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HISTORICAL SAISON BAND 16

BRONWYN SCOTT

Debütantin in geheimer Mission

Lilya Stefanov ist keine gewöhnliche Debütantin. Sie hat einen gefährlichen Auftrag: Den berühmten Phanar- Diamanten zu hüten – ein Juwel, für das viele Männer töten würden! In den Armen des unwiderstehlichen Lord Pendennys vergisst sie jedoch die Bedrohung und gibt sich ihrer Leidenschaft hin. Bis ein Anschlag droht, ihr junges Glück für immer zu zerstören …

HELEN DICKSON

Diamanten der Sehnsucht

Erst flüstert Lance ihr auf dem Ball süße Komplimente ins Ohr, dann stiehlt er ihr das kostbare Diamantcollier. Doch nicht mit Belle! Mutig schleicht sie sich in sein Schlafgemach, um sich den Schmuck zurückzuholen. Plötzlich steht Lance in der Tür und überrascht sie – mit einem Kuss, der Belle entflammt. Aber kann sie einem Dieb wie ihm wirklich vertrauen?

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Debütantin in geheimer Mission

1. KAPITEL

Beldon Stratten, der vierte Baron Pendennys, war in einer wichtigen Angelegenheit unterwegs: Er hielt Brautschau auf dem Ball der Fitzsimmons.

Da er einen guten Ruf hatte und ein gewisses Vermögen besaß, sollte einer standesgemäßen Heirat nichts im Wege stehen. Er schaute sich um und betrachtete die anwesenden Debütantinnen. Eine von ihnen würde er bis zum Ende der Saison zur Seinen gemacht haben.

Vielleicht die süße Miss Canby mit ihrer recht bescheidenen Mitgift, aber einer tadellosen Erziehung. Vielleicht aber auch Miss Ellsworthy, die Enkelin eines Viscounts, deren finanzielle Ausstattung ihren Mangel an Liebreiz sicher wettmachen könnte. Oder die elegante Elizabeth Smithbridge, eine kühle Schönheit, die ein Vermögen von zwanzigtausend Pfund besaß … Beldon korrigierte sich. Nein. Nicht Miss Smithbridge, sie war zu kalt. Ein Mann musste Grundsätze haben. Es ging schließlich nicht nur um Geld.

Oh nein, hat mir Miss Canby gerade wirklich zugezwinkert? Sie tanzte mit dem jungen Erben einer Grafschaft an ihm vorbei. Offenbar versuchte sie, so viele Kohlen wie möglich im Feuer zu haben. Ja, sie hat mir definitiv zugezwinkert …

Er griff sich ein Glas Champagner vom Tablett eines vorübereilenden Kellners und prostete sich selbst zu.

Willkommen zur Ballsaison in London!

Willkommen zu einer Welt voller Möglichkeiten!

Vier Monate lang hatte er nun Zeit, um abzuwägen, ob es sich lohnen würde, zu heiraten. Aber da er kein junger Dummkopf war, wusste er, dass die Frauen im heiratsfähigen Alter ihn genauso sorgfältig anschauen und prüfen würden, wie er es mit ihnen täte.

Als er den ersten Schluck von seinem Champagner nahm, schwebte Lady Eleanor Braithmore – die Tochter eines Earl und damit die begehrenswerteste Erbin der Saison – in einem üppigen Kleid aus weißer Spitze und rosafarbenen Stickereien an ihm vorbei. Sein gesunder Menschenverstand sagte ihm, dass er um diese junge Frau werben sollte. Sie war wohlhabend, jung und schön. Eleanor hatte alles, was sich ein Gentleman nur wünschen konnte.

Bis sein Blick weiterwanderte und er sie sah.

Ihren Rücken, um genau zu sein.

Und sie war nicht Eleanor Braithmore.

Er wusste überhaupt nicht, wer sie war, nur dass ihr Anblick ihm den Atem raubte.

Zwar sah er nur ihren Rücken, aber schon der war außerordentlich bemerkenswert. Im Stillen bedankte er sich bei den Modeschöpfern, die in dieser Saison tief ausgeschnittene Kleider vorschrieben, welche einen beinahe unanständigen Blick auf die Rücken der Frauen und ihre wohlgeformten Schultern erlaubten.

Der Frau, die er gerade betrachtete, stand der neue Kleidungsstil ausgesprochen gut. Ihr rabenschwarzes Haar war hochgesteckt und mit Perlenschnüren durchwoben. Die Frisur ließ ihren Nacken und genug von ihrem Rücken frei, sodass er mehr als nur einen Anflug von Begierde in sich aufsteigen fühlte. Plötzlich war er sich ganz und gar klar darüber, wie sehr er sich nach der Erfüllung seiner sinnlichen Begierde sehnte. Wie es wohl wäre, eine solche Frau im Schlafgemach zu verwöhnen … Ihr bloßer Anblick beflügelte seine ohnehin schon lebhafte Fantasie.

Er schloss seine Augen einen Augenblick lang und stellte sich vor, wie seine Fingerspitzen diesen geraden, eleganten Rücken berührten. Sogar auf diese Entfernung schmerzten seine Finger bei dem Gedanken fast. Wie gern würde er ihre alabasterfarbene Haut streicheln, während er mit seinen Lippen ihre zarten Schultern liebkoste …

In Gedanken verführte er sie bei Kerzenlicht. Er würde sich ihr von hinten nähern, seine Hände sanft, aber fest auf die nackten Schultern legen und ihr das Kleid nach unten schieben, bis ihr gesamter Rücken bis zu ihrem wohlgerundeten Po entblößt wäre.

Nackt würde sie noch viel erotischer sein.

Ein Mann wusste so etwas instinktiv. Und ein kluger Mann würde diese Gedanken nun schleunigst aus seinem Kopf verbannen, dorthin, wo sie sein Urteilsvermögen nicht beeinflussen konnten.

Beldon war ein kluger Mann.

Für solche Fantasien gab es andere Zeiten und andere Orte. In der Vergangenheit hatte er sich oft ablenken lassen. Sein Besuch bei diesem Ball diente lediglich dazu, endlich eine Gattin zu finden, nicht, mit einer Fremden eine Affäre zu beginnen.

Deshalb atmete er tief durch und konzentrierte sich. Wer immer diese Frau auch sein mochte, sie stand nicht auf seiner Liste möglicher Kandidatinnen. Dafür gab es wahrscheinlich gute Gründe. Eine verführerische Frau bedeutete mögliche Komplikationen. Ein ruhiges, anständiges Leben würde mit ihr nicht möglich sein und er wollte keine unnötige Aufregung. Sein Vater, der aufgrund seiner abgöttischen Liebe zu seiner Gattin beinahe die Familie für immer ruiniert hätte, war ihm ein mahnendes Beispiel.

Dann drehte sich die Fremde um, und seine guten Absichten waren zum Teufel.

Er verlangsamte seinen Schritt.

Er hielt den Atem an.

Lilya!

Die geheimnisvolle Frau war keine Unbekannte, sondern niemand anders als Lilya Stefanov, die Schutzbefohlene seines Freundes Valerian. Vor einiger Zeit hatte er sie in Valerians Haus in Cornwall getroffen. Aber das war eine Weile her. Im vergangenen Jahr war er viel unterwegs gewesen.

Sie hatte wenig Ähnlichkeit mit dem zurückhaltenden, schlicht gekleideten Mädchen, an das er sich erinnerte. Die Wandlung war erstaunlich. Während seiner Abwesenheit hatte sie sich zu einer außerordentlich schönen Frau entwickelt. In ihrem Kleid aus cremefarbener Seide bot sie einen atemberaubenden Anblick. Andere Debütantinnen wirkten beinahe bleich in ihren hellen Roben, Lilya hingegen glühte geradezu darin. Sie war eine Frau in einem Ballsaal voller schüchterner Schulmädchen, die vor dem heutigen Abend nicht einmal den Ärmelaufschlag eines Mannes berührt hatten. In Lilyas Blick aber lag keine Zurückhaltung. Im Gegenteil: Ihre Augen funkelten verheißungsvoll.

Mit dem fachkundigen Blick eines Junggesellen, der im Umgang mit schönen Frauen geübt war, bemerkte er, dass Lilya von Verehrern verfolgt wurde. Kein Wunder! Wer könnte solch einer strahlenden Schönheit schon widerstehen? Alle heiratswilligen Männer in London würden ihr zu Füßen liegen. Alle … außer ihm.

Sie war für ihn keine Heiratskandidatin. Er wusste genau, welche Qualitäten seine zukünftige Gattin mit sich bringen sollte, schließlich hatte er den ganzen Winter darüber nachgedacht. Die ideale Frau sollte wissen, wie man ein Anwesen unterhielt und ein gewisses Vermögen mit in die Ehe bringen. Er hatte zehn lange Jahre benötigt, um das Ansehen der Pendennys wiederherzustellen. Seine Frau sollte diese Arbeit in seinem Sinne fortsetzen können.

Abgesehen von ihrer Schönheit brachte Lilya keine der beiden Voraussetzungen mit. Sie war Valerians Mündel, ein Flüchtling aus Mazedonien. Ob sie sich in die englische Gesellschaft würde einfügen können, war fraglich. Selbst wenn sie sich als eine charmante und weltgewandte Gastgeberin erweisen würde, hätte sie dennoch keine finanziellen Mittel. Sie lebte von dem, was Valerian ihr gab. Und er könnte unmöglich das Geld seines Freundes annehmen. Es war eine unumstößliche Tatsache, dass er reich heiraten musste. Er konnte sich eine Braut ohne Mitgift leider nicht leisten.

Und dennoch war Lilya unwiderstehlich. Er sollte wenigstens hinübergehen, um sie zu begrüßen. Jeder würde es ungezogen finden, wenn er es nicht tat. Er würde zu ihr gehen und „Guten Abend“ sagen, mehr nicht. Und dann würde er sich um diese makellose englische Rose Eleanor Braithmore kümmern.

Der attraktive Mann starrte Lilya mit seinen blauen Augen intensiv an und musterte sie von Kopf bis Fuß. Sein Blick hatte ihre Aufmerksamkeit erregt.

Oh mein Gott! Jetzt blickte er sie nicht mehr nur an, sondern bewegte sich stattdessen … in ihre Richtung! Daran gab es keine Zweifel. Lilya schluckte.

Sie hatte ihn zunächst nicht bemerkt, obwohl er ihr bekannt vorkam. Mit seinen breiten Schultern, der beeindruckende Größe und der stolzen Haltung eines Mannes, der wusste, wer er war, stach er aus der Menge der Ballgäste hervor. Am auffälligsten aber waren seine strahlend blauen Augen. Sie kannte nur einen Mann mit solchen unvergesslichen Augen.

Beldon Stratten.

Also war er zurück.

Während ihr Gehirn noch damit beschäftigt war, diese aufwühlende Erkenntnis zu verarbeiten, begann sie schon am ganzen Leib zu zittern. Damit, dass er zurück war, hatte es nicht zu tun, mehr mit der Art, wie er sich nun ihre Hand zu seinem Mund führte, in seiner charmanten und betörenden Art.

Enchanté, Miss Stefanov. Guten Abend. Es ist lange her, seit wir uns das letzte Mal getroffen haben.“

„Lord Pendennys, wie schön, Sie zu sehen.“ Lilya deutete einen leichten Knicks an, um dem Standesunterschied Genüge zu tun. Als Schwager von Valerian gehörte es sich natürlich, dass er sie begrüßte. Wenn sein Blick nur nicht so feurig wäre! Er hatte zwar nichts Falsches getan, aber er hatte eine eigentlich routinierte Begrüßung gerade in etwas ganz anderes verwandelt. Ein albernes Mädchen wäre wahrscheinlich angesichts von so viel Männlichkeit und Eleganz ohnmächtig geworden.

Vielleicht schauten die Damen deshalb so neugierig zu ihm herüber, bemüht ihre Gesichter hinter ihren Fächern zu verbergen. Er zog die Aufmerksamkeit auf sich. Und warum auch nicht? Ein selbstbewusster Mann war ein anziehender Mann, und Beldon Stratten war definitiv selbstbewusst.

Sie fragte sich, welche geheimnisvollen Fähigkeiten er wohl haben mochte, wenn die Damen so auf ihn reagierten. Aber dann kam ihr ein weiterer Gedanke in den Sinn: Wenn schon die Berührung ihrer Hand sie so durcheinanderbrachte, was würde geschehen, wenn sie sich noch näher kämen? Wenn er nicht nur ihre Hand küssen würde, sondern auch ihre Lippen, ihren Hals … Ein sinnlicher Schauer durchrieselte sie bei dieser Vorstellung, doch sie zwang sich, den prickelnden Gedanken beiseitezuschieben.

Beldon griff nach der Tanzkarte, die an Lilyas Hand baumelte, und entdeckte, dass sie für den nächsten Walzer noch keinen Partner hatte. Es war auch der einzige Tanz heute Abend, für den sie noch verfügbar war. „Ich würde gerne einen Tanz in Anspruch nehmen und hoffe, ich komme nicht zu spät.“

Er war ein anderes Kaliber von Mann als die jungen Kerle, die sie sonst stets umschwärmten, und brachte die perfekte Mischung mit sich: erfahren genug, um Verantwortung zu tragen, aber jung genug, um die Freuden des Lebens zu genießen.

Worum es sich bei diesen Freuden handeln könnte, konnte Lilya nur vermuten. Er war nicht der Typ, der sich kindischen Vergnügungen wie dem Glücksspiel hingab, oder sich gar in wahllosen Affären verlor. Sein Auftreten und seine Manieren ließen darauf schließen, dass Beldon Stratten zurückhaltend war. Ihn umgab eine Aura kontrollierter Macht, die sehr anziehend wirkte. Jeder, der hinter die Fassade dieses Mannes blicken durfte, fand dort großartige Geheimnisse, dessen war Lilya sich sicher. Aber hier und jetzt wirkte er wie eine uneinnehmbare Festung.

Dieser Mann wollte also mit ihr tanzen.

Jetzt.

Vor Vorfreude zog sich ihr Magen zusammen. Sie fühlte sich in der Nähe dieses Mannes wie ein kleines Mädchen.

„Sind Sie aufgeregt, Miss Stefanov?“, fragte er, während er sie zu einer freien Stelle auf dem Tanzparkett führte. Er sprach leise.

Aufregung war nicht das richtige Wort für das, was sie empfand, wenn Beldon sie sanft berührte. Aber wie sollte sie das Gefühl beschreiben? „Es ist nur, weil ich Sie schon eine Weile nicht mehr gesehen habe.“

„Mir geht es genauso, Miss Stefanov. Als ich Sie erblickte, glaubte ich, die Zeit würde stillstehen.“

Oh Gott, dieser Mann beherrschte wahrhaftig die Kunst der Schmeichelei! Sie hätte ihm fast geglaubt, wenn er sie nur ein wenig herzlicher angeschaut hätte. Doch er wirkte immer noch ausgesprochen distanziert.

Die Musik begann zu spielen. Beldons Hand lag nur leicht auf ihrer Taille und war doch fest und besitzergreifend. Sie konzentrierte sich. „Wollen wir beginnen, Miss Stefanov? Sie sind doch nicht die Sorte Frau, die sich von einem Mann leicht aus der Ruhe bringen ließe.“

„Kennen Sie mich nach wenigen Minuten so gut?“, antwortete sie. Er war vielleicht Valerians Schwager, aber sie hatte noch nie zuvor ein privates Wort mit ihm gewechselt. Damals hatte sie aus der Ferne heimlich für ihn geschwärmt, weil er gleichzeitig charmant und doch unerreichbar war. Und es wäre klug, weiter Distanz zu ihm zu wahren. Ein Mann wie er war gefährlich. Sie konnte sich ihren Fantasien einen Walzer lang hingeben, aber länger nicht. Falls sie sich nicht zurückhielt, würde sie eines Tages mit einem gebrochenen Herzen aufwachen. Nein, Beldon Stratten war nicht der richtige Mann für sie.

Lilya legte eine Hand auf seine Schulter und bereitete sich auf die besondere Nähe des Tanzes vor. Er wiegte sie im Walzertakt, sein betörender Duft nach Sandelholz und Zitrone raubte ihr die Sinne. Der Druck seiner Hände durch ihre zarten Handschuhe wirkte wie eine Liebkosung. Seine Nähe war berauschend und verwirrend zugleich.

Sie hatte schon mit anderen Männern getanzt, aber noch nie hatte ein Tanzpartner sie so sehr beeindruckt.

Er lenkte sie mit Leichtigkeit über die Tanzfläche und schien sich seiner Wirkung auf sie nicht bewusst zu sein. Wahrscheinlich tanzte er immer auf diese Weise. Lilya fand sich rasch in die nötigen Schritte hinein und begann, den Walzer zu genießen. Dann machte sie ihren ersten Fehler.

Sie hätte auf einen Punkt über seiner Schulter schauen sollen, so verlangte es zu mindestens das Protokoll. Aber die Versuchung, diesen Mann zu betrachten, war einfach zu groß. Sie hob ihren Kopf, um in sein Gesicht zu schauen, und wusste sofort, dass sie das nicht hätte tun sollen. Aus der Nähe betrachtet, wirkte er noch attraktiver.

Seine Gesichtszüge unterstrichen seine geheimnisvolle Aura noch. Seine Augen waren blau, sein Blick zurückhaltend, das Kinn scharf geschnitten, und seinen Mund schien er nur selten zu einem Lächeln zu verziehen. Das hier war kein Mann, der jeden an sich heranließ. Beileibe nicht! Er war eindeutig ein Mann, der genau abwägte, wem er sich näherte. Das machte ihn noch aufregender für sie, denn immerhin hatte er beschlossen, sich ihr zu nähern.

Er schien ein klares Ziel vor Augen zu haben. Schon das allein unterschied ihn von allen Männern, mit denen sie bisher getanzt hatte. Den älteren Männern waren Langeweile und Gleichmut geradezu ins Gesicht geschrieben, die Jüngeren ahnten nicht einmal, was aus ihnen werden konnte. Hier aber hatte sie einen Mann vor sich, der wusste, wer er war und was er wollte. Das machte ihn interessant und anziehend. Vielleicht beobachteten ihn deshalb alle im Saal.

„Bereitet Ihnen der heutige Abend Vergnügen?“, fragte Beldon, während sie beim Tanz die Richtung wechselten.

„Natürlich. Alles hier in London ist großartig! Und die Bälle liebe ich besonders!“

„Ich habe bemerkt, dass sich Lord Idlefield auf Ihrer Tanzkarte eingetragen hat. Darf ich so vermessen sein, Sie vor ihm zu warnen?“

Lilya lächelte und neigte kokett den Kopf. „Und was ist mit Lord Fairborough. Mit ihm tanze ich nach dem Essen den Cotillon.“

Er hob eine seiner kastanienbraunen Augenbrauen. „Nun, seitdem er mehrere Ländereien aufgekauft hat, interessiert er sich eigentlich nur noch für die Schafzucht, er wird Ihnen also kaum zu nahekommen. Es sei denn, sie beginnen plötzlich zu blöken.“

Lilya lachte und das Wunder geschah: Beldons Mund verzog sich zu einem Lächeln, das sich nach und nach über sein ganzes Gesicht ausbreitete. Es war wie ein Sonnenaufgang. Einen kurzen Moment lang waren sie Verbündete, die über denselben Witz lachten.

Doch dann endete der Walzer und Beldons Lächeln verschwand. Er brachte sie zu ihrem Platz zurück und verwandelte sich wieder in den freundlichen, aber desinteressierten Gentleman von vorhin.

„Danke für das Vergnügen dieses Tanzes, Miss Stefanov. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich zuletzt einen Walzer so sehr genossen habe.“ Er beugte sich wieder über ihre Hand. Dieses Mal war es ein Abschied. „Es ist nicht verwunderlich, dass Sie von Verehrern regelrecht bestürmt werden. Sie sind wahrhaftig ein einzigartiger Diamant.“

Ein einzigartiger Diamant.

Lilya wusste, was diese Floskel bedeutete. Sie beschrieb eine junge, schöne und kultivierte Frau, ein unerreichbares Ideal. Lilya würde nie diese Art von Frau werden.

„Dann sollten wir bald wieder miteinander tanzen.“ Sie nickte ihm lächelnd zu, bevor er sich umdrehte und davonschritt.

Aber nicht allzu bald, dachte sie und sah ihm nach. Sie war klug genug, um zu wissen, dass Beldon Stratten ihr gefährlich werden konnte. Ihre Reaktion auf ihn heute Abend bewies es. So verführerisch die Vorstellung, mehr Zeit mit ihm zu verbringen, auch war, sollte sie sich besser von ihm fernhalten.

Es war für sie beide das Beste. Denn sie verbarg etwas, von dem niemand hier auch nur ahnte: Sie war keine normale Debütantin. Egal, wie viele schöne Männer sie umschwärmten oder wie viel Geld ihr Valerian zur Verfügung stellte, sie gehörte nicht wirklich dazu. Die anderen Debütantinnen trugen ihre Abstammung und ihre Mitgift mit sich herum wie Visitenkarten. Sie waren für ihre erste Ballsaison erzogen worden, so wie sie als Hüterin eines Geheimnisses erzogen worden war. In ihrem Besitz befand sich der Diamant der Phanarioten1› Hinweis, ein Edelstein, der das Schicksal ganzer Nationen beeinflussen konnte.

2. KAPITEL

In dieser Nacht träumte Lilya von ihrer Heimat Naoussa. Sie hätte lieber von Beldon Stratten und ihrem gemeinsamen Tanz geträumt. Stattdessen sah sie das Gesicht ihres Vaters. Seine Augen leuchteten und seine Stimme war leise, als er ihr von dem Erbe der Stefanovs berichtete.

Wer den Diamanten besitzt, hat die Macht, eine gesamte Nation zu beherrschen. Auf der ganzen Welt gibt es keinen anderen Edelstein, der sich mit ihm vergleichen ließe. In den Händen des richtigen Mannes kann er zum Werkzeug von Größe werden. In den Händen des falschen Mannes kann er zum Werkzeug der Unterdrückung werden. Niemand kann sagen, wie der Besitz dieses Diamanten einen Menschen verändern würde. Aus diesem Grund hat man ihn uns anvertraut. Wir müssen dafür sorgen, dass niemand seine Macht missbraucht. Das ist die Bürde, die den Stefanovs vor vierhundert Jahren in Konstantinopel aufgeladen wurde. Diese Bürde tragen wir noch heute …

Entsetzt richtete sie sich in ihrem Bett auf und rang nach Luft. Sie hatte von den letzten schrecklichen Tagen vor dem Aufstand geträumt. Ihre ganze Familie war in ihrem Traum vorgekommen: ihr Bruder Alexei, ihre Tante Natascha, der kleine Konstantin und ihr Vater.

Langsam beruhigte sie sich wieder. Sie blinzelte in das Sonnenlicht, das ins Zimmer fiel, weil sie die Vorhänge vor dem Einschlafen nicht geschlossen hatte. Es war noch früh am Morgen, und es versprach, ein schöner Tag zu werden.

Ihr Magen knurrte. Offenbar hatte sie die Frühstückszeit verschlafen. Sie wollte gerade nach der Klingel greifen, um sich eine Tasse Schokolade bringen zu lassen, als es klopfte.

„Treten Sie ein.“ Lilya ließ sich auf die Kissen zurückfallen und ignorierte ihren leeren Magen für einen Moment. Es war äußerst unwahrscheinlich, dass das Dienstmädchen vor der Türe stand und ihren Wunsch vorausgesehen hatte.

Stattdessen betrat Philippa ihr Gemach, sie war für eine Ausfahrt gekleidet. „Schön, dass du wach bist. Beldon ist da. Er hat uns zu einem Ausflug in den Park eingeladen.“ Sie lächelte, setzte sich auf Lilyas Bett und drohte ihr scherzhaft mit dem Finger. „Du hast mir gar nicht erzählt, dass er auch auf dem gestrigen Ball anwesend war und dass du mit ihm getanzt hast.“ Philippa war dem Ball wegen ihrer Kopfschmerzen ferngeblieben.

Lilya erhob sich und wandte sich ihrer Garderobe zu. Fieberhaft überlegte sie, was sie anziehen könnte. Sie bemühte sich, ihren inneren Aufruhr zu verbergen, und antwortete beiläufig: „Er hat mich aus Höflichkeit zu einem Walzer aufgefordert.“ Das Letzte, was sie brauchte, war eine Philippa, die Heiratsvermittlerin spielte.

Eigentlich war sie nur zur Ballsaison nach London gekommen, um vor Ort Neuigkeiten über die Verhandlungen zur Unabhängigkeit Griechenlands zu erfahren. Sie hatte sich zu dieser Reise aus Verbundenheit mit ihrem Vater und ihrer Familie gezwungen gefühlt. Sie wollte über das politische Ergebnis des Kampfes, für den sie gestorben waren, wenigstens informiert sein. Aber es war schwieriger, als sie gedacht hatte, irgendwelchen Verwicklungen zu entgehen. Es schien so, als ob ein jeder aus zwei Gründen in der Stadt war: Heirat oder Politik – oder beides.

„Beldon will in dieser Saison heiraten“, gab Philippa bekannt.

Das bestätigte ihre Vermutung. Sogar Beldon suchte eine Frau. Seine Wahl würde zweifellos auf eine andere Frau als Lilya fallen. Sie war ganz sicher nicht hier, um sich zu verheiraten. Sie konnte es niemandem zumuten, gemeinsam mit ihr die Last des Diamanten zu tragen. Ihr Vater hatte versucht, beides zu vereinbaren, hatte eine Familie gegründet und gleichzeitig den Diamanten beschützt. Dafür hatte er mit seinem Leben und dem vieler Familienmitglieder bitter bezahlen müssen. Sie würde nicht denselben Fehler machen und einen anderen Menschen in Lebensgefahr bringen.

Sie drehte Philippa den Rücken zu und bat sie, ihr das Kleid zuzuknöpfen.

„Ich persönlich glaube, er wird sich für Lady Eleanor entscheiden.“ Philippa klopfte leicht auf Lilyas Rücken, um zu signalisieren, dass sie fertig sei. „Vielleicht will er deshalb so dringend ausreiten, weil er hofft, sie im Park anzutreffen. Normalerweise sind ihm derlei Aktivitäten zuwider.“

„Lady Eleanor Braithmore?“, fragte Lilya. Es überraschte sie, dass die zurückhaltende Dame imstande sein sollte, die Aufmerksamkeit eines Mannes wie Beldon auf sich zu ziehen. Doch sie nahm sich zusammen, nicht laut mit ihrer Meinung herauszuplatzen.

„Gefällt dir das nicht?“

Lilya zuckte die Schultern. „Nein, Lady Braithmore ist ein schönes Mädchen. Ich finde nur, dass es sehr schnell geht.“

„Der Baron gehört nicht zu der Sorte Mann, die zögert, wenn sie ihren Entschluss erst einmal gefasst hat. Mach dir keine Sorgen. Wir finden auch bald einen passenden Ehemann für dich. Ist dir gestern Abend vielleicht jemand besonders aufgefallen?“

Lilya antwortete vage: „Bisher noch niemand, obwohl viele von ihnen sehr angenehme Gesellschafter waren.“ Nachdem sie mit Beldon getanzt hatte, waren die anderen Männer ihr gleichgültig gewesen.

„Vielleicht reitet der Sohn des Marquis heute auch im Park aus“, fuhr Philippa fort und reichte Lilya ein Paar Handschuhe. „Er ist achtundzwanzig und schon jetzt gut situiert. Mir ist aufgefallen, dass er von dir sehr angetan ist. Val kennt seinen Vater. Wenn du ihn ein wenig ermutigen würdest …“

„Ich werde es erwägen“, unterbrach Lilya sie. Dabei war es das Letzte, was sie wollte. Es wäre eine Katastrophe, wenn sie seine Frau werden würde. Jede Heirat war im Grunde ausgeschlossen und zu riskant, aber einen Mann aus dem Hochadel zu nehmen, kam überhaupt nicht infrage. Ihr Leben würde sich nach einer solchen Hochzeit vorwiegend in der Öffentlichkeit abspielen. Jeder ihrer Schritte würde von der Presse kommentiert werden – und damit ihren Verfolgern ihren Aufenthaltsort verraten.

Wenn man überhaupt davon ausging, dass es die Art von Heirat war, die sie wollte. Auf eine gewisse Weise schützte sie der Diamant davor, darüber nachzudenken, ob ihr Temperament und das eines Engländers überhaupt zusammenpassen konnten. Die englischen Mädchen, die sie bisher kennengelernt hatte, waren fade Personen ohne die geringste Kühnheit gewesen. Sie gehörten ihren Ehemännern und vertraten deren Ansichten.

Sie selbst hatte sich niemals jemandem untergeordnet und glaubte auch nicht, dass sie dazu in der Lage sein könnte – schon gar nicht für einen Mann!

Philippa hatte sich nicht geirrt. Sie trafen Lady Eleanor Braithmore im Park. Sie saß sittsam in einem weißen Landauer und drehte einen weißen Sonnenschirm in ihren Händen. Beldon war an ihrer Seite und machte ihr Komplimente wegen ihrer Schönheit. Er saß barhäuptig auf seinem Jagdpferd und wirkte so männlich, dass Lilya sich konzentrieren musste, um das Atmen nicht zu vergessen.

Verstand das Mädchen überhaupt, wie ungewöhnlich es war, dass er ihr seine Zuneigung zeigte? Sicher nahm sie es für selbstverständlich. Als Tochter eines Earls war sie in dem Bewusstsein erzogen worden, eines Tages in eine standesgemäße Ehe, wie er sie ihr bieten würde, einzuwilligen.

Lilya seufzte, als sie sich an ein längst vergangenes Ereignis erinnerte. Sie hatte sich verliebt, bevor sie die Fehler ihres Vaters wirklich verstanden hatte. Als sie sechzehn war, war ihr ebenso viel Aufmerksamkeit zuteilgeworden wie Beldon sie jetzt Eleanor zuteilwerden ließ. Das Ergebnis war einer Katastrophe gleich gekommen: Der junge Mann, der talentierte Sohn eines Kaufmanns, war gestorben. Sie hatte daraus gelernt. Sie musste allein bleiben.

Mit aller Macht versuchte sie sich einzureden, dass sie Lady Eleanor die Aufmerksamkeit Beldons gönnte. Für sie kam es nicht mehr infrage, sich umwerben zu lassen.

Drei Herren, die sich auf ihren Pferden näherten, zogen ihre Aufmerksamkeit auf sich.

„Pendennys! Schön dich zu sehen!“, rief einer der jungen Männer. Lilya erinnerte sich vage, dass er der Bruder Lady Eleanors war, ein großspuriger Zweiundzwanzigjähriger. Ihr schien, als zucke Beldon zusammen, als er den jungen Mann sah, doch er fing sich rasch.

„Bandon! Schön Sie zusehen!“ Beldon sah verärgert aus und das bestärkte Lilya in ihrem Eindruck vom Vorabend, dass er jemand war, dem man nicht so leicht nahekam.

„Ich möchte Sie gerne einigen meiner Freunde vorstellen. Das ist Lord Crawford und das hier Mr Agyros, der wegen der Verhandlungen in London weilt. Mein Vater nimmt natürlich auch daran teil“, ließ sich Lord Bandon angeberisch vernehmen.

Die jungen Leute wurden einander vorgestellt. Lilya spürte, dass Mr Agyros sie beobachtete, während sich die anderen angeregt unterhielten. Er war ein attraktiver Mann. Dass er sie mit seinen dunklen Augen so ausführlich musterte, ließ sie erröten. Dann sprach er sie an.

„Verzeihen Sie meine Zudringlichkeit, aber ich kann nicht anders als mich über ihren Namen zu wundern. Er klingt russisch, aber der leichte Akzent in Ihrer Aussprache erinnert mich an meine Heimat. Kommen Sie vielleicht vom Balkan oder sogar aus Mazedonien?“ Er warf ihr ein strahlendes Lächeln zu. Lilya konnte nicht anders als es zu erwidern.

„Wo kommen Sie her, Mr Agyros?“, fragte sie freundlich. Sie fand es am klügsten, seine Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten, bis sie mehr über ihn wusste. Sie hatte gelernt, wachsam zu sein. Unmittelbare Gefahr drohte von jemandem, der wusste, dass sie sich in London aufhielt und den Diamanten besaß. Indirekte Gefahr ging von Menschen aus, die diese Informationen an jemanden weitergeben konnten.

Auf Vals Landsitz in Cornwall war die Möglichkeit, jemandem vom Balkan zu begegnen, ausgesprochen gering. Hier in London, während der Friedensverhandlungen, war die Möglichkeit einer solchen Begegnung sehr viel wahrscheinlicher. Die Gefahr trat in vielerlei Gestalt auf. Es wäre vielleicht an der Zeit, wieder ein Messer bei sich zu tragen …

Er lächelte wieder und sagte freundlich: „Aus Konstantinopel.“

Lilya entspannte sich ein wenig. Drohte ihr von Mr Argyros Gefahr oder litt sie unter Verfolgungswahn? „Sind Sie länger hier?“

Er war sicher harmlos, ein diplomatischer Berater, der sich in der Welt umsah und die Gelegenheit nutzte, um seine Stellung und sein Ansehen zu Hause zu festigen. Dieses Zusammentreffen im Park war ein Zufall. Dennoch warnte sie ihre Vorsicht. Er könnte irgendwem von ihr erzählen …

Mr Agyros zuckte leicht mit den Schultern. „Nun, es kommt auf die Umstände an.“ Wieder schenkte er ihr ein entwaffnendes Lächeln. „Ich werde mich jedenfalls lange genug in London aufhalten, um den Ball der Latimores zu besuchen. Darf ich hoffen, Sie ebenfalls dort anzutreffen? Ich merke, dass ich kaum die Augen von Ihnen abwenden kann, so ungebührlich das auch sein mag.“ Sie lachten über seine Bemerkung. Der Ball bei den Latimores war am nächsten Abend.

Vielleicht hatte sie Sehnsucht nach ihrer Heimat, vielleicht hatte sie aufgrund ihres Geheimnisses auch Vorbehalte, die sie in ihrer Wahrnehmung beeinflussten. Wahrscheinlich sollte sie einfach unbeschwert mit dem Mann aus ihrer Heimat plaudern, einem, der dieselben Orte kannte wie sie und dieselben Straßen entlanggegangen war. Ohne weiter nachzugrübeln, sagte sie deshalb: „Ich werde mir den Ball auf keinen Fall entgehen lassen.“

Er zwinkerte ihr zu. Dann verbeugte sich der dunkelhaarige Adonis im Sattel und lächelte sie strahlend an. Zusammen mit den anderen verabschiedete er sich und sie ritten davon. Lady Eleanor folgte ihnen in ihrem Landauer. Lilya bemerkte, dass Beldon sie neugierig betrachtete.

Er lenkte sein Pferd zu ihr. „Reicht es Ihnen nicht, dass sich die Herren aus ganz England um Sie reißen? Müssen Sie auch noch die Herzen aller Europäer brechen?“

Scheinbar hatte er das Gespräch verfolgt. Sie wusste nicht, was sie von seiner Bemerkung halten sollte. „Sollte ich geschmeichelt sein oder aufgebracht, dass Sie gelauscht haben?“

„Lauschen in der Öffentlichkeit zählt nicht“, konterte er. „Ihr Trick funktioniert bei mir nicht. Anders als Mr Agyros werde ich mich durch eine Gegenfrage nicht von meiner Frage ablenken lassen. Warum haben Sie ihm nicht gesagt, woher Sie kommen?“

Sie hatte auch nicht geglaubt, dass es noch einmal funktionieren würde. Aber man konnte es ja versuchen. „Ich möchte Menschen gerne näher kennen, bevor ich etwas von mir offenbare.“

„Ich dachte, es würde Sie freuen, jemandem aus Ihrer Heimat zu begegnen“, bemerkte Beldon verwundert.

Auch wenn es beim ersten Mal nicht geklappt hat, versuche es erneut und sei dieses Mal charmanter! Lilya sah ihn mit einem schüchternen Lächeln an. „Hat Ihnen niemand gesagt, dass man eine Dame nicht dazu zwingen darf, über etwas zu reden, über das sie nicht reden will?“

Unbeeindruckt blieb Beldon beim Thema.

„Ich frage mich, was das über Ihren Mr Agyros aussagt? Ihn schien alles brennend zu interessieren, was Sie geantwortet haben.“

Sie runzelte ihre Stirn. „Das ist genau, was ich meine.“ Sie senkte ihre Stimme und hoffte, er würde sein Verhör beenden. „Wenn ich persönliche Informationen zurückhalte, dann ist das meine Sache.“

Er nickte und schaute sie ernst an. Einen Augenblick lang schien die Welt stehen zu bleiben und sie waren die einzigen Menschen weit und breit. Seine mächtige Aura, die ihr bereits am vergangenen Abend aufgefallen war, raubte ihr beinahe den Atem.

„Ich entschuldige mich, Miss Stefanov. Ich dachte nur daran, wie einsam Sie sich hier in England, weit entfernt von ihrer Heimat, fühlen müssen.“ Er klang sehr höflich, schließlich war er ja auch ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle. Dennoch wühlten seine Gegenwart und sein Verhalten sie auf. Am gestrigen Abend waren es seine Berührungen und seine körperliche Nähe gewesen, die sie erregt hatten, heute waren es seine Worte.

Sie blickte rasch weg, damit er die Tränen in ihren Augen nicht sah. Beldons Bemerkung bewegte sie. Es war interessant zu beobachten, wie andere ein Gespräch zwischen ihr und einem ihrer Landsleute wahrnahmen. Wo sie Gefahr vermutete, sahen andere Gemeinschaft. Aber Lilya dachte nicht daran, die Sicht anderer zu teilen. Der Moment, in dem sie ihre Vorsicht aufgab, war wahrscheinlich gleichzeitig der Moment ihres Todes. Es war Ironie des Schicksals, dass sie ihre Landsleute meiden musste statt sie zu beschützen. Sie misstraute ihnen und fürchtete sie wegen der Gefahr, die von ihnen ausgehen konnte. Die andauernde Furcht, enttarnt zu werden, und vor allem der Gedanke, dass sie nicht in ihre Heimat und zu ihrer Familie zurückkehren konnte, zermürbte sie.

„Meine Zuhause ist hier in London. Val und Philippa sind jetzt meine Familie“, antwortete sie leise.

„Mich können Sie auch dazuzählen“, versicherte ihr Beldon.

„Natürlich“, sagte sie hastig. „Aber Sie werden bald eine eigene Familie gründen und Ihrer Schwester weniger Aufmerksamkeit schenken können.“ Das waren sehr klare Worte für ein unverheiratetes Mädchen. Eigentlich war es ungehörig, mit Junggesellen über deren Heiratspläne zu sprechen. Andererseits gehörte sie zur Familie, das hatte er selbst gesagt. Er konnte seine Bemerkung ja zurücknehmen, wenn er nicht meinte, was er eben gesagt hatte …

Sie sah ihm an, dass er nicht bereit war, mit ihr darüber zu reden.

„Ja. In meiner Zukunft läuten die Hochzeitsglocken“, bemerkte er nur unverbindlich, gab seinem Pferd die Sporen und ritt davon.

Was ist nur mit mir los?

Einen Tag früher hätte Beldon diese Aussage mit Befriedigung erfüllt. Ein weiteres Ziel war erreicht, da er sich entschieden hatte, zu heiraten. Er musste nur noch die Frau auswählen, um deren Hand er in einem Monat anhalten würde.

Dafür würde er einige Wochen lang tanzen, im Park reiten gehen und an einigen Gesellschaften teilnehmen. Dann wäre die Entscheidung gefallen und er könnte seinen Antrag machen.

Wahrscheinlich würde seine Wahl auf Lady Eleanor fallen. Sie würde ihn bestimmt nicht abweisen, das hatte er schon gestern Abend gemerkt, als er sie zum Tanz aufgefordert hatte. Sie hatte ihm aufmerksam und interessiert zugehört und mit ihren braunen Augen zu ihm aufgeschaut. Er würde der Mann sein, der Lady Eleanor Braithmore samt ihrem Erbe gewinnen würde. Vor einigen Jahren hatte er noch nicht auf eine solche Heirat hoffen dürfen.

Trotz alledem war er nicht zufrieden mit sich. Das lag an Lilya. Am vergangenen Abend hatte sie ihn aus dem inneren Gleichgewicht gebracht. In einem Ballsaal voller blasser Debütantinnen hatte sie mit ihrer Lebendigkeit alle überstrahlt. Die anderen Damen erschienen ihm alle gleich … gleich langweilig. Aber das war nichts Schlimmes, die Damen seiner Klasse hatten andere Vorzüge. Sie waren nicht aufregend, aber sehr tugendhaft. Eigentlich hatte er sich schon darauf eingestellt.

Doch Lilya war aufregend.

Gebannt hatte er an ihren Lippen gehangen und ihren wachen Verstand bewundert. Der vergangene Abend war ungewöhnlich gewesen. Sie hatte seine Fantasie angeregt … und tat es immer noch, auch wenn er sich noch so sehr dagegen wehrte.

Auch am hellen Tag war Lilya außerordentlich schön. Ihre sanften Gesichtszüge und ihr verführerischer Mund wirkten ausgesprochen weiblich, während das Feuer, das in ihren Augen brannte, ihre wilde, ungezähmte Seite verriet. Sie schien voller Kraft zu sein, selbstständig und unabhängig. Es hatte ihn heute seine gesamte Fähigkeit zur Selbstkontrolle gekostet, sich auf Lady Eleanor zu konzentrieren. Sehr viel lieber hätte er dem Gespräch zwischen Lilya und Mr Agyros gelauscht.

Vielleicht hatten ihn Mr Agyros’ Aufmerksamkeiten gegenüber Lilya geärgert. Seine Augen hatten Lilya nahezu ausgezogen. Wie er sie angestarrt hatte, war skandalös gewesen.

Beldon wusste aus persönlicher Erfahrung, welche Wirkung Lilya auf Männer hatte. Vergangene Nacht war er für ihren Charme durchaus zugänglich gewesen. Er war ein Mann und wusste, was Männer dachten. Vor einigen Jahren hatte er die Ballsaison an Philippas Seite verbracht, um sicherzustellen, dass sie nichts Unschickliches tat. Er war für die Rolle einer Anstandsperson also gerüstet. Aber Lilya schien keine solche Anstandsperson zu brauchen. Sie hatte Agyros’ Fragen unbeantwortet gelassen und auch seinem Insistieren widerstanden. Sie war sehr viel klüger als die üblichen Debütantinnen.

Dass sie Agyros’ Fragen unbeantwortet gelassen hatte, brachte ihn ins Grübeln: Warum hatte sie nicht geantwortet? Verbarg sie etwas? Wenn sie wirklich etwas verbarg, dann erklärte das möglicherweise, warum sie sich so deutlich von den anderen jungen Frauen unterschied. Es erklärte die Aura von Kraft, die Lilya umgab. Menschen, die Geheimnisse lange wahrten, hatten es gelernt, auf der Hut zu sein.

Er wusste, dass er gerade wilde Spekulationen anstellte. Für einen Mann, der so viel Wert darauf legte, immer kühl und sachlich zu handeln, war das ungewöhnlich. Er wusste wenig über Lilyas Leben vor ihrer Übersiedlung nach England und sollte es am besten dabei belassen.

Sein Verhalten am vergangenen Abend war untypisch für ihn gewesen. Von nun an würde er sich wieder auf sein wahres Ziel konzentrieren. Er war schließlich nur aus einem einzigen Grund in die Stadt gekommen: um eine standesgemäße Braut zu finden. Deshalb musste er seine Gefühle für Lilya unterdrücken und sich in ihrer Gegenwart mehr zusammennehmen. Wahrscheinlich wäre es am besten, wenn er ihr bis zur Hochzeit ganz aus dem Weg gehen würde …

3. KAPITEL

Lilya zu meiden, war ein Ding der Unmöglichkeit. Er konnte nicht umhin, sie am folgenden Abend unentwegt zu beobachten. Sie war eine Frau, die gesehen werden wollte. Eine andere Erklärung gab es nicht dafür, warum Beldons Blick immer wieder auf die Tanzfläche der Latimores fiel, wo sich Lilya in den Armen von Christoph Agyros wiegte. Natürlich konnte es noch andere Erklärungen dafür geben, warum ihn diese Frau so in ihren Bann zog, naive Menschen würden vielleicht sogar an das Schicksal glauben … Aber nicht Beldon Stratten!

Da Philippa mal wieder Kopfschmerzen hatte und von Val nach Hause begleitet worden war, musste er heute ohnehin ein Auge auf Lilya haben. Langsam wunderte er sich, warum Philippa ständig unpässlich war.

Für Lilyas Anwesenheit in einem Raum hatte er inzwischen ein untrügliches Gefühl entwickelt. Das war praktisch für seine Aufgabe als Aufpasser. Sie sah in zartrosa Seide hinreißend aus und zog die Blicke mehr als nur eines Mannes im Ballsaal auf sich. Auch die von Mr Agyros. Dessen Augen hatten praktisch an ihr geklebt, weshalb Beldon ihn besonders aufmerksam beobachtete. Wenn die Avancen eines Bewerbers zu eindeutig wurden, musste er eingreifen, natürlich nur aufgrund seiner Funktion als Hüter des Anstands … Wenn dieser Leichtfuß seine Blicke also nicht bald mäßigte, würde sich Beldon um ihn kümmern müssen.

Als Agyros und Lilya am Eingang zum Ballsaal vorbeitanzten, bemerkte Beldon die Braithmores, die im gleichen Moment eintraten. Lady Eleanor und deren Mutter sahen ihn ebenfalls und kamen zu ihm herüber. Beldon versuchte sich vorzustellen, dass er bereits mit Lady Braithmore verheiratet wäre. Wie würde es sein, sie zu sehen und zu wissen, dass sie die Seine war? Bisher fühlte er ihr gegenüber nicht wie ein Ehemann. Würde er nach der Heirat ihre Anwesenheit spüren, noch bevor er sie sah, so wie bei der schönen Lilya?

Ihre Beziehung würde sich sicher mit der Zeit vertiefen. So sollte es jedenfalls sein. Bisher aber war er ihr nicht nähergekommen. Er hatte sie inzwischen einige Male getroffen, aber er wusste immer noch so gut wie nichts über sie.

Lady Eleanor und ihre Mutter erreichten ihn, als die Musik verklang. Lady Eleanor würde tanzen wollen und er würde ihrem Wunsch entsprechen. Sie trug heute Abend eine dunkelrosafarbene Robe und wirkte wie immer sanft und gelassen.

„Guten Abend, Lady Eleanor. Sie sehen reizend aus.“ Beldon beugte sich über ihre Hand. Ein Mann sollte sich freuen, die Hand einer Frau wie Eleanor Braithmore zu erringen … Warum also kann ich nichts für sie empfinden? „Ich glaube, der nächste Tanz ist ein Walzer. Würden Sie mir die Ehre erweisen?“

Sie beugte sich ein wenig nach vorne und flüsterte: „Darf ich es Ihnen gestehen? Ich tanze heute den ersten Walzer auf einem Ball.“

„Ich fühle mich sehr geschmeichelt.“ Beldon bot ihr seinen Arm an und führte sie zur Tanzfläche. Er legte seine Hand um ihre Taille und fühlte ihre zarte Berührung auf seiner Schulter.

„Seien Sie unbesorgt, Lady Eleanor. Ich werde dafür sorgen, dass Sie sich an diesen ersten Walzer erinnern“, versicherte er.

Lady Eleanor vollführte die korrekten Schritte. Er konnte nicht anders als ihre Bewegungen, die wie aus einem Walzer-Lehrbuch waren, mit Lilyas natürlicher Anmut zu vergleichen. Mit Lilya zu tanzen, war ganz anders gewesen. Er begann die beiden Frauen auch in anderer Hinsicht zu vergleichen.

Er kannte beide Frauen nur flüchtig. Aber das Gespräch mit Lilya am gestrigen Abend war so viel interessanter gewesen. Sie hatte ihn angesehen, statt über seine Schulter zu schauen. Ihre Unterhaltung war geistvoll und unterhaltsam gewesen. Und dann war da noch etwas Unbestimmbares, ein prickelndes Gefühl, das er ständig mit Lilya in Verbindung brachte …

„Die Dekorationen sind göttlich“, sagte Lady Eleanor. „Rosafarbene Rosen sind meine Lieblingsblumen.“

„Diese Farbe steht Ihnen auch besonders gut.“ Beldon konzentrierte sich wieder auf Eleanor. Er musste sich einfach nur mehr anstrengen, sie zu mögen, statt daran zu denken, wie es war, mit Lilya zu tanzen. Sie hatte sich gut in seinen Armen angefühlt, selbstbewusst und doch anschmiegsam. Aber da war noch etwas gewesen: Sie hatten gemeinsam gelacht. Wie gern würde er diesen Moment noch einmal erleben, ihr glockenhelles Gelächter hören und den freudigen Glanz in ihren wunderschönen dunklen Augen genießen! Aber das war ganz und gar nicht der richtige Wunsch für jemanden, der einer anderen Frau einen Antrag machen wollte.

Der Walzer schien eine Ewigkeit zu dauern. Lady Eleanor sprach von Dekorationen und Kleidern, von der neuen Kutsche ihres Vaters und dem Hut ihrer Mutter. Irgendwo lachte Lilya aus tiefer Kehle. Ihre Stimme klang so weich und süß wie Honig. Er schaute sich suchend um und entdeckte ihr rosafarbenes Kleid und ihr hochgestecktes dunkles Haar. Mr Agyros hatte offenbar eine witzige Bemerkung gemacht.

Nach dem Walzer würde er seine Rolle als Aufpasser wahrnehmen und sich um Lilya kümmern. Doch als die letzten Noten verklangen waren, sah er sich vergeblich nach ihr um. Sie und Mr Agyros hatten den Ballsaal verlassen.

Es hatte keinen Grund gegeben, die freundliche Bitte nach einem kleinen Spaziergang auszuschlagen. Die Gärten waren voller Menschen, die zwischen den Tänzen draußen Abkühlung suchten, und Christoph Agyros würde sie bestimmt nicht in unbeleuchtete Ecken führen. Draußen war ein privates Gespräch eher möglich als in einem überfüllten Ballsaal. Außerdem wollte sie nicht weiter mit ansehen, wie Beldon Stratten mit Lady Eleanor über die Tanzfläche schwebte …

„Die frische Luft tut wirklich gut!“, sagte Lilya und atmete tief ein. Gemächlich schritt sie mit Agyros durch den Garten. „London ist wirklich faszinierend, diese vielen eleganten Menschen, die prachtvollen Bälle … Genießen Sie das nicht auch?“, fragte er.

„Ich lebe lieber zurückgezogen auf dem Land“, antwortete sie.

Er nickte verständnisvoll. „Meine Familie besaß vor den Unruhen ein Landhaus auf Chios. Ich war vierzehn, als es begann.“ Er schwieg und seufzte, bevor er fortfuhr: „Wir haben das Landhaus natürlich verloren und vieles andere dazu.“

Lilya seufzte wehmütig. Alle Phanarioten wussten, was auf Chios geschehen war: Nach den Aufständen in Naoussa hatten die Ottomanen dort ganze Familien umgebracht, Kinder zu Waisen gemacht und sämtliche Reichtümer geraubt. Chios’ Wohlstand war dahin.

„Das tut mir leid“, sagte sie leise. Sie wusste, was er durchmachen musste. Sie hatte ihre Familie in Naoussa verloren und er die seine in Chios. Nie würde sie vergessen, wie sie mit Konstantin auf dem Arm, der damals noch ein Baby gewesen war, zusehen musste, wie ihre Tante und Alexei niedergemetzelt wurden. Sie hatte befürchtet, ihr würde dasselbe zustoßen, doch Valerian hatte wie ein Berserker unter den Angreifern gewütet.

Christoph legte seine Hand auf die ihre und lächelte ihr zu. „Danke. Nur wer die Unruhen selbst erlebt hat, kann nachfühlen, was sie für uns bedeutet haben. Wir sind zwar nun überall in Europa verstreut, dennoch haben wir überlebt. Und das ist die Hauptsache, oder?“

Mein Leben steht gerade erneut auf dem Spiel, dachte Lilya, als sie in die dunklen Augen von Christoph Agyros schaute. Vielleicht hatte sie einen Fehler gemacht. Sie hatte ihm bei ihrer gestrigen Begegnung im Park nicht erzählt, woher sie stammte. Doch nun ging er von gewissen Annahmen aus, und sie hatte ihn nicht korrigiert. Vielleicht hätte sie das besser tun sollen. Aber jede Korrektur war gleichzeitig eine Lüge. Wenn er die Wahrheit zufällig herausfand, würde er sicher Verdacht schöpfen. Wenn er wirklich aus diplomatischen Gründen in London war und nicht wegen des Diamanten, hatte sie nichts von ihm zu befürchten. Wenn er dunklere Absichten hatte, wusste er bereits, wer sie war. Es wäre also zwecklos zu leugnen.

„Meine Familie wurde in Naoussa getötet“, bekannte sie ruhig. Sie hatte ihren Entschluss gefasst. Sie waren inzwischen ein bisschen vom Weg abgekommen und allein in einer Ecke des hell erleuchteten Gartens.

„Sie möchten nicht gerne über die Vergangenheit sprechen“, sagte er sanft. „Sie müssen sich deswegen nicht schämen. Es geht uns doch wieder gut. Wir haben uns wie Phönix aus der Asche erhoben.“ Er klang, als teilten er und sie dasselbe Schicksal. Sie überließ sich dem Moment.

„Lilya“, flüsterte er plötzlich. Seine Hand berührte ihre Wange, seine Absichten waren klar. Er würde sie küssen, sie wussten es beide. Er war ein attraktiver Mann, und sie hatte bisher keinen Grund, ihn zu fürchten. Dennoch fühlte sie sich unbehaglich.

„Da sind Sie ja, Miss Stefanov“, erklang eine klare, ernste Stimme.

Beldon!

Sie seufzte und trat einen Schritt zurück.

„Wir wollten gleich miteinander tanzen.“ Beldon betrachtete Christoph Agyros kalt. Hatte er gesehen, wie nahe Agyros und sie sich beinahe gekommen wären?

Beldon hielt ihr den Arm entgegen. „Lassen Sie mich kurz mit Mr Agyros alleine sprechen. Ich muss ihm etwas erklären.“ Sein Blick war hart, als er an ihr vorbei zu Christoph Agyros schaute. Sie fügte sich. Jegliche Widerworte würden sie töricht erscheinen lassen und Christoph Agyros ermutigen, ihr erneut Avancen zu machen. Wenn sie protestierte, würde er glauben, dass sie mit einem Kuss einverstanden gewesen sei. Deshalb schwieg sie, drehte sich um und ging so würdevoll wie möglich einige Schritte den Pfad hinauf.

Beldons Erklärungen schienen kurz gewesen zu sein, denn bald darauf trat er neben sie. „Was haben Sie genau zu Mr Agyros gesagt?“, fragte sie und versuchte, entrüstet zu klingen. Sie kam sich bei dem Gedanken, dass sich Beldon in ihre Angelegenheiten einmischte, albern vor. Wahrscheinlich hielt er sie für völlig verantwortungslos, weil sie sich fast von einem nahezu Fremden hatte küssen lassen. Vor allem, wo er doch wusste, dass sie im Park gegenüber Mr Agyros argwöhnisch gewesen war. Er würde sich fragen, welche Frau einen fremden Mann küsste, dem sie nicht einmal vertraute.

„Ich habe ihm erklärt, dass ein Gentleman in unserem Teil der Welt keine Dame nach so kurzer Bekanntschaft zu küssen versucht und dass wir hier den guten Ruf einer Debütantin ausgesprochen ernst nehmen.“

Sie verstand die versteckte Botschaft seiner Worte. Ein wirklicher Gentleman achtete auf den Ruf einer Frau … aber eine Frau hatte ebenfalls auf ihren Ruf zu achten. Sie errötete und blickte zu Boden.

Beldon schien sich ein wenig zu entspannen. „Val hat mich gebeten, ein Auge darauf zu haben. Ich möchte nur, dass Sie mit dem Respekt behandelt werden, den Sie verdienen.“ Er schwieg einen Moment. Sie standen so nah beieinander, dass sein Atem sacht ihr Ohr streifte. Diese Intimität ließ sie wohlig erschauern. „Außerdem wirkte es nicht so, als ob Sie mit den Annäherungsversuchen des Gentlemans einverstanden wären.“

Sie hörte, dass er ihr nicht nur vergeben hatte. Er verstand offenbar sogar genau, was in ihr vorgegangen war.

„Niemand küsst eine Frau gegen ihren Willen, solange ich für sie verantwortlich bin.“

In seinen Worten und in seinem Wesen lag plötzlich eine gewisse Wildheit. Er musterte sie mit einer Intensität, die mehr war als die Aufmerksamkeit eines Aufpassers. Glühendes Verlangen sprach aus seinem Blick … Dann war der Ausdruck plötzlich wieder so schnell verschwunden, wie er gekommen war. Sicher hatte sie sich geirrt. Selbst als er vorhin mit Lady Eleanor – der Frau, die er umwarb – getanzt hatte, hatte er so reserviert und kontrolliert wie immer gewirkt. Dieser Mann würde nicht so einfach seine Fassung verlieren. Schon gar nicht ihretwegen! Oder etwa doch?

„Welchen Tanz nehmen wir?“, fragte Lilya, während sie zurückgingen. Beldon und sie waren heute Abend nicht sie selbst. Er wirkte wie ein Tiger im Käfig, etwas schien ihn zu beschäftigen. Und sie selbst konnte nur noch an seine funkelnden Augen denken, die Begierde, die sie gespürt hatte … Das Schlimme war jedoch, dass sie die Vorstellung, er wolle sie verführen, nicht erschreckte. Im Gegenteil: Sie musste sich eingestehen, dass sie es erregend fand.

„Ich glaube, es ist eine Polka.“ Beldon legte eine Hand auf ihren Rücken, um sie durch die Tür zu geleiten. Als sie den Ballsaal betraten, war er wieder ganz der Alte: Seine Gefühle hatte er hinter einer Fassade geschliffener Manieren verborgen. Niemand würde auch nur vermuten, dass er vor wenigen Minuten noch inbrünstig ihre Ehre verteidigt hatte.

Lilya freute sich, Polka tanzen zu können. Sie brauchte ihre gesamte Kraft und Aufmerksamkeit für diesen Tanz. Für eine Unterhaltung blieb keine Zeit, dennoch war sie sich jeder Bewegung Beldons bewusst: wie er seine Schultern straffte, wie sich seine Beinmuskeln anspannten. Vielleicht lag es an der Ballsaison mit all ihren Hochzeitsplänen, dass man jeden Mann als einen möglichen Ehegatten wahrnahm, selbst solche wie Beldon, die nicht infrage kamen …

Doch dies war keine Zeit, um sich ablenken zu lassen! Griechenland stand am Rande der Unabhängigkeit und ein Fremder aus ihrer Heimat hatte ihre Gesellschaft gesucht. Es wurde wahrhaftig Zeit, sich mit einem Dolch zu bewaffnen.

4. KAPITEL

Christoph Agyros verließ den Ball durch den Hinterausgang. Niemand würde ihn vermissen, und er musste nachdenken. Die Filiki Adamao, die Bruderschaft des Diamanten, würde erfreut sein, dass er den ersten Teil seiner Aufgabe erfüllt hatte: Er hatte die Tochter Dimitri Stefanovs gefunden. Der Name der Stefanovs tauchte in der Geschichte der vergangenen Jahrhunderte immer dann auf, wenn es um den Diamanten ging. Agyros war entsandt worden, um Lilya Stefanov zu finden. Es gab natürlich noch andere Namen, die im Zusammenhang mit dem Diamanten genannt wurden, und er war nicht der Erste, der herausfinden sollte, wer ihn hütete.

Im nächsten Schritt musste er deshalb sicherstellen, dass sie den Diamanten wirklich besaß. Er hoffte inständig, dass es so war. Der Gedanke, dass er für nichts und wieder nichts so weit gereist war, behagte ihm nicht. Aber wenn er wirklich auf die richtige Karte gesetzt hätte, blickte er einer goldenen Zukunft entgegen. Er pfiff in der Dunkelheit vor sich hin und bemühte sich, nicht zu übermütig zu werden.

Die Filiki Adamao wollte den Diamanten aus politischen Gründen an sich bringen. Sie wollten Einfluss auf den nächsten Herrscher nehmen und sich als Macht hinter dem Thron etablieren. Viele gefühlsduselige alte Männer waren mit im Spiel. Natürlich war die Liebe zum Vaterland wichtig, aber für Christoph Agyros gab es noch etwas viel Wichtigeres: ihn selbst.

In einer kalten Nacht, in irgendeiner heruntergekommenen Herberge, hatte er einen verwegenen Plan gefasst: Er konnte den Diamanten doch auch selbst behalten. Was hatten diese alten Männer denn schließlich getan, um in seinen Besitz zu kommen? Sie redeten und machten Pläne, während er die Strapazen der Suche auf sich nahm. Er war derjenige, der nach seiner Ankunft in London die Bekanntschaft des mazedonischen Attachés gesucht hatte. Dieser Geniestreich hatte ihm die Türen zur Welt von Lilya Stefanov aufgestoßen.

Die schöne junge Frau hatte ihre Sache bisher gut gemacht. Schließlich hatten die Filiki Adamao angenommen, dass sie nach England zu einem alten Freund ihres Vaters geflohen war. Viele hatten gehofft, man werde ihr unterwegs auflauern können, aber sie hatte es unbehelligt bis an ihr Ziel geschafft.

Es spielte keine Rolle, wohin sie floh. Er würde sie überall finden. Nachdem er sie gesehen hatte, hatte er einen neuen Plan gesponnen. Wenn sie im Besitz des Diamanten war, würde er sie heiraten. Sie müsste nicht einmal wissen, dass er den Diamanten wollte. Sie könnte gerne glauben, dass er sie liebte. Frauen glaubten so etwas schnell, und er war gut darin, sie davon zu überzeugen. Es würde eine kurze Ehe werden. Nicht umsonst hieß es „bis dass der Tod euch scheidet“.

Der nächste Schritt war also, seinen gesamten Charme auf sie wirken zu lassen. Er würde dafür sorgen, dass es eine heiße Romanze wurde, eine, die eine überstürzte Heirat und die Rückkehr in die Heimat im August rechtfertigte. Wenn da bloß nicht ihr Beschützer wäre! Baron Pendennys hatte sich heute Abend sehr klar ausgedrückt, was passieren würde, wenn er sich Lilya erneut unsittlich nähern würde. Und das bestimmt nicht aus selbstlosen Motiven! Christoph kickte wütend einen Kieselstein weg. Es war nicht das erste Mal, dass Pendennys sein Interesse für Miss Stefanov offenbart hatte. Schon gestern im Park war Christoph aufgefallen, wie aufmerksam er sie beobachtet hatte.

Christoph zuckte die Schultern. Wenn Lilya Stefanov nicht die Hüterin des Diamanten war, konnte Pendennys sie gerne haben. Aber wenn sie es war, konnte sich ihm niemand in den Weg stellen, nicht einmal dieser Baron!

Beldon richtete seine Krawatte und schlüpfte in einen kastanienbraunen Mantel aus feinster Wolle. Es war Zeit, seine Londoner Pläne voranzutreiben. Um das zu tun, musste er heute einkaufen gehen.

Beldon nahm seine Brieftasche und drehte sich zu seinem Diener um, der ihm die Handschuhe entgegenhielt. „Vielen Dank, Fredericks.“ Er ging die Treppe mit raschen Schritten herunter. Heute würde er ein wunderbares Geschenk für Eleanor Braithmore kaufen! Vielleicht würde das auch endlich die Gedanken an Lilya vertreiben. Er hatte in jedem Fall zu viele davon im Kopf …

Wenn er nicht daran dachte, wie es war, mit ihr zu tanzen, dachte er daran, wie sie im Garten der Latimores in den Armen von Christoph Agyros gelegen hatte, bezaubernd und elegant, die Lippen leicht geöffnet. Der Anblick hatte ihn wütend gemacht. Sie hatte zwar nicht so ausgesehen, als sei sie begierig darauf gewesen, Christoph Agyros zu küssen, aber auch wenn sie es gewesen wäre, hätte er es verhindert. Immerhin war er ihr Aufpasser und hatte ihr gegenüber Pflichten übernommen.

Jedenfalls sagte er sich das.

In ehrlicheren Momenten hatte er seine Zweifel.

Die Wahrheit war, dass er sie selbst gerne geküsst hätte. Dieses Eingeständnis erschreckte ihn. Er war darauf nicht vorbereitet gewesen. Oh ja, er wollte Lilya küssen. Und er sehnte sich nach so viel mehr! Seit dem Abend, an dem er ihren Rücken betrachtet hatte, war seine Begierde täglich größer geworden und es kostete ihn große Anstrengung, sich zusammenzureißen. Er erkannte sich kaum wieder, normalerweise hatte er seine Gefühle immer kontrollieren können. Doch egal, wie er jetzt auf Lilyas Anwesenheit reagierte, es würde sich mit der Zeit legen. Sie war einfach neu für ihn. Die Erregung, die er spürte, wenn er sie ansah oder an sie dachte, würde – dessen war er sich ganz sicher – nach und nach abnehmen. Das hoffte er zumindest …

Draußen wartete sein Phaeton auf ihn. Beldon schwang sich gut gelaunt auf den Kutschbock und lenkte den Einspänner vom Hof. Diese Einkaufstour würde ihn ablenken. Gott sei Dank schien heute die Sonne!

Wenn er schon einkaufen musste, dann nur bei gutem Wetter. Durch Pfützen zu waten und eilig von Ladentür zu Ladentür zu hasten, machten diese Unternehmung, die ihm ohnehin zuwider war, noch unerfreulicher.

Nach kurzer Fahrt hielt er vor den Burlington Arkaden und stieg ab. Die uniformierten Wächter begrüßten ihn höflich. Bentham und Brown, die Hausjuweliere der Pendennys’ waren nicht weit entfernt.

Ein Portier öffnete ihm die Tür zum Laden des Juweliers. In den Geschäftsräumen war es angenehm ruhig, im Kontrast zum geschäftigen Treiben auf den Straßen Londons. Mr Brown begrüßte Beldon persönlich, als er das Geschäft betrat.

Beldon hatte gerade auf einer gepolsterten Bank vor den Vitrinen mit den Edelsteinen Platz genommen und seine Wünsche dargelegt, als sich die Tür erneut öffnete. Neugierig drehte er sich nach dem Neuankömmling um … und seufzte ungläubig.

Es gab so viele Juweliere in der Stadt, aber Lilya hatte sich ausgerechnet für diesen entschieden! Andererseits lag es auch wieder nahe, denn Val und Philippa waren ebenfalls Kunden hier. Aber warum suchte sie zur selben Zeit wie er einen Juwelier auf? Er glaubte keinesfalls an das Schicksal, aber langsam gingen ihm alle anderen Erklärungen aus. Immer wenn er sich darum bemühte, Lilya aus seinen Gedanken zu verdrängen, erschien sie postwendend auf der Bildfläche.

Völlig unbefangen eilte sie auf ihn zu, mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht. „Hallo Beldon! Wie schön, Sie hier zu treffen.“

5. KAPITEL

Seit wann nannte sie ihn beim Vornamen? Aber irgendwie klang es gut in seinen Ohren. Beldon erhob sich und bemühte sich, wie ein vollendeter Gentleman zu wirken. „Miss Stefanov, wie schön Sie zu sehen! Genießen Sie das schöne Wetter?“ Meine Güte, warum fiel ihm nichts Besseres ein? Verglichen mit ihrer freundlichen Begrüßung wirkte seine steif und gekünstelt.

Ihr Mund lächelte, doch ihre Augen funkelten nicht mehr. Sie war eben keine gewöhnliche Debütantin. Sie war viel weltgewandter und verstand auch die Untertöne eines Gesprächs: Er hatte sie nicht Lilya genannt und sie hatte das als sanften Tadel verstanden. „Das Wetter ist wunderschön. Die Sonne hat in diesem Jahr so selten geschienen. Es ist wie ein Geschenk.“

Sie hatten das Wetterthema bald ausgeschöpft und standen sich einen Moment lang schweigend gegenüber, als sich Mr Brown meldete: „Ich hole die Bestellung des Viscounts sofort, Miss Stefanov.“ Er wendete sich an Beldon. „Für Sie habe ich eine Auswahl von Geschmeide zusammengestellt. Mögen Sie einen Blick darauf werfen, Lord Pendennys?“

„Danke, Mr Brown.“ Beldon drehte sich zu den Tabletts um und bemerkte sofort sein Dilemma. Es gehörte sich für einen Gentleman eigentlich nicht, die Gegenwart einer Dame zu ignorieren, schon gar nicht, wenn sonst niemand anwesend war, um sie zu unterhalten. Aber andererseits besprach ein Gentleman seine persönlichen Angelegenheiten auch nicht mit einer Dame.

Lilya erschien unerwartet an seiner Seite. „Es ist eigenartig oder nicht? All diese Formalitäten, wo wir uns einander doch keineswegs fremd sind. Es scheint ein wenig albern zu sein.“

Es lag ihm auf der Zunge, sie zu fragen, was sie denn eigentlich seien. Doch da erschien Mr Brown mit einem Päckchen. „Die Ringe, die der Viscount zur Reparatur hat abgeben lassen.“

Lilya nahm das Päckchen an sich. „Und das Diadem mit den passenden Ohrringen? Lady St. Just sprach von zwei Päckchen.“

Mr Brown entschuldigte sich noch einmal.

„Val und Philippa haben die Juwelen der St. Justs etwas moderner fassen lassen“, erklärte sie. Es war eine Aufforderung, ihr die Gründe für seine Anwesenheit zu nennen, die er geflissentlich ignorierte. Aber Lilya blieb hartnäckig.

„Suchen Sie ein Verlobungsgeschenk?“

Er korrigierte sie: „Nein. Für solche Anlässe gibt es Familienerbstücke. Ich bin auf der Suche nach einem Beweis meiner Aufrichtigkeit.“

„Das ist eine sehr freundliche Geste. Ich bin sicher, was immer Sie aussuchen mögen, wird sehr hübsch sein.“

Ihre Bemerkung spornte ihn an, sie herauszufordern. Würde sie die Wahrheit sagen, wenn er etwas wählte, was inakzeptabel war? Er griff nach einer Halskette. „Ich habe hierüber nachgedacht.“

Das Stück war schön, aber zu auffällig für den Anlass. Würde sie das wissen? Würde sie etwas sagen? Eine Dame würde ihm nicht widersprechen. Lilya jedoch zögerte nicht. Sie lächelte und schüttelte den Kopf.

„Vielleicht nach Ihrer offiziellen Verlobung“, sagte sie freundlich. „Eine Halskette ist ein wenig übertrieben für Ihre Absichten.“

Etwas Gefährliches war da zwischen ihnen im Gang. Er sollte eigentlich gehen, aber der Teufel in ihm war hellwach und wollte sich zeigen. Wie würde sie darauf reagieren?

„Welches sind meine Absichten?“, fragte Beldon in einem Ton, der mehr nach Verführung denn nach einer simplen Frage klang.

„Sagen Sie es mir. Es sind Ihre Absichten.“ Sie betrachtete ihn aufmerksam. Offensichtlich spürte sie die erotisch aufgeladene Atmosphäre zwischen ihnen ebenso wie er.

Aha! Sie forderte ihn heraus! Wie kühn sie war und dabei dennoch ganz und gar damenhaft. Es war wirklich bewundernswert.

Mr Brown kehrte mit einem zweiten Päckchen zurück. Er gab es Lilya und bemerkte die Kette, die immer noch an Beldons Hand baumelte. „Ah, Sie haben sich entschieden? Die Kette ist sehr schön.“

Beldon sah den kleineren Mann scharf an. Seine Stimme war kalt. „Sehr schön, aber auch sehr unpassend in meinem Fall“, korrigierte er ihn. „Ein Gentleman würde seiner zukünftigen Braut niemals so ein Stück schenken!“

Immerhin hatte der Mann Anstand genug, verschämt zu erröten. Beldon hatte ihn dabei erwischt, ihm nach dem Mund zu reden.

„Vielleicht etwas in Rosa?“, schlug Lilya vor. Es klang wie ein gut gemeinter Vorschlag, aber Beldon spürte den Wettbewerb dahinter. Rosa stand ihr einfach viel besser. Aber er musste ihr zustimmen. Ein rosafarbener Stein würde nicht nur hübsch für Lady Eleanor sein, sondern auch vielsagend. Solange sie beide Lady Eleanors Name nicht aussprachen, konnte er so tun, als sei es die normalste Sache der Welt, dass ihm eine Frau dabei half, Schmuck für eine andere auszusuchen.

Der Schmuck wurde weggetragen und neuer vorgelegt. Beldon war überrascht. Mit einer solchen Vielfalt hatte er nicht gerechnet. Lilya und er nahmen auf einer Bank Platz.

„Vielleicht ein Ring?“ Er wählte irgendeines der ausgelegten Schmuckstücke. Es interessierte ihn überhaupt nicht mehr, weshalb er eigentlich hierhergekommen war. Sehr viel mehr interessierten ihn Lilyas Antworten.

Die Schatzkammer der Pendennys enthielt hinreichend Juwelen. Aber er würde sie für die Hochzeit oder einen Jahrestag aufsparen. Die Smaragde der Pendennys waren schwer und damit ungeeignet für eine zarte Debütantin.

Lilya lachte. „Ein Armband oder eine Brosche wäre am besten.“ Sie wandte sich an den Juwelier. „Sie können alles andere mitnehmen. Lassen Sie nur diese drei Tabletts da.“

„Ich sehe nun ein, dass ich das alleine nicht hinbekommen hätte.“ Er hätte das nicht sagen dürfen. Es war falsch und klang zu familiär. Er scherzte mit ihr, als seien sie befreundet. Dabei wusste jeder, dass ein Mann nicht mit einer Dame befreundet sein konnte. Erschrocken presste er die Lippen zusammen. Lilyas offene, charmante Art verführte ihn dazu, mehr preiszugeben, als gut war.

Verstohlen warf sie ihm einen Blick von der Seite zu. Sie schien zu ahnen, was in ihm vorging und ihre Augen blitzten vor Vergnügen. Dann betrachtete sie die ausgelegten Schmuckstücke. „Die hier wäre perfekt.“

Auch ihm gefiel die Kamee aus zartrosa Koralle, die mit einem Jaspis verziert war. Eleanor könnte die Brosche an ein Kleid heften.

Lilya beugte sich nach vorne und sprach leise, während ihre Finger über die Kamee glitten: „Wie könnten Sie ihr besser zeigen, was Sie für sie fühlen, für eine Frau, deren äußere Schönheit Sie ebenso bewundern wie ihre inneren Werte.“

Die Bemerkung überraschte ihn. Sahen Frauen Schmuckstücke mit diesen Augen? Kannten Männer die Botschaften, die sich in Juwelen versteckten, überhaupt? Noch wichtiger war die Frage, ob er Lady Eleanor diese Botschaft mit dieser Kamee übermitteln wollte. Konnte er ihr etwas schenken, dessen Botschaft einer Lüge gleichkam? Er hoffte, dass sich das irgendwann ändern würde, wenn er sie besser kennengelernt hatte. Aber jetzt stimmte es nicht: Er wusste nichts von den inneren Werten Lady Braithmores. Sie war dank ihrer strengen Erziehung ein weißes Blatt Papier, das darauf wartete, von einem Ehemann beschrieben zu werden. Und leerer könnte das Blatt kaum sein … Er wusste nur über sie, dass sie seine Kriterien erfüllte.

Plötzlich kam ihm ein schrecklicher Gedanke. Was, wenn seine Kriterien falsch wären? Wenn er mehr als ein leeres Blatt Papier brauchte?

Es war falsch, so zu denken. Aber er hatte heute bereits einiges getan, was er nicht hätte tun sollen. Zum Beispiel, sich neben Lilya zu setzen. So ist das, wenn man mit dem Feuer spielt, irgendwann verbrennt man sich.

„Was ist los? Sie sind plötzlich blass geworden.“ Sie legte ihre Hand auf seinen Arm. Ihr Gesicht war voller Mitgefühl. „Ich hoffe, Sie haben sich nicht erkältet. Philippa wird es Ihnen nicht verzeihen, wenn Sie vor Vals Ball krank werden. Sie hat Tage damit verbracht, die Feier zu Ehren seiner neuen Rosen-Kreuzung vorzubereiten.“

Beldon schob seine Gedanken beiseite, stand auf und schüttelte Lilyas Hand ab. „Keine Sorge, ich fühle mich prächtig. Und die Brosche ist perfekt. Mr Brown, könnten Sie mir das Stück bitte einpacken. Ich möchte es gleich mitnehmen.“

Viele Männer bekamen kalte Füße vor dem Antrag, es war nahezu ein fester Bestandteil der gesamten Prozedur. Er versuchte sich einzureden, dass es ein gutes Zeichen war. Es zeigte ihm, wie wichtig seine Entscheidung war.

Der Juwelier kehrte mit einer taubenblauen Samtschatulle zurück. „Ich hoffe, es ist Ihnen so angenehm, Lord Pendennys. Die Damen finden die Verpackung fast ebenso wichtig wie den Inhalt.“ Er zwinkerte verschwörerisch.

Beldon steckte die Schachtel in seine Manteltasche. Sie war klein genug, um nicht aufzufallen. Er konnte sie diskret bei sich tragen und auf den richtigen Moment warten, um sie Lady Eleanor zu überreichen. Oder – dieser Gedanke schlich sich prompt ein – er konnte sie auch einfach vergessen.

„Lord Pendennys, wenn ich das noch sagen darf: Mir ist hinten noch dieses Stück aufgefallen. Wir haben es bisher noch nicht gezeigt, weil ich es erst neulich von einem Edelsteinhändler erhalten habe. Ich möchte es Ihnen gerne zeigen. Es ist ein silbernes Armband mit Turmalinen.“

Lilya keuchte beim Anblick des Armbandes. „Es ist wunderschön.“

Ermutigt spracht der Juwelier weiter: „Es kommt aus Burma. Darf ich, Miss Stefanov?“ Der Juwelier legte das Schmuckstück um ihren Arm, hatte aber Schwierigkeiten mit dem Verschluss.

„Bitte, erlauben Sie.“ Beldon half, ohne darüber nachzudenken. Er nahm ihr Handgelenk und befestigte das Armband. Dabei spürte er ihre zarten Knochen unter dem Handschuh. Ihr Knöchel war ebenso elegant und schlank wie das Armband. Beide passten perfekt zueinander. Beldon trat einen Schritt zurück und hoffte, er werde so auch innerlich auf Distanz gehen können.

Lilya hob die Hand und betrachtete das Armband, das sofort in Richtung Ellenbogen rutschte. „Es ist ein bisschen zu weit.“

„Das kann leicht geändert werden.“ Mr Brown hoffte offenbar auf ein weiteres Geschäft. Und er unterstellte offenbar, dass Beldon auch für Lilya Juwelen kaufen könnte. Was glaubte er wohl, welcher Art ihre Beziehung zueinander war?

„Es ist wunderschön. Danke, dass Sie es mir gezeigt haben. Aber ich muss verzichten. Das Armband entspricht nicht dem Stil, den ich mir vorgestellt habe.“ Das Armband war wirklich unpassend. Es war zu elegant, zu raffiniert, zu farbig für eine englische Rose wie Lady Eleanor. Das Armband musste von einer Frau mit dunklem Haar und einem exotischen Aussehen getragen werden. Einer Frau wie Lilya. Beldon konnte sich das Schmuckstück an keiner anderen vorstellen, nachdem er es bei ihr gesehen hatte … Gefährlich. Es wurde Zeit zu gehen.

„Für mich ist es Zeit, etwas zu essen. Wie geht es Ihnen damit?“, sagte er. Er half Lilya erneut, dieses Mal beim Öffnen Verschlusses, und gab das Armband dem Juwelier zurück. „Kann ich Sie zu einem Aufenthalt bei Fortnum and Mason’s überreden, bevor wir nach Hause fahren, Miss Stefanov?“

Er hatte eine weise Entscheidung getroffen, dachte Beldon zwanzig Minuten später. Tee war genau das Richtige, um sein inneres Gleichgewicht zurückzugewinnen. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er ihn zum letzten Mal so sehr genossen hatte. Wenn er allein gewesen wäre, wäre er auf eine Erfrischung zum St James’s Club gefahren. Das Essen wäre herzhafter gewesen, die Gesellschaft dort allerdings nicht.

„Sie wissen mehr über Edelsteine, als ich dachte, und Ihr Geschmack ist fabelhaft“, sagte Beldon, nachdem sie ihre zweite Kanne Tee ausgetrunken hatten. Es wurde wahrhaftig Zeit aufzubrechen. Es gab keine Rechtfertigung, noch länger hierzubleiben.

Lilya errötete. Beldon sah ihr an, dass ihr etwas durch den Kopf ging. Er konnte warten. Schließlich sagte sie: „Meine Familie hat in Naoussa mit Edelsteinen zu tun gehabt. Mein Vater war der Hofjuwelier des Sultans von Konstantinopel.“

Das Bekenntnis brachte ihn zum Schweigen. Sie hatte es so beiläufig erzählt, als hätte sie gesagt: „Meine Familie besitzt eine Rinderherde in Herfordshire.“

„Das wusste ich nicht“, war alles, was er sagen konnte. Vielleicht sollte er eine dritte Kanne Tee bestellen. Man stand nach einer solchen Eröffnung nicht auf und ging nach Hause.

„Sie sprechen nicht oft über sich. Aber Sie haben faszinierende Dinge erlebt, oder?“ Beldon blickte sie an, damit sie sah, dass er seine Frage ernst meinte. Je besser er sie kennenlernte, desto geheimnisvoller erschien sie ihm. Hinter der Oberfläche dieser Frau verbarg sich mehr. „Ich würde gerne etwas darüber erfahren. Sie müssen ihre Vergangenheit nicht vergessen, nur weil Sie jetzt in England leben.“

Sie schüttelte den Kopf. „Manchmal ist es besser zu vergessen, statt sich zu erinnern.“

Beldon wollte nicht nachgeben. „Juwelen sind nicht gerade das Geschäft eines armen Mannes. Welche Stellung hatte Ihr Vater?“ Er lehnte sich kurz zurück und bat eine vorbeieilende Serviererin um eine weitere Kanne Tee.

Wie im Juwelierladen, als er das falsche Schmuckstück gegriffen hatte, erbarmte sich Lilya seiner und lächelte. „Wir waren königlicher Abstammung.“

Diese Enthüllung machte ihn sprachlos. Sie war in einer Welt voller Wohlstand und Privilegien groß geworden, und dann war ihr alles genommen worden. Das hatte er nicht erwartet. Er hatte geglaubt, sie sei in der Mittelklasse aufgewachsen. Dabei war sie an ein Leben im Reichtum gewöhnt.

Lilya fuhr fort und Beldon hörte ihr aufmerksam zu: „Wir haben gehandelt, aber wir waren auch für die Steuern in unserem Gebiet zuständig, die der Sultan erhoben hat. Viele der führenden Familien haben sich bei der Steuereintreibung bereichert. Aber die Stefanovs waren immer gerecht.“

Also war sie auch an Macht gewöhnt.

Reichtum und Macht. Eine tödliche Kombination. Doch sie erklärte die Weltgewandtheit, die ihm an ihr aufgefallen war, und die Art, wie sie auftrat – stolz und selbstbewusst und ganz anders als die anderen Debütantinnen.

Mehr wollte sie nicht sagen. Sie wandte sich anderen Themen zu, fragte ihn nach seinem Besitz und den neuen Methoden, die Getreideernte zu verbessern.

„Ich merke, dass Sie Ihre Heimat lieben“, sagte sie nach einiger Zeit. „Und es ehrt Sie, dass Sie sich um die Nöte Ihrer Untergebenen kümmern. Ein guter Baron muss in der Lage sein, seine eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, wenn es um das Wohl der Menschen geht.“ Sie goss sich den letzten Rest Tee aus der Kanne ein. „Oh, ich glaube, wir haben heute so viel Tee getrunken wie normale Menschen in einem Jahr.“

Er lachte.

„Sie sollten das öfter tun“, bemerkte sie.

„Was tun?“

„Lachen. Und lächeln.“

„Aber das tue ich doch“, protestierte er.

„Nicht oft genug. Sie haben ein wunderbares Lächeln. Es ist mir schon aufgefallen, als wir auf dem Ball der Fitzsimmons miteinander getanzt haben.“

„Und Mr Agyros? Hat er auch ein wunderbares Lächeln?“ Damit fachte er das Feuer erneut an. Ihr Blick verriet ihm, dass er zu weit gegangen war. Er hätte das nicht fragen dürfen und wünschte, er könnte die letzten Sätze zurücknehmen.

Lilya erhob sich und nahm ihre Sachen. Ihr Ton war nun kühl und formell: „Wenn ich mich im Garten nicht klar genug ausgedrückt haben sollte, dann möchte ich es nun nachholen. Ich habe Ihre Einmischung begrüßt, aber es war nicht notwendig.“

Beldon stand ebenfalls auf. Er war wütend über sich selbst. Ihre Bemerkung machte es ihm leicht, diese Wut zu formulieren. „Meine ‚Einmischung‘? So nennen Sie es also?“

„Wie sollte ich es sonst nennen?“, sagte Lilya unerschrocken.

„Wie wäre es mit ‚Hilfe‘? ‚Einmischung‘ legt nahe, dass ich meine Nase in etwas hineingesteckt habe, das mich nichts angeht.“

„Vielleicht haben ...

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