Logo weiterlesen.de
HISTORICAL MYLADY SPECIAL EDITION BAND 4

Die Copeland-Schwestern

3 Romane von Carole Mortimer

Ein verwegenes Spiel

Was hat eine so bezaubernde Person in derart halbseidener Umgebung verloren? Lord Dominic ist wild entschlossen das Geheimnis der jungen Sängerin zu lüften. Wie keine andere Frau weckt sie sein Verlangen – genau wie seine Eifersucht! Schließlich ist der Club, den Dominic kürzlich am Kartentisch gewonnen hat, voller Männer – und ihre glühenden Blicke unverkennbar …

Die Braut des stolzen Lords

Wutentbrannt stürmt Lady Diana ins Haus des Earl of Westbourne, dem es ja offenbar völlig egal ist, welche der Copeland- Schwestern ihn – unbesehen! – heiratet. Leider ist der Kerl unerwartet attraktiv, und ihr Zorn weicht einer verwirrenden Erregung. Es fällt ihr immer schwerer, Gabriel die kalte Schulter zu zeigen. Bis ein Brief eintrifft, der alles ändert …

Gefährlich süße Leidenschaft

Küsse sind die beste Medizin! Der verwundete Lord Nathaniel lässt seinen Charme bei der entzückenden Gesellschafterin seiner Tante spielen. Die junge Frau ist nicht abgeneigt, doch bevor es zum Äußersten kommt, zieht Nathaniel sich zurück. Denn dass die rätselhafte „Betsy“ die Rolle der Dienstbotin bloß spielt, davon ist er inzwischen überzeugt …

IMAGE

Ein verwegenes Spiel

PROLOG

April 1817 – Palazzo Brizzi, Venedig, Italien

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich beabsichtige, um die Hand einer Westbourne-Tochter anzuhalten?“

Dominic Vaughn, Earl of Blackstone, einer der beiden Gentlemen, die sein Gastgeber Gabriel Faulkner angesprochen hatte, starrte verblüfft den dritten Gentleman in ihrer Runde an. Nathaniel Thorne, Earl of Osbourne, war offensichtlich nicht weniger erstaunt, denn die Hand, mit der er die Teetasse zum Mund führen wollte, verharrte auf halbem Weg.

Tatsächlich war es einer jener Momente, da die Zeit stillzustehen schien. Was sie natürlich nicht tat. Noch immer hörte man die Gondoliere im stark befahrenen Canale Grande singen, die Straßenhändler fuhren fort, ihre Ware feilzubieten, und die Vögel zwitscherten fröhlich. Jene erstarrte Stille bestand nur zwischen den drei Männern auf dem Balkon des Palazzo Brizzi, die ein gemeinsames Frühstück einnahmen, kurz bevor Blackstone und Osbourne sich auf die Rückreise nach England begeben würden.

„Gentlemen?“, bemerkte ihr Gastgeber in jenem trockenen, belustigten Ton, der so charakteristisch für ihn war. Eine Braue spöttisch gehoben, die blauen Augen amüsiert funkelnd, legte er den Brief, den er gerade gelesen hatte, auf den Tisch zurück.

Dominic Vaughn war der Erste, der sich von seiner Verblüffung erholte. „Das kannst du unmöglich ernst meinen, Gabe.“

„Nein?“

„Nein, natürlich nicht.“ Auch Osbourne fing sich endlich. „Du trägst doch jetzt selbst den Namen Westbourne!“

„Seit sechs Monaten, ja“, stimmte Gabriel zu. „Es ist eine der Töchter des vorigen Earls, um die ich angehalten habe.“

„Copeland?“

Westbourne neigte kurz den Kopf. „Genau.“

„Aber … aber warum?“ Dominic machte keinen Hehl aus seiner Entrüstung darüber, dass einer von ihnen freiwillig seine Freiheit opfern wollte.

Alle drei Männer waren achtundzwanzig Jahre alt und gemeinsam zur Schule gegangen, bevor sie fünf Jahre lang in Wellingtons Armee gedient hatten. Sie hatten zusammen gekämpft, gegessen und getrunken, sich mit Mädchen herumgetrieben und hatten schon vor langer Zeit eine stillschweigende Übereinkunft getroffen – dass es keinen Grund gab, sich für eine einzige Frucht zu entscheiden, wenn man den ganzen Obstkorb haben konnte. Gabriels Ankündigung erschien seinen Freunden wie ein Verrat.

Westbourne zuckte die breiten Schultern unter dem eleganten dunkelblauen Frackrock. „Es scheint das einzig Anständige zu sein.“

Anständig! Seit wann kümmerte es Gabriel, ob er sich anständig verhielt oder nicht? Schon vor acht Jahren von seiner eigenen Familie und der guten Gesellschaft verstoßen und auf den Kontinent verbannt, hatte Gabriel Faulkner ein Leben geführt, das nur seinen eigenen Regeln gehorchte, und sich um die so genannte Anständigkeit nicht geschert!

Jetzt hatte er allerdings den äußerst respektablen Titel des Earl of Westbourne geerbt, was sein Leben auf den Kopf stellte. Die Londoner Gesellschaft würde den skandalösen Gabriel zweifellos wieder mit offenen Armen empfangen.

„Das soll gewiss nur ein Scherz sein, Gabriel“, warf Osbourne ein.

„Ich fürchte, nein“, erwiderte Westbourne mit fester Stimme. „Der neue Titel mitsamt den Gütern, die unerwartet auf mich übergegangen sind, legt auch die Zukunft von Copelands Töchtern in meine Hände.“ Er lächelte mit einem Spott, der ganz offensichtlich gegen ihn selbst gerichtet war. „Zweifellos hatte ihr Vater damit gerechnet, alle drei sicher verheiratet zu haben, bevor er seinem Schöpfer begegnete. Doch leider war dem nicht der Fall, und so sind die jungen Damen jetzt meine Mündel.“

„Du bist also seit drei Monaten der Vormund der Copeland-Töchter und hast kein Wort darüber verloren?“, rief Osbourne ungläubig.

Westbourne nickte knapp. „Ist ein bisschen so, als wollte man den Bock zum Gärtner machen, was?“

In der Tat, dachte Dominic. Gabriels Ruf als Frauenheld war legendär. Ebenso wie die Rücksichtslosigkeit, mit der er den Beziehungen ein Ende setzte, sobald die Schönheiten ihn zu ermüden begannen. „Warum hast du nie etwas davon erwähnt, Gabriel?“

Sein Freund zuckte die Achseln. „Ich erwähne es doch jetzt.“

„Unfassbar!“ Osbourne fehlten noch immer die Worte.

Ein freudloses Lächeln erschien um Gabriels Lippen. „Ebenso unfassbar wie die Tatsache, dass ausgerechnet ich den Titel geerbt habe.“

Und er hätte ihn als Cousin zweiten Grades wohl auch wirklich nie bekommen, wären nicht beide Neffen Copelands, die einzigen anderen Erben des Titels, im Krieg gegen Napoleon gefallen.

„Die Tatsache, dass ich der Vormund der jungen Damen geworden bin, hat selbstverständlich alles verändert. Also habe ich meinen Anwalt gebeten, meinen Antrag weiterzuleiten“, erklärte er.

„An welche Tochter?“, fragte Dominic.

Westbourne lächelte trocken. „Da ich keiner von ihnen begegnet bin, hielt ich es nicht für nötig, eine Vorliebe zu äußern.“

„Das ist nicht dein Ernst!“, sagte Dominic entsetzt. „Gabriel, du kannst doch damit nicht meinen, dass du ohne Unterschied um alle Copeland-Mädchen angehalten hast?“

„Doch, genau das meine ich.“

„Also wirklich, Gabe!“ Osbourne sah ihn ebenso bestürzt an wie Dominic. „Ganz schön riskant, findest du nicht? Wenn sie nun beschließen, dir die Fette, Hässliche aufzudrücken? Die einzige, die kein anderer Mann haben will?“

„Das halte ich nicht für sehr wahrscheinlich. Immerhin war Harriet Copeland ihre Mutter“, winkte Westbourne gelassen ab.

Die drei Freunde waren erst neunzehn gewesen, als Harriet Copeland, die Countess of Westbourne, ihren Gatten und ihre Töchter verließ und lediglich wenige Monate später durch die Hand ihres eifersüchtigen Liebhabers auf tragische Weise zu Tode kam. Ihre außergewöhnliche Schönheit allerdings blieb ihnen in lebhafter Erinnerung.

Dominic verzog das Gesicht zu einer Grimasse. „Sie könnten dir die Tochter geben, die nach ihrem Vater geschlagen ist.“ Copeland war bei seinem Tode ein untersetzter, fettleibiger Mann von etwa sechzig Jahren gewesen und hatte sich zu Lebzeiten weder durch Charme noch Klugheit ausgezeichnet.

„Und?“ Westbourne lehnte sich entspannt in seinem Sessel zurück und strich sich träge eine dunkle Locke aus der Stirn. „Um den nötigen Erben zu zeugen, muss sich der Earl of Westbourne nun mal eine Frau nehmen. Gewiss werden alle drei Schwestern in der Lage sein, mir diesen Erben zu schenken, ganz unabhängig von ihrer äußeren Erscheinung, oder?“ Wieder zuckte er mit den Schultern.

Westbourne nahm den Brief, den er vorhin beiseitegelegt hatte, und überflog den Inhalt, äußerlich völlig gelassen. „Wie es aussieht, ist mein Ruf mir vorausgeeilt, Gentlemen.“

Dominic runzelte die Stirn. „Möchtest du das näher erklären, Gabriel?“

„Mein Anwalt hat mir heute Morgen mitgeteilt, dass alle drei Schwestern – genau, selbst die fette, hässliche, Nate…“, wandte er sich mit einem spöttischen Lächeln an Osbourne, „…jeden Gedanken, mit dem verruchten Gabriel Faulkner verheiratet zu sein, weit von sich weisen.“

Dominic kannte Gabriel sehr lange, und so entging ihm nicht, dass seine Gelassenheit nur gespielt war und der kühle Blick aus seinen dunkelblauen Augen und die grimmige Art, mit der er die Lippen zusammenpresste, weit mehr von seiner wahre Stimmung preisgaben. Hinter jener gleichgültigen Fassade verbarg sich eiskalter, gefährlicher Zorn.

Die nächste Bemerkung bestätigte seinen Verdacht. „Unter diesen Umständen, Gentlemen, habe ich beschlossen, euch in Bälde nach England zu folgen. Höchste Zeit für den neuen Earl of Westbourne, seinen Platz in der Londoner Gesellschaft einzunehmen.“

„Großartig!“, meinte Osbourne zufrieden,

Auch Dominic war begeistert von dem Gedanken, Gabriel wieder in London zu wissen. „Westbourne House in London wird schon seit Jahren nicht mehr bewohnt und muss einem Mausoleum gleichen, also möchtest du vielleicht erst einmal bei mir in Blackstone House unterkommen, wenn du zurückkommst, Gabriel? Ich hätte auch gern deine Meinung zu den Veränderungen gehört, die ich im ‚Nick’s‘ habe vornehmen lassen.“ Er bezog sich auf den Club, den er vor einem Monat beim Kartenspiel mit Nicholas Brown, dessen Vorbesitzer, gewonnen hatte.

„An deiner Stelle wäre ich vorsichtiger, was deinen weiteren Umgang mit Brown betrifft, Dom.“ Gabriel runzelte die Stirn.

Doch seine Warnung war unnötig. Dominic wusste, dass Nicholas Brown kein Gentleman war, vielmehr nur der Bastard ­eines solchen und einer Dirne, und dass seine Verbindungen zur Unterwelt Londons sich nicht leugnen ließen. „Ich weiß, Gabe, keine Sorge.“

Sein Freund nickte. „In dem Fall danke ich dir für deine Einladung nach Blackstone House, aber ich habe nicht die Absicht, in London zu bleiben. Stattdessen werde ich mich fast unverzüglich auf den Weg nach Shoreley Park machen.“

Ein Entschluss, der, davon war Dominic überzeugt, nichts Gutes verhieß für die drei Copeland-Schwestern …

1. KAPITEL

Drei Tage später im Spielclub Nick’s, London, England

Caro ging geschmeidig über die Bühne, bis sie die mit rotem Samt bezogene Chaiselongue erreichte und sich bedächtig darauf ausstreckte. Dabei achtete sie sorgfältig darauf, dass die mit Gold und Juwelen geschmückte Maske, die ihr Gesicht von den Brauen bis zu den Lippen verdeckte, nicht verrutschen konnte. Dann zupfte sie die langen schwarzen Locken der Theaterperücke zurecht, damit sie über ihre vollen Brüste und den Rücken ihres goldfarbenen Kleides fielen, das sie vollkommen vom Hals bis zu den Zehen verhüllte.

Sie hörte deutlich das aufgeregte Stimmengewirr auf der anderen Seite des zugezogenen Vorhangs, der die kleine Bühne von dem Raum dahinter trennte. Sie wusste, die männlichen Gäste des Spielclubs erwarteten ungeduldig den Augenblick, da der Vorhang sich öffnen und ihre Darbietung beginnen würde.

Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als die Musik einsetzte und die Gespräche verstummten.

Zögerlich betrat Dominic das ‚Nick’s‘, einem der elegantesten Spielclubs der Stadt und einer seiner Lieblingsorte, schon bevor er ihn vor einem Monat, gerade frisch aus Venedig gekommen, zu seinem Eigentum gemacht hatte.

Während er einem der Diener Hut und Umhang reichte, fiel ihm auf, dass der stämmige junge Mann, der gewöhnlich am Eingang stand und unerwünschten Personen den Zutritt verwehrte, sich nicht an seinem Platz befand. Gleich darauf bemerkte er, dass im Kartenraum eine seltsame Stille herrschte.

Was in aller Welt ging hier vor?

Auf einmal wurde die Stille jedoch unterbrochen – von einem aufregend sinnlichen Gesang, der unverkennbar weiblich war. Dabei hatte Dominic vor seiner Abreise nach Venedig strikte Anweisungen gegeben, keine Frau – in welcher Eigenschaft auch immer – in seinem Club arbeiten zu lassen. Verärgert betrat er den Hauptsalon und entdeckte den Grund für die Abwesenheit des Türstehers. Ben Jackson stand hingerissen nur wenige Meter von Dominic entfernt und besaß, wie die ebenso verzauberten Gäste, offensichtlich Augen und Ohren nur für einen Menschen.

Eine Frau, die Besitzerin der verführerischen Stimme, lag auf einer roten Samt-Chaiselongue. Sie war eine zierliche kleine Person mit vollem ebenholzschwarzen Haar, das ihr fast bis zur Taille reichte. Eine Maske wie jene, die man in Venedig zur Karnevalszeit trug, bedeckte einen großen Teil ihres Gesichts, gab aber den Blick auf die Lippen – volle, sinnliche Lippen – wie auf ihren schlanken Hals frei. Das goldfarbene Kleid deutete die aufregenden weiblichen Rundungen darunter lediglich an, statt sie unverhohlen zur Schau zu stellen, und ließ sie dadurch nur noch verführerischer wirken.

Trotz ihrer Maske war sie zweifellos das betörendste Geschöpf, das Dominic je gesehen hatte!

Die Tatsache, dass jeder andere Mann im Raum seine Meinung teilte, war jedem einzelnen von ihnen an den gierigen Blicken und den geröteten Wangen anzumerken. Einige leckten sich sogar die Lippen, während sie die Frau unverwandt anstarrten. Dominic spürte einen Zorn in sich aufsteigen und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die bezaubernde Erscheinung auf der Bühne.

Caro brachte ihren ersten Auftritt zu einem Ende, indem sie sich langsam erhob und anmutig an den Rand der Bühne trat, bevor sie die letzten bezaubernden Töne sang.

Dennoch entging ihr der missbilligende Blick des Mannes nicht, der sie vom hinteren Teil des Raumes aus finster anstarrte. Er war so hochgewachsen, dass er die übrigen Gäste um einiges überragte. Sein schwarzer Gehrock schmiegte sich wie eine zweite Haut an die breiten Schultern, am Kragen seines schneeweißen Hemds glaubte Caro Brüsseler Spitze der besten Qualität auszumachen. Das modisch frisierte Haar war schwarz wie das Federkleid eines Raben und schimmerte bläulich. Allein seine Augen, jene eindringlich schauenden Augen, wiesen die blasse Farbe von grauem Nebel auf und schimmerten beinahe silbern. Sein Gesicht war aristokratisch streng mit den hohen Wangenknochen, der geraden Nase, den festen Lippen und dem herrisch entschlossenen Kinn. Es war ein hartes Gesicht, das Rücksichtslosigkeit ausdrückte, und wirkte sogar noch grimmiger durch die Narbe, die an der linken Seite vom Auge bis zu jenem störrischen Kinn verlief.

Er funkelte sie mit einer so heftigen Abneigung an, dass es Caro nur mit Mühe gelang, ihr Lächeln beizubehalten, während sie sich unter donnerndem Applaus verbeugte.

Sie konnte nicht anders, als dem finster schauenden Mann noch einen letzen Blick zuzuwerfen, bevor sie die Bühne verließ. Ein wenig beunruhigte es sie, dass sie ihn nun in ein ernstes Gespräch mit Drew Butler, dem Manager des Clubs, vertieft sah.

„Was hat das zu bedeuten, Drew?“, fragte Dominic kühl, während der Applaus für die Schönheit auf der Bühne losbrach.

Der grauhaarige Mann blieb ungerührt. Seit zwanzig Jahren war er der Manager dieses Clubs. „Die Gäste lieben sie.“

„Die Gäste haben weder getrunken, noch gespielt, seit diese Frau vor einer Viertelstunde zu singen anfing“, betonte Dominic.

„Achten Sie jetzt einmal auf sie“, meinte Drew leise.

Dominic tat genau das und musste erstaunt feststellen, dass der Champagner reichlich zu fließen begann und die Männer an den Spieltischen lächerlich hohe Wetten abschlossen. Währenddessen drehten sich die Gespräche vor allem um die Vorzüge der jungen Dame, worauf noch größere Summen auf die Chancen verwettet wurden, die jeder von ihnen hatte, hinter die juwelenbesetzte Maske zu blicken.

„Sie sehen.“ Drew zuckte gelassen die Achseln. „Sie ist sehr gut für das Geschäft.“

Ungeduldig schüttelte Dominic den Kopf. „Habe ich nicht klargemacht, dass es von jetzt an nur ein Spielclub sein soll und kein verdammtes Bordell?“

„Das haben Sie.“ Auch jetzt blieb Drew vollkommen ruhig. „Ihren Anweisungen gemäß sind die Schlafzimmer im oberen Stockwerk verschlossen geblieben, für niemanden zugänglich.“

Ein Gentleman – selbst wenn er Earl war –, der eine Londoner Spielhölle von zweifelhaftem Ruf besaß, konnte sich keine Hoffnungen darauf machen, dass die Gesellschaft ihn billigte. Trotzdem war es für Dominic eine Frage der Ehre gewesen, als Nicholas ihn im vergangenen Monat zu einem Kartenspiel herausgefordert hatte, in dem es um Midnight Moon ging, den großartigen Hengst, den ­Dominic sich auf seinem Gestüt in Kent hielt. Dominic hatte verlangt, dass Nicholas seinerseits den Spielclub einsetzte, und gewonnen.

Einen Spielclub zu besitzen war eine Sache, doch das halbe Dutzend Schlafräume im oberen Stockwerk, das bis vor Kurzem jedem zur Verfügung stand, der ein wenig Abgeschiedenheit wünschte, war vollkommen unzumutbar. Dominic zog eindeutig die Grenze, wenn es darum ging, den Zuhälter zu spielen!

„Habe ich nicht angeordnet, dass in Zukunft keine … Damen mehr ihre Dienste anbieten?“

„Caro ist keine Dirne“, konterte Drew offensichtlich gereizt.

„Was ist sie dann, wenn ich fragen darf?“, erwiderte Dominic finster.

„Genau, was Sie gesehen haben. Zweimal jeden Abend liegt sie ganz einfach auf der Chaiselongue und singt. Und die Männer trinken und spielen mehr denn je, wenn sie die Bühne verlassen hat.“

„Hat sie eine Zofe bei sich?“

Der ältere Mann sah amüsiert aus. „Was denken Sie?“

„Was ich denke?“ Dominic kniff drohend die Augen zusammen. „Ich denke, mit ihr handle ich mir unnötige Schwierigkeiten ein. Welcher Gentleman hat das Vorrecht, sie nach dem Ende des Abends nach Hause zu begleiten?“

„Ich mach das.“ Der Türsteher Ben Jackson verkündete es stolz, sein rundes Gesicht wirkte engelsgleich trotz der ganz offensichtlich mehr als einmal gebrochenen Nase.

Dominic hob ungläubig die Brauen. „Du?“

Ben strahlte zufrieden und entblößte mehrere Zahnlücken. „Miss Caro besteht darauf.“

Ben Jackson ließ erwachsene Männer vor Angst zittern wie Espenlaub, und Drew Butler war ein Zyniker durch und durch, und dennoch schienen sie beide Miss Caro aus der niedlichen kleinen Hand zu fressen!

„Vielleicht sollten wir dieses Gespräch in Ihrem Büro fortsetzen, Drew.“ Dominic wandte sich ungeduldig ab, ohne sich zu vergewissern, ob der Manager ihm folgte, und ging entschlossen auf den hinteren Teil des rauchgeschwängerten Clubs zu, in dem sich Drews Büro befand.

Er ließ Drew eintreten und warf hinter ihm die Tür zu, um den Lärm aus den Spielräumen auszuschließen. Sofort hielt er auf einen Tisch zu, auf dem eine Karaffe mit vorzüglichem Branntwein stand, schenkte sich ein Glas ein und nahm auf der Schreibtischkante Platz.

„Wer ist sie, Drew? Und woher kommt sie?“ Er nahm einen Schluck von seinem Glas, den Blick scheinbar selbstvergessen auf die polierte Spitze eines seiner Stiefel gerichtet, während Drew ihm die Leidensgeschichte der jungen Frau erzählte.

Caro Morton behauptete, Waise zu sein, die bisher bei ihrer Tante gelebt hatte, einer alten Jungfer. Nach deren Tod vor drei Wochen allerdings verlor sie plötzlich ihr Zuhause. Als sie vor etwa vierzehn Tagen in London ankam, hatte sie weder Geld noch eine Zofe oder sonstige Begleitung bei sich. Offenbar war es ihre Absicht gewesen, sich als Gesellschafterin oder Gouvernante in einem vornehmen Haushalt zu verdingen, was der Mangel an jeglichen Referenzen leider unmöglich gemacht hatte. Und so war sie stattdessen dazu übergegangen, an die Hintertüren der Theater und Clubs zu klopfen.

An diesem Punkt sah Dominic abrupt auf. „Bei wie vielen war sie, bevor sie hier erschien?“

„Etwa bei einem halben Dutzend.“ Drew zog eine Grimasse. „Ich konnte ihren Andeutungen entnehmen, dass sie in dieser Zeit mehrere Angebote für … eine ganz andere Beschäftigung erhielt.“

Dominic lächelte grimmig, da er die Natur dieser Angebote leicht erriet. „Und Sie gerieten nicht in Versuchung, dasselbe zu tun, als sie hier anklopfte?“

Der Manager warf ihm einen strengen Blick zu, ging um den Schreibtisch herum und setzte sich. „Mylord, zufällig bin ich seit zwanzig Jahren glücklich verheiratet, und meine Tochter ist nicht sehr viel jünger als dieses Mädchen.“

„Dann verzeihen Sie mir.“ Dominic verbeugte sich knapp. „Nun gut. Das ist also Miss Mortons Version von ihrer Ankunft in London. Und jetzt sagen Sie mir, wofür Sie sie halten.“

Drew überlegte einen Moment. „Es kann natürlich eine Tante gegeben haben, aber ich bezweifle es. Meine Vermutung ist, dass sie vor etwas oder jemandem davonläuft. Vielleicht vor einem gefühllosen Vater, vielleicht sogar vor einem grausamen Ehemann. In jedem Fall verhält sie sich viel zu kultiviert für eine gewöhnliche Schauspielerin oder Hure.“

Nachdenklich sah Dominic ihn an. „Was heißt kultiviert?“

„Damenhaft“, erklärte Drew knapp.

Interessant. Eine Dame von Stand versuchte also, ihre Identität zu verbergen. Was auch die Maske erklären würde. „Und Sie glauben nicht, dass Schauspielerinnen oder Huren den Anschein erwecken könnten, eine Dame zu sein?“

„Ich weiß, dass sie es könnten. Ich glaube nur, dass Caro Morton weder das eine noch das andere ist. Vielleicht wäre es besser, Sie reden mit ihr und machen sich selbst ein Bild.“

„Das beabsichtige ich auch zu tun“, versicherte er Drew trocken und richtete sich auf. „Ich wollte lediglich zuerst Ihre Meinung hören.“

„Wollen Sie sie entlassen?“, fragte der ältere Mann besorgt.

Darüber musste Dominic kurz nachdenken. Es gab keinen Grund, Drew Butlers Behauptung, Caro Mortons abendliche Auftritte seien eine Attraktion, zu bezweifeln. Trotzdem könnte sie sich als größeres Problem herausstellen, als ihm lieb war, falls sie wirklich eine Ausreißerin war. „Das wird von Miss Morton abhängen.“

„Inwiefern?“

Dominic hob die Brauen. „Ich weiß, dass Sie seit vielen Jahren der Manager des Clubs sind, Drew, und zweifellos auch der beste Mann für diese Arbeit.“ Er lächelte leicht, um seine nächsten Worte ein wenig abzumildern. „Das gibt Ihnen allerdings nicht das Recht, meine Handlungen oder Entscheidungen zu hinterfragen.“

„Nein, Mylord.“

„Wo ist Caro Morton jetzt?“

„In ihrer Garderobe. Ich achte für gewöhnlich darauf, dass sie zwischen den Aufführungen einen Bissen zu sich nimmt.“ Drews zufriedene Miene forderte Dominic wortlos heraus, diese Entscheidung zu hinterfragen. Doch beim Gedanken an die Zierlichkeit und Besorgnis erregende Blässe des Mädchens, verspürte Dominic nicht den Wunsch, das zu tun. So wie sie aussah, mochte dieser „Bissen“ die einzige Nahrung sein, die Caro Morton am Tag zu sich nahm.

„Ich möchte gern informiert werden, falls Sie sich entscheiden sollten, sie gehen zu lassen.“ Und als Dominic ihn erstaunt ansah, fügte er erklärend hinzu: „Wir schulden ihr noch mehrere Gagen.“

Oh ja, Drew hat sich eindeutig um den kleinen Finger wickeln lassen, sagte sich Dominic belustigt. Zweifellos wollte er ihr helfen, neue Arbeit zu finden, sollte sie weggeschickt werden.

Miss Morton näher kennenzulernen, versprach sehr interessant zu werden.

Caro fuhr erschrocken zusammen, als es an der Tür ihrer Garderobe klopfte. Zögernd erhob sie sich und überprüfte hastig, ob der Gürtel ihres Kleides noch sicher zugebunden war, bevor sie den kleinen Raum durchquerte und neben der verschlossenen Tür stehen blieb.

„Wer ist da?“, fragte sie misstrauisch.

„Ich heiße Dominic Vaughn“, kam die arrogante Antwort.

Plötzlich war Caro absolut sicher, dass der Mann auf der anderen Seite der Tür derselbe Mann war, der sie vorhin voller Verachtung angesehen hatte. Sie konnte zwar nicht sagen, warum sie so sicher war, aber sie wusste es einfach. Der hochmütige Ton der tiefen Baritonstimme, die Selbstsicherheit, die davon herrühren musste, dass er es gewohnt war, Befehle zu äußern, die sofort befolgt wurden – all das passte nur zu ihm.

Die Hände zu Fäusten geballt, antwortete sie fest: „Es ist niemandem erlaubt, mich in meiner Garderobe zu besuchen.“

Zunächst folgte ihren Worten nur Stille, dann fuhr der Mann ungeduldig fort. „Ich versichere Ihnen, meine Anwesenheit hat Drew Butlers vollste Zustimmung.“

Der Manager vom „Nick’s“ war in der vergangenen Woche sehr freundlich zu ihr gewesen, und Caro wusste, dass sie ihm vorbehaltlos vertrauen konnte. Aber so plötzlich und unerwartet einen Fremden hereinzulassen, der schlicht behauptete, er besäße Mr Butlers Erlaubnis, schien ihr ein zu großes Risiko zu sein. „Tut mir leid, meine Antwort lautet noch immer Nein.“

„Glauben Sie mir, die Angelegenheit, wegen der ich Sie sprechen will, wird nur einige Momente in Anspruch nehmen“, entgegnete er verärgert.

„Ich benötige Ruhe vor meinem nächsten Auftritt“, beharrte Caro.

Dominic unterdrückte ein gereiztes Schnauben über die Eigensinnigkeit dieser Frau. „Miss Morton …“

„Das ist mein letztes Wort“, teilte sie ihm kühl mit.

Drew hatte davon gesprochen, dass Caro Morton „damenhaft“ sei, erinnerte Dominic sich. Und tatsächlich zeugten ihr bestimmter Ton und die präzise Aussprache von einem vornehmen Herkunft. „Sie werden entweder sofort mit mir sprechen, Miss Morton, oder ich sorge dafür, dass es hier im ‚Nick’s‘ keine weitere Aufführung für Sie geben wird.“ Er lehnte mit der Schulter an der Wand im dunklen Gang, die Arme vor der breiten Brust verschränkt.

Ein leises Aufkeuchen war hinter der Tür zu hören. „Drohen Sie mir, Mr Vaughn?“ Sie klang plötzlich unsicher.

„Es gibt keinen Grund für mich zu drohen, Miss Morton, wenn die Wahrheit schon ihren Zweck erfüllt.“

Caro war ratlos. Vor zwei Wochen war sie von Zuhause ausgerissen, fest davon überzeugt, in der riesigen Metropole, die London schließlich war, eine Beschäftigung als Gesellschafterin oder Gouvernante finden zu können. Stattdessen hatte sie eine Zurückweisung nach der anderen hinnehmen müssen, weil sie keine Referenzen vorzuweisen hatte.

Als wäre das nicht genug, war die kleine Summe, die sie bei sich gehabt hatte, sehr schnell zur Neige gegangen. Und so blieb Caro am Ende keine Wahl, als bei mehreren Theatern vorzusprechen, wenn sie nicht zu einer völlig unzumutbaren Situation zurückzukehren wollte. Bei den seltenen Gelegenheiten, da ihr Vater früher Freunde und Nachbarn zu ihnen eingeladen hatte, war sie mit glühenden Komplimenten zu ihrem Gesang überschüttet worden. Ihr Vorsprechen bei den diversen Theatern hatte ihr auch wirklich mehrere Angebote eingebracht – aber jedes einzelne war schockierend gewesen für eine junge Frau, die in der beschützten Abgeschiedenheit des ländlichen Hampshire aufgewachsen war!

Ihre gegenwärtige Anstellung – und das Geld, mit dem sie ihre bescheidene Unterkunft bezahlen konnte – verdankte sie ausschließlich Drew Butlers Freundlichkeit. Und so war sie wirklich nicht sicher, ob sie Dominic Vaughn einfach so fortschicken konnte, falls der Manager diesen Besuch tatsächlich bewilligt hatte.

Mit leicht zitternden Fingern drehte sie den Schlüssel im Schloss herum und trat hastig zurück, als die Tür im nächsten Moment ungeduldig aufgestoßen wurde.

Es war tatsächlich der Teufel von vorhin! Jetzt sah er sogar noch bedrohlicher aus, da das Kerzenlicht, das den Gang nur schwach beleuchtete, direkt auf seine Narbe schien, und der schwarze Gehrock und das weiße Hemd auf seltsame Weise die Stärke noch betonten, die er ausstrahlte.

Caro wich einen weiteren Schritt zurück. „Worüber wollten Sie mit mir sprechen?“

Wohlweislich ließ Dominic sich nichts von der Erschütterung anmerken, die ihn durchfuhr, als er Caro Morton zum ersten Mal ohne die juwelenbesetzte Maske erblickte. Sie hatte meergrüne Augen, stellte er als Erstes fest. Das rabenschwarze Haar war nur eine Perücke gewesen, denn jetzt umrahmten lange goldblonde Locken ihre mandelförmigen Augen in einem zarten, herzförmigen Gesicht, dessen Schönheit ihm den Atem nahm.

Diese Art von Gefühlen gefiel ihm ganz und gar nicht, wenn sie tatsächlich eine ungehorsame Tochter oder – schlimmer noch – Gattin war. „Bitten Sie mich herein, Miss Morton“, verlangte er herrisch.

Die Lider mit den langen Wimpern zitterten unruhig, doch dann fasste sie sich und hob stolz das Kinn. „Wie ich Ihnen bereits erklärt habe, Sir, ruhe ich mich bis zu meiner nächsten Aufführung aus.“

„Die, wie ich von Drew weiß, nicht vor einer Stunde stattfinden wird.“

Ihm fiel auf, dass sie mühsam schluckte, und dabei schaute er unwillkürlich auf ihren schlanken Hals und die zarte Haut, die durch den tiefen Ausschnitt ihres Kleides enthüllt wurde. Sein Blick glitt tiefer, wo sich der seidige Stoff um kleine, feste Brüste schmiegte. Ihre Taille war so schmal, dass er sie gewiss leicht mit den Händen umspannen könnte. Insgeheim stellte er sich in plötzlicher Erregung vor, ihre schönen Brüste zu umfassen, die Hände dann auf den hübschen, runden Po zu legen, sie hochzuheben und an sich zu pressen, damit sie die langen, schlanken Beine um seine Taille schlingen konnte.

Die Art, wie Dominic Vaughn sie ansah, wollte Caro gar nicht gefallen. Ihr war, als könnte er durch den Stoff ihres Kleides hindurchblicken, so intensiv starrte er sie an. Heiße Röte stieg ihr in die Wangen, doch entschlossen straffte sie die Schultern. „Ich ziehe es vor, Sie bleiben genau dort, wo Sie sind, Sir.“

Er sah ihr wieder ins Gesicht. „Mylord.“

Verwirrt runzelte sie die Stirn. „Wie bitte?“

Er stellte sich vor. „Ich bin Dominic Vaughn, der Earl of Blackstone.“

Betroffen wurde Caro klar, dass es sich bei diesem Mann um ein Mitglied des ton handelte, um einen Mann, der zweifellos ebenso arrogant war wie ihr neuer Vormund. „Falls Sie beabsichtigten, mich damit zu beeindrucken, Mylord, fürchte ich, es ist Ihnen kläglich misslungen.“

Ohne auf den Sarkasmus in ihrem Ton zu achten, hob er nur die dunklen Augenbrauen. „Wenn ich mich nicht irre, zeugt es von guten Manieren, wenn Sie sich jetzt Ihrerseits vorstellen.“

Sie errötete über den Tadel. „Falls Sie, wie Sie behaupten, sich schon mit Mr Butler unterhalten haben, müssten Sie eigentlich wissen, dass ich Caro Morton heiße.“

Sein Blick ruhte eindringlich auf ihr. „Wirklich?“

„Was soll die Frage?“, entgegnete sie heftig. „Ich sagte es doch eben, Mylord, oder?“

„Ach, wenn doch die Tatsache, dass man etwas sagt, es auch sofort wahr werden ließe“, höhnte er.

Angst schnürte Caro die Kehle zu. „Zweifeln Sie mein Wort an, Sir?“

„Ich fürchte, in meinem Alter und mit meiner Erfahrung, meine liebe Caro, zweifle ich alles an, bis mir das Gegenteil bewiesen wird.“

„Wie traurig für Sie.“

Das war nicht die Antwort, die er erwartet hatte oder akzeptieren konnte. Der reiche, begehrte Earl of Blackstone brauchte niemandes Mitleid. Am allerwenigsten von einer Frau, die ihre wahre Identität hinter einer Maske und unter einer schwarzen Perücke versteckte. Könnte Butlers Vermutung über sie tatsächlich richtig sein? War dieses Mädchen nach London geflohen, um sich vor einem herrischen Vater oder einem gewalttätigen Gatten zu verbergen? Sie erschien so zierlich und zerbrechlich, dass die letztere Möglichkeit ihm mehr als zuwider war.

Doch welches Geheimnis sie auch umgab, Dominic wollte sich keinesfalls in Schwierigkeiten bringen. „Sind Sie überhaupt schon mündig, Caro, um sich in einer Spielhölle aufhalten zu dürfen?“

Erstaunt sah sie auf. „Mylord?“

„Ich frage mich lediglich, wie alt Sie sein mögen.“

„Ein Gentleman sollte eine Dame nie nach ihrem Alter fragen“, antwortete sie schnippisch.

Dominic ließ seinen Blick langsam über sie gleiten – über ihr goldblondes Haar, den schlanken Leib, die zarten Handgelenke und schmalen Hände bis zu den nackten Füßen. Schließlich sah er ihr in das jetzt leicht vor Ärger gerötete Gesicht. „Soweit ich weiß werden Damen immer von einer Zofe oder einem Lakaien begleitet. So wie sie sich auch nicht zu der Idee versteigen würden, auf der Bühne einer Spielhölle herumzutollen.“

Abrupt schob sie das Kinn vor. „Ich tolle keineswegs herum, Mylord, sondern liege lediglich auf einer Chaiselongue“, fuhr sie ihn spröde an. „Außerdem verstehe ich nicht, was es Sie angeht, ob ich eine Zofe habe oder nicht.“

Dominic warf einen Blick in den Raum und bemerkte das Tablett auf der Kommode. Der Eintopf in der Schüssel dampfte noch immer leicht, daneben lag ein Korb mit Brot. Zweifellos der „Bissen“, den Butler vorhin erwähnt hatte.

„Wie es aussieht, habe ich Ihr Abendessen unterbrochen“, meinte er sanft. „Also schlage ich vor, dass wir dieses Gespräch später fortsetzen, wenn ich, nicht Ben, Sie nach Hause begleite.“

Beunruhigt sah sie ihn an, dann schüttelte sie den Kopf. „Das wird nicht möglich sein, fürchte ich.“

„Nein?“

Er war es nicht gewohnt, abgewiesen zu werden, das erkannte Caro sofort an dem gereizten Aufblitzen seiner Augen und der arrogant gehobenen Braue. Warum sie keine Zofe dabei hatte, hätte sie ihm leicht erklären können, wenn ihr danach gewesen wäre, diesem Mann eine Erklärung zu geben – was nicht der Fall war! Eine Zofe oder einen Lakaien bei der Flucht aus Hampshire mitzunehmen, hätte beide in gewisser Hinsicht zu ihren Komplizen gemacht. Doch Caro wollte niemanden in Schwierigkeiten bringen.

„Nein“, wiederholte sie ruhig. „Ich würde Bens Gefühle verletzen, wenn ich ihm nicht erlauben würde, mich nach Hause zu begleiten. Außerdem erlaube ich keinem Gentleman, den ich nicht kenne, mich heimzubegleiten.“ Noch dazu einen Mann, den sie gar nicht kennenzulernen wünschte, hätte sie noch hinzufügen können.

Kurz blitzten seine grauen Augen belustigt auf. „Selbst wenn Drew Butler für diesen Gentleman bürgen würde?“

„Noch habe ich ihn das nicht tun hören. Wenn Sie mich jetzt also entschuldigen wollen. Ich möchte meinen Teller leeren, bevor das Essen noch kälter wird.“ Ihr Versuch, die Tür vor Dominic Vaughns Nase zuzuschlagen, misslang, da er geschickt einen Fuß vorschob. Langsam öffnete sie die Tür wieder, den Blick drohend auf ihn gerichtet. „Bitte zwingen Sie mich nicht, Ben zu Hilfe zu rufen, damit er Sie aus dem Haus wirft.“

Eine Drohung, die den arroganten Herrn nicht weiter zu bekümmern schien, da sein Lächeln nichts von seiner Zuversichtlichkeit verlor. „Das wäre eine sehr … interessante Erfahrung.“

Caro musterte ihn unsicher. Ebenso groß wie der Earl, war Ben um einiges schwerer und gewiss kräftiger. Aber Dominic Vaughn umgab trotz seiner äußerlichen Eleganz eine seltsame Aura der Macht, der Unberechenbarkeit, die Caro den Eindruck vermittelte, er könnte jeden Mann besiegen, der sich ihm entgegenstellte – mit seinen breiten Schultern und diesem geschmeidigen und doch muskulösen Körper. Außerdem bezweifelte Caro sehr, dass der Earl of Blackstone seine Narbe erhalten hatte, während er gemütlich zu Hause vor dem Kaminfeuer gesessen hatte!

„Vielleicht könnten Sie auf meine Antwort warten, bis ich mit Mr Butler gesprochen habe?“

Und vielleicht, dachte Dominic, wird sie sich heimlich davonmachen, ohne sich die Mühe zu machen, mit Drew Butler zu sprechen. „Ich warte draußen auf Sie, bis Ihre Aufführung zu Ende ist.“

Der Missmut in ihren schönen meergrünen Augen zeigte ihm, dass er richtig geraten hatte. „Sie sind sehr beharrlich, Sir!“

„Nur begierig, mich mit einer meiner Angestellten bekannt zu machen.“

Erschrocken sog sie den Atem ein. „Ihrer … Sagten Sie, eine Ihrer Angestellten?“

Dominic nickte und beobachtete belustigt, wie sie erblasste, als ihr offenbar bewusst wurde, dass er tatsächlich die Macht besaß, sie nie wieder im „Nick’s“ auftreten zu lassen. „Bis später also, Miss Morton.“ Er verbeugte sich elegant und begab sich wieder zurück zu den Spielräumen, ein selbstzufriedenes Lächeln um die Lippen.

2. KAPITEL

Ich ziehe es vor, zu Fuß zu gehen, vielen Dank.“ Etwa zwei Stunden später weigerte sich Caro rigoros, in Dominic Vaughns modische Kutsche zu steigen. Inzwischen hatte Drew Butler nicht nur bestätigt, dass es sich bei diesem Mann tatsächlich um den Earl of Blackstone handelte, sondern ebenso um den neuen Besitzer des Spielclubs, in dem sie beide arbeiteten. Dennoch hatte sie nicht die geringste Absicht, ganz allein mit ihm in einer Kutsche zu fahren!

„Wie Sie wünschen.“ Der Earl – er trug einen eleganten Zylinder und hatte einen schwarzen Seidenumhang um die breiten, muskulösen Schultern gelegt – gab dem Kutscher ein Zeichen, ihnen mit dem Wagen zu folgen.

Caro warf ihm unter ihrem schmucklosen braunen Häubchen hervor einen verstohlenen Blick zu. Das braune Kleid, das sie jetzt unter ihrem nüchternen schwarzen Umhang trug, war nicht weniger bescheiden und unscheinbar mit seinem hochgeschlossenen Ausschnitt und den langen Ärmeln.

Sie hatte drei solcher Kleider gekauft, als sie vor zwei Wochen in London angekommen war. Teure Seidenkleider würden zu sehr auffallen in dieser wenig vornehmen Gegend, in der sie ihre immerhin saubere und billige Unterkunft gefunden hatte. Und jedes Aufsehen musste sie unbedingt verhindern.

Zu sagen, dass Dominic erstaunt gewesen war über Caro Mortons Erscheinung, als sie sich vor wenigen Minuten zu ihm gesellte, wäre die Untertreibung des Jahrhunderts. Tatsächlich hatte er einen Moment gebraucht, um sie unter dem unkleidsamen Häubchen zu erkennen, das ihre großartigen blonden Locken versteckte, und unter dem ebenso unmodischen Mantel, der sie vom Hals bis zu den Knöcheln bedeckte und sie aussehen ließ wie eine einfache junge Frau aus ärmlichen Verhältnissen.

Gewiss bestand keine Gefahr, irgendeiner der Gäste des Spielclubs könnte in dieser düster gekleideten jungen Frau die Sirene mit dem ebenholzschwarzen Haar erkennen, deren verführerischer Auftritt sie heute Abend vollkommen verzaubert hatte.

Wobei er keine Ausnahme darstellte, wie er zugeben musste.

„Vielleicht wären Sie so freundlich, mir zu erklären, warum eine ungeschützte junge Frau sich dazu entschließen sollte, in einem von Londons Spielhöllen zu arbeiten?“

Sie schien die Frage erwartet zu haben, da sie völlig gelassen blieb. „Vielleicht wegen der Bezahlung?“

„Wenn Sie arbeiten mussten, warum suchten Sie dann keine respektablere Beschäftigung? Sie scheinen die nötigen Qualifikationen zu besitzen, um als Zofe arbeiten zu können, oder als Verkäuferin in einem Geschäft.“

„Wie liebenswürdig von Ihnen, das zu sagen“, erwiderte sie übertrieben süß. „Leider braucht man jedoch Referenzen, um eine solche Stellung zu bekommen. Und die besitze ich nicht“, fügte sie spitz hinzu.

„Weil Sie noch nie als Zofe oder Verkäuferin tätig gewesen sind?“, drängte er weiter.

„Oder vielleicht weil ich für beides unfähig war und deswegen keine Referenzen erhalten habe?“, schlug sie gereizt vor.

Dominic lächelte anerkennend über ihre Schlagfertigkeit. „Stattdessen beschlossen Sie also, sich in eine Situation zu bringen, in der Sie Abend für Abend von unzähligen lüsternen Männern begafft werden.“

Abrupt blieb Caro stehen. Wie er unter dem flackernden Lampenlicht dastand und sie missbilligend von Kopf bis Fuß musterte, riss ihr endgültig der Geduldsfaden. „Wie es aussieht, brauchte ich dafür keine Referenzen“, teilte sie ihm kühl mit.

Dominic wusste, dass es ihn eigentlich nicht das Geringste anging, ob sie bereit war, sich obszönen Bemerkungen auszusetzen, wie er sie von vielen Männern nach ihrem zweiten Auftritt gehört hatte. „Kümmert Ihr Ruf Sie denn so wenig?“

Sie errötete heftig. „Die Maske, die ich trage, sorgt dafür, dass mein Ruf intakt bleibt, Sir!“

„Vielleicht.“ Er presste kurz die Lippen zusammen. „Es wundert mich, warum sie nicht eine viel weniger … anstrengende Beschäftigung in Betracht ziehen.“

Sie sah ihn verwirrt an. „Weniger anstrengend?“

Gleichmütig zuckte er die Achseln. „Sie sind jung. Die große Zahl Ihrer Bewunderer heute Abend zeugt davon, wie begehrenswert Sie sind. Haben Sie nie daran gedacht, sich lieber einen einzigen männlichen Beschützer zuzulegen, statt sich auf diese Weise der Aufmerksamkeit so vieler Männer auszusetzen?“

Caro spürte, wie ihre Wangen heiß wurden. „Einen Beschützer, Mylord?“

„Einen Mann, der dafür sorgen würde, dass Sie gut untergebracht sind und angemessen gekleidet. Im Austausch für das Vergnügen Ihrer … Gesellschaft“, führte er näher aus.

Ihr stockte der Atem. Der Earl schlug ihr vor, sich einen Liebhaber zu nehmen, statt sich mühsam mit ihrem Gesang zu ernähren!

Caros Vater war so sehr dagegen gewesen, seine drei Töchter in die Londoner Gesellschaft einzuführen, dass er ihnen nicht einmal erlaubt hatte, eine einzige Saison dort zu verbringen. Stattdessen blieben sie auf seinem Gut in Hampshire lebendig begraben, wie es ihnen oft vorkam.

„Ich fürchte, es wäre nicht nur meine Gesellschaft, die bei einem solchen Arrangement eine Rolle spielen würde, Mylord“, fuhr sie ihn an.

Dominic wünschte, er hätte dieses Thema nicht aufgebracht. Eigentlich war ihm nicht einmal klar, warum ihn das Schicksal dieser jungen Frau so beschäftigte. Vielleicht steckte doch noch ein winziger Rest von Ritterlichkeit in ihm? „Ich versuche, Ihnen deutlich zu machen, Madam, wie töricht Sie sich verhalten, indem Sie sich Abend für Abend der Gefahr einer Schar lüsterner Männer aussetzen.“

Sie schnaubte empört. „Seien Sie versichert, Sir, dass ich sehr wohl in der Lage bin, auf mich aufzupassen. Ich bin keiner Gefahr …“

Dominic brachte Caro einfach zum Schweigen, indem er sie mühelos an sich riss und sie heftig auf die Lippen küsste.

Eigentlich hatte er ihr auf diese Weise nur beweisen wollen, wie schutzlos sie wirklich war. Wie leicht ein Mann – jeder beliebige Mann – ihre Schwäche ausnutzen konnte. Wie wenig ihr schlanker, zarter Körper sich gegen jemanden wehren konnte, der dazu entschlossen war, ihr einen Kuss zu stehlen. Oder mehr als das!

Er presste sie an seinen harten Körper, während er gleichzeitig wohlbedacht voller Sinnlichkeit mit der Zunge über ihre volle Unterlippe glitt, bevor er den Kuss vertiefte. Mit beiden Händen streichelte er ihr den Rücken, packte dann ihren runden Po und zog sie noch fester an sich. Inzwischen hatte er fast schon den Grund vergessen, weswegen er das tat, und konnte sich nicht mehr zurückhalten. Immer tiefer, wilder küsste er sie.

Nichts in den zwanzig Jahren ihres abgeschiedenen Lebens in Hampshire, ebenso wenig wie die letzten zwei Wochen hier in London hatten Caro auf den Aufruhr der Gefühle vorbereiten können, die sie jetzt ohne jede Vorwarnung überfielen, sodass sie sich an Dominic Vaughns breite, starke Schultern klammerte, statt vor Schrecken in Ohnmacht zu fallen.

Eine nie gekannte Hitze erfüllte sie, ihr Herz klopfte wild und ein seltsames, drängendes Prickeln machte sich in ihren Brüsten bemerkbar, so heftig, dass es sich anfühlte, als würden sie anschwellen. Plötzlich waren ihre Brustspitzen so empfindlich, dass sie die Berührung mit ihrem Unterhemd kaum ertragen konnte. Die sinnliche Hitze breitete sich weiter in ihr aus bis zu ihrem Schoß und erregte Caro auf eine Art, wie sie es sich nie vorzustellen gewagt hatte, geschweige denn es je empfunden hatte.

„He, Jungs, guckt mal!“

„Sei nicht so gierig, alter Junge!“

„Lass uns auch noch was übrig!“

Dominic Vaughn löste sich so abrupt von ihr, dass sie aufkeuchte. Einen Moment ließ er die starken Hände noch auf ihrer Taille und sah mit glühendem Blick auf sie herab, doch dann schob er sie entschlossen von sich. Drohend wandte er sich um und richtete seine Aufmerksamkeit auf die drei jungen Gentlemen, die leicht schwankend auf sie zukamen.

Caro taumelte leicht, sobald er sie losließ, zutiefst erschüttert von der Heftigkeit, mit der Dominic Vaughn sie geküsst hatte. Sie wusste, dass er sie damit hatte bestrafen wollen. Ein solcher Angriff auf ihre Sinne glich in nichts den jugendlichen, unschuldigen Vorstellungen, die sie von einem Kuss gehabt hatte. Sie hatte Sanftheit erwartet, ein Erschauern schüchterner Zuneigung, ganz gewiss nicht dieses wilde Herzklopfen, diese heißen Lustgefühle in ihrer Brust und zwischen ihren Schenkeln.

Doch nichts von ihren eigenen aufwühlenden Empfindungen spiegelte sich in der Miene Seiner Lordschaft wider, als er jetzt seinem Kutscher und Pferdeknecht ein Zeichen gab, dass er Herr der Situation sei – so, wie er es zweifellos auch gewesen war, während er sie küsste!

Die jungen Gentlemen waren verblüfft stehen geblieben und wichen sogar ein wenig zurück, als sie die eisige Wut in Dominics Blick entdeckten. Die lange Narbe auf seiner linken Wange trug gewiss nicht dazu bei, die Ahnung drohender Gefahr zu mindern.

„Nichts für ungut, alter Junge“, entschuldigte sich der Anführer der drei Männer kleinlaut.

„Wir haben ein wenig zu tief ins Glas geschaut“, fügte der zweite unruhig hinzu. „Nichts für ungut.“

„Am besten machen wir uns auf den Weg.“ Der dritte packte seine Freunde beim Arm, und gemeinsam wankten sie in die Richtung zurück, aus der sie gekommen waren.

Womit sie die noch immer zitternde Caro den alles andere als freundlichen Aufmerksamkeiten Dominic Vaughns auslieferten!

Ihr Zittern verstärkte sich noch, als er sich wieder zu ihr umdrehte. „Versicherten Sie mir nicht gerade, wie gut Sie in der Lage seien, auf sich aufzupassen, und keineswegs glauben, die unerwünschten Aufmerksamkeiten irgendeines Mannes fürchten zu müssen?“

Ein Schauder überlief Caro, während sie ihm in das strenge Gesicht sah. Kein Wunder, dass die drei jungen Männer es für das Beste hielten, sich schnellstens davonzumachen. Ihr selbst war auch danach zumute, während sie daran dachte, wie fordernd, und doch so erregend sich sein fester, wohlgeformter Mund auf ihrem angefühlt hatte …

Entschlossen straffte sie die Schultern. „Sie haben mich vorsätzlich geküsst, Mylord, nur um mir zu beweisen, wie viel stärker Sie sind.“

Er schnaubte gereizt. „Um Ihnen zu zeigen, wie viel stärker jeder Mann wäre. Selbst jene drei besäuselten jungen Hunde, die gerade eben mit eingezogenem Schwanz davongelaufen sind.“

„Sie übertreiben, Sir …“

„Ganz im Gegenteil, Miss Morton“, fuhr er sie heftig an. „Ich kenne mich wohl besser als Sie mit den Begierden meines eigenen Geschlechts aus.“ Er verzog voller Widerwillen den Mund. „Wäre ich nicht hier gewesen, um Sie zu beschützen, garantiere ich Ihnen, wären Sie inzwischen irgendwo in eine Gasse gezerrt worden, den Rock bis zur Taille hochgerissen. Einer dieser jungen Gecken wäre dabei, sich an Ihnen zu vergehen, während seine Freunde darauf warten würden, an die Reihe zu kommen!“

Caro wurde blass, und ihr Magen zog sich in einem Anflug von Übelkeit zusammen, so lebhaft war das Bild, das er ihr zeichnete. Natürlich wusste sie, dass es seine Absicht war, sie zu erschrecken und zu schockieren. Aber obwohl die drei jungen Männer zweifellos zu viel getrunken hatten und sehr ausgelassen schienen, wären sie doch gewiss nicht so weit gegangen, wie der Earl behauptete?

Herausfordernd sah sie ihn an. „Dann ist es wirklich traurig, dass niemand da war, um mich vor Ihnen und Ihren unerwünschten Aufmerksamkeiten zu schützen, nicht wahr?“

Dominic sog scharf den Atem ein. Eigentlich hatte er ihr nur eine Lektion erteilen wollen, ihr zeigen wollen, wie schutzlos sie war – und dann hatte er gemerkt, wie sehr ihr süßer Mund ihn verzauberte, wie sehr ihre sanften Rundungen so dicht an seinem harten Körper ihn erregten. Und das in einem Maße, dass er seiner Leidenschaft mehr nachgegeben hatte als ursprünglich geplant.

„Ich wollte Ihnen nur klarmachen, wie sehr Ihr Spiel mit dem Feuer Sie der Gefahr aussetzt, beleidigt und sogar körperlich angegriffen zu werden.“

„Lächerlich“, winkte sie ab. „Ich bin kein völliger Dummkopf. Gerade weil ich meinen Ruf wahren will, trage ich im ‚Nick’s‘ die Maske und die Perücke. So wie ich jetzt aussehe, würde niemals jemand in mir die maskierte Frau erkennen, die jeden Abend in einem Spielclub singt.“

Ganz unrecht hatte sie natürlich nicht. Dominic hatte sie vorhin selbst kaum erkannt. Dennoch … „Die Tatsache, dass Sie maskiert sind und die blonden Locken unter einer schwarzen Perücke verstecken, würde Ihre Identität nur so lange verbergen, bis Sie das Schlafzimmer erreichen, fürchte ich.“

Sie schluckte mühsam, sah aber immer noch stolz zu ihm auf. „Meine … Identität?“

Ein gereizter Seufzer entfuhr ihm. „Die Art, wie Sie sich ausdrücken, wie Sie sich geben … all das verrät, dass Sie in Wirklichkeit eine Dame sind.“

„Oder die in Ungnade gefallene Zofe einer Dame“, warf sie hastig ein.

„Vielleicht. Ich weiß nicht, aus welchen Gründen Sie tun, was Sie tun, aber die einfachste Weise für mich, dieses Dilemma zu lösen, wäre natürlich, Ihre Beschäftigung bei mir zu beenden. Zumindest würde ich mich dann nicht mehr länger für Ihr Wohlergehen verantwortlich fühlen.“

„Das würde nur für Sie das Problem lösen, Mylord. Ich müsste trotz allem weiterhin nach einer Möglichkeit suchen, mich zu ernähren.“

Sie hat recht, gestand Dominic sich grimmig ein. Und doch gab es noch eine andere Lösung: Er könnte ihr vorschlagen, selbst ihr Beschützer zu werden. Das Gefallen, das er an ihrem Kuss gefunden hatte, zeigte ihm, dass seine Sinne zumindest nichts gegen diese Idee einzuwenden hätten. Oh ja, Caro würde es ohne Zweifel gelingen, seine Lust zu befriedigen.

„Sollten Sie sich jedoch entschließen, mich wegzuschicken, würden Sie mir keine andere Wahl lassen, als mich in einem anderen Club für dieselbe Tätigkeit zu bewerben.“ Sie zuckte die schmalen Schultern. „Was sich nicht als allzu schwierig erweisen dürfte, nun da die maskierte Dame eine gewisse Anhängerschaft gewonnen hat, wie Sie selbst zugeben“, fügte sie gelassen hinzu.

„Falls es nur eine Frage des Geldes ist …“

„Und falls dem so ist?“, unterbrach sie ihn sofort verärgert.

„Dann könnte ich mich vielleicht dazu bereit erklären, Ihnen die nötigen Mittel zu geben, damit Sie zurückkehren können, woher Sie kommen.“

„Nein!“ Der Blick aus ihren meergrünen Augen heftete sich aufrührerisch auf Dominic. „Ich habe nicht die geringste Absicht, London bereits zu verlassen.“

Dominic war nicht ganz sicher, ob Caro so heftig reagierte, weil er ihr Geld angeboten hatte, oder weil er ihr vorschlug, sie solle heimkehren. Und so wagte er sich weiter vor. „Ist die Lage zu Hause demnach so unerträglich?“

Obwohl sie versuchte, ein Schaudern zu unterdrücken, gelang es ihr nicht. „Zurzeit, ja.“

Er musterte sie unter halb gesenkten Lidern. „Damit wollen Sie sagen, dass die Lage sich irgendwann in der Zukunft ändern könnte?“

„Das will ich hoffen, ja“, bestätigte sie nachdrücklich.

„Doch bis dahin ist es Ihre Absicht, in London zu bleiben, ob ich Sie nun weiter bei mir arbeiten lasse oder nicht?“

„Ja“, sagte sie knapp.

„Sie sind sehr störrisch, Madam.“

„Ich bin entschlossen, Sir, was etwas ganz anderes ist.“

Dominic seufzte tief auf. Es wollte ihm nicht gefallen, Caro an einen Ort zu schicken, den sie offenbar so widerwärtig fand, andererseits konnte er sich die Schwierigkeiten nur allzu lebhaft vorstellen, in die diese unbesonnene junge Frau geraten würde, wenn er es zuließe, dass sie ungeschützt die Straßen Londons durchstreifte. „Dann müssen wir die Dinge wohl erst mal so lassen, wie sie sind.“ Er wandte den Blick ab. „Wollen wir den Weg zu Ihrer Unterkunft fortsetzen?“

Caro sah ihn triumphierend an. „Wir stehen schon seit einigen Minuten davor, Mylord!“

Stirnrunzelnd betrachtete er das Haus, vor dem sie sich befanden. Es war ein zweistöckiges Gebäude, typisch für diese Gegend, die einst zu den eleganteren Orten Londons gehört hatte, aber seitdem ziemlich heruntergekommen war. Der Besitzer dieses Hauses hatte sich immerhin bemüht, wenigstens den Anschein der Vornehmheit aufrechtzuerhalten. Die Fassade war gepflegt und gut erhalten, und auch die Vorhänge an den Fenstern schienen sauber zu sein.

Dominic wandte sich ihr wieder zu. „In dem Fall bleibt mir nur, Ihnen eine gute Nacht zu wünschen.“

„Mylord.“ Sie knickste flüchtig.

„Miss Morton.“

Sie schenkte dem Earl ein strahlendes, wenn auch unehrliches Lächeln, wandte sich wortlos um und schloss die Haustür auf, ohne sich ein weiteres Mal nach ihm umzudrehen. Erst einige Momente später wagte sie es, durch die Spitzenvorhänge des Fensters zu lugen, das sich gleich neben der Tür befand. Gerade rechtzeitig, um den Earl in die Kutsche steigen zu sehen. Der Pferdeknecht schloss den Verschlag und sprang behände hinten auf, nachdem die Kutsche sich bereits in Gang gesetzt hatte.

Doch bevor der Wagen verschwunden war, entdeckte Caro noch Dominic Vaughns blasses, grimmiges Gesicht am Fenster, als er zum Haus herüberblickte. Hastig wich sie zurück und lehnte sich gegen die Wand, die Hände auf die Brust gepresst, wo ihr Herz wild schlug.

Oh nein, der Kuss des Earl of Blackstone war ganz und gar nicht so gewesen, wie sie sich einen Kuss vorgestellt hatte.

Sondern sehr viel aufregender …

„Wo warst du gestern Abend, Dom?“, fragte Nathaniel Thorne, der Earl of Osbourne, am folgenden Abend träge, während die beiden Freunde einander am prasselnden Feuer des Kamins in einem der Salons des „White’s“ gegenübersaßen

„Ich … wurde aufgehalten. Ließ sich leider nicht vermeiden.“ Dominic wich einer direkten Antwort aus. Eigentlich waren die beiden Männer am vorigen Abend verabredet gewesen, doch sein Entschluss, stattdessen Caro Morton sicher nach Hause zu begleiten, hatte seine ursprünglichen Pläne vereitelt. Nicht, dass sie ihm das besonders gedankt hätte!

Nathaniel hob eine blonde Braue. „Ich hoffe, sie war ebenso unersättlich wie sie schön war.“

„Schön, ja. Unersättlich? Kann ich nicht sagen.“ Noch immer war es Dominic nicht gelungen, aus Caro Morton schlau zu werden. Allerdings hatte er sich die Mühe gemacht, Drew Butler eine Nachricht zu schicken, in der er ihn anwies, sie weiterhin zu versorgen und jeden Abend von Ben Jackson nach Hause geleiten zu lassen.

„Noch nicht“, sagte Nathaniel, da er Dominic sehr gut kannte.

Dominics Eltern waren vor Jahren gestorben, und er hatte keine Geschwister, somit waren Nathaniel Thorne und Gabriel Faulkner inzwischen so etwas wie Familie für ihn. Durch ihre gemeinsame Schulzeit und die anschließenden Jahre in der Armee standen sie sich so nahe wie Brüder. In diesem Moment wäre es Dominic allerdings lieber, Nathaniel würde ihn nicht so gut kennen.

„Ich habe heute einen Brief von Gabriel erhalten“, versuchte er abzulenken. „Er rechnet damit, bis zum Ende der Woche in England zu sein.“

„Ich habe auch einen bekommen. Kannst du dir die Gesichter der Leute vorstellen, wenn Gabe sich wieder in der guten Gesellschaft blicken lässt?“

„Er wird wohl zuerst nach Shoreley Park fahren, um die Copeland-Schwestern aufzusuchen.“

Nathaniel schnaubte. „Du weißt genau wie ich, dass es keine zwei Minuten dauern wird, bis Gabe nach London abreisen kann – Skandale hin, Skandale her –, jede der drei albernen Gänse wird ihn anflehen, ihn heiraten zu dürfen!“ Er hob sein Glas in einem stummen Toast der Bewunderung an ihren abwesenden Freund.

Es stimmte. Gabriels Glück in der Damenwelt war legendär. Ein Blick auf sein rabenschwarzes Haar, die dunkelblauen Augen und den festen, muskulösen Körper, und Frauen jeden Alters lagen ihm sofort zu Füßen. Oder vielmehr, sie legten sich mit größter Bereitwilligkeit in sein Bett! Zweifellos würden die Copeland-Schwestern ebenso fasziniert von ihm sein.

„Was fangen wir mit dem Rest des Abends an?“ Nach der Unzu­friedenheit, die ihn in der vorigen Nacht seltsamerweise befallen hatte, empfand Dominic das Bedürfnis, sich zu betrinken und sich mit einer Frau zu vergnügen, die ebenso erfindungsreich wie willig war.

Nathaniel musterte ihn nachdenklich. „Wie ich höre, gibt es eine geheimnisvolle Schönheit, die zurzeit im ‚Nick’s‘ …“

So nah sie sich auch standen, Dominic wusste, dass er einige Dinge besser für sich behielt – so wie zum Beispiel seine Begegnung mit Caro Morton in der vergangenen Nacht und seinen für ihn so untypischen Wunsch, ausgerechnet diese Frau zu beschützen. Es wollte ihm auch nicht gefallen, dass sie bereits so sehr in aller Munde zu sein schien.

Unwillig zog er eine Grimasse. „Ich glaube, der einzige Grund, weswegen man sie für so geheimnisvoll hält, ist, dass sie während ihres Auftritts eine mit Juwelen besetzte Maske trägt.“

„Oh.“ Nathaniel war sichtlich enttäuscht. „Zweifellos, um zu verbergen, dass ihr Gesicht pockennarbig ist.“

„Vielleicht“, meinte Dominic nur in gelangweiltem Ton, da er nicht die Absicht hatte, die Neugier seines Freundes zu wecken.

Nate seufzte. „Ich überlasse dir die Wahl unserer heutigen Unterhaltung, mein Bester.“

Diese Wahl schloss mehrere Spielhöllen ein, bevor der Abend mit einem Besuch in einem hell erleuchteten und dennoch diskreten Haus endete, in dem mehrere äußerst versierte Damen der Halbwelt sich bemühten, zwei so gut aussehenden jungen Gentlemen die Zeit zu versüßen.

Umso erstaunlicher war es, dass ebendiese beiden Gentlemen etwa eine Stunde später das Haus verließen, ohne aus der Bereitwilligkeit der Damen einen Nutzen zu ziehen.

„Vielleicht hätten wir uns doch besser die geheimnisvolle Schönheit im ‚Nick’s‘ ansehen sollen.“ Osbourne unterdrückte ein Gähnen. „Pockennarben oder nicht, ich bezweifle sehr, dass ich sie weniger anziehend finden könnte als die Damen, mit denen wir hier unsere Zeit verschwendet haben!“

Dominic runzelte die Stirn. Wenn er sich ein zweites Mal sträubte, würde er lediglich Nates Misstrauen wecken. „Vielleicht sind wir ein wenig abgestumpft, Nate, was?“, meinte er trocken, klopfte gegen das Dach der Kutsche und gab dem Kutscher neue Anweisungen.

Sein Freund hob fragend die Augenbrauen. „Fehlt dir eigentlich jemals die Zeit in der Armee?“

„Nicht so sehr, dass ich mein Offizierspatent zurückkaufen wollte. Und dir?“

Osbourne zuckte die Achseln. „Das Zivilleben kann sehr öde sein. Alles ist so monoton.“

Es erleichterte Dominic zu wissen, dass er nicht der Einzige war, dem die aufreibenden, aber unendlich aufregenden Jahre fehlten. „Ich habe mir sagen lassen, eine Londoner Saison ähnelt oft einem Schlachtfeld“, scherzte er.

„Erwähne mir gegenüber bitte nicht die Londoner Saison“, stöhnte sein Freund. „Meine Tante Gertrude hat es sich in den Kopf gesetzt, mich zu verheiraten“, erklärte er, als Dominic ihn erstaunt ansah. „Und jetzt besteht sie darauf, dass ich sie in den nächsten paar Wochen zu mehreren Bällen und Soireen begleite.“

„Aha.“ Dominic begriff allmählich, warum sein Freund so ruhelos wirkte. Mrs Gertrude Wilson war Osbournes engste Verwandte, die ihm außerdem sehr ans Herz gewachsen war. Dieselbe Zuneigung brachte auch sie ihm entgegen und zeigte ihm das, indem sie großes Interesse an seinem Leben nahm. „Ich nehme an, du bist nicht mit ihren Wünschen einverstanden?“

„Einverstanden mit der Vorstellung, mich für den Rest meines Lebens an irgendein verlogenes kleines Ding zu fesseln, dem man wahrscheinlich beigebracht hat, im Bett Schäfchen zu zählen, während sie die Gelüste ihres Mannes erträgt? Selbstverständlich nicht!“ Osbourne unterdrückte nur mit Mühe ein Schaudern. „Ich verstehe nicht, wie Gabriel auch nur daran denken kann.“

Eines Tages würden die drei Freunde natürlich heiraten und einen Erben zeugen müssen, da jeder von ihnen einen Titel zu vererben hatte. Zumindest sah es jedoch so aus, als wäre Osbourne dieser Vorstellung gegenüber ebenso feindselig eingestellt wie ­Dominic auch. Andererseits war Mrs Gertrude Wilson ein ernstzunehmender Gegner!

Das belustigte Lächeln um Dominics Lippen verschwand, als die beiden Gentlemen kurz darauf der Kutsche entstiegen und er sah, dass Ben Jackson sich wieder nicht an seinem Posten befand. Offenbar waren sie rechtzeitig gekommen, um Caro Mortons zweiten Auftritt genießen zu können.

Doch das Geräusch von zerbrechenden Möbeln, berstendem Glas und erregtem Geschrei aus der Richtung des größten Spielraums erinnerte in nichts an die ehrfürchtige Stille, die Dominic bei seiner Ankunft am gestrigen Abend erlebt hatte.

Und dann hörte er deutlich die entsetzten Schreie einer Frau!

3. KAPITEL

Caro war in ihrem ganzen Leben noch nie so verängstigt gewesen wie in diesem Augenblick. Obwohl Ben und zwei weitere Männer beschützend vor ihr standen und die ausgelassensten Kämpfer von ihr fernhielten, sah sie doch die Fäuste fliegen, blutende Nasen und verletzte Gesichter, als selbst Stühle, Tische und Flaschen ins Spiel gebracht wurden.

Tatsächlich konnte sie sich nicht erklären, wie es dazu kommen konnte. Sie hatte gesungen wie immer, und dann war ein Mann auf die Bühne gekommen, um sie zu packen. Ein zweiter Mann genau hinter ihm stieß den ersten beiseite und stürzte auf Caro zu, die inzwischen erschrocken von der Chaiselongue aufgesprungen war.

Und dann brach der Tumult richtig aus. Es kam ihr vor, als würden ein Dutzend Männer oder mehr mit den Fäusten und den erstbesten Möbelstücken jeder Art aufeinander losgehen.

Und während der ganzen Zeit, jeden einzelnen fürchterlichen Augenblick lang, musste Caro voller Scham an Lord Blackstones Warnung denken …

„Hast du Lust mitzumachen?“, schlug Osbourne entzückt vor, als die zwei Freunde noch in Hut und Mantel an der Tür zum Salon standen.

Dominic versuchte die Situation einzuschätzen. Ungefähr dreißig Männer schlugen in besinnungsloser Wut aufeinander ein. Mehrere der Brokatsessel und Tische waren umgeworfen worden und der Boden war übersät mit den Splittern zerbrochener Gläser und Flaschen, die bei jedem Schritt unter den Füßen knirschten. Drew Butler befand sich mitten im Getümmel, erfolglos versuchte er, den Kämpfen Einhalt zu gebieten. Und auf der Bühne stand Ben Jackson unbeweglich vor der Chaiselongue, hinter der sich Caro voller Entsetzen versteckte.

„Zur Bühne“, wies Dominic seinen Freund an und warf seinen Hut beiseite. „Wenn es uns gelingt, das Mädchen von hier fortzubringen, wird die Schlägerei aufhören.“

„Das will ich doch nicht hoffen!“, meinte Nathaniel frech grinsend und warf sich begeistert mitten ins Handgemenge.

Die meisten Männer schienen sich ebenso gut zu unterhalten wie Osbourne, trotz blutiger Nasen, gelegentlich sogar einem ausgeschlagenen Zahn. Es waren aber vor allem die drei, vier Gentlemen, die Ben Jackson am nächsten gekommen waren, die Dominic die größte Sorge bereiteten.

Kaum hatte Dominic die Chaiselongue erreicht, sprang Caro Morton dahinter hervor und warf sich ihm in die Arme. „Dem Himmel sei Dank, Sie sind gekommen, Dominic!“

Osbourne betrachtete das Schauspiel mit belustigtem Interesse. „Nimm du das Mädchen, Dom. So viel Spaß habe ich seit Jahren nicht mehr gehabt!“ Er holte aus und verfrachtete einen der Männer mit einem kräftigen Kinnhaken von der Bühne.

In seiner Wut wäre Dominic nichts lieber gewesen, als selbst ein paar Nasen zum Bluten zu bringen. Leider würde er auf diese Befriedigung verzichten müssen, da Caro sich noch fester an ihn presste. Durch die Schlitze ihrer Maske konnte er die Angst in ihren meergrünen Augen sehen.

Er runzelte die Stirn, als er entdeckte, dass ihr goldfarbenes Kleid an mehreren Stellen zerrissen war. „Habe ich Sie nicht gewarnt?“, fuhr er sie an, befreite sich aus ihrem Griff und warf ihr den Mantel um die Schultern, bevor er sich bückte, den Arm um ihre Beine legte und sie sich kurzerhand über die Schulter warf.

„Wa… Lassen Sie mich sofort herunter!“ Kleine Fäuste hämmerten gegen seinen Rücken.

„Heute bietet sich Ihnen eine gute Gelegenheit zu lernen, wann es klüger ist, den Mund zu halten“, meinte er grimmig.

Mehrere Blicke folgten ihm neidisch, als er sie von der Bühne und in den hinteren Teil des Clubs zu seinen Privaträumen trug.

Das Letzte, was Caro in diesen albtraumhaften Momenten gebrauchen konnte, war Dominic Vaughns herablassende Arroganz. Der große Schrecken reichte ihr wirklich für heute Abend, ohne dass sie auch noch die Demütigung ertragen wollte, von diesem Mann über die Schulter geworfen zu werden, als wäre sie ein Sack Kartoffeln oder ein Ballen Stroh auf dem Gut ihres Vaters!

Sie zappelte heftig, um freigelassen zu werden, kaum dass sie die leere Eingangshalle erreicht hatten. „Sie sollen mich sofort herunterlasen!“

„Liebend gern.“ Dominic ließ sie kurzerhand an seinem harten Körper herabgleiten, bis sie mit den nackten Füßen auf dem Boden stand.

„Ich glaube, mir ist noch nie ein so ungehobelter Mann wie Sie begegnet!“ Sie sah vorwurfsvoll zu ihm auf und zog seinen Mantel fest um ihren zitternden Leib.

„Nachdem ich bloß versucht habe, Sie zu retten?“ Er sprach leise, aber der warnende Unterton war nicht zu überhören.

„Nachdem Sie mich grob angefasst haben, Sir!“, entgegnete sie eigensinnig. Mit noch immer bebenden Fingern strich sie die schwarzen Locken zurecht und wunderte sich, wie Maske und Perücke an ihrem Platz geblieben waren. „Ihre Wut scheint anzudeuten, dass Sie mich verantwortlich für das machen, was eben passiert ist.“

„Sie sind ja auch dafür verantwortlich.“

„Seien Sie nicht lächerlich! Jede Frau weiß, dass den Männern jede Ausrede recht ist, um sich einen Faustkampf zu liefern.“

„Ich habe große Lust, Ihnen für den heutigen Schaden ordentlich den Hintern zu versohlen!“, knurrte er.

Ihre Augen weiteten sich leicht, heiße Röte stieg ihr in die Wangen. „Das würden Sie nicht wagen!“

Dominic schnaubte. „Führen Sie mich nicht in Versuchung, Caro!“

Entmutigt gab Caro jeden weiteren Versuch auf, die Locken ihrer Perücke zu ordnen, und nahm schließlich die Maske ab, um Dominic finster anzusehen. „Ich glaube, Sie suchen nur nach einer Rechtfertigung, um mich zu schlagen.“

Er erstarrte und musterte ihr wütendes Gesicht eindringlich. Der Gedanke, ein namenloser Mann hätte sich jemals an dieser zarten, wunderschönen Frau vergriffen, genügte, um Dominic in heißen Zorn zu versetzen. Und doch brachte er gereizt hervor: „Glauben Sie mir, in Ihrem Fall ist keine Rechtfertigung nötig.“

„Oh!“, stieß sie empört hervor. „Sie, Sir, sind der überheblichste, arroganteste, unverschämteste Mann, den ich je das Pech hatte kennenzulernen!“

„Und Sie, Madam, sind die eigensinnigste, vorsätzlich dümmste …“

„Dumm?“, wiederholte sie ärgerlich.

„Vorsätzlich dumm“, bestätigte er reuelos.

Noch nie war Caro so wütend gewesen, noch nie wünschte sie sich inniger, einem Mann auf die arrogante, aristokratische Nase zu schlagen!

Als wäre er sich ihrer gewalttätigen Gedanken nur allzu bewusst, verzog er den sinnlichen Mund zu einem spöttischen Lächeln. „Das wäre sehr unklug, Caro.“ Die Warnung wurde fast wie ein Kosewort ausgesprochen und klang dadurch sogar noch bedrohlicher.

Einige Momente sahen sie sich herausfordernd an, und fast – allerdings nur fast – fühlte Caro sich tapfer genug, um die Herausforderung anzunehmen, als eine amüsierte Stimme erklang.

„Ich bin gekommen, um dir zu sagen, dass Butler und seine Männer den letzten Gast hinausgeschmissen haben und jetzt versuchen, das Chaos aufzuräumen. Aber ich kann später wiederkommen, falls ich jetzt ungelegen …“

Ein hochgewachsener, eleganter Mann lehnte lässig an der Wand. Die Arme vor der breiten Brust verschränkt, betrachtete er beide mit größtem Interesse. Nur die zerzausten, modisch langen blonden Locken, die sein attraktives Gesicht umgaben, verrieten, dass er vor kurzer Zeit tatkräftig am Handgemenge teilgenommen hatte.

„Ich muss sagen, unsere Einschätzung der … Situation war eindeutig falsch, Blackstone.“ Er schenkte Dominic ein anerkennendes Lächeln und heftete den dunklen Blick dann wieder sehr interessiert auf Caros makelloses, keine einzige Pockennarbe aufweisendes Gesicht.

Eine Bemerkung, die Caro sehr rätselhaft erschien, ebenso wie die Eindringlichkeit, mit der er sie ansah! „Um Ihre Frage zu beantworten, Sir … Lord Blackstone und ich haben unser Gespräch beendet.“

„Ganz und gar nicht.“ Dominic packte Caros Handgelenk, als sie an ihm vorbeigehen wollte. „Ich hoffe, es sind nicht zu viele Köpfe eingeschlagen worden, Osbourne.“

Der Blonde zuckte die Achseln. „Keiner, der es nicht verdient hätte.“ Er stieß sich leicht von der Wand ab. „Möchtest du mich nicht vorstellten, Blackstone?“ Belustigt ließ er den Blick kurz auf seinem Freund ruhen, bevor er ihn wieder mit unverhohlener Bewunderung auf Caro heftete.

„Caro Morton, Nathaniel Thorne, der Earl of Osbourne“, sagte Dominic widerwillig.

„Ihr Diener, Ma’am.“ Lord Osbourne verbeugte sich elegant.

„Mylord.“ Lieber Himmel, muss denn jeder Mann, den ich in London kennenlerne, ein Earl sein? dachte sie missmutig.

„Falls du ebenfalls gehen möchtest, nun, da die ganze Aufregung vorüber ist, Osbourne, steht es dir frei, das zu tun“, meinte Dominic. „Ich fürchte, ich werde noch eine Weile bleiben müssen.“

Caro wandte sich abrupt von ihm ab und lächelte den anderen Mann freundlich an. „Wenn Sie also gehen wollen, könnte ich Sie dann vielleicht dazu überreden, mich mitzunehmen, Lord Osbourne?“

Ganz so, sagte Dominic sich ungeduldig, als wäre sie eine Dame, die in ihrem Salon höfliche Konversation betreibt! Als wäre kein Tumult ausgebrochen, bei dem es darum ging, wer mit ihr das Bett teilen durfte!

„Das wird nicht gehen.“

Caro achtete nicht auf Dominic, den Blick unverwandt auf Nathaniel gerichtet. „Ich wüsste es sehr zu schätzen, wollten Sie mich nach Hause begleiten, Lord Osbourne.“ Eine Sirene hätte nicht überzeugender und süßer klingen können!

Diese Frau war eine wahre Landplage und Dominic ein Dorn im Auge, seit er sie das erste Mal zu Gesicht bekommen hatte!

„Ich fürchte, das ist nicht möglich“, antwortete er für seinen Freund.

Wieder errötete sie. „Meine Bitte war an Lord Osbourne gerichtet, nicht an Sie!“

Dominic atmete tief durch und wartete, bis er sich ein wenig beruhigt hatte. Ihm fiel auf, dass er sich seit seiner Begegnung mit ihr ständig aus dem einen oder anderen Grund in einem Zustand der Anspannung befand. „Lord Osbourne ist ein Gentleman und deswegen in der Lage, ein bestehendes Vorrecht zu erkennen, habe ich nicht recht, Osbourne?“

Der zuckte nur die Achseln. „Ich stimme deiner Einschätzung von vorhin übrigens zu, Blackstone“, meinte er leichthin. „Persönlich würde ich sogar sagen, eher hinreißend als schön!“

Dominic nickte gereizt. „Gewiss.“

„Da dem also so ist, Blackstone, begebe ich mich am besten zu Butler und Ben. Meine Empfehlung, Miss Morton.“ Er neigte lässig den Kopf und ließ Dominic und Caro allein.

Caro blinzelte verwirrt über Lord Osbournes plötzlichen Aufbruch. „Ich verstehe nicht.“ Irgendetwas musste zwischen den beiden Männern abgelaufen sein, sonst hätte der so galante Lord Osbourne sie nicht einfach so im Stich gelassen.

Dominic gab ihr Handgelenk frei und trat einen Schritt zurück. „Sie sollten jetzt in Ihre Garderobe gehen und sich umziehen. Ich warte in Drew Butlers Arbeitszimmer, bis Sie bereit sind.“

„Aber …“

„Könnten Sie ein einziges Mal tun, worum ich Sie bitte, ohne einen Streit vom Zaun zu brechen, Caro?“

Sie sah in sein finsteres Gesicht und erschauderte, so gefährlich glitzerten seine silbergrauen Augen. Immerhin hatte er ihr gesagt, dass er sie für den heutigen Aufruhr und Schaden an seinem Eigentum verantwortlich hielt, und sogar gedroht, sie zur Strafe zu versohlen! Ein Gentleman sollte das Gesäß einer Dame nicht einmal erwähnen, geschweige denn androhen, es zu malträtieren!

„Ich bin sehr müde, Mylord“, sagte sie hochmütig, „und ziehe es vor, direkt nach Hause zu gehen, sobald ich mich umgezogen habe.“

„Und ich ziehe es vor, dass Sie sich in Butlers Arbeitszimmer zu mir gesellen, damit wir unser Gespräch fortsetzen können.“

„Ich dachte, wir hätten es bereits beendet.“

„Caro“, sagte er mit erzwungener Ruhe, „ich wurde in eine Schlägerei verwickelt, die ich nicht verursacht habe, und mein Eigentum hat beträchtlichen Schaden erlitten. Von daher bin ich wirklich nicht in der Stimmung, Ihre Dickköpfigkeit noch sehr viel länger zu dulden.“

„Ach? Das passt ja wunderbar.“ Sie setzte eine unschuldige Miene auf. „Ich kann Ihre unmögliche Überheblichkeit nämlich auch nicht mehr ertragen.“

Ja, gestand Dominic sich kläglich ein, Caro ist zweifellos ebenso mutig wie schön. Zu seinem Missmut hatte er heute schon viel zu viel Zeit darauf verwendet, in Gedanken beim gestrigen Abend zu verweilen, als er Caros süßen Mund gekostet hatte.

„Wären Sie empfänglicher für den Vorschlag, wenn ich Sie bitten würde?“

Sie musterte ihn misstrauisch. „Es wäre gewiss ein Anfang.“

Nach kurzem Zögern nickte er. „Nun gut. Ich bestehe darauf, dass Sie mich in Kürze in Butlers Arbeitszimmer treffen, um unser Gespräch fortzuführen. Bitte.“

Eine zweite Aufforderung, die absichtlich ebenso unliebenswürdig war wie die erste! „Dann erkläre ich mich also bereit, Mylord. Aber nur für einige Minuten“, fügte sie entschieden hinzu, bevor er sich freuen konnte. „Es ist spät, und ich bin wirklich sehr erschöpft.“

„Nur zu verständlich.“ Er verbeugte sich spöttisch. „Heute Abend werde ich Sie nicht lange aufhalten.“

Seine letzte Bemerkung klang fast wie eine Drohung. Besorgt schickte Caro sich an, ihre Garderobe aufzusuchen und sich umzuziehen.

Dominic gab sich keine Mühe, seine abschätzige Miene zu verbergen, als er das fade grüne Kleid sah, in dem Caro kurz darauf Drews Arbeitszimmer betrat. Es war weder von jener faszinierenden meergrünen Farbe ihrer Augen, noch schmeichelte sein Schnitt Caros anmutiger Schlankheit. Hinzu kam, dass es bis zum Hals zugeknöpft war und Caro die blonden Locken zu einem strengen Knoten im Nacken zurückgekämmt hatte.

Dominic erhob sich, kam geschmeidig um den Schreibtisch herum und lehnte sich dagegen, ohne Caro aus den Augen zu lassen. „Ihre Tortur scheint Sie ja nicht besonders mitgenommen zu haben.“

Dann konnte sie ihre Gefühle wirklich gut verbergen. Die Reaktion auf die Keilerei hatte erst richtig eingesetzt, als sie die Sicherheit und Ruhe ihrer Garderobe erreicht hatte, dann allerdings so heftig, dass sie eine ganze Weile nicht fähig gewesen war, ihr Zittern unter Kontrolle zu bringen.

Auch jetzt zitterte sie ein wenig, weswegen sie ihre Hände fest zusammenpresste. Unter keinen Umständen wollte sie den hochmütigen Mann ahnen lassen, wie schwach sie in Wirklichkeit war. „Ich habe Ihnen noch nicht für Ihr rechtzeitiges Einschreiten danken können, Mylord. Das möchte ich hiermit nachholen.“ Sie neigte knapp den Kopf.

Dominic unterdrückte nur mühsam ein Lächeln über ihre recht ungnädig geäußerte Dankbarkeit. „Keine Ursache“, entgegnete er. „Wie es aussieht, wird es mehrere Tage dauern, vielleicht sogar eine Woche, um die Schäden im großen Salon zu reparieren …“

„Ich habe jedenfalls nicht die Mittel, für diese Schäden aufzukommen, falls Sie das vorschlagen wollen“, protestierte sie sofort.

Er musterte sie unter halb gesenkten Lidern und sah die dunklen Schatten unter ihren schönen Augen, die blassen Wangen und die leicht zitternden Hände. Alles Zeichen dafür, dass die Ereignisse des Abends Caro sehr viel mehr mitgenommen hatten, als sie irgendjemanden – wahrscheinlich am wenigsten ihn – wissen lassen wollte.

Insgeheim bewunderte er sie für ihre stolze Haltung. So wie er die Würde bewunderte, mit der sie eine Situation bewältigen konnte, die ganz offensichtlich alles weit übertraf, was sie bisher erlebt hatte.

Ob sie auch in der Liebe so unerfahren war? Nach der ersten Überraschung gestern Abend hatte sie seinen Kuss jedenfalls voller Leidenschaft erwidert. Doch kurz darauf schien sie sich der Gefahr überhaupt nicht bewusst zu sein, in die sie durch die drei jungen Dummköpfe hätte geraten können.

Caro Morton entpuppte sich als ein Rätsel, das Dominic, wie er leicht missmutig erkannte, sehr gerne lösen wollte. Fast so sehr wie er sich wünschte, sie aus diesem schmucklosen Kleid zu schälen und jede Stelle ihres hinreißenden nackten Körpers zu erforschen …

„Nein, keineswegs“, antwortete er. „Ich wollte Sie nur darauf aufmerksam machen, dass der Club einige Tage geschlossen bleiben muss, während die Reparaturen stattfinden. Denn das bedeutet, Sie können während dieser Zeit nicht auftreten.“

Einen Moment sah sie ihn nur ausdruckslos an, doch dann ging ihr die Tragweite seiner Worte auf, und sie fuhr sich unruhig mit der Zungenspitze über die Lippen. „Aber Sie denken, es wird nur einige Tage dauern?“

Er musterte sie prüfend. „Vielleicht eine Woche.“

„Eine Woche?“, rief sie bestürzt.

Erst jetzt erkannte Dominic, dass sie sehr wahrscheinlich völlig auf das Geld angewiesen war, das sie jeden Abend verdiente. Und ihre Entschlossenheit, trotz allem in London zu bleiben, zeigte nur, wie ernst die Lage zu Hause sein musste …

„Sie brauchen nicht so besorgt auszusehen, Caro“, beruhigte er sie. „Ob Sie es wollen oder nicht, im Augenblick scheint es ganz so, als würden Sie unter meinem Schutz stehen.“

Empört sog sie den Atem ein. „Ich habe nicht die geringste Absicht, Ihre Mätresse zu werden!“

Ebenso wenig wie es Dominics Absicht war, sie oder irgendeine andere zu seiner Mätresse zu machen …

Seine Eltern waren gestorben, als er erst zwölf Jahre gewesen war. Und es hatte keine freundliche Tante gegeben, die ihn bei sich aufgenommen hätte, wie es bei Nathaniel der Fall gewesen war. Stattdessen war die Vormundschaft für ihn den Anwälten seines Vaters übergeben worden. In den Jahren bis zu seiner Volljährigkeit hatte Dominic, wenn er nicht im Internat gewesen war, allein auf Blackstone Park in Berkshire gelebt – umsorgt nur von einer Handvoll distanzierter, höflicher Diener.

„Ich sagte Beschützer, Caro, nicht Geliebter. Andererseits sind wohl die meisten Gentlemen heute Abend zu dem Schluss gekommen, dass ich diese zweifelhafte Ehre bereits besitze“, fügte er trocken hinzu.

Sie zuckte zusammen über seine beleidigenden Worte. „Warum?“

„Immerhin waren sie Zeuge, wie Sie sich mir vorhin an die Brust warfen.“

„Ich fürchtete um mein Leben!“, rief sie empört.

Dominic winkte ab. „Warum Sie es getan haben, spielt keine Rolle. Tatsache ist, dass eine maskierte Dame in meinem Spielclub arbeitet und besagte Dame sich heute Abend in meine Arme warf und mich gleich darauf laut und deutlich mit meinem Vornamen ansprach.“ Er zuckte die Achseln. „Die meisten denken jetzt, Sie hätten sich bereits entschlossen, wer Ihr Beschützer sein soll, und dass Sie höchstwahrscheinlich das ausschließliche Eigentum des Earl of Blackstone sind.“

4. KAPITEL

Zum wohl ersten Mal in ihrem Leben war Caro sprachlos. Ihre ältere Schwester Diana wäre außer sich vor Wut, sollte ihr jemals zu Ohren kommen, ihre Schwester Caroline sei die Mätresse von Dominic Vaughn!

Caro hatte einen Brief auf ihren Nachttisch gelegt, in dem sie ihre Schwestern natürlich bat, sich keine Sorgen um sie zu ­machen, ohne jedoch Diana oder ihrer jüngeren Schwester Elizabeth anzuvertrauen, dass sie plante, nach London zu fliehen, bevor ihr Vormund anreiste, um ihrer aller Leben zu bestimmen. Keine der Copeland-Schwestern hatte diesen Mann jemals kennengelernt, und dennoch hatte er ihnen durch seinen Anwalt mitteilen lassen, er müsse darauf bestehen, eine von ihnen zu seiner Gattin zu nehmen!

Was für ein Mann handelte so? Caro hatte zwischen Unglauben und Wut geschwankt. Was für ein Unmensch musste Gabriel Faulkner sein, um seinen Anwalt zu schicken. Und als wäre das nicht genug, trug er keiner bestimmten Schwester die Ehe an, sondern wollte wählen, welche auch immer bereit sein würde, ihn zu nehmen!

Da ihnen nicht vergönnt gewesen war, in die Gesellschaft eingeführt zu werden, kannten die Schwestern den Cousin und Erben ihres Vaters nicht. Doch mehrere ihrer Nachbarn waren ihm begegnet und unterhielten die Mädchen mit der äußerst interessanten Information – wenn sie auch keine Einzelheiten kannten –, dass Seine Lordschaft vor acht Jahren nach einem entsetzlichen Skandal auf das Festland verbannt worden war, wo er sich schließlich in Venedig niedergelassen hatte.

Selbstverständlich wussten die Mädchen, dass keine von ihnen den Titel erben konnte, allerdings erfuhren sie erst beim Verlesen des Testaments, dass sie auch ohne eigene Mittel dastanden und ihre Zukunft somit völlig von den Launen und der Gnade des neuen Earl of Westbourne abhing.

Vor drei Wochen war dann der Anwalt des Earls auf Shoreley Hall erschienen, um ihnen mitzuteilen, dass der neue Earl of Westbourne die Großmut besaß, eine der mittellosen Schwestern zu seiner Gattin zu nehmen. Der Anwalt hatte ihnen ernst erklärt, dass der Earl sie als ihr Vormund sogar dazu befehligen konnte, den Antrag anzunehmen.

Diana, mit ihren einundzwanzig Jahren die Älteste, war dem Sohn des hiesigen Gutsherrn so gut wie versprochen und somit am sichersten vor den Aufmerksamkeiten des Earls. Elizabeth, erst neunzehn und die jüngste von ihnen, hatte dramatisch verkündet, sie würde sich lieber in ein Kloster zurückziehen, als einen Mann zu heiraten, den sie nicht liebte. Doch Caros Plan, einer Heirat mit dem Earl zu entgehen, war sogar noch wagemutiger gewesen.

In einem Versuch, ihr bisher so eintöniges Leben mit Abenteuern zu füllen, beschloss sie, für einen Monat oder zwei nach London zu gehen und sich als Gesellschafterin oder Gouvernante in einem vornehmen Haushalt zu verstecken. Sobald Gabriel Faulkner in England ankam, würde Diana, erbost über das Verschwinden einer ihrer Schwestern, den Mann gewiss mit ihrer scharfen Zunge in ein zitterndes Häufchen Elend verwandeln und ihn ungnädig seiner Wege schicken.

Allerdings war keiner von Caros Plänen aufgegangen. Bevor Drew Butler sich ihrer erbarmt und ihr erlaubt hatte, im „Nick’s“ zu singen, hatte Caro schon befürchtet, sie würde selbst wie ein zitterndes Häufchen Elend heimkehren müssen, bevor der Earl überhaupt in England angekommen, geschweige denn von der unerschütterlichen Diana seiner Wege geschickt worden war!

Dominic betrachtete Caros ausdrucksvolles Gesicht interessiert. „Wissen Sie, Sie könnten dem ganzen Unsinn ganz leicht ein Ende bereiten, indem Sie dorthin zurückgehen, woher Sie gekommen sind.“

Sofort verschloss sie sich ihm. Wieder fiel Dominic auf, wie sehr Caro den Gedanken fürchtete, zu ihrem früheren Leben zurückzukehren. Wovor oder vor wem lief diese schöne junge Frau nur davon?

Sie schüttelte den Kopf. „Ich fürchte, das ist eine Möglichkeit, die mir zurzeit nicht offensteht, Mylord.“

„Wie Sie mir schon einmal sagten.“ Er hob die dunklen Augen­brauen. „Bis es Ihnen möglich ist, beabsichtigen Sie also, mich frühzeitig ergrauen zu lassen, während ich mir Sorgen darüber mache, in welche Bredouille Sie das nächste Mal geraten werden?“

„Ich sehe kein einziges graues Härchen in ihrem schwarzen Haar, Mylord“, meinte sie belustigt.

„Wohl nur eine Frage der Zeit, fürchte ich“, erwiderte er kläglich und hielt fasziniert inne, als sie mit leicht heiserer Stimme über seinen Unsinn lachte. Zu seinem Entsetzen wurde ihm klar, dass er in Gefahr war, ebenso wie Butler und Ben – wahrscheinlich sogar Osbourne – dem Zauber dieser Frau zu verfallen.

Allerdings hatte er nicht die Absicht, sich diesem Zauber zu ergeben. Sich mit einer Frau zu vergnügen war eine Sache, zuzulassen, dass sie seine Gefühle weckte, war etwas ganz anderes. Es wurde höchste Zeit für ihn, seine Taktik zu ändern. Falls er Caro nicht dazu überreden konnte, London zu verlassen, indem er sie einfach höflich bat, würde er die direkte Methode ausprobieren müssen …

Caro wich unwillkürlich einen Schritt zurück, die Augen erschrocken geweitet, als Dominic sich langsam aufrichtete und mit fast raubtierhaft geschmeidigen Bewegungen auf die Tür zuging. Gemächlich, als wäre es nichts Außergewöhnliches, drehte er den Schlüssel herum.

„Damit wir nicht gestört werden können“, meinte er nur, kam zu Caro zurück und blieb dicht vor ihr stehen.

Sie hob leicht den Kopf, um ihm furchtlos, wie sie hoffte, in das hochmütige, attraktive Gesicht zu blicken. „Es wird Zeit für mich zu gehen …“

„Noch nicht ganz, Caro“, unterbrach er sie leise, legte eine Hand an ihre Wange und strich ihr sanft mit dem Daumen über die volle Unterlippe.

„W… was tun Sie, Mylord?“

„Vorhin nannten Sie mich Dominic“, erinnerte er sie heiser. „Ich bemühe mich nur, Ihnen zu zeigen, dass es gewisse … Vorteile mit sich bringen würde, meine Geliebte zu werden.“

Caro wurden die Knie weich bei dem Gedanken, auf welche Weise dieser Mann vorhatte, ihr diese „Vorteile“ zu demonstrieren. Wie gut erinnerte sie sich an das Gefühl seines harten, unnachgiebigen Mundes auf ihrem, seiner Hände auf ihrem Rücken, auf ihrem Gesäß und dann an die unglaublichen Empfindungen, als sie seine Erregung dicht an ihrem Bauch gespürt hatte. „Das wäre äußerst unklug, Mylord.“

Ohne zu antworten, lehnte er sich wieder gegen den Schreibtisch und zog Caro mit sich, den Blick aus seinen seltsamen, silbergrauen Augen fasziniert auf ihr ruhend.

Dominic war ihr so nahe, dass sie die Wärme seines Körpers spürte, den Duft seines Rasierwassers einatmete. Mühsam versuchte Caro, ihre verwirrten Gedanken zu sammeln. „Dominic, ich erlaube Ihnen nicht … oh!“ Sie keuchte auf, als er ihre Taille umfasste und sie zwischen seine Beine zog. Ihre Schenkel drängten sich jetzt gegen ihn, ihre Brüste gegen seine Brust. Bestürzt legte sie die Hände auf seine Schultern, um ihn von sich zu stoßen.

„Wohl kaum“, flüsterte er nur und hielt sie noch fester, sodass jeder Befreiungsversuch zum Scheitern verurteilt war. „Lassen Sie Ihr Haar offen, Caro.“

Sie erstarrte. „Nein!“

„Soll ich es für Sie tun?“

„Mir wäre lieber, mein Haar bleibt genau so … oh!“ Wieder keuchte sie auf, da Dominic sich kurzerhand selbst anschickte, ihr die Haarnadeln vom Kopf zu lösen.

„So ist es schon besser.“ Er betrachtete zufrieden, wie eine Fülle blonder Locken ihr über die Schultern und bis fast zur Taille rieselte. „Und jetzt die Knöpfe dieses scheußlichen Kleides …“

„Sie können doch unmöglich mein Kleid aufknöpfen wollen!“ Entsetzt legte sie die Hände auf seine.

Dominic lächelte nur über ihre Empörung. „Es besitzt den Reiz einer Nonnentracht“, sagte er trocken.

„Genau das war ja meine …“ Sie brach ab, als sie den verschmitzten Ausdruck in seinen Augen sah.

„Absicht?“, fuhr er leise für sie fort. „So wie jenes unkleidsame Häubchen gewiss dem Zweck diente, Ihre herrlichen goldblonden Locken zu verbergen?“

„Ja“, gestand sie ein.

Er schüttelte den Kopf, ohne mit dem Aufknöpfen ihres Kleides aufzuhören. „Es ist ein Sakrileg, Caro, das ich nicht zulassen werde.“ Er enthüllte ihre Brüste, die jetzt nur noch von einem dünnen Unterkleid über dem Korsett verborgen wurden.

Caro brachte nicht mehr die Kraft auf zu protestieren, als sie die Bewunderung in seinen silbergrauen Augen sah. Zu ihrem Erstaunen konnte sie kaum atmen, während sie ihn dabei beobachtete, wie er auch jenen zarten Stoff beiseiteschob und ihre Brüste völlig entblößte. Heiße Röte stieg ihr in die Wangen, da ihre Brustknospen sich erregt zusammenzogen.

„Du bist so wunderschön“, sagte er heiser, und sie spürte seinen warmen Atem wie eine Liebkosung auf ihrer nackten Haut. Fragend sah er zu ihr auf. „Ich will dich kosten, Caro.“

Wie gebannt konnte sie nicht den Blick von seinem Mund nehmen, als er sich mit der Zungenspitze über die Lippen fuhr. Erwartungsvoll bog sie sich ihm entgegen und wusste, dass sie sich nichts vormachen konnte: Sie sehnte sich danach, ihn an ihrer Brust zu spüren, seine Zunge auf der rosigen Knospe zu fühlen.

Woher kamen nur diese Gedanken? Caro war fast erschrocken. Woher wusste sie, dass die Berührung seiner Lippen ihr größere Freude bereiten würde, als sie je für möglich gehalten hätte? Weibliche Intuition? Das Vermächtnis Evas an alle Frauen? Doch woher sie das auch wusste, Caro durfte ihm auf keinen Fall erlauben …

Plötzlich war sie zu keinem Gedanken mehr fähig, denn Dominic wartete ihre Antwort nicht mehr ab, neigte den Kopf und nahm Caros sehnsüchtig prickelnde Brustspitze tief zwischen die Lippen. Gleichzeitig spürte Caro seine Hand gleich darunter, und er umkreiste gierig mit der Zunge ihre Brustknospe, dass Caro erschauerte vor Lust – einer Lust, die auch auf die andere Brust überging und sich zwischen ihren Schenkeln zu konzentrieren schien.

Die heißesten Gefühle erfüllten Caro. Ihre Brüste schienen schwerer, voller zu werden, ihr Innerstes erbebte und eine Hitze sammelte sich zwischen ihren Schenkeln, die sie alles vergessen ließ. Ihr war gleichzeitig danach zumute, ihre Beine zusammenzupressen und sie weit zu spreizen, damit Dominic sie auch dort berühren und die wachsende süße Qual lindern konnte.

Ohne zu überlegen, bäumte sie sich auf, sobald sie seine Hand auf ihrer anderen Brust spürte, seinen Daumen, mit dem er sie in dem gleichen Rhythmus rieb, in dem er an der anderen Brust zu saugen begann.

Eigentlich hatte Dominic Caro mit seinem gewagten Liebesspiel nur zeigen wollen, dass sie nicht nach London gehörte, dass sie ihm und anderen erfahrenen Männern des ton nicht gewachsen war. Und stattdessen war er derjenige, der sich jetzt eingestehen musste, noch nie eine so wunderschöne Frau geliebt zu haben, noch nie so süße Brüste geküsst zu haben, noch nie so betört worden zu sein. Das Ausmaß seiner Erregung war schon jetzt, nach wenigen Liebkosungen, mit nichts zu vergleichen, das er je erlebt hatte.

Benommen löste er sich von ihr, um die rosige, harte Brustspitze zu betrachten und sich dann der anderen mit derselben verlangenden Hingabe zu widmen. Als er schließlich Caro schwer atmend in das gerötete Gesicht und die fiebrig glänzenden Augen blickte, flüsterte er: „Sag mir, wie ich dich berühren soll, Caro.“

Sie grub die Fingernägel in seine Schultern. „Dominic!“, stieß sie protestierend hervor.

Er half ihr aus, da sie zu verlegen schien, um zu antworten. „Gefällt dir das?“ Er streichelte ihre noch feuchte Brustknospe.

„Ja!“, keuchte sie erschauernd.

„Und das?“ Wieder umfing er sie mit den Lippen, und gleichzeitig ließ er die Hand zu ihrem Knöchel sinken, schob ihr Kleid hoch und streichelte zärtlich über ihr linkes Knie.

„Oh ja!“

„Und das?“ Wieder und wieder leckte Dominic ihre pochende Brust und streichelte ihre Schenkel, dann ihre intimste Stelle, wo er spüren konnte, wie feucht sie bereits war, wie sehr es sie nach ihm verlangte.

Nichts hatte Caro je auf diese lustvollen Gefühle vorbereitet und darauf, so intim berührt zu werden. Wie auch, wenn sie von der Existenz solcher Innigkeiten nicht einmal geahnt hatte? So unendlich köstliche Gesten, dass sie wünschte, Dominic würde nie damit aufhören.

„Ich möchte, dass du mich auf die gleiche Weise berührst, Caro“, ermutigte er sie rau.

Sie schluckte mühsam. „Ich …“ Sie hielt inne, als jemand versuchte, die verschlossene Tür zu öffnen.

„Mylord?“ Drew Butler klang vorwurfsvoll und besorgt.

Verärgert hob Dominic den Kopf. „Was ist?“

„Ich muss sofort mit Ihnen sprechen, Mylord.“ Drew klang nicht weniger gereizt.

Missmutig musste Dominic zulassen, dass Caro die Gelegenheit nutzte und sich aus seinen Armen befreite.

Sie drehte sich um und begann mit zitternden Händen, ihr Kleid wieder zuzuknöpfen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Historical Mylady Spezial Band 4" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen