Logo weiterlesen.de
HISTORICAL MYLADY SPECIAL EDITION BAND 3

CAROLE MORTIMER

Feuerprobe der Versuchung

Kein Wunder, dass sich zwei Männer ihretwegen duelliert haben! Ein Blick in ihre veilchenblauen Augen und Rupert verliert sein Herz. Was auch immer man sich über sie erzählt– er muss Pandora für sich gewinnen! Nur, warum will sie London so plötzlich verlassen? Rupert will das Geheimnis dieser Frau ergründen – auch wenn Pandora ihm Übles eröffnet …

In den Armen des sündigen Lords

Was aus Berechnung beginnt, gerät völlig aus den Fugen: Eigentlich sollte Genevieve nur als Tarnung herhalten, damit Benedict unauffällig seiner Arbeit für die Krone nachgehen kann. Doch die rothaarige Schönheit entfacht ein brennend heißes Verlangen in ihm, das ihn alles vergessen lässt– selbst die Gefahr, in die er sie beide stürzt!

IMAGE

Feuerprobe der Versuchung

1. KAPITEL

Mai 1817, Highbury House, London

Immer schön lächeln, Pandora. Ich bin sicher, weder Devil noch Lucifer haben die Absicht, dich zu verschlingen! Zumindest nicht auf eine Art, die dir unangenehm wäre.“

Pandora, verwitwete Duchess of Wyndwood, fiel nicht in das vielsagende Gelächter ihrer Freundinnen ein, während sie sich den beiden Gentlemen näherten, auf die Genevieve sich scherzhaft bezog. Stattdessen spürte sie, wie ihr Herz noch schneller zu schlagen begann, ihre Brüste sich unruhig hoben und senkten bei jedem raschen Atemzug, den sie tat, um ihre seltsame Aufregung zu zügeln und zu vergessen, dass ihre Hände unter dem Stoff der feinen Spitzenhandschuhe schwitzten.

Sie kannte natürlich keinen der Gentlemen persönlich. Beide waren Anfang dreißig, während sie erst vierundzwanzig Jahre zählte und nie zu der nicht ganz salonfähigen Menschenschar gehört hatte, welche die zwei umlagerte, wann immer sie sich zu einem ihrer seltenen Besuche in der gehobenen Gesellschaft herabließen. Erkannt hatte sie sie allerdings sofort – Lord Rupert Stirling, vormals Marquis of Devlin und jetzt der Duke of Stratton, und sein guter Freund Lord Benedict Lucas – zwei Gent­lemen, die in den vergangenen zwölf Jahren besser bekannt waren unter den Namen Devil und Lucifer. Die Spitznamen hatten sie sich für ihre empörenden Heldentaten verdient, die sich zum Teil in den Schlafzimmern der Damenwelt, zum Teil außerhalb abgespielt hatten.

Ebendiese Gentlemen wären Genevieve zufolge sehr geeignete Kandidaten für die Rolle des Liebhabers, nun, da das Trauerjahr um ihre Gatten vorüber war …

„Pandora?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht, dass ihr mit mir rechnen könnt, Genevieve.“

Beruhigend drückte ihre Freundin ihr den Arm. „Wir reden nur mit ihnen, mein Liebes. Solange Sophia sich mit dem unerwarteten Besuch des Earl of Sherbourne beschäftigt, spielen wir eben die Gastgeberinnen.“ Genevieve schaute kurz zur anderen Seite des Ballsaals, wo besagte Dame in ein leises, aber hitziges Gespräch mit dem verwegenen Dante Carfax vertieft zu sein schien, einem engen Freund von Lucifer und Devil.

So wie auch die drei Witwen eng befreundet waren …

Es war reiner Zufall gewesen, dass Sophia Rowlands, Duchess of Clayborne, Genevieve Forster, Duchess of Woollerton, und Pandora Maybury, Duchess of Wyndwood, innerhalb weniger Wochen im vergangenen Frühling zu Witwen wurden. Die drei Frauen, bis dahin einander fremd, hatten sich rasch zu einer Art von Allianz zusammengeschlossen, als sie vor einem Monat das Trauerjahr hinter sich ließen. Die Tatsache, dass sie alle drei in so jungem Alter verwitwet waren, zog sie zueinander hin.

Doch Genevieves Vorschlag, sie sollten sich einen Liebhaber nehmen, wenn nicht mehrere, noch bevor die Saison vorüber war, hatte Pandora eher in einen Zustand des Aufruhrs versetzt als in den der Vorfreude.

„Dennoch …“

„Unser Tanz, glaube ich, Euer Gnaden?“

Pandora hätte nie gedacht, sie könnte sich je über den Anblick Lord Richard Sugdons freuen, da sie das affektiert gute Aussehen und die viel zu vertrauliche Art des jungen Mannes als sehr unangenehm empfunden hatte, wann immer sie sich zufällig begegnet waren. Vorhin war ihr kein triftiger Grund eingefallen, seine Aufforderung zum ersten Walzer des Abends abzulehnen, doch nun zog sie selbst seine geckenhafte Gesellschaft der überwältigenden Präsenz von Rupert Stirling und Benedict Lucas vor.

„Das habe ich nicht vergessen, Mylord.“ Sie schenkte Genevieve ein entschuldigendes Lächeln, legte ihre Hand auf Lord Sugdons Arm und erlaubte dem jungen Mann, sie auf die Tanzfläche zu führen.

„Lieber Himmel, Dante, was hat dich denn derart durcheinandergebracht?“, fragte Rupert Stirling, Duke of Stratton, später am Abend, während er die Bibliothek von Clayborne House betrat und das leicht zerzauste Aussehen eines seiner besten Freunde bemerkte. „Oder vielleicht frage ich besser nicht …“, fuhr er nachdenklich fort, da ihm der Duft eines Damenparfums in die Nase stieg.

„Nein, vielleicht nicht“, entgegnete Dante Carfax, Earl of Sherbourne, bissig. „Und ich frage wohl besser nicht, was – oder vielmehr wem – es zurzeit gelingt, Benedict bei Laune zu halten?“

„Besser nicht“, meinte Rupert amüsiert.

„Leistest du mir bei einem Glas Branntwein Gesellschaft?“ Dante hielt die Karaffe mit hoch, aus der er sich eingeschenkt hatte.

„Warum nicht?“ Rupert schloss die Tür der Bibliothek hinter sich. „Ich ahnte schon, dass es meiner Stiefmutter am Ende doch noch gelingen würde, mich entweder zum Trinken oder zu einem Mord zu treiben!“

Nachdem ihr Tanz geendet hatte, wurde Pandora von Lord Sugdon in eine Ecke des Ballsaals in die Enge getrieben. Sie schaffte es nur durch Glück, sich seiner Gesellschaft zu entziehen, als ein Bekannter ihn in ein Gespräch verwickelte. Ihre Flucht führte sie auf die Terrasse vor der Bibliothek, wo sie zufällig Zeugin eines Gesprächs zwischen den beiden Gentlemen wurde.

„Dann lass uns heute Abend also trinken“, antwortete Dante Carfax seinem Freund. „Besonders, da die Duchess so aufmerksam war, einen ganz besonders guten Branntwein und ausgezeichnete Zigarren bereitzuhalten.“ Pandora hörte das Geräusch einer Flüssigkeit, die eingeschenkt wurde.

„Ah, schon viel besser.“ Devil Stirling seufzte zufrieden. Offenbar hatte er den Schluck dringend nötig gehabt.

„Was machen wir drei hier eigentlich heute Abend, Stratton?“, fragte sein Freund träge und öffnete weit die Terrassentür, zweifellos um den Rauch ihrer Zigarren entweichen zu lassen.

„Angesichts deines leicht derangierten Zustands sind deine Gründe doch offensichtlich, würde ich meinen. Und Benedict ließ sich freundlicherweise dazu überreden, mich zu begleiten, weil ich ihm von meinem tiefen Bedürfnis erzählte, einen Abend fern von meiner lieblich-lästigen Stiefmama zu verbringen.“

Dante Carfax lachte trocken. „Ich gehe jede Wette ein, dass die schöne Patricia es nicht gerade genießt, so von dir genannt zu werden.“

„Sie hasst es“, gab Rupert zufrieden zu. „Und genau das ist auch der Grund, weswegen ich es tue. Und zwar ständig!“

Ein Mann, der seinem Spitznamen wirklich Ehre macht.

Der Gedanke kam Pandora ungebeten, während sie reglos im Schatten auf der Terrasse verharrte, um nicht von den Gentlemen gehört zu werden. Der Duft ihrer Zigarren weckte eine bittersüße Erinnerung an glücklichere Zeiten in ihrem Leben – als sie noch jünger und unschuldig gewesen war und Ballabende wie diesen noch mit ihren Eltern besucht hatte, ohne eine einzige Sorge mit sich zu führen.

Damals hätte sie nicht den Wunsch verspürt, auf die Terrasse zu flüchten, nur damit keiner der hochvornehmen Gäste bemerkte, dass Lord Sugdons aufdringliche, vulgäre Annäherungsversuche sie zum Weinen gebracht hatten.

Nicht, dass der größere Teil des ton sich darum geschert hätte, ob sie beleidigt worden war oder nicht. Viele nahmen sie ja nicht einmal wahr oder machten sich gar nicht erst die Mühe, mit ihr zu sprechen. Warum sollten sie sich also darum kümmern, ob sie von gewissen Gentlemen einen unsittlichen Antrag bekam, die mutig genug waren, ihre skandalöse Gesellschaft zu riskieren?

Wenn Sophia und Genevieve nicht darauf bestanden hätten, sie zu jeder gesellschaftlichen Veranstaltung mitzunehmen, die sie besuchten, wäre Pandora wohl von allen geächtet worden, als sie es vor einem Monat wagte, sich wieder unter Menschen zu begeben.

„Dennoch ein nutzloses Unterfangen, wie sich zeigt“, fuhr Rupert Stirling müde fort, „da die Witwe meines Vaters vor Kurzem ebenfalls auf dem Ball erschienen ist.“

„Oh, ich bin sicher, Sophia hat nicht …“

„Beruhige dich, Dante, ich gebe nicht deiner Sophia die Schuld …“

„Sie ist nicht meine Sophia.“

„Ach? Dann habe ich mich getäuscht über das Parfum, das ich roch, als ich hereinkam?“

Es folgte ein kurzes Zögern, dann antwortete Dante widerwillig: „Nein, du hast dich nicht getäuscht. Aber Sophia versichert mir weiterhin, ich würde nur meine Zeit mit ihr verschwenden.“

Pandora hörte die letzten Worte fassungslos mit. Sophia und Dante Carfax? Das war doch unmöglich. Sophia ließ keine Gelegenheit aus, den unerhört gut aussehenden Earl of Sherbourne zu kritisieren.

„Würde es nicht wenigstens einen Teil deines Problems lösen, Rupert, wenn du dir eine Frau nimmst? Das müsste die Dowager Duchess zumindest davon abbringen, offen mit dir unter einem Dach zu leben?“, fragte Dante.

„Glaube mir, ich habe selbst schon daran gedacht“, entgegnete sein Freund grimmig.

„Und?“

„Und es würde zwar ein Problem lösen, mir aber ein anderes aufhalsen.“

„Welches denn?“

„Dass ich mich für den Rest meines Lebens mit einer Frau niederlassen würde, die ich weder brauche noch liebe!“

„Dann such dir wenigstens eine, die du begehrenswert findest. In jeder Saison werden Dutzende neuer Schönheiten eingeführt.“

„Mit meinen zweiunddreißig Jahren liegt mir nichts an jungen Dingern, die kaum aus dem Schulzimmer heraus sind.“ Dem leiser und lauter werdenden Klang seiner Stimme hörte Pandora an, dass er unruhig in der Bibliothek auf und ab ging. „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, mich an eine junge Frau zu binden, die nicht nur kichert und plappert wie ein Hohlkopf, sondern darüber hinaus nicht die geringste Vorstellung davon hat, was im Schlafzimmer vor sich geht“, fügte er recht verächtlich hinzu.

„So leichten Herzens solltest du eine solche Unschuld nicht zurückweisen, Rupert.“

„Und warum nicht?“

„Nun ja, zum einen kann dir niemand vorwerfen, dir mangelt es an genügend Finesse im Bett, um eine so junge, unschuldige Frau angemessen in die Freuden der Liebe und deiner persönlichen Wünsche einzuführen. Und außerdem hat die Unschuld wenigstens den Vorteil, dass die künftigen Erben des Herzogtums wirklich deinen Lenden entspringen, mein lieber Freund.“

„Was nicht unbedingt der Fall gewesen wäre, wenn es Patricia gelungen wäre, meinem Vater einen zusätzlichen Erben zu schenken. Sonst hätte ich von da an um mein Leben fürchten müssen“, bemerkte der Duke of Stratton giftig.

Pandora war sich bewusst, dass sie sich längst nicht mehr still im Schatten der Terrasse versteckte, um nicht mit Tränen in den Augen entdeckt zu werden, sondern weil das Gespräch der beiden Männer sie zunehmend interessierte. Sie konnte sich die beiden Gentlemen deutlich vorstellen, während sie sich unterhielten.

Dante Carfax war hochgewachsen, tadelloser Erscheinung, dunkelhaarig und besaß den kräftigen, muskulösen Körper eines Sportlers. Rupert Stirling war ebenso groß wie sein Freund, vielleicht überragte er ihn sogar, goldblonde Locken fielen ihm verwegen über die Brauen, und unter seiner perfekt sitzenden schwarzen Abendkleidung zeichneten sich breite Schultern, schmale Hüften und lange, muskulöse Schenkel ab. Er besaß geheimnisvolle graue Augen, die seinem hochmütigen Gesicht mit der schmalen Nase und den hohen Wangenknochen eine aristokratische Note verliehen. Die sinnlichen Lippen waren Pandora besonders deutlich in Erinnerung geblieben, wie er sie zu einem sarkastischen Lächeln verziehen oder voller Unmut zu einem schmalen Strich zusammenpressen konnte.

Dieser Unmut konzentrierte sich jetzt wohl auf die Frau, die sein verstorbener Vater vor vier Jahren geheiratet hatte.

Pandora war damals erst zwanzig gewesen und selbst seit Kurzem verheiratet, aber sie erinnerte sich noch gut daran, wie schockiert der ton darüber gewesen war, dass der verwitwete siebte Duke of Stratton in seinem sechzigsten Jahr beschlossen hatte, eine junge Frau zu ehelichen, von der man sich erzählte, sie sei mit dem Sohn des Dukes verbunden gewesen, bevor jener aufbrach, um mit Wellington gegen Napoleon zu kämpfen.

Ebenso wie alle anderen wusste auch Pandora, dass der neue Duke und seine Stiefmutter seit dem Tod des alten Dukes vor neun Monaten im selben Haus lebten – oder vielmehr in denselben Häusern, denn ob in der Stadt oder auf dem Land, Rupert Stirling und die Witwe seines Vaters lebten ausnahmslos unter demselben Dach.

„Wenn ich mich recht erinnere, musstest du schon immer um dein Leben fürchten, wenn du dich im Schlafzimmer dieser Dame aufgehalten hast“, meinte Dante trocken.

Pandora errötete verlegen. Vielleicht hatte sie dem Gespräch der Herren lange genug gelauscht und sollte sich jetzt besser wieder in den Ballsaal begeben, um sich bei Sophia zu verabschieden, bevor sie nach Hause ging. Ja, das wäre sicherlich das Beste …

„Die Hälfte aller Männer heute Abend folgen meiner Stiefmama mit hungrigen Blicken“, sagte der Duke mit ätzender Verachtung.

„Und die andere Hälfte?“

„Scheint sich nach einer zierlichen blonden Frau in einem violetten Kleid zu verzehren …“

„Ich glaube, du wirst feststellen, dass es veilchenblau ist.“

„Wie bitte?“

„Pandora Mayburys Kleid ist veilchenblau, nicht violett“, erklärte Dante Carfax gelassen.

Schon halb abgewendet, um die Männer ihren Zigarren und ihrer Unterhaltung zu überlassen, blieb Pandora mitten in der Bewegung stehen. Ein Schauder überlief sie, als sie plötzlich ihren Namen hörte.

„Barnaby Mayburys Witwe?“, fragte der Duke.

„Genau.“

„Ach so.“

Die Verachtung in der Stimme des Duke war unüberhörbar.

Dante lachte rau. „Ich weiß, du ziehst dunkelhaarige, hochgewachsene Frauen mit üppiger Figur vor, Stratton.“

„Und Pandora Maybury mit ihrer zierlichen, schlanken Gestalt und dem blonden Haar ist das genaue Gegenteil.“

„Ich gehe jede Wette ein, dass du nichts anderes mehr an ihr beachten wirst, sobald du ihr erst einmal in ihre bemerkenswert schönen Augen gesehen hast!“

„Ist es das, worauf du sonst immer bei einer Frau schaust, Dante – ihre Augen?“

Sein Freund lachte über den Spott in Ruperts Stimme. „Ich bin fest davon überzeugt, dass kein Mann der Schönheit von Pandora Mayburys Augen widerstehen kann.“

„Was ist denn so Besonderes an ihnen?“

„Sie haben dieselbe Farbe wie ihr Kleid heute Abend, die von Veilchen im Frühling“, fügte Dante mit unverhohlener Bewunderung hinzu.

„Kann es sein, dass dein so lange unerfülltes Verlangen nach unserer schönen Gastgeberin dir endgültig den Verstand verwirrt hat?“, spottete Rupert.

„Du bist heute Abend schon der zweite, der diese Vermutung anstellt“, fuhr Dante ihn an. „Dennoch versichere ich dir, in diesem Fall sage ich nur die Wahrheit.“

„Veilchen?“, wiederholte der Duke skeptisch.

„Die tiefe, dunkle Farbe von Veilchen im Frühling. Und sie werden umrahmt von den längsten, seidenweichsten Wimpern, die ich je bei einer Frau gesehen habe.“

„Dieselben veilchenblauen Augen und seidenweichen Wimpern zweifellos, die es geschafft haben, nicht nur einen, sondern gleich zwei Männer in den Tod zu schicken?“, fragte der Duke höhnisch.

Pandora zog scharf den Atem ein und ließ sich auf die gusseiserne Bank sinken, die an der Wand stand. Schon lange hatte sie geahnt, wie die Gesellschaft über sie dachte, aber bisher hatte noch niemand in ihrer Gegenwart darüber gesprochen. Der Lauscher an der Wand hört seine eigene Schand, hieß es nicht so?

„Da deine Stimmung sich nicht zu bessern scheint, verabschiede ich mich jetzt“, sagte Dante.

„Ich beende nur noch meine Zigarre, dann gehe ich auch nach Hause“, entgegnete der Duke.

Pandora war noch zu vertieft in ihre eigenen bedrückenden Gedanken, um weiter auf die beiden Männer zu achten. Ihr Gespräch weckte einen tiefen Kummer in ihr, der sie zu ersticken drohte, wie schon so oft im vergangenen Jahr, seit ihr Mann und Sir Thomas Stanley beide auf so entsetzlich sinnlose Weise gestorben waren – und damit einen Skandal hervorgerufen hatten, der sich noch immer nicht gelegt hatte.

„Oh, da sind Sie ja“, machte sich eine vertraute Stimme in der Dunkelheit bemerkbar. „Noch dazu ganz allein“, fügte Lord Sugdon zufrieden hinzu und trat in den schwachen Lichtstreifen, der von der Kerze in der Bibliothek nach draußen drang.

Pandora beäugte ihn misstrauisch, während sie sich langsam erhob. „Ich wollte gerade eben wieder hineingehen …“

„Aber nicht doch.“ Der junge Lord Sugdon trat noch zwei Schritte näher. „Es wäre schade, das Mondlicht nicht auszunutzen. Oder die Abgeschiedenheit, die uns hier auf der Terrasse geschenkt wird“, fügte er mit einem vielsagenden Grinsen hinzu, den Blick gierig auf Pandoras tiefen Ausschnitt geheftet.

„Dennoch glaube ich, es wäre besser … Lord Sugdon!“, keuchte sie protestierend, als er sie rau in die Arme riss. „Lassen Sie mich sofort los!“

Sie versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien, indem sie die Hände gegen seine Brust stemmte. Lord Sugdon achtete jedoch kaum auf sie, sondern beugte unbeirrt den Kopf, um sie zu küssen. Allein der Gedanke, er könnte sie mit seinen feuchten Lippen berühren, verursachte Pandora Übelkeit.

„Das meinen Sie nicht wirklich.“

„Oh doch, ich meine genau, was ich sage!“, beharrte sie verzweifelt, voller Angst, sie könnte in Ohnmacht fallen, wenn sie sich nicht bald von ihm befreite. Allerdings deutete Lord Sugdons entschlossene Miene eher darauf hin, dass selbst eine Ohnmacht ihn nicht aufhalten konnte. Der Mann machte den Eindruck, als wäre er durchaus fähig, ihre Lage auszunutzen, sobald sie bewusstlos und hilflos in seinen Armen lag. „Hören Sie sofort damit auf, Mylord!“

„Sie mögen es wohl ein bisschen rau, was, meine kleine Schönheit?“ Sugdon grinste zufrieden. „Dagegen habe ich nichts einzuwenden!“ Er löste eine Hand kurz von ihrer Taille, um den Ausschnitt ihres Kleides zu zerreißen, sodass nur noch die hauchdünne Chemise ihre Haut bedeckte. „Das ist aber mal eine hübsche Aussicht.“ Sein Blick heftete sich hitzig auf ihre halb nackten Brüste, während er mühsam schluckte und sich voller Vorfreude die Lippen leckte.

Entsetzt schluchzte Pandora auf. So viele unglückliche Dinge waren ihr in den letzten vier Jahren zugestoßen, doch sie wusste, dass sie jetzt ein neues Tief erreicht hatte, das sie nie für möglich gehalten hätte. „Bitte, das dürfen Sie nicht!“, flehte sie verzweifelt und versuchte, ihn weiterhin von sich zu stoßen.

„Du willst es doch auch.“ Jetzt legte er die Hand auf eine ihrer Brüste und presste sie, dass es schmerzte. „Den ganzen Abend hast du doch schon darum gebettelt.“

„Sie irren sich, wenn Sie das glauben, Sir!“, brachte Pandora keuchend hervor. „Bitte …“

„Bald wirst du nicht genug davon kriegen können, meine Schöne, gleich … Was zum …“, fauchte er, als Pandora ihm eine schallende Ohrfeige verpasste. „Dafür wirst du mir büßen, du kleine …“

„Ich denke, Sugdon, wenn eine Dame so vehement protestiert wie diese hier, sollten Sie besser auf der sicheren Seite bleiben und einfach akzeptieren, dass sie Ihre Avancen ablehnt.“

Pandora stolperte auf die Bank zurück, als Lord Sugdon sie gezwungenermaßen aus seiner widerwärtigen Umarmung freigab. Verwirrt presste sie sich das zerrissene Mieder gegen die Brust und blickte – sicher blass wie eine Leiche – über die Terrasse zu ihrem unerwarteten – und völlig unwahrscheinlichen – Retter hinüber.

Lord Rupert Stirling, der achte Duke of Stratton, im ton auch ganz schlicht bekannt als Devil …

2. KAPITEL

Rupert rauchte gerade genüsslich seine Zigarre, als seine behagliche Einsamkeit von erregten Stimmen gestört wurde. Sie kamen von der Terrasse, und zunächst glaubte er, es handle sich lediglich um einen harmlosen Streit zwischen einem Liebespaar. Also fuhr er fort, seinen Gedanken nachzuhängen – nämlich wie er sein Problem mit Patricia Stirling, der Witwe seines Vaters, angehen sollte.

Dass er überhaupt dazu gezwungen war, über diese Frau nachzugrübeln, genügte schon, um ihn in Rage zu versetzen. Aber er konnte unmöglich weiter mit ihr unter einem Dach leben. Etwas musste geschehen, und zwar bald.

Die Lautstärke der Unterhaltung auf der Terrasse hatte Ausmaße angenommen, die es ihm unerträglich erschwerten, sich zu konzentrieren. Und so erhob er sich schließlich missmutig und trat an die offene Terrassentür, um dem Paar anzuraten, den verflixten Streit gefälligst woanders auszutragen. Doch sofort wurde ihm bewusst, dass es sich nicht um ein Liebespaar handelte. Vielmehr zwang sich der junge Hund Richard Sugdon einer jungen Dame auf, die Rupert nicht genau sehen konnte. Sie wurde halb von den Armen Sugdons verborgen, es war aber dennoch deutlich zu erkennen, dass sie sich gegen ihn wehrte, mit Worten wie mit Taten.

Eine zierliche blonde Dame in einem violetten – nein, in einem veilchenblauen Seidenkleid. Wenn er sich nicht irrte, war es tatsächlich keine andere als Pandora Maybury, die Duchess of Wyndwood. Und er irrte sich nur selten.

„Na sieh mal einer an, Devlin“, brauste Sugdon auf.

„Für Sie Euer Gnaden, der Duke of Stratton“, korrigierte Rupert ihn mit eisiger Stimme. „Ich habe bereits genug gesehen und gehört, um zu wissen, dass Sie diese Dame belästigen.“

„Nichts an ihr erinnert an eine Dame …“ Sugdons Beleidigung wurde abrupt unterbrochen, als Rupert ihn am Krawattentuch packte und gegen die Backsteinmauer stieß.

Ruperts Gesicht befand sich dicht vor dem des jungen Mannes. „Erstens ist die Duchess“, brachte er zornig hervor, erleichtert darüber, seinem eigenen Ärger Luft machen zu können, „ein Mitglied des ton und somit sehr wohl eine Dame. Zweitens hat sie deutlich Ihre Avancen zurückgewiesen. Stimmt das?“ Die Kälte seiner Stimme genügte, um den jungen Mann erblassen zu lassen.

Sugdon schluckte mühsam. „Ja.“

Rupert verstärkte den Griff um sein Krawattentuch. „Und drittens: Sollte ich Sie jemals wieder in der Nähe Ihrer Gnaden sehen, werde ich dafür sorgen, dass Sie das bereuen. Ich denke, es wäre Ihrer Gesundheit sehr zuträglich, wenn Sie die nächsten Tage dazu nutzten, Ihre Angelegenheiten hier zu erledigen, um sich sofort danach für den Rest der Saison aufs Land zurückzuziehen.“

„Aber …“

„Und zum Abschied, bevor Sie gehen“, fuhr Rupert mit trügerisch sanfter Stimme fort, „können Sie sich bei der Duchess für Ihr gänzlich inakzeptables Benehmen von eben entschuldigen.“

Sugdon verzog verächtlich den Mund. „Ich habe nicht die Absicht, mich bei einer wie ihr zu entschuldigen.“

„Jetzt sofort, Sugdon. Bevor ich mich vergesse und Sie windelweich prügle.“ Tatsächlich war er heute Abend derart schlechter Stimmung, dass Rupert nichts lieber gewesen wäre, als sich auf diese Weise Luft zu machen.

„Die Frau stellt doch schon seit Wochen bewusst ihre Reize zur Schau …“

„Das ist nicht wahr!“, rief Pandora entgeistert. Lord Sugdon machte sie offensichtlich verantwortlich für die demütigende Lage, in der er sich plötzlich befand. Wie er allerdings zu diesem Schluss gekommen sein konnte, war ihr völlig unbegreiflich. Schließlich hatte Pandora nicht das Geringste getan, um sein schockierendes Benehmen zu ermutigen. Nicht einmal den Duke of Stratton hatte sie um Hilfe gebeten.

Schaudernd wandte sie sich von dem hasserfüllten Blick seiner Augen ab und richtete ihre Aufmerksamkeit auf den Duke. „Mir wäre es lieber, Sie ließen ihn einfach gehen, Euer Gnaden, damit er sobald wie möglich aus meiner Nähe verschwinden kann“, bat sie ihn mit rauer Stimme.

Rupert Stirling blickte sie nicht einmal an. „Nicht, bevor er sich bei Ihnen entschuldigt hat.“

Unruhig sah sie zu Lord Sugdon hinüber. Er mochte ja Angst vor der Vergeltung haben, aber gewiss empfand er vor ihr keine derartige Ehrfurcht. Ganz im Gegenteil. Wenn Blicke töten könnten, läge sie schon längst niedergestreckt auf den kalten Fliesen der Terrasse!

Lord Sugdon straffte die Schultern und sagte gereizt: „Vergeben Sie mir, Euer Gnaden.“

Sie benetzte sich die Lippen, bevor sie stockend hervorbrachte: „Ich nehme Ihre Entschuldigung …“

„… selbstverständlich nicht an!“, fiel ihr der Duke ins Wort. „Aus welchem Grund entschuldigen Sie sich, Sugdon?“, drängte er den jungen Mann. „Weil Sie zugeben, wie unzumutbar Sie sich Ihrer Gnaden gegenüber benommen haben? Oder bedauern Sie es lediglich, auf frischer Tat ertappt worden zu sein, als Sie versuchten, ihr Gewalt anzutun?“

Sugdon schüttelte heftig den Kopf. „Ich verstehe nicht, wieso Sie einen solchen Aufstand machen, wenn doch jeder weiß, dass die Frau auf der Suche nach dem erstbesten Mann ist, der das Bett mit ihr teilt. Jetzt, da ihr Trauerjahr vorüber ist. Es sei denn, Sie sehen sich in der Rolle dieses Mannes, Stratton, und in dem Fall entschuldige ich mich, falls ich Ihnen auf die Zehen getreten bin. Wenn Sie das kleine Vögelchen für sich selbst …“ Er kam nicht weit mit seinem Vorwurf, da ließ der Duke schon sein Krawattentuch los, um auszuholen und ihm einen wohlgezielten Schlag auf das Kinn zu verpassen. Lord Sugdon stürzte bewusstlos zu Boden.

„Euer Gnaden!“ Pandora starrte entsetzt auf den reglos daliegenden Mann.

Erst jetzt schenkte Rupert der offensichtlich bestürzten Pandora Maybury einen Blick. Die hauchdünne Chemise unter dem zerrissenen Ausschnitt ihres Kleides enthüllte überraschend volle Brüste – wie er anerkennend feststellte –, ebenso zeichneten sich rosige Brustspitzen dunkel unter dem weißen Stoff ab.

Pandoras Wangen nahmen eine ähnlich rosige Farbe an, als sie sah, wohin er schaute, und hastig raffte sie die Fetzen ihres Kleides zusammen, um ihre Nacktheit vor ihm zu verbergen.

Rupert betrachtete sie unter halb gesenkten Lidern. Wie zum ersten Mal bemerkte er ihr goldblondes Haar, von dem einige Locken ihre Schläfen und ihren Nacken umschmeichelten, ihr vollkommenes Gesicht, das blass aussah im Mondlicht. Zu schade, dass sie ihren Blick auf den Mann richtete, der am Boden lag, denn so war es ihm nicht möglich, jene „bemerkenswert schönen“ veilchenblauen Augen zu bewundern, die sein Freund so wortgewandt beschrieben hatte.

Sie benetzte sich die volle Unterlippe, bevor sie heiser fragte: „Was sollen wir mit ihm anstellen?“

„Ich habe nicht die Absicht, irgendetwas mit ihm anzustellen, Madam. Vielmehr werde ich ihn einfach da liegen lassen, wo er hingefallen ist.“

„Aber …“

„Zweifellos wird ihn das Kinn gehörig schmerzen, wenn er erwacht“, fügte er voller Genugtuung hinzu. „Aber das und sein verletzter Stolz werden alles sein, worunter er leiden wird. Es sei denn, Sugdon hatte recht und Sie haben seine rauen Aufmerksamkeiten tatsächlich ermutigt und bedauern jetzt mein Eingreifen.“ Rupert betrachtete sie nachdenklich.

Empört schnappte Pandora nach Luft. Ihre Wangen glühten. „Wie können Sie so etwas auch nur denken?“

Er zuckte mit den Schultern. „Einige Frauen ziehen einen gewissen … Überschwang beim Liebesspiel vor.“

„Ich versichere Ihnen, ich gehöre nicht zu diesen Frauen!“, fuhr sie ihn ärgerlich an. „Wenn Sie mich jetzt entschuldigen wollen …“

„Sie können unmöglich mit diesem zugerichteten Kleid ins Haus zurückkehren.“ Rupert machte kein Hehl aus seiner Ungeduld, während er aus seinem schwarzen Frackrock schlüpfte und ihn ihr hinhielt. „Hier, legen Sie sich das um die Schultern. Ich kümmere mich inzwischen um eine Kutsche, die Sie heimfahren kann.“

Pandora achtete penibel darauf, dass sie nicht mit den Händen des Dukes in Berührung kam, als sie seinen Rock entgegennahm. Mühsam versuchte sie, sich den Stoff ihres zerrissenen Kleides vor die Brust zu halten und gleichzeitig die Jacke umzulegen.

„Du meine Güte, Mädchen, lassen Sie mich das tun!“ Der Duke seufzte gereizt, nahm ihr die Jacke ab und legte sie ihr selbst um die Schultern.

Sofort wurde Pandora von der Wärme umhüllt, die der Stoff vom Körper des Dukes aufgenommen hatte, und gleichzeitig von dem Duft seines Rasierwassers und der Zigarre, die er eben geraucht hatte. „Ich gehe hinein und schicke nach der Kutsche, dann sorge ich noch dafür, dass unsere Gastgeberin von den Kopfschmerzen erfährt, die Sie gezwungen haben, früher zu gehen.“ Er blickte voller Verachtung auf den jungen Mann, der sich in diesem Moment leicht rührte und ein Stöhnen von sich gab. „Ein sehr großer Kopfschmerz!“

Pandora wich dem durchdringenden Blick aus Devil Stirlings grauen Augen aus. „Ich glaube, ich habe Ihnen noch nicht gesagt, wie sehr ich Ihnen für Ihr rechtzeitiges Einschreiten verpflichtet bin, Euer Gnaden. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll.“

„Wirklich nicht?“

Sie sah abrupt zu ihm auf, als sie den trockenen Ton hörte. „Euer Gnaden?“

„Schon gut“, lenkte er knapp ab und atmete tief ein. „Am besten gehen Sie in die Bibliothek, damit Sie die Türen abschließen können, während ich fort bin, und nicht wieder belästigt werden.“ Sein Blick heftete sich kurz auf den Mann zu seinen Füßen, der langsam wieder zu sich kam.

Pandora erschauderte trotz der Wärme der Jacke, die sie umhüllte, einer Wärme, die einerseits angenehm beruhigend auf sie wirkte, sie andererseits seltsam aufwühlte. „Sehr gern“, willigte sie ein und betrat vor dem Duke die von Kerzen erleuchtete Bibliothek. Ihr Herz klopfte etwas ruhiger, als sie ihn die Tür abschließen hörte und er gleich darauf die Vorhänge zuzog.

Jetzt, da die unmittelbare Gefahr vorüber war, wurde ihr erst richtig bewusst, was gerade geschehen war und was ihr hätte zustoßen können, wäre Rupert Stirling ihr nicht zu Hilfe gekommen. Lord Sugdon war trotz seiner Geckenhaftigkeit ein starker Mann, so viel stärker als sie. Wäre der Duke nicht rechtzeitig erschienen, hätte er sein Vorhaben gewiss zu Ende geführt.

„Sie sollten besser nicht zu viel darüber nachdenken, was hätte geschehen können“, riet ihr Rupert, der leicht den Grund für ihre plötzliche Blässe erriet.

„Nicht viel darüber nachdenken?“, wiederholte sie mit erstickter Stimme. „Wie kann ich das nicht, wenn er mich doch ohne Ihr Eingreifen …“

„Lieber Gott, jetzt weinen Sie doch nicht etwa!“ Rupert stöhnte leise auf, als er sah, wie ihr die Tränen über die Wangen liefen. Wie den meisten Männern gaben ihm weibliche Tränen ein Gefühl der Hilflosigkeit. „Vergessen Sie doch bitte nicht, dass ich eingegriffen habe, Madam, und denken Sie nicht mehr daran“, bat er sie hastig.

Sie öffnete die langen seidenweichen Wimpern und erlaubte ihm den ersten Blick in ihre „bemerkenswert schönen“ Augen. Erst jetzt erkannte er, dass sie tatsächlich die Farbe von Veilchen im Frühling hatten und einen Mann – mindestens zwei Männer, von denen er es sicher wusste – dazu bringen konnten, sich in ihren verführerischen Tiefen zu verlieren …

„Verzeihen Sie mir, Euer Gnaden. Ich wollte Sie nicht mit meinen Tränen beunruhigen.“ Pandora bemühte sich sichtlich, sich zu fassen, und betupfte die Wangen mit einem Spitzentaschentuch, das sie aus dem perlenbesetzten Retikül an ihrem schlanken Handgelenk geholt hatte.

Rupert war tatsächlich beunruhigt, aber eher wegen der unerwarteten Wirkung, die ihre Augen auf ihn hatten, als wegen ihrer Tränen. „Wenn Sie auch nur einen Funken Vernunft besitzen, versuchen Sie nicht, die Bibliothek zu verlassen, bevor ich mich um die Kutsche gekümmert habe.“

Pandora zuckte leicht zusammen über seine unfreundlichen Worte und das verärgerte Stirnrunzeln. Bereute er, ihr geholfen zu haben? „Ich versichere Ihnen, ich bin mir meiner misslichen Lage nur allzu bewusst, Euer Gnaden“, sagte sie leise. „Sollten Sie sich allerdings ohne Ihren Frackrock in der Halle sehen lassen?“

„Mir bleibt ja wohl keine andere Wahl, wenn Sie ihn im Moment so viel nötiger brauchen als ich.“ Er warf ihr noch einen Blick zu, bevor er sich auf dem Absatz umdrehte, den Raum verließ und die Tür fest hinter sich schloss. „Schließen Sie ab“, wies er sie noch einmal von der anderen Seite an.

Pandora folgte rasch seinem Befehl, zog dann seine Jacke fester um sich und lehnte sich matt gegen die Tür. Jetzt fühlte sie sich ein wenig sicherer, wusste aber, dass sie sich nur dann völlig in Sicherheit glauben würde, wenn sie Clayborne House und seine Gäste hinter sich gelassen hatte.

Einschließlich ihres widerwilligen Retters?

Ja, tatsächlich auch einschließlich des Dukes, gestand sie sich ein und begann plötzlich wieder zu zittern. Etwas in Rupert Stirlings Blick hatte sie berührt, diese durchdringende Art, sie zu mustern, als würde er sie voll und ganz in sich aufnehmen. Sein rascher Abgang deutete allerdings wohl eher darauf hin, dass er genug gesehen hatte und sie nun einfach nur so schnell wie möglich loswerden wollte.

Die Beine drohten unter ihr nachzugeben, je deutlicher ihr wieder bewusst wurde, was fast geschehen wäre. Gewiss, sie kannte die Meinung der Gesellschaft über sie. Man vermutete allgemein, sie hätte ihren Gatten mit Sir Thomas Stanley betrogen. Die beiden Männer hatten sich im Morgengrauen zu einem Duell getroffen, und wenige Minuten später hatten beide Gentlemen leblos auf dem Boden gelegen.

Doch alles, jede Einzelheit daran, war eine Lüge.

Eine Lüge jedoch, die der ton vor einem Jahr glauben wollte, als Pandora ihre Unschuld beteuert hatte. Leider bewies der heutige Vorfall, dass bis jetzt keiner daran glaubte. Auch das Gespräch zwischen Rupert und Dante zeigte ihr, dass sie von dem Gerücht damals gehört hatten und es für wahr hielten.

Vor der Heirat mit Barnaby vor vier Jahren war Pandora die naive, vertrauensvolle Miss Simpson gewesen, das einzige Kind Sir Walter Simpsons, eines verarmten Landadeligen und Gelehrten der griechischen Philosophie aus Worcestershire, und dessen Frau Sarah.

Nach Pandoras erster Saison, in der sie mehrere Anträge von Gentlemen erhalten hatte, die ihr zwar gefielen, aber die ihr Vater für ungeeignet hielt, war ihr erst später klar geworden, dass keiner dieser Herren wohlhabend genug gewesen war, um die Familie aus ihrer Armut zu reißen. Sir Walter hatte kein Talent für die Führung seines Gutes und seiner Ländereien besessen und stets seine Bücher vorgezogen.

Während Pandoras zweiter Saison hatte sie schließlich den Antrag des jungen, attraktiven und ausnehmend reichen Barnaby Maybury, Duke of Wyndwood, erhalten – ein Antrag, den Sir Walter ohne einen Moment zu zögern akzeptiert hatte.

Vielleicht war es ein wenig ungerecht von ihr, die Schuld an ihrer Ehe ganz ihrem Vater anzulasten, schließlich war er doch nicht mehr am Leben, um sich zu verteidigen. Er war vor drei Jahren an einer Influenza gestorben, ihre Mutter nur wenige Wochen danach von ihr gegangen. Immerhin musste Pandora zugeben, wie sehr es ihr geschmeichelt hatte, dass ein so schöner, wohlhabender Mann wie Barnaby Maybury ihr den Hof machte – und sie seine Duchess werden würde.

In jenen aufregenden Tagen ihrer kurzen Verlobung, als er ihr gegenüber noch so charmant und aufmerksam gewesen war, hatte es noch keine Anzeichen für den Albtraum gegeben, zu dem ihr Leben sich auswachsen würde.

Und der Albtraum hatte nicht aufgehört, auch nach dem Tod ihres Mannes in dem Duell nicht, das angeblich stattgefunden hatte, um ihre Ehre zu verteidigen. Heute hatte er mit Lord Sugdons niederträchtigem Angriff seinen endgültigen, demütigenden Höhepunkt erreicht.

Endgültig, so sollte es sein. Pandora erkannte an diesem Abend, dass es besser wäre für jeden – ganz besonders aber für sie –, wenn sie sich ganz aus der Gesellschaft zurückzog.

Der Großteil von Barnabys Vermögen war an einen entfernten Verwandten gegangen, seinem männlichen Erben, da er keine Kinder hinterlassen hatte. Aber der Ehevertrag hatte wenigstens vorgesehen, dass Pandora nicht mittellos zurückblieb. Bis auf ein kleines Vermögen, das für ihre Bedürfnisse mehr als ausreichte, besaß sie noch ein Haus in London. Zwar in keiner besonders vornehmen Gegend, doch ein Verkauf würde ihr gewiss ermöglichen, sich irgendwo auf dem Land ein kleines Anwesen zu erwerben, in dem sie den Rest ihres Lebens in friedlicher Abgeschiedenheit verbringen konnte.

Sie wusste, Sophia und Genevieve würden sie von dem Plan abbringen wollen. Beide Frauen hatten ihr oft über schwierige Zeiten hinweggeholfen und ihr sogar versichert, es gäbe keine Ehefrau, die sich nicht manchmal wünschte, ihrem Mann Hörner aufzusetzen oder ihn vielleicht sogar ein für alle Mal verschwinden zu lassen.

Doch so nah sie Sophia und Genevieve jetzt auch stand, Pandora konnte selbst ihnen nicht verraten, dass sie sich diese Taten nicht vorzuwerfen hatte. Es gab Gründe dafür. Andere Menschen, noch unschuldiger als sie, könnten durch die Wahrheit ernsthaft verletzt werden.

Nach den unangenehmen Ereignissen des heutigen Abends allerdings, und so sehr sie die Freundschaft der beiden Damen schätzte, sah Pandora keinen anderen Ausweg. Sie musste London verlassen, wenn sie nicht auch anderen ehrlosen Männern wie Sugdon zum Opfer fallen wollte. Und um nichts auf der Welt wollte sie das.

„Sie können aufschließen, Pandora.“ Ein rasches Klopfen, gefolgt von den knappen Worten des Duke of Stratton.

Rupert erkannte auf einen Blick, dass Pandora sich ein wenig gefasst hatte. Noch immer war sie sehr blass, was ihren veilchenblauen Augen eine gehetzte Eindringlichkeit verlieh. Aber der Ausdruck auf ihrem hübschen Gesicht sprach von klarsichtiger Würde und erinnerte nicht mehr daran, wie aufgewühlt sie noch vor so kurzer Zeit gewesen war.

Wie schön sie war mit ihrer zarten Haut, der hohen, intelligenten Stirn, jenen unglaublichen Augen und der kurzen, geraden Nase über den vollen, sinnlichen Lippen – Rupert war nicht im Geringsten erstaunt darüber, dass ihr Mann und ihr Liebhaber um das Recht gekämpft hatten, sie zu besitzen.

Er presste kurz die Lippen zusammen. „Ich habe unsere Gastgeberin über Ihre vorzeitige Abfahrt in Kenntnis gesetzt, und die Kutsche wartet jetzt vor dem Haus, um Sie heimzufahren. Das hier habe ich Ihnen mitgebracht.“ Er hielt ihr einen schwarzen Umhang hin, den er sich vom Butler der Duchess of Clayborne hatte geben lassen. „So können Sie mir meinen Frackrock zurückgeben und gleichzeitig Ihre … Blöße bedecken.“

„Danke.“ Ihre Stimme klang heiser, und sie hatte die Lider gesenkt, als sie ihm seine Jacke überreichte und sich dafür den Umhang der Duchess geben ließ.

Rupert zog sie über und zupfte die Manschetten zurecht, bevor er Pandora mit einem missbilligenden Blick bedachte. „Was um alles in der Welt war über Sie gekommen, ausgerechnet mit einem Mann wie Sugdon einen Spaziergang zu machen?“

Empört sah sie ihn an. „Ich bin nicht mit Lord Sugdon spazieren gegangen! Ich stand schon eine ganze Weile allein auf der Terrasse, als er mich fand …“ Sie brach abrupt ab. Heiße Röte stieg ihr in die Wangen, da ihr offenbar bewusst wurde, dass sie sich verraten hatte. Sie musste vor der Bibliothek gewesen sein und Ruperts und Dantes Gespräch belauscht haben.

Wie viel von dieser Unterhaltung hat sie wohl gehört? Gewiss die Bemerkungen über sie selbst, wenn er die tiefe Röte in ihren Wangen richtig deutete!

„Ach, wirklich?“, meinte er gedehnt. „Und haben Sie irgendetwas gehört, das von Interesse für Sie war?“

Sie richtete sich zu ihrer vollen Größe von etwas über einem Meter sechzig auf. „Nicht das Geringste, Euer Gnaden.“

Er hob spöttisch die Augenbrauen. „Nein?“

„Nein.“ Auf keinen Fall würde Pandora zugeben, die Bemerkungen über seine Stiefmutter gehört zu haben. Was sie selbst anging, so war alles, was Dante Carfax über sie gesagt hatte, ohnehin nicht besonders beleidigend gewesen, während die weniger als schmeichelhafte Meinung des Dukes auf Gerüchten beruhte, die der größte Teil des ton teilte, keineswegs auf persönlicher Kenntnis.

Oder wenigstens war es so gewesen, bevor Rupert Stirling gezwungen wurde, sie vor den unerwünschten Avancen Lord Sugdons zu retten!

Sie seufzte tief auf. „Ich sollte jetzt besser gehen, Euer Gnaden.“

„Ja, das ist tatsächlich besser“, stimmte er zu. „Der Butler hat den Kutscher angewiesen, vor die Hintertür zu fahren, damit wir durch die Dienstgefilde und die Küche gehen können, statt das Risiko einzugehen, einem der anderen Gäste über den Weg zu laufen. Es würde nur Fragen über Ihren … Aufzug nach sich ziehen“, fügte er trocken hinzu, als Pandora ihn verblüfft ansah.

„‚Wir‘, Euer Gnaden?“, wiederholte sie langsam.

Offenbar galt ihr Erstaunen nicht der Art, wie sie das Haus verlassen würden, sondern vielmehr der Tatsache, dass er beabsichtigte, sie zu begleiten. „Wir“, bestätigte er bestimmt und umfasste mit leichtem Griff ihren Ellbogen, bevor er die Tür öffnete und Pandora ein Zeichen gab, voranzugehen.

Doch Pandora machte keine Anstalten, es zu tun, sondern sah ihn immer noch unsicher an. „Mir ist seit Langem bekannt, was der ton von mir hält, Euer Gnaden, aber ich muss Sie warnen, dass …“

„Und mir ist seit Langem bekannt, was der ton von mir hält, Madam.“ Er sah finster auf sie herab. „Sie können allerdings ganz beruhigt sein. Heute Abend bin ich nicht in der Stimmung, mich den Gerüchten entsprechend zu benehmen, die Ihnen vielleicht über meinen Umgang mit dem schönen Geschlecht zu Ohren gekommen sind.“

Pandora war entzückt, das zu hören. Einen Moment lang hatte sie befürchtet, sie wäre einer unangenehmen Situation entkommen, nur um kurz darauf in die nächste zu geraten!

Obwohl sie insgeheim daran zweifelte, dass die meisten Damen die Aufmerksamkeiten eines so verwegenen, gut aussehenden Mannes wie des achten Duke of Stratton wirklich als unangenehm empfinden würden! Auch sie selbst – allerdings vor ihrer unglücklichen Ehe – wäre früher regelrecht verzückt gewesen, wenn sie das Interesse eines so aufregenden Mannes erweckt hätte. Aber das war sehr lange her. Jetzt war Pandoras größter Wunsch, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf sich zu ziehen.

„Also lassen Sie uns gehen, Euer Gnaden“, gab sie widerwillig nach und zog die Kapuze des Umhangs über ihre blonden Locken.

Natürlich war ihre Verkleidung nicht wirkungsvoll, wenn ein so berühmter Gentleman wie Rupert Stirling auf seine elegante Art an ihrer Seite durch die Küche schritt. Sophia Rowlands’ Personal machte verständlicherweise große Augen vor Neugier und fragte sich gewiss, warum ein so vornehmer Herr in die Küche kam und wer wohl die vermummte Dame sein mochte.

„Wohl nicht ganz der unauffällige Aufbruch, den wir uns beide gewünscht hätten“, gab er trocken zu, als sie auf die dunkle Straße hinter dem Herrenhaus hinaustraten.

„Nein.“ Pandora runzelte die Stirn, als sie nur eine Kutsche sah, ein modisches schwarzes Gefährt mit dem Wappen der Strattons auf der Tür, die der Reitknecht hastig für seinen Herrn aufriss. „Meine Kutsche scheint noch nicht gekommen zu sein, Euer Gnaden …“

„Das wird sie auch nicht“, bemerkte der Duke knapp und ging unbeirrt auf die Kutsche zu, ohne Pandoras Ellbogen loszulassen. „Was der ton auch über mich zu sagen pflegt, Euer Gnaden, meine Gouvernante und auch meine Lehrer versicherten mir, ich sei mir stets meiner guten Manieren bewusst gewesen, selbst wenn ich mich nicht immer dafür entscheide, sie auch zu zeigen.“ Er machte eine einladende Geste mit der Hand, während er darauf wartete, dass Pandora vor ihm in die herzogliche Kutsche stieg. „Einer der Grundsätze, die ich damals lernte, besagt, dass ein Gentleman niemals eine Dame in Not im Stich lässt“, fügte er leise hinzu.

Die einzige Not, der Pandora sich in diesem Moment bewusst war, war die Vorstellung, jemand könnte sie dabei beobachten, wie sie in der Kutsche des Duke of Stratton durch die Straßen fuhr.

3. KAPITEL

Pandora atmete tief ein. „Mir wäre es wirklich lieber gewesen, wenn Sie sich bei dieser Gelegenheit dafür entschieden hätten, nicht auf die Lehren Ihrer Gouvernante und Lehrer zu hören, Euer Gnaden.“

Eine erwartungsvolle Stille folgte ihren Worten, und plötzlich brach der Duke in spontanes Gelächter aus. „Mein Freund Carfax hat vergessen zu erwähnen, dass Sie ein Original sind, Pandora Maybury“, meinte er schließlich anerkennend.

„Vielleicht, weil ich keins bin“, erwiderte sie, ein wenig aus der Fassung über den nachdenklichen Blick, mit dem er sie musterte.

„Vergeben Sie mir, wenn ich da anderer Meinung bin“, sagte er gedehnt.

„Das ist natürlich Ihr Vorrecht.“ Sie nickte kühl. „Aber ich ziehe es wirklich vor, so heimzukehren, wie ich gekommen bin – allein und in meiner eigenen Kutsche.“

„Warum?“

Ihre Unruhe nahm zu. „Nun, weil …“

„Könnte es sein, dass der Gedanke Sie beunruhigt, ganz allein mit mir in der herzoglichen Kutsche zu fahren?“

„Ganz und gar nicht!“, leugnete sie heftig.

„Gut“, sagte er zufrieden, hob sie urplötzlich hoch und setzte sie auf die weichen Polster in der von einer Laterne erleuchteten Kutsche. Rasch folgte er ihr, nahm ihr gegenüber Platz und nickte dem Reitknecht zu, der gleich darauf den Verschlag schloss. Einen Moment später setzte sich die Kutsche in Bewegung, und sie waren unterwegs.

Nur wohin sie unterwegs waren, wusste Pandora nicht so genau, da der Duke sich nicht bei ihr nach ihrer Londoner Adresse erkundigt hatte.

Er betrachtete sie unter halb gesenkten Lidern; im warmen Licht der Lampe konnte er sie deutlich sehen. Ihr Haar und ihre Wimpern schimmerten wie Gold, der vollkommene Rahmen für jene umwerfend schönen veilchenblauen Augen, ihre Haut war zart und makellos, ihre Lippen – vielleicht der Grund, weswegen zwei Männer sich duelliert hatten – waren voll, sinnlich und himbeerrot. Vom gleichen Rot wie die Brustknospen, die er vorhin flüchtig durch den dünnen Stoff der Chemise entdecken konnte, ebenso wie die erstaunlich vollen Brüste.

Wenn er ihr die Haarnadeln herauszog, würden ihre Locken dann lang genug sein, um jene schönen, festen Brüste zu bedecken, sodass nur die reifen rosigen Spitzen einladend hervorlugen konnten? Und was die interessantere Frage war: Würden die Locken zwischen ihren Schenkeln dieselbe verführerische goldblonde Farbe aufweisen?

Lieber Himmel, war sein Leben denn nicht schon kompliziert genug? Musste er jetzt auch noch hier sitzen und sich vorstellen, wie die berüchtigte Pandora Maybury aussah, wenn sie nackt war?

„Es war wirklich nicht nötig, mich so grob zu behandeln, Euer Gnaden“, sagte sie steif. „Ich versichere Ihnen, ich bin jung und gelenkig genug, um ohne Ihre Hilfe in eine Kutsche zu steigen.“

„Dennoch haben Sie keine Anstalten gemacht, es auch zu tun“, betonte er kühl, ganz und gar nicht froh über die Richtung, die seine Gedanken genommen hatten.

„Weil ich, wie ich Ihnen schon sagte, auf meine eigene Kutsche warten wollte.“

„Ich wiederum habe Ihnen klargemacht, warum ich nicht damit einverstanden sein kann.“ Ruperts Geduld – und viel war ihm nicht mehr geblieben – wurde auf eine harte Probe gestellt.

Pandora senkte den Blick und errötete leicht. „Ich bin Ihnen gewiss sehr dankbar für Ihre Hilfe heute Abend …“

„Würde man nicht meinen, so wie Sie sich mir gegenüber benehmen!“

Bedrückt sah sie ihn an. Vielleicht war seine Kritik berechtigt. Sie hatte sich wirklich wenig liebenswürdig benommen in den letzten Minuten, weil Rupert Stirlings Nähe sie völlig aus dem Gleichgewicht brachte, sosehr sie auch wünschte, es wäre anders.

In ihrem Argwohn hatte ihr ganzer Leib sich unwillkürlich angespannt, als sie die nachdenkliche Art bemerkte, mit der er sie – ihre Augen, ihren Körper – so vertraulich musterte. Und sosehr sie sich auch deswegen tadelte, war sie sich dennoch seiner beunruhigenden Gegenwart jeden Moment bewusst.

Sein goldblondes Haar fiel ihm verwegen in die Stirn und kräuselte sich leicht an Ohren und Nacken. Das Licht der Lampe verlieh seinen hohen Wangenknochen und dem festen Kinn eine zusätzliche Strenge, doch die lässige Art, mit der er sich auf dem Sitz fläzte, stand völlig im Gegensatz dazu, so wie zu dem kühnen, intelligenten Blick, den er ihr aus seinen grauen Augen zuwarf. Ohne Zweifel gehörte er zu den attraktivsten Männern, die Pandora jemals gesehen hatte. In diesem Punkt übertraf er sogar Barnaby, der eher jungenhaft hübsch gewesen war mit seinem dunklen Haar und den blauen Augen.

Leider machte sein Ruf den Duke of Stratton auch zu einem der vielleicht gefährlichsten Männer, die sie kannte, und das war auch der Grund, weswegen sie sich in seiner Gesellschaft so hilflos fühlte. „Ich wollte Ihnen heute Abend ganz einfach nicht noch mehr Unannehmlichkeiten bereiten. Deswegen bat ich Sie, allein nach Hause zurückkehren zu dürfen.“

Er sog gereizt die Luft ein. „Meinen Sie, wir könnten auch mal ein anderes Thema anschneiden, Pandora?“

Verblüfft zwinkerte sie. „Natürlich, wenn Sie es wünschen.“

„Ja, das tue ich in der Tat.“ Er nickte knapp. „Es langweilt mich zu Tode, wieder und wieder die gleiche Unterhaltung führen zu müssen.“

So wie er gewiss schon bereute, dass er sie nach Hause begleitete. Pandora unterdrückte ein Seufzen, als er sich kühl abwandte, um aus dem Fenster auf die anderen Kutschen zu schauen, die auf Londons mondbeschienenen Straßen unterwegs waren.

Pandora hatte in den Jahren ihrer Ehe sehr rege am gesellschaftlichen Leben teilgenommen, Barnaby hatte es sogar für eine ihrer weiblichen Pflichten gehalten, ihn zu allen Bällen und Gesellschaften zu begleiten, die der ton zu bieten hatte, und so war sie schon seit Langem an diese Art oberflächlicher, bedeutungsloser Unterhaltungen gewöhnt, die man meistens bei solchen Gelegenheiten führte. Hier hatte sie gelernt, ihre Gedanken und Gefühle für sich zu behalten.

Wie es schien, hielt Rupert – Devil – Stirling ebenso wenig von sinnlosen Gesprächen. Sie beugte sich interessiert vor. „Vielleicht würden Sie es vorziehen über Literatur zu sprechen? Oder Politik?“

Er hob interessiert eine Augenbraue. „Sie etwa auch?“

Pandora nickte ernst. „Mein Vater war Gelehrter der griechischen Philosophie und hat für meine Bildung auf beiden Gebieten gesorgt.“

Gegen seinen Willen fühlte Rupert sich wieder von ihren zauberhaften Augen angezogen. „Das ist wohl auch der Grund, weswegen Sie den recht ungewöhnlichen Namen Pandora tragen?“ Die Pandora aus der griechischen Mythologie war eine Frau, wenn Rupert sich seines Studiums recht erinnerte, der von jedem Gott ein Geschenk gegeben worden war, mit dem sie die Sterblichen zugrunde richten sollte.

Zweifellos besaß diese Pandora hier die Schönheit ihrer Namensvetterin, aber verfügte sie auch über die Macht, Männer zu zerstören? Wollte man den Gerüchten über jenes unglückselige Duell des letzten Jahres glauben, dann müsste man diese Frage eindeutig bejahen.

Pandora betrachtete Devil Stirling argwöhnisch. „Als er mich so nannte, glaubte mein Vater wohl, ich würde von der Natur sowohl mit Anmut wie mit Schönheit beschenkt werden.“

„Da wurde er auch nicht enttäuscht“, räumte der Duke mit einer leichten Neigung des Kopfes ein. „Aber hatte er vergessen, dass Pandora durch das Öffnen ihrer Büchse alle Übel der Welt auf die Menschheit losgelassen hat?“

Pandora fühlte sich durch sein Kompliment nicht geschmeichelt. Wie konnte sie auch, wenn gleich darauf diese sanft vorgebrachte Beleidigung folgte? „Wäre mein Vater noch am Leben, hätte es ihm bestimmt Freude bereitet, mit Ihnen darüber zu diskutieren, ob die Übel der Menschheit Pandoras Schuld waren oder die des Menschen selbst.“

Seine grauen Augen funkelten spöttisch. „Dann war Ihr Vater also der Ansicht, jeder Mann – und jede Frau – sei selbst schuld an ihrer Zerstörung?“

„Sind Sie anderer Meinung?“

Noch nie hatte Rupert sich mit einer Frau über griechische Mythologie unterhalten, geschweige denn Philosophie. Als gelehrter Mann hatte Pandoras Vater offensichtlich dafür gesorgt, dass auch seine einzige Tochter darin unterrichtet wurde. Wenn es Rupert schon unangenehm gewesen war, sie in seiner Kutsche zu wissen, weil ihre Schönheit ihn unwiderstehlich anzog, gefiel ihm der Gedanke jetzt ganz und gar nicht, sie könnte sehr viel mehr sein als die ungetreue Schönheit, für die bösartige Klatschmäuler des ton sie hielten.

„… mir zu sagen, wohin wir fahren, Euer Gnaden?“

„Verzeihung?“, fragte Rupert, unsanft aus seinen Gedanken gerissen.

„Ich wollte mich nur erkundigen, ob es Ihnen sehr viel ausmacht, mir zu sagen, wo wir hinfahren.“ Die Heiserkeit ihrer ohnehin schon sehr sinnlich klingenden Stimme verriet, wie unruhig sie sich fühlen musste.

Er schenkte ihr ein müdes Lächeln. „Ich fürchtete, ich würde in der Abgeschiedenheit meiner Kutsche das zweifelhafte Vergnügen haben, mit einer übererregten jungen Dame fertig werden zu müssen. Also habe ich meinen Kutscher angewiesen, in London herumzufahren, bis Sie sich beruhigt hätten und mir mitteilen könnten, wo Sie wohnen.“

„Mein Haus befindet sich in der Jermyn Street, Euer Gnaden.“ Pandora wartete still vor sich hin lächelnd, bis er seinem Kutscher die Adresse genannt hatte, bevor sie fortfuhr. „Ich muss zugeben, ich war außer mir über Lord Sugdons Benehmen, Euer Gnaden, aber es kann mir wohl niemand vorwerfen, dass ich zu der Art Damen gehöre, die leicht in Ohnmacht fallen.“ Der Duke brauchte ja nicht zu wissen, wie nahe sie einer Ohnmacht tatsächlich gewesen war, als Sugdon ihr das Kleid zerrissen und sie rücksichtslos in die Arme gerissen hatte.

„Und zu welcher Art Damen, würden Sie sagen, gehören Sie dann?“

Argwöhnisch musterte sie ihn, aber seine Miene blieb ausdruckslos. „Der ton möchte einen glauben machen …“

„Ich habe Ihnen bereits gesagt, wie wenig es mich interessiert, was der ton denkt oder nicht denkt, ob es nun mich angeht oder jemand anders.“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung.

Pandora fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen. „Ich fürchte, ich verstehe Ihre Frage nicht, wenn meine Meinung von mir sich doch ganz offensichtlich von der aller anderen unterscheiden muss.“

„Warum offensichtlich?“, meinte er knapp. „Der ton hält mich für arrogant und stolz und für einen ziemlichen Wüstling, und ich kann gegen diese Meinung nichts einwenden.“

Sie musste über seine offenherzige Selbsteinschätzung lächeln. „Aber Sie sind doch so viel mehr als das, oder?“

Verwundert hob er die Augenbrauen. „Ach?“

Pandora nickte. „Heute Abend waren Sie sowohl ritterlich als auch freundlich.“

„Ich rate Ihnen, mir keine Tugenden anzudichten, die ich weder besitze noch je zu besitzen wünsche“, warnte er sie.

In sanftem Vorwurf schüttelte sie den Kopf. „Ich habe jeden Grund zu denken, dass Sie beides sind, nachdem Sie mir vorhin auf die freundlichste, mutigste Weise zu Hilfe kamen.“

Er presste leicht die Lippen zusammen. „Und wenn ich Ihnen nun verrate, dass mein Handeln sehr wenig mit Ihnen zu tun hatte? Dass ich mich heute in einer Stimmung befand, in der mir jede Gelegenheit willkommen war, jemanden zu schlagen? Wen auch immer! Aus welchem Grund auch immer!“

Plötzlich erinnerte Pandora sich wieder an sein Gespräch mit dem Earl of Sherbourne, und sie ahnte den Grund für die üble Laune des Dukes. „Dann würde ich sagen, dass es mich nicht interessiert, warum Sie so handelten, solange es zu meiner Rettung führte.“

Rupert warf ihr einen nachdenklichen Blick zu. „Und wenn Sie es mir erlauben, so muss ich sagen, Pandora Maybury, Sie scheinen ganz und gar nicht so zu sein, wie der ton Sie beschreibt.“

„Oh, ich erlaube es Ihnen gewiss, Euer Gnaden“, meinte sie lachend.

„Rupert.“

Sofort hörte sie auf zu lachen. Ihre Miene wurde wieder unsicher. „Verzeihung?“

Er musterte sie unter halb gesenkten Lidern. „Ich glaube, es würde mir gefallen, wenn Sie mich Rupert nennen wollten.“

„Ganz unmöglich könnte ich Sie auf diese vertrauliche Weise ansprechen, Sir.“ Sie rückte so weit von ihm ab, wie sie konnte.

„Warum nicht? Sie sind eine Duchess, ich bin ein Duke. Gesellschaftlich sind wir ebenbürtig. Oder besitzen Sie bereits so viele Freunde, dass Sie keinen weiteren mehr brauchen?“, fügte er mit beißendem Humor hinzu.

Pandora schluckte mühsam, bevor sie heiser antwortete: „Sie müssen doch wissen, dass es nicht so ist.“

Sie hatte recht. Den ganzen Abend über hatte Rupert beobachten können, dass sich nur jene Gentlemen des ton um sie bemüht hatten, die mehr als eine freundschaftliche Beziehung mit ihr im Sinn hatten. Männer wie Sugdon. „Unsere Gastgeberin und auch die Duchess of Woollerton scheinen Ihre Freundschaft wertzuschätzen.“

Pandoras Miene wurde weicher. „Ja. Sie waren beide so freundlich, mir in den letzten Wochen ihre Freundschaft zu schenken.“

„So sagt man sich.“

Abrupt sah sie zu ihm auf. „Ich hoffe, nicht zu ihrem Nachteil?“

„Würde es Sie denn stören, wenn es so wäre?“, fragte er neugierig.

„Selbstverständlich.“ Alles an ihr sprach von höchster Beunruhigung – sie errötete und presste heftig die Hände zusammen. „Ich würde um nichts in der Welt wollen, dass diese wundervollen Damen von gewissen Mitgliedern des ton geschnitten werden.“

„So, wie es bei Ihnen der Fall ist?“, hakte er nach.

„Ja“, gab sie leise zu.

Er zuckte die Achseln. „Gewiss sind beide Damen alt genug und verfügen über genügend Selbstvertrauen, um sich ihre Freunde selbst auszusuchen. Ebenso wie ich“, fügte er rau hinzu.

Wachsam beäugte sie ihn. „Wir sind jedoch keine Freunde, Euer Gnaden, lediglich flüchtige Bekannte.“

„Kein Grund, zu glauben, dass wir mit der Zeit nicht mehr als das werden könnten.“ Rupert blickte sie scharfsichtig an. „Erzählen Sie mir von Ihrer Ehe mit Maybury.“

Sie machte keinen Hehl aus ihrem Erstaunen über den plötzlichen Themenwechsel. „Zu welchem Zweck?“

„Aus reiner Neugier, wie Sie sich denken können, wenn man überlegt, wie er ums Leben gekommen ist. War es eine Liebesheirat? Zumindest für Maybury muss es wohl so gewesen sein“, meinte er nachdenklich.

Pandora runzelte die Stirn. „Wie bei vielen Ehen in den vornehmen Kreisen handelte es sich auch bei unserer um eine Vernunftehe.“

„Aber war sie glücklich? Wenigstens am Anfang?“

Nicht einmal am Anfang!

Fast sofort hatte Pandora erkannt, dass Barnaby sie nur geheiratet hatte, weil er eine junge und somit leicht zu beeinflussende Frau brauchte, die ihn während der Saison begleiten und in seinen vielen Häusern hier in London so wie auch auf dem Land die Gastgeberin spielen konnte. Sie sollte eine Frau sein, die nicht versuchen würde, sich in sein persönliches Leben einzumischen. Schon vor der Ehe hatte Barnaby ihr gegenüber keine tiefen Gefühle oder gar Liebe geäußert und ihr auch klargemacht, dass es unvernünftig von ihr wäre, dergleichen von ihm zu erwarten, sobald sie Mann und Frau geworden waren.

Nachdem Pandora lange in sich gegangen war, hatte sie erkannt, dass ihr keine Wahl blieb, als diese lieblose Ehe einzugehen. Wenn es nun einmal ihr Los im Leben sein musste, ihre mädchenhaften Hoffnungen auf Liebe und große Leidenschaft aufzugeben, dann war es ihre eigene Enttäuschung und ging keinen anderen Menschen etwas an.

Ganz gewiss hatte sie nicht vor, Einzelheiten darüber mit diesem hochmütigen, spöttischen Mann zu teilen, der keine Anstalten machte, mit seinen bohrenden Fragen aufzuhören!

„Wie es aussieht, sind wir bei mir zu Hause angekommen, Euer Gnaden.“ Dankbar setzte sie sich auf, um auszusteigen. Der Reitknecht eilte bereits herbei, um ihr die Tür zu öffnen. „Wieder möchte ich Ihnen danken, dass Sie mir heute Abend zu Hilfe gekommen sind.“

„Ich werde morgen bei Ihnen vorsprechen.“

„Wozu?“ Pandora war gerade ausgestiegen und drehte sich nun abrupt zu ihm um.

Sie konnte seine Zähne im Mondlicht glänzen sehen, als der Duke ebenfalls ausstieg und lächelte. „Nun, um mich davon zu überzeugen, dass Sie sich vollständig von der Tortur dieses Abends erholt haben, selbstverständlich.“

Nichts war ‚selbstverständlich‘, wenn es um diesen überheblichen, herablassenden Mann ging. Pandora wollte nicht, dass Rupert sie morgen oder zu irgendeiner anderen Zeit besuchte. Sie ahnte schon, dass die Neuigkeit von der verhüllten Dame, die Sophias Ball in der Kutsche des Duke of Stratton verlassen hatte, bis zum Morgen bereits in aller Munde sein würde – trotz ihrer Bemühungen. Da wäre es nicht gut, auch noch Öl ins Feuer zu gießen, indem er sie am folgenden Morgen besuchte!

„Ich versichere Ihnen, schon jetzt habe ich mich völlig erholt, Euer Gnaden. Vielen Dank.“

„Dennoch, da ich Sie nun schon gerettet habe, verlangt es mein Ehrgefühl, dass ich mich morgen persönlich davon überzeuge“, beharrte er.

Gereizt sah Pandora zu ihm auf. Vor nur wenigen Momenten hatte er geleugnet, über ein so empfindliches Ehrgefühl zu verfügen, doch sie wagte es nicht, vor dem still wartenden Reitknecht ihre wahre Meinung zu äußern. Zwar machte er den Anschein, völlig taub zu sein, was ihr Gespräch anging, aber natürlich hörte er jedes Wort und würde sich auch daran erinnern, wenn er es später ohne Bedenken vor den anderen Bediensteten zum Besten gab.

Entschlossen richtete Pandora sich auf und antwortete kühl: „Sie müssen tun, was Sie für richtig halten, Euer Gnaden.“

„Das tue ich meistens“, entgegnete er spöttisch, hielt ihre Hand an die Lippen und ließ Pandoras Blick nicht los, während er den Mund auf ihre behandschuhte Hand drückte. „Bis morgen, Pandora.“

Sie entriss ihm ihre Finger, als hätte sie sich verbrannt. „Leben Sie wohl, Euer Gnaden.“

„Lediglich Auf Wiedersehen, versichere ich Ihnen, meine liebe Pandora“, meinte er heiser und sah ihr unverwandt nach, während sie die Stufen zu ihrem Stadthaus hinaufeilte und, als sie eingelassen wurde, hastig hineinschlüpfte, ohne auch nur einen Blick über die Schulter zu werfen.

Rupert runzelte die Stirn bei dem Gedanken, sein eigenes Londoner Haus aufsuchen zu müssen. Und die Frau, die dort zweifellos bereits auf ihn wartete …

4. KAPITEL

Wie freundlich von Ihnen, mich zu besuchen, Euer Gnaden!“ Pandoras Lächeln spiegelte nur nichtssagende Höflichkeit wider, als sie am folgenden Morgen aufstand, um Rupert zu begrüßen, der mit seiner gewohnten Lässigkeit ihren Salon betrat. Mit einem Nicken schickte sie den Butler fort und hoffte insgeheim, dass ihr nicht anzusehen war, wie sehr es sie beunruhigte, dass der Duke sein Versprechen tatsächlich wahr gemacht hatte.

Leicht fiel es ihr jedenfalls nicht, so hinreißend wie er heute wieder aussah. Die goldblonden Locken waren verwegen zerzaust, die grauen Augen durchdringend, das Gesicht engelhaft schön und gleichzeitig teuflisch verrucht. Er trug einen dunkelgrauen Gehrock aus feinstem Stoff über einer silbernen Weste. Das schneeweiße Hemd betonte die Breite seiner Schultern, die schwarzen Pantalons schmiegten sich eng an die langen, muskulösen Beine, die in auf Hochglanz polierten schwarzen Schaftstiefeln steckten.

„Euer Gnaden, erlauben Sie mir, Ihnen unseren Familienanwalt Mr Anthony Jessop vorzustellen.“ Pandora wandte sich dem dunkelhaarigen Gentleman an ihrer Seite zu, der kaum älter als Rupert selbst sein dürfte. „Mr Jessop, Seine Gnaden, der Duke of Stratton.“

Die beiden Männer nahmen sich stumm zur Kenntnis, der Anwalt mit einer anmutigen Verbeugung, der Duke mit einem knappen Nicken. Mr Anthony Jessop schien sich wenig behaglich zu fühlen unter Ruperts unverwandtem Blick und beschäftigte sich damit, hastig seine Papiere vom Tisch zu nehmen. „Sie lassen es mich wissen, sobald alles erledigt ist, Pandora?“ Er lächelte sie an.

Pandora hatte Jessop sehr früh heute Morgen eine Nachricht zukommen lassen, und er hatte sie prompt eine Stunde später aufgesucht. Jetzt wünschte sie, sie hätten ihre Angelegenheit nicht ganz so schnell zu Ende gebracht, dann hätte sie eine Ausrede dafür, den Duke so schnell wie möglich loszuwerden!

„Gewiss.“ Sie klingelte nach dem Butler und lächelte dem Mann herzlich zu, der einige Jahre vor Barnabys Tod dessen Anwalt gewesen war und seitdem auch der ihre. Pandora hatte seine Hilfe im vergangenen Jahr sehr zu schätzen gewusst, da sie versuchte, nicht nur ihren eigenen Londoner Haushalt zu führen, sondern auch ihre finanziellen Angelegenheiten selbstständig zu regeln.

Der Anwalt neigte den Kopf zum Abschied. „Euer Gnaden.“

„Jessop.“ Rupert erwiderte das Lächeln des anderen Mannes nicht und wartete, bis Pandoras Besuch mit dem Butler den Raum verlassen hatte, bevor er das Wort ergriff. „Frühlingsputz, Pandora?“

Verblüfft hob sie die Augenbraue. „Wie bitte?“

„Ich bemerkte mehrere Truhen in Ihrer Eingangshalle, deren Inhalt doch offensichtlich an die Armen verteilt werden soll, oder nicht?“

Pandora ärgerte sich über die direkten Worte des Dukes. Offensichtlich beabsichtigte er, auf dieselbe unverblümte Art mit ihr zu reden wie schon am Abend davor – also ohne jede gesellschaftlichen Nettigkeiten!

Allerdings würde sie versuchen, das zu verhindern. „Darf ich Ihnen eine Erfrischung anbieten, Euer Gnaden?“

Er runzelte die Stirn über ihren förmlichen Ton. „Nein.“

„In dem Fall möchten Sie sich vielleicht setzen, Euer Gnaden?“, schlug sie vor und wies auf einen Sessel, der am weitesten entfernt war von dem cremefarbenen Sofa neben dem Fenster, auf dem sie selbst jetzt Platz genommen hatte.

Doch er achtete nicht auf ihre Worte, sondern ließ sich entschlossen neben ihr auf dem Sofa nieder. Seine Nähe hatte eine überwältigende Wirkung auf Pandora. Sosehr sie versuchte, ihn zu ignorieren, sosehr war sie sich doch seiner kaum gezügelten Kraft bewusst.

„Vielleicht möchten Sie mir vielmehr erklären, was hier vor sich geht, Pandora?“

„Was vor sich geht, Euer Gnaden?“

Ein Lächeln umspielte seine festen, doch sinnlichen Lippen. „Die Truhen in Ihrer Halle, der übertrieben vertrauliche Anwalt in Ihrem Salon.“

„Ist es heute nicht ein wundervoll sonniger Tag, Euer Gnaden?“ Pandora sah aus dem Fenster in den sorgfältig gepflegten Garten hinter dem Haus. „Sind Sie heute Morgen hergeritten oder mit der Kutsche gekommen?“

„Ist das von Bedeutung?“, tat er ihre Frage ungeduldig ab.

„Ich wollte lediglich …“

„Ich weiß, was Sie ‚lediglich‘ wollten, Pandora, aber ich habe nicht die Absicht, hier mit Ihnen zu sitzen und höfliche Nichtigkeiten auszutauschen.“ Er fasste sie grimmig ins Auge. „Ich frage Sie noch einmal: Warum war Ihr Anwalt zu so früher Stunde bei Ihnen, und was machen diese Truhen in der Halle?“

Pandora presste kurz voller Ärger die Lippen zusammen. „Können Sie nicht wenigstens so tun, als ob Sie die Kunst der höflichen Konversation beherrschen?“

„Nein.“

Unruhig sprang sie auf. „Wie ich Ihnen schon versicherte, habe ich mich vollkommen von der gestrigen … Unannehmlichkeit erholt. Danke der Nachfrage.“

Rupert beachtete ihre Abfuhr nicht. Allem Anschein nach hatte sie den Schock über Sugdons alles andere als zarte Aufmerksamkeiten überwunden – zumindest äußerlich: Das blonde Haar trug sie wieder ordentlich in einem hübschen Knoten, aus dem mehrere Strähnen sich attraktiv um ihre Wangen ringelten, und der blasse Fliederton ihres modischen Kleides betonte ihre schönen veilchenblauen Augen. Auch ihre Wangen wiesen wieder eine gewisse Röte auf.

Sicher, nach außen hin schien Pandora Maybury erneut völlig gelassen zu sein, ganz die höfliche, vornehme Gastgeberin, die sie ihm vorspielen wollte. Bei jedem anderen wäre es ihr bestimmt gelungen, diesen Eindruck zu erwecken. Doch Rupert bemerkte die zarten Schatten unter ihren wunderschönen Augen, und ihm war nicht entgangen, dass die Röte auf ihren Wangen aufgetragen und ganz und gar nicht natürlich war. Ebenso fiel ihm auf, wie schwer es ihr fiel, ein höfliches Lächeln aufzusetzen, und wie schnell ihr Puls schlug, wie heftig sich ihre Brüste hoben und senkten unter dem tiefen Ausschnitt ihres fliederfarbenen Kleides.

Was hatte außerdem die Anwesenheit ihres Anwalts zu bedeuten, der nach Ruperts Meinung in seinem Umgang mit Pandora viel zu vertraulich gewesen war? Und was war denn nun mit diesen verdammten Truhen in der Halle?

„Sie werden gewiss erfreut sein, zu erfahren, wovon ich heute Morgen unterrichtet worden bin. Lord Sugdon hat seine übrigen gesellschaftlichen Verpflichtungen abgesagt und ist in diesem Moment dabei, sich auf die Abreise zu seinem Familiensitz in Yorkshire vorzubereiten.“

„Es freut mich, das zu hören“, sagte sie erleichtert.

Rupert erhob sich ungeduldig und fuhr sie an: „Genug, um mir meine Fragen zu beantworten?“

„Ich würde es vorziehen, wenn Sie nicht in diesem Ton mit mir sprechen, Sir!“

So ist es schon besser, dachte Rupert zufrieden, als er ein rebellisches Funkeln in ihren Augen entdeckte. „Nun gut, Pandora“, meinte er trocken, wobei er so freundlich war, die Stimme zu senken. „Erklären Sie mir, wenn Sie so entgegenkommend sein wollen, warum ein gewisser Teil Ihrer Habseligkeiten in Truhen gepackt worden ist und warum Sie heute Morgen von Ihrem Anwalt besucht wurden. Wenigstens nehme ich an, er ist erst heute Morgen gekommen?“

Gereizt blickte sie ihn an. „Es stehen Truhen in der Halle, und ich erhielt einen Besuch von meinem Anwalt – heute Morgen“, betonte sie zimperlich, „weil ich im Begriff stehe, London zu verlassen.“

Also hatte Rupert richtig vermutet. „Ist es klug, zum gleichen Zeitpunkt abzureisen wie Sugdon?“

Sie errötete vor Ärger. „Ein bloßer Zufall.“

„Mir ist das bewusst, dem Rest des ton allerdings nicht.“

„Ich dachte, wir sind uns darin einig, dass der ton ohnehin denken wird, was er will, ganz gleich was ich tue.“

Rupert runzelte die Stirn. „Ich habe es nicht gern, wenn man meine eigenen Worte gegen mich verwendet.“

Sie zuckte die schmalen Schultern. „Selbst wenn sie wahr sind?“

„Wann reisen Sie ab? Wohin wollen Sie? Und für wie lange?“

Einen Moment schien sie sich einer Antwort zu verwehren, dann winkte sie leicht ab. „Sobald alles gepackt ist. Und was das Übrige angeht … das werde ich in den nächsten Tagen entscheiden.“

Rupert betrachtete sie kritisch. Hatte er sich in ihrem Mut getäuscht, den sie am gestrigen Abend bewiesen hatte? Nach Sugdons Angriff hatte sie sich geweigert, zusammenzubrechen. Auf der Fahrt nach Hause war sie Ruperts beleidigenden Bemerkungen mit bewundernswerter Standhaftigkeit begegnet. Sollte er sich so geirrt haben? „Also erlauben Sie der Gesellschaft, den Sieg davonzutragen, und laufen einfach davon.“

„Das ist ungerecht!“ Die Röte in ihren Wagen war jetzt echt.

Er zuckte die Achseln. „Das Leben ist ungerecht, Pandora, nicht ich.“

„Ich laufe nicht davon, Euer Gnaden“, sagte sie mit fester Stimme. „Ich bin nur zu dem Schluss gekommen, dass man noch nicht bereit ist, mir zu … vergeben oder die Ereignisse vor einem Jahr zu vergessen.“

Rupert lächelte spöttisch. „Und das wird auch nie geschehen, wenn Sie den Schwanz einziehen, weglaufen und sich verstecken.“ Zu sagen, dass er enttäuscht von ihr war, würde ihrer kurzen Bekanntschaft zu große Bedeutung beimessen – eine Bedeutung, die sein viele Jahre erprobter Zynismus nicht zuließ.

Zum Teufel, er brauchte nur daran denken, was geschehen war, als er gestern Abend nach Stratton House zurückgekehrt war, um ihn an den Wankelmut der Frauen zu erinnern. Es war so unangenehm gewesen, dass er sich entschlossen hatte, diese Situation mit Patricia Stirling nicht länger zu erhalten – nein, keine Stunde länger.

„Für Sie ist es leicht, das zu sagen.“ Ihre schönen veilchenblauen Augen füllten sich plötzlich mit Tränen. „Ich hatte gehofft …“ Sie schüttelte den Kopf und blinzelte entschlossen die Tränen fort. „Nach den Ereignissen von gestern Abend ist mir klar geworden, dass mich im Moment nichts in London hält.“

„Da sind doch Ihre beiden Freundinnen, die Duchesses of Clayborne und Woollerton.“

Pandora seufzte. „Ja. Ich bin auch dankbar für ihre Freundschaft, mehr, als ich ausdrücken kann. Aber es wäre besser für sie, wenn ich London verlasse. Wenigstens für eine Weile.“

Rupert schnaubte verächtlich. „Wie ich schon erwähnte, Sie laufen davon.“

„Könnten Sie aufhören, das zu sagen, als würde ich irgendein frevelhaftes Verbrechen begehen!“, entgegnete sie außer sich, ärgerlich auch auf sich selbst, weil sie zugelassen hatte, dass sich ihr Gespräch um so persönliche Dinge drehte – dabei war sie doch entschlossen gewesen, gerade das zu verhindern.

Gestern Abend, während sie schlaflos im Bett gelegen hatte, war sie zu dem Schluss gekommen, alles daranzusetzen, was in ihrer Macht lag, dass sie eine Fremde für den Duke blieb, sollte er sie tatsächlich besuchen. Aber seine beharrliche Art, jede Förmlichkeit zurückzuweisen, machte das leider unmöglich!

Pandora schüttelte müde den Kopf. „Sie waren in der Armee, nehme ich an.“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Historical MyLady Spezial Band 3" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen