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Das Geheimnis der schönen Winterlady / Dezembernächte voller Zärtlichkeit

Georgina Devon

Das Geheimnis der schönen Winterlady

PROLOG

„Ah, ihr plaudert gerade bei trocken Brot“, spottete Dominic Mandrake Chillings, während er zwischen seiner Schwester und seinem Bruder Platz nahm.

Guy William Chillings, der siebte Viscount Chillings, hob eine seiner dunklen Augenbrauen. „Geistreich wie immer, Dominic.“ Genussvoll aß er ein Stück des köstlich zubereiteten Lamms mit französischer Sauce, die sein ebenfalls französischer Koch eigens kreiert hatte. „Ich freue mich, dass du hergefunden hast, obwohl die Saison noch in vollem Gange ist.“

Scherzhaft deutete Dominic eine Verbeugung an. „Die Wünsche des Familienoberhauptes sind mir Befehl.“

„Ach, was du nicht sagst!“, zog ihn Annabell Fenwick-Clyde, verwitwete Lady Fenwick-Clyde, auf. „Du bist doch nur gekommen, weil du neugierig bist, Dominic. Aus keinem anderen Grund.“

Dominic zuckte mit den Schultern und schnitt ein Stück vom Lammbraten ab, den der Butler ihm gerade serviert hatte.

„Genug“, unterbrach Guy die beiden, legte seine Gabel beiseite und erhob sich. „Ich bat euch beide herzukommen, um mit euch über meine Verlobung zu sprechen.“

„Habe ich richtig gehört?“ Dominic war vom Stuhl hochgefahren und hatte ihn dabei so eilig nach hinten geschoben, dass er beinahe umkippte. „Du willst dir also Ketten anlegen lassen? Das wird aber auch höchste Zeit.“

Annabell, eine hochgewachsene, elegante Frau Anfang dreißig mit hellblondem Haar, warf ihrem jüngeren Bruder einen argwöhnischen Blick zu. „Dominic, du hast wie immer eine maßlos dramatische Sicht auf die Dinge.“ Sie wandte sich an ihren Zwillingsbruder, den Viscount, und lächelte. „Wen beabsichtigst du denn zu heiraten, Guy? Ich hoffe, nicht eine dieser bemitleidenswerten Amüsierdamen, mit denen du und Dominic euch zu vergnügen pflegt.“

„Tststs, Sarkasmus steht dir gar nicht gut zu Gesicht, Bella“, antwortete Guy, wobei er ihr Lächeln erwiderte, um seinen Worten die Schärfe zu nehmen. Nur zu gut wusste er, wie wenig seine Schwester von Männern hielt, die Mätressen hatten.

Dominic grinste. „Die sind nicht zum Heiraten da.“

Geräuschvoll ließ Annabell Messer und Gabel fallen. „Ihr benutzt diese Frauen nur!“

„Und bezahlen sie gut dafür“, erwiderte Dominic gelassen.

„Genug“, sagte Guy, stand auf und entfernte sich vom Tisch. „Ich habe euch nicht eingeladen, um mit euch über meine Vorlieben zu diskutieren. Obwohl Dominic vollkommen recht hat. Die Damen werden großzügig bezahlt und sind mehr als gewillt, den Handel einzugehen. Sie kennen den Lauf der Dinge.“

Annabell schnaubte verächtlich. „Als ob ihnen eine andere Wahl bliebe.“ Sie erhob sich ebenfalls. „Ich nehme an, ihr zwei wollt noch hierbleiben, um euren heiß geliebten Whisky zu trinken.“

Dominic hielt inne, und seine tiefblauen, beinahe schwarzen Augen funkelten.

„Was wir auch tun, du stellst uns als sündhaft dar, Bella. Offensichtlich willst du uns um jeden Preis schlechtmachen.“

„Ich bringe lediglich Tatsachen zur Sprache.“

Er grinste. „Du kannst uns nicht als unzivilisiert tadeln. Wir werden keinen Portwein trinken, bis wir unter den Tisch …“

„Nein“, unterbrach sie ihn, „ihr haltet euch an stillosen schottischen Whisky.“

„Du hingegen bereist ohne männliche Begleitung alle bekannten und unbekannten Erdteile. Oftmals ist nicht einmal eine Zofe dabei. Das ist natürlich ein tadelloses Betragen!“

Sie musterte ihn scharf. „Keiner meiner männlichen Verwandten ist gewillt, mich zu begleiten. Daher bleibt mir nichts anderes übrig, als allein zu reisen.“

„Ich verspüre nicht den geringsten Wunsch an die Orte zu reisen, die du normalerweise aufsuchst, Bella. Ein Zelt bei glühender Hitze und jede Menge Sand ringsherum entsprechen nicht meinen Vorstellungen. Ich weiß ein gewisses Maß an Bequemlichkeit zu schätzen.“

„Dann darfst du dich auch nicht über mein Handeln beschweren.“

Sie wandte sich ab und schritt zielstrebig auf die Tür zu, bevor einer der Männer noch etwas erwidern konnte. Guy tauschte einen vielsagenden Blick mit seinem jüngeren Bruder aus. Beide schüttelten den Kopf.

„Sie ist ein verwitweter Blaustrumpf und froh darüber“, bemerkte Guy. „Ich vermute, wir können uns auf einen flammenden Vortrag über die Gleichberechtigung von Frauen einstellen. Und dabei hat die Tatsache, dass sie eine Frau ist, sie noch nie davon abgehalten, ausschließlich das zu tun, was ihr gefällt.“

„Zumindest nicht seit Fenwick-Clyde den Löffel abgegeben hat.“

Sie folgten ihrer Schwester in die Bibliothek, wo Guy auf einen Serviertisch aus Walnussholz zusteuerte und zwei Gläser mit schottischem Whisky füllte. Er reichte Dominic eines der Gläser, leerte das andere ohne abzusetzen und schenkte sich nach. Dann erhob er das Glas. „Auf die Zukunft!“ Er trank den Inhalt in einem Zug.

Dominic tat es ihm gleich. „Auf Wein, Weib und Gesang oder etwas in dieser Art!“

Annabell verzog das Gesicht.

Ein leises Klopfen an der Tür ging dem Eintreten des Butlers voraus, der ein Tablett mit Tee hereintrug, das er auf einem Tischchen in der Nähe der Fensterfront abstellte. Annabell schenkte Oswald ein Lächeln und dankte ihm. Der Butler, von kleiner und rundlicher, aber untadelig gepflegter Gestalt, lächelte freundlich zurück.

„Möchte einer von euch beiden vielleicht etwas Tee?“, erkundigte sie sich herausfordernd, obgleich sie die Antwort längst kannte. Es gehörte zu ihren wirksamsten Ritualen, um die beiden aufzuziehen.

Die Brüder schauten sie entsetzt an. Guy ergriff die Karaffe und schenkte Dominic und sich großzügig Whisky nach. Dann schlenderte er zu einem der Lehnstühle, die im Halbkreis vor dem großen Fenster gruppiert waren, das den Blick auf den Grosvenor Square freigab. Neben der Sitzgruppe stand das Tischchen mit dem Teetablett. Gerade fuhr ein modischer Phaeton vorbei, der von einem noch modischeren Dandy gelenkt wurde. Einige junge Damen, denen Diener mit Paketen folgten, flanierten auf dem Gehweg. Die Saison war in vollem Gange. Guy nahm Platz und streckte die Beine aus.

„Wie ich euch bereits mitzuteilen versuchte, bin ich verlobt.“

„Mit wem?“, unterbrach ihn Annabell. Sie saß hinter dem Tischchen mit Tee, ihrem Bruder schräg gegenüber.

„Mit Miss Emily Duckworth.“

„Nein, das ist nicht dein Ernst, Guy“, sagte Annabell. „Sie passt überhaupt nicht zu dir.“

„Niemals!“, ereiferte sich Dominic und begann aufgebracht im Zimmer herumzulaufen. „Mit ihr wirst du ganz sicher keine Freude haben.“

„Ihr irrt euch beide“, erwiderte Guy langsam. „Die Dame ist sich des Geschäfts, das wir eingehen, vollkommen bewusst und mehr als gewillt, ihre Pflicht zu erfüllen. Ich benötige einen Erben, und sie will einen Ehemann.“

„Das klingt kalt, Guy“, bemerkte Annabell. „Du bist eiskalt wie ein … wie ein …“

„Lass mich dir helfen“, fiel Dominic ihr ins Wort. „Kalt wie ein Fisch, der …“

„Herzlichen Dank“, unterbrach ihn Annabell, bevor er seinen Vergleich beenden konnte.

„Ihr seid beide im Irrtum“, erklärte Guy und schwenkte die bernsteinfarbene Flüssigkeit in seinem Kristallglas. „Ich handele pragmatisch. Ich brauche einen Erben. Miss Duckworth wird ihn mir geben. Sie benötigt einen Ehemann, der sie beschützt und der ihr den nötigen Wohlstand und Pomp bietet, um in der Gesellschaft Furore zu machen. Sie kann zwar auf einen tadellosen Stammbaum zurückblicken, aber ihr Bruder setzt das Werk seines Vater fleißig fort und verspielt das verbliebene Vermögen der Familie am Kartentisch.“ Er trank sein Glas aus. „Ich möchte nicht geschmacklos erscheinen, aber ich bin reich wie Krösus. Kurz und gut, wir passen hervorragend zueinander.“

Annabell murmelte etwas Undamenhaftes. „Kalt wie Sibirien.“

Dominic lachte auf, aber es klang eher bitter als belustigt. „Da sind wir wieder beim Thema. Frauen heiraten nur, wenn es zu ihrem Vorteil ist. Ich bevorzuge die Damen der Nacht. Die sind wenigstens ehrlich bei ihren Geschäften.“

„Du hörst dich abgestumpft an, Dominic“, sagte Guy und stellte sein leeres Glas ab.

„Und was bist du?“, wollte Annabell wissen. „Frohgemut und strahlend blickst du deiner Hochzeit entgegen?“

„Weder noch“, erwiderte Guy, dem das Gespräch allmählich auf die Nerven ging. „Wie ich bereits erwähnte, handelt es sich um ein pragmatisches Abkommen und um nichts mehr.“

„Es könnte schlimmer sein“, bemerkte Dominic. „Wenn es eine Liebesheirat wäre wie deine erste Ehe.“ Er ging quer durch das Zimmer zum Tisch mit dem Whisky und füllte erneut sein Glas, wodurch ihm der finstere Blick entging, den sein Bruder ihm zuwarf. „Möchtest du auch noch etwas?“, erkundigte er sich.

„Bring einfach die Karaffe her“, antwortete Guy.

„Aha“, sagte Annabell leise, der nicht entgangen war, dass Dominics Bemerkung ihrem Zwillingsbruder zusetzte. „Du tust es also, weil Suzanne bei der Geburt gestorben ist und mit ihr das Baby. Du willst nicht noch einmal riskieren, Gefühle mit ins Spiel zu bringen.“

„Das ist zehn Jahre her“, erwiderte Guy mit ausdrucksloser Stimme. „Darüber bin ich hinweg. Aber mittlerweile bin ich dreiunddreißig Jahre alt. Ich benötige einen Erben.“ Er sah seine Geschwister mit leicht zusammengekniffenen Augen an. „Außer einer von euch beiden beabsichtigt, mich mit einem Erben auszustatten, da der Titel auch auf Dominic und dann auf dich übergehen kann, Bella.“

„Mich brauchst du nicht anzuschauen“, sagte Dominic. „Ich benötige keinen Erben, also muss ich auch nicht heiraten – weder aus Zweckmäßigkeit noch aus Liebe.“

„Und ich kann nicht einspringen, solange ein männlicher Erbe existiert, also mach dich nicht lächerlich“, erklärte Annabell in scharfem Tonfall.

„Ich dachte mir schon, dass ihr so reagiert. Und eben deshalb bleibt mir nichts anderes übrig, als bald zu heiraten“, murmelte Guy.

„Auf deine Hochzeit!“ Dominic hob sein Glas und begann wieder, auf und ab zu schreiten.

Genervt schaute Guy zur Decke. „Könntest du bitte endlich aufhören, herumzurennen und eine solche Unruhe zu verursachen?“

Annabell lächelte. „Er konnte noch nie gut still sitzen, nicht einmal als kleines Kind, als man ihm Kuchen zur Belohnung versprochen hat. Du kannst nicht von ihm erwarten, dass er sich inzwischen geändert hat, Guy.“ Und sie fügte hinzu: „Insbesondere, wenn man in Betracht zieht, was du uns gerade erzählt hast.“

Dominic blieb für einen Moment stehen und lächelte. „Ausnahmsweise hat sie recht.“

Guy zuckte mit den Schultern und wandte seine Aufmerksamkeit dem Gemälde zu, das über dem Kamin hing und die drei Geschwister zeigte. Es war gemalt worden, als er und Bella zwanzig Jahre alt waren und Dominic sechzehn. Das war noch vor der Ehe mit Suzanne gewesen.

Suzanne war nach wie vor ein Thema, über das er nur schwer reden konnte. Es war eine Kinderfreundschaft gewesen, die schließlich in eine Ehe gemündet hatte. Er war glücklich mit ihr gewesen und hatte gedacht, dass er sie liebte. Dann war sie bei der Geburt seines Erben gestorben, und auch das Baby hatte nicht überlebt. Erst in den letzten Jahren war er allmählich mit seinen Schuldgefühlen zurechtgekommen. Wenn er sie nicht geschwängert hätte, würde sie noch leben. Aber so war nun einmal der Lauf der Welt.

Erneut füllte er sein Glas, ohne Dominic etwas anzubieten. Rasch leerte er es und schenkte sich wieder nach.

„Es ist sinnlos, sich zu betrinken, bis man alles vergisst“, bemerkte Annabell und nippte an ihrem Tee. „Magst du Miss Duckworth denn wenigstens?“

Guy lächelte. „Du warst schon immer eine Meisterin darin, das Thema zu wechseln. Was Miss Duckworth anbelangt, kenne ich sie nicht gut genug, um sie zu mögen oder nicht zu mögen.“ Für ihn war das so in Ordnung. Sie sollte ihm einen Sohn gebären, nichts weiter.

„Du gehst ein bisschen zu weit“, tadelte ihn Dominic. Er blieb endlich stehen und stellte sich neben seine Geschwister. „Ich würde auf keinen Fall eine Frau heiraten, die ich nicht wenigstens gernhabe.“

„Einen Punkt für ihn, Guy“, pflichtete Annabell ihm leise bei.

„Für ihn mag das gelten“, erwiderte Guy. „Aber er ist ja auch nicht gezwungen zu heiraten. Er kann tun und lassen, was er will.“

Mit spöttischem Tonfall sagte Dominic: „Es ist wirklich hart, der Älteste zu sein. All der Reichtum, ganz zu schweigen vom Titel.“ Er hob eine Hand, um weitere Kommentare zu unterbinden, weil Annabell bereits den Mund öffnete. „Nicht dass ich den Titel haben möchte. Nein, wahrhaftig nicht. Ich habe genug Spaß an meiner Rolle als schwarzes Schaf der Familie.“

„Ist das der Grund, weshalb du nicht verheiratet bist?“, wollte Annabell wissen.

Dominics gebräuntes Gesicht verfinsterte sich. „Spotte nur, Bella. Ich habe nicht vor zu heiraten. Überdies würde mich auch keine anständige Frau haben wollen.“

Dominic war als Junge wild und ungestüm gewesen. Als Mann verhielt er sich lasterhaft und galt als überzeugter Freigeist.

„Ich denke, wir haben über alles gesprochen“, unterbrach Guy seine Geschwister. „Sollen wir uns jetzt nach Covent Garden aufmachen? Der Prinzregent lädt zu einem rauschenden Fest ein.“

Annabell schüttelte vehement den Kopf. „Nein, danke, ich komme ganz sicher nicht mit. Ich muss noch ein paar Dinge recherchieren, bevor wir die vollständige Ausgrabung der römischen Villa in Angriff nehmen können, die wir auf Sir Hugo Fitzsimmons Anwesen in Kent entdeckt haben.“

„Fitzsimmon?“, fragte Guy nach, und Besorgnis schwang in seiner Stimme mit. „Er ist ein noch schlimmerer Lebemann als Dominic. Gegen den bin ich ein Waisenknabe.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Er ist gerade mit Wellington in Paris. Ich werde ihn gar nicht zu Gesicht bekommen.“

„Das ist zu hoffen, Bella“, sagte Dominic. „Vor dem kann sich eine Frau nicht gut genug in Acht nehmen.“

„Ich werde ihm ja gar nicht begegnen“, erwiderte sie spitz. „Außerdem habe ich durch Fenwick-Clyde mehr als jede andere Frau über Ausschweifungen gelernt.“

Ein kalter Schauer lief ihr den Rücken hinunter. Ihre Ehe war arrangiert und unglücklich gewesen.

Guy bedauerte, was Bella widerfahren war. Doch zu diesem Zeitpunkt war er noch nicht Viscount gewesen, und ihre Eltern hatten an den Sinn von Vernunftehen geglaubt. Die ihre war ebenso zustande gekommen und ausgesprochen glücklich verlaufen. Beide waren kurz nach Annabells Hochzeit bei einem Bootsunfall ums Leben gekommen, weshalb sie das Unglück ihrer Tochter nicht mehr miterlebt hatten.

„Nun, ich habe jedenfalls vor, die Festivität zu besuchen“, erklärte Guy. „Euch beiden steht natürlich frei zu tun, was euch beliebt.“

„Versuchst du, das Leben noch so gut wie möglich auszukosten, bevor du vor den Traualtar trittst?“, zog Dominic ihn auf.

„Lass ihn in Ruhe“, sagte Annabell.

„Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss, Dominic“, erwiderte Guy. „Eines Tages wirst auch du das lernen.“ Er drehte sich wieder zu seinen Geschwistern um und lächelte grimmig. „Wünscht mir Glück.“

1. KAPITEL

Sechs Monate später …

Guy spornte seinen Wallach an. Der Wind blähte seinen Wintermantel auf, und eine Frostschicht legte sich auf seinen Bart, der wie ein modischer Fauxpas wirkte. Ihm war das gleichgültig. Schon vor langer Zeit hatte er beschlossen, zu tun, was ihm beliebte. Ob er sich einen Bart wachsen ließ, war allein seine Sache.

Das Wetter hatte ihn in der letzten Woche in The Folly festgehalten, ein Umstand, der ihn reizbar gemacht hatte. An diesem Morgen wollte er in die nächste Kleinstadt reiten, wo seine derzeitige Mätresse, eine hübsche Witwe, wohnte. Er gab ihr Geld, und sie gewährte ihm Befriedigung. Diese Übereinkunft kam ihm gelegen, und er beabsichtigte, ihre Begegnungen noch so ausgiebig wie möglich zu genießen. Sobald er im nächsten Frühling Miss Duckworth heiratete, würde er sich verpflichtet fühlen, die Affäre zu beenden. Er freute sich nicht auf diese Zeit. Die Witwe war in vielen Dingen sehr erfahren.

Er zügelte sein Pferd beim Überqueren einer kleinen Brücke, die über einen heftig rauschenden Bach führte.

Die Hufe des Pferdes gerieten auf dem Eis ins Rutschen. Pferd und Reiter schwankten. Schließlich gelangten sie heil über die Brücke und befanden sich auf erdigem Grund, der nur noch halb gefroren war und sich zunehmend in Matsch verwandelte.

Guy lehnte sich vor und tätschelte seinen Wallach am Hals. „Du bist ein guter Junge, Dante.“

Das prachtvolle Pferd wieherte und warf zustimmend den Kopf empor. Guy lachte.

In leichtem Galopp ritt er den Hügel hinab. Schneefall setzte ein. Unter ihm lag das weite Tal mit seiner Moorlandschaft. So weit das Auge reichte, ragte graugrüner Ginster aus der dünnen Schneedecke. Der Wind wehte ihm den warmen Schal vom Hals, den er um das Gesicht gewickelt hatte. Im letzten Moment bekam er das Wolltuch zu fassen.

Er hielt sein Pferd an und nahm den Schal fest in seine rechte Hand. Unterhalb des Hügels führte eine Straße entlang, auf der eine umgestürzte Kutsche lag. Aus dieser Entfernung sah es nicht so aus, als ob die Pferde sich verletzt hätten. Ein Mann, den Guy für den Kutscher hielt, ging mit den Pferden auf und ab, um zu verhindern, dass sie zu rasch auskühlten. Der Unfall musste eben erst passiert sein.

Guy trieb Dante an, bis sie auf gleicher Höhe mit der verunglückten Kutsche waren. Er sprang aus dem Sattel, und die Sohlen seiner Lederstiefel knirschten auf dem vereisten Boden. „Ist jemand verletzt?“

Der Kutscher warf Guy nur einen flüchtigen Blick zu und wies mit dem Kopf in Richtung eines vorstehenden Felsens. „Sie.“

Dort auf dem kalten Untergrund lag eine Frau. Ein schwarzer Umhang hüllte den ausgestreckten Körper ein. Sie hatte die Augen geschlossen und war leichenblass. Strähnen kastanienbraunen Haars fielen in ihr Gesicht. Ihre Lippen waren blau angelaufen.

Sofort eilte Guy zu ihr und hockte sich neben sie. Ihre Brust hob und senkte sich unter schnellen, wenn auch flachen Atemzügen, wie er erleichtert feststellte.

„Madam?“, fragte er besorgt.

Als sie nicht antwortete, ergriff er ihre rechte Hand. Ihre Finger fühlten sich selbst durch das schwarze Ziegenleder ihrer Handschuhe wie Eis an. Sie musste unbedingt an einen warmen Ort gebracht werden. Und zwar so rasch wie möglich.

„Wie lange liegt sie schon auf dem kalten Boden?“, erkundigte er sich, ohne ein Auge von ihr abzuwenden.

„Seit ich sie aus der Kutsche herausgezogen habe“, lautete die knappe Antwort.

Guy ärgerte sich über diese nichtssagende Auskunft. „Wie lange ist das her?“, fragte er in scharfem Tonfall.

„Dreißig, vielleicht auch sechzig Minuten. Das kann ich nicht so genau sagen.“

Guy schluckte eine vernichtende Erwiderung hinunter. Der Frau würde es nichts nützen, wenn er den Mann beschimpfte.

Er ließ die Hand der Frau los, fasste sie unter Rücken und Oberschenkeln und hob sie hoch. Sie sank gegen seine Brust. Die Kapuze ihres Umhangs rutschte nach hinten, und ihr gelöstes Haar fiel herab. Es war so lang, dass es beinahe den Boden berührte. Guy hielt sofort an, weil er nicht auf die seidigen Strähnen treten wollte.

Ihr Haar war prachtvoll. Das matte Wintersonnenlicht ließ die üppigen Locken aufleuchten wie Diamanten, die man gegen eine Scheibe aus Kupfer hielt. Das Gewicht der langen Haare zog ihren Kopf nach unten und gab den Blick auf ihren schlanken Hals frei. Ihr Puls ging schwach und rasch wie das Flügelschlagen eines kleinen Vogels. Sie wirkte zart und sinnlich zugleich.

Und sie war verletzt.

Guy holte tief Luft und blickte sich um. Nur The Folly lag in der Nähe. Seine Haushälterin würde sich besser um die Frau kümmern als der Apotheker in der Kleinstadt. Und der nächste Arzt befand sich mehrere Reitstunden entfernt in Newcastle.

Er pfiff, und sofort trabte Dante auf ihn zu. „Sie da!“, rief Guy den Kutscher, der endlich mit den Pferden zum Stillstand gekommen war. „Helfen Sie mir.“

Widerwillig näherte sich der Mann.

Guy legte ihm die Frau in die Arme. „Heben Sie sie zu mir hoch, sobald ich im Sattel sitze.“

Der Kutscher zögerte. „Wer sind Sie denn?“

Für Guy war es vollkommen ungewohnt, dass ihn jemand nach seiner Identität fragte. Während er schon ein Bein über den Sattel schwang, antwortete er: „Viscount Chillings.“

„Und woher soll ich wissen, ob das stimmt?“

Guy lächelte grimmig. „Ich sage es, also stimmt es. Außerdem bleibt Ihnen keine andere Wahl, als mir zu glauben. Sie kann hier unmöglich auf dem eisigen Boden liegen bleiben. Ich nehme sie mit zu mir nach Hause und schicke Ihnen einen Stallknecht zu Hilfe.“ Noch immer hob der Kutscher die Frau nicht hoch. „Sie können sich darauf verlassen“, versprach Guy leise und sah den Mann eindringlich an.

Der entschiedene Blick veranlasste den Kutscher endlich zu tun, wie ihm geheißen. Guy ergriff die Frau unter den Armen, wobei ihr Umhang ihn daran hinderte, sie gut zu fassen zu bekommen. Nach einigem Geschiebe lag sie schließlich sicher vor ihm, ihr Rücken lehnte gegen seine Brust, und er hielt sie mit den Armen umschlossen. Ihr prächtiges Haar hatte er mühsam unter ihrer Kapuze verstaut.

Er hielt Dante dazu an, nur langsam loszutraben. Das Letzte, was er oder die Frau brauchen konnten, war ein Sturz. Zum Glück lag The Folly nicht allzu weit entfernt. Jane – die Witwe – würde warten müssen, bis er die Verletzte gut untergebracht hatte.

Guy schaute zu der Frau hinunter. Nah an seiner Brust, sodass sein Körper sie vom Wind abschirmte, hatte ihr Gesicht wieder etwas Farbe angenommen. Ihre Wangen schimmerten in einem zarten Pfirsichton, was in einem auffälligen Kontrast zum kräftigen Kastanienbraun ihrer langen Wimpern stand, die ihre geschlossenen Augen umrahmten. Ihre vollen Lippen waren leicht geöffnet, was ihr ein entspanntes Aussehen verlieh.

Voller Unbehagen stellte er fest, dass er sie begehrenswert fand. Diese Empfindung ließ sich nicht logisch erklären. Die Fremde löste einfach pures Verlangen in ihm aus. Auf diese Weise hatte er noch nie auf eine Frau reagiert – auf keine, der er je begegnet war.

Es muss daran liegen, dass ich dem Besuch bei Jane entgegengesehen habe, sagte er sich. Er hatte seine Mätresse lange nicht aufsuchen können, weshalb sein Körper vermutlich ungewöhnlich heftig reagierte. Normalerweise legte er Wert darauf, sich nicht von seinen Begierden mitreißen zu lassen. Eine Frau erregend zu finden, die er nicht einmal kannte und die schlaff in seinen Armen lag, war gewiss eine vorübergehende Anwandlung.

Und dennoch hatte ihr Lavendelduft, der ihm ab und an in die Nase stieg, eine ausgesprochen betörende Wirkung auf ihn. Sie bewegte sich kurz, und er dachte, sie würde aufwachen, doch ihre Augen blieben fest geschlossen.

Sie kamen nur langsam voran, was Guy genügend Gelegenheit zum Nachdenken bot. Wer war sie? Was ließ sich aus der Qualität ihrer Kleidung ablesen? Warum reiste sie ohne Begleitung? Nun, er würde es früh genug erfahren, sobald sie aufwachte. Während der langen und qualvollen Stunden, in denen Suzanne in den Wehen gelegen und er sehnsüchtig auf seinen Erben gewartet hatte, hatte er gelernt, dass Geduld eine besondere Tugend ist. Dann war seine Frau gestorben und hatte den Sohn mit sich genommen. Von diesem Tag an hatte er auf nichts mehr gewartet. Entweder etwas war sofort für ihn greifbar, oder er war weitergezogen.

Als The Folly in Sichtweite kam, erwachte er aus seinen Gedanken. Ohne dass es einer weiteren Führung bedurfte, steuerte Dante auf die Rotunde vor dem Portal zu und hielt, als sie die Stufen erreicht hatten.

Wie es sich für einen erstklassigen Butler gehörte, stand Oswald bereits am Fuß der Marmortreppe, bevor Guy dazu kam, ihn zu rufen.

„Mylord, lassen Sie mich helfen.“

Der Butler streckte die Arme nach der bewusstlosen Frau aus, und Guy übergab sie ihm vorsichtig. Die Kälte und der langsame Ritt hatten seine Muskeln steif werden lassen. Es war ein unbehagliches Gefühl.

„Bitten Sie Mrs. Drummond, nach ihr zu sehen.“ Er lenkte Dante in die andere Richtung und ritt zu den Stallungen, ohne sich noch einmal umzusehen. Er würde sicherstellen, dass die Frau versorgt war und dann, sofern sich das Wetter nicht verschlechterte, erneut in Richtung Stadt reiten und zu Ende bringen, was er ursprünglich vorgehabt hatte.

Guy betrat das Vestibül und schüttelte den Schnee von seinen Stiefeln, der sich auf den schwarz-weißen Marmorfliesen in bräunliche Pfützen verwandelte.

„Tststs, Mylord. Sie achten doch sonst immer so sehr darauf, dass in The Folly alles perfekt ist, und das Schmutzwasser hat hier fraglos nichts zu suchen“, tadelte ihn eine ältere Frau.

Schon gereizt durch die ganze Situation, drehte sich Guy zu der Sprecherin um. „Mrs. Drummond, Sie sind eine langjährige Bedienstete, nichtsdestotrotz sollten Sie sich nicht zu viel herausnehmen.“

Sie richtete sich zu voller Größe auf. Ihre imposante Gestalt erinnerte an die Zeus-Gattin Hera, das grau melierte Haar war zu einem strengen Knoten zusammengebunden, und sie vibrierte förmlich vor Tatendrang. In ihrer Jugend war sie Guys Kindermädchen gewesen.

„Jawohl, Mylord.“ Sie machte einen tiefen Knicks.

Guy seufzte und strich sich über den Bart. „Mrs. Drummond“, sagte er wieder in jenem nachsichtigen Umgangston, den er normalerweise mit ihr pflegte, „glücklicherweise ist immer ein Platz in meinem Herzen für Sie frei.“

Sie schenkte ihm jenes fürsorgliche Lächeln, das sie ihm geschenkt hatte, seit er sich erinnern konnte. „Ja, Mylord, und Sie haben einen in meinem. Aber jetzt geht es um die junge Dame.“

„Was gibt es da zu besprechen? Sie wird hierbleiben müssen, bis sie in der Lage ist, weiterzureisen.“

Es war nicht die Antwort, die er geben wollte, aber es gab keine Alternative. Schließlich konnte er sie nicht einfach vor die Tür setzen. Dass sie ihn selbst im bewusstlosen Zustand erregte, verhieß zwar nichts Gutes, aber er würde sich schon zurückhalten.

„Das dachte ich mir bereits.“ Die Haushälterin musterte den Mann, der einst mit jedem Wehwehchen zu ihr gelaufen war. „Ich werde wohl als Anstandsdame taugen, denke ich. Zumindest, solange niemand erfährt, dass sie sich hier aufhält.“

Seine Miene verfinsterte sich. Ihn hatte seine Reaktion auf die fremde Frau derartig beschäftigt, dass er die üblichen Schicklichkeitsregeln ganz außer Acht gelassen hatte. Eine Frau von Stand zu kompromittieren, war das Letzte, was ihm in den Sinn kam, und genau für eine solche Frau hielt er den unwillkommenen Gast.

Er hatte sich darauf festgelegt, im Mai des kommenden Jahres eine Vernunftehe mit Miss Duckworth einzugehen. Dringender denn je benötigte er einen Erben, da es bei Dominic keinerlei Anzeichen gab, dass er jemals heiraten würde. Keinesfalls beabsichtigte er, irgendeine fremde Frau, von der er nicht einmal den Namen kannte, heiraten zu müssen, nur weil die Regeln des Anstands verletzt worden waren.

„Sie wird wahrscheinlich nicht lange hierbleiben. Sie scheint keine schweren Verletzungen erlitten zu haben“, bemerkte er. „Sollte es sich anders verhalten, werden wir um der Fassade willen jemanden an Ihre Seite stellen müssen.“

„Sie wird auf jeden Fall so lange hierbleiben wie nötig“, erklärte Mrs. Drummond mit Entschiedenheit. „Sie hat eine Kopfverletzung. Die Beule am Hinterkopf ist fast so groß wie ein Hühnerei. Das erklärt wahrscheinlich auch, weshalb sie noch immer nicht zu Bewusstsein gekommen ist.“ Mrs. Drummond schüttelte den Kopf. „Erinnern Sie sich noch, als Miss Annabell vom Baum gefallen ist und einen ganzen Tag lang nicht aufwachte? Ich bin fast gestorben vor Sorge.“

Guy erinnerte sich gut daran. Es war das Ergebnis eines typischen Abenteuers seiner Schwester gewesen. Bella war als Kind ein Teufelsbraten gewesen, und noch immer verhielt sie sich ungezwungener, als schicklich war.

Aber Bella war seine Schwester, und der Sturz vom Baum lag viele Jahre zurück. Er wollte die fremde Frau auf keinen Fall mehr als ein paar Stunden oder höchstens Tage unter seinem Dach beherbergen.

„Denken Sie, dass sie bald wieder aufwacht?“

Mrs. Drummond zuckte mit den Schultern. „Das wird sich herausstellen. Werden Sie persönlich nach ihr sehen?“

Seinem ungebetenen Gast nochmals näher zu kommen, erschien ihm ebenso riskant, wie die Hand in einen Korb mit Giftschlangen zu stecken. Trotzdem war es seine Pflicht, sicherzustellen, dass sie gut versorgt war. Er vertraute seinen Bediensteten, doch letztlich trug er die Verantwortung.

„Später“, gab er zur Antwort und ärgerte sich über sein plötzliches Interesse an ihrem Wohlergehen. „Kümmern Sie sich erst einmal um alles Notwendige.“

Schon jetzt bereitete ihm diese Frau nur Scherereien. Sie hatte ihn davon abgehalten, Jane aufzusuchen, und bis zu ihrer Abreise würde sie eine Belastung darstellen. Zur Hölle mit ihr, wenn ich wegen ihrer Gegenwart meine Verlobung mit Miss Duckworth aufs Spiel setze!

Stunden später betrat Guy das Sylphiden-Zimmer, in dem sein ungebetener Gast schlief. Aquamarin- und rubinfarbene Schattierungen belebten das Grün und Dunkelblau des Zimmers und verliehen ihm das Aussehen einer Unterwasserhöhle. Die Möbel aus Mahagoni und Rosenholz wirkten darin wie elegante tropische Fische. Hauchdünne Gazevorhänge in changierenden Blau- und Grüntönen umrahmten das hohe Himmelbett, auf dem die Frau lag.

Im Lichtschein des Kaminfeuers entdeckte er ein junges Dienstmädchen, das in einer Ecke saß und einen Strumpf stopfte. „Du kannst jetzt gehen, Mary“, wies er sie an.

Sie sprang eilig auf und knickste ruckartig. „Jawohl, Mylord. Verzeihen Sie, ich habe Sie nicht bemerkt, Mylord.“ Noch während sie sprach, huschte sie zur Tür.

Guy lächelte. Mary war noch keine zwei Wochen hier. Bald würde sie erkennen, dass keiner der Bediensteten ihn fürchtete. Sie respektierten ihn, und er behandelte sie respektvoll. Seine Eltern hatten ihn gelehrt, dass die Vorteile, die aus der aristokratischen Abstammung resultierten, mit Pflichten und Verantwortlichkeiten einhergingen.

Er durchquerte das Zimmer, um den zurückgelassenen Kerzenleuchter des Dienstmädchens an sich zu nehmen, bevor er an das Bett trat. Das Gesicht der Frau wirkte weiß wie der Frost, der die Fenster mit Eisblumen bekränzte. Ihre leicht durchscheinende Haut bedeckte edel geformte Wangenknochen und ein zartes Kinn. Ihre geschlossenen Augen, die weit auseinander standen, zierten lange geschwungene Wimpern, und hohe Brauen wölbten sich auf ihrer Stirn. Die vollen Lippen hatte er bereits auf dem Ritt nach The Folly bewundert. Doch es war ihr Haar, das ihn ganz in den Bann zog. Das Verlangen, die seidigen Locken zu berühren, die ihren Kopf in einem herrlichen Durcheinander umgaben, und mit den Fingern hindurchzufahren, war beinahe übermächtig.

Jäh trat er einen Schritt zurück. Er durfte diese Frau nicht anrühren. Sie war allein und stand unter seinem Schutz. Außerdem war sie eine Frau, die er würde heiraten müssen, wenn er sie kompromittierte. Beide Argumente mussten ausreichen, um ihn auf Distanz zu halten.

Zum Teufel mit ihren Haaren!

Er holte tief Luft und betrachtete das, was noch von ihr zu sehen war. Die Decke war bis hoch über ihre Brüste gezogen, und ihr Körper war eng darin eingewickelt. Mrs. Drummond hatte ein hochgeschlossenes Nachtgewand gefunden, das komplett zugeknöpft war und den eleganten schlanken Hals der Frau verdeckte, den er während des Ritts betrachtet hatte.

Das Lavendelaroma war jetzt noch intensiver. Dufteten ihre Haare danach oder die Kleidungsstücke, die Mrs Drummond ihr angezogen hatte? Wahrscheinlich verströmten beide den Wohlgeruch.

Plötzlich bewegte sie sich stöhnend und hob die Lider. Wie gebannt blickte er in haselnussbraune Augen, deren Iris einen goldenen Rand hatten. Erneut wich er einen Schritt zurück.

Sie öffnete den Mund, und für einen Moment war ihre Zunge zu sehen. Der Anblick erregte ihn, und er stieß einen leisen Fluch aus.

„Wer sind Sie?“ Seine Frage klang unfreundlicher, als er beabsichtigt hatte.

Sie blinzelte. „Ich …“ Sie schloss die Augen und atmete tief ein. „Könnte ich bitte etwas Wasser haben?“

Verlegen griff er nach dem Krug auf dem Nachttisch und füllte Wasser in ein Glas. „Selbstverständlich.“ Er reichte es ihr. „Können Sie alleine trinken?“

Die Eindringlichkeit, mit der sie ihn ansah, verstörte ihn.

„Ich denke schon. Vielen Dank.“

Sie richtete sich im Bett auf und ergriff das Glas. Dabei berührten ihre Finger, die lang und schlank waren, ganz kurz seine Hände. Ihr rechter Arm zitterte. Schweigend führte sie die Flüssigkeit an die Lippen und trank, bis das Glas leer war. Er nahm es ihr wieder ab, bevor sie zurück in die Kissen sank.

„Vielen Dank“, murmelte sie. Ihre Stimme klang leise und kraftlos.

„Gern geschehen“, erwiderte er höflich und stellte das Trinkgefäß beiseite. Ohne sie um Erlaubnis zu bitten, schob er einen niedrigen Stuhl an das Bett und nahm Platz, sodass sich ihre Gesichter auf gleicher Höhe befanden. „Also, wer sind Sie?“

Sie wurde noch blasser und starrte ihn eine Weile an, bevor sie sich leicht drehte und in Richtung des Kaminfeuers schaute. Allmählich verlor Guy die Geduld, aber er wartete ab, bis sie sich ihm wieder zuwandte.

„Ich …“ Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. „Ich weiß … kann nicht …“ Sie sah ihn aus großen Augen an, die mit einem Mal trübe wirkten. „Ich weiß es nicht.“ Ihre Stimme wurde immer leiser, sodass er sie nur noch mit Mühe verstand. „Ich weiß nicht, wer ich bin.“

Seine Miene verfinsterte sich. „Das kommt von der Kopfverletzung.“ Als sie ihn verwirrt anstarrte, wiederholte er: „Sie haben eine Kopfverletzung erlitten. Deshalb haben Sie wahrscheinlich vergessen, wer Sie sind. Meiner Schwester ist das auch einmal passiert. Ihr Erinnerungsvermögen hat am nächsten Tag wieder eingesetzt.“

Sie öffnete ihren Mund, als ob ihre Lippen einen kleinen Kreis formen wollten, sagte jedoch nichts. Es schien als wäre ihr Sprachvermögen ebenso abhandengekommen wie ihr Gedächtnis.

Ohne lange nachzudenken ergriff er ihre rechte Hand und hielt sie zwischen seinen Handflächen. Er bereute diese spontane Geste, als er spürte, dass ein heißer Strom seine Arme durchzuckte. Dennoch ließ er sie nicht los.

„Machen Sie sich keine Sorgen. Es wird nicht lange andauern.“

Er lächelte, obwohl er ebenso verärgert wie beunruhigt war. Nichts hätte ihm mehr in die Quere kommen können als eine Dame von Stand in seinem Haus, die ihr Gedächtnis verloren hatte und von der er sich überdies auf unerklärliche Weise angezogen fühlte – um seine Reaktion auf sie gelinde auszudrücken. Dennoch blieb ihm keine andere Wahl. Schließlich konnte er sie nicht fortschicken, solange niemand wusste, wo sie hingehörte. Und es konnte ebenso gut Minuten wie Wochen dauern, bis sie sich wieder erinnerte.

Sie erwiderte sein Lächeln nicht. Apathisch ließ sie ihre Hand zwischen seinen Fingern liegen, als ob der Verlust der Erinnerung sie nicht nur sprachlos, sondern ganz und gar empfindungslos gemacht hätte.

„Es wird alles wieder gut“, versuchte er sie zu trösten. „So etwas kann passieren.“

Sie schloss die Augen, und er hatte den Eindruck, dass sie weinte. Tränen rannen wie kleine Kristalle aus ihren Augenwinkeln. Er zögerte.

Suzanne hatte nicht viel geweint, aber wenn, dann hatte sie sich gewünscht, dass er sie festhielt und sie einfach weinen ließ. Es war schmerzhaft für ihn, sich jetzt und unter diesen Umständen daran zu erinnern. Er dachte nicht mehr so viel an Suzanne wie früher. Zehn Jahre waren mittlerweile ins Land gegangen und hatten seinen Kummer gemildert. Nichtsdestotrotz blieb die Erinnerung an den schrecklichen Verlust in ihm lebendig.

Endlich öffnete die Fremde wieder die Augen. „Vielen Dank“, sagte sie leise. „Ich danke Ihnen für Ihre Geduld.“

Sie wirkte schwach und zerbrechlich. Obwohl er sie gern weiter befragt hätte, erkannte er, dass sie Ruhe benötigte. Er nahm sich vor, mit dem Kutscher zu sprechen, der den verunglückten Wagen gelenkt hatte. Vielleicht gelang es ihm, auf diese Weise mehr zu erfahren.

Guy ließ ihre Hand los und erhob sich. „Meine Haushälterin wird nach Ihnen sehen. Sie müssen sich gut ausruhen. Tiefer Schlaf ist das Beste, um zu Kräften zu kommen. Und wahrscheinlich ist Ihr Gedächtnis wieder da, wenn Sie aufwachen.“

Sie lächelte zaghaft. „So wie bei Ihrer Schwester“, sagte sie leise.

Er hatte noch nicht ganz die Tür erreicht, als Mrs Drummond eintrat. Sie warf ihm nur einen flüchtigen Blick zu und wandte ihre Aufmerksamkeit der Verletzten zu.

„Sie Arme, Sie müssen fürchterliche Kopfschmerzen haben. Die Beule an Ihrem Hinterkopf ist riesig.“

Die Frau lächelte schwach, aber Erschöpfung stand ihr ins Gesicht geschrieben. „Es tut ein bisschen weh.“

Mrs Drummond schüttelte den Kopf. „Ich nehme mal an, Sie untertreiben gewaltig. Eine ordentliche Dosis Laudanum wird die Beschwerden lindern.“

Sogleich ließ sie ihren Worten Taten folgen und ergriff ein Fläschchen, das neben dem Wasserkrug stand. Sie öffnete den Verschluss, gab eine kleine Menge in das Glas und fügte Wasser hinzu. Nachdem sie das Präparat gemischt hatte, hielt sie der Frau das Trinkgefäß an die Lippen.

Guy verließ das Zimmer.

Bereitwillig trank sie die Opiumtinktur. Sie war nicht sicher, was schlimmer war, ihre Kopfschmerzen oder das schreckliche Gefühl der Leere. Die Haushälterin schaute sie mitfühlend an und nahm ihr das Glas aus den zitternden Händen.

„Sie werden sich besser fühlen, wenn die Wirkung einsetzt“, versprach Mrs Drummond freundlich.

Sie zwang sich, der älteren Frau ein Lächeln zu schenken. „Ich danke Ihnen.“

„Sie sollten jetzt am besten schlafen.“ Mrs Drummond blies die Kerze aus, die auf dem Nachttisch stand.

Sie beobachtete, wie die Haushälterin das Zimmer verließ. Ihr war klar, dass ihr das Laudanum Erleichterung verschaffen würde. Dennoch war ihre Lage hoffnungslos. Sie wusste nicht einmal mehr ihren eigenen Namen, und tiefe Verzweiflung stieg in ihr hoch.

Wer bin ich? Warum war ich alleine mit einer Kutsche unterwegs? Es kam ihr ungewöhnlich vor, dass Frauen ohne Begleitung reisten. Sie seufzte und schloss die Augen. Vielleicht war es gar nicht ungewöhnlich. Wenn sie sich nicht einmal daran erinnern konnte, wer sie war, wie konnte sie da wissen, was normal oder ungewöhnlich war?

Und dieser Mann. Viscount Chillings. Ihre Wangen erhitzten sich. Er hatte sich furchtbar überheblich und fordernd verhalten … Und doch hatte ihr Herz einen kleinen Sprung gemacht, als sie ihn das erste Mal gesehen hatte. Er war groß, schlank und elegant und hatte tiefblaue Augen, die beinahe schwarz zu sein schienen. Seine Gesichtszüge wirkten männlich und aristokratisch, und beim Anblick seines Mundes überlief sie ein heißer Schauer. In diesem Moment hatte sie gehofft, er würde eine zentrale Rolle in ihrem Leben spielen, wäre ihr Geliebter oder Ehemann. Aber nichts davon war der Fall.

Mehr als deutlich hatte er ihr gezeigt, dass sie nicht willkommen war und dass er sie sobald ihr Gedächtnis zurückkehrte, vor die Tür setzen würde. Und doch war er auch freundlich gewesen, als sie ihren Gefühlen freien Lauf gelassen und geweint hatte. Sie wusste, dass die meisten Männer in solchen Fällen die Geduld verloren, auch wenn sie keine Ahnung hatte, woher dieses Wissen stammte.

Sie seufzte und versuchte, sich bequemer hinzulegen. So wie ihre Sinne auf ihn reagiert hatten, war es besser, wenn sie sein Haus sofort verließ. Aber dazu war sie nicht in der Lage.

Die Droge begann zu wirken, betäubte die Schmerzen und vertrieb die Seelenqual, sich an nichts erinnern zu können. Endlich konnte sie einschlafen.

2. KAPITEL

Mit dem Hut in der Hand stand der Kutscher vor Guy und machte einen eingeschüchterten Eindruck. Die Bibliotheksfenster gaben den Blick auf die Gartenanlage frei, die von einer leichten Schneeschicht bedeckt war. Unruhig trat der Droschkenfahrer mit seinen abgenutzten Stiefeln von einem Bein aufs andere, als Guy den Schreibtisch umrundete und sich dem Mann näherte. Hoffentlich weiß der ungehobelte Kerl, wer die Frau ist, die oben auf dem Zimmer liegt. Sonst wird sie länger mein Gast bleiben, als mir lieb ist.

„Die Dame, die Sie gefahren haben, hat ihr Gedächtnis verloren“, kam Guy ohne Umschweife zur Sache. Es machte keinen Sinn, die Befragung unnötig in die Länge zu ziehen. „Daher brauche ich Ihre Hilfe, um ihre Familie ausfindig zu machen. Zuallererst, wie lautet ihr Name?“

Der Mann verzog das Gesicht. „Weiß nicht genau, Mylord. Sie gab sich als Mrs Smith aus.“ Er zuckte mit seinen massigen Schultern, während er nervös seinen Filzhut knetete. „Ich glaub’ nicht wirklich, dass es ihr Name ist, aber vielleicht stimmt’s ja auch.“

Guy unterdrückte einen Fluch. Wahrscheinlich hatte der Mann recht. Mrs Smith. Wie einfallslos! „Mrs Smith?“

„Ja, Mylord.“ Nun rollte er den Hut, bis er zu einem schneckenförmigen Stoffgebilde wurde.

„Sie stehen also nicht in ihren Diensten.“

„Nein, Mylord.“

Guy starrte ihn finster an. „Sie können ruhig in ganzen Sätzen antworten, die mehr als zwei oder drei Wörter enthalten, guter Mann.“

„Jawohl, Mylord.“

Guy unterdrückte eine scharfe Erwiderung. Diesem Kerl musste man wirklich alles mühsam aus der Nase ziehen. „Wo hat sie Ihre Dienste in Anspruch genommen, und wohin war sie unterwegs?“

„Newcastle-upon-Tyne. London. Mylord.“ Der Adamsapfel des Kutschers hob und senkte sich ruckartig.

„Gibt es sonst noch Einzelheiten?“, forschte Guy nach, der kaum noch in der Lage war, seine Ungeduld zu verbergen.

„Nein, Mylord.“

„Hat sie in bar bezahlt oder mit einem Bankwechsel?“

„Mit Münzen, Mylord.“

„Verdammt, Sie müssen doch irgendetwas wissen! Wahrscheinlich gibt es Details, die Sie für unwichtig halten. Versuchen Sie sich zu erinnern.“

„Jawohl, Mylord.“

Guy schaute ihn verächtlich an. Sogar der Rüpel, als der er sich gegeben hatte, als er zu der verunglückten Kutsche gekommen war, wäre ihm lieber gewesen als dieser Trottel, der nun vor ihm stand und sich entweder keine Mühe beim Antworten gab oder nicht dazu in der Lage war. Nichts regte Guy mehr auf als jemand, der sich seinen Pflichten entzog. Und es gehörte zu den Pflichten dieses Mannes, der Frau, die oben lag, zu helfen. Immerhin war er von ihr bezahlt worden.

„Führte sie viel Gepäck mit sich?“

„Einen Reisekoffer, Mylord.“

Also plante sie keinen langen Aufenthalt. „Hatte sie sonst nichts dabei?“ Die meisten Frauen, die er kannte, reisten mit mehr als einem Gepäckstück.

„Es gibt noch ein kleines Lederköfferchen, Mylord. Ich hab’ alles mitgebracht.“

Guy nickte. „War jemand bei ihr, als sie mit Ihnen die Reise ausgehandelt hat?“

„Nein, Mylord.“

Guy lehnte sich gegen die Tischkante und verschränkte die Arme vor der Brust. Ihm fiel langsam nichts mehr ein, was er den Mann noch fragen konnte. Doch, eine letzte Sache.

„Ist sie in einer Kutsche zu Ihnen gekommen?“

„Jawohl, Mylord.“

„War auf dem Wagen irgendein Wappen oder ein anderes Kennzeichen? Waren edle Pferde vorgespannt?“

„Nein, Mylord. Es war eine ganz einfache schwarze Droschke mit bescheidenen Pferden. Vermutlich war sie gemietet.“ Erstmals zeigte sich ein zaghaftes Lächeln im Gesicht des Kutschers.

Guy lächelte kurz zurück. Immerhin war die Antwort präziser ausgefallen, als er erwartet hatte. Über Pferde und Kutschen sprach der Mann offensichtlich gern. Guy musste sich mit diesen Informationen zufriedengeben.

„Ich danke Ihnen. Das wäre dann alles.“

Der Droschkenfahrer trat noch unruhiger von einem Bein aufs andere, entfernte sich jedoch nicht. Guy führte ihn zur Tür.

„Wegen meiner Kutsche, Euer Lordschaft.“

Guy ahnte, was kommen würde, und schwieg. Die Frau hatte für die gesamte Reise bezahlt. Sofern die Kutsche repariert werden musste, würde das Geld dafür ausreichen.

Der Mann räusperte sich. „Ich muss einen kleinen Gewinn bei der Fahrt machen, Mylord. Die Reparatur des Wagens wird alles verschlingen, was ich von Mrs Smith als Fuhrlohn erhalten habe.“

„Und warum sollte sie oder ich die Reparatur bezahlen? Sie haben sie doch gar nicht bis nach London gebracht und haben folglich gar keinen nennenswerten Ausfall.“

Der Kutscher zog die Brauen zusammen. „Aber sie war schuld, dass wir umgekippt sind. Sie befahl mir, so schnell wie möglich zu fahren, obwohl ich sagte, dass die Straße schlecht ist. Sie behauptete, sie habe eine Verabredung, bei der sie sich nicht verspäten dürfe.“ Er runzelte noch heftiger die Stirn. „Sie hat mir mehr Geld versprochen, falls ich die Pferde antreibe.“

Eine Verabredung, bei der sie sich nicht verspäten durfte. „Hat sie Ihnen das zusätzliche Geld gegeben, bevor Sie das Tempo erhöht haben?“

„Nein, Mylord. Angeblich hatte sie nicht genug dabei. Ich sollte es bekommen, sobald wir London erreichten.“

Der Mann konnte also tatsächlich Forderungen stellen, und die zusätzliche Information war möglicherweise von Nutzen. Wenn es stimmte, trug die Frau Schuld an dem Achsenbruch. Falls der Kutscher log, hatte Guy keine Möglichkeit es zu beweisen, bevor das Gedächtnis der Frau zurückkehrte. Es half nichts.

„Ich werde meinen Schmied anweisen, Ihre Kutsche zu reparieren.“

Der Mann nickte. „Danke, Mylord.“

Als wäre ihm klar, dass er nicht mehr bekommen würde und dass er Guys Geduld bereits über Gebühr strapaziert hatte, eilte er aus dem Zimmer.

Guy beobachtete, wie sich die Tür hinter dem Kutscher schloss. Wie viele Schwierigkeiten würde ihm diese Frau noch bereiten? Die Kosten für die Reparatur waren unbedeutend. Die Zeit war das eigentliche Problem.

Er stellte sich vor die Fensterfront und schaute hinaus auf die Winterlandschaft. Auf dem künstlichen See schimmerte das Eis, das vermutlich bereits dick genug war, um darauf zu laufen. Er nahm sich vor, es später auszuprobieren.

Bis dahin musste er noch etwas erledigen. Er ging quer durch das Zimmer zum Kamin und zog am Klingelzug, um Oswald zu rufen. Der Butler war schnell.

„Mylord wünschen?“

Guy lächelte ihn an. „Sie besitzen wenigstens Verstand und wissen ihn zu gebrauchen.“

Mit ungerührter Miene stimmte Oswald zu: „Ja, Mylord.“

Guy erzählte dem Butler von der Befragung. „Wie Sie sehen ist der Mann schwer von Begriff oder faul oder beides. Ich möchte, dass jemand mir das Gepäck der Dame in meine Suite trägt. Vielleicht findet sich darin etwas, das uns verrät, wer sie ist.“

„Sofort, Mylord.“

„Falls sich darin nichts von Bedeutung befindet, und ihr Gedächtnis auch in den nächsten Tagen nicht zurückkehrt, muss ich einen Mann nach Newcastle schicken.“

„Tim wäre der Richtige dafür, Mylord. Seine Familie lebt dort.“

„Gut.“

Oswald verbeugte sich und verließ das Zimmer. Guy wusste, dass er sich auf seinen Butler verlassen konnte.

Er wollte seine Korrespondenz erledigen und erst dann nach oben gehen, um die Sachen der Frau unter die Lupe zu nehmen. Einige Geschäftsangelegenheiten ließen sich nun einmal nicht auf die lange Bank schieben.

Einige Stunden später betrat er seine privaten Zimmer. „Jeffries!“, rief er nach seinem Kammerdiener.

Der Diener erschien in der Türöffnung zum Ankleidezimmer. „Ja, Mylord.“

Jeffries war klein, drahtig, geschniegelt und gestriegelt. Selbst stets tadellos gekleidet, war er darauf bedacht, dass sein Herr wie aus dem Ei gepellt herumlief – wenn der es zuließ.

„Ich habe etwas Privates zu erledigen. Ich werde Sie rufen, wenn ich Sie wieder brauche.“

Jeffries warf einen Blick auf das Gepäck, das in der Mitte des Raums auf dem Boden stand. „Wie Sie wünschen, Mylord.“

Guy wartete ab, bis der Diener gegangen war, bevor er sich dem kleinen Koffer der Frau zuwandte. Er wirkte teuer, war aus feinem Leder und mit ziselierten Silberbeschlägen versehen. Die Fläschchen und Tiegel im Inneren waren aus geschliffenem Kristallglas. Sowohl der Kamm als auch der Stil der Bürste waren aus echtem Silber, und in beide waren ein großes F und ein großes A eingraviert. F und A. Vermutlich ihre Initialen. Alle Utensilien glänzten. Er leerte das Köfferchen ganz aus und drehte es um. Dann fuhr er mit seinen Fingern über die Ecken, um zu prüfen, ob es einen Haken oder Hebel gab, hinter dem sich ein Geheimfach verbarg.

„Aha“, murmelte er, als er mit seinen Fingern eine winzige Erhebung ertastete. Sekunden später sprang eine winzige Schublade auf.

Etwas Goldenes funkelte ihm entgegen. Er nahm den einfachen Ring heraus und ging mit ihm nah an eine Kerze. Die winterliche Dunkelheit hatte wieder früh eingesetzt.

Er drehte den Ring, sodass er die Innenseite betrachten konnte. Oftmals befand sich hier eine Gravur. Genau so verhielt es sich auch in diesem Fall. Mit Mühe entzifferte er die Namen Felicia und Edmund. Handelte es sich um einen Ehering? Es sah ganz danach aus. Aber gehörte er ihr? Und wenn ja, warum trug sie ihn nicht? Der Ring war zu klein, um einem Mann zu gehören.

Guy legte ihn auf den Tisch, auf dem er auch das Köfferchen abgestellt hatte, und räumte alle Utensilien wieder an ihren ursprünglichen Platz zurück. Dann nahm er in einem der zwei großen Lehnstühle Platz, die auf das prasselnde Kaminfeuer ausgerichtet waren.

Wahrscheinlich war sie verheiratet. Dafür sollte er dankbar sein. Eine verheiratete Frau wurde zwar möglicherweise geächtet, wenn bekannt würde, dass sie einige Zeit im Haus eines Junggesellen verbracht hatte, aber sie war nicht vollkommen ruiniert wie es bei einer Jungfrau der Fall wäre. Er war also nicht gezwungen, diese Frau zu heiraten, egal was passierte.

Vielleicht befand sich etwas in ihrem Reisekoffer, das ihm verriet, wer sie war. Er stand wieder auf und ging zu dem Gepäckstück, hielt jedoch inne, als er die Hände bereits auf den Verschluss gelegt hatte. Ihre Unterwäsche würde sich darin befinden, und der Gedanke ließ ihn zögern. Doch er benötigte mehr Informationen als die eingravierten Namen Felicia und Edmund auf der Innenseite eines Eherings.

Mit einer raschen Handbewegung öffnete er den Verschluss und klappte den Koffer auf. Das Erste, was zum Vorschein kam, war ein warmes schwarzes Wollkleid mit langen Ärmeln, das am Hals hochgeschlossen war. In London trugen die Damen von Welt dünne Musselinkleider. Offenkundig war sie also keine Sklavin der Tagesmode. Er legte das Kleid zur Seite.

Das Nächste war eine zarte Batistunterhose, die mit Brüsseler Spitze besetzt war. Sie glitt wie feinste Seide durch seine Hände. Lavendelduft stieg von dem hauchdünnen Stoff auf. Ohne nachzudenken hielt er ihn sich an die Nase und sog den Duft ein. Lavendel, ein Duft der so unschuldig wie die Wäsche selbst war und doch so aufreizend wie die Vorstellung, die Fremde kaum verhüllt zu sehen.

Er ließ die Unterwäsche fallen, atmete tief durch und zwang sich, vernünftig zu sein. Sie war nur eine Frau und noch dazu eine, die er nicht einmal kannte. Das Letzte, was er oder sie brauchen konnten, war, dass er sie begehrte.

Er ließ die Wäsche am Boden liegen und griff nach dem nächsten Kleidungsstück. Ein Mieder. Erneut strömte ihm Lavendelduft entgegen. Er stellte sich vor, wie der Stoff ihre Brüste umschloss.

Reiner Wahnsinn!

Er ließ auch das Mieder fallen und trat ans Fenster, das er weit öffnete, um die frostige Abendluft einzuatmen. Seine ungewollte Leidenschaft für die fremde Frau musste er dringend abkühlen.

Seine Reaktion war absurd. Niemals hatte er so heftig auf Suzanne oder irgendeine andere Frau reagiert. Er hatte Suzanne beschützen und in Ehren halten wollen. Zwar hatte er es genossen, mit ihr zu schlafen, doch er hatte sie niemals so rasend begehrt wie es jetzt bei dieser Unbekannten der Fall war. Nie.

Ein Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen inakzeptablen Gedanken. „Herein“, rief er, ohne sich vom geöffneten Fenster zu entfernen.

„Mylord“, sagte Mrs Drummond, „die junge Dame ist aufgewacht.“ Sie senkte ihre Stimme. „Leider erinnert sie sich noch immer nicht daran, wer sie ist.“

„Ich glaube, ihr Name ist Felicia, oder ihre Mutter heißt so. Wenn sie so heißt, ist sie vermutlich mit Edmund verheiratet. Andernfalls handelt es sich bei ihm um ihren Vater.“

„Oh“, entgegnete Mrs Drummond, die weiter ins Zimmer trat und auf den Reisekoffer und die fallen gelassene Unterwäsche zuging. Sie hob die Sachen auf. „Die Kleidungsstücke sind teuer.“

„Ja, in der Tat“, bestätigte Guy, der sich endlich umdrehte und seine Haushälterin ansah.

Mrs Drummond nahm das Kleid und drehte den Stoff nach links. „Sehr gut verarbeitet. Nicht gerade der letzte Schrei, aber von hervorragender Qualität.“

„Das habe ich mir auch schon gedacht“, bemerkte Guy trocken. Er lächelte müde. „Offensichtlich handelt es sich um eine wohlhabende Dame, wer auch immer sie ist.“

„Alle Kleidungsstücke sind schwarz, ebenso wie die Sachen, die sie angehabt hat“, stellte Mrs Drummond fest.

„Ja“, bestätigte Guy ernst.

„War Schmuck dabei?“ Mrs Drummond faltete die Kleidung wieder zusammen und legte sie zurück in den Reisekoffer, bevor sie sich dem Köfferchen zuwandte. Sogleich entdeckte sie den goldenen Ring, der daneben auf dem Tisch lag. Sie hob ihn hoch und blinzelte bei dem Versuch, etwas zu entziffern.

Guy erbarmte sich ihrer schwachen Augen. „Es sind nur die Namen Felicia und Edmund eingraviert.“

Mrs Drummond sah ihn erstaunt an. „Kein Liebesspruch?“

Guy schüttelte den Kopf. Erstmals kam ihm in den Sinn, dass ein Kosewort oder Liebesspruch hätte eingraviert sein können. „Vielleicht ist es nur ein Freundschaftsring.“

„Oder ein Ring, der bei einer Vernunftehe überreicht wurde.“

„Das ist auch möglich.“

Mrs Drummond hielt das Schmuckstück nach wie vor in der Hand. „Die junge Dame wünscht, mit Ihnen zu sprechen. Zeigen Sie ihr den Ring. Vielleicht hilft er ihrem Gedächtnis auf die Sprünge.“

„Je eher sie sich erinnert, wer sie ist, desto besser.“ Guy nahm den Ring und verließ den Raum.

Wenig später klopfte er an die Tür des Sylphiden-Zimmers, öffnete aber bereits, bevor die Frau geantwortet hatte.

Sie lag halb aufgerichtet auf dem Bett, gegen mehrere Kissen gelehnt. Ihr Haar breitete sich wie ein Fächer um sie herum aus. Eine einzelne Kerze brannte, und die orangeroten Flammen des Kaminfeuers tauchten den Raum in ein warmes Schummerlicht, in dem ihre Haarpracht kupfern, golden und bronzefarben leuchtete. Er sehnte sich danach, mit seinen Fingern durch die seidigen Locken zu fahren.

Ich scheine den Verstand zu verlieren, schalt er sich.

Sie beobachtete, wie er auf sie zukam.

Groß, mit selbstbewusst angehobenem Kinn und edlen Zügen war er ein Aristokrat vom Scheitel bis zur teuren Ledersohle. Ein kurzer schwarzer Bart milderte seine kantigen Züge. Sein Mund war groß und wohlgeformt, das genaue Gegenteil von dünn und verkniffen. Sie hielt einen Moment in der Betrachtung inne und überlegte, woher dieser letzte Gedanke gekommen war. Kannte sie einen Mann mit dünnem, verkniffenem Mund?

Er stellte sich zwischen sie und das Kaminfeuer, sodass sein Schatten auf das Bett fiel. Aus dieser Entfernung schienen seine Augen ebenso dunkel zu sein wie seine Brauen, die er angespannt zusammenzog. Seine Nähe machte sie nervös. Er trat noch näher an ihr Bett, sodass sie hochblicken musste, um sein Gesicht zu erkennen. Er trug einen schwarzen Hausmantel aus Atlasseide, der mit einem silbernen Muster bestickt war, das sie an Chinoiserie-Mode erinnerte. Der V-Ausschnitt des Mantels gab den Blick auf einen Teil eines schneeweißen Hemdes frei. Ein Stück eleganter schwarzer Pantalons war unterhalb des Saums des Hausmantels zu sehen, ebenso wie glänzend schwarze Schuhe. Abgesehen von seinem Bart entsprach seine Aufmachung den höchsten modischen Ansprüchen.

Sie runzelte die Stirn. Seltsamerweise wusste sie, dass er modisch gekleidet war, obwohl sie weder ihren Namen noch ihre Herkunft oder ihr Reiseziel nennen konnte.

Der Mann – die Haushälterin hatte gesagt es handelte sich um Guy William Chillings, den siebten Viscount Chillings – zog einen niedrigen Stuhl, der mit blauem Samt bezogen war, an das Bett. Die fließende Bewegung, mit der er sich setzte, ließ auf einen Mann schließen, der sich in seinem Körper wohlfühlte. Ein heißer Schauer lief ihr den Rücken hinunter.

Viscount Chillings beugte sich vor. „Haben Sie sich an etwas erinnern können?“

Er hatte eine tiefe Baritonstimme, die gut zu ihm passte.

„Nein“, antwortete sie gequält.

„Nein“, wiederholte er. Seine Stimme klang so zärtlich, dass es sich beinahe wie ein Kosewort anhörte.

Sie schüttelte den Kopf, auch um ihrer blühenden Fantasie Einhalt zu gebieten. Seine Stimme hatte eine ungewöhnliche Wirkung auf sie, ließ sie an Dinge denken, die besser ungesagt und ungetan blieben. Als sie sich wieder besser unter Kontrolle hatte, erklärte sie: „Ich erinnere mich an nichts, wirklich, Lord Chillings.“

„Das ist in der Tat bedauerlich. Ich hatte gehofft, Sie wären inzwischen ganz wiederhergestellt.“ Er blickte sie durchdringend an und streckte seine Hand aus. „Vielleicht hilft Ihnen das.“

Gold funkelte ihr im Schein der Kerze entgegen. Ein Ehering lag auf seiner rechten Handfläche. Eine halbe Ewigkeit starrte sie den Ring an. Er hielt ihn ihr hin, als ob er wollte, dass sie ihn an sich nahm. Doch sie wollte ihn nicht. Sie verspürte eine unerklärliche Abneigung gegen den Ring.

Sie blickte ihr Gegenüber an. Falls er ihr Zögern registriert hatte, ließ er sich zumindest nichts anmerken.

„Nehmen Sie ihn“, forderte er sie im Befehlston auf.

Sie griff nach dem Ring, ließ die Hand jedoch wieder sinken, bevor sie ihn berührte. „Woher haben Sie ihn, Mylord?“

Er lehnte sich zurück und legte lässig ein Bein über das andere. Sie ärgerte sich ein wenig darüber, denn er verhielt sich, als ob sie gerade über das Wetter redeten und nicht über die größte Katastrophe ihres Lebens.

„Aus Ihrem Köfferchen.“

Aus ihrer leichten Verärgerung wurde Zorn. Daran änderte auch die unglaubliche Anziehungskraft nichts, die er auf sie ausübte.

„Sie haben ohne meine Erlaubnis meine Sachen durchsucht?“

Ohne sie aus den Augen zu lassen, warf er den Ring in die Luft und fing ihn wieder auf. „Da Sie schliefen, konnten Sie mir Ihre Einwilligung nicht geben.“ Bevor sie protestieren konnte, fügte er hinzu: „Ich tue nur, was ich tun muss. Schließlich weiß niemand, wer Sie sind oder woher Sie kommen.“

„Das gibt Ihnen noch lange nicht das Recht, mein Gepäck zu durchsuchen.“

„Meine Position gibt mir das Recht dazu.“

Diese Erklärung minderte den Ärger über sein Verhalten in keiner Weise. Egal wie er es auslegte, er besaß kein Recht, ihre Privatsphäre zu verletzen.

„Die Intimsphäre Ihrer Gäste mit Füßen zu treten?“

Er zuckte mit den Schultern. „Es ist nicht so, dass Sie hierher eingeladen wurden.“

„Das ist noch lange kein Grund …“

„Genug.“ Er beugte sich vor und wollte ihr den Ring in die Hand drücken. „Nehmen Sie ihn. Das Letzte, was ich im Augenblick gebrauchen kann, ist ein ungebetener weiblicher Gast in meinem Haus, den keine Anstandsdame begleitet. Dennoch sind Sie hier.“

Anstatt den Ring entgegenzunehmen, sah sie ihm fest in die Augen. „Wenn ich eine solche Last darstelle, hätten Sie mich besser überhaupt nicht aufgenommen.“

Er lächelte ein wenig frostig. „Wenn ich eine Frau bewusstlos mitten auf der Straße finde und es schneit, lasse ich sie nicht einfach liegen, sodass sie erfriert.“

„Dafür scheinen Sie Ihr Handeln aber schon sehr zu bereuen.“

Er schaute sie mit ernster Miene an und ließ den Ring auf das Bett fallen. „Probieren Sie ihn an, um zu sehen, ob er passt. Auf der Innenseite sind zwei Namen eingraviert. Einer davon könnte Ihrer sein. Felicia.“

„Felicia?“, murmelte sie. „Nein, ich erinnere mich nicht an diesen Namen.“ Allerdings hörte er sich gut an. Gegen diesen Namen hegte sie keine Abneigung, wie es bei dem Ring der Fall war. „Vielleicht.“

Es widerstrebte ihr, das Schmuckstück anzurühren, aber offenkundig schien er entschlossen, seinen Willen durchzusetzen.

Sie holte tief Luft und hob den Ring vorsichtig mit zwei Fingern hoch, als könnte er beißen. Langsam drehte sie ihn um und betrachtete ihn von allen Seiten. Als sie ihn näher an die Kerze hielt, konnte sie mit Mühe die Gravur erkennen.

Er hatte von zwei Namen gesprochen. Sie war sich nicht sicher, ob sie den zweiten wissen wollte, der in jedem Fall der Name eines Mannes war. Schließlich kam ihr diese Furcht vor einem Namen selbst lächerlich vor.

„Wie lautet der zweite Name?“

„Edmund.“

Aus der Art, wie er den Namen aussprach, meinte sie Feindseligkeit herauszuhören. Sicher bilde ich mir das nur ein. Seine Feindseligkeit bezieht sich auf mich, weil meine Anwesenheit ihm Unannehmlichkeiten bereitet.

„Edmund“, wiederholte sie. „Das kommt mir auch nicht vertrauter vor als Felicia.“ Allerdings empfand sie nicht dieselbe Wärme für diesen Namen, wie es bei Felicia der Fall war.

„Ziehen Sie den Ring an“, forderte er sie ungeduldig auf. „Probieren Sie, ob er passt.“

„Ich …“ Unbegreiflicherweise empfand sie einen heftigen Widerwillen dagegen, den Ring zu tragen. „Vielleicht ist es nicht meiner. Ich möchte ihn nicht anstecken.“

Sie ließ ihn wieder auf die Decke fallen und schaute zur Seite. Warum löste der Ring eine solche Abneigung in ihr aus?

„Er könnte Ihrer Mutter gehören.“

Sie sah ihn an, um sich zu vergewissern, ob er das wirklich glaubte. Seine Verärgerung schien verflogen, und erstmals strich er sich in ihrer Gegenwart über den Bart.

Sie redete sich gut zu, vernünftig zu sein. Der Ring war schließlich nur ein Gegenstand. Falls er passte, konnte er ihrer sein. In diesem Fall hieß sie wahrscheinlich Felicia, und Edmund wäre ihr Gatte. Sie war selbst überrascht, welchen Widerwillen sie dagegen verspürte, ihn anzuprobieren.

Genug! Sie packte den Ring und schob ihn energisch über ihren linken Ringfinger. Er saß wie angegossen. Sie blickte ihren unfreiwilligen Gastgeber an.

„In Ihrem Köfferchen befinden sich eine Bürste, ein Kamm und ein Spiegel. Alles ist mit den Initialen F und A versehen. Das Lederköfferchen ist noch nicht sehr alt, höchstens ein paar Jahre.“

Sie öffnete den Mund. Nicht vor Erstaunen, sondern vor Wut. „Wie können Sie es wagen? Als ob es nicht gereicht hätte, dass Sie den Ring gefunden haben. Erst missachten Sie meine Privatsphäre, und dann erzählen Sie mir nur häppchenweise, was Sie alles gefunden haben. Sie wussten von Anfang an, dass der Ring höchstwahrscheinlich mir gehört und dass mein Name mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Felicia lautet.“

„Ich wollte abwarten, ob der Ring bei Ihnen Erinnerungen wachruft, bevor ich Ihnen etwas erzähle, was die Vorstellungen beeinflusst.“

Sie starrte ihn an. „Sie sind ein unglaublich arroganter und rücksichtsloser Mann.“

„Wie ich bereits erwähnte, tue ich, was ich für notwendig erachte.“

Mit seinem Verhalten hatte er eine Grenze überschritten. In ihrer Stimme lag Verbitterung. „Handeln etwa alle Männer derartig gefühllos, ohne darauf zu achten, wen sie damit verletzen?“

„Jemand muss die schwierigen Dinge im Leben in die Hand nehmen.“

Noch so eine Bemerkung, und sie war kaum mehr davon abzuhalten, ihn mit etwas zu bewerfen. Seine hochmütige Haltung verursachte einen noch heftigeren Widerwillen in ihr, als es der Ring oder die Initialen taten …

Sie hielt sich nicht für eine unvernünftige Frau, allerdings wusste sie ja nicht, wer sie war. Ihre Brust bebte. Wenn er nicht da gewesen wäre, hätte sie mit Sicherheit geweint – Tränen der Angst, der Wut und der Ungewissheit.

Stattdessen sank sie zurück in die Kissen, und die Erschöpfung siegte über ihren Zorn. „Wissen Sie dank des Herumschnüffelns in meinen Sachen noch weitere Einzelheiten über mich, Lord Chillings? Etwas, wovon ich vielleicht ebenfalls Kenntnis haben sollte?“

Er sah sie ernst an, ohne auf ihren Sarkasmus zu reagieren. „Ja, es gibt da noch etwas.“

Als er nicht sofort mit der Sprache herausrücken wollte, sagte sie: „Sie werden es mir vermutlich erzählen, sobald Sie Lust dazu haben. Vielleicht morgen?“

Nachdenklich schaute er sie an. „Das könnte besser sein.“

Er sprach leise und ohne jede Spur von Abfälligkeit oder Kälte. Ihr kam der Gedanke, dass er versuchte, sie vor einer schrecklichen Nachricht zu bewahren. Aber das half ihr auch nicht weiter.

„Sagen Sie es mir augenblicklich. Nichts kann noch schlimmer sein als das Gedächtnis zu verlieren und sich als unwillkommener Gast im Haus eines fremden Mannes zu befinden.“

„Denken Sie das wirklich?“, fragte er ruhig. „Ich hoffe es um Ihretwillen.“

Seine Züge wirkten mit einem Mal milder und sensibler. Fast gewann sie den Eindruck, dass er Mitleid mit ihr empfand.

„Nun?“, ermunterte sie ihn.

„Meinen Sie nicht, dass Sie für heute genug durchmachen mussten?“

Sein plötzliches Mitgefühl und seine Wortwahl ließen bei ihr die Alarmglocken läuten. Ihr Puls beschleunigte sich.

„Kann es Schrecklicheres geben, als mit einer Kutsche zu verunglücken und das Gedächtnis zu verlieren?“

Er erhob sich und stellte den Stuhl an seinen ursprünglichen Platz zurück. „Vielleicht.“

„Sie machen es für mich nur noch schlimmer.“

Er drehte sich wieder zu ihr. „Das fürchte ich auch, obwohl es nicht in meiner Absicht lag. Glücklicherweise scheinen Sie eine starke Frau zu sein.“

Dazu gab es nichts zu sagen. Sie wusste nicht, ob sie stark oder schwach war.

„All Ihre Kleidungsstücke sind schwarz“, erklärte er leise.

„Trauer“, flüsterte sie. „Ich muss innerhalb der letzten zwölf Monate einen nahe stehenden Menschen verloren haben.“

Er nickte.

Tief im Inneren spürte sie, dass es stimmte. Ein Gefühl tiefer Leere erfüllte sie. Vor lauter Sorge um den Gedächtnisverlust hatte sie zuvor nicht darauf geachtet. Jetzt tat sich diese Leere wie ein Abgrund vor ihr auf. Seine Worte mussten diese Reaktion in ihr hervorgerufen haben. Aber wen hatte sie verloren?

Vor Beklemmung zog sich ihr der Magen zusammen. Sie wich seinem Blick aus. Sie wollte nicht, dass er Zeuge wurde, wie sie um einen Menschen trauerte, an den sie sich nicht erinnern konnte.

„Bitte gehen Sie jetzt“, forderte sie ihn auf, und es kostete sie alle Kraft, die Tränen zurückzuhalten.

„Ich werde Mrs Drummond zu Ihnen schicken.“

„Nein, bitte niemanden.“ Sie holte tief Luft. „Noch nicht.“

Die Haushälterin würde ihr wieder Laudanum verabreichen. Es würde ihren Kummer betäuben, aber das wollte sie nicht. So schmerzhaft es auch war, es konnte ihr helfen, sich wieder zu erinnern.

„Sind Sie ganz sicher?“, erkundigte er sich.

„Ja“, erwiderte sie leise.

Sie wollte ihre Verletzbarkeit nicht zeigen, ebenso wenig wie die Tränen, die nun hervorquollen, obwohl sie versucht hatte, sie zu unterdrücken. Es war, als ob etwas in ihrem Inneren zerbrochen wäre.

„Wie Sie wünschen.“

Zunächst war sie erleichtert, als er ging und die Tür sich hinter ihm schloss. Doch dann empfand sie eine furchtbare Einsamkeit und Verlorenheit.

Dieser verfluchte Mann! Verflucht für sein Herumschnüffeln und dafür, dass er ihr verraten hatte, dass sie sich in Trauer befand. Und verflucht, weil er sie mit ihrem Kummer allein ließ.

Ein grenzenloser Schmerz erfasste sie, den sie mit keinem Namen verbinden konnte und von dem sie dennoch wusste, dass er aus einem großen Verlust erwuchs. Die Tränen liefen ihr über die Wangen, und sie schluchzte leise. Sie umklammerte das Laken und vergrub ihr Gesicht in den Kissen, in der Absicht nichts mehr von der Welt zu sehen.

Ihr Herz wusste, was sie mit ihrem Verstand nicht beim Namen nennen konnte. Der Verlust war verheerend.

Guy stand draußen vor der Tür, um sicherzustellen, dass kein Bediensteter sie störte, und hörte ihr herzzerreißendes Schluchzen. Am liebsten wäre er wieder hineingegangen um sie zu trösten. Er wollte sie festhalten und ihr herrliches Haar streicheln.

Er wollte Dinge, an die er nicht einmal denken durfte…

Ihr Weinen wurde leiser und brachte ihn auf andere Gedanken.

Er hätte behutsamer mit ihr umgehen sollen, aber ihr Zorn über seine Vorgehensweise hatte ihn gereizt. Außerdem hatte sie ihn als arrogant bezeichnet. Auch Suzanne hatte ihm diesen Vorwurf häufig gemacht und ihn der Selbstherrlichkeit bezichtigt. Indem diese Frau beinahe dieselben Worte verwendet hatte, hatte sie seinen wunden Punkt getroffen.

Ja, ich bin selbstherrlich.

Schließlich kam kein Laut mehr aus dem Zimmer. Der Drang, nach ihr zu sehen war groß. Aber es würde wahrscheinlich nichts als Unheil anrichten. Er fühlte sich in einer Weise von ihr angezogen, die ihn dazu bringen konnte, mehr zu tun, als er durfte.

Er durchquerte den Gang, ergriff einen der bereitstehenden Kerzenständer und ging in seine Suite.

3. KAPITEL

Sie erwachte mit einem Seufzen. Noch immer erinnerte sie sich an nichts, nicht einmal an ihren Namen. Als sie gerade aufgestanden war, trat Mrs Drummond ein, um ihr beim Ankleiden zu helfen.

Sie warf einen Blick auf die Flasche mit Laudanum, die auf dem Tisch neben ihrem Bett stand. Es half nichts, die körperlichen und seelischen Schmerzen zu betäuben. Ein neuer Tag wartete, und sie musste nach vorn schauen. Die Opiumtinktur würde zwar gegen das dumpfe Pochen im Hinterkopf helfen, doch zugleich beeinträchtigte es ihr Konzentrationsvermögen.

Lieber nicht. Sie wollte sich nicht von der Droge abhängig machen. Sie seufzte. Hatte sie darüber vor ihrem Unfall genauso gedacht? Nahm sie schon immer ungern Medikamente? Sie konnte es nicht sagen.

Um sich abzulenken, betrachtete sie sich im Standspiegel, der in einen Mahagonirahmen mit Rosenholzintarsien eingefasst war. Mit der schwarzen Kleidung sehe ich wie eine Krähe aus. Ihr Haar war nach hinten gebunden und im Nacken zu einem dicken Chignon zusammengebunden. Dennoch entwichen einige Locken. Sie war sehr blass, und die dunklen Augenränder ließen sie krank aussehen. Schwarz stand ihr nicht.

Mrs Drummond ließ wiederholt ein „Tststs“ vernehmen. „Sie müssen sich in sehr tiefer Trauer befinden, Madam. Alles in Ihrem Reisekoffer ist aus schwerem schwarzem Stoff. Es gibt nichts schwarz-weiß Gestreiftes, was auf ein baldiges Ende der Trauerzeit hinweist.“

„Es handelt sich nicht gerade um eine kleidsame Farbe, aber sie kommt mir vertraut vor. Ich denke, ich bin schon eine lange Zeit so gekleidet.“

Mrs Drummond schüttelte den Kopf. „Wenn wir das nur wüssten. Seine Lordschaft will jemanden nach Newcastle-upon-Tyne senden.“ Da die junge Frau sie erstaunt anblickte, fügte sie hinzu: „Der Kutscher, der Sie gefahren hat, sagte, Sie seien von dort aufgebrochen.“

„Wirklich? Beim Namen dieser Stadt kommt mir lediglich in den Sinn, dass dort Kohle abgebaut wird. Aber das gehört wahrscheinlich zum Allgemeinwissen.“

Mrs Drummond schürzte die Lippen. „Mir ist es zumindest bekannt, allerdings bin ich auch in der Nähe aufgewachsen. Seine Lordschaft weiß es vermutlich auch.“

„Nun, mir fällt jedenfalls nichts anderes dazu ein.“

Sie griff nach einer schwarzen Stola, die mit Troddeln geschmückt war. Mrs Drummond half ihr, sie über den Schultern zu drapieren. Damit würde sie sich behaglich fühlen. So komfortabel das Haus wirkte, das Zimmer war groß, und sogar der hochmoderne Kamin vermochte seine Wärme nicht bis in jeden Winkel zu verteilen.

„Seine Lordschaft ist im Morgenzimmer, Madam. Ich werde Ihnen den Weg zeigen.“

„Sicherlich sind Sie viel zu beschäftigt, um mir so viel von Ihrer Zeit zu widmen.“

Mrs Drummond lächelte. „Ich habe zwar eine Menge zu tun, aber Seine Lordschaft hat mich beauftragt, Sie gut zu versorgen.“

„Wie Sie meinen, Mrs Drummond.“ Sie erwiderte das Lächeln der älteren Frau und begab sich zum Ankleidetisch, auf dem ihr Köfferchen stand. Mit geübtem Griff löste sie den Hebel, mit dessen Hilfe sich die Geheimschublade öffnen ließ. Die Schublade sprang heraus, und sofort glänzte ihr der Goldring entgegen.

Sie hatte ihn in der Nacht hineingelegt, nachdem sie aus ihrem kummervollen Schlaf erwacht war. Auch wenn es nun im Morgenlicht dumm erschien, sie hatte den Ring unbedingt ablegen wollen.

„Es besteht kein Zweifel, dass Ihnen das Köfferchen gehört, Madam“, bemerkte Mrs Drummond. „Sie scheinen es wie die eigene Westentasche zu kennen.“

Einen Moment lang hielt sie verwirrt inne, aber es bestand in der Tat kein Zweifel. Das Köfferchen gehörte ihr, und die Kleidung, die sie trug, passte wie angegossen, ebenso wie der Ring.

Erneut zögerte sie, den Goldring anzulegen. Was war mit ihr los? Die schwarze Kleidung anzuziehen, hatte sie traurig gestimmt, aber es hatte sich richtig angefühlt.

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