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HISTORICAL SAISON BAND 21

CAROLE MORTIMER

Wie erobert man einen Earl?

Von den Verrücktheiten der Liebe ist der Earl of Hawthorne für immer geheilt – glaubt er! Umso verblüffter muss er sich eingestehen, dass er sich außerordentlich zu seiner bezaubernden neuen Gouvernante hingezogen fühlt. Beim Blick in Elena Leightons meergrüne Augen erwachen Frühlingsgefühle – so verboten wie unwiderstehlich!

LUCY ASHFORD

Der Gentleman mit dem kalten Herzen

„Verloben Sie sich mit mir.“ Spontan schlägt Adam Davenant der schönen Belle ein vorübergehendes Arrangement vor, um die Schulden ihres Bruders zu begleichen. Natürlich nur, weil er sich vor all den aufdringlichen jungen Damen retten will, die ihm in dieser Saison nachstellen! Denn wie sehr er Belle wirklich begehrt, darf er niemals zugeben …

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Wie erobert man einen Earl?

1. KAPITEL

Lady Cicely Hawthornes Londoner Stadtresidenz, Ende April 1817

Ich finde es jedenfalls enttäuschend, dass du immer noch keine Braut für Hawthorne gefunden hast, Cicely.“ Edith St Just, Dowager Duchess of Royston, maß ihre Freundin mit einem vorwurfsvollen Blick.

„Vielleicht hatten wir uns mit dem Vorsatz, diese Saison passende Gattinnen für unsere Enkelsöhne zu finden, ein wenig zu viel vorgenommen“, gab Lady Jocelyn Chambourne vorsichtig zu bedenken.

Die drei Damen, die in Lady Hawthornes Salon beim Tee zusammensaßen, hatten sich vor fünfzig Jahren kennengelernt – während ihrer ersten Saison, als sie mit achtzehn in die Gesellschaft eingeführt worden waren. Seitdem verband sie eine unverbrüchliche Freundschaft, die sie durch sämtliche Höhen und Tiefen ihrer eigenen Ehe wie auch der ihrer Kinder begleitet hatte. Vor Kurzem nun waren die Damen zu dem Schluss gelangt, dass es höchste Zeit war, ihre heiratsunwilligen Enkelsöhne unter die Haube zu bringen.

„Unsinn, Jocelyn“, tat die Dowager Duchess deren Bemerkung nachdrücklich ab. „Du hattest keinerlei Schwierigkeiten, Chambourne in den Hafen der Ehe zu manövrieren …“

„Aber nicht mit der Braut, die ich für ihn ausgesucht hatte“, wandte Lady Chambourne bedauernd ein.

„Und wenn schon.“ Die Dowager Duchess machte eine wegwerfende Handbewegung. „Wenigstens heiratet er. Unglücklicherweise scheint es ja außer uns niemanden zu kümmern, ob unsere Enkel sich vermählen. Meine Schwiegertochter ist jedenfalls keine Hilfe bei diesem Unterfangen, seit sie sich nach Roberts Tod vor drei Jahren aufs Land zurückgezogen hat. Und Royston selbst zeigt keinerlei Neigung, seine schlechte Gewohnheit aufzugeben. Nach wie vor nimmt er sich alle paar Wochen eine neue Geliebte, derer er dann nach kürzester Zeit wieder überdrüssig ist.“ Sie schnaubte höchst undamenhaft.

Für Miss Eleanor Rosewood, ihres Zeichens Gesellschafterin der Dowager Duchess und gemeinhin Ellie gerufen, war das Schnauben, mit dem ihre Brotherrin und Stieftante ihre Missbilligung zu verdeutlichen pflegte, ein vertrautes Geräusch. Ellie saß mit den beiden anderen Gesellschafterinnen beim Fenster und hatte gedankenversunken auf den Garten hinausgeblickt, auf dessen gepflegten Rabatten sich nach dem ungewöhnlich warmen April ein wahres Farbenfeuerwerk aus sattgelben Osterglocken, flammend roten Tulpen, Hyazinthen in Blau- und Lilatönen, bunten Primeln und himmelblauen Vergissmeinnicht zeigte. Doch nun, da sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Konversation der drei Damen richtete, konnte sie sich eines gewissen Mitgefühls für Lady Hawthorne nicht erwehren. Adam Pembroke, Earl of Hawthorne, galt nicht nur unter der Dienerschaft, die er in seinem Haushalt beschäftigte, als ein kalter, hochmütiger und absolut unnahbarer Gentleman.

Und obwohl ihm seine erste Ehefrau nur eine Tochter und keinen Erben geschenkt hatte, war es für Lady Hawthorne keine leichte Aufgabe, ihrem Enkel gegenüber das Thema Heirat auch nur anzusprechen, geschweige denn eine Frau zu finden, die bereit war, die Gattin dieses als verletzender Spötter verschrienen Mannes zu werden.

Kein Zweifel, dass eine Verbindung mit ihm auch ihre Vorteile hatte. Hawthorne war sehr vermögend und zudem verboten attraktiv mit seinem glänzenden schwarzen Haar und den undurchdringlichen grauen Augen in seinem aristokratisch schönen Gesicht. Er war hochgewachsen, hatte beeindruckend breite Schultern, schmale Hüften und lange, kraftvolle Beine.

Bedauerlicherweise strahlte er etwas so Abweisendes aus, dass es jede Frau in seiner Gegenwart fröstelte, und nicht von ungefähr hatten ihm seine Standesgenossen im ton in Anlehnung an seinen Nachnamen, der so viel wie Weißdorn bedeutete, den Spitznamen „Thorn“ verpasst.

Doch viel mehr als die schwierige Wesensart Hawthornes interessierten Ellie die Anstrengungen ihrer Dienstherrin, eine Braut für ihren eigenen Enkelsohn, Justin St Just, den Duke of Royston, zu finden …

„Adam erweist sich als wenig hilfreich“, verteidigte Lady Hawthorne sich seufzend. „Er lehnt jede meiner Dinnereinladungen ab.“

Die Dowager Duchess hob eine Braue. „Mit welcher Begründung?“

„Angeblich ist er zu beschäftigt …“ Lady Hawthorne verzog das Gesicht.

Ihre Gnaden rümpfte die Nase. „Aber irgendwann muss auch er essen, so wie wir alle, oder nicht?“

„Man sollte es annehmen, ja …“ Lady Hawthorne seufzte erneut.

„Dann darfst du nicht aufgeben, Cicely“, bestimmte die Dowager Duchess knapp. „Wenn Hawthorne nicht zu dir kommt, musst du ihn aufsuchen.“

Lady Hawthorne schrak zusammen. „Ihn aufsuchen?“

„Fahr nach Hawthorne House und mach ihm die Aufwartung.“ Die Duchess of Royston nickte. „Und besteh darauf, dass er am selben Abend zu dir zum Dinner kommt.“

„Ich kann es versuchen, Edith.“ Lady Hawthorne wirkte nicht überzeugt. „Aber erzähl uns doch, wie es bei deiner Suche nach einer Braut für Royston vorangeht.“ Ihre Miene hellte sich auf. „Letzte Woche hast du den Namen der jungen Dame aufgeschrieben und Jocelyns Butler den Zettel zur Verwahrung gegeben.“

Die Dowager Duchess neigte hoheitsvoll den Kopf. „Richtig. Und wenn die Zeit kommt, wird er sie heiraten. Ich garantiere es euch.“

„Ich beneide dich unendlich, wenn ich sehe, wie Adam meine sämtlichen Anstrengungen in dieser Hinsicht hintertreibt!“ Lady Hawthorne machte ein niedergeschlagenes Gesicht.

„Auch er kommt zur Vernunft. Bestimmt.“ Lady Chambourne drückte der Freundin aufmunternd die Hand, doch die geplagte Lady Hawthorne war anscheinend genauso skeptisch wie Ellie, der die abweisende Miene des Gentleman lebhaft vor Augen stand.

„Und jetzt lasst uns über etwas anderes reden!“, schlug Lady Chambourne strahlend vor. „Habt ihr schon die neuesten Gerüchte über die verschwundene Enkelin des Duke of Sheffield gehört?“

„Nein! Erzähl!“, verlangte Lady Hawthorne begierig.

Ellie blieb stumm, wie es ihrer Stellung geziemte, doch sie war genauso gespannt wie Ihre Ladyschaft. Die verschwundene Enkelin des kürzlich verstorbenen Duke of Sheffield war das Thema der Saison, in den Salons ebenso wie in den Dienerquartieren. Nach dem überraschenden Ableben Sheffields hatte sein Neffe den Titel geerbt, während die Enkelin am Tag nach der Beerdigung verschwunden war – ebenso wie der Familienschmuck und etliche Tausend Pfund Bargeld.

„Ich pflege solch haltlosen Behauptungen keine Beachtung zu schenken.“ Die Dowager Duchess ließ ihr berühmtes Schnauben hören.

„Sie sind nicht im Mindesten haltlos, Edith“, protestierte Lady Chambourne entrüstet. „Miss Matthews wurde auf dem Kontinent gesehen, in Begleitung eines Gentleman, mit dem sie in Saus und Braus lebt. Was den Gerüchten, dass sie etwas mit dem verfrühten Tod ihres Großvaters und dem Diebstahl der Wertsachen zu tun hat, umso mehr Nahrung gibt.“

„Ich kann nicht glauben, dass eine Enkelin von Jane Matthews sich eines derart tadelnswerten Verhaltens schuldig machen sollte“, beharrte die verwitwete Duchess of Royston im Brustton der Überzeugung.

„Vergiss nicht, dass die Mutter des Mädchens eine Spanierin war“, gab Lady Hawthorne mit einem vielsagenden Blick zu bedenken.

„Da hat sie recht, Edith“, schaltete Lady Chambourne sich ein.

„Dummes Gewäsch“, tat die Dowager Duchess die Einwände ab. „Maria Matthews war die Tochter eines spanischen Granden, und bis zum Beweis des Gegenteils weigere ich mich zu glauben, dass ihre Tochter sich irgendeines Vergehens schuldig gemacht hat.“

Womit das Thema beendet war, wie Ellie aus Erfahrung wusste.

Auch wenn in den Salons und in den Dienerquartieren weiterhin lebhaft darüber spekuliert werden würde, warum Miss Magdalena Matthews, sollte sie denn tatsächlich unschuldig sein, mitsamt Familienschmuck und Geld am Tag nach dem Begräbnis ihres Großvaters verschwunden war.

2. KAPITEL

Hawthorne House, Mayfair, London. Einen Tag später.

Sieh mich nicht so finster an, Adam. Sonst glaube ich noch, du freust dich nicht, mich zu sehen.“

Ein Ausdruck von Missfallen flammte in Lord Hawthornes grauen Augen auf und breitete sich unübersehbar in seiner strengen aristokratischen Miene aus. Auch wenn seine Großmutter mit ruhiger Stimme gesprochen hatte, war der Vorwurf in ihrem Ton nicht zu überhören. Ein Vorwurf, der im Übrigen gerechtfertigt war, doch er hatte an diesem Nachmittag weder die Zeit noch die Geduld, sich das Geplapper der alten Dame anzuhören. Keinen Nachmittag, um ehrlich zu sein. „Ich bin nur überrascht, dass du mich ausgerechnet jetzt besuchst, Großmutter, wo du doch weißt, dass ich um diese Zeit eine halbe Stunde mit Amanda im Kinderzimmer zu verbringen pflege.“

Lady Hawthorne hob die Augenbrauen. „Könnte es vielleicht sein, dass ich den Wunsch habe, meine Urenkelin zu sehen?“

„Selbstverständlich.“ Adam durchquerte den Blauen Salon seines Hauses in Mayfair, um seine Großmutter einigermaßen verspätet auf die gepuderte Wange zu küssen. „Aber es wäre mir lieber gewesen, wenn du deinen Besuch vorher angekündigt hättest.“

„Weshalb?“

„Meine Zeit ist knapp, und ich verabscheue Störungen meines Tagesablaufs.“

„Wie ich bereits sagte, ich habe nicht den Wunsch, dich zu stören“, rief Lady Hawthorne ihm in Erinnerung.

„Aber genau das tust …“ Adam unterbrach sich. Durch den unverhofften Besuch seiner Großmutter würde er vier Minuten zu spät ins Kinderzimmer kommen. „Dann begleite mich, wenn du schon einmal da bist.“ Er nickte knapp und öffnete die Tür zum prachtvollen Vestibül, um sie vorausgehen zu lassen – sehr zur Überraschung seines Butlers Barnes, der wartend draußen stand.

„Du bist wahrhaftig der ungeduldigste Mensch, den ich kenne, Adam.“ Lady Hawthorne rauschte an ihrem Enkel vorbei in die Halle und bedeutete ihrer Gesellschafterin mit einem kurzen Nicken, dass sie auf sie warten sollte. „Weder dein Großvater noch dein Vater waren je so reizbar wie du.“

Wie es die Höflichkeit gebot, legte Adam seine Hand stützend unter ihren Ellbogen und begleitete sie die breite, geschwungene Marmortreppe hinauf. Er wusste sehr wohl, dass die überfürsorgliche Art seiner Großmutter seinen Großvater und seinen Vater ebenso gestört hatte wie ihn. Aber da beide Gentlemen nicht mehr unter den Lebenden weilten, blieb es ihm und Amanda überlassen, sich damit zu befassen, und es war seine Pflicht als Oberhaupt der Familie, wenigstens zu versuchen, der alten Dame mit Freundlichkeit zu begegnen. „Verzeih, wenn ich dich mit meiner Schroffheit beleidigt haben sollte.“

Lady Hawthorne löste sich aus dem Griff um ihren Ellbogen und legte ihre Hand in seine Armbeuge. „Als Entschädigung könntest du heute Abend mit mir essen.“

Adam versteifte sich bei ihrem unverhohlenen Nötigungsversuch. Er zögerte, ihn als Erpressung zu bezeichnen, obwohl ihm ihre neuerdings verstärkten Bemühungen, ihm geeignete Heiratskandidatinnen vorzustellen, lebhaft vor Augen standen. Geeignet nach ihren Vorstellungen selbstverständlich. Er hingegen wollte nichts davon wissen. Weder von den betreffenden Damen noch von Heirat. „Ich muss zu einer Sitzung im Oberhaus, Großmutter.“ Und danach würde er in seinen Club gehen, eine Runde Karten spielen und sich einen anständigen Brandy gönnen.

„Dann vielleicht morgen Abend?“ Lady Hawthorne gab nicht auf. „Es ist eine Ewigkeit her, dass du mich besucht hast.“

Nicht von ungefähr, seit ihm klar geworden war, was seine Großmutter bezweckte. Er hatte keine Lust, sich wiederzuverheiraten, und mit der Verwaltung seines Grundbesitzes und seinen Pflichten im Oberhaus war sein Leben weitgehend ausgefüllt. Die Dinner und Bälle und all der andere Unfug, mit dem man sich während der Saison die Zeit vertrieb, interessierten ihn nicht im Geringsten.

„Dafür besuchst du mich jetzt, Großmutter.“

„Aber bei dir kann ich nicht … ach, schon gut.“ Sie seufzte ungeduldig. „Offenbar bist du noch unnachgiebiger geworden, als du ohnehin schon warst.“

Adam presste die Lippen zusammen. Die Kritik war berechtigt, aber seine Großmutter kannte die Gründe für seine Unnachgiebigkeit. In den zwei Jahren seiner Ehe hatte seine untreue Gattin ihn während der Saison zu jedem Ball, jedem Dinner, jeder Soiree mitgeschleift, und im Sommer zu jeder Hausparty. Inzwischen war er seit vier Jahren Witwer und blieb all diesen Ereignissen fern. Die meisten Mitglieder des ton ödeten ihn an; warum also sollte er sich freiwillig ganze Abende in ihre langweilige, reizlose Gesellschaft begeben?

Gleichwohl regte sich bei den Tränen, die er in den Augen seiner Großmutter schimmern sah, sein schlechtes Gewissen. „Vielleicht kann ich morgen Abend eine Stunde erübrigen …“

„Oh, wie schön, Adam!“ Die Tränen versiegten, als habe es sie nie gegeben. Stattdessen strahlte die alte Dame ihn an. „Ich lasse deine Leibspeisen zubereiten und …“

„Eine Stunde, Großmutter“, unterbrach er sie streng, „höchstens zwei.“

„Ja, sicher.“ So zerstreut, wie sie klang, war sie bereits mit der Planung des Menüs beschäftigt. Und der Gästeliste, die mit Sicherheit die Namen etlicher heiratsfähiger weiblicher Wesen beinhaltete, die er lieber mied. „Wie macht sich das neue Mädchen?“

„Das neue Mädchen?“ Der plötzliche Themenwechsel brachte ihn aus dem Konzept. Meinte sie die junge Frau, die letzten Monat kurz sein Interesse geweckt hatte, ehe ihm klar geworden war, dass sie ihn im Bett genauso langweilte wie außerhalb?

„Amandas Kindermädchen“, stellte Lady Hawthorne klar.

„Ah.“ Adam nickte. „Mrs Leighton ist kein Mädchen, Großmutter. Und sie ist nicht Amandas Kindermädchen, sondern ihre Gouvernante.“

„Ist Amanda nicht noch zu klein für eine Gouvernante? Du weißt genauso gut wie ich, dass die feine Gesellschaft Blaustrümpfe nicht besonders schätzt …“

„Ich werde Amanda nicht zu einem jener hohlköpfigen Wesen erziehen, die nichts anderes im Sinn haben als Bälle und Partys und die neueste Mode.“ So wie ihre Mutter, hätte er hinzusetzen können, entschied sich jedoch dagegen. Je weniger er an Fanny und ihre Untreue dachte, umso besser für ihn.

„… außerdem würde ich wirklich gern wissen, weshalb du nach all den Jahren plötzlich auf Dorkins’ Dienste verzichtet hast.“

Lady Hawthorne war etwas außer Atem, als sie die Stufen zur dritten Etage erklommen, in der sich die Kinderzimmer befanden.

Adam beabsichtigte auch jetzt nicht, sich zu erklären. Das ehemalige Kindermädchen seiner sechsjährigen Tochter hatte ihm unverhohlen zu verstehen gegeben, dass es bereit war, sein Bett zu teilen, so er es denn wünschte. Das war unter keinen Umständen akzeptabel. Zumal er nie, weder in Worten noch in Taten, irgendein körperliches Interesse an der hübschen, aber ziemlich dreisten Clara Dorkins angedeutet hatte.

Wenn es dagegen Elena Leighton, Amandas neue Gouvernante, gewesen wäre, hätte er die Aussicht, ein, zweimal das Bett mit ihr zu teilen, ganz und gar nicht widerwärtig gefunden …

Und wie in Dreiteufelsnamen kam er auf den Gedanken?

Seit dem Tod seiner Ehefrau hatte Adam die Befriedigung seiner fleischlichen Bedürfnisse auf ein Mindestmaß beschränkt. Sie waren eine Schwäche, die er sich nicht leisten konnte, und wann immer das Verlangen zu groß wurde für seine inzwischen beinahe legendäre Selbstbeherrschung, befriedigte er es mit Halbweltdamen, deren Gesellschaft er ein, zwei Stunden aushalten konnte. Frauen, die keinen Ruf zu verlieren hatten und außer einer großzügigen Bezahlung nichts dafür erwarteten, dass sie die Schenkel für ihn spreizten.

Niemals hatte er auch nur im Entferntesten erwogen, eine Affäre mit einer seiner Bediensteten einzugehen, daher die übereilte Entlassung Clara Dorkins’ vor zwei Wochen.

Dabei war Elena Leighton, Dorkins’ Nachfolgerin, auf eine kühle Art schön. Ihr seidiges dunkles Haar trug sie in einem strengen Knoten, der die elegante Linie ihres Nackens eher unterstrich, als sie zu verdecken, genau wie die düstere schwarze Witwenkleidung nicht nur ihre schlanke Figur, sondern auch die Anmut ihrer fein gezeichneten Gesichtszüge betonte, statt davon abzulenken. Sie hatte eine zierliche gerade Nase und volle Lippen mit der Kontur eines perfekten Amorbogens, doch das Auffälligste waren ihre eigentümlich hellen blaugrünen Augen, die von dichten dunklen Wimpern gesäumt wurden.

Lieber Himmel, wann waren ihm all diese Einzelheiten an der jungen Witwe aufgefallen, die er kürzlich als Erzieherin seiner Tochter eingestellt hatte?

Mrs Leighton?“, fragte seine Großmutter neugierig nach.

„Ich glaube, ihr Mann fiel bei Waterloo“, antwortete Adam zerstreut. Die Erkenntnis, dass er tatsächlich so viel von Elena Leightons zugegebenermaßen attraktiven körperlichen Eigenschaften wahrgenommen hatte, verblüffte ihn. Immerhin war die Frau seine Angestellte und keine Kokotte, die er für ein paar Stunden in sein Bett mitnehmen und anschließend fortschicken konnte. Und darüber hinaus war Elena Leighton die Witwe eines Kriegshelden, der sein Leben in der blutigen Schlacht gegen Napoleon gelassen hatte.

„Alt oder jung …?“

Adam hob die Brauen. „Ich habe nicht die geringste Ahnung, ob der gefallene Mr Leighton …“

„Ich meinte seine Witwe.“ Lady Hawthorne seufzte ungeduldig.

Bis zu diesem Moment hatte Adam sich keine Gedanken über Mrs Leightons Alter gemacht, aber er nahm an, dass sie Ende zwanzig oder Anfang dreißig sein musste.

Er runzelte die Stirn, als ihm aufging, dass die Witwentracht sie älter und reifer wirken ließ und dass sie vermutlich erheblich jünger war, als er sie einschätzte. „Solange Mrs Leighton ihre Aufgabe zu meiner Zufriedenheit erfüllt, ist mir ihr Alter vollkommen gleichgültig“, tat er das Thema ab und schob die Tür zum Kinderzimmer auf. Dann trat er zur Seite und bedeutete seiner Großmutter, ihm voran in den Raum zu gehen.

Elena sah von dem Gedichtband hoch, in dem sie mit ihrer kleinen Schutzbefohlenen geblättert hatte, und setzte eine höflich distanzierte Miene auf, als ihr Dienstherr und seine Großmutter väterlicherseits das Zimmer betraten.

Eine höflich distanzierte Miene, die hoffentlich verbarg, dass sie mitgehört hatte, wie die beiden sich draußen über sie unterhielten. Die hoffentlich auch verbarg, wie angespannt sie deswegen war …

Sie hatte darauf gebaut, dass sie als verwitwete Mrs Elena Leighton, die als Gouvernante in Diensten des unzugänglichen Lord Hawthorne stand, vor derartiger Neugier sicher sein würde. Doch so wie Lady Hawthorne sie nun musterte, konnte sie diese Hoffnung begraben.

Elena widerstand dem Drang, den Sitz ihres strengen Haarknotens zu überprüfen und ihr schwarzes Kleid glatt zu streichen. Stattdessen richtete sie sich zu ihrer vollen Größe von einem Meter sechzig auf und machte einen Knicks. „Mylord.“

„Mrs Leighton.“ Lady Hawthorne war diejenige, die ihre Begrüßung sanft erwiderte. Die Miene Seiner Lordschaft blieb kalt und abweisend wie immer.

Elena hatte sich erst entschieden, ihre derzeitige Anstellung anzutreten, als klar gewesen war, dass ihr unnahbarer Arbeitgeber kaum Verbindungen zur vornehmen Londoner Gesellschaft unterhielt und seine Zeit lieber damit verbrachte, sein politisches Amt wahrzunehmen und seine Landgüter zu verwalten. Was ihrem Wunsch – genauer gesagt, der Notwendigkeit – anonym zu bleiben, sehr entgegenkam.

Das diabolisch gute Aussehen des Gentleman hatte sie im ersten Moment irritiert. Adam Pembroke, Earl of Hawthorne, bestach mit seiner muskulösen Statur, glänzend schwarzem Haar und schwarzen, kühn geschwungenen Brauen über stahlgrauen Augen. Seine Jochbeine wirkten wie gemeißelt, er hatte eine klassisch gerade Nase und einen gut geschnittenen, sinnlichen Mund. Seine schlanke Gestalt ließ vermuten, dass er sicher nicht seine gesamte Zeit im Oberhaus und hinter seinem Mahagonischreibtisch verbrachte.

Doch nach höchstens fünf Minuten in seiner Gegenwart hatte Elena erkannt, dass er nicht nur der hochmütigste und unnahbarste Mensch war, den sie in ihrem Leben kennengelernt hatte, sondern dass er sie gottlob auch nicht als Frau betrachtete, geschweige denn unzüchtige Gedanken oder Absichten hegte, wie es viele Dienstherren der Gouvernante ihrer Kinder gegenüber taten.

In diesem Moment jagte ein heißes Prickeln durch ihren Körper, und als sie hochsah und dem Blick begegnete, mit dem Lord Hawthorne sie aus verengten Augen begutachtete, wusste sie, dass sie ihre Einschätzung seiner Person korrigieren musste. Sie verschränkte ihre plötzlich zitternden Hände vor der Brust und neigte höflich den Kopf. „Lady Hawthorne.“ Dann wandte sie sich zu dem kleinen Mädchen, das auf seiner Schulbank saß. „Steh auf und begrüße deine Großmutter, Amanda.“

Anfangs hatte es Elena befremdet, dass in diesem Haus nichts von der Warmherzigkeit und Zuneigung zu spüren war, die sie aus ihrer eigenen Kindheit kannte. Lord Hawthorne widmete seiner Tochter täglich eine halbe Stunde, und selbst diese kurze Zeit verbrachte er ausschließlich damit, Amanda nach ihrem Lernstoff zu befragen.

Kein Wunder, dass die Kleine in Gegenwart ihres Vaters immer auffallend still und zurückhaltend war. Der formvollendete Knicks, den sie vor Lady Hawthorne machte, war nur ein weiterer Beweis ihrer ängstlichen Reserviertheit. Was nicht hieß, dass das Kind nicht auch ganz anders sein konnte. Wenn sie mit ihr allein war, unterschied Amanda sich in nichts von jeder anderen lebhaften Sechsjährigen.

Sie war groß für ihr Alter, und schon jetzt wiesen ihre Züge Anzeichen der bezaubernden Schönheit auf, die sie einmal sein würde. Mit ihren himmelblauen Augen, dem Porzellanteint, ihrem Rosenknospenmund und dem blonden Haar bot sie eine reizende Erscheinung in dem rosafarbenen Kleid, das ihren hellen Typ perfekt betonte.

Eine Erscheinung, deren Liebreiz an ihren Vater komplett verschwendet war. Lord Hawthornes Aufmerksamkeit richtete sich auf sie, die Gouvernante, nicht auf seine Tochter. Und diesen Gentleman hatte Elena nach der einen Woche, die sie bei ihm in Diensten stand, als einen Mann eingeschätzt, dem Gefühle gänzlich abgingen.

Wahrscheinlich fand sie seinen Blick deswegen so entnervend. Weil er sie zum ersten Mal als Frau wahrzunehmen schien …

Elena straffte sich entschlossen. „Dann lasse ich Sie jetzt allein und gehe Amandas Schlafzimmer aufräumen. Wenn Sie mich bitte entschuldigen würden …“ Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte sie aus dem Raum.

Sobald die Tür von Amandas Schlafgemach hinter ihr ins Schloss gefallen war, ließ sie sich zitternd auf die Bettkante sinken. Sie brauchte einen Moment Ruhe, um ihre Fassung wiederzugewinnen. Das Herz trommelte ihr wie wild gegen die Rippen, und sie presste sich die Hand auf die Brust. Nicht auszudenken, wenn Hawthorne plötzlich auf ihre weiblichen Reize aufmerksam geworden war, statt in ihr nur die Angestellte zu sehen!

Aufgrund einer Reihe widriger Gegebenheiten stand sie allein in der Welt und war darauf angewiesen, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Ihre Lage war verzweifelt und heikel genug, auch ohne das plötzliche furchteinflößende Interesse Lord Hawthornes an ihrer Person.

Sie war sich nur zu sehr darüber im Klaren, wie gnadenlos manche Gentlemen ihre Macht über die schutzlosen weiblichen Dienstboten in ihrem Haushalt ausnutzten. Sogar ihr eigener Cousin …

Nein. Sie durfte nicht … konnte nicht daran denken. Allein die Erinnerung an das, was dieser Wurm – und ihn als Gentleman zu bezeichnen war ausgeschlossen –, ihr angetan hatte, reichte, um Übelkeit in ihr hervorzurufen.

„Sind Sie in Ordnung, Mrs Leighton?“

Als sie Hawthornes Stimme hörte, sprang Elena auf wie von der Tarantel gestochen. Alles Blut schien ihr aus dem Kopf zu sacken, ihr wurde schwindelig, und als sie Halt suchend nach der Lehne des nächstbesten Stuhls griff, schwankte sie leicht.

Mit drei weit ausgreifenden Schritten war er bei ihr, ergriff sie beim Oberarm, und sie konnte die Wärme seiner schlanken Finger durch den Stoff ihres Trauerkleides hindurch spüren. „Mylord?“ Sie musterte ihn misstrauisch, als er plötzlich so dicht bei ihr stand – so dicht, wie sie nie geglaubt hatte, einen Mann ertragen zu können. So dicht, dass sie sich seiner überlegenen Größe und Stärke mit jeder Faser bewusst war, ohne sich indes davon überwältigt zu fühlen. So dicht, dass sie den schwarzen Rand um seine Iris bemerkte …

Es waren die schönsten Augen, die sie je gesehen hatte. Elena kam nicht umhin, sich diese Tatsache einzugestehen, als sie fortfuhr, ihn wie hypnotisiert anzustarren. Augen von einem tiefen, rauchigen Grauton, umrahmt von langen, schwarzen Wimpern.

„Mrs Leighton?“ Adam runzelte die Stirn, als er feststellte, dass ihr seidiges dunkles Haar nach Zitrone duftete. Ebenso wie vor ein paar Minuten im Schulzimmer. Während er sie eingehend gemustert hatte, war er zu dem Schluss gekommen, dass sie keinesfalls Ende zwanzig und schon gar nicht Anfang dreißig sein konnte.

Sondern höchstens Anfang zwanzig, wie er nun, da er so dicht vor ihr stand, erkannte. Ihr Teint war makellos wie Alabaster, und in ihren großen blaugrünen Augen stand eine rührende Unschuld, als sie zu ihm hochblickte. Auch ihre biegsame, schlanke Figur war die eines jungen Mädchens und nicht die einer reifen Frau.

Er presste die Lippen zusammen und verstärkte den Griff um ihren Arm.

„Wie alt sind Sie?“

Sie schlug die Augen nieder, dann sah sie ihn wieder an. „Wie alt ich bin?“

Adam nickte. „Keine unbeantwortbare Frage, wie ich denken würde.“

Sie befeuchtete sich die Lippen mit der Zungenspitze. „Nein, natürlich nicht unbeantwortbar“, erwiderte sie heiser. „Aber ist es nicht unhöflich, eine Dame nach ihrem Alter zu fragen? Außerdem wüsste ich nicht, weshalb …?“

Adam hob die Brauen. „Das zu entscheiden, werden Sie mir überlassen müssen, Madam. Beantworten Sie meine Frage!“ Selbst in seinen besten Momenten war er alles andere als ein geduldiger Mensch – und die augenblickliche Situation zählte weiß Gott nicht zu seinen besten Momenten. Außerdem hasste er es, belogen zu werden, und selbst wenn Elena Leighton das nicht getan hatte, stand zu befürchten, dass sie einigermaßen sparsam mit der Wahrheit umgegangen war.

„Ich … nun, also … ich bin …“ Elena unterbrach sich, um ihren Nacken zu dehnen, der ganz steif geworden war vom unausgesetzten Hochstarren. Sie überlegte, ob Lord Hawthorne ihr glauben würde, wenn sie ihm sagte, sie sei fünfundzwanzig – ein Alter, das selbst er als vernünftig ansehen würde.

Leider wäre es gelogen.

„Einundzwanzig.“ Jedenfalls beinahe. Oder genauer gesagt, in acht Monaten. Am ersten Weihnachtstag. Zu Hause, bei ihrer Familie waren immer beide Anlässe gefeiert worden. Dieses Jahr nicht, aus dem einfachen Grund, dass es keine Familie mehr gab, mit der sie gern gefeiert hätte.

„Einundzwanzig“, wiederholte er ausdruckslos, ließ seine Finger an ihrem Arm hinabgleiten und umfasste ihr Handgelenk. „Dann waren Sie neunzehn, als Sie Witwe wurden und Ihre Anstellung als Lehrerin und Gesellschafterin der Tochter von Lord Bambury antraten, richtig?“

Bei der Erinnerung an das Zeugnis, das sie der Vermittlungsagentur bei ihrer Suche nach einer Anstellung in einem respektablen Haushalt vorgelegt hatte, wand Elena sich innerlich. Weil sie dieses Zeugnis angesichts der Tatsache, dass sie keinerlei vorheriges Dienstverhältnis vorweisen konnte, selbst hatte schreiben müssen.

Sie begegnete Lord Hawthornes durchdringendem Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. „Das ist richtig. Wenn Sie mit meiner Arbeit nicht zufrieden sind, kann ich gern …“

„Habe ich etwas dergleichen gesagt?“

Sie reckte das Kinn. „Nein. Aber durchblicken lassen.“

Seine wohlgeformten Lippen verzogen sich zu etwas, das ein Lächeln hätte sein können, in seinem Fall jedoch eher ein abfälliges Grinsen war. „Nein, meine liebe Mrs Leighton, ich habe auch nichts dergleichen durchblicken lassen“, erwiderte er gedehnt. „Ist es womöglich Ihr schlechtes Gewissen, das Sie zu dieser Annahme verleitet?“

Ein paar Schläge lang schien ihr Herz auszusetzen, als sie in Hawthornes unnachgiebige Miene blickte. Er fixierte sie aus verengten Augen und hatte die Kiefer zusammengepresst. Zwischen den Brauen stand eine steile Falte. Es war das Antlitz eines Menschen, mit dem man sich besser nicht anlegte. Außer man wünschte sich das volle Ausmaß seines zweifellos gewaltigen Zorns zuzuziehen.

Ihr sank der Mut, als ihr klar wurde, dass sie sich die vergangenen zwölf Tage in trügerischer Sicherheit gewiegt hatte. In dieser Zeit war sie ihrem Dienstherrn nur begegnet, wenn er seine tägliche halbe Stunde mit Amanda verbrachte, und selbst dann hatte sie sich meistens entschuldigt und Vater und Tochter sich selbst überlassen. Bis jetzt war er für sie eher eine Art Randfigur gewesen, ein hochmütiger, verschlossener Gentleman, dem es nicht leichtfiel, eine Beziehung zu seiner Tochter aufzubauen, der aber die Alltagsabläufe im Schulzimmer nicht weiter störte.

Der Gentleman allerdings, der sie im Augenblick durchdringend ansah, war alles andere als eine Randfigur. Im Gegenteil, sowohl körperlich als auch mit seinen Fragen rückte er ihr auf höchst unbehagliche Weise zu Leibe. So nah zu Leibe, dass sie die Wärme spürte, die sein kraftvoller Körper ausstrahlte, und sie den Duft seines köstlich herben Rasierwassers riechen konnte.

Sie richtete sich zu ihrer vollen Größe auf, mit der sie bis zu seinen Schultern reichte, und zwang sich, seinen Blick unerschrocken zu erwidern. „Meine Angaben sind korrekt. Es dürfte ein Leichtes sein, das festzustellen, wenn Sie die Referenzen, die Lord Bambury mir ausgestellt hat, überprüfen.“

Wenigstens das war keine Lüge. Das Schicksal mochte sie erst vor Kurzem in die Welt hinausgestoßen haben, doch sie hatte sichergestellt, dass der Kern ihrer Behauptungen stimmte. Es gab eine junge, verwitwete Mrs Leighton, die als Lehrerin und Gesellschafterin Lady Fionas tätig gewesen war, ehe die Bamburys sich Anfang des Jahres in wärmere Gefilde begeben hatten, damit Lady Bambury sich von ihrem Lungenleiden erholte. Mrs Leighton war in England geblieben und hatte ihre Anstellung gekündigt.

Alles stimmt, dachte Elena. Außer dass sie nicht Mrs Leighton war.

„Glauben Sie?“, murmelte Lord Hawthorne sanft.

„Wenn Sie mich bitte loslassen würden …?“

„Selbstverständlich.“ Der Griff um ihr Handgelenk war weder unbeabsichtigt erfolgt, noch eine vertrauliche Geste gewesen. Er hatte es ihm ermöglicht zu spüren, wie ihr Puls hochgeschnellt war, als er sie auf ihr schlechtes Gewissen ansprach.

Inzwischen war er restlos überzeugt, dass die Frau, die seit Kurzem als Gouvernante in seinen Diensten stand, irgendetwas zu verbergen hatte. Was genau, wusste er nicht, doch er war entschlossen, es herauszufinden. So schnell wie möglich, denn schließlich hatte er sie mit der Erziehung seiner Tochter betraut.

Adam sah sie von oben herab an. „Ich muss wieder ins Schulzimmer. Aber seien Sie sich der Tatsache bewusst, dass dies nicht das Ende unserer Unterhaltung ist.“

Elena nickte zustimmend. „Als Ihre Angestellte erwarte ich Ihre Anordnungen.“

Himmel, wenn das nicht eine Auskunft war, die zu überdenken sich lohnte! Elena Leighton – die junge, außerordentlich schöne Elena Leighton, die verwitwete Elena Leighton – erwartete seine Anordnungen …

Was für ein Dilemma. Adam dachte darüber nach, mit welcher Anordnung er beginnen würde. Dass sie die Nadeln aus dem hässlichen Knoten entfernen sollte, damit die seidige Fülle ihres schwarzen Haars sich über ihre Schultern und ihren Rücken ergoss? Oder die unkleidsamen Witwentracht ablegen und ihm ihre vollen, festen Brüste enthüllen? Aber vielleicht würde er es vorziehen, wenn sie ihm noch Intimeres gewähren würde?

Sein Blick fiel auf ihren Mund. Wie es sich wohl anfühlen mochte, wenn Elena Leighton vor ihm kniete, die vollen Lippen um ihn geschlossen, und ihn reizte … erkundete … sein Verlangen befriedigte?

Zum Teufel! Seine Fantasie ging mit ihm durch!

Er gehörte nicht zu der Sorte Männer, die sich von diesem Teil ihrer Anatomie leiten ließen. Wenn seine unglückselige Ehe mit Fanny nichts anderes bewirkt hatte, dann wenigstens, dass er von solchen Verrücktheiten geheilt war!

Ein Nerv vibrierte in seinem Kinn, als er abrupt einen Schritt von ihr zurücktrat. „Wir reden morgen weiter“, beschied er sie kurz angebunden und maß sie mit einem kalten Blick. Dann drehte er sich auf dem Absatz herum, verließ den Raum und zog die Tür geräuschvoll hinter sich ins Schloss.

Elena taumelte zurück und sank auf den Stuhl. Ihr Atem ging abgehackt, und das Herz pochte ihr wie wild in der Brust. Sie versuchte sich zu beruhigen und der Panik Herr zu werden, die sie bei seiner Berührung übermannt hatte.

Sie konnte sich nicht erklären, was ihn zu dem Gespräch veranlasst hatte – geschweige denn dazu, dieses Thema anzuschneiden. Und weshalb war er ihr in Amandas Schlafzimmer gefolgt? Hatte er, wenn auch behutsam, ihr Handgelenk ergriffen?

Wie sie es dem Tenor seiner Fragen und seinem gnadenlos kalten Augenausdruck hatte entnehmen können, wurde ihr jedoch klar, dass er es nicht leicht verzieh, wenn er sich hintergangen fühlte. So wie von ihr, vom ersten Augenblick an …

Denn weder hieß sie Eleanor Leighton, noch war sie Witwe – wie auch, da sie nie verheiratet gewesen war –, und schon gar nicht hatte sie je in einem Dienstverhältnis als Lehrerin und Gesellschafterin Lady Fionas, der Tochter des Earl of Bambury, gestanden. Die echte Mrs Leighton war zu ihren Schwiegereltern nach Schottland gezogen.

Elena wusste das, weil sie die Bamburys kannte, deren Anwesen nur etwa zwanzig Meilen entfernt vom Landgut ihres Großvaters lag. Der Earl und seine Gattin waren gelegentlich Dinnergäste ihres Großvaters gewesen und umgekehrt …

Weil sie in Wahrheit nicht Elena Leighton, sondern Magdalena Matthews, die Enkelin George Matthews’, des verstorbenen Duke of Sheffield war.

Die junge Dame, deren Verschwinden am Tag nach der Beisetzung ihres Großvaters die Gesellschaft so sehr in Aufregung versetzt hatte.

3. KAPITEL

Thorn? Verdammt, Hawthorne, so warten Sie doch, Mann!“

Die Stimme hallte von der hohen Decke des Korridors im Parlamentsgebäude wider. Adam blieb stehen und drehte sich um, um herauszufinden, wer ihn angesprochen hatte. Eine steile Falte erschien an seiner Nasenwurzel, als er Justin St Just, den Duke of Royston, erkannte.

Ein paar Mitglieder des House of Lords, die sich ebenfalls im Korridor aufhielten, wichen zur Seite, als Seine Gnaden sich zielgerichtet seinen Weg zu Lord Hawthorne bahnte.

Hochgewachsen, blond und schön wie Adonis, mit lavendelblauen Augen, arroganten Gesichtszügen und einem kraftvollen Körper ausgestattet, bei dessen Anblick die jungen Damen in Verzückung gerieten, war Royston ein Mann mit durchaus charismatischer Ausstrahlung. Doch obwohl er und Hawthorne etwa das gleiche Alter hatten, sich regelmäßig bei den Sitzungen des Oberhauses sahen und ihre Großmütter seit Jahrzehnten gut befreundet waren, standen sie sich nicht sehr nahe. Dazu waren sie zu unterschiedlich, was ihre Ansichten und ihren Lebensstil betraf, insbesondere in den letzten Jahren, seit Adam sämtlichen gesellschaftlichen Zusammenkünften aus dem Weg ging, während Royston für sein geradezu teuflisches Glück bei den Frauen und am Spieltisch bekannt war.

Außerdem wusste Adam bis heute nicht genau, ob auch der Duke zu Fannys zahlreichen Liebhabern gezählt hatte.

„Royston“, begrüßte er den anderen Mann kühl.

Der Duke musterte ihn neugierig. „Sie scheinen heute Abend sehr in Eile, von hier fortzukommen, Hawthorne. Haben Sie ein Rendezvous mit einer Dame?“ Er hob spöttisch eine Braue.

Adam straffte sich. „Ich nehme doch an, als Gentleman werden Sie von mir keine Antwort auf diese Frage erwarten?“

„Selbstverständlich nicht“, erwiderte Royston gedehnt. „Ich finde nur, Sie sind ein wenig einsiedlerisch geworden in den letzten Jahren.“

Eisig erwiderte Adam: „Gibt es einen besonderen Grund, dass Sie mich aufhalten, oder kann ich meinen Weg fortsetzen?“

„Sie haben sich wirklich zu einem verdammt unleidlichen Zeitgenosse entwickelt, Hawthorne!“ Der Duke machte keinen Hehl aus seiner Verärgerung. „Lassen Sie uns in irgendeinen Club gehen und etwas trinken, damit wir uns in einem weniger öffentlichen Rahmen unterhalten können.“

Adam entspannte sich kaum merklich. „Ich war ohnehin auf dem Weg zu White’s.“

Der Duke verzog das Gesicht. „Ich hatte an ein weniger … respektables Etablissement gedacht, aber für den Anfang ist White’s nicht schlecht. Meine Kutsche steht draußen.“

„Meine ebenfalls.“

Der Duke musterte ihn mit einem schwer deutbaren Blick, dann nickte er. „Warum nicht. Wir nehmen Ihre Kutsche, und ich lasse meine nachkommen. Außer Sie möchten mich anschließend noch in ein paar andere Clubs begleiten?“

„Nein.“

Royston zuckte mit den Schultern. „Wie Sie wünschen.“

Sie sprachen nicht miteinander, bis sie, jeder einen großen Schwenker Cognac vor sich auf dem Tisch, in einer abgeschiedenen Nische bei White’s Platz genommen hatten – der Duke bequem in seinem Sessel lümmelnd, Hawthorne in gerader Haltung ihm gegenüber.

In der Vergangenheit waren sie sich häufig bei irgendwelchen Veranstaltungen des ton begegnet, und Adam gefiel die arrogante Sorglosigkeit, mit der Royston gesellschaftliche Einengungen missachtete. Dass er dem Gentleman seit ein paar Jahren reserviert begegnete, hing damit zusammen, dass er nicht sicher sein konnte, ob Royston einer der Liebhaber seiner verstorbenen Gattin gewesen war. Aber bei ihren zahllosen Affären hatte sie vermutlich selbst irgendwann den Überblick verloren.

Bereits einen Monat nach der Hochzeit hatten Fanny und er getrennte Schlafzimmer bezogen; ein Umstand, der, wiewohl nicht allgemein bekannt, angesichts Fannys immer neuer Liebschaften zu einer schwer erträglichen Demütigung für ihn geworden war. Adam hätte es vorgezogen, in getrennten Haushalten zu leben, doch davon hatte Fanny nichts wissen wollen. Das Zusammenleben mit ihm war eine perfekte Tarnung für ihre zahllosen Affären gewesen, und unglücklicherweise hatte sie mit dem gemeinsamen Kind über eine Trumpfkarte verfügt, von der sie rücksichtslos Gebrauch gemacht und eine Trennung verhindert hatte. Denn obwohl er sich schwertat, seine Gefühle zu zeigen, liebte er seine kleine Tochter abgöttisch.

„Welchen Eindruck haben Sie zurzeit von Ihrer Großmutter?“

Adam krauste verwundert die Stirn. Lady Hawthorne gehörte wahrhaftig nicht zu den Themen, auf die angesprochen zu werden er an diesem Abend erwartet hatte, weder von Royston noch irgendjemand sonst. „Was meinen Sie?“

Royston starrte missmutig in sein Glas. „Meine verhält sich verdammt komisch, und weil die beiden doch stets unter einer Decke stecken, dachte ich, ich frage Sie, ob Ihre sich auch irgendwie seltsam verhält.“ Er verzog das Gesicht. „Ich hoffe jedenfalls, dass es nichts mit den Geschehnissen um Sheffields Tod zu tun hat, denn ich bin das Thema endgültig leid! Ich mochte Sheffield wirklich, aber diese ganzen Spekulationen, ob seine Enkelin ihn nun umgebracht und sich mit den Juwelen aus dem Staub gemacht hat, gehen mir mächtig auf die Nerven.“

Die Verkrampfung wich aus Adams Schultern. „Nein, ich glaube nicht, dass das ungewöhnliche Verhalten unserer beiden Großmütter etwas mit Sheffield zu tun hat.“

Royston setzte sich aufrecht. „Nein?“

„Nein.“ Adam lächelte angespannt. „Ich bin überzeugt – und das deshalb, weil Lady Hawthorne wenig Hehl aus ihren Absichten macht –, dass die beiden sich in den Kopf gesetzt haben, uns zu verheiraten.“

Ruckartig beugte der Duke sich zu ihm vor. „Das ist nicht Ihr Ernst!“

Adam nickte spöttisch und genoss Roystons Verblüffung. „Glauben Sie mir, den beiden ist es ernst. Halten Sie sich nur vor Augen, dass der Enkel der Dowager Countess of Chambourne, mit der sie dick befreundet sind, vor Kurzem seine Vermählung angekündigt hat.“

„Sie meinen, unsere Großmütter schmieden Ränke, um Sie und mich ebenfalls in die Ehefalle zu locken?“

Roystons entsetzte Miene brachte Adam zum Lachen. „Die drei alten Mädchen haben immer alles gemeinsam gemacht. Die erste Saison, Heirat, Kinder, sogar die Witwenschaft.“ Er zuckte mit den Schultern. „Die alles andere als feinfühligen Versuche meiner eigenen Großmutter, mich zu verkuppeln, die sie in der letzten Zeit unternimmt, veranlassen mich zu der Vermutung, dass sie uns alle drei möglichst bald im Hafen der Ehe sehen wollen.“

„Glauben Sie wirklich?“ Der Duke sank niedergeschlagen in seinen Sessel zurück. „Und wissen Sie schon, wie Sie den Angriff auf Ihren Junggesellenstatus abwehren?“

„Angesichts der Tatsache, dass ich keinerlei Interesse an einer Heirat habe, sehe ich keine Notwendigkeit, irgendetwas abzuwehren.“ Adam krauste die Stirn.

Royston betrachtete ihn mitleidig. „Sie kennen meine Großmutter nicht so gut wie ich!“

„Nein“, bestätigte Adam nüchtern. „Aber ich kenne meine.“

„Und Sie wollen ebenfalls auf gar keinen Fall unter die Haube gebracht werden?“

Adam presste die Lippen zusammen. „Ich kann nur für mich selbst sprechen – aber ja: auf keinen Fall.“ Grimmig verzog er die Lippen. „Ich habe nicht die Absicht, mich erneut zu vermählen.“

„Und ich habe nicht die Absicht, überhaupt je zu heiraten … nun ja, auf Jahre hinaus jedenfalls nicht.“ Royston musterte Adam forschend. „Trotzdem würde die Dowager Duchess nie … doch, verdammt, sie würde“, korrigierte er sich finster. „Meine Großmutter wäre zu allem fähig, wenn es um die Sicherung der Erbfolge geht.“

Adam nickte leicht. „Meine Großmutter äußert sich ebenfalls besorgt über die Tatsache, dass ich keinen Sohn habe.“ Nicht dass es ihn groß gekümmert hätte; der Gedanke, dass sein Cousin dritten Grades Wilfried den Titel erben würde, wenn er dereinst das Zeitliche segnete, war ihm nicht unsympathisch.

„Aber Sie haben dennoch nicht die Absicht, tatenlos abzuwarten, bis ein Pfaffe Ihnen die eheliche Fußschelle anlegt, richtig?“

„Ganz gewiss nicht!“ Adam schauderte vor Abscheu.

Royston tippte sich nachdenklich mit dem Zeigefinger gegen das Kinn. „Nächste Woche finden keine Sitzungen im Oberhaus statt, es wäre also eine gute Gelegenheit, mich eine Zeitlang aufs Land zurückzuziehen. Ich hatte ohnehin vor, mir ein Jagdpferd anzusehen, das Sedgewicke mir angeboten hat. Mit ein bisschen Glück haben die alten Damen meine Witterung verloren, wenn ich wiederkomme.“

Adam grinste spöttisch. „Eher fließt die Themse rückwärts.“

„Da ich meiner Großmutter wirklich zugetan bin und mich nicht mit ihr überwerfen möchte, ist es den Versuch allemal wert.“ Royston erhob sich. „Ich würde Ihnen raten, ebenfalls zu verschwinden, denn wenn die Dowager Duchess sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, hält sie nichts mehr auf. Oh, und Hawthorne …“ Kurz hielt er inne.

„Ja?“

„Ich lasse mich aus Prinzip nicht mit verheirateten Frauen ein.“

Adam nickte bedächtig. „Ein Prinzip, das aller Ehren wert ist.“

„Das denke ich auch.“ Royston musterte ihn mit einem kurzen, bedeutungsvollen Blick, dann durchquerte er den Saal und verließ den Club.

Adam sah ihm hinterher und fragte sich, was er gegen die Ränke unternehmen konnte, die seine Großmutter schmiedete, vor allem aber, wie er mit seinen unangemessenen Fantasien von Elena Leighton und ihrem sinnlichen Mund umgehen sollte.

Elena strich ein letztes Mal ihre Röcke glatt, dann klopfte sie entschlossen an die Tür. Barnes war vor ein paar Minuten im Schulzimmer erschienen und hatte ihr mitgeteilt, dass Lord Hawthorne sie umgehend in seinem Arbeitszimmer erwartete.

„Treten Sie ein.“

Zu behaupten, dass sie aufgeregt war, weil ihr Dienstherr sie rufen ließ, wäre eine milde Untertreibung gewesen. Die eigentümliche Spannung, die gestern plötzlich zwischen ihnen geknistert hatte, beschäftigte sie immer noch. Wie sollte sie reagieren, wenn er ihre Referenzen tatsächlich überprüft hatte und zu dem Schluss gekommen war, dass sie zu wünschen übrig ließen?

Andererseits konnte sie sich nicht vorstellen, dass er etwas herausgefunden hatte. Sie war enorm sorgfältig vorgegangen bei der Wahl ihres Decknamens, und ihre Bekanntschaft mit den Bamburys hatte ihr erlaubt, vollkommen akkurate Angaben zu machen. All das hielt sie indes nicht davon ab, sich besorgt auf die Unterlippe zu beißen. Wenn Hawthorne sie entließ …

„Ich sagte, Sie sollen hereinkommen, verdammt“, drang seine wütende Stimme an ihr Ohr.

Elena spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen schoss. Zögernd trat sie in den Raum, an dessen mahagonigetäfelten, von halbhohen Bücherregalen gesäumten Wänden wertvolle Ölgemälde hingen und in dessen Mitte ein ausladender Schreibtisch stand.

Den der schwarzhaarige, hochgewachsene Gentleman, der dahinter saß, mit seiner überwältigenden Präsenz indes mühelos dominierte. An diesem Tag trug Hawthorne einen dunkelgrauen Gehrock über einer silbergrauen Weste, und wie stets war der Knoten seines Krawattentuchs mit höchster Sorgfalt gebunden. Sein modisch kurz geschnittenes, ungewöhnlich glänzendes Haar hatte die Farbe von Rabenflügeln, und mit den undurchdringlichen grauen Augen in seinem schönen, strengen Antlitz blickte Lord Hawthorne ihr finster entgegen.

Dennoch empfand Elena seine Gegenwart nicht als beängstigend wie die so vieler Männer, seitdem ihr Cousin Neville versucht hatte, sich ihr aufzunötigen. Im Gegenteil, trotz – oder wegen? – seiner schroffen Distanziertheit flößte er ihr eher Vertrauen ein als Angst.

Er presste kurz missbilligend den Mund zu einem schmalen Strich zusammen, als er sich in seinem Sessel zurücklehnte. „Haben Sie meine Aufforderung einzutreten nicht gehört?“

„Nein, ich …“ Sie atmete langsam aus, dann straffte sie entschlossen die Schultern. „Doch, natürlich“, antwortete sie fest. „Ich wollte nur sicherstellen, dass ich … ordentlich aussehe.“ Es kostete sie beträchtliche Willensanstrengung, dem prüfenden Blick, mit dem er sie vom Kopf bis zu den Füßen maß, standzuhalten.

Eine leichte Falte erschien an seiner Nasenwurzel. „Aus welchem Grund kleiden Sie sich noch immer in Witwentracht, wenn Ihr Mann vor beinahe zwei Jahren gefallen ist?“

Seine direkte Frage bestürzte Elena. Sie konnte ihm doch nicht sagen, dass sie Schwarz trug, weil ihr geliebter Großvater, der vormalige Duke of Sheffield, vor zwei Monaten verstorben war!

Hawthorne hob eine Braue. „Vielleicht weil Sie Ihren Gatten so liebten, dass Sie seinen Verlust noch immer betrauern?“

Bei seinem ironischen Unterton schoss Wut in Elena hoch. „Oder einfach weil ich nicht über die Mittel verfüge, um die schwarzen Kleider durch hellere zu ersetzen?“, entgegnete sie sarkastisch.

Adam musterte sie nachdenklich. „Wenn das so ist, wäre es dann nicht naheliegend, mich um einen Vorschuss zu bitten?“

Entrüstet riss sie die Augen auf. „Ich bin sicher, Mylord, Sie haben nicht die Absicht, mich zu beleidigen, indem Sie mir anbieten, Geld für eine neue Garderobe von Ihnen anzunehmen!“

Adam runzelte die Stirn angesichts solcher Überempfindlichkeit und versuchte nicht daran zu denken, dass Royston ihm am vergangenen Abend etwas ganz Ähnliches vorgeworfen hatte.

Dass er sich aus der vornehmen Gesellschaft zurückgezogen hatte, verdankte er seiner untreuen Ehefrau. Ihretwegen war er ständig auf der Hut, wenn er mit Mitgliedern des ton zu tun hatte, um nicht in seiner Würde verletzt zu werden. Bei Elena Leightons Reaktion schien es sich um etwas Ähnliches zu handeln. Sie war arm, aber stolz. „Es hätte sich um Geld gehandelt, das Sie verdienen, indem Sie sich um Amanda kümmern“, hielt er ihr ruhig vor Augen.

„Gestern gewann ich den Eindruck, dass Sie möglicherweise nicht zufrieden sind mit meinen Diensten …?“

Verdammt, er wünschte, Elena Leighton würde nicht solche Worte benutzen!

Das Wort „Dienste“ beschwor erneut Bilder von ihr herauf, wie sie ihn intim verwöhnte; Bilder, von denen er sich nicht ablenken lassen wollte.

Doch im Grunde war er seit dem Moment abgelenkt, da sie sein Arbeitszimmer betreten hatte. Seitdem erregte ihr hübscher roter Mund ihn in einem Maß, dass seine Pantalons im Schritt ungemütlich spannten.

Er stand auf, um sich Erleichterung zu verschaffen, und drehte sich rasch zum Fenster, um den unübersehbaren Beweis seiner Erregung vor ihr zu verbergen. „Ich erinnere mich nicht, etwas Derartiges gesagt zu haben.“

„Sie deuteten es an, als Sie meine mangelnde Erfahrung …“

„Mrs Leighton!“ Adam wandte sich abrupt zu ihr um, verschränkte die Hände vor der verräterischen Ausbuchtung in seiner Hose und musterte sie aus zusammengekniffenen Augen. „Ich glaube, ich hatte Ihnen bereits deutlich gemacht, was ich davon halte, wenn Sie meinen Äußerungen oder meinem Verhalten irgendwelche Bedeutungen zuschreiben. Seien Sie gewiss, dass ich nicht zögere zu sagen, was ich zu sagen habe.“ Er unterbrach sich und zog die Brauen zusammen. „Wie lange brauchen Sie, um aufbruchbereit zu sein?“

Elena wurde leichenblass und setzte taumelnd einen Schritt zurück. Sie hob ihre zitternde Hand und legte sie sich auf die Brust. Allein bei dem Gedanken, erneut in die Welt hinausgestoßen zu werden, begann ihr Herz wie rasend zu klopfen. „Sie wollen mich entlassen …?“

„Mein Gott, Mrs Leighton, hören Sie bitte auf, in jedes meiner Worte Bedeutungen hineinzulegen, die es nicht gibt!“, explodierte Adam und sah finster auf sie hinunter. „Auf meinem Anwesen in Cambridgeshire gibt es ein paar Dinge, um die ich mich kümmern muss, und ich wünsche, dass Amanda und Sie mich begleiten.“

„Nach Cambridgeshire?“

Er nickte knapp. „Das sagte ich gerade, ja.“

„Oh …“

Seine Brauen schossen in die Höhe. „Haben Sie ein Problem damit?“

Elena war noch nie in Cambridgeshire gewesen und hatte keine Einwände dagegen, Lord Hawthorne und seine Tochter dorthin zu begleiten.

Jedenfalls keine grundsätzlichen …

Aber die Entscheidung, nach London zu gehen, hatte sie nach dem plötzlichen Tod ihres Großvaters und der schrecklichen Szene mit ihrem Cousin, die sich im Anschluss an die Beerdigung abgespielt hatte, ganz bewusst gefällt.

Es war eine Weisheit ihres Großvaters, eines ehemaligen Offiziers, dass das beste Versteck vor dem Feind dasjenige war, das er am wenigsten vermutete. Daher hatte Elena ihr Erscheinungsbild verändert und sich einen falschen Namen zugelegt und anschließend eine Stellung in einem Londoner Haushalt angetreten – als Gouvernante von Lord Hawthornes Tochter Amanda. Die meiste Zeit war sie mit dem Kind im Haus, und selbst wenn Neville Matthews, der neue Duke of Sheffield sich tatsächlich in der Stadt aufhielt, würde er jetzt, im Trauerjahr, bestenfalls private Einladungen annehmen.

Sie war sich ziemlich sicher, dass es in Cambridgeshire niemanden gab, der sie kannte, doch sie fühlte sich sicherer in der Anonymität Londons.

„Vielleicht haben Sie … Bekannte in der Stadt, die Sie nicht einfach verlassen wollen“, fuhr Adam unerbittlich fort, als er ihre unsichere Miene gewahrte. „Nicht einmal für eine Woche oder so …?“ Dass die Frau seit fast zwei Jahren Witwe war und immer noch ihre Trauerkleidung trug, bedeutete nicht, dass sie sich keinen Liebhaber genommen haben konnte. Oder auch mehrere.

Tatsächlich hatte er schon verschiedentlich gehört, dass es die körperliche Nähe war, die am meisten vermisst wurde, wenn ein Ehemann oder eine Ehefrau starb. Nicht in seinem Fall natürlich; Fanny und er waren sich aus dem Weg gegangen, nachdem er vier Wochen nach der Hochzeit von ihrer ersten Untreue erfahren hatte.

Aber Elena Leighton war eine junge, schöne Frau, und dass sie noch immer Witwentracht trug, hatte, wie er nun wusste, finanzielle und nicht so sehr emotionale Gründe. Es wäre naiv von ihm anzunehmen, dass es keinen Liebhaber in ihrem Leben gab. Wann genau sie sich mit dem Gentleman traf – vielleicht wenn sie einmal die Woche ihren freien Nachmittag hatte? – wollte er nicht wissen.

„Wir wären nur eine Woche fort?“ Ihre Miene hellte sich merklich auf.

Was Adam über die Maßen verdross, auch wenn es lächerlich war. Dass die Frau sich offenbar freute, nicht lange von ihrem Liebhaber getrennt zu sein, ging ihn absolut nichts an. „In etwa“, schränkte er ein. „Die Dauer des Aufenthalts kann ich zu diesem Zeitpunkt nicht genau bestimmen.“ Hauptsächlich deshalb, weil er selbst wegen der Abreise ein gewisses Unbehagen verspürte.

Es stimmte, dass auf seinem Landsitz Verschiedenes erledigt werden musste, doch ein Brief an seinen Verwalter hätte dafür ausgereicht. Die Entscheidung, nach Cambridgeshire zu reisen, war mehr der gestrigen Unterhaltung mit Royston geschuldet als einer realen Dringlichkeit.

Nicht weil Adam wirklich befürchtete, dass seine Großmutter mit ihrem Versuch, ihn wiederzuverheiraten, Erfolg haben würde – eine neuerliche Ehe, das hatte er sich geschworen, kam für ihn nicht infrage! – sondern weil er, sosehr die alte Dame ihn mitunter ärgerte, eine große Zuneigung für sie hegte und sie nicht verletzen wollte. Genau wie Royston erschien es ihm daher das Beste, Lady Hawthornes Machenschaften erst einmal aus dem Weg zu gehen.

Ein Ereignis, dem er indes nicht aus dem Weg gehen konnte, war das Dinner bei ihr heute Abend. Zweifellos würde sie ihm wieder zahlreiche heiratsfähige junge Damen präsentieren, in der Hoffnung, dass eine von ihnen seine Zustimmung fand, doch auch wenn er dies absolut ausschließen konnte, würde er seine Großmutter wenigstens von seinem bevorstehenden Aufbruch nach Cambridgeshire unterrichten. Dies persönlich tun zu können, war ihm den Aufwand und die Unbequemlichkeit wert.

Er zog die Stirn in Falten, als er die bestürzte Miene der Gouvernante bemerkte. „Ich fragte Sie bereits, ob es irgendeinen Grund gibt, weswegen Sie nicht mit mir und Amanda nach Cambridgeshire reisen können?“

Elena straffte sich. „Nein, natürlich nicht, Mylord. Und um Ihre Frage von vorhin zu beantworten, Amandas und meine Sachen sind in höchstens zwei Stunden gepackt. Dann wären wir aufbruchbereit.“

Adam lächelte angespannt. „Sie müssen sich nicht überschlagen. Ich bin heute Abend zum Dinner verabredet. Wenn wir morgen Vormittag aufbrechen, ist das früh genug. Ich hoffe, die Zeit reicht Ihnen, um … Verwandte und Freunde zu informieren, dass Sie für eine Woche verreisen?“

Einen kurzen Moment wirkte sie verwirrt. „In etwa eine Woche.“

„Genau“, erwiderte er trocken.

Der einzige Angehörige, den sie noch hatte, war Neville, und wenn er wüsste, wo sie sich aufhielt, würde er sie unverzüglich verhaften lassen.

Und ihre Freunde – es gab tatsächlich noch ein paar, die sie für unschuldig hielten –, wollte sie aus ihrer schwierigen Situation heraushalten. Das hatte sie von Anfang an beschlossen. Es war besser für alle Beteiligten.

Nur von Lizzie Carlton, ihrer engsten Freundin, hatte sie eine kleine Summe Geld annehmen müssen, nachdem sie Ende Februar vom Landsitz des Dukes in Yorkshire geflohen war. Lizzie hatte sie auch einen Brief geschrieben und ihr mitgeteilt, dass sie sicher in London angekommen war und eine brauchbare Unterkunft gefunden hatte. Ihre Freundin noch weiter mit hineinzuziehen konnte Elena nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren.

Stattdessen hatte sie beschlossen, die Identität der verwitweten Mrs Elena Leighton anzunehmen, einer gebildeten jungen Dame, die nach dem frühen Tod ihres Mannes harte Zeiten durchlebte. Die auch ihr bevorstanden, wenn sie in der Hauptstadt untertauchen und sich die traurige Tatsache zunutze machen wollte, dass weder der ton noch die restlichen Mitglieder des englischen Adels die Existenz ihrer Dienstboten überhaupt wahrnahmen.

„Es gibt niemanden, den ich zu informieren wünsche, Mylord“, beantwortete sie Hawthornes Frage kühl. „Wenn ich dann ins Schulzimmer zurückkehren dürfte?“

„Selbstverständlich.“

„Danke, Sir.“

Adam sah ihr hinterher, wie sie den Raum verließ, und tippte sich nachdenklich gegen die Wange. Es ärgerte ihn, dass es ihr wieder gelungen war, nicht das Geringste über sich zu enthüllen. Was jedoch ihr gutes Recht war, wie er zugeben musste. Weder ihre familiären Verhältnisse noch ihre romantischen Beziehungen hatten ihn beim Antritt ihrer Stellung interessiert und gingen ihn auch jetzt nichts an.

Was ihn jedoch nicht daran hinderte, sich zu fragen, welcher Gentleman derzeit der glückliche Empfänger all jener Genüsse sein mochte, die sie mit ihren vollen sinnlichen Lippen zu verschaffen in der Lage war.

4. KAPITEL

Ihr war übel, weil sie das Schwanken der Kutsche nicht verträgt.“ Elena sah ihren Dienstherrn entschuldigend an.

Hawthorne, der den ganzen Tag neben der Kutsche hergeritten war, hatte den Schlag geöffnet, und im selben Moment war Amanda vom Sitz hochgeschnellt, hatte sich aus der Tür gebeugt und sich heftig auf seine schwarzen, staubbedeckten Reitstiefel übergeben.

„Komm, Liebes.“ Elena trat vor und half ihrer gequälten kleinen Schutzbefohlenen die Trittleiter herunter auf den kopfsteingepflasterten Hof der Umspannstation, in der sie die Nacht verbringen würden. Sie drückte Amanda beruhigend an sich, als ihr Blick auf die ruinierten Stiefel fiel. „Vielleicht …“

„Vielleicht wäre es gar nicht erst dazu gekommen, wenn Sie mich früher von Amandas Unwohlsein in Kenntnis gesetzt hätten“, fiel Hawthorne ihr scharf ins Wort.

Angesichts des, wie sie fand, völlig ungerechtfertigten Vorwurfs, schnappte Elena ungläubig nach Luft. „Amanda ging es gut bis auf die letzte holprige Etappe. Abgesehen davon, Mylord, hätten Sie uns, da Sie die ganze Zeit vorausgeritten sind, Bescheid sagen können, dass …“

„Ja, ja.“ Adam wedelte ungeduldig mit der Hand. „Nehmen Sie Amanda mit aufs Zimmer. Ich spreche unterdessen mit dem Wirt und sehe zu, dass er Wasser für ihr Bad hinaufbringen lässt.“

Elena strich der leise schluchzenden Kleinen über den Arm. „Und etwas zu essen, Mylord. Trockenes Brot und frisches Wasser, damit ihr Magen zur Ruhe kommt.“

„Selbstverständlich.“ Adam musterte seine weinende Tochter. Amanda war kalkweiß, ihre Augen wirkten unnatürlich groß in dem blassen Gesicht und das blonde Haar hing ihr in feuchten Strähnen auf die Schultern. Auch ihre Kleidung war nicht ungeschoren davongekommen, ihre Strümpfe und Schuhe befanden sich in einem ebenso beklagenswerten Zustand wie seine Stiefel. „Nicht doch, Amanda“, versuchte er sie zu beruhigen. „Davon geht die Welt nicht unter … Achtung, Sie beschmutzen sich Ihr Kleid, Mrs Leighton“, warnte er Elena, als sie in die Hocke ging, ihr spitzengesäumtes Taschentuch aus dem Retikül nahm und dem Mädchen sanft das Gesicht abwischte.

„Mein Kleid ist im Augenblick unwichtig, Sir.“ Sie schoss ihm einen unheilvollen Blick zu, ehe sie sich wieder Amanda zuwandte und sanfte Beruhigungen murmelnd fortfuhr, ihr Gesicht zu säubern.

Adam musste ein Gefühl von Unzulänglichkeit niederkämpfen. „Ich wollte damit nur sagen …“

„Wenn Sie uns dann entschuldigen?“ Starr vor Entrüstung richtete Elena sich auf. „Im Augenblick haben Amandas Bedürfnisse Vorrang vor meinen eigenen.“

Eine lobenswerte Einstellung, wie Adam zugeben musste, als er Mrs Leighton hinterhersah. Kerzengerade, den Arm um Amanda gelegt, verschwand sie im Eingang des Gasthofs.

Außer dass ihre Bemerkung ein Tadel hatte sein sollen – für seinen vermeintlichen Mangel an Mitgefühl mit seiner kleinen Tochter.

An dem es ihm im Grunde nicht fehlte. Seine Schroffheit Amanda gegenüber war nur ein weiteres Beispiel dafür, dass er nicht wusste, wie man mit einem sechsjährigen Mädchen umging, und keineswegs der Mangel an Anteilnahme, den Mrs Leighton ihm unterstellte. Nicht dass seine Unkenntnis eine Entschuldigung gewesen wäre, doch bedauerlicherweise hatte er nicht einmal den Hauch einer Ahnung, wie er es anfangen sollte, die Kluft zu überbrücken, die Amanda und ihn mit jedem Tag mehr zu trennen schien.

Der Zorn der Gouvernante hatte sich nicht im Mindesten gelegt, als sie in den Privatsalon fegte, den Adam für das Dinner gemietet hatte. Ihre Wangen waren gerötet, ihre blaugrünen Augen funkelten angriffslustig, und ihre ganze Haltung strahlte Missbilligung und Kratzbürstigkeit aus – Missbilligung vermutlich wegen Amanda, Kratzbürstigkeit ganz sicher eine Reaktion auf seine Anordnung, ihm beim Abendessen Gesellschaft zu leisten.

„Kann ich Ihnen ein Glas Madeira anbieten, Mrs Leighton?“, versuchte Adam es höflich. Er fühlte sich wieder menschlich, nachdem er gebadet und sich umgezogen hatte, und verdrängte den Gedanken an seinen Kammerdiener Reynolds, der vermutlich immer noch damit beschäftigt war, seine Stiefel zu retten.

„Nein danke.“

„Dann vielleicht einen Sherry oder ein Glas Wein?“

Sie musterte ihn kühl. „Ich mache mir nichts aus hochprozentigen Getränken.“

Adam zog die Stirn in Falten. „Ich glaube nicht, dass eins der Getränke, die ich gerade nannte, als hochprozentig bezeichnet werden kann.“

„Trotzdem …“

„Vielleicht würden Sie es vorziehen, einfach Platz zu nehmen und mit dem Essen zu beginnen?“ Er konnte seinen Unmut über ihre Frostigkeit kaum beherrschen, als er ihr höflich den Stuhl zurechtrückte.

„Ich war darauf eingerichtet, mit Amanda auf dem Zimmer zu essen.“

„Und ich möchte, dass Sie hier mit mir dinieren“, entgegnete er unnachgiebig und blickte betont auf den Stuhl.

Eine steile Falte erschien an ihrer Nasenwurzel. „Danke.“ Sie setzte sich und saß da, als habe sie einen Besenstiel verschluckt. Sie schien fest entschlossen, die Lehne mit dem Rücken nicht zu berühren.

Adam verzog entnervt das Gesicht und nahm seinen Platz ihr gegenüber ein. Kurz darauf trat der Wirt höchstpersönlich in den Raum und servierte ihnen eine Wildpastete und duftendes frisches Brot. Als er gegangen war, nahm Adam das Gespräch wieder auf. „Hatten Sie vor, während des gesamten Dinners wie eine Steinstatue dazusitzen, oder möchten Sie mich sofort abkanzeln, damit wir es hinter uns haben?“ Er hob fragend eine Braue.

„Sie abkanzeln, Mylord?“ Sie hielt den Blick gesenkt, während sie umständlich ihre Serviette auffaltete und auf ihrem Schoß ausbreitete.

Adam seufzte. „Mrs Leighton, ich bin Witwer, Ende zwanzig, und habe keinerlei Erfahrung mit Kindern, ganz zu schweigen sechsjährigen Mädchen. Insofern gebe ich zu, dass ich womöglich sehr ungeschickt bin im Umgang mit den ganz normalen Befindlichkeiten meiner Tochter.“

Langsam hob Elena den Blick. Ohne sich von seinem attraktiven Äußeren betören zu lassen – was nicht einfach war angesichts der Tatsache, dass er in seinem eleganten nachtblauen Gehrock und der silbergrauen Weste umwerfend aussah –, versuchte sie den Mann zu sehen, den er beschrieben hatte. Dass er Witwer und Ende zwanzig war, stand unbestreitbar fest. Darüber hinaus aber galt Lord Hawthorne als ein Mann, dem selbst erfahrene Politiker große Achtung entgegenbrachten; ein Mann, der seine Landgüter und seinen Londoner Besitz wie nebenbei verwaltete. Es war schwer, sich vorzustellen, dass jemand so Souveränes wie er sich außerstande sah, auf die Bedürfnisse eines sechsjährigen Mädchens einzugehen.

Oder doch …?

Dieser Mann mied Gefühle ebenso, wie er die Gesellschaft mied. So gesehen lag es nahe, dass er sich schwertat, eine Beziehung zu seiner Tochter herzustellen.

Elena entspannte sich ein wenig. „Sechsjährige junge Damen wollen genauso geliebt werden wie die älteren, Mylord.“

Er runzelte die Stirn. „Die älteren, Mrs Leighton?“

Sein eisiger Blick brachte sie in Verlegenheit. „Ja, Mylord. Ich glaube, die meisten Frauen wünschen sich das.“

„Aha.“ Die Falten auf seiner Stirn vertieften sich. „Und Sie wollen sagen, dass mir die Fähigkeit, dieses Bedürfnis zu erkennen, abgeht?“

„Natürlich nicht!“ Elena stockte der Atem.

„Dann meinen Sie, dass mir die Zuneigung für meine Tochter abgeht?“

Hitze stieg ihr in die Wangen. „Es ist nur die Art, wie Sie diese Zuneigung zum Ausdruck bringen, die … nun also, die …“

„Die …?“

„Nun, Sie hätten Amanda vorhin in den Arm nehmen können, statt sie zu …“ Sie verstummte unsicher. Wie sollte sie es sagen?

„Statt sie zu …?“, griff er ihre Formulierung auf.

Sie nahm all ihren Mut zusammen und sah ihn fest an. „Amanda war durcheinander und brauchte Trost – am besten eine körperliche Demonstration der Zuneigung von ihrem Vater.“

Ihre schonungslose Offenheit schien ihn zu verstören.

Ob sie sich zu weit vor gewagt hatte? Immerhin ging es sie nichts an, wie Lord Hawthorne sich seiner kleinen Tochter gegenüber verhielt. Aber für einen Moment hatte sie einfach wieder vergessen, dass sie nicht mehr Miss Magdalena Matthews war, die privilegierte, verwöhnte Enkelin eines Dukes, der es zustand, zu sagen, was sie dachte, sondern eine Dienstbotin. Und Dienstboten wiesen ihre Brotherren nicht zurecht!

Elena senkte sittsam den Blick. „Ich bitte um Entschuldigung, Mylord. Meine Bemerkung war unangebracht.“

Nun war es an Adam, sich unbehaglich zu fühlen. Elena Leightons Missbilligung einmal ganz beiseitegelassen, war ihm durchaus bewusst, dass er sich schwertat, seiner Tochter die Zuneigung, die er für sie empfand, zu zeigen. Zum Zeitpunkt des Todes ihrer Mutter war Amanda erst zwei Jahre alt gewesen, und bis vor Kurzem hatte sich das Kindermädchen um sie gekümmert. Seine Schwierigkeiten, Amanda seine Liebe zu zeigen, hingen womöglich mit den Erfahrungen zusammen, die er mit Fanny gemacht hatte, aber letztendlich lagen sie in seiner Reserviertheit in Gefühlsdingen und in seiner mangelnden Erfahrung als Vater begründet.

Er sah Elena fragend an. „Ich dachte, es sei normal für Männer aus meinen Kreisen, dass sie sich höchstens eine Stunde am Tag mit ihrem weiblichen Nachwuchs beschäftigen?“

„Ich halte Sie nicht für jemanden, der sich nach anderen richtet.“

„Eher nicht“, räumte er zögernd ein. „Aber ich weiß oft nicht, wie ich mich als Vater einer sechsjährigen Tochter gegenüber verhalten soll. Vielleicht könnten Sie mich darin anleiten?“

Elena blinzelte. „Mylord …?“

Adam versuchte sich nicht über ihr Erstaunen zu ärgern. „Ich frage, ob Sie in Ihrer Eigenschaft als Amandas Gouvernante mich vielleicht unterweisen könnten, wie ich mehr Anteil am Leben meiner Tochter nehme.“

Ihr Mund wurde schmal und sah ganz und gar nicht mehr üppig und einladend aus. „Machen Sie sich lustig über mich, Mylord?“

Verächtlich verzog er die Lippen. „Wie Sie bestimmt noch herausfinden werden, Mrs Leighton, bin ich ein Mensch, der eher nicht dazu neigt, irgendetwas oder irgendjemanden lustig zu finden, und ich bezweifle, dass ich bei Ihnen eine Ausnahme gemacht habe.“ Er sah sie durchdringend an und war sich plötzlich nicht mehr sicher, ob er noch Appetit auf die Wildpastete hatte.

Als er sich zum Dinner umgezogen hatte, war ihm aufgefallen, dass er sich regelrecht auf den Abend freute. Vielleicht, weil es lange her war, dass er mit einer schönen Frau gespeist hatte – abgesehen von Fanny natürlich. Aber die wenigen Male, die er mit seiner verstorbenen Gattin diniert hatte, waren eine Prüfung in Sachen Duldsamkeit gewesen. Er hatte diese Dinner gründlich gehasst und nicht im Mindesten genossen.

Genau wie das Dinner bei seiner Großmutter am Abend zuvor.

Lady Hawthorne hatte sich selbst übertroffen, indem sie ihm nicht eine oder zwei, sondern gleich vier heiratsfähige junge Damen präsentiert hatte. Alle jung und hübsch, und alle ebenso hohlköpfig wie Fanny!

Adam wusste, dass Elena Leighton anders war – klug, gebildet, geistreich. Er fand es reizvoll, sich mit ihr zu unterhalten. Und er fand sie körperlich reizvoll … Außer wenn sie ihn wegen seiner vermeintlichen Gefühllosigkeit Amanda gegenüber rügte.

„Vielleicht sollten wir nun zu Abend essen, ehe alles kalt wird.“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, wandte er sich seinem Teller zu.

Elena war bewusst, dass sie seinen Unmut erregt hatte. Sie schnitt ein Stück von der Pastete ab und fragte sich, ob er ihr zu Recht grollte. Womöglich schon, wie sie einräumen musste. Ihre Aufgabe war es, sich um seine Tochter zu kümmern, nicht sein Verhalten und seine Einstellungen zu kritisieren.

Seine Anordnung, ihm beim Dinner in diesem Privatsalon Gesellschaft zu leisten, hatte sie verstört. Darüber schien sie völlig vergessen zu haben, sich wie die verwitwete Mrs Elena Leighton zu verhalten, und hatte mit ihm gesprochen wie eine Ebenbürtige. Die sie jedoch nicht mehr war.

Und wenn Lord Hawthorne je herausfand, wer sie in Wirklichkeit war, würde er nicht zögern, sie persönlich der Obrigkeit auszuliefern!

Sie legte die Gabel neben dem Teller ab, ohne ihr Essen angerührt zu haben. „Ich möchte mich entschuldigen. Ich hätte nicht so mit Ihnen reden dürfen, Mylord. Es geziemt sich nicht für mich …“

„Und was wäre es, das sich Ihrer Ansicht nach für Sie geziemt, Mrs Leighton?“, unterbrach er sie ungehalten und musterte sie düster.

Elena biss sich auf die Unterlippe. „Ihnen jedenfalls nicht vorzuschreiben, wie Sie sich Ihrer Tochter gegenüber verhalten sollen.“

„Gleichwohl haben Sie es getan.“

„Auch dafür bitte …“

„Entschuldigen Sie sich nicht schon wieder, Mrs Leighton!“ Geräuschvoll schob Adam seinen Stuhl zurück und stand auf.

Elena sah furchtsam zu ihm hoch. „Ich wollte Sie nicht verärgern …“

„Nein?“ Seine Züge entspannten sich leicht. „Was hatten Sie dann im Sinn, Mrs Leighton?“

Beim heiseren Klang seiner Stimme, der unterschwelligen Sinnlichkeit in seinem Ton, begann ihr Puls zu jagen. Der durchdringende Blick seiner grauen Augen schien plötzlich auf ihren Mund fixiert und rief Empfindungen in ihr hervor, die ihr fremd waren.

Elena befeuchtete sich die trockenen Lippen mit der Zungenspitze. „Nichts anderes, als mich dafür zu entschuldigen, dass ich mich erdreistet habe, über ein Thema zu sprechen, das mich nichts angeht.“

„Wirklich …?“ Er war viel zu groß für den kleinen Raum. Zu erdrückend. Zu intensiv. Zu überwältigend männlich!

Sie schaffte es nicht, ihren Blick von ihm zu lösen. Ihr Herz stolperte und schien einen Schlag auszusetzen, ehe es wie wild zu klopfen begann. Was Lord Hawthorne anscheinend nicht entging, wenn die Art und Weise, wie er die Ader an ihrer Kehle fixierte, ein Hinweis war. Dann glitt sein Blick langsam und unaufhaltsam an ihr hinab und verharrte in Höhe ihrer Brüste.

Elena atmete flach. In ihrem früheren Leben als Miss Magdalena Matthews hatte sie zwar Empfänge, Dinnerpartys und andere gesellschaftliche Zusammenkünfte in Yorkshire besucht, doch leider war vor zwei Jahren ihre Mutter gestorben, kurz vor der Saison, in der sie hätte debütieren sollen. Ihr Großvater hatte sich nicht viel aus der feinen Gesellschaft gemacht. Er war höchstens aus geschäftlichen Gründen oder wegen wichtiger Parlamentssitzungen in die Hauptstadt gereist, sodass sie selbst nach dem Trauerjahr nie Zeit in London verbracht hatte und über keinerlei Erfahrung im Umgang mit der Aufmerksamkeit eines Gentleman verfügte. Und die einzige Erfahrung, die Magdalena mit einem männlichen Mitglied des ton gemacht hatte, war so traumatisch gewesen, dass es ihr seitdem Angst einjagte, wenn sich das Interesse eines Mannes auf sie richtete.

Zu ihrem Erstaunen stellte sich die Angst in Lord Hawthornes Gegenwart nicht ein.

Eher im Gegenteil.

Bei der Begehrlichkeit, die in seinen grauen Augen stand, als er ihr Dekolleté betrachtete, breitete sich eine ungewohnte Hitze in ihr aus. Wieder begann ihr das Herz wild zu flattern, und ihre Brüste schienen unter seinem eindringlichen Blick zu schwellen, während die Spitzen zu prickeln begannen und das Mieder ihres Kleides sich plötzlich viel zu eng anfühlte.

Was für eine gänzlich neue, belebende Empfindung! Elena fühlte sich benommen, als sie seinen Blick, die Lider halb gesenkt, scheu erwiderte.

Abrupt richtete Adam sich auf. Was zum Teufel tat er hier eigentlich?

Dass er sich auf ein paar Stunden in Elena Leightons anregender Gesellschaft gefreut hatte, auf ihre Klugheit und Feinfühligkeit, bedeutete nicht, dass er die Beziehung zu ihr in irgendeiner Weise vertiefen musste. Im Gegenteil, es wäre töricht von ihm, die Möglichkeit auch nur in Erwägung zu ziehen.

Mit der Fürsorge, die sie seiner kleinen Tochter angedeihen ließ, war sie eine wunderbare Bereicherung für seinen Haushalt – aber sie war seine Angestellte. Und auch wenn einige seiner Geschlechtsgenossen im ton wenig Skrupel hatten, ihre Dienstbotinnen ins Bett zu zerren, so sie nur hübsch und jung genug waren, hatte er nie auch nur daran gedacht. Nicht einmal in den schlimmsten Zeiten seiner Ehe mit Fanny war er so tief gesunken, sich Befriedigung bei einer der jungen Frauen zu suchen, die bei ihm in Diensten standen, und er würde jetzt nicht damit anfangen.

Adam trat einen Schritt von Mrs Leighton fort. „Ich schlage vor, wir essen auf und gehen früh zu Bett.“ Als er sah, dass sie feuerrot wurde, zuckte er gequält zusammen. „Damit meinte ich selbstverständlich, dass wir uns jeder in sein eigenes Schlafgemach zurückziehen.“

„Ich habe nicht für einen Augenblick angenommen, dass Sie etwas anderes andeuten wollten, Mylord“, erwiderte sie scharf.

Adam rückte sich seinen Stuhl zurecht und setzte sich. „Dann ist es ja gut“, murmelte er, selbst einigermaßen verunsichert von der Unterhaltung und mehr noch von dem, was nicht gesagt worden war.

Amanda schien sich vollkommen erholt zu haben, als sie am folgenden Morgen aufbrachen. Auf dieser letzten Etappe ihrer Reise war es warm genug, dass Elena die Kutschenfenster öffnen und frische Frühlingsluft hereinlassen konnte. Außerdem erhielt Amanda auf diese Weise Gelegenheit, den Kopf aus dem Fenster zu strecken, wenn es etwas Interessantes zu sehen gab.

Beim gemeinsamen Frühstück im Privatsalon hatte Lord Hawthorne auffällig zerstreut gewirkt, und sobald Elena und Amanda in der Kutsche gesessen hatten, war er wieder vorausgeritten. Anscheinend hatte er es eilig, sein Anwesen zu erreichen und die Angelegenheiten zu erledigen, derentwegen er nach Cambridge reiste.

Elena war in aller Frühe wach geworden, doch im Haus hatte bereits reges Leben geherrscht. Stallknechte, die die Pferde fütterten und sich im Hof unterhielten; Klappern und Scheppern aus der Küche, wo das Frühstück für die Gäste zubereitet wurde.

Ein rascher Blick auf das Nachbarbett hatte Elena gezeigt, dass ihr Schützling noch schlief und sie sich den Luxus gönnen konnte, ein paar Minuten länger liegen zu bleiben und über den gestrigen Abend mit Lord Hawthorne nachzudenken.

Es hatte nur diese paar Minuten gebraucht, um sich selbst davon zu überzeugen, dass sie sich die Bewunderung in seinen Augen und die Eindringlichkeit in seinem Blick lediglich eingebildet hatte. Ihr Dienstherr war dafür bekannt, dass er nicht einmal Interesse an den jungen Damen des ton zeigte, geschweige denn an einer Frau, die er eingestellt hatte, damit sie sich um seine Tochter kümmerte.

„Beabsichtigen Sie, den Rest des Tages und womöglich auch die Nacht in der Kutsche zu verbringen, Mrs Leighton?“

Elena sah auf, als die spöttische Stimme Lord Hawthornes an ihr Ohr drang. Während sie ihren Gedanken nachgehangen hatte, musste die Kutsche auf dem gekiesten Vorplatz von Hawthorne Hall zum Stehen gekommen ...

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