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HISTORICAL SAISON BAND 17

ELIZABETH BEACON

Zähmung einer widerspenstigen Lady

Die Jagd ist eröffnet! Zahlreiche Debütantinnen reißen sich darum, die zukünftige Gattin des begehrten Duke of Dettingham zu werden. Aber er interessiert sich nur für die eigensinnige Jessica Pendle. Ihre störrische Art spornt ihn zu Höchstleistungen an. Bis sie das Einzige von ihm verlangt, das er niemals verschenken will: sein Herz.

ISABELLE GODDARD

Sinnliche Sommernachtsträume

In vollen Zügen genießt die Spanierin Domino da Silva den Sommer in Brighton, bevor sie in ihrer Heimat verheiratet werden soll: Rauschende Soireen, Spaziergänge am Meer, faszinierende Kunstausstellungen. Doch als der skandalumwitterte Joshua Marchmain sie auf einem Ball leidenschaftlich küsst, ist ihr bislang makelloser Ruf in höchster Gefahr …

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Zähmung einer widerspenstigen Lady

1. KAPITEL

Und du bist dir ganz sicher, Eugenia? Der Duke of Dettingham hat den hinreißenden Mr Richard Sea­borne, für den wir alle immer so geschwärmt haben, entführt oder sogar getötet?“, fragte eine junge Dame entsetzt. Um sie herum drängten sich Debütantinnen, die schon neugierig die Ohren spitzten. Es war einer der letzten Bälle der Londoner Saison.

„Allerdings! Die Gentlemen schließen schon Wetten darüber ab, wie er es geschafft hat, so lange ungestraft davonzukommen, Lottie“, flüsterte ihre aufgeregte Informantin so gewichtig, als verkünde sie das Evangelium. „Natürlich wurde nichts in die Wettbücher geschrieben, da der Duke jeden herausfordern müsste, der ihm die Schuld an einem solch fürchterlichen Verbrechen geben würde! Und er ist ein ausgezeichneter Schütze. Er würde wohl kaum davor zurückschrecken, jeden Gentleman niederzuschießen, der tollkühn genug wäre, ihn zu beschuldigen, sollte er tatsächlich seinen Erben auf diese hinterlistige Weise beseitigt haben.“

„Dennoch ist der Duke faszinierend“, meinte Lottie wehmütig. „Seine Art, uns alle wissen zu lassen, dass es ihn nicht im Geringsten kümmert, was wir von ihm halten, lässt mein Herz schneller schlagen. Und wenn er mich dann auch noch mit seinen strahlenden smaragdgrünen Augen zufällig ansieht … Oh, schon bei dem Gedanken daran kann ich dann kein klares Wort mehr herausbringen.“

„Ich habe kein Interesse an diesem gewissenlosen Lebemann“, bemerkte Eugenia steif.

„Ach was! Früher hättest du deine beste Perlenkette dafür gegeben, nur ein einziges Mal mit ihm tanzen zu können – und deine Seele verkauft für alles andere.“

„Was nur bedeutet, dass ich nun weiß, was für ein hartherziger, gefühlloser Mensch er tatsächlich ist“, verteidigte Eugenia sich verärgert.

„Und wie sehr du dir wünschst, er hätte auch bei dir einmal den Wüstling herausgekehrt“, beharrte Lottie.

„Nur, um eines Tages von ihm ermordet zu werden, sobald er meiner überdrüssig geworden wäre? Wohl kaum“, erwiderte ihre Freundin kühl und entfernte sich, um woanders ihr Gift zu verspritzen.

Jessica Pendle war es noch nie schwerer gefallen, still zu bleiben und kein Wort zu äußern.

„Jessica!“

Sie spürte den strengen Blick ihrer Mutter auf sich, die verhindern wollte, dass Jessica empört aufsprang und jenes bösartige Weib öffentlich beschuldigte, welches auf so niederträchtige Weise versuchte, das Ansehen von Jack Seaborne, dem Duke of Dettingham, in den Schmutz zu ziehen.

Jack und sein Cousin Richard würden sich selbst dann nichts Böses antun, wenn ihr Leben davon abhinge. Und jeder, der sie auch nur ein wenig kannte, würde das sofort beschwören. Andererseits wusste Jessica natürlich, dass eine unverheiratete Dame – selbst eine in fortgeschrittenem Alter, so wie sie – keinen Mann verteidigen durfte, der nicht mit ihr verwandt war, ohne alles nur noch schlimmer zu machen.

„Tu einfach so, als hättest du sie nicht gehört“, drängte Lady Pendle sie sanft.

„Es ergibt ja nicht einmal Sinn“, sagte Jessica verwirrt. „Jack ist doch bereits der Duke, warum sollte er jemand umbringen müssen, um seine Position zu sichern, noch dazu seinen Cousin? Glauben die denn, Jack wird jetzt Jagd auf jeden männlichen Seaborne im ganzen Land machen, um seine vermeintlichen Rivalen auszuschalten?“

„Du denkst doch wohl nicht, dass solch unverbesserliche Klatschmäuler sich Gedanken darüber machen, ob die Geschichten, die sie verbreiten, wahrscheinlich sind oder nicht, mein Liebling. Aber meinst du denn, wir können Jack dadurch helfen, dass wir uns seinetwegen in einen Kampf stürzen?“

„Nein, sicher nicht“, gab Jessica zu. „Aber gerade diese Frau ließ keine Tricks aus, um Jack in die Ehe zu locken, als wir damals in die Gesellschaft eingeführt wurden. Falls er entschlossen wäre, jemanden zu ermorden, dann doch wohl eher sie.“

„Eine verschmähte Frau kann in der Tat sehr gefährlich werden. Aber lass uns zu Hause darüber reden, wo uns niemand belauschen kann. Außer Papa … wenn er gerade in der Stimmung sein sollte, sich an unseren Gesprächen beteiligen zu wollen. Hier und jetzt allerdings müssen wir vorgeben, nichts gehört zu haben“, riet ihre Mutter eindringlich.

„Jack ist ein Ehrenmann. Auch wenn er manchmal eine Arroganz an den Tag legt, dass es mir in den Fingern juckt, ihm eine Ohrfeige zu geben. Doch niemals wäre er zu einem Mord fähig, so viel weiß ich.“

„Du lässt dich aber auch schnell von seinen Neckereien herausfordern, mein Liebling, und das beflügelt ihn nur“, mahnte ihre Mutter.

Zu Jessicas Erstaunen ärgerte Jacks selbstherrliches Gehabe weder ihre Familie noch seine.

„Es besteht keine Notwendigkeit für ihn, sich mir gegenüber so aufzuspielen und den Lebemann herauszukehren. Es ärgert mich aber auch, dass ich von niemandem erfahre, was er eigentlich so treibt, seit er aus Oxford zurück ist“, beschwerte sie sich missmutig. Ihre Mutter warf ihr nur einen belustigten Blick zu.

„Manchmal klingst du genau wie Jacks Großmutter, meine Liebe.“ Ihre Mutter schenkte ihr ein Lächeln, das Jessica misstrauisch machte. Vor allem war sie jedoch entsetzt über diese Bemerkung.

„Das meinst du nicht wirklich so, oder?“ Sie zuckte bei der bloßen Vorstellung zusammen, jener fürchterlichen alten Dame in irgendeiner Weise ähnlich zu sein. „Na gut, ich werde in Zukunft netter zu ihm sein“, fügte sie mit Nachdruck hinzu und fragte sich verwundert, warum ihre Mutter so selbstzufrieden aussah.

Bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, gab es einen kleineren Aufruhr am Eingang zum Ballsaal. Offenbar trafen gerade wichtige Gäste ein, denn entzücktes Gemurmel erfüllte den Raum. Jessica erkannte schon bald den Grund dafür. Der Duke of Dettingham höchstpersönlich kam gleich darauf so ungezwungen hereingeschlendert, als würde er einen Spaziergang in seinem eigenen Garten machen. Mit der ihm ganz eigenen lässigen Eleganz verbeugte er sich vor der Gastgeberin, ein verschmitztes Grinsen um die Lippen. Und jene nicht mehr ganz so junge Dame errötete wie eine Debütantin und erwiderte sein Lächeln, als er ihr die Hand küsste.

Jessica beobachtete stirnrunzelnd, wie Jack sich auf seine gewohnt unbekümmerte Art in eine Gesellschaft begab, die ihm eigentlich nicht wohlgesonnen war. Im Grunde sollte er aussehen wie jemand, der sich im Dunkeln angekleidet hat, so wenig Aufmerksamkeit wie er seiner Erscheinung schenkte. Stattdessen wirkte er in seinem nicht ganz auf den Leib geschneiderten Rock und dem achtlos gebundenen Krawattentuch so elegant und verwegen, dass selbst die modebewussten jungen Männer des ton sich bemühten, seinem Beispiel nachzueifern … Was ihnen nach Jessicas Meinung allerdings nicht gelang.

Inzwischen war der Duke of Dettingham dabei, die versammelte Gesellschaft zu begutachten, bis er in der Menge einige Freunde entdeckte und sich einen Weg zu ihnen bahnte. Allerdings musste man nicht fürchten, ihn aus den Augen zu verlieren, dachte Jessica aufgebracht. Jeder wandte den Kopf nach ihm um und begrüßte ihn freudig – auch die Menschen, die sich gerade eben noch über ihn und seinen vermissten Erben das Maul zerrissen hatten.

Jack Seaborne gehörte allerdings zu einer aristokratischen Familie, deren Mitglieder in der Gesellschaft sehr angesehen waren. Und obwohl über ihn getuschelt wurde, war er sogar noch größer, schöner und intelligenter als die meisten anderen Seabornes. Wahrscheinlich war er deshalb auch ein wenig arroganter und herrischer als seine Verwandten. Dennoch glaubte Jessica nicht, dass irgendeiner von ihnen aus Neid eine so niederträchtige Geschichte über Jack und Rich in Umlauf bringen würde, um ihm auf diese Weise zu schaden.

Da Jack sich offensichtlich keine Gedanken darüber machte, ob die Gesellschaft ihn akzeptierte oder nicht, zwang Jessica sich, auch nicht weiter über den Klatsch nachzudenken. Stattdessen konzentrierte sie sich darauf, ihre Gefühle in den Griff zu bekommen. Denn jedes Mal, wenn Jack in ihrer Nähe erschien, begann ihr Herz, aufgeregt zu klopfen, und sie wurde von einer seltsamen Hitze ergriffen. Natürlich musste sie es um jeden Preis vermeiden, diese beschämenden Empfindungen offen zur Schau zu tragen … Schließlich ist er nur einer von vielen, versuchte sie sich einzureden. Es gab genug andere attraktive Männer, die von hohem Rang waren und großen Einfluss in der guten Gesellschaft ausübten. Jack ist gar nichts Besonderes, sagte Jessica sich, doch tief in ihrem Innern wusste sie, dass keiner seine Gelassenheit besaß, seine verflixt verführerische, von der Natur gegebene Ausstrahlung. Die wäre ihm selbst dann eigen gewesen, wenn er mit sechzehn Jahren ein Hausknecht geworden wäre und kein Duke!

Damals war Jessica ein trauriger kleiner Wildfang gewesen und hatte sich nichts sehnlicher gewünscht, als an Jacks und Richards wilden Ausritten und sonstigen Unternehmungen teilzunehmen. Allerdings war es ihnen meistens gelungen, ihr zu entkommen. Jetzt erinnerte sie sich an das zwölfjährige Mädchen aus jener Zeit, das hartnäckig bergauf und bergab nach ihnen gesucht hatte, bis die beiden Freunde kurz vor Einbruch der Dunkelheit wieder nach Hause gekommen waren. Gewiss wäre ihr jetzt vor Scham die Röte in die Wangen gestiegen, doch Jessica hatte gelernt, sich zu beherrschen.

„Richard hatte immer entsetzliche Angst gehabt, Jack könnte etwas zustoßen und er müsste dann den Titel und die Verpflichtungen eines Dukes auf sich nehmen“, sagte sie leise zu ihrer Mutter, sodass diese sie erschrocken ermahnte, jetzt nicht einmal an solche Dinge zu denken.

„Erinnere dich bitte, wo du dich befindest, bevor du anfängst, von dem vorzeitigen Hinscheiden deines sehr guten Freundes zu sprechen, Jessica.“

„Das meinte ich doch gar nicht, und außerdem schenkt mir sowieso niemand die geringste Aufmerksamkeit. Sie sind alle viel zu sehr damit beschäftigt, sich von Jack faszinieren oder schockieren zu lassen, als dass sie einem kleinen Niemand wie mir zuhören würden.“

„Du setzt dich immer viel zu sehr herab“, tadelte ihre Mutter.

Jessica vernahm den besorgten Ton in ihrer Stimme und gab sich Mühe, eine fröhliche Miene aufzusetzen, während ihr keineswegs entging, dass Jack durch den Raum schlenderte, als gehörte er ihm.

Sie brachte es sogar fertig, ein mühsames Gespräch mit einem jungen Gentleman zu führen, der politische Ambitionen besaß und eine Gattin suchte, die über gute gesellschaftliche Beziehungen verfügte. Jessica war von vornehmer Geburt und sogar mit vielen Mitgliedern des ton verwandt, fragte sich aber dennoch, warum dieser schwerfällige Mr Sledgeham glaubte, sie könnte diese Gattin sein. Mit ihren dreiundzwanzig Jahren war sie schon fast eine alte Jungfer und das achte Kind ihrer Eltern, die weder reich noch mächtig genug waren, um besonders erstrebenswerte Schwiegereltern abzugeben. Darüber hinaus war ihr linker Fußknöchel verletzt worden, sodass sie seitdem leicht hinkte.

Andererseits besaß sie ein bescheidenes Vermögen, das ihre Großtante ihr in dem Glauben hinterlassen hatte, Jessica würde unverheiratet bleiben und es somit brauchen. Sonst ließ sich zu ihren Gunsten nur noch sagen, dass ihr Vater ein Viscount war und ihre Patentante die angeheiratete Lieblingstante des Duke of Dettingham. Glücklicherweise mochte Jessica den armen Mr Sledgeham nicht genug, um seinen unverhohlenen Ehrgeiz bewundernswert zu finden.

„Was sagen Sie also dazu, Miss Pendle?“, fragte der fehlgeleitete Gentleman plötzlich, und Jessica wurde sich bewusst, dass sie nicht die geringste Ahnung hatte, worüber sie sich gerade unterhielten.

„Danke, nein“, brachte sie in ihrer Verzweiflung hervor, und die Antwort schien gut genug zu passen, da er nur leicht enttäuscht wirkte.

„Kann ich Ihnen dann wenigstens eine Erfrischung bringen, Lady Pendle?“, erkundigte er sich daraufhin höflich bei ihrer Mutter, und Jessica atmete erleichtert auf.

„Nein, aber vielen Dank für das Angebot und Ihre Gesellschaft, Mr Sledgeham“, erwiderte ihre Mutter freundlich, aber nachdrücklich, sodass er sich gehorsam entfernte.

Jessica blieb kaum Zeit, einen Schauder zu unterdrücken bei der bloßen Vorstellung, ein Leben mit einem solchen öden Langweiler verbringen zu müssen – da erschien plötzlich Jack Seaborne höchstpersönlich neben ihr, und es war, als wäre Mr Sledgeham nie hier gewesen. Ihr Herz schlug heftig, und es kostete sie einige Mühe, ruhig zu bleiben. Es war nur zu erwarten gewesen, dass Jack zu ihnen kommen und sie höflich begrüßen würde, da er heute Abend entschlossen zu sein schien, sich von seiner besten Seite zu zeigen. Lady Pendle war eine alte Freundin seiner Tante Melissa und Jessica ihre Patentochter, also konnte er schließlich nicht einfach an ihnen vorbeigehen, als wären sie lediglich flüchtige Bekannte – obwohl sie mittlerweile wirklich nicht mehr als das waren.

Jack reichte ihr ein Glas Limonade, ohne sie zu fragen, ob sie überhaupt welche wollte. Dann nahm er seelenruhig auf dem Stuhl zwischen ihrer Mama und ihr Platz.

„Euer Gnaden“, begrüßte Jessica ihn, nickte knapp und murmelte etwas vor sich hin, das der Dank für die Limonade sein könnte, wenn Jack es vorzog, sich das einzureden.

„Miss Pendle“, erwiderte er mit leichtem Spott. „Ich hoffe, Sie erfreuen sich guter Gesundheit und gehobener Stimmung?“, erkundigte er sich, als würde er mit einer mindestens zwanzig Jahre älteren Frau sprechen.

„Es geht mir sehr gut, danke“, antwortete sie in ungnädigem Ton.

Schon immer hatte er Spaß daran gehabt, sie in aller Öffentlichkeit herauszufordern und dann voller Schadenfreude zu beobachten, wie sie um Fassung rang. Es war ärgerlich und eines Gentleman nicht würdig, und Jessicas Blick machte deutlich, was sie davon hielt. Jack allerdings lächelte nur und streckte zufrieden die langen Beine aus. Seine männliche Ausstrahlung war so überwältigend, dass sie sich wünschte, er wäre ganz am anderen Ende des Ballsaals. Mit seinem mitternachtsschwarzen Haar, das so verführerisch im Kerzenlicht schimmerte, dem vollkommen geformten, sinnlichen Mund und den schelmischen grünen Augen war er wohl die Antwort auf die Gebete der meisten jungen Frauen – aber Jessica wusste, dass sie sich solche Träume nicht erlauben durfte.

Wenn auch nur mühsam, gelang es ihr, sich einzureden, dass es sich bei ihm lediglich um einen Gentleman handelte, der kurz mit ihnen plaudern wollte. Sonst hätten ihre Wangen sich vor Aufregung womöglich ebenso gerötet wie die so vieler junger Mädchen, die ihn heute Abend anhimmelten. Bei dem Gedanken daran, wie er sich vor sie hinknien und ihr einen Antrag machen könnte, schnürte sich ihre Kehle zu. Denn Jessica wusste, dass Jack Seaborne sie niemals heiraten würde.

„Das ist schön“, bemerkte er so fröhlich, dass sie ihm einen misstrauischen Blick zuwarf, „denn ich möchte Sie zu einer Gesellschaft einladen, die meine geliebte Tante entschlossen ist, diesen Sommer auf Ashburton abzuhalten. Wir hoffen sehr, Sie und ihre reizende Mama einschließlich ihres nicht ganz so reizenden Papas werden geneigt sein, uns zwei Wochen lang in Herefordshire Gesellschaft zu leisten. Und zwar sobald dieses Fiasko von einer Saison endlich vorüber ist.“

Er war plötzlich sehr ernst geworden, und sein Blick ruhte mit einem seltsam flehenden Ausdruck auf ihr. Jessica rief sich insgeheim zur Ordnung. Sie musste sich irren. Schließlich war er der begehrteste Junggeselle im ganzen Land, und sie war … wie sie nun einmal war.

„Sie werden so willkommen sein wie die Blumen im Frühling“, setzte er sein schamloses Schmeicheln fort. „Sie gehören zu den wenigen, die mit mir reden wie mit einem Menschen, nicht wie mit einem Duke. Wollen Sie uns die langen Tage nicht mit Ihrer Anwesenheit versüßen?“

„Wenn ich mir einer Sache sicher bin, Euer Gnaden“, zwang Jessica sich zu antworten, obwohl sie ihm am liebsten jeden Wunsch erfüllen würde, wenn er sie so ansah, „dann, dass Sie sehr wohl in der Lage sind, allein auf sich achtzugeben.“

„Dieses Mal nicht, Prinzessin. Ich habe die böse Vorahnung, dass mein Drachen von Großmutter angeordnet hat, ich müsste schnellstens heiraten. Immerhin gehe ich auf die dreißig zu und werde wohl schon bald an Altersschwäche zu leiden haben“, fügte er mit einem Anflug von Bitterkeit hinzu, der Jessica aufhorchen ließ.

Sie betrachtete ihn etwas aufmerksamer, als sie bisher gewagt hatte, und bemerkte die feinen Linien um seinen festen Mund und die leichten Schatten unter den Augen, die von tiefer Anspannung und Müdigkeit zeugten.

„Wollen Sie sich nicht einige Wochen auf Ashburton zu uns gesellen und einer langweiligen Angelegenheit ein wenig Würze verleihen, Prinzessin Jessica?“, wiederholte er seine Bitte. „Nur Sie können mich vor den aufdringlichen kleinen Debütantinnen retten, die meine Tante auf mich angesetzt hat“.

Nicht ganz sicher, ob sie sich geschmeichelt oder gekränkt fühlen sollte, ärgerte sie sich vor allem über den Spitznamen. Seit seine Tante ihr nach ihrem Unfall das Queen-Zimmer im Erdgeschoss zur Verfügung gestellt hatte, um ihr das Treppensteigen zu ersparen, nannte er sie so.

„Ich hab Sie so oft gebeten, mich nicht so zu nennen, dass ich bald anfangen werde, es im Schlaf vor mich hinzumurmeln“, fuhr sie ihn bissig an.

„Versprechen Sie mir, dass Sie im Sommer nach Ashburton kommen, und ich werde mir die größte Mühe geben, es nicht wieder zu tun, Miss Pendle“, drängte er sie.

„Und Sie versprechen mir auch, dass Sie sich nicht über mich lustig machen werden?“

„Nie würde ich so etwas Unfreundliches tun.“ Er klang, als wäre schon der Gedanke unvorstellbar für ihn, und das trotz all der Hänseleien, die sie früher von ihm hatte hinnehmen müssen. „Sie werden ein geschätzter Gast sein, und sollte irgendjemand es wagen, Sie in einem anderen Licht zu sehen, wird er sich schon bald gezwungen sehen, woanders Unterkunft zu suchen.“

Seine Worte sollten eigentlich ihr Herz erwärmen. Warum war ihr also plötzlich nach Weinen zumute? Wahrscheinlich weil sie jetzt schon wusste, dass sie sich auf der Gesellschaft wie ein weiblicher Hofnarr fühlen würde. „Ich bezweifle sehr, dass Papa bereit sein wird, Winberry Hall zu verlassen, noch dazu während der Heuernte“, brachte sie scheinbar gelassen hervor.

„Er würde sich schon davon losreißen, wenn ihn nur das zu Hause halten würde, mein Liebes! Aber vergiss nicht, dass sein erstes Enkelkind auf dem Weg ist. Dein Vater ist ein sehr viel liebevollerer Vater und Großvater, als er vor aller Welt zugeben würde“, warf ihre Mutter lächelnd ein.

„Und wir können doch ebenso wenig fehlen, Mama. Es ist Rowenas erstes Kind, also wird sie uns sogar noch nötiger haben“, protestierte Jessica.

„Bis zur Geburt sind es noch viele Wochen, und Rowena ist so robust wie immer – auch wenn sie ihrem armen, gutgläubigen Gatten vorzumachen versucht, sie sei zerbrechlich und zart. Man sollte meinen, er hätte sie nach über einem Jahr Ehe durchschaut. Genau wie dein Papa ist auch er ein fürchterlicher Schwarzseher, aber ich gedenke nicht, mich wie eine besorgte Glucke zu benehmen, nur damit sie sich besser fühlen. Eine erholsame Woche auf Ashburton, bevor ich mich meinen Pflichten als Großmutter widme, klingt wundervoll. Also vielen Dank für die Einladung, Euer Gnaden“, sagte Lady Pendle in entschiedenem Ton.

Wie es aussah, würden Lord und Lady Pendle mit ihrer letzten unverheirateten Tochter diesen Sommer in Herefordshire verbringen, um dem Duke of Dettingham dabei zuzusehen, wie er seine Duchess aussuchte …

„Und ich danke Ihnen, denn mit Ihrer Anwesenheit werden Sie dem Ganzen Würze verleihen“, meinte Jack mit einem so charmanten Lächeln, das selbst einen zänkischen Drachen verzaubert hätte.

Jessica ertappte sich bei dem unfrommen Wunsch, der Duke möge von seiner Auserwählten abgewiesen werden, obwohl sie wusste, dass sie sich da zu große Hoffnungen machte. Jack Seaborne war eine Versuchung, der keine Frau widerstehen würde. Selbst Jessica fühlte, dass es ihr nicht möglich war, seinen charmanten Hilferuf zu ignorieren. Warum aber beugte er sich widerspruchslos dem Plan seiner Großmutter, ihn auf diese Weise zu verheiraten? Seine zynische, nüchterne Art hielt für gewöhnlich selbst die entschlossensten Mamas fern, und bis jetzt war er sorgfältig allen unerfahrenen jungen Damen aus dem Weg gegangen, so reizend sie auch sein mochten. Warum entschied er sich nun also doch zu heiraten, nach all der Mühe, die er sich gemacht hatte, um der Ehe zu entgehen? Leise seufzend über die Unergründlichkeit von Jack Seabornes Gedanken und Beweggründen, sagte Jessica sich, dass sie die Antwort ja nur allzu bald herausfinden würde.

„Vielleicht könnte ich wenigstens zu Hause bleiben … Nur für den Fall, dass Rowena mich braucht“, unternahm sie noch einen letzten verzweifelten Versuch, der Situation zu entkommen.

„Warum sollte sie? Jetzt da sie verheiratet ist, hat sie einen Gatten, der froh und sehr wohl in der Lage ist, sich um sie zu kümmern, und zwar sehr viel besser als Sie es je könnten. Wir andererseits brauchen Sie wirklich, Prinzessin! Wenn Sie also darauf bestehen, jemandem nützlich zu sein, warum dann nicht uns Seabornes?“, sagte der Duke mit einer nicht zu überhörenden Unnachgiebigkeit in der Stimme, die Jessica seltsam erschien. Es klang so, als wäre ihm ihre Anwesenheit wirklich wichtig, während er auf Brautschau ging – als müsste sie aus einem unersichtlichen Grund dafür in seiner Nähe sein.

„Sie brauchen mich nicht, und ich wäre bei einer solchen Zusammenkunft fehl am Platz“, beharrte sie. Irgendetwas in ihr warnte sie davor, sich in eine solche Lage zu bringen.

„Ganz und gar nicht“, entgegnete er scharf, und Jessica erschauerte, als sie dem herausfordernden Blick aus seinen grünen Augen begegnete.

„Ich bin keine unbedarfte kleine Debütantin“, sagte sie.

„Waren Sie denn jemals eine, Prinzessin?“, fragte er mit einem Lächeln, das ihre Entschlossenheit zu untergraben drohte.

„Nein, niemals. Und jetzt bin ich sogar noch weniger naiv als damals.“

„Ich denke, das ist uns allen bewusst.“

„Dann muss Ihnen ebenfalls bewusst sein, dass ich nicht zu der Art Menschen gehöre, die Sie auf Ashburton haben wollen, wenn Sie eine der geladenen Damen dazu überreden wollen, Ihre Duchess zu werden“, fügte sie unbedacht hinzu und wusste in dem Moment, als sie es ausgesprochen hatte, dass sie zu weit gegangen war.

Seine Augen schienen dunkler zu werden, und er verzog den Mund zu jenem hochmütigen Lächeln, das Jessica schon immer erbost hatte. Seine unausgesprochene Verachtung für ihre Offenheit wirkte ungemein einschüchternd auf sie. Jessica spürte, wie ihre Hände zu zittern begannen, und ihr stockte der Atem, während sie sich die Entschuldigung verbiss, die ihr bereits auf der Zunge lag.

„Vielleicht sind Sie ja genau die Richtige, um mich dazu zu verleiten, Ihr genaues Gegenteil zu suchen, Miss Pendle“, meinte er nach kurzem Schweigen, das alles irgendwie nur noch schlimmer machte.

Er war offenbar gekränkt und wütend, aber wenigstens hatte sie vor ihm verbergen können, wie schrecklich sie es fände, ihm dabei zusehen zu müssen, wie er einer schönen Debütantin den Hof machte und sie dann zur Frau nahm. Genau vor dieser Art von Situation hatte sie sich als Sechzehnjährige immer in Acht nehmen wollen. Aber konnte es sein, dass sie die alberne romantische Liebe von damals noch immer nicht ganz überwunden hatte? Wenn sie wirklich gegen ihren Willen würde zusehen müssen, wie ein unschuldiges Mädchen seinem Charme, seinem umwerfenden Aussehen und seiner unglaublichen männlichen Ausstrahlung erlag … dann wappnete sie sich am besten schon jetzt dagegen, so gut sie nur konnte.

„Ich bin bereits all das, was Ihre Duchess nicht sein wird“, erwiderte sie ausdruckslos. „Wozu also die Mühe?“

„Genau das werden Sie nie herausfinden, weil Sie sich viel zu gut in Ihrer Rolle als Märtyrerin gefallen, Prinzessin“, antwortete er geheimnisvoll.

„Sehr wahr“, unterbrach Lady Pendle ihn mit einem weisen Nicken, das Jessica vor Wut erröten ließ.

„In solchen Momenten sollte ich mich eigentlich auf die Unterstützung meiner Mutter verlassen können“, sagte sie mit all der Würde, die sie aufbringen konnte.

„Die wirst du immer haben, mein Liebes“, entgegnete Lady Pendle, „aber es wird höchste Zeit, dass du deine Flügel ausbreitest.“

„Obwohl sie gebrochen sind?“ In ihrer Entrüstung enthüllte sie ein wenig zu viel von ihren innersten Gefühlen.

„Unsinn! Sie haben Ihrem verletzten Knöchel schon immer zu viel Beachtung geschenkt“, sagte Jack ungeduldig.

„Und Sie haben sich noch nie so sehr geirrt, Euer Gnaden“, schnaubte sie.

„Nicht so sehr wie Sie, wenn Sie sich von einigen hohlköpfigen Narren dazu bringen lassen, Ihren wahren Wert zu verkennen“, fuhr er unverblümt fort. „Und wenn Sie es tun, sind Sie genau so hohlköpfig wie sie.“

„Ach, wirklich?“, entgegnete sie herablassend.

Jahrelang hatte sie auf verschiedenen Gesellschaften bemühte Gespräche und mitleidige Blicke erdulden müssen. Gleichzeitig war der Duke of Dettingham bei diesen Gelegenheiten immer von einer Traube eifriger junger Damen umringt gewesen. Diese Jahre hatten sie nur allzu sehr mit ihren Grenzen vertraut gemacht. Ein Mann, der nur mit dem Finger zu schnippen brauchte, damit ihm die unverheirateten Frauen im ganzen Königreich zu Füßen lagen, konnte sich über ihre Lage kein Urteil erlauben.

„Ja, wirklich“, antwortete er mit seiner gewohnten Überheblichkeit.

„Ich denke wenigstens nicht, dass ich das Recht habe, andere Menschen herumzukommandieren.“

„Wie leidenschaftlich Sie plötzlich sind, Miss Pendle. Könnte es sein, dass meine Fehler Ihnen doch wichtiger sind, als Sie bereit sind zuzugeben?“, fragte er schlau.

„Nein! Außerdem haben Sie so viele Fehler, ich bräuchte ein ganzes Leben, um sie alle aufzuzählen“, teilte sie ihm mit und zwang sich zu einem ausdruckslosen Lächeln. Niemand sollte ihr ansehen, wie wütend sie war.

„Wie gut Sie sich doch mit meiner Großmutter verstehen würden.“

Die Dowager Duchess of Dettingham war eine herrische, oftmals richtiggehend unhöfliche alte Dame. Unter anderen Umständen hätte Jessica vielleicht gelacht bei der Vorstellung, sie könnte ihr ähneln. Aber stattdessen musste sie an die Bemerkung ihrer Mutter von vorhin denken, die Jacks Worte fast genau wiedergaben, und plötzlich war ihr eher traurig zumute.

„Sehen Sie, es gibt also noch jemanden auf dieser Welt, der sich weigert, Sie kritiklos hinzunehmen“, verteidigte sie sich.

„Was den meisten aber nicht schwerfallen dürfte, mein Junge“, lenkte Lady Pendle ein und warf ihrer Tochter einen vorwurfsvollen Blick zu. „Sagen Sie Ihrer Tante Melissa, dass wir selbstverständlich kommen werden. Und sollte es mir gelingen, Pendle von seinem Besitz und unserer lieben Rowena fortzuzerren, wird auch er Ihnen zur Seite stehen.“

„Vielen Dank, Mylady. Ich bin Ihnen aufrichtig dankbar“, sagte er galant, und Jessica spürte den nicht sehr damenhaften Drang, ihn gegen das Schienbein zu treten – um zur Abwechslung einmal ihn davonhumpeln zu sehen, statt sich selbst immer nur so unbeholfen vorzukommen. Doch da gab ihre Mutter endlich das Zeichen zum Aufbruch, indem sie sich erhob. Auch Jack erklärte, ebenfalls die Gelegenheit nützen zu wollen und sich davonzuschleichen.

„Ich freue mich darauf, Sie wieder auf Ashburton zu begrüßen, Prinzessin“, meinte er zum Abschied, während er ihnen in die Kutsche half. Seine Fürsorglichkeit machte Jessica sogar noch zorniger.

„Sie werden mich unter so vielen schönen jungen Damen gar nicht bemerken“, erwiderte sie schroff.

„Ich bemerke Sie immer, Prinzessin“, sagte er, als müsste man ihm dazu gratulieren.

Und damit trat er zurück, ein unerträglich selbstgefälliges Lächeln auf dem attraktiven Gesicht, während der Diener die Tür der Kutsche zuwarf. Lässig winkend schlenderte der Duke weiter, ohne auch nur einen Spazierstock zu seiner Verteidigung bei sich zu führen. Wahrscheinlich pfeift er auch noch sorglos vor sich hin, dachte Jessica verstimmt. Genauso gut könnte er die auf der Lauer liegenden Straßenräuber persönlich einladen, ihn zu überfallen und auszurauben.

„Wenn du dein Wort immer so gewissenhaft halten würdest wie gerade eben, wären dein Vater und ich bald gezwungen, dich zu enterben“, sagte ihre Mutter gereizt.

„Was meinst du damit? Ich halte immer meine Versprechen“, verteidigte Jessica sich.

„Du hast vor nicht ganz einer halben Stunde geschworen, du würdest höflich zu Jack sein! Und dann verhältst du dich so kindisch, dass es einfach nur unangenehm ist.“

„Wahrscheinlich wirst du mich noch ohne Abendbrot zu Bett schicken“, spottete Jessica so ungerührt sie konnte. Aber insgeheim wusste sie, dass ihre Mutter recht hatte. Sie hatte sich von ihren widerstreitenden Gefühlen zu offener Unhöflichkeit mitreißen lassen, weil sie ahnte, wie sehr Jacks Heiratspläne ihre Welt auf den Kopf stellen würden. „Ich werde versuchen, von jetzt an meine Zunge im Zaum zu halten“, versprach sie und hoffte nur, sie würde sich während der zwei Wochen auf Jacks Gut auch daran halten können.

Jack Seaborne war sicherlich zu sehr Gentleman, um ihr die schlechte Laune übel zu nehmen, und sie bedeutete ihm nicht so viel, dass er sich die Mühe machen würde, über längere Zeit einen Groll gegen sie zu hegen. Er gehörte sowieso nicht zu den Menschen, die leicht gekränkt waren, und nach dem geplanten Besuch auf seinem Besitz würden sie sich nicht mehr sehen, außer vielleicht zufällig oder bei gelegentlichen Gesellschaften des ton. Jessica hatte sieben Geschwister und er fünf Cousins und Cousinen – eigentlich vier, wenn man von Rich absah – und eine Legion entfernter Verwandter, also würde es Taufen und Verlobungsbälle in Hülle und Fülle geben, bei denen auch Jessicas Familie anwesend sein musste. Doch sie, die jungfräuliche Tante, würde sich dabei ganz einfach unauffällig im Hintergrund halten.

Natürlich bedauerte sie jedes verblendete Mädchen, das sich von der Anziehungskraft des hinreißenden Duke of Dettingham täuschen ließ und sein wahres Wesen nicht erkannte. Jack Seaborne verfügte über einen tyrannischen Willen und eine unnachgiebige Entschlossenheit, das Leben all jener zu bestimmen, die ihm nahestanden – selbstverständlich nur zu deren Besten, wie er behauptete. Zweifellos würde er einen ausnehmend unbequemen Gatten abgeben. Dass Jessica dabei würde zusehen müssen, wie er seiner Braut den Hof machte, durfte sie nicht wie eine Qual empfinden. Es war lediglich eine weitere Pflicht, die sie hinter sich bringen musste, bevor sie sich aufs Land zurückziehen konnte. Dort würde sie vielleicht Schweine züchten oder auch Dampfmaschinen finanzieren und sich einen Namen als exzentrische vermögende Dame machen.

„Ist es etwa zu viel verlangt, ganze zwei Wochen höflich zu bleiben?“, fragte Lady Pendle spöttisch, sodass Jessica verlegen den Blick abwandte und aus dem Fenster blickte. „Außerdem sollst du nicht die alte Jungfer spielen, wenn die ganze Familie sich doch nichts anderes wünscht, als dass du dich gut unterhältst. Ashburton ist zu jeder Zeit wunderschön, aber im Hochsommer ist es dort besonders zauberhaft“, fuhr ihre Mutter fort, als könnte die Schönheit der Natur und des Familiensitzes der Seabornes Jessica über die Tatsache hinwegtrösten, dass sie sich ihrem Gastgeber gegenüber zusammenreißen musste.

„Es macht mir immer viel Freude, Tante Melissa und die Kinder zu besuchen“, erwiderte sie nur vage.

„Stimmt, es wird fast so sein wie in früheren Zeiten“, meinte Lady Pendle glücklich.

„Fast“, bestätigte Jessica trocken und dachte daran, wie hingebungsvoll sie Jack früher bewundert hatte und wie sie ihm immer auf dem Fuß gefolgt war … wie ein ergebenes kleines Hündchen.

Damals war sie davon überzeugt gewesen, dass sie füreinander bestimmt waren, und in ihren Träumen von einer märchenhaften Hochzeit und dem ewigen Glück hatte er immer die Rolle ihres Bräutigams eingenommen. Doch dann war sie eines Tages mit dem Lieblingspferd ihres Vaters mitten in einem heftigen Sommergewitter ausgeritten und hatte sich schwer verletzt. An den Folgen litt sie noch heute.

Vergiss deine Kindheitstorheiten, ermahnte sie sich und kam zu dem Schluss, dass in der stürmischen Familiengeschichte der Seabornes kein Paar weniger zusammengepasst hätte als Jack und sie. Der Sommeraufenthalt auf Ashburton würde ein angenehmes Zwischenspiel sein, bevor Jessica sich endgültig ihrer wahren Bestimmung widmete. Und zwar allein.

2. KAPITEL

Als sie Jack am folgenden Tag im Park spazieren gehen sah, erkannte Jessica plötzlich, warum ihr bei dem Gedanken an die geplante Gesellschaft so unbehaglich zumute war. Sie entdeckte ihn lange, bevor er den Landauer der Pendles bemerkte. Trotz der plaudernden Leute überall und der fröhlichen Zurufe seiner Freunde sah er einsam aus.

Und gleich darauf erkannte Jessica, warum er ihr so erschien – selbst jetzt noch erwartete sie, Richard an seiner Seite zu sehen. Die beiden Cousins waren als Jungen unzertrennlich gewesen und hatten auch als junge Männer viel zusammen unternommen. Plötzlich wurde ihr auch bewusst, warum Jack beschlossen hatte zu heiraten. Ein entsetztes Keuchen entfuhr ihr, das sie sofort in ein Hüsteln zu verwandeln suchte. Natürlich! Er hoffte, dadurch seinen Taugenichts von einem Erben wieder nach Hause zu locken. Denn wenn Richard feststellte, dass Jack verheiratet war, gab es auch kaum mehr ein Risiko für ihn, das Oberhaupt der Familie zu werden – und damit eine riesige Verantwortung übernehmen zu müssen.

Was für ein unromantischer Grund für eine Heirat! Am liebsten hätte sie Jack trotz der vielen Leute an den Kopf geworfen, welch ein Narr er doch war.

„Dummkopf“, sagte sie leise, weil er in diesem Moment bereits auf sie zugeschlendert kam. Es war, als hätten Jessicas finstere Gedanken ihn magisch angezogen.

„Dettingham“, begrüßte ihr Vater ihn herzlich.

„Euer Gnaden.“ Betont freundlich hielt ihre Mutter Jack zur Begrüßung die Hand hin, um in aller Öffentlichkeit deutlich zu machen, was sie von den letzten Gerüchten über den Duke hielt.

„Jack …“, brachte Jessica tonlos hervor und konnte sich gerade noch zurückhalten, um ihn nicht direkt anzuherrschen, was in aller Welt er sich eigentlich dabei gedacht hatte, seinen albernen Cousin auf diese hanebüchene Weise aus seinem Versteck aufscheuchen zu wollen.

„Wirklich, Jessica, ich habe dich zwar gebeten, freundlich zu ihm zu sein, aber in der Öffentlichkeit seinen Vornamen zu verwenden, geht ein wenig zu weit“, tadelte Lady Pendle sie geistesabwesend, da sie damit beschäftigt war, ihrem Gatten einen sanften Tritt vor das Schienbein zu verpassen. Irgendjemand musste ihn daran erinnern, dass er nicht so offen seine Freude zeigen durfte. Man merkte ihm an, dass er sich nichts Schöneres vorstellen konnte, als seine Tochter und den Duke of Dettingham in ein vertrauliches Gespräch vertieft zu sehen.

„Haben Sie Ihrer Mama wirklich etwas so Schwieriges versprochen, Prinzessin?“, fragte er mit diesem strahlenden Lächeln, das stets die seltsamsten Gefühle in ihr auszulösen drohte.

„Wenn ich es täte, würde ich ebenso schnell zum Lügner werden wie Sie, Euer Gnaden“, sagte Jessica mit einem vorwurfsvollen Blick. Jack schien entschlossen zu sein, unter keinen Umständen auf ihren verhassten Spitznamen zu verzichten.

Er verbeugte sich mit so übertriebener Eleganz, dass Jessica ein Kichern unterdrücken musste. Ausgerechnet jetzt, da es noch dieses ganz bestimmte Hühnchen mit ihm zu rupfen gab, kam ein Waffenstillstand zwischen ihnen überhaupt nicht in Frage.

„Ich entschuldige mich für meine Entgleisung, Miss Pendle, aber Ihr majestätischer Blick schafft es immer wieder, meine ohnehin schon armseligen Manieren noch zu verschlechtern“, entgegnete er etwas zu kleinlaut, um glaubwürdig zu sein.

„Wenn ich mir erlauben würde, eine solche Entschuldigung für meine Torheit vorzubringen, würde man mich sofort aus der guten Gesellschaft verbannen“, erklärte sie ihm streng.

„Dann muss ich mich in Zukunft noch schlechter benehmen, da ich mir nichts Angenehmeres vorstellen kann, als von den kleinlichen Pedanten des ton gemieden zu werden – am besten für den Rest meines Lebens.“

Jessicas Vater lachte laut auf, und mehrere Passanten drehten sich voller Neugier zu ihnen um. „Der Gedanke gefällt mir, mein Junge“, vertraute Lord Pendle ihm amüsiert an. „Vielleicht sollte ich es auch mal ausprobieren.“

„Nein, das wirst du nicht, wenn du es dir mit deiner Gattin nicht verderben willst“, erwiderte Lady Pendle leise, wohl in der Hoffnung, nur ihr Mann könnte sie hören.

Doch Jacks ausdrucksloser Miene nach zu schließen, hatte auch er die drohende Bemerkung gehört, und Jessica wünschte den Mann insgeheim ans andere Ende des Parks.

„Würden Sie gern eine Fahrt mit mir unternehmen, Pr… Miss Pendle?“, fragte er mit einer für ihn so ungewohnten Unschuldsmiene, dass Jessica ihn misstrauisch betrachtete. „Nun, Sie können nicht behaupten, ich würde mir keine Mühe geben“, fügte er mit einem Schulterzucken hinzu und einem Lächeln, auf das Jessica sofort hereinfiel. Sie stand schon auf, bevor ihr einfiel, dass er dieses Lächeln für jeden aufsetzte, von dem er sich einen Nutzen versprach.

„Und womit, wenn ich fragen darf?“ Sie ließ sich wieder auf die bequemen Kissen des Familienlandauers sinken.

„In meinem unsichtbaren Zweispänner?“, erwiderte er mit hochgezogenen Augenbrauen und einem jungenhaften Grinsen, das Jessica dieses Mal wirklich unwiderstehlich fand.

„Gute Idee“, sagte sie amüsiert.

„Wirklich, Prinzessin?“, fragte er, und es klang beinahe wehmütig.

„Ich dachte, wir wären uns einig wegen des Spitznamens“, zwang sie sich, ihn zu schelten.

„Tut mir leid, Miss Pendle, das ist mir nur so herausgerutscht. Ganz offensichtlich brauche ich mehr Übung, um es mir abzugewöhnen. Auf einer Kutschfahrt mit Ihnen könnte ich damit beginnen. Kommen Sie also mit mir? Ich kann auch mit einem fahrbaren Untersatz dienen, wie Sie dort drüben sehen können. Noch leide ich nicht an Wahnvorstellungen.“ Er wies auf eine prächtige Kutsche, die unter einer Gruppe von Bäumen nicht weit entfernt geparkt war.

Das Gefährt erregte bei den meisten Männern, die daran vorbeikamen, kaum verhohlenen Neid. Jessica fragte sich flüchtig, wer Jacks Aufmerksamkeit so erfolgreich auf sich gezogen hatte, dass er sich überhaupt erst von diesem wunderbaren Zweispänner herunterbemüht hatte. Doch hastig zwang sie sich, nicht an die schöne dunkeläugige Sirene zu denken, die Gerüchten zufolge Jacks heimliche Geliebte und gleichzeitig eine vornehme Dame des ton war. Seine amourösen Abenteuer gingen sie selbstverständlich nichts an … Aber sein lächerlicher Plan, Richard herzulocken, kam Jessica so falsch vor, dass sie wünschte, sie würde Jack wichtig genug sein, um ihn überreden zu können, davon abzulassen.

Jack schnipste energisch mit den Fingern, und der Zweispänner erschien trotz des Menschengewühls erstaunlich schnell neben ihm. Gleich darauf ließ sie sich schon von Jacks Stallmeister auf den Kutschbock helfen. Erst als sie oben saß, fiel ihr auf, dass sie dem Ausflug gar nicht zugestimmt hatte.

„Vielen Dank, Brandt“, sagte sie schließlich, nachdem sie sich so weit an Jacks aufregende Nähe gewöhnt hatte, dass ihr der Name seines Stallmeisters wieder einfiel.

„Es ist mir immer eine Freude, einer ehrenwerten Dame zu Diensten zu sein, Miss Pendle.“ Brandt war ein ernster Mann mittleren Alters, der wohl schon lange genug bei seinem Herrn diente, um kein Blatt mehr vor den Mund nehmen zu müssen. Offenbar hielt er nicht viel von den Damen, die den Duke normalerweise begleiteten. Jess verkniff sich ein Kichern. Man sah nicht oft, wie ein Duke von seinem Diener gescholten wurde.

„In der Tat“, erwiderte Jack gelassen und teilte Brandt dann mit, er könne als Strafe für seine Unverschämtheit zu Fuß nach Hause zurückkehren.

„Sehr wohl, Euer Gnaden“, sagte der Mann fröhlich und machte sich mit raschen Schritten auf den Weg, während Jack den Zweispänner in Bewegung setzte.

Nicht weit entfernt von seinem Haus am Grosvenor Square traf er seinen Knecht. Der Bursche warf seinem Herrn einen wissenden Blick zu, bevor er davonschlenderte. Sie musste schmunzeln.

„Wo in aller Welt haben Sie den aufgegabelt?“, fragte Jessica amüsiert.

„In einer der finstersten Gegenden Londons! Aber er wird der beste Jockey werden, den ich je hatte … wenn er endlich lernt, jenen zuzuhören, die mehr von der Kunst verstehen als er.“

„Also haben Sie einen Gossenjungen zu Ihrem Stallburschen ernannt?“, neckte sie ihn, fand sein Verhalten aber insgeheim liebenswert, ganz besonders im Vergleich zu der Art, wie die meisten Herrschaften mit ihren Dienern umgingen.

„Meine Dienerschaft ist sorgsam ausgewählt, Miss Pendle. Ein Stirnrunzeln genügt, und schon überschlagen sie sich in ihrem Eifer, meine Wünsche zu erfüllen.“

„Wie sehr die Dinge auf Ashburton sich doch verändert haben müssen“, meinte sie mit einem gespielten Seufzer. „Ich kann es kaum erwarten, das zu sehen.“

„Dann werden Sie herbe enttäuscht werden. Eigentlich habe ich dort nicht mehr viel zu sagen. Meine Angestellten sind davon überzeugt, dass sie den Haushalt sehr viel besser leiten als ich.“

„Und haben wahrscheinlich sogar recht“, lachte Jessica und sah ihm dabei zu, wie er geschickt seine Pferde durch den Verkehr lenkte.

„Wo fahren wir eigentlich hin?“ Sie hielt unwillkürlich ihren Hut fest und band die Bänder etwas straffer, als Jack seine Pferde mit einem lauten Schnalzen antrieb.

„Irgendwohin, wo die Pferde ihren Auslauf bekommen können und wir ein wenig frische Luft“, erwiderte er geistesabwesend, während er ein Fuhrwerk überholte, und bändigte seine nervösen Pferde, die beim Anblick eines Damensonnenschirms in einem zugegeben sehr giftigen Grünton zu scheuen drohten.

„Beschwören wir damit keinen Klatsch herauf?“, protestierte Jessica halbherzig.

„Gibt es nicht immer Klatsch?“, fragte er zynisch.

„Über Sie, ja“, stimmte sie zu. Aber ganz gewiss nicht oft über die hinkende, respektable Miss Pendle, fügte sie in Gedanken hinzu. Eine aufrührerische innere Stimme flüsterte ihr zu, dass es höchste Zeit wurde, den Klatschbasen ein wenig Futter für ihre lächerlichen Geschichten zu liefern – und einfach mal den Augenblick zu genießen.

„Außerdem werden doch wohl nicht einmal die Klatschmäuler glauben, dass Lord und Lady Pendle mir erlaubt haben, ihr Lämmchen vor ihren Augen zu entführen. Also beruhigen Sie sich, Prinzessin. Ich verspreche, Sie gesund und munter und mit verhältnismäßig unbeflecktem Ruf wieder zu Hause abzuliefern.“

„Da es mein letzter Auftritt in der guten Gesellschaft ist, macht es wohl auch nichts mehr aus, was die Leute über mich sagen werden“, antwortete Jessica achselzuckend.

„Was meinen Sie damit?“

„Das ist doch wohl offensichtlich.“

„Nicht für mich.“

„Ich bin eine alte Jungfer, und ich habe nicht die Absicht, weiter an Bällen teilzunehmen. Es kam mir schon immer unsinnig vor, dass alle nach London ziehen, obwohl es auf dem Land doch viel schöner ist. Und das nur, um die kostbare Sommerzeit bei viel zu großer Hitze auf langweiligen Gesellschaften zu verbringen. Noch dazu in einer Stadt, die im Frühling und Sommer wirklich unangenehm riecht.“

„Vielleicht stimmt das“, sagte er, „aber Sie sind viel zu jung, um schon jede Hoffnung aufzugeben. Nicht, dass Sie sich je auch nur die kleinste Mühe gegeben hätten, Aufmerksamkeit zu erregen, nicht einmal als Debütantin … Warum eigentlich?“

„Ist das nicht ebenfalls offensichtlich?“, fragte sie ungeduldig.

„Ich muss mich wiederholen: für mich nicht. Was entweder bedeutet, dass ich besonders dumm bin oder dass Sie sich irren. Wie verhält man sich am besten in einer Situation, in der eine Dame behauptet, Schwarz sei Weiß, wenn man ganz genau weiß, dass sie unrecht hat?“, überlegte er laut. Wie unerträglich selbstsicher er doch sein konnte!

„Sie könnten es ja mal mit Schweigen versuchen.“

„Ist das Ihre Methode, Jessica? Schüchtern Sie mit Ihrer stillen, skeptischen Art alle Ihre Verehrer ein, die Ihren hohen Erwartungen nicht entsprechen?“

Jetzt hält er mich also auch noch für eine hochnäsige Wichtigtuerin, der kein Mann gut genug ist.

„Welch hohe Meinung Sie doch von mir haben“, flüsterte sie bitter.

„Sie kann unmöglich geringer sein als Ihre eigene Meinung über sich“, gab er zurück und ließ seinen Pferden freien Lauf, sobald der Verkehr endlich dünner wurde.

Jessica versuchte, sich zu verteidigen.„Ich sehe die Dinge einfach, wie sie sind.“

„Wenn das der Fall wäre, wären Sie inzwischen Lady Sowieso oder die Countess von Irgendwo“, tadelte er, als kümmerte es ihn wirklich, dass sie unverheiratet war.

„Und Lord Sowieso oder der Earl von Irgendwo hätten wohl einfach die Tatsache übersehen, dass sie sich eine hinkende Frau aufgehalst haben, nehme ich an?“, warf sie bissig ein.

„Genau. Die Einzige, die sich weigert, das zu tun, sind Sie! Und ich begreife nicht, warum Sie ihr Leben damit vergeuden, allen Übrigen das Gefühl zu geben, glücklicher dran zu sein als Sie. Es ist fast eine Beleidigung für all diejenigen von uns, die Sie für das schätzen, was Sie wirklich sind.“

„Ich bin lahm, das ist die Wirklichkeit.“ Tränen stiegen ihr in die Augen.

„Sie hinken ein wenig, mehr nicht“, widersprach er ihr. „Es hätte so viel schlimmer kommen können, wenn man bedenkt, dass Sie einen Tag und eine Nacht verletzt im strömenden Regen gelegen haben. Sie hätten sterben oder für den Rest Ihres Lebens gelähmt sein können.“

„Ich habe nie geleugnet, dass es meine eigene Schuld gewesen ist“, sagte sie kleinlauter, als ihr selbst lieb war.

„Allerdings. Schließlich haben Sie nicht nur ein Pferd genommen, das zu wild für Sie war, sondern sind auch in einem Wetter losgeprescht, welches das arme Tier in Angst und Schrecken versetzen musste. Sie hatten damals ein hitziges Temperament und waren sehr eigensinnig – aber keiner von uns glaubte, Sie könnten absichtlich versuchen, sich und das unglückliche Tier zu verletzen. Wir kannten Sie gut genug. Und wir kannten auch Ihren Leichtsinn und Ihre Dickköpfigkeit. Zweifellos glaubten Sie, eine solch wagemutige Tat würde der Welt beweisen, dass Sie jedem Ihrer Brüder das Wasser reichen konnten. Wir waren ganz einfach nur erleichtert, dass Sie es überlebt haben! Warum können Sie sich nicht darüber freuen?“

„Sie wussten damals von meinem Verschwinden?“, fragte sie verblüfft.

„Ich achte immer auf Sie, Prinzessin!“ Er klang so ungeduldig, als müsse er sich zusammenreißen, sie nicht zu packen und zu schütteln, bis sie seinen Worten Glauben schenkte. „Damals zitterte ich immer bei der Vorstellung, welchen Unfug Sie angerichtet hatten, wenn Sie wieder einmal verschwunden waren. Und bei dem Unfall suchten wir die ganze Nacht und den halben Tag nach Ihnen. Ich werde nie vergessen, wie schrecklich es war, vergeblich durch die Dunkelheit zu irren. Rich und ich durchkämmten die Hügel um Winberry Hall auf so penible Weise, dass ich mich wahrscheinlich noch heute dort zurechtfinden kann, ohne lange überlegen zu müssen.“

Jess sah ihn entsetzt an.„Davon wusste ich nichts. Als ich mich von dem Fieber erholte, das ich mir nach der kalten, nassen Nacht zugezogen hatte, waren Sie und Ihr Cousin bereits fort … ich dachte, Sie müssten Winberry Hall verlassen haben, bevor ich vermisst wurde.“

„Ganz und gar nicht. Glücklicherweise, denn Ihr Vater und auch ihre Brüder waren sehr verzweifelt, als man Sie in jener Nacht nicht fand, und konnten keinen klaren Gedanken fassen. Am Ende blieb es meinem Onkel Henry überlassen, eine gründliche Suche in der Gegend zu organisieren, und so fanden wir Sie, bevor es zu spät war.“

„Aber warum hat man mir das denn nicht gesagt?“, fragte sie kleinlaut.

„Der Arzt schärfte uns ein, Sie nicht an Ihre Tortur zu erinnern. Sie würden sehr viel Ruhe benötigen, sagte er, um sich zu erholen, sobald das Fieber sich gelegt und Sie außer Gefahr waren. Also zogen wir uns lieber zurück, überzeugt, dass Sie schon bald wieder so unverwüstlich sein würden wie immer. Aber Sie haben eigentlich nie Ihren alten Schwung wiedererlangt, nicht wahr, Prinzessin?“

Dieses Mal beschwerte sie sich nicht über den Spitznamen, zu tief war sie in Gedanken versunken. „Nein“, gab sie schließlich zu.

„Warum nicht?“, fragte er, als wäre er wirklich an ihrer Antwort interessiert. „Sie waren das tapferste Mädchen, dem Rich und ich je begegnet waren, doch plötzlich spielten Sie die Märtyrerin.“

Wie sollte sie ihm erklären, dass ihr auf einmal bewusst geworden war, wie hoffnungslos die Zukunft für sie aussah – jetzt da sie so unvollkommen war und er in jeder Hinsicht perfekt? Unmöglich, sagte sie sich, sonst wird er gar denken, dass ich noch immer in ihn verliebt bin. Verzweifelt suchte sie nach einer Ausrede, warum sie jedes Interesse an den Dingen verloren hatte, die sie einst so sehr liebte: stundenlang über das Land in Northamptonshire zu reiten, wie der Wind zu laufen, jeden Baum auf dem Gut ihres Vaters zu erklimmen …

„Wahrscheinlich, um meine Würde zu wahren“, meinte sie schließlich mit der Schulter zuckend.

„Es war eine Flucht. Nein, schlimmer als das, eine Weigerung, sich dem Kampf überhaupt erst zu stellen“, tadelte er sie streng.

„Wie können Sie mir Feigheit vorwerfen, wenn Sie doch gar nicht wissen, wovon Sie reden?“, beschuldigte sie ihn. „Sie haben nie auch nur einen Moment daran gezweifelt, Ihre Glieder könnten Ihnen den Dienst versagen und Sie vielleicht nicht länger tragen. Wie könnten Sie denn verstehen, wie es ist, durch einen ganzen Ballsaal voller Menschen humpeln müssen, um die Stühle für die Anstandsdamen zu erreichen? Und alle wissen, dass Sie den ganzen Abend dort verbringen werden, weil Sie nicht tanzen können. Sie mussten nie das Getuschel und Gekicher der Schönheiten der Saison über sich ergehen lassen, die über Sie sprechen, als wären Sie gar nicht da – oder taub oder zu dumm, um sie zu verstehen. Einige Gentlemen fragten sogar meine Mutter, ob ich Tee oder Limonade haben möchte! Als könne ich nicht allein entscheiden.“

„Mir scheint eher, dass sie sehr begehrt sind. Rich und ich konnten oft nicht zu Ihnen durchkommen, als Sie Ihr Debüt machten, weil Sie ständig von diversen jungen Damen und aufgeregten Jünglingen umgeben waren“.

„Dann kann ich ja nicht ganz so selbstmitleidig sein oder die Märtyrerin spielen, wie Sie glauben, oder?“

„Ich habe nie behauptet, Sie hätten nicht jede Menge Freunde. Aber Sie achten sorgfältig darauf, sich keinen Liebhaber zuzulegen.“

„Wofür jeder, der es wirklich gut mit mir meint, eigentlich dankbar sein sollte“, zischte Jessica.

„Sie wissen genau, was ich damit sagen will. Kein einziger dieser sehr jungen Gentlemen hatte das Zeug zu einem Geliebten oder Gatten. Kein einziger erwachsener Mann war unter ihren Verehrern, keiner mit Verstand oder auch nur einem Funken Leidenschaft. Sie wissen schon, was ich meine – reife, weltgewandte Männer, die vielleicht mehr von Ihnen verlangen könnten als Freundschaft, wenn Sie sie nur ließen. Aber diese Männer haben Sie sich vorsorglich vom Leib gehalten“

„Keine vernünftige Frau ermutigt einen Wüstling“, erwiderte sie verächtlich, obwohl sie wusste, dass er recht hatte.

„Wenn sie sich bewusst wäre, wie schön und geistreich sie ist, und bereit wäre, den Stier bei den Hörnern zu packen, würde sie es schon tun, Prinzessin. Eine verwöhnte junge Frau allerdings, die zu hochmütig ist, ein Risiko einzugehen, falls man ihr nicht garantiert, dass sie gewinnen wird, würde es wahrscheinlich nicht wagen.“

„Wie originell Ihre Auslegung meines Lebens doch ist, Euer Gnaden“, sagte sie in eisigem Ton.

„Und wie gern Sie mir doch eine Ohrfeige verpassen würden“, fügte er mit einem herausfordernden Lächeln hinzu – als wünschte er, sie würde sich in die wilde Jess von früher verwandeln und genau das tun.

„Sehr verlockend, aber selbst Sie können mich nicht so in Zorn versetzen, dass ich riskieren würde, Sie die Kontrolle über die Kutsche verlieren zu lassen. Wenn wir einen Unfall haben, muss ich womöglich bis in alle Ewigkeit auf beiden Beinen hinken“, meinte sie scherzend. Besser, sie zog alles ins Lächerliche, als einen Wutanfall zu bekommen und am Ende gar in Tränen auszubrechen. Denn es wollten ihr einfach keine Worte einfallen, die auszudrücken vermochten, wie zornig sie über Jacks Frechheit war. Er hatte sie also auf seine gewohnt hochmütige Art einer Prüfung unterzogen und für zu leicht befunden!

„Ach, Prinzessin, was sollen wir nur mit Ihnen tun?“ Er schüttelte müde den Kopf.

„Bringen Sie mich nach Hause, und hören Sie auf, mich so zu nennen“, erwiderte sie nur kalt.

Eine ganze Weile schien es, als wäre ihr Gespräch beendet. Jack hatte mit dem Zweispänner einen weiten Bogen um einen kleinen Park gemacht, um in Richtung London zurückfahren zu können.

Natürlich wusste Jessica bereits, dass er regelrecht alles, was er sich in den Kopf setzte, auch erfolgreich in die Tat umzusetzen verstand. Und so hoffte sie, dass er in ihr nicht eine Art neue Aufgabe sah – ein Ziel, das eine Herausforderung darstellte und das ihn von der ernüchternden Aufgabe, eine Gattin zu suchen, ablenken sollte.

„Wie gehorsam ich doch bin“, bemerkte er nach einigen Meilen, die sie in tiefster Stille zurückgelegt hatten.

„Nein, Sie sind vielmehr hinterhältig, betrügerisch und gefährlich, und ich lasse mich keinen Moment von Ihnen täuschen! Also probieren Sie Ihre Tricks nicht an mir aus“, fuhr sie ihn verstimmt an.

„Wenigstens stelle ich mich dem Leben offen und lege meine Gefühle nicht auf Eis“, entgegnete er herablassend.

„Diesen Sommer sind Sie allerdings entschlossen, ganz offen den größten Fehler Ihres Lebens zu machen“, murmelte sie leise vor sich hin. Welche Anmaßung von diesem Mann! Da beschuldigte er sie doch tatsächlich, keine Gefühle zu haben, und gleichzeitig spielte er mit dem Gedanken, sich nur deswegen eine Frau zu nehmen, weil er seinen Cousin beruhigen wollte. Nur damit Richard keine Angst haben musste, er könnte vielleicht doch irgendwann den Titel erben!

„Wie schön für Sie“, fügte sie lauter und voller Unaufrichtigkeit hinzu. Aber der seltsame Blick, den er ihr zuwarf, schien anzudeuten, dass er auch ihre erste Bemerkung gehört hatte.

„Versprechen Sie mir wenigstens, dass Sie es versuchen werden, Prinzessin.“ Er seufzte.

„Was versuchen?“

„Sich zur Abwechslung mal unter uns sündige, fehlgeleitete Menschen zu mischen. Nur diesen Sommer. Sie wären überrascht, was Sie alles entdecken werden, wenn Sie das Leben umarmen, statt immer davonzulaufen.“

„Wenn Sie so weitermachen, fangen Sie sich doch noch eine Ohrfeige ein“, fauchte sie ihn böse an. Wie konnte er es wagen, ihr Ratschläge zu geben?

„Ist das ein Versprechen?“

Sie machte den Fehler, seinem Blick zu begegnen und echte Besorgnis in seinen grünen Augen zu entdecken, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder der Straße widmete.

„Nur, wenn Sie endlich damit aufhören, mich Prinzessin zu nennen“, gab sie widerwillig nach.

„Es würde Ihnen aber fehlen, glauben Sie mir“, wandte er ein und lächelte belustigt, als wäre ihm gerade bewusst geworden, wie albern es war, dass sie sich die ganze Fahrt über wie ein altes Ehepaar zankten.

„Genauso sehr wie mir die Windpocken fehlen würden“, spottete sie.

„Ich nehme alles zurück, Jess, ändern Sie sich niemals“, sagte er lachend, und sie schimpfte sich insgeheim eine Närrin, weil sie sich plötzlich glücklicher und lebendiger fühlte, wenn er sie tadelte, als wenn irgendein anderer Mann sie mit Komplimenten überschüttete.

„Keine Sorge, das werde ich auch nicht. Soweit ich sehen kann, ist auch nicht zu hoffen, dass Sie sich jemals ändern werden.“

„Und warum sollte ich?“

„Weil die Ehe jeden ändert“, antwortete sie, bevor sie sich bremsen konnte.

„Ich erinnere mich nicht, die Ehe erwähnt zu haben“, sagte er so kühl, dass Jessica erschauerte.

„Nicht mir gegenüber. Machen Sie sich keine Sorgen, es ist bestimmt nicht meine Absicht, irgendwelche Ansprüche anzumelden“, verteidigte sie sich bissig.

„Das habe ich auch nie angenommen, meine Liebe.“ Er klang so abweisend, als wären sie Fremde, die sich nicht einmal besonders leiden mochten.

„Umso besser. Es wäre Ihnen gewiss unangenehm gewesen, hätte ich Interesse gezeigt, ihre Duchess zu werden.“ Diesen Kommentar hatte sie sich nicht verkneifen können.

„Wer weiß das schon?“ Er schien in Gedanken meilenweit entfernt.

„Ich weiß es!“, beharrte sie verstimmt.

„Sie haben recht“, gab er nach einer angespannten Pause zu, während der Jessica sich auf die Zunge beißen musste, um ihm nicht noch einmal zu versichern, wie wenig ihr daran lag, ihn auf irgendeine Weise zu ködern. „In einem schwachen Augenblick gab ich der Aufforderung meiner Großmutter nach und fasste eine Heirat ernsthaft ins Auge. Ein großer Fehler, denn jetzt sehe ich mich gezwungen, den Gastgeber für eine Schar vornehmer junger Damen des ton und deren Familien abzugeben.“

„Deswegen auch die Einladung an die Pendles, um nicht allzu offensichtlich werden zu lassen, welchen Zweck die Anwesenheit der jungen Damen hat.“ Jessica versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr es sie verletzte, dass sie als eine Art Ablenkungsmanöver benutzt werden sollte.

„Nein, deswegen meine Einladung an eine Familie, die mir nahesteht, und zu einem Ort, den ich mehr liebe als jeden anderen auf dieser Welt. Sie sind genauso schön wie die Damen, die meine Tante eingeladen hat, und sollten es inzwischen wirklich wissen, ohne dass ich es Ihnen immer wieder bestätigen muss.“

„Ich bin nicht schön“, widersprach sie empört, als hätte er sie beschuldigt, hässlich wie die Nacht zu sein.

„Ob es Ihnen nun gefällt oder nicht, meine Liebe, Sie sind schön! Und jetzt setzen Sie nicht diese gequälte Miene auf und benehmen Sie sich wie die sittsame junge Dame, als die Sie überall bekannt sind.“

„Und Sie irren sich trotzdem“, meinte sie spitz.

Sobald die staubigen Straßen vertrauter wurden, verwandelte Jack sich erneut in den zynischen Duke of Dettingham. „Es stimmt, wissen Sie“, sagte er, während er Jessica Retikül und Fächer reichte.

Der Butler der Pendles hatte ihr gerade vom recht hohen Zweispänner heruntergeholfen, und sie sah verwundert zu ihm auf. „Was stimmt?“

„Dass Sie schön sind, selbstverständlich.“ Der Blick, mit dem er sie bedachte, war so leidenschaftlich, dass Jessica ihm fast geglaubt hätte, bis sie sich daran erinnerte, was für ein vollendeter Verführer er doch war. Es gehörte schließlich zu seinen größten Talenten, jeder Frau einzureden, dass sie etwas Besonderes für ihn war.

„Ha! Versuchen Sie das mal Ihren anderen weiblichen Gästen weiszumachen, wenn wir uns wiedersehen. Die werden Sie wahrscheinlich für verrückt halten und verlangen, dass ich in den Burggraben geworfen werde.“

„Es gibt keinen Burggraben“, protestierte er.

„Die lieben Damen würden mir zuliebe einen bauen“, scherzte sie.

„Soll das also eine Herausforderung sein?“ Bei seinem neckischen Lächeln wurden Jessica die Knie weich.

„Nein!“, antwortete sie ein wenig zu hastig und wich zurück, als könnte seine Nähe allein schon ihre Entschlossenheit untergraben.

„Schade. Ich liebe Herausforderungen, und keine andere Frau macht mir so oft die Freude wie Sie, mir eine zu liefern.“

„Ich bin genau wie jede andere Frau.“ So anmutig sie nur konnte, wandte sie sich von ihm ab, da er sich weigerte, den Gentleman herauszukehren und sie in Frieden zu lassen.

„Sie könnten für mich niemals nur eine von vielen sein, Prinzessin“, versicherte er ihr zum Abschluss noch, bevor er endlich weiterfuhr. Ein letzter lässiger Wink mit der Peitsche, und Jack verschwand in einer Staubwolke.

„Unmöglicher, überheblicher Dummkopf“, stieß Jessica zwischen den Zähnen hervor, während sie ihm nachblickte, bis er ganz außer Sicht war.

„Wie bitte, Miss Jessica?“, fragte der Butler ausdruckslos, obwohl man ihm ansah, dass er jedes Wort verstanden haben musste. Wie jeder Bedienstete, der etwas auf sich hielt, wahrte er jedoch die Würde.

„Ich hätte gern Tee, Wellow“, antwortete Jessica freundlich. „Ich kann ihn gut gebrauchen, glauben Sie mir.“

„Welche Dame nicht“, erlaubte Wellow sich zu sagen und folgte ihr in die Eingangshalle.

Zwei Wochen später überlegte Jessica, dass selbst eine Tasse Tee ihre jetzige Situation nicht retten würde. Ihre Eltern hatten im allerletzten Moment abgesagt, und sie war allein auf dem Weg nach Ashburton. Der Kutscher verlangsamte das Tempo, als er die Zufahrt zu Jacks Herrenhaus erreichte, und Jessica kämpfte gegen den feigen Impuls an, ihm zu befehlen, umzukehren und sie nach Winberry Hall zurückzubringen.

Trotz ihrer seltsam aufregenden Begegnungen in London würde Jack sie mit seiner gewohnten geistesabwesenden Liebenswürdigkeit behandeln und sie dann schnell vergessen, versuchte Jessica, sich zu beruhigen. Sie musste nur die nächsten zwei Wochen auf seinem prächtigen, imposanten Gut herumhinken und heiter und gelassen aussehen, während er sich unter den Schönsten der Schönen des ton die Frau aussuchte, die seine Gattin werden würde. Danach konnte sie nach Hause fahren und ihr eigenes Leben weiterführen wie bisher. Schicksalsergeben lehnte Jessica sich vor, um den ersten Blick auf Ashburtons berühmten Wildpark zu werfen. Die Kutsche fuhr schließlich durch das eindrucksvolle Tor, und es war endgültig zu spät für eine Flucht.

„Ihre Ladyschaft trug mir auf, Sie daran zu erinnern, höflich zum Duke zu sein“, teilte ihr die alte, noch immer Respekt einflößende Zofe ihrer Mutter streng mit, als die Kutsche langsamer wurde.

„Ich bin nicht so dumm, seine Gnaden vor all seinen Gästen bloßzustellen, Martha.“

„Ihre Mutter möchte verhindern, dass Sie verletzt werden, Miss Jessica“, sagte Martha ernst.

Warum hatte sie dann darauf bestanden, sie ganz allein und ohne ihre Unterstützung herzuschicken? Sie musste doch wissen, wie gern die schönen Gäste die Krallen zeigen würden in dem Gerangel, der zweifellos um Jacks Gunst stattfinden würde.

„Du kannst dich darauf verlassen, dass alles ist, wie es sein muss, mein Liebes, trotz der Panik, in die Rowenas Mann schon wieder geraten ist“, hatte Jessicas Mutter ihr versichert, als ihnen eine Nachricht gebracht worden war – ausgerechnet in dem Moment, da sie beide alles gepackt hatten und zur Abfahrt bereit waren. „Rowena ist gesund wie ein Fisch im Wasser, aber schon als Kind konnte sie nicht richtig rechnen und hat sehr wahrscheinlich das Datum ihrer letzten Monatsblutung falsch in Erinnerung. Ich habe ihr gesagt, dass sie einen viel zu großen Bauch hat, um noch im siebten Monat zu sein, das letzte Mal, als wir sie besuchten. Erinnerst du dich? Linstock und dein Papa werden völlig unbrauchbar sein, bis wir uns vergewissert haben, dass deine Schwester nicht mehr in Gefahr ist, also muss ich mitgehen und dem armen Mädchen in seinem Wochenbett helfen, damit es sich nicht außerdem noch um ihren Mann und Vater sorgen muss.“

Seufzend schüttelte Lady Pendle den Kopf. „Du musst Martha mitnehmen, und auf Ashburton wird Lady Henry dann als deine Anstandsdame fungieren. Deine Patentante wird deiner Hilfe sehr bedürfen mit all diesen aufgeregten jungen Damen im Haus, weißt du.“

Ihre Mutter schien geglaubt zu haben, dass Lady Henry eine sehr undankbare Aufgabe bevorstand. Sie würde wohl alle Hände damit zu tun haben, die jungen Damen davon abzuhalten, sich gegenseitig an die Kehle zu gehen. Wie hätte Jessica sich also weigern können, herzukommen. Ihre liebe Patentante war immer für Jessica da gewesen, wann immer sie sie gebraucht hatte.

„Seine Gnaden und ich sind heutzutage kaum mehr als flüchtige Bekannte, Martha. Ich bin nur gekommen, um meiner Patentante zu helfen“, sagte Jessica jetzt. „Ich werde damit beschäftigt sein, auf diversen Sofas zu sitzen und langweilige Gespräche zu führen, also brauchst du mich nicht herauszuputzen, als wäre ich noch ein junges Mädchen. Am besten betrachtest du den Besuch hier als eine Art Urlaub und genießt einfach die Annehmlichkeiten, die Ashburton zu bieten hat.“

„Ganz gewiss nicht, Miss Jessica. Lady Henry und Ihre Mama würden niemals zulassen, dass Sie weniger elegant gekleidet sind als die übrigen Gäste. Und auch ich werde Ihnen nicht erlauben, sich zum Narren zu machen!“, stellte Martha unmissverständlich klar.

„Ich bin dreiundzwanzig Jahre alt und somit eine alte Jungfer und kein hoffnungsvoller Backfisch mehr“, konterte Jessica leichthin, aber mit Entschiedenheit, wie sie sehr hoffte.

Sie erinnerte sich noch, wie es war, so jung und naiv zu sein, und erschauerte bei dem Gedanken daran. Mit siebzehn hatte sie noch die romantischen Vorstellungen eines jungen Mädchens gehabt, auch wenn sie sich in Bezug auf Jack keine Hoffnungen mehr erlaubt hatte. Davon war sie schnell kuriert worden, nachdem sie Lieutenant Swaybon belauscht hatte. Noch am Abend zuvor hatte er ihr geschworen, dass sie das Licht seines Lebens sei. Doch dann wurde sie Zeugin, wie er seinem Bruder, dem Dorfpfarrer, anvertraute, das kleine Vermögen, das sie von ihrer Großtante erwarten konnte, würde ihm eine Einstellung und ein Offizierspatent einbringen. Noch jetzt konnte Jessica jedes einzelne seiner grausamen Worte hören …

„Wäre sie nicht so reich, würde ich so ein lahmes hässliches Entlein wie sie nie eines Blickes würdigen, das versichere ich dir, Bruder. Wenn ich sie nicht so viel dringender bräuchte, würde sie auch für dich eine anständige Frau abgeben. Außerdem wird Miss Hinkefuß niemals von Verehrern gejagt werden. Die würden sie ja sonst auch schnell einholen! Ha!“ Julius Swaybon war in wieherndes Gelächter ausgebrochen.

Reverend Swaybon war ein sehr viel netterer Gentleman gewesen als sein Bruder und hatte Julius wegen seiner respektlosen Haltung gegenüber seiner zukünftigen Braut getadelt.

„Sei nicht dumm“, hatte sein weltmännischer Bruder höhnisch erwidert. „Sie würde mich auch keines Blickes würdigen, wenn sie Aussichten auf eine bessere Partie hätte. Das Mädchen muss wissen, dass es keine große Wahl hat. Sie wird mich nehmen und mir außerdem noch dankbar sein, sonst muss sie nämlich ihrer Familie zur Last fallen, solange sie lebt.“

„Sagtest du nicht, sie verfügt über eigenes Geld?“, verteidigte der Reverend Jessica tapfer, und wenn es ihr möglich gewesen wäre, sich aus Dankbarkeit zu verlieben, hätte sie sehr wohl gewusst, welchen Bruder sie gewählt hätte.

Aber auch Julius Swaybon hatte sie nicht geliebt. Seine übermäßige Bewunderung hatte ihr einfach nur geschmeichelt. Und dann musste sie sich anhören, wie er von ihr sprach, und erkannte, was für ein gefühlloser Mann er wirklich war. Es hatte lediglich bestätigt, wie klug ihre Zurückhaltung Jack gegenüber gewesen war. Eine innere Stimme hatte sie damals davor gewarnt, sich in einen Mann wie ihn zu verlieben. Und jetzt, sieben Jahre später, war er zynischer, erfahrener und gefährlicher denn je – und noch viel faszinierender. Aber das ignorierte sie lieber.

Der Anblick des eindrucksvollen Herrenhauses lenkte Jessica ab. Selbst die Seabornes, die jeden Stein auf ihrem Gut liebten, gaben zu, dass Ashburton ein wunderschönes Haus war, jedoch ein wahres Labyrinth. Die Türme und Kuppeln des gewaltigen Daches wiesen reich verzierte Zinnen auf, die man in der Tudorzeit so geliebt hatte. Das Hauptgebäude wurde von einer großen Anzahl von Erkerfenstern erhellt, die auch heutzutage sehr modern anmuteten. Im Lauf der Jahre waren Anbauten mit den gleichen Ziegeln und dem gleichen Kalksandstein hinzugefügt worden, sodass Ashburton jetzt ein zwar eindrucksvoller, aber dennoch einladend wirkender Herrensitz war.

3. KAPITEL

Unwillkürlich musste Jessica daran denken, wie schnell die Herzen der jungen Damen schlagen mussten, die mit der Absicht herkamen, Herrin von allem hier zu werden, und konnte auch nicht länger vergessen, warum diese gesellige Zusammenkunft überhaupt stattfand. Sollte es ein Mädchen von Verstand und Charakter unter den versammelten Schönheiten geben, würde man froh sein müssen, aber die meisten jungen Damen des ton würden wahrscheinlich ihre Seele für eine so gute Partie wie Jack verkaufen. Ihr wurde ganz schwindelig bei dem bloßen Gedanken, was ihr in den nächsten Wochen bevorstand, und sie wünschte zum tausendsten Mal, sie wäre wieder zurück bei ihren Eltern.

„Dieser verflixte Earl!“, fluchte sie finster vor sich hin.

„Wie bitte?“, brachte Martha schroff hervor, wie immer wenn sie nicht ganz mitbekam, was gesagt wurde. Sich selbst und allen anderen machte sie hartnäckig vor, dass sie nicht allmählich immer schwerhöriger wurde.

„Nichts, was dich etwas anginge, Martha“, antwortete Jessica keck und machte sich mit sehr viel geringerer Erleichterung daran, die Stufen der Kutsche herunterzusteigen, als man nach einer langen Fahrt in trauter Zweisamkeit mit einer so finster dreinschauenden Frau hätte erwarten können.

„Mit schlechten Manieren werden Sie im Leben nicht weit kommen, mein Mädchen“, tadelte Martha, wie es nur eine alte, geachtete Dienerin tun durfte, und der Lakai, der vorsichtig in ihre Richtung blickte, wich unwillkürlich vor Martha zurück. Gerade rechtzeitig erinnerte er sich noch an seine Pflichten und hielt Jessica die Hand hin, um sie zu stützen.

„Du musst es ja wissen“, entgegnete sie ungerührt und berührte zum ersten Mal mit leicht zitternden Beinen den Boden der Seabornes.

„Ich weiß nicht, was Sie damit meinen, Miss Pendle“, sagte Martha würdevoll.

„Nein, natürlich nicht.“ Mit einem halbherzigen Lächeln schüttelte Jessica ihre zerdrückten Röcke aus. Dann machte sie ein paar Übungen, die der Stallmeister ihres Vaters sich für sie ausgedacht hatte, damit sie den Schmerz in den Muskeln ihres verletzten Fußes lindern konnte.

Selbst wenn sie hier stehen müsste, bis sie von allen vergessen worden war, würde sie auf keinen Fall die wenigen Stufen hinaufstolpern und so ihre hart erkämpfte Würde aufs Spiel setzen. Allein bei dem Gedanken, was Jack Seaborne sagen würde, sollte sie wie eine Betrunkene auf seine Haustür zutaumeln, spannten sich ihre ohnehin schon völlig verhärteten Muskeln noch mehr an. Also zwang Jessica sich, ihn zu vergessen, und ihre Unruhe ließ nach.

„Oh, da bist du ja endlich, meine Liebe“, rief Lady Henry Seaborne erfreut und eilte die Stufen zu ihr herab.

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