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HISTORICAL SAISON BAND 18

BARBARA MONAJEM

Ein betörend schamloses Frauenzimmer

Ich bin verheiratet? Sir James ist fassungslos. Umso mehr als er seine angebliche Frau trifft: seine Jugendliebe Pompeia. Erst möchte er den Schwindel aufklären, doch als er in ihre wunderschönen Augen blickt, wird er von der Sehnsucht überwältigt …

LYN STONE

Die Lady und der Abenteurer

Lady Miranda will bei der Wahl ihres Gatten nichts dem Zufall überlassen und bittet den attraktiven Neville probehalber in ihr Schlafgemach. Doch auf die sündige Nacht folgt ein böses Erwachen: Neville hat sie belogen!

ANNE ASHLEY

Miss in Maskerade

Viscount Fincham sieht gleich, dass sein zarter neuer Page eine junge Dame ist. Fasziniert von ihrem Mut und ihren veilchenblauen Augen, macht er das Spiel mit. Bis sie eines Herbstmorgens verschwindet ...

LINDA SKYE

Sinnliche Blume von Hongkong

Fast wäre Isabelle als Diebin enttarnt worden. Nur die Geistesgegenwart des betörenden Lord Henry rettet sie. Kann die abenteuerlustige Debütantin auf seine Diskretion bauen? Oder muss sie erst sein Herz stehlen?

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Ein betörend schamloses Frauenzimmer

 

 

 

Sussex 1801

Als Sir James Carling nach einem dreijährigen Aufenthalt in Amerika an einem sonnigen Herbsttag zu Hause eintraf, wurde er mit der haarsträubenden Neuigkeit empfangen, dass er verheiratet sei …

Dankbar, endlich wieder daheim zu sein, zügelte er sein Pferd vor dem Stall von Carling Manor und lächelte breit, als er seinen jüngeren Bruder aus dem hinteren Eingang treten sah. Doch Simon starrte ihn nur verdutzt an, um dann auszurufen: „James, alter Junge! Jetzt stecken wir ganz schön in Schwierigkeiten!“

James schwang sich aus dem Sattel. „Ich freue mich auch, dich zu sehen, Bruderherz. Und nun sag mir, warum wir in Schwierigkeiten stecken.“

„Wenigstens bist du mit der Kutsche nicht beim Vordereingang vorgefahren.“ Simon schien keinen Tag älter geworden zu sein, sein Lächeln war noch genauso spitzbübisch, wie James es in Erinnerung hatte. „Großmutter ist zu Besuch, und sie darf dich nicht zu Gesicht bekommen, ehe du Bescheid weißt.“

James seufzte unhörbar. Bei der Rückkehr in den Schoß der Familie erwartete ihn jedes Mal eine unerfreuliche Geschichte. „Was für Schwierigkeiten gibt es diesmal?“, fragte er und begrüßte seinen Stallmeister, der herbeigeeilt war, um ihm das Pferd abzunehmen.

„Wo ist dein Gepäck?“ Simon runzelte die Stirn.

„Ich lasse es per Fuhrwerk nachbringen. In Amerika habe ich mir angewöhnt, mit leichtem Gepäck zu reisen.“ James musterte Simons elegante Weste, die eng anliegenden Pantalons und die sorgfältig in Unordnung gebrachten Locken, bevor er sein Gewehr und die beiden Pistolen aus den Halftern nahm und sich die Satteltaschen über die Schulter warf. „In der Wildnis hat man andere Sorgen, als sich wie ein eitler Geck aufzuputzen“, setzte er trocken hinzu.

Simon schnalzte ein paarmal leise mit der Zunge. „Das ist gar nichts im Vergleich zu der Garderobe, die man derzeit in London trägt.“ Er warf einen verstohlenen Blick in Richtung Haus. „Lass uns durch den Wohnturm gehen. Ich gebe dir ein paar Kleidungsstücke zum Wechseln, denn so kannst du dem alten Mädchen unmöglich unter die Augen treten.“

Der wuchtige steinerne Donjon war vor vielen Jahrhunderten von den Normannen erbaut worden und schon lange nicht mehr bewohnt. Er hatte sich bei James’ und Simons jugendlichen Eskapaden als zweckdienlicher Fluchtweg erwiesen. Doch da ihr Vater nicht mehr lebte und James der Hausherr war, wirkte es ein wenig sonderbar, als sich die beiden Brüder wie Schuljungen durch die schwere Eichentür in den Turm stahlen und die ausgetretenen Steinstufen hinaufschlichen.

„Großmutter weiß, dass mir Mode egal ist“, sagte James mit gesenkter Stimme. „Was will sie überhaupt hier?“

„Sally begutachten.“ Simon schnitt eine Grimasse. „Das Trauerjahr für Vater ist fast vorüber, und sie will nächstes Frühjahr debütieren.“

Liebe Güte, seine kleine Schwester wurde tatsächlich erwachsen? Als James sie das letzte Mal gesehen hatte, war sie noch ein unverbesserlicher Wildfang gewesen.

„Der alte Drachen weigert sich, seine einflussreichen Busenfreundinnen um Eintrittskarten für Almack’s zu bitten, ohne Sally persönlich in Augenschein genommen zu haben“, fuhr Simon fort. „Weil das Mädchen eine Zierde für die Familie sein müsse und haufenweise mehr von diesem Unsinn.“ Mit dem Handrücken wischte Simon sich imaginären Schweiß von der Stirn. „Werde sie los, James, bitte! Ich überlebe es nicht, wenn ich noch länger den braven Jungen spielen muss.“

Sie hatten das obere Treppenpodest erreicht und traten durch eine weitere schwere Eichentür in den Waffensaal. „Gott sei Dank hält sie dich für einen Ausbund an Tugend, sonst hätte sie uns die Geschichte nicht abgenommen.“

„Ach ja, die unvermeidliche Geschichte.“ James verdrehte die Augen. „Um welches Ränkespiel handelt es sich diesmal?“

„James!“ Im Stockwerk über ihnen fiel eine Tür ins Schloss, dann waren Schritte auf der Hintertreppe zu hören, und einen Moment später schoss Sally in den Raum. „Du bist wieder daheim!“ Sie schlang ihre Arme um ihren Bruder und drückte ihn fest an sich, ehe sie zurücktrat und ihn prüfend musterte. „Du siehst älter aus – auf eine gute Art älter. Und wie findest du mich?“

„Du bist erwachsener, weiblicher und hübscher – aber so unordentlich wie immer.“ James grinste und trug das Seine zu ihrem wenig damenhaften Erscheinungsbild bei, indem er ihr das rote Haar zerzauste. „Du Wildfang!“

„Ich weiß, ich bin unmöglich, und daran wird sich auch nie etwas ändern. Deshalb musst du mir bei dieser Geschichte unbedingt Rückendeckung geben. Unbedingt, hörst du?“ Sie nahm ihn bei der Hand und zog ihn mit sich. „Mir blieb nichts anderes übrig, ehrlich. Sie ist kaum zwei Tage hier und mustert mich jedes Mal, wenn sie mich sieht, von oben bis unten, als wäre ich eine Art Wechselbalg. Und natürlich weiß ich genau, dass sie nicht mit mir einverstanden ist, aber was soll ich in London, wenn ich keine Eintrittskarten für Almack’s habe? Und dann dieses ständige Gefasel, wie zuverlässig du bist und …“

„Ihr scheint völlig entfallen zu sein, was für ein aufbrausendes Temperament du hast“, warf Simon ein.

„… der Einzige in der Familie, der vernünftig und verantwortungsvoll ist und …“

„Was ich verflixt ungerecht finde, weil du deine Charakterschwächen nur besser verbergen kannst“, fuhr Simon lauter fort. „Zumal ich schon seit zwei Nächten den Moralapostel spiele und fest entschlossen bin, damit weiterzumachen, bis sie fort ist … selbst wenn es mich umbringt! Die letzten beiden Tage waren verteufelt anstrengend“, setzte er finster hinzu. „Das kann ich dir versichern.“

„… welche Enttäuschung wir für sie sind, weil wir Mama so ähneln und nur du auf Vater herauskommst, den sie unaufhörlich als ein Muster an Vollkommenheit ins Feld führt. Und wie glücklich es sie machen würde, wenn du dich entschließen könntest, dafür zu sorgen, dass der Name Carling nicht ausstirbt …“

„Indem du ein Rudel braver Kinder zeugst, die keine roten Haare haben und keinen widerspenstigen Charakter“, ergänzte Simon bereitwillig. „Glücklicherweise ist eine Schulfreundin von Sally zu Besuch gekommen.“

„Ich kenne sie aus dem Internat in Bath, und wir verstanden uns immer gut. Sie war eines der älteren Mädchen und hat mir mehr als einmal Strafen erspart.“ Sally unterbrach sich, um Luft zu holen. „Jedenfalls haben wir uns eine fabelhafte Geschichte für Großmama ausgedacht.“

„Und was für eine Geschichte, wenn ich fragen darf?“ James biss die Zähne zusammen. Er war keine fünf Minuten daheim und schon kurz davor, die Geduld zu verlieren.

„Dass du in Amerika eine hinreißende junge Dame aus England kennengelernt, dich in sie verliebt und sie geheiratet hast!“

Wie bitte? James starrte seine Schwester an. „Sag, dass das nicht wahr ist. Sag, dass ihr euch einen Scherz mit mir erlaubt.“

Pech gehabt. „Das alte Mädchen war regelrecht begeistert“, fügte Simon zufrieden hinzu. „Besser hätten wir es nicht machen können.“

„Nicht einmal du selbst, James.“ Sally nickte bekräftigend. „Ich habe deine Gattin zu einem Vorbild an Schicklichkeit, Pflichtbewusstsein und gesundem Menschenverstand gemacht. Sie ist genau die Art Frau, die zu dir passen würde. Großmutter befindet sich in dem Glauben, deine junge Gattin sei dir vorausgereist, um deine Ankunft hier zu erwarten … Allerdings hatten wir mit deinem Eintreffen nicht so bald gerechnet.“

Die Frau hörte sich nach einer unerträglichen Langweilerin an, doch das war sein geringstes Problem. James versuchte den wachsenden Ärger zu beherrschen. „Aber sie existiert nicht.“

Die Frau, die er heiraten würde, gab es nicht einmal im wirklichen Leben, geschweige denn in Sallys Einbildungskraft. Die jungen Damen von heute waren ihm zu schwierig. Entweder zählten für sie nur Anstand und Schicklichkeit und sie beurteilten jedermann nach ihren Maßstäben, so wie seine Großmutter es tat. Oder sie waren unberechenbar und durchtrieben wie seine Mutter und seine Schwester und ständig in irgendwelche Ränkespiele und Täuschungsmanöver verwickelt.

Alles, was er wollte, war ein einfaches Leben. Er hatte sich die Hörner abgestoßen und die romantischen Hirngespinste seiner Jugend hinter sich gelassen. Heutzutage gab es keine Jungfern mehr, derentwegen man Drachen tötete – nicht im langweiligen alten England. Und selbst in Amerika war das einzige Untier, das er hatte erlegen müssen, ein Braunbär gewesen. Glücklich bis ans selige Ende lebte man hier wie dort nicht. Man hielt sich an Regeln, arrangierte eine passende Verbindung und fand sich für den Rest seiner Tage damit ab.

„Ich habe nicht vor zu heiraten“, erklärte er mühsam beherrscht. „Und ich möchte nicht, dass Großmama glaubt, ich trüge mich mit entsprechenden Absichten.“

„Unsinn!“, rief Sally aus. „Eines Tages begegnest du der Frau deines Lebens und verliebst dich unsterblich in sie, aber im Augenblick reicht es, wenn du so tust, als hättest du eine Ehefrau. Großmutter wird keinen Unterschied merken, und alles läuft wie am Schnürchen.“

„Bis sie die Wahrheit herausfindet“, entgegnete James aufgebracht. „Hast du diese Möglichkeit bedacht?“

„Du bist noch genauso reizbar wie vor drei Jahren“, stellte Simon fest. „Dass man dich nach Amerika verschifft hat, scheint daran nichts geändert zu haben.“ Er grinste. „Hältst du bereits Ausschau nach einem Tümpel, in den du mich schubsen kannst?“

„Darum kümmere ich mich später.“ James richtete den Blick auf seine Schwester. „Außerdem will ich Großmutter nicht belügen.“

„Es war nicht vorgesehen, dass du es tun musst“, rechtfertigte sich Sally. „Wir dachten, dass du erst in ein paar Monaten zurückkehrst. Bis dahin hätte ich die Eintrittskarten längst gehabt und Großmama erzählt, dass deine Frau bei einem Kutschunfall zu Tode kam oder vom Fieber dahingerafft wurde.“

„Tragisches Ende, kurzer Prozess, Problem gelöst“, fühlte Simon sich bemüßigt zu erläutern.

James atmete tief durch und zählte bis zehn. Dann bis zwanzig. „Das interessiert mich alles nicht. Ich werde Großmutter nicht belügen.“

„Aber du musst! Unbedingt“, bettelte Sally. „Sie war so angetan von der Vorstellung von Urenkeln, die die Abstammungslinie weiterführen! Sie ist viel umgänglicher, seit wir deine Gattin erfunden haben. Wenn sie erfährt, dass alles eine Lüge war, wird sie mir niemals helfen … und dann werde ich nie zu Almack’s kommen und dem Mann meines Lebens begegnen!“

Das Mädchen hatte den Kopf voller Flausen. „Kein Mann, dessen schweres Schicksal es wäre, dich zu bändigen, würde je diesen tödlich langweiligen Ort aufsuchen“, erklärte James müde und hob die Hand, um ihrem Protest Einhalt zu gebieten. „Ja, ich weiß. Du musst trotzdem hingehen, unbedingt.“

„Es könnte Großmama umbringen, wenn du ihr jetzt die Wahrheit sagst“, gab Simon zu bedenken.

Sally faltete die Hände wie zum Gebet. „Lieber James, bitte sag, dass du mitspielst. Nicht bloß meinetwegen. Stell dir vor, wie peinlich es für meine arme Freundin würde! Sie zeigt sich unglaublich hilfsbereit, und das, nachdem sie anfangs gar nicht wollte.“

James kannte das Gefühl, das Besitz von ihm ergriff, nur allzu gut. Es war, als würde er in einem Sumpf versinken, aus dem es kein Entrinnen gab. „Was nicht wollte?“, erkundigte er sich matt.

Sally zuckte mit den Schultern. „Nun, deine Frau spielen natürlich.“

Wäre sie doch nur bei der Hecke geblieben …

Verzweifelt stach Pompeia Grant die Nadel in ihre Strickarbeit. Sally war nach oben gegangen, um neues Garn für ihre Großmutter zu holen, die in den zwei Tagen, die sie hier weilte, bereits fünf Paar Strümpfe für die Armen fertiggestellt hatte. Aber während die alte Lady Carling strickte, was die Nadeln hergaben, stellte ihre unglückselige Schwiegertochter sich selten geschickt an, um es milde auszudrücken. Nicht dass Pompeia etwas dagegen hatte, zwischen den beiden zu vermitteln, doch es wäre ihr lieber, wenn die herrschsüchtige alte Dame sie nicht ständig als leuchtendes Beispiel für all das hinstellen würde, was die Gattin eines Carling auszeichnen sollte. Es mochte sein, dass sie beim Stricken von Strümpfen mit den Besten mithalten konnte, aber als Ehefrau war sie völlig ungeeignet. Das bewies nicht zuletzt der Betrug, an dem sie gerade mitwirkte.

„Mary, meine Liebe“, sprach die jüngere Lady Carling sie an und seufzte bedrückt. „Ich fürchte, ich habe die Ferse schon wieder ruiniert.“ Für das Täuschungsmanöver war es ihnen zweckmäßiger erschienen, ihren Gouvernantennamen zu benutzen, da Pompeia zu sehr auffiel und einen eindeutig unanständigen Klang besaß. Jedenfalls Simon zufolge, der ihre leidenschaftliche Ader vom ersten Moment an gewittert hatte – genauso wie die Söhne, Freunde und Nachbarn ihrer vormaligen Arbeitgeber. So ging es allen Männern, egal wie sehr sie versuchte, den Teil von sich zu unterdrücken, den sie insgeheim das „Schamlose Frauenzimmer“ nannte.

Als sie vor zwei Tagen die Zufahrt nach Carling Manor hinaufmarschiert war, müde und mit wund gelaufenen Füßen, hatte sie lediglich vorgehabt, um eine Übernachtung und eine Mitfahrgelegenheit zur Postkutschenstation am nächsten Tag zu bitten. Angesichts der niederschmetternden Aussicht, sich ansonsten unter der nächsten Hecke zusammenrollen zu müssen, war es ihr leichter erschienen, vom Regen durchweicht und mit einem zerbeulten Koffer sowie einer haarsträubenden Lüge auf den Lippen auf der Schwelle des Herrenhauses aufzutauchen.

Zunächst jedoch hatte sie sich unter den Dachvorsprung des Stallgebäudes geflüchtet, ihr tropfnasses Haar geordnet und all ihren Mut zusammengenommen. Da war plötzlich Sally aus dem Haus gestürmt, um den von einem Ausritt zurückkehrenden Simon abzufangen, und hatte bei dieser Gelegenheit die unverhoffte Besucherin entdeckt.

Wäre Pompeia zu dem Zeitpunkt bewusst gewesen, dass sie Sallys Bruder James kannte, hätte sie sich gewiss nicht hergewagt. Doch leider war es ihr zu spät eingefallen, und sie wusste auch, weshalb: Sie hatte die Begegnung vergessen wollen. Die Vergangenheit war Vergangenheit, und James Carling – inzwischen Sir James Carling – hatte ohnehin nur eine kleine Rolle darin gespielt. Zweifellos war ihm ihre Schande zu Ohren gekommen, und sie legte keinen Wert darauf, dass man ihr abermals die Tür vor der Nase zumachte. Eine solche Demütigung am Tag reichte ihr.

Doch Sir James war nicht da, und sie selbst schien tatsächlich so weit gesunken zu sein, dass sie für ein warmes Schlafgemach, ein üppiges Essen und eine kurze Zeitspanne ohne Schelte und Vorwürfe praktisch alles zu tun bereit war. Sie würde sich bald genug wieder auf Anzeigen bewerben und als Gouvernante verdingen müssen … nur um erneut fristlos entlassen zu werden. Warum also sollte sie ein paar Tage Komfort und Sorglosigkeit nicht genießen?

Die alte Lady Carling gab ein wütendes Schnauben von sich. „Was sich mein armer Junge – Gott hab ihn selig – dabei gedacht hat, als er dich zur Frau nahm, Clarabelle, ist und bleibt mir ein Rätsel. Gib mal her, dann …“

Das war ihr Einsatz. „Bitte, Madam“, unterbrach Pompeia sie munter und legte ihr Strickzeug zur Seite, „machen Sie sich keine Umstände.“ Sie stand auf und nahm, neben Sallys Mutter auf dem Kanapee Platz, nachdem sie ihr kurz verschwörerisch zugezwinkert hatte. „Ich kann es Ihrer Ladyschaft gerne noch einmal zeigen. Schließlich war ich Gouvernante.“

„Ständig muss man ihr alles zeigen“, murmelte die alte Lady Carling grantig. „Ich bewundere deine Geduld, Mary.“

Pompeia nahm den misshandelten Strumpf, sammelte mehrere Reihen Maschen auf und holte sie zurück auf die Nadel. Dann brachte sie die Nadelspitzen in Position. „Hier, versuchen wir es noch ein…“

„Was zum Teufel hast du dir dabei gedacht?“

Die drei Frauen erstarrten und lauschten erschrocken dem wütenden Gebrüll. „Was in aller Welt ist denn da los?“ Clarabelle sah aus, als würde sie gleich ohnmächtig.

Die alte Lady Carling runzelte die Stirn. „Eine solch ungehörige Ausdrucksweise dulde ich nicht. Dafür werde ich Simon gehörig den Kopf waschen.“

„Es klang nicht wie Simon.“ Seine Mutter schüttelte zweifelnd den Kopf.

Pompeia erhob sich wie in Trance. „Er war es auch nicht“, flüsterte sie schockiert. Diese wutentbrannte Stimme hätte sie überall erkannt. Sie würde sie in ihrem ganzen Leben nicht mehr vergessen, obwohl sie sie nur einmal vernommen hatte.

Doch diesmal galt das Brüllen sicher ihr.

Auf der Treppe waren polternde Schritte zu hören, und Pompeia drohte das Herz auszusetzen. Sie musste fort von hier. Fliehen. Schnell.

Nein! Sie musste etwas tun.

„James! Warte!“ Das war Sally. „Bitte, lass mich doch …“

„Zu spät“, ließ sich Simon vernehmen. Inzwischen hallten die Schritte auf dem Marmorfußboden des Korridors wider.

„Aber James sollte noch gar nicht zurück sein“, stöhnte Clarabelle.

Denk nach! Los! Es musste doch eine Möglichkeit geben, die Katastrophe abzuwenden. Nicht für sie selbst, das war unmöglich, aber wenigstens für Sally, die so sehr auf die Eintrittskarten für Almack’s hoffte. Leider reichte die Zeit nicht. Sie hätte James unter vier Augen sprechen müssen, damit er die Täuschung nicht enthüllte. Sie hätte ihn überzeugen, ihn überreden müssen. Unaufhaltsam näherten sich die Schritte dem Salon.

Ich weiß, wie man einen Mann überredet, flüsterte das „Schamlose Frauenzimmer“ in ihr.

Nicht du! Nicht jetzt! Im ersten Moment hätte Pompeia schreien mögen, aber dann erkannte sie, dass ihre innere Stimme diesmal vielleicht recht hatte. Sie setzte sich in Bewegung und ging zur Tür.

Zu spät.

Er stürmte in den Raum wie eine Naturgewalt. Es war tatsächlich James, nur älter, breitschultriger und noch attraktiver als vor vier Jahren – angefangen bei dem welligen dunklen Haar und den grauen Augen bis zu den abgetragenen Lederbreeches. Das Schamlose Frauenzimmer in ihr applaudierte, während der Rest von Pompeia zusammenzuckte und in einem verzweifelten Versuch, sich zu fassen, die Augen schloss. Um sie herum setzte ein Gewirr von Stimmen ein, doch sie achtete ausschließlich auf seine und wappnete sich für die verhängnisvollen Worte, mit denen er sie als Betrügerin entlarven und zum Gehen auffordern würde.

Mach die Augen auf, verlangte das Schamlose Frauenzimmer in ihr. Sieh ihn an!

Pompeia tat es. Der Ärger wich aus seinen Zügen und machte einem Ausdruck von Verblüffung Platz.

Für den Anfang ganz gut, befand das Schamlose Frauenzimmer. Und nun lass deine Augen sprechen. Aber das hatte Pompeia schon einmal getan – begleitet von Worten, die keinerlei Missverständnis zuließen. Damals hatte sie sich eine verletzende Abfuhr von ihm eingehandelt.

Das war früher, beharrte das Schamlose Frauenzimmer. Heute ist heute. Lächle gefälligst, um Gottes willen!

Pompeia spürte, wie sich ihre bebenden Lippen zu einem Lächeln verzogen.

Sir James hob seine Mundwinkel kaum wahrnehmbar nach oben. „Pompeia“, sagte er nur.

Sie zwang sich zu reagieren. „J…James.“

„Ich kann es kaum glauben.“ Er schüttelte langsam den Kopf. „Oh, Pompeia.“

„Pompeia? Wer ist das?“ Misstrauisch ließ die alte Lady Carling den Blick von einem der wie erstarrt dastehenden Verschwörer zum nächsten wandern, ehe sie ihren Enkel James fixierte. „Wieso starrst du Mary so an? Was geht hier vor?“

Die Stirn runzelnd, wandte James sich an seine Großmutter. „Ihr Name ist Pompeia.“ Dann ruhte sein Blick wieder auf ihr, ausgesprochen gefällig. Nein, korrigierte sie sich. Ausgesprochen sündig.

Es war völlig anders als bei ihrer ersten Begegnung. Damals hatte die Kälte in seinem Blick sie frösteln lassen. Vor allem das Schamlose Frauenzimmer in ihr, das daraufhin eine ganze Weile verstummt war.

Was hatte diesen Wandel bei ihm bewirkt?

Natürlich. Er wusste von ihrer Schande, das musste es sein. Und genau wie alle anderen Männer machte er sich Hoffnungen, dass sie sich bei ihm ebenso skandalös verhalten würde.

Ja, bitte! Tu es doch, bettelte das Schamlose Frauenzimmer. Nur dieses eine Mal!

„Mary?“ Die Stimme der alten Lady Carling riss sie aus ihren sich überschlagenden Gedanken. „Stimmt das?“

„Mary ist mein zweiter Name“, stieß sie hervor. „Für eine Gouvernante finde ich ihn passender als Pompeia. Der Name klingt so …“

„Dekadent“, vervollständigte Simon den Satz.

James warf einen finsteren Blick in seine Richtung, dann wandte er sich Pompeia zu. Ein Grinsen zuckte um seine Mundwinkel. „Es ist ein entzückender Name, und er passt perfekt zu dir. Aber wenn du noch länger mit dieser Stricknadel herumfuchtelst, meine Liebe, wage ich nicht, mich dir zu nähern.“

Doch genau das tat er und nahm ihr die Nadel aus der krampfhaft geschlossenen Faust. Sie hatte nicht einmal gemerkt, dass sie sie noch hielt. Er drückte ihr die Hand. Als er die Stricknadel seiner Mutter übergab, stellte Pompeia bestürzt fest, dass der halb fertige Strumpf auf dem Teppich lag und eine ganze Maschenreihe von der Nadel geglitten war. Anscheinend hatte sie ihn fallen gelassen, „Oje“, sagte sie kleinlaut. „Hoffentlich lässt sich der Schaden wieder beheben.“

Sally kicherte im Hintergrund.

„Am besten wirfst du dieses erbärmliche Exemplar von einem Strumpf ins Feuer“, bemerkte die alte Lady Carling bissig, ohne James aus den Augen zu lassen. „Es ist eine wunderbare Überraschung, dich so bald wiederzusehen, mein Junge. Mary oder Pompeia oder wie auch immer du sie zu nennen wünschst, hat uns schon viel über eure stürmische Romanze erzählt, aber jetzt würden wir die Geschichte gern aus dem Mund des fahrenden Ritters hören.“

Unglaublich – das war das Einzige, was ihm dazu einfiel. Normalerweise pflegten Märchen nicht wahr zu werden.

James nahm sich zusammen. Die Spannung im Raum und die Verzweiflung in Pompeias schönen Zügen brachten ihm zu Bewusstsein, dass er sich nicht in einem Märchen befand. Was war mit dem erfrischend natürlichen, sinnlichen Mädchen passiert, seit er es das letzte Mal gesehen hatte?

Er hatte sich ganz gewiss nicht verändert. Ein Blick, und ihn befiel das gleiche unbezähmbare Verlangen, das ihn damals ergriffen hatte. Für diese Frau würde er alles tun.

Hätte ich alles getan, berichtigte er sich. Aber damals war er jung, naiv und heldenmütig gewesen. Die Verführung eines unberührten Mädchens hatten seine Vorstellungen von Anstand – zumindest unter normalen Umständen – nicht gestattet. In Pompeias Fall hatte sich das als Fehler erwiesen.

Er begehrte sie noch genauso wie bei ihrer ersten Begegnung. Heute war er jedoch älter – zu alt, um etwas Unüberlegtes zu tun. Er musste herausfinden, was in der Zwischenzeit geschehen war und was sie nach Carling Manor geführt hatte. Aber noch während er sich zur Zurückhaltung mahnte, wusste er eines mit Sicherheit: Wenn das Schicksal ihm eine zweite Chance mit Pompeia Grant bieten sollte, würde ihn nichts davon zurückhalten können, sie zu ergreifen.

„Sobald ich gebadet und mich umgezogen habe, werde ich sie dir in allen Einzelheiten erzählen“, versprach er seiner Großmutter. „Aber jetzt entschuldige uns bitte. Pompeia und ich brauchen ein bisschen Zeit für uns.“

Im Korridor versuchte Pompeia, Sir James die Hand zu entziehen. „Es tut mir so leid“, flüsterte sie schuldbewusst.

„Nicht hier.“ Er dirigierte sie zur Treppe, bevor er fortfuhr: „Wir müssen miteinander reden – unter vier Augen. Leider hält sich der Kammerdiener meines Bruders noch in meinem Schlafgemach auf. Wo hat man Sie untergebracht?“

„In dem blauen Gästezimmer, gleich neben dem Ihrer Großmutter.“ Als er sie losließ, raffte sie die Röcke, erleichtert und beschämt zugleich, und eilte ihm voraus die Stufen hinauf.

Er betrachtet dein Hinterteil.

In Gedanken erteilte Pompeia dem Schamlosen Frauenzimmer eine Ohrfeige. Zugleich verscheuchte sie die Anwandlung von Dankbarkeit für seine vorherige Unterstützung. Sir James wirkte überhaupt nicht hingerissen. Dass er ihr Täuschungsmanöver vertraulich behandeln wollte, war typisch für ihn, auch wenn sie diese Seite seines Wesens nach der kränkenden Zurückweisung, die ihr von ihm widerfahren war, vergessen hatte.

Wie konnte ich mich nur jemals darauf einlassen, seine Ehefrau zu spielen?

Er führte sie in das blaue Zimmer und schloss die Tür hinter ihnen. Mitten im Raum blieb Pompeia verunsichert stehen. Die Hände fest vor der Brust gefaltet, sagte sie sich, dass er sich nicht von einem erzürnten Dienstherrn unterschied. Sie hatte die Vorwürfe und Kündigungen stets erhobenen Hauptes durchgestanden, und sie würde es auch jetzt tun.

Nein, das würde sie nicht. Denn dieses Mal war sie absolut im Unrecht. Schlimmer noch, es ließ sie nicht kalt, was Sir James von ihr hielt. Doch um seine Meinung über sie zu ändern, war es zu spät. Das Einzige, was sie noch retten konnte, waren die Eintrittskarten für Sally.

„Miss Grant, Sie brauchen keine Angst zu haben. Ich will Ihnen nichts tun.“

Das mochte stimmen, aber seine Stimme klang entschieden ungeduldig. Zu Recht.

Sie trat an den Kleiderschrank und öffnete die Tür. „Ich habe keine Angst, Sir James. Ich schäme mich.“ Vielleicht würde es erträglicher, wenn sie sich beschäftigt hielt. „Es war nicht meine Absicht, aber ich habe Ihnen übel mitgespielt.“

Sie nahm ihr jämmerliches Häufchen Garderobe aus dem Schrank, legte es auf dem Bett ab und bückte sich, um ihren Koffer darunter hervorzuziehen. „Wenigstens können Sie alles mir anlasten. Sie brauchen nur zu behaupten, ich sei eine dreiste Abenteurerin, die die Großzügigkeit Ihrer Familie ausgenutzt hat.“ Rasch verstaute sie geflickte Nachthemden und Strümpfe im Koffer. „Dann wird Sally keine Schuld treffen, und sie bekommt ihre Eintrittskarten für Almack’s.“

„Sally kann von mir aus zur Hölle fahren“, sagte er finster. „Was machen Sie da?“

„Packen, was sonst.“ Ihr war es peinlich, ihre Unterkleider vor ihm zu falten, doch das Schamlose Frauenzimmer bemerkte sofort das Aufflackern von Begehren in seinen Augen. „Ich muss mich beeilen. Es ist ein weiter Weg bis zum King’s Arms.“

Für einen Moment war es still. „Sie können die neun oder zehn Meilen zum Gasthof nicht zu Fuß gehen.“

„Doch. Ich bin zu Fuß hergekommen, ich kann auch zurücklaufen.“ Sie holte die beiden hässlichen braunen Gouvernantenkleider aus der hintersten Ecke des Schranks hervor.

„Sie sind zu Fuß gekommen?“ Er machte keinerlei Hehl aus seiner Verärgerung. „Miss Grant, ich weiß nicht, was Sie hergeführt hat, aber ich werde Sie nicht einfach gehen lassen. Sie könnten in wer weiß was für Gefahren geraten. Und selbst wenn Sie heil ankommen, ist noch lange nicht sicher, ob man einer alleinreisenden Frau ein Zimmer vermietet.“

Pompeia presste die Kleider an ihre Brust. „Ich werde gar nicht erst danach fragen, weil ich mir kein Zimmer leisten kann. Mein Geld reicht gerade für die Fahrt mit der Postkutsche.“

„Eine Fahrt wohin?“

„Nach Berkshire, zu meiner Tante“, antwortete sie müde, legte die Kleider aufs Bett und begann, das oberste zu falten.

„Sie leben dort?“ In dem Fall, so ließ es sein Ton erkennen, fragte er sich, warum sie hier war und vorgab, seine Gattin zu sein.

„Zwischen meinen Anstellungen als Gouvernante.“ Warum musste er so viele Fragen stellen? Er brauchte nicht alle elenden Einzelheiten ihres armseligen Lebens zu kennen. Warum ließ er sie nicht einfach gehen? „Mir wird schon nichts passieren, wenn ich mich unauffällig verhalte.“ Es hörte sich lächerlich an, sogar in ihren eigenen Ohren.

„Unsinn.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich kann Sie unmöglich gehen lassen. Sie sind Gast in meinem Haus, und ich trage die Verantwortung für Sie.“

„Ich bin eine Schwindlerin!“, hielt sie ihm vor Augen. „Ich habe vorgegeben, mit Ihnen verheiratet zu sein. Sie sind mir gegenüber in keiner Weise verpflichtet, Sir James. Bitte, lassen Sie mich einfach gehen.“

„Begreifen Sie nicht, dass ich Sie beschützen möchte?“, fragte er ruhig.

Nein, das konnte sie nicht glauben. Bittere Erfahrung hatte sie gelehrt, welcher Art der Schutz war, den Männer ihr für gewöhnlich anboten. Aber vielleicht gehörte er tatsächlich zu jener seltenen Gattung echter Gentlemen? Als sie sich damals während einer Hausparty bei gemeinsamen Freunden zum ersten Mal begegnet waren, hatte er jedenfalls bewiesen, dass er einer war. Er hatte genauso zu ihren Bewunderern gehört wie die anderen Männer, mit ihr geflirtet und um sie geworben, oft mit diesem köstlich sündigen Blick, der ihm eigen war. Damals hatte sie auch das Schamlose Frauenzimmer in ihrem Innern entdeckt, das jedes Mal, wenn er in der Nähe war, wie von Sinnen geflüstert hatte: Ich will ihn, will ihn, will ihn!

Doch als Pompeia in den Ställen gegen ihn gestolpert war, hatte er die Situation nicht ausgenutzt. Dem Freund ihres Bruders, den er dabei erwischte, wie er sie im dämmrigen Korridor zu betatschen versuchte, hatte er in einem Wutanfall die Nase gebrochen und sie anschließend sicher zu ihrem Zimmer eskortiert.

Aber als sie ihm am nächsten Tag einen Kuss zur Belohnung angeboten hatte, war er weiß wie die Wand geworden und hatte abgelehnt mit den Worten: „Das ist sehr nett von Ihnen, aber Sie sind nicht für mich bestimmt.“ Um ihre Kränkung zu überspielen, hatte sie den Kopf hochmütig in den Nacken geworfen und ihn stehen lassen. Dann war er nach London abgereist, und sie hatte ihn nie wiedergesehen.

Im Gegensatz zu seinem Freund Belfort, der ein paar Monate später noch einmal zu Besuch gekommen war. Mr Belfort hatte nicht nur um ihre geheimen Sehnsüchte gewusst, er hatte ihr auch klargemacht, wie sie sie stillen konnte: mit ihm natürlich. Er war ein attraktiver sinnlicher Mann, James’ Bruder Simon nicht unähnlich, wenn auch eher blond als rothaarig. Ihre Eltern wollten sie mit einem langweiligen Baron verheiraten, doch ihr Verlangen war erwacht, und so hatte sie nachgegeben. An Mr Belforts erotischer Erfahrung war nichts auszusetzen gewesen, er hatte sein Versprechen, sie in die Freuden der Liebe einzuführen, gehalten. Danach war jedoch die Hölle losgebrochen. Belfort hatte mit seiner Eroberung angegeben, und seine Prahlerei war ihrem Bruder und schließlich ihren Eltern zu Ohren gekommen.

Und als sei das alles nicht schon schlimm genug gewesen, hatte sie mit ihrem unbekümmerten Eingeständnis, dass es ihr gefallen hatte, die schlimmste aller denkbaren Sünden auf sich geladen.

Mit diesem hier würde es dir noch besser gefallen. Unverhohlen bewundernd musterte das Schamlose Frauenzimmer Sir James’ breite Schultern sowie seine schmalen Hüften und sann genießerisch über seine männliche Ausstattung in den staubbedeckten ledernen Hosen nach, bis es Pompeia endlich gelang, ihren Blick von den eng anliegenden Beinkleidern loszureißen. Hastig fuhr sie fort, das Kleid zusammenzulegen, verstaute es im Koffer und wollte eben beginnen, das zweite zu falten, als ihr einfiel, dass das modische Musselinkleid, das sie trug, der jüngeren Lady Carling gehörte. Sie konnte es unmöglich anbehalten, aber sie konnte es auch nicht ausziehen, solange Sir James im Zimmer war.

Das Schamlose Frauenzimmer war anderer Meinung und gaukelte ihr berückende Bilder vor, um seinen lasterhaften Standpunkt zu verdeutlichen. Wütend schob Pompeia die unanständigen Vorstellungen beiseite. Sie wollte Carling Manor mit einem Rest Selbstachtung verlassen. „Wären Sie so freundlich, mich ein paar Minuten allein zu lassen, damit ich mich umziehen kann?“ Sie hielt den Blick fest auf ihren Koffer gerichtet. „Das Kleid, das ich trage, gehört Ihrer Mutter, und ich möchte nicht in den Verdacht geraten, zu stehlen.“

Mit zwei großen Schritten war er bei ihr. Sie wich vor ihm zurück, knickte um und wäre gestürzt, hätte er sie nicht gehalten. „Ich verdächtige Sie nicht, eine Diebin zu sein.“ Er packte sie bei den Schultern. „Sehen Sie mich an, bitte! Sagen Sie mir, was Sie hergeführt hat.“

Er gab sie frei und trat zurück, genau wie damals.

Die Wut war aus seiner Miene gewichen, stattdessen malte sich solch offenkundige Sorge in seinen Zügen ab, dass eine Woge von Scham ihre wollüstigen Sehnsüchte fortspülte. Unwillkürlich senkte sie den Blick, der jedoch wie gebannt an Sir James’ Mund haften blieb. Sofort spielte das Schamlose Frauenzimmer mit dem Gedanken, ihn zu küssen. Pompeia zwang sich, den Blick tiefer zu senken, doch da heftete er sich unweigerlich an seinen breiten männlichen Brustkorb, und wenn sie den Blick noch tiefer …

Er war nicht mehr der gut aussehende Jüngling an der Schwelle zum Erwachsensein. Er war erwachsen – ein ungestümer, kraftstrotzender, heißblütiger Mann.

Wie konnte sie in ihrer Lage derartigen Gedanken nachhängen? Was stimmte bloß nicht mit ihr?

Nun, man hatte es ihr oft genug gesagt. Sie wäre eine Sünderin. Lasterhaft. Wollüstig. Von Natur aus. Ungeeignet als Ehefrau, wie ihre anstößigen Fantasien hinlänglich bewiesen. Aber wozu brauchte sie noch Beweise? Sie konnte sich nicht leisten, die zu sein, die sie von Natur aus war, und sie würde nicht ausgerechnet jetzt damit beginnen. Sie atmete tief durch, um sich zu beruhigen.

Seine grauen Augen verdunkelten sich.

Oh, fabelhaft. Er starrte ihr auf die Brüste. Nicht dass es sie überraschte – alle Männer taten das. Deshalb hatte sie sich angewöhnt, den Kitzel, den die Blicke der attraktiveren Männer in ihr auslösten, zu ignorieren, bis sie allein war und niemand ihre geheimen Gedanken erraten konnte.

James’ Blick jedoch war so intensiv, dass er zu ihrem innersten Wesenskern vordrang, bis zu der wahren Pompeia, die ein Schattendasein in ihr führte. Er enthüllte und entfesselte ihre geheimen Wünsche.

Genau wie damals, als sie einander das erste Mal begegnet waren.

Sie spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg. Als er einen Schritt auf sie zutrat, breitete sich auf seinem Gesicht ein sündiges Lächeln aus.

Dass sich hinter ihnen leise die Tür öffnete, hielt James im letzten Moment davon ab, die Frau zu küssen, der er ein paar Minuten zuvor seinen Schutz versprochen hatte.

Aber gleichgültig, wohin es führte, er würde sie beschützen.

Sally trat in den Raum, Tränen liefen ihr über die Wangen. „Es tut mir so leid, Pompeia.“

„Das sollte es fürwahr“, grollte James, ehe Pompeia etwas erwidern konnte. Sally verdiente nicht einmal einen Hauch des Mitgefühls, das Pompeia ihr so bereitwillig entgegenbrachte. „Geh jetzt, wir führen ein vertrauliches Gespräch.“

Sally begann zu schluchzen. „Aber James, es ist alles meine Schuld! Du darfst Pompeia nicht böse sein.“ Ihre Augen weiteten sich vor Schreck, als sie den offenen Koffer erblickte. „Oh, bitte, schick sie nicht fort!“

„Er ist mir überhaupt nicht böse“, warf Pompeia ein. „Trotzdem bleibt mir keine andere Wahl, als zu gehen.“

Sally schluchzte nun herzzerreißend.

„Nimm dich zusammen, Sally.“ James ging zu seiner Schwester, packte sie an den Armen und schob sie zur Tür. „Du hast wieder einmal ein riesiges Durcheinander angerichtet, und es bleibt wie üblich mir überlassen, die Dinge in Ordnung zu bringen. Ich versichere dir, dass deiner Freundin kein Leid geschehen wird, aber jetzt hinaus mit dir.“

Als er die Tür hinter seiner weinenden Schwester geschlossen hatte, lehnte er sich einen Moment dagegen, um sich zu beruhigen – was nicht einfach war, angesichts der Tatsache, dass er sich zusammen mit der atemberaubendsten Frau der Welt in einem Raum befand.

Pompeias sinnliche Ausstrahlung, in deren Bann er bereits bei der ersten Begegnung geraten war, hatte sich zu der unwiderstehlichen Anziehungskraft einer voll erblühten Frau entwickelt. Sie war nicht im klassischen Sinne schön, aber sie hatte etwas an sich, das ihm unter die Haut ging und sein Blut in Wallung brachte. Anscheinend war es ihr seinerzeit mit ihm genauso ergangen, denn sie hatte ihm angeboten, sie zu küssen. Es war ihm unendlich schwergefallen, sie zurückzuweisen.

Bis eben hatte er geglaubt, dass sein Verlangen nicht einfach erwidert wurde, sondern genauso stark war wie seines. Doch jetzt wirkte sie nur noch bestürzt. Hatte sie Angst, dass er über sie herfallen würde?

Er hätte es gern getan. Er begehrte sie, seit sie sich das erste Mal begegnet waren. Damals hatte er noch an die Liebe auf den ersten Blick geglaubt; daran, dass sie füreinander bestimmt waren. Doch ihre Eltern hatten sie einem anderen Mann versprochen.

Trotzdem hatte sie ihn küssen wollen. Dass er sich zum Narren gemacht hatte, war angesichts seiner jugendlichen Naivität verständlich gewesen. Aber die Zeiten, da er sich der Lächerlichkeit preisgeben konnte, waren nun vorbei – so verlockend Pompeia Grant auch sein mochte. Kein achtbarer Dienstherr würde eine Gouvernante kurzerhand auf die Straße setzen, außer es gab gute Gründe für eine fristlose Kündigung, und selbst dann …

Ihm behagte nicht, welche Richtung seine Gedanken einschlugen, doch sie blieben ohne Wirkung auf seine Begierde. Er konnte dankbar sein, dass er seine alten Reithosen trug, die nicht ganz so eng und enthüllend waren wie Simons gelbe Pantalons.

„Kommen Sie“, er wies auf das zierliche Sofa beim Fenster, „setzen wir uns und reden.“

Sie nahm Platz, faltete die Hände im Schoß und sah ihn abwartend an. Er musste mehr über sie herausfinden, ehe er entschied, was zu tun war. Heute Abend würde er sie jedenfalls nirgendwohin gehen lassen.

Er setzte sich neben sie, wenn auch nicht so nahe, wie er es gern getan hätte, und legte einen Arm auf die Rückenlehne. Es juckte ihn in den Fingern, sie zu berühren, doch er hielt sich zurück. „Als wir uns zuletzt sahen, lebten Sie noch zu Hause. Sie kommen aus wohlhabenden Verhältnissen, dennoch scheinen Sie inzwischen mittellos und alleinstehend zu sein.“

Sie wandte den Blick ab. „Meine Eltern starben und überließen mich der Obhut meines Bruders.“ In ihrer Stimme lag ein bitterer Unterton. „Ich zog es vor, mir meinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen, anstatt bei ihm zu leben.“

Was für ein Bruder musste das sein, der seine Schwester mittellos fortgehen ließ? James fiel der sittenlose Lümmel ein, dem er die Nase gebrochen hatte – ein enger Freund ihres Bruders, wie er sich erinnerte. Unbehagen breitete sich in ihm aus. „Wieso?“

„Er holte seine Mätresse ins Haus. Nicht dass ich sie nicht mochte, aber es war … es war unschicklich.“ Angespannt knetete sie sich die Hände. „Mehr gibt es eigentlich nicht zu erzählen. Ich war hier in der Nähe als Gouvernante angestellt und wurde entlassen. Da ich die Postkutsche knapp verpasst hatte, kam ich her, um Sally um ein Bett für die Nacht zu bitten. Wir waren Schulkameradinnen im Internat in Bath.“ Sie faltete die Hände, schaute ihn jedoch nicht an, sondern hielt den Blick geradeaus gerichtet.

Er betrachtete ihr Profil: die zierliche gerade Nase, die zart geröteten Wangen, die langen dunklen Wimpern, die den verführerischsten Schlafzimmerblick beschatteten, den er je gesehen hatte.

Dann drehte sie das Gesicht zu ihm, sah ihn mit diesem Blick an – und brachte ihn fast um den Verstand. Er rang um Beherrschung.

Hastig wandte sie sich ab. „Es war falsch von mir, bei dem Täuschungsmanöver mitzumachen, aber ich konnte nicht ahnen, dass Sie so bald zurückkommen würden. Und ich fühlte mich Sally verpflichtet, nachdem sie mir erlaubt hatte, über Nacht hierzubleiben.“

„Wieso? Jeder halbwegs anständige Mensch würde Ihnen Obdach anbieten.“

Sie hob die Schultern. Die Geste verriet ihm alles.

„Ihr Dienstherr hätte dafür sorgen sollen, dass Sie die Postkutsche erreichen.“ James merkte, dass er ärgerlich wurde, versuchte jedoch, es nicht zu zeigen. Im Geist ließ er die Adelsfamilien in der Umgebung des King’s Arms Revue passieren. „Wo waren Sie angestellt?“

„In Selham.“ Sie presste die Lippen zusammen. So fest, dass er sich vorstellte, sie zu küssen, bis Pompeia nachgab und seiner Zunge Einlass gewährte …

Er rief sich zur Ordnung. „Wer war Ihr Dienstherr? Weshalb wurden Sie entlassen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Es ist nicht von Bedeutung.“

„Weiß Sally Bescheid?“ Die verräterische Röte, die ihr ins Gesicht schoss, war ihm Antwort genug. „Gut. Aus ihr kriege ich es gewiss heraus. Ich kann nicht dulden, dass man einer Dame eine Kränkung zufügt.“

„Doch!“, rief sie aus. „Es geht Sie nichts an!“

Warum wollte sie nicht darüber reden? Weil es ein zu schlechtes Licht auf sie werfen würde? Weil sie das Bett mit dem Hausherrn geteilt oder sich an den Sohn herangemacht hatte? Doch davon hätte sie Sally sicher nichts erzählt. Oder? Ihn packte die Wut. Was, wenn ein niederträchtiger, betrügerischer Hund seine Machtstellung ausgenutzt hatte und sie … „Erwarten Sie ein Kind, Miss Grant?“

Sie sprang auf. „Wie können Sie es wagen!“ Dann machte sie eine wegwerfende Geste. „Was rege ich mich auf. Es ist das, was alle von mir denken.“

Auch er erhob sich. „Es tut mir leid, wenn ich Sie beleidigt habe. Ich frage aus Sorge um Sie.“ Er zuckte die Schultern. „Sie sind sich Ihrer … Ausstrahlung … bestimmt bewusst, Miss Grant. Es fällt einem Mann schwer, Ihrem Charme zu widerstehen.“

Sie nickte, schluckte schwer und wurde flammend rot. „Es ist der Fluch meines Lebens.“

„Nicht unbedingt“, sagte James heiser. „Nicht mit dem richtigen Mann.“

Ihre Augen verdunkelten sich, als sie ihren Schlafzimmerblick auf ihn richtete. Gedankenverloren leckte sie sich über die Unterlippe.

Verdammt, er musste sie küssen.

Die Tür ging auf, und seine Mutter stand auf der Schwelle.

Vor Enttäuschung seufzte Pompeia auf. James hätte sie beinahe geküsst, dessen war sie sich sicher. Oder? Vielleicht war es nur Wunschdenken gewesen, aber warum musste Clarabelle ausgerechnet in diesem Moment stören?

„James, wie konntest du nur?“ Die jüngere Lady Carling zog ihren Seidenschal hinter sich her. „Sally weint sich die Seele aus dem Leib, und der arme Simon hat seine liebe Not, das Misstrauen der alten Dame auszuräumen.“ Sie schloss die Tür hinter sich. „Am Mittwoch fährt Großmama zu ihren verstaubten Freunden in Tunbridge Wells. Kannst du die paar Tage nicht einfach versuchen, kein Spielverderber zu sein?“

„Du nimmst die Dinge viel zu sehr auf die leichte Schulter, Mutter!“, warf James ihr entrüstet vor. „Siehst du nicht, dass ihr mit euren Lügen unabsehbare Folgen riskiert?“

Lady Carling stieß geringschätzig die Luft aus. „Eine kleine Notlüge für ein paar Tage. Was soll dabei schon passieren? Wir haben uns die Sache genau überlegt, und ich kann nicht dulden, dass du im letzten Moment alles verdirbst.“ Sie ging zum Sofa. „Komm, Pompeia, wir setzen uns und besprechen, was wir der alten Dame erzählen.“

„Lady Carling“, Pompeia schüttelte verzweifelt den Kopf, „ich würde Ihnen gern helfen, aber …“

Demonstrativ öffnete James die Tür. „Mutter, Miss Grant und ich haben etwas zu bereden.“

Lady Carling war entrüstet. Ihre Lippen bebten, der Schal entglitt ihrer Hand und sank zu Boden. „Das hätte ich nicht von dir gedacht, James. Wahrhaftig nicht. Bis du kamst, war Pompeia völlig einverstanden, deine Frau zu spielen. Es ist alles deine Schuld.“ Sie rauschte aus dem Zimmer und James schloss leise die Tür hinter ihr.

Pompeia hob den Schal auf und legte ihn auf das Sofa. „Nein, ich war nicht einverstanden, aber ich konnte es verstehen.“

„Sie konnten was verstehen?“

„Wie wichtig Sally diese Eintrittskarten sind. Als junges Mädchen hatte ich die gleichen Hoffnungen und Träume, aber meine Eltern erlaubten mir nicht, in London zu debütieren. Ich dachte, wenn ich ihr helfen würde zu bekommen, was sie sich so verzweifelt wünscht …“ Sie unterbrach sich. Es ging nicht, dass sie rührselig wurde. „Das ist immer noch möglich, wenn ich Carling Manor verlasse. Außerdem könnte ich es nicht ertragen, wenn es zu irgendwelchen … anderen … unerwünschten Konsequenzen käme.“ Oje, sie geriet in gefährliches Fahrwasser. Sie presste die Lippen aufeinander und fuhr fort, das verbliebene Kleid zusammenzufalten.

Als sie es bereits im Koffer verstaut hatte, fiel ihr ein, dass sie es anziehen musste. Nicht nur, dass sie sich töricht verhielt, sie konnte auch nicht mehr klar denken. Aber wenigstens schien Sir James ihre Entscheidung akzeptiert zu haben. Er stand schweigend bei der Tür.

Sie holte tief Luft, um ihn erneut zu bitten, das Zimmer zu verlassen, doch er kam ihr zuvor. „Wo in Dreiteufelsnamen ist der Schlüssel?“ Als sie ihn verständnislos anstarrte, setzte er hinzu: „Für die Tür hier. Ich habe die ständigen Unterbrechungen satt.“

Ich auch, schnurrte das Schamlose Frauenzimmer. „Ich weiß es nicht“, sagte Pompeia. Ein Prickeln wie von Feuerfunken breitete sich in ihrem Unterleib aus. Sie wollte es ignorieren, aber es gelang ihr nicht. Also versuchte sie es mit vernünftigen Argumenten: Nein, er wollte sich nicht mit ihr in diesem Zimmer einschließen. Er wollte nur nicht ständig von seiner Familie gestört werden.

Trotzdem beschleunigte sich ihr Herzschlag, als er auf sie zukam. „Ich hasse es, meine Großmutter zu belügen.“

Der köstliche Funkenregen erlosch. „Mir geht es genauso.“

„Doch da es Ihnen so viel bedeutet, Sally zu helfen, werde ich wohl eine Zeit lang lügen müssen.“

Sie brauchte einen Moment, um sich von ihrer Überraschung zu erholen. „Das ist sehr freundlich von Ihnen.“

„Freundlich? Egoistisch wäre zutreffender. Außerdem will ich Sie nicht gehen lassen.“

Das hässliche Kleid vor die Brust gepresst, zwang sie sich, ihn anzusehen. „Aber Sie müssen. Es ist besser so. Die Folgen wären nicht auszuhalten.“

Mit zwei Schritten war er bei ihr, nahm ihr das Kleid aus den Händen und warf es auf das Bett. „Was, wenn Sie blieben und es keine unerwünschten Konsequenzen gäbe?“

Seine grauen Augen waren dunkel geworden, doch das Verlangen, das in ihnen brannte, weckte das Schamlose Frauenzimmer, das sich um unerwünschte Konsequenzen nicht scherte.

Pompeia trommelte das Herz gegen die Rippen. „Es geht nicht, Sir James.“

„Natürlich geht es.“ Er zog die Brauen zusammen. „Was, wenn ich Ihnen ein Versprechen gebe?“

„Was für ein Versprechen?“ Er kam noch näher, und die feurigen Funken erwachten zu neuem Leben. Das Blut rauschte in ihren Adern, und ihr Atem beschleunigte sich.

„Dass die Folgen ausschließlich lustvoller Natur sein werden.“

Oh ja, rief das Schamlose Frauenzimmer begeistert aus, während Pompeia aufstöhnte. Laut.

Sie hätte sich in Grund und Boden geschämt, wenn das Verlangen nicht so mächtig gewesen wäre. Pompeias Lider schlossen sich wie von selbst, und sie öffnete bereitwillig die Lippen, um seinen Kuss willkommen zu heißen.

Die Tür ging auf. „Zum Teufel noch mal!“, stieß James zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und machte einen Schritt rückwärts. Pompeias Aufstöhnen gerade eben … Seine Breeches waren mit einem Mal ungemütlich eng. „Was ist nun schon wieder?“

Simon schlenderte ins Zimmer. „Hör auf, dem Mädchen die Hölle heißzumachen, Bruderherz. Niemand hier hatte etwas Böses im Sinn. Es ist bedauerlich, dass du ausgerechnet jetzt nach Hause gekommen bist, aber wir kriegen das auch ohne deine Hilfe hin.“

James war nach Amerika geschickt worden, um zu lernen, sein hitziges Temperament zu zügeln, aber anscheinend hatte die dreijährige Übung nichts gebracht. Eine halbe Stunde im Kreise seiner Familie, und er war so weit, dass er jeden Einzelnen von ihnen am liebsten erdrosselt hätte.

Simons Blick schweifte zu dem geöffneten Koffer. „Lass Miss Grant in Ruhe packen. Ich bringe sie zum Gasthof und sorge dafür, dass sie ein Zimmer für die Nacht und eine Fahrkarte für die Postkutsche morgen bekommt.“

„Nein!“, erwiderten sein Bruder und Miss Grant wie aus einem Munde. James bat Pompeia seinen Arm, woraufhin sie charmant errötete. „Miss Grant bleibt heute Nacht hier“, setzte er fest hinzu.

„Tatsächlich.“ Simon legte den Kopf schräg und musterte Pompeia prüfend. „Sind Sie sicher, dass Sie das wollen?“

„Ja. Aber ich danke Ihnen, Mr Carling.“ Pompeia versuchte, ihrer Stimme einen sittsamen Klang zu verleihen – mit wenig Erfolg. Kein Wunder, dass sie nicht zur Gouvernante taugte. „Ich bleibe, bis Ihre Großmutter abreist, dann ist die Chance größer, dass Sally ihre Eintrittskarten erhält.“

„Welch glücklicher Ausgang für alle Beteiligten.“ Simon grinste. „In diesem Fall, Miss Grant, werde ich mir erlauben, mein Angebot in ein paar Tagen zu erneuern.“

Glühender Zorn schoss in James empor. „Hat mein Bruder sich Ihnen unstatthaft genähert, Miss Grant? Falls ja …“

„Nicht doch!“, fiel Pompeia ihm eilig ins Wort und drückte seinen Arm. „Bitte brechen Sie ihm nicht die Nase wie dem armen Jungen damals. Am Benehmen Ihres Bruders gibt es nichts auszusetzen.“

„Das wage ich zu bezweifeln.“ James war weit davon entfernt, besänftigt zu sein. „Verschwinde, Simon.“

„Du meine Güte!“ Simon schüttelte den Kopf. „So besitzergreifend habe ich dich noch nie erlebt. Du führst dich auf wie ein Bär, der eine Honigwabe ergattert hat. Gib acht, dass du nicht gestochen wirst, alter Junge.“

Pompeia erstarrte, während James erwog, sich auf seinen Bruder zu stürzen – das perfekte Opfer, um mit der Erdrosselung seiner Familienmitglieder zu beginnen.

Simon hob beschwichtigend die Hände. „Ich lasse euch allein, aber stimmt eure Geschichten miteinander ab. Der alte Drachen wittert, dass etwas faul ist, und hat sich in den Kopf gesetzt, herauszufinden, was es ist.“ Er ging rückwärts aus dem Raum und zog die Tür hinter sich zu.

Pompeia atmete tief ein.

„Nein“, beschied James kurzerhand, ehe sie auch nur ein Wort äußern konnte. „Sie gehen nirgendwohin.“ Ihm blieben zwei Tage mit ihr. Zwei Tage, um herauszufinden, was er für sie empfand.

Die Zeit lief ihm bereits davon.

Er zog Pompeia Grant in seine Arme.

Es war Aufgeben und Nachgeben in einem, als Pompeia die Augen schloss, um James’ Kuss zu empfangen. Sacht, unendlich sacht, berührte er ihre Lippen mit seinen und wollte sich sogleich wieder von ihr lösen, doch sie packte seine Rockaufschläge, damit er blieb. Ein Strom wonnevoller Empfindungen riss sie mit sich, und unwillkürlich stöhnte sie auf. Er lachte leise in sich hinein, vertiefte den Kuss, während sie mit ihren Fingern sein Haar zerzauste und sich in der sündigen Erkundung seines Mundes verlor.

Als er den Kuss unterbrach, ging sein Atem schnell und flach, und in seinen Augen brannte Leidenschaft. „Du erregst mich über die Maßen“, gestand er rau. „Aber Simon hat recht. Wenn wir das Täuschungsmanöver fortführen wollen, müssen wir unsere Geschichten aufeinander abstimmen.“

Einen kurzen Moment barg sie ihre Stirn an seiner Brust. Ihr Atem kam ebenfalls in raschen Stößen. „Ich weiß.“ Sie straffte sich. „Deine Großmutter war mir gegenüber sehr freundlich, und es widerstrebt mir, ihr weitere Lügen aufzutischen. Auch wenn es außer der, dass wir verheiratet sind, nicht viele waren, weil sie hauptsächlich etwas über dich hören wollte. Sie liebt dich sehr, und im Grunde ihres Herzens ist sie unglaublich romantisch.“

„Romantisch?“ Seine Großmutter, der alte Drachen, der jedermann Angst einjagte? Die meisten Menschen, die sie kannten, würden bestreiten, dass sie überhaupt ein Herz hatte!

„Ja, wirklich. Du hättest ihr Gesicht sehen sollen, als ich ihr erzählte, wie wir uns kennenlernten. Es war gut, dass ich dich tatsächlich kannte, so konnte ich dich wenigstens einigermaßen treffend beschreiben.“

Er schlang die Arme fester um sie, und sie ließ sich wohlig seufzend an seine Brust sinken. „Und wie hast du mich beschrieben?“

„Hochgewachsen, gut aussehend. Stark und männlich.“ Gegen sein Hemd flüsternd, setzte sie hinzu: „Der Traum einer jeden jungen Frau.“

„Du meine Güte.“ Sein Brustkorb bebte, als er lachte.

Sie legte den Kopf in den Nacken. „Aber es stimmt. Du bist stark und attraktiv. Und ich könnte schwören, als ich von deinen grauen Augen schwärmte, standen deiner Großmutter Tränen in ihren. Sie sagte, du hättest sie von deinem Großvater.“

„Dir ist meine Augenfarbe aufgefallen?“

Sie zuckte mit den Schultern, um ihre Verlegenheit zu überspielen. Ein paar Küsse und ein Moment in seinen Armen reichten anscheinend, dass sie die verrücktesten Dinge von sich gab. Als er die Hand hob und ihr übers Haar strich, hätte sie dahinschmelzen können, doch sie bemühte sich um einen nüchternen Ton. „Abgesehen davon, dass ich voller Begeisterung von dir sprach, was im Übrigen nicht schwer war, habe ich ihr erzählt, dass wir uns in New York bei gemeinsamen Freunden begegnet sind und dass es Liebe auf den ersten Blick war.“

Ein betretenes Schweigen breitete sich aus. „Wie romantisch“, bemerkte er schließlich.

„Das fand Sally auch“, beeilte Pompeia sich zu versichern. „Sie hat eine überaus romantische Ader. Wenn sie ihrer Großmutter in sonst nichts ähnelt – darin schon. Sie geriet regelrecht in Verzückung, als ich erzählte, dass du mich im Sturm erobert hast.“

„Wie verwegen von mir.“ Er drückte sie an sich.

„Oh ja, mein Ritter in der schimmernden Rüstung.“ Mit einem Mal klang ihre Stimme heiser, und sie räusperte sich. „Aber ich hatte einer Freundin versprochen, sie auf ihrer bevorstehenden Schiffspassage nach England zu begleiten, also heirateten wir schnell. Dann versprachst du mir, sobald es deine Geschäfte in Amerika erlaubten, nachzukommen. Und ich reiste voraus.“

„Sehr durchdacht“, kommentierte er trocken. „Du passt hervorragend in meine erfinderische Familie.“

Leider beruhte nichts davon auf einer realen Grundlage, weder der Eindruck von Familienzugehörigkeit noch die Sicherheit und Geborgenheit, die sie in seinen Armen empfand. Und schon gar nicht das Gefühl, geliebt zu werden. Es war alles nur Lug und Trug.

Er hob ihr Kinn und küsste sie abermals, teilte ihre Lippen mit seiner Zunge und nahm fordernd Besitz von ihrem Mund. Das Schamlose Frauenzimmer in ihr jubelte ausgelassen.

Dann war eben alles nur Schein, und wenn schon! Sie wollte trotzdem mehr. Schließlich würde sie in dem Leben als Gouvernante, das sich endlos und öde vor ihr erstreckte, nicht einmal das bekommen.

Zwei Tage.

Danach würde sie wieder mit ihrem Koffer durch den Regen stapfen. Nichts als unzählige weitere ermüdende Postkutschenfahrten, Vorwürfe und Beleidigungen standen ihr bevor.

Simons böse Bemerkung mit der Honigwabe kam ihr in den Sinn. Sie durfte nicht zulassen, dass dieses Täuschungsmanöver für James zur Falle wurde, aber solange es ging, würde sie alles auskosten, was er ihr bot. Sie schlang ihm die Arme um den Nacken und presste sich hemmungslos an ihn, damit er wusste, dass sie für die wenige Zeit mit Haut und Haar ihm gehörte.

Sie verdiente zwei Tage als Sir James Carlings Ehefrau!

James nahm rasch ein Bad und schrubbte hastig Schweiß und Reisestaub ab. Als er sich anschließend gründlich rasierte, klopfte es und sein Bruder trat ins Zimmer.

„Sieh an, sieh an.“ Simon hob spöttisch eine Braue. „Machen wir uns hübsch für die begehrenswerte Ehegattin?“

James schabte die letzten Stoppeln von seinem Kinn und stellte das Rasiermesser auf den Waschtisch. Er verzichtete darauf, seinem Bruder das lüsterne Grinsen aus dem Gesicht zu schlagen, und zählte stattdessen langsam bis zehn.

„Du scheinst in Amerika einiges von deiner Heißblütigkeit eingebüßt zu haben“, stichelte Simon weiter, weil James nicht anbiss. „Ich bin enttäuscht von dir, alter Knabe.“

James missverstand ihn mit Absicht. „In Amerika brauchte ich mein Temperament nicht zu zügeln, weil ich dort Ruhe hatte vor den dämlichen und beleidigenden Mitgliedern meiner Familie.“ Er spülte sich die Reste des Rasierschaums vom Gesicht. „Pompeia sagt, sie war in Selham angestellt. Bei wem?“

„Bei dieser unausstehlichen Hexe Bailiwick. Als Gouvernante für deren klapperdürre Töchter.“ Feixend überprüfte Simon im Spiegel den Sitz seiner kunstvollen Windstoßfrisur. „Pompeia als Gouvernante. Einfach lächerlich, was?“

„Furchtbar.“ James schaffte es, die Zähne nicht zusammenzubeißen. „Weshalb hat Mrs Bailiwick sie entlassen?“

„Weil Pompeia angeblich versucht hätte, den kostbaren Sohn des Hauses zum Ehebruch zu verführen.“ Simon lachte in sich hinein. „Pompeias Version dazu lautet – ich zitiere: ‚Ich gab diesem ekelhaften, abstoßenden Harold Bailiwick eine Schelle, weil er mich im Korridor abfing und betatschte, und danach setzte sie mich auf die Straße.‘“ Anscheinend hochzufrieden mit seinem Spiegelbild, sah Simon über die Schulter. „Ich werfe dem Kerl nicht vor, dass er es versucht hat, aber war ihm nicht klar, dass er bei einer Frau ihres Kalibers chancenlos ist?“

„Ich werfe es ihm vor.“ James streckte die Finger und ließ die Knöchel knacken. Dann rammte er die geballte Rechte gegen die Handfläche der Linken.

„Du liebe Güte.“ Simon schüttelte den Kopf. „Das ist eine ehrenwerte Haltung, und es wäre sicher ein Spaß, Harold Bailiwick die Nase blutig zu schlagen, aber was erwartest du? Pompeia ist eben diese Sorte Frau.“

Augenblicklich richtete sich James’ Zorn auf ein rascher erreichbares Ziel.

Sorgfältig ordnete Simon eine nicht ganz exakt liegende Falte seines Krawattentuchs. „Und dann dieser entzückend dekadente Name! Zugegeben, sie wurde nicht in das Gewerbe hineingeboren, aber es ist eindeutig ihre Berufung, mein Lieber. Ein Mann muss nur einen Blick auf sie werfen, um augenblicklich steinhart zu werden. Übrigens erzählte sie Sally, dass ihr aus dem gleichen Grund schon mehrfach gekündigt wurde. Sicher nicht zum letzten Mal, wenn du mich fragst. Meiner bescheidenen Meinung nach sollte sie sich nicht länger dagegen sträuben, das zu tun, wofür sie gemacht ist …“ Simons Augen weiteten sich, und er wich gerade noch rechtzeitig aus, sodass James’ Fausthieb ihn statt am Kinn an der Schulter traf.

James trat vor ihn hin. „Du hattest vor, sie zu verführen, wenn euer vermaledeites Täuschungsmanöver vorüber war, richtig?“

Simon lachte. „Ganz genau.“ Er machte einen Schritt rückwärts, dann noch einen, ehe er die Hände hob. „Aber nachdem du deine Ansprüche auf sie so klar geltend gemacht hast, trete ich natürlich zurück. Es gibt schließlich noch andere Frauen.“

James packte seinen Bruder an dessen kunstvoll geschlungenen Krawattenknoten und riss ihn ruckartig zu sich heran. Simon gab einen erstickten Laut von sich und holte aus. Doch bevor er zuschlagen konnte, hatte James ihn in den Badezuber gestoßen.

Das Wasser spritzte hoch und schwappte nach allen Seiten über. James trat einigermaßen durchweicht zurück, befand jedoch, dass es das wert gewesen war.

Tropfnass rappelte Simon sich auf. Er starrte James an, als sei der Bruder komplett verrückt geworden. „Was ist denn in dich gefahren? Du und Selbstbeherrschung? Dass ich nicht lache.“

„Hätte ich mich nicht beherrscht, wärst du durchs Fenster geflogen und zwei Stockwerke tiefer im Ententeich gelandet“, stellte James mit einem, wie er fand, unter den gegebenen Umständen recht hohen Maß an Höflichkeit richtig. Er läutete nach einem Diener, um die Überschwemmung beseitigen zu lassen, und setzte hinzu: „Entweder du behandelst Miss Grant von jetzt an mit allem gebotenen Respekt, oder ich sorge dafür, dass es dir leidtut, überhaupt geboren zu sein.“

Pompeia zog eines der modischen Kleider an, die Clarabelle ihr zur Verfügung gestellt hatte, und begab sich in den Speisesalon. Als sie eintrat, waren die jüngere und die ältere Lady Carling dabei, die Sitzordnung zu ändern. „James muss seinen rechtmäßigen Platz am Kopfende des Tischs einnehmen“, befand seine Mutter. „Folglich musst du, meine liebe Pompeia, ihm gegenüber am anderen Ende sitzen.“

„Aber nein“, protestierte Pompeia erschrocken. „Ich kann unmöglich Ihren Platz einnehmen, Lady Carling!“

„Natürlich kannst du“, schaltete James’ Großmutter sich ein. „Als mein lieber Sohn heiratete, räumte ich den Platz der Hausherrin für Clarabelle, und nun muss Clarabelle ihn für dich räumen. Du bist mehr als würdig, die Nachfolge anzutreten, meine Liebe.“

Da die alte Dame durchblicken ließ, dass sie Clarabelle für mehr als unwürdig erachtet hatte, fühlte Pompeia sich noch schlechter. Davon abgesehen meinte sie, im Ton der alten Dame einen sonderbaren, beinahe listigen Zug wahrzunehmen, der zuvor nicht da gewesen war. „Vielleicht warten wir damit noch so lange, bis ich mich besser eingewöhnt habe“, schlug sie unbehaglich vor.

Die ältere Lady Carling wollte nichts davon hören. „Unsinn“, beschied sie kurz angebunden, während ihre Schwiegertochter Pompeia mit einem belustigten Blick zu verstehen gab, dass sie ihre Zeit verschwendete.

„Aber ich finde es nicht richtig“, beharrte Pompeia störrisch. Es war eine Sache, die Kleider der Hausherrin zu tragen, aber eine ganz andere, ihre Stellung im Haushalt an sich zu reißen.

„Wieso nicht?“, herrschte die alte Dame sie an. „Du bist doch seine Frau, oder etwa nicht?“

„Aber ja doch“, erwiderte Clarabelle an Pompeias Stelle und ersparte ihr auf diese Art eine blanke Lüge. „Ich würde es nicht richtig finden, wenn du den Platz nicht einnimmst.“

„Können wir damit nicht noch ein paar Tage warten?“, fragte Pompeia lahm. „Ich würde lieber … das heißt, ich zöge es vor …“

„Bring meine Gattin nicht in Verlegenheit, liebste Großmama.“ James trat hinter Pompeia und legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter. Sie hätte beinahe aufgeseufzt vor Erleichterung über sein rechtzeitiges Auftauchen. „Die Etikette wird noch ein paar Tage warten müssen“, setzte er lächelnd hinzu. „Denn nachdem wir so lange getrennt waren, würden wir gern nebeneinander sitzen.“

Eine Braue gehoben, ließ die alte Dame den Blick zwischen James und der errötenden Pompeia hin und her wandern. „Das sehe ich. Es ist im höchsten Maße unschicklich – und denk nicht, dass ich mich eines anderen belehren lasse –, aber da du der Herr des Hauses bist, werde ich wohl nachgeben müssen.“

Pompeia empfand einen bittersüßen Schmerz. James begehrte sie, doch natürlich würde er nie zulassen, dass sie an die Stelle seiner Mutter trat, nicht einmal für zwei Tage.

„Pompeia legt bemerkenswerte Ehrerbietung an den Tag.“ Die alte Lady Carling verengte die Augen, ehe sie halb zu sich selbst hinzusetzte: „Bleibt nur abzuwarten, weshalb.“

„Wir hätten damit rechnen müssen“, murmelte James, als sie außer Hörweite waren. „Großmutter will wissen, was vor sich geht, also schießt sie auf alles, was ihr vor die Flinte kommt. Aber du hast ihre Kugeln so gut abgelenkt, dass sie ebenso schlau ist wie zuvor.“ Er grinste schief. „Mach dir keine Gedanken. Früher oder später weihen wir sie ein.“

Pompeia unterdrückte einen Schauder. Dann würde sie längst fort sein und der alten Lady Carling hoffentlich nie mehr begegnen.

Beim Dinner unterhielt James die Tischgesellschaft mit Schilderungen seiner Abenteuer in der amerikanischen Wildnis. Pompeia war voll der Bewunderung für den energischen Mann, der sich als Fallensteller sowie Bärenjäger bewährt und Freundschaften mit Angehörigen der Indianerstämme geschlossen hatte. Der das ganze Land zwischen Montreal und New Orleans kannte und gern dort geblieben wäre, hätte nicht der Tod seines Vaters ihn gezwungen, nach England zurückzukehren.

Sie versuchte, herauszufinden, was genau es war, das James Carling so attraktiv für sie machte. Vor vier Jahren hatte sie sich zu ihm hingezogen gefühlt wie eine Biene zur Kleeblüte, hatte ihn kosten, schmecken, verschlingen wollen. Vermutlich war es unschicklich, dass ihr beim bloßen Gedanken an ihn die Zunge kribbelte und der Mund wässrig wurde, aber wenigstens vor sich selbst musste sie aufrichtig sein. Männer hatten sie nie kaltgelassen, doch James war … aufregend anders. Immer noch. Und es konnte nicht allein seine Sinnlichkeit sein, die sie reizte, denn Mr Belfort war sie nicht hoffnungslos verfallen gewesen. Sinnlichkeit besaß sie selbst in verhängnisvollem Ausmaß. Darum hatte sie sich nach James’ Abreise auch so leer und bedürftig gefühlt – zumal bei der Aussicht auf die öde Ehe mit dem ältlichen Baron, den ihr Vater für sie ausgesucht hatte. Mr Belfort war zweite Wahl gewesen, nachdem James sie zurückgewiesen hatte. Durchaus eine gute zweite Wahl. Als Mr Belfort nach der gemeinsamen Nacht nach London gefahren war, hatte sie ihm dennoch keine Träne nachgeweint und sich auch nicht schuldig gefühlt, wie es wohl angebracht gewesen wäre. Aber ihrer Ansicht nach hatte sie lediglich … ihre Unschuld verloren.

Und eine Vorstellung von den unendlichen Möglichkeiten leidenschaftlicher Begierde erhalten.

Wodurch sich nur zeigte, was für eine hoffnungslos unanständige Frau sie war, und wie ungeeignet, die Gattin irgendeines Mannes zu werden. Sie hatte sich bemüht, ihre unschicklichen Wünsche zu unterdrücken, hatte sie höchstens sich selbst eingestanden, und das auch nur dann, wenn es nicht anders ging. In Simon erkannte sie Eigenschaften von Mr Belfort wieder – männlich, attraktiv, in der Lage, ihr Verlangen zu wecken, aber … zweite Wahl.

James dagegen …

Unter dem Tisch strich er mit seinem Fuß an ihrem entlang. Ein erregendes, wonnevolles Prickeln durchlief sie von den Zehenspitzen bis zu ihrem Zentrum, breitete sich in ihrem Unterleib und sogar in ihren Brüsten aus. Sie wagte einen kurzen Seitenblick in sein Gesicht. Er lauschte den weitschweifigen Ausführungen seiner Mutter und schien sich der verheerenden Folgen der kurzen Berührung nicht bewusst.

Er weiß, was er tut! Das Schamlose Frauenzimmer kicherte. Lass ihn wissen, dass du es weißt.

Verstohlen strich Pompeia mit ihrem Fuß an seinem entlang.

„Die Schlafgemächer!“, entfuhr es der alten Lady Carling plötzlich.

Pompeia zuckte zusammen und zog eilig ihren Fuß zurück.

„Wovon sprichst du, Großmutter?“ James schlängelte seinen Fuß um ihren herum und hielt ihn gefangen.

„Clarabelle ist zu verwirrt, um an dergleichen zu denken. Eure Schlafgemächer liegen viel zu weit auseinander für Frischvermählte.“ Wieder verengte die alte Dame die Augen. „Pompeia muss umziehen. In das Zimmer neben deinem.“

„Eine ausgezeichnete Idee“, befand James prompt, während seine Mutter und seine Schwester einen unbehaglichen Blick wechselten. Der armen, unschuldigen Sally schien gar nicht wohl zu sein.

Pompeia begann, sich über die bevormundende Art der alten Dame zu ärgern. „Das wäre schön“, erwiderte sie indes vorbildlich beherrscht.

„Es gibt sogar eine Verbindungstür“, führte James’ Großmutter weiter aus.

„Stimmt“, schaltete Clarabelle sich ein. „Aber was ist mit den Gipsarbeiten? Ich glaube, sie sind noch nicht fertig.“

„Richtig.“ Sally wandte sich James zu. „Es gab Schimmelbefall an einer der Wände, darum lassen wir sie renovieren. Und nach den Stuckateuren kommen die Tapezierer.“

„Pompeia wird fürs Erste bleiben müssen, wo sie ist.“ Clarabelle lächelte bedauernd. „Aber nur für ein paar Nächte.“

„Ach was“, widersprach die alte Lady Carling. „Sie kann mit James das Bett teilen. Das hätte sie schließlich ohnehin getan.“

Sie winkte einen Lakaien herbei und befahl ihm, Pompeias Sachen in James’ Zimmer bringen zu lassen. „Guck nicht so schockiert, Sally“, wies sie ihre Enkelin zurecht. „Ich weiß, dass du nicht so unschuldig bist, wie du tust. Wie sonst sollen die beiden mir Enkelkinder bescheren?“

„Ja, wie sonst?“, murmelte James entnervt. „Wenn es dein Wunsch war, uns alle in Verlegenheit zu bringen, Großmama, ist dir das meisterhaft gelungen.“

„Ich bin nicht verlegen.“ Pompeia drehte sich zu ihrem Zweitagegatten und fuhr strahlend fort: „Vielleicht empfangen wir das heiß ersehnte Enkelkind ja sogar heute Nacht schon.“

Simon gab einen erstickten Laut von sich und bekam einen Hustenanfall. Nachdem er sich dafür, dass er mit nassen Haaren bei Tisch erschienen war, einen Tadel eingehandelt hatte, war er beim Essen ungewöhnlich einsilbig gewesen. Sally schlug ihm fest auf den Rücken.

„Wenn nicht, dann sicher nicht deswegen, weil wir es nicht versucht hätten.“ James lächelte sie verführerisch an.

Hektische Flecke erschienen auf den Wangen seiner Großmutter. „Dann hoffe ich auf einen Erfolg“, kommentierte sie knapp.

Für den Rest des Dinners bemühte Pompeia sich, ein Höchstmaß an Schicklichkeit an den Tag zu legen. Das war nicht gerade leicht angesichts der Tatsache, dass das Schamlose Frauenzimmer ständig an James dachte, seinen verlockend männlichen Duft in der Nase hatte, die Wärme spürte, die sein Körper ausstrahlte, und sich nur mit Anstrengung davon abhalten konnte, ihn zu berühren. Oder sein Krawattentuch zu lösen und die pulsierende Ader an seinem Hals zu küssen. Die Finger unter sein Hemd schlüpfen zu lassen. Nein, ihm das Hemd auszuziehen und sich mit nackten Brüsten an seinen breiten Brustkorb zu pressen.

Glücklicherweise waren Pompeias Brüste sicher unter dem Mieder verborgen und ihre Hände mit Messer und Gabel beschäftigt. Trotzdem gingen ihre Gedanken eigene Wege: Zu den Küssen, die sie geteilt hatten, und der Frage, was geschehen wäre, wenn man sie nicht gestört hätte. Sie war nicht sicher, was James wollte, abgesehen vom Offensichtlichen, aber sie wusste genau, was sie gern getan hätte. Das Schamlose Frauenzimmer beschwor Bilder von ihm herauf, wie er nackt zwischen zerwühlten Laken lag und sie genussvoll aus ihren Kleidern schälte. Die Szenen, die zeigten, wie er sie überall küsste und an sich presste, waren so lebhaft, dass Pompeia beinahe meinte, seine erhitzte Haut an ihrer zu spüren. Sie stellte sich vor, wie sie sich in jeder nur denkbaren Position vereinigten … und auch wenn sich ein paar von den Stellungen vermutlich als undurchführbar erweisen würden, schienen sie ihr doch wert, ausprobiert zu werden.

Und genau das würde sie auf jeden Fall tun.

„Pompeia?“

James’ Stimme brachte sie abrupt auf den Boden der Tatsachen zurück. Sie zuckte zusammen und wurde rot. „Entschuldigung. Ich war mit meinen Gedanken weit weg.“

Er grinste wissend, und die Röte auf ihren Wangen vertiefte sich.

„Wir sprachen über die kommende Saison“, klärte er sie auf. „Wir werden uns häufig bei gesellschaftlichen Anlässen zeigen müssen, zumal, da Sally dieses Jahr debütiert. Was hältst du davon, wenn wir uns gleich nach Großmutters Abreise nach Tunbridge Wells in die Hauptstadt begeben, damit du die Modistin meiner Mutter aufsuchen kannst?“

„Eine ausgezeichnete Idee!“ Pompeia kämpfte die Wehmut und – ja, sie musste es zugeben – den Neid nieder. Wie gern wäre sie wirklich eine respektable Ehefrau gewesen, die sich auf die Londoner Saison vorbereitete!

„Wells …“, sagte die alte Lady Carling gedankenverloren. „Wusste ich doch, dass ich den Namen schon einmal gehört habe. Pompeia Wells!“

Alle Köpfe wandten sich ihr zu, und Pompeia schlug das Herz bis zum Hals. Sie würde niemals irgendetwas Respektables sein.

Die alte Lady Carling hatte ein grimmiges Lächeln aufgesetzt. „Kennst du sie?“

Eine unnatürliche Ruhe senkte sich über den Raum. „Sie war meine Urgroßmutter.“

„Tatsächlich?“ Im Ton Ihrer Ladyschaft lag Entrüstung. „Ganz London tuschelte über sie in dem Jahr, als ich in die Gesellschaft eingeführt wurde.“

„Du hast Gerüchten Gehör geschenkt?“ Simon hob eine Braue. „Ich bin schockiert, Großmama.“

„Werd nicht impertinent“, wies die alte Dame ihn in die Schranken und wandte sich Pompeia zu. „Also, Pompeia?“

„Ich habe sie nur als Kind gekannt“, erwiderte Pompeia resigniert. Sie fragte sich, weshalb es ihr überhaupt wichtig war, sich zu rechtfertigen. Immerhin spielte sie die Rolle der sittsamen Ehefrau bloß. Im Übrigen war sie entschlossen, sich jeder Ausschweifung mit James hinzugeben und sie zu genießen. „Sie kam jedes Jahr zu Besuch, und als sie nicht mehr reisen konnte, bestand sie darauf, dass meine Eltern mich zu ihr brachten, wenn sie mich sehen wollte.“

„Skandale gibt es in jeder Familie“, sagte Clarabelle nachsichtig. „Wie gut, dass Ihre nicht versucht hat, diesen zu vertuschen.“

Pompeia lachte freudlos. „Oh, meine Eltern hätten genau das gerne getan.“

„Zweifelsohne!“ Die alte Lady Carling nickte. „Pompeia bekam zwei uneheliche Kinder von einem deutschen Prinzen, ehe sie schließlich einwilligte, Lord Wells zu heiraten.“ Die alte Dame rümpfte die Nase. „Wenn deine Eltern sie missbilligten – und zu Recht, wie ich betonen möchte –, weshalb benannten sie dich nach ihr?“

„Geld“, sagte Pompeia rundheraus. Simon bekam einen Lachanfall.

„Hör auf!“, bellte seine Großmutter ihn an und richtete ihren durchdringenden Blick abermals auf Pompeia. „Was heißt das?“

„Meine Urgroßmutter hatte meinem Vater in Aussicht gestellt, seine Schulden zu bezahlen, wenn ich nach ihr benannt würde. Außerdem trug sie jährlich eine bestimmte Summe zu den Familienfinanzen bei, solange meine Eltern den Beweis erbrachten, dass sie mich auch im Alltag tatsächlich Pompeia riefen.“

„Was dich zur fleischgewordenen Erinnerung an den Skandal gemacht hat. Dein ganzes Leben lang.“ Die alte Dame wirkte aufrichtig betroffen. „Du armes Kind.“

Ein vertrauter Schmerz wallte in Pompeia auf. Genau dasselbe hatten ihre Eltern ihr einzureden versucht, und sie weigerte sich bis heute, es zu glauben. Sie rief sich den Satz in Erinnerung, den sie jedes Mal äußerte, wenn ihre skandalöse Vorfahrin erwähnt wurde. „Welchen Fehltritt sie in ihrer Jugend auch begangen haben mag, sie war eine liebenswürdige alte Dame und mir sehr zugetan.“

„Vielleicht wollte sie klarmachen, dass nicht so sehr der Name zählt, sondern die Person, die ihn trägt“, schlug James vor. „Sie muss eine starke Frau gewesen sein, wenn sie einen solchen Skandal überstanden hat.“

Seine Großmutter schnaubte wenig damenhaft. „Wells war vernarrt in sie. Sonst hätte er sie nicht geheiratet und ihr gesellschaftliche Akzeptanz verschafft. Obwohl sie trotzdem niemand empfing.“

Wut kochte in Pompeia hoch. Was hatte ihre Urgroßmutter erdulden müssen! Sie atmete tief durch und mahnte sich, ruhig zu bleiben, schon allein um Sallys willen. Doch auch wenn sie gerade eine Lüge lebte, sah sie sich außerstande zu heucheln, wenn es um ihre Urgroßmutter Pompeia ging. „Sie war in der Tat eine beeindruckende Frau, und ich mochte sie von Herzen gern. Von ihr habe ich gelernt, tolerant und freundlich und humorvoll zu sein. Sie legte mir ans Herz …“ Ich selbst zu sein.

Das hatte sie völlig vergessen.

„Was?“, fragte Clarabelle gespannt.

„Sie führte mir vor Augen, dass jeder Mensch unausweichlich Fehler begeht, und beschwor mich, dass ich den Urteilen anderer keine Macht über mich einräume, wenn ich meine begehe.“

Unter dem Tisch schloss James fest seine Hand um ihre. Simon trank sein Glas Wein aus. Alle schwiegen, doch Sally und Clarabelle sahen aus, als wollten sie etwas sagen.

„Ein erstaunlich guter Ratschlag – aber außerordentlich schwer zu befolgen“, meinte die alte Lady Carling schließlich. Sie wirkte geistesabwesend, schien mit den Gedanken weit weg.

Die anderen Familienmitglieder tauschten verblüffte Blicke. Dann ging James ein Licht auf. „Du warst selbst in einen Skandal verwickelt, Großmama?“

„Unglaublich.“ Simons Augen leuchteten. „Erzähl uns davon.“

„Es ist besser, die Vergangenheit ruhen zu lassen.“ Die alte Dame bedachte Sally mit einem strengen Blick. „Und am besten ist es, wenn man erst gar keine Fehler macht.“

Nach dem obligaten Port, den Simon und er sich im Anschluss an das Dinner genehmigten, gesellte sich James zu den Damen – voller Vorfreude auf die bevorstehende Liebesnacht und erstaunt darüber, wie gut Pompeia sich in sein Leben und seine Familie einfügte. Sie wirkte völlig entspannt, wie sie dasaß und zusammen mit Sally ein Modejournal durchblätterte. Nebenher schlug sie seiner Mutter die Maschen für einen Schal an, der anscheinend leichter zu stricken war als Socken, und plante mit seiner Großmutter, später eine Runde Backgammon zu spielen, worauf diese sich wirklich zu freuen schien.

Anscheinend hatte sich der unbedachte Jüngling, der er vor vier Jahren gewesen war, jener Jüngling, der unrettbar in ihren Bann geraten war, nicht geirrt.

Als sich Pompeia und die Großmutter zum Backgammon setzten, nutzte Sally den günstigen Moment, um James beiseitezunehmen. „Was sollen wir tun?“, flüsterte sie aufgeregt. „Du und Pompeia könnt unmöglich ein Zimmer teilen.“

James hob eine Braue. „Willst du, dass dein Täuschungsmanöver Erfolg hat?“

„Nicht um den Preis von Pompeias Tugend.“

„Das hättest du früher bedenken sollen.“ Dann erfasste ihn Mitleid. „In meinem Ankleidezimmer steht eine Pritsche. Pompeias Tugend ist nicht in Gefahr.“

„Und ob sie das ist! Großmama wird glauben, dass ihr das Bett geteilt habt, und es wird Gerede geben.“ Sally biss sich auf die Lippe. „Pompeia ist so tapfer.

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