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Lady Beatrices Sommertraum / Ein Offizier – und zärtlicher Verführer

Sarah Elliott

Lady Beatrices Sommertraum

1. KAPITEL

Charles Summerson, neunter Marquess of Pelham, wollte nicht spionieren – ganz gewiss nicht. Er hatte sich lediglich hinausgelehnt, um die Temperatur zu prüfen. Ihn plagten sogar Gewissensbisse, weil er das Fenster nicht sofort schloss, nachdem er festgestellt hatte, dass keine Regenwolken in Sicht waren, sodass er getrost einen Ausritt in den Park unternehmen konnte. Es gab keinen Grund, noch länger an seinem Fensterplatz zu verweilen.

Dennoch verweilte er.

Charles stand nicht einmal an seinem eigenen Fenster. Vielmehr befand er sich in seinem ehemaligen Zimmer im Haus seiner Mutter in der Park Lane, wo er vorübergehend wohnte, während seine eigene Residenz renoviert wurde. In all den Jahren seiner Kindheit hatte er nie erkannt, welch vorzüglichen Aussichtspunkt das Fenster bot, um die Geschehnisse im Nachbargarten zu beobachten. Nicht, dass ihn diese Geschehnisse je interessiert hätten. Offen gestanden war er auch jetzt nicht neugierig darauf, was Lady Sinclair in ihrem Garten trieb. Sie lebte schon so lange nebenan, wie er denken konnte, und war eine jener Matronen der feinen Gesellschaft, deren neunundfünfzigstes Lebensjahr nie zu enden schien, gleich wie viele Jahre vergingen. Das Gift, das sie versprüht, konserviert sie wohl, mutmaßte er.

An diesem Tag jedoch saß nicht Lady Sinclair im Nachbargarten, sondern eine ganz andere Dame, eindeutig jünger und ein viel angenehmerer Anblick als besagte Matrone.

Reglos beobachtete Charles die ihm unbekannte junge Frau. Sie lag mit dem Rücken zu ihm gekehrt auf Lady Sinclairs akkurat geschnittenem Rasen, hatte sich auf einen Ellbogen gestützt und schrieb eifrig etwas in ein kleines Buch. Zu seinem großen Bedauern konnte er ihr Gesicht nicht sehen, sondern nur ihren Kopf, den sie tief über ihre Notizen gebeugt hielt.

Er ließ den Blick über ihren Körper schweifen, oder zumindest über das, was er davon erkennen konnte. Sie trug ein zartgelbes Kleid im Farbton von Lady Sinclairs Kletterrosen, das einen angemessenen – wenngleich auch für ihn enttäuschend – sittsamen Schnitt aufwies. Auf seine Fantasie vertrauend malte er sich die Einzelheiten aus, die das Kleid verbarg: eine schmale Figur, sanft geschwungene Hüften, eine schlanke Taille, runde Brüste. Stumm wünschte er, sie würde sich umdrehen, um seine Neugier zu befriedigen.

Weiter ließ er den Blick wandern, nun über ihre ausgestreckten Beine. Sie hatte die Schuhe abgestreift und nachlässig neben sich auf den Boden fallen lassen. Ihre Waden waren zwar – so, wie es sich ziemte – züchtig bedeckt, aber ihre Füße sah er deutlich. Gelegentlich wackelte sie mit den Zehen im Gras.

Er wusste, er sollte sich abwenden, und hätte dies wohl auch getan, wären da nicht ihre verflixten bestrumpften Füße gewesen. Ihr Anblick stachelte seine Neugier zusätzlich an und ließ ihn umso heftiger wünschen, einen Blick auf ihr Gesicht erhaschen zu können. Zudem war sie ganz vertieft in das, was auch immer sie da tat, und so bestand wohl kaum die Gefahr, von ihr ertappt zu werden.

Plötzlich hielt die junge Frau im Schreiben inne und blätterte durch die Seiten des Buchs. Charles hätte in diesem Moment alles gegeben, um mit ihr lesen zu können. Fast schon begierig hoffte er, es handele sich um ihr Tagebuch, in dem sie ihre innersten Geheimnisse, ihre verborgensten Wünsche aufzeichnete …

Er schenkte dem Buch indes keinerlei Beachtung mehr, als sie, offenbar vergessend, dass sie eine junge Dame war, ein Bein unbekümmert abwinkelte und es hin- und herschwang. Ihr Rock fiel ihr dadurch bis zum Knie hoch, und er kam in den Genuss, einen schlanken Knöchel und eine wohlgeformte Wade bewundern zu können.

Anerkennend hob er eine Augenbraue. Vermutlich sollte ich mich schämen, sie heimlich zu beobachten, dachte er. Sein lästig moralisches Gewissen schob er indes beiseite; es war ihm schlicht unmöglich, den Blick von ihr zu nehmen. Er überlegte sogar, rasch die Gemächer seiner Schwester aufzusuchen, um sich ihr Opernglas zu borgen.

Bevor er allerdings diese Entscheidung treffen konnte, wurden seine ruchlosen Gedanken jäh von einer schrillen Stimme unterbrochen – vermutlich gehörte sie der Xanthippe Lady Sinclair. „Bea! Komm herein, es ist Zeit zum Umkleiden.“

„Ich komme“, antwortete die junge Frau. Jedoch schloss sie weder das Buch, noch stand sie auf.

Einen Augenblick später erklang die Stimme erneut, diesmal ungehaltener: „Bea! Wir werden zu spät kommen.“

Widerstrebend schlug die junge Dame ihr Buch zu, aber sie erhob sich nicht gleich. Sie drehte sich auf den Rücken, streckte sich wie eine Katze und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Mit entrückter Miene und dem Anflug eines Lächelns auf den Lippen schaute sie in den Himmel.

Nun hätte Charles den Blick tatsächlich abwenden sollen. Jeden Moment hätte sie die Augen zu seinem Fenster richten und entdecken können, dass er sie begehrlich anstarrte. Und dies wäre wirklich fatal gewesen. Die unangenehmen Folgen, die eine Entdeckung nach sich ziehen könnte, kamen ihm jedoch gar nicht in den Sinn. Einen Augenblick vergaß er sogar zu atmen.

Himmel, sie war hinreißend. Ihre Figur fand seine Bewunderung, ihr Gesicht indes raubte ihm den Atem … Die perfekte kleine Nase, die vollen Lippen … Charles schluckte schwer. Nun, da sie auf dem Rücken lag, sah er seine Vorstellung bestätigt. Sie war tatsächlich schlank, aber definitiv an den richtigen Stellen gerundet. Immer noch sah er nicht alles, was er zu sehen wünschte – die Farbe ihrer Augen beispielsweise, den Schwung ihrer Brauen – aber mit ihrem goldblonden Haar war sie unbestritten eine Schönheit.

Wie alt sie wohl ist? fragte er sich. Zwanzig? Vielleicht einundzwanzig? Sie war eindeutig jung, aber nicht zu jung.

Mit unerfahrenen Debütantinnen ließ er sich nicht ein, was schlicht an der Tatsache lag, dass diese gewöhnlich auf Gattenfang waren. In die Ehefalle wollte er ganz gewiss nicht gehen.

Schließlich erhob sich die junge Frau und ging, das Buch fest an die Brust gedrückt, ins Haus. Der Bann war gebrochen.

Mehrere Minuten wartete Charles, darauf hoffend, dass sie wieder in den Garten hinauskam, dann aber schoss ihm ein Erfolg versprechenderer Gedanke durch den Sinn.

Er verließ seinen Platz am Fenster und ging geradewegs zum Zimmer seiner Schwester. Das im Korridor hängende Porträt seines Ururgroßvaters, der missbilligend unter buschigen Augenbrauen auf ihn herabstarrte, ignorierte er geflissentlich.

„Lucy? Bist du da?“, rief er durch die Tür. Seine achtzehnjährige Schwester verbrachte zum ersten Mal die Saison in London. Trotz der zwölf Jahre Altersunterschied standen sie sich sehr nahe, wenngleich er sich immer noch nicht an die Tatsache gewöhnt hatte, dass seine Schwester kein Kind mehr war.

Lucy öffnete lächelnd die Tür. Sie war ein hübsches, zierliches Mädchen. Wie ihr Bruder hatte sie schwarzes Haar und grüne Augen. Von der Größe einmal abgesehen – er war über einen Meter achtzig groß –, war die Ähnlichkeit zwischen ihnen frappierend. „Hast du Sehnsucht nach mir, Charles?“, fragte sie kess.

„Oh, du musst dir nicht selbst schmeicheln, Lu. Ich möchte lediglich deine Pläne für den heutigen Abend erfahren.“

Sie hob eine Augenbraue. „Willst du mich etwa begleiten? Das wäre ja ganz neu.“
 „Zu deinem Debüt vor zwei Wochen habe ich dich ebenfalls begleitet“, warf er ein.

„Das zählt nicht, weil du daran teilnehmen musstest. Außerdem hast du mir an jenem Abend selbst gesagt, es wäre das erste und letzte Mal.“

„Vielleicht habe ich meine Meinung inzwischen geändert. Welche Veranstaltung steht heute Abend auf dem Programm?“

„Lady Teasdales alljährlicher Ball.“

Charles nickte, als überlege er, ob er sie begleiten solle, aber er hatte seine Entscheidung längst gefällt. Kaum etwas verabscheute er mehr, als Lady Teasdales verflixten Ball zu besuchen, indes hoffte er, dort der jungen Frau im gelben Kleid zu begegnen, um mehr über sie zu erfahren. Lady Sinclair hatte sie hereingebeten, damit sie sich für irgendeinen Anlass umkleidete, wahrscheinlich für diesen Ball. „Gut, ich werde dort sein.“

„Aber du kannst Lady Teasdale nicht ausstehen!“, rief Lucy.

Charles wurde klar, dass dieses Gespräch wohl kaum so kurz werden würde, wie er angenommen hatte. Er betrat Lucys Zimmer und ließ sich in einen der Sessel fallen, in Gedanken bereits nach einer plausiblen Erklärung suchend. „Mir ist bewusst geworden, dass ich meine Pflichten vernachlässigt habe, Lu. Ich sollte dich mit den Aasgeiern nicht allein lassen.“

„Charles, Mutter begleitet mich. Es ist nicht so, als hätte ich keine Anstandsdame.“

„Ja, aber Mutter kennt die diversen Gentlemen nicht so wie ich. Mir wäre es verhasst, wenn du deine Zeit mit Tunichtguten vergeudest.“

Sie stöhnte ungläubig auf. „Wie kannst ausgerechnet du nur so argwöhnisch sein? Du bist doch der größte Herzensbrecher von allen. Ist es dir nie in den Sinn gekommen, dass ich deine Gesellschaft vielleicht gar nicht möchte?“

Er gab sich entsetzt. „Und diese Worte aus dem Mund meiner geliebten Schwester.“

Lucy gab sich so schnell nicht geschlagen. Sie liebte ihren Bruder von ganzem Herzen, aber gelegentlich übertrieb er es etwas mit der Fürsorglichkeit. Ein letztes Mal wollte sie versuchen, ihm den Ball auszureden. „Gewiss wirst du Mutter sehr glücklich machen, wenn du uns begleitest. Erst heute Morgen erzählte sie mir, es sei höchste Zeit, dass du dich vermählst.“

Eine unschuldige Miene aufsetzend, klimperte sie mit den Wimpern.

„Das sagt Mutter jeden Tag.“

„Tja, Charles …“ Lucy erwärmte sich für dieses Thema. „In letzter Zeit hat Mutter vermehrt Anstrengungen unternommen, eine passende Partie für dich zu finden. Habe ich dir das noch nicht erzählt? Offenbar sorgt sie sich, du würdest dich möglicherweise nie vermählen.“

„Das soll eine Neuigkeit sein?“, fragte er und gähnte gespielt.

Sie ignorierte sein unhöfliches Benehmen. „Nein, aber neuerdings pflegt sie die beunruhigende Angewohnheit, ein Notizbuch bei sich zu tragen, in das sie Namen und Herkunft einer jeden ledigen Frau einträgt, der sie begegnet. Sie geht nie ohne es aus.“

Sprachlos blickte er sie einen Augenblick an, ehe er sagte: „Sie macht sich Notizen? Wie sieht dieses Notizbuch aus, Lucy?“

Sie überlegte, ob sie es ihm beschreiben sollte. Immerhin bestand die Möglichkeit, dass er nach dem Buch suchen und es entwenden wollte. Das würde ihre Mutter ihr nie verzeihen. Ganz zu schweigen davon, dass ich das Büchlein auch nicht mehr wie ein Damoklesschwert über den Kopf meines Bruders halten kann falls nötig, dachte Lucy. Früher oder später würde er allerdings ohnehin erfahren, wie es aussah. Sie entschloss sich zu einer möglichst vagen Beschreibung. „Tja, so genau kann ich das nicht sagen. Oft habe ich es nicht gesehen und wenn, dann war es immer aufgeschlagen. Ich glaube, der Einband ist aus Leder. Oh, und klein ist es natürlich, damit sie es in ihr Retikül stecken kann.“

Charles hatte nach der Universität mehrere Jahre in den Diensten des Kriegsministeriums gestanden und durchschaute das Ausweichmanöver seiner Schwester mühelos. Beeindruckt von ihrer Geschicklichkeit, die jener der französischen Spione, die ihm über den Weg gelaufen waren, in nichts nachstand, ließ er das Thema für den Moment fallen. Er würde das Buch schon finden und verschwinden lassen.

„Du warst sehr hilfreich, Lu. Dafür kann ich dir gar nicht genug danken – und ich werde euch heute Abend begleiten.“ Charmant lächelnd stand er auf und ging in sein Zimmer zurück. Der Ausritt im Park konnte warten.

2. KAPITEL

Beatrice Sinclair hielt überlegend inne, den Stift über einer leeren weißen Seite ihres Notizbuches gezückt. Sie schrieb drei Worte, strich sie aber sofort wieder aus, um auf weitere – bessere – Worte zu warten. Indes fielen ihr keine ein.

Als sie merkte, dass sie zu zerstreut war, um ihrer Schriftstellerei die verdiente Aufmerksamkeit zu widmen, legte sie das Buch beiseite. Wie sollte sie sich auch in das Schreiben erfundener Geschichten vertiefen, wenn die Wirklichkeit – ihr eigenes Leben – solch ein Trauerspiel war?

Nach Inspiration suchend ließ sie den Blick durch das Zimmer schweifen. Die Wände des Hauses ihrer Großtante Louisa waren mit Seidentapeten bedeckt, die entweder ländliche Motive oder Blumenmuster zeigten. In ihrem eigenen Zimmer tummelten sich Schafhirten neben Mägden auf den Wänden, die Decke zierten aufgemalte Wolken. Beatrice hätte es vorgezogen, sich im Freien aufhalten zu können, aber Tante Louisa hatte sie hineingerufen, da sie es missbilligte, wenn junge Damen sich sonnten. Eine einzige Sommersprosse könne bereits die Chancen eines Mädchens auf eine Hochzeit vereiteln, behauptete sie.

Seufzend wandte sich Beatrice wieder ihrem Notizbuch zu. Sie besaß es seit ihrer ersten Saison vor fünf Jahren. Zunächst hatte sie es als Tagebuch genutzt und darin – im wahrsten Sinne des Wortes – die Ereignisse eines jeden Tages festgehalten. Dies tat sie, weil sie befürchtete, so hohlköpfig wie der gesamte ton zu werden, wenn sie ihren Verstand nicht mit etwas Nützlichem beschäftigte. Das Lesen des Tagebuchs zum Ende dieser ersten Saison hatte ihr indes deutlich gemacht, wie langweilig ihr Leben geworden war. Es bestand bloß noch aus Dinnerpartys, Gesellschaften und Bällen, die einzig dem Zweck dienten, sich einen Gatten zu angeln. Gewiss wäre dies leichter zu ertragen gewesen, wenn sie wenigstens für einen der Gentlemen, die sie bei diesen zahllosen gesellschaftlichen Anlässen traf, freundschaftliche Gefühle empfunden hätte. Tatsächlich aber fiel es ihr schwer, für die meisten der Herren auch nur die leiseste Sympathie aufzubringen.

Nach dieser ersten Saison hatte Beatrice resignierend erkannt, wie weit bei der Gattensuche Wirklichkeit und Wunschtraum auseinanderklafften und dass es nur von Vorteil war, wenn man keine allzu romantischen Vorstellungen hegte. Wo war in der realen Welt der stattliche, geheimnisvolle, attraktive Kavalier ihrer Träume, der zudem über breite Schultern, messerscharfen Verstand und geistreichen Humor verfügte? Ganz eindeutig existierte er nicht. Wenn sie lernte, diese Tatsache zu akzeptieren, konnte die Realität sie nicht mehr enttäuschen.

Bedauerlicherweise kam sie zu spät zu dieser Erkenntnis. Da sie die Heiratsanträge mehrerer Verehrer abgewiesen hatte, galt sie nach ihrer ersten Saison als „Eisblock“. In ihrer zweiten und dritten Saison umwarb man sie daher kaum noch.

Aus diesem Grund hatte sie zwei Jahre auf dem Landsitz ihrer Familie verbracht, und nun – älter, klüger und geläutert – war sie bereit, sich einer weiteren Saison zu stellen. In diesem Jahr ging sie indes planvoll vor. Um ihre romantischen Fantasien in gewissem Maß ausleben zu können, hatte Beatrice im weisen Alter von dreiundzwanzig Jahren das Tagebuchschreiben aufgegeben und beschlossen, einen Roman zu verfassen. Auf diese Weise, so hoffte sie, konnte sie sich den Helden ihrer Träume erschaffen und die graue, stumpfsinnige Realität leichter ertragen.

Leider funktionierte ihr Plan nicht ganz so wie erwartet, aber die Saison hatte auch erst vor wenigen Wochen begonnen.

„Beatrice, das dulde ich nicht.“ Beatrices Großtante war ins Zimmer getreten und funkelte sie verärgert an.

Selbst wenn sie guter Laune war, bot Lady Sinclair dank ihrer großen hageren Gestalt, dem stahlgrauen Haar, den stahlgrauen Augen und der langen Nase einen Respekt einflößenden Anblick. War sie jedoch in Rage, bekam das Wort „einschüchternd“ eine völlig neue Bedeutung. Mit einem einzigen Kräuseln der Lippe konnte Tante Louisa selbst in den tapfersten Herzen Furcht erwecken. Beatrice indes ließ sich nicht erschrecken, weil sie wusste, dass ihre Tante unter der rauen Schale – wenngleich auch gut verborgen – einen weichen Kern besaß. Im Grunde genommen war Lady Sinclair eine großzügige, fürsorgliche Frau, der ihre Familie über alles ging.

Obwohl Beatrice befürchtete, zu wissen, worüber ihre Tante verärgert war, fragte sie nach, um Zeit zu gewinnen. „Bitte entschuldige, Tante Louisa, was duldest du nicht?“

Lady Sinclair schnaubte unfein. „Deine Schwester hat mir soeben mitgeteilt, du willst nicht an Lady Teasdales Ball teilnehmen. Warum erfahre ich das nicht von dir?“

Schuldbewusst setzte Beatrice zu einer Erklärung an: „Nun, Eleanor erzählte, in der Drury Lane werde König Lear aufgeführt und sie habe keine Begleitung …“

„Du hast mir versprochen, Lady Teasdales Ball zu besuchen. Außerdem ist Eleanor erst sechzehn, sie hat noch lange genug Zeit ins Theater zu gehen. Ich hätte mich nie mit ihrem Besuch einverstanden erklären sollen, auch wenn es nur für wenige Wochen ist. König Lear, pah.“ Lady Sinclair rümpfte die Nase. „Ein Mann mit drei Töchtern und schau, welches Ende es mit ihm genommen hat. Ein solches Stück wird Eleanor nichts als Flausen in den Kopf setzen. Ich bin nur froh, dass Helen nicht ebenfalls in London weilt.“

„Ich denke, du übertreibst ein wenig, Tante. Meine beiden Schwestern und ich sind unserem Vater aufrichtig zugetan, und ich kann dir versichern, dass Eleanors Motive rein unschuldiger Natur sind. Sie geht einfach gern ins Theater, das ist alles.“

Lady Sinclair verdrehte die Augen. „Kommen wir zum Punkt zurück, Beatrice. Eleanor weiß, wie gerne du dich vor dem Ball der Teasdales drücken würdest. Offenbar denkt sie, da sie zu jung ist, um daran teilzunehmen, mache es nichts aus, wenn du ihn ebenfalls versäumst.“

„Ist dem so?“, fragte Beatrice hoffnungsvoll.

Lady Sinclair blickte sie in gespielter Ungläubigkeit an. „Hast du dich etwa heimlich vermählt, ohne mir etwas davon zu erzählen, Beatrice Sinclair? Natürlich macht es etwas aus, wenn du den Ball versäumst – damit schmälerst du deine ohnehin schon geringen Chancen auf eine Ehe noch weiter.“

Beatrice war diese Kommentare bereits gewohnt und wusste, ihre Tante meinte es nicht böse. Sie setzte eine unschuldige Miene auf. „Ich kann nicht glauben, dass du mir unterstellst, ich wolle mich vor Lady Teasdales Ball drücken.“

Lady Sinclair schnaubte erneut. „Hältst du mich für eine Närrin? Seit deiner Ankunft im vergangenen Monat erzählst du mir ständig, wie gern du die Einladung absagen würdest. Ja, Lady Teasdale ist grässlich anstrengend, aber ihre Bälle sind immer gut besucht, auch von jungen Gentlemen, die eine passende Partie für dich abgeben würden.“ Sie seufzte. „Du gibst dir überhaupt keine Mühe, einen Gatten zu finden. Die Saison hat bereits vor zwei Wochen begonnen, und ich habe deinem Vater mein Wort gegeben.“

„Ich weiß, Tante Louisa. Ich dachte nur, da ich bereits drei Mal wenig erfolgreich an Lady Teasdales Ball teilgenommen habe …“

„Als ob du mich daran erinnern müsstest. Ganz eindeutig bist du immer noch nicht vermählt.“

Beatrice zählte stumm bis fünf und betete darum, nicht die Geduld zu verlieren. „Eindeutig.“

„Und wie alt bist du?“

Fast hätte Beatrice nicht auf die Frage geantwortet. Ihre Tante erwähnte ihr Alter mindestens zwei Mal am Tag. Sie wusste ganz genau, wie alt ihre Nichte war. „Ich bin dreiundzwanzig, das haben wir doch bereits zur Genüge festgestellt. Ich werde es dich wissen lassen, sollte sich an meinem Alter etwas ändern.“

Lady Sinclair schnalzte missbilligend. „Naseweises Mädchen. Das hast du nun davon, dass du in die Jahre kommst.“

„Was habe ich davon?“

„Mit dem Alter kommt die spitze Zunge.“

Die kommt vielmehr daher, weil ich die letzten Wochen bei dir verbracht habe, dachte Beatrice, sagte aber nichts.

„Wie dem auch sei“, fuhr Lady Sinclair brüsk fort. „Da sich deine Schwester so beharrlich zeigte, habe ich euch den Theaterbesuch erlaubt. Allerdings unter einer Bedingung: Euer Bruder muss euch begleiten.“

Beatrice stöhnte auf, und Lady Sinclair kicherte schadenfroh. „Ja, meine Liebe, ich weiß, dies wird kein leichtes Unterfangen werden. Gewiss wird Ben alles andere als begeistert davon sein, seine beiden jüngeren Schwestern begleiten zu müssen. Es geht indes nicht an, dass zwei ledige junge Damen allein im Theater herumbummeln. Wo kommen wir denn da hin?“

Beatrice sank tiefer in ihren Sessel. Tante Louisa hatte recht. Ben würde gewiss keinerlei Verlangen haben, sie ins Theater zu begleiten. Vermutlich hatte er längst andere Pläne für den Abend. Wenn sie aber sofort damit begann, ihn hartnäckig anzubetteln, würde er sich vielleicht überreden lassen, nur um seine Ruhe zu haben. Beatrice hätte vor Freude über diesen Plan beinahe aufgelacht, indes beherrschte sie sich klugerweise. „Danke, Tante Louisa. Ich weiß, wie viel es Eleanor bedeutet, und es wäre mir verhasst gewesen, sie enttäuschen zu müssen.“

Lady Sinclair lächelte selbstgefällig. „Ja, schon gut. Ich habe mich übrigens informiert. Das Stück beginnt um sieben Uhr. Das bedeutet, du kannst nach der Aufführung immer noch zu einer annehmbaren Stunde bei Lady Teasdale erscheinen. Und ich wünsche, dass du deinen Bruder mitbringst.“

Nach dieser Ankündigung segelte Lady Sinclair mit der Würde einer königlichen Barke aus dem Raum. Beatrice schloss die Augen. Ihre aufkeimende Hoffnung erstarb. Es half nicht, sie konnte immer noch das triumphierende Lächeln im Gesicht ihrer Tante sehen. Sie öffnete die Augen und blickte zu den fröhlichen Mägden auf der Wand. Selbst sie schienen schadenfroh zu grinsen.

Oh, wie sie den bevorstehenden Abend fürchtete. Drei Mal hatte sie bereits an Lady Teasdales verflixtem Ball teilgenommen, wie man es von ledigen jungen Damen erwartete. Lady Teasdales Tochter Sarah hatte im gleichen Jahr wie Beatrice debütiert und sich bereits in der sechsten Woche ihrer ersten Saison vermählt – noch dazu mit einem Viscount. Offen gestanden empfand Beatrice Mitgefühl für Sarah. Sie konnte sich nichts Schlimmeres vorstellen, als im Alter von achtzehn Jahren an den Meistbietenden verhökert zu werden. Das änderte jedoch nichts daran, dass Lady Teasdale es als ihren Lebensinhalt betrachtete, diese Tatsache ihr und jedem, dem sie begegnete, unter die Nase zu reiben.

Zugegebenermaßen mutete es recht jämmerlich an, gestand sich Beatrice ein, dass es ihr nach drei Jahren des Bemühens immer noch nicht gelungen war, sich einen Gatten zu angeln. Zählte man die zwei Jahre des erholsamen Dornröschenschlafes auf dem Landsitz ihrer Familie in Hampshire hinzu, summierte sich ihr Versagen unleugbar sogar auf fünf Jahre.

Das hieß nun nicht, dass sie es als ihren Lebenszweck ansah, in den Stand der Ehe zu treten. Es machte ihr nichts aus, keinen Gatten an ihrer Seite zu haben. Tatsächlich hatte sie sich bereits so sehr an den Gedanken gewöhnt, ledig zu bleiben, dass sie die Saison gar nicht in London hatte verbringen wollen. Dies tat sie ausschließlich auf den ausdrücklichen Wunsch ihres Vaters.

Ihm zuliebe hatte sie die letzten Wochen bei ihrer Tante verbracht. Wochen, in denen sie eifrig nach einem Gatten Ausschau gehalten hatten – nun, zumindest ihre Tante hatte Ausschau gehalten. Ihr Ruf als „Eisblock“ war inzwischen verblasst, und Beatrice hatte einige Verehrer gewonnen, die ihr tapfer den Hof machten. Ihre Erfolglosigkeit beruhte also weder auf mangelndem Bemühen noch auf mangelndem Interesse an ihrer Person. Doch sosehr sie auch dagegen ankämpfte, plagte sie erneut das altbekannte Problem – ihre romantische Ader. Sie wusste, es war dumm und unvernünftig, aber sie glaubte – ein ganz klein wenig nur – an die Liebe auf den ersten Blick. Irgendwo da draußen wartete ihr Traumprinz. Sie hatte ihn bloß noch nicht getroffen.

Es lag freilich kein Sinn darin, länger darüber zu grübeln. Besser, sie schlug sich solche romantischen Gedanken endgültig aus dem Kopf.

3. KAPITEL

Charles bereute es zutiefst, sich zu diesem Ballbesuch entschlossen zu haben. Im Allgemeinen hielt er sich von derlei Veranstaltungen fern, insbesondere wenn diese von Lady Honoria Teasdale gegeben wurden. Kaum hatte er den Saal betreten, wurde er auch schon daran erinnert, weshalb ihm solche Gesellschaften derart verhasst waren. Jede Frau im Zimmer, ob nun Mutter oder Tochter, jung oder alt, beleibt oder schlank, nahm ihn sofort abschätzend in Augenschein. Vermutlich überlegten sie, ob es in diesem Jahr gelänge, ihm die Fesseln der Ehe anzulegen. Hätte er nicht die Hoffnung gehegt, hier der unbekannten Dame im gelben Kleid zu begegnen, hätte er den Besuch dieses Balles niemals in Betracht gezogen. Ironischerweise war sie jedoch nicht erschienen.

„Schau nicht so grimmig, Charles“, tadelte seine Mutter. „Sonst jagst du den jungen Damen noch Angst ein und vertreibst sie.“ Anders als ihr Sohn, der eine athletische Statur besaß, war Lady Pelham zierlich und hatte blonde Haare statt schwarze. Ihr Lächeln wiederum war ebenso charmant und strahlend wie das seine. Indes war Charles im Augenblick nicht nach Lächeln zumute.

„Nichts wäre mir lieber“, erwiderte er mit finsterer Miene. Er wusste, sein geheimnisvoll gefährliches Aussehen zog die Damen scharenweise an, doch seine Bemerkung war ernst gemeint. Im Gegensatz zu seinen Freunden, die eine Ehe als ihr unausweichliches Schicksal akzeptierten, wenn es einen Titel zu vererben galt, hatte sich Charles geschworen, sich niemals zu vermählen. Titel hin oder her. Eine Ehe – insbesondere eine, die aus Liebe geschlossen wurde – barg zu große Gefahren. Er hatte bereits zwei innig geliebte Menschen verloren und war nicht bereit, erneut das Risiko einzugehen, einen solch schmerzlichen Verlust zu erleiden.

Seine Mutter seufzte resigniert. „Oh, ich wünschte, du würdest dich freundlicher zeigen. Warum hast du uns überhaupt begleitet? Ich weiß, dass dir derlei Abendgesellschaften keine Freude bereiten. Du machst dir hoffentlich nicht ernsthaft Sorgen um Lucy, oder?“

„Ich bin nicht besorgt um sie, Mutter. Indes halte ich es für ratsam, gelegentlich an meine Gegenwart zu erinnern, damit diese Jungspunde nicht auf dumme Gedanken kommen.“

Lady Pelham rümpfte die Nase. „Gelegentlich, aha. Das ist sehr vorausschauend von dir, immerhin hast du einen gewissen Ruf zu wahren. Da wäre es natürlich fatal, wenn du zu oft an Festivitäten der feinen Gesellschaft teilnimmst, nicht wahr?“

„Weißt du, Mutter, ich habe angenommen, mit Lucys Debüt würdest du dich mehr auf ihr Liebesleben konzentrieren statt auf das meine.“

„Allerdings könntest auch du durchaus Hilfe gebrauchen“, erwiderte seine Mutter lächelnd.

„Danke, aber ich benötige keine Hilfe in Gestalt eines Notizbuches, in dem Vermögen, Stammbaum und Aussehen einer jeden ledigen Dame verzeichnet werden, die einem begegnet. Und zwar genau in dieser Reihenfolge“, konterte er.

„Lucy hat es dir verraten?“

„Natürlich hat sie das. Sie mag mich und vertraut mir alles an.“

Lady Pelham musterte ihn zweifelnd. „Nun, sie hat die Reihenfolge ein wenig durcheinandergebracht. Übrigens mache ich mir auch Notizen zu Charakter und Intelligenz der betreffenden Dame, obwohl es mir scheint, dass du diese Eigenschaften bei einer Frau zuweilen für verzichtbar hältst, mein Lieber.“

Charles wurde es allmählich unbehaglich zumute. „Wovon redest du, Mutter?“

Sie legte den Finger ans Kinn. „Die Reihenfolge lautet Charakter, Intelligenz, Aussehen, Stammbaum, Vermögen. Wir sind selbst recht wohlhabend, da kann die Mitgift getrost an letzter Stelle stehen.“

Nervös fuhr sich Charles mit der Hand durchs Haar. Ihm war soeben bewusst geworden, dass seine eigene Mutter eine der Ehefallenstellerinnen war, vor denen er sich in Acht nehmen musste. Es war eindeutig an der Zeit, zu gehen. „Leider muss ich mich jetzt verabschieden, Mutter. Ich werde nach Hause laufen, es ist nicht weit.“

Lady Pelham gab sich überrascht. „Jetzt schon? Ach, wie schade, denn Lady Abermarle ist auf dem Weg zu uns. Vermutlich hat sie ihre Tochter im Schlepptau, allerdings kann man dies aufgrund von Lady Abermarles stattlicher Figur nicht mit Sicherheit sagen.“

Charles schauderte. „Dann sollte ich wohl besser nach Hause rennen.“

„Einen Rat noch, bevor du gehst, Charles.“

„Ja, Mutter?“, sagte er, verstohlen über die Schulter blickend, da sich die wohlbeleibte Lady Abermarle unerbittlich näherte.

Lady Pelham beugte sich vor und flüsterte ihm zu: „Beurteile ein Mädchen immer nach seiner Mutter, denn in zehn Jahren wird sie wie ihre Mutter sein.“

Charles nickte knapp und ging eilig zur Tür, inständig hoffend, dass keiner von Lucys Verehrern sie je nach ihrer Mutter beurteilen würde.

Liebevoll sah Lady Pelham ihrem Sohn nach, während Lucy schmunzelnd auf sie zukam.

„Wie ich sehe, bist du Charles losgeworden, Mutter“, bemerkte sie zufrieden.

„Ach, das war ganz leicht“, sagte Lady Pelham lachend. „Du hättest seinen Blick sehen sollen, Liebes, als ich ihm von dem Buch erzählte. Bloß weil Charles nicht geneigt ist, sich eine Gattin zu suchen, muss er dir nicht alle Chancen verderben, indem er deine Kavaliere mit finsteren Blicken zu erdolchen sucht.“ Sie betrachtete ihr jüngstes Kind. Einst war sie mit drei Kindern gesegnet gewesen, doch ihr Sohn Mark war bei einem Kutschunfall im Alter von dreizehn Jahren gestorben. Der Verlust schmerzte sie noch immer, umso mehr schwoll ihr beim Anblick ihrer beiden verbliebenen Kinder das Herz vor Glück und Liebe. Plötzlich verschleierte sich ihr Blick.

„Ist dir nicht wohl, Mutter?“, fragte Lucy besorgt.

„Mir geht es gut, Lucy. Ich musste nur daran denken, wie sehr ihr eurem Vater ähnelt. Besonders Charles.“ Sie sah ihre Tochter an. „Ich hoffe, deine Ehe wird einmal ebenso glücklich werden wie die meine. Und Charles wünsche ich das Gleiche.“

„Ich würde mir an deiner Stelle keine allzu großen Hoffnungen machen, dass Charles jemals in den Stand der Ehe tritt“, meinte Lucy.

Lady Pelham zuckte die Schultern. „Vielleicht überrascht er uns ja alle.“ Mit unschuldigem Lächeln ließ sie den Blick durch den Saal schweifen. Gewiss hatte Charles sie nicht aus Sorge um Lucy zu diesem Ball begleitet. Nein, gewiss gab es dafür einen anderen Grund. Nun musste sie nur noch herausfinden, wer ihm Grund genug war, hierher zu kommen, und ob die junge Dame sich für die Ehe eignete.

Es war beinahe zehn Uhr, als Beatrice, Eleanor und Ben vom Theater zurückkehrten. Beatrice wurde mit jeder Minute, die verging, nervöser. Sicher würde ihre Tante vor Wut schäumen, weil es so spät geworden war.

„Zeit, ins Bett zu gehen“, sagte Eleanor gähnend und stieg aus der Kutsche.

Beatrice lächelte. „Ja dann, Gute Nacht, Ellie.“ Während ihre Schwester ins Haus eilte, stupste Beatrice ihren Bruder an. „Ben?“

„Hm?“, murmelte er im Halbschlaf.

„Glaubst du, Tante Louisa wird sehr erzürnt über unsere Verspätung sein? Vor elf Uhr werden wir wohl kaum bei Lady Teasdale ankommen.“

Ihr Bruder brummte unwillig. „Sag Tante Louisa, sie soll sich zum Teufel scheren. Ich komme nicht mit.“

„Ben! Das kann ich ihr nicht sagen!“

„Doch, das kannst du. Was kann sie schon tun?“

„Den Überbringer der schlechten Nachricht töten.“

Er wandte sich seiner Schwester zu und grinste unbekümmert. „Das ist eine verflixt langweilige Veranstaltung, Beatrice, und ich habe dir bereits einen Gefallen getan. Niemand sollte gezwungen sein, mit dem Teasdale-Drachen in einem Raum zu weilen. Du würdest selbst nicht gehen, wenn du keine Angst vor Tante Louisa hättest.“ Er zwinkerte ihr zu.

„Ich habe keine Angst vor ihr! Du hast Glück, du musst nicht bei ihr wohnen. Stell dir nur vor, wie es ist, mit ihr das Haus zu teilen, wenn sie vor Wut brodelt. Außerdem …“ Beatrice hielt einen Moment inne, auf der Suche nach den richtigen Worten. „Ich habe es ihr versprochen.“

„Nun, ich jedenfalls habe noch andere Pläne für den Abend und sollte allmählich aufbrechen. Ist es dir recht, wenn John mich in der Kutsche nach Hause fährt? Bis du dich umgezogen hast, wird er sicher zurück sein.“

Beatrice nickte. „Ja, das ist mir recht, Ben. Hab einen schönen Abend.“ Ich werde ihn nicht haben, fügte sie traurig in Gedanken hinzu, während sie aus der Kutsche stieg und zunächst zögernd auf das Haus zuging. Der Gedanke an den Zorn der Tante machte ihr indes Beine. Wie der Wind stürmte sie zur Eingangstür hinauf. Humphries, der Butler, erwartete sie bereits und hielt ihr lächelnd die Tür auf. „Guten Abend, Miss Sinclair.“

„Guten Abend, Humphries“, grüßte sie, während sie an ihm vorbeihastete und die Treppe hinauflief. Der Butler zuckte nicht einmal mit der Wimper. Inzwischen war er daran gewohnt, dass sie immer in Eile war.

In ihrem Zimmer klingelte Beatrice nach ihrer Zofe Meg und begann unverzüglich, sich auszukleiden, um keine Zeit mit Warten zu vergeuden. Dummerweise reichte sie nicht an die Knöpfe ihres Kleides heran, und so beschloss sie kurzerhand, sich einfach aus dem Kleid herauszuwinden. Ein Ding der Unmöglichkeit. Als Meg eintraf, hatte sie das Kleid halb über den Kopf gezogen und steckte mit hoch erhobenen Armen fest.

„Brauchen Sie Hilfe, Miss Beatrice?“, fragte die Zofe schmunzelnd.

„Das ist wohl offensichtlich. Zieh!“, befahl Beatrice mit erstickter Stimme und zappelte wie ein Fisch im Netz.

„Halten Sie einen Augenblick still. Wir versuchen es auf die althergebrachte Art.“ Meg zog das Kleid wieder herunter, lächelte die errötende Beatrice an und öffnete die Knöpfe.

„Meg, du hast mir das Leben gerettet. Ich wüsste nicht, was ich ohne dich täte. Tante Louisa erwartet mich gewiss schon seit einer Stunde, und du weißt, wie ärgerlich sie wird, wenn sie …“

„Verärgert ist?“, fügte Meg hilfreich hinzu. Nur wenige Menschen wagten es, über Lady Sinclair zu spotten, doch Meg war inzwischen schon so lange bei der Familie angestellt, dass sie sich sehr vieles traute. Sie hatte als Beatrices Kindermädchen begonnen und war schließlich ihre Zofe und Vertraute geworden.

Beatrice lachte. „Ja, Meg. Ist das meine neue Robe auf dem Bett? Ich hoffe, sie wird mich kleiden.“

Meg lächelte. Beatrice hatte das Ballkleid noch nicht gesehen, da es erst am Abend von der Schneiderin angeliefert worden war. „Es ist wunderschön geworden, Miss Beatrice. Der Stoff hat dieselbe Farbe wie Ihre Augen.“

„Also braun. Na, ich weiß nicht“, sagte Beatrice.

„Es ist nicht einfach braun“, antwortete Meg und half ihr in das Kleid.

Beatrice riss überrascht die Augen auf, als sie ihr Spiegelbild betrachtete. Die Robe war tatsächlich nicht braun. Im Licht betrachtet schimmerte sie bernsteinfarben. Das Dekolleté hatte einen rechteckigen Ausschnitt, und die hohe Taille betonte ihre schlanke Figur vorzüglich.

Sie wandte sich zu ihrer Zofe. „Meg, das ist das schönste Kleid, das ich je besessen habe. Darf ich einen solch gedeckten Ton überhaupt tragen?“

„Sicher doch, Pastell haben Sie drei Jahre lang zur Genüge getragen.“

„Wie sehe ich aus?“

Meg musterte sie. „Atemberaubend. Hier sind Ihre Handschuhe.“

„Meg, du bist die Beste.“

„Und Sie, Miss Beatrice, sind zu spät dran, wie gewöhnlich. Hören Sie auf zu plappern, und nehmen Sie die Beine in die Hand.“

Winkend lief Beatrice aus der Tür. In der Halle konnte sie Humphries gerade noch ausweichen.

„Tut mir leid, Humphries, ich bin furchtbar in Eile.“

„Ich kann verstehen, dass Sie Ihre Tante nicht gern warten lassen, Miss Sinclair. John wird sicher gleich mit der Kutsche zurück sein.“

Beatrice schaute auf die Straße hinaus. „Ja, da vorne kommt er, glaube ich. Danke Humphries. Gute Nacht.“

Während der Butler die Tür hinter ihr schloss, hastete sie die Stufen hinunter und versuchte, sich im Laufen die Handschuhe überzustreifen. Unglücklicherweise übersah sie dadurch die letzte Stufe und stolperte. Die Handschuhe fielen zu Boden und sie selbst stürzte geradewegs auf einen nichts ahnenden Spaziergänger.

4. KAPITEL

Überlegend, wie er den restlichen Abend verbringen sollte, ging Charles raschen Schrittes durch die laue Nacht zur Park Lane. Üblicherweise hätte er sich mit Freunden in seinem Klub getroffen oder eine Gesellschaft besucht; eine, die nicht von solch feinen Damen wie Lady Teasdale gegeben wurde. An diesem Abend indes wusste er nichts mit sich anzufangen. Er fühlte sich zu rastlos, um den Abend zu Hause zu beenden. Allerdings sagte es ihm auch nicht zu, sich die Zeit bei White’s zu vertreiben.

Tief in Gedanken versunken, die Hände in den Taschen und den Kopf gebeugt, näherte er sich dem Haus seiner Mutter. Aus diesem Grund bemerkte er die junge Dame im nun nicht mehr gelben Kleid auch erst, als sie mit einem Aufschrei auf ihn stürzte und ihn mit sich zu Boden riss.

Überrascht lag Charles einen Augenblick reglos auf dem Rücken. Die junge Dame verharrte ebenso reglos auf seiner Brust.

„Oh, das tut mir furchtbar leid“, sagte sie schließlich und richtete sich auf. „Das ist ganz allein meine Schuld. Ich bin schrecklich tollpatschig, und wäre ich nicht so in Eile gewesen … Ach bitte, ich helfe Ihnen auf.“

Sie war ein ganzes Stück kleiner als er, und er war sich nicht sicher, wie sie ihm aufhelfen wollte. Als sie versuchte aufzustehen, stützte sie sich fest auf ihm ab. Er stöhnte auf vor Schmerz.

Sie hielt verlegen inne. „Oh, das tut mir leid.“

„Das sagten Sie bereits.“ Er legte die Hände an ihre Arme. „Sehen wir mal, wie wir uns aus dieser Lage befreien können.“

Behutsam schob er sie von sich und setzte sich auf. Dann streckte er die Hand aus, um ihr zu helfen, sich ebenfalls aufzusetzen.

Sie schaute ihn verblüfft an.

Auch Charles blickte sie an, und in der darauffolgenden Stille schwelgte er ganz in ihrem Anblick. Aus der Nähe konnte er nun im Licht, das aus dem Hauseingang fiel, all die Einzelheiten sehen, die ihm am Nachmittag verweigert worden waren: die helleren, von der Sonne bewirkten Tupfer in ihren blonden Haaren, die bernsteinfarbenen Pünktchen in ihren samtbraunen Augen und die leichte Spur von Sommersprossen auf ihrer Nase. Von diesen Sommersprossen abgesehen war ihre Haut makellos. Charles ließ den Blick zu ihrem Dekolleté schweifen, bis zu der Stelle, wo der goldbraune Stoff ihres Kleides die Haut verbarg, direkt über ihrer Brust … Er musste schlucken.

Junge Debütantinnen trugen fast immer Weiß. Unwillkürlich überlegte er, wie alt sie wohl sein mochte und ob sie noch ledig war. Sie sah kaum älter als zwanzig aus, dennoch konnte sie verheiratet sein. Allerdings – sie sah so unschuldig aus. Die schmalen Brauen über den wunderschönen braunen Augen hochgezogen, musterte sie ihn ebenso eindringlich wie er sie. Sein Blick fiel auf ihren Mund – ein hinreißender Mund mit vollen Lippen von zartrosa Farbe –, und er wusste sofort, dass er sie küssen würde.

Natürlich nicht jetzt, aber bald.

„Benötigen Sie Hilfe, Miss Sinclair?“, rief ihr Kutscher, der inzwischen vor dem Haus gehalten hatte.

Der Bann war gebrochen. Schwach lächelnd antwortete sie ihm: „Mir geht es gut, John. Ich war nur wieder mal ein wenig zu sehr in Eile.“

„Jawohl, Miss“, antwortete John, sich ein Lachen verkneifend.

Beatrice wandte sich wieder zu Charles, fragte sich, wer er war. Er hatte kaum ein Wort gesprochen, aber sie war sofort auf der Hut, als ihr auffiel, wie er sie ansah. Oh, nach dem tadellosen Aussehen zu urteilen war er ganz eindeutig ein Gentleman – er trug einen Samtgehrock und ein schneeweißes Krawattentuch –, aber ob er auch dem Ruf nach ein Gentleman war … Sie bezweifelte es. Dazu sah er viel zu attraktiv aus, atemberaubend attraktiv. Ganz unverhohlen sah er sie aus grünen Augen an und ließ den Blick über ihre Figur schweifen. Seine verruchten Gedanken standen ihm deutlich in seine bewundernde Miene geschrieben.

Bemüht, die Fassung wiederzugewinnen, räusperte sie sich. „Wie ich bereits sagte, bedaure ich diesen Vorfall außerordentlich. Ich war so in Eile, dass ich nicht auf meine Schritte achtete. Meine Tante erwartet mich, und sie kann, nun ja, ein wenig unwirsch werden, wenn man sie verärgert.“

Mit verwegen funkelnden Augen blickte er sie an. „Wer ist Ihre Tante, wenn ich fragen darf?“

„Lady Sinclair …“

Er hustete hinter vorgehaltener Hand.

Beatrice lachte und fuhr fort: „Sie ist gar nicht so unfreundlich, gleich, was Sie vielleicht von ihr gehört haben mögen.“

„Das ist keine Frage des Hörensagens, Miss … Sinclair, richtig?“

„Oh, entschuldigen Sie, dass ich Ihnen meinen Namen noch nicht genannt habe. Ich heiße Beatrice Sinclair.“

Charles stand lächelnd auf und bot ihr seine Hand, um ihr aufzuhelfen. Er hätte sich ihr vorstellen sollen, aber im Augenblick zog er es vor, dies nicht zu tun, um sich einen Vorteil zu bewahren. „Es ist mir eine Freude, Sie kennenzulernen, Miss Sinclair. Ich bin übrigens im Nachbarhaus aufgewachsen, daher weiß ich aus erster Hand, dass Ihre Tante ihren Ruf wohlverdient hat. Wenn wir als Kinder einmal versehentlich einen Ball über ihren Zaun geworfen haben, bekamen wir ihn nie zurück.“

„Ach, tatsächlich?“

„Ja. Ich glaube, sie hat sie gegessen.“

Beatrice lachte. „Sie mag Kinder nicht sehr, das stimmt. Ich wünschte, sie hätte eigene Kinder, dann würde sie mir das Leben vielleicht nicht so schwer machen.“

Charles hob fragend eine Augenbraue, und sie fuhr erklärend fort. „Meine Tante hat mich sozusagen in dieser Saison unter ihre Fittiche genommen.“

„Ist dies Ihre erste Saison?“

„Nein. Es ist mir zwar verhasst, dies einzugestehen, aber es ist bereits meine vierte.“ Kaum waren die Worte aus ihrem Mund, wünschte sich Beatrice errötend, sie hätte die Anzahl der Jahre verschwiegen. „Bitte entschuldigen Sie“, sagte sie. „Ich möchte Sie nicht langweilen. Ich rede immer zu viel, deshalb komme ich auch stets zu spät. Aber jetzt muss ich mich verabschieden. Ich sollte schon längst mit meiner Tante auf einem Ball weilen. Allein meinetwegen ist sie überhaupt hingegangen, daher sollte ich auch dort sein, nicht wahr?“ Sie wusste, dass sie Unsinn plapperte, konnte es aber nicht verhindern. Die Art, wie er sie anschaute – teils interessiert und teils … sie wusste nicht, wie – brachte sie völlig aus der Fassung.

„Kommen Sie zu Lady Teasdales Ball zu spät?“, fragte Charles.

„Ja, waren Sie dort? Ist es arg grässlich?“

Ein wohlwollendes Lächeln ließ sein Gesicht erstrahlen. „In der Tat, das ist es, und meiner Ansicht nach versäumen Sie nicht viel.“

Sie lächelte bedauernd. „Das habe ich mir gedacht.“

Schweigend ließ er den Blick langsam über ihren Körper wandern, und Hitze wallte in ihr auf. Bei seinen nächsten Worten tanzten Schmetterlinge in ihrem Bauch.

„Vielleicht können wir eine angenehmere Art ersinnen, den Abend zu verbringen?“

Einen Augenblick lang verlor sich Beatrice in seinen grünen Augen, konnte nicht reden, sich nicht bewegen, nicht einmal atmen. Ihr wurde ganz schwindelig.

Charles trat einen Schritt näher, den Blick erneut auf ihren Mund gerichtet. „Haben Sie einen Vorschlag?“, fragte er und senkte die Stimme zu einem heiseren Flüstern.

Sie trat einen Schritt zurück und rüttelte sich im Geist wach. „Ich muss jetzt gehen, Sir.“

Er lächelte. „Zu schade.“

Beatrice nickte und errötete sogleich, als ihr bewusst wurde, dass ihr Nicken einen falschen Eindruck erwecken musste. „Guten Abend“, sagte sie bemüht nüchtern.

„Guten Abend“, erwiderte Charles, ergriff ihre Hand und hauchte einen Kuss darauf. Scharf zog sie den Atem ein, als er den Kopf über ihre Hand beugte. Ihre Handschuhe lagen immer noch auf dem Gehweg; sie hatte noch keine Gelegenheit gehabt, sie anzuziehen.

„Meine Handschuhe“, sagte sie verlegen.

Charles gab ihre Hand frei und bückte sich, um die Handschuhe aufzuheben. Den Blick unbeirrt auf ihr Gesicht gerichtet, reichte er sie ihr.

Beatrice griff rasch danach, dann suchte sie, ohne sich zu bedanken oder auf Wiedersehen zu sagen, rasch Zuflucht in ihrer Kutsche.

Beatrice hatte sich noch nie zuvor so verlegen oder aus der Fassung gebracht gefühlt. Noch dazu schweiften ihre Gedanken immerzu auf verbotene Wege ab. Unaufhörlich musste sie an den verwegen gut aussehenden Gentleman mit den breiten Schultern denken … Einen verwegen gut aussehenden Gentleman, der sich nicht einmal die Mühe gemacht hat, sich vorzustellen, wie es sich ziemte, stellte sie verstimmt fest.

Die ganze Fahrt zu Lady Teasdale zerdrückte sie unruhig ihre Handschuhe in den Händen. Als die Kutsche schließlich hielt, war Beatrice ein Nervenbündel. Die Stelle, an der seine Lippen ihre Hand berührt hatten, prickelte immer noch, und sie kam sich wie eine Närrin vor. Immerhin war sie dem attraktivsten Mann ihres Lebens begegnet, hatte ihn zu Fall gebracht, ihn mit Geschichten über ihre Großtante gelangweilt und war anschließend weggelaufen wie ein dummes Gänschen.

Als sie das Haus betrat und in den Ballsaal schlenderte, mokierte sie sich in Gedanken über sich selbst: Und da wundern sich die Leute, warum ich nie geheiratet habe.

„Beatrice.“

Die Stimme ihrer Tante holte sie auf einen Schlag in die Wirklichkeit zurück. „Ja, Tante?“

„Ich werde nicht fragen, was dich so lange aufgehalten hat, aber lass dir gesagt sein, es ist mir aufgefallen. Wo ist dein Bruder?“

„Er, äh, hat noch andere Verpflichtungen, Tante Louisa.“

„Welche Ausrede hat er denn diesmal gebraucht?“

Beatrice dachte an die Worte ihres Bruders und entschied unwillkürlich, dass sie nichts mehr zu verlieren hatte. „Keine. Er sagte lediglich, du sollst dich zum Teufel scheren, er würde nicht zum Ball kommen.“

Lady Sinclair sah Beatrice streng an, bemüht, sich das Schmunzeln zu verkneifen. Es gelang ihr nicht. Alle Frauen, selbst griesgrämige ältere Damen wie sie, hatten insgeheim eine Schwäche für Beatrices charmanten älteren Bruder. „Das hat er gesagt? Ich weiß nicht, woher er den Mut nimmt, mir derart unhöfliche Dinge ausrichten zu lassen. Und woher du den Mut nimmst, solche Äußerungen tatsächlich auszusprechen. Heute Abend habe ich zum letzten Mal darauf bestanden, dass er dich begleitet. Er übt einen schlechten Einfluss auf dich aus.“

Beatrice machte sich nicht die Mühe, zu widersprechen, vielmehr sah sie sich verstohlen im Saal nach Bekannten um, damit sie taktvoll ihrer Tante entfliehen konnte. Dabei fiel ihr auf, dass eine attraktive blonde Dame in mittlerem Alter lächelnd auf sie zustrebte.

Auch Lady Sinclair hatte sie bemerkt. „Oh! Da ist Emma. Lady Pelham. Sie ist eine gute Freundin von mir. Ihre Tochter ist nur wenige Jahre jünger als du. Sie hat auch einen Sohn, dem allerdings der Ruf eines Lebemannes anhaftet. Er wäre eine passende Partie für dich, wenn man ihn nur dazu bringen könnte, seinen Lebenswandel zu ändern. Er ist ein Marquess.“

„Was kümmert mich ihr verflixter Sohn“, murmelte Beatrice.

„Das habe ich gehört, Beatrice Ann Sinclair, und dein Ton gefällt mir nicht.“

Beatrice setzte ein Lächeln auf, da Lady Pelham sich zu ihnen gesellte.

„Guten Abend, Louisa! Das ist gewiss deine Nichte, von der du mir erzählt hast.“

Beatrice erwiderte Lady Pelhams strahlendes Lächeln freundlich. „Großnichte. Guten Abend.“

„Gerade war ich dabei, dir zu verzeihen“, murmelte Lady Sinclair. „Emma, darf ich dir meine naseweise Nichte, die Ehrenwerte Miss Beatrice Sinclair, vorstellen. Beatrice, das ist meine gute Freundin Lady Pelham.“

Lady Pelham lächelte. „Bitte nennen Sie mich Emma. Darf ich Sie Beatrice nennen?“

„Natürlich“, sagte Beatrice. Lady Pelham gefiel ihr auf Anhieb.

„Sind Sie eben erst eingetroffen?“, fragte Lady Pelham.

„Ja, ich habe zuvor mit meinen Geschwistern das Theater besucht.“ Sie wandte sich an ihre Tante. „Übrigens habe ich Eleanor erzählt, Tante, was du über Flausen im Kopf erwähnt hast. Sie erwägt nun, eine eigene Version von König Lear zu verfassen, die sie Tante Lear nennen will.“

Lady Sinclair murmelte etwas über undankbare Verwandtschaft, ehe sie sich an ihre Freundin wandte: „Emma, würdest du meine Nichte bitte zum Erfrischungstisch bringen, ehe sie mir noch ganz die Fassung raubt.“

Beatrice sah, dass sich Lady Pelham das Lachen verkneifen musste. „Gern, Louisa. Sie erscheint mir recht erfrischend.“

Während sie davonschlenderten, meinte Beatrice schuldbewusst: „Gewöhnlich bin ich nicht so schnippisch zu meiner Tante. Ich liebe sie, aber der Abend war recht anstrengend.“

„Oh, sorgen Sie sich nicht. Ich weiß, Louisa kann manchmal ein rechter Brummbär sein, und ich schätze Humor“, erwiderte Lady Pelham. „Das ist nicht Ihre erste Saison, oder?“

„Nein, aber es wird meine letzte sein.“

Lady Pelham brach in Lachen aus. „Gut gesagt, Beatrice. Haben Sie Ihren Bräutigam bereits gefunden? Oder wollen Sie etwa so bald schon aufgeben?“

„Ich bedaure, es zugeben zu müssen, aber so bald, wie Sie vermuten, gebe ich gar nicht auf“, erwiderte Beatrice widerstrebend.

Lady Pelham neigte den Kopf, neugierig auf Einzelheiten, aber Beatrice wich ihrem Blick aus. Sie würde nicht freiwillig zwei Mal am selben Abend zugeben, dass dies bereits ihre vierte Saison war.

Lady Pelham ließ die unausgesprochene Frage fallen. „Würden Sie mir die Ehre erweisen, zu meiner Dinnerparty am übernächsten Samstag zu kommen? Ich plane eine kleine Gesellschaft vor Lady Parberrys Ball. Sie und meine Tochter werden sich sicher glänzend verstehen. Vielleicht können Sie Lucy einige nützliche Ratschläge geben, da Sie bereits so … erfahren erscheinen.“

Beatrice lachte. „Danke. Ich nehme die Einladung gern an, obwohl ich ganz gewiss nicht die Richtige bin, um Ihrer Tochter Ratschläge zu erteilen.“

„Unfug. Bei dieser Gelegenheit können Sie auch meinen Sohn kennenlernen. Er wohnt derzeit bei mir, da sein Haus renoviert wird.“ Lady Pelham lächelte. „Ich fürchte, ich muss mich leider verabschieden. Wie ich sehe, folgt Lord Dudley meiner Tochter auf die Terrasse, und ich kann mir vorstellen, dass ihr diese Situation nicht angenehm ist.“

Beatrice schauderte leicht beim Gedanken an Lord Dudley. Sie erinnerte sich noch gut an ihn. In ihrer ersten Saison hatte er sie gebeten, seine Gemahlin zu werden – gleich zwei Mal. „Ich denke, Sie haben recht. Ich freue mich auf das Dinner. Tante Louisa kennt ja sicher Ihre Adresse.“

Lady Pelham sah sie überrascht an, dann lachte sie. „Oh, tut mir leid, ich nahm an, Sie wüssten, dass Ihre Tante und ich Nachbarn sind. Daher kenne ich Louisa auch so gut – wir leben seit Jahren Tür an Tür. Sie können mich gerne besuchen, wann immer Sie wollen, meine Liebe.“ Ihr kurz zunickend, ging Lady Pelham davon.

Beatrice blieb wie angewurzelt stehen, und ihr wurde plötzlich ganz heiß.

Nachbarn? Sohn? So ein verflixtes Pech!

Mit einem Mal war dieser schreckliche Abend noch weitaus schrecklicher geworden. Wie nur konnte sie sich aus dieser misslichen Lage wieder befreien? An ihrer Unterlippe nagend, schlenderte sie durch den Saal. Tante Louisa hat zwei Nachbarn, überlegte sie. Möglicherweise lebt Lady Pelham auf der einen Seite und der geheimnisvolle Fremde auf der anderen. Gewiss ist Lady Pelhams Sohn klein und blond wie seine Mutter. Beatrice klammerte sich an diesen Gedanken.

Leider dauerte es nicht lange, bis sie diese Hoffnung vernichtet sah. Lady Pelham trat von der Terrasse herein, gefolgt von ihrer dankbar blickenden Tochter … Ihrer dankbar blickenden schwarzhaarigen grünäugigen Tochter.

Verflixt!

Abrupt wandte sich Beatrice um und ging zum Ruheraum der Damen. Was sollte sie nun tun? Es wäre höchst unhöflich, ihr Versprechen zu brechen und Lady Pelham abzusagen. Sie musste einen anderen Ausweg aus diesem Dilemma finden, obwohl ihr im Moment keiner einfiel.

Hätte sie das Zimmer nicht gar so eilig verlassen, hätte sie womöglich Lady Pelham erblickt, die hinter einem eingetopften Farn etwas in ein kleines ledernes Notizbuch schrieb.

Auf dem Heimweg sagte Lady Pelham zu ihrer Tochter: „Louisa hat mir heute Abend ihre Nichte vorgestellt, und sie gefiel mir sehr … Ich dachte mir, dein Bruder könnte sie vielleicht auch mögen, und habe sie zur Dinnerparty eingeladen.“

Lucy krauste die Stirn. „Wenn Charles davon erfährt, wird er garantiert nicht erscheinen.“

„Dann verrate es ihm nicht. Aber sag mir, Lucy, weißt du, in welchem Ruf Miss Sinclair steht?“

Lucy überlegte einen Augenblick, dann sagte sie: „Nun, ich kenne sie nur dem Namen nach und weiß sehr wenig über sie. Ich glaube, sie ist allgemein beliebt. Lord Dudley erwähnte, dass er ihr einen Antrag gemacht habe, den sie offenbar abgelehnt hat …“

„Vernünftiges Mädchen.“

„Ja, aber Dudley sagte auch, er sei nicht der Einzige gewesen, der um ihre Hand angehalten hätte. Wenn man ihm glaubt, hat sie es sich offenbar zur Gewohnheit gemacht, ihren Verehrern einen Korb zu geben. Das ist bereits ihre vierte Saison.“

Lady Pelhams Augen wurden groß. „Die vierte? Meine Güte. Vielleicht ist sie doch nicht die Richtige. Schau, ob du ein wenig mehr über Miss Sinclair herausfinden kannst, ja?“

Lucy seufzte. Es war nicht das erste Mal, dass ihre Mutter sie mit einer solchen Aufgabe betraute. „Als ob mir etwas anderes übrig bliebe.“

5. KAPITEL

Wie gefällt dir diese Farbe, Bea?“, fragte Eleanor und hielt ein dunkelgrünes Seidenkleid hoch. Sie sollte am Nachmittag nach Hampshire abreisen, und die beiden Schwestern vertrieben sich die letzten gemeinsamen Stunden mit Einkäufen.

„Hm“, antwortete Beatrice. „Ich denke, sie ist ein wenig zu dunkel für dich. Und wo um alles in der Welt willst du ein solches Kleid tragen?“

Eleanor seufzte. „Das musst du mir nicht unter die Nase reiben.“ Sie erwartete ihr Debüt voller Ungeduld. Nicht weil sie es eilig hatte, in den Stand der Ehe zu treten, sondern weil sie, im Gegensatz zu ihren Geschwistern, das Stadtleben sehr liebte, besonders das Theater.

Beatrice lächelte. „Nur noch zwei Jahre, Dummerchen, dann kannst du sämtliche Ballroben haben, die du dir wünschst.“

„Ich weiß. Und gewiss werde ich die Saison weitaus mehr genießen als du.“

Beatrice entfuhr unwillkürlich ein Seufzer.

„Bea? Was hast du?“

„Ich weiß nicht, Ellie … Ich hoffte, dass es in diesem Jahr anders sein würde, aber nun befürchte ich allmählich, dass mir der Richtige niemals begegnen wird.“

Eleanor umarmte sie tröstend. „Ich habe in diesen Dingen zwar keinerlei Erfahrung, aber ich bin mir sicher, es wird schon werden. Ehrlich gesagt, kann ich gar nicht verstehen, wie es dir gelungen ist, so lange unverheiratet zu bleiben, Bea.“

„Bin ich zu wählerisch?“

„In den meisten Bereichen deines Lebens nicht.“

„Aber was einen Gatten anbetrifft …“

„Nun ja, was das anbetrifft, bist du wirklich sehr wählerisch“, stimmte Eleanor zu. „Aber das halte ich sogar für gut. Du solltest nicht heiraten, ohne verliebt zu sein. Es wäre mir verhasst, dich unglücklich zu sehen.“

Beatrice seufzte erneut. „Ich weiß, das sagt mir jeder, ausgenommen Tante Louisa. Sie ist der Ansicht, dass die Pflicht immer vor dem Glück stehen sollte. Aber warte erst einmal dein Debüt ab, dann wirst du schon sehen. Ich glaube nicht mehr so recht an die Liebe.“

Eleanor dachte kurz über diese Bemerkung nach. „Das mag sein. Aber ich bin mir sicher, Vater hat unsere Mutter aufrichtig geliebt.“

Beatrice nickte bedächtig. „Ja, das hat er. Allerdings halte ich es für unvernünftig, auf eine solch große Liebe zu warten. Es mag möglich sein, dass sie mir widerfährt, aber es ist nicht sehr wahrscheinlich.“

Da sie wusste, es war zwecklos, mit ihrer Schwester darüber zu streiten, zuckte Eleanor bloß mit den Schultern. „Hast du schon jemand Bestimmtes im Sinn? Ich weiß, die Saison hat erst vor Kurzem begonnen, aber …“

Beatrice überlegte einen Moment. „Nun, Lord Asher ist mir ganz sympathisch, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich je mehr als freundliche Gefühle für ihn empfinden könnte. Und Douglas Heathrow hat mir sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt.“

„Das ist doch zumindest ein Anfang. Im Laufe der Zeit wirst du sicherlich mit ein paar mehr Namen aufwarten können.“

„Vielleicht. Ehrlich gesagt, bin ich nicht allzu optimistisch, Ellie. Tante Louisa meint, ich wirke einschüchternd.“

„Das zeigt, dass sie gar nichts weiß“, erwiderte Eleanor spöttisch. „Du bist höchst liebenswert.“

„Also, ich glaube, sie hat nicht ganz unrecht“, meinte Beatrice leise. „Wie du vielleicht weißt, stehe ich in einem gewissen Ruf.“

Eleanor lächelte. „Davon habe ich gehört, aber das ist zwei Jahre her. So schlimm kann es doch nicht mehr sein.“

„Nein, doch wenn ich ein Mann wäre, dann würde ich mir wohl kaum Mühe mit mir geben. Ich meine, wenn man sich verheiraten möchte, dann hält man nicht um die Hand eines Mädchens an, das einem mit fast absoluter Gewissheit einen Korb geben wird. Ich denke, ich würde eher einer Frau den Hof machen, bei der ich mir sicher sein kann, sie zu gewinnen.“

Eleanor sah sie entsetzt an. „Das klingt ja so, als würdest du von einer Wette beim Pferderennen sprechen. Man setzt auf ein bestimmtes Pferd, von dem man glaubt, es gewinnt.“

„Nun, im Grunde ist es vergleichbar, Ellie. In jeder Saison habe ich weniger Anträge erhalten. Sechs im ersten Jahr, drei im zweiten Jahr, einen im dritten Jahr und noch keinen in diesem Jahr.“

„Tja“, sagte Eleanor nüchtern. „Du hast ohnehin keinen der Herren ernsthaft ehelichen wollen.“

Sie betrachteten eine Weile schweigend mehrere Kleider, wobei Beatrices Gedanken erneut zu dem attraktiven Fremden abschweiften, den sie am Vorabend getroffen hatte. Ihr Ruf hatte ihn ganz eindeutig nicht eingeschüchtert. Ein kleiner Teufel stachelte sie zu einer weiteren Bemerkung an. „Eigentlich habe ich in diesem Jahr doch schon eine Art Antrag erhalten, Ellie.“

Eleanor klatschte erfreut in die Hände und ließ sich neben ihrer Schwester aufs Sofa fallen. „Bea! Warum hast du mir das nicht erzählt? Wer ist es?“

„Ich sagte, eine Art Antrag, Ellie“, erwiderte Beatrice mit funkelnden Augen. „Es war ein unschickliches Angebot.“

„Oh. Ein solcher Antrag, also“, sagte Eleanor empört. „Von wem kam er?“ Begierig, mehr zu erfahren, lehnte sie sich vor. Ein unschickliches Angebot war immerhin sehr viel interessanter als ein Heiratsantrag.

„Von einem Gentleman, dem ich bei den üblichen gesellschaftlichen Anlässen nicht begegnen würde.“

Eleanor sah besorgt drein. „Aber er gehört der feinen Gesellschaft an?“

„Ja“, sagte Beatrice bedächtig. „Er erinnert mich ein wenig an Ben. Also ein Gentleman von Geburt, aber nicht der Neigung nach.“

„Mit anderen Worten ein Lebemann und Frauenheld“, meinte Eleanor unverblümt.

„Ja, diese Beschreibung trifft es wohl. Er ist ein Marquess, Lord Pelham. Er ist Tante Louisas Nachbar. Das heißt, seine Familie lebt im Nachbarhaus.“

Eleanor blieb vor Staunen der Mund offen stehen, und sie schloss ihn rasch. „Sag, Bea, ist er ein teuflisch gut aussehender Mann?“

Beatrice bedachte ihre Schwester mit amüsiertem Blick. „Ja, dem entnehme ich, dass du ihn bereits gesehen hast.“

Eleanor musterte angestrengt einen Hut, um dem Blick ihrer Schwester auszuweichen. „Ich habe ihn vielleicht ein- oder zweimal das Haus betreten sehen … Er war ja kaum zu übersehen. Wie hast du ihn kennengelernt?“

„Ich … äh, bin ihm zufällig auf dem Weg zu Lady Teasdales Ball begegnet. Ich fand ihn recht sympathisch und charmant, nicht so steif und langweilig wie die anderen Herren, die ich kenne.“

„Aber?“

„Aber er bringt mich eindeutig aus der Fassung. Daher sollte ich ihm besser aus dem Weg gehen, was nicht so einfach sein wird, da er nebenan lebt. Zudem hat mich seine Mutter, deren Bekanntschaft ich auf Lady Teasdales Ball machte, zu einer Dinnerparty in ihrem Haus eingeladen. Was mach ich denn jetzt bloß?“

„Natürlich nimmst du an dem Dinner teil, Bea. Es wäre schrecklich unhöflich, die Einladung abzusagen.“

Beatrice ließ niedergeschlagen den Kopf in die Hände sinken. „Ich weiß. Vielleicht ist er an dem Abend auch gar nicht dort. Lady Pelham erwähnte, er weile nur so lange in ihrem Domizil, bis die Renovierungsarbeiten in seinem Stadthaus abgeschlossen sind.“

„Dennoch ist es nicht auszuschließen, dass er an dem Dinner teilnimmt, ganz besonders, wenn er dir Avancen machen möchte.“

„Ja, nun, sicher macht er vielen Frauen Avancen. Vielleicht hat er mich bis dahin vergessen.“

Eleanor sah ihre schöne Schwester schweigend an und dachte insgeheim, dass sie nicht so leicht zu vergessen war.

„Das ist so ungerecht“, brach es aus Beatrice plötzlich hervor.

„Was meinst du denn?“, fragte Eleanor.

„Ganz offensichtlich ist er durch und durch ein Frauenheld und daher keine passende Partie. Das ist ungerecht.“

„Willst du damit etwa sagen, du wünschst dir, er wäre eine passende Partie? Hast du dich etwa in ihn verliebt?“

„Also“, begann Beatrice ausweichend. „Ich fand ihn schon recht aufregend. Und in all den Jahren, die ich mich auf dem Heiratsmarkt tummle …“, sie zuckte bei dem Wort zusammen, „… habe ich noch nie jemanden aufregend gefunden.“ Sie sah ihre Schwester niedergeschlagen an. „Warum muss ausgerechnet er der Richtige sein?“

Eleanor sah sie bestürzt an. „Vielleicht solltest du das Dinner doch absagen. Du könntest Kopfschmerzen vortäuschen, Bea.“

„Du sagtest doch, es wäre unhöflich, nicht zu gehen.“

„Ich habe meine Meinung geändert. Ich denke, du magst Lord Pelham zu sehr.“ Eleanor senkte die Stimme, da zwei andere Damen den Laden betraten. „Vielleicht sollten wir dieses Gespräch bei einem Eis fortsetzen, was hältst du davon?“

Beatrice lächelte. „Wir sollten dieses Gespräch gar nicht fortsetzen, aber ein Eis klingt köstlich.“

Sie verließen das Geschäft und schlenderten die Straße hinunter zur Konditorei Gunter’s. Unterwegs konnte Beatrice nicht umhin zu fragen: „Hältst du mich für dumm, Ellie?“

„Willst du meine ehrliche Meinung? Ja und nein. Wenn du an ihm interessiert bist, solltest du nicht so leicht aufgeben. Auf einen solchen Gentleman hast du doch gewartet, oder nicht? Lord Pelham ist ausgesprochen gut aussehend, vermögend und, wie du sagst, überaus charmant. Aber aus diesen Gründen fühlen sich gewiss recht viele Frauen ebenso sehr zu ihm hingezogen wie du.“

Beatrice seufzte. „Ich habe verstanden.“ Lord Pelham entsprach exakt dem Bild, das sie sich von ihrem Traummann gemacht hatte. Indes hatte sie bereits entschieden, dass sie zu hohe Erwartungen hegte und es unvernünftig war, zu träumen. Nein, es war klüger, ihn zu vergessen und sich mit einem netten, biederen, respektablen Gentleman zu vermählen, bei dem ihr Herz nicht schneller schlug. Und von dieser Sorte gab es in der Saison weitaus genug in London.

Charles schlief ungewöhnlich lange an dem Morgen nach Lady Teasdales Ball. Obwohl er meist recht spät zu Bett ging, war er – besonders im Sommer – gewöhnlich früh auf den Beinen, um im Park auszureiten, bevor dort zu großes Gedränge herrschte. Letzte Nacht hatte er jedoch erst in den frühen Morgenstunden Schlaf gefunden, und als er schließlich eingeschlummert war, träumte er von einem goldblonden Engel.

Zufrieden streckte er sich im Bett und ließ die kürzlichen Ereignisse Revue passieren. In letzter Zeit hatte er ausgesprochen große Langeweile verspürt. Beatrice Sinclair bot genau die Zerstreuung, nach der er sich sehnte.

Gleich darauf runzelte er die Stirn. Er sollte baldmöglichst in sein eigenes Haus zurückkehren. Zum einen, weil seine Mutter ihn mit ihren Kuppeleiversuchen in den Wahnsinn trieb. Vor allem aber, weil er festgestellt hatte, dass er sich eindeutig zu Beatrice Sinclair hingezogen fühlte. Viel zu sehr hingezogen fühlte. Allein der Gedanke an sie, wie sie im Garten, umgeben von blühenden Sträuchern, im Gras lag oder nebenan in ihrem Bett schlummerte, nur durch einen kleinen Hof und eine Wand von ihm getrennt … Ebenjene Vorstellung hatte ihn mehr als die halbe Nacht wachgehalten, und er war sich nicht sicher, ob er jemals wieder erholsamen Schlaf finden würde, wenn er hierblieb.

Dabei wusste er nicht einmal, warum er sie so faszinierend fand; ob es an ihren Sommersprossen lag oder an ihren zierlichen Füßen. Möglicherweise erregte sie aber auch sein Interesse, weil sie sich so ungezwungen benahm und zu viel redete – eine angenehme Abwechslung. Die meisten jungen Damen gebärdeten sich steif wie Porzellanpuppen, und ihre Unterhaltungen drehten sich allein um das Wetter und die neueste Mode.

Er hegte den Wunsch, mehr über Miss Sinclair zu erfahren. Es war ihre vierte Saison, und er fand es merkwürdig, dass ihm ihr Name nie zuvor zu Ohren gekommen war. Zwar hatte er einige Jahre im Auftrag des Kriegsministeriums auf dem Kontinent verbracht, aber seinen Dienst hatte er bereits vor drei Jahren quittiert. In den letzten beiden Jahren hatte er sich während der Saison in London aufgehalten. Warum war er Beatrice Sinclair nicht schon längst begegnet? Sie war keine Frau, die man leicht übersah.

Außerdem fragte er sich immer noch, wie alt sie war und warum sie keinen Gatten hatte. Bei ihrer Begegnung am Vorabend hatte sie unschuldig und unerfahren auf ihn gewirkt. Das hatte sein Blut in Wallung gebracht, ihn zugleich aber auch vorsichtig werden lassen. Er stand zwar im Ruf, bei Liebesaffären keine großen Skrupel zu hegen, indes verführte er keine unerfahrenen jungen Damen. Das konnte mehr Ärger bereiten, als es die Sache wert war.

Vielleicht täuschte der Eindruck aber auch. Er hoffte es. Es schien ihm unmöglich, dass eine solch schöne Frau nach mehreren Saisons noch unberührt war, es sei denn, sie war ausgesprochen prüde. Auf ihn hatte sie aber ganz und gar nicht prüde gewirkt, auch nicht schüchtern. Gewiss konnte sie nicht gänzlich unerfahren sein.

Charles stieg aus dem Bett und klingelte nach seinem Kammerdiener Smythe.

Einige Minuten später band ihm Smythe das Krawattentuch. Charles beobachtete den aufwendigen Vorgang im Spiegel, wobei sein Blick unwillkürlich auf die Narbe fiel, die über seine Kehle verlief. Es war eine grimmige Erinnerung an seinen Dienst für das Kriegsministerium. Eine Erinnerung, die er zu verdrängen suchte.

Während Smythe ihm das Krawattentuch so zurechtzupfte, dass es die Narbe verbarg, schweiften seine Gedanken wieder zu Beatrice Sinclair. Lucy wusste wahrscheinlich mehr über sie. Seine Schwester besaß die unheimliche Gabe, über jedermann in der Gesellschaft Bescheid zu wissen.

Zehn Minuten später schlenderte Charles ins Frühstückszimmer, in das die frühsommerliche Sonne ihre hellen Strahlen schickte . Er war erleichtert, Lucy allein dort vorzufinden.

„Wo ist Mutter?“, fragte er, während er Rührei auf seinen Teller häufte.

Lucy sah von der Zeitung auf, die sie las. „Sie hat noch einige Besorgungen für die Dinnerparty zu erledigen.“

Wissend lächelnd setzte sich Charles seiner Schwester gegenüber. „Ah, sind denn alle Heiratskandidaten eingeladen, Lu?“

Sie erwiderte sein Lächeln strahlend. Wenn er wüsste, dass man nicht nur Heiratskandidaten für sie eingeladen hatte. „Das könnte man sagen, Charles.“

„Dann wird wohl meine Anwesenheit erforderlich sein.“

Lucy nickte und faltete die Zeitung zusammen. Immer noch lächelnd, antwortete sie: „Ja, das wäre sicher gut. Zu meinem Schutz, nicht wahr?“

Charles schenkte ihr keine Beachtung. Er war zu guter Laune, als dass er sich die Stimmung durch ihre kleinen Sticheleien verderben ließ. „Du siehst sehr selbstzufrieden aus. Was führst du im Schilde?“

Lucy war am Vormittag der Bitte ihrer Mutter nachgekommen und hatte ihre Zofe zum Haus von Lady Sinclair geschickt, in der Hoffnung, von ihren Dienstboten mehr über Beatrice zu erfahren. „Ich hatte ebenfalls einige Besorgungen zu erledigen. Ich musste Informationen für Mutter beschaffen. Du weißt, wie zudringlich sie manchmal sein kann.“

Das wusste Charles zur Genüge. Er fragte nicht einmal, welche Informationen Lucy für ihre Mutter hatte beschaffen sollen. Aber da sie das Thema nun einmal angeschnitten hatte …

„Apropos Informationen – kennst du Beatrice Sinclair, Lu?“

Vor Verblüffung verschluckte sich Lucy an ihrem Tee.

„Mir war nicht bewusst, dass die Frage so seltsam ist“, sagte er überrascht.

Lucy wischte sich übers Kinn und versuchte unbekümmert dreinzublicken. „Tut mir leid, das ist sie auch nicht. Kennst du Beatrice Sinclair denn?“

Er überlegte, wie er weiter vorgehen sollte. Er hatte gehofft, dass Lucy mit einem einfachen Ja oder Nein antworten würde, aber sie wollte ihn ganz offensichtlich aushorchen. Er wollte seiner Schwester nicht zu viel von seinem Privatleben preisgeben, aber ihn plagte auch die Neugier. „Ich kenne sie eigentlich nicht, aber ich würde sie gern kennenlernen. Ich bin ihr letzte Nacht begegnet, als ich vom Ball zurückkam. Sie ist Lady Sinclairs Nichte.“

„Großnichte, um genau zu sein“, erklärte Lucy. „Sie hat die letzten beiden Saisons nicht in der Stadt verbracht, was wohl erklärt, warum du ihre Bekanntschaft bisher noch nicht gemacht hast. Als sie zum letzten Mal in London weilte, warst du auf dem Kontinent.“

Charles nickte. Lucy war ein wahrer Quell an Informationen. „Weißt du noch mehr über sie?“

„Ihr Vater ist Viscount Carlisle. Ihren Bruder Benjamin Sinclair kennst du vielleicht aus deinem Klub.“

„Ja, wir sind miteinander bekannt. Er ist einige Jahre jünger als ich. Wir besuchten dieselbe Schule.“ Charles verengte argwöhnisch die Augen. „Aber du kennst ihn nicht, oder?“

Sie lächelte gezwungen. „Ich weiß über ihn Bescheid. Sein Ruf ist ebenso verrucht wie der deine.“

„Da du so viel weißt, dann sag mir doch, warum Miss Sinclair nicht verheiratet ist“, meinte er spöttisch.

„Genau das versuche ich herauszufinden.“

„Warum um Himmels willen willst du das herausfinden?“

Lucy sah einen Augenblick erschrocken drein, gewann aber rasch die Fassung wieder. „Das habe ich doch nicht wörtlich gemeint, Charles. Es verwundert mich lediglich, dass sie trotz ihrer Schönheit so lange ledig geblieben ist, und ich frage mich, warum. Sie ist übrigens auch recht vermögend.“

„Ich habe gar nicht gewusst, welch große Klatschbase du bist, Lucy“, sagte er kopfschüttelnd.

„Das bin ich auch nicht. Du bist derjenige, der hier die Fragen stellt, Charles.“

„Ich hätte gewiss nicht mit solch ausführlichen Antworten gerechnet. Woher weißt du das alles?“

„Ich bin halt gerne gut informiert. Und falls es dich interessiert, offenbar sucht sie jeden Dienstag um zwei Uhr Larrimor’s Buchladen auf.“ Lucy hielt inne, als sie die verblüffte Miene ihres Bruders sah, die sie ahnen ließ, dass er für diese präzise Angabe eine Erklärung erwartete. „Einer von Lady Sinclairs Dienstboten hat dies gegenüber meiner Zofe erwähnt. Mr Larrimor erhält offenbar dienstags die neuen Lieferungen. Meine Zofe erzählte es mir wiederum, weil sie wusste, dass ich mir ein Buch besorgen wollte, und glaubte, ich würde vielleicht gern mit Miss Sinclair gemeinsam den Laden aufsuchen.“

Charles schwieg eine Weile, die Neuigkeit verdauend, dann meinte er bedächtig: „Das erinnert mich daran, dass ich ein Buch bestellt habe.“

Lucy schmunzelte, erfreut, weil er den Köder geschluckt hatte. „Ich dachte mir schon, du würdest etwas Derartiges sagen.“

6. KAPITEL

Punkt zwei Uhr saß Beatrice von mehreren wackeligen Bücherstapeln umgeben im Hinterzimmer von Larrimor’s Buchladen. Lediglich durch ein winziges Fenster drang Licht in den Raum, weshalb sie sich zum Lesen dicht über die Werke beugen musste.

Mr Larrimor, der ihren Geschmack inzwischen gut kannte, hatte ihr verschiedene Romane, Biografien und sogar Gartenbücher zur Auswahl bereitgelegt. Sie nahm eines der Bücher in die Hand und las den Titel: „Das Leben des William Kidd: eine schaurige Geschichte, erzählt von seinem Schiffsjungen Reginald Dawson“. Gewöhnlich las Beatrice keine Bücher, die von Piraten handelten. Erst kürzlich hatte sie damit begonnen und auch nur, um Informationen für ihren Roman zu sammeln. Piraten eigneten sich hervorragend zu romantischen Helden, aber natürlich musste sie über das Leben auf See ein wenig Bescheid wissen, um über dieses Thema überzeugend schreiben zu können.

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