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HISTORICAL SAISON, BAND 9

MARY NICHOLS

Frühling süßer Verheißungen

„Ich suche keinen Gatten!” stellt Sophie klar, als James, Duke of Belfont, ihr galant einen Antrag macht. Zwar befindet sie sich in einer misslichen Lage, doch er soll nicht denken, dass sie ihre Freiheit für einen Mann aufgibt! Noch ahnt Sophie nicht, dass sie in diesem Mai die Liebe kennenlernen wird – mit James als romantischem Lehrmeister!

MARGARET WILKINS

Liebeserwachen in Schottland

Sie weiß wirklich nicht, welche Wirkung sie auf Männer hat! Quintus ist von Esmes Anmut fasziniert. Schon ihre Blicke verraten ihm, wieviel Temperament in ihr schlummert. Esme leidenschaftlich zu küssen – das ist sein Ziel in diesem Frühjahr! Doch sie weist ihn immer wieder kratzbürstig zurück – wie nur kann er die Widerspenstige zähmen?

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1. KAPITEL

Die leichte Brise, die über den schattigen Balkon strich, brachte den Duft von Orangenblüten und Bougainvillea mit sich. Miss Sophia Langford atmete ihn tief ein. Er war so viel angenehmer als die von der Straße heraufsteigenden Gerüche. Sie ließ den Blick über die roten Dächer der Stadt und über das in der Ferne im Sonnenlicht glitzernde Wasser des Golfs von Neapel gleiten. Aber in Gedanken war sie mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Sie befand sich in einer beinahe ausweglosen Situation. Was, um Himmels willen, sollte sie tun? Vor Kurzem war ihr Vater ihrer Mutter ins Grab gefolgt und hatte sie allein in einem fremden Land zurückgelassen. Sie zählte knapp einundzwanzig Jahre, hatte keine Freunde und auch keine Verwandten, die ihr zu Hilfe kommen würden. Und in wenigen Tagen war die Miete für das Haus fällig, das sie bewohnte.

Es klopfte. Doch Sophie war so in ihre trüben Gedanken vertieft, dass sie es nicht hörte.

Die Besucherin klopfte erneut. Nichts! Also öffnete sie die Tür und rief: „Sophie, meine Liebe, ich habe gute Neuigkeiten. Ja, wundervolle Neuigkeiten!“

Lady Myers war klein, rundlich und etwa vierzig Jahre alt. Sie trug ein leichtes Musselinkleid, das vom Stil her eher zu einer jungen Dame gepasst hätte. Auch konnte man deutlich erkennen, dass sie ihr Haar gefärbt hatte. Trotz dieser kleinen modischen Fehler machte sie einen sehr warmherzigen Eindruck. Ihre braunen Augen strahlten Lebensfreude und Mitgefühl aus. Um ihren Mund spielte ein leicht amüsiertes und gleichzeitig verständnisvolles Lächeln.

Sophie hob den Kopf und begriff im gleichen Moment, dass sie sich vorhin getäuscht hatte: Sie war nicht ohne Freunde. Lady Myers würde sie nicht im Stich lassen.

„Der Krieg ist vorbei“, teilte diese ihr strahlend mit. „Napoleon hat sich zuletzt doch geschlagen geben müssen. Paris ist von den Alliierten besetzt. Wir können endlich nach Hause.“

„Nach Hause …“, wiederholte Sophie leise. Wo war ihr Zuhause? Während der letzten zehn Jahre hatte sie in Italien, Frankreich, Österreich und der Schweiz gelebt. Frankreich hatte sie als ein Land voller Kontraste in Erinnerung, wofür vermutlich die Revolution verantwortlich war. Die Schweiz mit den wunderschönen Bergen und der klaren Luft hatte sie geliebt, vor allem, weil ihre Mutter sich dort wohlgefühlt hatte. Viel zu schnell hatten sie das Land wieder verlassen müssen. Natürlich hätte ihr Vater nie zugegeben, dass sie auf der Flucht waren. Aber es stimmte trotzdem: Wo auch immer er sich niederließ – nach einer Weile musste er vor seinen Gläubigern davonlaufen.

Sie unterdrückte einen Seufzer. Für Engländer war das Leben auf dem europäischen Festland verhältnismäßig günstig. Sie und ihre Eltern hätten ein bescheidenes, aber dabei doch recht bequemes Dasein führen können, wenn die Schwäche ihres Vaters nicht immer wieder zu neuen Katastrophen geführt hätte.

Von der Schweiz aus war man nach Österreich gereist, um eine Zeit lang in Wien zu wohnen. Sophie und ihre Mutter hatten die schönsten Ecken der Stadt erforscht, während ihr Vater sich mit anderen Engländern getroffen und sich erneut dem Glücksspiel hingegeben hatte. Stets hatte er behauptet, der große Gewinn könne nicht mehr lange auf sich warten lassen. Dann würden er und seine Lieben endlich die Achtung erfahren, die ihnen zukam. Hotelangestellte, Vermieter, Schneiderinnen und Lebensmittelhändler würden sie mit der größten Zuvorkommenheit behandeln.

Leider ging diese Prophezeiung nie in Erfüllung. Stattdessen mussten sie oft mitten in der Nacht heimlich das Hotel verlassen, in dem sie abgestiegen waren, weil sie die Rechnung nicht bezahlen konnten. Sophie war damals fünfzehn gewesen und hatte die Flucht als spannendes Abenteuer erlebt. Ihrer Mutter hingegen, die schon lange an Melancholie litt, hatte die Aufregung gar nicht gutgetan. Sie erholte sich weder in Venedig noch in Mailand, Turin, Florenz oder Rom von den Anstrengungen, die ihr Ehemann ihr aufbürdete.

Als ihr Gatte sich schließlich in Neapel niederließ, war Lady Langford bereits schwer krank. Umso mehr freute es sie, eine alte Freundin wiederzutreffen. Lady Alicia Myers, eine Engländerin, die sie bereits vor vielen Jahren in Suffolk kennengelernt hatte, wohnte in der Nachbarschaft.

„Sie war frisch verheiratet, als wir uns zum ersten Mal begegneten“, hatte Lady Langford ihrer Tochter erzählt. „Lord Myers entschloss sich, in den diplomatischen Dienst zu gehen, und musste deshalb bald darauf seine Heimat verlassen. Natürlich begleitete Alicia ihn. Wir schrieben uns, wann immer das möglich war. Doch irgendwann haben wir uns aus den Augen verloren. Ich bin so froh, dass wir unsere Freundschaft nun erneuern können.“

Sophie hatte genickt und gehofft, dass das Wiedersehen mit der langjährigen Freundin ihrer Mutter guttun würde.

Zu diesem Zeitpunkt befanden sich die Langfords in noch größeren finanziellen Schwierigkeiten als je zuvor. Längst hatten sie alle Hausangestellten entlassen. Die Kutsche war samt den Pferden verkauft worden. Um den Lebensunterhalt ihrer Familie zu sichern, hatte Lady Langford sich vom größten Teil ihres Schmucks getrennt. Vielleicht war es dieser Schritt gewesen, der ihre Hoffnung, jemals nach England zurückkehren zu können, endgültig ausgelöscht hatte. Sie wusste, dass sie mitten im Krieg in einem fremden Land gestrandet war, ohne Geld und ohne die Aussicht auf eine Verbesserung der Situation. So hatte sie allen Lebensmut verloren und war nach relativ kurzer Zeit gestorben.

Ihr Tod hatte Lord Langford völlig aus der Bahn geworfen. Tagelang hatte er geweint, sich mit Selbstvorwürfen gequält und Sophie, wenn er betrunken war, angefleht, ihm seine Fehler zu verzeihen. Sie hatte selbst kaum gewusst, wie sie weiterleben sollte. Niemand hatte sie in ihrem Kummer getröstet. Ja, sie hatte nicht einmal Zeit, richtig zu trauern. Wenn sie nicht verhungern wollte, musste sie sich um alles kümmern, was es zu erledigen gab.

Dazu gehörte auch – wie sie bald einsehen musste –, dass sie sich um eine Stellung bemühte, denn ihr Vater brachte nur sehr unregelmäßig ein wenig Geld nach Hause. Noch ehe sie zwanzig wurde, hatte Sophie begonnen, italienischen Kindern Englischunterricht zu geben und sich Touristen als Fremdenführerin zur Verfügung zu stellen. Da wegen des Krieges nur wenige Engländer nach Italien reisten, um sich die Sehenswürdigkeiten anzuschauen, frischte Sophie ihre Französisch- und Deutschkenntnisse auf, um ihre Dienste auch Franzosen, Deutschen, Schweizern und Österreichern anbieten zu können.

Eine Zeit lang schien alles gut zu gehen. Doch dann war auch ihr Vater gestorben. Unbekannte hatten ihn überfallen und getötet, als er wieder einmal betrunken in den Straßen Neapels unterwegs war. Dieser Schicksalsschlag machte auch einer so charakterstarken jungen Dame wie Sophie sehr zu schaffen.

„Wir können endlich nach Hause zurückkehren“, wiederholte Lady Myers, die ein wenig beunruhigt über Sophies anhaltendes Schweigen war. Sie musterte ihre junge Freundin unauffällig. Eine Schönheit war Sophie nicht, und das abgetragene schwarze Kleid trug nicht dazu bei, sie attraktiver wirken zu lassen. Aber mit ein wenig Mühe würde man den Blick heiratsfähiger junger Gentlemen auf die natürliche Anmut, den schlanken biegsamen Körper und die strahlenden Augen der jungen Dame lenken können. „Heim nach England! Das ist doch eine gute Nachricht!“

„Ich kann nicht nach England zurück“, stellte Sophie leise, aber entschieden fest.

„Unsinn! Sie können unmöglich allein hier bleiben! Gewiss haben Sie Verwandte in England. Und …“

Sophie schüttelte den Kopf und bückte sich nach einem zerknitterten Blatt Papier, das auf der Erde lag. „Ich habe meinen Onkel, den Bruder meines Vaters, angeschrieben, da ich es für ein Gebot der Höflichkeit hielt, ihn über Papas Tod zu informieren.“

„Gut“, lobte Lady Myers und streckte die Hand nach dem Blatt aus, das Sophie ihr hinhielt.

„Dies ist die Antwort.“

„Aber …“ Während sie las, schüttelte Lady Myers wiederholt den Kopf. „Das ist schlichtweg boshaft! Sie waren noch ein Kind, als Sie England mit Ihren Eltern verließen. Wie kann er Sie für die Fehler Ihres Vaters verantwortlich machen?“

Sophie zuckte die Schultern. „Seiner Meinung nach ist Papa nur deshalb zu einem Spieler geworden, weil er die falsche Frau geheiratet hat. Zudem ist mein Onkel davon überzeugt, dass meine Erziehung mich nicht befähigt, mich in der guten Gesellschaft angemessen zu bewegen.“

„Bei Gott, Ihr Onkel ist kein Gentleman! Er verlangt, dass Sie sich nie wieder bei ihm melden!“ Lady Myers starrte die Zeilen wütend an. „Ich denke fast, ich sollte ihm schreiben, um ihm klar zu machen, wie verachtenswert er sich verhält.“

„O bitte tun Sie das nicht! Es wäre mir überaus unangenehm. Ich habe nie um irgendetwas gebettelt. Ich kann schon die Vorstellung nicht ertragen! Ich werde meine Arbeit hier fortsetzen. Jetzt, da der Krieg vorüber ist, werden gewiss mehr Touristen nach Neapel kommen als bisher.“

„Da mögen Sie recht haben. Ich fürchte allerdings, dass gerade die englischen Reisenden nicht Sie als Fremdenführerin wählen werden. Bedenken Sie: Durch den Tod Ihres Vaters sind Sie zu einer alleinstehenden jungen Dame geworden. Das genügt, damit die Mitglieder der guten Gesellschaft die Nase über Sie rümpfen.“

Darüber hatte Sophie sich bisher keine Gedanken gemacht. Nun allerdings musste sie zugeben, dass Lady Myers die Lage vermutlich richtig einschätzte. Von den Englischstunden, die sie gab, würde sie nicht überleben können. Sie dachte einen Moment lang nach und erklärte dann in entschiedenem Ton: „Ich werde ein Buch schreiben. Über all das, was ich in den Ländern, die wir bereist haben, gesehen und erlebt habe. Mama hat mich schon vor Jahren ermutigt, Notizen zu machen. Ich habe seitdem so manches aufgeschrieben zu den Sehenswürdigkeiten, zu den Landessitten und zu den Menschen, denen wir begegnet sind …“

„Ich bin sicher, dass es ein interessantes Werk wird. Aber wovon wollen Sie leben, solange Sie daran arbeiten?“ Lady Myers gab Sophie Gelegenheit, darüber nachzudenken, ehe sie fortfuhr: „Ich glaube wirklich, dass es das Beste sein wird, wenn Sie mit uns zurück nach England kommen. Irgendjemanden, an den Sie sich wenden können, muss es doch geben!“

„Mein Vater hatte nur diesen einen Bruder.“ Sie warf einen zornigen Blick auf den Brief des neuen Lord Langford. „Meine Mutter war mit dem Duke of Belfont verwandt, der allerdings, wenn ich mich recht erinnere, vor einiger Zeit gestorben ist. Da er keine Söhne hatte und da Mamas Vater zu diesem Zeitpunkt ebenfalls nicht mehr lebte, müsste sein jüngerer Bruder Henry Dersingham ihn beerbt haben. Das wäre mein Großonkel, nicht wahr?“

„Ja. Und er würde Ihnen gewiss ein Zuhause anbieten.“

„Ich kenne ihn überhaupt nicht.“„Sophie, Sie müssen sich an ihn wenden. Sie haben keine Wahl!“

„Die Dersinghams waren mit der Ehe meiner Mutter ebenso wenig einverstanden wie die Langfords.“

„Man kann Ihnen nicht zum Vorwurf machen, dass Ihre Eltern gegen den Willen der Verwandtschaft geheiratet haben. Und wenn dieser Großonkel sich wider Erwarten doch weigern sollte, Sie bei sich aufzunehmen, dann werde ich persönlich dafür sorgen, dass Sie in die Gesellschaft eingeführt werden und einen Ehemann finden.“

„Aber ich habe nie daran gedacht, mir einen Gatten zu suchen!“ Tatsächlich war sie viel zu beschäftigt gewesen, um über eine Eheschließung nachzudenken. Erst hatte sie ihre Mutter gepflegt, dann für das Einkommen der Familie gesorgt. Im Übrigen besaß sie keine Mitgift. Wer also hätte überhaupt ein Interesse daran haben sollen, sie zu heiraten?

„Nun, jetzt ist es jedenfalls an der Zeit, an einen Gatten zu denken. Ich werde nicht zulassen, dass Sie hier bleiben. Das könnte ich Ihrer Mutter, die meine Freundin war, niemals antun.“

Sophie begriff, wie unsinnig es war, sich weiter gegen Lady Myers’ Vorschlag zu wehren. „Gut“, erklärte sie, „ich werde Sie begleiten. Aber ich weiß nicht, wie ich Ihnen Ihre Güte jemals vergelten kann.“ Dann lächelte sie. „Oder vielleicht doch. Mein Buch wird sich so gut verkaufen, dass ich reich werde und Ihnen in angemessener Weise danken kann.“

„Ich werde Ihren Dank gern annehmen, wenn es so weit ist. Doch nun denken Sie nicht länger darüber nach! Packen Sie zusammen, was Sie mitnehmen wollen. Ich schicke Ihnen später unsere Kutsche. Sie können die Nacht bei uns verbringen.“

Nachdenklich schaute Sophie der rundlichen Dame nach, die nun geschäftig davoneilte. Lady Myers, fand sie, hatte etwas von einer Henne an sich, die ihre Küken beschützend unter die Flügel nimmt.

Es ist ein gutes Gefühl, eines ihrer Küken zu sein, dachte Sophie.

Dabei war sie durchaus kein schwacher Mensch, der auf die Hilfe anderer angewiesen war. Im Gegenteil. Bisher hatte sie ihr Leben selbst gemeistert. Allerdings hatte sie die Verantwortung, die sie jahrelang für ihre Eltern getragen hatte, oft als schwere Last empfunden.

Entschlossen begann sie, ihre Koffer zu packen. Viel besaß sie nicht. Die guten Kleider ihrer Mutter und auch die meisten Besitztümer ihres Vaters waren längst verkauft worden, um einen Teil der Lebenshaltungskosten aus dem Erlös zu bestreiten. Abgesehen von einer Perlenkette, einem Familienerbstück, das ihre Mutter ihr einst geschenkt hatte, besaß sie nichts Wertvolles. Ein paar praktische Kleider, etwas Unterwäsche, zwei Paar Schuhe und ein Paar Stiefeletten, dazu einen Hut und eine Haube sowie einen leichten Umhang und einen etwas wärmeren Kapuzenmantel.

Sie runzelte die Stirn. Ihre Garderobe war dem englischen Klima wohl nicht angemessen. Doch das ließ sich nicht ändern. Wenigstens besaß sie ein akzeptables schwarzes Kleid. Modern war auch dieses nicht mehr, sie hatte es nach dem Tod ihrer Mutter angeschafft. Aber es würde fürs Erste ausreichen müssen.

Nachdem sie ihre Kleidung eingepackt hatte, legte Sophie das Schmuckkästchen mit den Perlen, eine Miniatur ihrer Mutter sowie ihre eigenen Toilettenartikel dazu. Als Letztes packte sie all die Reisenotizen zusammen, die sie im Laufe der Jahre gemacht hatte. Dann schaute sie sich noch einmal um. Diese Räume waren eine Zeit lang ihr Zuhause gewesen. Hier hatte sie ihre Mutter gepflegt und ihren Vater versorgt. Hier hatte sie – wie ihr erst jetzt bewusst wurde – so viele Pflichten zu erfüllen gehabt, dass ihr keine Zeit für Träume geblieben war. Kaum jemals hatte sie über die Zukunft nachgedacht, weil die Gegenwart sie zu sehr in Anspruch genommen hatte. Nun allerdings fragte sie sich, was die vor ihr liegenden Wochen und Monate wohl bringen würden.

Wenn ihr Großonkel bereit war, ihr ein Dach über dem Kopf anzubieten, würde sie das dankbar annehmen. Aber darüber hinaus wollte sie sich nicht von ihm abhängig machen. Sie würde einen Weg finden, selbst für ihren Lebensunterhalt aufzukommen. Denn dass sie heiraten würde, hielt sie für ausgeschlossen. Am Beispiel ihrer Mutter hatte sie gesehen, wie unglücklich die Liebe eine Frau machen konnte.

Unwillkürlich seufzte sie auf. Ihr Vater war sehr charmant gewesen, aber leider hatte er dem Glücksspiel und dem Alkohol nie widerstehen können. Unaufhaltsam hatte er seine Familie tiefer und tiefer ins Elend geführt. Dies zu erleben hatte ihr schon früh gezeigt, wie gefährlich es war, einem Mann zu vertrauen. Sophie schüttelte den Kopf. Nein, sie wollte keinen Gatten. Daran würden auch Lady Myers’ Überredungskünste nichts ändern können.

Nachdem Sophie einen Brief an den Duke of Belfont abgeschickt, zum letzten Mal die Gräber ihrer Eltern aufgesucht und sich von ihren Nachbarn verabschiedet hatte, nahm sie eine Mietdroschke zum Haus der Myers, wo sie rechtzeitig zum Dinner eintraf.

„Wir sollten die Gelegenheit nutzen, Paris einen Besuch abzustatten“, erklärte Lord Myers beim Essen. „Der Comte de Provence ist unter dem Namen Louis XVIII zum König erklärt worden und hat sich in die französische Hauptstadt begeben, wo man nun sehnsüchtig auf die Ankunft des Duke of Wellington wartet. Wie es heißt, will er sich dort mit Marschall Blücher, seinem Verbündeten, treffen.“

„Ein kurzer Aufenthalt in Paris wäre wundervoll!“ Lady Myers strahlte ihren Gatten an. Er war nur unwesentlich größer als sie und genauso rundlich. „Was halten Sie davon, Sophie?“

„Ich bin mit allem einverstanden.“

„Wann, meine Teure, wirst du zum Aufbruch bereit sein?“, fragte Lord Myers seine Gemahlin.

„Das solltest du wissen, mein Bester. Wir sind …“, sie warf Sophie ein kurzes Lächeln zu, „… so oft umgezogen, dass ich eine Strategie entwickelt habe, mit der alles sehr schnell geht. Die wichtigen Gegenstände sind alle mit Nummern beschriftet, sodass das Personal gleich erkennt, in welche Reisekiste sie gehören. Wir können schon morgen abreisen.“

Er nickte ihr anerkennend zu und sagte dann zu Sophie: „Wie ich gesehen habe, reisen Sie mit leichtem Gepäck. Das ist sehr vernünftig.“

Sie war ihm dankbar dafür, dass er ihren Mangel an weltlichem Besitz nicht weiter kommentierte. „Ich hoffe, Sie werden nicht bedauern, mich zur Mitreise aufgefordert zu haben. Sicher können Sie sich vorstellen, dass ich noch keine Antwort auf meinen Brief an den Duke of Belfont erhalten habe.“

„Sie begleiten uns auf jeden Fall, meine Liebe“, stellte Lady Myers fest. „Mit Ihrem Großonkel können wir uns beschäftigen, wenn wir England erreicht haben.“

Sophie runzelte die Stirn. Die Vorstellung, sich mit einem Duke auseinanderzusetzen, schien die Myers nicht im Geringsten zu beeindrucken. Sie selbst hingegen empfand eine an Angst grenzende Scheu vor dem gesellschaftlich so weit über ihr stehenden und sicherlich nicht mehr jungen Adligen. Ob er ein arroganter und reizbarer alter Mann war?

Nur gut, dass es noch eine Weile dauern würde, ehe sie das überprüfen konnte. Vorher würde sie Paris besuchen und die Möglichkeit haben, die moderne Metropole mit jener Stadt zu vergleichen, die sie vor zehn Jahren kennengelernt hatte. Das würde sie mit neuem Stoff für das geplante Buch versorgen.

Ja, sie setzte große Hoffnungen auf das Buch.

Zwei Tage später setzten sich zwei Kutschen in Bewegung. In der ersten reisten die Myers und Sophie, in der zweiten wurden die Bediensteten und das Gepäck transportiert. Alle Personen waren an die Unbequemlichkeiten solcher Reisen gewöhnt: schlechte Straßen, wenig einladende Gasthöfe, heftiger Regen oder auch heiße Tage, an denen die Sonne alles zu verbrennen schien.

In Frankreich kamen weitere Probleme hinzu. Ehemalige Soldaten, die noch immer an eine Rückkehr Napoleons glaubten, belästigten ausländische Reisende und forderten Geld von ihnen, um sie überhaupt weiterfahren zu lassen. Es war sowohl beängstigend als auch ermüdend und führte dazu, dass keine der Damen auch nur im Geringsten auf das frühlingshafte Wetter und die zum Teil schon voll erblühte Natur achtete.

Sophie, die Myers und auch deren Dienstboten – alle waren zutiefst erleichtert, als sie Paris und das Hôtel du Luxembourg endlich erreichten, wo man zum Glück Zimmer vorbestellt hatte. Tatsächlich waren seit dem Ende des Krieges so viele Besucher in die Stadt geströmt, dass praktisch jedes Hotelzimmer und auch jede private Unterkunft ausgebucht war.

Völlig erschöpft ließ Sophie sich auf das weiche Hotelbett fallen. Sie war so müde, dass sie sogleich einschlief.

Am nächsten Tag machte Lord Myers sich auf, um beim Duke of Wellington und, wenn möglich, auch beim neuen französischen König vorzusprechen. Louis XVIII genoss – wie allgemein bekannt war – keineswegs die Zuneigung seiner Untertanen. Aber als Diplomat hielt Lord Myers es für seine Pflicht, dem Monarchen seine Aufwartung zu machen. Lady Myers und Sophie unternahmen derweil, begleitet von mehreren Bediensteten, einen Stadtbummel.

Die Luft war mild, Vögel sangen. Und überall, wo nur ein Fleckchen Erde zu sehen war, sprossen bunte Blumen. Doch das nahmen die Damen kaum wahr. Stattdessen galt ihre Aufmerksamkeit den vielen Gruppen völlig verarmter Menschen, die überall herumlungerten. Wer Hunger litt, blickte voller Neid auf alle, denen es besser ging. Die Stimmung war gereizt und alles andere als frühlingshaft entspannt. Ja, es war offensichtlich, dass selbst der kleinste Vorfall zu gewalttätigen Auseinandersetzungen führen konnte. Daher beschlossen Lady Myers und Sophie recht bald, zum Hotel zurückzukehren.

Das erwies sich als überraschend schwierig. Mühsam mussten sie sich einen Weg durch die Menschenmassen bahnen. Und als sie endlich aufatmend die Tür ihres Hotelzimmers hinter sich schlossen, waren beide Damen entschlossen, Paris so bald wie möglich zu verlassen.

Das teilte Lady Myers ihrem Gatten beim Dinner mit. „Im Übrigen möchte ich auch nicht“, fuhr sie fort, „dass Sophie die halbe Saison in London verpasst.“

„O bitte“, rief diese aus, „machen Sie sich darum keine Gedanken.“

Doch Lady Myers bestand darauf, dass Sophie in die Gesellschaft eingeführt werden müsse.

Lord Myers nickte nur dazu. „Der König selbst wird morgen nach Calais aufbrechen, von wo aus er nach England weiterreisen will. Ich denke, wir sollten uns seinem Gefolge anschließen.“

Es erwies sich als überaus mühsam und nervenaufreibend, mit Frankreichs König zu reisen. Manchmal bestand er darauf, dass die Wagen mit der höchstmöglichen Geschwindigkeit fuhren, weil er einen Angriff fürchtete. Dann sahen die Reisenden kaum etwas von den blumenübersäten Wiesen, den Wäldern, die sich grün zu färben begannen, und den Bauerngärten, in denen Frauen und Kinder mit den unterschiedlichsten Arbeiten beschäftigt waren. Wenn Seine Majestät allerdings schlafen wollte, musste seine Kutsche so langsam fahren, dass er die Unebenheiten der Straße kaum spürte.

Endlich jedoch erreichte der Tross Calais, wo mehrere Schiffe bereitlagen, darunter die „Sea Maid“, die den König über den Ärmelkanal bringen sollte. Die Myers und Sophie stachen einige Zeit später mit einem weniger prächtigen Schiff in See.

Sophie wurde unruhiger mit jeder Meile, die sie England näher kam. Würde der Duke sie willkommen heißen? Würde sie feststellen, dass sie außer ihm noch andere Verwandte besaß? Hatte ihr Großonkel Kinder und Enkel? Sie versuchte, sich Belfonts Erscheinung und seinen Charakter auszumalen. Doch stattdessen fiel ihr nur ein, dass ihre Mama einmal gesagt hatte, Dersingham Park in Suffolk sei ein riesiges beeindruckendes Anwesen, das gerade im Frühjahr seine ganze Schönheit zeige.

Natürlich würde der Duke sich während der Saison vermutlich in London aufhalten. Über das Stadtpalais der Familie wusste Sophie praktisch nichts. Das machte ihr deutlich, wie wenige Informationen über ihre Familie sie besaß. Ihre Nervosität wuchs.

Zum Glück, dachte sie, besitze ich einen gewissen Stolz, der mir wohl über das Schlimmste hinweghelfen wird.

„Harriet“, fragte James Dersingham, Duke of Belfont, seine Schwester, „kenne ich eine gewisse Sophia Langford?“

„Du erwartest doch nicht, dass ich mich an die Namen all deiner kleinen Freundinnen erinnere?“, gab Lady Harriet Harley zurück. „Du wechselst sie ja beinahe täglich! Ich hoffe nur, du hast keine von ihnen in Schwierigkeiten gebracht.“

„Natürlich nicht. Außerdem bin ich nicht so alt, dass ich auch nur eine meiner Geliebten vergessen hätte.“

Tatsächlich war der Duke noch jung, und sein Gedächtnis funktionierte hervorragend. Bisher hatte er es vermeiden können, vor den Traualtar zu treten, da er für seine Affären stets Frauen wählte, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht an einer Ehe interessiert waren. Das schützte ihn allerdings nicht davor, bei allen möglichen Gelegenheiten von ehrgeizigen Müttern und ihren heiratsfähigen Töchtern verfolgt zu werden – was ihn entsetzlich langweilte.

„Diese Sophia Langford behauptet, sie sei mit uns verwandt“, erklärte er seiner Schwester. „Sie schreibt, ihre Eltern seien verstorben, weshalb sie vorübergehend in Neapel im Haushalt einer Freundin lebe. Vermutlich möchte sie, dass ich ihr ein Dach über dem Kopf anbiete.“

Harriet runzelte die Stirn. „Ich glaube, eine von Papas Nichten hat einen Langford geheiratet.“

„Ach?“

„Ja, sie muss Onkel Roberts Tochter gewesen sein. Louise hieß sie, glaube ich. Die Familie war mit der Ehe nicht einverstanden, denn dieser Langford soll ein Spieler gewesen sein. Um seinen Gläubigern zu entkommen, ist er irgendwann ins Ausland geflohen.“

Lady Harriet Harley war einige Jahre älter als der Duke, und nach dem viel zu frühen Tod ihrer Mutter hatte sie sich fürsorglich um ihn gekümmert. Auch als sie heiratete, war sie seine Vertraute geblieben. Gelegentlich bat er sie selbst jetzt noch um Rat, denn er trug schwer an der Verantwortung, die er zusammen mit dem Titel geerbt hatte. Da er auch gewisse Aufgaben im Auftrag der Krone wahrzunehmen hatte, erschien ihm jede weitere Verpflichtung als ungebührliche Last.

„Ich kann mich als Junggeselle unmöglich um ein Kind kümmern“, stellte er fest. „Ich verstehe überhaupt nichts von Kindern.“

„Das würde sich schnell ändern, wenn du dich nur entschließen könntest zu heiraten“, gab Harriet zurück.

Lachend schüttelte er den Kopf. Bisher war er keiner passenden Ehekandidatin begegnet. Die jungen Damen waren entweder zu unerfahren, zu dumm, zu steif oder zu hässlich, um seinen Ansprüchen zu genügen. „Ein Mädchen kann unmöglich mit mir unter einem Dach leben, ohne dass es unerfreuliche Gerüchte gibt. Im Übrigen wissen wir nichts über diese Sophia Langford. Sie könnte eine Hochstaplerin sein.“

„Mit ein paar gezielten Fragen können wir ihre Identität klären.“

„Wir?“

„Ja, natürlich. Wie du schon sagtest: Als Junggeselle kannst du keine junge Dame in deinen Haushalt aufnehmen. Andererseits können wir das Mädchen unmöglich seinem Schicksal überlassen.“

„Du meinst, wir sollen Miss Langford mit offenen Armen aufnehmen, wann immer es ihr behagt, hier aufzutauchen?“

„Zuerst solltest du ihr schreiben. Bestimmt wartet sie sehnsüchtig auf eine Antwort auf ihren Brief.“

Unzufrieden brummte er vor sich hin.

„James“, redete Harriet ihm ins Gewissen, „die Arme hat ihre Eltern verloren. Sie ist allein und fürchtet sich gewiss vor der Zukunft. Du solltest sie in Dersingham Park unterbringen. Dort hast du so viel Platz, dass du ihre Anwesenheit vermutlich nicht einmal bemerkst.“

Das war zweifellos richtig. Dennoch zögerte er. Es würde Probleme geben, so viel stand fest. Das Mädchen wusste nichts über das Leben in England. Es würde womöglich eine Gouvernante oder eine Gesellschafterin oder sonst irgendetwas brauchen. Später würde die junge Dame erwarten, auf seine Kosten in die Gesellschaft eingeführt zu werden. Dabei spielte Geld natürlich keine Rolle. Davon besaß er genug. Aber er war einfach nicht bereit, diese neuen Pflichten zu übernehmen.

Andererseits … Ein Gentleman war für das Wohlergehen seiner Verwandten verantwortlich. Auch besaß der Duke ein erstaunlich weiches Herz und eine lebhafte Fantasie. Im Gegensatz zu den meisten anderen Männern konnte er sich vorstellen, was es für ein junges Mädchen bedeutete, allein und ohne männlichen Schutz in der Welt zu stehen.

Seine graublauen Augen blitzten auf, und ein Lächeln erhellte sein Gesicht. „Also gut, Harriet. Schreib ihr, dass sie uns willkommen ist. Ich kann mich wirklich nicht darum kümmern. Prinny hat es sich in den Kopf gesetzt, den König von Frankreich in Dover zu begrüßen. Mir ist die Aufgabe zugefallen, alles für dieses Treffen vorzubereiten. Ich weiß nicht recht, ob ich mir wünschen sollte, das Wetter wäre weniger schön. Bei Regen würden jedenfalls nicht so viele Neugierige die Straßen säumen, und die Sicherheit des Regenten und seines königlichen Gastes wäre leichter zu gewährleisten.“ Mit gerunzelter Stirn schaute er zum Fenster hin, durch das ein Stück des strahlend blauen Himmels zu sehen war. „Ich muss mich auf den Weg machen. Man erwartet mich in Carlton House.“

Sophie freute sich über das herrliche Frühlingswetter. Die Überfahrt war ruhig verlaufen, kein Sturm aufgezogen. Und als sie von Deck aus den ersten Blick auf die weißen Klippen von Dover erhaschte, begann ihr Herz schneller zu schlagen. Erstaunt gestand sie sich ein, dass sie darauf brannte, ihre alte Heimat wiederzusehen.

Allerdings musste sie sich noch eine Weile gedulden, denn solange der französische König und sein Gefolge nicht an Land gegangen waren, durfte kein anderes Schiff in den Hafen einfahren. Dann jedoch ging plötzlich alles sehr schnell. Der Anker wurde gelichtet, Seeleute eilten hierhin und dorthin. Wind blähte die Segel, und dann fand sich das Schiff auch schon längsseits der „Sea Maid“ wieder. Das Gepäck wurde an Land gebracht. Und schon eine halbe Stunde später standen die Myers und Sophie auf dem Kai.

Staunend beobachtete Sophie das Chaos um sich herum. Da gab es Hafenarbeiter und einfache Reisende, aber auch vornehm gekleidete Gentlemen, die hoch zu Ross unterwegs waren, darunter eine Gruppe prachtvoll Uniformierter, die zweifellos zur berittenen Garde gehörten.

Auch zahlreiche Kutschen drängten sich auf dem Kai. „Das dort“, meinte Lord Myers und wies auf einen mit einem auffälligen Wappen geschmückten Wagen, „muss die Karosse des Prinzregenten sein.“

Sophie reckte den Hals, bekam jedoch weder Prinny noch den französischen König zu sehen. Ihr Blick blieb an einem Gentleman hängen, der inmitten all der Aufregung als Einziger die Ruhe zu bewahren schien. Mit knappen Worten und unmissverständlichen Gesten sorgte er für Ordnung. Obwohl er keine Uniform, sondern einen elegant geschnittenen blauen Gehrock, ein schneeweißes Krawattentuch und Wildlederbreeches trug, wirkte er wie ein befehlsgewohnter Offizier. Unter seinem Hut schauten blonde Locken hervor.

Als er zufällig in Sophies Richtung schaute, machte ihr Herz einen Sprung.

„Wir werden wohl warten müssen, bis sich die hohen Herren auf den Weg nach London machen“, meinte Lady Myers seufzend. „Nur gut, dass wenigstens das Wetter erträglich ist.“

Tatsächlich war es ein für englische Verhältnisse ungewöhnlich schöner Frühlingstag. Doch am Hafen herrschte ein solches Gewühl, dass kaum jemand dem Sonnenschein oder den am blauen Himmel segelnden Möwen Beachtung schenkte.

„Ich fürchte“, bemerkte Lord Myers, „es war keine gute Idee, sich dem Gefolge des französischen Königs anzuschließen. Vielleicht sollten wir ihm und all jenen, die hier sind, um ihn zu begrüßen, einen ordentlichen Vorsprung gönnen. Wir könnten unterdessen eine Erfrischung zu uns nehmen.“

Sein Vorschlag stieß auf allgemeine Zustimmung. Doch als die kleine Gruppe sich dem nächsten Gasthof näherte, trat ihnen der blonde Gentleman, der Sophie zuvor aufgefallen war, in den Weg. „Ich bedauere, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Sie erst eintreten können, wenn Seine Königliche Hoheit abgereist ist.“

„Aber dies ist ein öffentliches Gasthaus“, widersprach Sophie. „Nach dem Gesetz muss jeder hier bedient werden.“

Aus graublauen Augen musterte er sie kurz. Ihr abgetragener Mantel und der Strohhut mit dem schwarzen Bändchen verliehen ihr nicht das Aussehen einer hochgestellten Persönlichkeit. Vermutlich war sie die Gesellschafterin einer vornehmen Dame. Allerdings entdeckte er nichts Unterwürfiges an ihr. Im Gegenteil. Ihre Haltung war selbstbewusst, und ihre braunen Augen blitzten unternehmungslustig. Sie schien genau zu wissen, dass sie im Recht war, aber sie schien daran zu zweifeln, dass man ihr dieses Recht auch zugestehen würde. Dieser Widerspruch ließ sie irgendwie verletzlich erscheinen.

„Nun, Miss“, sagte der Gentleman, „Sie werden verstehen, dass die Sicherheit und die Wünsche des Prinzregenten im Moment an erster Stelle stehen.“

Ehe Sophie sich dazu äußern konnte, meinte Lady Myers: „Wohin sollen wir uns wenden, Sir? Wir sind durstig und …“

„Im Garten des Gasthauses hat man Tische und Stühle aufgestellt. Bei diesem Wetter können Sie gewiss dort Platz nehmen. Ich werde Captain Summers bitten, dem Wirt Bescheid zu geben, damit er Sie bedient.“ Damit wandte er sich ab und gab einem jungen Offizier, der in der Nähe stand, einen Wink.

In diesem Augenblick wurde die Tür des Gasthauses geöffnet. Zwei sehr beleibte Männer traten in die Sonne hinaus. Langsam schritten sie auf die Kutsche des Prinzregenten zu.

„O Gott“, flüsterte Sophie, „ich erkenne Louis XVIII. Dann muss der andere wohl Prinny sein?“

„Ja“, stimmte der junge Offizier zu, während er interessiert beobachtete, wie die Kutsche sich zur Seite neigte, als die schwergewichtigen königlichen Hoheiten einstiegen.

Ein paar Männer der berittenen Garde lenkten ihre Pferde vor die Kutsche, andere reihten sich hinter dem Gefährt ein. Schon drängten auch andere Wagen herbei, denn gleich würde die Prozession sich in Bewegung setzen. Sophie entdeckte den Gentleman, der sie so beeindruckt hatte, jetzt hoch zu Ross, wie er den Blick über die Menschen schweifen ließ, so als erwarte er, dass es Probleme geben würde. Doch zum Glück blieb alles ruhig.

„Wenn Sie wünschen“, meinte Captain Summers freundlich, „können Sie jetzt die Gaststube betreten. Ich selbst muss mich leider verabschieden. Die Pflicht ruft.“

Während sie den Myers in den Gasthof folgte, dachte Sophie, dass der französische König und der englische Prinzregent weit weniger beeindruckend wirkten als der blonde Gentleman im blauen Rock.

2. KAPITEL

Als Sophie am nächsten Morgen erwachte, wusste sie zunächst nicht, wo sie war. Sie richtete sich im Bett auf und schaute sich verwirrt um. Durch einen dünnen Vorhang drangen helle Sonnenstrahlen ins Zimmer, sodass man die Uhr auf dem Kaminsims erkennen konnte. Die Zeiger standen auf halb elf.

Himmel, dachte Sophie, so lange habe ich seit Jahren nicht geschlafen! Im gleichen Moment wurde ihr klar, wo sie sich befand. Am vergangenen Abend hatte sie London erreicht!

Jetzt erinnerte sie sich auch daran, wie beschwerlich die letzte Etappe der Reise gewesen war. Hatte schon der französische König seinem Gefolge unendliche Geduld abverlangt, so schien der Prinzregent noch weniger Rücksicht auf seine Mitmenschen zu nehmen. Obwohl er Dover mindestens eine Stunde vor den Myers und Sophie verlassen hatte, holten sie ihn und seine zahlreichen Begleiter schon bald ein. Prinny bestand nämlich darauf, seine Untertanen bei jeder Gelegenheit zu grüßen. Seine Kutsche und natürlich auch alle anderen Wagen und die Berittenen mussten dann anhalten, damit er den Menschen zuwinken konnte. Er war so von sich überzeugt, dass er gar nicht bemerkte, welch große Abneigung man ihm im Allgemeinen entgegenbrachte.

Tatsächlich schien der attraktive blonde Gentleman, der schon auf dem Kai Sophies Interesse geweckt hatte, in ständiger Sorge um Prinnys Sicherheit zu sein. Sehr genau beobachtete er alle, die sich dem Tross näherten. Zwar wirkte er ruhig und ausgeglichen, dennoch meinte Sophie, deutlich seine Ungeduld zu spüren.

Nur ein einziges Mal verhielt er sich ungewöhnlich. Der Regent war ausgestiegen, um einem kleinen Jungen, der die Kutsche voller Bewunderung anstarrte, etwas in die Hand zu drücken. Der Knabe schien allerdings nicht zu wissen, was er mit dem Geschenk anfangen sollte. Da beugte der blonde Reiter im blauen Rock sich zu ihm hinunter und flüsterte ihm etwas zu. Lachend nickte der Kleine, ehe er davonlief.

Sophie war froh, dass es solche Begebenheiten zu beobachten gab. Wie langweilig wäre die Reise sonst gewesen! Es war unmöglich, den Prinzregenten und sein Gefolge zu überholen. Doch die frühlingshafte Landschaft, die von Gänseblümchen übersäten Wiesen und der Anblick der Menschen, die auf den Feldern verschiedene Arbeiten verrichteten, sorgten für Abwechslung. Zugleich vermittelten diese Bilder ihr das ungewohnte Gefühl, endlich nach Hause zu kommen. Ja, dies war England. Und sie war froh, wieder hier zu sein!

London jedoch erschien ihr fremd. Die Stadt war ebenso überfüllt und laut wie Paris. Händler priesen ihre Waren an, Kutschen ratterten über das Kopfsteinpflaster, Pferde wieherten, und erstaunlicherweise war sogar ab und zu der Gesang eines Vogels zu hören.

Noch immer folgte die von Lord Myers gemietete Kutsche dem königlichen Tross, der erschreckend langsam vorankam. Menschenmassen drängten sich in den Straßen. „Wo ist Ihre Gemahlin?“, rief jemand dem Prinzregenten zu. Andere nahmen den Ruf auf.

„Worum geht es?“, erkundigte Sophie sich bei Lord Myers.

„Sie wollen die Princess of Wales sehen“, gab dieser zurück. „Sie ist bei der Bevölkerung beliebter als der Prinzregent, der gern so tut, als gäbe es seine Gemahlin gar nicht.“

Ein Schauer überlief Sophie. Glückliche Ehen waren wirklich die Ausnahme! Erneut beschloss sie, sich auf ihr Buch zu konzentrieren, ganz gleich, wie sehr alle Welt sie auch drängen mochte, sich einen Bräutigam zu suchen.

Als die Reisenden endlich das Stadthaus der Myers erreichten, waren alle so erschöpft, dass sie nur rasch einen kalten Imbiss zu sich nahmen, ehe sie ins Bett fielen.

Ein sehr bequemes Bett, wie Sophie sich jetzt sagte, als sie die Füße auf den Boden setzte und sich umschaute. Jemand hatte ihr eine Waschschüssel mit Wasser gebracht. Auch Handtücher lagen bereit. Gut, sie würde sich rasch fertig machen und sich dann ins Frühstückszimmer begeben.

Was mochte der erste Tag ihres neuen Lebens für sie bereithalten? Würde Lady Myers von ihr erwarten, dass sie gleich heute beim Duke of Belfont vorsprach? Die Vorstellung erfüllte sie mit Besorgnis und Unruhe. Andererseits wollte sie den Myers auf keinen Fall länger als unbedingt nötig zur Last fallen.

Wie sich herausstellte, hatte Lord Myers das Haus schon verlassen, um irgendwelchen beruflichen Pflichten nachzukommen. Lady Myers allerdings saß bei einer Tasse Tee über die Zeitung gebeugt, als Sophie eintrat.

Über einen Strauß Frühlingsblumen hinweg lächelten die Frauen einander zu.

Später – Sophie hatte ein bescheidenes Frühstück zu sich genommen – schlug Lady Myers vor, ihr Schützling solle sich etwas Neues zum Anziehen kaufen.

Sophie schaute an sich hinunter. Sie trug ein lila Musselinkleid, das so einfach geschnitten war, das man meinen konnte, es sei für ein Kind entworfen worden. Die Bündchen der kleinen Puffärmel und die hohe Taille waren mit Bändern in einem dunkleren Ton abgesetzt. Doch es gab keine Rüschen, Schleifen oder sonstige Verzierungen.

„Denken Sie, ich sollte Trauerkleidung tragen, wenn ich meinen Großonkel aufsuche?“, fragte sie unsicher.

„Denken Sie selbst das?“

Sophie schüttelte den Kopf. „Nach dem Tod meiner Mutter habe ich nicht nur um sie, sondern auch um meinen Vater getrauert. Also, ich meine, um den Mann, den ich früher gekannt hatte. Sie wissen ja selbst, wie Papa sich in den letzten Jahren verändert hat.“

Lady Myers nickte. „Lila ist sicher die richtige Farbe. Allerdings wäre ein etwas eleganteres Kleid vielleicht angemessener.“

„Ich kann mir nicht in jeder Saison eine neue Garderobe schneidern lassen, nur weil sich der Geschmack der Menschen ändert“, gestand Sophie. „Einfache Schnitte kommen zum Glück nicht so schnell aus der Mode.“

Wieder nickte ihre Freundin. Es gilt, dachte sie, das Mitleid des Duke zu wecken; und das wird sicher leichter sein, wenn seine Nichte nicht aussieht, als sei sie gerade einem Modemagazin entstiegen.

Sophie zitterte am ganzen Körper, als der Landauer der Myers in der South Audley Street vor dem Stadtpalais des Dukes zum Stehen kam. Wäre sie allein gewesen, so hätte sie wohl niemals den Mut aufgebracht, die Stufen zum Haupteingang hinaufzusteigen und den Türklopfer zu betätigen. Dabei gab es doch nichts, wovor sie sich fürchten musste! Sie war mit dem Duke of Belfont verwandt. Erst wenn er nicht bereit war, sie als Mitglied der Familie willkommen zu heißen, würde sie einen Grund haben, sich Sorgen zu machen.

„Lady Myers und Miss Sophia Langford“, erklärte Lady Myers dem Butler, der die Tür öffnete, und reichte ihm ihre Visitenkarte. „Wir möchten den Duke of Belfont in einer privaten Angelegenheit sprechen.“

„Ich werde nachschauen, ob Seine Gnaden daheim ist. Bitte nehmen Sie Platz!“ Er wies auf mehrere zierliche Stühle, die in der Eingangshalle standen.

Sophie war jedoch zu aufgeregt, um still zu sitzen. Sie schaute sich in dem beeindruckenden, mit Marmor gefliesten Raum um, bewunderte die breite Treppe, die nach oben führte, und zählte staunend die große Zahl der geschlossenen Türen, die zu den Zimmern führten, die von der Halle abgingen.

„Ich wünschte, ich wäre nicht hergekommen“, murmelte sie. „Ich fühle mich so entsetzlich unbedeutend.“

„Welch ein Unsinn!“, widersprach Lady Myers. „Warten Sie nur ab, bis …“

Da kam der Butler bereits zurück. „Bitte folgen Sie mir!“

Gleich darauf klopfte er an eine Tür, öffnete sie und verkündete: „Euer Gnaden, Lady Myers und Miss Langford!“

Die Damen traten ein – und Sophie blieb abrupt stehen. Am Fenster stand nicht der sechzigjährige, Ehrfurcht gebietende alte Herr, als den sie sich den Duke vorgestellt hatte, nein, es war der attraktive Gentleman, der ihnen in Dover den Zutritt zum Gasthof verwehrt hatte. Diesmal trug er keinen blauen, sondern einen dunkelgrünen Gehrock. Die cremefarbenen Pantalons betonten seine kräftigen Oberschenkel und die schmalen Hüften. Die blonden Locken waren zu einer Frisur gebürstet, die den Namen „Windstoß“ trug.

Er blickte ebenso erstaunt drein wie Sophie. „O Gott!“, murmelte er.

Sophie brachte keinen Laut über die Lippen.

„Euer Gnaden?“, sagte Lady Myers. Es war eindeutig eine Frage und keine Begrüßung.

Er verbeugte sich. „Zu Ihren Diensten, Mylady.“

Sie deutete einen Knicks an. „Euer Gnaden, ich möchte Ihnen Miss Sophia Langford vorstellen. Ich denke, Sie haben die junge Dame bereits erwartet.“

Als Sophie sich nicht rührte, stieß Lady Myers sie leicht mit dem Ellbogen an.

Sophie zuckte zusammen. Die Augen auf den Boden gerichtet, knickste sie vor dem Gentleman, an den sie während der letzten Stunden oft hatte denken müssen. „Euer Gnaden!“

James Dersingham, Duke of Belfont, der seine junge Verwandte bisher für ein Schulmädchen gehalten hatte, schaute von einer Dame zur anderen und bemühte sich, seine Verwirrung zu verbergen. Er war sicher, dass er die beiden schon einmal gesehen hatte. Aber wann und wo mochte das gewesen sein? Warum, um Himmels willen, erinnerte er sich so deutlich an das Gesicht der jüngeren? Sie war nicht einmal besonders hübsch und auch nicht elegant gekleidet. „Ich denke“, stellte er fest, „Sie befinden sich mir gegenüber im Vorteil.“

Sophie runzelte die Stirn. „Heißt das, dass Sie meinen Brief nicht bekommen haben?“

„Ich habe aus Neapel das Schreiben einer Miss Langford erhalten“, stellte er klar. „Dass die Verfasserin schon so bald auf meiner Schwelle stehen würde, habe ich allerdings nicht erwartet.“

„Verzeihen Sie, dass ich mich einmische“, meinte Lady Myers. „Da mein Gatte und ich im Begriff waren, nach England zurückzukehren, kurz nach dem Tod von Miss Langfords Vater, habe ich das arme Mädchen gedrängt, sich uns anzuschließen. Es gab ja sonst niemanden, der Sophie auf der Reise hätte begleiten können. Unter diesen Umständen war es ihr verständlicherweise nicht möglich, auf eine Antwort von Ihnen zu warten.“

Sie war also gerade erst in England eingetroffen. Als ihm das klar wurde, fiel ihm auch ein, wo er sie gesehen hatte. Es war in Dover gewesen vor dem Gasthof. In Erinnerung daran, dass er sie kurz verdächtigt hatte, etwas gegen den Prinzregenten im Schilde zu führen, musste er lächeln.

Sophie bemerkte mit einer gewissen Erleichterung, wie es um seine Mundwinkel zuckte.

Doch dann fragte er in überheblichem Ton: „Was wünschen Sie von mir?“

„Gar nichts, Euer Gnaden“, stieß sie hervor. „Es war ein Fehler, Sie aufzusuchen.“

Wie abweisend sie sein konnte! Und wie reizvoll diese seltsame Mischung aus Selbstbewusstsein und Unsicherheit war! Nun, dass sie sich unsicher fühlte, geschah ihr nur recht! Was dachte sie sich dabei, einfach in der Annahme bei ihm aufzutauchen, dass er sie freundlich aufnehmen würde? Er wusste ja nicht einmal, ob sie wirklich mit ihm verwandt war. Gut, Harriet hatte gesagt, die Nichte eines seiner Vorfahren habe einen Lord Langford geheiratet. Aber das war noch lange kein Beweis dafür, dass er irgendwie verantwortlich für diese junge Frau war. Himmel, wenn doch nur Harriet da wäre, um ihm zur Seite zu stehen!

„Wenn Sie enttäuscht darüber sind, dass ich Sie nicht voller Begeisterung in die Arme geschlossen habe, so tut mir das leid“, stellte er in überheblichem Ton fest.

„Oh, meine Enttäuschung hat völlig andere Gründe“, gab sie spitz zurück. „Ich war davon ausgegangen, es mit einem Gentleman zu tun zu haben.“ Noch während sie sprach, hätte sie sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Andererseits hatte er sich wirklich schlecht benommen. Er hatte Lady Myers nicht einmal eine Erfrischung angeboten.

Der Duke starrte sie einen Moment lang an. Noch nie hatte jemand so zu ihm gesprochen. Niemand hätte das gewagt, und ganz gewiss kein Mädchen, das kaum dem Schulzimmer entwachsen war. In der Brust dieser unauffälligen Sophia Langford musste das Herz einer Löwin schlagen! Wahrhaftig, sie war eine faszinierende Frau.

„Euer Gnaden“, versuchte Lady Myers zu vermitteln und legte Sophie beruhigend die Hand auf den Arm, „wir waren der Ansicht … Das heißt, Miss Langford dachte …“

„Was hat sie gedacht?“, verlangte er zu wissen.

„Dass Sie ein alter Herr wären“, entfuhr es Sophie.

„Ich bin vierunddreißig“, erklärte er, bevor er in lautes Lachen ausbrach.

Sie nickte. „Mama hat mir erzählt, der dritte Duke sei ohne direkte Nachkommen gestorben. Deshalb habe sein jüngerer Bruder den Titel geerbt. Nun, ich nahm also an …“

„Es ist stets ein Fehler, irgendetwas anzunehmen“, meinte er in Erinnerung daran, dass er geglaubt hatte, die Schreiberin jenes Briefes aus Neapel sei ein Kind. „Der vierte Duke war mein Vater. Er starb vor etwa einem Jahr.“

„Mein Beileid“, murmelte Sophie. Dann setzte sie lauter hinzu: „Denken Sie, er hätte mich freundlicher aufgenommen als Sie?“

Plötzlich schämte er sich. Gerade erst war ihm bewusst geworden, wie verletzlich Miss Langford war. Ihre wunderschönen Augen glänzten verdächtig, zweifellos, weil sie sich die größte Mühe gab, nicht zu weinen. Genau wie er hatte sie Probleme, die sie bedrückten. Er musste rücksichtsvoll vorgehen!

„Ich möchte mich für mein Benehmen entschuldigen“, sagte er. „Bitte lassen Sie uns die letzten Minuten vergessen und noch einmal von vorn beginnen. Ich würde Ihnen gern etwas anbieten.“ Er läutete und gleich darauf erschien ein Diener, der den Auftrag erhielt, Tee und Gebäck zu bringen. „Wenn ich geahnt hätte, dass Sie mir heute einen Besuch abstatten“, fuhr der Duke zu Lady Myers und Sophie gewandt fort, „hätte ich meine Schwester gebeten, als Gastgeberin zu fungieren.“

Lady Myers nahm auf dem eleganten mit blass grünem Brokat bezogenen Sofa Platz. „Sie sind nicht verheiratet, Euer Gnaden?“

„Nein.“

„Nun, unter diesen Umständen ist es verständlich, dass Sie keine junge Dame unter Ihrem Dach beherbergen können. Es sei denn …“ Lady Myers warf ihm einen hoffnungsvollen Blick zu, „Ihre Schwester würde bei Ihnen leben.“

„Lady Harleys Besitz liegt in Suffolk. Doch im Moment hält sie sich als mein Gast hier in London auf. Sie hat übrigens auch Ihren Brief beantwortet, Miss Langford.“

„Und was hat sie geschrieben? Dass meine Eltern gegen den Willen der Familie geheiratet haben und dass ich deshalb in England unerwünscht bin? Unterstellt sie mir, dass ich, da ich im Ausland aufgewachsen bin, nie gelernt habe, mich in der guten Gesellschaft zu bewegen?“

„Hat jemand etwas in dieser Art zu Ihnen gesagt?“

Es war Lady Myers, die erklärte: „Lord Langford vertritt derartige Ansichten.“

„Mein Onkel“, fügte Sophie hinzu.

„Oh!“ Damit war klar, dass er der jungen Dame nicht vorschlagen konnte, sich an ihre Verwandten väterlicherseits zu wenden. Armes Kind, dachte er und runzelte, erstaunt über diesen Gedanken, die Stirn. Himmel, sie war kein Kind mehr und wirkte eigentlich viel zu selbstbewusst und selbstständig, um Mitleid zu erwecken.

„Natürlich kann Miss Langford sich auf meine Unterstützung verlassen“, verkündete Lady Myers. „Allerdings weiß niemand, wie lange mein Gatte in England bleiben wird, ehe seine beruflichen Pflichten ihn erneut ins Ausland führen.“

„Ja, ich verstehe.“ Und das tat er wirklich. Lady Myers Versicherung war sicher ernst gemeint, aber sie entsprang lediglich ihrem Pflichtbewusstsein. Zweifellos wäre die Dame sehr erleichtert gewesen, wenn sie die Verantwortung für ihren Schützling hätte abgeben können. Das musste auch einer intelligenten jungen Frau wie Miss Langford bewusst sein.

Tatsächlich erklärte Sophie in diesem Moment: „Bitte, Mylady, machen Sie sich keine Sorgen um mich. Sie wissen, dass ich in der Lage bin, selbst für mich zu sorgen. Die Vorstellung, auf die Großzügigkeit anderer angewiesen zu sein, gefällt mir gar nicht. Viel lieber möchte ich mir eine Stellung suchen.“

„Eine Stellung?“, fragte Belfont schockiert.

„Ja, meine Erziehung ermöglicht es mir durchaus, eine Position als Gouvernante oder Gesellschafterin anzunehmen. Ich könnte mich auch als Lehrerin an einer Mädchenschule bewerben. Tatsächlich habe ich in Italien bereits unterrichtet.“

„Ach?“ Er wusste nicht recht, warum er das Thema nicht einfach fallen ließ. Wollte er prüfen, wie ernst es ihr damit war, selbst für ihren Lebensunterhalt aufzukommen? „Was können Sie denn unterrichten?“

„Ich habe Kindern die Grundlagen des Lesens und Schreibens beigebracht. Außerdem kenne ich mich in der Literatur recht gut aus. Auch spreche ich mehrere Sprachen: Französisch, Italienisch und ein bisschen Deutsch.“

„O Gott, ein Blaustrumpf!“, entfuhr es ihm.

„Das ist besser, als auf die Wohltätigkeit anderer angewiesen zu sein.“

Die Vorstellung, wie es sein mochte, als junge Dame ganz allein in der Welt zu stehen, überfiel ihn mit unerwarteter Macht. Statt das Leben genießen zu können, wie seine Schwester und ihre Freundinnen es getan hatten, hatte Miss Langford hart arbeiten müssen, um satt zu werden und sich hin und wieder ein einfaches Kleid anzuschaffen. Kein Wunder, dass sie so gar nicht hilflos und anlehnungsbedürftig wirkte. Ja, sie unterschied sich grundlegend von den jungen Damen, denen er täglich auf dem gesellschaftlichen Parkett begegnete. Sie hatte weder einen Vater noch einen Bruder, weder einen Gatten noch einen Vormund, der ihr zur Seite stand. Sie war es nicht gewohnt, sich auf andere zu verlassen. Sie hatte wahrhaftig ein bisschen Unterstützung verdient!

In diesem Moment betrat der Butler, gefolgt von einem Diener mit einem schweren Tablett, den Raum. „Euer Gnaden, Lady Harley ist soeben zurückgekehrt. Sie lässt Ihnen ausrichten, dass sie gleich hier sein wird.“

„Danke, Collins.“

Der Lakai stellte Geschirr, Tee und Gebäck auf den Tisch. Und Sophie nutzte die Gelegenheit, sich im Zimmer umzuschauen. Die Einrichtung im französischen Stil war ganz in verschiedenen Grün- und Cremetönen gehalten. Über dem Kamin hing ein Bild, das wohl der berühmte Turner persönlich gemalt hatte. Eine Menge wertvoller Porzellanfiguren war in einem Schrank mit großen Glastüren ausgestellt. Die Fenster des Raums öffneten sich auf einen Garten, der die ganze Farbenpracht des englischen Frühlings widerspiegelte. Auf einem Busch saß ein Vogel so still, dass man ihn ebenfalls für eine Porzellanfigur hätte halten können. Ein Zitronenfalter flatterte vorbei und ließ sich auf einer Blüte nieder, die um einen Ton dunkler war als er selbst.

Sophie wandte den Kopf und warf dem eleganten Hausherren einen kurzen Blick zu. Er wirkte so unnahbar, wie man es von einem Mitglied des Hochadels erwarten konnte. Aber hatte sie nicht mit eigenen Augen gesehen, wie er einen kleinen Jungen zum Lachen gebracht hatte? Verbarg er sein wirkliches Wesen? Fühlte sie sich deshalb so stark zu ihm hingezogen, weil sie hinter seine überhebliche Fassade geschaut hatte?

Die Tür wurde geöffnet, und eine in bernsteinfarbene Seide gekleidete Dame betrat den Salon. Lady Harley schien etwas älter zu sein als ihr Bruder. Und auch etwas freundlicher. Lächelnd ging sie auf die Gäste zu.

James Dersingham, Duke of Belfont, war sehr erleichtert über das Auftauchen seiner Schwester, der er die Besucherinnen sogleich vorstellte.

Sophie erhob sich und wollte gerade vor Lady Harley knicksen, als diese ihr beide Hände entgegenstreckte und rief: „Ich freue mich so, Ihre Bekanntschaft zu machen, meine Liebe! Setzen wir uns! Bestimmt haben Sie viel zu erzählen. Ach, ich brenne darauf, alles zu hören!“ Sie wandte sich Lady Myers zu und meinte entschuldigend: „Ich hoffe Sie verzeihen mir, dass ich mich unbedingt mit meiner … Cousine bekannt machen möchte.“ Dann fuhr sie, wieder zu Miss Langford hinschauend, fort: „Sie haben doch hoffentlich nichts dagegen, dass ich Sie Sophia nenne?“

„Meine Eltern haben mich Sophie gerufen“, gab diese mit einem Lächeln zurück, das ihr ganzes Gesicht veränderte.

Wer hätte gedacht, dass sie so hübsch ist, fuhr es dem Duke durch den Kopf.

„Wenn Mama mich mit Sophia ansprach, wusste ich gleich, dass ich irgendwie ihr Missfallen erregt hatte.“

„Nun, dann werde ich Sie selbstverständlich Sophie nennen!“ Und schon begann Harriet, ihre neue Cousine in eine lebhafte Unterhaltung über ihr bisheriges Leben zu verwickeln.

Mehrfach öffnete Lady Myers den Mund, um etwas zum Gespräch beizutragen. Doch Sophie, die fürchtete, die rundliche Dame würde womöglich etwas Nachteiliges über den verstorbenen Lord Langford sagen, brachte sie jedes Mal mit einem flehenden Blick zum Schweigen.

Der Duke lauschte interessiert. Und erst als Harriet bereits erfahren hatte, dass Sophies Onkel väterlicherseits sich geweigert hatte, seine Nichte anzuerkennen, meinte er: „Miss Langford hat die Absicht geäußert, sich eine Stelle als Gouvernante oder Gesellschafterin zu suchen.“

„Oh!“ Harriet lächelte verschwörerisch. „Möchten Sie das wirklich? Oder geht es Ihnen in erster Linie um Ihre Unabhängigkeit?“

Zu ihrem eigenen Erstaunen erwiderte Sophie das Lächeln. „Unabhängig zu sein, ist mir tatsächlich wichtig. Aber ich träume davon, ein Buch zu schreiben.“

„Einen Roman?“

„Nein, einen Reisebericht. In den letzten Jahren habe ich so viele interessante Menschen getroffen und so viele denkwürdige Gebäude, Kunstwerke und Ähnliches gesehen – Mama hat mir viel über Architektur und Malerei beigebracht, müssen Sie wissen –, dass ich gern darüber schreiben würde.“

„Sie müssen sehr klug sein.“

„Mama war klug und sehr gebildet. Ich hingegen verfüge über eine gute Beobachtungsgabe und einen gefälligen Schreibstil. Ich denke, mein Buch wird sich gut verkaufen lassen, wenn es erst fertig ist. Doch bis dahin werde ich wohl eine Stellung annehmen müssen.“

„Aber nein!“, widersprach Lady Harley und beachtete gar nicht, dass ihr Bruder ihr einen bösen Blick zuwarf.

„Miss Langford lebt zurzeit im Haushalt von Lord und Lady Myers“, meinte er warnend.

„Natürlich wird sie so bald wie möglich zu uns ziehen“, stellte Harriet ungerührt fest. „Schließlich bist du, James, von jeher ein Gentleman, der seine Verpflichtungen ernst nimmt. Auch liegt dir zweifellos daran, dass alle Mitglieder unserer Familie ein möglichst glückliches Leben führen.“

Lady Myers warf Sophie einen kurzen triumphierenden Blick zu. Beiden war klar, dass Belfont von seiner Schwester überlistet worden war. Sophie überlegte, ob sie den Duke noch einmal darauf aufmerksam machen sollte, dass sie nirgendwo wohnen wollte, wo sie nicht willkommen war. Doch sie beschloss zu schweigen, denn schließlich stand außer Frage, dass sie auf Dauer nicht bei den Myers bleiben konnte.

„Meine liebe Harriet“, fragte der Duke, „ist dir klar, dass du gerade die Verantwortung für Miss Langford übernommen hast?“

„O ja! Und ich freue mich darüber!“ Sie wandte sich den Besucherinnen zu. „Mein Bruder ist zurzeit im Dienste der Krone sehr eingespannt. Sie werden sicher Verständnis dafür haben, dass er es schwierig findet, sich mit all diesen komplizierten privaten Dingen auseinanderzusetzen. Vermutlich wird er nur selten Gelegenheit haben, uns bei gesellschaftlichen Anlässen zu begleiten. Aber wir werden uns bestimmt auch zu zweit gut amüsieren, Sophie.“

„Danke, Mylady. Aber ich erwarte keineswegs, dass Sie mich in die Gesellschaft einführen. Tatsächlich würde ich es vorziehen, ein zurückgezogenes Leben zu führen, bis ich in der Lage bin, Sie angemessen für Ihre Mühen zu entlohnen.“

„Sie wollen uns dafür entlohnen, dass wir etwas tun, das selbstverständlich sein sollte? Ich bitte Sie, Sophie! Denken Sie nicht mehr daran, sondern ziehen Sie so rasch wie möglich hierher. Ich werde veranlassen, dass noch heute ein Zimmer für Sie hergerichtet wird.“

Der Duke stieß einen leisen Seufzer aus.

Und Sophie hatte das Gefühl, sie müsse ihm noch einmal deutlich machen, dass sie keine Erwartungen an ihn stellte. „Mir liegt nichts an Bällen, Soireen und anderen Festlichkeiten“, erklärte sie. „Denn ich bin nicht auf der Suche nach einem Gatten. Ich danke Ihnen vor Herzen, dass Sie mir vorübergehend ein Heim anbieten. Darüber hinaus allerdings möchte ich Ihnen und Ihrer Schwester nicht zur Last fallen.“

Harriet lachte. „Ich freue mich darauf, Sie besser kennenzulernen. Belfont House steht Ihnen offen.“

„Ich könnte Sophie morgen gegen drei herbringen“, mischte Lady Myers sich ein.

„Wunderbar!“, rief Harriet, woraufhin die Gäste sich erhoben und sich höflich verabschiedeten.

Als sie den Raum gerade verlassen wollten, wandte Sophie sich noch einmal um. „Euer Gnaden“, meinte sie mit einem schelmischen Lächeln, „verraten Sie mir, was der Prinzregent dem kleinen Jungen gestern geschenkt hat?“

Er runzelte die Stirn. Dann huschte auch über sein Gesicht ein Lächeln. „Einen silbernen Knopf, der sich von der königlichen Weste gelöst hatte.“

„Der Kleine schien nicht zu wissen, was er damit tun sollte.“

„Das stimmt. Ich habe ihm geraten, den Knopf zu verkaufen und davon etwas zu essen für sich und seine Familie zu besorgen. Aber warum fragen Sie?“

„Weil ich den Knaben ein wenig darum beneide, Ihnen ein freundliches Wort entlockt zu haben“, gab sie zurück und verschwand in Richtung der Eingangshalle.

„Das“, stellte Harriet zu ihrem Bruder gewandt fest, „hast du verdient.“

Er lachte, meinte dann jedoch: „Es wäre besser für Miss Langford, wenn sie weder so stolz noch so offen wäre.“

„Ich finde sie bezaubernd. Wenn ich erst dafür gesorgt habe, dass sie sich angemessen kleidet, wird sie gewiss viel Erfolg haben.“

„Du hättest dir eine Menge Ärger ersparen können, wenn du sie nicht zu uns eingeladen hättest. Sie hätte bei den Myers bleiben können.“

„Dort wäre sie nichts weiter als eine unbezahlte Gesellschafterin. Sie hat Besseres verdient, nicht wahr. Außerdem: Wenn sich herumgesprochen hätte, dass sie mit uns verwandt ist, hätte das kein gutes Licht auf dich geworfen.“

Er zuckte die Schultern. Doch tatsächlich hatte Miss Langford ihn beeindruckt. Widerwillig gestand er sich ein, dass ihr ungewöhnliches Auftreten ihn faszinierte. Im Laufe des Tages wandten seine Gedanken sich ihr immer wieder zu. Was, um Himmels willen, hatte diese junge Dame nur an sich, dass er sie einfach nicht vergessen konnte?

Captain Richard Summers saß in einem bequemen Sessel und war in eine Zeitung vertieft, als der Duke of Belfont sich ihm gegenüber niederließ. Die beiden trafen sich gelegentlich bei White’s, wo sie ungestört miteinander reden konnten.

„Sie sehen aus, als könnten Sie einen Cognac gebrauchen“, stellte Summers fest. „Haben Sie sich über Ellen geärgert?“

„Ellen?“ Da seine Gedanken unentwegt um Sophie Langford kreisten, wusste Belfont im ersten Moment nicht, wer gemeint war. Dann schüttelte er den Kopf. „Ellen hat nichts damit zu tun.“ Kürzlich erst hatte er seiner Geliebten den Laufpass gegeben, weil sie sich mit Alfred Jessop, seinem Cousin und Erben, getroffen hatte.„Dann geht es wohl um Seine Königliche Hoheit? Aber von Prinnys Launen lassen Sie sich doch sonst nicht aus der Ruhe bringen.“

Er seufzte. Einst hatte er geglaubt, er könne beim Militär Karriere machen. Doch schon nach kurzer Zeit war er von seinen Pflichten als Offizier befreit worden, um unter falschem Namen Informationen über den Feind zu sammeln. Immer wieder war er in große Gefahr geraten. Als sein Vater starb und er den Titel erbte, hatte er darum gebeten, nach England zurückkehren zu dürfen. Das war ihm gestattet worden, allerdings unter der Bedingung, dass er sich nun der Sicherheit des Prinzregenten widmete.

„Es gefällt mir nicht“, sagte er, „dass Prinny so tut, als habe er Napoleon eigenhändig geschlagen. Dabei möchte ich wetten, dass der Korse schon Pläne für eine glorreiche Rückkehr schmiedet.“

„Ich setze 20 Guineen dagegen“, rief Summers und winkte einen Angestellten des Klubs herbei, damit dieser die Wette in das berühmte Buch eintrug.

„Ich bin gespannt, wer sich sonst noch bei der Wette beteiligen wird“, stellte der Duke fest. „Aber um noch einmal auf Prinny zurückzukommen: Er setzt sich viel zu vielen unnötigen Gefahren aus. Dass er beispielsweise selbst nach Dover gereist ist, um Louis abzuholen, wäre doch wahrhaftig nicht nötig gewesen!“

„Es ist ja nichts passiert. Obwohl dieses merkwürdige Paar, das in Begleitung einer jungen Dame reiste und dem königlichen Tross bis London folgte, mir schon irgendwie verdächtig vorkam.“

„Vollkommen harmlose Leute! Lord Myers war als Botschafter im Ausland. Und seine Gattin hat die junge Dame – die übrigens Sophie Langford heißt – aus Italien mit nach England gebracht.“

„Ach, es handelt sich um Bekannte von Ihnen?“

„Erst seit heute.“ Seltsamerweise besserte seine Laune sich plötzlich. Er begann zu berichten, was sich in seinem Salon zugetragen hatte.

„Und nun beabsichtigen Sie, Miss Langford hin und wieder zu Bällen und dergleichen zu begleiten?“, vergewisserte Summers sich. Seiner Meinung nach hätte der Duke schon vor Jahren eine eigene Familie gründen sollen. Allerdings hatte Belfont bisher an keiner Dame im heiratsfähigen Alter echtes Interesse gezeigt. Dass er nun so ausführlich über die plötzlich aufgetauchte junge Verwandte sprach, war sehr ungewöhnlich. So ungewöhnlich, dass Captain Summers sich seine ganz eigenen Gedanken dazu machte.

3. KAPITEL

Als Sophie am nächsten Tag in Belfont House eintraf, wartete eine Überraschung auf sie. Man hatte nicht ein Zimmer, sondern eine Suite für sie vorbereitet; einen mit hübschen Möbeln und Teppichen ausgestatteten Schlafraum sowie einen kleinen Salon, in dem sich auch ein Schreibtisch und ein Bücherregal befanden.

„Hier können Sie sich nach Lust und Laune die Zeit vertreiben, indem Sie an Ihrem Buch arbeiten“, erklärte Lady Harley.

Sophie gab lächelnd zurück, dass das Buch für sie eine Herzensangelegenheit und kein Zeitvertreib sei, woraufhin Harriet sich für ihre ungeschickten Worte entschuldigte. „Ich hoffe“, meinte sie, „Sie werden sich dennoch hin und wieder die Zeit nehmen, mir bei meinen Unternehmungen Gesellschaft zu leisten. Mein Bruder ist viel zu eingespannt, um sich als Begleiter anzubieten. Und allein macht alles nur halb so viel Spaß.“

„Könnte Ihr Gatte nicht mit Ihnen ausgehen?“

Harriets Lächeln verblasste. „Er ist 1809 in Portugal im Kampf gegen Napoleon gefallen.“

„Oh, das tut mir leid. Ich wusste nicht …“

„Sie konnten es nicht wissen. Ich bin jedenfalls froh, dass wenigstens mein Bruder den Krieg unbeschadet überlebt hat. Er hat ebenfalls gegen den Korsen gekämpft und ist erst vor einem Jahr, als er den Titel erbte, nach England zurückgekehrt.“

Sophie nickte verständnisvoll.

„Ich habe zwei reizende Töchter“, fuhr Harriet fort, „Beth und Olivia. Weil sie noch zu jung sind für die Vergnügungen, die London zu bieten hat, leben sie das ganze Jahr über auf unserem Landsitz in Suffolk. Wenn die Saison zu Ende ist, Sophie, sollten Sie die beiden unbedingt kennenlernen.“

„Danke, sehr gern.“

„Und nun möchte ich etwas über Sie erfahren! Haben Sie Napoleon einmal getroffen? Ich weiß, dass manche ihn für ein Ungeheuer halten, andere wiederum verehren ihn als Helden. Das allerdings kommt mir wie ein Mangel an Patriotismus vor.“

„Da haben Sie sicher recht! Ich selbst habe ihn nur einmal von Weitem gesehen und war nicht sehr beeindruckt. Aber ich habe viele andere interessante Menschen kennengelernt, denn Papa schloss rasch Freundschaften und brachte nicht nur Engländer, sondern auch Franzosen, Italiener, Österreicher und Schweizer mit nach Hause.“

„Über diese Treffen wollen Sie wohl in Ihrem Buch schreiben?“

Tatsächlich hatte sie sich darüber bisher keine Gedanken gemacht. Allerdings wusste sie, dass sie mit einem typischen Reiseführer nur wenig Erfolg haben würde. Denn davon gab es einfach schon zu viele. Einen Schwerpunkt auf die vielen ungewöhnlichen Menschen zu legen, denen sie begegnet war, würde das Buch von anderen unterscheiden und es für Leser und Leserinnen interessanter machen. „Ja“, sagte sie also, „ich werde allerdings sehr genau darauf achten, keine Namen zu nennen. Schließlich möchte ich niemandem zu nahe treten.“

„Es muss sehr aufregend gewesen sein, so viel zu reisen und die Welt kennenzulernen.“

„Ich fand es eher …“ Sophie senkte den Blick und unterbrach sich. „Als Mama starb …“

„Bitte, quälen Sie sich nicht“, beeilte Harriet sich zu sagen. „Ich kann mir gut vorstellen, wie schwierig es für Sie war. Doch nun sind Sie in London. Ach, ich brenne darauf, Sie neu einzukleiden und das gesellschaftliche Leben mit Ihnen zu genießen.“

„Aber, Mylady, ich …“

„Nennen Sie mich doch einfach Harriet. Schließlich sind wir verwandt, und ich wünsche mir sehr, dass wir Freundinnen werden.“

„Ihr Bruder scheint das etwas anders zu sehen.“

„Nun, tatsächlich ist James keineswegs so überheblich, wie er sich manchmal gibt. Ich glaube sogar, manchmal möchte er gar kein Duke sein. Können Sie sich ausmalen, wie viele heiratsfähige junge Damen, unterstützt von ihren Müttern, ihm nachstellen? Da muss er sich oft unnahbar geben. Trotzdem wird man ihn erst in Ruhe lassen, wenn er sich verlobt. Schade, dass er sich damit so viel Zeit lässt.“

„Er hat allen Grund, wählerisch zu sein. Seine Gattin wird schließlich Duchesse of Belfont.“

„Hm …“ Harriet erhob sich und glättete den Rock ihres blauen Taftkleides. „Richten Sie sich jetzt erst einmal ein. Ihr Gepäck haben die Dienstboten bereits hierher gebracht. Soll ich Ihnen eines der Hausmädchen zum Helfen schicken?“

„Nein danke, das wird nicht nötig sein.“ Ein wenig bedrückt dachte Sophie an den alten Koffer und die kleine Tasche, die all ihre Besitztümer enthielten.

„Das Essen“, fuhr ihre neue Freundin fort, „wird heute bereits um fünf serviert, da ich anschließend einer Einladung nachkommen muss. Morgen allerdings habe ich Zeit für Sie. Ich würde gern einen Einkaufsbummel mit Ihnen unternehmen.“

„Das ist sehr nett von Ihnen.“

Lady Harley verabschiedete sich, und Sophie widmete sich ihrem Gepäck. Innerhalb kurzer Zeit hatte sie alles ausgepackt. Als Letztes arrangierte sie ihre Schreibutensilien auf dem Schreibtisch und stellte eine Miniatur ihrer Mutter dazu.

Es klopfte, und ein Dienstmädchen, das sich als Rose vorstellte, trat ein. „Ich bringe Ihnen warmes Wasser. Lady Harley hat gesagt, ich soll Ihnen beim Ankleiden und frisieren helfen.“

„Danke“, murmelte sie. Am liebsten wäre sie gar nicht zum Dinner nach unten gegangen. Die Vorstellung, von Belfont kritisch gemustert und womöglich mit Fragen bedrängt zu werden, machte sie entsetzlich nervös. Doch sie wusste, dass sie sich nicht drücken konnte. Also wählte sie ein gemustertes Musselinkleid und ließ sich von Rose einen Seidenschal um die Schultern drapieren, bevor sie sich nach unten begab.

Der Duke und seine Schwester erwarteten sie bereits. Belfont, der einen modisch geschnittenen Frackrock, eine bestickte Weste und blaue Kniehosen aus Seide trug, erhob sich höflich und deutete eine Verbeugung an. „Ich hoffe, Sie fühlen sich wohl hier.“

Er sah so attraktiv aus, dass Sophie beinahe ihre guten Manieren vergessen und ihn offen angestarrt hätte. Wahrhaftig, er war einfach umwerfend! Umso unbegreiflicher erschien es ihr, dass er mit vierunddreißig immer noch Junggeselle war. „Danke, Euer Gnaden“, brachte sie hervor, „die Zimmer sind sehr hübsch.“

„Ich habe das blaue Schlafzimmer für Sophie herrichten lassen“, sagte Harriet, „weil der kleine Salon gleich daneben sich als Arbeitszimmer für eine Schriftstellerin geradezu anbietet.“ Lady Harley hatte fürs Dinner eine dunkelgrüne Seidenrobe mit tiefem Ausschnitt, kleinen Puffärmeln und Volants gewählt. Ihr Haar war zu einer eleganten Frisur hochgesteckt, und um den Hals trug sie eine Perlenkette.

„Wenn ich geahnt hätte, dass wir eine neue Mitbewohnerin bekommen“, fuhr sie zu Sophie gewandt fort, „wäre ich heute Abend daheimgeblieben.“

„Machen Sie sich um mich bitte keine Gedanken. Ich freue mich darauf, ein wenig Zeit zum Schreiben zu haben.“

„Ah, das Buch“, stellte der Duke in einem so herablassenden Ton fest, dass Sophies Zorn geweckt wurde. „Sie müssen uns alles darüber erzählen.“

„Es würde Sie wohl kaum interessieren, Euer Gnaden.“

„Und warum nicht?“

„Weil Sie gewiss all die Orte, über die ich berichten werde, mit eigenen Augen gesehen haben.“

„Ach, wie kommen Sie darauf?“, fragte er schärfer als beabsichtigt. Wusste sie womöglich etwas über ihn, das er lieber geheim halten wollte? Seine Aufgaben hatten ihn häufig in schwierige Situationen gebracht, und noch jetzt hielt er es für nötig, ständig auf der Hut zu sein. Er war so daran gewöhnt, in Gefahr zu schweben, dass er sich manchmal selbst in seinem eigenen Haus nicht sicher fühlte.

„Ich nehme an, Sie haben vor Kriegsbeginn die große Tour auf dem Kontinent unternommen. Das war damals doch üblich, nicht wahr?“

„Nun, es handelte sich um eine stark verkürzte Tour“, gab er zurück. „Überall herrschte großes Durcheinander, denn Napoleons Machtgier war bereits offenkundig.“ Er bemühte sich, ruhig zu bleiben. Sophie war noch ein Kind gewesen, als er selbst seine Spionagetätigkeit aufgenommen hatte. Sie konnte unmöglich etwas darüber wissen.

Ein livrierter Lakai riss ihn aus seinen Gedanken. „Das Dinner ist bereit, Euer Gnaden.“

James Dersingham, Duke of Belfont, verbeugte sich leicht und reichte Sophie den Arm, um sie zu Tisch zu führen. Seine Ausstrahlung war so stark, dass sie einen Moment lang den Atem anhielt. Die Hand, die sie auf seinen Arm gelegt hatte, bebte. Was, um Himmels willen, war nur los mit ihr?

„Wir essen heute im kleinen Speisezimmer“, verkündete Harriet. „Dort können wir uns unterhalten, ohne die Stimmen erheben zu müssen.“

Tatsächlich war auch der klein genannte Speiseraum recht groß. Aber da er nicht so formell eingerichtet war, herrschte eine entspannte Atmosphäre, in der es leicht war, sich angeregt zu unterhalten.

Das Menü begann mit einem Fischgang. Es folgten Roastbeef, Kartoffeln und Pilze in einer delikaten Sahnesoße. Jede einzelne Speise war hervorragend zubereitet. Doch Sophie genoss die Unterhaltung beinahe mehr als das Essen.

Zunächst sprach man über das ungewöhnlich schöne Frühlingswetter. Sophie äußerte ihre Freude darüber, endlich die bunt blühenden englischen Wiesen und die gepflegten Gärten wiederzusehen. „Ich liebe die Schmetterlinge und den Gesang der hier lebenden Vögel“, stellte sie fest. „Das frische Grün der Bäume fasziniert mich. Alles erscheint mir lieblicher als in Italien. Aber das mag auch daran liegen, dass endlich Frieden herrscht.“

D ...

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