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Die Eislady und der feurige Gentleman / Das Geheimnis der Winterrosen

Mary Brendan

Die Eislady und der feurige Gentleman

1. KAPITEL

„Ich muss Sie wirklich bitten, sich zu verabschieden, Sir.“

Leider wurde die in bestimmtem Tonfall hervorgebrachte Aufforderung keiner Antwort gewürdigt. Der Gentleman, dem sie galt, lief weiterhin so erregt in dem winzigen Salon auf und ab, dass Ruth Hayden um ihren ohnehin schon abgeschabten Teppich fürchtete.

„Dr. Bryant!“ Diesmal klang ihre Stimme ein wenig schärfer. „Bitte ersparen Sie es mir, Sie noch einmal zum Gehen auffordern zu müssen.“

Der Angesprochene blieb endlich stehen, doch nur, um wütend die Arme in die Seiten zu stemmen. „Ich kann es einfach nicht fassen, dass Sie sich weigern, mich auch nur anzuhören. Lassen Sie mich doch wenigstens erklären, welche Vorteile eine solche …“

„Geben Sie sich keine Mühe“, unterbrach Ruth ihn. „Ich habe sehr wohl verstanden, was Sie mir vorschlagen, und möchte uns beiden jede weitere unangenehme Diskussion ersparen. Ihr Antrag ehrt mich, aber ich kann Sie wirklich nicht heiraten. Auf Wiedersehen, Sir.“

Eiligen Schrittes ging Ruth zur Salontür, um sie dem Besucher vielsagend offen zu halten.

Als Dr. Ian Bryant gewahr wurde, dass man ihn ohne viel Federlesens hinauskomplimentierte, wich die Überraschung in seiner Miene einem Ausdruck der Wut.

Ihm, einem der Honoratioren des Landstädtchens Willowdene, war eine solche Schmach noch nie widerfahren. Und nun zeigte ihm ausgerechnet eine Frau die kalte Schulter, die man in der hiesigen Gesellschaft allerhöchstens duldete. Wieso begriff sie nicht, dass ihr als seiner Gemahlin wieder alle Türen offenstehen würden?

Dr. Bryant, ein Mann von etwas über dreißig Jahren, sah auf eine gewisse raue Art gut aus. Er war hochgewachsen und besaß breite Schultern. Nun richtete er sich zu voller Größe auf, um sich beleidigt zum Gehen zu wenden.

„Glauben Sie mir, Madam: Hätten Sie mir nicht Anlass zu der Vermutung gegeben, dass Ihnen meine Werbung nicht unwillkommen wäre, so wäre ich heute nicht gekommen.“ Befriedigt nahm er wahr, dass die Spitze ihr Ziel nicht verfehlt hatte.

Röte stieg Ruth ins Gesicht und betonte ihre hohen Wangenknochen noch stärker. Natürlich erinnerte sie sich gut an den Zwischenfall, auf den er anspielte. Doch sie hob stolz das Kinn und begegnete Dr. Bryants Blick geradeheraus. „Ich fürchte, Sie haben damals das Geschehene missdeutet. Als mein Vater starb, brauchte ich nichts so dringend wie Trost und Zuspruch. Dass Sie mir beides gewährt haben, dafür danke ich Ihnen. Aber nun gibt es nichts weiter zu sagen.“

Sie öffnete ihm die Tür ein Stück weiter, doch Dr. Bryant schien immer noch unwillig, endlich zu gehen. Stattdessen musterte er Mrs. Hayden von Kopf bis Fuß.

Man konnte nicht anders und musste sie als Schönheit bezeichnen, auch wenn sie nicht dem modischen Ideal mädchenhafter Lieblichkeit entsprach. Ihre Züge waren regelmäßig, aber nicht zart, und ihr Teint hätte durchscheinender sein müssen, um als wahrhaft elegant zu gelten. Einige Locken des dichten braunen Haares, das sie im Nacken zu einem Knoten geschlungen hatte, waren der schlichten Frisur entschlüpft und kringelten sich vorwitzig an ihren Schläfen. Unter geschwungenen Brauen sahen schokoladenbraune Augen klar und offen in die Welt.

In Ruth Haydens Benehmen fand sich keine Spur von Koketterie. Sie mochte eben errötet sein und die Lider niedergeschlagen haben, aber Dr. Bryant wusste, dass dies ein Zeichen ihrer Verlegenheit gewesen war. Zu flirten lag nicht in ihrer Natur.

Doch so kühl sie sich auch gab: Ihr sinnlicher Körper schien diese Zurückhaltung Lügen zu strafen. Nur zu gut erinnerte Dr. Bryant sich an den kurzen Moment, in dem er ihre weiblichen Rundungen gespürt hatte. Die vollen Brüste und runden Hüften hatten sich höchst verführerisch an seinen Körper geschmiegt, und er sehnte sich danach, Ruths schmale Taille noch einmal mit seinen Händen zu umfassen.

Mrs. Haydens unzweideutige Zurückweisung versetzte nicht nur seinem Stolz einen empfindlichen Schlag – nein, sie überraschte ihn auch aufs Höchste. Eine Frau in ihrer Lage hätte eigentlich einen Antrag, der ihre gesellschaftliche Position entscheidend zu verbessern versprach, ohne zu zögern, annehmen müssen. Nun sah Dr. Bryant seinen Plan durchkreuzt, diese verführerische Frau in sein Bett zu holen. Mehr noch: Durch diese Heirat hätte er auch eine neue Mutter für seinen kleinen Sohn ins Haus gebracht. Eine klare Stimme riss ihn aus seinen bitteren Gedanken.

„Ich habe zu tun, Sir, und muss Sie wirklich bitten, jetzt zu gehen. Ich wünsche Ihnen einen guten Tag.“

Ohne Mrs. Hayden eines weiteren Wortes zu würdigen, stolzierte er hinaus.

Als Ruth hörte, wie die Tür ins Schloss fiel, schloss sie erleichtert die Augen. Im nächsten Augenblick erschien das Dienstmädchen im Salon und erkundigte sich besorgt: „Soll ich Wasser aufsetzen, Mrs. Hayden?“

Ruth lächelte dankbar und nickte. Sicher hatte Cissie nicht gelauscht, aber sie schien zu wissen, dass ihre Herrin eine Stärkung nötig hatte. Vielleicht ahnte sie auch, was gerade vorgefallen war, und brannte darauf, mehr zu erfahren. Sie fragte sich bestimmt, weshalb sie den Antrag eines Mannes abgelehnt hatte, der ihr ein sorgenfreies Leben ermöglichen könnte.

Ein Blick in den Salon offenbarte jedem zufälligen Besucher, dass Mrs. Hayden in bescheidenen Verhältnissen lebte. Der Raum war zwar makellos sauber und duftete nach Lavendel, aber die Möbel zeigten deutliche Spuren der Abnutzung. Auch die Bezüge und Vorhänge hatten ihre besten Tage bereits hinter sich. Jeder Außenstehende musste daraus den Schluss ziehen, der auf der Hand lag: dass sich das Los dieser jungen Witwe durch die Ehe mit einem reichen Witwer entscheidend verbessern ließe.

Und nach Ansicht der hiesigen Gesellschaft war Dr. Bryant eine hervorragende Partie. Er besaß nicht nur ein ansehnliches Heim und ein stattliches Einkommen; durch die erste Eheschließung hatte er außerdem sein Vermögen noch vergrößern können. Sein Beruf galt daher allgemein eher als menschenfreundlicher Zeitvertreib denn als Broterwerb.

Cissie war in der Küche verschwunden, um Tee zu machen, und Ruth ließ sich erschöpft in einen Sessel sinken. Warum hatte sie Dr. Bryant so bestimmt abgewiesen, ohne auch nur einen Gedanken an die Vorteile der Verbindung zu verschwenden? Immerhin hätte sie ihn bitten können, ihr Zeit zum Nachdenken zu geben.

Schon einmal war sie von einem Heiratsantrag überrascht worden. Damals, achtzehn Jahre alt und kaum dem Schulzimmer entwachsen, war sie von Paul Hayden aus heiterem Himmel um ihre Hand gebeten worden. In ihrer Unschuld hatte sie geglaubt, nach so kurzer Bekanntschaft mit einem Gentleman nicht übereifrig wirken zu dürfen, und hatte ihn stammelnd um Bedenkzeit gebeten. Sie musste immer noch lächeln, wenn sie daran zurückdachte. Doch ihr Galan hatte sich damals kaum zum Gehen gewandt, als sie schon im Überschwang der Gefühle zu ihm eilte und ausrief, sie wolle seine Frau zu werden. Sie hatte ihn so sehr geliebt, dass sie es nicht ertrug, ihn im Ungewissen zu lassen.

Dr. Bryant weckte keine solchen Gefühle in ihr. Trotzdem hatte sie ihn für einen guten Freund gehalten – bis zu jenem Tag, an dem er ihr angeboten hatte, seine Geliebte zu werden. Nun hat er seine Frau im Kindbett und keine Zeit verloren, zu mir zurückzukommen und mir ein verbessertes Angebot zu machen, dachte Ruth bitter.

Und sie hatte abgelehnt. War es töricht von ihr, von Liebe zu träumen, statt sich die unbestreitbaren Vorteile einer Ehe vor Augen zu halten?

„Du wiederholst dich, meine Liebe, und das finde ich ermüdend“, erklärte der Gentleman der kokett schmollenden Brünetten, die sich nackt inmitten zerknitterter Satinlaken rekelte.

Doch Lady Loretta Vane ließ sich dadurch nicht entmutigen. Sie drehte sich auf den Bauch und schlug die blauen, von langen Wimpern beschatteten Augen weit auf. Sogleich bemerkte sie befriedigt, wie der Blick ihres Liebhabers zu den üppigen Brüsten wanderte, die sie ihm verführerisch auf einem Kissen darbot.

Sir Clayton Powell ließ die Hände sinken, mit denen er gerade sein Hemd zugeknöpft hatte, und schlenderte gemächlich zu dem ausladenden Bett zurück. Kaum war er nahe genug herangekommen, als Loretta die langen, schlanken Finger ausstreckte und ihn näher zu sich heranzog.

„Komm zurück ins Bett“, lockte sie. „Vielleicht kann ich dich umstimmen, wenn ich dir zeige, auf welche Freuden du in Zukunft verzichten musst. Jedenfalls sofern du auf deiner Weigerung beharrst, mich zu einer ehrlichen Frau zu machen.“

Clayton beugte sich über sie, die Hände rechts und links von ihrem schlanken Körper auf die Matratze gestützt. Mit einer einzigen fließenden Bewegung drehte Loretta sich wieder auf den Rücken und schlang dem Geliebten die Arme um den Nacken.

„Denk doch bloß daran, was für hübsche Kinder wir haben würden: ein kleines Mädchen mit deinen blonden Haaren und einen dunkelhaarigen Jungen – deinen Erben –, der mir ähnlich sieht.“

Clayton lächelte spöttisch, bevor er Loretta küsste. „Und was hält dein Verlobter von Bigamie und unehelichen Kindern?“

Amüsiert warf sie den Kopf in den Nacken und lachte, sodass sie ihrem Geliebten den schlanken Hals zum Liebkosen darbot. „Natürlich wäre er höchst entsetzt – aber das spielt keine Rolle. Du weißt genau, dass ich Pomfrey jederzeit für dich fallen ließe.“

„Ja, das ist mir klar.“ Einen Augenblick lang begegnete der Blick aus seinen schiefergrauen Augen dem ihren, dann drückte Clayton seiner Mätresse einen seltsam gleichgültigen Kuss auf die Lippen.

Noch vor nicht allzu langer Zeit hatten sich auf dem Bett leidenschaftliche Szenen abgespielt. Doch plötzlich ließen Loretta Vanes Verführungskünste Clayton kalt. Das lag nicht allein an der Beharrlichkeit, mit der sie nach einem Heiratsantrag angelte. Nein, ihn störte auch die kühle Berechnung, mit der sie ihren Verlobten für einen dickeren Fisch über Bord zu werfen bereit war. Clayton hatte nicht die Absicht, sich deswegen in eine Auseinandersetzung mit dem Honourable Ralph Pomfrey verwickeln zu lassen.

Erst kürzlich war dem ton zu Ohren gekommen, dass Pomfrey möglicherweise nicht ganz so reich war, wie alle Welt glaubte: Jedenfalls hatte er Claude Potts gebeten, ihm aus einer finanziellen Klemme zu helfen. Leider war Potts eine stadtbekannte Plaudertasche. Deshalb wusste nun jedermann darüber Bescheid, wie sehr Pomfreys Vermögen unter seiner Pechsträhne auf der Rennbahn gelitten hatte. Es ging sogar das Gerücht, dass seine Verlobte mehr auf der Bank liegen hatte als er.

Diese Tatsache ließ nun auch seine Werbung um Loretta Vane in einem anderen Licht erscheinen – um eine Frau, die zwar die gesellschaftliche Stellung einer Dame beanspruchen konnte, aber die Seele einer Kurtisane besaß.

Loretta nannte ein hübsches Vermögen ihr Eigen, das ihr verstorbener Gatte Lord John Vane ihr hinterlassen hatte. Doch nachdem sie einen erheblichen Teil davon verschwendet hatte, musste sie nun befürchten, durch eine Heirat mit Ralph, dem jüngsten Sohn des Earl of Elkington, auch den Rest zu gefährden. Ganz sicher war es kein Zufall, dass ihre Gefühle für Pomfrey in dem Augenblick abkühlten, in dem das Ausmaß seiner Schwierigkeiten offenbar wurde.

Besorgt darüber, dass ihr Liebhaber so wenig leidenschaftlich auf ihre Verführungskünste reagierte, zupfte Loretta an Claytons Hemd. Gleichzeitig ließ sie die Zunge zwischen seine Lippen gleiten.

„Du bist mit Pomfrey verlobt“, erinnerte Clayton sie und hielt sie an den Handgelenken von sich fern. „Er ist der richtige Mann für dich.“ Damit ließ er Loretta los, nahm seinen Rock von der samtbezogenen Chaiselongue und schlüpfte hinein.

Du bist der richtige Mann für mich!“ Als Loretta einsah, dass von Clayton keine befriedigende Antwort zu erwarten war, sprang sie auf. Ihre Gesichtszüge wirkten nicht länger sinnlich weich, sondern hart und entschlossen. Sie hatte die Augenbrauen zusammengezogen und die vollen Lippen zu einem Strich zusammengepresst.

„Glaub mir – ich bin für keine Frau der richtige Mann“, gab Clayton zurück, während er achtlos sein Krawattentuch in die Rocktasche stopfte. „Möchtest du morgen Abend in die Oper gehen?“

„Heirate mich!“, verlangte Loretta herrisch. „Ich will dich und wollte dich schon immer. Wenn du es nicht tust, dann … dann …“ Sie zögerte, die Drohung auszusprechen.

„Dann?“, erkundigte Clayton sich. Lässig an den Türrahmen gelehnt, beobachtete er sie interessiert. „Komm schon, was hast du vor, um mich zu strafen?“

„Dann beende ich unsere Affäre“, erklärte sie eisig und hob das Kinn. „Ich werde so schnell wie möglich Pomfrey heiraten, und wenn wir den Bund erst geschlossen haben, teile ich das Bett nur noch mit meinem Gatten.“

Unwillkürlich musste Clayton lachen. „Oh, ich bin beeindruckt – du als treue Ehefrau! Das wird in der Tat eine neue Erfahrung für dich, meine Liebe. Dein verstorbener Mann dürfte sich im Grabe herumdrehen, wenn er wüsste, dass dieser tugendhafte Entschluss für ihn zu spät kommt. Hoffentlich weiß Pomfrey dein Opfer zu schätzen.“

Ralph Pomfrey wusste natürlich so gut wie jeder andere im ton, dass seine künftige Gattin seit über einem halben Jahr Clayton Powells Geliebte war, aber dieses Wissen schien ihn nicht sonderlich zu stören. Selbstverständlich ging man allgemein davon aus, dass die Affäre noch vor der Hochzeit ihr Ende finden würde – zumindest so lange, bis Loretta ihre eheliche Pflicht erfüllt und ihrem Gemahl den rechtmäßigen Sohn und Erben geschenkt hätte.

„Warte nur – wenn ich es wahr mache, bleibt dir noch das Lachen im Halse stecken!“ Loretta wusste, dass ihr einziges Ass übertrumpft worden war. „Ich glaube kaum, dass du eine andere Frau findest, die dir genauso viel Lust bereitet wie ich.“

Insgeheim musste Clayton ihr recht geben, und diese Einsicht ließ ihn zögern. Loretta Vane hatte ihm Stunden ungehemmter Leidenschaft geschenkt, und der Anblick ihres sinnlichen nackten Körpers weckte sein Begehren erneut. Ob sie ihre Beteuerung ernst meinte, dass sie Pomfrey nach der Hochzeit treu sein wollte? In ihren Kreisen galt es durchaus als üblich, dass Eheleute diskret dem eigenen Vergnügen nachgingen, sobald die Erbfolge gesichert war.

Clayton warf Loretta ein Lächeln zu und kehrte zum Bett zurück.

„Woher weißt du, dass du mir Lust bereitest?“, murmelte er, während er mit den Lippen ihren Hals liebkoste.

„Das spürt man“, erwiderte sie. Ein Glitzern erschien in ihren Augen. „Soll ich dich zwingen, es auszusprechen?“

„Glaubst du, das liegt in deiner Macht?“

„Ich glaube es nicht nur, ich weiß es.“ Zärtlich biss sie in sein Ohrläppchen.

„Nun ja … dann wäre es wohl unhöflich, die Herausforderung auszuschlagen.“ Sein Kuss wurde härter, fordernder, während sie die Hände zu den Knöpfen seiner Pantalons gleiten ließ …

Es war bereits sechs Uhr morgens, als Clayton zum zweiten Mal den Rock zuknöpfte und sich zum Gehen wandte. Auf einen leisen Ruf vom Bett her drehte er sich lächelnd zu Loretta um.

„Ich weiß, dass ich dir Lust bereitet habe“, sagte sie, und Clayton fühlte sich an eine schnurrende Katze erinnert. „Versuch gar nicht erst, es zu leugnen.“

„Das stimmt. Du bist eine begabte Liebhaberin.“

„Ich wäre eine noch bessere Ehefrau. Das meinte ich ernst, Clayton.“

Er lächelte nur. „Ich meine Antwort auch.“ Damit ging er und schloss die Tür hinter sich.

Auf der Straße begrüßte ihn kühler Nebel. Clayton schlug den Weg zum Berkeley Square ein, denn das größte Haus an diesem eleganten baumbestandenen Platz gehörte ihm.

Da das Apartment, das John Vane seiner jungen Witwe hinterlassen hatte, mitten im besten Viertel der Stadt lag, brauchte Clayton für den Heimweg nicht lange.

Zu seiner Überraschung kam sein Butler Hughes in der Eingangshalle auf ihn zugeschritten, als hätte er die Ankunft seines Dienstherrn erwartet. Obwohl man Hughes die fortgeschrittenen Jahre ansah, hielt er sich aufrecht und schritt zackig aus wie bei einer Militärparade – ein Überbleibsel aus seiner Zeit als Soldat der königlichen Armee.

„Eine dringende Nachricht wurde soeben für Sie abgegeben, Sir Clayton“, erklärte der Butler und reichte ihm das Schreiben auf einem Silbertablett. Sofern er es merkwürdig fand, dass sein Dienstherr erst bei Tagesanbruch nach Hause kam, ließ er sich jedenfalls nichts anmerken.

„Danke. Bitte lassen Sie Wasser für ein Bad heiß machen. Außerdem hätte ich gerne Kaffee und Toast“, erklärte Clayton, während er den Brief entgegennahm.

„Sehr wohl, Sir“, erwiderte Hughes und verschwand.

Kaum hatte Clayton die Handschrift auf dem Schreiben gesehen, da lächelte er. Was ihm Gavin Stone, Viscount Tremayne wohl mitzuteilen hatte? Vermutlich befand sich sein guter Freund bereits auf dem Weg von seinem Herrensitz in Surrey nach Mayfair. Clayton ging in sein Arbeitszimmer, ließ sich in den Schreibtischsessel sinken und las die überaus willkommene Nachricht, dass Gavin Stone bereits heute in London eintreffen würde.

2. KAPITEL

„Wie bitte? Du hast ihn nicht mitgebracht? Dabei wollte ich ihn so gerne auf den Arm nehmen und drücken!“

„Drück stattdessen mich!“, forderte die Viscountess Tremayne ihre Freundin Ruth lächelnd auf und umarmte sie. „Ich habe dich vermisst.“

„Und ich dich“, antwortete Ruth schlicht und erwiderte die Umarmung. „Außerdem brenne ich darauf, alle Neuigkeiten aus Surrey zu erfahren. Aber wo hast du denn deinen niedlichen kleinen Sohn gelassen?“

„Nachdem er neulich ein bisschen verschnupft war, wollte ich ihn bei dem kalten Winterwetter nicht mitnehmen. Ich habe ihn in der Obhut seines Kindermädchens drüben auf Willowdene Manor gelassen. Außerdem bekommt er Zähne, und dann ist er immer besonders anfällig für Erkältungen.“ Die stolze Mama strahlte. „Aber er ist einfach ein entzückender kleiner Schatz und seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Manchmal glaube ich, dass ich vor lauter Liebe sterben muss.“

Während Sarah von ihrem Sohn schwärmte, hakte Ruth sie unter und führte sie in den Salon, wo sie es sich vor dem prasselnden Kaminfeuer bequem machten. Kalte Winde pfiffen durch die Ritzen und blähten die Gardinen.

Ruth nahm die Kanne von dem Teetablett, das auf einem niedrigen Tischchen bereitstand, und schenkte das dampfende Getränk ein. Gleichzeitig setzten die Freundinnen ihr Gespräch fort und fanden mühelos wieder zu dem alten, vertrauten Ton zurück. Es war, als wären sie nicht über viele Monate hinweg getrennt gewesen. Ein zufälliger Beobachter hätte sie für Schwestern halten können.

„Wie lange bleibt ihr auf Willowdene Manor?“

„Bis Herbst, genauer gesagt Michaeli … jedenfalls, wenn es nach mir geht“, antwortete Sarah mit einem Zwinkern.

Ruth zog eine Augenbraue hoch. „Und ich vermute, dass es meistens nach dir geht.“ Sie seufzte theatralisch. „Armer Gavin!“

„Ja, ja, der Arme!“ Sarah lächelte, als sie an ihren geliebten Mann dachte. „Aber so bin ich nun einmal und war es schon immer, wie du weißt …“

Schweigen senkte sich über den Salon, als beide Frauen in die Flammen blickten und an die Ereignisse des vergangenen Jahres dachten. Noch vor zwölf Monaten hatte Sarah, damals noch Miss Marchant, im Ort Willowdene als leichtlebige Person gegolten, weil sie unverheiratet mit ihrem Geliebten zusammenlebte. Nach seinem überraschenden Tod drohten ihr Armut und Elend, doch dann begegnete sie Gavin Stone, dem neuen Herrn auf Willowdene Manor. Sie verliebte sich in ihn, ihre Liebe wurde erwidert, und wenige Monate nach der Hochzeit war sie mit ihm als Viscountess Tremayne auf seinen Herrensitz in Surrey gezogen.

Sarah verkehrte nun in höchsten Kreisen, war verheiratet und Mutter eines kleinen Sohnes, während Ruth nach wie vor in bescheidenen Verhältnissen in Willowdene lebte. Gesellschaftlich trennte eine tiefe Kluft die beiden Frauen, aber Ruth neidete der Freundin das Glück nicht.

„Ich wusste, dass du mit Gavin die richtige Wahl getroffen hast“, bemerkte Ruth zufrieden. „Dieses ganze dumme Gerede über seine angeblichen Ausschweifungen – das war doch nichts als Wichtigtuerei.“

„Nicht ganz“, widersprach Sarah. „Aber Gavin sagt, dass er inzwischen zu viel Verantwortung trägt, um sich noch irgendwelchen Ausschweifungen hinzugeben. Das überlässt er seinem Freund Sir Clayton Powell. Nach allem, was man hört, hat er in ihm einen würdigen Nachfolger gefunden.“

Ruth senkte die Teetasse und neigte den Kopf zur Seite. „Sir Clayton Powell? Das war doch Gavins Freund, der letztes Jahr eine Weile hier zu Besuch weilte.“

„Ja, das stimmt. Wäre es schlimm, wenn du ihn bald wiedersehen würdest?“ Sarah erinnerte sich noch gut daran, dass Ruth dem Freund Lord Tremaynes eher reserviert begegnet war. „Abgesehen davon, dass ich dich besuchen wollte, sind wir nämlich auch deshalb nach Willowdene gekommen, um James in der Kapelle von Willowdene Manor taufen zu lassen. Und wir möchten dich herzlich bitten, seine Patin zu werden. Bitte sag Ja!“

„Mit dem größten Vergnügen: ja.“ Ruths Stimme klang plötzlich belegt, und Freudentränen traten ihr in die Augen.

„Wunderbar! Clayton soll der andere Pate werden. Jedenfalls besteht Gavin darauf, dass wir ihn fragen. Er sagt, unter der Fassade des Lebemannes schlägt ein Herz aus reinem Gold. Anscheinend kann man sich darauf verlassen, dass Clayton seine Verantwortung ernst nimmt. Er kommt sogar für die Schulbildung seines Neffen auf, der einmal sein Erbe antreten wird. Seine eigene Ehe ist kinderlos geblieben.“

„Er ist verheiratet?“, erkundigte Ruth sich belustigt. „Und dann gibt er sich den Vergnügungen des Großstadtlebens hin, als sei er ledig?“

„Nein, nein – er war verheiratet.“ Sarah beugte sich vertraulich vor. „Soweit ich weiß, ist das aber schon lange her – eine mésalliance, die lediglich ein Jahr währte. Seine Gattin Priscilla ist ihm zuerst nach allen Regeln der Kunst auf der Nase herumgetanzt, um dann mit einem ausländischen Grafen durchzubrennen. Die genauen Einzelheiten kenne ich nicht, aber die Ehe wurde jedenfalls annulliert. Bei Clayton hat das zur Verbitterung geführt, und er hat sich geschworen, nie wieder zu heiraten. Deshalb soll sein Neffe einmal den Platz einnehmen, der eigentlich seinem eigenen Sohn zukäme.“

„Dann hätte ich mir also keine Sorgen machen müssen, dass er die dunklen Flecken in meiner Vergangenheit herausfinden könnte? Vermutlich hat er genug damit zu tun, den Skandal in seiner eigenen Vergangenheit nicht wieder publik werden zu lassen. Um daher deine Frage zu beantworten: Nein, es macht mir nichts aus, ihn wiederzusehen.“

„Ich glaube nicht, dass du dir von ihm unangenehme Fragen gefallen lassen musst. In den letzten Monaten habe ich ihn kennen- und schätzen gelernt. Er ist ein charmanter Mann mit einwandfreien Manieren.“

Nach einer kurzen Pause fuhr Sarah fort: „Du musst heute Abend zum Dinner kommen – keine Widerrede“, unterbrach sie sich, als sie gewahr wurde, dass die Freundin höflich ablehnen wollte. „Gavin ist noch nicht hier, weil er Geschäfte in London zu erledigen hatte. Aber er kommt gegen sechs, rechtzeitig zum Dinner. Wir fanden beide, dass es schön wäre, mit dir zusammen unsere Rückkehr nach Willowdene zu feiern. Außerdem bekommst du dann natürlich den kleinen James zu Gesicht.“ Die letzten Worte wurden in einem schmeichelnden Tonfall geäußert, der Ruth unwillkürlich lächeln ließ.

„Also gut, wenn ihr darauf besteht, komme ich gerne.“

Sarah drückte ihr die Hand. „Wunderbar! Und jetzt erzähl mir, was in Willowdene vorgefallen ist, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Ich brenne darauf, den neuesten Klatsch zu hören!“

Doch Ruth blieb ernst. „Du kommst gerade recht, um es als Erste zu erfahren. Bald dürften es die Spatzen ohnehin von den Dächern pfeifen. Dr. Bryant hat mir einen Heiratsantrag gemacht, den ich abgelehnt habe.“

Erstaunt riss Sarah die Augen auf. Sie erinnerte sich nur zu gut daran, dass der Arzt Ruth vor einem Jahr ein anrüchigeres Angebot gemacht hatte, noch bevor seine Frau am Kindbettfieber gestorben war. „Und wie hat er es aufgenommen?“

„Schlecht, fürchte ich. Offenbar hat meine Reaktion ihn zutiefst überrascht, und ich musste ihn regelrecht hinauskomplimentieren.“

„Er hat geglaubt, du würdest ihn heiraten?“

„Nicht nur das – vermutlich dachte er, ich wäre ihm darüber hinaus noch dankbar. Das hat er zwar nicht gesagt, aber seine Miene sprach Bände. Und ganz Willowdene dürfte ihm zustimmen, dass nur eine Närrin eine so günstige Partie ausschlagen würde.“ Ruth lachte auf, aber es lag keine Heiterkeit darin. „Er ist unangekündigt hier aufgetaucht und hat mich mit seinem Antrag vollkommen überrascht. Aber warum habe ich ihn abgewiesen, ohne auch nur vernünftig darüber nachzudenken?“

„Vielleicht, weil du ihn nicht liebst?“, schlug Sarah in sanftem Tonfall vor.

„Das stimmt, ich liebe ihn nicht. Doch ist das Grund genug, ein behagliches Heim und ein sorgenfreies Leben in den Wind zu schlagen?“

„Das kann ich dir nicht beantworten. Aber du hast Paul von ganzem Herzen geliebt. Ich verstehe gut, dass du auf dieses Glück in einer Ehe nicht verzichten möchtest.“

„Jetzt erweist es sich als schwere Bürde, dass ich bereits eine Liebesheirat erlebt habe. Und dass die beste Freundin mit ihrem reichen, gut aussehenden Gatten im siebten Himmel schwebt, macht die Sache keineswegs besser.“ Ruth warf Sarah einen gespielt strengen Blick zu. „Jetzt beklage ich mich ständig beim Schicksal darüber, dass es sich mir nicht ähnlich gnädig erweist.“

„Falls es dir hilft: Vor nicht allzu langer Zeit habe ich häufig genug darum gebetet, dass sich mein Los verbessert.“ Tröstend ergriff Sarah die Hände der Freundin. „Und schlussendlich wurde ich erhört.“

„Wie lange ich darauf wohl warten muss? Nach den Jahren der Witwenschaft sollte ich vielleicht vernünftig werden, statt auf den Prinzen zu warten, der auf seinem weißen Pferd vorbeigaloppiert kommt.“ Ruth seufzte. „Ich muss zugeben: Wenn man mir eine Liste aller Gentlemen von Willowdene und Umgebung vorlegt, die als Ehemänner infrage kämen, würde ich vermutlich Dr. Bryant auswählen.“

„Und trotzdem hast du seinen Antrag abgelehnt, ohne auch nur zu zögern“, erinnerte Sarah sie sanft. „Also bleibt dir nur, den Blick über die Grenzen von Willowdene hinaus zu richten. Komm mit nach London und begleite mich zu Gesellschaften. Ich bin mir sicher, dass die Verehrer dich bald umschwärmen wie Bienen einen Topf Honig.“

„Ich bezweifle sehr, dass eine mittellose Witwe von achtundzwanzig Jahren – bald neunundzwanzig –, die darüber hinaus vergessen hat, wie man tanzt und tändelt, die Herren Drohnen zu fesseln vermag.“

„Tanzen und Flirten kann ich dir beibringen“, bot Sarah verschmitzt an. „Allerdings glaube ich kaum, dass du die Nachhilfe brauchst, wenn der richtige Gentleman auftaucht.“

Ruth lehnte sich in ihrem Sessel zurück und lächelte Sarah an. „Danke – du bringst es immer fertig, mich aufzuheitern. Ich tue mir schon viel weniger leid. Ganz so verzweifelt sieht mein Los auch nicht aus, denn immerhin hat mein Papa mir dieses Cottage und eine kleine Summe auf der Bank hinterlassen. Ich komme schon zurecht, und bis mein strahlender Märchenprinz auftaucht, lebe ich einfach mein bescheidenes Leben in Willowdene weiter. Als Mauerblümchen bei Almack’s würde ich mich sicher deutlich unwohler fühlen.“

Bei dem Gedanken an diese ehrwürdige Institution des Londoner Heiratsmarkts überlief sie ein Schauder. Als siebzehnjährige Debütantin hatte sie dort Abend für Abend mit jungen Herren getanzt, die sich nach einer standesgemäßen Braut umsahen. Ihrem späteren Mann Paul Hayden war sie dann allerdings im Haus ihrer Tante begegnet. Trotzdem erinnerte sie sich nur zu gut an die Nische im Ballsaal von Almack’s, in der sich jene Damen versammelten, die als sitzen geblieben galten. Meist besuchten sie den Klub als Anstandsdamen und Gesellschafterinnen der Debütantinnen. Schon damals hatte die Vorstellung Ruth abgeschreckt, einmal zu diesen bedauernswerten Geschöpfen zu gehören.

Doch Sarah riss sie aus ihren trüben Gedanken. „Komm, ich warte, während du dich umkleidest, und dann fahren wir gemeinsam nach Willowdene Manor. Auf diese Weise kannst du James noch auf den Arm nehmen, bevor Rosie ihn zu Bett bringt. Außerdem gibt es noch so vieles, was ich dir noch von Tremayne Park erzählen will! Wenn wir dorthin zurückkehren, musst du uns begleiten.“

„Möchte dein Gatte nicht erst einmal die Flitterwochen mit dir nachholen, nachdem du wieder reisen kannst?“, wandte Ruth lachend ein. Sie stand auf, um sich fertig zu machen. Die Aussicht, einen angenehmen Abend mit guten Freunden zu verbringen und außerdem Sarahs Sohn auf dem Arm halten zu dürfen, munterte sie auf.„Das silbergraue Seidenkleid hat mir an dir immer besonders gut gefallen. Aber natürlich ist die Robe aus pflaumenblauem Satin auch sehr hübsch.“

„Also gut, dann ziehe ich das Silbergraue an“, entschied Ruth und hängte das andere Kleid wieder weg.

„Glaubst du, dass du Dr. Bryant ein für alle Mal entmutigt hast, oder kann es sein, dass er sein Glück bei dir erneut probiert?“, fragte Sarah, während Ruth sich umkleidete. Ohne dass es irgendwelcher Worte bedurfte, ging Sarah der Freundin dabei zur Hand, half ihr, das Kleid zuzuknöpfen und die Locken am Hinterkopf hochzustecken.

„Angesichts seines Ärgers bezweifle ich, dass er einen weiteren Versuch unternimmt“, antwortete Ruth. Sie erhob sich von dem Stuhl vor dem Toilettentisch und betrachtete ihr Erscheinungsbild im Spiegel. Was sie sah, erfüllte sie mit Zufriedenheit. Nachdem sie den warmen Mantel angezogen und den Hut aufgesetzt hatte, setzte sie hinzu: „Ich glaube, dass ich ihn so schnell nicht wiedersehen werde. Als er ging, wirkte er tief in seinem Stolz getroffen.“„Du hast sie empfindlich in ihrem Stolz getroffen. Einer abgewiesenen Frau sollte man nach Möglichkeit aus dem Weg gehen.“

„Ein wahres Wort“, stimmte Clayton dem Freund zu. Doch seine düstere Laune ließ sich nicht durch die heitere Gelassenheit aufhellen, mit der Viscount Tremayne die Angelegenheit offenbar betrachtete. Während jener in sich hineinlachte, lehnte sich Clayton in den üppigen Polstern zurück. Die elegante Reisechaise mit dem Wappen der Tremaynes auf dem Schlag verfügte über eine ausgezeichnete Federung. Beinahe konnte man vergessen, mit welcher Geschwindigkeit sie ihrem Ziel entgegenrollte. Die Reisenden hofften, Willowdene Manor noch zu erreichen, bevor die bleigrauen Schneewolken ihre kalte Fracht über das Land verteilten.

Clayton war froh, dass sein bester Freund ihn ablenkte, und er freute sich ebenfalls, das Stadtleben für eine Weile hinter sich lassen zu können. Doch tief in seinem Innern nagte der Verdacht an ihm, dass er damit einer unangenehmen Situation entfloh. Und Rückzug entsprach so gar nicht seiner Art. Insgeheim verwünschte er Loretta Vane, weil es ihr gelungen war, das lang ersehnte Wiedersehen mit Gavin zu überschatten.

Kurz nachdem der Freund am Nachmittag am Berkeley Square eingetroffen war, hatte Clayton ein Schreiben seiner Geliebten erhalten. Darin befahl sie ihm unmissverständlich, den Gazetten augenblicklich die Nachricht von ihrer bevorstehenden Vermählung zu übermitteln. Vorsorglich habe sie bereits Pomfrey geschrieben und die Verlobung mit ihm gelöst. Mit der ihr eigenen Unverfrorenheit ließ Loretta in ihrem Brief an Clayton durchblicken, was sie Pomfrey als Begründung genannt hatte: dass sie diesen Schritt auf besonderen Wunsch ihres künftigen Bräutigams Clayton Powell unternehme. Dieser ballte die Faust bei der Erinnerung. Als hätte er damit irgendetwas zu tun!

Sprachlos hatte er den Brief, den man nicht anders als eine schamlose Erpressung nennen konnte, noch einmal gelesen und einen Augenblick lang zwischen Lachen und Fluchen geschwankt. Schließlich jedoch hatte der Zorn die Oberhand gewonnen. Clayton hatte den zart parfümierten Bogen mit aller Kraft in den Kamin geworfen. Nur mit Mühe hatte er sich davon zurückhalten können, stehenden Fußes zu dem ihm wohlbekannten Apartment zu stürmen und diese intrigante kleine Hexe zu schütteln, bis sie Vernunft annahm.

Niemals würde er sich in eine Ehe mit ihr zwingen lassen, gleichgültig, welche Ränke sie noch schmiedete! Dies hatte er ihr in einer kurz angebundenen Nachricht mitgeteilt, in der er Loretta außerdem das unwiderrufliche Ende ihrer Affäre verkündete. Sein Rechtsanwalt werde sich in Kürze mit ihr in Verbindung setzen, um ein angemessenes Abschiedsgeschenk auszuhandeln.

Als Clayton spürte, dass der Blick seines Freundes auf ihm ruhte, wandte er den Kopf ab und starrte hinaus auf die dämmrige Landschaft. Schon fielen die ersten Schneeflocken vom grauen Himmel, aber Clayton nahm sie kaum wahr. Lorettas Verrat beschäftigte ihn immer noch. „Dieses Weibsbild setzt alles daran, Pomfrey und mich gegeneinander aufzuhetzen“, bemerkte er wie zu sich selbst.

„Lass dich nicht provozieren.“

„Ich habe nicht die Absicht. Aber wozu Pomfrey imstande ist, kann ich dir nicht sagen. Es dürfte ihm widerstreben, sich in der ganzen Gesellschaft zur Zielscheibe des Spotts zu machen. Schließlich muss er an den guten Namen seiner Familie denken.“

„Meinst du, er besteht darauf, dir im Morgengrauen mit gezückter Pistole gegenüberzutreten?“ Gavin konnte ein spöttisches Lächeln nicht unterdrücken, denn er wusste so gut wie jedes andere Mitglied des ton, dass Clayton als ausgezeichneter Schütze galt. Kein Mensch im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte würde ihn zu einem Duell fordern. „Pomfrey mag zwar bankrott sein, aber dumm ist er deshalb noch lange nicht. Ihm dürfte es ebenso wenig schmecken wie dir, sich von dieser Frau zur Marionette machen zu lassen.“

„Sie ist eine höchst begabte, allerdings auch äußerst dreiste Puppenspielerin, wenn es um Männer geht.“

„Das glaube ich dir aufs Wort“, räumte Gavin mit einem trockenen Lachen ein. „Hoffen wir, dass Pomfrey ihren Überredungskünsten ebenso gut zu widerstehen weiß wie du.“

Clayton streckte die langen Beine bequem vor sich aus. „Du kannst deinem Kutscher sagen, er soll die Pferde zügeln. Das schlechte Wetter hat uns eingeholt.“

Bei diesen Worten drehte sich Gavin herum und sah prüfend zum Fenster hinaus. Er wollte seine geliebte Frau und seinen kleinen Sohn so schnell wie möglich in die Arme schließen. Deshalb zögerte er, dem Vorschlag seines Freundes zu folgen. Doch ein Blick in das Schneetreiben draußen überzeugte ihn, dass er beide womöglich nie mehr wiedersehen würde, wenn er die Pferde weiterhin zu solch halsbrecherischer Geschwindigkeit antreiben ließ. Bald würden die Straßen unter einer trügerischen weißen Decke verschwinden, die Schlaglöcher und Hindernisse unsichtbar machte.

Nachdem er den Kutscher angewiesen hatte, die Fahrt langsamer fortzusetzen, lehnte er sich in die Polster zurück und nahm den Faden der Unterhaltung wieder auf.

„Vielleicht handelt es sich auch um ein Täuschungsmanöver, und Lady Vane hat Pomfrey noch gar nicht geschrieben“, bemerkte er. „Ich glaube kaum, dass sie einen ihrer Trümpfe vorschnell aus der Hand gibt. Möglicherweise zögert sie, mit Pomfrey zu brechen, solange sie nicht sicher sein kann, dass du auf ihre Erpressung eingehst.“

„So ähnlich sehe ich das auch“, stimmte Clayton nachdenklich zu. „Meine Antwort dürfte allerdings keinen Zweifel daran gelassen haben, dass ich für solche Spielchen nicht zur Verfügung stehe. Und sollte die Dame sich als schwer von Begriff erweisen, erkläre ich es ihr gerne noch einmal persönlich, sobald ich nach London zurückkehre.“

„Es gibt einen Weg, ihr unzweideutig klarzumachen, dass du es ernst meinst und sie niemals heiraten wirst.“

„Und der wäre?“, erkundigte Clayton sich.

„Heirate eine andere.“

3. KAPITEL

„Ich hoffe wirklich, Gavin war vernünftig genug, in einem Gasthof abzusteigen. Bei solchem Wetter unterwegs zu sein ist sträflicher Leichtsinn.“

Ruth legte den kleinen James sorgsam in sein Bettchen zurück, bevor sie sich seiner Mutter zuwandte. Sie hatte den ängstlichen Unterton in Sarahs Stimme wahrgenommen. Deshalb überraschte es sie nicht, dass die Freundin trübsinnig aus dem Fenster starrte.

Im Innern von Willowdene Manor sorgten prasselnde Feuer in den Kaminen für Wärme und Behaglichkeit, aber draußen war das Grün des Rasens binnen weniger Stunden unter eisigem Weiß verschwunden. Die Uhr auf dem Kaminsims hatte acht geschlagen. Gavins Ankunft verzögerte sich demnach bereits um über zwei Stunden. Immerhin hatte das Schneetreiben nachgelassen, aber das tiefe Dunkelblau des wolkenfreien Himmels ließ für die Nacht bitteren Frost erwarten. Im funkelnden Sternenlicht glitzerte der Schnee.

„Vielleicht ist er gar nicht erst aufgebrochen“, gab Ruth zu bedenken. „Falls der Schnee aus der Londoner Richtung kam, war Gavin sicher vernünftig genug, dort zu bleiben.“ Seit es begonnen hatte zu schneien, hatte sie schon mehr als einmal versucht, Sarah zu beruhigen. Aber die Freundin biss sich unruhig auf die Unterlippe, und die Besorgnis ließ sich nicht aus ihrer Miene verscheuchen. Verloren blickte sie erneut aus dem Fenster, als wolle sie die Reisekutsche ihres Mannes durch pure Willenskraft dazu bewegen, am Ende der Auffahrt aufzutauchen.

Schon als sie gemeinsam von Ruths Cottage in dem winzigen Weiler Fernlea aufgebrochen waren, um nach Willowdene Manor zu fahren, hatte der Geruch von Schnee in der Luft gelegen. Doch kalte Böen hatten die Wolken vor sich hergetrieben, sodass sie ihre weiße Fracht nicht loswerden konnten.

Eine Stunde, nachdem die Frauen die warme Geborgenheit des Herrenhauses erreicht hatten, fielen die ersten Flocken. Der Wind war eingeschlafen, und stahlgraue Wolken türmten sich am Himmel. Binnen kürzester Zeit herrschte vor den Fenstern dichtes Schneetreiben, und Weg und Pfad verschwanden unter einer weichen Decke. Seite an Seite sahen Ruth und Sarah nun in die trügerische weiße Landschaft hinaus.

„In Woodville gibt es einen Gasthof“, bemerkte Ruth in dem Versuch, die Freundin zu beruhigen. „Falls Gavin bei dem Wetterumschwung bereits in der Nähe war, hat er dem Kutscher sicher befohlen, sich dorthin zu wenden.“

„Bestimmt.“ Sarah rang sich ein Lächeln ab. „Sicher wäre Gavin nicht so dumm, die Reise bei diesem Wetter fortzusetzen. Oder?“

„Selbstverständlich nicht“, erklärte Ruth unter schöner Missachtung der Tatsache, dass sie dem Viscount eine solche Tollkühnheit durchaus zutraute. Sie zog Sarah vom Fenster fort und drückte sie auf einen der beiden Stühle neben dem Kinderbettchen. „Der kleine James ist wirklich allerliebst. Kein Wunder, dass sein Kindermädchen ihm mit Haut und Haar verfallen ist“, bemerkte sie, um Sarah abzulenken.

Sie hatten dem Kleinen noch nicht lange bei seinem friedlichen Schlummer zugesehen, als Sarah horchend den Kopf zur Seite neigte. Im nächsten Moment war sie aufgesprungen und zum Fenster geeilt. „Da ist er!“, rief sie aufgeregt und konnte ein erleichtertes Aufschluchzen nicht unterdrücken. Sie fuhr zu Ruth herum. „Die Reisekutsche ist in die Auffahrt eingebogen.“

Ruth trat an ihre Seite, und Sarah umarmte sie im Überschwang der Gefühle. „Dem Himmel sei Dank – er hat es sicher nach Hause geschafft.“ Tränen glitzerten in ihren Augen.

„Geh ruhig hinunter und begrüße ihn“, sagte Ruth. „Ich bleibe hier bei dem Kleinen, wenn du nichts dagegen hast.“

„Gavin wird mich schelten, weil ich solche Ängste um ihn ausgestanden habe.“ Hastig wischte Sarah sich die Tränen aus den Augenwinkeln und eilte hinaus. Ruth blieb zurück, um ein wenig wehmütig den Säugling in seinem Bettchen zu betrachten. Ungeachtet der Aufregung, schlummerte der kleine James tief und fest, die Wangen vom Schlaf gerötete. Ruth zupfte die Bettdecke über ihm zurecht und strich sanft über eine der winzigen Handflächen. Sofort wurde ihr Finger fest umklammert, und Ruth spürte, wie es sie schmerzlich durchzuckte. Die Erinnerung an einen anderen Säugling stürmte wieder auf sie ein. Doch die kleine Faust dieses Kindes hatte sich kalt angefühlt und nicht auf ihre liebevolle Berührung reagiert.

Ruth wandte sich ab und setzte sich in einen Sessel am Kamin. Erst jetzt merkte sie, wie sehr sie selbst sich ebenfalls um die Reisenden gesorgt hatte. Die Erleichterung und die Wärme des prasselnden Feuers ließen Müdigkeit in ihr aufsteigen, und die Lider fielen ihr zu.

Ein Wimmern aus dem Kinderbettchen weckte sie abrupt. Mit einem Blick erkannte Ruth, dass das Kaminfeuer zu roter Glut zusammengesunken war und der Stundenzeiger der Uhr sich bereits der Neun näherte. Sie sprang auf und eilte zu dem kleinen James, der mit angezogenen Beinchen und einem verkrampftem Ausdruck auf dem kleinen Gesicht dalag und schrie. Vermutlich quälten ihn Koliken.

Nachdem sie den Säugling aus dem Bettchen gehoben hatte, strich sie ihm mit kreisenden Bewegungen über den Rücken, um die Krämpfe zu lindern. Beruhigende Worte murmelnd, machte sie sich auf die Suche nach James’ Kindermädchen. Sarah hatte der Frau für den Abend freigegeben, damit sie und Ruth sich in Ruhe unterhalten konnten. Doch nun wusste Rosie sicher am besten, was zu tun war. Ruth trat auf den verlassenen Korridor hinaus und zögerte. Da sie keine Ahnung hatte, wo sie das Kindermädchen suchen sollte, wandte sie sich zum Kleinen Salon. Sicher würde sie dort Sarah und Gavin antreffen.

„Mrs. Hayden?“

Der Klang ihres Namens, gesprochen von einer tiefen Baritonstimme, ließ Ruth auf dem Treppenabsatz innehalten. Überrascht drehte sie sich um und sah einen hochgewachsenen blonden Gentleman auf sich zuschlendern. Sie erkannte ihn sofort, ein Umstand, der ihr selbst merkwürdig vorkam. Schließlich hatte sie Sir Clayton Powell lediglich ein einziges Mal für wenige Minuten gesehen. Noch befremdlicher fand sie allerdings, dass er sich nach über einem Jahr noch an ihren Namen erinnerte. Doch dann fiel ihr ein, dass die Tremaynes ihm möglicherweise erzählt hatten, dass sie heute Abend zugegen sein würde.

„Ich wusste gar nicht, dass ich Sie hier auf Willowdene Manor antreffen würde“, bemerkte er leichthin, als er herangekommen war und sich höflich verneigt hatte. „Unsere Gastgeber haben kein Wort davon verlauten lassen.“

„Auch für mich kam es vollkommen unerwartet“, antwortete Ruth. Dann hatte er sie also doch von selbst wiedererkannt! „Ich werde allerdings nicht über Nacht bleiben, sondern lediglich zum Dinner.“

„Wohnen Sie denn in der Nähe?“, erkundigte sich Clayton, die Stirn gerunzelt. „Der Schnee hat die Straßen so gut wie unpassierbar gemacht. Ich bezweifle, dass Sie heute noch nach Hause fahren können.“

Ruth hatte ähnliche Gedanken selbst schon gehegt. Sie war davon ausgegangen, dass Sarah ihr anbieten würde, auf Willowdene Manor zu übernachten – und obwohl sie weder Nachthemd noch Haarbürste mitgebracht hatte, war sie bereit gewesen, die Einladung anzunehmen. Selbstverständlich wäre es ihr nicht in den Sinn gekommen, darauf zu bestehen, dass Kutscher und Pferde ihretwegen Leib und Leben aufs Spiel setzten. Bis vor wenigen Augenblicken hatte sie nichts Bedenkliches darin gesehen, ein paar Tage hier bei ihren Freunden abzuwarten, bis Tauwetter einsetzte. Doch plötzlich fühlte sie sich seltsam verlegen angesichts der Vorstellung, mit diesem Gentleman unter einem Dach zu schlafen.

„Zum Glück sind Sie gut hier angekommen“, sagte sie. Selbst in ihren Ohren klang die Bemerkung lahm.

„Gavin hätte vermutlich Himmel und Erde in Bewegung gesetzt, um zu seiner Familie zu gelangen.“

„Ja, das kann ich mir vorstellen“, entgegnete Ruth. „Genau das hat Sarah befürchtet. Sie hat stundenlang Ängste ausgestanden, weil sie wusste, dass er Kopf und Kragen riskieren würde, um trotz des Wetters nach Hause zu kommen.“

„Die wunderbare Macht der Liebe“, murmelte Clayton ironisch. Doch dann trat ein warmer Ausdruck in seine Augen, als sein Blick auf den Säugling an Ruths Schulter fiel. „Sollte der Kleine nicht schlafen?“

„Doch“, antwortete Ruth höflich, aber kurz. Sein zynischer Tonfall hatte sie verärgert. Musste er über das Glück seines besten Freundes die Nase rümpfen, nur weil er selbst eine unglückliche Ehe hinter sich hatte? „Aber das Kindermädchen hat den Abend freibekommen, und ich wollte gerade Sarah suchen.“ Damit setzte sie sich wieder in Bewegung. „Der Ärmste hat ein bisschen Bauchweh … oder er hatte zumindest welches“, setzte sie hinzu, weil ein knatterndes Geräusch in diesem Moment verriet, dass James’ Unbehagen sich im wahrsten Sinne des Wortes in Luft aufgelöst hatte.

Amüsiert bemerkte Clayton: „Ich glaube, dem Kleinen geht es schon besser.“

Unwillkürlich musste Ruth lachen, obwohl ihr Hitze in die Wangen gestiegen war. „Wie auch immer – ich war gerade auf dem Weg zu Sarah. Als die Kutsche ankam, ist sie hinuntergelaufen, um ihren Mann zu begrüßen. Vermutlich finde ich die beiden im Kleinen Salon, wo sie Neuigkeiten austauschen. Sie haben sich sicher viel zu erzählen.“

„Oh, bestimmt“, pflichtete Clayton ihr bei, aber Ruth entdeckte einen Funken Belustigung in seinen schiefergrauen Augen. „Allerdings dürften Sie im Kleinen Salon kein Glück haben. Gavin hat sich in sein Zimmer zurückgezogen, um sich nach der anstrengenden Reise ein wenig frisch zu machen, und seine Frau … äh, hat ihn begleitet.“

„Oh.“ Ruth wandte den Kopf ab, um ihr Erröten vor Sir Clayton Powell zu verbergen. Wie dumm von ihr, dass sie nicht gleich daran gedacht hatte! Natürlich wollten die beiden ein wenig allein sein, nachdem sie sich einige Tage nicht gesehen hatten.

Während Ruth sich mit James beschäftigte, um die Fassung wiederzugewinnen, gab sie Clayton Gelegenheit, sie ausgiebig zu mustern. Schon bei ihrer ersten Begegnung, als sie mit kundiger Hand einen kleinen Ponywagen durch die High Street von Willowdene kutschierte, hatte er sich zu ihr hingezogen gefühlt – trotz der Trauerkleidung, die ihre Gestalt von Kopf bis Fuß in strenges Schwarz hüllte. An jenem Tag hatte sie ihm erzählt, dass ihr Vater kürzlich verstorben war. Im Gespräch fanden sie außerdem heraus, dass sie über ihren Mann mit einem seiner Offiziere, Colonel Hayden, verschwägert war. Erst deutlich später hatte Gavin ihn darüber aufgeklärt, dass Ruth Hayden seit vielen Jahren verwitwet war.

Nun, da er sie wiedersah, erkannte Clayton, dass sein erster Eindruck ihn nicht getrogen hatte: Auch wenn damals der steife Stoff des Trauerkleids ihre Figur verborgen und ihr Teint unter dem schwarzen Hut fahl gewirkt hatte – man musste Mrs. Hayden unbestreitbar als Schönheit bezeichnen.

Auf den ersten Blick mochten ihre Züge streng wirken, aber ihr Gesicht war fein geschnitten, mit dunkelbraunen Augen, die von dichten Wimpern umrahmt wurden. Die zierliche, gerade Nase lenkte den Blick auf die roten Lippen, deren untere etwas voller war, während die obere aussah wie von Künstlerhand mit hübschem Schwung gezeichnet.

Mrs. Hayden reichte ihm kaum bis zur Schulter, und alles an ihr kam ihm zierlich vor – selbst die schmalen Handgelenke, die seinen Blick auf sich zogen, als sie den kleinen James an sich drückte. Trotzdem konnte er nicht umhin zu bemerken, dass sie an genau den richtigen Stellen verführerische Rundungen besaß. Mit Wohlgefallen betrachtete er, wie sich der silbergraue Seidenstoff ihres Kleids über schwellenden Brüsten spannte.

Als Ruth aufsah, wurde sie gewahr, dass Sir Claytons Blick auf ihrem Dekolleté ruhte, und errötete von Neuem heftig. Bereits bei ihrer ersten Begegnung hatte sie sein Interesse gespürt, das sich nicht allein durch seine Bekanntschaft mit der Familie ihres Mannes erklären ließ. Doch einen so abwegigen Gedanken, er könnte körperliches Interesse an ihr haben, hatte sie sich damals entschlossen aus dem Kopf geschlagen. Nun allerdings musste sie sich eingestehen, dass Sir Clayton sie unverhohlen lustvoll musterte. Die Erkenntnis, dass er sie begehrenswert fand, löste einen Aufruhr der Empfindungen in ihr aus.

Sicherlich: Es war Jahre her, dass sie das Bett mit ihrem Mann geteilt hatte oder auch nur geküsst worden war. Aber sie hatte keineswegs verlernt, die Zeichen zu deuten, die männliches Begehren offenbarten. Noch vor wenigen Tagen hatte sie die Glut in Ian Bryants Blick gesehen, als er sie bat, ihn zu heiraten. Der Arzt besaß nicht die Gabe, seine Leidenschaft im Zaum zu halten.

Ganz anders Sir Clayton. Ihm schien es nicht das Geringste auszumachen, dass sie seinen begehrlichen Blick aufgefangen hatte. Er streckte die Hand aus, strich dem Säugling mit einem schlanken Finger über die Wange und bemerkte leichthin: „Da drüben, am Ende des Ganges, steht eine Bedienstete. Vielleicht wollte sie nach dem kleinen James sehen.“ Dabei schenkte er Ruth ein nonchalantes Lächeln.

Erst jetzt merkte sie, dass sie unwillkürlich die Luft angehalten hatte. Erleichtert wandte sie sich um und nickte Rosie zu, die augenblicklich auf sie zugeeilt kam und hastig knickste.

„Verzeihung, Madam … Sir …“ Schüchtern sah sie Ruth an. „Die Herrin hat mich schon vor einiger Zeit gebeten, nach James zu sehen. Aber als ich nachschauen wollte, haben Sie und der Kleine geschlafen, und die Herrin sagte, ich soll Sie in Ruhe lassen.“

Beruhigend lächelte Ruth sie an. Sie merkte, dass die junge Frau sich in Gegenwart des gut aussehenden Gentleman gehemmt fühlte. Ständig warf sie ihm von der Seite befangene Blicke zu und wusste offensichtlich nicht recht, wohin mit ihren Händen.

Ruth legte ihr den Säugling in die Arme. „Sie kommen zur rechten Zeit. James müsste frisch gewickelt werden.“

Mit geübtem Griff legte Rosie ihn an ihre Schulter und strich ihm sanft über den hellen Haarflaum. „Komm, mein Kleiner“, murmelte sie. „Dann wollen wir uns mal um dich kümmern.“

Nachdem das Kindermädchen mit seinem Schützling verschwunden war und Ruth und Sir Clayton sich erneut allein fanden, versuchten sie beide, das Schweigen mit einer Bemerkung zu überspielen.

„Ich dachte, das hätten wir längst hinter uns gelassen …“

„Bleiben Sie lang in Willowdene …?“

Sie hatten ebenso gleichzeitig gesprochen, wie sie nun gleichzeitig verstummten.

„Bitte sagen Sie, was Sie sagen wollten, Sir“, sagte Ruth.

„Nichts Wichtiges, nur eine Bemerkung über das ungewöhnlich kalte Wetter für diese Jahreszeit. Ich dachte, wir hätten Schnee und Frost bereits hinter uns gelassen. Noch vor wenigen Tagen haben wir in London die ersten Krokusse bewundert.“

„Hier auf dem Land ging es uns nicht anders“, stimmte Ruth ihm schnell zu. Gab es ein unverfänglicheres Thema als das Wetter? Bereitwillig nahm sie seinen Gesprächsfaden auf und spann ihn weiter. „Allerdings hört man gar nicht so selten von Schneefällen im späten Februar. Ich erinnere mich, dass meine Mutter mir immer erzählte, im Jahr meiner Geburt hätte es um diese Zeit sogar Schneestürme gegeben. Der Arzt musste sich buchstäblich einen Weg zu unserem Haus bahnen und wäre zu meiner Ankunft auf dieser Erde beinahe zu spät gekommen.“

„Dann haben Sie also kürzlich Geburtstag gefeiert, Mrs. Hayden“, bemerkte Clayton lächelnd.

„Nein, er steht noch bevor – nächste Woche“, erwiderte Ruth. Plötzlich wünschte sie, sie könnte die eben erzählte Anekdote zurücknehmen. Sie kam ihr auf einmal viel zu persönlich vor. In die erwartungsvolle Stille hinein sagte sie abwehrend: „Am fünfundzwanzigsten werde ich neunundzwanzig.“

„Tatsächlich?“ Sir Clayton quittierte ihre Worte mit einem charmanten Lächeln, aber die Aussage schien ihn zu überraschen. „Dann sind Sie, verglichen mit mir, nichts als ein Küken. Ich werde im November fünfunddreißig.“

„Das heißt, dass Sie entweder unter dem Sternzeichen des Skorpions oder unter dem des Schützen geboren wurden“, bemerkte sie, dankbar für die Gelegenheit, von ihrer Person abzulenken.

„Das mag durchaus sein, aber ich interessiere mich nicht sonderlich für den Lauf der Sterne und ihre Bedeutung.“

„Oh, ich dagegen finde Himmelskunde durchaus fesselnd.“

„Mein Sinn ist eher auf irdische Vergnügungen gerichtet.“

Wieder spürte Ruth, wie sie errötete. Schnippisch gab sie zurück: „Schützen gelten als genusssüchtig. Ich darf also vermuten, dass Ihr Geburtstag in das letzte Novemberdrittel fällt.“

Ohne auf ihren herausfordernden Ton einzugehen, sagte er lächelnd: „Ich habe Sie eben unterbrochen. Wollten Sie nicht wissen, wie lange ich in Willowdene zu bleiben gedenke?“

„Ja … ja, das stimmt.“ Ruth hoffte nur, dass er nicht glaubte, die Länge seines Aufenthalts bedeute ihr etwas.

„Vermutlich haben Sie eher aus Höflichkeit denn aus Neugier gefragt“, setzte Clayton hinzu.

Als sie den spöttischen Unterton in seinen Worten wahrnahm, hob Ruth das Kinn. „Selbstverständlich. Und wir dürften wohl noch ein paar weitere Themen für höfliche Konversation benötigen, während wir auf unsere Gastgeber warten.“

Clayton lachte. „Das stimmt, und nicht zu wenige. Es würde mich keineswegs überraschen, wenn das glückliche Paar noch eine ganze Weile mit … äh, dem Austausch von Neuigkeiten beschäftigt wäre.“

Obwohl ihre Wangen vor Verlegenheit brannten, zwang Ruth sich dazu, seinem amüsierten Blick standzuhalten. Doch ihr kämpferisch gehobenes Kinn schien seine Belustigung noch zu vertiefen.

„Wollen wir uns in die Bibliothek setzen?“ Er bot ihr mit einer eleganten Bewegung den Arm. „Als ich vorhin nachschaute, brannte ein Feuer im Kamin. Außerdem finden wir dort jede Menge gelehrter Bücher, falls uns noch vor dem Abendessen die Gesprächsthemen ausgehen.“

Nach kaum wahrnehmbarem Zögern legte Ruth ihm die Hand auf den Arm und ließ sich die Treppe hinunterführen. Wie war es ihm nur gelungen, so mühelos die Situation zu entschärfen?

Lächelnd bemerkte er: „Übrigens kann ich das Dinner kaum erwarten. Ich hoffe, es erweist sich als gut und reichlich.“

„Sarah ist eine ausgezeichnete Gastgeberin.“ Ruth fühlte sich bemüßigt, den Ruf der Freundin zu verteidigen. „Als ich mich kurz vor der Abreise der beiden nach Surrey das letzte Mal hier zu Tisch setzte, wurden acht Gänge serviert.“

„Sehr gut. Eine so lange Kutschfahrt macht nämlich hungrig.“ Als sie auf die Tür der Bibliothek zugingen, setzte er hinzu: „Wie schade, dass Sie nicht an der Hochzeit des glücklichen Paares teilnehmen konnten.“

Ruth nickte, und Kerzenlicht schimmerte auf ihren dunklen Haaren. „Ja, ich habe es selbst bedauert. Sarah hätte mich gerne als Trauzeugin gebeten, aber damals lag die Beerdigung meines Vaters erst sehr kurze Zeit zurück, und während der Trauerzeit wäre meine Teilnahme an einem solchen Fest nicht angemessen gewesen. Man muss schließlich die Regeln des Anstands wahren.“

„Manchmal erweisen sich die Regeln des Anstands als verflixt lästig“, antwortete Clayton. „Ich hatte gehofft, Sie auf der Hochzeit wiederzusehen.“

Die unverblümte Aussage überraschte Ruth so sehr, dass ihr die Worte fehlten. Einen Moment lang schien sie den Blick nicht von seinem wenden zu können, bevor sie sich zusammenriss und entgegnete: „Jedenfalls glaube ich, dass sich das Warten auf das Dinner lohnen wird.“ Sie wies auf die Tür, die zum Küchentrakt führte. „Irgendetwas duftet ausgesprochen appetitlich.“

„Rinderbraten mit Meerrettich“, riet Clayton.

„Ich würde eher auf Hühnchen tippen … oder Gans.“ Sie meinte, Salbei und Zwiebeln zu riechen, die man üblicherweise in der Geflügelfüllung verwendete.

„Wollen wir wetten?“, fragte Clayton herausfordernd.

„Natürlich, gerne.“ Sie lachte. „Und ich weiß auch schon genau, was mein Preis sein soll. Wenn ich gewinne, müssen Sie später unbedingt darauf bestehen, dass wir Karten spielen. Sonst wird Sarah vorschlagen, dass ich die Gesellschaft am Klavier unterhalte. Sie behauptet nämlich, ich könnte singen, und ich versichere Ihnen, dass ich im Gegenteil keinen Ton richtig treffe. Sie sollen nicht mit anhören müssen, wie ich es Ihnen beweise.“

Clayton lachte in sich hinein. „Also gut, ich stimme zu. Und was, wenn ich gewinne?“

„Ach, dann erlaube ich Ihnen, mich ein einziges Mal beim Pikett zu schlagen. Sie müssen wissen, dass Sie eine Meisterin der Karten vor sich sehen.“

„Tatsächlich? Die meisten Damen meiner Bekanntschaft spielen erstaunlich schlecht.“

Ruth wandte den Blick ab. Sie verspürte Erregung und erinnerte sich streng daran, dass dieser Mann als Frauenheld verschrien war. Kein Wunder, dass er so gekonnt mit ihr flirtete! Trotzdem freute es sie, dass sie sich ausnehmend gut zu verstehen schienen, nachdem diese Begegnung recht holprig angefangen hatte.

4. KAPITEL

„Darf ich Ihnen etwas zu trinken einschenken?“, erkundigte sich Clayton, nachdem er Ruth zu einem Sessel am Kamin geleitet hatte.

Auf einem Beistelltischchen funkelten etliche Kristallkaraffen, die er eine nach der anderen anhob, um ihren Inhalt zu inspizieren.

„Danke, einen kleinen Sherry nehme ich gerne“, antwortete Ruth, nachdem er ihr mitgeteilt hatte, was zur Auswahl stand.

Er reichte ihr das Glas und ließ sich in dem Sessel gegenüber nieder. Verstohlen musterte Ruth ihn, als er die langen Beine ausstreckte und den Kopf drehte, um in die tanzenden Flammen zu schauen.

Der Schein des Feuers ließ sein Profil weicher wirken und verlieh seinem blonden Haar einen rötlichen Schimmer. Müßig drehte Sir Clayton den Stiel seines Cognacschwenkers zwischen den schlanken Fingern. Weit davon entfernt, mit ihr zu flirten oder den humorvollen Austausch mit ihr fortzusetzen, schien er ihre Anwesenheit vollkommen vergessen zu haben und den eigenen Gedanken nachzuhängen. Da sie sich unbeobachtet wähnte, musterte Ruth ihn ausgiebig.

Die meisten Gentlemen der besten Kreise staffierten sich mit farbenprächtiger Kleidung aus und trugen eine Vielzahl von Uhrketten und anderen Schmuckstücken. Sir Claytons Erscheinung jedoch ähnelte in nichts einem dieser eitlen Pfauen. Sein dunkler Gehrock und die passenden Pantalons fielen lediglich durch ihren exquisiten Schnitt auf, und Juwelen suchte man an ihm vergeblich. Ausgenommen waren lediglich ein schwerer goldener Siegelring und eine unauffällige goldene Uhr, die aus einer Westentasche hervorblitzte.

Als Ruth den Blick hob, schoss ihr augenblicklich das Blut in die Wangen. Hastig nippte sie an ihrem Sherry und verschluckte sich fast daran, sodass sie unwillkürlich die Hand vor den Mund schlug. Wie lange hatte er zugesehen, wie sie ihn auf solch unverzeihlich vulgäre Weise anstarrte?

„Möchten Sie noch einen?“, erkundigte er sich mit Blick auf ihr leeres Glas, einen spöttischen Unterton in der Stimme.

„Nein … nein, danke. Ich habe nur … das heißt – Sie haben so melancholisch gewirkt. Ich wollte Sie wirklich nicht anstarren.“

„Bestimmt nicht. Jedenfalls wollten Sie dabei keinesfalls erwischt werden.“

„Genauso wenig, wie Sie vorhin dabei erwischt werden wollten, wie Sie mich musterten?“ Herausfordernd begegnete sie seinem Blick.

„Oh, Sie dürfen ruhig wissen, wie anziehend ich Sie finde.“ Damit leerte er ungerührt sein Cognacglas.

Stille trat ein. Regungslos saß Ruth da und kämpfte mit sich, wie sie reagieren sollte. War es besser, ihm für das Kompliment zu danken, oder sollte sie es als plumpe Vertraulichkeit eines notorischen Schürzenjägers einfach ignorieren? Schließlich hatte sie gerade erst von Sarah erfahren, dass Sir Clayton Powell als unverbesserlicher Frauenheld galt.

„Vielleicht wechseln wir lieber das Thema“, schlug sie schließlich vor, um Fassung bemüht. „Inzwischen wissen Sie ein bisschen über mich und meine Familie. Wollen Sie mir etwas über die Ihre erzählen?“

Clayton lachte auf, doch in dem Laut lag kein Fünkchen Humor. „Ich nehme an, Sie möchten herausfinden, warum ich nicht mehr verheiratet bin.“

Einen Augenblick lang war Ruth sprachlos, und sie konnte ihr Gegenüber nur verständnislos anblicken. Ein verblüffender Kerl, dieser Sir Clayton Powell! Oder pflegte er auf diese Weise Frauen in ihre Grenzen zu weisen, die ihre Nase in seine Angelegenheiten steckten? Sie hatte keineswegs die Absicht gehabt, ihm zu nahe zu treten, sondern auf ein ungezwungenes Geplauder über Eltern und Geschwister gehofft. Schließlich wusste er, dass sie ihren Vater verloren hatte.

Plötzlich spürte Ruth einen Funken Zorn in ihrem Innern aufglühen. Sie riss sich zusammen, um ihm mit eisiger Stimme die verdiente Antwort zu erteilen. „Im Gegenteil, Sir. Ihr Familienstand interessiert mich nicht im Entferntesten.“

„Ach, wirklich nicht?“, fragte er zurück. „Dann sind Sie in meinem gesamten Bekanntenkreis mit Sicherheit die einzige Frau unter fünfzig, auf die das zutrifft.“

„Sie dagegen stehen in meinem Bekanntenkreis vollkommen allein mit der arroganten Vermutung, mich könnte interessieren, ob Sie verheiratet sind oder nicht.“ Wie war es ihm nur gelungen, sich innerhalb eines einzigen Augenblicks von einem charmanten Gesellschafter in einen hochmütigen Zyniker zu verwandeln?

„Dann wussten Sie also nicht, dass ich geschieden bin?“, erkundigte sich Clayton. Ein herausfordernder Unterton begleitete seine Worte, und sein Blick hielt den ihren unerbittlich fest.

Schon wieder spürte Ruth, wie ihr verräterische Hitze in die Wangen kroch. Sie wusste davon, schließlich hatte sie die Geschichte seiner mésalliance mit Priscilla erst heute ungefragt von Sarah erfahren. Und vorhin hatte sie tatsächlich darüber nachgedacht, auf welche Weise ein so gut aussehender und reicher Gentleman wie er in die Fänge einer solchen Frau geraten sein mochte. Jedenfalls konnte sie nun Sarahs Einschätzung bestätigen, dass die Erfahrung seiner Ehe ihn verbittert hatte.

Clayton beobachtete, wie Ruth errötete und verlegen den Blick senkte, und er verzog die Lippen zu einem höhnischen Lächeln. Offenbar hatte er mit seiner Bemerkung genau ins Schwarze getroffen.

Als Gavin ihm heute spontan vorgeschlagen hatte, nach Willowdene mitzufahren und damit Loretta für eine Weile aus dem Weg zu gehen, hatte er in einer Augenblickseingebung zugesagt. Aber was war, wenn mehr hinter der Einladung steckte als der selbstlose Wunsch, den besten Freund aus den Fängen von dessen Geliebter zu retten? Was, wenn Sarah ihren Mann dazu überredet hatte, weil sie etwas ganz anderes im Sinn hatte?

Clayton war der Frau seines Freundes sehr zugetan, und er beneidete Gavin darum, eine so reizende Gefährtin gefunden zu haben. Aber das änderte nichts an der Tatsache, dass jede einzelne Frau seines gesellschaftlichen Umfeldes mindestens einmal versucht hatte, ihn mit einer jungen Freundin oder Verwandten zu verkuppeln.

„Hat die Viscountess Ihnen erzählt, dass ich kommen würde?“, fragte er rundheraus.

Endlich begriff Ruth, was hinter seinen ironischen Fragen steckte. Er stieß sich nicht etwa daran, dass sie von seiner unglücklichen Ehe wusste. Nein, er glaubte, sie wolle die zweite Lady Powell werden! Das Fünkchen Zorn in ihrem Innern wuchs zu einer lodernden Flamme an. Wie konnte er es wagen! Dieser Mann besaß tatsächlich die Frechheit zu glauben, sie und Sarah hätten sich verbündet, um ihn in die Ehefalle zu locken. Zweifellos ging er davon aus, dass dieses Tête-à-Tête ebenfalls einem sorgfältig geschmiedeten Plan zu verdanken war.

„Sagte ich nicht vorhin schon, dass ich nichts von Ihrem Besuch hier ahnte?“, gab Ruth eisig zurück. „Und als ich nach Ihrer Familie fragte, hatte ich keineswegs Ihren Familienstand im Sinn. Ich habe mich lediglich daran erinnert, dass wir bei unserer letzten Begegnung kurz über den Tod meines Vaters sprachen, und wollte mich höflich nach dem Wohlergehen Ihrer nächsten Verwandten erkundigen.“

Sie stellte ihr Glas ab und erhob sich. „Ich hatte gehofft, wir könnten die unerwartete Abwesenheit unserer Gastgeber mit Anstand überbrücken. Zu meinem Leidwesen muss ich erkennen, dass ich mich getäuscht habe.“

Plötzlich erschien es ihr undenkbar, noch einen einzigen Augenblick in der Gegenwart dieses eingebildeten Widerlings zu verbringen. Zwar hatte sie nicht die Absicht, Sarah zu verletzen, indem sie einfach verschwand. Aber wenn sich die Wege als einigermaßen passierbar erwiesen, wollte sie heimfahren. Hätte sie doch niemals diese Einladung angenommen! Nun war ihr das lang ersehnte Wiedersehen mit der besten Freundin verdorben, und die Schuld daran trug niemand anders als dieser unerträgliche Sir Clayton.

Eilig trat sie an das Fenster, von dem aus man das Grundstück gut überblicken konnte. Sie raffte den schweren Samtvorhang etwas zur Seite und versuchte, draußen etwas zu erkennen. Es dauerte eine Weile, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, aber dann erkannte sie, dass die gesamte Landschaft unter einer weißen Decke begraben lag. Und noch immer fielen lautlos dicke Schneeflocken vom Himmel. Schweren Herzens zog Ruth den Vorhang wieder vor und wandte sich um.

Auch Clayton hatte sich erhoben. Er war dabei, sich aus einer der Karaffen nachzuschenken, um das Glas gleich darauf in einem Zug zu leeren. Danach verharrte er eine Weile schweigend, den Kopf in den Nacken gelegt, den Blick gegen die Decke gerichtet.

Schließlich sagte er: „Es tut mir leid. Ich weiß wirklich nicht, warum ich das eben gesagt habe.“ Er fuhr sich übers Haar. „Nun ja, eigentlich weiß ich es natürlich schon, aber ich hatte kein Recht, meine schlechte Laune an Ihnen auszulassen. Ich habe mich unverzeihlich verhalten und ein Benehmen an den Tag gelegt, das ganz und gar nicht gesellschaftsfähig ist.“

„Es ist gut zu wissen, dass Sie wenigstens zu wissen scheinen, was sich in Gesellschaft gehört“, gab Ruth kühl zurück. Seine Entschuldigung konnte ihren Ärger nicht vollständig besänftigen.

Clayton gab einen Laut von sich, der wie bitteres Lachen klang. „Wenn ich Ihren enttäuschten Gesichtsausdruck richtig deute, hat das Schneetreiben noch nicht nachgelassen. Sie sind also gezwungen, meine ungehobelte Gesellschaft weiter zu ertragen, statt nach Hause zu fahren.“

„Wie scharfsinnig von Ihnen“, entgegnete Ruth schnippisch. Sie zog ein Buch aus dem Regal und versenkte sich in die Betrachtung der Titelseite.

„Kommen Sie schon. Setzen Sie sich wieder hin. Bitte“, sagte Clayton. „Keiner von uns kann im Moment diesem Haus entkommen, und ich möchte wirklich nicht, dass der Abend mit unseren Freunden von schlechter Stimmung überschattet wird.“

„Oh, da stimme ich Ihnen vollkommen zu.“ Noch immer würdigte sie ihn keines Blickes, sondern blätterte scheinbar gefesselt in dem Buch. Leider nahm sie kein Wort von dem wahr, was sie las.

„Kommen Sie zurück zum Kamin“, bat Clayton. „Dort drüben, wo Sie stehen, muss es schrecklich ziehen.“

Augenblicklich ließ Ruth die Hand sinken, mit der sie sich abwesend den anderen Arm gerieben hatte, um sich zu wärmen. Sie gönnte ihm die Genugtuung nicht, dass er recht hatte. Glaubte er etwa, er könne sie nach Belieben herumkommandieren?

„Vermutlich gesellen sich Gavin und Sarah bald zu uns“, fuhr Clayton besänftigend fort. „Und ich verspreche Ihnen, dass ich gleich morgen nach London zurückkehre, wie die Straßenverhältnisse auch aussehen mögen.“

„Es besteht keinerlei Notwendigkeit für Sie, bei diesem Wetter eine so riskante Reise anzutreten. Ich habe es viel weniger weit als Sie und werde mich gleich morgen früh auf den Weg machen.“ Ruth schickte ein Stoßgebet gen Himmel, dass ihr die Heimfahrt möglich sein möge. Der Blick aus dem Fenster ließ sie allerdings daran zweifeln, dass über Nacht Tauwetter einsetzen würde. Wenn es weiterhin schneite, würden die Straßen am nächsten Tag für Kutschen unpassierbar sein.

„Lassen Sie uns wenigstens nicht darüber streiten, wer das Recht hat, als Erster zu fahren“, bemerkte Clayton, und in seiner Stimme lag bereits wieder ein Anflug des früheren Humors. „Es sollte uns genügen, dass wir beide den Rückzug angedroht haben.“

Obwohl er bemüht war, die Stimmung aufzulockern, verwünschte Clayton sich innerlich selbst. Er hatte es genossen, mit Ruth zu plaudern, deren ruhige Anmut er ebenso anziehend fand wie ihre Schönheit. Doch gleichzeitig schwelte in ihm der Zorn über seine intrigante ehemalige Geliebte. In dieser Stimmung hatte er sich dazu hinreißen lassen, auf eine harmlose Frage unangemessen bissig zu antworten.

Er hatte London verlassen, um Lorettas Erpressungsversuch zu entkommen. Allerdings verfolgten ihn auf Schritt und Tritt Zweifel daran, ob er richtig gehandelt hatte. Vielleicht hätte er besser in Mayfair bleiben und sich der ganzen unangenehmen Angelegenheit stellen sollen. Er sah keinerlei Grund, sich bei Pomfrey zu entschuldigen. Zu dem Zeitpunkt, als Pomfrey die schöne Loretta um ihre Hand bat, wusste jeder in der ganzen Stadt von der schon längst bestehenden Affäre zwischen Lady Vane und Sir Clayton Powell. Die war nun beendet. Trotzdem drängte es ihn, Pomfrey aufzusuchen und ihm in aller Deutlichkeit zu erklären, dass er selbst keineswegs Ehepläne hegte. Mochte Loretta behaupten, was sie wollte.

„Ach, da bist du ja, Ruth! Es tut mir leid, dass ich dich allein gelassen habe.“ Die Tür zur Bibliothek hatte sich geöffnet, und in einem Wirbel gelber Seide kam Sarah hineingetänzelt. „Rosie sagte mir vorhin, du seist eingeschlafen, und ich wollte dich nicht wecken. Aber wie ich sehe, befindest du dich in bester Gesellschaft. Ich hoffe, ihr beiden habt euch gut unterhalten.“ Hinter ihr war Gavin aufgetaucht, der das gut gelaunte Geplapper seiner Frau mit einem ruhigen Lächeln begleitete.

Bevor eine unbehagliche Pause eintreten konnte, bemerkte Clayton gelassen: „Ich habe die charmante Gesellschaft von Mrs. Hayden sehr genossen. Wie sie mir erzählt hat, hören Sie sie gerne singen und Klavier spielen.“

Ein Ausdruck ungläubiger Überraschung erschien auf Ruths Gesicht, bevor sie Clayton mit einem sprechenden Blick befahl, augenblicklich das Thema zu wechseln. Er jedoch erwiderte den stummen Appell mit einem gelassenen Lächeln.

„Ruth ist wunderbar musikalisch“, erklärte Sarah stolz, „aber leider viel zu bescheiden. Schon für ein einziges Lied muss man eine gehörige Portion Überzeugungskraft aufbieten.“

Gavin schien die frostige Stimmung im Raum besser wahrzunehmen als seine lebhafte Gattin. Er warf seinem Freund einen forschenden Blick zu und hob beredt die Augenbrauen. Schließlich sprang er in die Bresche. „Ich bin halb verhungert, und unsere Gäste sind es vermutlich auch. Lasst uns zu Tisch gehen, dort können wir uns weiter unterhalten.“ Damit legte er sich die Hand seiner Frau auf den Arm.

Doch Sarah war nicht zu bremsen. Während sie sich ins Speisezimmer geleiten ließ, redete sie über die Schulter hinweg ununterbrochen weiter. „Ruth, du musst heute Nacht hier bleiben. Bei diesem schrecklichen Wetter ist es einfach unmöglich für den Kutscher, den Weg zu erkennen.“

Sir Clayton bot ihr mit ausgesuchter Höflichkeit den Arm, und Ruth blieb keine andere Wahl, als den Schein zu wahren und sich zu Tisch führen zu lassen. Am liebsten hätte sie ihn heftig dafür gescholten, dass er ihre angebliche musikalische Begabung angesprochen hatte. Aber vermutlich hatte er damit genau das beabsichtigt. Deshalb schluckte sie den Vorwurf hinunter und folgte den Gastgebern schweigend ins Speisezimmer.

Mehrere Gänge und etliche Gläser Rotwein später hatte Ruth so weit ihre Fassung zurückgewonnen, dass sie Sir Clayton wieder in die Augen sehen konnte. Während sie das ausgezeichnete Essen genossen, spürte sie mehrmals, wie sein Blick auf ihr ruhte.

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