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HISTORICAL SAISON BAND 22

ANNIE BURROWS

Ein Viscount auf Brautschau

Wie eine Prinzessin! Das hauchzarte, blütenbestickte Kleid, der feurige Blick aus kornblumenblauen Augen … Lydia ist noch bezaubernder als damals. Doch Viscount Rothersthorpe kann nicht vergessen, dass sie ihn einst für einen anderen verlassen hat. Er verabscheut sie aus tiefstem Herzen – und begehrt sie gleichzeitig mit jeder Faser seines Körpers!

EMILY MAY

Die Lady und das Biest

„Werden Sie mein Kavalier!“ Lady Isabella schlägt Major Reynolds eine vorgetäuschte Liaison vor – weil sie Gewissensbisse hat. Sie trägt Schuld daran, dass ganz London über ihn spottet. Zum Glück ahnt er nichts. Doch als aus der ursprünglichen Scharade plötzlich wilde Leidenschaft wird, fällt es Isabella immer schwerer, das dunkle Geheimnis zu bewahren …

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Ein Viscount auf Brautschau

1. KAPITEL

Wer ist der Gentleman, den du die ganze Zeit beobachtest?“

Bei Roses Frage schreckte Lydia aus ihrem entrückten Zustand auf. Sie hatte Herzflattern, ihr Mund war wie ausgedörrt, und ihre Knie zitterten.

„Ich habe niemanden beobachtet.“

Sie riss sich zusammen und machte sich klar, dass sie ihrer Stieftochter ein Vorbild sein sollte, anstatt sich zu benehmen wie eine liebeskranke Achtzehnjährige. Denn es stimmte, sie hatte ihm immer wieder Blicke zugeworfen. Verstohlene, sehnsüchtige Blicke. Ihn direkt anzusehen – so, dass man ihre Gefühle in ihren Augen hätte lesen können – wäre zu riskant gewesen.

Und nicht nur für sie selbst. Rose absolvierte gerade ihre erste Saison. Das arme Mädchen hatte schon genug zu kämpfen, ohne dass das auffällige Benehmen ihrer Stiefmutter noch zusätzlich für Aufsehen sorgte. Zwar begegnete man Lydia bislang mit dem Respekt, der einer Witwe gebührte, zumindest wenn sie persönlich zugegen war. Doch nichts ruinierte den Ruf einer Frau schneller als böses Gerede.

„Aber du kennst ihn, nicht wahr? Den gut aussehenden meine ich.“ Rose ließ nicht locker. „Den da hinten, der bei Lord Chepstow und seinen Freunden steht.“

„Ach so, den meinst du.“ Mit einem Schulterzucken versuchte Lydia zu überspielen, wie ertappt sie sich fühlte. Manchmal erinnerte Rose sie an ihre frühere Anstandsdame. Auch Mrs Westerly war nie etwas entgangen.

„Vergeude deine Zeit nicht mit ihm“, hatte die scharfsichtige Frau sie damals gewarnt, als ihr aufgefallen war, dass Lydia den Gentleman förmlich mit Blicken verschlungen hatte. „Seine Familie steht vor dem Ruin. Wieder einmal. Für gewöhnlich heiratet dann einer von ihnen eine reiche Erbin, deren Vermögen sie vor dem Absturz bewahrt. Obwohl dieser Hemingford nicht so aussieht, als gedächte er sein Junggesellendasein demnächst aufzugeben. Aber wenn die Zeit kommt, wird er es machen wie seine Vorfahren. Du wirst es erleben.

„Ja, ich kenne ihn flüchtig.“ Lydia schlug einen beiläufigen Ton an. „Es ist der Ehrenwerte …“ Ehrenwerte? Dass sie nicht lachte! „… Nicholas Hemingford.“

Rose klappte ihren Fächer auf und wedelte sich Luft zu. „Erzähl mir von ihm!“

„Da gibt es nicht viel zu erzählen.“ Lydia errötete bei der Lüge.

Denn sie hatte sich damals Hals über Kopf in ihn verliebt. Trotz seines schlechten Rufs und der eindringlichen Warnungen ihrer Chaperone. Wie eine Motte dem Licht war sie seiner Anziehungskraft erlegen. Dem leicht herablassenden Lächeln … und erst recht dem Funkeln seiner atemberaubend blauen Augen …

Sie hatte nicht den Hauch einer Chance gehabt, als er seinen geballten Charme bei ihr hatte spielen lassen, wahrscheinlich aus einer seiner typischen, exzentrischen Launen heraus.

Heute konnte sie nur den Kopf schütteln über ihre damalige Naivität. Was ihr für eine kurze Zeit wie ein Rettungsanker erschienen war, hatte sich, kaum auf den Prüfstand gestellt, als reines Wunschdenken erwiesen.

„Während meiner Saison habe ich ein- oder zweimal mit ihm getanzt“, erzählte sie ihrer Stieftochter und hoffte, dass es sich harmlos anhörte.

„Und du konntest ihn nie vergessen“, bemerkte Rose mit ihrem typischen Scharfsinn.

„Nein“, räumte Lydia seufzend ein. Weil sie nicht wollte, dass Rose den Eindruck gewann, sie sei nicht offen zu ihr, gab sie nach – denn sonst würde das Mädchen immer wieder darauf zurückkommen, bis es das letzte Quäntchen Wahrheit aus ihr herausgepresst hatte. „Er ist nicht der Typ Mann, den man so einfach vergisst. Er ist … außergewöhnlich.“

„Tatsächlich? In welcher Hinsicht?“

„Nun, zunächst einmal war er ein unverbesserlicher Frauenheld.“ Lydia hörte selbst, wie bitter sie klang. „Ich wurde regelmäßig Zeugin, wie er selbst die sittsamsten jungen Damen dazu brachte, sich in albern kichernde, errötende Backfische zu verwandeln, und dann wegschlenderte, während sie ihm sehnsüchtig hinterherschmachteten. Oft suchte er sich das unscheinbarste und reizloseste Mauerblümchen im Saal, um es für einen Abend glücklich zu machen, indem er es zum Tanze aufforderte.“

„Aber … das war doch sehr nett von ihm.“

Als Lydia das Gesicht verzog, setzte Rose unsicher hinzu: „Oder nicht?“

„Ich glaube nicht, dass Nettigkeit zu seinen Charakterzügen zählt.“ Lydia schüttelte den Kopf. „Mädchenherzen zu entflammen war ein Amüsement für ihn. Sein wahres Interesse galt immer nur dem Glücksspiel. Und ich möchte wetten“, mit einer unauffälligen Kinnbewegung deutete sie auf die Gruppe Männer, bei der Hemingford stand, „dass er sich mit den Gentlemen dort für eine Runde Karten verabredet.“

„Aber …“, Rose zog nachdenklich die Brauen zusammen, „… wenn er nur mit den Mauerblümchen tanzte, wie kommt es dann …?“

Lydia nickte verstehend. „Zu der Zeit, als ich deinem Vater vorgestellt wurde, war ich in ziemlich schlechter Verfassung, wie du dich sicher erinnerst. Meine Anstandsdame bestand darauf, dass ich an jeder Veranstaltung teilnahm, zu der ich eingeladen wurde, weil sie hoffte, ich würde eine Eroberung machen. Das hatte mich erschöpft, und ich sah nicht besonders vorteilhaft aus.“

Was eine Untertreibung war. Mrs Westerly hatte ihr Rouge aufgelegt, um die Blässe ihrer Wangen zu kaschieren, und Reispuder um die Augen getupft, damit man die dunklen Ränder nicht sah. Wenn auf die gehässigen Bemerkungen der damaligen Schönheit der Saison und ihrer entzückten Verehrer halbwegs Verlass war, musste sie ausgesehen haben wie eine wandelnde Leiche.

An dem Abend, als sie sich so hoffnungslos in Nicholas Hemingford verliebt hatte, war sie jedenfalls unbestreitbar das unglücklichste weibliche Wesen im Saal gewesen. Die Saison hatte einen schlechten Anfang genommen, und ihre Situation wurde immer aussichtsloser. Nachdem sie wieder eine schneidende Bemerkung über ihr Aussehen mit angehört hatte, war sie zum Ausgang des Saales geschlichen, um der Hitze, dem Gedränge und dem überwältigenden Gefühl des Versagens zu entrinnen. Sonst hätte Nicholas sie wohl gar nicht bemerkt.

Ebenso wenig wie er sie heute Abend bemerkte. Er entfernte sich von der Männergruppe, bei der er gestanden hatte, und schlenderte zur gegenüberliegenden Ecke des Ballsaals. Eine mollige, ziemlich verloren wirkende junge Dame saß dort etwas abseits auf einem Stuhl an der Wand.

Er tat es schon wieder!

Die pummelige junge Dame begann zu strahlen, noch ehe er sich über ihre Hand beugte. Lydia wusste genau, was sie empfand, als er sie aufs Parkett führte, wo die Tänzer sich gerade aufstellten. Sie würde kaum glauben können, dass ein so gut aussehender Mann wie Mr Hemingford sie zum Tanzen aufforderte, ohne von einer der Matronen darum gebeten worden zu sein. Ihr Herz würde überquellen vor Dankbarkeit. Hoffentlich nahm die junge Dame seinen Anfall von Ritterlichkeit nicht so ernst, dass es ihr das Herz brach.

„Was glaubst du“, fragte Rose gedankenvoll, „warum tanzt er nur mit unscheinbaren Mädchen?“

„Nun, er würde vermutlich sagen, dass man sich auf einem Ball amüsieren sollte, komme, was wolle.“ Lydia zog die Stirn kraus. „Er würde sagen, dass ihm lange Gesichter die Laune verderben und dass er etwas dagegen unternimmt, wenn es kein anderer tut.“

„Aber du glaubst, dass das nicht sein wirklicher Beweggrund ist?“

„Oh nein.“ Lydia lachte bitter. „Mir gegenüber gab er einmal offen zu, dass es keinen Zweck habe, eine der akzeptablen jungen Damen im Saal zum Tanz aufzufordern. Ihre Chaperonen hätten es ihm verwehrt. Er wurde allgemein für gefährlich gehalten.“

„Gefährlich?“ Rose machte große Augen. „Und – war er das?“

„Oh ja.“ Jedenfalls für den Seelenfrieden einsamer, unglücklicher junger Damen.

Lydia atmete scharf ein und dann langsam wieder aus.

Es lohnte sich nicht, sich darüber zu grämen, dass er sie dazu gebracht hatte, sich nach etwas Unerreichbarem zu sehnen. Oder darüber, dass sie schon geglaubt hatte, das Glück sei in greifbare Nähe gerückt. All das hatte sich vor einer halben Ewigkeit zugetragen.

Leider gab sein Anblick ihr das Gefühl, es sei erst gestern geschehen.

Seit dem Moment, da sie ihn im Saal entdeckt hatte, war ihr zumute gewesen wie einem leicht zu beeindruckenden Mädchen in Roses Alter. Sie hatte den Blick kaum von ihm abwenden können, als er die junge Dame auf die Tanzfläche führte.

Es war nur ein kleiner Trost für sie, dass sie nicht die einzige Frau zu sein schien, die ihn fasziniert beobachtete.

Seine geschmeidige Art, sich zu bewegen, zog immer wieder bewundernde Blicke auf sich. Die meisten Männer sahen nur beeindruckend aus, wenn sie still dastanden und eine bestimmte Pose einnahmen. Bei der lässigen Eleganz dagegen, mit der Nicholas Hemingford den Saal durchquerte, schmolz Lydia förmlich dahin.

Als die Gentlemen sich in einer Reihe aufgestellt hatten, stand er ihr praktisch direkt gegenüber. Sie konnte der Versuchung nicht widerstehen, ihn genau zu betrachten, während er seine Aufmerksamkeit auf seine Partnerin richtete.

Oh, er hatte nichts von seiner Attraktivität verloren. Sein hellbraunes Haar trug er etwas kürzer, aber abgesehen davon hatte er sich kaum verändert. Er war genauso schlank und ebenso elegant gekleidet wie früher.

Typisch! Hätte er nicht auch ein bisschen Fett ansetzen und schlaffere Haut bekommen können wie die meisten seiner Altersgenossen? Aber nein. Er hatte es geschafft, seinen zügellosen Lebensstil beizubehalten, ohne Schaden zu nehmen. Wie früher.

Sie klappte ihren Fächer auf und wedelte sich kühle Luft auf die erhitzten Wangen. Auf die Art waren ihre Hände beschäftigt, und sie davor gefeit, sie zu Fäusten zu ballen und gegen irgendeine harte Oberfläche zu schlagen.

Die abrupte Bewegung hatte offenbar seine Aufmerksamkeit erregt, denn er hob den Kopf und sah in ihre Richtung. Ihre Blicke trafen sich.

Lydias Herz schlug schneller. Sie reckte das Kinn.

Ja, Nicholas, ich bin es wirklich. Wie du siehst, habe ich es überlebt, und jetzt bin ich hier. Was hast du zu deinen Gunsten vorzubringen?

Sein Blick glitt über sie hinweg, ohne dass er ein Zeichen des Erkennens gegeben hätte. Im ersten Moment war Lydia so schockiert, dass ihr die Luft wegblieb. Dann wurde sie wütend.

„Er hat dich nicht erkannt, Mama Lyddy.“ Ohne es zu wollen, legte Rose den Finger in die Wunde.

„Nein.“ Lydia biss die Zähne zusammen. „Wie sollte er? Es ist acht Jahre her, dass wir uns zuletzt gesehen haben. Und ich war nur eine von vielen unbedeutenden jungen Damen, die er mit seiner Aufmerksamkeit beehrte.“

Trotzdem hatte sie die Erinnerung an ihn all die Jahre gehegt und gepflegt. Doch jetzt sah es so aus, als habe er sie völlig vergessen.

Weil sie ihm gleichgültig gewesen war?

„Stimmt etwas nicht?“ Rose musterte sie besorgt.

„Es ist erniedrigend“, gab Lydia zu, „wenn man so uninteressant ist, dass man komplett vergessen wird.“

Es war sogar noch schlimmer. Bis eben hatte sie die Hoffnung nicht aufgegeben, dass es ihm ernst gewesen war mit seinen Worten damals, wenn auch nur für jenen kurzen berauschenden ­Augenblick, da er sie in den Armen gehalten hatte. Sie war sich vorgekommen wie in der Umarmung eines Liebhabers … Und das, obwohl er sie in Wahrheit nur aufgefangen hatte, weil sie fast in Ohnmacht gefallen war und er zufällig neben ihr gestanden hatte, als es passierte. Jeder andere Gentleman hätte wahrscheinlich ebenso ritterlich gehandelt und dafür gesorgt, dass sie in den Schatten kam. Und doch, in den wenigen Minuten, die es gedauert hatte, sie ins Haus zu bringen, war ihr zumute gewesen, als würde sie in den Himmel getragen. Sie hatte sich sicher gefühlt in seinen Armen, ihren Kopf an seine Schulter gelehnt und seinen unverwechselbaren Duft eingeatmet. Und er hatte Worte gemurmelt, die für einen Mann wie ihn ungewöhnlich waren – Worte der Sehnsucht, Verheißungen zukünftiger Möglichkeiten. Worte, die Hoffnung in ihrem Herzen hatten aufsteigen lassen.

Mit der es nur allzu bald wieder vorbei gewesen war.

Denn sobald er sie auf die Chaiselongue gebettet hatte, war er mit reuevoller Miene davongeeilt.

Er war ihr nie wieder nahegekommen.

Die Musik setzte ein, die Gentlemen verbeugten sich vor den Damen, und Lydia durchsuchte ihr Retikül nach einem Taschentuch.

„Mama Lyddy?“

Rose musterte sie besorgt.

Lydia putzte sich die Nase. Sie hasste es, von Gefühlen überwältigt zu werden. „Das kommt davon, wenn man Erinnerungen an seine Saison nachhängt.“

„Es waren offenbar keine besonders glücklichen Erinnerungen.“

Lydia verzog das Gesicht. „Nein, leider nicht.“

Rose seufzte und sah zu ihrem Halbbruder hoch, der hinter ihren Stühlen stand und genervt seinen Blick über die im Saal versammelte Gesellschaft schweifen ließ.

„War es noch schlimmer als heute Abend?“

„Oh Rose, amüsierst du dich denn gar nicht?“

„Wie sollte ich?“, fragte das Mädchen aufsässig. „Wenn Robert sich so unmöglich benimmt.“

Die Kapelle spielte in voller Lautstärke, und sie unterhielten sich hinter vorgehaltenen Fächern. Lydia glaubte nicht, dass Robert sie hören konnte, obwohl sie sicher war, dass Rose genau das beabsichtigte.

„Er will dich doch nur beschützen …“

„Nun, ich wünschte, er würde es nicht tun. Ich verstehe nicht, warum er mich nicht mit Lord Abergele tanzen ließ.“

Lydia verstand es auch nicht, aber da ihr nun einmal die Rolle der Friedensstifterin zwischen den Geschwistern zukam, sagte sie: „Er hatte sicher seine Gründe …“

„Vermutlich hält er Seine Lordschaft für einen Mitgiftjäger.“ Rose klang unwirsch.

„Oh? Ja dann …“

„Aber das ist mir gleichgültig! Schließlich bin ich nicht in London, um mir einen Ehemann zu angeln, sondern um meinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Aber wie soll das gehen, wenn mein Bruder jeden Gentleman, der Interesse an mir zeigt, von mir fernhält? Lord Abergeles Schwester verfügt über Beziehungen, die mir äußerst nützlich sein könnten. Doch nun, da Robert ihn gekränkt hat, sehe ich keine Chance mehr, mich noch mit ihr anzufreunden.“

Was noch schlimmer war – Robert hatte einen respektablen Tanzpartner abgewiesen, daher konnte Rose an diesem Abend mit keinem anderen mehr tanzen.

„Ich rede mit ihm“, versprach Lydia fest. Obwohl es nicht viel nützen würde, denn dafür ähnelte er seinem Vater viel zu sehr. Er war überzeugt, immer alles am besten zu wissen, und erwartete von seiner Familie, dass sie ihm widerspruchslos zustimmte.

Davon abgesehen musste es ihm schwerfallen, auf ihre Meinung zu hören, denn schließlich war er vier Jahre älter als sie. Lydia konnte durchaus verstehen, dass er sich angewöhnt hatte, sie wie eine seiner jüngeren Schwestern zu behandeln statt mit dem Respekt, den er seiner Stiefmutter schuldete. Das machte es nicht weniger ärgerlich für sie.

Besonders wenn er sie beide behütete wie heute Abend. Er benahm sich wie ein Wachhund, sobald jemand, den er für unpassend hielt, sich seiner schönen Schwester näherte, und signalisierte damit der ganzen Welt, dass er seiner Stiefmutter nicht zutraute, auf Rose zu achten.

Gekränkt presste Lydia die Lippen zusammen und ließ den Fächer zuschnappen. Die Gentlemen auf der Tanzfläche setzten einen Schritt vor, und für einen kurzen Moment verweilte Hemingfords Blick auf ihr.

Auch diesmal lächelte er nicht, aber er begrüßte sie immerhin mit einem knappen Nicken.

Also erinnerte er sich an sie, auch wenn er jahrelang nicht an sie gedacht hatte. War es so?

Oder hatte er sie vielleicht schon vorher erkannt und vor lauter schlechtem Gewissen den Blick von ihr abgewandt? So wie er damals aus dem Zimmer verschwunden war – und aus ihrem Leben –, weil er etwas gesagt hatte, das er, sobald es ihm über die Lippen gekommen war, auch schon bereut hatte.

„Anscheinend erinnert er sich doch an dich.“

Rose sah nicht ihn an, sondern sie. Das Mädchen machte eine verwirrte Miene. Da erst fiel Lydia auf, dass sie am ganzen Leib zitterte. Sie bebte buchstäblich vor Zorn, weil sie so wütend war über die Leichtigkeit, mit der er ihr das Herz gebrochen hatte.

Was war los mit ihr? Seit Jahren gelang es ihr mühelos, sich äußerlich heiter und gelassen zu geben, egal, was sie wirklich empfand. So sehr die Kontrolle über sich zu verlieren wie jetzt – das war ihr das letzte Mal an ihrem Hochzeitstag passiert.

Die Knie hatten ihr derart heftig gezittert, dass sie nicht sicher gewesen war, ob sie den Weg von der Kirchentür bis zum Altar schaffen würde. Aber selbst da war es ihr gelungen, den Mittelgang mit erhobenem Kopf und einem Lächeln auf den Lippen entlangzuschreiten. Niemand sollte merken, wie eingeschüchtert sie war. Ganz besonders nicht ihr Ehemann. Doch Colonel Morgan hatte ihr Zittern bemerkt und die Stirn gerunzelt, als er ihr den Ring auf den Finger gesteckt hatte. Der Gedanke, dass ihr womöglich angst und bange war vor ihm oder vor dem, worauf sie sich eingelassen hatte, musste ihm missfallen haben. Also hatte sie ihren Ehegelübden im Stillen noch ein weiteres hinzugefügt, nämlich dass sie sich nie wieder von ihren Gefühlen überwältigen lassen und stattdessen jederzeit eine Maske heiterer Gelassenheit tragen würde.

Und bis zum heutigen Abend war es ihr gelungen.

Sie hatte sich noch nicht wieder in der Gewalt, als Robert sich zu ihr herabbeugte und ihr missbilligend ins Ohr murmelte: „Mir war völlig entfallen, dass du ihn kennst.“

Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Jetzt musste sie auch Robert davon überzeugen, dass er nur ein flüchtiger Bekannter gewesen war. Hoffentlich erriet ihr Stiefsohn nicht, dass sie sich damals in Hemingford verliebt hatte und anscheinend immer noch sehr empfänglich für ihn war. Sonst würde er seine Rolle als Wachhund auch auf sie ausdehnen. Es war schon schlimm genug, dass er ihre Position als Roses Anstandsdame untergrub, indem er sämtliche Verehrer des Mädchens einer strengen Prüfung unterzog, die die meisten von ihnen nicht bestanden. Sie durfte ihm keinen Vorwand liefern, sie als schlechtes Beispiel hinzustellen, denn dann würde er ihrer Meinung nie wieder Gehör schenken.

Ohne lange zu überlegen, parierte sie seine Bemerkung mit einem Angriff.

„Dann hast du ein kurzes Gedächtnis. Schließlich war er es, der uns einander vorstellte, weißt du nicht mehr? Er brachte mich zu einem der Picknicks mit, die du in Westdene zu veranstalten pflegtest.“

„Aber sagtest du nicht eben, dass du nur ein-, zweimal mit ihm getanzt hast?“, warf Rose ein.

„Habe ich das gesagt?“ Lydia wedelte heftig mit dem Fächer, um ihre heißen Wangen zu kühlen. „Na ja, viel mehr als das war es eigentlich auch nicht.“

Dabei hatte ihr nach jenem ersten Tanz seine ganz spezielle Beachtung gegolten, jedenfalls nach Auffassung ihrer Anstandsdame. Mrs Westerly hatte gestaunt, wie oft er ihre Schutzbefohlene aufs Parkett führte, obwohl Lydia jedes Mal rot wurde und ungeschickt durch die verschiedenen Kontratänze stolperte. Doch er hatte sich nicht abschrecken lassen durch ihr Gestammel oder ihre scheinbare Dummheit, im Unterschied zu den anderen Gentlemen, die anfänglich Interesse an ihr bekundet hatten. Wenn überhaupt, dann hatte er seine Bemühungen verdoppelt, ihr die Befangenheit zu nehmen. Und ganz allmählich war ihr bewusst geworden, dass sie sich in seiner Gesellschaft wohlfühlte und offen sprechen konnte.

Das ging so weit, dass ihr eines Nachmittags bei einem Spaziergang im Park die Bemerkung herausrutschte, sie könne nicht verstehen, warum er sich eigentlich mit ihr abgab.

„Falls das ein Hinweis darauf sein soll, dass Sie von mir in Ruhe gelassen werden möchten“, warnte er sie mit gespieltem Ernst, „sollten Sie nicht so erfreut aussehen, wenn ich Ihnen die Aufwartung mache.“

Sie errötete und richtete den Blick auf ihre Füße, ehe sie den Mut aufbrachte zu antworten.

„Ich möchte nicht, dass Sie mich in Ruhe lassen. Ich genieße Ihre Gesellschaft.“

„Dann ist es ja gut“, erwiderte er freundlich. „Ich habe nämlich nicht vor, Sie heute zu verlassen, ehe ich nicht wenigstens einmal ein echtes Lächeln auf Ihren Lippen sehe.“

„Aber warum? Ich meine, was kann es Ihnen bedeuten? Mrs Westerly sagt, Sie seien nicht daran interessiert zu hei…“

„Nein! Sagen Sie dieses Wort nicht in meiner Gegenwart“, rief er scheinbar erschrocken. „Es gibt mehr im Leben als …“ Er sah sich um, als müsse er sich vergewissern, dass sie nicht belauscht wurden. Dann beugte er sich vor und flüsterte ihr ins Ohr: „… heiraten. Wir können einen Spaziergang im Park, noch dazu an einem sonnigen Nachmittag wie diesem, auch ganz einfach genießen, weil es Spaß macht. Oder?“

„Heute scheint die Sonne doch gar nicht“, antwortete sie mit sinkendem Mut, als sie vor einem Beet mit Narzissen stehen blieben, die die Köpfe mit den weißgelben Blüten ebenso hängen ließen wie Lydia ihren. Mrs Westerly hatte sie gewarnt, nicht zu viel von diesem Mann zu erwarten. Dennoch hatte ihr törichtes Herz zu hoffen gewagt, dass er vielleicht doch kein so hoffnungsloser Fall war, wie alle glaubten.

„Können wir nicht nur nett beisammen sein?“, fragte er lächelnd. „Ohne die Erwartung, dass irgendwann die Hochzeitsglocken läuten?“

„Selbstverständlich.“ Sie zwang sich zu einem Lächeln, konnte ihm aber dabei nicht ins Gesicht sehen. Wenn eine unverbindliche Freundschaft alles war, was er bereit war zu geben, würde sie nichts tun, um ihn abzuschrecken. Die wenigen Minuten, die sie mit diesem geistreichen und blendend aussehenden Gentleman verbrachte, waren der einzige Lichtblick in ihrem ansonsten so tristen Leben.

„Schließlich ist allgemein bekannt, dass Sie dem Heiratsmarkt nicht zur Verfügung stehen“, fuhr sie tapferer fort, als sie sich fühlte. „Und selbst wenn es so wäre, würden Sie einer Frau wie mir keinen zweiten Blick gönnen. Denn sicher wissen Sie, dass ich keine Mitgift zu erwarten habe?“

„Natürlich weiß ich das. Die Klatschtanten pflegen dafür zu sorgen, dass jeder im Ballsaal binnen fünf Minuten erfährt, wie viel eine Debütantin wert ist. Meine Gefühle für Sie beeinflusst das jedoch nicht.“

Natürlich nicht, denn er sah sie ja nicht als mögliche Ehefrau an.

„Und dennoch“, er legte sich ihre Hand in die Armbeuge, um den Spaziergang fortzusetzen, „leuchtet Ihr Blick jedes Mal auf, wenn ich Sie zum Tanz auffordere.“

„Nun, Sie sind ein begnadeter Tänzer“, musste sie zugeben. „Und Mrs Westerly sagt …“ Sie brach ab und biss sich auf die Unterlippe.

„Fahren Sie fort. Was sagt Mrs Westerly? Ich verspreche Ihnen – egal, wie schlimm es ist –, dass es mich nicht überraschen wird. Es ist normal, dass Anstandsdamen ihre Schutzbefohlenen vor mir warnen.“

„Sie sagt, es sei nicht schlecht, wenn ich Ihre Gesellschaft suche, weil Sie mich zum Lächeln bringen. Dadurch mache ich einen besseren Eindruck auf die heiratswilligen Gentlemen.“

„Ach so! Darum hat sie mir noch nicht verboten, Ihren Salon mit meiner Gegenwart zu verunzieren.“

Lydia nickte und fühlte fast so etwas wie Kameradschaft, als sie weiterspazierten. Langfristig würde ihr dieser bessere Eindruck allerdings nicht viel helfen. Denn in dem Moment, da sie versuchte, mit einem geeigneten Gentleman zu reden, errötete sie und fing an zu stottern.

Plötzlich sah Nicholas sie fragend von der Seite an und stellte fest: „Seit heute stottern Sie überhaupt nicht mehr.“

„Tatsächlich?“

„Vermutlich weil Sie sich nicht mehr bemühen müssen, mich zu beeindrucken. Denn Sie wissen nun, dass ich absolut untauglich bin für die Ehe.“

Lag es daran? Oder hatte sie lediglich die Hoffnung auf etwas anderes als Freundschaft mit ihm aufgegeben?

„Ich vermute, Ihre Anstandsdame hat Sie gewarnt, dass es in meiner Familie eine Menge schwarze Schafe gibt“, fuhr er leichthin fort. „Der erste Rothersthorpe war nicht viel mehr als ein Pirat, obwohl unsere großmütige Königin Elisabeth ihn für seine Verdienste im Krieg gegen die Spanier mit dem Titel belohnte.“

„Oh ja, das ist bekannt. Aber Mrs Westerly nimmt vor allem Anstoß an Ihren … nicht vorhandenen Geldmitteln. Sie meint, dass Sie mich deswegen lieber zu einem Spaziergang einladen als zu einer Kutschfahrt durch den Park.“

Er seufzte. „Ich bin wirklich so gut wie mittellos.“

„Vielleicht …“, ein Anflug von Strenge schlich sich in ihre Stimme, „wenn Sie nicht so viele verrückte Wetten platzieren würden …“

„Wie zum Beispiel?“

„Die, bei der es um die Gans und die Maus ging.“

Er lachte überrascht. „Wer hat Ihnen denn das erzählt? Es stimmt sogar. Aber immerhin war ich auf der Seite der Maus. Hat mir einen ordentlichen Batzen Geld eingebracht.“

„Und womit haben Sie diesen Batzen Geld wieder verloren?“, fragte sie herausfordernd. „Mit einer falschen Spielkarte?“

„Nein. Ich bin ein außerordentlich guter Kartenspieler.“ So wie er das Kinn reckte, hatte sie vermutlich einen wunden Punkt getroffen. Doch nach wenigen Schritten lächelte er schon wieder und warf ihr einen verwegenen Blick zu. „Es war ein Pferd.“

Sie spitzte die Lippen.

„Sie haben ja recht“, seufzte er in gespielter Verzweiflung. „Ich bin unverbesserlich. Das Geld rinnt mir durch die Finger. Ich kann es kaum fünf Minuten festhalten … Dennoch machen Sie nie den Eindruck, als wären unsere Spaziergänge reine Zeitverschwendung für Sie. Selbst wenn keine potenziellen Verehrer in der Nähe sind.“

Das Herz pochte ihr so laut in der Brust, dass es schmerzte. Wenn er erriet, was sie wirklich fühlte, würde er dann Angst bekommen und aus ihrem Leben verschwinden?

Trotz ihrer Befürchtungen plapperte sie weiter. „Sie bringen mich zum Lachen oder wenigstens zum Lächeln, selbst wenn ich das Gefühl habe, dass es keinen Grund dazu gibt.“

Er tätschelte ihr die Hand. „Ab jetzt mache ich es mir zur Pflicht, Sie zum Lächeln zu bringen, sooft unsere Wege sich kreuzen.“

Das hatte er auch bisher schon getan. Immer, wenn sie zusammen tanzten oder zu Abend aßen oder, wie jetzt, spazieren gingen, genügte ein Blick in seine strahlend blauen Augen, und es war, als bräche die Sonne hinter den dunklen Wolken hervor, die ihr Leben sonst verdüsterten.

Doch dann holte er selbst die Wolken zurück, indem er hinzufügte: „Das Leben ist zu kurz, um es mit Sorgen darüber zu ruinieren, was alles passieren könnte oder auch nicht, Miss Franklin. Wir sollten jeden Tag genießen, so wie er ist, und die Zukunft Zukunft sein lassen.“

Sie musste eine scharfe Erwiderung zurückhalten. Er hatte gut reden, denn er war nicht gänzlich mittellos! Er hatte ein Dach über dem Kopf und ein regelmäßiges Einkommen – selbst wenn er sich über die geringe Höhe beklagte. Außerdem einen festen Platz in der Gesellschaft aufgrund seines Titels.

Und das Wichtigste: Er musste nicht heiraten, außer wenn er selbst es wirklich wollte.

Ob er inzwischen verheiratet war?

Lydia beobachtete, wie er die mollige junge Dame anlächelte, als eine der Tanzfiguren die beiden zusammenführte.

Sie wusste es wirklich nicht, weil sie nach ihrer Hochzeit mit Colonel Morgan vermieden hatte, irgendetwas über ihn zu erfahren. Hätte sie seine Verlobungsanzeige mit einer anderen Frau in den Gesellschaftsnachrichten gelesen, sie hätte sich gewünscht, sich in eine Ecke legen und sterben zu können.

Was ihrem Ehemann gegenüber nicht fair gewesen wäre. Dazu hatte sie ihm zu viel zu verdanken.

Nein, Colonel Morgans Großzügigkeit damit zu vergelten, dass sie sich nach einem anderen Mann verzehrte, wäre unverzeihlich gewesen.

„Ist er ein Freund von dir, Robert?“ Rose zog die Augenbrauen zusammen und sah verwundert zwischen Lydia und ihrem Bruder hin und her.

„Er war es“, erwiderte Robert finster. „Ich habe es nicht erwähnt, aber …“ Unbehaglich trat er von einem Fuß auf den andern. „Nun ja, wenn ihr es unbedingt wissen müsst, wir hatten ein kleines Zerwürfnis. Ich rede nicht mehr mit Rothersthorpe. Seit kurz nach deiner Hochzeit mit unserem Vater“, erklärte er Lydia, obwohl Rose ihm die Frage gestellt hatte. „Ich habe nie darüber gesprochen, weil …“

Rothersthorpe?

Also hatte er den Titel inzwischen geerbt. Lydias Innerstes zog sich zusammen bei dem Gedanken, dass sie nicht einmal so viel von ihm wusste.

Aber es war das, was sie gewollt hatte.

Wirklich.

„Aber Mama Lyddy hat ihn doch Mr Humming…irgendwas genannt.“

„Hemingford“, verbesserte Robert. „Das ist sein Familienname. Nachdem sein Vater starb, erbte er den Titel. Er ist jetzt Viscount Rothersthorpe. Ich dachte, du wüsstest das, Mama Lyddy.“

„Nein.“ Sie hatte so sehr vermieden, seinen Namen im Weekly Messenger zu lesen, dass sie sogar diese Meldung übersehen haben musste.

Wie man sich bettet, so liegt man. Es war ohnehin schwierig genug gewesen, sich an Colonel Morgan als Ehemann zu gewöhnen. Hätte sie Anlass zu der Vermutung gegeben, dass sie den einen Mann geheiratet hatte und einem anderen nachtrauerte, wäre damit niemandem gedient gewesen.

Und genauso wenig war jetzt irgendjemandem damit gedient, wenn sie die Wahrheit auch nur andeutete.

„Meine Güte, Robert, du weißt doch, dass ich mich um den Gesellschaftsklatsch nicht kümmere. Das lag in dem Moment hinter mir, als ich euren Vater heiratete.“

„Aber ihr habt gerade über ihn gesprochen“, beharrte Robert. „Und ihr klebt förmlich mit Blicken an ihm.“

„Ich wollte Rose warnen, damit sie auf der Hut ist. Ich möchte nicht, dass sie sich von seinem attraktiven Gesicht und seinem oberflächlichen Charme täuschen lässt.“

Robert musterte sie mit einem durchdringenden Blick, der sie stark an seinen Vater erinnerte. Er hatte die gleichen stahlgrauen Augen, die gleiche scharf gebogene Nase und die gleichen buschigen Brauen.

Noch mehr erinnerte er sie an den Colonel, als er sagte: „Ich bin durchaus in der Lage, meine Schwester vor Glücksrittern zu schützen.“

Lydia und Rose klappten ihre Fächer auf und wedelten sich Luft zu.

Männer! Sie waren doch alle … unmöglich!

Ganz besonders die gut aussehenden Charmeure wie Rothers­thorpe. Denn obwohl Lydia wütend auf ihn war, wusste sie ohne hinzusehen, wo er sich befand. In jedem einzelnen Moment.

Sie blickte in eine andere Richtung und nahm dennoch wahr, wann er die junge Dame zu ihrer Chaperone zurückbrachte. Sie spürte sogar ganz genau, dass er sich umdrehte und den Saal durchquerte.

Ihr Herzschlag setzte kurz aus, als sie merkte, dass er geradewegs auf sie zukam.

Keine drei Schritte vor ihrem Stuhl blieb er stehen und musterte sie, ein sardonisches Lächeln um die Lippen.

Lydia musste ihre ganze Selbstbeherrschung aufbieten, um nicht aufzuspringen und es ihm aus dem Gesicht zu schlagen. Streng rief sie sich in Erinnerung, dass sie sich in einem öffentlichen Ballsaal befand. Es ging nicht an, dass sie eine Szene machte, das konnte Rose schaden.

Tief durchatmend klappte sie ihren Fächer zu.

Höflich und würdevoll musste sie sich geben. Und das konnte sie, auch wenn ihr das Herz bis in die Kehle schlug und ihre Knie sich anfühlten wie Pudding.

Sie war keine leicht zu beeindruckende Achtzehnjährige mehr, sondern eine erwachsene Frau, und sie weigerte sich, zu erröten und zu stottern oder weiche Knie zu bekommen, nur weil ein attraktiver Gentleman sich dazu herabließ, ihr ein bisschen Aufmerksamkeit zu schenken.

2. KAPITEL

Schön, Sie zu sehen, Morgan.“ Rothersthorpes Blick glitt über Lydia hinweg, als wäre sie nicht vorhanden.

Im nächsten Moment spürte sie, wie ihr Stiefsohn die Rückenlehne ihres Stuhls umfasste. Sie drehte sich zu Robert um und stellte fest, dass er Hemingford mit durchdringendem Blick anstarrte.

Oh bitte nicht … Hoffentlich gab es nun nicht doch eine Szene!

„Es ist lange her“, fuhr Rothersthorpe unbeeindruckt von Roberts Gehaben fort. „Zu lange.“ Ein reumütiges Lächeln spielte um seine Lippen, als er die Hand ausstreckte.

Das Herz trommelte Lydia wie wild in der Brust, als Robert unbeweglich stehen blieb und auf die ausgestreckte Hand blickte. Erst als er sie ergriff und „Ja, wirklich“ sagte, merkte sie, dass sie den Atem angehalten hatte. Sie stieß die Luft aus und verspürte eine eigentümliche Mischung aus Schuldbewusstsein und Enttäuschung. Sie hätte Roses Abend nicht durch eine Szene ruinieren mögen, wirklich nicht, aber ein Teil von ihr wäre durchaus erfreut gewesen, Rothersthorpe durch Roberts Fäuste niedergestreckt zu sehen.

„Wirklich merkwürdig, dass unsere Wege sich in all dieser Zeit nicht einmal gekreuzt haben.“ Robert schlug einen so freundlichen Ton an, als würde er Rothersthorpe wirklich mögen. Und dabei war sie sicher gewesen, dass er ihn genauso abblitzen lassen würde wie sämtliche anderen seiner mittellosen Standesgenossen vor ihm.

„Ich bin nur noch selten in der Stadt.“ Rothersthorpe zuckte die Schultern. „Und wenn, nehme ich nicht an Veranstaltungen wie dieser teil.“ Mit einem spöttischen Lächeln blickte er sich in dem festlich erleuchteten Ballsaal um.

„Ich habe es mir zum Prinzip gemacht, die Gesellschaft der Leute zu meiden, mit denen ich früher herumgezogen bin“, erklärte er gedehnt. „Schließlich muss man irgendwann im Leben anfangen, gewisse Grundsätze zu entwickeln.“

Grundsätze? Er hatte sich immer lustig gemacht über Leute, die Grundsätze hatten.

Was war geschehen, dass er so über sein früheres Ich spottete?

Er stand so nahe bei ihr, dass sie die leichten Veränderungen in seinem Äußeren sehen konnte, die aus der Entfernung nicht erkennbar gewesen waren. Natürlich hatte die Zeit Spuren in seinem Gesicht hinterlassen, wenn auch nicht die, die sie erwartet hätte. Statt eines Fächers kleiner Lachfältchen in den Augenwinkeln hatten sich Linien von seinen Nasenflügeln zu den Mundwinkeln eingegraben. Sie ließen ihn ernst und nüchtern aussehen.

„Also entsprechen die Gerüchte den Tatsachen? Sie sind geläutert?“

„Nicht vollkommen“, erwiderte Rothersthorpe höflich. „Die Gesellschaft hübscher junger Damen ist mir nach wie vor ein Genuss.“ Er sah Rose auf eine Weise an, dass sich Lydia die Nackenhaare sträubten. Wo war sein überwältigender Charme geblieben? Zu ihrer Zeit wäre jede junge Dame dahingeschmolzen, wenn Nicholas Hemingford das Wort an sie gerichtet hätte.

Doch dieser Gentleman, Lord Rothersthorpe – sie hätte nicht erklären können, warum –, wirkte nicht im Mindesten charmant.

Und als er dann sagte: „Möchten Sie mich nicht Ihrer bezaubernden Begleiterin vorstellen?“, erinnerte sein Gesichtsausdruck Lydia eher an einen Piraten auf Raubzug.

Ihre Befürchtungen verstärkten sich, als ihre Stieftochter zurücklächelte, denn offenbar fand Rose ihn ganz und gar nicht unheimlich. Aber welches junge Ding, das gerade seine Schulzeit beendet hatte, wäre nicht fasziniert gewesen, wenn er seine blauen Augen mit diesem intensiven Blick auf sie gerichtet und sie angelächelt hätte?

Es war wie ein Schlag in die Magengrube. Rose hörte genauso wenig auf Warnungen wie sie selbst in diesem Alter und sah die Gefahr nicht kommen. Und Robert offenbar ebenso wenig, denn er machte sie gerade miteinander bekannt.

„Dies ist meine Halbschwester, Miss Rose Morgan. Nur ihres Debüts wegen sind wir alle in diesem Frühling in die Stadt übergesiedelt.“

„Ich bin entzückt.“ Lord Rothersthorpe beugte sich tief über Roses Hand. „Die Londoner Gesellschaft kann sich glücklich schätzen, dass eine Schönheit wie Sie ihre Ballsäle ziert.“

„Und dies ist meine Stiefmutter, Mrs Morgan“, fuhr Robert fort, obwohl Lord Rothersthorpe seinen Blick nicht von Rose loszureißen vermochte. „Sie kennen einander vermutlich noch von früher.“

Rothersthorpe drehte den Kopf in ihre Richtung. Der bewundernde Ausdruck, mit dem er Rose angesehen hatte, war aus seiner Miene verschwunden.

„Ich würde nicht so weit gehen zu behaupten, dass wir uns kannten“, erwiderte er mit einer knappen Verbeugung. „Unsere Wege haben sich vor fast zehn Jahren kurz gekreuzt. Ich meine mich zu erinnern, dass Sie damals nur aus dem einzigen Grund in die Stadt kamen, um einen Ehemann zu finden.“

In seiner Stimme war deutlich ein Vorwurf zu hören, und das war empörend! Lydia hätte ihn für die Bemerkung zur Rechenschaft ziehen können, doch als sie merkte, dass er seine Worte bedauerte, kaum dass sie ihm entschlüpft waren, ließ sie ihm die Taktlosigkeit durchgehen.

„Sie wissen sehr gut, dass es so war“, antwortete sie ruhig. Sie hatte ihm sogar ganz offen erzählt, dass sie in eine Notlage kommen würde, wenn sie bis zum Ende der Saison keinen Ehemann fand. Er hatte ihre Sorgen beiseitegewischt und einen Scherz darüber gemacht, dass die Dinge nie so schlimm wurden, wie man vorher befürchtete.

„Und da ich zu der Zeit fast ohne Geld dastand, bedeutete es natürlich, dass Sie nicht viel Zeit mit mir verschwenden konnten.“ Er lächelte bissig.

Das stimmte nicht. Warum verdrehte er die Tatsachen, bis es sich anhörte, als sei sie im Unrecht?

„Sie gaben mir damals sehr deutlich zu verstehen, dass Sie sich nicht zu vermählen wünschten, Mylord.“ Sie war eher verwirrt als verärgert.

„Touché.“ Er hob verteidigend die Hände. „Es ist wahr, ich war jung und schätzte meine Freiheit zu hoch ein, um sie zu opfern. Jetzt hingegen“, sein Gesichtsausdruck wurde sanfter, als er sich wieder Rose zuwandte, „bin ich erwachsen, und die Aussicht auf eine Heirat erschreckt mich nicht mehr. Im Gegenteil, da ich inzwischen ein respektabler, vermögender Mann bin, ist die Eheschließung der nächste logische Schritt für mich.“

Lydia fühlte sich wie geohrfeigt. Der Gedanke an Heirat hatte ihn damals zu Tode erschreckt. Sie hatte es ihm angesehen und auch daran erkannt, dass er spurlos verschwunden war, nachdem er die Worte geäußert hatte, die sie durchaus als Antrag hätte auffassen können, wenn sie es nicht besser gewusst hätte.

Eine Bemerkung von Mrs Westerly kam ihr in den Sinn, zum zweiten Mal an diesem Abend. Du wirst sehen, wenn die Zeit kommt, wird er eine reiche Erbin heiraten …

Eine Erbin. Lydia kannte den Raubtierblick, mit dem er Rose musterte. Rose, die nicht nur unglaublich reich war, sondern auch außergewöhnlich hübsch.

War sie nicht vorhin beim Ankleiden noch sicher gewesen, dass sie noch nie besser ausgesehen hatte? Roses Kommentar, sie sähe wie eine Märchenprinzessin aus, hatte Lydia natürlich als Unsinn abgetan. Dafür war sie inzwischen zu kurvenreich, was sie indes nicht störte. In Roses Alter war sie viel zu dünn gewesen, abgezehrt von den Sorgen, die erst der Colonel ihr von den Schultern genommen hatte. Vom Zeitpunkt ihrer Heirat an war es mit ihrer Gesundheit bergauf gegangen.

Heutzutage konnte sie auch die Kleidung wählen, die zu ihrem Typ passte. Für ihr Debüt hatte Mrs Westerly pastellfarbene Roben für sie ausgesucht, in denen sie blass und verwaschen wirkte. Mit ihrem weißblonden Haar, den eisblauen Augen und ihrem beinahe durchscheinend hellen Teint hatte sie ausgesehen wie ein Schwall Wasser aus der Brunnenpumpe. Jedenfalls wenn man der scharfzüngigen Schönheit der Saison jenes Jahres Glauben schenkte.

Mit ihrem Erscheinungsbild am heutigen Abend war sie jedoch durchaus zufrieden. Das satte Blau ihres Unterkleides brachte ihre Augenfarbe zum Leuchten, aber es war das hauchzarte, blütenbestickte Überkleid, das Rose zu der Bemerkung über die Märchenprinzessin veranlasst hatte. Selbst über den etwas gewagten Ausschnitt machte Lydia sich keine Sorgen, zumal sie fand, dass ihr Dekolleté das Attraktivste an ihr war. Und die Perlenkette, die sich zwischen ihre üppigen Brüste schmiegte, stärkte ihr Selbstvertrauen jedes Mal, wenn sie sie trug. Colonel Morgan hatte sie ihr an ihrem Hochzeitstag geschenkt und ihr gestanden, die kostbarste aller Perlen für ihn sei sie. Hätte er es nur bei dieser einen Gelegenheit gesagt, wäre es für sie eine unbedeutende Schmeichelei gewesen. Er hatte es jedoch immer wieder geäußert, bis zu seinem Todestag. Und selbst nachdem er ihr später Diamanten geschenkt hatte, waren die Perlen ihr Lieblingsschmuck geblieben, weil sie ihr das Gefühl gaben, wertgeschätzt zu werden.

Im Moment allerdings fühlte sie sich so gut wie unsichtbar, weil Lord Rothersthorpe nur Augen für Rose zu haben schien.

Mit offensichtlichem Widerstreben wandte er sich schließlich wieder zu ihr um. „Verzeihen Sie meine Nachlässigkeit. Ich habe versäumt, Ihnen mein Beileid zu Ihrem Verlust aussprechen. Obwohl …“ Er machte eine Pause und ließ seinen Blick langsam von Kopf bis Fuß über sie gleiten. „… Sie so wenig aussehen wie eine trauernde Witwe, dass ich mich frage, ob es nicht taktlos von mir ist, Sie an das Ableben von Colonel Morgan zu erinnern.“

Lydia fühlte sich, als habe man ihr ein Messer zwischen die Rippen gestoßen. Die anderen hatten es möglicherweise gar nicht bemerkt, aber ihr war sehr wohl aufgefallen, mit welch unverhohlener Verachtung er ihr Erscheinungsbild gemustert hatte. Genau das Erscheinungsbild, mit dem sie vor kaum einer halben Stunde so zufrieden gewesen war.

„Finden Sie, ich sollte mich für den Rest meines Lebens schwarz kleiden?“ Sie spürte, dass Rose zusammenzuckte.

„Wenn Sie es für deplatziert halten, mich an das Ableben meines Gatten zu erinnern“, fuhr sie fort, obwohl Robert ihr besänftigend die Hand auf die Schulter legte, „warum tun Sie es dann?“

„Selbstverständlich haben wir Roses Debüt schon verschoben, bis die Trauerzeit vorüber war“, warf Robert ein, während Lydia das Gefühl nicht loswurde, dass Lord Rothersthorpe sie absichtlich verletzen wollte.

„Entschuldigung“, kam es von Rothersthorpe, „ich wollte niemandem zu nahe treten.“

Er sah nicht im Geringsten so aus, als täte ihm sein Verhalten leid. Ganz im Gegenteil. Es schien ihm Genugtuung zu bereiten, dass er sie so weit gebracht hatte, die Beherrschung zu verlieren. Mit einem Ausdruck ehrlichen Mitgefühls auf seinen Zügen wandte er sich an Rose. „Der Tod des Vaters ist immer ein Wendepunkt im Leben.“

Des Vaters, nicht des Ehemanns …

„Ich gehe davon aus, dass es nicht unschicklich ist, Sie um den nächsten Tanz zu bitten? Oder ist es für Sie noch zu früh, daran zu denken?“

Rose sprang auf. „Überhaupt nicht.“

„Aber Rose“, begann Lydia stirnrunzelnd, „du solltest wirklich nicht …“

Lord Rothersthorpe musterte sie spöttisch.

„Wenn Sie sich an mich erinnern, Mrs Morgan, dann doch sicher auch daran, dass ich grundsätzlich keinen Wert auf die Meinung einer Chaperone lege.“

Damit drehte er das Messer in der Wunde, die er ihr schon zugefügt hatte. Sie als Chaperone zu bezeichnen …

Sie kannte seine Einstellung zu Anstandsdamen. Er hatte an keiner ein gutes Haar gelassen. Und jetzt nannte er sie so. Es war eine unverhohlene Beleidigung.

„Rose“, mahnte auch Robert scharf. „Du kannst heute Abend nicht mehr tanzen. Das weißt du ganz genau.“

„Und wenn schon!“, entgegnete das Mädchen schnippisch und wandte sich zu Lord Rothersthorpe. „Mein Bruder hat schrecklich altmodische Ansichten über die Akzeptabilität von Tanzpartnern. Wenn es nach ihm ginge, dürfte ich überhaupt nicht tanzen. Aber gegen Sie kann er keine Einwände haben. Schließlich sind Sie ein guter Freund von ihm.“

„Der Grund für meine Ablehnung ist dir bekannt “, sagte Robert aufgebracht. „Lord Rothersthorpe, ich hoffe, Sie vergeben meiner Schwester die unverblümten Worte.“

„Selbstverständlich.“ Rothersthorpe lächelte. „Besser unverblümt, als ständig zu erröten und irgendeinen Unsinn zu stammeln, wie so viele Debütantinnen es tun.“

Lydia krümmte sich innerlich. Es war, als distanziere er sich absichtlich von allem, was er damals angeblich anziehend an ihr gefunden hatte.

Das einzig Gute an ihrer Reaktion war, dass Rose es merkte. Ihr Blick ging von Lydia zu Lord Rothersthorpe, und einen Augenblick lang sah es so aus, als bereue sie ihre trotzigen Worte.

Aber dann sagte Robert: „Rose, ich warne dich …“

Woraufhin Rose sich hoch aufrichtete, ihrem Bruder einen rebellischen Blick zuwarf und sich bei Rothersthorpe unterhakte.

Zähneknirschend musste Robert es zulassen – schließlich konnte er schwerlich über die Stühle springen und sie auf ihren Sitz zurückzwingen.

Mit einem kalten Lächeln führte Lord Rothersthorpe Rose mit sich fort.

Lord Rothersthorpe hatte gar nicht geahnt, dass er sich so überzeugend verstellen und trotzdem lächeln und alle Tanzschritte in der korrekten Reihenfolge ausführen konnte. Er brachte es sogar fertig, mit seiner Partnerin zu flirten und sie anzulächeln, als würde er sich amüsieren, obwohl er innerlich kochte.

Doch ein Gentleman durfte sich nicht hinreißen lassen, seinen Gefühlen unbeherrscht Luft zu machen. Als er Lydia hatte dasitzen sehen, in Samt und Seide gewandet und mit dem Geschmeide behangen, welches die Heirat mit diesem abstoßenden alten Mann ihr eingebracht hatte, war wilder Zorn in ihm aufgewallt. Bedauerlicherweise konnte ein Gentleman es sich nicht erlauben, einfach auf eine Frau zuzugehen, die er acht Jahre nicht gesehen hatte, und sie mit ihrer unanständig protzigen Perlenkette zu erwürgen.

Kein Gericht der Welt würde ihm glauben, dass es eine vernünftige Erklärung für seine Mordgelüste gab. Andererseits – welcher Mann war noch vernünftig, wenn die Frau, der er sich erklärt hatte, ihn betrog, indem sie einen anderen heiratete? Nicht irgendeinen Mann, sondern einen, der alt genug war, um ihr Vater zu sein? Und ohne dass sie wenigstens so viel Anstand besaß, seinen Antrag vorher abzulehnen?

Es gelang ihm nicht, sein verächtliches Schnauben zu unterdrücken, sodass Miss Morgan erstaunt die Brauen hob.

„Eine leichte Erkältung“, entschuldigte er sich. „Entschuldigung.“

Ihr Vater? Eher noch ihr Großvater. Mehrfach verheirateter Großvater sogar, wie er von Robert erfahren hatte. „Mit seinen Ansprüchen und seinem aufbrausenden Temperament hat er bereits drei Ehefrauen unter die Erde gebracht.“ Robert war stark alkoholisiert gewesen, als er ihm die Neuigkeit von der neuerlichen Heirat seines Vaters überbracht hatte. „Jede von ihnen jünger und unpassender als die vorherige. Können Sie sich vorstellen, wie ich mich fühle?“ Er hatte sein Glas Brandy in einem Zug geleert. „Wenn ich ein halbes Kind, kaum dem Schulalter entwachsen, Mutter nennen soll?“

Es hatte ihn keinen Deut interessiert, was Robert über eine Stiefmutter dachte, die jünger war als er. Enge Freunde waren sie nie gewesen. Sie kannten sich, weil sie im selben Alter waren und sich amüsieren wollten, das war alles. Außerdem musste er erst einmal das Gefühl verarbeiten, einen Schlag in die Magengrube bekommen zu haben.

Lydia verheiratet?

„Sie kann ihn nicht geheiratet haben. Das würde sie nicht tun“, hatte er protestiert und mit zitternden Händen nach der Karaffe gegriffen, um sich selbst ein Glas einzuschenken. Bei dem Gedanken, dass sie sich freiwillig an den dürren alten Mann verschwendete, war ihm übel geworden. An dem verhängnisvollen Tag von Roberts Picknick, zu dem er Lydia mitgenommen hatte, war der Alte auch dort gewesen. „Ich war doch erst vor zwei Wochen mit ihr dort. Und ich …“ Er hatte sie gefragt, ob sie ihn heiraten würde.

„Nun, wir sprechen hier nicht von einer Liebesheirat.“ Robert hatte ihm die Karaffe abgenommen, ein Glas Brandy eingegossen, weil er selbst nicht mehr dazu imstande gewesen war, und es ihm gereicht. „Mein Vater mag nun mal junge Frauen. Je jünger, desto besser. Und er ist so reich, dass er keine Probleme hat, sie zur Heirat zu überreden.“

Die Worte hatten sich in sein Bewusstsein eingebrannt.

Dann war dies ihre Antwort. Der Colonel hatte Geld … und er nicht, darauf lief es hinaus. Sie war nicht besser als alle anderen.

Aber alle diese eingebildeten Debütantinnen, die die Nase über seinen Ruf und den Zustand seiner Finanzen gerümpft hatten, waren zumindest ehrlich gewesen. Nur Lydia hatte ihn zum Narren gehalten, ihn dazu verführt, seine Vorsicht fahren zu lassen. Sie hatte ihn dazu verführt zu … hoffen.

„Wenn Ihre Reaktion das bedeutet, was ich vermute …“ Robert hatte ihn mitfühlend gemustert. „… dann lassen Sie mich Ihnen sagen, mein Freund, dass Sie gerade noch einmal davongekommen sind. Wahrscheinlich ist sie durch und durch habsüchtig. Ich bedaure meine armen Schwestern, dass sie diese Hyäne ertragen müssen.“

Der Rest der Begegnung lag in einer Art rötlichem Nebel. Nicholas wusste noch, dass er ein paar ziemlich hässliche Dinge gesagt hatte über alte Männer, die Frauen im Schulmädchenalter heiraten. Aber er wusste nicht mehr, wer zuerst zugeschlagen hatte.

Wahrscheinlich war es Robert gewesen. Ein Mann konnte über seinen eigenen Vater sagen, was er wollte, aber das hieß nicht, dass er es von anderen hören mochte.

Familie war und blieb Familie.

Was seine Aufmerksamkeit wieder auf die schwarzhaarige, eigensinnige Schöne lenkte, mit der er gerade tanzte. Eine von Roberts Halbschwestern von einer der Ehefrauen, die Colonel Morgan verschlissen hatte, während er auf der militärischen Karriereleiter nach oben geklettert war. Sie stammte nicht von seiner ersten Frau, sonst wäre sie nicht Roberts Halbschwester. Für ihn zählte indes einzig und allein, dass Lydia seine vierte Frau geworden war. Er knirschte mit den Zähnen. Die vierte!

Er hatte natürlich gewusst, dass Lydia in der Stadt war, um ­einen Ehemann zu finden. Darum kamen sie doch alle, diese wohlerzogenen Mädchen in ihren immer gleich aussehenden weißen Kleidern. Es war ihm nicht entgangen, dass der Drachen von einer Anstandsdame ihr ständig im Nacken saß und Lydia im Verlauf der Saison unter dem ständigen Druck immer mehr dahinschwand.

Sie hatte am Ende so zerbrechlich ausgesehen, dass sie ihn an eine Pusteblume erinnerte. Die ganze silberblonde, zitternde Schönheit war offenbar nur noch von ihrer Willenskraft zu­sammengehalten worden. Ein einziger Windhauch hätte genügt, um sie in alle vier Himmelsrichtungen zu verwehen.

Jedenfalls hatte er das geglaubt.

Abermals gab er ein verächtliches Schnauben von sich. Wenn er daran dachte, wie hart er daran gearbeitet hatte, sie zum Reden zu bringen, ohne dass sie dabei stammelte und errötete … Oder an seinen inneren Triumph, als sie ihm schüchtern anvertraut hatte, er zerstreue ihre Sorgen durch seine bloße Gegenwart … Oder, noch schlimmer, dass sie seine beschützerischen Regungen angesprochen hatte, als sie bei dem Picknick beinahe ohnmächtig zu Boden gesunken wäre und er sie in seinen Armen aufgefangen und ins Haus getragen hatte.

„Ich wünschte, ich hätte das Recht, Sie von diesem Drachen zu befreien“, war es ihm herausgerutscht, als sie ihr Gesicht stöhnend an seine Brust geschmiegt hatte. „Ich würde Sie nie zu etwas zwingen, das Sie nicht wollen.“ Am liebsten hätte er ihr einen Kuss auf den Scheitel gedrückt. „Sie sind so schutzbedürftig, Sie brauchen jemanden, der sich um Sie kümmert. Ich wünschte, ich könnte derjenige sein.“

Ehe er noch drei weitere Schritte gegangen war, hatte ihm das Gefühl, sie in den Armen zu halten, so gut gefallen, dass er alle Vorsicht in den Wind geschlagen hatte.

„Aber warum eigentlich nicht? Warum sollte ich es nicht sein? Eines Tages werde ich ohnehin heiraten. Das schulde ich meiner Familie. Ich habe die Pflicht, unseren Namen zu erhalten, wenn schon sonst nichts. Und so schrecklich lästig wäre es vielleicht gar nicht mit einem Mädchen wie Ihnen. Sie geben mir das Gefühl, dass ich etwas wert bin, auch wenn ich keinen roten Heller besitze.“

Sie hatte ihm nicht die Arme um den Hals geworfen und gehaucht, dass er sie zur glücklichsten Frau der Welt machte. Obwohl sie entschlossen war zu heiraten, wie er wusste. Sie hatte ihm anvertraut, dass sie in Schwierigkeiten geraten würde, wenn sie bis zum Ende der Saison keinen Heiratsantrag bekäme.

Beim Anblick ihrer Miene, als er sie auf die Chaiselongue heruntergelassen hatte, war eine böse Vorahnung in ihm aufgestiegen. Vielleicht hatte sie wegen ihrer Kopfschmerzen so abweisend gewirkt, doch er hatte befürchtet, dass sie bereits eine ablehnende Antwort formulierte.

„Sagen Sie jetzt nichts“, hatte er ihr das Wort abgeschnitten und hastig ein paar Schritte rückwärts getan. Er würde beweisen müssen, dass er für ihren Unterhalt aufkommen konnte, wenn auch nicht in großem Stil. Ihm war aufgefallen, dass seine nonchalante Art, mit Rechnungen umzugehen, sie beunruhigte. Und seine Neigung zu leichtsinnigen Wetten hatte sie offen kritisiert. Er würde also auch beweisen müssen, dass er zum ersten Mal im Leben etwas wirklich ernst meinte. Kurz und gut, er würde genug Geld aufbringen müssen, um wenigstens einen Ring bezahlen zu können, außerdem eine Heiratslizenz und den Pfarrer. „Denken Sie darüber nach“, hatte er gesagt und das Zimmer verlassen.

Er hatte angenommen, dass sie seinen Antrag zumindest in Erwägung ziehen würde, während er in der Zwischenzeit versuchte, jeden Spieler zu schröpfen, der betrunken genug war, um seine Karten nicht mehr erkennen zu können. Aber weit gefehlt. Zu dem Zeitpunkt, als er Robert bei den Pferderennen in Newmarket begegnet war, hatte sie ihre Netze bereits nach diesem Emporkömmling ausgeworfen! Sie hatte kalt und skrupellos abgeschätzt, wie viel der Colonel bot, und sich dann ohne Bedenken an ihn verkauft. Und sie musste stahlhart sein, wenn sie die Ehe mit Morgan überlebt hatte. Der Colonel war nach Indien gegangen mit nicht mehr als den Kleidern auf seinem Leib und seinem brennenden Ehrgeiz, aber zurückgekehrt war er mit mehr Reichtümern, als Nicholas sich in seinen wildesten Träumen ausmalen konnte.

Und er hätte seine blauen Augen darauf verwettet, dass man solch ein Vermögen in so kurzer Zeit nicht auf legale Weise anhäufen konnte.

„Entschuldigung?“

Rose Morgan sah ihn fragend an.

„Was sagten Sie?“

Jetzt erst merkte er, dass er anscheinend leise vor sich hin gemurmelt hatte.

„Ich dachte gerade über ein Gedicht nach“, improvisierte er geschickt. „Es beginnt ungefähr so: ‚An deiner Schönheit möcht ich mich erlaben, ich wünschte sehr, ich könnt dich haben‘ …

Miss Morgan kicherte und errötete. „Solche Verse sollten Sie besser nicht in Hörweite von Robert rezitieren, denn das würde ihn sehr wütend machen.“

Sie selber wirkte alles andere verärgert und blickte ihn unter halb gesenkten langen Wimpern hervor an. Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen.

Hatte Lydia ihr beigebracht, einen Mann auf diese Weise anzusehen? Miss Morgan musste lange und oft geübt haben, bevor sie ihren Blick so perfektioniert hatte, dass er mädchenhafte Scheu ausdrückte, aber gleichzeitig Einverständnis signalisierte, falls er ihre Bekanntschaft fortzusetzen wünschte.

Als Lydia in die Stadt gekommen war, um zu debütieren, hatte es nicht so ausgesehen, als liefe alles glatt für sie. Nicht nur ihre natürliche Schüchternheit hatte ihr im Weg gestanden – jedenfalls war sie ihm natürlich erschienen –, sondern sie hatte auch nicht über die erforderlichen Mittel verfügt, um ihre äußeren Vorteile zu betonen. Nicht selten war er dabei gewesen, wenn die anderen jungen Damen sich darüber mokierten, dass sie nicht mehr als zwei Abendkleider besaß, die sie immer wieder umarbeitete. Ihm waren derlei Dinge gleichgültig. Ganz im Gegenteil – er hatte ihren Erfindungsgeist bewundert, denn er wusste selbst, wie schwierig es war, mit beschränkten Mitteln auszukommen.

Doch für sie waren diese Äußerlichkeiten offenbar wichtiger, als er vermutet hatte. Sie war auf Geld aus gewesen, egal, welcher Mann es ihr zur Verfügung stellte. Und sie machte durchaus den Eindruck, als hätte es ihr gutgetan. Er brauchte sie nur anzusehen, wie sie bei den Anstandsdamen saß und sich träge Luft zufächelte.

Ja, Lydia war tatsächlich aufgeblüht in ihrer Vernunftehe. Sie strahlte etwas Glattes, Selbstzufriedenes aus – wie eine Katze, die Sahne geschleckt hatte. Ihm war von Anfang an klar gewesen, dass sie das Potenzial hatte, eine Schönheit zu werden. Damals hatte sie mit Rouge nachhelfen müssen – heute lag ein rosiger Hauch über ihren Wangen. Ihre ungeschickten Bewegungen, die er durchaus anziehend gefunden hatte, waren ebenfalls verschwunden. Und nichts mehr erinnerte an die staksige Figur eines jungen Fohlens, die sie gehabt hatte. Stattdessen verfügte sie nun über ausgesprochen weibliche Kurven.

Möglicherweise war das Alter des Colonels ihr sogar als Vorteil erschienen. Immerhin hatte sie sich mit seinem aufbrausenden Temperament nicht sehr lange auseinandersetzen müssen. Seit fast zwei Jahren war sie Witwe.

Verdammt, wie sollte er sich eine Braut suchen, wenn Lydias bloßer Anblick ihn so provozierte, dass er leise Verwünschungen ausstieß, während er mit dem hübschesten Mädchen im ganzen Saal tanzte?

Sobald Rothersthorpe und Rose auf dem Weg zur Tanzfläche waren, wandte Lydia sich zu Robert. „Das ist deine Schuld. Du hättest wissen müssen, dass du mit Strenge eine Trotzreaktion provozieren würdest.“

„Es war richtig, Lord Abergele abzulehnen“, erwiderte Robert scharf. „Es ist allgemein bekannt, dass seine Taschen leer sind.“

„Was will das schon heißen? Rose hat nicht vor, den erstbesten Mann zu heiraten, der sie zum Tanz auffordert. Sie ist hier, um sich einen Platz in der Gesellschaft zu erobern, aber natürlich möchte sie sich auch amüsieren. Und sie hat von Anfang an kein Hehl daraus gemacht, dass sie nur einen Mann heiraten will, der sie wirklich liebt und den sie auch lieben kann. Aber wie soll sie einen Gentleman besser kennenlernen, wenn du keinen nah genug an sie herankommen lässt?“

„Ich versuche doch nur, sie zu beschützen“, verteidigte Robert sich. „Sie ist doch so unerfahren …“

„Aber nicht dumm. Meines Erachtens ist es viel gefährlicher, wenn du sie an der kurzen Leine hältst. Weil es sie womöglich auf die Idee bringt, mit einem besonders unpassenden Mann zu flirten, nur um dir eine Lektion zu erteilen.“ Sie warf einen bedeutungsschwangeren Blick auf Rose und Lord Rothersthorpe.

„Es hätte schlimmer kommen können.“ Robert seufzte. „Wenn sie sich schon einen Mann für ihre Rebellion aussuchen musste, dann ist Rothersthorpe wenigstens einer, gegen den ich keine Einwände hätte.“

„Ach? Ich dachte, er gehöre im Gegenteil zu genau der Sorte Mann, gegen die du etwas hast. Immerhin gibst du dir große Mühe, mittellose Gentlemen von Rose fernzuhalten.“

Robert musterte sie missbilligend. „Mittellos ist Rothersthorpe ganz und gar nicht. Zwar würde ich nicht sagen, dass er reich ist, aber er hat gute Aussichten.“

„Aussichten? Was meinst du mit Aussichten?“

„Nun, es gibt da einen Onkel oder weitläufigen Cousin – die genauen Einzelheiten sind mir nicht bekannt –, der mangels eigener männlicher Nachkommen beschlossen hat, ihn zu seinem Erben zu machen. Rothersthorpe wird Fabriken und Minen und wer weiß was sonst noch von ihm erben, weil er seine eigenen Güter so gut in Ordnung gebracht hat.“

Was hat er getan?“

„Ich weiß. Kaum zu glauben, wenn man ihn früher kannte. Aber es sieht so aus, als hätte Rothersthorpe nach dem Tod seines Vaters extrem hart gearbeitet, um seinen Besitz finanziell zu stabilisieren.“

„Also ziehst du ernsthaft in Erwägung, Rose und Lord Rothersthorpe …“

„Ich wüsste nicht, was dagegen spräche. Du hast ja gehört, was er sagte. Er ist hier, um Ausschau nach einer Braut zu halten.“ Robert zuckte mit den Schultern. „Ich habe das schon häufiger bei Gentlemen seines Rangs erlebt. Plötzlich beenden sie ihr wildes Leben, überlegen sich, welche Eigenschaften eine passende Ehefrau haben sollte, und kommen in die Stadt, um die Richtige zu finden.“

Lydia brauchte ihn nicht zu fragen, welche Eigenschaften Lord Rothersthorpe bei einer Frau suchte. Das hatte Mrs Westerly ihr oft genug gepredigt. Männer von Adel suchten eine Frau, die sie schmückte und die möglichst eine ordentliche Mitgift einbrachte. Außerdem sollte sie bei guter Gesundheit sein, sodass die Erbfolge gesichert war.

Aber vor allem anderen wollten sie eine Jungfrau.

Lydia zwang sich, Rose und Lord Rothersthorpe beim Tanzen zu beobachten, und ihr offensichtliches Vergnügen bei der Ausführung der vielfältigen Schrittfolgen rief in ihr das Gefühl hervor, alt, unerwünscht und unattraktiv zu sein.

Aber das würde sie ertragen müssen. Sie durfte Rose die Saison nicht verderben. Ihre Stieftochter brauchte sie als Freundin und Ratgeberin.

3. KAPITEL

Mama Lyddy, kannst du mir zeigen, wie man Blumen presst?“

Lydia schaute auf. Sie war dabei, die Einladungen durchzusehen, die auf dem Schreibtisch vor ihr ausgebreitet lagen. Heute Abend gab es nur zwei Veranstaltungen, zu denen sie gehen konnten: eine musikalische Soiree bei Lord und Lady Chepstow und eine Gesellschaft bei den Lutterworths.

Robert würde sicher erwarten, dass sie Rose zu dem Musik­abend überredete, denn sie erhielten nicht viele Einladungen von Mitgliedern des ton. Die Gastgeberinnen der guten Gesellschaft witterten eine Konkurrentin in Rose. Ihr Geld und ihre exotische Schönheit stellten eine Bedrohung für die Chancen ihrer eigenen Töchter dar.

Rose lächelte fröhlich und wedelte mit dem kleinen Blumenbukett, das sie am vergangenen Abend am Ausschnitt ihrer Ballrobe getragen hatte.

„Ich will es so machen wie du“, setzte sie erklärend hinzu. „Ich möchte ein Sammelalbum mit Erinnerungen an meine Saison anlegen. Und natürlich gehört das Gesteck von gestern Abend unbedingt mit hinein. Als Erinnerung an meinem ersten Tanz mit einem Titelträger.“

Das Mädchen lächelte verträumt, und Lydia fragte sich, wie viele Alben hoffnungslos verliebter junger Damen wohl schon getrocknete Blumen als Erinnerung an eine Begegnung mit Lord Rothersthorpe enthielten.

„Leider habe ich noch kein Sträußchen von einem Verehrer“, fuhr Rose stirnrunzelnd fort. „So wie du.“ Sie ließ sich auf die Polsterbank neben Lydias Stuhl nieder. „Oh bitte, erzähl mir doch, welcher Gentleman dir die Veilchen geschenkt hat, die in deinem Album kleben! Er muss dir viel bedeutet haben, so wie du geseufzt hast, als du beim Durchblättern darauf gestoßen bist.“

Oje. Dabei hatte sie sich so bemüht, ihre Schwäche für Lord Rothersthorpe, wie er ja inzwischen hieß, zu verbergen. All die Jahre ihrer Ehe mit Roses Vater hatte sie bewusst jeden Gedanken an ihn unterdrückt, weil sie nicht illoyal sein wollte. Colonel Morgan war auf seine Art sehr gut zu ihr gewesen.

„Es war eine dumme Vernarrtheit, mehr nicht“, wiegelte sie ab. Der gestrige Abend hatte ihr bewiesen, wie dumm sie gewesen war.

„Aber du warst vernarrt in ihn. Also musst du doch …“

„Ich tat, was man mir sagte. Es war meine Anstandsdame, die mir auftrug, ein Album anzulegen.“ Sie wollte nicht, dass Rose ihr weiter zusetzte und womöglich herausfand, dass Lord Rothers­thorpe ihr damals fast einen Antrag gemacht hatte.

„Ich weiß gar nicht, warum ich das dumme Album all die Jahre aufbewahrt habe. Oder warum ich meinte, es dir unbedingt zeigen zu müssen, als wir über deine Saison sprachen. Ich war die meiste Zeit sehr unglücklich.“

„Das glaube ich nicht.“ Rose stützte den Ellbogen auf den Schreibtisch und legte das Kinn auf die Handfläche. „Sonst hättest du nicht drei Minuten lang versonnen auf die getrockneten Veilchen gestarrt.“

„Drei Minuten?“ Lydia sah beiseite, um Roses neugierigem Blick auszuweichen. „Du übertreibst.“

„Nein, wirklich.“

„Sicher dachte ich gerade an etwas anderes. Eine … Einkaufsliste.“

„Du versuchst mich abzulenken!“ Rose lächelte schelmisch. „Warst du in jemanden verliebt, bevor du Papa geheiratet hast? Hattest du einen Verehrer? Oh, wie romantisch! Willst du es mir nicht erzählen?“

Manchmal wusste Lydia nicht, wie sie mit ihrer Stieftochter umgehen sollte. Rose war so scharfsinnig, dass es unmöglich war, sie mit Ausflüchten abzuspeisen.

„Er schickte mir die Veilchen nicht deshalb, weil er mein Verehrer zu werden wünschte, sondern aus Sympathie. Weil ich krank war.“ Jetzt, da sie nicht mehr alles, was Rothersthorpe betraf, durch romantische Scheuklappen sah, fiel ihr ein, dass sie mehrfach krank gewesen war, aber er hatte ihr nur einmal einen kleinen Strauß geschickt.

Sie erinnerte sich, wie begeistert sie von der beiliegenden Grußkarte gewesen war. Er hatte geschrieben, dass er sie bei dem Ball vermisst habe und hoffe, sie werde bald genesen, damit er wieder mit ihr tanzen könne.

Sein Unbehagen und seine Verlegenheit bei ihrer nächsten Begegnung indes waren für sie so ernüchternd gewesen wie ein Schwall kaltes Wasser. Er hatte etwas von einem zerlumpten Blumenmädchen gestammelt und einem Gewinn bei einer Pferdewette und versucht, die ganze Sache mit der Bemerkung abzutun, dass er nicht anders gekonnt habe, als dem armen Ding einen Strauß abzukaufen.

„Sie sollten keine Gewohnheit daraus machen, kranken jungen Damen Blumen zu schicken, sonst kommt eines Tages eine von ihnen auf eine falsche Idee“, hatte sie erwidert, „und wo würde das hinführen?“

Seine Erleichterung war beinahe mit Händen zu greifen gewesen und hatte sie bis ins Mark getroffen.

„Es war albern und sentimental von mir, die Veilchen überhaupt aufzubewahren“, erklärte sie schließlich in der Hoffnung, sowohl Rose als auch sich selbst zu überzeugen. „Aber es war das einzige Sträußchen, das ich in meiner ganzen Saison erhielt. Von einem Mann und aus welchem Grund auch immer. Aber wie ich schon sagte, es bestand nicht einmal der Hauch einer Chance auf eine romantische Beziehung zwischen uns.“ Ein Anflug von Strenge schlich sich in ihre Stimme, als seine kränkenden Worte vom Abend zuvor ihr wieder einfielen. „Romantisch war, wie dein Vater mich rettete …“

„Papa?“, meinte Rose zweifelnd. „Ich glaube, es gab keinen unromantischeren Menschen als meinen Vater. Er hat dich behandelt wie einen seiner Soldaten, wenn er in seinem üblichen Befehlston mit dir sprach und …“

„Rose, sprich nicht so respektlos von deinem Papa. Er war ein guter Mensch. Er hat mir ein Heim gegeben und …“

„Und dich hart für deinen Unterhalt arbeiten lassen.“

„Er hat mir ein Heim und eine Familie gegeben“, fuhr Lydia mit fester Stimme fort. „Und ich mochte ihn sehr gern. Ich weiß, er hatte ein raue Art, aber du kennst ja das Sprichwort, dass Hunde, die bellen, nicht beißen. Meine Güte! Er verbrachte fast sein ganzes Leben beim Militär. Natürlich war er gewohnt, Befehle zu erteilen. Wie hätte es auch anders sein sollen? Außerdem, junge Dame, warst du es, die mir vorführte, wie wenig Angst man vor ihm haben musste. Ich war kaum fünf Minuten in eurem Haus, da erkannte ich bereits, dass du ihn um den Finger wickeln konntest – und deine Schwester nicht weniger. Ich weiß noch, dass ihr einfach dagesessen und abgewartet habt, bis er mit seiner Tirade fertig war. Dann habt ihr den Kopf schräg gelegt und ihn angelächelt, weil ihr genau wusstet, dass er euch nichts abschlagen konnte. Und von mir erwartete er, dass ich dir und Marigold gutes Benehmen beibringe!“ In gespieltem Entsetzen warf sie die Arme hoch. Rose kicherte.

„Nun, euch beiden brauchte niemand zu lehren, wie man ahnungslose Männer um den Finger wickelt. Aber wenn du wirklich ein Sammelalbum anlegen willst, kann ich dir zeigen, wie man Blumen presst.“

„Ich glaube, du willst mich ablenken“, bemerkte Rose scharfsinnig wie immer.

„Ja, weil ich nicht gern daran denke“, gab Lydia zu. „Ich … nun, ich war wahrscheinlich ein wenig zu angetan von ihm.“

„Oh.“ Rose wirkte ehrlich zerknirscht. „Ich wollte dir nicht zu nahe treten. Wenn er tatsächlich deine erste Liebe war und du dann Papa heiraten musstest … oh … es tut mir leid. Verzeih mir.“

Lydia errötete. „Ich habe nie gesagt, dass er meine erste Liebe war.“

„Jedenfalls werde ich das Thema nicht mehr erwähnen“, versprach Rose zu ihrer Erleichterung. „Obwohl ich zu gern wüsste, wer er war. Und ob er inzwischen verheiratet ist.“

Lydia zuckte zusammen. Sie hätte wissen müssen, dass Roses Versprechen nur weitere Fragen nach sich ziehen würde.

„Zuerst sollten wir das Gesteck auseinanderpflücken, damit wir jede Blume einzeln pressen können“, wechselte sie entschlossen das Thema. „Noch besser wäre es, nur eine Blüte auszuwählen, sonst brauchen wir ein Dutzend Alben. Zumal es noch viele Anlässe geben wird, von denen du gewiss ähnliche Erinnerungen bewahren möchtest.“

„Glaubst du wirklich?“

„Selbstverständlich. Ich möchte wetten, dass du jetzt schon einen Stoß Eintrittskarten und Programmhefte von all den Veranstaltungen gehortet hast, bei denen wir eingeladen waren.“

„Das stimmt.“

„Aber ehe wir anfangen, will ich dich darauf hinweisen, dass wir in Kürze mit dem Erscheinen zahlreicher Gäste rechnen müssen …“ Da ein Gentleman gehalten war, seine Tanzpartnerinnen des vorherigen Abends immer am Tag nach dem Ball aufzusuchen, würde einer von ihnen sicher Lord Rothersthorpe sein. „… und dass wir noch nicht entschieden haben, wo wir heute Abend hingehen werden.“

Rose lächelte sie strahlend an. „Das mag ich an dir, Mama Lyddy. Du versuchst nie, mir etwas vorzuschreiben.“

„Was würde es nützen?“ Lydia spitzte die Lippen. „Ich weiß, wie anstrengend es ist, sich mit dir zu streiten. Außerdem bin ich nicht alt genug, um dir Vorschriften zu machen. Ich fühle mich eher wie eine … ältere Schwester und nicht wie deine Mutter. Selbstverständlich gebe ich dir immer gern Rat, wenn du willst, aber mehr auch nicht. Du musst deine eigenen Entscheidungen treffen.“

„Ich wünschte, das könnte ich. Wegen heute Abend, meine ich. Ich … ich glaube“, eine leichte Röte überzog Roses Gesicht, „dass ich es dir erst etwas später sagen kann.“

Lydia hob die Brauen. Solche Unentschlossenheit sah ihrer Stieftochter gar nicht ähnlich. Wahrscheinlich wollte sie in Erfahrung bringen, wo Lord Rothersthorpe heute Abend zu finden sein würde.

„Es hat Zeit“, beruhigte sie das Mädchen und pflückte das Blumengesteck auseinander. „Aber vielleicht warnst du Robert vor. Er ist kein Freund spontaner Beschlüsse.“

Gemeinsam wählten sie die Blüten aus, die gepresst werden sollten, holten ein paar Bogen Papier und zogen die schwersten Bücher aus den Regalen.

Als der Türklopfer den ersten morgendlichen Besucher ankündigte, waren Lydias Schreibtisch und der marmorne Konsolentisch unter dem Fenster übersät mit den Spuren ihrer Tätigkeit.

Erschrocken blickte Rose auf das Durcheinander und dann zur Tür.

Lydia lächelte. „Du brauchst dich nicht zu genieren, wenn deine Verehrer dich bei einer so vornehmen Beschäftigung überraschen, Rose. Meine Anstandsdame pflegte zu sagen, dass die Gentlemen es gern sehen, wenn ihre künftigen Ehefrauen nützlichen Tätigkeiten nachgehen.“ Obwohl sie nicht hätte sagen können, was an Blumenpressen oder dem Anfertigen großflächiger Stickereien, wie in ihrem Fall, nützlich sein sollte.

Nützlicher hätte sie es gefunden, junge Damen unter Beweis stellen zu lassen, dass sie in der Lage waren, kurzfristig ein Menü für zwanzig Gäste auf den Tisch zu bringen. Oder zu zeigen, dass sie die Dienstboten so gut im Griff hatten, dass der Haushalt glatt lief. Ihr Ehemann hatte diese Fähigkeiten an ihr jedenfalls sehr geschätzt.

Colonel Morgan wäre äußerst verärgert gewesen, wenn sie sich den ganzen Tag damit beschäftigt hätte, Blumen zu pressen.

Doch hier ging es um Rose, nicht um sie. Sie war fest entschlossen, Lord Rothersthorpe zu beweisen, dass ihre Stieftochter und sie ein gutes Verhältnis hatten und sie nicht die Art von Chaperone war, auf die er angespielt hatte. Sonst hätte sie dafür gesorgt, dass Rose steif wie eine Wachsfigur auf einem Stuhl saß, anstatt sich mit Blumenpressen zu beschäftigen.

Doch er ließ sich Zeit mit seinem Besuch.

Der Butler trat in den Salon und kündigte Mr Crimmer und Mr Bentley an. Die Söhne reicher Geschäftsleute grinsten einander erfreut zu, als sie feststellten, dass sie die Ersten waren. Sie beeilten sich, zu Rose zu kommen, und rückten ihre Stühle so nahe an ihren Platz heran, wie die Schicklichkeit es gestattete.

Als Nächste kamen zwei Marineoffiziere, deren Namen Lydia immer wieder entfielen, obwohl sie häufige Gäste waren. Sie fand, dass sie einander ähnlich sahen mit ihren fast identischen Uniformen, den blauen Augen und blonden Haaren.

Robert hatte auch schon beklagt, dass er höchstens die Hälfte der Gentlemen, die neuerdings sein Haus bevölkerten, mit Namen kannte. „Bis meine hübsche Schwester hier einzog, war mir nicht bewusst, dass ich so viele Freunde habe“, hatte er mit einem schiefen Lächeln gesagt.

Obwohl Robert seiner Schwester gegenüber überbehütend war, ließ er heute auf sich warten. Normalerweise pflegte er sich um halb elf im Salon einzufinden und ein wachsames Auge auf die Verehrer seiner Schwester zu haben.

War er nicht da, weil er sich ihre Worte von gestern Abend zu Herzen genommen hatte?

Egal, aus welchem Grund er heute ferngeblieben war, es freute Lydia, denn die Atmosphäre war entspannter als sonst.

Trotzdem zuckte Lydia jedes Mal zusammen, wenn der Türklopfer erklang.

Lord Abergele und ein junger Anwalt traten ein, und allmählich wurde es ein wenig eng im Salon. Wider Willen bewunderte Lydia Lord Abergeles Hartnäckigkeit. Trotz Roberts wiederholten Zurückweisungen versuchte er es immer wieder – und holte sich die nächste Abfuhr. Vermutlich hegte er die Hoffnung, dass sein ansprechendes Gesicht und die ausdrucksvollen Blicke, die er Rose aus seinen klaren grünen Augen zuwarf, sie dazu veranlassen würden, sich ihrem Bruder zu widersetzen. Sein Vorgehen war nicht gänzlich aussichtslos, denn Rose schätzte nichts mehr als eine Herausforderung.

Offensichtlich reizte es sie auch, dass so viele Verehrer um ihre Gunst wetteiferten. Das Mädchen ging sehr geschickt mit allen um, wie Lydia voller Bewunderung beobachtete. Falls sie einen von ihnen bevorzugte, dann tat sie es so unauffällig, dass niemand es bemerkte.

Bis Lord Rothersthorpe eintrat.

Rose begann zu strahlen, stand auf, durchquerte den Raum und streckte ihm die Hand entgegen.

Es war für Lydia nicht wichtig gewesen, dass die anderen nur kurz bei ihr stehen geblieben waren, um ihr die Hand zu küssen und ein paar Gemeinplätze zu murmeln, bevor sie sich Rose zuwandten. Aber sich komplett ignoriert zu fühlen, so wie in diesem Moment, verletzte sie tief.

Sie konnte gut verstehen, dass die anderen Verehrer Lord ­Rothersthorpe böse Blicke zuwarfen, als er sich über Roses ausgestreckte Hand beugte. Doch im Unterschied zu ihr hatten sie die Freiheit zu gehen, wenn sie es nicht mehr ertrugen.

Als einer nach dem anderen mehr oder weniger mutlos abzog, musste Lydia sie verabschieden, weil ihre Stieftochter damit beschäftigt war, Lord Rothersthorpe zu erklären, welche Pläne sie mit dem Blumengesteck des gestrigen Abends hatte.

Wahrscheinlich hätte sie Rose für ihre schlechten Manieren tadeln sollen, aber sie wusste selbst am besten, welche Wirkung Lord ...

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