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Wird dieses Wintermärchen wahr? / Weihnachten auf Mulberry Hall / Ein Heiratsantrag am Fest der Liebe? / Wiedersehen auf dem Weihnachtsmarkt

Amanda McCabe

Wird dieses Wintermärchen wahr?

PROLOG

Welbourne Manor, Sommer 1820

Ich hätte nicht herkommen sollen, dachte Lady Mary Derrington, während sie in dem kleinen Tempelnachbau auf und ab ging. Leise hallten ihre Schritte von den Marmorfliesen wider. Aus den Fenstern von Welbourne Manor am anderen Ende des Gartens drang ein warmes, golden scheinendes Licht, das die Nacht erhellte. Gewiss waren die Gäste immer noch mit dem fröhlichen Blindekuh-Spiel beschäftigt, doch Mary hatte den Trubel der Gesellschaft nicht länger ertragen können. Plötzlich schienen die Wände immer näher zu rücken, drohten sie zu ersticken, und sie hatte das drängende Bedürfnis verspürt, dem zu entfliehen.

Das beklemmende Gefühl wich jedoch auch in dem kleinen Tempel nicht. Es war ein Ort für Liebende, für heimliche Stelldicheins und gemurmelte Liebesschwüre. Auf einem Podest stand eine Statue des Liebesgottes Amor. Den Pfeil im Anschlag haltend, blickte er lächelnd auf mehrere kleine, gemütliche Bänke in einer dunklen Nische.

Mary betrachtete ihn verdrossen. Mit diesem Pfeil sollte er besser nicht auf sie zielen – nicht noch einmal.

Sie ging zu den Steinstufen des Tempeleingangs und blickte, die Arme eng um die Brust geschlungen, zu dem großen Herrenhaus hinüber. Das Heim der besten Freunde ihres Schwagers hatte bei ihrer Ankunft wahrlich einladend gewirkt, so freundlich, lärmend und voller Lebensfreude. Die Familie Fitzmanning war für ihren Frohsinn bekannt, weshalb Mary nur widerwillig ihr Zuhause Derrington Hall verlassen und sich aus der Trauer um ihren vor vielen Monaten verstorbenen Gatten William Lord Derrington gelöst hatte. Sie war überzeugt gewesen, dass man sie für eine sauertöpfische Witwe halten würde, die mit sechsundzwanzig Jahren bereits vorzeitig gealtert war.

Ihre Befürchtungen bewahrheiteten sich jedoch nicht. Die Familie hatte sie in höchst liebenswürdiger Weise in ihren Kreis aufgenommen. Insbesondere mit Charlotte, der jüngsten Tochter, die Mary an ihre eigenen drei Schwestern erinnerte, verband sie inzwischen eine innige Freundschaft. Mary hatte diesen Besuch zunehmend genossen und sich immer wohler gefühlt. Aber dann …

Dann war er gekommen – Dominick. Er war so charmant und attraktiv wie eh und je. Nein, attraktiver sogar, denn seine Gesichtszüge hatten nun die Vollkommenheit angenommen, die sein jugendliches Antlitz einst verheißen hatte. Stürmisch hatte ihr Herz in ihrer Brust gepocht, als sie ihn beim Dinner mit Charlotte lachen und scherzen sah. Sie hatte große Mühe, während der endlos erscheinenden Mahlzeit eine fröhliche Miene beizubehalten, gelassen ihren Wein zu trinken und vorzugeben, dass ihre Welt nicht plötzlich kopfstand.

Unverwandt ruhte ihr Blick auf dem Haus, indes nahm sie dessen Fassade nicht wahr. Vor ihrem inneren Auge sah sie das romantische, unbeschwerte Mädchen, das sie vor ihrer Ehe mit William gewesen war. Sah eine verlassene Terrasse auf einem Ball, sich selbst in einem weißen Kleid hinter einer Topfpalme und Dominick, der sie verführerisch anlächelte. Sein goldblondes Haar schimmerte im Mondlicht, als er den Kopf beugte, um sie zu küssen. Fast konnte sie wieder die sanfte, warme Berührung seiner Hände auf ihren bloßen Armen spüren …

„Nein!“ Heftig schüttelte Mary den Kopf, um die Erinnerungen zu vertreiben. Sie hatte sie all die Jahre beharrlich unterdrückt und versucht zu vergessen. Fast wäre es ihr gelungen. Die Familie ihres Gatten verkehrte – von ihrem Schwager Drew einmal abgesehen – mit gediegenen, auf dem Lande lebenden Familien, während Dominick die Gesellschaft seiner verrufenen Freunde und leichtlebiger Damen in London vorzog. Dank der unterschiedlichen Kreise, in denen sie sich bewegten, waren sie sich bislang nicht mehr begegnet. Sie hatte geglaubt, ihr Herz sei geheilt und sie hätte diese jungmädchenhafte Schwärmerei überwunden, die nichts als ein dummer Fehler gewesen war.

Dem war jedoch ganz und gar nicht so. Als sie am Morgen aus dem Fenster blickte und ihn lachend vom Pferd absteigen sah, war sie wieder zu dem törichten jungen Mädchen von damals geworden. Es war, als hätte es all die vergangenen Jahre nie gegeben, in denen sie eine respektable Ehe geführt und einen Sohn geboren hatte, während Dominick dem skandalösen, ausschweifenden Leben frönte. Bei seinem Anblick hatte sie die gleiche kribbelige Aufregung wie damals verspürt, und sie hatte sich schnell die Hand auf den Mund pressen müssen, um nicht laut aufzuschreien.

Aber die Zeit war nicht stehen geblieben. Sie war inzwischen die verwitwete Countess of Derrington, hatte einen Sohn und Verpflichtungen. Er hingegen war ein berüchtigter Schwerenöter. Der Skandal, den er ausgelöst hatte, als er mit der verheirateten Lady Newcombe nach Frankreich durchbrannte und diese kurz danach im Kindbett in Calais starb, war immer noch in aller Munde.

Nein, ich kann es mir nicht leisten, mich wie das törichte, schwärmerische Mädchen von damals zu verhalten, überlegte Mary. Sie sollte Welbourne Manor auf der Stelle verlassen. Indes, sie wollte nicht abreisen, denn sie fürchtete, sie würde in Derrington Hall in ein tiefes Loch der trostlosen Trauer fallen, nachdem sie in Welbourne Manor an solch unbeschwerter Lebensfreude hatte teilhaben dürfen.

Sie wandte sich ab und trat frustriert gegen eine der Marmorsäulen, ohne daran zu denken, dass sie nur dünne Abendschuhe trug. Ein stechender Schmerz schoss ihr durch den Fuß. „Au! Verflixt!“

„Du solltest dich nicht hier im Dunkeln aufhalten“, sagte eine tiefe, volltönende Stimme hinter ihr. „Es gibt zu viele Dinge, über die man stolpern kann.“

Mary fasste sich an die Kehle. Auf einem Bein stehend drehte sie sich um und erblickte Dominick, der die Stufen zum Tempel hinaufstieg. Er war nicht vom Haus gekommen, sondern von dem Weg, der zum Teich führte, daher hatte sie ihn wohl nicht gesehen. Zudem bewegte er sich immer noch mit der Lautlosigkeit und Grazie eines Tigers, täuschend langsam und elegant.

Sein schwarzer Frack verschmolz mit der Nacht, doch das Mondlicht schimmerte auf seinem blonden Haar. Er musterte sie aufmerksam, als befürchte er, sie würde ihn statt der Säule treten.

„Bist du verletzt?“

Die Überraschung über ihr unverhofftes Wiedersehen hatte Mary ihren wunden Fuß für einen Augenblick vergessen lassen. Nun aber zuckte der Schmerz erneut heftig durch ihr Bein. „Nur in meinem Stolz, denke ich.“

Dominick lachte. Doch in seinem vertrauten Lachen klang eine Spur von Bitterkeit durch, als ob er – ebenso wie sie – in seinem Leben wenig Grund zu Fröhlichkeit gehabt hatte. „Ich glaube, nicht nur dein Stolz ist verletzt, denn wie ich sehe, wagst du es nicht, den Fuß zu belasten.“

„Meinem Fuß geht es gut.“

„Unfug. Setz dich, bevor du noch fällst.“

Ehe sie wusste, wie ihr geschah, umfasste er sanft ihren Ellbogen. Sie spürte die Wärme seiner Finger durch den Stoff ihres Seidenhandschuhs hindurch. Seine Nähe – seine zärtliche Berührung – hatte noch immer dieselbe Wirkung auf sie. Sie weckte eine tief verborgene Sehnsucht in ihr und ließ sie erbeben.

„Siehst du, nun ist dir auch noch kalt“, sagte er und half ihr, sich auf eine der Marmorbänke zu setzen.

Amor sah sie vergnügt an, als hätte er dieses Treffen höchstpersönlich eingefädelt und Dominick zu einem nächtlichen Rendezvous mit ihr herbestellt.

„Du hättest im Haus bleiben sollen.“ Dominick kniete sich neben sie.

„Mir war nach frischer Luft. Offenbar erging es dir nicht anders“, sagte sie.

„Ich wollte eine Zigarre am Teich rauchen“, meinte er. „Und einen Augenblick allein sein.“

So wie sie. Jetzt aber waren sie allein miteinander, und seine Präsenz füllte den nachtschwarzen Raum, nahm jede Faser ihres Bewusstseins gefangen. Seine Wärme, seine Nähe, sein Knie dicht an ihrem Bein, der Duft nach Tabak und Seife, der ihn umgab – all das benebelte ihre Sinne.

„Ich nehme an, du hast kein Blindekuh-Spiel nötig“, sagte sie. „Die Damen laufen dir ganz offen in Scharen nach.“

Oh! Warum habe ich das jetzt gesagt. Mary biss sich auf die Lippe und wünschte, sie könnte die Worte zurücknehmen.

Dominick aber lachte bloß. „Wie kommst du darauf, Mary?“

Ihren Namen aus seinem Mund zu hören ließ sie erneut erschauern. Es war so lange her, dass sie diese vertrauliche Anrede von ihm vernommen hatte; dass sie einfach nur „Mary“ sein durfte.

„Ich sehe hier keine Scharen von Damen, du etwa?“, meinte er lächelnd. „Ich sehe nur dich.“

Er blickte sie an, und seine Augen schimmerten im Mondlicht in diesem überirdischen Saphirblau, von dem sie einst geglaubt hatte, sie würde sich für immer und ewig darin verlieren können. So gefangen war sie von seinen Augen, dass sie gar nicht bemerkte, wie er nach ihrem Bein griff. Erst als er ihr den Schuh vom Fuß streifte, wurde sie sich dessen gewahr. Kühle Nachtluft streifte über ihren bestrumpften Spann, gleich darauf durchströmte sie eine Hitzewelle ob der weitaus unziemlicheren Berührung seiner Hand.

„Was tust du da?“ Sie versuchte, ihm ihren Fuß zu entziehen, doch er hielt sie fest.

„Ich möchte mich lediglich vergewissern, dass du dir nichts gebrochen hast“, sagte er in beruhigendem Ton, als wolle er ein scheuendes Pferd besänftigen. Er hatte sich schon immer gut auf Pferde verstanden, die er mit fester und zugleich liebevoller Hand führte. Das war eines der ersten Dinge, die ihr an ihm aufgefallen waren. Jeden Tag war sie damals mit ihren Schwestern im Hyde Park flaniert, in der Hoffnung, einen Blick auf ihn im Sattel erhaschen zu können.

„Tut das weh?“, fragte er und drückte vorsichtig auf ihren großen Zeh.

Abgelenkt durch alte Erinnerungen, hatte Mary ihre Verletzung fast schon vergessen. Der heftige Stich, der sie bei seiner Berührung durchzuckte, erinnerte sie jedoch wieder daran. „Au! Ja, das tut weh. Allerdings bloß, wenn unachtsame Menschen draufdrücken.“

Er lächelte flüchtig, während er vorsichtig mit dem Daumen über ihre anderen Zehen strich. Das sanfte Streicheln löste einen ganz anderen Schmerz in ihr aus und rief eine lang unterdrückte Leidenschaft in ihr wach. Ein Gefühl, das sie längst erloschen glaubte – erstickt im Ehebett durch die verschämten, linkischen Griffe ihres Gatten unter ihr Nachthemd.

Dominick indes war es gelungen, mit nur einer zärtlichen Berührung ihres Fußes flammendes Verlangen in ihr auflodern zu lassen.

„Ich glaube nicht, dass du dir etwas gebrochen hast“, sagte er, immer noch ihren Fuß begutachtend. Ihr weißer Strumpf hob sich im Mondlicht hell gegen seinen schwarzen Frack ab. „Du solltest jedoch rasch eine kühlende Kompresse auflegen, sonst wirst du morgen wohl nicht in der Lage sein, deine hübschen Schuhe zu tragen.“

„Du kennst dich wohl in der Behandlung von Verletzungen sehr gut aus“, sagte sie und dachte an all die Duelle, die Box- und Fechtkämpfe, die er Gerüchten zufolge bei Gentleman Jackson’s ausgetragen haben sollte.

„Auf Verletzungen von Pferden mag das zutreffen, nicht jedoch auf Verletzungen von Damen der Gesellschaft, die unschuldige Steinsäulen treten.“ Er ließ ihr Bein los, erhob sich jedoch nicht, sondern beugte sich leicht zu ihr. Er war ihr so nah, sie musste nur die Hand ausstrecken, um über sein Haar zu streichen, die Züge seines markanten Gesichts zu ertasten, die winzige Narbe an seiner Schläfe zu berühren. Fest presste sie die Hände in die Falten ihres Rockes, um der Versuchung nicht zu erliegen.

„Es ist schön, dich wiederzusehen, Mary“, sagte er. „Du siehst gut aus.“

„Du ebenfalls“, erwiderte sie. Dieser verflixte Mann sieht sogar besser als gut aus, befand sie. Er schien kaum gezeichnet von der Zeit, sie hingegen fühlte sich manchmal steinalt.

„Unsere letzte Begegnung ist viel zu lange her.“

Hatte er an sie gedacht? Zu gern hätte Mary erfahren, ob er sich manchmal gefragt hatte, wie es ihr ergangen war. Aber sie lächelte ihn nur an. „Nach meiner Hochzeit habe ich meist auf unserem Landgut gelebt. Wie ich hörte, schätzt du hingegen die Vergnügungen der Stadt und kannst dich nur selten davon losreißen.“

Um seine Mundwinkel zuckte ein schmales Lächeln. „Die Stadt bietet vielerlei Zerstreuung. Wenn ich zu lange mit meinen Gedanken allein bin und zu viel Zeit zum Grübeln habe, würde ich verrückt werden, fürchte ich.“

Von welchen Gedanken sprach er? Sie brannte darauf, mehr über seinen skandalösen Lebenswandel zu erfahren, der sich so grundlegend von ihrem beschaulichen Leben unterschied. In Derrington Hall gab es keinerlei Zerstreuung. „Ich beneide dich.“

„Tatsächlich?“, erwiderte er. „Dazu besteht kein Grund.“

Einen Moment lang verspürte sie einen leichten Druck an ihrem Rock und ihrem Bein, genau in Höhe ihres Knies. Überrascht sah sie nach unten und entdeckte, dass er ihr Kleid zwischen seine Finger genommen und den Kopf darübergebeugt hatte, als wolle er ihr Parfüm einatmen.

Unvermittelt spürte sie eine Welle unsagbar zärtlicher Gefühle in sich aufwallen, verspürte eine qualvolle Sehnsucht. Sie erinnerte sich daran, wie sie sich einst eine gemeinsame Zukunft mit ihm ausgemalt hatte, was sie alles hatte aufgeben müssen. Schon streckte sie die Hand aus, um seine Wange zu berühren, schreckte indes im letzten Augenblick davor zurück.

Er hatte dem törichten, romantischen Mädchen, das sie damals gewesen war, das Herz gebrochen, als er sie verließ. Einen solch großen Schmerz wollte sie nie wieder erleiden und fürchtete doch, dass er ihr nicht erspart bliebe. Dominick hatte immer noch Macht über ihre Gefühle.

„Ich sollte ins Haus zurückkehren“, sagte sie hastig. Ihren Schuh und den verletzten Fuß vergessend sprang sie auf und eilte aus dem Tempel. So schnell es ihr möglich war, humpelte sie den Gartenweg entlang und stieg die Stufen zur Terrasse hinauf. Dort ließ sie der Anblick ihres Schwagers abrupt innehalten.

Drew lehnte mit einer Zigarre in der Hand an der steinernen Balustrade. Einen Moment lang befürchtete sie, er hätte sie mit Dominick gesehen, doch er beachtete sie nicht und blickte gedankenverloren in die Nacht. In seinem schönen jungen Gesicht stand ein solch ernster Ausdruck, als ob die Sorgen seiner ganzen Familie auf ihm lasteten.

Sie überlegte, ob sie zu ihm gehen sollte, damit sie sich gegenseitig ihre Probleme anvertrauen konnten, so wie sie es sich nach Williams Tod zur Gewohnheit gemacht hatten. Indes war sie zu müde und auch zu verwirrt. Sie konnte niemandem von ihrer Beziehung zu Dominick erzählen, nicht einmal Drew, der für sie wie ein Bruder war. Leise schlüpfte sie ins Haus, mied den Trubel im Salon und hastete in ihr Zimmer.

Gewiss würde sie am nächsten Morgen wieder einen klaren Kopf haben und ihr altes Selbst sein – die vernünftige, pragmatische, besonnene Lady Derrington. Die törichte, romantische, impulsive Mary Smythe gab es nicht mehr.

Dominick lehnte sich an die Marmorsäule und sah Mary nach, die durch den Garten davoneilte. Ihr dunkles Haar und die tiefviolette Abendrobe waren in der Nacht bald nicht mehr zu erkennen. Ihr bleiches Gesicht stand ihm jedoch noch vor Augen.

Mary Smythe – nein, Lady Derrington. Sie war tatsächlich hier, obwohl Welbourne Manor gewiss der letzte Ort war, an dem er erwartet hätte, ihr zu begegnen. Wäre er der Einladung nicht gefolgt, wenn er gewusst hätte, dass sie hier zu Besuch weilte? Oder wäre er vielleicht sogar früher angereist?

Er schlug mit der Hand gegen den kalten Stein, doch das Bild in seinem Kopf ließ sich nicht vertreiben. Immer noch sah er, wie sie ihn aus großen braunen Rehaugen erschrocken anblickte, als er ihren Fuß berührte. Mary, Mary. Wie sehr hatte er sich bemüht, sie zu vergessen. Er hatte geglaubt, es sei ihm gelungen, die süße Erinnerung an ihre Küsse in den Betten anderer Frauen zu verdrängen, sie durch Kartenspiele und Boxkämpfe zu vertreiben. Was konnte ihm Mary Smythes unschuldiges Lächeln im Vergleich zu all diesen Vergnügungen schon geben?

Nun aber musste er sich eingestehen, dass er Mary nie wirklich vergessen hatte. Sie war eine wunderschöne Frau geworden, und ihre Gegenwart hatte all die alten Erinnerungen wieder aufleben lassen. Die Berührung ihres Fußes, der vertraute Duft ihres Lavendelparfüms hatte ein ungeahnt heftiges, sehnsuchtvolles Verlangen in ihm ausgelöst. Zu gern hätte er sich vorgebeugt, ihren Fuß geküsst und die weiche Rundung ihres Beines liebkost, um sie vor Wonne seufzen zu hören.

Ärgerlich ballte er die Hand zur Faust. Ihre Eltern hatten ihm vor langer Zeit unmissverständlich klargemacht, dass er nicht gut genug für Mary war, und sie hatten recht gehabt. Damals war er ein verwegener, romantischer junger Mann gewesen, der nichts als unsinnige Träume im Kopf hatte. Wie viel mehr würde er ihr nun schaden, angesichts der Tatsache, dass inzwischen zahllose Skandale seinen Ruf befleckten?

Das einzig Ehrenhafte, was er je in seinem Leben getan hatte, war, Mary Smythe freizugeben. Ganz gewiss würde er diese gute Tat nicht dadurch ruinieren, indem er ihr, nun Lady Derrington, nachstellte. Gleich, wie sehr er sie immer noch begehrte.

1. KAPITEL

London, Dezember – zwei Jahre später

Aber ich liebe ihn, und er liebt mich! Warum dürfen wir nicht glücklich miteinander werden? Das ist so ungerecht!“

Seufzend schloss Mary die Augen und lauschte dem Schluchzen ihrer Schwester. Arme Ginny. In Liebesdingen hatte ihre Schwester offenbar ebenso wenig Glück wie sie selbst damals mit siebzehn, als sie so sehr in Dominick verliebt war, dass sie keinen klaren Gedanken fassen konnte. Allerdings befürchtete Mary, nun mehr ihrer Mutter zu ähneln.

Früher oder später müssen wir alle zur Vernunft kommen und erwachsen werden, dachte sie, während Ginny ihren Tränen freien Lauf ließ. Vernunft ist nicht das Schlechteste. Es erspart einem großen Kummer und Enttäuschungen, wenn man sich der Realität stellt und nicht von einem Leben wie in einem Liebesroman träumt.

Wenn sie aber eine solch vernünftige Witwe war, warum verspürte sie dann diese qualvolle Traurigkeit?

Ginny gab einen Wutschrei von sich, und Mary öffnete die Augen, gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie sich ihre Schwester mit tränenüberströmten Wangen auf die Brokatpolster des Sofas warf. Arme Ginny. Sie war die jüngste ihrer Schwestern, die einzige, die noch ledig war. Cynthia hatte einen Geistlichen mit ansehnlichem Einkommen geehelicht, und Elizabeth war mit einem Landedelmann von gleichem Stand wie ihr Vater vermählt.

Keine ihrer Schwestern hatte eine solch gute Partie gemacht wie sie selbst. Und da sie inzwischen verwitwet war und sich nach dem schrecklichen Tod ihres Sohnes im vergangenen Jahr zudem sehr einsam fühlte, schien es ihr eine gute Idee zu sein, sich um Ginnys Einführung in die Gesellschaft zu kümmern. Mary hatte gehofft, die Fürsorge für ihre Schwester und das Stadtleben würden sie von ihrem Kummer und der unendlichen Trauer ablenken können.

Gleichfalls hoffte sie auch, dadurch die Erinnerung an ihr Wiedersehen mit Dominick in Welbourne Manor zu verdrängen, die Gedanken an den Klang seiner Stimme, seine Berührung ihres bestrumpften Fußes. Damals hatte sie sich einen kurzen Augenblick lang nicht mehr ganz so einsam gefühlt. Doch sie musste Dominick endgültig vergessen. Die Geschäftigkeit, welche die Aufgabe, Ginny in die Gesellschaft einzuführen, mit sich bringen würde, schien eine Erfolg versprechende Maßnahme, um dieses Ziel zu erreichen. London bot vielerlei Zerstreuungen für junge Damen. Zwar war die Herbstsaison vorüber, dennoch mussten Einkäufe erledigt werden, gab es Theaterstücke zu sehen und sogar einige Dinnergesellschaften zu besuchen. Ginny war eine lebhafte Gesellschafterin, und Mary hatte es genossen, ihrer Schwester wieder näherzukommen. Die Nähe zu einem Familienmitglied machte den Schmerz, den sie ob ihres tragischen Verlustes verspürte, ein wenig erträglicher. Sie kamen gut miteinander zurecht und freuten sich bereits auf die bevorstehenden Weihnachtsfeiertage.

Dann aber hatte sich Ginny in den jungen Captain Heelis verliebt, Dominicks Cousin. Seitdem waren die friedlichen Zeiten vorbei.

„Es ist so ungerecht“, jammerte Ginny weiter. „Ich dachte, der Zweck meiner Reise nach London sei es, mir einen Gatten zu suchen. Ich begreife nicht, warum ich jetzt meine große Liebe nicht heiraten darf.“

Mary faltete die Hände auf dem Tisch. Tief atmete sie ein, dann sagte sie zum gefühlten zwanzigsten Mal: „Captain Heelis ist ganz gewiss in vielerlei Hinsicht ein bewundernswerter Gentleman. Allerdings verfügt er noch nicht über das nötige Einkommen, um eine Gattin und eine Familie zu ernähren.“

„Einkommen!“ Ginny wandte sich um und vergrub das Gesicht ganz in den Sofakissen, sodass nur noch ihre wilden kupferroten Locken zu sehen waren, die Mary hübscher fand als ihr eigenes braunes Haar. „Wen kümmern solche Bagatellen, solange wir uns lieben.“

Mary presste die Lippen fest aufeinander, um nicht laut aufzulachen. „Du wirst sicher anders darüber denken, wenn du feststellst, liebe Ginny, dass Liebe dir kein Dach über dem Kopf sichert, kein Essen auf dem Tisch und auch nicht die schönen Kleider, die du so gern trägst. Ganz sicher aber wird sich deine Meinung spätestens dann ändern, wenn du Kinder hast.“

Kinder verwandeln einen Menschen. Mary erinnerte sich noch gut daran, welch schönes Gefühl es war, ihr Baby in den Armen zu halten. Und nie würde sie die schreckliche Qual vergessen, die sie erlitten hatte, als sie ihren Jungen für immer verlor. Kinder veränderten das Leben einer Frau völlig.

Ginny, die sich dank Marys vorteilhafter Heirat indes nie über Geld hatte Sorgen machen müssen, ließ sich davon nicht überzeugen. „Captain Heelis hat glänzende Aussichten.“

„Mit glänzenden Aussichten kannst du die Schuhe deiner Kinder nicht bezahlen“, erwiderte Mary und kam sich mehr denn je wie ihre Mutter vor. Sie war sich sogar sicher, Jane Smythe hatte eine ganz ähnliche Bemerkung gemacht, als sie damals den Wunsch äußerte, Dominick zu heiraten, der sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht Viscount Amesby nennen konnte und daher auch nicht über die zum Titel gehörenden Güter verfügte. Unter Tränen hatte Mary sich geweigert, Lord Derringtons Antrag anzunehmen. Sie wusste noch genau, was ihre Mutter darauf erwiderte: „Wenn du Derrington heiratest, wird die Gesellschaft deine Schwestern mit offenen Armen aufnehmen, und unsere Familie wird nie wieder Geldsorgen haben. Bist du wirklich so selbstsüchtig, um all dies außer Acht zu lassen?“

Letztendlich hatte sich Mary ihren Schwestern zuliebe selbstlos gezeigt. Nach dem Tod ihres Gatten hatte sie jedoch geschworen, sich nie wieder zu vermählen. Vielmehr wollte sie sich nach besten Kräften um das Wohl ihrer Familie kümmern. Das bedeutete jedoch nicht, dass Ginny einen zwar gut aussehenden, aber mittellosen Offizier ehelichen konnte, selbst wenn dieser über verwandtschaftliche Verbindungen zu Viscount Amesby verfügte.

„Oh, Mary!“, schluchzte Ginny und strampelte trotzig mit den Füßen. „Du bist so furchtbar bieder und altmodisch geworden. Offenbar warst du nie richtig verliebt, daher kannst du auch nicht verstehen, was ich fühle.“

War dem tatsächlich so? Mary erinnerte sich noch allzu gut an die verzehrende Sehnsucht, die sie beim Anblick von Dominick in Welbourne Manor verspürt hatte. Und sie hatte geglaubt, sterben zu müssen, als sie nicht mit dem Mann zusammen sein durfte, den sie liebte. Sie hatte all die schrecklichen Qualen einer vereitelten Liebe erlebt.

Im Laufe der Zeit ließ die unsägliche Qual jedoch nach. Zurückgeblieben war lediglich ein dumpfer Schmerz, den sie tief in ihrem Herzen verbarg.

„Ich weiß genau, wie du dich fühlst“, sagte sie. „Verliebt zu sein ist ein wunderbares Gefühl, aber Liebe ist kein Garant für einen gesicherten Lebensunterhalt und ein standesgemäßes, sorgloses Leben.“

„Ich lege keinen Wert auf ein gesichertes Einkommen und standesgemäßes Leben!“

„Jetzt nicht, das mag sein. Aber wenn du älter bist, wenn du einmal Kinder hast, dann wird es dir nicht egal sein. Du bist noch so jung, Ginny, Liebes, ebenso wie Captain Heelis. Du hast Zeit, dir deine Wahl gut zu überlegen.“

„Meine Gefühle für Captain Heelis werden sich nicht ändern, gleich, wie viel Zeit vergeht“, warf Ginny ein.

„Gut, in diesem Fall wird es dir sicher nichts ausmachen, auf ihn zu warten.“

Mit einem unwilligen Aufschrei sprang Ginny vom Sofa und rannte aus dem Salon. Fest schlug sie die Tür hinter sich ins Schloss. Das Geräusch hallte laut in dem stillen Haus wider.

Mary fühlte sich mit einem Mal unglaublich müde. Gedankenverloren blickte sie aus dem Fenster in den bleigrauen Abendhimmel. So hatte sie sich die Weihnachtszeit ganz gewiss nicht vorgestellt. Es war das erste Weihnachtsfest, das sie in ihrem schönen Stadthaus, weit weg von Derrington Hall verbrachte. Im Gegensatz zu ihr und ihrer Familie hatten sich ihr Gatte und seine griesgrämige Mutter nichts aus Weihnachten gemacht. Jahrelang hatte sie kein Weihnachtsfest mehr gefeiert. Seit dem Tod ihres kleinen Sohnes Will war ihr auch nicht mehr zum Feiern zumute. Die Welt erschien ihr rabenschwarz und leer ohne ihn.

Viel zu lange hatte es keine Farbe, kein Lachen mehr in ihrem Leben gegeben, kein fröhliches Weihnachtsfest. Sie sehnte sich nach ein wenig Frohsinn, träumte von festlich geschmückten Räumen und Glühwein, von Musik und dem Gefühl, sich wieder lebendig zu fühlen, wenigstens ein ganz kleines bisschen. Dieser Traum hatte sich zerschlagen, stattdessen gab es Streit, traurige Erinnerungen und einen kalten grauen Himmel.

Den noch unbeantworteten Briefen keinen Blick schenkend, stand Mary auf und ging zum Fenster. Fest zog sie das Schultertuch um sich und blickte auf die fast verlassene Straße unter sich. Eine Kutsche fuhr geräuschvoll vorbei, und eine mit Paketen beladene Dienstmagd huschte eilig über das Trottoir. Die meisten Menschen verbrachten Weihnachten auf dem Land, und diejenigen, die es nicht taten, hielten sich klugerweise in ihren Häusern auf, wo es behaglich warm war und der schneidende Wind einem nichts anhaben konnte.

Erschauernd dachte Mary an den Sommer in Welbourne Manor. Die Sonne, der blaue Himmel, die Picknicks, das fröhliche Gelächter. Das Wiedersehen mit Dominick. In diesem Sommer hatte sie wenige Tage lang neue Hoffnung geschöpft. Sie hatte fast vergessen, wie es war, Vergnügen zu spüren, und dieses Gefühl erneut zu erleben, war wundervoll gewesen.

Inzwischen aber war sie eindeutig wieder in ihrem realen Leben angekommen, war zu ihrem vernünftigen, pflichtbewussten Selbst zurückgekehrt.

Sie griff nach dem Vorhang, um ihn vorzuziehen, da bemerkte sie plötzlich etwas leuchtend Rotes in dem dämmrig-grauen Winterlicht. Sie kniff die Augen zusammen und erkannte Captain Heelis, der in seiner roten Uniform dem Wind trotzte und zum Haus blickte. Eine verzweifelte Sehnsucht stand ihm deutlich ins attraktive Gesicht geschrieben.

Der Anblick zerriss ihr fast das Herz. Sie fühlte Mitleid für ihn und ihre Schwester. Die erste Liebe konnte grausam sein. Sie konnte einem das Herz brechen und einem das Gefühl geben, nur eine leere Hülle zu sein, ein halber Mensch.

Entschlossen zog Mary den Vorhang vor, als könne sie dadurch nicht nur Captain Heelis, sondern auch all die schmerzlichen Gefühle der Vergangenheit verbergen. Ginny und Captain Heelis würden ihre Lektion lernen müssen, ebenso wie sie es hatte lernen müssen. Niemand kam umhin, die entsetzliche Erfahrung eines Verlustes zu machen.

Als die Dienstboten das Zimmer betraten, um die Kerzen anzuzünden, verließ Mary den Salon und ging nach oben. Sie war froh, dass sie ohnehin beabsichtigt hatten, den Abend zu Hause zu verbringen, denn Ginny war offensichtlich nicht in der Stimmung, um auszugehen. Sie konnte ihre Schwester durch die geschlossene Schlafzimmertür schluchzen hören.

Doch sie war zu müde, um erneut mit Ginny zu sprechen, die sowieso nie zuhörte. Sie kam sich inzwischen vor wie ein Papagei, der immer und immer wieder dieselben Worte wiederholt. Also ging sie hinauf in den zweiten Stock. Wie magisch zog es sie zum Kinderzimmer, obgleich sie sich dessen bewusst war, dass sie dort keinen Trost finden würde. Dennoch betrat sie den kalten dunklen Raum, um sich einen Augenblick lang ihren Erinnerungen hinzugeben.

Die Luft roch abgestanden nach Einsamkeit und Trauer. In der Ecke stand noch die alte Wiege. Zum Schutz vor Staub war sie mit Laken abgedeckt. In einer anderen Ecke stapelten sich Spielzeuge, und in der Truhe lag immer noch ordentlich gefaltet Wills Kinderkleidung, obwohl seine kleinen Hände nie wieder danach greifen würden.

Langsam ließ Mary sich in den Schaukelstuhl sinken und blickte in den stillen dämmrigen Raum. Der vertraute quälende Schmerz, der wohl nie ganz verebben würde, schnürte ihr die Brust zusammen. Zwar war er inzwischen schwächer geworden als zu Anfang, da sie glaubte, vor Kummer ebenfalls sterben zu müssen, aber er war immer noch da. Würde sie nie verlassen. Manchmal hatte sie sogar Angst davor, er könne vergehen, und mit ihm alle Erinnerungen, die sie an ihren Sohn hatte.

Vor über einem Jahr war ihr kleiner Will gestorben. Das Fieber hatte ihn ihr rasch genommen. So viele andere Kinder in London waren derselben Krankheit zum Opfer gefallen. Sicherlich sollte es längst nicht mehr so wehtun. Ihre Mutter drängte sie unablässig, den Blick nach vorn zu richten, wieder zu heiraten und weitere Kinder zu haben. Doch konnte sie das wirklich wagen? Sie hatte ja nicht einmal ein Kind beschützen können.

Mary sah zu der abgedeckten Wiege, und vor ihrem inneren Auge tauchten Wills dunkle widerspenstige Locken und sein rotwangiges Gesicht auf. Sie erinnerte sich noch genau daran, wie goldig er ausgesehen hatte, wenn er verschlafen „Mama“ gerufen und die Ärmchen nach ihr ausgestreckt hatte. Zur Schlafenszeit war er immer völlig erschöpft gewesen, so sehr hatte er sich am Tag ausgetobt und das Leben in vollen Zügen genossen. In dieser Hinsicht waren er und Ginny sich sehr ähnlich – beide griffen immer mit beiden Händen und ohne Rücksicht auf die Konsequenzen nach dem, was sie begehrten.

Mary hatte versucht, sie in ihrem Übermut zu bremsen, versucht, sie zu schützen. Indes, sie hatte versagt. Wie sollte sie all das bloß allein bewältigen, wenn sie so unsäglich müde war?

Fest presste sie die Hand auf die Augen, die vor ungeweinten Tränen brannten. „Es tut mir so leid“, flüsterte sie, nicht wissend, ob sie mit Will sprach, mit Ginny oder mit sich selbst.

2. KAPITEL

Antike Statuen sind wirklich etwas Wundervolles, dachte Mary, während sie an Marmorgöttern und -göttinnen vorbei durch die Hallen des Britischen Museums schlenderte. Die Statuen waren nicht nur schön, sondern glücklicherweise auch stumm. Keine einzige jammerte oder schluchzte, keine sprang von Gefühlen überwältigt unverhofft beim Frühstück auf und stürmte aus dem Zimmer. Zwar hatten die Götter den alten Sagen zufolge Blitze geschleudert, gestritten und das Leben manch eines Sterblichen ruiniert. Im Britischen Museum indes standen sie einträchtig nebeneinander auf ihren Podesten und schauten mit leerem Blick auf die Besucher herab.

Davon gab es an diesem Tag allerdings nicht viele. Die Eiseskälte hatte vernünftige Menschen davon abgehalten, das Haus zu verlassen. Nicht jedoch Mary. Ihr Heim glich einem Tal der Tränen, dem sie wenigstens für eine oder zwei Stunden hatte entfliehen wollen. Das Museum erschien ihr genau der richtige Ort für diesen Zweck.

Die Hände tief in ihrem Pelzmuff vergraben, betrachtete sie die Statue der Göttin Artemis, die mit ihrem Bogen in die Ferne zielte. Sie konnte den Ansichten der jungfräulichen Göttin nur zustimmen – Männer und Liebe bedeuteten nichts als Ärger.

„Guten Tag, Lady Derrington!“, hörte sie eine Stimme hinter sich. Als sie sich umwandte, erkannte sie Sir Edward und Lady Quickley. Sie waren in Begleitung ihrer Tochter Angelica, deren gelangweilte Miene ganz offen verkündete, dass die antiken Ausstellungsstücke sie nicht im Geringsten interessierten. Ginny und Angelica waren in den letzten Wochen gute Freundinnen geworden, daher wusste Mary, dass die beiden Modemagazine bei Weitem mehr schätzten als Kunst und Kultur.

„Guten Tag, Sir Edward, Lady Quickley“, grüßte Mary. „Es freut mich, zu sehen, dass ich nicht die Einzige bin, die sich an einem solch trostlosen Tag vor die Tür wagt.“

„Ich fürchte fast, das Wetter wird sich bis Weihnachten zunehmend verschlechtern“, meinte Sir Edward fröhlich, als hätte er seine wahre Freude an einem heftigen Wintersturm.

„Wir verbringen die Feiertage auf unserem Landgut“, fügte seine Gemahlin hinzu. „Vor unserer morgigen Abreise wollten wir noch einmal den Anblick der Marmorstatuen genießen.“

„Ein weiser Entschluss“, sagte Mary. „Meine Schwester und ich bleiben über die Feiertage in der Stadt.“

„Ist Ginny auch hier?“, fragte Angelica. „Ich würde ihr so gern von meinem neuen Hut erzählen, bevor man mich aufs Land verschleppt.“

„Nein, sie hat mich nicht begleitet, aber ich bin mir sicher, sie würde sich freuen, wenn Sie ihr heute Nachmittag einen Besuch abstatten.“ Vielleicht lenkt Ginny ein Plausch mit ihrer Freundin ein wenig von ihrem Kummer ab, dachte Mary.

Nachdem sie noch eine Weile über ihre Weihnachtspläne geplaudert hatten, verabschiedeten sie sich, und Mary schlenderte in den nächsten Ausstellungsraum. Laut hallten ihre Schritte in der Stille, sie war wieder allein.

Nun, so allein auch nicht, stellte sie plötzlich erschrocken fest. Vor einer der Vitrinen stand Dominick und betrachtete die ausgestellten Exponate. Das trübe Licht, das durch die hohen Fenster fiel, fing sich in seinem blonden Haar.

Von dem Wunsch beseelt, dieser Begegnung zu entfliehen, trat Mary einen Schritt zurück. In diesem Augenblick schaute er auf und entdeckte sie. Einen Lidschlag lang spiegelte sich freudige Überraschung in seinem Gesicht, und ein Lächeln umspielte seine Lippen. Dieses verschwand jedoch so rasch, wie es gekommen war, und wich einer undurchdringlichen Miene. Höflich grüßte er mit einer formvollendeten Verneigung.

Mary warf kurz einen sehnsüchtigen Blick über ihre Schulter und spielte mit dem Gedanken, sich einfach umzudrehen und zu gehen. Aber sie wusste bereits, dass sie es nicht konnte. Vor ihm wegzulaufen, wie damals in Welbourne Manor, wäre feige und töricht.

Sie straffte die Schultern und ging zu ihm hinüber, als sei diese Begegnung etwas ganz Alltägliches für sie. „Lord Amesby. Welche Überraschung, Sie hier anzutreffen.“

„Überraschend, weil Sie der Ansicht sind, ich interessiere mich nicht für Kunst oder Geschichte, sondern lediglich für Pferde?“, fragte er lachend.

Für Pferde – und Kartenspiele und Frauen. „Ich kenne Ihre Interessen nicht“, erwiderte sie. Verblüfft erkannte sie, dass diese Bemerkung sogar der Wahrheit entsprach. So viel Zeit war seit ihrer letzten Begegnung vergangen. Und auch vor der Sommergesellschaft in Welbourne Manor hatten sie sich jahrelang nicht wiedergesehen. Zwar kamen ihr des Öfteren Gerüchte über ihn zu Ohren, sein wahres Wesen aber kannte sie kaum. Sie verspürte das schmerzliche Verlangen, mehr über ihn zu erfahren, sehr viel mehr.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand an solch wunderschönen Dingen keine Freude finden würde“, sagte er und deutete auf eine Marmorstatuette in der Vitrine.

Mary folgte mit dem Blick seiner Hand. Bei der Statuette handelte es sich um eine griechische Dame, deren Kopf vollendet gemeißelte Locken zierten. Das steinerne Gewand umschmeichelte ihren Körper in flüssigen Linien. Auf der Schulter trug sie einen Korb mit Blumen, und ein leichtes, geheimnisvolles Lächeln lag auf ihren Lippen.

„Sie ist reizend“, sagte sie. „Wer ist das?“

„Persephone.“

Persephone war von Hades, dem Gott der Unterwelt, in sein sonnenloses Reich entführt worden. Man könnte sagen, er war der Erste, der mit einer Frau durchgebrannt ist. „Mögen Sie ihre Geschichte?“, fragte Mary argwöhnisch und dachte an seine Affäre mit Lady Newcombe.

„Über Mythologie weiß ich nicht gut Bescheid, fürchte ich“, erwiderte Dominick. „Ich mag die Statuette, weil sie mich an Sie erinnert.“

„An mich?“ Mary nahm die Figur genauer in Augenschein. Unverhofft verspürte sie den Drang, vor Verlegenheit zu kichern wie ein Schulmädchen, weil er sie für derart hübsch hielt. Weil er überhaupt an sie dachte.

„Und Sie?“, fragte er, während er sich vorbeugte, um die Statuette zu begutachten. Sie berührten sich nicht, standen sich indes so nahe, dass sie seine Wärme spürte. „Haben Sie ein Lieblingsstück unter den Statuen, das Sie heute besucht haben?“

„Oh, es gibt hier so viele schöne Exponate, die mir gefallen. Hauptsächlich aber kam ich wegen der Ruhe.“

„Der Ruhe?“

„Ja.“ Sie warf ihm aus dem Augenwinkel einen Blick zu und stellte fest, dass er sie aufmerksam ansah. Kein Wunder, dass die Damenwelt ihm zu Füßen lag. Er besaß immer noch die wunderbare Gabe, einer Frau das Gefühl zu geben, sie sei der einzige Mensch auf der Welt, der ihn interessierte. „Meine jüngste Schwester weilt bei mir zu Besuch, wissen Sie.“

Dominick lachte. „In diesem Fall müssen Ruhe und Frieden in der Tat rare Güter in Ihrem Hause sein. Auch ich habe übrigens einen jungen Verwandten zu Gast. Meinen Cousin.“

„Captain Heelis.“

Verwundert hob er eine Augenbraue. „Sind Sie mit ihm bekannt?“

„Bedauerlicherweise ja.“ Plötzlich schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf. Womöglich konnte Dominick ihr bei ihrem Problem mit Ginny helfen. Er wusste, welch großen Skandal ein unbesonnenes junges Liebespaar auslösen konnte. Vielleicht konnte er Captain Heelis zur Vernunft bringen. Es war offensichtlich, dass sie keinerlei Einfluss auf Ginny hatte. „Ich fürchte, meine Schwester verspürt eine gewisse Zuneigung für Ihren Cousin. In den vergangenen Wochen äußerte sie kaum einen Satz, in dem nicht sein Name vorkam.“

Er kniff die Augen zusammen. „Also ist Ihre Schwester der Grund dafür.“

„Wofür ist meine Schwester der Grund?“

„In letzter Zeit hat Arthur auffallend viele Briefe geschrieben und Gedichtbände gelesen. Um den Namen seiner Angebeteten macht er jedoch ein großes Geheimnis. Wenn es Sie tröstet, Mary, ich bin mir gewiss, seine Absichten sind lauter.“

„Oh, das weiß ich. Er hat Ginny bereits einen Antrag gemacht. Meine Eltern billigen die Verbindung jedoch nicht.“

„Ah, ja. Selbstverständlich können sie es nicht billigen, wenn ein junger Gentleman ohne gesicherte Zukunft ihrer Tochter den Hof macht.“

Allzu gut war Mary noch in Erinnerung, dass ihre Eltern ihn einst aus denselben Gründen abgelehnt hatten. „Gewiss ist Captain Heelis ein respektabler, aufrichtiger junger Gentleman, aber … Können Sie verstehen, in welcher Zwickmühle ich mich befinde? Ginny steht unter meiner Obhut.“

Er nickte. „Ich werde mit Arthur sprechen, obwohl ich befürchte, dass dies nicht viel bewirken wird. Verliebte junge Menschen …“

„… sind nicht ganz zurechnungsfähig“, sagte Mary leise.

Dominick lachte. „Oft hat es den Anschein, aber solche Empfindungen vergehen, wie Sie wohl wissen.“

Vergingen sie tatsächlich? Einst hatte sie ebenso gedacht, aber nun, da sie sich im Bann seiner wunderschönen Augen gefangen sah, war sie sich dessen ganz und gar nicht mehr sicher.

„Ich wünschte nur, diese Gefühle verflögen ein wenig schneller“, sagte sie. „Meine Schwester weint und klagt unaufhörlich.“

„Immerhin versucht sie sich nicht als Dichterin und liest Ihnen anschließend ihre literarischen Ergüsse vor, um Ihre Meinung dazu zu erbitten“, erwiderte Dominick sarkastisch. „Byron hat jedenfalls von den Werken meines Cousins keine Konkurrenz zu fürchten.“

„Ich danke Ihnen dafür, dass Sie mit Ihrem Cousin sprechen wollen“, sagte Mary. „Auch wenn es keinen unmittelbaren Erfolg zeigen sollte, so wird das Gespräch möglicherweise einen Keim der Vernunft säen. Ich fürchte, sonst bleibt mir nichts anderes übrig, als in Kürze mit Ginny zu verreisen.“

„Verlassen Sie die Stadt über die Weihnachtsfeiertage?“

Mary schüttelte den Kopf. „Nein, erst zu Neujahr. Ich möchte Weihnachten in meinem eigenen Zuhause feiern, obwohl es kein friedliches Fest werden wird, wenn Ginny das Wehklagen nicht einstellt.“

„Oh, ja.“ Dominick betrachtete erneut die Statuette von Persephone. Seine Miene war unergründlich. „Ich weiß noch, wie sehr Sie das Weihnachtsfest mochten.“

Plötzliches Gelächter, das von der Eingangstür kam, ließ sie aufschrecken. Mary hatte einen Augenblick lang vergessen, dass es außer ihr und Dominick noch andere Menschen auf der Welt gab.

„Ich muss gehen“, sagte sie rasch. Sie zog eine Hand aus ihrem Muff und bot sie ihm. „Vielen Dank, dass Sie mit Captain Heelis sprechen wollen. Schon allein dass ich mich jemandem anvertrauen konnte, hat mir eine große Last von der Seele genommen.“

Er ergriff ihre behandschuhte Hand und hob sie an seine Lippen. Flüchtig streifte sein Mund ihre Fingerknöchel, warm spürte sie seinen Atem durch das dünne Leder hindurch. „Ich freue mich, wenn ich Ihnen zu Diensten sein konnte.“

Plötzlich wurde es Mary heiß und kalt zugleich. Hastig entriss sie ihm ihre Hand und eilte aus der Galerie. Beim Verlassen des Raumes passierte sie zwei Damen und drei Gentlemen, die an der Tür standen und sich unterhielten. Eine der Damen, sie war blond und trug einen höchst auffälligen Hut mit Feder und ein Kleid, das für die Tageszeit viel zu tief ausgeschnitten war, rief: „Dominick! Hier hältst du dich also versteckt, du ungezogener Schlingel …“

Mary eilte an der Gruppe vorbei, obwohl sie den Wunsch verspürte, sich umzudrehen und zu sehen, was der „ungezogene Schlingel“ der Dame antwortete. Aber nein, was kümmerte sie das. Es durfte sie nicht kümmern. Jetzt nicht mehr.

Dominick schritt die Straße entlang, ohne auf die Menschen zu achten, die mit heiterer Miene und Weihnachtsgeschenken beladen an ihm vorbei nach Hause eilten. Er hatte auch keinen Blick für die festlich mit Girlanden und Tannenzweigen geschmückten Schaufenster oder den grauen Winterhimmel.

In Gedanken sah er immer noch Marys schokoladenbraune Augen, die ihn unter dichten Wimpern anblickten. Ein flüchtiges Lächeln stahl sich auf seine Lippen. So wie einst waren sie einen Augenblick lang wieder verwandte Seelen gewesen, die sich auch ohne Worte verstanden und sich wie magisch zueinander hingezogen fühlten. Und als er im Museum ihre Hand küsste …

Dann aber waren Dorothy und seine Freunde gekommen. Dorothy war Schauspielerin und früher einmal für kurze Zeit seine Mätresse gewesen. Der Ausdruck in Marys Augen war ihm nicht entgangen, als Dorothy ihn ansprach. Ihre Miene war ernst geworden, und seltsamerweise hatte sie auch enttäuscht gewirkt.

Verflixt noch mal! Sie hatte kein Recht, enttäuscht von ihm zu sein. Ebenso wenig hatte er das Recht, solche Gefühle zu verspüren. Am liebsten wäre er ihr nachgeeilt, hätte sie in seine Arme gezogen und ihr alles erklärt. Wie aber konnte er seinen anrüchigen Lebenswandel überhaupt erklären?

Eine Dame mit einem kleinen Mädchen an der Hand trat plötzlich aus einer Ladentür und stieß dabei versehentlich mit ihm zusammen.

„Oh, bitte entschuldigen Sie“, sagte sie und sah verlegen unter ihrer Hutkrempe zu ihm hinauf. „Ach, Sie sind es, Lord Amesby. Guten Tag.“

Es ist wie verhext, offenbar soll mich heute alles und jedes an Mary erinnern, dachte er. Denn er war ausgerechnet mit Charlotte Fitzmanning zusammengestoßen, Marys Schwägerin.

„Es freut mich, Sie wiederzusehen, Miss Fitzmanning“, grüßte er höflich und zog den Hut. „Oh, entschuldigen Sie, ich sollte Sie nicht länger mit Ihrem Mädchennamen, sondern vielmehr mit Lady Bassington anreden.“

„Das stimmt wohl, allerdings klingt diese Anrede so furchtbar verstaubt, und ganz korrekt ist auch sie nicht mehr. Ich bin inzwischen Lady Derrington geworden, weil mein Gatte Drew den Titel erbte, als sein armer kleiner Neffe im vergangenen Jahr tragischerweise an einem Fieber verstarb“, fügte sie mit trauriger Stimme erklärend hinzu. Auch das Lächeln in ihren Augen erlosch. Schützend legte sie den Arm um das kleine Mädchen, das sein Gesicht schüchtern in den Falten ihrer Röcke vergrub.

„Verstarb …?“ Marys Sohn war tot? Eine eiskalte Hand schloss sich fest um sein Herz, und er blickte Charlotte sprachlos vor Entsetzen und Trauer an. Oh, Mary! Sie hatte Kinder immer so sehr geliebt. Wie schrecklich musste dieser Verlust für sie sein. Alles hätte er gegeben, wenn er in diesen schweren Stunden für sie hätte da sein können. „Es tut mir sehr leid, dies zu hören.“

„Es war furchtbar“, sagte Charlotte. „William war ein sehr liebenswerter Junge, und er ist so schnell von uns gegangen. Mary war am Boden zerstört.“

„Ist sie … Wie geht es ihr jetzt?“, fragte er. Mühsam bezwang er das Verlangen, auf der Stelle zu ihr zu eilen, ein Verlangen, das er in all den Monaten seit ihrer Begegnung in Welbourne Manor bereits verspürt und mit eisernem Willen unterdrückt hatte. Sicherlich würde Mary es ganz und gar nicht schätzen, wenn er plötzlich wieder in ihr Leben trat.

„Sie gibt sich tapfer und versichert uns, es ginge ihr gut“, antwortete Charlotte. „Indes spüre ich ihren Kummer, obgleich sie ihn zu verbergen sucht. Sie hatte immer so viel Freude an Weihnachten. Drew, unsere Tochter Anna und ich hoffen, wir können sie an den Feiertagen ein wenig aufmuntern. Wir haben gehofft, in diesem Juweliergeschäft ein schönes Geschenk für sie zu finden.“

Dominick schaute über Charlottes Schulter hinweg in das Schaufenster. Die glitzernden Schmuckstücke nahm er indes kaum wahr, so sehr bekümmerte ihn Marys Schicksal und das ihres kleinen Sohnes. „Haben Sie etwas Passendes gefunden?“

„Anna glaubt, die Amethystohrringe könnten ihr gefallen“, meinte Charlotte. „Violett ist Marys Lieblingsfarbe. Allerdings trägt sie derzeit nur Grau. Ich glaube, ich muss nach einem anderen Weg suchen, um wieder ein wenig Farbe in ihr Leben zu bringen.“

Wieder Farbe in Marys Leben bringen, wie gerne würde er das tun. Aber dieses Recht hatte er bereits vor langer Zeit verwirkt. „Ich wünsche Ihnen viel Glück.“

„Ich bin auf dem Weg zu Hatchards, um dort meinen Gatten zu treffen. Möchten Sie uns nicht begleiten? Wenn ich mich nicht täusche, sind auch Sie ein Bücherfreund, und ich weiß, Drew würde sich freuen, Sie wiederzusehen. Es ist schon so lange her, dass wir Ihre Gesellschaft genießen konnten.“

Das kleine Mädchen schaute ihn schüchtern aus bezaubernden dunklen Augen an.

„Bedauerlicherweise habe ich noch einige dringende Besorgungen zu erledigen, Lady Derrington“, sagte er. „Bitte grüßen Sie Drew herzlich von mir.“

Charlotte nickte bedächtig und musterte ihn mit scharfsichtigem Blick. „Wir haben Sie bei unserer Hochzeit und Annas Taufe vermisst. Vielleicht sehen wir uns ja bald einmal wieder?“

„Ich hoffe es, Lady Derrington.“ Dominick sah Charlotte nach, wie sie mit dem kleinen Mädchen an der Hand die Straße hinunterging. Ein mit Paketen beladener Lakai folgte den beiden mit großen Schritten. Menschen drängten sich an Dominick vorbei, doch er bemerkte es nicht. Vor seinem inneren Augen sah er Mary. So tapfer war sie, so wunderschön und so bedauernswert. Er konnte an nichts anderes denken als an sie und welch großes Leid ihr widerfahren war.

Gab es eine größere Qual als den Verlust eines Kindes? Schon einmal war er Zeuge eines solchen Schicksalsschlages geworden, wusste, dass sich der Kummer schmerzvoll wie ein Messer tief in die Seele bohrte. Diese Erfahrung hatte ihm auch gezeigt, dass er nicht zum Vater taugte, dass er diejenigen, die er liebte, nicht schützen konnte. Zu wissen, dass auch Mary so furchtbar leiden musste …

Er wandte sich ab, hielt blindlings nach etwas Ausschau, ohne zu wissen, was er suchte. Dann aber nahm ein Paar Ohrringe in der Mitte des Schaufensters seine Aufmerksamkeit gefangen. Sie funkelten in einem tiefdunklen Violett wie Veilchen, die Hoffnung bringend ihre Köpfe durch eine kalte weiße Schneedecke emporrecken.

Ohne weiter darüber nachzudenken, trat er in den Laden.

Als er schließlich nach Hause kam, das kleine Päckchen, das er wohl nie aushändigen würde, sicher in seiner Manteltasche verstaut, stellte er fest, dass sein Cousin ausgegangen war. Ihr Gespräch über die junge Miss Smythe würde wohl warten müssen.

Womöglich ist es besser so, befand Dominick, während er das Päckchen mit der Schmuckschatulle wegschloss. Er fühlte sich derzeit ohnehin nicht in der Lage, jemandem in zusammenhängenden Sätzen eine Moralpredigt über Verantwortungsbewusstsein zu halten. Nicht, wenn seine Gedanken ständig nur um Mary kreisten.

3. KAPITEL

Mary klopfte mit dem Finger an den Rand ihrer Kakaotasse und blickte zu dem leeren Stuhl am Frühstückstisch. Ihre Schwester war nicht erschienen. Offenbar schmollte Ginny immer noch. Auch den gestrigen Abend hatte sie in ihrem Zimmer verbracht und war nicht einmal zum Dinner heruntergekommen. „Das muss aufhören“, murmelte Mary.

„Wie bitte, Mylady?“, fragte das Dienstmädchen, das im Begriff war, den Toast aufzufüllen.

„Fühlt sich meine Schwester nicht wohl?“, fragte Mary zurück.

„Ich weiß es nicht, Mylady. Ich bin Miss Smythes Zofe heute Morgen noch nicht begegnet.“

„Dann werde ich besser einmal nachsehen.“ Mary legte die Serviette neben den Teller und erhob sich, bemüht, ein freundliches Lächeln zu bewahren, während sie das Frühstückszimmer verließ und nach oben ging. Ob Ginnys Temperamentsausbrüchen und ihren unaufhörlichen Zwistigkeiten tratschten die Dienstboten sicherlich bereits genug über sie.

Fest klopfte Mary an die Tür von Ginnys Schlafzimmer. „Ginny, du musst etwas essen, sonst wirst du noch krank!“

Sie erhielt keine Antwort. Mary öffnete bedächtig die Tür und spähte ins Schlafzimmer, sich innerlich für weitere Tränen wappnend.

Das Zimmer lag im Dunkeln. Die Vorhänge waren vorgezogen. Voll banger Vorahnung zog Mary sie auf und ließ das helle Licht der Morgensonne hereinströmen, ehe sie sich nach Ginny umsah.

Ihr Bett war indes unberührt, die Frisierkommode abgeräumt. Die Türen des Kleiderschrankes standen weit offen, und Mary entdeckte, dass mehrere Kleider fehlten.

Einen Augenblick lang stand sie wie angewurzelt da, sicher, sich das alles nur einzubilden. Gewiss hatte Ginny ihr bloß einen Streich gespielt, um sich zu rächen, weil sie bei den Eltern kein gutes Wort für Captain Heelis eingelegt hatte. Dann aber fiel ihr Blick auf das Blatt Papier, das auf dem Kopfkissen lag.

Es war mit Ginnys schnörkeliger Handschrift beschrieben. Sie nahm es zur Hand und las: „Allerliebste Mary! Ich bedaure zutiefst, dass ich Dir dies antun muss, nachdem Du Dich mir gegenüber so freundlich gezeigt hast. Ich fürchte indes, mir bleibt keine andere Wahl. Ich liebe Captain Heelis von ganzem Herzen. Wir wissen, dass wir zusammengehören. Während Du dies liest, sind wir auf dem Weg nach Gretna Green. Bitte vergib mir, geliebte Schwester, und freue Dich für uns.

In Liebe,

Ginny“

Oh, dieses dumme, törichte Mädchen, dachte Mary und zerknüllte das Blatt, während ihre Gedanken rasten. Ihre Eltern würden fuchsteufelswild werden. Sicherlich würden sie Ginny finanziell nicht mehr unterstützen und sie selbst für diesen Vorfall verantwortlich machen, weil sie nicht gut genug auf ihre Schwester aufgepasst hatte. Die Familien Smythe und Derrington würden Mittelpunkt eines Riesenskandals werden. Nicht auszudenken, wo doch die Familie ihres verstorbenen Gatten so stolz auf ihren guten Namen war.

Es sei denn …

Es sei denn, sie könnte das Liebespaar aufhalten, bevor jemand erfuhr, dass die beiden durchgebrannt waren. Wenn sie Ginny und Captain Heelis fand, bevor sie Schottland erreichten, konnte man diese Eskapade sicherlich geheim halten.

Und sie kannte nur eine einzige Person, die ihr bei diesem Vorhaben helfen konnte.

Mit der zerknüllten Notiz in der Hand eilte sie aus dem Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Sie wollte unverzüglich die Kutsche vorfahren lassen.

Mary verharrte auf der Türschwelle des vornehmen Stadthauses. Trotz der dicken Wollpelisse und des Schleiers an ihrem Samthut zitterte sie. Schon zweimal hatte sie sich vergewissert, ob die Adresse stimmte. Dennoch zweifelte sie daran, dass sie vor dem richtigen Haus stand, denn es wirkte so verlassen. Alle Vorhänge waren vorgezogen, und aus dem Schornstein kam kein Rauch. Auf ihr Klopfen öffnete niemand.

Mary blickte zum Himmel hinauf, der durch ihren Schleier grau und verschwommen wirkte, dann sah sie die Straße hinunter, die ebenfalls still und verlassen lag. Die Gegend indes machte einen respektablen Eindruck. Einen Augenblick lang bereute sie, dass sie die Kutsche nach ihrem Besuch bei den Quickleys nach Hause geschickt und zu Fuß zu Dominick gelaufen war, weil sie verhindern wollte, dass jemand erfuhr, wen sie besuchte.

Vielleicht war es nur gut, dass niemand ihr öffnete.

Sie wandte sich zum Gehen, doch da schwang die Tür plötzlich auf. Vor ihr stand jedoch kein Butler oder Lakai, sondern Dominick höchstpersönlich.

Ganz offenbar hatte sie ihn in einer privaten Stunde gestört, denn er trug keinen Gehrock und hatte seine Brokatsamtweste nicht zugeknöpft. Das Krawattentuch war gelockert, und eine goldblonde Locke seines zerzaust wirkenden Haares fiel ihm in die Stirn. Er blickte ebenso benommen, wie sie sich fühlte.

„Verzeihen Sie, ich habe …“ Er brach ab, als sie den Schleier hob, um ihr Gesicht zu enthüllen.

„Meine Schwester ist mit deinem Cousin durchgebrannt“, brach es aus Mary heraus. „Ich benötige deine Hilfe.“

Dominick presste die Lippen zusammen, ein Muskel zuckte in seiner Wange. „In diesem Fall kommst du wohl besser herein.“

Mary nickte und trat über die Schwelle, die Hände in ihrem Muff fest ineinander verschränkt. Er schloss die Tür, und sie überkam der heftige Drang, zu fliehen, als ob sie durch das Verlassen dieses Hauses all ihre neu erwachten, verwirrenden Gefühle für ihn hinter sich lassen könnte. Er war jedoch der Einzige, der ihr in dieser Situation helfen konnte. Und wenn sie ehrlich zu sich war, dann musste sie sich eingestehen, dass sie eigentlich gar nicht gehen wollte.

„Es tut mir leid, ich habe den Dienstboten heute freigegeben“, erklärte er. „Daher wirkt mein Haus wohl ein wenig desolat. Komm bitte mit in die Bibliothek. Dort ist es wärmer.“

Während er ihr voran durch den schmalen Flur ging, schloss er die Knöpfe seiner Weste und strich sich das Haar zurück. Der goldene Siegelring an seinem Finger glitzerte im dämmrigen Licht.

Mitgegangen, mitgehangen, dachte Mary. Dies pflegte ihr Kindermädchen immer zu sagen, als sie noch ein kleines Mädchen war.

In der Bibliothek war es tatsächlich wärmer und auch gemütlicher als in der karg eingerichteten Halle. Smaragdgrüne und rubinrote Teppiche lagen auf dem Parkettboden, und vor den Fenstern hingen dunkelgrüne Samtvorhänge. Auf dem Schreibtisch stand ein Leuchter, und im Kamin prasselte ein Feuer, das die Kälte abhielt und sein warmes Licht auf die Bücher in den Regalen an den Wänden warf. Vor dem Kamin standen offene Kisten, die Dominick wohl gerade hatte auspacken wollen.

„Ich weiß nicht, wie man Tee bereitet“, sagte er mit bedauerndem Lächeln. „Ein Glas Brandy könnte ich dir allerdings anbieten. Vermutlich findest du daran aber keinen Geschmack.“

„Oh, Brandy erscheint mir in dieser Situation genau das Richtige zu sein.“ Mary legte ihren Muff und die Handschuhe auf den Tisch und löste die Bänder ihres Hutes.

„Dann sollst du ihn auch bekommen.“ Er schenkte eine großzügige bemessene Menge der bernsteinfarbenen Flüssigkeit in zwei Gläser und reichte ihr eines davon. Als sie das Glas entgegennahm, streifte seine Hand leicht die ihre, warm und stark und seltsam beruhigend.

Mary nahm einen großen Schluck und genoss das Brennen in ihrer Kehle. Es gab ihr neuen Mut, wenngleich sie wusste, dass diese frisch gewonnene Courage nicht dem entsprach, was sie im tiefsten Inneren ihres Herzens empfand. „Ja, das war eindeutig das Richtige“, sagte sie.

„Es freut mich, wenn ich dir zu Diensten sein konnte. Bitte, setz dich ans Feuer und erzähle mir, was geschehen ist. Seit wann vermisst du deine Schwester?“

Das Glas fest in den Händen haltend, sank Mary auf den Stuhl, den er ihr zurechtgerückt hatte. Als er ihr gegenüber Platz nahm, sah sie, dass er seinen Brandy kaum angerührt hatte.

„Sie muss irgendwann gestern Abend gegangen sein“, sagte sie und trank einen weiteren Schluck. „Sie kam nicht zum Dinner herunter. Ich dachte, sie schmollt mal wieder, aber wahrscheinlich war sie mit Packen beschäftigt. Weißt du, wann Captain Heelis das Haus verlassen hat?“

Dominick schüttelte den Kopf. „Ich habe Arthur seit gestern früh nicht mehr gesehen. Er war nicht hier, als ich nach dem Besuch im Museum nach Hause kam. Allerdings ist dies nichts Ungewöhnliches. Er verlässt oft unverhofft das Haus.“

„Vermutlich immer dann, wenn es Ginny möglich ist, sich heimlich mit ihm zu treffen.“

„Weißt du, was die beiden vorhaben?“

Mary blickte niedergeschlagen in ihr Glas. „Ginny schrieb, sie wollen nach Gretna Green. Bevor ich zu dir kam, habe ich ihre beste Freundin Angelica Quickley aufgesucht. Nach eindringlichem Zureden verriet sie mir schließlich, dass Ginny und Captain Heelis aufgrund des unvorhersehbaren Wetters weitgehend der Great North Road nach Schottland folgen wollten. Ich wollte versuchen, diese Eskapade geheim zu halten, aber …“

„Aber es könnte Gerüchte geben, die sich wie ein Lauffeuer ausbreiten“, sagte er ernst. „Ja, das weiß ich nur zu gut.“

„Hat sich Captain Heelis dir nicht anvertraut?“

„Nein, er fragt mich so gut wie nie um Rat, wenn man von seiner unglückseligen Dichtkunst einmal absieht. Selbstverständlich hätte ich dich informiert, wenn ich auch nur den Hauch einer Ahnung von seinen Plänen gehabt hätte, oder zweifelst du etwa daran?“

„Ich … Nun, da du selbst schon einmal durchgebrannt bist, scheinst du einem solchen Vorhaben nicht gänzlich abgeneigt, Dominick“, sagte Mary und bereute ihre Worte, kaum dass sie ihre Lippen verlassen hatten. Vielleicht war der Brandy doch nicht das Richtige für diese Situation.

Dominick presste erneut die Lippen zusammen, erwiderte aber nichts darauf. Er ging zu einem der Regale, zog ein dickes Buch heraus, legte es auf den Tisch und schlug es auf. Mary erkannte, dass es sich um einen Kartenband handelte. Eine der Straßenkarten studierte er aufmerksam, wobei er die Hände auf dem Tisch aufstützte. Dabei fiel ihm erneut eine Locke in die Stirn. Unvermittelt überkam sie das eigenartige Verlangen, sie aus seinem Gesicht zu streichen, um festzustellen, ob sein Haar ebenso weich war, wie es aussah, sich so weich anfühlte, wie sie es in Erinnerung hatte.

Rasch stellte sie das Glas ab und verschränkte die Hände auf dem Schoß.

„Wenn sie bereits gestern Abend aufgebrochen sind, haben sie einen ansehnlichen Vorsprung“, sagte er. „Wenn sie aber tatsächlich die Hauptstraße nach Norden nehmen, besteht noch die Chance, sie zu finden. Im Winter kommt man nicht so schnell voran. Ich werde mich unverzüglich auf den Weg machen.“

Du wirst dich auf den Weg machen?“, fragte Mary.

„Selbstverständlich.“ Mit ernster, unergründlicher Miene erwiderte er ihren Blick. Im fahlen Lampenlicht wirkten seine Züge wie in Stein gemeißelt. „Denkst du etwa, ich lehne mich zurück und sehe in aller Seelenruhe zu, wie ein junges Paar in sein Unglück rennt?“

„Ich …“ Sie wusste nicht, was sie gedacht hatte. Sie wusste lediglich, dass sie Hilfe brauchte und sich in ihrer Not unwillkürlich an ihn gewandt hatte. „Du kannst dich nicht allein auf die Suche begeben.“

„Gibt es noch jemanden, dem du diesen Vorfall guten Gewissens anvertrauen kannst?“

Nein, natürlich nicht, dachte Mary. Es gab niemanden, der die Folgen nicht absehen und dennoch kein Urteil über ihre Schwester fällen würde, so wie Dominick. Er wusste besser als jeder andere über diese Dinge Bescheid. Der Gedanke indes, dass er in diesem unberechenbaren Winterwetter allein unterwegs war, noch dazu wegen ihrer törichten Schwester, bereitete ihr Unbehagen. Außerdem musste sie an Ort und Stelle sein, um Ginny zu einer friedlichen Umkehr zu bewegen, obgleich ihr bei der Vorstellung, allein mit Dominick zu sein, das Herz bis zum Hals schlug.

„Ich komme mit dir. Ginny ist meine Schwester. Ich bin für sie verantwortlich und habe in meiner Pflicht versagt. Wenn du Ginny gefunden hast, werde ich mich um sie kümmern müssen.“ Vielleicht konnte sie auf diese Weise auch ein wenig wieder gutmachen, dass sie ihrem Sohn nicht hatte helfen können.

Er schüttelte entschlossen den Kopf. „Nein, Mary. Es ist bitterkalter Dezember, und wir haben nicht die Zeit, um mit einer großen, langsamen Kutsche zu reisen.“

„Dann nehmen wir eben eine kleine, schnellere. Wie ich hörte, bist du im vergangenen Sommer ein Wettrennen mit einer Karriole nach Brighton gefahren.“

Dominick lachte auf. „Du willst bei diesem Wetter mit einer offenen Karriole fahren?“

„Dann miete ich halt eine Kalesche. Die kannst du gewiss auch kutschieren. Oder wir reiten eben, ich bin immer noch sattelfest. So oder so, ich werde mitkommen.“

„Mary“, sagte er erneut. Beim Klang ihres Namens, ausgesprochen von seiner volltönenden, tiefen Stimme, verspürte sie ein Kribbeln bis in die Fußspitzen. „Was geschieht wohl, wenn man uns zufällig zusammen sieht? Die respektable verwitwete Lady Derrington verreist mit dem berüchtigten Schwerenöter Lord Amesby – die Klatschzungen würden keine Ruhe mehr geben. Du hast deine Entscheidung nicht durchdacht.“

Damit hatte er natürlich recht. Seit der Entdeckung von Ginnys Nachricht hatte sie über ihr Handeln nicht mehr nachgedacht. Aber sie war es auch leid, jede Entscheidung sorgfältig zu überdenken und sämtliche möglichen Folgen zu berücksichtigen. Sie war es leid, immerzu so verflixt vorausschauend handeln zu müssen. Vorsicht und Vernunft hatten sie überhaupt erst in diese missliche Lage gebracht.

„Ich habe darüber nachgedacht“, erwiderte sie. „Und ich werde nicht zu Hause sitzen und mich sorgen, während du den beiden nachreist. Meine Schwester braucht mich, und ich habe etwas in Ordnung zu bringen.“

„Mary …“, setzte er an. Sein Tonfall war eine Nuance schärfer geworden.

„Nein, Dominick“, fiel sie ihm ins Wort. „Wir werden gemeinsam nach ihnen suchen. Mein Entschluss steht fest, und ich lasse mich nicht davon abbringen.“

„Das weiß ich noch allzu gut von früher.“ Er schloss das Buch und stützte die Fäuste darauf. „Du bist die eigensinnigste Dame, die ich kenne.“

„Ich habe mich nicht verändert.“ Mary stand auf und ging langsam zu ihm hinüber, wie magisch von ihm angezogen. „Dominick, vor vielen Jahren hast du mich schon einmal abgewiesen. Bitte weise mich jetzt nicht wieder zurück und hilf mir, damit ich meiner Schwester helfen kann.“

Einen kurzen Lidschlag lang trat ein kummervoller Ausdruck in seine Augen, doch gleich darauf wurde seine Miene wieder zu einer undurchdringlichen Maske. Sacht strich er mit der Hand über ihre Wange. Die zärtliche Berührung hinterließ eine flammende Spur auf ihrer Haut.

„Die einzig ehrenhafte Tat in meinem Leben war, dich damals zurückzuweisen“, sagte er leise. „So nobel kann ich kein zweites Mal sein.“

„Dann sei es auch nicht!“ Mary legte ihre Hand über seine und hielt ihn fest. Sanft legte er seine Finger auf ihr Gesicht. „Lass mich mit dir kommen“, bat sie. „Ich verspreche dir, dass ich stark sein werde. Was immer wir auch vorfinden werden, ich kann es ertragen.“ Solange er nur bei ihr war.

Er blickte sie schweigend an, und sie hatte das Gefühl, als würde die Luft vor Anspannung knistern. Sie nahm nichts mehr wahr, außer ihm. Plötzlich beugte er sich vor. Wollte er sie etwa küssen? Unvermittelt öffnete Mary den Mund und lehnte sich leicht vor, denn sie sehnte sich danach, zu erfahren, ob sein Kuss wie einst dieses wundersame Gefühl flammender Leidenschaft und unbändiger Lebensfreude in ihr auflodern lassen konnte.

Da aber wandte er sich abrupt ab und straffte die Schultern. Bebend atmete Mary ein und schalt sich stumm eine Närrin. Es war töricht, sich so sehr nach einem Kuss von ihm zu verzehren. Ihre jugendliche Romanze gehörte der Vergangenheit an. Seitdem waren viele Jahre vergangen, und sie hatten sich beide verändert.

Sie war hergekommen, damit er sie bei der Suche nach Ginny unterstützte. Das durfte sie nicht vergessen.

„Kannst du in zwei Stunden bereit zur Abreise sein?“, fragte er mit rauer Stimme.

„Ich … Ja, natürlich“, antwortete sie. Sie musste niemandem mehr Rechenschaft ablegen.

„Wir treffen uns wieder hier. Ich werde mich um eine Kutsche kümmern. – Mary …?“

„Ja?“

„Charlotte hat mir erzählt, dass du deinen Sohn verloren hast. Ich bedaure aufrichtig, dass du einen solch schweren Schicksalsschlag erleiden musstest.“

Die Worte waren schlicht, doch in seiner Stimme lagen Verständnis und Mitgefühl. Mary wandte sich um und nickte, wohl wissend, dass er es nicht sehen konnte. Wie von Dämonen gejagt, hetzte sie aus dem Zimmer und wischte ungeduldig die heißen Tränen fort. Tränen, die seine freundlichen, mitfühlenden Worte ausgelöst hatten.

Wenn mich eine Stunde in seiner Gegenwart bereits so sehr aus der Fassung bringt, was wird dann erst geschehen, wenn wir auf dem Weg nach Norden sind, ganz allein? dachte sie. Werde ich verrückt werden und mich ihm auf dem Kutschbock an den Hals werfen?

Sie war sich sicher, dass irgendetwas Unglückseliges vorfallen würde. Dennoch durchströmte sie eine Welle des Glücks, als sie sich auf den Heimweg machte. Fast hätte sie sogar laut gelacht.

Dominick ging mit großen Schritten die Straße entlang. Menschen mit glücklichem Weihnachtslächeln im Gesicht eilten an ihm vorüber, doch er schenkte ihnen keine Beachtung. Einige seiner Bekannten hatten ihn zwar gegrüßt, doch sein finsterer Blick hielt sie davon ab, ein Gespräch mit ihm anzufangen, und so gingen auch sie weiter.

Es war ihm gelungen, den Mietstall ausfindig zu machen, in dem sich sein Cousin eine Kutsche besorgt hatte. Dort hatte man indes keine Ahnung, wohin Arthur Heelis reisen wollte. Der Eigentümer vermietete Dominick einen Zweisitzer und prophezeite, dass ihm sicherlich raue Witterungsbedingungen bevorstünden.

Arthur, du verfluchter Narr, dachte Dominick verärgert, als er in eine Pfütze mit kaltem Wasser trat, das über seine Stiefel spritzte. Nicht nur, dass sein Cousin mit Ginny Smythe durchgebrannt war, wohl wissend, dass er nicht die nötigen Mittel besaß, um eine Gattin zu versorgen. Nein, er hatte sich im tiefsten Winter obendrein auch noch ausgerechnet Schottland als Reiseziel ausgesucht. Dominick hatte damals, als er mit Lady Newcombe durchbrannte, wenigstens versucht, wärmere Gefilde zu erreichen.

Obgleich dies der armen Eleanor letztendlich auch nichts mehr genutzt hatte. Und nun musste er sich den unangenehmen Folgen stellen, dass sein Cousin mit Marys Schwester durchgebrannt war.

Mary. Womöglich war er ein ebenso großer Narr wie Arthur, denn immerhin hatte er eingewilligt, Mary auf eine zweifellos lange und anstrengende Reise mitzunehmen. Vor langer Zeit hatte er sie zurückgewiesen, weil er befürchtete, sich in ihrer Gegenwart nicht beherrschen zu können. Und diese Befürchtung hegte er immer noch.

Als sie ihn mit ihren großen dunklen Augen anblickte, hätte er ihr jeden Wunsch erfüllt. Und als sie ihre rosigen Lippen öffnete …

In diesem Augenblick hätte er sie am liebsten so fest umschlungen, dass nicht einmal ein Tuch mehr Platz zwischen ihnen gefunden hätte, und sie bis zur Besinnungslosigkeit geküsst. Zu gern hätte er erfahren, ob ihre Küsse immer noch so schmeckten wie früher – süßer und berauschender als Wein.

Wäre es ihm überhaupt möglich, sich zu beherrschen, wenn sie nun tagelang gezwungenermaßen so nah beieinander waren? Oder würden die Erinnerungen ihn überwältigen und die jahrelang unterdrückte Leidenschaft wieder hervorbrechen und all seine entschlossenen Versuche, sie zu vergessen, zunichtemachen?

Er würde es bald herausfinden. Schon einmal war es ihm gelungen, sich von ihr fernzuhalten, damit er ihr Leben nicht ruinierte. Gewiss würde ihm dies auch ein zweites Mal gelingen. Er fühlte sich zu alt, um zu heiraten, zu eingefahren in seinen Gewohnheiten und nicht gut genug für eine Frau, ganz zu schweigen für eine solch anständige, unschätzbar großherzige Frau wie Mary. Er würde ihre Schwester finden und danach Mary Smythe ein für alle Mal aus seinem Gedächtnis streichen.

4. KAPITEL

Vielleicht ist es doch keine so gute Idee gewesen mitzukommen, dachte Mary.

In eine warme Pelisse und einen Umhang gehüllt, die pelzbesetzte Kapuze eng um ihr Gesicht gezogen, kauerte sie auf dem Kutschbock. Dennoch fuhr ihr der eiskalte Wind schneidend bis ins Mark. Der Himmel hatte die tiefviolette Färbung eines Blutergusses angenommen und bewölkte sich zusehends. Es sah ganz danach aus, als würden die schwarzen Wolken in wenigen Minuten eine wahre Sintflut von Regen über sie ergießen.

Wenn sie Ginny fanden, würde sie ihrer Schwester gehörig und laut die Meinung sagen, weil sie ihnen derartige Strapazen zugemutet hatte. Danach wollte sie den restlichen Winter vor einem warmen Kaminfeuer sitzen und sich nicht mehr von der Stelle rühren.

Verstohlen schaute sie zu Dominick hinüber, der schweigsam, in einen dicken Wintermantel eingemummelt, an ihrer Seite saß und die Pferde zu größerer Eile antrieb. Von seinem Gesicht war kaum etwas zu sehen. Ein Schal verdeckte die untere Hälfte, und den Hut hatte er tief in die Stirn gezogen. Seit ihrer Abreise hatte er kaum ein Wort mit ihr gesprochen.

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