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Historical Platin Band 01

Merline Lovelace

Die schöne Priesterin

1. KAPITEL

Zuerst sah er die junge Frau.

Sie lief am Fuß der rötlich braunen Klippen entlang, die die Grenze zur Wüste bildeten, flink wie ein Ibis und ebenso anmutig. Der Wind presste ihr die kurze Tunika eng an den Körper und bot seinem Blick jede Linie und jede weibliche Rundung dar.

Philip hob die Hand, um den Kavallerietruppen Halt zu gebieten, die in disziplinierten Reihen hinter ihm hermarschierten, damit ihre Reittiere für den Kampf geschont wurden. Begehren stieg heiß in ihm auf, als er das Mädchen betrachtete. Nach einer Woche in diesem Land am Nil fühlte er sich immer wieder aufs Neue erregt von der Art der Frauen, sich zu kleiden. Schließlich war er auch nur ein Mann.

Die edlen Damen, die in ihren halbdurchsichtigen Leinengewändern mit ihren Gatten aus den Häusern getreten waren, um Alexanders Heere zu grüßen, hatten die Blicke der Mazedonier ebenso angezogen wie die barbusigen Sklavenmädchen. Ein solch faszinierender Anblick konnte seine erregende Wirkung auf Männer nicht verfehlen. Sie waren an Frauen gewöhnt, die sich in mehrere Lagen dicker Gewänder hüllten und sich hinter hohen Mauern verbargen. Aber keines jener exotischen Wesen hatte in Philip je so heftige Empfindungen wachgerufen wie jetzt dieses halbnackte Mädchen.

Beim Herakles, sie war ein geschmeidiges kleines Ding. Selbst aus dieser Entfernung sah er ihre festen Brüste, die lange Linie ihres Halses, die schlanken Beine. Nachtschwarzes Haar flatterte hinter ihr her, während sie über den harten Wüstenboden rannte.

Die Begierde, die Philip durchzuckte, als er das Mädchen betrachtete, war eine willkommene Abwechslung von dem bohrenden Schmerz, den er seit Issus an seiner Schulter spürte. Bei dieser Schlacht hatte ein persisches Schwert seine Rüstung durchschlagen, was ihm beinahe den Arm gekostet hätte. Statt dieses inzwischen vertrauten Schmerzes empfand er nun tief in seinem Körper eine wilde Lust, die ihn zu überwältigen drohte. Ich bin zu lange unterwegs gewesen, dachte er ironisch. Zu viele Tage, ohne dass er Befriedigung bei einer Frau hätte finden können, sonst hätte dieser kleine Leckerbissen ihn nicht so angerührt.

Aber weshalb rennt sie so? fragte er sich. Als sie den Kopf wandte, um über die Schulter zu blicken, bekam er seine Antwort.

Der schwarzhäutige Mann neben Philip erstarrte. „Ein Caracal, Herr! Eine Wüstenkatze ist hinter ihr her!“

„Ich sehe es.“

Philip kannte diese gefährlichen Raubtiere gut. Nur halb so groß wie Löwen, waren sie dennoch doppelt so gefährlich. Für gewöhnlich stellten sie Kleintieren nach, doch sie konnten einen Menschen zur Strecke bringen, wenn sie genügend gereizt wurden oder hungrig waren. Eines von dieser Größe konnte dem Mädchen leicht in den Rücken springen und ihm die Kehle durchbeißen.

Gewandt packte Philip die Mähne seines Pferdes und schwang sich auf dessen Rücken. Er riss seinem Waffenträger den Speer aus der Hand und trieb den Hengst zum Galopp.

Beim plötzlichen Hufgedonner des Hengstes fuhr der Kopf des Mädchens herum. Die abrupte Bewegung brachte sie aus dem Gleichgewicht. In dem verzweifelten Versuch, wieder in Tritt zu kommen, stolperte sie ein paar Schritte weiter, dann fiel sie über ihre eigenen Füße und stürzte mit dem Gesicht zu Boden.

Philip fluchte heftig und trieb sein Reittier zu noch schnellerem Galopp an. Schreiend und seinen Speer schwenkend, um die Raubkatze abzulenken, schloss er zu ihr auf. Das Tier erkannte sofort, dass es vom Jäger zum Gejagten geworden war. Es wirbelte auf einer Tatze herum, drehte von dem Mädchen ab und jagte auf die Klippen zu.

Philip donnerte an dem am Boden liegenden Opfer vorbei. Obwohl er die Zügel nur mit einer Hand hielt, reagierte der Hengst und verfolgte das fliehende Tier bald in diese, bald in jene Richtung. Unter Missachtung des heftigen Schmerzes in seiner Schulter nahm Philip den Arm zurück und wartete auf den Augenblick, in dem die Wildkatze sich mitten im Sprung befinden und am verwundbarsten sein würde. Seine Muskeln spannten sich vor dem Wurf an.

In dem Moment, als er seinen Speer vorwärts bewegte, erhaschte er einen Blick auf etwas, das aussah wie ein Kragen, der um den Hals der Katze lag. Einen Herzschlag lang, bevor er sein tödliches Wurfgeschoss losgelassen hätte, gebot er der Bewegung seines Arms Einhalt. In dem grellen Sonnenlicht und dem wirbelnden Sand kniff er die Augen zusammen und blickte blinzelnd auf das breite Band, das halb verborgen zwischen Falten goldbraunen Fells lag. Beim Barte des Zeus, es war tatsächlich ein Halsband! Breit, aus Leder, besetzt mit blauem Lapislazuli und schimmerndem Türkis. Und das andere da sah aus wie ein Goldring, den man durch eines der mit schwarzen Fellbüscheln besetzten Ohren gezogen hatte.

Ich war im Begriff, das Haustier irgendeines ägyptischen Edlen zu erlegen, dachte Philip angewidert. Alexanders Armee folgte ihm zu Lande und zu Wasser den Nil hinauf, und er jagte durch eine windgepeitschte Wüste, um eine juwelenbehängte Katze aufzuspießen.

Dass jemand sich so eine Kreatur als Haustier hielt, erstaunte ihn nicht. Als Alexander bei Issus den persischen König schlug, hatte er bei dem erbeuteten Tross eine ganze Menagerie exotischer Tiere mit juwelenbesetzten Halsbändern und Leinen vorgefunden, von denen einige handzahm waren und andere nicht. Eine kleine Armee von Sklaven kümmerte sich um die Bedürfnisse der Tiere und versorgte sie mit Futter. Wenn man die Katze gelehrt hatte, für seinen Herrn zu jagen, würde sie sicherlich einem nützlichen Zweck dienen.

Blitzartig kam es Philip zu Bewusstsein, dass das Mädchen vielleicht eine Sklavin war, die man in die Wüste hinausgejagt hatte, um die Katze mit einer Beute zu versorgen, die sie schlagen konnte. Solche Praktiken waren selbst in seinem eigenen Land nicht unbekannt, und auch nicht in den Ländern, durch die Alexanders Heere gezogen waren, seit sie vor zwei Jahren Mazedonien verlassen hatten.

Philip biss die Zähne zusammen. Er würde nicht zulassen, dass Klauen die zarte Haut des Mädchens aufrissen oder Fänge sich in diesen geschmeidigen jungen Leib schlugen. Er konnte sich einen weit besseren Nutzen dafür vorstellen. Mit der Überheblichkeit eines Mannes, der ein Eliteschwadron eines bisher ungeschlagenen Heeres kommandierte, beschloss er augenblicklich, dass er selbst das Mädchen bekommen würde. Und auch diese mit einem Ohrring geschmückte Katze.

Er behielt den Speer im Anschlag, änderte aber seine Taktik. Statt sich für einen direkten Wurf auf das Tier in Position zu bringen, begann er, es vor sich herzutreiben. Wie ein Hund, der in den hochgelegenen Hügeln seines heimatlichen Mazedonien eine Schafherde hütete, lenkte er sein Pferd bald hierhin, bald dorthin und drängte das Tier auf die steil aufragenden roten Klippen zu. Auf der Suche nach einem Ausweg jagte die Kreatur auf einen engen Felsspalt zu. Innerhalb von Sekunden saß sie in einem langen Sandsteinspalt in der Falle.

Während Philip sich vom Rücken seines Reittiers schwang, sprang das in die Enge getriebene Tier die senkrechten Wände an und schlug die Klauen hinein. Als es keinen Halt fand, wirbelte es herum. Mit entblößten Fängen stieß es ein furchtbares, anschwellendes Knurren hervor, auf das zur Antwort ein Grollen tief aus Philips Kehle aufstieg.

Eine Weile standen sie einander gegenüber, Mensch und Tier. Der Bauch der Katze strich über den Boden, als sie sich wachsam niederkauerte. Sie legte die Ohren an. Ihr Schwanz zischte einmal, zweimal hin und her und schlug jedes Mal mit einem dumpfen Geräusch auf die Erde.

Philip wollte das Tier lieber lebend fangen, und er würde es tun, wenn seine Männer rechtzeitig mit den Netzen eintrafen. Falls nicht, wäre dies nicht die erste Katze, die er mit dem Speer erlegte. Die Löwenjagd war in Mazedonien ein beliebter Zeitvertreib.

„Nein!“

Der Wind, der durch die Felsspalten heulte, trug den schrillen Schrei des Mädchens beinahe davon, aber Philip hörte deutlich das Geräusch ihrer nackten Füße auf dem harten Boden, als sie auf ihn zugerannt kam. Als die Katze das Mädchen näher kommen hörte, grub sie die Klauen in die von der Sonne hart gebrannte Erde, senkte ihre Hinterläufe noch tiefer und setzte zum Sprung an.

Philip umfasste seinen Speer fester.

Das Mädchen schrie noch einmal. Das Tier antwortete mit einem Fauchen und zog seine Lefzen in grotesker Weise zurück. Während es abzuwägen schien, welchen Menschen es zuerst angreifen sollte, bewegten sich seine schmalen Augen rasch hin und her.

„Bleib zurück!“ befahl Philip und streckte den linken Arm aus, um den überhasteten, tollkühnen Ansturm des Mädchens aufzuhalten.

Zu seiner Verblüffung tauchte es unter seinem Arm hindurch und hastete auf den Felsspalt zu. Sie nestelte an dem Gürtel, den sie um die Hüften geknotet trug, und zog einen kleinen verzierten Dolch hervor. Als sie herumfuhr, blitzten ihn ihre Augen warnend an. Ihre Brüste hoben und senkten sich unter der hauchdünnen Tunika. Der Anblick ihrer dunklen Brustspitzen, die sich unter dem zarten Gewebe deutlich abzeichneten, hätte Philip in höchstem Maße erfreut, wäre da nicht die Kreatur hinter ihr gewesen, die drauf und dran war, die Klauen in ihr üppiges Fleisch zu schlagen.

Sie schrie etwas in ihrer Muttersprache und warf einen Arm um das Tier.

Nein, dachte Philip. Sie ist dem Tier nicht als Beute bestimmt. Entweder wollte sie selbst Anspruch darauf erheben, es zu erlegen, was angesichts des lächerlichen Dolchs, mit dem sie herumfuchtelte, unwahrscheinlich war, oder das Mädchen beabsichtigte, die Kreatur vor seinem Speer zu retten.

Nein, sie ist kein Mädchen, verbesserte sich Philip und musterte mit zusammengekniffenen Augen ihr Gesicht unter der Staubschicht. Sie hatte die Züge einer Frau, einer erwachsenen Frau von heftigem Temperament.

Wenngleich sie nicht eigentlich schön war, so fesselte sie doch den Blick eines Mannes und brachte sein Blut in Wallung. Ihr üppiger Mund war wie zum Küssen geschaffen, ihre Nase saß kurz und gerade unter diesen herrlichen, ausdrucksvollen Augen, die gesäumt waren von den dichtesten Wimpern, die Philip je gesehen hatte, selbst in diesem Land, wo die hochgeborenen Frauen unglaublich geschickt in der Anwendung von Schminke waren.

Diese hier trug wenig davon und verströmte auch keinen süßen Duft, nur den durch die Anstrengung des Laufens hervorgerufenen. Trotz des einfachen Schnitts schien ihr Leinengewand von bester Qualität zu sein, so knapp es auch war. Bei den Göttern, er konnte jede Kurve und jeden Schatten durch dieses dünne Tuch entdecken, und das, was er sah, bestätigte seine vorherige Entscheidung. Er würde sie besitzen.

Die Ägypter hatten sich beeilt, Alexanders Hauptleuten auf ihrem Eilmarsch durch das Delta des Unteren Reichs zu den rauen Wüsten und dem üppigen Flusstal des Oberen Reichs solche Frauen aufzudrängen. Überglücklich, die verhassten persischen Eroberer los zu sein, hatten sie Alexander als Befreier zugejubelt und seinen Hauptleuten unvorstellbare Geschenke als Dankesbezeugung dargeboten. Bisher hatte Philip weder Gelegenheit gehabt, ihre Schätze anzunehmen, noch die Zeit, sich eines ihrer Angebote zu erfreuen. Bis jetzt hatte er nicht zugelassen, dass Frauen, Marketenderinnen oder auch nur ein Tross die Beweglichkeit seiner Truppen beeinträchtigte, während sie Alexanders Westflanke sicherten.

Aber nun standen sie einen Tagesmarsch vor der großen Stadt Memphis, wo Alexander die Kapitulation des persischen Vize-Satrapen entgegennehmen würde. Vor den Mauern der ganz in der Nähe gelegenen Stadt Deneba würde Philip das Lager für die Nacht aufschlagen lassen. Zum ersten Mal, seit ich dieses Land am Nil betreten habe, dachte Philip, werde ich seine exotischen Früchte kosten.

Ein leises Fauchen lenkte seinen Blick von der Frau zu dem am Boden kauernden Tier. Er hob seinen Speer und sprach einen knappen Befehl.

„Geh beiseite.“

Der Befehl und die Geste, die ihn begleitete, trugen das Gewicht seiner unumstrittenen Autorität als Hauptmann einer von Alexanders Elite. Philip gebrauchte diesen Ton selten, doch wenn er es tat, erbleichten junge Soldaten, und erfahrene Veteranen überschlugen sich, um ihm zu gehorchen.

Die Frau blinzelte, aber – kaum zu glauben – sie wich nicht von der Stelle. Sie strich sich die schwarzen Haarsträhnen zurück und hob das Kinn.

Bei den Göttern, sie hatte es ebenso nötig wie das Tier, gezähmt zu werden. Eine wilde Erregung und Vorfreude durchzuckte Philip. Ein Mann mochte sich eine liebliche, sanftmütige Jungfrau zur Gattin wünschen, doch dies war die Art Frau, die ihn auf eine Weise erfreuen konnte, die im Ehebett nicht zu finden war. Jedenfalls nicht in seinem Ehebett. Das schüchterne Mädchen, das er vor einigen Jahren geheiratet und vor kurzem zu Grabe getragen hatte, hatte selten mehr in ihm erweckt als Mitgefühl. Was diese dunkelhaarige, glutäugige Frau in ihm hervorrief, war ganz anderer Natur.

Sein Blut begann zu kochen, und er trat einen halben Schritt auf sie zu. Die Art, wie sie gebieterisch die Hand hochriss, gebot ihm ebenso Einhalt wie ihre gestammelten Worte.

„Du … du darfst nicht …“ Ihre dunklen Brauen zogen sich zusammen, als ihre Zunge mit den griechischen Worten rang. „Du darfst nicht …“

„Du sprichst die Sprache von Hellas?“ fragte Philip scharf, ohne die fauchende Katze aus dem Auge zu lassen.

„Ich … ich …“

„Rede, Frau! Sag mir, was du hier tust mit diesem Untier!“

Farah, durch ihre Geburt Sängerin des Tempels der Bast, Edle des Oberen Reichs und zukünftige Frau des Fürsten von Deneba, biss vor Wut die Zähne zusammen.

Dieser Dummkopf! Verstand er denn nicht? Am liebsten hätte sie ihn angespuckt, ihn angeschrien, seinen Speer zu senken, bevor er den Zorn Basts, der Katzengöttin, auf sich und sie selbst herabbeschwor.

Der Mann sollte verdammt sein und seine komplizierte Sprache ebenfalls. Sie hatte sie natürlich als Kind gelernt. Die meisten Ägypter taten das angesichts der großen Zahl von Hellenen, die sich im Lauf der Jahrhunderte in dem Land am Nil niedergelassen hatten. Aber in den letzten Jahren hatten Farahs Pflichten im Tempel ihre Zeit so in Anspruch genommen und ihr so wenig Kontakt mit Außenstehenden gestattet, dass sie nicht die richtigen Worte fand.

„Du darfst nicht …“ Hilflos wies sie auf die Katze und beendete den Satz zornig in ihrer eigenen Sprache.

Hinter ihr nahm die irdische Gestalt der Göttin den Aufruhr in ihrer Stimme wahr und fauchte.

Der Hellene spannte sich an, und sein Arm hob sich.

„Nein!“ schrie Farah, sie wusste nicht, an wen von beiden gewandt. Nicht, dass die Katze auf sie hören würde, wenn sie keine Lust dazu hatte, und erst recht nicht, vermutete sie, dieser Ochse von einem Krieger. Sie stand zwischen ihnen, während sie vor Wut bebte.

Sie konnte nicht glauben, dass sie erst vor einer Stunde aus dem Tempel getreten war. Niemand in den beiden Königreichen würde es wagen, der Sängerin des Tempels der Bast etwas zuleide zu tun, und auch nicht dem Tier, das die Göttin in einer ihrer vielen irdischen Manifestationen darstellte.

Niemand außer diesen Barbaren, dachte Farah zornig. Die Invasoren waren ganz plötzlich aus den Nebeln des Deltas aufgetaucht. Erst vor zwei Tagen hatten sie bei Heliopolis den Nil überschritten, und nun waren sie hier, fast vor den Toren von Deneba! Kein Wunder, dass der Hohepriester des Tempels ihre Ankunft mit einem gewissen Bangen erwartet hatte. Senmut hatte mit den Boten, die die Nachricht von der Invasion der Hellenen überbracht hatten, die Köpfe zusammengesteckt und danach Farah die Orakel nicht ein-, sondern zweimal singen lassen. Dabei war er grübelnd hin und her geschritten und hatte die dürren Hände gerungen.

Sie kämen als Befreier, hatte Senmut schließlich erklärt, diese Barbaren aus dem Norden, diese Griechen, oder besser gesagt Mazedonier. Es gab da einen Unterschied, obwohl sie nicht ganz sicher war, worin dieser bestand, und im Moment war ihr das auch gleich. Geführt wurden sie von ihrem König Alexander. Der junge Anführer trug mit seiner goldbraunen Mähne das Zeichen der löwenköpfigen Göttin Senmut. Er würde als Retter erscheinen, hatte der Priester verkündet, und das verhasste persische Joch von ihnen nehmen. Dieser Alexander würde die Unterdrücker vernichten, die das Land des Nils und seine Götter geschmäht hatten. Aber unter ihnen wohne ein starker böser Geist, eine Bedrohung, die Senmut nicht hatte benennen können, die ihm aber tiefe Sorge bereitete.

Farah vermochte jetzt, sie zu benennen! Das Verhalten des breitschultrigen, sonnengebräunten Mannes, der es wagte, seinen Speer gegen die heilige Katze von Deneba zu erheben, war schon ein klarer Hinweis auf die Absichten der Hellenen gegenüber Ägypten. Der alte Priester hatte also Recht, wenn er sich sorgte und unruhig war.

Dieser Barbar war größer als alle ihresgleichen und schrecklich behaart. Farah jedenfalls war an die glatte Haut der ägyptischen Männer gewöhnt. Die gebräunte Haut an seinen Armen war wie bestäubt mit schimmerndem rötlichem Flaum. Seine Schenkel schienen stark und kräftig und wiesen über dem Rand seiner hohen Stiefel das gleiche gekräuselte Haar auf. In seinem wehenden purpurfarbenen Umhang und seinem Lederharnisch, der mit Plättchen aus gehämmertem Metall besetzt war, wirkte er wie eine riesige geschuppte Kreatur. Er hatte sie halb wahnsinnig vor Angst gemacht, als er so auf sie zugestürmt war, wobei die Rüstung in der Sonne geblitzt und sie, Farah, beinahe geblendet hatte. Kein Wunder, dass ich über meine eigenen Füße gefallen bin, dachte sie bitter.

„Rede, Frau! Wer bist du? Was tust du hier?“ Farah straffte die Schultern. Sie war es nicht gewöhnt, dass man in einem solchen Ton mit ihr sprach.

„Ich bin Farah“, begann sie. „Ich … ich bin …“

Ihre Worte gingen unter in einem plötzlichen Geklirr von Pferdegeschirren und dem Donnern von Hufen. Das Herz schlug ihr bis zum Halse, als sie sah, wie eine berittene Truppe die Klippen umrundete. Als sie den hoch gewachsenen Krieger bemerkten, rissen sie ihre Pferde herum und kamen auf ihn zu.

Farah wusste, dass keine Zeit mehr zum Reden war. Ihre Gegenwart hatte vielleicht die Katze bis zu diesem Augenblick zurückgehalten, doch angesichts dieser neuen Gefahr würde sie ihr keinen Einhalt gebieten können. In dem Wissen, dass ihr Schützling jeden Moment versuchen würde, mit einem Sprung in die Freiheit zu gelangen, warf sie sich auf den Mann, der vor ihr stand. Sie musste seinen Speer in eine andere Richtung lenken, damit er nicht Basts Schatten verletzte.

Philip war auf ihren Angriff vorbereitet. Er hatte Furcht in ihren Augen aufblitzen sehen, als sie die Geräusche wahrgenommen hatte, die das Kommen seiner Truppe ankündigten, und das plötzliche Anspannen ihres Körpers bemerkt. Worauf er nicht vorbereitet war, war der Schrei des Tiers, als es sprang. Der Laut hallte von den Wänden der Klippen wider und ließ Philip blitzartig in Aktion treten. Mit Leichtigkeit wich er dem Dolch aus, mit dem Farah nach ihm stieß, und zog sie mit sich zu Boden.

Er hatte daran gedacht, sie mit seinem gepanzerten Körper abzuschirmen, aber als die Katze über sie beide hinweg sprang, landete er auf ihr. Wie der Stoß von einem Speer durchzuckte der Schmerz seine Schulter, doch er wusste, sein Unbehagen war gering im Vergleich zu dem, was die Frau zu erleiden hatte. Sie stöhnte auf, als sie sein Gewicht auf sich spürte. Dann stieß sie einen Schrei aus, der beinahe unterging in dem Getöse aus Rufen und dem Stampfen der Pferde hinter ihm.

Philip rollte sich zur Seite und sprang mit einer Behändigkeit auf die Füße, die bei seiner Größe und dem Gewicht seines Harnischs erstaunlich war. Er konnte nur hoffen, dass er nicht jeden Knochen ihres zarten Körpers gebrochen hatte. Er wirbelte herum und hielt sich zwischen der Frau und der fauchenden Katze, die nun von allen Seiten durch einen Kreis von Reitern eingeschlossen war. Ein Dutzend langer Speere war erhoben, bereit, ihr ins Herz zu stoßen.

„Tötet es nicht!“ rief er über den Höllenlärm hinweg. „Ich will es lebendig! Nehmt die Netze.“

Als habe er nur auf einen solchen Befehl gewartet, bahnte der Nubier sich einen Weg durch die Menge. Der Söldner sprach Griechisch und Ägyptisch so fließend wie seine eigene Sprache und hatte Philips Kolonne geführt, seit sie vor drei Tagen Pelusium verlassen hatten und in die sumpfigen Marschen des Deltas eingedrungen waren. Durch sein bemerkenswertes Geschick mit dem schweren Jagdnetz hatte er etliche Stück Wassergeflügel und manches schilfbewohnende Tier für die Kochtöpfe erbeutet.

Seine geschmeidigen Muskeln spannten sich, als er wieder einmal das Netz durch die Luft segeln ließ. Es senkte sich wie eine graue Wolke über die Katze, und das Geheul des Tiers schwoll zu einem ohrenbetäubenden Kreischen an. Es warf sich herum, hieb mit den Tatzen und schrie seinen Unmut in den Himmel hinauf, doch es verfing sich nur immer fester in dem Hanfgewebe.

„Wir haben es, Herr“, sagte der Nubier, und Zufriedenheit schwang in seiner tiefen, klangvollen Stimme mit.

Philip, der schützend neben der Frau gestanden hatte, richtete sich auf und fasste seinen Speer lockerer.

„Ein guter Wurf, Sombassa.“

„Die Götter Äthiopiens führen meinen Arm“, erwiderte der dunkle Riese – wie immer nach einem zielsicheren Wurf mit seinem schweren Netz oder seinem Speer. „Die Götter in ihrer Gnade haben mir diese Beute gewährt.“

Er hielt inne, und seine Augen leuchteten, als er die ausgestreckte Gestalt hinter Philip erblickte. „Es scheint, du hast ebenfalls Beute gemacht, Herr.“

„Das habe ich. Ich hoffe nur, sie hat es überlebt.“

Philip wandte sich um, beugte ein Knie und rollte die schlaffe Gestalt herum.

Jetzt war unverkennbar, dass sie eine erwachsene Frau war. In tiefer Bewusstlosigkeit streckte sie ihre zarten Glieder von sich und zeigte reifere Kurven und sanftere Linien als zuvor, wo sie an den Klippen entlanggerannt war. Ihre Leinentunika war feucht vom Schweiß und schmiegte sich eng an jeden Hügel und jedes Tal ihres Körpers. Im Fallen war ihr Gewand herabgeglitten und hatte eine Brust entblößt. Der milchweiße Hügel war gekrönt von einer Spitze von der Farbe der Erde mit einem Grübchen darin.

Philip nahm seinen Helm ab und warf ihn beiseite. Mit erfahrenem Blick nahm er sie von Kopf bis Fuß in Augenschein und suchte nach gebrochenen oder vorstehenden Knochen. Als er keine sichtbaren Anzeichen für eine Verletzung fand, ließ er vorsichtig die Hand über ihre Rippen gleiten. Sie hoben und senkten sich so unter seiner Handfläche, als hätten ihre Lungen die Luft, die er mit seinem Gewicht herausgepresst hatte, noch nicht wieder eingesogen, aber er spürte keine gebrochenen Knochen.

Stirnrunzelnd untersuchte Philip das rote Mal, das an ihrer Schläfe leuchtete. Als sie zu Boden gegangen war, musste sie mit dem Kopf auf die harte Erde aufgeschlagen sein. Er strich ihr die seidigen schwarzen Strähnen aus der Stirn und ließ seinen Daumen über die böse Schwellung gleiten. Wenn sie aufwachte, würde sie schlimme Kopfschmerzen haben.

Philip war augenblicklich klar, dass er sie mitnehmen würde. Selbst wenn er sie nicht begehrt hätte, hätte er sie nicht bewusstlos in der gleißenden, unbarmherzigen Sonne liegen lassen können. Er würde einige Läufer aussenden, um herauszufinden, wessen Eigentum sie und die Katze waren. Nein, gewesen waren. Denn jetzt gehörten die beiden ihm bereits. Doch um den Frieden zu wahren, würde er eine angemessene Summe für beide anbieten, sobald er herausfand, wer ihr Besitzer war.

Doch jetzt musste er eilig weiterziehen, um Deneba zu sichern, und zwar schnell. Die Stadt lag zu beiden Seiten der Straße nach Memphis, wo Alexander morgen einziehen wollte. Philip rechnete nicht damit, dass Deneba den vorrückenden Heeren mehr Widerstand entgegensetzen würde als die anderen Städte, die sich Alexander auf seinem Vormarsch nilaufwärts freudig ergeben hatten, aber er war ein zu erfahrener Hauptmann, um ein Risiko einzugehen.

Er beugte sich nieder und hob die Frau auf. Schlaff hing sie in seinen Armen, leichter als ein mazedonisches Kind und doch schwer, wie es nur die Bewusstlosen sein können. Da seine Kolonne keine Gepäckkarren mitführte, hatte er die Wahl, sie über den Rücken eines Pferdes zu werfen oder …

„Ajax!“

Ein großer, goldblonder Bursche trat aus der wild durcheinander laufenden Truppe heraus. „Ja, Herr?“

„Nimm diese Frau und trage sie vorsichtig.“

Sein Waffenträger blickte ein wenig verwirrt drein, als ihm eine solche Last übergeben wurde, doch er war jung und stark, und er konnte die Frau transportieren, ohne sie über Gebühr durchzuschütteln.

Behutsam zog Ajax sie in seine Arme und versuchte, ihren halbnackten Körper nicht zu offensichtlich anzustarren. „Was soll ich mit ihr tun, wenn sie aufwacht?“

„Wenn sie erwacht, bevor wir kampieren, setz sie auf dein Pferd. Wenn nicht, bring sie in mein Zelt, und ich kümmere mich später um sie.“

Auf ein paar schnelle Worte hin machten Sklaven sich daran, lange, stabile Speere durch das Netz zu bugsieren, das die Katze festhielt. Sie hielten sich wohlweislich außer Reichweite ihrer Krallen und hoben das sich windende Tier.

Philip war mit seinen unerwarteten Beutestücken zufrieden und setzte sich an die Spitze der Kolonne.

Er würde die Stadt sichern. Danach, wenn die Ägypterin sich genügend erholt und er sie gezähmt hatte, würde er sich sein Vergnügen bei ihr holen.

2. KAPITEL

Ein flotter Marsch von weniger als einer Stunde führte die mazedonische Vorhut auf eine Erhebung, von der aus man auf eine Reihe ummauerter Einfriedungen blickte. Philip und einer seiner Männer gingen zum Kamm des Hügels, um das Ziel ihres Unternehmens in Augenschein zu nehmen. Der Wind blies jetzt stärker, und die Schatten ragten wie Speere über die Felsen der Stadt. Die Brise ergriff die Ränder ihrer goldbestickten Umhänge und schlug sie zurück. Sand wirbelte auf und stach Philip in die Haut.

Lautlos wie die Nacht kam der nubische Führer heran und stellte sich neben sie. Er stand bequem, eine Hand um seinen langen Speer gelegt und die andere in die Kordel gehakt, die seinen Lendenschurz aus geflecktem Gazellenfell an seinem Platz hielt. Philip wusste, diese Hülle wurde nicht aus Schamhaftigkeit getragen. Die zahlreichen nubischen Söldner, die in Alexanders Heeren dienten, waren noch weniger geneigt, sich in Kleidung zu hüllen, als das Volk am Nil. Einen Lendenschurz trugen sie nur, um ihre Männlichkeit vor den sengenden Strahlen der Sonne zu schützen, genau wie die ägyptischen Männer eine zusätzliche Stofffalte über die Vorderseite ihrer gefältelten Leinenröcke legten.

Als er jetzt hier stand und die volle Kraft der spätnachmittäglichen Sonne im Rücken spürte, verstand Philip, warum solch zusätzlicher Schutz notwendig war. Die Hitze war allgegenwärtig. Sie drang ihm bis in die Knochen und brachte sein Blut fast zum Sieden. Zum ersten Mal gestand er zu, dass vielleicht Klugheit darin lag, wie die Frauen dieses Landes sich kleideten. In dieser zermürbenden Hitze machten ihre leichten, durchscheinenden Gewänder weit mehr Sinn als dicke Schichten aus Wollstoff. Dennoch war es schwer für einen Mann, sich der Verlockung ihrer entblößten Körper zu entziehen … besonders, wenn er so zart war wie der der Frau, die er gefangen hatte.

Sofort verbannte Philip jeden Gedanken an sie aus seinem Bewusstsein. Während des Marsches war er einmal zurückgegangen, um nach ihr zu sehen, und hatte festgestellt, dass sie noch immer schlaff und benommen war, aber langsam das Bewusstsein wiedererlangte. Er würde sich um sie kümmern, wenn seine Pflicht es zuließ. Jetzt galt seine ungeteilte Aufmerksamkeit der Stadt, die vor ihm unter der Sonne schimmerte.

„Es ist Deneba, Herr“, sagte Sombassa mit seiner tiefen Stimme.

„So ist es.“

Deneba im Oberen Reich. Zwei Tagesmärsche vom Delta des Unteren Reichs entfernt. Und einen weiteren von Memphis, wo Alexander zum König beider Reiche gekrönt werden würde.

Verglichen mit anderen Städten, die sich den Mazedoniern ergeben hatten, seit sie das Land am Nil betreten hatten, war diese weder unüberschaubar groß noch besonders Furcht einflößend. Sie lag auf halbem Weg zwischen dem grünen, blühenden Flusstal und den roten Klippen, die der Wüste Einhalt geboten. Innerhalb der Stadtmauern breiteten sich weiß getünchte Gebäude aus, die jetzt von der tief stehenden Sonne ockerfarben überhaucht wurden. Keine großen Pyramiden ragten über der Reihe flacher Dächer auf wie in Abusir. Kein Ehrfurcht gebietender Marmorobelisk reckte sich himmelwärts wie in Bubastis.

Ein Gebäude nahm Philips Interesse besonders gefangen. Es stand prächtig da, aber anscheinend planlos errichtet inmitten einer eigenen Einfriedung, eine rechteckige Halle, an die man im Lauf der Jahre wahllos hohe Säulentore angebaut hatte, zuerst an die Vorderseite und danach an die Seiten und Ecken, bis die Haupthalle damit gespickt war wie ein Igelfisch mit Stacheln.

„Das muss der Tempel sein“, sagte er.

Der Nubier schaute blinzelnd in die Ferne. „Das ist er, Herr, obwohl ich nicht weiß, welchem Gott er geweiht ist. Ich bin noch nie in den Mauern dieser Stadt gewesen.“

„Bald wirst du es sein.“

Philip wandte sich zu dem anderen Mann um, einem ergrauten Krieger, der stolz seine Narben aus vielen Schlachten trug. „Du wirst als Herold fungieren. Stell eine Schwadron auf und reite zur Stadt. Nimm den Nubier zum Übersetzen mit, falls es nötig sein sollte.“

Der ältere Krieger nickte. Wie der Rest der Truppe brachte er dem kräftig gebauten Riesen nicht wenig Ehrfurcht entgegen.

„Geh kein Risiko ein“, warnte Philip, während sie zurückgingen. „Bleib vor den Stadtmauern und lass sie zu dir kommen.“

„Das werde ich tun.“

„Die Bedingungen bleiben dieselben, die der König aufgestellt hat, als wir nach Ägypten übergesetzt sind. Alle, die sich innerhalb der Stadtmauern aufhalten, sollen ihre Waffen vor den Toren niederlegen. Der Herr der Stadt soll seine Söhne als Geiseln herausgeben. Die genaue Höhe des zu zahlenden Tributs werden wir entscheiden, sobald wir sehen, wie groß ihre Schätze sind. Sie haben bis zum Morgengrauen Zeit, diese Bedingungen zu erfüllen, sonst werden wir die Stadt schleifen.“

„Ich hoffe fast, dass sie sich weigern“, meinte der ergraute Krieger mit einem Grinsen und nahm von dem Sklaven, der ihm aufwartete, die Zügel seines Pferdes entgegen. „Ich hätte überhaupt nichts gegen ein bisschen Wirbel. Seit Gaza ist nichts mehr los gewesen, und mein Schwert wird schon stumpf vom ungewohnt langen Nichtgebrauch.“

Er ergriff die Mähne seines Hengstes und schwang sich auf dessen Rücken. Als er saß, nahm er die Lanze von seinem Diener entgegen und senkte sie grüßend vor Philip.

Er erwiderte den Gruß und trat zurück, als die Männer mit ihren purpurnen Umhängen in Zweierreihen den langen Abhang zur Stadt hinunterritten. Der riesenhafte Sombassa lief nebenher und hielt leicht Schritt mit ihnen. Philip hatte keinen Zweifel, dass es dem Oberherrn der Stadt nicht gefallen würde, wenn die Übergabebedingungen ihm von einem Krieger niedrigen Rangs übermittelt wurden. Alexander selbst verhandelte nur mit Königen, und seine Hauptleute verhandelten nur mit Kriegern, die sie auf dem Schlachtfeld ehrenvoll geschlagen hatten.

Obwohl er mit einer weiteren bereitwilligen Kapitulation rechnete, ging Philip kein Risiko ein. Er schickte Schwadronen aus, um jedes Kommen und Gehen durch die Seitentore der Stadt zu verhindern. Erst, als die Wachen an ihrem Platz standen, die Pferde getränkt, die Zelte errichtet und die Sklaven beschäftigt waren, sah Philip nach dem Wohlergehen seiner Beute.

Die eine zumindest war am Leben und immer noch wütend über ihre Lage. Als Philip sich näherte, wand sich die Wüstenkatze in ihrem Netz und fauchte böse. Die Träger hatten eine Eisenkette durch das Netz manövriert und sie am Halsband der Katze befestigt, während eine weitere Kette um eines ihrer Hinterbeine lag. Das Ende der Ketten war mit Zeltstangen festgepflockt, die man in die Erde getrieben hatte. Selbst wenn das Tier es fertig brachte, das Netz durchzubeißen, würde es nicht entkommen.

„Gebt ihr Wasser, aber kein Fleisch“, wies Philip die nervösen Diener an. „Ich will, dass sie ordentlichen Hunger bekommt. Später werde ich sie selbst füttern.“

Die Sklaven waren nur zu froh, dem Hauptmann diese Pflicht abzutreten. Sie standen in respektvoller Entfernung von dem Tier, während er es eingehend betrachtete. Als erkenne sie in Philip die Quelle ihres gegenwärtigen Unbehagens, brachte die Katze ihr Missfallen laut zum Ausdruck. Sie entblößte ihre Fänge und stieß ein leises, grollendes Knurren aus, das immer lauter und immer schriller wurde, bis es zu einem Kreischen ungezügelten Zorns anschwoll.

Der ohrenbetäubende Lärm ließ die angepflockten Pferde tänzeln, und in Philips Zelt schrie eine Frau. Er runzelte die Stirn, ging hinüber zu dem quadratisch gebauten Zelt und schlug die Klappe zurück. Drinnen blieb er wie angewurzelt stehen angesichts seines muskulösen jungen Waffenträgers, der mit einer wild um sich schlagenden Frau rang.

„Hör auf damit … Au!“

Ajax blinzelte wütend, als eine kleine Faust auf seinem Nasenrücken landete.

„Was, im Namen der Götter, geht hier vor?“ fragte Philip mit donnernder Stimme.

Beide wirbelten herum. Stöhnend taumelte sie zur Seite und hob eine Hand an den Kopf. Sie verdrehte die Augen, und bevor Ajax oder Philip sie auffangen konnten, sank sie auf der dünnen, gewebten Matte zusammen.

„Das hat sie schon zweimal getan“, erklärte sein Leibdiener und rieb sich den Nasenrücken. „Wenn die Katze faucht, wacht sie auf und fährt hoch wie ein Dämon, nur um ein paar Augenblicke später zusammenzubrechen. Für so ein kleines Ding hat sie die Kraft der Furien. Das letzte Mal, als sie aufgestanden ist, musste ich sie an die Zeltstange fesseln, um sie drinnen zu halten.“

Missbilligend zog Philip die Brauen zusammen. Er fand es unglaublich, dass sein Leibdiener zu solchen extremen Mitteln greifen musste, um die Oberhand über eine schmächtige Frau zu behalten. Daraufhin stieß die Katze einen weiteren zornigen Schrei aus, und im nächsten Moment verstand er, warum es nötig war, die Frau zu zügeln.

Sie fuhr hoch wie von einem Dolch gestochen, und ihre Lider hoben sich flatternd. Scharf sog Philip die Luft ein, als er bemerkte, dass ihre dunklen Pupillen so geweitet waren, dass man die Iris nur noch als schmalen, goldfarbenen Rand erkennen konnte. Es war offensichtlich, dass sie nichts sah außer ihren inneren Visionen, doch sie kämpfte sich mühsam auf die Knie und dann auf die Füße. Sie murmelte einen Singsang, der sich wie eine Beschwörung anhörte, und taumelte in die Richtung, wo die Katze war.

Als Philip sie an den Oberarmen packte, um sie aufzuhalten, begann sie, sich ernstlich zu wehren. Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn. Sie war blass, totenbleich, bis auf die Stelle, wo die Beule an ihrer Schläfe sich bläulich gefärbt hatte. Sie fing an, heftig zu zittern.

„Hol Wasser“, befahl Philip scharf, streifte seinen Umhang ab und legte ihn um ihre schlanke Gestalt. „Und bring den Arzt her.“

Einen Augenblick kämpfte sie in Philips Armen, dann erschlaffte sie plötzlich.

So begann eine lange, höllische Nacht für den Mann, die Frau und die Katze. Während Philip auf Nachricht von den Abgesandten wartete, die er in die Stadt geschickt hatte, stellte er fest, dass er eine äußerst widerspenstige Person pflegte. Lange Zeit lag sie ruhig in seinen Armen, aber bei jedem Schrei der verfluchten Katze kämpfte sie darum, sich aus der Dunkelheit zu befreien, die sie in den Klauen hielt.

Manchmal strapazierte sie selbst Philips Kraft. Mehr als einmal brachte sie es fertig, dass sie ihm an seiner immer noch empfindlichen Schulter Schmerz zufügte. Finster hatte er sie in seinen Umhang gewickelt, um sie warm zu halten, aber auch, um sie zu bändigen. Mit dem Einbruch der Dunkelheit war die Kälte so durchdringend geworden wie die Hitze nur wenige Stunden zuvor.

Wenn sie aufschrie, barg er sie an seiner gesunden Schulter und zwang ihr ein paar Tropfen von der Mixtur des Arztes aus mit gemahlenen Mohnsamen versetztem Wein zwischen die Lippen. Philip wusste, das Gebräu war wirkungsvoll. Man hatte es ihm für seine Wunde verordnet, aber nach der ersten Dosis hatte er sich geweigert, es wieder zu nehmen. Mit abgestumpften Sinnen war ein Krieger zu nichts nütze.

Als Farah den Wein schmeckte, verzog sie das Gesicht zu einer Grimasse und wandte den Kopf ab. Philip rief nach feuchten Tüchern, um ihr die roten Flecken aus dem Gesicht und vom Hals zu wischen.

Natürlich gab es Sklaven, die sie hätten pflegen können. Jedem mazedonischen Reiter stand ein Sklave zu, der sich um ihn kümmerte. Philips persönlicher Diener, ein im Kampf gefangen genommener Syrer, wartete in der Nähe, aber Philip entschied, seine Last niemand anderem aufzubürden. Abgesehen von der Tatsache, dass diese Frau ihn sehr faszinierte, bezweifelte er, dass der kleine, drahtige Syrer sie festhalten könnte.

Ihr immer wieder heftiges Aufbäumen versetzte ihn in Erstaunen. Bei jedem Gekreisch der Katze wand sie sich in seinen Armen. Jedes Mal, wenn sie zurücksank, war sie schwächer als zuvor. Nach mehreren solcher Anfälle hätte Philip der Katze beinahe die Kehle durchschneiden lassen, um sie für immer zum Schweigen zu bringen. Im letzten Augenblick entschied er stattdessen, sie ins Zelt zerren zu lassen. Was immer diese Frau an das Tier band und das Tier an sie, schien außerordentlich machtvoll zu sein.

Als die Kreatur hereingeschleppt und an zwei Stangen am anderen Ende des Zeltes angekettet worden war, war die Veränderung bei beiden, der Frau und dem Tier, verblüffend. Sobald sie den Duft der Frau in die Nase bekam, fauchte die Katze nur noch gelegentlich. Farah flüsterte ihr mit einer halb singenden, halb murmelnden Stimme etwas zu. Nach einer Weile schienen sich beide zu entspannen. Die Katze lag zusammengekauert in dem Halbdunkel, immer noch gefangen in ihrem Netz. Die Frau rollte sich in Philips Armen zusammen, um sich an ihm zu wärmen, und glitt allmählich in den Schlaf.

Was für ein Land der Gegensätze, überlegte Philip, während er auf das Bündel hinabsah, das an seine Brust geschmiegt dalag. Tage, die so heiß waren, dass sie einem das Gehirn zum Kochen brachten, und Nächte so kalt, dass man einen warmen Umhang gut gebrauchen konnte. Eine scheinbar endlose Wüste, durch die sich ein schmales Tal mit schwarzem Schwemmland und üppigen grünen Feldern zog. Männer, die einen Eroberer mit offenen Armen empfingen, und Frauen wie diese, die es wagten, den Eindringling herauszufordern.

Sanft wiegte er seine Last, lehnte sich gegen die Zeltstange und streckte die Beine aus. Er wartete darauf, dass die Stadt sich ergab. Wenn es soweit war, würde er auch die Kapitulation dieser Frau annehmen.

Farah kämpfte sich durch den Schmerz, der sie umfing. Bast rief nach ihr. Wie aus weiter Ferne hörte sie, wie die irdische Gestalt der Göttin fauchte und so ihr Unbehagen laut werden ließ. Doch sosehr ihre Pflicht es ihr auch gebot, Farah vermochte die Lider nicht zu heben.

„Trink das.“

Die Worte durchdrangen den Nebel, der ihr Bewusstsein umgab. Die Stimme war tief und barsch. Ihr seltsamer Akzent bereitete ihr Sorge. Sie versuchte, ihre Arme zu bewegen, doch sie waren von der Schulter bis zum Handgelenk an ihren Körper gebunden. Irgendwo im Hintergrund ihres umnebelten Bewusstseins tauchte der Gedanke auf, dass sie in ein Leichentuch gehüllt war wie eine Tote, die von den Einbalsamierern behandelt wurde.

War sie gestorben? War dieser Zwischenzustand, in dem sie hörte, aber nicht sah, sich sorgte und nicht zur Ruhe kam, ein Merkmal jener siebzig Tage nach dem Tod, während derer die Seele umherwanderte, bis der Geist sich wieder mit dem gereinigten Körper vereinen konnte?

Eine Hand legte sich um ihren Nacken. Jemand hob ihren Kopf an. Sie verspürte einen stechenden Schmerz. Obwohl sie aufstöhnte, war sie froh über den Schmerz. Gewiss empfand man im Tod keine solche Qual.

„Trink. Der Mohnsaft wird dir gut tun.“

Ein Schluck Wein schwappte ihr in den Mund. Zu süß. Zu dick. Halb erstickt versuchte sie, ihn auszuspucken.

Eine starke Hand ergriff ihr Kinn und zwang sie, den Mund zu öffnen. Noch mehr Wein floss über ihre Lippen. Trotz des betäubenden Schmerzes war Farah empört über diese Behandlung. Sie drehte das Kinn zu Seite, doch die Anstrengung ließ Feuerbälle hinter ihren Augenlidern tanzen. Im nächsten Moment hüllte die Finsternis sie ein.

Als schließlich die Dunkelheit abermals von ihr wich, hörte sie eine andere Stimme, sanfter, weniger barsch, aber immer noch fremd.

Vorsichtig öffnete sie die Augen. Zuerst sah sie nur Schatten, dann ein Lichtpünktchen, das nach und nach zu einer Öllampe wuchs, die auf einem Klappschemel stand. Jetzt drehte sie langsam den Kopf herum.

Das Gesicht, das über ihr schwebte, ließ Farahs Atem stocken. Es war bei weitem das schönste, das sie je gesehen hatte. Nicht von der Hautfarbe her, nicht einmal von den Zügen. Es war zu bleich für ihren Geschmack, zu fremd. Sie hatte noch nie viel von den Männern aus dem Norden gehalten, die in ihr Land kamen, als Kaufleute, als Wissensdurstige, um an den berühmten Stätten der Heilkunst zu lernen. Sie waren so riesig, so knochig und grob, verglichen mit den schmal gebauten Männern vom Nil mit ihrer dunklen Hautfarbe. Aber dieser Fremdling, dieser bleichhäutige Hellene mit dem goldblonden Haar und dem lockenden Mund, ließ sie Schönheit in einem neuen Licht sehen.

Aus seinen azurblauen Augen leuchtete eine ungezügelte Lebensfreude. Dazu schien die gezackte Narbe auf der einen Wange nicht zu passen. Er war einige Jahre jünger als sie und bereits vom Kampf gezeichnet, und doch hatte dies seine Lebensenergie nicht dämpfen können.

Ein beglücktes Lächeln huschte jetzt über sein Gesicht, als er sah, dass sie ihn anschaute. „So, du bist also wieder bei uns!“

Farah zog die Brauen zusammen und versuchte, die unvertrauten griechischen Worte zu erfassen. Selbst dieses leichte Stirnrunzeln rief eine Welle des Schmerzes hervor, und sie biss sich auf die Lippen, um ein Stöhnen zu unterdrücken.

Bei den Göttern, was war mit ihr geschehen? Wo war sie? Und wo war ihr heiliger Schützling? Panik wallte heftig und unvermittelt in ihr auf. Sie ignorierte den heftigen Schmerz, der sie bei jeder Bewegung durchzuckte, und wand sich, um sich von den Stoffschichten zu befreien, in die sie eingewickelt war.

„Nein! Rühr dich nicht. Du tust dir nur wieder weh.“

Sie verstand die dringende Bitte des Jungen nur halb und hätte sie völlig ignoriert, hätte sie nicht hinter sich einen leisen, grollenden Ton gehört. Die Katze war hier, wahrscheinlich angekettet, aber sie lebte und war bei ihr. Farah sank zurück und zitterte vor Erleichterung. Ihr Kopf fiel auf die Matte, und diesmal konnte sie ein leises Stöhnen nicht unterdrücken.

„Hier, trink das.“

Der Junge hielt ihr eine Schale an die Lippen. Farah verzog das Gesicht, als Ekel erregend süßer Wein ihr die Kehle hinabrann. Großer Horus, selbst die niedrigsten Sklaven, die im Tempel dienten, bekamen Besseres zu trinken.

„Nein.“ Schwach drehte sie den Kopf zur Seite. „Nein.“

Der Junge stieß erfreut aus: „Du sprichst die Sprache von Hellas!“

Sie suchte nach den fast vergessenen griechischen Worten. „Etwas. Wer …? Wer …?“

„Ich bin Ajax, Waffenträger des Philippos, den der König Tauron nennt.“

Er sprach so schnell, dass sie nur die Namen erfasste. Dieser Junge hieß Ajax, so viel verstand sie, aber das, was er über jemanden namens Philippos sagte, entging ihr.

„Mein Herr wird wissen wollen, dass du wach bist. Lieg still und mach es dir bequem. Ich bin sofort zurück.“

Er ging, während sie immer noch über seine Worte nachgrübelte. Zusammengekauert lag sie da und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Sie schluckte, schloss die Augen und konzentrierte ihre Willenskraft darauf, dass der Schmerz nachließ.

Augenblicke, oder vielleicht Stunden später holte die Stimme des Jungen sie wieder vom Rand der Dunkelheit zurück.

„Sie war eben wach, Herr. Und sie hat gesprochen.“

Mühsam öffnete Farah ihre Lider. Zu ihrer Erleichterung spürte sie nur noch ein Pochen.

Der junge Mann kniete neben ihr nieder und lächelte aufmunternd. „Sie kommt zu sich.“

„Allerdings.“

Eine andere Stimme erklang im Zelt, tief und gebieterisch. Jetzt ging eine große Gestalt auf sie zu. Langsam enthüllte das Licht der Lampe den Umriss eines breitschultrigen Mannes. Farah keuchte, denn sie erkannte ihn augenblicklich.

„Du?“

Es war der Barbar, der beinahe die heilige Katze mit seinem Speer durchbohrt hatte. Selbst mit dem schweren Helm, der den größten Teil seines Gesichts verdeckte, hatte sie ihn erkannt.

Lebhafte Erinnerungen an diesen Hünen stiegen in ihr hoch: Mit erhobenem Speer jagte er auf einem Hengst durch die Wüste, verfolgte ihren Schützling, der schließlich in einem engen Felsspalt gefangen war. Sie erinnerte sich auch, wie sie sich zwischen ihren Schützling und diesen Eindringling gestellt hatte.

Sie ignorierte das Pochen in ihren Schläfen und ging in ihrer Muttersprache auf ihn los. „Du besudelst die Götter! Lass mich sofort frei und auch die heilige Katze!“

Hinter ihr reagierte Basts Schatten auf ihren Zorn. Ein leises Fauchen, das Farah nur allzu gut kannte, erklang. Jeder im Tempel hätte bei diesem Laut gezittert. Der breitschultrige Krieger jedoch schenkte ihm keine Beachtung und trat neben sie.

„Ich beherrsche deine Sprache nicht. Rede in meiner, Frau.“

Die scharfe Stimme rief eine andere Erinnerung in ihr wach. Genau diesen Ton hatte er gebraucht, als er bei den Klippen vor ihr gestanden und eine Erklärung für ihre Anwesenheit verlangt hatte. Genau wie damals wallte Zorn über seinen Befehlston in ihr auf. Seit Farah denken konnte, hatte niemand so mit ihr gesprochen. Während sie innerlich vor Zorn erbebte, entließ er den jungen Mann mit einem kurzen Nicken.

Der Mann, der Ajax hieß, lächelte Farah nochmals zu, ehe er gehorsam hinausging. Die Zeltklappe fiel hinter ihm herunter, und sie war allein mit dem Barbaren. Nein, nicht allein, verbesserte sie sich. Die heilige Katze ist bei mir.

Der Mann nahm seinen Helm ab und strich sich langsam mit der Hand durch Haar, wie sie es nie zuvor gesehen hatte. Es war weder richtig blond wie das des Jungen noch richtig rot. Sein dichter, gewellter Haarschopf wies so viele Farben auf wie die Wanderdünen, die von der untergehenden Sonne mit einer blendenden Mischung aus Gold, Terrakotta und Weinrot überhaucht wurden.

Jetzt warf er den Helm auf einen Schemel, kauerte sich nieder und stützte einen Arm auf sein Knie, während er ihr forschend ins Gesicht blickte. Zum ersten Mal sah sie seine Augen. Sie waren blau wie die des jungen Mannes, aber es war kein helles, strahlendes Blau, sondern ein dunkles. Sie erinnerten Farah an die Oberfläche des Nils am frühen Morgen, bevor die Sonne ganz aufging und der Fluss sein normales Smaragdgrün annahm.

Und anders als die Augen des Jungen blickten sie weder freundlich noch sanft, nur grenzenlos überheblich. Er zeigte nicht das leiseste Bedauern darüber, wie er mit ihr und Basts Schatten umgesprungen war. Doch er wird es noch bereuen, schwor sie sich. Er wird es bereuen.

„Wer bist du?“ fragte er in seiner eigenen Sprache.

„Ich …“ Der Zorn ließ den pochenden Schmerz in ihrer Schläfe stärker werden, während ihre Zunge mit ihrem vernachlässigten Griechisch kämpfte. „Ich … bin … Farah.“

Allein den Namen hätte jedermann im Oberen Reich sofort erkannt, selbst ohne die Aufzählung all ihrer damit verbundenen Ränge. In den Augen dieses Mannes blitzte nur ein kleiner Funke von Interesse auf.

„Farah. Hübsch. Wie du, Kleine.“

Er lächelte und zog zu ihrer äußersten Entrüstung ihren Kiefer mit dem Fingerknöchel nach.

Er streichelte sie! Er berührte sie vertraut, als hätte er das Recht dazu!

Niemand außer ihrem Gatten und ihren Kindern durfte sich einer ägyptischen Frau gegenüber solche Freiheiten erlauben. Und nach jeder Zärtlichkeit musste sie sich reinigen, bevor sie ihren Pflichten wieder nachkam. Oft hatte Farah gesehen, wie ihre Mutter sich im Tempelsee wusch, und von Meriteti selbst das komplizierte Reinigungsritual gelernt. Wütend darüber, was dieser Mann sich herausnahm, blickte Farah ihn finster an.

Er war sich offenkundig seines abscheulichen Vergehens nicht bewusst und machte es noch schlimmer, indem er den Knöchel unter ihr Kinn schob und ihr den Kopf zur Seite drehte. „Die Schwellung klingt ab, allerdings dürfte an deiner Stirn noch ein paar Tage eine strahlende Blüte prangen.“

Unfähig, seine Berührung zu ertragen, riss sie sich von ihm los. So heftig hätte sie sich nicht bewegen dürfen, denn unter dem stechenden Schmerz zuckte sie zusammen.

„Es tut immer noch weh, nicht wahr“, sagte der Fremde. „Ich will dir nichts mehr von dem Mohnsaft geben, aber vielleicht hilft dir auch reiner Wein.“

Er legte ihr eine Hand um den Nacken und hob ihren Kopf an eine goldene Schale. Als er sie berührte, prustete sie und wand sich in dem vergeblichen Bemühen, sich aus den Banden zu befreien, die ihre Arme und Beine festhielten.

„Trink“, befahl er. Er hatte sie fest im Griff und goss ihr noch mehr von dem abscheulichen Wein die Kehle hinunter. Sie hätte ihn ausgespuckt, wenn sie die Kraft dazu gehabt hätte.

Während sie schluckte, strich er ihr mit dem Daumen am Hals entlang. Bei den Göttern, sie würde sich lange im heiligen See baden müssen, um sich wieder von seiner Berührung zu reinigen.

„Deine Haut ist so zart … und so heiß“, flüsterte er. „Lass mich diesen Umhang ein wenig lösen, damit du Luft bekommst.“

Farah stellte fest, dass er sie wie ein Kind hochhob und dann auf die Füße stellte, wobei ein seltsam rasselndes Geräusch ertönte. Er ließ die Hände zu der Decke gleiten, die sie einhüllte, und erst da bemerkte sie, dass sie in den purpurfarbenen Umhang dieses Barbaren eingewickelt gewesen war.

An ihrem ganzen Körper haftete jetzt sein Geruch! Sie, die immer so sorgfältig Acht gab, keine stark parfümierten Salben oder Öle zu benutzen, die ihren eigenen Duft vor der großen Katze verbergen könnten, trug jetzt am ganzen Körper den Stempel dieses Mannes.

Angeekelt schob sie die Arme aus den Falten, die sie umhüllten. Sie war noch unsicher auf den Beinen und musste nach der Zeltstange fassen, um das Gleichgewicht zu wahren, als der schwere Mantel herabfiel.

Der Hüne, der sie besudelt hatte, sah interessiert zu, was sie tat. In dem gedämpften Schein der Lampe erkannte sie das Glitzern in seinen Augen, während er sie eingehend betrachtete. Verspätet wurde ihr klar, dass sie sich seinem Blick fast nackt darbot.

Obwohl Farah ebenso wenig Vorbehalte gegen Nacktheit hatte wie alle anderen Menschen ihres Volkes, die in der glühenden Hitze lebten, gefiel es ihr nicht, wie dieser Fremdling sie ansah. Die ersten Regungen einer weiblichen Besorgnis schlichen sich in ihr Herz und vergrößerten noch ihren Zorn darüber, wie er mit ihr umsprang. Sie beugte sich leicht nach vorn, griff nach dem Rand ihres zerrissenen Kleides und zog es über die Schulter.

Und da machte sie eine noch verblüffendere Entdeckung. Sie war gefesselt! Er hatte sie an die Zeltstange festgebunden, wie man den niedrigsten Sklaven zur Strafe fesselt. Oder wie ein ungezähmtes Tier.

Mit einer Hand hielt Farah sich an der hoch aufragenden Stange fest und schüttelte den Fuß, denn sie traute ihren Augen nicht. Die Kette, die an dem eisernen Ring hing, klapperte und wand sich wie eine Schlange. Augenblicklich durchschoss sie heißer Zorn. Wie eine Kobra hob sie den Kopf und zischte einen Befehl.

„Mach mich los. Sofort.“

Er verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete sie ruhig. „Rede in der Sprache von Hellas.“

Zu erbost, um auf ihn zu hören, selbst wenn ihr die Worte eingefallen wären, stieß Farah eine wütende Antwort auf Ägyptisch hervor. „Mach mich los, oder ich beschwöre den Zorn aller Götter auf dich herab. Ich werde es auf hundert Schrifttäfelchen schreiben und tausend Gebete dafür sprechen. Wenn du mir nicht sofort diese Ketten abnimmst, wirst du leiden wie noch kein Mensch vor dir.“

„ Sprich Griechisch, Frau.“

Wütend hob Farah ihren angeketteten Fuß.

„Nein. Nein.“

Um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, schüttelte sie ärgerlich den Fuß.

Amüsiert blitzten seine Augen auf. „Doch. Du kannst mir nicht entkommen, aber du kannst dir wehtun, wenn du es versuchst. Außerdem hat Ajax immer noch eine Beule von deiner Faust auf der Nase, und ich habe selbst die Kraft deiner Wut gespürt. Bis ich euch beide handzahm gemacht habe, ist es besser, wenn ihr ein oder zwei Fußkettchen tragt, dein Schoßtier und du.“

Obwohl sie nur die Hälfte seiner Worte verstand, war an dem Tonfall und am Funkeln seiner Augen zu erkennen, dass er sich über sie amüsierte. Dieser hoch gewachsene Grobian lachte sie aus. Hatte dieser Fremde sie nur hierher gebracht, um sie zu verspotten?

Nur zu bald stellte sie fest, dass dem nicht so war.

Während sie die dicke Zeltstange umklammerte und nach Worten rang, um ihrer Entrüstung Ausdruck zu verleihen, ließ der Barbar den Blick über ihren Körper gleiten. Als er ihr wieder ins Gesicht schaute, erstarrte Farah. Das amüsierte Blitzen war aus seinen Augen verschwunden, und stattdessen erkannte sie einen verlangenden Ausdruck darin.

Lust oder die Vereinigung zwischen Mann und Frau waren ihr nicht fremd. Sie war von einer Mutter erzogen worden, die ihre ehelichen Pflichten sehr genoss und sich große Mühe gegeben hatte, ihre Tochter über die Eigenarten der Männer zu unterrichten. Darüber hinaus hatte Farah immer umgeben von Tieren und Sklaven gelebt, die oft ihre Bedürfnisse befriedigen mussten, wann und wo sie konnten. In letzter Zeit hatte Farah sich darauf gefreut, ihre eigenen Bedürfnisse befriedigt zu bekommen. Denn bald würde der Edle, dem sie versprochen war, das Bett mit ihr teilen.

Remi wird mich aber nicht mehr wollen, wenn dieser Barbar mich als Erster besitzt, dachte Farah mit einem Gefühl von Übelkeit. Der stolze, überhebliche Herr von Deneba würde zögern, die Sängerin des großen Tempels zur Frau zu nehmen, wenn sie bei einem anderen gelegen hatte, ob mit oder ohne ihre Einwilligung.

Sie umfasste die Zeltstange fester, während sie sich im Halbdunkel des Zelts nach einer Waffe oder einem Verbündeten umsah. Aber da war nur die Katze, die zusammengekauert in ihrem Netz saß, ebenso gefangen und hilflos wie sie. Unwillkürlich erschauerte Farah. Die Kette an ihrem Knöcheln rasselte, als spotte sie über ihre Furcht.

„Ist dir wieder kalt? Soll ich dich wärmen, Farah?“

Bevor Farah klar wurde, was er vorhatte, legte der Barbar ihr einen Arm um die Taille. Sie wollte zurückweichen, doch er hielt sie mit Leichtigkeit fest.

Zum ersten Mal in ihrem Leben wurde sie von einem anderen Mann als ihrem Vater umarmt. Das Gefühl, an einen harten Körper gepresst zu werden, war so seltsam, so erstaunlich, dass sie einen Augenblick lang vergaß, Angst zu haben. Dann blickte sie ihm in die Augen, und all ihre Ängste von eben kehrten sofort zurück.

Obwohl es ihre Willenskraft bis zum Äußersten auf die Probe stellte, weigerte sich Farah, ihre Furcht zu zeigen. Sie beschwor in Gedanken den Geist ihrer Mutter und hob das Kinn. Wäre ihr Blick ein Dolch gewesen, hätte er sein Herz durchbohrt.

„Deine Augen haben wieder diesen wilden Ausdruck“, sagte er in dem belustigten Tonfall, der ihre Ohren ebenso strapazierte wie seine Worte, die sie nur halb verstand. „Das ist eine Wildheit, die mir großes Vergnügen bereiten wird.“

Daraufhin beugte Philip den Kopf und presste seinen Mund auf ihre Lippen.

3. KAPITEL

Seine Lippen waren fest und warm und schmeckten nach dem scheußlichen Wein und nach honiggesüßtem Brot. Farah brauchte eine Weile, um zu reagieren. Aber da war es schon zu spät.

Er missdeutete ihre Bewegungslosigkeit als Zustimmung, und sein Kuss vertiefte sich. Farah wurde von seiner Heftigkeit nach hinten gebeugt und musste nach einem Halt suchen, um nicht zu fallen. Sie umklammerte seine Oberarme, und ihre Fingernägel bohrten sich in sein Fleisch.

Philips Arm, der um ihre Taille lag, spannte sich an, und er zog sie fest an sich. Beinahe hob er sie von den Füßen, während er sie fest gegen seine Hüften presste. Sie spürte, wie er sich prüfend an ihrem Leib rieb, und schauderte. Doch bevor sie die Arme heben konnte, um ihm das Gesicht zu zerkratzen, löste er seine Lippen von ihrem Mund und hob den Kopf.

Schwer atmend und mit heftig pochendem Herzen versuchte Farah, ihre Kräfte für den Kampf zu sammeln, der kommen würde. Sie hatte wenig Hoffnung, ihn zu gewinnen, nicht gegen diesen Mann, doch sie würde ihm seinen Sieg nicht leicht machen.

Entschlossen unterdrückte sie einen ängstlichen Schrei. Sie kam aus Khemet, jenem fruchtbaren Land, das genährt wurde von einem Fluss. Ihr Land hatte alle Bedrängnisse überstanden, und auch sie würde diese schlimme Lage irgendwie überstehen. Um ganz sicher zu sein, sandte sie rasch Gebete an eine ganze Heerschar von Göttern und bereitete sich auf den Kampf vor.

Zu ihrem Erstaunen lockerte der Barbar jetzt seinen Griff und lächelte. Dieses Lächeln war anders als das zuvor, weniger raubtierhaft, weniger brünstig. Aber dennoch besitzergreifend und unverschämt.

„Ich will keine Angst in deinen Augen sehen, Farah. Nur Freude.“

Während sie sich bemühte, seine Worte zu verstehen, umklammerte sie mit beiden Händen die Zeltstange, um ihr Zittern zu verbergen. Das Griechische fiel ihr jetzt ein wenig leichter, als gewöhnten ihre Ohren sich wieder an die seltsamen Rhythmen dieser Sprache. Außer ihrem Namen erkannte sie recht viele Wörter. Sie verstand nicht, was für ein Spiel er mit ihr trieb, aber sie war über alle Maßen dankbar, als er einen Schritt zurücktrat. Mit zusammengekniffenen Augen beobachtete sie ihn, so wie eine angepflockte Ziege die wilden Hunde ansieht, die sie umkreisen.

Philip zwang sich, tief durchzuatmen, während er zur Vorderseite des Zelts ging. Beim Barte des Herakles, er hätte die Frau beinahe auf die Matte geworfen und sie hier und jetzt in Besitz genommen. Sie war so zierlich, und doch hatten ihn diese schräg stehenden Augen bei seiner Berührung in einer Weise angeblitzt, die einer Herausforderung gleichkam. Und nur wenige Männer hätten ihr widerstehen können. Hätte in diesen Augen nicht auch Verzweiflung gestanden, hätte er die Herausforderung vielleicht angenommen.

Philip kannte diesen Ausdruck von Angst. Jeder Krieger kannte sie. Sie stellte sich ein beim letzten Aufgebot gegen eine vernichtende Übermacht. In Städten, die nach langer Belagerung eingenommen wurden. Man sah sie bei den weinenden Frauen und den gebrochenen Männern, die in die Sklaverei geführt wurden. Die Starken kamen durch, und die Schwachen zahlten den Preis für ihren Widerstand. Philip nahm solche Dinge hin, denn so war die Welt nun einmal, ebenso wie er es akzeptierte, dass die Sklaverei oder der Tod sein Los sein könnten, sollte er im Kampf in Gefangenschaft geraten.

Diese Frau jedoch hatte er nicht im Kampf gefangen. Sie war ihm in die Hände gefallen wie ein Geschenk der Götter, und er sah keine Notwendigkeit, dieses Geschenk zu missbrauchen. Nicht, wenn er ihr und sich selbst auf andere Weise viel mehr Freude bereiten konnte.

Er hob die Zeltklappe und rief nach seinem Diener.

„Bring etwas zu essen für die Frau und die Katze. Und etwas Gerstensaft“, setzte er verspätet hinzu, denn er erinnerte sich an ihre Abneigung gegen den Wein, den sie zuvor hatte trinken müssen.

Er selbst mochte den Gerstensaft nicht. Für jemanden, der an den leichten, süßen Wein gewöhnt war, dessen Trauben an den steilen Hängen Mazedoniens wuchsen, hatte das Gerstenbier das Aussehen und den Geruch von Spülwasser. Und es schmeckte auch ungefähr so. Aber er hatte festgestellt, dass es von den meisten Menschen hier getrunken wurde, obwohl man guten Wein bekam, wenn man danach fragte.

Der Diener überschlug sich fast, um den Befehl auszuführen, und Philip ging geduckt ins Zelt zurück. Während Farah ihn von der Mitte des Zelts aus misstrauisch beobachtete, legte er einen Teil seiner Rüstung ab. Seinen Harnisch, der für jeden in Alexanders Heer wie eine zweite Haut war, würde er nicht ausziehen, aber er hatte sich über die Jahre hinweg so an sein Gewicht und seinen engen Sitz gewöhnt, dass er ihn kaum bemerkte. Er würde jedoch die Armschützer loswerden und die Beinschienen, die ihm bei jedem Schritt gegen die Schienbeine schlugen.

Er stellte einen Fuß auf eine Truhe, verzog unwillkürlich das Gesicht, als es in seiner Schulter zog, und beugte sich nach vorn, um die bronzene Beinschiene zu lösen.

„Das kann ich doch machen“, protestierte sein Diener, der schwer beladen ins Zelt zurückkehrte.

Der kraushaarige Mann setzte einen Bierschlauch und eine Platte mit Essen auf einem der breiten Faltschemel ab. Er beugte das Knie und machte sich daran, die Bänder an der Beinschiene zu lösen.

„Wenn der König wüsste, wie sehr diese Schulter dich plagt, würdest du nicht die Vorhut führen“, brummelte er mit einer Vertraulichkeit, die ihm nach langen Dienstjahren zustand. „Du wärest bei der Nachhut, in einem der Krankenkarren, wo du hingehörst.“

Philip erwiderte sanft: „Wenn du dem König oder jemand anderm etwas über meine Schulter erzählst, verlierst du zuerst deine Zunge und dann den Kopf.“

Unbeeindruckt rümpfte der Diener die Nase. „Du solltest deiner Schulter Ruhe gönnen, Herr. Und dir selbst auch.“

Philip warf Farah einen kurzen Blick zu. „Das habe ich vor.“ Er beugte einem weiteren Protest mit einer Handbewegung vor. „Schon irgendwelche Nachrichten von den Kurieren?“

„Nein, nichts.“

„Ruf mich sofort, wenn ihr Bote eintrifft. Sonst sorg dafür, dass alle draußen bleiben.“

„Auch Ajax?“

„Ganz besonders Ajax“, meinte Philip betont.

Vielleicht habe ich einen Fehler gemacht, als ich Farah der Obhut meines jungen Waffenträgers anvertraut habe, dachte Philip, während er seinen Schwertgürtel löste. Ajax tat niemals etwas nur halb. Er konnte ebenso schnell ein Lied aus seiner Leier zaubern wie sich mutig an der Seite seines Herrn in den Kampf werfen. Zweifellos war er der schönen Ägypterin schon jetzt sehr zugeneigt, ebenso wie damals der Kaufmannstochter in Pella und der kleinen Akrobatin in Pamphylia mit dem geschmeidigen Körper.

Solch jugendlicher Überschwang in Liebesdingen wäre gar nicht so übel gewesen, hätte nicht jede Frau, auf die Ajax ein Auge geworfen hatte, seine Leidenschaft bereitwillig erwidert. Er war so schön und so fröhlich, dass Frauen jeden Alters und Standes in seiner Gegenwart wie Wachs dahinzuschmelzen schienen.

Philip wollte schon, dass Farah ein wenig auftaute, aber nicht für seinen jungen Waffenträger. Er legte sein Schwert auf die Beinschienen und wandte sich um, um sie anzusehen.

Heiliger Zeus, was für Augen! Hätte Philip nur den kleinsten Funken poetischer Begabung besessen, hätte er die richtigen Worte gewusst, um sie zu beschreiben. Da er bloß ein Krieger war, erfreute er sich einfach an ihnen.

Zufrieden sah er, dass der Ausdruck von Angst verschwunden war, aber nicht der Zorn. Jetzt blickte sie zu Boden. Ihre Brüste hoben und senkten sich heftig unter dem dünnen Stoff, und Philip bemerkte die weißen Knöchel an der Hand, mit der sie die Zeltstange umklammert hielt. Als sie wieder zu ihm aufschaute, wirkte ihr Gesicht ausdruckslos.

Diese Frau hatte Mut und war dazu so klug, einzusehen, dass ihr Trotz sein Interesse nur weiter steigerte. Er fragte sich, ob er ihre Wut wieder anstacheln könnte. Aber wollte er das überhaupt? Seit er sie in den Armen gehalten hatte, während sie mit ihrer Ohnmacht gekämpft hatte, hatte dieses Spiel für ihn eine Wendung genommen. Zwar begehrte er sie so heftig wie zuvor, doch er hatte nicht den Wunsch, ihr neuen Schmerz zuzufügen.

„Bist du hungrig? Oder hast du Durst?“

Er hob den Bierschlauch hoch und eine Zinnschale, die sein Diener auf dem Schemel abgestellt hatte. Der Gerstensaft floss heraus, und gleichzeitig erfüllte sein herber Geruch das gesamte Zelt. Nur die Götter wussten, wie jemand dieses Zeug trinken konnte!

Langsam und bedächtig trat Philip in die Mitte des Zeltes. Sie wich zur Seite aus.

„Trink doch“, sagte er in einschmeichelndem Tonfall, den er auch bei einer nervösen Stute gebraucht hätte. „Bitte tu es, Farah.“

Ich sollte es annehmen, dachte sie. Sie sollte die Schale nehmen und den Gerstensaft trinken. Die Angst hatte ihr den Mund ausgedörrt, und sie hatte den Geschmack des widerlichen Weines auf der Zunge. Sie musste ihren Durst stillen, um neue Kraft zu gewinnen für das, was kommen würde. Und doch konnte sie sich nicht überwinden, die Hand auszustrecken und die Schale von ihm anzunehmen.

Er zog die Brauen hoch. „Nein? Bist du sicher?“

„Nun, ich will das Zeug ebenso wenig wie du.“

Er drehte die Hand, und ein goldfarbener Schwall ergoss sich auf die grob gewebte Matte. Farah biss sich so heftig auf die Lippe, dass sie den Geschmack von Blut wahrnahm zusätzlich zu ihrem Durst, der plötzlich quälend war.

Oh, dieser falsche Stolz! Wenn der Krieger ihr wieder etwas anbot, würde sie es nehmen. Mutter Isis, und ob sie es nehmen würde! Aber er wird dafür bezahlen, schwor sie sich. Er würde für jede erniedrigende Behandlung bezahlen, die sie von ihm erfahren hatte.

Aber er bot ihr den Gerstensaft nicht nochmals an. Er stellte die Schale beiseite und untersuchte den Inhalt der Platte, die der Kraushaarige dagelassen hatte. Er nahm eine kalte Wüstenhasenkeule und ging geradewegs an ihr vorbei in den hinteren Teil des Zelts.

Als er sich der Katze näherte, erhob sie sich mühsam so weit auf die Hinterbeine, wie es das inzwischen verhedderte Netz zuließ. Sie zog die Lefzen zurück, und ein leises Fauchen erklang.

Farah umklammerte die Zeltstange, als der Mann, den sie Philip nannten, sich vor dem Tier niederkauerte. Die Katze hatte heute Morgen gut gefressen, aber ihr Lauf in der Wüste hatte sie zweifellos hungrig gemacht. Aus langer Erfahrung wusste Farah jedoch, dass sie keine Nahrung aus der Hand eines Fremden annehmen würde. Angst um das Tier, das sie aufgezogen hatte, schnürte ihr die Kehle zu.

„Wirst du etwas aus der Hand annehmen, die deine Herrin von sich weist?“

Das Fauchen wurde lauter.

„Auch du nicht?“

Jetzt ertönte ein tiefes Grollen und ließ Farah schaudern. Sie kannte alle Laute der heiligen Katze, und dieser verhieß nichts Gutes.

„Nimm es, o Tochter des Re.“ Farah bemühte sich, die Worte zu singen, aber in ihren Ohren klangen sie mehr wie das Quaken eines durstigen Frosches. „Nimm es als Geschenk der Großen Mutter Isis. Nimm es und achte nicht auf den, der es gibt. Dieser Barbar weiß nicht, wie sehr er dich mit solch unreinen Gaben beleidigt, doch er wird es erfahren. Das wird er.“

Beim Klang ihrer Stimme drehte Philip den Kopf zu ihr herum. Ihr Götter, erkannte dieser Narr denn nicht, in welcher Gefahr er schwebte?

Sie wusste nicht, ob die heilige Katze auf ihren Appell gehört oder einfach beschlossen hatte, die Tatsache auszunutzen, dass der Mann für einen Moment abgelenkt war. Jedenfalls tat das Tier einen Sprung. Die Kiefer mit den messerscharfen Fängen schnappten über gezwirbeltem Hanf, Kaninchen und beinahe über seinen Fingern zusammen.

Philip riss seine Hand gerade noch rechtzeitig zurück. Fluchend stand er auf und drehte sich um, um sie anzusehen. Sein Blick, der sich in ihren bohrte, war hart und ausdruckslos.

„Das war nicht klug.“

Farah schluckte. Sie verstand genug Griechisch und erriet außerdem an seinem Gesichtsausdruck, dass er ihr die Schuld an diesem Angriff gab. Er dachte, sie hätte das Tier gereizt. Dabei hatte sie es nur ermutigt zu fressen.

Als er auf sie zuging, erstarrte sie und wartete darauf, dass er sie schlug oder Schlimmeres tat.

Wieder einmal überraschte er sie. Statt dem Zorn, der in seinen Augen blitzte, freien Lauf zu lassen, ging er an ihr vorbei. Erleichterung überkam sie, die jedoch sogleich wieder verschwand. Langsam hob er die Schale auf und goss noch Gerstensaft hinein.

Als er zu ihr zurückkam, erkannte Farah, dass sie keine Wahl hatte. Sie würde die Schale nehmen, daraus trinken und zu Anubis, dem schakalköpfigen Gott der Unterwelt beten, die Seele dieses Barbaren zu verschlingen!

Philip trat dicht an sie heran, die Schale in der Hand, und legte wieder den Arm um ihre Taille.

Er zog sie fest an sich und lächelte zu ihr herab. „Wirst du jetzt trinken, Farah?“

Sie verstand nur zu gut, was er von ihr verlangte. Jetzt musste sie um das bitten, was sie vorhin ausgeschlagen hatte.

Philip verstärkte seinen Griff. Die Metallplättchen seines Harnischs gruben sich in ihre Haut. Sein herber Duft stieg ihr in die Nase und vermischte sich mit dem des Gerstensaftes.

„Nun?“

Seine Stimme war leise, dennoch kraftvoll wie eine Strömung, die tief unter der Oberfläche eines mächtigen Flusses verlief.

Später sollte Farah sich noch oft fragen, was er getan hätte, hätte sie die Hand hochgerissen und ihm den Gerstensaft ins Gesicht geschüttet. Oder was sie hinterher zur Buße getan hätte, hätte sie sich so weit erniedrigt, ihren Kopf zu neigen und aus der Schale zu trinken, die er ihr an die Lippen hielt.

Doch sie kam nicht dazu, eines von beiden zu tun.

Beim Geräusch der Zeltklappe, die hochgehoben wurde, riss er den Kopf hoch, und der krausköpfige Diener, den sie vorher schon kurz gesehen hatte, trat ein.

„Die Kuriere sind zurückgekehrt, Herr.“

Philip, der sie festhielt, erstarrte.

„Sie bringen keine guten Nachrichten, glaube ich“, sagte der Diener. „Ein Bote bittet, dich sofort sprechen zu dürfen.“

Einen Moment lang richtete Philip den Blick seiner blauen Augen auf sie, ehe er nickte und sie beiseite schob. Er stellte die Schale auf den Schemel, wo Farah sie erreichen konnte, nahm sein Schwert und seinen Umhang und ging mit großen Schritten aus dem Zelt, ohne sich noch einmal umzuschauen.

Farah fühlte sich wie ein Sack Korn, den die Ratten durchgenagt hatten, spürte, wie die Kraft aus ihr herausrann wie Wasser. Ihre Knie gaben nach, und sie sank auf die Matte nieder. Mit beiden Händen hielt sie sich an der Zeltstange fest, lehnte den Kopf dagegen und atmete heftig.

Wie hatte sie nur so tief sinken können? Wie war es möglich, dass ihre wohl geordnete Welt so schnell und zusammengebrochen war? Erst heute Morgen war sie bei Sonnenaufgang aufgestanden, hatte sich gereinigt und war danach zum Tempel gegangen, um ihre Pflichten zu erfüllen wie hundert oder tausend Male zuvor.

Sie hatte sich um die Verwaltung ihrer Güter gekümmert, mit ihrer Tante geplaudert und war später mit der heiligen Katze spazieren gegangen. Und nun war sie an eine Stange gekettet im Zelt eines Mannes, der die Kraft eines Stiers besaß. Eines Mannes, der sie mit seinen Berührungen beleidigte.

Sie erinnerte sich, wie er seinen harten Körper an ihren gepresst hatte, erinnerte sich an den Druck seiner Männlichkeit gegen ihren Leib. Als wolle sie die unliebsamen Bilder vertreiben, schloss Farah krampfhaft die Augen.

Bei den Göttern, nie hätte sie geglaubt, solche Vertraulichkeiten von einem anderen als einmal von ihrem Gatten zu erleben. Sie schluckte und stellte sich mit einiger Mühe das glatte, anziehende Gesicht des edlen Remi vor, des Mannes, dem sie versprochen war. Ein Schauder überlief sie, als sie sich ausmalte, wie er reagieren würde, wenn er sie jetzt sähe, schmutzig, zerzaust, ohne Perücke, Augenschminke, ohne eine juwelenbesetzte Halskette, die ihr einen Hauch von Schönheit verliehen hätte.

Der Herr von Deneba hatte bereits eine Frau verstoßen, und das, nachdem sie ihm vier Söhne geschenkt hatte. Er hatte behauptet, die Frau habe Schande über sein Haus gebracht, indem sie die Bestattungsrituale für seine Vorfahren nicht ordentlich durchgeführt hatte, doch die Diener flüsterten, dass die welkenden Brüste und das Gejammer der Dame ihren Herrn mit Widerwillen gegen sie erfüllt hätten. Und auch mit seinem Harem junger Konkubinen war er nicht zufrieden. Remi wollte eine zweite Frau, und er hatte Farah erwählt.

Sie vermutete, dass die Krankheit ihres Vaters einiges mit Remis Wahl zu tun hatte. Als Erbin sämtlicher Güter ihres Vaters und ihrer Mutter war Farah ebenso wohlhabend wie Remi selbst. Und noch wichtiger, in der Tempelhierarchie stand sie weit über ihm. Er war nur ein Priester mittleren Rangs, und auch dies nur dank seines riesigen Landbesitzes. Sie hingegen war die Erste Sängerin, und zwar von Geburt an für diese Stellung ausersehen.

Es war dennoch eine gute Verbindung, und eine, in die sie durchaus gern eingewilligt hatte. Tatsache war allerdings, dass Farah sehr ungeduldig darauf wartete, einen Gatten zu nehmen. Sie war eine erwachsene Frau und bereits über das Alter hinaus, in dem die meisten Mädchen verheiratet und ins Ehebett gelegt wurden. Doch seit dem Tod ihrer Mutter vor einigen Jahren hatte ihr Vater es immer wieder verschoben, Farah aus dem Haus gehen zu lassen. Erst nachdem er mehr und mehr verfallen war, seine Augen immer tiefer in die Höhlen gesunken waren, hatte er endlich mit Remi die Eheverträge ausgehandelt.

Farah hatte gezögert, von der Seite ihres Vaters zu weichen. Sie hatte ihn während seiner langen Krankheit gepflegt und danach die vorgeschriebene Trauerzeit eingehalten. Sie konnte und wollte nicht heiraten, ehe nicht der Körper und die Seele ihres Vaters wieder vereint waren und sein Übergang in die andere Welt abgeschlossen war.

So war seit ihrer Verlobung ein Jahr vergangen, in dem sie sich immer ruheloser gefühlt hatte. Nachts hatten sie Träume heimgesucht. Ein- oder zweimal hatte sie sich selbst berührt, wie die älteren Frauen im Tempel es sie gelehrt hatten, und die ehrenvolle Erleichterung gesucht, die einer Jungfrau gestattet war. Aber niemals hatte sie einem Mann erlaubt, sie in irgendeiner Weise intim anzufassen, nicht einmal dem Mann, dem sie versprochen war. Solches Benehmen stand einer unverheirateten Frau nicht zu, und der Ersten Sängerin und Hüterin von Basts irdischer Gestalt war es erst recht verboten. Für ihre Pflichten musste ihr Körper so rein sein wie ihr Herz.

Farah stöhnte, als sie an die Reinigungsrituale dachte, die sie würde vornehmen müssen, ehe sie in den Tempel zurückkehrte. Falls sie den Tempel jemals wieder sah.

Das werde ich, beschloss sie, mit einem Mal ungehalten über sich selbst. Sie würde zurückkehren. Irgendwie würde sie einen Weg finden, um dem Mann zu entkommen, der sie festhielt.

Farah benutzte den Pfahl, um sich hochzuziehen, und hob ihren Fuß, um die Länge der Kette zu überprüfen. Sie war nicht lang genug, um die heilige Katze zu erreichen, doch sie konnte ihr mit Leichtigkeit Speisenbrocken zuwerfen. Und sie selbst konnte ebenfalls essen. Sie beide würden ihre Kraft benötigen für das Kommende.

Sie unterdrückte ihre Abneigung gegen die Speisen des Barbaren und griff nach dem Teller. Farah schickte ein schnelles Gebet an Mut, die Muttergöttin und Gattin Amons, der Hellene möge nicht zurückkehren, bevor sie fertig war. Es war schlimm genug, dass sie Speisen und Getränke von ihm annehmen musste. Doch die Vorstellung, dass er ihr dabei zusah, war ihr zuwider.

Im flackernden Schein des Lagerfeuers blickte Philip den Boten an. Jeder Gedanke an die Frau, die er erst vor ein paar Sekunden in seinem Zelt zurückgelassen hatte, war verschwunden und wurde verdrängt durch die verblüffenden Neuigkeiten aus Deneba.

„Sie weigern sich, sich zu ergeben? Die Ältesten wollen die Stadttore nicht öffnen?“

Die Offiziere, die um ihn versammelt waren, waren ebenso fassungslos wie er. Sie waren alle erfahrene Krieger und konnten nicht glauben, dass diese kleine Stadt ihnen Widerstand leistete, nachdem doch alle anderen ägyptischen Städte sich freudig ergeben hatten.

„Eigentlich weigern sie sich nicht“, erwiderte Sombassa mit seiner tiefen Stimme, „es ist eher so, dass sie sich nicht entschließen können. Man bat mich zurückzureiten und dir mitzuteilen, dass unsere Leute bei den Verhandlungen an einem toten Punkt angelangt sind.“

„Es gibt nichts zu verhandeln“, sagte Philip kurz angebunden. „Sie legen die Waffen nieder und stellen die Geiseln, die wir verlangen, oder wir beginnen im Morgengrauen mit der Belagerung der Stadt.“

„Das haben wir ihnen gesagt, Herr. Wenn es nur nach dem Mann ginge, der Remi heißt, würden die Tore jetzt schon offen stehen.“ Sombassa spuckte auf den Boden. „Der würde seine Mutter als Geisel schicken, wenn das nötig wäre, um seine Ländereien zu behalten. Nicht er macht Verzögerungsmanöver, sondern der Hohepriester des Tempels.“

„Wie bitte? Weiß er denn nicht, was geschehen ist, als die Priester von Tyrus Alexander den Zutritt zum Schrein des Herakles verwehrten? Glaubt er, wir werden in Deneba einen Stein auf dem anderen lassen, wo jene Stadt in rauchenden Trümmern liegt?“

„Ich weiß nicht, was er glaubt“, erwiderte Sombassa und schüttelte den Kopf. „Seine Worte ließen für mich kaum einen Sinn erkennen. Er rang die Hände, jammerte und sagte, dass noch mehr Gebete gesungen werden müssten.“

„Wieso, im Namen der Götter, singt er dann diese Gebete nicht?“

„Dazu ist er bereit, oder jedenfalls glaube ich das. Ich hatte Probleme, ihn zu verstehen. Man hat es für das Beste gehalten, wenn ich zurückreite und dir über die Lage berichte.“

„Das war gut so“, antwortete Philip nachdenklich. „Es ist noch eine Weile hin bis zum Morgengrauen. Um seiner selbst willen hoffe ich, dass dieser Priester bald anfängt zu singen und dass er gut singt.“

Philip ließ die Gruppe von Offizieren stehen, schritt zum Rand des Abhangs und blickte auf die Stadt hinunter. Wie beliebig ausgestreut breitete sie sich im Mondlicht aus. Selbst aus dieser Entfernung konnte Philip sehen, dass im großen Tempel hektische Betriebsamkeit herrschte. An den Außenmauern flammten in regelmäßigen Abständen Fackeln und erhellten die zahlreichen Höfe. Der hohe Säulengang, der den Vordereingang darstellte, erstrahlte in hellem Licht. Philip erkannte die Umrisse von Gestalten, die in hellen Farben auf jede Säule des Tors gemalt waren.

Was für Götter sie auch darstellen mögen, es wäre besser, wenn der alte Priester heute Nacht gut zu ihnen beten würde, dachte Philip. Diese unbefestigte Stadt würde seinen Angriffen nicht lange standhalten.

Er ortete den Stand des Mondes. Noch fünf Stunden bis Tagesanbruch, schätzte er. Mehr als genug Zeit, um seine Truppen bereitzumachen. Unter seinem Harnisch rollte er die Schulter, um seinen Schmerz zu lindern, wandte sich um und ging zurück zu seinen Offizieren.

„Schickt einen Kurier, um den König über die Lage hier in Kenntnis zu setzen. Sombassa, du kehrst in die Stadt zurück. Wenn sie unseren Bedingungen nicht bis zur letzten Stunde vor dem Morgengrauen zustimmen, sag dem Oberbefehlshaber, er soll seine Truppen zurückziehen und wieder zu uns stoßen.“

Der Nubier verschwand nun wieder in der Nacht, und Philip rief seine Offiziere zusammen, um dann den Angriffsplan durchzugehen.

Der Mond hing tief am nachtschwarzen Himmel, als die Männer ihre Rüstungen anzulegen begannen. Die Geräusche einer Kavallerieeinheit, die sich zum Kampf bereitmachte, erfüllten die Nacht: das Knarren von Lederharnischen, die zurechtgerückt wurden, damit sie besser saßen, das Schaben von Bimsstein auf Eisen, als die Schwerter und Speere geschärft wurden, das Klirren von Pferdegeschirren, die festgezurrt wurden.

Philip ging durch das Lager zu seinem Zelt, um seine eigene Kampfausrüstung zu holen. Er nahm sich Zeit und tauschte unterwegs einige Worte mit seinen Leuten. Erst als er den Weg zu seinem Zelt schon halb zurückgelegt hatte, fiel ihm Farah wieder ein. Sie wird noch eine Weile warten müssen, dachte er bedrückt, bis diese lästige Stadt eingenommen ist.

Er hob die Zeltklappe und blieb, kaum eingetreten, wie angewurzelt stehen. Sie hatte sich um den Pfosten herum zusammengerollt wie ein Kind, die Beine fast bis unters Kinn angezogen. Das schwarze Haar war ihr ins Gesicht gefallen. Die Beule an ihrer Schläfe war dunkler geworden und hatte ein tiefes Purpur angenommen, ebenso wie die Innenseite ihres Handgelenks, das sie unter die Wange geschoben hatte. Ihre Tunika trug die Spuren des roten Wüstensands und des verschütteten Weins.

Philip konnte sich nicht erinnern, wann er je etwas Traurigeres gesehen hatte. Oder etwas, das ihn tiefer berührt hätte. Er hätte viel darum gegeben, sie von der Zeltstange loszumachen und zu dem schmalen Bett zu tragen, das an der hinteren Zeltwand stand. Später, sagte er sich. Wenn er seine Rechnung mit dieser unerwartet halsstarrigen Stadt beglichen hatte.

Sie zitterte in der kühlen Nachtluft. Lächelnd nahm Philip seinen Umhang ab. Er besaß einen besseren, den er für gewöhnlich bei Zeremonien und Triumphzügen trug. Den würde er sich umlegen, wenn er nach Deneba ritt.

Er beugte ein Knie und deckte sie mit dem wollenen Stoff zu. Einen Arm aufs Knie gestützt, betrachtete er sie. Sie war wie die Wüstenkatze, die sie so erbittert verteidigte. Von kleiner Gestalt und zartem Körperbau, mit einem kleinen Kinn und schräg stehenden Augen.

Lächelnd strich er ihr das Haar aus dem Gesicht.

Seine Berührung, so leicht sie auch war, störte ihren unruhigen Schlummer. Ihre Glieder zuckten. Gleich darauf erwachte sie und fuhr zusammen. Sie riss die Augen auf, als sie sah, dass Philip vor ihr stand. Sie umklammerte die Zeltstange und schoss hoch, als wolle sie vor ihm fliehen. Mit ihrer Schulter stieß sie gegen Philips verletzte, und der unerwartete Schmerz ließ ihn taumeln.

Instinktiv packte er ihren Arm, um das Gleichgewicht wiederzuerlangen, aber er war zu schwer für sie, und sie stürzte gegen ihn. Im nächsten Moment gingen beide zu Boden.

Sie versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien, wand sich, trat und schleuderte ihm einen Schwall von Verwünschungen in ihrer eigenen Sprache entgegen. Im Hintergrund des Zeltes nahm die Katze die Verzweiflung in ihrer Stimme wahr. Sie sprang gegen das Netz an, und ihr Fauchen mischte sich mit Farahs Schreien.

„Ruhe!“ schrie Philip.

Keine der beiden gehorchte seinem Befehl. Als sie mit dem Ellbogen an seine halbverheilte Schulter stieß, biss Philip die Zähne zusammen und schlang ein Bein um ihres. Er rollte sich herum und drückte sie fest auf die Matte.

„Um der Götter willen, Frau, hör auf, um dich zu schlagen!“

Endlich hörte sie auf, sich zu winden, und lag schwer atmend unter ihm. Im Hintergrund fauchte die Katze jetzt leiser.

Mit weit aufgerissenen Augen blickte Farah zu ihm auf.

Philip blieb unbeweglich liegen. Er konnte sie besitzen. Er brauchte nur seine Hüften zu drehen und seine Sachen auszuziehen. Er wusste es ebenso gut wie sie. Eine Weile maßen sie sich mit Blicken. Sie atmeten immer noch schwer, umschlangen einander wie Ranken einen Baum.

Ja, er würde sie besitzen. Aber nicht so. Nicht auf dem Boden eines Zelts, während direkt davor bewaffnete Männer auf ihn warteten. Nicht wenn eine Stadt eingenommen werden musste.

Wenn sie zusammenkamen, wollte er Zeit haben, um es auszukosten, um ihr ebensoviel Genuss zu bereiten wie sich selbst. Wieder würde sie sich unter ihm winden, aber nicht vor Angst oder in dem panischen Bedürfnis zu fliehen. Doch es kostete ihn seine ganze Willenskraft, sich zurückzuhalten.

Nacheinander erschien ein Ausdruck von Misstrauen, Erleichterung und Verwirrung auf Farahs Gesicht. Sollte der Hüne ihre Lage tatsächlich nicht ausnützen?

Philip lächelte, als erriete er ihre Gedanken. Er suchte eben nach Worten, die sowohl eine Beruhigung als auch ein Versprechen enthielten, als jemand die Zeltklappe hochschlug.

Philip war der Meinung, sein Adjutant sei gekommen, um ihm die Rüstung anzulegen. Deshalb machte er sich nicht die Mühe, sich umzusehen. Jetzt schickte er sich an aufzustehen, und erstarrte im nächsten Moment, als eine belustigte Stimme etwas sagte.

„Sieh an, Philip Tauron, du hast die Stadt noch nicht eingenommen, und schon kostest du die Früchte des Sieges.“

Philip atmete langsam aus und löste sich von Farah, die unter ihm lag. Er stand auf, zog sie mit sich hoch und lächelte der Gestalt mit dem Helm, die am Eingang stand, betreten zu.

„Noch habe ich sie nicht gekostet, Alexander, aber ich werde es tun. Bald.“

4. KAPITEL

Alexander!

Der Name schwirrte durch Farahs Kopf, der sich wie betäubt anfühlte.

Alexander, der junge Löwe, der bei Issus den persischen König der Könige in die Flucht geschlagen hatte. Der unbesiegbare Krieger, der die Inselstadt Tyrus besiegt und in Blut gebadet zurückgelassen hatte. Der Befreier, der, so sagten die alten Priester, gekommen sei, um die wirklichen Pharaonen wieder auf die Throne Ägyptens zu setzen.

Hätte Farah sich überhaupt ein Bild von ihm gemacht, hätte sie ihn sich mehr wie den Mann vorgestellt, der sie festhielt: groß und kraftvoll, mit Armen, die so stark und mächtig waren wie die großen Zedern, die man aus dem Libanon durch die Wüste schleppte als Dachbalken für die Tempel.

Der mazedonische König war natürlich groß, einen Kopf größer als sie, und breitschultrig, wie es jemand, der seine Männer in den Kampf führte, sein musste. Doch Farah erkannte sofort, dass seine Königswürde mehr in seinem Herzen als in seinem Körper wohnte. Er strahlte sie aus und legte sie nicht einen Augenblick ab, nicht einmal, als sein Blick an ihrem Körper hinabglitt und er belustigt die Lippen verzog.

„Ketten, Philip Tauron? Du brauchst Ketten, um diese Frau hier festzuhalten? Bist du so lange auf dem Schlachtfeld gewesen, dass du nicht mehr weißt, wie man Frauen behandelt?“

„Ich hoffe, dass es mir wieder einfällt, wenn wir Deneba eingenommen haben“, erwiderte Philip trocken.

Während Farah darum kämpfte, die Worte ihres Peinigers zu verstehen, ließ dieser ihr Handgelenk los. Sie klammerte sich an die Zeltstange, um ihr Gleichgewicht wieder zu finden, und sah zu, wie Philip ging, um seinen König zu grüßen.

Alexander ergriff ihn brüderlich am Arm.

Als er seinen schweren Helm abnahm und ins Zelt hineinging, musste Farah ein Keuchen unterdrücken. Mit seinen goldbraunen Locken und der polierten Rüstung strahlte er heller als die vergoldeten Statuen im Tempel. Schauen alle diese Mazedonier wie mit Gold übergossen aus? fragte sie sich.

Seine helle Haut war von der unbarmherzigen ägyptischen Sonne verbrannt worden, bis sie sich rötete und schuppte, und er hatte die merkwürdigsten Augen, die sie je gesehen hatte. Das linke war dunkel und das rechte von einem bläulichen Grün. Beide leuchteten so durchdringend und intensiv, als schaue er sie nicht nur an, sondern blicke in ihre Seele. Farah erschauerte.

Die Männer, die hinter dem König ins Zelt strömten, wiesen alle Hautfarben auf, von der hellen Farbe Alexanders bis zum tiefsten Schwarz. Sie waren groß, diese Männer aus dem Norden, und alle trugen purpurfarbene, mit Goldfäden durchwirkte Umhänge und bronzene Rüstungen, die sie noch massiger erscheinen ließen. Sie erkannte den Jungen, den sie Ajax nannten, sobald er eintrat, und dann, mit einem Seufzer der Erleichterung, auch jemanden aus ihrem eigenen Land. Neben den bulligen Hellenen wirkte der ägyptische Krieger geschmeidig, elegant und beruhigend vertraut.

Doch Farahs Erleichterung wandelte sich zu bitterer Scham, als sein Blick verächtlich über sie hinwegglitt. Verspätet wurde ihr klar, wie er sie sehen musste: eine zerzauste, ungeschmückte Frau in zerrissenen Kleidern, die in dem Zelt eines Fremdlings angekettet war wie die niedrigste Sklavin.

Glühend vor Verlegenheit, zog sie das Vorderteil ihres Gewands über ihre Brüste und steckte es unter den Armen fest. Ohne die anmutigen Falten, die so mühselig herzustellen waren, hing es schlaff und formlos an ihr herab. Dass sie in solch einem Zustand vor einen König treten musste, ärgerte Farah und ließ ihren Zorn auf den Mann, der sie in solch eine Lage gebracht hatte, wieder aufflammen.

Er würde dafür bezahlen. Er würde teuer für das bezahlen, was sie in seiner Gewalt erlitten hatte.

Doch sie war nicht die Einzige, die von diesem plötzlichen Eindringen so vieler Menschen aufgestört wurde. Im Halbdunkel des Zelthintergrunds rührte sich Basts Schatten und schickte ein warnendes Fauchen durch die Lüfte. Bei diesem Laut zuckten die Männer zusammen und griffen nach ihren Schwertern.

Alexander spähte in das Dunkel und zog die Augenbrauen hoch. „Beim Hades, Philip, was hast du sonst noch hier eingesperrt?“

„Eine Wüstenkatze“, antwortete er gleichmütig. „Mit einem juwelenbesetzten Halsband. Ich weiß nicht, ob sie der Frau gehört oder diese dem Tier.“

„Und so hast du beschlossen, dir beide als Gespielinnen zu halten“, meinte ein hakennasiger, dunkelhäutiger Mann mit einem hämischen Lachen. „Pass auf, sonst wird noch eine von ihnen oder alle beide, dich ihre Krallen spüren lassen, Philip Tauron.“

Während die anderen in sein Lachen einstimmten, starrte der Ägypter, der den König begleitete, in den Schatten hinter ihr und runzelte die Stirn. Farah reagierte blitzschnell und sprach in ihrer gemeinsamen Muttersprache.

„Du befindest dich in der Gegenwart von Basts irdischer Gestalt, der heiligen Katze des Tempels von Deneba.“

Alle Blicke wandten sich ihr zu. Verblüfft zogen die Männer die Brauen hoch, weil sie es wagte, in Anwesenheit des Königs das Wort zu ergreifen. Sie nahm ihren ganzen Stolz zusammen und hob das Kinn. Mit klarer Stimme zählte sie laut ihre Titel auf.

„Ich bin Farah, Erste Sängerin des Tempels der Bast in Deneba. Ihr seht vor euch eine Edle des Oberen Reiches und die versprochene Gattin des edlen Remi aus Deneba.“

Der ägyptische Krieger hätte nicht verblüffter sein können, wäre ein Blitz ins Zelt eingeschlagen und hätte ihn getroffen. Er starrte Farah an und wollte etwas erwidern. Gerade noch rechtzeitig nahm er sich zusammen, wandte sich um und erbat vom König die Erlaubnis, sie anzusprechen.

Mit einem leichten Nicken gab Alexander seine Zustimmung.

„Was tust du hier, Edle?“ fragte der Ägypter.

Mit einer Handbewegung deutete sie auf Philip, der sie gefangen hielt. „Dieser Mann hier ist mir begegnet, als ich in der Wüste einen Lauf mit Basts Schatten machte. Er hätte der heiligen Katze beinahe einen Speer ins Herz gejagt und hat es gewagt, Hand an uns beide zu legen.“

Mit finsterer Miene wandte sich der dunkelhaarige Krieger an Alexander und sagte schnell etwas in der Sprache der Hellenen. Als die Worte von seinen Lippen sprudelten, runzelte Philip sorgenvoll die Stirn.

Und das mit Recht, dachte Farah zornig. Er hatte allen Grund, sich Sorgen zu machen.

Als er sie mit einem harten Blick maß, straffte sie die Schultern und sah ihn stolz an.

Alexander von Mazedonien bemerkte die wortlose Konfrontation zwischen ihnen und fragte sich, was genau er da unterbrochen hatte, als er ins Zelt getreten war. Seiner Erfahrung nach neigten Frauen, ob hoch oder niedrig, eher dazu, Philip Tauron ihr Lächeln und heimliche Blicke zu schenken als solch hochmütige Verachtung.

Viele von Alexanders Kampfgefährten meinten im Scherz, sein Spitzname Tauron, der Stier, habe ebenso viel mit seinen Fähigkeiten in der Schlafkammer zu tun wie damit, dass er einmal vom Rücken seines Pferdes gesprungen war und mit bloßen Händen einen verwundeten, wütenden Bären von einem am Boden liegenden Freund fortgezerrt hatte.

Alexander verstand gut, was Philip zu dieser Frau hinzog. Mit ihrem schlanken Körper und ihren blitzenden Augen war sie eine Herausforderung, der ein Mann wie Philip nur schwer widerstehen konnte. Obwohl Alexander den Zauber ihres geschmeidigen, jugendlichen Körpers zu schätzen wusste, entsprach eine solche Frau nicht seinem eigenen Geschmack. Dieser bevorzugte eher ruhigere, würdevollere Frauen, wenn er sich aufraffen konnte, sich Frauen überhaupt zuzuwenden.

„Es scheint, dir ist eine weit reichere Beute ins Netz gegangen, als du vermutet hast“, sagte er und besah sich die dunkelhaarige Gefangene.

Philip runzelte die Stirn. „So ist es wohl.“

„Ist ihre Gefangennahme der Grund, dass diese Stadt sich weigert, sich zu ergeben?“

„Das ist sehr gut möglich“, erwiderte Philip langsam. „Der Nubrer sagte, der Priester des Tempels zögere und rede über Riten, die gesungen werden müssten, bevor er die Tempeltore öffnen lassen könne.“

„Aha. Und du hältst seine Sängerin fest.“

„Anscheinend.“

Beide Männer musterten Farah durchdringend, die unter ihrem forschenden Blick ein wenig bleich wurde.

„Sie stellt ein Problem dar, mein Freund“, bemerkte Alexander leise. „Hättest du sie in der Schlacht gefangen, hättest du zu Recht Anspruch auf sie erheben können, egal ob sie Königin, Priesterin oder Sklavin gewesen wäre.“

„Aber so war es nicht“, gestand Philip ein.

„Nein. Bis jetzt hat dieses Land uns mit offenen Armen aufgenommen. Vor Deneba hat es nicht die kleinste Andeutung eines Widerstands gegeben. Diesen Empfang hätte ich auch in Deneba gern“, setzte er ruhig hinzu, „um die Krone der Pharaonen ohne Blutvergießen an mich zu bringen.“

„Ich weiß.“

„Ich muss dich bitten, sie gehen zu lassen, damit sie ihre Stellung wieder einnehmen kann.“

Alexander erteilte seinen engsten Gefährten selten Befehle. Die, die ihm am treuesten ergeben waren, benötigten keine. Die weniger ergebenen Untertanen hielt er mit der Kraft seiner Ausstrahlung und seiner blitzschnellen Vergeltung in Zaum. Philip Tauron war jemand, den er nicht zu kontrollieren brauchte, und Alexander hätte ihm sein Leben anvertraut.

Philips Blick traf den seines Königs und Freunds. Sie brauchten nicht weiter darüber zu sprechen. Sobald Philip die Titel der Frau gehört hatte, war ihm klar gewesen, dass er sie freilassen musste. Er hatte lange genug unter dem König gedient, um zu wissen, was in seinem Kopf vorging.

Alexander plante, die Ehrfurcht gebietende Krone von Ägypten für sich zu beanspruchen. Danach würde er seine Armee in dem fruchtbaren Niltal überwintern lassen, bevor er sich wieder an die Verfolgung des persischen Königs Darius machte. Es würde Alexander sehr zum Vorteil gereichen, wenn er beide Ziele mit der vollen Unterstützung der Bevölkerung erreichte. Der mazedonische König wollte und durfte nicht zulassen, dass das Wohlwollen aufs Spiel gesetzt wurde, das man ihm bisher entgegengebracht hatte, nur weil sein Hauptmann eine bestimmte Frau begehrte.

Philips plötzlicher, tief empfundener Unwille, Alexanders Forderung nachzukommen, verblüffte und verunsicherte ihn nicht wenig. Als ein Mann von klaren Worten und ebenso einfachen Bedürfnissen hatte er sich bisher nie auf Hofintrigen eingelassen.

Er hatte die Ländereien seines Vaters im Hochland von Mazedonien geerbt, als er noch jung gewesen war, und hatte diesen Besitz und den Reichtum, erworben im Dienste des alten Königs und seines Sohnes Alexander, um ein Vielfaches vermehrt. Bewusst hielt er sich von den Eifersüchteleien fern, von denen viele aus dem engeren Kreis des Königs wie besessen waren, und es geschah äußerst selten, dass er nicht einer Meinung mit seinem König war.

Dies war eine dieser seltenen Gelegenheiten. Philip sehnte sich so sehr danach, Farah zu besitzen. Die kleine Kostprobe, die er von ihr bekommen hatte, hatte nur seinen Gaumen gereizt. Immer noch konnte er den Druck ihrer Brüste an seiner Haut spüren und das heiße Begehren, das sie in seinen Lenden erregt hatte. Dieses zarte Wesen rührte ihn an wie nur wenige Frauen zuvor, und er war unwillig, seine Beute herzugeben.

Doch seine Loyalität Alexander gegenüber stand über allem. Mit einer raschen Kinnbewegung bedeutete er Ajax, ihr die Fußfessel abzunehmen.

Farah sank vor Erleichterung in sich zusammen, als der Junge sich niederkauerte und mit dem Heft seines Dolches auf den Bolzen in der Fessel einhämmerte. Einige Minuten widerstand der Bolzen seinen Bemühungen, doch endlich siegte die Kraft des Jungen, und die Manschette öffnete sich.

Über seinen gebeugten Kopf hinweg warf Farah Philip einen flammenden Blick zu, in dem sich Verachtung und Triumph mischten.

„Freu dich nicht zu früh, Farah“, sagte er leise. „Wir werden lange in diesem Land bleiben. Es mag sein, dass wir beide noch nicht fertig miteinander sind.“

„Da … da darfst du sicher sein“, erwiderte sie, mühsam nach Worten suchend. „Du musst bezahlen für … für …“

Sie wandte sich an den Ägypter, der für sie übersetzte. „Die Edle verlangt, dass Alexanders Hauptmann für die schimpfliche Behandlung bezahle, die sie aus seinen Händen erfahren hat.“

Von einigen der Männer im Zelt erhob sich ein schockiertes Gemurmel. Obwohl viele Frauen aus dem Norden für ihren starken Willen bekannt waren, hätten es nur wenige von ihnen gewagt, in der Gegenwart des Königs so freiheraus zu sprechen.

Philip runzelte die Stirn, doch bevor er antworten konnte, schaltete sich Alexander ein.

„Es schmerzt mich, dass du durch ein unglückliches Missverständnis solche Behandlung erfahren hast, Edle“, sagte er und hielt inne, damit der Ägypter die Wörter übersetzen konnte, die sie nicht verstand.

„Mit einem Missverständnis hat das nichts zu tun“, antwortete Farah. „Dieser Mann, dieser Philip aus Tauron …“

„Er stammt aus Mazedonien“, erklärte Alexander. „Tauron ist nur ein Spitzname aus Kinderzeiten, den ich ihm vor langer Zeit gegeben habe.“

Farah entging nicht die Andeutung, dass der König und ihr Peiniger viele Jahre gemeinsam verbracht hatten. Eine Frau aus einem anderen Land hätte an diesem Punkt vielleicht klein beigegeben oder darauf verzichtet, ihre Klage vorzubringen. In Ägypten jedoch stand den Frauen das gleiche Recht wie den Männern zu, ihre Beschwerden bei Hof vorzubringen und Genugtuung zu erwarten.

Fest blickte Farah dem König in die Augen. Obwohl ihr allmählich ihr Griechisch wieder einfiel, griff sie, wenn nötig, auf ihren Landsmann zurück, damit er ihr half, ihre Klage vorzubringen.

„Dieser Mann hat mich zu Boden geworfen, als ich versuchte, die heilige Katze vor seinem Speer zu schützen.“

„Er glaubte, dich vor einem wilden Tier behüten zu müssen, Edle.“

Stolz straffte sie die Schultern. „Hat er ebenfalls versucht, mich zu schützen, als er es wagte, Hand an mich zu legen und meine Lippen mit seinem Mund zu berühren?“

Alexander versuchte, ernst zu bleiben. „Das war gewiss ein bedauerliches Missverständnis.“

„Es ist mehr gewesen als das“, erwiderte Farah. „Niemand außer dem Gatten einer Tempelsängerin darf sie auf diese Weise berühren, sonst wird sie entweiht in den Augen der Götter, denen sie dient.“

„Ich verstehe. Nun, ich muss überlegen, welche Genugtuung dir zuteil werden kann für solch eine … Beleidigung deiner Person.“

Sie schüttelte den Kopf. „Nicht ich bin es, die Genugtuung verlangt.“

„Wenn wir nach Deneba kommen, werden wir mit den Priestern beraten und deiner Göttin angemessene Opfer darbringen“, versicherte ihr Alexander mit einem Anflug von Ungeduld. Er war es nicht gewöhnt, jemandem seine Pläne zu erläutern, und erst recht nicht einer Frau in einem zerrissenen Kleid und mit aufgelöstem Haar.

Farah wagte es nicht, ihn weiter zu drängen, und legte die Hände zusammen. „Ich akzeptiere das Wort Alexanders.“

„Danke“, erwiderte er trocken. Daraufhin wandte er sich an Philip, der neben ihm stand. „Was meinst du, Philip? Sollen wir die Edle jetzt in die Stadt zurückschicken, oder wünschst du, sie mitzunehmen, wenn wir einziehen?“

Ein kurzes Schweigen breitete sich aus, während der König auf eine Antwort wartete. Farah wartete ebenfalls mit angehaltenem Atem. Instinktiv wusste sie, dass in wenigen Augenblicken über ihre Zukunft entschieden würde.

Obwohl der König erst kurz zuvor versichert hatte, er werde dafür sorgen, dass sie Wiedergutmachung für die Behandlung erhielt, die sie erlitten hatte, spürte sie, dass seine Loyalität seinen Männern gegenüber ebenso stark war wie umgekehrt. Wenn Philip etwas dagegen hatte, dass sie ging, oder irgendwelche Einwände vorbrachte, würde der König nachgeben.

Er würde ihm Farah schenken, so wie man einem quengelnden Kind eine reife Feige schenkt. Ihre Titel, ihr Rang, ihre Pflichten im Tempel würden ihr nichts nützen, sollte dieser Mann mit dem rotgoldenen Haar und den blauen Augen beschließen, Anspruch auf sie zu erheben. Bei diesem Gedanken schnürte sich ihr die Kehle zu.

Nach einer Weile, die ihr wie eine Ewigkeit vorkam, zuckte Philip leicht die Schultern. „Es ist wohl besser, wir schicken sie zurück.“

Der König wandte sich zu Farah um. „Du darfst gehen. Dein Landsmann wird dich zurück in die Stadt geleiten. Unterrichte die Ältesten darüber, dass ich innerhalb einer Stunde an den Stadttoren eintreffe. Was immer für Gebete gesungen werden müssen, um diesen Hohepriester des Tempels zufrieden zu stellen, es wird gut für euch sein, wenn ihr bis dahin damit fertig seid.“

Farah schluckte, als sie den merkwürdigen Ausdruck in seinem Gesicht sah, und nickte.

Der ägyptische Krieger trat vor. „Komm mit mir, Edle.“

Farah brauchte einen Moment, um sich klar zu werden, dass man sie meinte und sie nach Deneba zurückkehren durfte.

„Die heilige Katze muss mit mir kommen“, sagte sie drängend. „Ohne meinen Schützling kann ich nicht gehen.“

Ihr Landsmann machte dem König ihr Ansinnen klar, und der nickte. Philip schickte nach den Sklaven, die das Tier hineingetragen hatten.

Farah und die in ihrem Netz gefangene Katze begriffen in ungefähr demselben Augenblick, was die Männer mit den langen Stangen und den misstrauischen Mienen vorhatten. Während Basts irdische Gestalt ihre Fänge entblößte und leise fauchte, trat Farah vor die Männer und wandte sich angespannt an Alexander.

„Wir brauchen keine Träger für sie, großer Herr. Bitte. Eine solche Behandlung würde das Volk von Deneba tief beleidigen. Erlaube mir, sie loszumachen und bei mir zu führen.“

Als der dunkeläugige Krieger dem König ihre Mischung aus Griechisch und Ägyptisch verdeutlichte, zog Alexander die Brauen hoch und wandte sich wieder an Philip.

„Ist es sicher, die Katze loszubinden?“

Philip blickte von dem unruhigen Tier im Hintergrund des Zelts zu Farah, die stolz und unnachgiebig vor vier mit dicken Stangen ausgerüsteten, muskulösen Sklaven und einem Kreis schwer bewaffneter Krieger stand.

„Ich weiß es nicht“, antwortete er und verzog den Mund.

Farah warf ihm einen finsteren Blick zu. „Es ist sicher. Ich habe diese Katze seit ihrer Geburt gepflegt. Sie hat noch nie getötet, weder um der Nahrung willen noch zum Zeitvertreib. Nur ein einziges Mal, um sich selbst und mich zu schützen, hat sie einem Mann den Arm abgerissen.“

Als sie dies kundtat, entstand Unruhe im Zelt. Männer murmelten vor sich hin, und ihre Rüstungen klirrten, als sie ihre Position veränderten, um Platz für ihren Schwertarm zu schaffen.

Befriedigt verzog Farah die Lippen. Sie fürchteten sich zu Recht. Obwohl dieses Tier, das Bast in einer ihrer zahlreichen irdischen Gestalten darstellte, sein Leben lang verhätschelt worden war und aus der Hand gefressen hatte, war ihm die Kraft seiner wilden Artgenossen nicht verloren gegangen.

Farah erkannte, dass Alexander beeindruckt von ihrem mutigen Eintreten für die heilige Katze war. Das ist nur natürlich, dachte Farah. Dieser heldenhafte König trug im Kampf ein Löwenfell. Wie die Ägypter hatte er eine Ader für den Mut, die Beherztheit und die Kraft, die in Katzenwesen wohnten. Jemand wie Alexander würde zu schätzen wissen, wieso Senmut, die Göttin des Krieges, die Löwin zum Wahrzeichen erwählt hatte, warum Bast so häufig mit dem Kopf einer Katze dargestellt wurde.

Allmählich wich Farahs Anspannung. Alexander verstand. Er spürte ebenso wie Farahs Volk, dass die Macht der Götter in allen Wesen gegenwärtig war, von der niedrigsten Kreatur bis zu den großen Pharaonen selbst.

„Wie willst du sie beruhigen, Edle?“ fragte der König.

„Ich werde für sie singen, Herr.“

Erstaunt zog Alexander die Brauen hoch.

„Sie versteht dich?“ „Sie kennt meine Stimme.“

„Und gehorcht sie dieser Stimme immer?“

Farah schüttelte den Kopf, ein wenig schockiert über die Frage, sobald sie sie verstanden hatte. „Ich würde mir nicht anmaßen, ihr Befehle zu erteilen, Herr. Sie ist ein wildes Tier, bloß eine der irdischen Manifestationen der großen Göttin. Sie folgt ihren eigenen Trieben. Ich sorge nur dafür, dass sie gut gefüttert und getränkt und für Zeremonien und Feste bereitgemacht wird. Ich kümmere mich seit ihrer Geburt um sie. Sie kennt mich und meine Stimme, so wie ich die ihre kenne.“

Alexanders durchdringender Blick verharrte auf Farahs Gesicht. „Dann sing für sie.“

Mit einem Nicken willigte sie ein, denn sie war es gewohnt, ihre Kunst sowohl vor großen Menschenmengen als auch kleinen Gruppen auszuüben. „Wie du wünschst. Aber es wäre das Beste, wenn alle anderen das Zelt verließen. Und ich hätte gern Wasser zum Waschen“, setzte sie mit einem geringschätzigen Blick auf Philip hinzu. „Ich kann mich der heiligen Katze nicht nähern, solange ich den Geruch des Mannes trage, der sie misshandelt hat.“

Als man ihm ihre Worte übersetzte, fühlte Philip, wie Ärger in ihn hochstieg. Jetzt hatte die Frau, die er sich hatte gefügig machen wollen, die Oberhand gewonnen, und nun schickte sie ihn gar aus seinem eigenen Zelt. Sosehr sie auch darauf beharrte, dass sie in der Lage sei, das Tier zu beruhigen, war er nicht bereit, sie oder seinen König einem Raubtier zu überlassen, das nicht in Ketten lag.

Alexander war fasziniert von ihr und ihrer Beziehung zu dieser Katze, das sah Philip mit einem einzigen Blick. Der König besaß einen Geist, der ebenso groß war wie sein Herz, einen Geist, der furchtlos, offen und unbeschränkt neugierig war. Dies war genau der richtige Augenblick, um seine Neugierde herauszufordern, und einer, den er sich wohl zunutze machen konnte. Wenn sich herumsprach, dass Alexander von Mazedonien die heilige Katze von Deneba gezähmt oder wenigstens mit ihr gesprochen hatte, würde ganz Ägypten erkennen, dass seine Götter ihm ihr Wohlwollen schenkten.

Die ganze Aufmerksamkeit des Königs war auf das Tier gerichtet, das ihn ebenso durchdringend musterte. Aus dem dunklen hinteren Teil des Zelts sahen ihn die goldfarbenen Augen unverwandt und intensiv an.

Einer von Alexanders Getreuen trat vor, das Gesicht finster verzogen. Parmenion gehörte zur alten Garde. Er hatte schon Alexanders Vater gedient und trug immer noch den Bart, der zu seiner Zeit modisch gewesen war.

„Hältst du das für klug?“ fragte er leise. „Wir kennen weder dieses Mädchen noch wissen wir, welche Macht sie über das Tier hat. Dies könnte eine List sein, ein Versuch, dich umzubringen.“

„Das wäre möglich.“

„Mir gefällt das nicht. Gestatte uns, im Zelt zu bleiben für den Fall, dass sie das Tier zu einem Angriff bewegt.“

„Wenn sie das tut“, erwiderte Alexander gleichmütig, „werde ich ihm die Kehle durchschneiden und ihr ebenfalls.“

5. KAPITEL

Langsam zogen sich Alexanders Kampfgefährten aus dem Zelt zurück, wobei sie über die Schulter zurückblickten und untereinander murrten.

Philip wartete, bis der Letzte gegangen war, ehe er die Zeltklappe herunternahm. Auf Alexanders fragenden Blick hin zuckte er die Achseln.

„Obwohl es scheint, dass ich meine beiden Beutestücke hergeben muss, will ich lieber keines von ihnen an deinem Schwert kleben sehen, wenn es zu vermeiden ist. Ich möchte gern bleiben, Herr.“

„So langsam frage ich mich, wer hier eigentlich wen eingefangen hat“, sagte der König mit einem ironischen Lächeln. Sein scharfer Blick richtete sich auf das Gesicht der Edlen. Er sprach Philip an und bediente sich dabei des Dialekts von Mazedonien.

„Was ist an dieser Frau das Besondere, das dich anzieht? Zugegeben, sie hat einen zarten Körper und ist recht hübsch anzusehen, aber nicht so schön wie andere, die du besessen hast. Und sie scheint nicht bereit, dir ihre Gunst zu schenken.“

„Noch nicht, vielleicht.“

Der König neigte den Kopf ein wenig zur linken Schulter, eine Angewohnheit, die inzwischen nicht wenige seiner Kampfgefährten nachahmten.

„Wie der Ägypter sagte, ist sie dem Herrn dieser Stadt versprochen.“

Philips Kiefer verkrampfte sich. „So ist es.“

Der Ärger, den er vorhin empfunden hatte, verstärkte sich. Er musste nicht nur seine Beute hergeben, sondern bald hatte er auch mit dem Mann zu verhandeln, der an seiner Stelle Anspruch auf sie erheben würde. Der Gedanke, dass ein anderer Mann das Feuer schüren würde, das er hatte wild auflodern lassen wollen, passte ihm ganz und gar nicht.

„Jedenfalls möchte ich, dass sie heil zurückgebracht wird. Darf ich bleiben?“

„Wie du meinst.“

Es war offenkundig, dass die Edle alles andere als erfreut über Philips Anwesenheit war, doch sie enthielt sich jeder Äußerung. Stattdessen kniete sie auf der Matte nieder und tauchte beide Hände in die flache Tonschale mit Wasser, die man ihr gebracht hatte.

Farah ignorierte den dumpfen Schmerz in ihrer Schläfe, kniff die Augen zusammen und spritzte Wasser über ihr Gesicht und ihre Arme. Es fühlte sich auf ihrer Haut lauwarm an und roch stark nach dem Schlauch aus Ziegenfell, in dem es transportiert worden war, doch sie war so froh, den Schmutz abzuspülen, der sie bedeckte, dass sie es kaum bemerkte. Wahrscheinlich würde sie den Geruch des Barbaren nicht vollständig abwaschen können, nur das Allerschlimmste davon.

Sobald sie mit ihrer Reinigung fertig war, stand sie auf. „Ich werde ein Messer brauchen, um die Stricke zu zerschneiden.“

Als Philip ihr holpriges Griechisch verstand, zog er ihren Dolch aus dem Gürtel. „Hier, du kannst ebenso gut dein eigenes wieder an dich nehmen.“

Farah blickte auf den juwelenbesetzten Dolch herab, überrascht und erleichtert, dass er ihn ihr zurückgab. Das Messer war hübsch, besetzt mit wertvollem Lapislazuli und blutrotem Karneol, und ein Geschenk ihres Vaters gewesen. Seine scharfe Schneide hatte ihr immer dazu gedient, dem Wild, das die heilige Katze bei ihren Ausflügen erlegte, den Todesstoß zu geben.

Für gewöhnlich beschenkte sie mit dieser reichen Gabe die Bauern, deren Land sie durchstreiften, oder die Familien der Steinmetze, die in den Kalksteinbrüchen der Wüste arbeiteten. Die Geschenke der Katze trugen viel zu ihrer Beliebtheit in der Bevölkerung bei und dazu, dass es weniger Murren über den einen Tag gab, an dem die Bauern Dienst im Tempel leisten mussten.

Farah war klar gewesen, dass der Dolch ein klägliches Werkzeug war, um diesem Krieger zu drohen, doch etwas anderes hatte sie nicht gehabt. Als sie gesehen hatte, wie er seinen Speer gegen die heilige Katze erhoben hatte, hatte sie instinktiv reagiert. Das Messer war ihr entglitten, als er ihr Handgelenk beiseite geschlagen hatte. Immer noch trug es die Spuren dieser rohen Behandlung.

Bei den Göttern, gibt es einen Teil meines Körpers, der nicht seine Kraft gespürt hat? fragte sie sich ärgerlich. Immer noch schmerzte ihr Kopf, ihre Rippen protestierten bei jedem Atemzug, und ihre Hüfte war blau und wund von dem Sturz auf den harten Boden. Und ihre Lippen. Immer noch glaubte sie, den Druck seines Mundes auf ihrem zu spüren. Bei der Erinnerung daran, wie er seine Lippen auf ihre gepresst hatte, riss Farah ihm den Dolch aus der Hand und wandte sich ab.

Mit großer Willensanstrengung fasste sie sich, bevor sie sich dem Tier näherte. Die Katze kannte sie in allen ihren Stimmungen und würde ihre Unruhe spüren, wenn sie nicht jeden Gedanken an den Hellenen aus ihrem Geist verbannte. Alexander hatte Wiedergutmachung für das Benehmen dieses Philip Tauron ihr gegenüber versprochen. Sie würde dafür sorgen, dass diese Wiedergutmachung geleistet wurde. Später. Jetzt musste sie sich um ihren Schützling kümmern.

Langsam trat sie auf die Katze zu. Von allen Wüstenkatzen, die in Farahs Dienstzeit in den Tempel gebracht oder dort geboren worden waren, war diese die zärtlichste und verspielteste. Doch selbst ein spielerischer Biss in den Knöchel oder ein freundlicher Hieb mit diesen scharfen Krallen konnte Blut fließen lassen. Und wenn Basts irdische Gestalt wütend war, so wie jetzt, war es durchaus möglich, dass sie ihr Missfallen deutlich bekundete.

Unter seiner Hülle aus Hanfseilen zusammengekauert, beobachtete das Tier, wie Farah näher kam. Es kniff die schräg stehenden Augen, die in dem trüben Licht eher grün als golden wirkten, zusammen. Die schwarz geränderten Lefzen zogen sich zurück, als die Katze die Mischung von Düften einsog. Es gefiel ihr nicht, dass seine Hüterin noch den Rest des Geruchs des Barbaren trug, so viel war klar.

„Es tut mir Leid, was sie dir angetan haben, o Tochter des Re“, sang Farah leise und ließ sich langsam auf die Knie nieder. „Geliebte der Bast, mit der Nase Thoths und dem Schwanz der Schlangengöttin Wadjet. Solch eine Schande, so angekettet zu sein, wo du niemals Fesseln gekannt hast. Welche Lästerung für eine, die Basts irdische Gestalt verkörpert.“

Farahs Stimme wogte auf und ab wie das Schilf an den Ufern des Nils, wenn die kühlen Winde aus dem Norden bliesen. Mit jedem Satz klang sie tiefer und voller.

„Wirst du mir erlauben, dich loszumachen? Wirst du mir erlauben, dich zu befreien, auf dass du mit dem Wind läufst und dich in der Sonne auf dem Rücken rollst? Darf ich für dich singen, o Jägerin der Pharaonen? Darf ich, während ich diese Seile durchschneide, deinen Zorn besänftigen und deine Ängste stillen?“

Die Katze fauchte leise. Farah, die dazu ausgebildet war, auf die vielen Tonlagen ihrer Stimme zu hören, deutete dies als eine Erlaubnis fortzufahren. Ein Knurren, das wusste sie, kündigte Zorn an. Ein Fauchen wie dieses deutete eher auf Unsicherheit und Unbehagen hin als auf Wut.

Farah fuhr in ihrem Sprechgesang fort, steckte den Dolch durch das Netz und begann, die Schnüre zu zerschneiden. Nachdem der Kopf der Katze befreit war, rechnete Farah beinahe mit einem blitzschnellen Biss in die Hand oder den Arm. Nichts davon geschah, obwohl die Ohren flach an dem schmalen Kopf anlagen und die schwarz geränderten Lefzen sich wieder zurückzogen.

Die Wüstenkatze war immer noch unsicher, atmete immer noch durch ihr offenes Maul den an ihr haftenden Geruch des Barbaren ein wie eine seltsame Spur oder Duftmarke. Ihr Fell sträubte sich und glättete sich dann nach und nach, als sie Farahs eigenen Duft hinter dem anderen erkannte.

Als Wüstentier hatte die Katze ein dichtes Fell, um sich vor der extremen Hitze und Kälte zu schützen. Seine blasse Farbe und die schwache Zeichnung gestatteten es ihr, mit der Landschaft zu verschmelzen, sodass Farah sie häufig während ihrer Ausflüge zwischen den Felsen und Schluchten aus den Augen verlor. Doch sie kehrte immer zurück.

Manchmal schlich sie sich von hinten heran und knabberte spielerisch an Farahs Fersen, manchmal sprang sie von oben auf sie herab und erschreckte ihre Hüterin fast zu Tode. Bei solchen Gelegenheiten zeigte die Katze eine Miene, die man nur als Grinsen bezeichnen konnte.

Doch im Moment hatte sie einen anderen Ausdruck. Jetzt sprach die Art, wie sie die Lefzen hochzog, von Misstrauen, Verwirrung und dem Rest der instinktiven Furcht eines wilden Tiers davor, eingesperrt zu sein. Vorsichtig zerschnitt Farah die verbliebenen Hanfstricke.

Die Katze erhob sich, schüttelte sich und warf die Überreste des Netzes ab. Farah sah, dass ihre Muskeln sich zum Sprung anspannten, und wagte es, ihr sanft und einschmeichelnd die Hand auf den Kopf zu legen.

„Warte, warte“, sagte sie in ihrem Singsang. „Wir müssen dir die Ketten abnehmen. Dann sind wir beide frei, in den Tempel zurückzukehren.“

Die Katze blieb angespannt, ihr Schwanz peitschte unaufhörlich zuckend hin und her, doch sie sprang nicht. Farah schluckte vor Erleichterung.

Behutsam streichelte sie das Tier, um es zu beruhigen, während sie ihm weiter zusang. Eine ganze Weile blieb die Katze unter ihrer Berührung starr, doch endlich spürte sie eine Bewegung unter ihrer Haut, und das Tier machte unter ihrer Hand einen Buckel.

Die verspannten Muskeln in Philips Schulter lösten sich nach und nach, während er Farahs Gesang zuhörte. Ihre Stimme klang leise, melodisch und besänftigend, und er fühlte sich merkwürdig angerührt. Das Auf und Ab der Töne ließ Philip unwillkürlich an die Legende von den Sirenen denken, die mit ihren Gesängen Seeleute ins Verderben zogen.

Alexander spürte den Sog ebenfalls. „Mit dieser Stimme könnte sie die Vögel von den Bäumen locken“, murmelte er. „Kein Wunder, dass du ihrem Zauber verfallen bist.“

„Für mich hat sie noch nicht so gesungen“, erwiderte Philip leise. „Doch wenn die Götter es wollen, wird sie es vielleicht eines Tages tun.“

Die beiden Männer erstarrten, als Farah sich an der Kette zu schaffen machte, die durch das Halsband des Tieres geschlungen war. Sie klirrte, als Farah sie durch das Leder zog, und die Katze scheute und fauchte. Noch einmal beruhigte sie sie. Einen Augenblick später klirrte die zweite Kette auf die Matte, und das Tier war frei.

Seine Ohren waren weiter angelegt, und seine oberen Lefzen zogen sich noch höher und enthüllten schimmernde weiße Fänge. Einen Moment blieb es stehen und betrachtete die beiden Männer aus zu Schlitzen zusammengezogenen Augen. Philip schätzte, dass das Tier vom Kopf bis zur Schwanzspitze ungefähr so lang war wie ein Mann groß.

Als es auf sie zugestrichen kam, rührte sich keiner der Männer, aber ihre Hände lagen fest auf ihren Kurzschwertern. Philip fühlte, wie sich ihm die Haare im Nacken sträubten. Dies war ein echter Jäger auf der Pirsch, gefährlich in seinen lautlosen, anmutigen Bewegungen.

Farah kam mit der Katze heran und sprach Alexander mit leiser, fester Stimme an. Ihr Griechisch war jetzt fließender, bemerkte Philip, obwohl sie immer noch etliche Handbewegungen brauchte und Pausen einlegte, um sich verständlich zu machen.

„Mit deiner Erlaubnis, Herr, werden wir euch jetzt verlassen.“

Alexander nickte und behielt misstrauisch das Tier im Auge, das an seinem Umhang schnüffelte. „Deine Eskorte erwartet dich vor dem Zelt, Edle.“

Sie zögerte einen Augenblick, dann erinnerte sie ihn kühn an sein vorheriges Versprechen. „Du wirst Basts irdische Gestalt wieder sehen, wenn du kommst, um im Tempel dein Opfer zu bringen.“

Alexander stand still und unbeweglich da, während die Katze um seine Beine strich. „Und du, Edle? Werden wir dich wieder sehen?“

Sie warf Philip einen kurzen, verächtlichen Blick zu, ehe sie dem König antwortete: „Ja, Herr, ich werde da sein. Ich wünsche anwesend zu sein, wenn dieser Mann hier dafür einsteht, dass er Hand an mich und meinen heiligen Schützling gelegt hat.“

Alexander zog die Brauen hoch, doch er entließ sie mit einer Handbewegung, ohne noch etwas zu bemerken.

Philip spürte, wie ihr zerrissenes Gewand an ihm vorbeistrich. Sprungbereit stand er da, als sie nach der Zeltklappe griff, denn er war nicht sicher, wie das Tier auf die Menschenmenge draußen reagieren würde. Lautlos zog er das Schwert aus der Scheide und rechnete halb damit, dass es zu einem Tumult kommen würde.

Nichts geschah.

Die Edle sprach noch einen Augenblick in ihrem Singsang zu dem Tier, ehe sie langsam den schweren Stoff hochklappte. Sie standen in der Zeltöffnung und hoben sich als Silhouette vor dem frühmorgendlichen Himmel ab. Trotz ihres aufgelösten Haars und ihres beschmutzten Gewands wahrte Farah eine ebenso königliche Haltung wie das Tier. Kopf und Schultern hielt sie stolz erhoben, weiter unten ging ihr Rücken über in ein hübsches Hinterteil.

Jetzt trat sie nach draußen, und der König folgte ihr. Philip ging hinter ihnen, die Hand am Schwert, das er jetzt mit der Spitze nach unten an seiner Seite hielt. Er musste sich zusammennehmen, um ruhig zu bleiben, während sie auf den Pferdewagen zuschritt, der vorgefahren war. Daneben wartete der ägyptische Krieger. Die Katze lief mit peitschendem Schwanz neben Farah her.

Hastig wichen die Umstehenden zurück und machten einen breiten Pfad für die beiden frei. Mehr als eine Hand schloss sich um einen Speer oder das Heft eines Schwertes.

Das Tier ignorierte sie alle, und erst da wurde Philip klar, dass es an solche Menschenmengen gewöhnt sein musste. Zweifellos ging es häufig bei Prozessionen neben seiner Herrin.

Die Pferde waren nicht so an die Wüstenkatze gewöhnt wie diese umgekehrt. Sie nahmen den Geruch der Katze wahr, als diese sich näherte, und tänzelten nervös in ihren Geschirren. Ein Diener ergriff die Riemen und zwang ihre Köpfe nach unten. Als sie sich nach einigem Bocken, Aufbäumen und Stampfen beruhigt hatten, hob der Ägypter die Edle hinauf. Mit beiden Händen umklammerte sie die eiserne Halteschiene, während er den Wagen aus dem Lager lenkte.

Die Katze hielt sich auf gleicher Höhe, bis sie die Linie der Posten erreichten, die den Hügelkamm bewachten, dann sprang sie in großen Sätzen davon. Der Ägypter folgte ihr und trieb die Pferde zu größerer Geschwindigkeit an. Wenig später waren sie auf dem Abhang verschwunden, der zur Stadt führte.

Philip, der ziemlich verstimmt war über die Wendung, die die Ereignisse genommen hatten, steckte sein Schwert zurück in die Scheide. Seine verletzte Schulter machte ihm zu schaffen. Als die Klinge endlich an ihren Platz glitt, blickte er auf und stellte fest, dass einer der Gefährten des Königs neben ihm stand. Ein finsterer Ausdruck lag auf dessen anziehendem Gesicht.

„Du kannst deinen Arm immer noch nicht richtig gebrauchen, nicht wahr?“

„Ich komme schon zurecht, Hesphaistion.“

Alexander hatte die Frage gehört und drehte sich um, wobei er ebenfalls die Stirn runzelte. „Mein Arzt meint, du solltest dem Arm Ruhe gönnen und Zeit, um richtig zu heilen.“

„Wäre es mein Schwertarm, würde ich mich darüber sorgen, dass er so langsam heilt, aber das ist er nicht“, antwortete Philip gelassen. „Außerdem, wer in Alexanders Heeren hat schon Zeit zum Ausruhen?“

„Du anscheinend nicht.“

Der König rief seine übrigen Leute zusammen und ging zurück zum Zelt. „Ich war so verblüfft über deine Beute, dass ich noch gar keine Gelegenheit hatte, dir zu berichten, dass ich Herolde aus Memphis empfangen habe. Man möchte die Kronen Ägyptens auf mein Haupt setzen, sobald wir dort eintreffen.“

„Oh!“ rief Philip aus. „Dann ist es wirklich dein, dieses Land am Nil?“

„So ist es“, erwiderte Alexander bedächtig. Er blieb kurz vor dem Zelt stehen und umfasste mit einer Geste die karge Landschaft im Westen, die von der aufgehenden Sonne in ein strahlendes Rot getaucht wurde. „Es gehörte mir schon, bevor ich kam.“

Philip sah, dass hinter dem König einige der Kampfgefährten Blicke austauschten. Viele von ihnen hatten über Alexanders Entschluss gemurrt, nach dem Sieg bei Issus südwärts nach Ägypten zu marschieren, statt den persischen König zu verfolgen und ihm den Garaus zu machen. Einige hatten ihre Bedenken laut ausgesprochen.

Besonders beredt war der bärtige Parmenion gewesen, der sein Ansehen als Angehöriger der alten Garde nutzte, um dem König zu widersprechen. Etliche andere hatten während der blutigen Belagerung von Tyrus und dann wieder in Gaza versucht, den König zu überzeugen, dass Ägypten, mochte es noch so reif für ihn sein, der Mühe nicht wert sei.

Doch Alexander kehrte nicht um. Er wollte den Krummstab und den Dreschflegel und die Doppelkrone Ägyptens. Er wollte, dass seine Armeen in dem fruchtbaren Tal überwinterten und seine Gouverneure herrschten, wenn die Armeen aufbrachen. Manch einer flüsterte jedoch, dass er als Gott verehrt werden wollte.

Der König hatte solche Sehnsüchte nie in Worte gefasst, außer vielleicht gegenüber seinem engsten Freund Hesphaistion. Aber seine Mutter Olympias hatte wiederholt behauptet, ihr Sohn sei göttlicher Abstammung, und erklärt, ein Gott sei in der Gestalt von König Philip zu ihr gekommen und habe sie geschwängert. Solche Behauptungen wurden sowohl von den bodenständigen, praktischen Mazedoniern als auch von den Griechen übel vermerkt, die immer noch daran zu schlucken hatten, dass man sie gezwungen hatte, Mazedoniens Vormachtstellung als „Erster unter Gleichen“ hinzunehmen.

Zweimal hatten die Griechen rebelliert, und sie würden es wieder tun, falls Alexander versuchte, einen göttlichen Herrschaftsanspruch über sie zu geltend zu machen. Solange der König sich so fern von seinem Heimatland aufhielt, waren solche Aufstände immer schwieriger einzudämmen. Während dieses fremde Land den König willkommen hieß und bereit war, ihm seine Krone zu schenken, saß die eigene wacklig auf seinem Haupt.

Nachdenklich folgte Philip dem König ins Zelt. Ägypten hatte anscheinend bereits das Netz des Zaubers über sie beide geworfen. Was Alexander anging, war dieses Netz aus uralten Fäden gewoben, die bis zum Anbeginn der Zeiten zurückreichten. Für Philip jedoch lag die Magie in einem Paar wundervoller Augen und einem schlanken, geschmeidigen Körper.

Philip ertappte sich dabei, dass er in der Menschenmenge, die eine Stunde später aus den Toren von Deneba strömte, um den König zu begrüßen, die edle Farah suchte. Falls sie zu dem Chor weiß gekleideter Sängerinnen mit den kunstvollen Perücken gehörte, konnte Philip sie nicht ausmachen.

Sofort erkannte er jedoch den Mann, der ihr Ehemann sein würde. In einen sorgsam gefältelten Leinenschurz und mit einem breiten Kragen aus Türkisen saß er in einem vergoldeten Wagen, der so hell strahlte, dass er in der Morgensonne das Auge blendete, und führte die Prozession an.

„Ich bin Remi, Sohn des Seneb“, sagte der Ägypter, nachdem er die Pferde gezügelt hatte und herabgestiegen war, um den König zu grüßen. „Ich bin gekommen, um dich in Deneba willkommen zu heißen, großer Herr.“

Alexander war nicht in der Stimmung, sich huldvoll zu geben. Von Bucephalus’ breitem Rücken blickte er auf den Mann herunter.

„Ihr habt euch lange genug Zeit gelassen.“

Der Anflug eines Errötens färbte Remis hohe Wangenknochen dunkler. „Es gab … einige Verwirrung im Tempel, bis die edle Farah sicher zurückkehrte und die Omen sang. Ich hörte, für ihre Rückkehr habe ich dir zu danken.“

In den Rängen hinter Alexander presste Philip angewidert die Lippen zusammen. Die Frau, die diesem Mann zur Gattin versprochen war, war einen Tag und eine Nacht aus der Stadt verschwunden gewesen, und doch hatte er weder Nachforschungen angestellt, noch hatte er Leute ausgeschickt, um sie zu suchen. Entweder schätzte er sie gering, oder er sorgte sich mehr um die Bedrohung, die die Eindringlinge für seine Stadt und seine Schatzkammer darstellten, als um die edle Farah.

Der Blick aus Remis dunklen Augen glitt über die Reihen der Männer, die hinter Alexander aufmarschiert waren, alle in Purpur und glänzenden Rüstungen und in der heißen Morgensonne heftig schwitzend.

„Einer von deinen Männern muss sich dafür verantworten, wie er mit der Edlen und derjenigen, die die irdische Gestalt der Göttin darstellt, umgesprungen ist.“

„Alexanders Hauptleute brauchen sich nur vor ihm selbst zu verantworten“, erwiderte der König kalt. „Ich werde eurer Göttin jedes Opfer bringen, das als angemessen festgesetzt wird, sobald ich mit dem Hohepriester gesprochen habe – was ich sofort wünsche. Ich bin alles andere als erfreut über die Rolle, die er bei dem Ganzen gespielt hat.“

Alexander riss sein Pferd herum und lenkte es auf die hoch aufragenden Tore zu, die zum Tempel führten. Der edle Remi folgte ihm und danach die mazedonischen Truppen.

Philip lächelte finster in sich hinein, als er hinter der königlichen Leibgarde in einen leichten Trab fiel. Er bezweifelte nicht, dass man ihm den Preis des prächtigen Ochsen oder des Widders mit den Krummhörnern, den Alexander als Opfer darbringen würde, von seinem Anteil am Tribut abziehen würde, und das war nur recht so. Es war ein geringer Preis für die Stunden mit der edlen Farah. Wenn er diese Stunden nicht in seinem Sinne genutzt hatte, dann hatte er es nur sich selbst zuzuschreiben.

Als sie über die mit Ziegeln gepflasterte Allee ritten, die zu den Doppeltürmen des Haupttores führte, konnte Philip nicht ahnen, dass diese paar Stunden ihn weit mehr kosten sollten als einen Ochsen oder einen Widder mit Krummhörnern.

In diesem Moment dachte er nur, dass der Tempel der Bast in leuchtenden Farben erstrahlte, wie er sie nie im Leben gesehen hatte. Riesige Götterfiguren, bemalt in Rot-, Blau-, Orange- und Grüntönen, hoben sich vor den weiß getünchten Mauern ab und strahlten in der hellen ägyptischen Sonne. Vor dem Hauptportal flatterten an Reihen hoher Mäste, deren Spitzen aus schimmerndem Gold gearbeitet waren, bunte Wimpel.

Noch farbiger leuchteten die riesigen Statuen, die in regelmäßigen Abständen an den Mauern aufgestellt waren. Viele von ihnen trugen die Köpfe von Tieren: dem grimmigen Schakal, dem todbringenden Krokodil oder der friedlichen Kuh.

Doch es war die Statue, die gleich links vom Haupteingang stand, die Philips Blick auf sich zog. Etwa zwanzig Meter hoch stand die Katzengöttin in einer von Säulen gebildeten Nische. In der einen Hand hielt sie einen Stab, in der anderen das Symbol des Lebens, das Ankh.

„Sie ist die Göttin der Wärme.“ Neben Philip erklang Sombassas tiefe Stimme. „Die Göttin der Freude, des Tanzes und der Musik, aber vor allem die der Fruchtbarkeit. Die Männer und Frauen dieses Landes beten zu ihr, damit sie ihre Vereinigung segnet. An vielen Orten wird sie in Gestalt einer gewöhnlichen Hauskatze dargestellt, mit einem Wurf Kätzchen zu ihren Füßen.“

„Hierzulande ist sie wilder“, bemerkte Philip, der die langen spitzen Ohren und die schräg stehenden Augen im Gesicht der Statue bemerkte. „Hier nimmt sie die Gestalt einer Wüstenjägerin an.“

„Hier ist sie wirklich ungezähmter“, pflichtete Sombassa ihm bei. „Viele Menschen in dieser Gegend gehören zu den Stämmen, die das weite Land im Westen durchstreifen. Das Rote Land nennen sie es. Sie haben den Pflug genommen und arbeiten heute auf den schwarzen Feldern am Nilufer, doch es wohnt noch eine Wildheit aus jenen alten Zeiten in ihnen.“

Philip lächelte und dachte an die halbnackte Frau, die sich ihm nur mit einem Dolch bewaffnet und tollkühnem Mut entgegengestellt hatte. „Du sagst es, mein Freund.“

Ein Heer weiß gekleideter Priester erwartete den Trupp des Königs am Hauptportal, begleitet von Chören und Musikanten. An der Spitze stand ein gebeugter alter Priester, der als Zeichen seines hohen Amtes ein Leopardenfell trug. Sein kahler Kopf glänzte in der heißen Morgensonne, und er stützte sich wartend auf einen langen vergoldeten Stab.

Während er den König mit so dünner Stimme begrüßte, dass sie beim Scharren der Stiefel und dem Stampfen der Pferdehufe kaum zu hören war, ließ Philip noch einmal den Blick forschend durch die Reihen der Sängerinnen wandern. Endlich fand er die, die er suchte. Sie stand in einiger Entfernung neben dem Hauptchor. Wäre nicht die Katze an ihrer Seite gewesen, hätte er sie nicht erkannt.

Das Mädchen aus der Wüste trug jetzt alle Insignien seines Ranges. Verschwunden war das zerknitterte Kleid. Nun war sie in ein fließendes Gewand aus feinstem Leinen gehüllt, das in zahlreiche winzige Falten gelegt war. Eine breite Schärpe aus demselben dünnen Stoff war über ihre Schulter drapiert und an ihren Brüsten geknotet, sodass sie weite Ärmel bildete, die ihr bis zu den Ellbogen reichten. Um den schlanken Hals trug sie einen breiten Kragen aus Gold, Türkis und tiefblauem Lapislazuli, an ihren Ohren hingen Ringe, und Armreife umspannten ihre Oberarme. Ein goldenes Stirnband bändigte die Strähnen ihrer Zeremonienperücke, die zu dünnen, schimmernden Zöpfen geflochten war, von denen jeder einzelne am Ende mit einem Türkis beschwert war.

Doch es waren ihre Augen, die Philips Blick fesselten. An den Augenwinkeln hatte man sie durch dicke Linien aus Khol verlängert und ihnen mit einem schimmernden Malachitschatten auf den Lidern Tiefe verliehen. Sie wirkten zugleich geheimnisvoll, verführerisch und fremdartig. Ihr Blick glitt einmal kurz über Philip, woraufhin sie sich rasch abwandte.

Der Blick der edlen Farah kehrte erst zu Philip zurück, als die Gesänge und die Zeremonien vorüber waren. Nachdem der Hohepriester sein Urteil verkündet hatte, wandte Farah sich Philip entsetzt und verblüfft zu.

Sie kann nicht erstaunter sein als ich, dachte Philip. Er vermochte nicht zu glauben, welches Urteil er soeben gehört hatte.

Der König konnte es ebenso wenig. Alexanders zornige Stimme hallte durch die hohe, säulenbestandene Halle.

„Was sagst du da?“

Der alte Priester zog die knochigen Schultern hoch. Der Schweiß stand auf seinem kahlen Kopf und rann ihm den Nacken hinunter. Der Mann war sichtlich nervös, der Überbringer solcher Kunde zu sein.

„So ist unser Brauch, Herr. So fordert es die Göttin.“

„Sag es mir noch einmal“, befahl der König. „Sag mir noch einmal, was euer Brauch ist.“

„Basts irdische Gestalt ist allen, die sie verehren, heilig“, wiederholte der Priester unsicher. „Niemand darf die Katze berühren oder ihr auf irgendeine Weise Schaden zufügen, ohne die Strafe zu erleiden, die die Göttin verhängen mag.“

Der Alte schluckte und ließ dann die Zunge über seine bläulichen runzligen Lippen gleiten. „Euer Hauptmann, den ihr Philip Tauron nennt, hat nicht nur Hand an Basts irdische Gestalt gelegt, sondern auch an die, die ihr dient.“

„Das leugnen wir nicht.“

„Niemand außer ihrem Gatten darf Hand an eine Priesterin des Tempels legen … und sie behalten. Für diese Anmaßung verlangt die Göttin eine angemessene Bestrafung. Er muss den Verlust der Hand erleiden, die sie beleidigt hat.“

Ein kalter Schauer lief Philip den Rücken hinunter, doch er hielt sich kerzengerade, den Helm unter den Arm geklemmt. Hätte ihm jemand vor zwei Stunden erzählt, noch vor Sonnenuntergang würde er kurz davor stehen, dass ihm die linke Hand am Gelenk abgeschlagen wurde, hätte er ihm ins Gesicht gelacht. Nun war ihm nicht im Geringsten zum Lachen zumute.

„Dies ist der Wille der Tochter des Re“, erklärte der Alte.

„Das sagst du, Priester“, konterte der König.

Senmut schluckte. „Das sagt die Göttin, großer Herr. Die Omen waren da in den Eingeweiden des Stiers, den du selbst als Opfer dargebracht hast.“

„Und du hast sie gedeutet.“

Alexanders Stimme war in der weiten, höhlenartigen Halle nicht mehr als ein Flüstern, doch in ihr lag das Gift eines Skorpions. Der Priester wurde bleich. Einen Augenblick lang sprach niemand. Dann richtete der Alte sich auf.

„Ich habe sie gedeutet“, erwiderte er mit einer schlichten Würde, die ihn ebenso zu überraschen schien wie alle anderen. Er schwieg kurz, ehe er fortfuhr: „Seit dem zweiten Regierungsjahr von König Nectanebo bin ich der Hohepriester an diesem Tempel. Er war der letzte echte Pharao von Khemet … bis du gekommen bist, großer Herr. Bald wirst du die rot-weiße Krone von Ober- und Unterägypten tragen. Als Pharao wirst du unsere Götter verehren und unser Gesetz annehmen.“

Philip sog schnell den Atem ein. Der Priester war gewitzter, als er schien! Indem er den König daran erinnerte, dass er kurz davor stand, den Thron der beiden Reiche Ägyptens zu besteigen, band er den König an dessen Bräuche und Traditionen. Wenn Alexander den Spruch des Priesters nicht anerkannte, schlug er damit die Krone aus.

„Wir haben die Gebete zweimal gesungen“, sprach Senmut weiter und knetete nervös seine Finger. „Ein Irrtum ist nicht möglich. Es ist der Wille der Göttin.“

„Der Wille der Göttin oder der ihrer Magd?“ Alexander wirbelte herum, um die Frau anzusehen, die an der Seite stand. „Hast du dies ins Werk gesetzt, Edle?“

Farahs Gesicht war aschgrau, und sie presste die Nägel in die Handflächen. „Nein, Herr.“

„Hast nicht du die Omen gesungen?“

„Ich … ich habe sie gesungen, aber ich deute sie nicht. Diese Macht ist mir nicht gegeben.“

Der edle Remi stand unbewegt einige Schritte hinter ihr und nahm scheinbar keinen Anteil an dieser Auseinandersetzung. Doch Philip sah ein triumphierendes Aufblitzen in seinen dunklen Augen, als deren Blick von Farah zu Alexander wanderte. Philip wusste, wer dieses Urteil arrangiert hatte.

Das Gesicht des Königs, das durch die Sonne bereits gerötet war, lief zu einem Unheil verheißenden Farbton an, als er sich wieder zum Priester umwandte. Philip sah zu, und Furcht überkam ihn. Wenn Alexander von Mazedonien gute Laune hatte, konnte er verblüffen, entzücken und bezaubern.

Geriet Alexanders Blut aber in Wallung, konnte er seine Truppen zu unglaublichen Siegen führen. Im Zorn war derselbe Mann in der Lage, einem besiegten Gegner Lederriemen durch die Knöchel ziehen und ihn durch eine eroberte Stadt schleifen zu lassen, bis endlich die Schreie des gequälten, zerbrochenen Mannes erstarben.

Philip durfte nicht zulassen, dass seine überstürzte Tat solchen Zorn über Ägypten brachte, das Alexander doch friedlich einnehmen wollte. Und er konnte auch nicht zulassen, dass eine ganze Stadt dafür büßen musste, weil er eine einzige zarte Frau geraubt und sie grob behandelt hatte. Ihm blieb nur eines übrig.

Er trat vor und sah dem König unverwandt in die Augen. „Ich nehme das Urteil an.“

Alexander schüttelte den Kopf. „Das werde ich nicht zulassen!“

„Ich habe die Frau gefangen genommen. In ihren Augen habe ich sie schändlich missbraucht.“ Philip verzog den Mund zu einem freudlosen Lächeln. „Da ich nun den Preis dafür bezahlen soll, wünschte ich nur, ich hätte es getan.“

6. KAPITEL

Farah umklammerte das Halsband der heiligen Katze so fest, dass die Steine in ihre Handflächen schnitten. Große Mutter Isis, wie war dies geschehen? Wie war Senmut zu solch einem Urteilsspruch gelangt?

Sie und der alte Priester waren sich einig gewesen, dass der Barbar für seine Taten büßen sollte. Als sie den Tempel verlassen hatte, um sich zu reinigen, hatte Senmut etwas von einer dicken Geldstrafe gemurmelt, vielleicht einer rituellen Prügelstrafe. Farah hätte nichts gegen eine Auspeitschung gehabt. Tatsächlich hätte es sie sehr befriedigt, die Striemen auf dem Rücken des anmaßenden, groben Nordländers zu sehen. Aber was für ein Einfall, ihm die Hand abschlagen zu wollen! Wo im Namen des Horus kam der her?

Sobald sie sich die Frage gestellt hatte, kannte Farah die Antwort. Der edle Remi. Ihre Finger krampften sich noch fester um das juwelenbesetzte Halsband, sodass die Katze ihren Hals drehte und warnend fauchte. Farah schluckte mühsam und lockerte ihren Griff.

Sie hatte den Zorn in Remis dunklen Augen brennen sehen, als sie ihm ihre Geschichte erzählte. Voller Verachtung hatte er ihren mit blauen Flecken übersäten, schmutzigen Körper betrachtet. Doch er war nicht jemand, der laut aussprach, was er dachte. Und auch niemand, ging es ihr durch den Kopf, und die Kehle wurde ihr eng, der Schwert und Schild anlegt und zu meiner Verteidigung herbeistürzt.

Stattdessen hatte er einen anderen Weg gefunden, um die Schmähung zu rächen, die ihr, und damit ihm, widerfahren war. Als er sich mit den Hohenpriestern in das Innere des Heiligtums zurückgezogen hatte, wo weder Frauen noch Außenstehende Zutritt hatten, musste er dem alten Senmut eine andere Deutung der Omen eingeflüstert haben.

Erkennt Remi denn nicht, welches Unheil er über sie alle bringen wird? dachte sie mit einem Anflug von Panik. Der edle Remi mochte kein Krieger sein, doch der Mann, an dem er sich rächen wollte, war gewiss einer. Dieser Philip Tauron diente Alexander als einer seiner Hauptleute. Doch er war mehr als sein getreuer Kampfgefährte, er war sein Freund. Farah wusste, dass der löwenmähnige König nicht zulassen würde, dass einer seiner engsten Gefährten so verstümmelt wurde, auch wenn Philip gesagt hatte, er nehme das Urteil an.

Ihr panikerfüllter Blick flog vom König zu dem Mann, der neben ihm stand. Er war so groß, so stark – und nun schien es, dass sein Herz es ebenfalls war. Er verstand genau wie sie, dass es Unheil über Deneba und vielleicht ganz Ägypten bringen würde, wenn er die Deutung des Omens durch den Priester anzweifelte.

Schwer atmend blickte der König auf den mit hängenden Schultern dastehenden Priester herab. „Ich will sichergehen, dass ich richtig verstehe. Du sagst, niemand außer ihrem Gatten darf Hand an die Erste Sängerin des Tempels legen?“

„Nicht einmal an eine der Dienerinnen“, erwiderte Senmut. „Unterscheidet sich dies so sehr von den Gesetzen eures Landes? Schützen die Griechen ihre Frauen nicht vor Missbrauch?“

Alexander kniff die Augen zusammen. „Das tun wir“, sagte er kurz angebunden. „Aber nicht mit Gesetzen. Wir schützen sie mit unserem Schwert.“

„In Khemet ist das Leben geordneter“, meinte der Alte einfach. „Wir leben nach dem Wort des Pharao, dem Sohn des großen Gottes Amon-Re, und nach den Schriften, die uns seit Anbeginn der Zeiten überliefert sind. Und nach den Omen, Herr, durch die die Götter uns ihre Wünsche kundtun.“

Wider Willen spürte Farah ein kurzes Aufflammen von Respekt für den plappernden alten Priester. Manchmal war er so verwirrt, dass er nicht den Weg vom Inneren des Heiligtums in die Große Halle fand, doch bei anderen Gelegenheiten sprach er mit einer Weisheit, die sie tief erstaunte.

Das bereits zornrote Gesicht des Königs verdunkelte sich beunruhigend. Dann entspannte er seine Kiefermuskeln. Leise und bedächtig ergriff er das Wort. Angespanntes Schweigen senkte sich über die Halle, als er von dem Priester zu dem Mann an seiner Seite blickte und dann wieder zu dem Priester.

„Ich werde eure Gesetze und Omen respektieren.“

Unterdrückte Rufe erschollen in den Reihen der Männer mit den Umhängen. Farah biss sich in die Unterlippe, und wieder warf sie einen kurzen Blick auf den Krieger, der starr neben dem König stand. Er zuckte nicht mit der Wimper.

Alexander war noch nicht fertig. Seine Stimme ertönte und hallte von den hohen Säulen wider, die geformt waren wie Papyrusstauden.

„Du sagst, dass niemand außer ihrem Gatten Hand an die Edle legen darf. So sei es. Philip, Sohn des Nikolaos, soll die edle Farah noch heute zur Frau nehmen und Hand an sie legen, wie er es wünscht.“

Philip wirbelte herum und sah Alexander an. „Was?“

„Was sagt er?“ wollte Farah von dem Schreiber wissen, der ihr am nächsten saß. Gewiss hatte sie die Worte falsch verstanden, die sie soeben gehört hatte! Bestimmt, bestimmt hatte der König nicht gesagt, was sie zu verstehen geglaubt hatte!

„Die Edle zur Frau nehmen …“ wiederholte Senmut mit einem verwirrten Ausdruck auf seinem zerfurchten Gesicht. „Aber Herr …“

„Ja?“

Der gefährliche Unterton in Alexanders Stimme ließ den alten Mann blinzeln. Er schluckte und fuhr sich mit der Hand über den rasierten Schädel. „Farah … die edle Farah, das heißt … Sie ist … sie ist …“

Während der Priester noch ängstlich nach Worten suchte, trat der edle Remi vor. Sein gut geschnittenes Gesicht war rot angelaufen, und die Lippen hatte er zusammengepresst.

„Die edle Farah ist mir versprochen, großer Herr.“

Alexander lächelte gefährlich sanft, sodass Remi einen Schritt zurückwich.

„Jetzt nicht mehr. Sie ist der Preis, den Deneba dafür zahlen wird, dass es auch nur einen Augenblick daran gedacht hat, sich mir zu widersetzen. Ich gebe sie meinem Hauptmann Philip, der von mir und seinen Freunden Tauron genannt wird.“

Remi blickte mit unsäglichem Hass in den Augen zu Philip, der neben dem König stand.

Der stand unbeweglich da, doch in seinem Inneren herrschte ein Aufruhr. Nach seiner ersten impulsiven Reaktion verstand er sofort, wie Alexander dachte.

Philip hatte die Frau gewollt, und nun würde er sie bekommen. Alexander schenkte sie ihm so beiläufig, wie er einmal das schöne Mädchen, das für eine von ihm in Auftrag gegebene Statue Modell gestanden hatte, dem Bildhauer geschenkt hatte, der sich in sie verliebt hatte. Dass das Geschenk in diesem Fall eine Heirat einschloss, war unwichtig.

Philip konnte Farah als seine Frau behalten, solange er sich in Ägypten aufhielt. Später konnte er sie entweder verstoßen oder zur Nebenfrau machen, wenn er eine mazedonische Braut wählte, damit sie ihm Söhne gebar von seinem Geschlecht. Solche Vereinbarungen hatte es schon häufig gegeben. Viele Hellenen hatten sich auf dem Feldzug eine oder mehrere fremdländische Frauen genommen, entweder zum Vergnügen oder um Allianzen zu festigen, die in der Hitze des Krieges geschmiedet worden waren. Alexander war zweifellos der Meinung, diese Heirat würde beiden gerecht.

Philip verzog den Mund zu einem finsteren Lächeln. Nun war ihm die Beute doch noch zugefallen, wenn auch nicht ganz so, wie er es sich vorgestellt hatte. Über Alexanders Schulter hinweg sah er Farah in die Augen.

Als er sie anblickte, wurde sie blass und wandte sich dann dem alten Priester zu.

„Ich kann nicht“, sagte sie stockend. „Der Tempel … Die heilige Katze …“ Verzweifelt wies sie auf das Tier an ihrer Seite.

Der Priester knetete nervös seine Hände, ehe er noch einmal zum König sprach. „Wir können die edle Farah nicht entbehren, großer Herr. Sie ist die Erste Sängerin unseres Tempels und die Gefährtin von Basts Schatten. Genau wie ihre Mutter und die Mutter ihrer Mutter und alle Frauen ihres Stammes, seit sie einst aus dem Roten Land gekommen sind, um sich am Nil niederzulassen.“

„Und das soll sie auch bleiben“, erwiderte Alexander, neigte den Kopf zur Seite und betrachtete die edle Dame, um die das alles ging. „Eine Weile mindestens kann sie ihren Pflichten noch nachkommen.“

„Eine Weile?“ Senmuts Schultern sanken unter dem Umhang aus Leopardenfell zusammen. „Nur eine Weile? Wie lange genau ist eine Weile?“

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