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Mitgiftjäger wider Willen / Stürmische Herzen im Herbst / Das Geständnis der verlorenen Braut

Nicola Cornick

Mitgiftjäger wider Willen

PROLOG

Major Anthony Lyndhurst

lädt für den 30. September 1819

herzlich zu einer House Party

nach Lyndhurst Chase

u. A. w. g.

September 1819

„Ich muss dich um einen Gefallen bitten, Peter“, sagte Benedict Townend, Marquis of Quinlan, zu seinem ältesten Sohn. „Die Sache ist verdammt ärgerlich, aber nicht zu ändern. Es gibt keinen anderen Ausweg, und ich kann es nicht selbst erledigen. Der Alkohol, du weißt schon.“ Leicht angeekelt deutete er mit einer Flasche süßen Weins auf seinen Schritt. „Schlecht für die Männlichkeit. Macht verflucht schlapp.“

Peter, Viscount Townend, stellte die weiße Einladungskarte aus edlem Papier wieder auf den Kaminsims des Gesellschaftszimmers, auf dem bereits all die anderen Einladungen aufgereiht waren, die zur Teilnahme an den letzten Festivitäten und gesellschaftlichen Höhepunkten der Saison aufforderten. Noch immer war der Marquis of Quinlan in einigen Häusern willkommen, obwohl sich seine Angewohnheit, den Weinkeller des Gastgebers leer zu trinken, längst herumgesprochen hatte. Allerdings nahm er seit geraumer Zeit keine Einladungen mehr an und verließ nur noch ganz selten das Haus.

Peter drehte sich zu seinem Vater um. Er war tief in seinen Lehnstuhl neben dem marmornen Kamin gesunken. Seine rechte Hand lag auf dem Griff eines abgenutzten Gehstocks, während er mit der Linken den Flaschenhals umfasste. Er verzichtete auf ein Weinglas und kippte die Flasche alle paar Minuten gegen seine leicht geöffneten Lippen. Er trug einen Morgenmantel, auf dem Jagdszenen abgebildet waren, und sein zerzaustes Haar war schon lange nicht mehr mit einem Kamm in Berührung gekommen.

Die Aufmachung des Marquis passte auf erschreckende Weise zu den dekadenten Wandmalereien, dem Reigen nackter Putti und mäßig bekleideter Schäferinnen. Weder Quinlan House noch sein Besitzer waren für einen verfeinerten Stil bekannt.

Peter hingegen kleidete sich elegant und maßvoll, als ob er unbewusst gegen die Ausschweifungen des Vaters rebellierte. Er trug einen strengen dunkelblauen Gehrock und helle Pantalons und wirkte inmitten des barocken Prunks wie ein Fremdkörper.

„Mein Mitgefühl ist Ihnen gewiss, Sir“, erwiderte Peter höflich. „Aber ich weiß nicht, wie ich Ihnen helfen könnte.“

„Du musst eine reiche Erbin heiraten“, erklärte der Marquis und wischte sich den Mund mit dem Ärmel ab. „Heiraten, die Braut ins Bett legen, die Ehe vollziehen …“

„Ich verstehe, Sir“, unterbrach Peter seinen Vater, um ihn an weiteren Ausführungen zu hindern. „Sie haben diese Bitte bereits vor einiger Zeit ausgesprochen.“

„Diesmal bitte ich dich nicht, ich befehle es dir“, fuhr ihn der Marquis gereizt an. „Ich will kein ewiges Hin und Her! Die Sache muss baldmöglichst in trockenen Tüchern sein.“

Peter musterte ihn nachdenklich. Sein Vater wich den Blicken bewusst aus und konzentrierte sich ganz darauf, mit zittriger Hand die Falten seines Morgenmantels zu glätten. Wie immer verspürte Peter eine Mischung aus Abscheu und tiefem Mitleid. Seit Jahren trank der Marquis of Quinlan sich ins Grab und stellte seinen Besitz dem Untergang anheim.

Das Ausmaß des Problems war Peter erst bewusst geworden, als er vier Jahre zuvor aus dem Krieg zurückgekehrt war. Der körperliche Verfall seines Vaters hatte ihn furchtbar erschreckt. Doch all seine Bemühungen, den Marquis von der Flasche fernzuhalten, erwiesen sich als vergeblich. Um den Entwöhnungsprozess zu unterstützen, hatte er verschiedene Ärzte kommen lassen, die sich einen Ruf als Experten erworben hatten. Aber der Marquis hatte sie alle rasch abgefertigt, indem er rundheraus erklärte, dass ihm seit dem Tod von Peters Mutter nichts mehr bedeute als sein Weinkeller und er keinesfalls beabsichtige, daran etwas zu ändern.

Peter versuchte, ruhig zu bleiben. „Warum auf einmal diese Eile, Sir?“

Unruhig rutschte der Marquis auf dem Sessel hin und her, als ob er auf heißen Kohlen säße. Er hob die Flasche, bemerkte, dass sie leer war und ließ den Kopf auf die Brust sinken.

„Bank … Hypothek … Aufkündigung … keine weiteren Kredite …“, waren die einzigen Wörter, die Peter aus dem undeutlichen Gemurmel seines Vaters heraushören konnte, aber sie reichten ihm völlig aus, um den Ernst der Lage zu erkennen. Der Marquis of Quinlan war bankrott.

„Wie viel?“, fragte Peter leise.

Der Marquis wand sich und stöhnte, gab aber immerhin eine verständliche Antwort. „Dreißigtausend.“

Im Geiste verdoppelte Peter die Zahl, um eine halbwegs realistische Einschätzung zu haben. Er verzog keine Miene. Als Erbe des verarmten Marquisats war ihm klar gewesen, dass die Aussicht auf seinen Titel eines Tages im Austausch für das Vermögen einer Dame zu Markte getragen würde. Allerdings hatte er nicht damit gerechnet, dass er zu diesem Schritt mit solch rücksichtsloser Hast getrieben werden würde. Dazu gab es nicht mehr viel zu sagen. Sein Vater hatte sein Erbe den Bach hinuntergehen lassen, und sofern er noch irgendetwas davon retten wollte, musste er unverzüglich heiraten.

Triumphierend zog der Marquis eine weitere Flasche unter dem Tischchen aus Walnussholz hervor und hob sie in die Höhe, als wollte er ein Prosit ausrufen. „Kein Grund zur Sorge, mein Junge. Du musst nicht lange herumpirschen, denn ich bin bereits für dich fündig geworden! Eine besonders fette Taube habe ich dir ausgesucht, du brauchst nur noch dein Gewehr herauszuholen und …“

„Bitte ersparen Sie mir Ihre Jagdmetaphern, und kommen Sie zur Sache“, schnitt ihm Peter das Wort ab. Und spöttisch fügte er hinzu: „Wer ist die Glückliche, die Sie für mich auserwählt haben?“

„Es ist Anthony Lyndhursts Cousine“, erwiderte der Marquis. „Nimm direkt den Ehevertrag mit meiner schriftlichen Einwilligung mit, dann kann alles geschwind erledigt werden, und keine Anstandsdame wird dir Hindernisse in den Weg legen.“

Peter starrte auf die weiße Einladungskarte auf dem Kaminsims, deren schwarze Buchstaben bereits sein unausweichliches Schicksal anzukündigen schienen. Lyndhursts Cousine. Er runzelte die Stirn und versuchte, sich an die Lyndhurst-Familie zu erinnern.

„Ich wusste gar nicht, dass Anthony Lyndhurst noch enge weibliche Verwandte hat“, sprach er langsam. „Ich dachte, der Earl of Mardon und sein Bruder, dieser William Lyndhurst-Flint, seien seine nächsten Angehörigen.“

„Cousine ersten oder Cousine zweiten Grades, was macht das für einen Unterschied?“ Der Marquis zuckte mit den Schultern, wodurch das wilde Muster seines Morgenmantels in Bewegung geriet. „Dieses Mädchen ist reich wie Krösus. Das ist das Einzige, was zählt.“

„Und hat sie auch einen Namen, Sir?“, erkundigte sich Peter mit einem bitteren Unterton in der Stimme.

Der Marquis hielt inne und wirkte ein wenig aus dem Konzept gebracht. „Einen Namen? Da es üblich ist, wird sie wohl einen haben. Nur dass er mir jetzt, verflucht noch einmal, nicht einfällt.“ Er trank einen Schluck Wein. „In der Familie Lyndhurst gibt es viel böses Blut und Schändlichkeit, aber das ist nicht zu ändern. Für ein Vermögen von einhunderttausend Pfund würde ich auch meinen Segen geben, wenn du den Teufel persönlich heiraten würdest.“

„Sehr großzügig von Ihnen, Sir“, murmelte Peter. Er fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. Einhunderttausend Pfund. Das war eine gewaltige Summe.

Mit diesem Vermögen konnte er die Quinlan-Ländereien auf Vordermann bringen. Die neuesten agrarwirtschaftlichen Ideen, für die er sich so begeisterte, ließen sich damit in die Tat umsetzen. Es war eine verlockende Vorstellung. Früher war sein Vater ein guter Grundherr gewesen, bevor er der Trunksucht anheimfiel. Seitdem hatte er sich nicht mehr um die Landwirtschaft und um seine Besitztümer gekümmert.

„Ein Zeitvertreib für Landadlige“, hatte der Marquis abgewinkt, als Peter ihn dazu bewegen wollte, dass er selbst die vernachlässigte Wirtschaft von Quinlan auf Vordermann brachte. „Das ist alles schön und gut für Landbarone, aber keine Beschäftigung für einen Viscount. Lass es gut sein.“

Nach dieser Unterredung hatte Peter getan, was in seiner Macht stand, um wenigstens die Not der Pächter zu lindern. Dabei war ihm bewusst, dass sein Vater seine Einmischung missbilligte. Offenkundig wäre es dem Marquis weitaus lieber gewesen, wenn sein Sohn sich in der Stadt verlustiert, Frauen verführt und keinen Handschlag getan hätte, um den Familienbesitz zu retten, der durch schlechte Bewirtschaftung und lasterhafte Verschwendung völlig heruntergekommen war. Müßiggang schien in den Augen seines Vaters für einen verarmten Viscount das Angemessene zu sein.

Peters Vision von ländlichem Glück verschwand sofort wieder vor seinem inneren Auge. Niemals würde er diesen Traum mit dem Geld seiner künftigen Ehefrau verwirklichen. Vielleicht war er zu stolz, doch es ging ihm einfach gegen den Strich. Falls er eine Erbin heiratete, würde er so wenig wie möglich von ihrem Vermögen anrühren, lediglich die dringendsten Schulden begleichen und nur ein paar kleine Verbesserungen für die Bewirtschaftung der Quinlan-Ländereien einführen. Und selbst das widersprach im Grunde seinem Ehrgefühl.

„Ich weiß nicht, was du gegen die Lyndhurst-Familie einzuwenden hast“, sagte er, weil ihn die abschätzige Bemerkung seines Vaters wunderte. „Ich dachte, Anthony Lyndhurst sei ein hoch angesehener Mann.“

Der Marquis schnaubte verächtlich. „Der Mann hat seine Frau ermordet! Von Stil und gutem Benehmen kann da wohl nicht die Rede sein.“

Peter setzte eine finstere Miene auf. „Das ist völliger Unsinn, Sir“, widersprach er. Er hatte als junger Leutnant in Waterloo unter Major Lyndhurst gedient und mit eigenen Augen gesehen, wie selbstlos und tapfer der Major selbst unter heftigem Beschuss kämpfte. Es war lächerlich, ihm einen Mord zu unterstellen, nur weil seine Ehefrau unter rätselhaften Umständen verschwunden war.

Der Marquis verschüttete etwas Wein auf dem türkischen Teppich. „Kein Grund sich aufzuregen, mein Junge! Ich weiß, dass der Mann ein verdammter Kriegsheld ist. Ich habe nur das allgemeine Gerede wiedergegeben.“

„Dann bitte ich Sie, solche Bemerkungen künftig zu unterlassen, Sir“, forderte Peter ihn verärgert auf. „Zumindest, wenn Sie möchten, dass ich bleibe und den Brandy austrinke.“

Der Marquis lächelte halb betrunken, halb spöttisch. Mit dem Kopf deutete er in die Richtung von Peters unberührtem Glas. „Dann stärk dich mal schön. Du wirst es brauchen können.“

Peter verzog die Lippen. „Wieso das? Haben Sie etwa noch mehr böse Überraschungen für mich auf Lager?“

„Die Braut“, erwiderte der Marquis vage.

Peter zog die Augenbrauen hoch. „Was ist mit ihr?“

„Es kann sich bei dem Mädchen um keine sittsame Debütantin mehr handeln“, antwortete der Marquis unverblümt. „Sie muss schon in den Dreißigern sein, und es ist sehr unwahrscheinlich, dass sie noch Jungfrau ist.“

Peter nahm einen großen Schluck Brandy. Obwohl der Weinbrand von ausgezeichneter Qualität war und ihm gut schmeckte, widerstand er dem Bedürfnis, sich direkt noch einen zweiten Schluck zu genehmigen. Die Lage seines Vaters hatte ihn im Umgang mit Alkohol vorsichtig gemacht.

„Und worauf gründet sich Ihre erstaunliche Einschätzung, Sir?“, erkundigte er sich betont gelassen.

Der Marquis blickte seinen Sohn an. „Der Ruf des Mädchens wurde vor Jahren ruiniert, als sie Pfeife rauchend bei einem Treffen von Radikalen erwischt wurde. Das hat vielleicht einen Aufschrei gegeben! Sie haben ihrer Gouvernante die ganze Schuld in die Schuhe geschoben, aber das Mädchen soll auch danach noch stur und eigensinnig geblieben sein.“

Peter unterdrückte ein Grinsen. Er musste zugeben, dass sowohl Pfeiferauchen als auch radikale Politik nicht zu den üblichen Beschäftigungen und Interessen einer Dame gehörten, aber daraus ließen sich aus seiner Sicht keine so abwertenden Schlüsse ziehen.

„Verstehen Sie mich nicht falsch, Sir“, entgegnete er. „Aber in diesem Fall müssen Sie schon deutlicher werden. Was hat das Pfeiferauchen mit der Keuschheit und Reinheit einer Dame zu tun – beziehungsweise mit einem Mangel daran?“

Der Marquis warf ihm einen gereizten Blick zu. „Diese verfluchten Radikalen! Ungebildet, dumm und lasterhaft! Die sind alle durch und durch verdorben. Verstecken sich hinter Hecken und zetteln Revolutionen an! So etwas ist verdammt unbritisch!“

Beinahe hätte Peter belustigt aufgelacht. Sein Vater hatte immer sehr traditionelle politische Ansichten vertreten, dennoch erschien es ihm ungerecht, die Ehre seiner zukünftigen Frau auf der Grundlage solch fadenscheiniger Behauptungen anzugreifen.

„Natürlich steht es Ihnen frei, meine Braut schlecht zu machen, solange ich sie nicht kenne“, bemerkte er. „Aber selbst wenn Ihre Befürchtungen zutreffen, ist sie dem Teufel gewiss vorzuziehen.“ Er seufzte. „Wenigstens werden wir dank ihres Vermögens die Mittel haben, um eine bessere Belüftung zu finanzieren, um den Pfeifenrauch zu vertreiben.“

Der Marquis starrte ihn an. „Du bist verdammt herzlos“, knurrte er. „Fällt dir dazu nichts anderes ein?“

Peter zuckte mit den Schultern. „Wir haben kein Geld, ich bin gezwungen zu heiraten, und Sie haben eine Erbin für mich gefunden“, erwiderte er. „Was gibt es da noch zu sagen? Sobald ich herausgefunden habe wie die Dame heißt, werde ich mich mit Ihrem Einwilligungsschreiben nach Lyndhurst Chase auf den Weg machen.“ Er leerte sein Brandyglas. „Vermutlich sollte ich mich glücklich schätzen“, fügte er hinzu. „Man munkelt, Lyndhurst veranstalte die besten Jagden in Berkshire. Seine House Party wird wahrscheinlich sehr vergnüglich. Aber jetzt mache ich mich in den Club auf. Soll ich nach Sumner läuten, damit er Ihnen ins Bett hilft?“

Der Marquis sank wieder in seinen Lehnstuhl zurück. „Nein, du kannst ihn rufen, damit er mir eine neue Flasche aus dem Keller holt.“

Peter läutete nach dem Butler, verließ das Zimmer. Wenig später schritt er die Stufen von Quinlan House hinunter und trat auf den Grosvenor Square hinaus. Die Londoner Herbstluft umfing ihn mit ihrem rauchigen Dunst. Obwohl der gepflegte Platz aufwendig begrünt war, roch es nach Kohle und Abwasser. Peter schaute in den dicht bewölkten Himmel und sehnte sich nach der würzigen Frische reiner Landluft. Entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten wollte er noch etwas trinken. Nach dieser unerfreulichen Unterredung war ihm seine grundsätzliche Zurückhaltung beim Genuss von Alkohol ausnahmsweise egal. Er würde auf seine zukünftige Frau anstoßen. Verbittert dachte er daran, dass sein Vater ihn als herzlos bezeichnet hatte, während er selbst seinen Erben ohne Skrupel wie eine Ware zum Markt trug. Seine Familie stammte von Kaufleuten des 15. Jahrhunderts ab. Handel lag ihnen also im Blut. Da keine andere Möglichkeit bestand, musste er eben zum Mitgiftjäger werden.

Er lenkte seine Schritte in Richtung St. James. Wie sein Vater verschwendete er keinen einzigen Gedanken an die Gefühle der Lyndhurst-Braut. Dass sie möglicherweise mindestens ebenso wenig einen Wunsch verspürte, einen verarmten Viscount zu ehelichen wie er ein radikales älteres Mädchen, kam ihm nicht in den Sinn.

1. KAPITEL

Miss Cassandra Ward, entfernte Cousine von Anthony Lyndhurst of Lyndhurst Chase, Erbin von hunderttausend Pfund und Sympathisantin radikaler Ideen, klammerte sich an die bemoosten Äste einer Eiche, während sie versuchte, ein unansehnliches selbstgemachtes Spruchband mit einer Schnur zu befestigen. Knoten waren noch nie ihre Stärke gewesen.

„Brot für die Armen!“ stand in großen ungleichen Lettern auf dem Spruchband. Die grellen grünen und roten Buchstaben waren unordentlich auf den weißen Stoff genäht. Nähen gehörte genauso wenig wie das Binden von Knoten zu ihren Lieblingsbeschäftigungen.

Mehrere Buchstaben flatterten bereits im Wind. Die Nähte hatten sich gelöst, als Cassie beim Erklettern des Baumes mit dem Spruchband an spitzen Zweigen hängen geblieben war. Es begann zu regnen, und der Nieselregen durchweichte sowohl das Spruchband als auch ihre Kleidung. Dennoch war sie wild entschlossen, den Viscount Townend mit ihrer Protestaktion derartig zu empören, dass er seinen Kutscher anweisen würde, sofort zu wenden und nach London zurückzukehren. Sie durfte nicht zulassen, dass Anthony, John und dieser eingebildete Adlige einfach über ihr Schicksal bestimmten. Vielmehr beabsichtigte sie, bis zu ihrem fünfundzwanzigsten Lebensjahr unverheiratet zu bleiben, denn dann konnte sie ganz allein über ihr Vermögen bestimmen. So viel zu Cassie Ward und ihrer Meinung über eine Hochzeit.

Selbstverständlich hatte Anthony ihr den Vorschlag unterbreitet, als habe sie die freie Wahl. Viscount Townend war zur House Party eingeladen worden, um Cassie kennenzulernen und damit die beiden sehen konnten, ob sie zueinander passten. Wie Anthony war er ein ehemaliger Soldat und wurde schon deswegen als geeignete Partie erachtet. Zwar übte man keinen Druck auf sie aus, doch Cassie war sich ihrer Lage sehr wohl bewusst. Da sie keine engen Familienangehörigen mehr hatte, stellte sie für ihre Cousins eine Last dar. Sie würden sich zweifellos glücklich schätzen, sie gut verheiratet zu wissen. Und ab und an, wenn sie in Ruhe darüber nachdachte, musste sie einräumen, dass sie durchaus ein Verlangen nach einem eigenen Zuhause und einer eigenen Familie verspürte. Allerdings hatte man ihr stets nur um des Geldes wegen den Hof gemacht, und bei Lord Quinlan verhielt es sich nicht anders. Er war ein Mitgiftjäger und sie verabscheute Männer von diesem Schlage.

Cassie spähte zwischen den gelb verfärbten Blättern hindurch, um zu sehen, ob sich die Kutsche des Viscounts näherte. Aus zuverlässiger Quelle wusste sie, dass er an diesem Nachmittag eintreffen sollte, auch wenn eine genaue Zeitangabe unmöglich war. Wenn sie Pech hatte, musste sie noch stundenlang oben im Baum hocken, obwohl ihr schon jetzt die Glieder wehtaten und ihr die Nässe unter die Kleider kroch. Unter diesen Umständen konnte sie den Anblick der Kupfer- und Goldtöne, in die der Herbst die Landschaft getaucht hatte, nicht genießen. Es wurde immer ungemütlicher. Der zunehmende Wind, der von den Hügeln kam, kündigte ein Gewitter an. Die hohen Gräser entlang des Wegs, der vom Dörfchen Lynd nach Lyndhurst Chase führte, bogen sich immer wilder hin und her. Sie fröstelte.

Plötzlich näherte sich ein Reiter. Cassie beugte sich vor, um herauszufinden, ob es sich um den Mitgiftjäger handelte. Die äußeren Anzeichen schienen ihr widersprüchlich. Das Pferd ließ sich leicht als erstklassiges und reinrassiges Zuchtpferd identifizieren. Seit Jahrhunderten wurden auf Lyndhurst Chase Pferde gezüchtet, und Cassie besaß dafür einen untrüglichen Blick. Andererseits wurde der Gentleman von keinem Reitknecht begleitet und führte auch kein Gepäck mit sich. Vielleicht ritt der Viscount voraus, und seine Kutsche folgte hinterher. Cassie hielt sich mit einer Hand an einem stabilen Ast fest und beugte sich noch weiter vor, um das Gesicht des Gentlemans sehen zu können.

Der Reiter zog nur fünfzehn Meter vor dem Baum die Zügel an, nahm den Hut ab und schüttelte das Regenwasser von der Krempe. Cassie versuchte, so viel wie möglich zu erkennen. Sie sah, dass er jung war – viel jünger als sie sich den Mitgiftjäger vorgestellt hatte. Er hatte dunkles Haar und breite Schultern und saß lässig im Sattel, wobei seine Hände locker die Zügel umfassten. Seine Stärke und Eleganz ließen sie unerwartet erschauern. Auch ihre Hände bebten. Ihre Finger glitten von der rauen Rinde, und sie fasste erschrocken nach dem Ast. Die Blätter raschelten. Der Gentleman war inzwischen weitergeritten und befand sich nun genau unter ihr, schaute hoch und blickte sie direkt an.

Jetzt, wo sie ihn ganz aus der Nähe betrachten konnte, musste sie einräumen, dass er wirklich gut aussah. Sie hatte nicht viele zuverlässige Informationen über Viscount Townend einholen können, aber die mageren Berichte besagten, dass er mindestens dreißig Jahre alt war. Er galt als ausschweifend, und man behauptete, er trüge Unterhemden aus Flanell. Cassie ging allerdings davon aus, dass sich die beiden letzten Attribute gegenseitig ausschlossen, denn welche Frau mit Verstand würde sich wohl von einem Mann mit Flanellunterwäsche verführen lassen? Der Gentleman zu Pferde konnte also logischerweise nicht der Viscount sein, weil er viel zu jung und attraktiv für einen dekadenten Adligen war.

Nachdenklich musterte sie ihn. Seine blauen Augen wirkten wachsam und klug, und sie stellte sich vor, wie schön seine maskulinen Züge aussehen würden, wenn er lächelte. In diesem Moment lächelte er allerdings nicht. Genau genommen schaute er sie durchdringend an. Dass er sie derart interessiert anstarrte, verwirrte Cassie. Sie schluckte, und trotz des schlechten Wetters und des kalten Windes überlief sie ein heißer Schauer.

Mit einem Mal fiel ihr wieder ein, warum sie sich auf dem Baum befand, und sie beschloss, kein Risiko einzugehen, falls es sich bei dem Fremden doch um Viscount Townend handelte. Engagiert schwang sie das Spruchband und rief: „Brot für die Armen!“ Der Slogan klang aus ihrem Munde eher wie ein leises Krächzen und nicht wie der entschlossene radikale Aufschrei, den sie ursprünglich im Sinn gehabt hatte. Sie war sich nicht einmal sicher, dass der Gentleman sie überhaupt gehört hatte. Mit zur Seite gelegtem Kopf betrachtete er das Spruchband.

„Gold für die Armen?“, entzifferte er zweifelnd.

Cassie starrte auf das durchnässte Banner und rieb sich das Regenwasser aus den Augen. „Brot!“, korrigierte sie ihn verärgert. „Brot, um die Armen zu speisen!“

„Aha.“ Der Gentleman nickte. „Das macht mehr Sinn. Ich muss gestehen, dass mich die fehlenden Buchstaben etwas irritiert haben.“

Cassie krauste die Stirn. Sie fühlte sich selbst reichlich irritiert. Es passte nicht in ihren Plan, dass dieser Gentleman in aller Ruhe mit ihr über Buchstaben diskutierte, während sie beabsichtigt hatte, ihn mit ihrer skandalösen politischen Ansicht zu schockieren. Ständig sagte man ihr, dass radikale politische Meinungen ungeheuerlich waren. Daher hatte sie sich gar nicht vorstellen können, dass jemand darauf anders als empört reagieren würde. Sie versuchte es ein zweites Mal.

„Gleichheit und Gerechtigkeit!“, rief sie.

Der Gentleman lächelte und schien belustigt. Cassie war verwirrt. Ihr Verhalten schien ihn überhaupt nicht aufzuregen, geschweige denn zu schockieren. Ganz im Gegenteil, er schaute sie fasziniert und erwartungsvoll an. Mit seinen leuchtenden Augen fixierte er sie in einer Weise, die sie völlig aus dem Konzept brachte.

„Eine höchst ehrenwerte Forderung“, stimmte ihr der Gentleman zu. „Ich bin auch der Ansicht, dass Gerechtigkeit für alle gelten muss.“

„Sind Sie Viscount Townend?“ Sie gab alle Täuschungsmanöver auf und kam direkt zur Sache.

„Kommen Sie jetzt von diesem Baum herunter?“, konterte der Gentleman, wobei seine blauen Augen herausfordernd funkelten.

Cassie war ein wenig mulmig zumute. Sie hatte das seltsame Gefühl, dass sie beim Hinabsteigen unweigerlich in seinen Armen landen würde und dass sie genau dorthin gehörte. Sie sah ihn an.

Das ist er also …

Sie bekam eine Gänsehaut, und am ganzen Körper wurde ihr zugleich heiß und kalt. Sie spürte, dass all ihre Sinne sensibilisiert waren. Das brachte sie derartig aus der Fassung, dass sie sich weder rühren noch sprechen konnte.

„Nun, was ist?“, erkundigte sich der Gentleman und hob auffordernd eine Hand.

Wieder stellte sich bei Cassie ein banges Gefühl ein. Das Spruchband wurde von einem plötzlichen Windstoß erfasst. Der Baum ächzte, die Äste knarrten, und sie versuchte, nach dem Stamm zu greifen. Doch sie griff ins Leere. Sie stürzte, wobei sich das nasse Spruchband um ihren Körper schlang, sodass sie von grünen und roten Lettern umgeben war. Das Letzte, was sie wahrnahm, war das panische Aufbäumen des Pferdes und die vor ihr aufragenden Hufe, bevor sie hart mit dem Kopf aufschlug und eine unerbittliche Dunkelheit sie umfing.

Peter Townend war daran gewöhnt, dass Frauen sich ihm zu Füßen warfen. Seine unglückliche finanzielle Lage hatte die gelangweilten Damen der ehrbaren Londoner Gesellschaft, die an ihm Gefallen gefunden hatten, nie abgeschreckt. Letztendlich wollten die meisten ihn nicht heiraten, sondern nur ihren Spaß haben. Die eine oder andere junge Dame war natürlich darunter gewesen, die sich in der Vorstellung gefiel, Viscountess zu werden, aber Peter hatte niemals mit dem Gedanken gespielt, um die Hand einer dieser Frauen anzuhalten.

Bei der jungen Dame mit dem Spruchband argwöhnte er allerdings keine Hintergedanken. Als sie vom Baum fiel, schnellte er ohne nachzudenken mit dem Oberkörper nach vorn, und Hector, der erschrak, bäumte sich so heftig auf, dass Peter ihn wie ein Zirkuspferd Pirouetten drehen ließ, um die Gestürzte vor den Hufen zu bewahren.

„Himmel aber auch!“ Peter zerrte an den Zügeln, und die Pferdehufe schlugen nur wenige Zentimeter vom Kopf des Mädchens entfernt im lehmigen Matsch des Weges auf.

Noch während er absprang, beruhigte Peter den Hengst mit ein paar leisen Worten und streichelte ihm über die Nüstern. Dann ließ er sich wie ein verliebter Kavalier neben der leblosen Gestalt auf die Knie fallen.

Sie lag mit dem Kopf zur Seite auf der nassen Erde. Das sonderbare Spruchband hatte sich in ihrer grünen Reitkleidung verfangen. Ihr Hut war zu Boden gefallen, und die nachlässig angebrachten Haarnadeln hatten sich gelöst, sodass ihr das dichte dunkle Haar ins Gesicht fiel. Die durchnässte Reitkleidung umschloss ihre Figur wie eine zweite Haut.

Peter zog seine Handschuhe aus und strich ihr die Strähnen aus der Stirn. Ihre Haare leuchteten in einem seidigen Kupferbraun und wellten sich zwischen seinen Fingern, als ob sie dort hingehörten. Ihre Haut wirkte weich und rosig. Sie konnte nicht viel älter als zwanzig sein, und sie sah überaus attraktiv aus. Er nahm an, dass es sich um niemand anderen als Miss Cassandra Ward handelte, deren Name in dem Ehevertrag vermerkt war, den er in seiner Brieftasche mit sich führte. Es war selbstverständlich denkbar, dass Miss Ward, die radikale ältere Jungfer, vor der sein Vater ihn gewarnt hatte, mit modischen Accessoires über ihre Verkommenheit hinwegtäuschte. Doch auf Peter, der im Hinblick auf das weibliche Geschlecht über allerhand Erfahrung verfügte, wirkte die junge Frau ausgesprochen unschuldig. Er war darüber erstaunt, und ein Gefühl von Ehrfurcht ergriff ihn. Verhängnisvollerweise gesellten sich alsbald auch noch Schuldgefühle wegen seiner Absichten als Mitgiftjäger hinzu.

Cassandra Ward atmete nur flach, aber regelmäßig. Peter schickte ein stilles Dankesgebet gen Himmel. Er zog das revolutionäre Spruchband von ihrem Körper und stopfte es in ein Kaninchenloch am Wegesrand. Behutsam hob er sie in seine Arme. Sie war nicht schwer, aber auch kein schwindsüchtiges Leichtgewicht. Er hoffte, dies war ein Anzeichen für eine robuste Gesundheit. Vorsichtig hob er sie in den Sattel und schwang sich schnell hinter sie, ehe sie hinunterfallen konnte.

Das Dörfchen Lynd lag nur ein paar hundert Meter entfernt, und er wusste nicht genau, wie weit es noch bis Lyndhurst Chase war. Er wickelte sich Hectors Zügel um die Arme und ritt in Richtung Dorf. Cassandra Ward drehte den Kopf und schmiegte sich mit einem wohligen Gemurmel dicht an seine Schulter. Peter sah zu ihr hinunter. Ihre Augen waren geschlossen, und feine Regentropfen verfingen sich in ihren langen Wimpern. Ihr verlockender Mund öffnete sich leicht, als ob sie lächelte. Wovon auch immer sie gerade träumte, es musste in der Tat etwas Angenehmes sein.

Auch seine eigenen Fantasien waren ausgesprochen angenehm, wenngleich in höchstem Maße unanständig. Der leichte Druck, mit dem ihr Körper seinen berührte, ließ sich schwer ignorieren. Ihr Rock war so weit nach oben gerutscht, dass er den Blick auf schlanke Fesseln freigab. Peter neigte den Kopf ein wenig vor, sodass seine Lippen ihre weiche Wange streiften. Er wurde von heftigem Verlangen ergriffen. Ihr Mund wirkte auf ihn so anziehend und wohlgeformt und war dem seinen so nahe. Zwar schien es ihm verboten, eine Dame zu küssen, die mit dem Kopf aufgeschlagen war und benommen in seinen Armen lag, aber …

Hector schüttelte die nasse Mähne und bespritzte sein Gesicht.

„Danke, Hector“, sagte Peter, dessen hitzige Stimmung sofort ein wenig abkühlte. „Das habe ich gebraucht.“

Das Dorf Lynd wirkte verlassen, das Wirtshaus mit dem Namen „Angel’s Arms“ hatte geschlossen. Peter befreite eine Hand, um fest gegen die Tür zu klopfen, und war erleichtert, als er wenig später aus dem Inneren die schlurfenden Schritte eines Hausbewohners vernahm. Die stämmige Person mit den dicken kurzen Armen, die alsbald die Tür öffnete, stellte sich als Besitzer des Gasthauses heraus. Der Wirt warf einen Blick auf das bewusstlose Mädchen und tat erschrocken einen Schritt nach vorn.

„Miss Cassandra! Was haben Sie mit ihr gemacht, Sir?“

Peter war keineswegs überrascht, die Bestätigung zu erhalten, dass es sich bei der jungen Dame in seinen Armen um die ihm zugedachte Braut handelte. Auch wenn diese nicht der Beschreibung seines Vaters entsprach. Allerdings verärgerte ihn die ungerechte Anschuldigung.

„Ich habe Miss Ward nach einem Unfall auf der Straße gerettet“, erwiderte er gereizt, bevor er, mit seinem Schützling in den Armen, aus dem Sattel stieg. „Seien Sie doch bitte so gut, kümmern Sie sich um mein Pferd, und holen Sie so schnell wie möglich einen Arzt, der nach der Dame sieht. Außerdem möchte ich, dass Sie jemanden nach Lyndhurst Chase schicken und die Wirtin rufen, damit sie uns den Salon zeigt.“

Den Gastwirt schienen so viele Befehle auf einmal durcheinander zu bringen. „Entschuldigen Sie bitte, aber was von all dem soll ich zuerst erledigen? Ich bin derzeit allein hier, denn meine Frau besucht ihre Schwester in Barrington, und mein Sohn ist auf einem Botengang nach Watchstone und …“

Um die Angelegenheit zu beschleunigen, unterbrach ihn Peter: „Bringen Sie mein Pferd in den Stall. Den Salon finde ich schon allein. Und anschließend holen Sie sofort den Doktor.“

„Jawohl, Mylord“, erwiderte der Gastwirt, der inzwischen Peters Pferd, seine Erscheinung und sein Auftreten fachmännisch eingestuft hatte und sein Verhalten ihm gegenüber entsprechend änderte.

Das Gasthaus war klein, und Peter hatte keinerlei Schwierigkeiten, den winzigen Salon zu finden. Ein Kaminfeuer brannte gegen die kühle Nässe des Tages an, und eine beinahe erdrückende Wärme erfüllte den Raum. Er legte die junge Frau auf ein breites, vormals rotes Sofa, das für einen einfachen Landgasthof beinahe luxuriös wirkte. Dann schob er ihr ein Kissen unter den Nacken und lockerte seine steif gewordenen Arme. Er musste ein Fenster öffnen oder sie würden beide bald anfangen zu dampfen, während ihre Kleidung trocknete.

Der Wirt kam gerade herein, als Peter an den Fenstern rüttelte, die sich nicht öffnen ließen.

„Sie klemmen, Mylord“, erläuterte der Wirt entschuldigend. „In dieser Jahreszeit kommt der Regen oft von den Hügeln her, und das Holz verzieht sich.“

„Verstehe“, sagte Peter. Er ging rasch wieder zu Cassie und ergriff ihre schlaff herabhängende Rechte. Sie atmete normal, und ihr Gesicht hatte wieder Farbe angenommen, doch nach wie vor rührte sie sich nicht. Nur ihre Finger glitten zwischen seine und hielten seine linke Hand fest. Peter spürte, wie Sorge und Zärtlichkeit von ihm Besitz ergriffen – ein neuartiges und befremdliches Gefühl.

„Wo bleibt der Arzt?“, fragte er ungeduldig und blickte über die Schulter.

„Ich habe mich sofort darum gekümmert, Mylord.“ Der Wirt rieb sich nervös mit den Handballen über die Hose. „Ich habe einen der Burschen aus dem Dorf losgeschickt. Er macht sich direkt nach Lyndhurst Chase auf, sobald er Dr. Nightingale gefunden hat.“ Beunruhigt musterte er die reglos daliegende Gestalt. „Benötigen Sie vielleicht heißes Wasser und ein Stärkungsmittel für die junge Dame, Mylord. Sie ist gestürzt, oder?“

Peter sah ihn an. „Sie fiel von einem Baum.“

„Aha.“ Der Gastwirt wirkte nicht überrascht, als ob es in der Gegend von Lynd das Normalste von der Welt sei, dass Miss Ward von einem Baum fiel. Wahrscheinlich ist es tatsächlich normal, vermutete Peter. Der Wirt schien ihn noch immer ein wenig argwöhnisch zu mustern, als ob ihm etwas Unbehagen bereitete.

„Ich nehme an, Sie waren auf dem Weg zu Major Lyndhursts House Party, Mylord?“, erkundigte er sich.

„Das ist richtig“, bestätigte Peter.

Der Gastwirt atmete auf. „Aha. Aber Sie sind nicht Viscount Townend?“

Peter runzelte die Stirn. „Warum nicht?“

Der Wirt legte den Kopf zur Seite. „Man sagt, der Viscount sei gut über dreißig.“

„Soso“, erwiderte Peter. „Und was ist jetzt mit dem heißen Wasser und dem Brandy für Miss Ward?“

„Diese Londoner sind gefährliche Leute.“ Der Wirt verzog das Gesicht. „Man weiß nicht recht, was von diesen House Parties zu halten ist. Tanzen und Spielen und Jagen, und beim Jagen ist nicht immer die Sportart gemeint … Man sagt, dieser Townend ist ein Wüstling, der maßlos trinkt. Wenn Sie der Viscount wären, ließe ich Sie gewiss nicht mit Miss Ward allein. Das wäre unverantwortlich.“

Peter zog kurz in Erwägung, seinen Ruf und den aller anderen Hauptstadtbewohner zu verteidigen, kam dann jedoch zu dem Ergebnis, dass der Gastwirt ihn in diesem Fall niemals mit Cassandra Ward allein lassen würde.

„Wie Sie sehen, entspreche ich dieser Beschreibung in keiner Weise“, sagte er. „Sie können Miss Ward also getrost in meiner Obhut lassen. Ich verspreche Ihnen, dass ihr kein Leid zugefügt wird.“

Der Gastwirt wirkte erleichtert. „Sehr gut, Mylord.“

Er verließ den Raum, und Peter setzte sich in eine Sofaecke neben Cassie. Ihm bereitete ihre durchnässte Reitkleidung Sorge, denn die Wahrscheinlichkeit war groß, dass sie sich eine schwere Erkältung zuzog. Bedauerlicherweise war die Wirtin nicht zugegen, und er konnte die Dame aus Gründen des Anstands nicht selbst entkleiden.

Beinahe unwillkürlich ließ er seine Finger in Richtung eines kleinen Perlmuttknopfes an ihrem Hals wandern. Ihr Kragen war eng und hochgeschlossen, und Peter dachte, sie würde besser Luft bekommen, wenn er die Kragenknöpfe öffnete. Er löste die ersten drei oder vier Knöpfe aus den Verschlüssen, weitete den Kragen und legte die weiße Haut ihres schlanken Halses frei. Ihre Haut duftete zart nach Veilchenparfüm und kühler frischer Luft. Peter betrachtete die feine Linie ihres Kinns und die zarte Kurve ihres Halses.

Er ließ seine Blicke tiefer wandern. Der Stoff des Reitkleides schloss sich eng um ihre Brüste und bedeckte sie wie die Umarmung eines Liebenden. Peter hätte ihr am liebsten die nasse Kleidung vom Leib gerissen und ihren nackten Körper erkundet. Allein die Vorstellung war so verwegen und verführerisch, dass er sich vor lauter Hitze und Erregung wie gelähmt fühlte.

Eine kupferfarbene Locke kringelte sich an ihrem Schlüsselbein. Peter folgte der Linie der glänzenden Perlmuttknöpfe bis zu der Vertiefung zwischen ihren Brüsten. Eine feingliedrige Goldkette, die auf der blassen Haut schimmerte, umschloss filigran ihren Hals und verschwand im Ausschnitt ihres dünnen Unterkleides. Wie verzaubert ließ Peter seine Finger den Gliedern der Kette hinab folgen. Die Kette fühlte sich warm an. Und auch Cassies Körper schien sich zu erhitzen. Peter wurde es rasch klar, dass die Enge, die er in den Breeches verspürte, nicht darauf beruhte, dass das Leder der Reithosen durch den Regen zusammengeschrumpft war.

Cassie drehte den Kopf in seine Richtung und schmiegte eine Wange sanft gegen seinen Arm. Als er die zutrauliche Berührung wahrnahm, kühlte sich sein Verlangen mit einem Schlag ab. Leise fluchend erhob er sich. Wie konnte er es auch nur in Gedanken wagen, eine solche Situation auszunutzen? Er befand sich mit einer bewusstlosen Frau in einem einsamen Gasthaus. Und noch dazu nicht mit irgendeiner Frau, sondern mit seiner zukünftigen Gemahlin, der er noch nicht einmal offiziell vorgestellt worden war. Macht es die Tatsache, dass ich sie begehre, besser oder noch schlimmer? Er war sich nicht sicher. Ganz sicher war er indes, dass seine Fantasien in jeder Hinsicht verdammenswert waren. Miss Ward war weit davon entfernt, eine erfahrene Frau zu sein. Sie wirkte vollkommen unschuldig, und es gab keine Entschuldigung für seine schmutzigen Gedanken.

Peter schritt durch den Raum bis zum Fenster und starrte ausdruckslos gegen die beschlagene Scheibe. Er hatte nicht damit gerechnet, seine zukünftige Braut vom ersten Moment an begehrenswert und attraktiv zu finden. Er hatte nur daran gedacht, aus einer Zwangslage heraus eine gute Partie zu machen. Verlangen und Anziehung hatte er dabei gar nicht in Betracht gezogen. Doch die überraschende Entwicklung machte die Dinge entschieden komplizierter.

Die Tür öffnete sich, und der Gastwirt schob einen knarrenden hölzernen Servierwagen in den Raum. Auf dem Wagen befand sich eine Schüssel mit Wasser, deren Inhalt bei jeder Umdrehung der Rollen hin- und herschwappte. Daneben lag ein sauberes weißes Tuch. Auf der unteren Wagenablage standen eine Flasche mit einer abstoßend schwarzen Flüssigkeit, ein gefülltes Likörglas und – sehr zu Peters Freude – ein kleiner Krug mit frisch gezapftem Bier.

„Das ist Brombeerlikör, Mylord“, erläuterte der Gastwirt, der bemerkt hatte, wie skeptisch Peter die dunkle Flüssigkeit betrachtet hatte. „Meine Frau schwört darauf. Sie sagt, nichts hilft besser gegen eine Erkältung.“

Peter tauchte das Tuch ins warme Wasser und wischte vorsichtig den Schmutz aus dem Gesicht der jungen Frau. Dann nahm er das Glas mit dem Likör, hob Cassies Kopf an und führte den Stärkungstrunk an ihre Lippen. Wenige Sekunden später flatterte sie mit den Wimpern, öffnete die Augen und sah ihn direkt an. Peter wurde in einer Weise warm ums Herz, die er nie zuvor gespürt hatte. Sie hatte braune Augen, in denen helle goldene und grüne Einsprengsel funkelten, die an das Licht der Sonne auf den bunt verfärbten Herbstblättern erinnerten. Und diese Augen wirkten so groß und ehrlich, als blickten sie unmittelbar in seine Seele.

„Ich danke Ihnen, Sir“, flüsterte sie. Dann lächelte sie. „Mein Name ist Cassandra Ward.“

„Wie fühlen Sie sich? Ich bin Peter …“

Doch Cassies Augen waren wieder zugefallen, und ihr Kopf sank kraftlos gegen seine Schulter. Er wusste nicht, ob sie ihn überhaupt gehört hatte. Seufzend lehnte er sie wieder gegen die Kissen.

Der Wirt schielte von hinten über seine Schulter. „Ich rechne damit, dass der Arzt jeden Augenblick kommt“, sagte er und kratzte sich am Hinterkopf. „Entschuldigen Sie bitte, aber ich werde besser mal nachsehen, wo er bleibt.“

Peter griff nach dem Bierkrug und nahm einen tiefen Schluck. Die ganze Situation erschien ihm ausgesprochen heikel. Einerseits wollte er zum Landsitz von Anthony Lyndhurst reiten und dem Major den Unfall seiner Cousine melden, denn das gehörte zum guten Ton. Außerdem würde er sich besser, oder genauer gesagt, sicherer fühlen, wenn er der warmen Enge des Salons und seinen hitzigen Fantasien entkäme, die er nicht zuletzt auf das prasselnde Kaminfeuer zurückführte. Andererseits würde es schwierig werden, Major Lyndhurst zu erklären, warum er seine Cousine in einem Gasthaus zurückgelassen hatte, in dem noch nicht einmal eine Wirtin zugegen war. Ein solches Verhalten gehörte zum Unritterlichsten, was man sich vorstellen konnte, und würde gewiss keinen guten Eindruck auf jemanden machen, der zukünftig zur angeheirateten Verwandtschaft gehörte.

Hin- und hergerissen betrachtete er die schlafende Cassie. Dann öffnete er die Tür zum Gang, um nach dem Wirt und dem Arzt Ausschau zu halten. Aus der Schankstube hörte er Stimmen und das Poltern von Fässern auf dem Steinboden. Offenkundig erhielt der Wirt gerade eine neue Bierlieferung. Peter ging nach draußen. Der Doktor war nach wie vor nicht in Sicht.

Im Hof wurde ihm klar, dass es sich einregnete. Der Wind kam von den Hügeln und trieb bedrohlich graue Regenwolken über das Land. Blätter wehten ihm entgegen. Nichts als das Grollen des Donners war zu vernehmen. Hector streckte seinen Kopf aus einer der wackeligen Boxen und schnaubte verängstigt. Peter stellte seinen Kragen hoch, um sich vor dem Regen zu schützen, und ging schnell zurück ins Gasthaus.

Zu seiner Überraschung befand sich der Gastwirt wieder im Salon und war gerade dabei, Cassies Likörglas nachzufüllen. Sie saß aufrecht gegen die Sofakissen gelehnt, ihre Augen glitzerten, und ihre Wangen hatten wieder Farbe angenommen. Mit ihrem fröhlichen Blick, dem ihr über die Schultern fallenden Haar und in dem aufreizend weit geöffneten Kleid sah sie wie ein verführerischer Engel aus. Als sie sein Eintreten bemerkte, hörte sie auf zu sprechen und schaute ihn nachdenklich an. Peter holte Luft und war auf alles vorbereitet. Dies war also der Moment, in dem sie sich daran erinnerte, dass er der liederliche Viscount Townend war, ein Mitgiftjäger, der sich auf der Jagd nach ihrem Vermögen befand.

„Ich freue mich, Sie schon wieder so erholt zu sehen, Miss Ward“, sagte er.

Cassie betrachtete ihn noch eine Weile und lächelte schelmisch. Ungläubig beobachtete Peter, wie sie das Likörglas leerte, es auf dem Wagen abstellte, die Beine übereinander schlug und einladend mit einer Hand auf den Platz neben sich auf dem Sofa wies. Peter war wie vor den Kopf gestoßen. Es war ihm unbegreiflich, wie eine anständige junge Dame – und dies war Miss Ward zweifelsfrei – sich gegenüber einem Fremden derart ungezwungen benehmen konnte.

Er musterte sie prüfend. Ihre Bewegungen wirkten unkoordiniert und ziellos, und diese Tatsache konnte gewiss nicht allein auf die Hitze im Zimmer zurückgeführt werden. Überdies blinzelte sie schläfrig. Als einer ihrer Ellbogen von der Sofalehne rutschte, lachte sie laut auf.

Es gab keinen Zweifel: Miss Ward war betrunken.

Sie winkte ihn zu sich, legte ihre schlanke Rechte auf seinen Arm und zog ihn an sich. Sie roch nicht nach Alkohol. Sie duftete nach Brombeeren und Honig. Fast zu spät wurde es Peter klar, dass er im Begriff war, sie zu küssen. Hastig zog er sich zurück. Zweifellos war sie betrunken, aber er war wie verzaubert. Energisch rief er sich zur Ordnung und schärfte sich ein, dass er ein Gentleman war, der sich keiner schutzlosen Frau näherte.

Cassie waren diese Probleme offenkundig gleichgültig. Sie blickte ihn ernst und mit der Entschlossenheit von stark Betrunkenen an.

„Ich möchte Ihnen etwas erzählen, weil ich Sie sehr schätze“, flüsterte sie, während ihr Atem ihn am Ohr kitzelte. „Können Sie ein Geheimnis für sich behalten?“ Sie wartete gar nicht erst auf seine Bestätigung. „Ich bin viel reicher, als alle Leute glauben, müssen Sie wissen. Ich besitze ein Vermögen von zweihunderttausend Pfund. Normalerweise erzähle ich das niemandem, denn sobald es jemand weiß, werde ich von Mitgiftjägern umlagert. Jeder, der sich für mich interessiert, will nichts als mein Geld.“

Peter blickte ihr tief in die Augen. Zweihunderttausend Pfund … Sogar sein Vater glaubte, es sei nur die Hälfte. Er spürte förmlich, wie der Ehevertrag im Inneren seiner Brieftasche vor Gier und Schuld zischte und dampfte.

Er erhob sich und ließ seine Schuldgefühle und seinen Unmut am Gastwirt aus, der damit beschäftigt war, dem Kaminfeuer neue Nahrung zu geben. „Was zum Teufel ist in diesem Likör?“

Der Wirt zuckte zusammen. „Nichts, Mylord. Nur Brandy und die Brombeermixtur meiner Frau.“

„Ich darf keine alkoholischen Getränke zu mir nehmen“, verkündete Cassie fröhlich vom Sofa aus. „Ich bemerkte es schon als Kind, als ich von einem winzigen Schlückchen Sherry vollkommen betrunken wurde. Die kleinste Dosis wirft mich völlig aus der Bahn. Entschuldigen Sie bitte“, fügte sie mit einem Gähnen hinzu, „ich fühle mich so furchtbar müde.“ Ohne sich weiter um die Gegenwart der anderen im Zimmer zu kümmern, fiel sie in die Kissen zurück und schloss die Augen. Sekunden später war ein leises Aufschnarchen zu hören, das in ein dezentes und regelmäßiges Atmen überging.

Die beiden Männer blickten einander ungläubig an. Dann ließ der Gastwirt die Schultern sinken. „Ich bitte um Verzeihung, Mylord“, murmelte er. „Ich hatte keine Ahnung, dass Miss Ward so empfindlich auf den Likör reagieren würde. Es ist nur ein Schuss Brandy in der Brombeermixtur, und normalerweise hat das keinerlei Nebenwirkungen.“ Niedergeschlagen blickte er in Cassies Richtung. „Vermutlich muss sie sich einfach ausschlafen.“

„Wenn der Arzt noch länger braucht, hat sie dazu jedenfalls genügend Zeit“, kommentierte Peter bissig. „Haben Sie inzwischen jemanden nach Lyndhurst Chase geschickt?“

„Natürlich, Mylord.“ Der Gastwirt griff nach der verhängnisvollen Likörflasche und wirkte, als würde er sich am liebsten im nächsten Mauseloch verkriechen. „Der Arzt ist wahrscheinlich noch bei der Wöchnerin in Watchstone, aber der Bursche, den ich geschickt habe, ist längst zum Gut aufgebrochen, um von Miss Wards Unfall zu berichten. Außerdem wird meine Frau bald zurück sein.“

„Wenn ihre anderen Heilmittel so wirksam sind wie der Brombeerlikör, kommen wir besser ohne sie aus“, erwiderte Peter.

„Sehr wohl, Mylord.“ Der Gastwirt war sichtlich bestrebt, den Raum schnell zu verlassen. „Dann lasse ich Sie am besten allein.“

„Es bleibt uns wohl keine andere Wahl“, entgegnete Peter. Er benötigte kein Kindermädchen, bis eine Kutsche aus Lyndhurst Chase eintraf. Zwar gehörte es nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen, die Zeit allein mit einer verführerisch schönen Person wie Miss Ward in einem Zimmer zu verbringen, aber immerhin konnte er sich darin bestärken, Prinzipien zu besitzen.

„Bringen Sie mir bitte noch ein kühles Bier“, sagte er an den Wirt gewandt. „Damit lässt sich die Hitze hier drinnen sicher besser ertragen.“ Er hielt inne und verspürte Gewissensbisse. „Und vielen Dank. Sie konnten schließlich nicht wissen, dass Miss Ward keinen Alkohol anrühren darf.“

„Danke, Mylord“, erwiderte der Gastwirt erleichtert und verließ hastig den Raum.

Stille beherrschte den Salon. Nur Cassies ruhiges Atmen, das Knistern des Kaminfeuers und das leise Tropfen des Regens gegen die Fensterscheiben waren zu vernehmen. Peter hatte eine zwölf Monate alte Ausgabe der „Quarterly Review“ gefunden und ließ sich zum Lesen nieder. Er überflog einen Artikel über romantische Dichter und dann einen Nachruf auf ein bedeutsames Parlamentsmitglied, von dem er nie etwas gehört hatte. Er hatte gerade begonnen, ein paar miserable Verse zu studieren, als er merkte, dass Cassie erwachte und ihn mit ihren wundervollen goldbraunen Augen betrachtete. Diesmal verriet ihr Blick allerdings einen großen Unmut. Peter wusste sofort, dass sie wieder vollkommen klar war und sich an alles erinnerte. Stocksteif saß sie da.

„Sie sind Viscount Townend, nicht wahr?“, fragte sie mit anklagendem Tonfall. „Versuchen Sie nicht, mich zu täuschen. Ich weiß, dass Sie der Mitgiftjäger sind, der es auf mich abgesehen hat!“

2. KAPITEL

Ich weiß, dass Sie der Mitgiftjäger sind …

Cassie fixierte Peter, derweil er das Magazin langsam beiseitelegte. Er erhob sich und ging auf sie zu. Sie hatte nicht so schroff klingen wollen und bedauerte ihre Wortwahl längst. Seine physische Präsenz beeindruckte sie: Er wirkte stark, gebieterisch und umwerfend männlich. Sie hatte eine ähnliche Selbstsicherheit und Ausstrahlung bereits an anderen Männern wahrgenommen, die sie bewunderte – bei ihren Cousins John, Anthony und Marcus. Aber sie alle hatten sie immer nur wie eine kleine Schwester behandelt, und in erster Linie hatte sie in ihnen Vaterfiguren gesehen. Jetzt entdeckte sie, was es hieß, als Frau im Zentrum der Aufmerksamkeit eines solchen Mannes zu stehen. Ihr wurde ganz schwindelig zumute und sank in die Sofakissen zurück.

„Ja“, sagte Peter, ohne den Blick zu senken. „Ich bin der Mitgiftjäger.“

Cassie schloss die Augen und biss sich auf die Unterlippe. Sie hatte nicht erwartet, eine so ehrliche Antwort zu erhalten. Sie hatte gedacht, er würde ihr wie alle anderen Männer, die ihr bislang wegen ihres Reichtums den Hof gemacht hatten, ewige Liebe und Verehrung vortäuschen. Sie war sich nicht sicher, ob sie sich aufgrund dieser Offenheit besser oder noch einsamer fühlte.

Peter lächelte sie an. Dieses Lächeln ließ seine strengen Gesichtszüge weicher erscheinen und verlieh seinen dunkelblauen Augen einen freundlichen Schimmer. Cassie spürte, dass ihr die Hitze von den Zehenspitzen bis hoch in die errötenden Wangen stieg. Inständig hoffte sie, dass dies auf den Brombeerlikör und nicht auf die Gegenwart des Viscounts zurückzuführen war. Eine bislang unbekannte Aufregung bemächtigte sich ihrer, die ihren Körper mit einem Kribbeln erfüllte und sich im Bauch wie das Flügelschlagen zarter Schmetterlinge anfühlte.

Sie dachte an ihren Sturz vom Baum, als ein plötzliches Gefühl ihr gesagt hatte, dass dies der Mann war, auf den sie dort gewartet hatte. Das Protestbanner hatte ihn nicht abgeschreckt. Als sie siebzehn Jahre alt war, hatte sie ihre damalige Gouvernante Miss Crabe aus reiner Neugier zu einer Versammlung politischer Radikaler begleitet. Auch dies war aus einem spontanen Bauchgefühl heraus geschehen, das sie allerdings schon häufiger in die Irre geleitet hatte.

„Sie geben also zu, ein Mitgiftjäger zu sein“, sprach sie langsam. „Ich dachte, Sie würden es abstreiten, wie das die meisten Männer tun.“

Er setzte sich neben sie auf das Sofa und ergriff ihre rechte Hand. Es erschien ihr überhaupt nicht frech oder unverfroren. Ganz im Gegenteil, es fühlte sich warm und vertraut an und schien in diesem Moment genau das Richtige zu sein. Cassie blinzelte und überlegte, ob der Brombeerlikör ihr Urteilsvermögen außer Kraft setzte.

„Ich würde Sie niemals anlügen, Cassandra“, beteuerte Peter, und ihr Herz machte einen kleinen Hüpfer, allein wegen der Art, wie er ihren Namen aussprach. „Ich möchte nicht abstreiten, dass ich nach Lyndhurst Chase aufbrach, um eine wohlhabende Braut zu finden, aber …“ Er lächelte wieder, und Cassie stieg das Blut noch ein wenig höher in die Wangen. „Ich bin sehr froh, dass ausgerechnet Sie diese Braut sind.“

Er streichelte zärtlich ihre Finger, und die Berührung war so beruhigend und gleichzeitig verwirrend, dass ihr ganz schwindelig wurde. Sie versuchte, sich den schlechten Ruf des Viscounts in Erinnerung zu rufen. Dies waren vermutlich die üblichen Komplimente eines erfahrenen Verführers. Sie durfte auf keinen Fall unvorsichtig werden. Sie fasste sich mit einer Hand an die Stirn. Vom Likör und von der Hitze im Raum bekam sie Kopfschmerzen.

„Es ist bedauerlich, dass wir uns zu einem Zeitpunkt begegnen, in dem ich nicht ganz ich selbst bin“, sagte sie ein wenig vorwurfsvoll. „Ich hätte mich gewiss unter anderen Umständen Ihnen gegenüber zivilisierter verhalten, Sir.“

Peter lächelte erneut. „Ich glaube, es ist wichtig, dass wir beide ehrlich sind. Machen Sie sich also bitte keine Gedanken, dass ich Ihr Verhalten missbilligt haben könnte. Was wollten Sie mir wirklich sagen, Cassandra?“

Wieder sprach er ihren Namen wie eine Liebkosung aus. Bei keinem anderen hatte es je so geklungen. Cassie atmete tief durch und versuchte sich zu erinnern, was sie eigentlich hatte sagen wollen. Sie fühlte sich ein wenig verunsichert.

„Ich habe beschlossen, nicht zu heiraten, Mylord“, erklärte sie. „Daher fürchte ich, dass Ihre Reise umsonst war. Sobald ich fünfundzwanzig bin, kann ich über mein Vermögen frei verfügen. Das erscheint mir in jeder Hinsicht vorteilhafter, als es jemand anderem zu übertragen.“

Sehr zu ihrem Erstaunen bemühte sich Peter nicht, sie zu überreden. Er blickte sie lediglich mit seinen klugen blauen Augen an, bis Cassie überhaupt nicht mehr wusste, wo ihr der Kopf stand.

„Ich respektiere Ihren Standpunkt“, sagte er schließlich. „Wenn Sie allerdings doch eine Heirat in Betracht zögen, würden Sie mich dann als einen akzeptablen Kandidaten betrachten?“

Ja, oh ja natürlich. Cassie vermied es gerade noch, den Gedanken laut auszusprechen. Lord Peter Townend, Viscount und Erbe eines Marquis, erschien ihr unter vielen Gesichtspunkten mehr als akzeptabel, und genau das brachte sie völlig durcheinander.

„Das ist eine theoretische Frage, Mylord“, gab sie zu Bedenken, nachdem sie sich wieder zusammengerissen hatte.

„Das gebe ich zu. Aber wäre ich denn zumindest rein theoretisch akzeptabel?“

Ganz sanft umschloss Peter ihre Finger. Cassie versuchte, die Ruhe zu bewahren.

„Ich bin mir nicht sicher, ob Sie akzeptabel sind, Sir“, erwiderte sie streng und versuchte vergeblich, ihre Hand aus seiner Umklammerung zu befreien. „Zum Beispiel gibt es ernsthafte Bedenken, die Ihren Charakter betreffen. Ich habe zufällig ein Gespräch meiner Cousins John und Anthony mitbekommen, in dem von Ihnen die Rede war. John meinte, Sie hätten eine verwegene Art, und er äußerte Zweifel, ob er eine Verbindung zwischen uns gutheißen sollte. Was sagen Sie dazu?“

„Offen gestanden finde ich es gut, dass Ihre Cousins sich um Ihr Wohlergehen sorgen“, antwortete Peter.

„Sie haben meine Frage nicht beantwortet.“

Peter lächelte. „Das haben Sie also bemerkt.“

„Natürlich habe ich es bemerkt. Also, was meinen Sie dazu?“

Auf Peters Gesicht zeigte sich eine Spur von Resignation. „Gut, ich gebe es zu. Sie haben mich ja bereits dazu gebracht, mich verwegen zu verhalten, Miss Ward.“

„Das ist kein guter Ausgangspunkt“, erwiderte Cassie tadelnd. „Ich habe es also mit einem verwegenen Mitgiftjäger zu tun. Haben Sie irgendwelche positiven Eigenschaften, die das wieder ausgleichen könnten?“

„Viele. Zum Beispiel bin ich ein sehr ehrlicher Mensch, wie sie vielleicht schon bemerkt haben.“

Gegen ihren Willen musste Cassie lächeln. Sein offenes Eingeständnis von Fehlern hatte etwas seltsam Entwaffnendes.

„Es überrascht mich, dass Anthony und John Sie dennoch für den am meisten geeigneten Kandidaten hielten.“

„Vielleicht haben Ihre Cousins sich meine außergewöhnlichen Qualitäten vor Augen geführt, die Ihnen hoffentlich auch noch auffallen werden.“

Cassie warf ihm einen unwilligen Blick zu. „Ich finde es ausgesprochen ärgerlich, dass meine Cousins mich unbedingt verheiraten wollen. Anthony hat die Ehe kein Glück gebracht. Natürlich spricht er nie darüber, aber ich weiß, dass er unglücklich ist, seit Georgiana verschwunden ist, und außerdem erklärt er ständig, nie wieder heiraten zu wollen.“ Sie machte eine abfällige Handbewegung. „Und was John angeht, er und seine erste Frau haben sich in der Öffentlichkeit gut zusammengerissen, aber jeder in der Familie wusste, dass sie ihn hasste.“ Sie drehte sich plötzlich weg, und in ihrer Stimme lag ein schmerzlicher Unterton. „Trotzdem versuchen sie mich zu verheiraten, weil sie nicht genau wissen, was sie mit mir anstellen sollen!“ Herausfordernd blickte sie Peter an. Dass sie so offen mit einem völlig Fremden sprach, kam ihr sonderbar vor. Doch etwas an ihm flößte ihr großes Vertrauen ein.

„Ich könnte es nicht ertragen, an einen Mann gebunden zu sein, der mich weder liebt noch respektiert“, bekundete sie traurig. „Ein solcher Mann würde sich nicht mehr um mich scheren, sobald er all mein Geld genommen hätte, und die ganze Situation wäre mir unerträglich.“

„Cassandra, so muss es doch nicht sein.“

Er rutschte dicht an sie heran, sodass sie durch den Samtstoff ihrer Röcke seine Körperwärme spürte. Ein wohliger Schauer überlief sie.

„Ich …“

Peter lächelte. „Ja?“

Cassie versuchte, sich zu konzentrieren. „Genauso würde es jedenfalls kommen, wenn ich jemanden wie meinen Cousin William heiraten müsste“, erklärte sie. „Er bemüht sich schon ewig, mich zur Hochzeit zu bewegen.“ In diesem Moment schien sich Peter Townends Miene zu verfinstern, aber das war so schnell vorbei, dass sie sich keinen Reim darauf machen konnte.

„William Lyndhurst-Flint?“, fragte er nach.

„Ja. Er ist der Bruder meines Cousins John. Er versucht seit Jahren, mein Geld zu heiraten. Meine Anstandsdame hält ihn für den passenden Bewerber, aber ich mache mir überhaupt nichts aus ihm.“ Sie errötete. „Ehrlich gesagt ist er ein widerlicher Lüstling. Ständig belästigt er die Dienstmädchen. Und sein Diener ist keinen Deut besser. Herr und Diener nehmen sich in dieser Hinsicht nichts.“ Sie hielt den Atem an, als Peter ihr mit zwei Fingern leicht das Kinn hob, damit sie ihm direkt in die Augen blickte.

„Hat Ihr Cousin jemals versucht, Sie anzufassen?“ Seine Finger fühlten sich zärtlich an, aber sein Ton war streng, und Empörung stand ihm ins Gesicht geschrieben.

„Ja“, antwortete Cassie. Sie lächelte ein wenig. „Er hat einmal versucht, mich zu küssen, als er betrunken war. Ich habe ihm eine Ohrfeige verpasst. Dieser Vorfall fand nie Erwähnung, aber er weiß, dass er sich mir besser nicht nähern sollte.“

Peter wirkte auf einmal belustigt, und sein Zorn schien wie verflogen.

„Ich hätte es mir denken können“, sagte er sanft. „Sie sind eine bemerkenswerte Frau, Miss Cassandra Ward.“

Cassie wurde rot und senkte den Kopf. Peter strich mit seinen Fingern ganz sanft ihre Wangen entlang, als wollte er sie entdecken und als könnte er noch kaum glauben, dass er sie gefunden hatte. Die federleichte Art, wie er sie berührte, besaß eine gefährliche Zauberkraft.

„Würden Sie jedem Gentleman eine Ohrfeige geben, der Sie berührt?“, erkundigte er sich. Seine Stimme klang ruhig, aber es schwang etwas darin mit, das Cassie erbeben ließ.

„Ich würde es tun, wenn ich ihn nicht mögen würde“, antwortete sie und sah ihm tief in die Augen. „Und ich bin bislang noch keinem Gentleman begegnet, den ich mochte.“

Peter lächelte. „Also lautet die entscheidende Frage, ob Sie mich mögen oder nicht …“, sagte er leise.

Er berührte sie sanft am Mundwinkel und glitt dann mit einem Finger ihre Unterlippe entlang. Der leidenschaftliche Ausdruck in seinen Augen machte Cassie ganz schwach. Sie schluckte schwer. Unwillkürlich beugte sie sich ihm entgegen und schloss bereits die Augen in Erwartung eines Kusses …

Doch dann riss sie die Augen auf und setzte sich rasch wieder gerade hin. „Ich weiß, was Sie vorhaben, aber es wird Ihnen nicht gelingen!“

Peter brach in Gelächter aus. „Was tue ich denn, meine liebe Miss Ward?“

„Sie wollen mich verführen“, erwiderte Cassie, die gegen das Herzrasen ankämpfte, das seine Zärtlichkeit bei ihr hervorgerufen hatte. „Das ist schlecht von Ihnen, Mylord. Sie sagten, dass Sie ehrlich mit mir wären.“

Peter hob die Augenbrauen. „Ich verspreche Ihnen, dass ich Ihnen nichts vormache, Cassandra.“

„Sie wollen mich küssen!“

„Das kann ich nicht abstreiten. Wollen Sie mich denn küssen?“

Cassie blickte ihn an. Die Antwort war ja, und sie fürchtete, das stand ihr klar ins Gesicht geschrieben, aber noch kämpften Furcht und Aufregung in ihrem Inneren. Sie biss sich auf die Unterlippe. Plötzlich fühlte sie sich sehr jung.

„I…ich weiß es nicht.“ Sie bemühte sich, aufrichtig zu sein. „Das heißt, ja …“ Dieses Eingeständnis trieb ihr erneut die Schamesröte ins Gesicht, und sie blickte ihn vorsichtig an.

„Sie wollen mich küssen?“

„Ja! Aber …“

„Aber?“ Peter lehnte sich ein wenig zurück. Sie spürte, dass er um Selbstbeherrschung rang, und dieser Gedanke erregte sie. Offenkundig fand er sie anziehend, würde sich ihr jedoch nicht aufdrängen. Sie war sehr erleichtert und froh, dass er nicht zu dieser Sorte Mann zählte. Gewiss war er erfahren. Er wirkte überzeugend und besaß eine starke Ausstrahlung, aber er war kein Wüstling, der Unschuldige verführte. Sie merkte, dass er sich von ihr zurückzog, und schaute ihm direkt in die Augen.

„Ihr Liebeswerben ist ausgesprochen rasant, Mylord. Ich weiß nicht, ob ich da Schritt halten kann.“

Das feurige Verlangen in seinen Augen stand im Gegensatz zur Zurückhaltung seiner Berührungen. Er lehnte sich vor und streifte ihre Lippen mit den seinen. „Möchten Sie es ausprobieren? Es ist eine einfache Sache …“

Wenn er über sie hergefallen wäre oder sie an sich gezogen hätte, hätte sie sich wahrscheinlich sofort losgerissen, aber die Behutsamkeit seiner Zärtlichkeiten berührte sie tief im Herzen und ließ sie jeden Widerstand aufgeben.

Sie kannte ihn erst so kurz. Sie war benommen vom Brombeerlikör und von einem ungeahnten Verlangen, und dennoch erschien ihr alles vollkommen richtig. Er hielt sie sanft und zugleich kraftvoll in seinen Armen. Es fühlte sich verrucht und berauschend an und verlieh ihr dennoch zugleich ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit. Sie war einundzwanzig Jahre alt und hatte nie zuvor Vergleichbares erlebt. Es war ein überwältigender Taumel der Emotionen, und sie wusste auf einmal, dass sie Peters Hände auf ihrem Körper spüren wollte. Überall auf ihrem Körper und ohne dass Kleidung zwischen ihnen war. Und sie wollte seine Berührungen erwidern. Diese Erkenntnis riss sie mit sich und raubte ihr beinahe den Atem.

Wenn ich Peter heirate, kann ich das jeden Tag erleben, kam ihr in den Sinn, und allein bei dem Gedanken wurde ihr ganz schwindelig. Es war unfassbar, ungeheuerlich und zutiefst befriedigend. Sie umschlang seinen Nacken und griff in sein kräftiges dunkles Haar, streichelte ihn und zog ihn dichter an sich. Sie küsste ihn – schüchtern und ungeübt. Ihre Lippen berührten die seinen, und sie hörte sein Stöhnen, bevor er den Kuss verstärkte, seine Zunge zwischen ihre Lippen gleiten ließ, in ihren Mund eindrang.

Obwohl der Kuss sie vor lauter Intensität und Leidenschaft beinahe verbrannte, verspürte sie keinerlei Angst. Als Peter ihren Mund freigab, übersäte sie seine Wangen bis hinunter zum Kinn mit Küssen, bevor er seine Lippen wieder auf Eroberungsreise schickte. Er ließ sie ihren Hals hinunterwandern und berührte sie dabei nur ganz sacht. Es war ein zartes samtweiches Liebkosen, und eine wunderbare Wärme durchströmte ihren ganzen Körper. Bereitwillig wölbte sie sich ihm entgegen. Sie konnte ein lustvolles Aufstöhnen nicht unterdrücken, als er begann, ihre Brüste zu streicheln.

Und dann, schon hatte sie sämtliche Bedenken fallen gelassen, riss er sich los und rückte von ihr weg. Sie lag eine Weile ganz still da, entsetzt allein gelassen zu werden mit einer Leidenschaft, die ihren ganzen Körper erhitzte. Dann öffnete sie die Augen und sah Peter, der sich mit den Händen an der Holzverkleidung auf der anderen Raumseite abstützte und so schwer atmete, als habe er gerade ein Rennen beendet.

Sie richtete sich halb auf, und er drehte sich zu ihr um. Das sehnsüchtige Glitzern in seinen Augen ließ sie am ganzen Körper erzittern. Er wirkte, als ob er Schmerzen hätte.

„Ich gehe hinaus“, sagte er.

Cassie starrte ihn wie betäubt an. „Hinaus? Aber …“

Sie bemerkte, dass er seine Blicke nicht vom Ausschnitt ihres Reitkleides abwenden konnte, an dem sich inzwischen noch mehr Knöpfe gelöst hatten. Mit einem Mal kam ihr die Erkenntnis. Sie war zwar unerfahren, aber nicht dumm. Sie lief dunkelrot an. „Oh! Was habe ich getan?“

„Es ist nicht Ihre Schuld.“

Peter ging auf sie zu, blieb jedoch einen knappen Meter vor ihr stehen. „Cassandra, es ist nicht Ihre Schuld“, wiederholte er. Sie sahen einander an. Peter beugte sich vor und streichelte sanft ihre linke Wange. „Ich schwöre …“, begann er, als sich plötzlich mit einem lauten Stoß die Tür öffnete und Major Anthony Lyndhurst und der Earl of Mardon in den Raum stürmten.

„Möglicherweise haben Sie meine Einladung falsch verstanden, Townend“, sagte Anthony Lyndhurst frostig. Seine Augen funkelten vor Zorn. „Als ich Sie zu meiner House Party einlud, lag es nicht in meiner Absicht, orgiastische Ausschweifungen in die Wege zu leiten. Nun weiß ich nicht, ob ich den Pfarrer rufen lassen oder Ihnen eine gehörige Abreibung verpassen sollte.“

Peter rieb sich die Stirn. In dieser Situation blieb ihm nichts anderes übrig, als sich demütig zu entschuldigen, und selbst das würde einen Mann kaum besänftigen, dessen Mündel soeben beinahe in einem Gasthaus verführt worden war.

Als echte Gentlemen hatten weder Anthony Lyndhurst noch John, Earl of Mardon, ihre Meinung über sein abscheuliches Verhalten zum Ausdruck gebracht. Sie hatten Cassie in die Kutsche geschoben und ihn kurz angebunden aufgefordert, hinterherzureiten. Allein ihre Blicke ließen keinen Zweifel daran, dass sie ihn im Falle einer feigen Flucht stellen und zum Duell herausfordern würden. Sofern dabei einer scheitern würde, stand der andere bereit, das Werk zu vollenden. So kam es, dass Cassie ihrer Anstandsdame übergeben wurde, ohne die Möglichkeit zu bekommen, noch ein Wort mit Peter zu wechseln.

Kaum in Lyndhurst Chase angekommen, musste Peter eine unangenehme Befragung in der Bibliothek über sich ergehen lassen. Ihm wurde nicht angeboten, seine nasse Kleidung zu wechseln, und natürlich bot man ihm auch kein Getränk an.

Der Ritt durch den Regen nach Lyndhurst Chase hatte Peter ausreichend Gelegenheit gegeben, über sein stürmisches Liebeswerben nachzudenken. Qualvoll kam ihm dabei immer wieder der verhängnisvolle Moment in den Sinn, in dem sich die Salontür geöffnet hatte. Die Situation war zu eindeutig gewesen, um falsch verstanden zu werden. Cassandra hatte auf dem Sofa gelegen, ihr Haar fiel offen über die Schultern, die oberen Knöpfe ihres Kleides waren geöffnet, sodass der Ansatz ihrer Brüste zu sehen war. Selbstverständlich rief ihr Zustand bei ihren männlichen Verwandten nicht dieselben Gefühle hervor wie bei ihm. Und was alles noch schlimmer machte, er selbst hatte sich in einem Zustand großer Erregung befunden. Wenn er den verächtlichen Blick seines Gastgebers richtig deutete, war es reine Zeitverschwendung, diese Tatsache abzustreiten. Alles war zu offensichtlich und ließ sich nicht mit Ausflüchten beschönigen.

„Ich kann Sie nur um Verzeihung bitten“, sagte Peter. „Es war nicht als Respektlosigkeit gegenüber Miss Ward geplant. Wir haben uns unterhalten und dann …“ Er machte eine hilflose Handbewegung. Cassandra und er hatten tatsächlich miteinander geredet, aber selbst jetzt war ihm noch unklar, wie sie von dieser relativ harmlosen Beschäftigung zu einer übergegangen waren, die einen weit weniger unschuldigen Charakter besaß. Und wie nicht anders zu erwarten war, machten seine Worte auf Major Anthony Lyndhurst nicht den geringsten Eindruck.

„Ha! Unterhalten!“

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