuselten sich vor Verachtung.

„Sind Sie ein Freund von Sir Robert McStuart?“, fragte sie mit eiskalter Stimme, in der nichts mehr an ihren leidenschaftlichen Kuss erinnerte.

„Ja. Wir sind zusammen zur Schule gegangen.“

Ihr Gesicht rötete sich, diesmal nicht aus Verlegenheit, sondern offenkundig vor Wut. Was zum Teufel mag Robbie getan haben, dass sie so aufgebracht reagiert? fragte er sich.

Da es um Robbie ging, fielen ihm einige Gründe ein. Dazu gehörte allemal die Verführung einer Frau – und es gab nichts Schlimmeres als den Zorn einer verschmähten Frau, das hatte seine Erfahrung als Anwalt gezeigt.

„Hat er Ihnen von mir erzählt?“, fragte sie, die Fäuste in die Hüften gestemmt. „Haben Sie deshalb gedacht, Sie könnten mich einfach so küssen?“

„Sir Robert hat keine einzige junge Dame erwähnt, als er mich einlud“, gab Gordon aufrichtig zurück und versuchte, trotz ihres feindseligen Verhaltens ruhig zu bleiben. „Ich möchte auch darauf hinweisen, dass ich immer noch nicht Ihren Namen kenne, und außerdem haben Sie mich geküsst.“

Ohne sich von seiner Antwort beirren zu lassen, fuhr sie mit hoch erhobenem Kopf fort. „Ich danke Ihnen, dass Sie mir heute geholfen haben, Mr McHeath, aber jeder, der mit Robbie McStuart befreundet ist, kann es zwangsläufig nicht mit mir sein!“

„Offensichtlich“, brummte er, als sie auf dem Absatz kehrtmachte und davoneilte.

Sobald sie aus der Sichtweite von Gordon McHeath verschwunden war, raffte Moira MacMurdaugh ihre Röcke hoch und rannte den ganzen Weg zurück nach Hause.

Wie konnte sie nur so töricht sein? Und ungestüm und unverzagt? Sie hätte ihn niemals küssen, geschweige denn berühren dürfen. Ein einfacher Dank hätte genügt, und er wäre weitergezogen.

Als er sie umarmte, hätte sie sich ihm sofort entziehen sollen, auch wenn sein Kuss in ihr Gefühle hervorrief, die sie bisher nur aus französischen Romanen kannte – verwirrende Gefühle wie Sehnsucht, Begehren und Leidenschaft.

Sie konnte sich nur zu gut vorstellen, wie Robbie McStuart künftig diese Begegnung in seinen Erzählungen ausschmücken würde, denn Gordon McHeath würde ihm sicherlich davon berichten. Bald gäbe es noch mehr Tratsch über sie in Dunbrachie, und dieses Mal lag die Schuld ganz allein bei ihr.

Noch größere Sorgen bereitete ihr die Vorstellung, wie ihr Vater reagieren würde, wenn er von ihrem Benehmen erfuhr.

Er hatte bis jetzt sein Versprechen gehalten und schon seit sechs Monaten keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt. So lange hatte er noch nie durchgehalten. Es machte sie ganz krank, wenn sie darüber nachdachte, dass ihr leichtfertiges Handeln ihn wieder zu unmäßigem Trinken verleiten könnte.

Vielleicht würde Mr McHeath Robbie gegenüber auch gar nichts erwähnen? Letztendlich war er für die unschickliche Umarmung genauso verantwortlich wie sie.

„Sie sind zurück, Mylady! Sind Sie gestürzt? Haben Sie sich verletzt?“, rief der stämmige grauhaarige Stallmeister aufgeregt.

Jem kam vom Eingang der Ställe zu ihr gelaufen, als sie den Hof betrat, der an eine hohe Steinmauer grenzte, die schon zur Zeit König Edwards I. und William Wallaces das Herrenhaus umgeben hatte.

„Ja, ich bin gestürzt, aber nicht verletzt. Ist Dougal zurückgekehrt?“, erkundigte sie sich nach ihrem Pferd.

„Ja, er ist hier, der Halunke“, antwortete Jem. „Wir waren drauf und dran, Sie zu suchen. Ihr Vater wird sehr erleichtert sein, Sie zu sehen.“

Erneut schalt sie sich dafür, dass sie sich von diesem gut aussehenden Mr McHeath dazu hatte verleiten lassen, ihn zu küssen und zu umarmen … selbst wenn er ein attraktiver Mann war – groß, mit rotbraunem Haar, kantigem Gesicht und braunen Augen – und er sie an eine der griechischen Statuen erinnerte, die sie in London gesehen hatte. Inständig hoffte sie, dass sie nicht zu spät kam …, bis ihr einfiel, dass sie den ganzen Alkohol weggeschlossen hatte und als Einzige den Schlüssel zu diesem Vorrat besaß. Und Dunbrachie war nicht wie Glasgow, wo ihr Vater einfach nur die Straße hinunter zum nächsten Wirtshaus zu gehen brauchte.

Sie lief geschwind durch den neueren Teil des Herrenhauses, den der vorige Earl hatte erbauen lassen, vorbei an der Küche und der Vorratskammer, der Waschküche und dem Speiseraum der Bediensteten.

Der wunderbare Duft von frischem Brot und gebratenem Rind stiegen ihr in die Nase und rief Erinnerungen an glücklichere Tage hervor. Sehnsuchtsvoll dachte sie an die Zeit, bevor ihr Vater Titel und Besitztümer geerbt und zu trinken begonnen hatte.

Schließlich erreichte sie den Haupttrakt des Hauses und den Gang, der zur Bibliothek, zum Arbeitszimmer ihres Vaters und in den Salon führte. Der Salon gehörte zum neueren Teil des Gebäudes, die Eingangshalle mit ihrer dunklen Eichenvertäfelung, das Arbeitszimmer und die Bibliothek zum alten Teil. Seit seiner Errichtung war das Herrenhaus mehrfach renoviert und erweitert worden, sodass es nun eine Mischung verschiedener Baustile vom Mittelalter bis zu ihrer eigenen Epoche darstellte. Nach ihrem Einzug hatte Moira Stunden damit verbracht, alle Ecken und Winkel, Keller und Dachkammern zu erkunden, und hatte dabei längst vergessene Gemälde und Möbelstücke entdeckt.

Moira hielt einen Moment inne und betrachtete sich in einem der Wandspiegel, die zur Aufhellung der sonst sehr dunklen Halle dienten. Sie atmete einige Male tief durch, um ihre Nerven zu beruhigen, setzte ihre Haube ab und legte sie auf die Marmorplatte des Beistelltisches unter dem Spiegel. Dann richtete sie ihre fein geflochtene Haarkrone.

„Moira!“

Sie drehte sich um und sah ihren Vater im Türrahmen seines Arbeitszimmers stehen. Er wirkte sehr aufgewühlt. Sein zerzaustes, dickes graues Haar ließ erahnen, dass er sich wiederholt die Haare gerauft hatte.

„Was ist passiert? Bist du verletzt?“, fragte er, als sie näher trat. Während er sie bei den Händen fasste, betrachtete er eingehend ihr Gesicht und ihre Kleidung.

Sie beschloss, möglichst wenige Einzelheiten über die Ereignisse dieses Tages preiszugeben. „Es geht mir gut. Ich bin gestürzt, und Dougal ist einfach fortgelaufen, sodass ich zu Fuß heimgehen musste.“

„Ich wollte mich gerade selbst auf die Suche nach dir machen.“

Das erklärte, warum er seine Reitkleidung trug. Dies kam selten vor, denn er war kein erfahrener Reiter, da er die meiste Zeit seines Lebens in Fabriken und Lagerhäusern verbracht hatte. Gott sei Dank war sie zurückgekommen, bevor er sich auf ein Pferd setzen konnte.

„Es geht mir gut, Papa, wirklich“, antwortete sie, dabei hakte sie sich bei ihm unter und geleitete ihn ins Arbeitszimmer. Es war der einzige Raum in dem riesigen Herrenhaus, der ihrem alten Heim in Glasgow ähnelte.

Wie immer war der große Mahagonischreibtisch ihres Vaters übersät mit allerlei Papieren, Verträgen, Kassenbüchern, Schreibfedern und Tintenfässchen, denn trotz des Titels und der damit verbundenen Besitztümer beaufsichtigte er seine Geschäfte in Glasgow weiterhin selbst. Es herrschte ein einziges Durcheinander, doch niemand durfte den Schreibtisch aufräumen. Ihr Vater behauptete, dass er sonst nichts mehr wiederfinden würde.

Hinter dem Schreibtisch stand ein abgenutzter Stuhl. Jahrelang hatte Moira versucht, ihren Vater davon zu überzeugen, dass der Stuhl neu bezogen werden müsse. Er weigerte sich jedoch standhaft und betonte, der Stuhl sei auch so höchst bequem. Die einzige Dekoration in dem Raum war eine Büste von Shakespeare. Sie stand auf dem dunklen, marmornen Kaminsims, der von einem der vorigen Earls stammte.

„Du solltest nicht mehr allein über die Ländereien reiten. Was wäre gewesen, wenn du dir ein Bein gebrochen hättest?“, fragte ihr Vater besorgt, als sie sich auf das leicht abgenutzte Sofa setzte. Er lehnte sich an seinen Schreibtisch und zerknüllte ein Papier, das fast hinuntergefallen wäre.

„Beim nächsten Mal werde ich vorsichtiger sein, ich verspreche es dir.“

„Vielleicht solltest du ein ruhigeres Pferd reiten – eine sanftmütige Stute würde dich nicht so leicht abwerfen.“

Und bestimmt auch nicht sehr schnell galoppieren. „Vielleicht“, erwiderte sie ausweichend, denn sie wollte ihn nicht unnötig verärgern.

„In Zukunft wirst du einen Stallknecht mitnehmen.“

Ihr wurde schwer ums Herz, und sie verschränkte ihre Hände, die scheinbar ruhig in ihrem Schoß lagen, ineinander. Sie liebte die Momente, in denen sie ganz allein sein konnte, weit ab von der ständigen Gegenwart der Bediensteten. Wohlhabende Menschen mochten daran gewöhnt sein, denn sie waren so aufgewachsen. Auf Moira traf dies nicht zu.

„Es ist Zeit, dass du anfängst, dich wie eine Dame zu benehmen, Moira.“

„Ich werde es versuchen“, sagte sie. „Man muss nur so vieles beachten.“

Und es gibt so viele Einschränkungen.

„Zu einer gesellschaftlichen Stellung gehören Rechte und Pflichten“, erinnerte sie ihr Vater.

Moira war sich dessen wohl bewusst und fand längst nicht alle Pflichten beschwerlich.

„Der Bau der Schule geht rasch voran, Papa. Du solltest sie dir einmal anschauen. Ich habe auch für die Stelle des Lehrers eine Annonce aufgegeben“, wechselte sie das Thema, um von ihrem Sturz und dessen Folgen abzulenken. Insbesondere die Anwesenheit Gordon McHeaths wollte sie nicht erwähnen. Gleichzeitig schwor sie sich, künftig einen großen Abstand zu gut aussehenden Fremden zu halten, selbst wenn sie wie der Traum eines jeden jungen Mädchens aussahen, wie Casanova küssten und zur Hilfe herbeistürmten wie einst William Wallace, als der sein Vaterland gegen die Engländer verteidigte.

Versonnen ging ihr Vater um seinen Schreibtisch herum und schob einige Papiere zusammen, ehe er ihr antwortete.

„Bist du dir im Klaren, Moira“, begann er, ohne sie anzusehen, „dass nicht jeder in Dunbrachie deine Wohltätigkeit gutheißt? Sogar die Eltern, für deren Kinder deine Schule gedacht ist, haben Angst, dass du ihnen hochtrabende Ideen in den Kopf setzt, die sie vermutlich nie verwirklichen können und die sie nur unglücklich machen werden.“

„Das liegt daran, dass die Leute im Dorf nicht einschätzen können, wie wertvoll Bildung für sie ist“, erwiderte Moira unerschrocken. „Ich habe Widerstand erwartet. Das ist normal, wenn sich etwas verändert und etwas Neues beginnt. Doch sobald die Leute verstehen, was es bedeutet, lesen und schreiben zu können, werden sie einlenken. Sie werden die Möglichkeiten, die sich ihren Kindern bieten, zu schätzen wissen.“

„Ich hoffe es“, gab ihr Vater zurück, und sein Blick streifte sie flüchtig. „Ich hoffe es aufrichtig. Ich würde mir nie verzeihen, wenn dir etwas zustößt.“

Sie wusste, wie sehr ihr Vater sie liebte und wie sehr er sich wünschte, dass sie ein glückliches Leben voller Geborgenheit führte. Wäre er ein selbstsüchtiger, ehrgeiziger Mensch, würde er sich niemals so viele Sorgen um sie machen. Er würde gar nicht erst versuchen, sein Versprechen zu halten und das Trinken aufzugeben. Sie erinnerte sich an seine schmerzliche und besorgte Miene, als er ihr die Wahrheit über den Mann erzählte, den sie heiraten wollte. Für ihren Vater war es genauso enttäuschend gewesen wie für sie, den wahren Charakter ihres Verlobten zu erkennen, daran zweifelte sie keinen Augenblick.

Sie umarmte ihn rasch. „Wir passen aufeinander auf, Papa“, versicherte sie ihm fest entschlossen, „so wie wir es immer getan haben, in guten und schlechten Zeiten.“

Hinter diesen Worten verbarg sie die Hoffnung, dass die schlechten Zeiten endlich vorbei wären.

2. KAPITEL

McStuart House lag am Hügel über dem Dorf Dunbrachie. Es war nach dem Vorbild des italienischen Architekten Palladio aus grauem Granit erbaut. Seine Fassade bestand aus einer ebenmäßig gegliederten Fensterfront, deren Mitte vier mächtige Säulen zierten. Als Gordon mit zwölf Jahren zum ersten Mal dort gewesen war, hatten der Anblick des prächtigen Hauses und die unglaubliche Anzahl der Bediensteten ihm die Sprache verschlagen. Bei seinem letzten Besuch vor ungefähr fünf Jahren hatte er alle Fenster des vorderen und des hinteren Teils des Hauses gezählt und war dabei auf insgesamt achtunddreißig gekommen, ohne die Fenstertüren, die vom Salon und der Bibliothek auf die Terrasse führten, zu berücksichtigen.

Als er heute auf das stattliche Herrenhaus zuritt, kreisten Gordons Gedanken jedoch um etwas anderes als die architektonischen Details von Robbies Heim, das dieser vor drei Jahren nach dem Tod seines Vaters geerbt hatte. Auch die sich immer dichter auftürmenden Wolken kümmerten Gordon wenig.

Er musste ständig an die junge Dame denken und an Robbie – wobei er es vermied, sich beide zusammen vorzustellen. Der Gedanke, dass eine gescheiterte Liebesaffäre der tatsächliche Grund ihrer Verstimmung war, behagte ihm überhaupt nicht. Deshalb versuchte er, andere Erklärungen dafür zu finden.

Vielleicht war ein Geschäft ihres Vaters oder eines anderen Verwandten mit Robbie gescheitert. Robbie war nicht besonders verantwortungsbewusst und hatte kein gutes Zahlenverständnis, daher konnte es durchaus passieren, dass ein Handel mit ihm fehlschlug.

Es wäre auch möglich, dass Robbie mit einer Schwester, Cousine oder Freundin angebändelt hatte und sie deshalb eifersüchtig war.

Was immer der Grund sein mochte, er beschloss, Robbie gegenüber die Begegnung nicht zu erwähnen. Er wollte weder Robbies Ausflüchte noch seine Erklärungen hören, ganz besonders, wenn er und diese schöne, forsche junge Dame ein Liebespaar gewesen waren. Gordon wollte sich ausruhen und versuchen, Catriona zu vergessen.

Gerade als die ersten Regentropfen fielen, kam er vor dem Haus an, machte sein Pferd fest und eilte die drei breiten Stufen hinauf zur Eingangstür. Noch bevor er den Türklopfer betätigen konnte, schwang die Tür auf, und vor ihm stand ein großer, streng wirkender Butler, den Gordon nicht kannte.

„Mr McHeath, nehme ich an?“, empfing ihn der Bedienstete mit vornehmem englischem Akzent.

„Ganz richtig“, erwiderte Gordon und überreichte seinen Mantel und Hut dem livrierten Diener, der neben dem Butler stand.

„Sir Robert erwartet Sie im Salon.“

Gordon nickte und wandte sich in Richtung des Salons. Dabei durchquerte er die imposante Eingangshalle, deren Wände mit Geweihen, Hellebarden, Schwertern und Rüstungen geschmückt waren. Jenseits des Salons und der breiten Doppeltreppe lagen etliche Räume, wie die Bibliothek, in der er und Robbie früher Soldat gespielt hatten, und das Billardzimmer. Es gab mindestens drei Schlafzimmer im Hauptgeschoss und zwölf weitere im Stockwerk darüber. Im Dachgeschoss lagen die Quartiere der Bediensteten. Er hatte immer noch keine Ahnung, wie viele kleinere Räume es im Untergeschoss gab, wo sich Küche, Waschstube, Vorratsräume, Weinkeller und Speiseraum der Bediensteten und viele andere Räume befanden, die für den reibungslosem Ablauf eines solch großen Haushaltes notwendig waren.

Als er den Salon betrat, entdeckte er Robbie neben der Fenstertür, die auf die Steinterrasse führte. Mittlerweile hatte es begonnen, in Strömen zu regnen. Mit hängenden Schultern stand Robbie da und blickte in den Garten hinaus. Er hatte eine Hand an den Türrahmen gestützt, in der anderen hielt er ein leeres Weinglas.

Diese Haltung hatte Gordon bei Robbie noch nie beobachtet, und er war nicht sicher, ob er ihn stören sollte. Deshalb schaute er sich im Raum um. Seit seinem letzten Besuch schien sich nichts verändert zu haben. Die Wände waren immer noch mit einer ungewöhnlichen ockerbraunen Seidentapete bespannt, die vergoldeten Möbel waren immer noch mit demselben dunkelgrünen Samt bezogen. Auch die Porträts der verstorbenen Vorfahren hingen ebenso wie die Landschaftsbilder an gleicher Stelle. Selbst auf den Beistelltischen schienen noch dieselben Bücher wie vor fünf Jahren zu liegen.

Alles war sauber, ohne das winzigste Staubkorn, ansonsten schien die Zeit stehengeblieben zu sein.

Bis Robbie sich schließlich umdrehte.

Was zum Teufel war mit ihm passiert? Er wirkte um zehn Jahre gealtert, noch dazu um zehn harte Jahre. Sein Gesicht war bleich und ausgemergelt, und unter den blutunterlaufenen blauen Augen lagen dunkle Ringe. Sein früher schon schlanker Körper ähnelte jetzt einem Skelett, und nur sein dichtes, welliges blondes Haar schien unverändert.

Während Gordon sich Mühe gab, ihn nicht anzustarren, stellte Robbie sein Weinglas auf einen Tisch und kam lächelnd auf ihn zu.

Wenigstens sein frohes, charmantes Lächeln war ihm geblieben, und auch in seiner Stimme schwang ein Funken Lebensfreude mit. „Gordo, du alter Bücherwurm!“, rief er. „Ich dachte, du würdest nie ankommen! Natürlich wusste ich, dass du kommst, nachdem ich deine Nachricht erhalten hatte. Zuverlässig wie immer, so ist mein Gordo!“

Gordon hatte diesen Spitznamen immer gehasst, doch er war jetzt zu sehr um die Gesundheit seines Freundes besorgt, um sich zu ärgern. „Ich bin unterwegs aufgehalten worden“, sagte er abwinkend. „Wie geht es dir Robbie?“

„Nicht ganz so gut“, gab sein Freund zu, während er Gordons Hand schüttelte.

„Nichts Ernstes, deshalb hör bitte auf, mich anzustarren, als wäre ich ein Geist“, beendete er lachend das Thema und drückte ihm fest die Hand. „Nur ein bisschen zu viel Rebensaft gestern Nacht.“

Das erklärte sicherlich sein Aussehen. Und Robbie war nie ein großer Esser gewesen. Sein herzlicher Handschlag überzeugte Gordon endgültig davon, dass es nicht schlecht um seinen Freund stand.

„Lass uns etwas trinken. Du kannst ein Glas sicher gut gebrauchen“, fuhr Robbie fort und ging zu einer Vitrine, wo er eine bernsteinfarbene Flüssigkeit in zwei Gläser füllte. „Die Straßen in dieser Gegend können einen Ritt zu einer verdammt unbequemen Angelegenheit machen.“

Gordon vermutete, dass Robbie schon mehr getrunken hatte, als für ihn gut war, aber er selbst war müde und durstig und nahm den Whisky dankend an.

Robbie trank sein Glas in einem Zug aus und schlenderte zum kunstvoll verzierten Kamin. „Ich nehme an, du warst von meiner Einladung überrascht.“

„Ich war hocherfreut“, antwortete Gordon ehrlich. Und heilfroh, Edinburgh eine Zeit lang zu verlassen.

Robbie spielte mit seinem leeren Glas. „Das freut mich, obwohl ich zugeben muss, dass meine Gründe nicht ganz uneigennützig waren. Ich stecke in Schwierigkeiten, Gordo.“

Gordon hoffte, dass diese Schwierigkeiten nicht mit einer schönen jungen Dame zusammenhingen, deren Leidenschaft einem Mann den Kopf verdrehen konnte.

„Ich verstehe. Welche Art von Schwierigkeiten?“

Robbie wies auf das Sofa. „Nimm Platz, und ich erzähle es dir, oder möchtest du erst einen Happen essen? Ich habe einen neuen Koch, einen Franzosen. Zwar verstehe ich nur die Hälfte von dem, was er sagt, aber seine Kochkünste sind göttlich.“

Und bestimmt auch sehr kostspielig. Doch das spielte vermutlich keine Rolle, denn seit dem Aufstand der Jacobiten waren die McStuarts zu einem stattlichen Vermögen gelangt, von dem sie augenscheinlich nach wie vor zehrten.

„Nein, danke. Ich würde lieber hören, was du zu berichten hast“, antwortete Gordon und setzte sich.

„Nun, Gordo, ich nehme an, es musste irgendwann passieren“, begann Robbie. Seufzend lehnte er sich an die Vitrine und hielt dabei sein Glas locker in den Händen. Noch immer legte er die gleiche lässige Eleganz an den Tag wie schon früher in der Schule, wo sie sich mit zehn Jahren kennengelernt hatten. „Letztendlich wurde mir das Herz gebrochen, alter Kamerad, von einer kaltherzigen, starrsinnigen Frau.“

„Eine gescheiterte Liebesaffäre also“, resümierte Gordon.

„Ja, Gordo, ganz richtig. Ich habe mich verliebt – zutiefst, bedingungslos verliebt. Und im Glauben, meine Liebe würde erwidert, hielt ich um ihre Hand an.“

Das war sogar noch verblüffender. Robbie hatte schon viele Male behauptet, verliebt zu sein, aber soviel Gordon wusste, hatte er noch nie einer Dame einen Antrag gemacht.

Warum also war er gescheitert?

„Ja, ich war tatsächlich so weit, meinen Kopf in die eheliche Schlinge zu stecken. Sie hatte eingewilligt und schien sogar äußerst glücklich zu sein. Wir haben unsere Verlobung auf einem Ball im Hause ihres Vaters bekannt gegeben.“

„Und ihr Vater ist wer …?“

„Der Earl of Dunbrachie.“

Gordons Herz machte einen Sprung, jedoch ließ er sich nichts anmerken. Ihr Vater war ein Händler oder Fabrikbesitzer, der Lagerhäuser unterhielt, kein Adliger mit Titel.

„Für uns beide eine passende Verbindung. Und dann, kaum vierzehn Tage später, eröffnete sie mir plötzlich, dass sie mich nicht ehelichen wollte.“

Kein Wunder, dass Robbie erschöpft aussah. Er selbst hatte in den letzten Monaten unzählige schlaflose Nächte damit verbracht, über seine Gefühle zu Catriona McNare nachzudenken. Auch wenn er nie Trost in der Flasche gesucht hatte, wie Robbie es anscheinend tat, konnte er dessen Bedürfnis verstehen, seinen Kummer auf diese Weise zu ertränken. Es war gut, dass Robbie nun die ermutigende Gesellschaft eines Freundes suchte. „Es tut mir aufrichtig leid, Robbie.“

„Ich wusste, ich kann auf dein Mitgefühl zählen“, sagte Robbie und lächelte gezwungen. „Und in einer Hinsicht sollte ich mich wahrscheinlich glücklich schätzen. Weißt du, welcher Beschäftigung ihr Vater nachging, bevor er den Titel erbte? Er war Wollhändler. Gewiss ein sehr wohlhabender Wollhändler, aber eben nur ein Wollhändler.“

Gordon erschrak. Ein reicher Kaufmann hatte Lagerhäuser.

„Dabei war er mit dem verstorbenen Earl nur sehr entfernt verwandt“, fuhr Robbie fort, ohne auf seinen immer stiller werdenden Freund zu achten. „Dass er den Titel und die Besitztümer erbte, war für jeden ein Schock, für ihn selbst auch, vermute ich. Und Moira kann sehr kapriziös sein. Sie hat es sich in den Kopf gesetzt, die Armen zu unterrichten. Möchte eine Schule für die Kinder von Dunbrachie errichten, obwohl ich keine Ahnung habe, was die mit Bildung anfangen sollen. Außerdem wollen die meisten Leute hier in Dunbrachie gar keine Schule.“

Wenn es sich um dieselbe junge Frau handelte, was Gordon nicht hoffte, warum hatte sie dann die Verlobung gelöst? Er wollte ganz sichergehen. Robbie war nicht gerade verlässlich, doch er sah gut aus, war wohlhabend, liebenswert und hatte einen Titel. So manche Tochter aus vornehmem Hause musste sich mit einem weniger attraktiven Ehegatten zufriedengeben.

„Es wäre zwar beleidigend gewesen, wenn sie meinen Antrag abgelehnt hätte, dennoch wäre ich sicher schnell darüber hinweggekommen. Letztendlich gibt es viele andere, reizvolle adlige junge Damen, die meine Aufmerksamkeiten begrüßen würden.“

Wer immer die Dame war, Gordon konnte Robbies Bitterkeit verstehen. Trotzdem machte die Arroganz in der Stimme seines Freundes es ihm schwer, wirklich Mitleid zu empfinden.

Robbie ging zu den Terrassentüren und drehte sich mit ausladender Geste um. „Für wen hält sich Moira MacMurdaugh, dass sie sich erlaubt, Sir Robert McStuart zum Narren zu halten? Sie täuscht sich, wenn sie glaubt, dass ich diese Erniedrigung so einfach hinnehme. Deshalb benötige ich deine Hilfe, Gordo.“ Er nahm eine souveräne Haltung an, und die blutunterlaufenen Augen funkelten triumphierend. „Ich will Lady Moira McMurdaugh auf Wortbruch verklagen.“

Gordon hatte das Gefühl, als würde der Boden unter seinen Füßen nachgeben. „Du willst diese Frau auf Wortbruch verklagen?“, wiederholte er ungläubig.

„Richtig.“

Gordon versuchte zu verdrängen, dass es sich möglicherweise um die junge Dame handelte, die er geküsst hatte, und zwang sich, nüchtern und logisch wie ein Anwalt zu denken. Robbie war sich der Auswirkungen einer Klage, die sonst eher Sache der Frauen war, eindeutig nicht bewusst. „Ich verstehe, dass du verletzt bist …“

„Verletzt? Ich bin nicht verletzt!“, gab er aufgebracht zurück und schmetterte sein Glas so hart auf einen Tisch, dass Gordon befürchtete, es würde zerspringen. „Ich möchte ihr nur zu verstehen geben, dass sie nicht einfach Anträge annehmen und dann kurzerhand wieder ausschlagen kann. Oder denkst du, dass ich keinen Grund zur Klage habe?“

Jetzt wurde es noch schwieriger. Robbie hatte möglicherweise Grund zur Klage, allerdings gab es dabei noch andere Dinge zu bedenken, wie Gordon ihm weiter erklärte.

„Vielleicht ist die Klage berechtigt, wenn die Verlobung öffentlich bekannt war. Dennoch solltest du Folgendes überlegen, Robbie. Dunbrachie ist ein kleines Dorf, aber diese Art von Rechtsfall zieht schnell weite Kreise und gelangt wahrscheinlich an die Presse, zumindest hier in Schottland. Deine …“, er zögerte, um nicht das Wort Demütigung zu verwenden, „… deine persönlichen Angelegenheiten könnten schnell in die Klatschspalten der Zeitungen gelangen, und völlig fremde Menschen würden sich darüber das Maul zerreißen. Wäre es nicht besser, die Geschichte einfach zu vergessen? Wie du selbst gesagt hast, gibt es genug Damen, die sich nach deiner Bewunderung sehnen. Ich bin sicher, du wirst dich wieder verlieben“, schloss er.

„Im Gegenteil, Gordo, du begreifst das Wesentliche nicht“, erwiderte Robbie, als er sich auf das Sofa fallen ließ. „Ich tue dies nicht nur meinetwegen, sondern für all die anderen armen Hunde, deren Herzen sie in Zukunft vielleicht brechen wird.“

Er wandte sich zu Gordon und betrachtete ihn prüfend von der Seite. „Wenn ich als Frau mit einem solchen Anliegen zu dir käme, würdest du den Fall übernehmen, nicht wahr?“

„Vielleicht.“ Er war nicht ganz sicher, was er tun würde. Jedoch war er überzeugt, dass Robbie eine Klage eher schaden als nutzen würde. „Aus welchem Grund hat sie die Verlobung gelöst? Sie hat dir doch einen genannt, oder?“

Missmutig setzte Robbie sich auf. „Sie sagte, sie würde mich nicht lieben“, antwortete er mit einem Anflug von Verachtung, als sei ein solches Empfinden völlig abwegig.

Angesichts Robbies Erfahrungen mit dem zarten Geschlecht könnte man ihm diesen Gedanken verzeihen. „Vielleicht ist es dann am besten so.“ Gordon wiederholte damit, was er sich selbst ständig einredete, seitdem sich Catriona McNare mit einem anderen verlobt hatte.

Robbie runzelte die Stirn und presste seine Lippen aufeinander – ein Gesichtsausdruck, den Gordon nur zu gut kannte. „Sie sagte, sie könnte nie einen Mann wie mich lieben.“

Einen Mann so gutaussehend und charmant wie Robbie? „Was um alles in der Welt meinte sie damit?“

Robbie sprang auf und schritt zum Fenster. „Es bedeutet, dass sie keine Ahnung vom Leben der höheren Gesellschaft hat. Ich habe weder ein Verbrechen begangen noch sonst irgendetwas getan, was nicht schon jeder Adlige in Schottland, England und gewiss auch in Frankreich vor mir getan hat. Sie behauptet, eine Lady zu sein, trotzdem hat sie die Verlobung wegen einer Lappalie gelöst.“

Wenn er etwas getan hatte, das sie dazu veranlasste, ihre Meinung zu ändern, sah die Sache anders aus. „Ich denke, du solltest mir erzählen, um was für eine ‚Lappalie‘ es geht.“

Robbie antwortete nicht sofort. Er ging zunächst zur Vitrine, um sich noch ein Glas einzuschenken. Gordon fragte sich, ob sein Freund nicht langsam genug Alkohol für einen Tag getrunken hatte. Falls er immer so viel trank, war dies durchaus nicht belanglos. Keine Frau mit Verstand würde einen Trinker ehelichen wollen.

„Wenn ich in dieser Angelegenheit dein Anwalt sein soll, Robbie, muss ich jede Einzelheit wissen“, sagte Gordon ruhig und bedauerte ein wenig, der Einladung nach McStuart House gefolgt zu sein.

Er hatte gedacht, Robbie hätte ihn eingeladen, weil sie Freunde waren und sich lange nicht gesehen hatten, und nicht, weil er einen rechtlichen Beistand brauchte. Noch dazu war er jetzt in einen Fall verwickelt, mit dem er lieber nichts zu tun gehabt hätte.

Robbie trank seinen Whisky in einem Zug. Als er Gordon wieder ansah, schien er noch ausgezehrter, gerade so, als ob es ihn schmerzte, die Wahrheit zu sagen. Dennoch setzte er sein heiteres, charmantes Lächeln auf.

„Kein Grund, so ernst zu schauen, Gordo. Es war nur eine Tändelei mit einer der Bediensteten, das passiert immer mal.“

Das hätte er sich denken können! Robbie war immer voller „Lebensfreude“, wie ihr Schuldirektor es genannt hatte, wenn Robbie mit einem der Hausmädchen erwischt wurde. Seine Liebschaften waren bekannt, und er wurde darum von den anderen Jungen beneidet.

Allerdings waren sie inzwischen erwachsen. Er konnte verstehen, dass eine junge Braut über das lustvolle Beisammensein ihres künftigen Gatten mit einer Dienstmagd empört war. „Hast du ihr versichert, dass du nach der Hochzeit treu sein wirst?“

Robbie sah Gordon entgeistert an. „Nein, natürlich nicht. Warum sollte ich dies tun?“

Gordon verlor den Mut. „Weil ein solches Versprechen zu deinem Ehegelübde gehört hätte.“

„Du liebe Zeit, Gordo, erzähl mir nicht, dass du bei deinem Beruf so naiv bist zu glauben, dass ein Mann seiner Frau wirklich treu bleibt?“

„Viele meiner Mandanten sind es.“

Robbie lümmelte sich in einen Sessel und runzelte die Stirn wie ein launisches Kind. „Manchmal vergesse ich, dass du …“ Er verstummte und pickte mit seinen schlanken Fingern, die noch nie eine Arbeit verrichtet hatten, ein Staubkorn von dem Revers seines Gehrocks.

„Nicht deinen gesellschaftlichen Rang habe?“, beendete Gordon den Satz für ihn.

Sein Freund errötete, und Gordon erkannte echte Schuldgefühle in seinem Blick. „Es tut mir leid, Gordon.“ Robbie streckte die Hände aus, als wollte er aufgeben. „Ich werde ganz ehrlich zu dir sein. Ja, ich habe mit einem der Dienstmädchen getändelt, aber ich hätte nie gedacht, dass eine Verlobte oder Ehefrau etwas dagegen haben könnte. Ich meine, du warst an unserer Schule. Du hast gehört, wie die anderen Jungen über die Mätressen ihrer Väter und Brüder sprachen. In unserem Stand wird das akzeptiert oder zumindest geduldet. Schließlich war es nur eine Dienstmagd und keine Mätresse, die unter meinem Dach wohnt. Außerdem habe ich sie entlassen, als Moira davon erfahren hat.“

Gordon wusste, dass viele Frauen von reichen und adligen Männern wie deren persönliches Spielzeug behandelt wurden, das sie benutzten oder wegwarfen, wie sie wollten. Doch er billigte dieses selbstherrliche Verhalten keinesfalls. Wenn Robbie also glaubte, Gordon würde mehr Verständnis für seine Situation aufbringen, weil er das Dienstmädchen hinausgeworfen hatte, täuschte er sich gewaltig. Dafür hatte er als Anwalt zu viele dieser armen Mädchen verteidigt.

Es gelang Gordon offenbar nicht, seine Gefühle zu verbergen, denn in Robbies folgenden Worten lag ein Hauch von Verteidigung. „Dabei war das Mädchen willig. Sogar sehr willig, das versichere ich dir. Wenn ich es mir richtig überlege, hat sie mich verführt.“

Diese Art von Entschuldigung hatte Gordon schon unzählige Male gehört. „Du warst ihr Herr, Robbie. Sie hat vielleicht geglaubt, sie dürfte dich nicht zurückweisen.“

„Natürlich durfte sie!“, entgegnete Robbie aufgebracht und erhob sich. „Ich bin doch kein Ungeheuer.“

Das war er sicher nicht.

„Ich war so ehrlich, Moira keine falschen Versprechungen zu machen. Und hat sie das gewürdigt? Nein, sie sah mich an, als wollte ich sie umbringen.“

Robbie fuhr sich mit den Händen durchs Haar und ging erneut zu der Vitrine, in der er seine Spirituosenvorräte aufbewahrte. „Vielleicht, wenn sie nicht so zornig gewesen wäre …“ Kopfschüttelnd nahm er die Whiskykaraffe in die Hand. „Ach, ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn sie gelassener reagiert hätte.“ Ohne sich erneut einzuschenken, ging er zum Kamin, nahm den Schürhaken und fachte das Feuer kräftig an.

„Vielleicht solltest du ihr dankbar sein, statt sie zu verklagen“, sagte Gordon ruhig. „Wenn sie es nach der Hochzeit herausgefunden hätte …“

„Wären wir verheiratet gewesen, und sie hätte nichts dagegen unternehmen können. Sie hätte gelernt, es als Privileg des adligen Mannes zu akzeptieren, so wie meine Mutter es getan hat und Hunderte andere Frauen auch.

Gordon hasste, was er da hörte. Diese Art von Äußerungen hatten den Beigeschmack von Arroganz und schierer Selbstsucht und verachteten die Gefühle anderer Menschen. Es bestärkte ihn darin, sich für die Rechte der Schwachen, Missbrauchten und Betrogenen einzusetzen, ganz besonders für Frauen, die vor dem Gesetz so wenig galten.

Er stand auf und trat zu seinem Freund, um ihm in die Augen zu sehen, denn sie verrieten oft, was sich in Wahrheit hinter manchen wohlüberlegten Worten verbarg.

So wie er das Verlangen in den Augen einer gewissen jungen Dame erkannt hatte, bevor sie sich küssten.

„Was wäre, wenn deine Frau sich einen Liebhaber nähme? Würdest du dann auch sagen, dass dies ein Privileg deines Standes sei?“

Für einen kurzen Moment verhärteten sich Robbies Züge. „Selbstverständlich. Solange sie mir einen Erben schenkt und ein zweites Kind dazu, kann meine Frau sich so viele Liebhaber nehmen, wie sie möchte.“

Er ging wieder zur Vitrine, wandte sich dann aber um und sah Gordon direkt an. „Offensichtlich hätte ich lügen und versprechen sollen, dass ich immer treu bliebe und nie eine andere Frau auch nur ansehen würde. Aber das habe ich nicht getan. Wenn du mich also nicht vertreten willst, werde ich einen anderen Anwalt finden. Ob du willst oder nicht, ich werde Moira MacMurdaugh wegen der Auflösung unserer Verlobung verklagen.“

Gordon blickte seinen Freund fest an. Obwohl Robbie es nie erwähnte, würde Gordon niemals vergessen, was er Robert McStuart seit der Schule zu verdanken hatte.

Und wenn es doch dieselbe Frau war, die er vor dem Hund gerettet und anschließend so leidenschaftlich geküsst hatte?

Selbst wenn dies so wäre, verdankte er Robbie immer noch seine Karriere. „Natürlich werde ich dich vertreten, Robbie.“

3. KAPITEL

Drei Tage später beugte sich Moira über den Säulentisch in der Bibliothek und studierte die Zeichnungen und Anmerkungen des Bauunternehmers, der die Schule in Dunbrachie errichten sollte. Sie wollte sicher sein, dass sie sich nicht irrte, ehe sie sich ihrem Gegenüber zuwandte. Der füllige Mann mittleren Alters hatte die Daumen in den Westentaschen vergraben und wippte auf seinen Absätzen.

Sie irrte sich nicht. Doch ihre jahrelange Erfahrung mit Geschäftsleuten bewahrte sie davor, mit einem direkten Vorwurf zu beginnen. Das führte nur zu Streitigkeiten und irgendwann zu der Äußerung, man könne von Frauen nicht erwarten, Geschäfte zu verstehen oder gar die dazu gehörende Rechenkunst zu beherrschen.

„Mr Stamford“, begann sie, „ich muss zugeben, dass ich Ihre Kostenschätzung recht … überhöht finde.“

Der rundliche Mann lächelte herablassend. „Vielleicht, Mylady, sollten wir warten, bis Ihr Vater aus Glasgow zurückgekehrt ist. Er wird heute zurückerwartet, nicht wahr?“

„So ist es“, antwortete sie und hoffte, dass er wirklich wie versprochen heimkehrte und nicht mit alten Freunden oder Bekannten auf Abwege geriet. „Dennoch liegt die Schule in meiner Verantwortung, nicht in seiner.“

Ihre Antwort schien den Bauunternehmer nicht zu beeindrucken. Er behandelte sie immer noch wie ein großes Schulmädchen, das nicht in der Lage war, die einfachsten Rechenarten zu verstehen. „Ich bin sicher, als ehemaliger Geschäftsmann wird Ihr Vater in der Lage sein, die Zahlen besser zu erfassen als eine junge Dame. Sie dürfen Ihr hübsches Köpfchen nicht mit Dingen wie Aufmaß, Materialauswahl und Holzpreisen belasten“, fuhr Mr Stamford in der gleichen überheblichen Art fort.

„Vielleicht verstehen Sie nicht, Mr Stamford, dass ich als Tochter eines Geschäftsmannes, die seit dem Tod ihrer Mutter jahrelang Haushaltsbücher geführt hat, sehr wohl in der Lage bin, Summen und Ausgaben zu berechnen.“ Falls dieser Mann glaubte, sie mit Schmeicheleien darüber hinwegtäuschen zu können, dass seine Materialkosten viel zu hoch berechnet waren, lag er falsch. „Auch sind mir die Kosten für Handwerker durchaus bekannt, nachdem ich selbst erhebliche Arbeiten an diesem Haus vornehmen ließ. Ich finde den von Ihnen veranschlagten Preis überhöht, sowohl für das Material als auch für den Arbeitsaufwand. Schließlich bauen Sie eine Schule und kein Herrenhaus.“

Die Wangen des Mannes blähten sich auf, und er schnaufte verärgert. „Es ist nicht in meinem Sinne, einer Dame zu widersprechen. Trotzdem, wer die besten Materialien wünscht, muss auch den entsprechenden Preis zahlen.“

„Ich möchte das Beste für diese Schule“, stellte sie klar. „Ihre Preise deuten aber darauf hin, dass Holz und Steine verwendet werden, die eher für den Bau einer Kathedrale geeignet sind als für eine Dorfschule. Wir haben kürzlich den Speiseraum dieses Hauses mit Mahagoni vertäfeln lassen. Das Holz wurde extra aus Jamaika angeliefert, Mr Stamford, und der Preis lag unter Ihrem Angebot für die Eichenholzbalken des größten Klassenzimmers. Ich begreife nicht, wie dies möglich ist, es sei denn, das Eichenholz ist vergoldet.“

Stamford lief puterrot an. Er griff nach den Plänen, die auf dem Tisch ausgebreitet waren, und rollte sie kurzerhand zusammen, wobei das Papier zerknitterte. „Wenn Ihnen die Pläne oder die Kosten nicht gefallen, Mylady, können Sie gern jemand anderen beauftragen!“

„Sofern Sie mir kein besseres Angebot vorlegen, werde ich das wohl müssen“, erwiderte Moira, unbeirrt von seinem Gezeter, „obwohl mir der Gedanke nicht behagt, dass Sie sich so viel Arbeit umsonst gemacht haben.“

„Umsonst!“ Der Mann kreischte fast. „Ich erwarte eine Entschädigung für die Zeit und Mühe, die ich …!“

„Gewiss“, unterbrach sie ihn sanft, „wäre es bedauerlich, wenn dieser Auftrag zu einem vorzeitigen Ende käme.“

„So wie die Verlöbnisse mancher Frauen?“, entgegnete er scharf.

Nur mit Mühe hielt Moira ihre aufsteigende Wut im Zaum. Am liebsten hätte sie ihm den Auftrag sofort entzogen, doch das würde die Arbeiten weiter verzögern und sicherlich ihren Vater verstimmen. Genau das wollte sie vermeiden, denn sie durfte ihm keinen Kummer bereiten, wenn er sich weiterhin vom Alkohol fernhalten sollte.

„Es wäre ebenso bedauernswert, wenn Sie nicht mehr damit prahlen könnten, für die Tochter des Earl of Dunbrachie zu arbeiten, wie Sie es ja bereits getan haben, nicht wahr?“

Dies hatte ihr jedenfalls der Butler zugetragen, der es von einem anderen Bediensteten und dieser wiederum bei seinem letzten Besuch in der Dorfschenke gehört hatte.

Die starre Miene Mr Stamfords wurde weicher, und er legte die Pläne zurück auf den Tisch. „Nun ja, vielleicht war ich etwas voreilig, Mylady“, sagte er in versöhnlichem Ton, „manchmal bin ich einfach ein Hitzkopf. Ich denke, wir könnten weniger Eiche und mehr Kiefernholz verwenden. Vielleicht benötige ich auch nicht so viel Schiefer für das Dach.“

Trotz seines Einlenkens und ihrer Erleichterung, dass nun alles wie geplant vorangehen konnte, lag ihr noch etwas am Herzen. „Ich möchte, dass das Gebäude sicher und solide gebaut wird, ohne Einschränkungen.“

„Diese Schule wird so gebaut werden, dass sie in hundert Jahren noch steht“, versicherte er ihr.

„Ausgezeichnet, Mr Stamford. Und wenn Sie mir Zahlen vorlegen, die eher der Wirklichkeit entsprechen, gibt es keinen Grund, meinen Vater über unsere Meinungsverschiedenheit zu unterrichten. Jetzt wünsche ich Ihnen einen guten Tag, Sir. Ich komme im Laufe der Woche auf der Baustelle vorbei, um mir die Fortschritte anzusehen.“

„Ja, Mylady. Auf Wiedersehen, Mylady. Ich bin sicher, ich werde Mittel und Wege finden, an einigen Stellen Kosten einzusparen.“

Damit hastete er aus der Bibliothek, als ob er nicht schnell genug wegkommen könnte, was wahrscheinlich auch der Fall war. Moira war ebenfalls erleichtert, dass er endlich fort war.

Nur zu gut war ihr bewusst, dass die gelöste Verlobung mit Sir Robert kein Geheimnis war. Dennoch hatte es sie verletzt, als Stamford sie so direkt damit konfrontiert hatte. Er hatte tatsächlich versucht, sie auf diese Weise zu verunsichern und für sich einen Vorteil daraus zu ziehen!

Noch bitterer war die Erkenntnis, dass Gordon McHeath inzwischen sicherlich durch Robbie von dem beendeten Verlöbnis erfahren hatte. Nachdenklich ging Moira im Zimmer umher und streifte mit den Fingerspitzen über die schönen ledernen Buchrücken. Ihr ehemaliger Verlobter hatte zweifellos auf schlimmste Weise geschildert, was zwischen ihnen geschehen war. Dabei hatte er es ganz bestimmt vermieden, auf seine eigenen Verfehlungen einzugehen, und sie selbst als engstirnige, einfältige Landpomeranze dargestellt.

Wenn sie doch nur noch so verärgert und aufgebracht sein könnte wie in dem Moment, als sie erfuhr, dass ihr Retter ein Freund Robbies war! Inzwischen war jedoch etwas Zeit verstrichen, und seine Freundschaft zu ihm schien ihr immer weniger auszumachen. Dafür ertappte sie sich leider immer wieder dabei, dass sie an die Leidenschaft dachte, die sie in seinen Armen gespürt hatte. Die unbezähmbare Erregung. Der verzweifelte Wunsch, seine Umarmung möge nie vorübergehen. Sie erinnerte sich an Gordon McHeaths Lächeln, sein ehrenhaftes Verhalten und den Anblick, als er den Hügel heruntergestürmt kam wie ein edler Ritter. Und noch weniger konnte sie ihr ungezügeltes Verlangen vergessen, ihn zu küssen – und seine glühende Erwiderung dieses Kusses. Noch immer glaube sie zu fühlen, wie er seine Arme um sie legte und seine Lippen die ihren berührten, suchend, fordernd, begehrend …

„Verzeihen Sie, Mylady“, klang die Stimme des Butlers von der Tür zu ihr hinüber. „Ein Herr wünscht Sie zu sehen.“ Er reichte ihr ein silbernes Tablett, auf dem eine Karte lag. „Er sagt, es handele sich um eine rechtliche Angelegenheit, Mylady.“

„Eine rechtliche Angelegenheit? Haben Sie ihm gesagt, dass der Earl nicht im Hause ist?“

„Das habe ich getan. Er antwortete, er wünsche nicht den Earl zu treffen, Mylady, sondern Sie.“

Vielleicht hatte dieser Besuch etwas mit der Schule zu tun, auch wenn sie sich das nicht recht vorstellen konnte. Sie nahm die Karte und warf zunächst nur einen flüchtigen Blick darauf, dann konnte sie ihren Blick nicht von dem Billet abwenden.

Gordon McHeath, Rechtsanwalt, Edinburgh.

McStuarts Freund war Anwalt? Und wenn schon, was konnte er von ihr wollen? Es war doch nicht etwa wegen dieses Kusses …? Soweit ihr bekannt war, gab es kein Gesetz über Küsse im Wald. Vielleicht kam er ja wegen des Hundes, der sie verfolgt hatte. „Führen Sie ihn bitte hinein.“

Sie strich ihren Rock glatt und steckte sich eine lose Haarlocke hinter das Ohr. Entschlossen, das Gespräch sachlich zu halten, setzte sie sich steif in einen mit smaragdgrünem Damast bezogenen Sessel nahe dem Kamin.

Mr McHeath erschien auf der Türschwelle der Bibliothek. Heute trug er weder seinen Reisemantel noch seinen Hut, ansonsten war er bis zu den Reitstiefeln ähnlich gekleidet wie bei ihrer ersten Begegnung. Ohne Kopfbedeckung fiel sein sanft gewelltes rotbraunes Haar noch stärker auf. Er war genauso gutaussehend und stattlich, wie Moira ihn in Erinnerung hatte.

McHeath zögerte, und seine Miene sagte ihr, dass er am liebsten wieder umkehren und gehen würde.

Dennoch blieb er. Sein Gesicht schien leicht erhitzt, vermutlich genau wie das ihre. Als er schließlich auf sie zutrat, schaute er so ernst, dass es fast grimmig wirkte.

Sie zwang sich, ruhig und zurückhaltend zu bleiben und vor allem nicht an ihren leidenschaftlichen Kuss zu denken. „Nun, Mr McHeath, welche rechtliche Angelegenheit führt Sie zu mir?“

Er ließ seinen Blick durch den Raum schweifen und einen Moment lang bei dem Säulentisch, auf dem noch immer die Baupläne der Schule lagen, verweilen. Dann zog er ein gefaltetes Dokument aus der Innentasche seines marineblauen Gehrocks.

„Ich komme im Auftrag von Sir Robert McStuart. Es geht um die von Ihnen gelöste Verlobung“, antwortete er mit der gleichen kühlen Zurückhaltung wie sie. „Sir Robert beabsichtigt, Sie auf Wortbruch zu verklagen.“

Ungläubig starrte Moira ihn an. „Wortbruch? Er verklagt mich?“

„Richtig.“ McHeath atmete tief durch, als würde er gleich in eiskaltes Wasser springen müssen. „Er verlangt eine Entschädigung von fünftausend Pfund.“

Moira sprang auf und rang nach Luft. „Unglaublich! Fünftausend Pfund? Fünftausend Pfund?“

„Ich stimme zu, dies ist eine beachtliche Summe, aber Sie müssen bedenken, welchen Schaden Sir Roberts Ruf genommen hat, weil Sie Ihre Meinung änderten. Er ist der Ansicht, ihm stünde ein gebührender Ausgleich zu.“

Sein Ruf?“, wiederholte sie und ballte die Hände zu Fäusten. Vor Empörung zitterte sie am ganzen Körper. „Auf welchen Ruf legt er denn so besonderen Wert? Und was ist mit meinem? Denken Sie nicht, das meiner ebenso gelitten hat, wenn nicht sogar noch mehr?“

Der Anwalt schien nicht im Geringsten verblüfft. „In diesem Fall, Mylady, sollten Sie vielleicht einen Vergleich anbieten, ehe die Angelegenheit vor Gericht verhandelt wird.“

„Sie wollen, dass ich ihn auszahle? Sind Sie noch bei Sinnen?“, fragte sie entsetzt und wütend zugleich. „Ich werde diesem Schürzenjäger keinen Penny zahlen! Wenn jemand schuldig ist, dann er. Hat er Ihnen nicht erzählt, warum ich das Eheversprechen gelöst habe?“

„Er sagte, sie würden ihn nicht mehr lieben“, erwiderte McHeath, während er nach wie vor so steif und unbeweglich dastand wie ein Soldat bei einer Parade. „Außerdem seien Sie über seine Tändelei mit einem Dienstmädchen erzürnt gewesen und darüber, dass er sich weigerte, Ihnen für die Zukunft Treue zu schwören.“

All das war richtig, allerdings … „Eine Tändelei? Nur eine?“

In die Augen des Anwalts trat ein Funkeln, und eine leise Gefühlsregung schien sich auf seinem Gesicht abzuzeichnen, doch gleich darauf nahm er wieder eine steife Haltung ein. „Ja, nur eine.“

„Neben dem Dienstmädchen im Herrenhaus gab es drei weitere Mädchen in der Weberei der McStuarts und die Küchenmagd in seiner Stadtresidenz in Edinburgh, von denen ich weiß“, klärte sie ihn auf. „Es mag noch andere geben. Außerdem, Mr McHeath, trinkt er viel zu viel. Er konnte dies einige Zeit vor mir verbergen, aber glücklicherweise habe ich es noch vor der Vermählung entdeckt. Ich habe mir vor langer Zeit geschworen, niemals einen Trinker zu heiraten.“

McHeath schaute auf seine Stiefelspitzen, sodass sie sein Gesicht nicht sehen konnte. Als er wieder zu ihr aufsah, war seine Miene erneut kalt und ausdruckslos, als ob sie sich nie zuvor begegnet wären, geschweige denn sich in den Armen gehalten hätten. Sie konnte kaum glauben, dass dies derselbe Mann war, der sie so edelmütig gerettet und mit solch glühendem Begehren geküsst hatte.

„Es war Ihre Pflicht, sich über den Mann, der Ihnen den Heiratsantrag machte, zu erkundigen, bevor sie einwilligten, Mylady“, sagte er. „Was Sie offensichtlich nicht taten. Sie hätten um mehr Bedenkzeit bitten können. Auch dies taten Sie nicht. Sie sagten wenig später, dass Sie ihn nicht mehr liebten. Das deutet darauf hin, dass Sie nicht nur moralisch empört waren, als Sie von seinen Liebesverhältnissen erfuhren. Offensichtlich hatten sich Ihre Gefühle für ihn verändert, und darauf hatte mein Mandant absolut keinen Einfluss. Sie allein sind dafür verantwortlich, und daher ist Sir Roberts Anspruch durchaus berechtigt.

Aus rechtlicher Sicht ist noch bedeutsamer, dass Sie einen mündlichen Vertrag eingegangen sind, der öffentlich verlautbart wurde. Anschließend haben Sie diesen Vertrag gebrochen, indem Sie die Verlobung lösten.“

„Großer Gott“, keuchte sie, bestürzt über seine kalte und gefühllose Antwort. Sie wich vor ihm zurück, als würde er sie mit einer Pistole bedrohen. „Sie meinen es tatsächlich ernst!“

„Ich würde nie über einen Rechtsstreit scherzen, Mylady, das versichere ich Ihnen.“

Das glaubte sie ihm aufs Wort. Im Augenblick hatte sie sogar den Eindruck, er würde niemals über irgendetwas Witze machen.

Aber er war der Mann, der sie vor dem Hund gerettet hatte, und er konnte sicherlich ihre Gefühle und ihre Entscheidung nachempfinden. „Was immer ich zu fühlen glaubte, ich erkannte, dass ich mich getäuscht hatte, und handelte entsprechend. Würden Sie wirklich von mir erwarten, dass ich einen Mann eheliche, der mir nichts mehr bedeutet und den ich sogar für sein Verhalten verachten müsste? Würden Sie unter solchen Umständen tatsächlich eine derartige Verbindung von mir verlangen?“

Der Anwalt errötete leicht, blickte ihr jedoch fest in die Augen. „Nein, das würde ich nicht. Dennoch muss ich Sie nochmals daran erinnern, Mylady, dass es an Ihnen lag, Sir Roberts Fehler aufzudecken, ehe Sie seinen Antrag annahmen.“

War der Mann aus Stein? Hatte er kein Herz? „Ein Richter wird sicherlich auf meiner Seite sein und bestätigen, dass ich die Verlobung zu Recht beendet habe.“

„Richter sind Männer, Mylady. Er könnte genauso gut entscheiden, das Sir Robert eine Entschädigung zusteht.“

Leider hatte er damit vermutlich recht. Männer machten die Gesetze, und Männer sorgten dafür, dass sie eingehalten wurden.

Und wie verhielt es sich mit Gordon McHeath, der so liebenswürdig und galant gewirkt hatte? „Dulden Sie sein Benehmen, Mr McHeath?“

Er hielt ihrem Blick stand. „Dulden? Nein, ganz sicher nicht. Aber ich wurde anders erzogen als Sir Robert. Seine Eltern glaubten, dass sie aufgrund ihrer Herkunft und ihrer gesellschaftlichen Stellung an gewisse moralische Regeln nicht gebunden seien.“

„Obwohl Sie sein Verhalten nicht gutheißen, würden Sie seine Verteidigung übernehmen?“

„Ich vertrete ihn.“

Ein schreckliches Gefühl breitete sich in ihrer Magengrube aus, als ihr noch ein Grund einfiel, warum ein Richter auf Robbies Seite stehen könnte. „Haben Sie ihm von unserem Kuss erzählt?“

Auch wenn er sie weiterhin ausdruckslos ansah, trat leichte Röte auf Mr McHeaths Wangen. „Ich hielt es nicht für nötig, dies gegenüber Sir Robert oder jemand anderem zu erwähnen. Ich hoffe, Sie waren genauso verschwiegen. Es gereicht keinem von uns beiden zur Ehre.“

Ihr Herz schlug wieder etwas schneller. Selbst wenn er seine Verschwiegenheit betonte, spürte sie, dass er ihre Begegnung im Wald weit weniger bereute, als er vorgab.

Und sie bereute ebenfalls nichts, nicht einmal jetzt, in dieser Situation. Um zu erfahren, ob sie ihn richtig einschätzte, stellte sie ihm eine weitere Frage. „Wenn Sie unser Handeln öffentlich machten, würde es Ihrer Sache dienlich sein, nicht wahr?“

„Ich sah keine Notwendigkeit dazu, da ich hoffte, Sie würden vernünftig sein und eine Summe zum Vergleich anbieten, damit der Fall nicht fortgeführt werden muss“, antwortete er gelassen.

Sie trat etwas näher und versuchte, in seinen Augen zu erkennen, ob er aufrichtig war. „Da Sir Robert nur ausgewählte Teile der Wahrheit erzählt, frage ich mich, ob Sie eigentlich wissen, dass die Summe von fünftausend Pfund genau meiner Mitgift entspricht?“

Das wusste er nicht. Sie bemerkte, wie er versuchte, sein Erstaunen zu verbergen. „Offensichtlich ist er sehr an dieser Mitgift interessiert“, fügte sie hinzu.

Mr McHeath fasste sich schnell. „Was immer sein Grund ist, er hält diesen Betrag für eine angemessene Entschädigung.“

Ich denke vielmehr, er hat keinerlei Anrecht auf Entschädigung, und nichts von dem, was Sie sagen, wird mich von meiner Meinung abbringen.“

Der Anwalt verneigte sich. „Nun gut, Mylady, da wir scheinbar zu keiner Einigung kommen, wünsche ich Ihnen einen guten Tag.“

Seine Worte sollten sie eigentlich nicht traurig stimmen, und sie sollte auch nicht bedauern, dass er gehen würde. Letztendlich kannte sie ihn kaum, und er arbeitete für Robbie.

„Sie dürfen Sir Robert mitteilen, dass ich es nicht bereue und niemals bereuen werde, das Verlöbnis beendet zu haben. Sein kleinliches, rachsüchtiges Vorgehen bestärkt mich nur darin, das Richtige getan zu haben“, sagte sie, während sie zum Kamin ging und den daneben hängenden Klingelzug betätigte. „Guten Tag, Mr McHeath. Walters wird Sie hinausführen.“

Als Gordon nach McStuart House zurückkehrte, machte er sich sofort auf die Suche nach seinem Gastgeber, wobei es ihm vorkam, als trüge er eine schwere Last mit sich. Er freute sich nicht, Lady Moiras Antwort zu überbringen, genauso wie es ihn nicht begeistert hatte, zu ihr zu gehen und Robbies Forderungen vorzubringen. Tatsächlich hatte er ernsthaft überlegt, ohne Erklärung umzukehren, als er erkannt hatte, dass Lady Moira die Dame war, die er im Wald geküsst hatte. Aus Dankbarkeit und Pflichtbewusstsein seinem alten Freund gegenüber tat er jedoch, worum er gebeten wurde. Jetzt würde Robbie alles wissen wollen.

Für alle Beteiligten wäre es besser, wenn sowohl Robbie als auch Lady Moira einfach ihrer Wege gingen und die Vergangenheit ruhen ließen. Obwohl Gordon sich redlich bemüht hatte, seinen Freund davon abzubringen, war dieser leider entschlossen, vor Gericht zu ziehen und für den Angriff auf seine Eitelkeit entschädigt zu werden.

Lady Moira indes war nicht die einzige Person in Dunbrachie, der man vorwerfen konnte, einen Vertrag einzugehen, ohne den Vertragspartner gut genug zu kennen. Er selbst hätte viel vorsichtiger sein sollen, als es darum ging, Robbie in einer Rechtsangelegenheit zu vertreten, besonders nachdem ihm aufgefallen war, wie viel dieser am ersten Nachmittag getrunken hatte.

Am Ende seiner Suche fand Gordon seinen Freund schließlich dort, wo er ihn am wenigsten vermutet hätte – in der Bibliothek. Im Gegensatz zu der des Earls erschien dieser Raum muffig und vernachlässigt. Viele der Bände, die die Regale füllten, waren nicht einmal richtige Bücher, sondern nur gebundene Journale. Insgeheim war Gordon davon überzeugt, dass weder Robbie noch sein Vater nach dem Ende der Schulzeit je wieder ein Buch zu Ende gelesen hatten.

Die dunklen Vorhänge vor den Fenstern verstärkten den Eindruck des vornehmen Verfalls. Einzig die breiten Fenster zur Terrasse hin verliehen dem Raum einen gewissen Reiz. Vielleicht waren sie der Grund, warum Robbie sich hier aufhielt, vielleicht war es aber auch die ruhige Lage abseits der anderen Räume.

Natürlich war Robbie nicht damit beschäftigt, ein Buch zu lesen. Er war nicht einmal wach, sondern lag rücklings auf einem der verschlissenen, seidenbezogenen Sofas. Sein linker Arm bedeckte sein Gesicht, der rechte lag auf seiner Brust, und am Boden stand eine leere Flasche Portwein.

4. KAPITEL

Gordon seufzte tief und lehnte sich gegen eines der Bücherregale. Welche Ansicht Robbie auch immer vertrat, Lady Moira hatte zu Recht Abstand von einem Mann genommen, der so viel trank. In seiner Kanzlei hatte er viele Ehen und Familien gesehen, die durch Trunksucht zerstört worden waren.

Robbies Lider flatterten, und er öffnete die Augen. „Gordo! Du bist zurück!“, murmelte er, während er sich aufsetzte. „Warum hast du mich nicht geweckt?“

„Ich bin gerade erst zurückgekehrt“, antwortete McHeath und setzte sich in einen Ohrensessel Robbie gegenüber. Mit dem Kopf deutete er auf die Flasche am Boden. „Ist es nicht ein wenig früh dafür?“

Sir Robert seufzte. Er beugte sich vor und rieb sich die Schläfen. „Mein Kopf schmerzte, deshalb habe ich ein Gläschen getrunken, nur zur Linderung.“

„Ein Gläschen?“

„Ja, um einzuschlafen.“

„Vielleicht tat dein Kopf weh, weil du letzte Nacht zu viel getrunken hast“, bemerkte Gordon und versuchte, unvoreingenommen zu klingen.

Robbie runzelte verärgert die Stirn. „Du bist nicht mein Kindermädchen.“

„Nein, bin ich nicht. Ich bin dein Freund und sorge mich um dich.“

Sir Robert rutschte zurück, bis sein Kopf wieder auf der Sofalehne lag. „Wenn ich etwas mehr als gewöhnlich trinke, dann nur, damit ich nachts Schlaf finde.“

Gordon fragte sich, wie viel er gewöhnlich an einem Tag trank, verwarf den Gedanken aber sofort wieder. Die derzeitige Verfassung seines Freundes kümmerte ihn dagegen sehr, denn dieser war alles andere als gesund, viel zu dünn und blass mit dunklen Ringen unter den Augen.

„Vielleicht sollten wir nach einem Arzt schicken.“

Robbie schüttelte den Kopf und schloss die Augen. „Keinen Arzt. Die Sache mit Moira macht mir zu schaffen, das ist alles. Wenn das überstanden ist, wird es mir sicher besser gehen.“

„Vielleicht würde dir ein Ausritt oder eine Wanderung guttun.“

Robbie wandte sich um und sah aus dem Fenster. „Heute nicht“, erwiderte er matt. „Es wird bald regnen.“

Leider hatte er recht. Der Himmel war verhangen und grau und kündigte noch vor Ende des Nachmittags Regen an.

Plötzlich fiel Sir Robert ein, wo Gordon gewesen war. „Also, wie hat Moira reagiert?“, fragte er, als er sich wieder aufsetzte und die Füße auf den Boden stellte. „Was hat meine ehemalige Verlobte gesagt, als du ihr angekündigt hast, dass ich sie verklagen werde?“

Gordon wog seine Worte sorgfältig ab, um die Situation nicht noch weiter aufzuheizen. „Sie war natürlich aufgebracht.“

Das stimmte. Dem triumphalen Aufblitzen in den blutunterlaufenen Augen nach zu urteilen, schien Robbie Gordons Antwort jedoch auf seine Weise zu interpretieren. „Genau das soll sie auch sein! War sie zu einer Einigung bereit?“

Gordon hatte alles getan, um Robbie diese außergewöhnlich hohe Entschädigungssumme auszureden. Er hatte ihm geraten, einen Vergleich zu schließen und sich mit einem geringeren Betrag zufriedenzugeben, um Zeit und Kosten zu sparen. Nach Aufwendung all seiner Überredungskunst war es ihm schließlich gelungen, Robbies Zustimmung zu erlangen. Leider hatte Lady Moira seine Mühen zunichtegemacht, indem sie jeglichen Kompromiss ablehnte. „Nein, war sie nicht.“

Für einen kleinen Moment trübte sich Sir Roberts Miene. „Nun, dann wird sie für den ganzen Betrag und für die Kosten des Verfahrens aufkommen müssen, wenn wir gewinnen!“

Robbie war schon immer ein selbstsicherer Charakter gewesen, und das hatte sich offenbar nicht geändert. „Sie glaubt, dass sie nicht verlieren wird“, antwortete Gordon.

„Ha!“, verächtlich schnaubend sprang Robbie auf und stieß dabei die Flasche um. Sie rollte quer über den Aubusson-Teppich zum Marmorkamin, ohne dass er es beachtete.

„Natürlich wird sie das! Jeder in Dunbrachie kann bezeugen, dass wir verlobt waren. Jeder weiß, dass sie das Eheversprechen löste. Wie hast du es genannt? Ach ja …, sie hat einen mündlichen Vertrag gebrochen. Und ich werde durch den besten Verteidiger von ganz Schottland und England vertreten.“

„Deine Komplimente schmeicheln mir, allerdings ist sie der Ansicht, dass ein Richter wegen deines unrühmlichen Verhaltens auf ihrer Seite stehen wird.“

Robbie lachte, aber ohne seine gewohnte Heiterkeit. Sein Lachen klang rau und hässlich. „Eine Richterin würde auf ihrer Seite sein, doch da es keine gibt und nie geben wird, werde ich gewinnen, und Moira muss zahlen. Und dann …“

Er beendete den Satz nicht. Stattdessen ging er hinüber zu einer Bücherreihe, zog einen Teil davon heraus und enthüllte ein verstecktes Schrankfach, in dem sich weitere Whisky- und Weinflaschen befanden.

Obwohl Gordon die Meinung vertrat, dass sein Freund genug getrunken hatte, gab es etwas, das ihn weit mehr beunruhigte. „Und dann … was dann?“

„Dann ist das Thema Moira ein für alle Mal erledigt.“

Dahinter musste noch etwas anderes stecken. Robbie würde sonst nicht gegen sie klagen, sondern sie einfach in Ruhe lassen. Außerdem klang er so … verzweifelt.

„Du brauchst das Geld!“, entfuhr es Gordon, als er plötzlich die Wahrheit erkannte.

„Nein. Das heißt, nicht direkt“, erwiderte Robbie und lief rot an. Erneut goss er einen Fingerbreit Whisky aus einer Waterford-Karaffe in ein Glas.

Hatte der Mann überall im Haus Alkoholvorräte angelegt? War es das, wofür er sein ganzes Geld ausgab? Aber die McStuarts besaßen seit Generationen ein so ungeheures Vermögen, dass kein Mensch es je vertrinken könnte.

„Das Geld käme gerade recht, mehr nicht“, sagte Robbie. „Ich habe ein paar Schulden, die ich lieber früher als später loswerden möchte. Außerdem geht es ums Prinzip. Sie löste den Vertrag, und sie soll die Strafe dafür zahlen“, stellte er fest und kippte den Whisky hinunter.

„Wolltest du sie aus diesem Grund heiraten? Weil ihr Vater reich ist?“, fragte Gordon und hoffte insgeheim, dass seine Einschätzung falsch sei.

„Natürlich nicht!“ Robbie wirbelte herum und schien ehrlich betroffen, dass sein Freund so denken konnte. „Ich habe sie geliebt! Hast du gesehen, wie schön sie ist? Wunderschön, nicht wahr?“

„Ja, bildschön“, stimmte Gordon zu. Und auch noch willensstark, entschlossen, mutig, leidenschaftlich und außerordentlich begehrenswert.

„Wer würde sich nicht in so eine Frau verlieben? Nun, du vielleicht nicht“, berichtigte sich Robbie und zeigte mit seinem Glas auf Gordon. „Ich glaube, du bist viel zu ernst und pflichtbewusst, um dich zu verlieben. Amors Vergnügungen sind nichts für Gordo, habe ich recht?“

In seinem Inneren erlaubte sich Gordon, anderer Meinung zu sein. Er hatte geliebt, zumindest hatte er das geglaubt, und wusste deshalb genau, wovon Robbie sprach.

„Aber ich war verliebt“, fuhr sein Freund mit überschwänglicher Geste fort, indem er sich das Glas vor die Brust hielt.

Seine Erklärung mochte jemanden narren, der ihn nicht so gut kannte, doch Gordon ließ sich nicht irreführen. Hinter den romantischen Worten und dramatischen Gesten erkannte er Robbies Bedrängnis. Er war nicht verzweifelt, weil Lady Moira ihn nicht mehr liebte oder weil er sich nach Glück sehnte, sondern weil er Geld brauchte – und zwar nötig.

„Dass ihr Vater reich ist und mir bei einigen kürzlich erlittenen finanziellen Rückschlägen helfen konnte, war nur eine Zugabe“, flüsterte Sir Robert, als wolle er Gordons Vermutung bestätigen.

Enttäuschung, Entsetzen, Abscheu – diese Gefühle drangen gleichzeitig auf Gordon ein. Jedoch war da noch etwas anderes. Er fühlte sich … befreit.

Plötzlich schleuderte Robbie sein Glas gegen den Kamin, wo es in tausend kleine Splitter zerbrach. „Sieh mich nicht so an, Gordo! Nicht du! Schlimm genug, dass sie mich anblickte wie eine unwürdige und abstoßende Kreatur. Du bist ein Mann und noch dazu ein Anwalt. Du solltest verstehen, dass Männer manchmal aus Vernunftgründen Entscheidungen treffen müssen, selbst wenn es ums Heiraten geht. Gerade dann! Besonders, wenn man einen Titel hat. Wir können uns den Luxus nicht leisten, nur aus Liebe zu heiraten.“

Da war sie wieder, diese unglaubliche Arroganz! Die Entschuldigung für sein Verhalten bestand lediglich darin, dass die Oberschicht nach anderen Regeln lebte, andere Bedürfnisse hatte und über andere Möglichkeiten verfügte.

„Ich kann verstehen, dass du finanzielle Angelegenheiten bei deinen Heiratsplänen berücksichtigst, Robbie.“ Er hatte genügend Eheverträge aufgesetzt, und Robbie bildete keine Ausnahme. „Dennoch verstehe ich nicht, warum ein so wohlhabender Mann wie du das Bedürfnis hat, sein Vermögen auf diese Weise noch zu vergrößern.“

Seufzend sackte Sir Robert in sich zusammen und sank ermattet auf das Sofa.

„Dann erkläre ich es dir“, sagte er. Aller Hochmut, alle Eitelkeit waren verschwunden. Als er seine Hände hilflos ausstreckte, erinnerte er Gordon an den Robbie, den er von früher gekannt hatte. „Meine Familie ist nicht reich, schon seit Jahren nicht mehr, und ich bin bis über beide Ohren verschuldet.“

Gordon glaubte, nicht richtig zu hören. „Aber … deine Familie …, dieses Haus … Wie ist das möglich?“

„Ich habe meinen Anteil am Familienvermögen schon in meiner Jugend verschwendet“, gab Robbie zu, „weil ich genau wie du und alle anderen dachte, meine Familie besäße Unmengen Geld.

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