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HISTORICAL MYLADY SPECIAL EDITION BAND 1

CAROLE MORTIMER

Eine skandalöse Leidenschaft

Noch nie hat Hawk St Claire, Duke of Stourbridge, eine Frau so brennend begehrt wie die junge Jane. Heiße Leidenschaft durchflutet ihn, verzehrend und wild, seit er ihr einen ersten Kuss gestohlen hat. Um jeden Preis muss er sich von ihr fernhalten, will er nicht unversehens in die Ehefalle geraten! Doch bald ist sein Verlangen stärker als jede Vernunft …

CAROLE MORTIMER

Verführt von einem sündigen Lord

Überwältigt von Graces Schönheit, erwacht unerwartet glühende Begierde in Lucian St Claire. Allein mit ihr im Zimmer, versucht er sie leidenschaftlich zu verführen – und wird prompt auf frischer Tat erwischt. Was für ein Skandal! Um Graces Ruf zu wahren, bleibt dem als Frauenheld berüchtigten Lucian jetzt nur eins: Er muss ihr auf der Stelle einen Antrag machen!

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Eine skandalöse Leidenschaft

1. KAPITEL

1816, St Claire House, London

Ich gedenke nicht, in absehbarer Zeit zu heiraten, Hawk. Am allerwenigsten irgendein junges Ding, kaum aus dem Schulzimmer heraus, das du gnädigerweise für mich auswählst!“

Hawk St Claire, der zehnte Duke of Stourbridge, betrachtete das vor Wut gerötete Gesicht seines jüngsten Bruders. Sie saßen einander gegenüber an dem großen Schreibtisch mit der Lederplatte, der die Bibliothek im Stadthaus der St Claires beherrschte. Hawk verzog den Mund zu einem milden Lächeln, als er das rebellische Funkeln in Sebastians dunkelbraunen Augen bemerkte. „Ich wollte dich lediglich darauf aufmerksam machen, dass es höchste Zeit für dich ist, dir eine Frau zu suchen.“

Lord Sebastian St Claire spürte, wie er unter dem unbeugsamen Blick seines ältesten Bruders noch heftiger errötete. Aber ob es Hawk nun wünschte oder nicht, er war nicht bereit, sich zu einer Ehe zwingen zu lassen, die er nicht wollte. Wenn es ihm auch nicht leichtfiel, denn ein eisiger Blick aus den goldbraunen Augen seines Bruders hatte schon so manchen seiner Widersacher erzittern lassen, wenn dieser im Oberhaus das Wort ergriff.

„Schlag nicht diesen unerträglich herablassenden Ton an, Hawk, denn das zieht bei mir nicht!“ Sebastian lehnte sich scheinbar lässig in dem kunstvoll geschnitzten Sessel zurück. „Oder schenkst du mir jetzt bloß deine Aufmerksamkeit, um davon abzulenken, dass Arabella es nicht geschafft hat, in ihrer ersten Saison eine gute Partie zu machen?“, fügte er listig hinzu, da er wusste, dass seine achtzehnjährige Schwester sich hartnäckig weigerte, einen der vielen Anträge anzunehmen, die sie in den letzten Monaten erhalten hatte.

Ebenso wusste er, wie sehr Hawk seine Rolle als Arabellas gelegentlicher Begleiter gehasst hatte. Denn die Folge war gewesen, dass zur Heirat entschlossene Debütantinnen und deren ehrgeizige Mamas die unübliche Anwesenheit des Duke of Stourbridge als Ermutigung betrachtet hatten, Jagd auf ihn zu machen.

Bis Hawk auf seine selbstherrliche Art unmissverständlich klargestellt hatte, dass keine jener jungen Damen den hohen Ansprüchen genügte, die er an seine zukünftige Duchess stellte.

Hawk presste für einen Moment ungeduldig die Lippen zusammen. „Wir sprechen hier nicht über Arabella.“

„Dann sollten wir das vielleicht tun. Oder wie wäre es mit Lucian?“, brachte Sebastian seinen anderen Bruder ins Spiel. „Obwohl ja eigentlich du an der Reihe bist, Hawk“, fügte er hinzu. „Schließlich bist du der Älteste. Du hast den Titel geerbt, somit ist es für dich sogar noch wichtiger als für uns, dass du heiratest und einen Erben zeugst. Bist du nicht schon einunddreißig?“

Hawk sah mit seinen eins fünfundachtzig wie immer imponierend aus. Heute trug er einen schwarzen Gehrock, der so vollkommen seine breiten Schultern betonte, dass sein Schneider seine helle Freude daran haben musste. Die blassgraue Reithose brachte perfekt geformte Beine zur Geltung, und die Stiefel waren so hochglänzend poliert, dass man sich darin spiegeln konnte. Das dunkelblonde Haar war lässig und doch elegant frisiert; durchdringend blickende goldbraune Augen, eine gerade Nase, hohe Wangenknochen, ein fester, strenger Mund und ein markantes Kinn, das Entschlossenheit verriet, rundeten das eindrucksvolle Bild ab. Alles an Hawk unterstrich seinen Hochmut und seinen entschlossenen Charakter.

Jetzt allerdings hob er nur gelangweilt die Brauen. „In den vergangenen Monaten habe ich oft genug klargemacht, dass mir noch keine Frau begegnet ist, die der schweren Aufgabe, die Duchess of Stourbridge zu werden, gewachsen wäre. Außerdem habe ich in meinen jüngeren Brüdern bereits Erben für den Titel. So wie ihr euch allerdings in letzter Zeit benehmt, würde es mich ganz und gar nicht freuen, sollte einer von euch der nächste Duke of Stourbridge werden.“ Er bedachte Sebastian mit einem zurechtweisenden Blick.

Ein Blick, den Sebastian völlig ignorierte. „Sollten Lucian oder ich jemals der nächste Duke of Stourbridge werden, kann ich dich beruhigen, dass du es nicht mehr erleben wirst, Hawk“, meinte er trocken.

„Sehr amüsant, Sebastian. Aufgrund der … Ereignisse im vergangenen Monat wurde mir bewusst, dass ich es vernachlässigt habe, deine und Lucians Zukunft zu regeln.“

„Im vergangenen Monat? Was haben Lucian und ich denn getan, das so verschieden wäre von … Ah!“ Endlich dämmerte es ihm. „Beziehst du dich womöglich auf die reizende, kürzlich verwitwete Countess of Morefield?“

„Ein Gentleman spricht den Namen einer Dame nicht in diesem respektlosen Ton aus, Sebastian“, tadelte ihn Hawk. „Doch da du den Zwischenfall erwähnst: Ja, es könnte tatsächlich sein, dass ich mich auf dein verwerfliches Benehmen einer bestimmten, uns bekannten Dame gegenüber bezog.“ Sein Ton war eisig.

Sebastian grinste ohne einen Hauch von Reue. „Ich versichere dir, niemand hat unser Interesse ernst genommen, am allerwenigsten die Countess.“

„Wie dem auch sei, der Name der Dame war in mehreren Klubs in aller Munde – einschließlich meines eigenen. Viele eurer Freunde schlossen Wetten ab, wer von euch als Erster den Earl of Whitney im Schlafzimmer der Coun… der Dame ablösen würde.“

„Aber nur, weil weder ich noch Lucian wussten, dass wir beide der Dame Avancen machten.“ Sebastian zuckte die Achseln. „Wenn du dich allerdings dazu herabgelassen hättest, uns anzuvertrauen, dass auch du die Absicht hattest, es dir im besagten Schlafzimmer gemütlich zu machen, dann hätten Lucian und ich uns selbstverständlich zurückgezogen und es dir und Whitney überlassen, die Sache unter euch auszumachen.“

Hawk zuckte schmerzlich zusammen. „Sebastian, einmal mehr muss ich dich auf die Taktlosigkeit deiner Worte hinweisen.“

„Bei dem ganzen Gerede darüber, dass wir uns verheiraten müssten, ging es dir also bloß darum, dass Lucian und ich dir letzten Monat unabsichtlich in die Quere gekommen sind?“ Sebastian konnte kaum seine Belustigung verbergen, lenkte aber schnell ein, als er Hawks finstere Miene sah: „Allerdings glaube ich, du bist der … Reize der Dame bereits überdrüssig, oder?“

„Nach der Aufmerksamkeit, die du und Lucian auf die unglückliche Frau gelenkt habt, hielt ich es für besser, mich zurückzuziehen, um keinen Skandal heraufzubeschwören.“

„Wenn du nicht so verdammt heimlichtuerisch wärst, was deine Mätressen angeht, wäre das alles gar nicht passiert. Aber du kannst Gift darauf nehmen, Hawk, dass ich nicht heiraten werde, nur um deine empfindsamen Gefühle zu besänftigen.“

„Du benimmst dich völlig lächerlich, Sebastian.“

„Nein, Hawk.“ Sebastian wurde plötzlich ernst. „Wenn du nur etwas mehr darüber nachdenkst, würde dir bewusst werden, dass du derjenige bist, der sich lächerlich benimmt, indem du glaubst, du könntest für mich eine Frau aussuchen.“

„Ganz im Gegenteil, Sebastian. Ich bin davon überzeugt, dass ich dir damit sogar einen Gefallen tue. Tatsächlich habe ich für uns bereits eine Einladung von Sir Barnaby und Lady Sulby angenommen.“

„Ich nehme an, das sind die Eltern meiner zukünftigen Braut.“

„Olivia Sulby ist Sir Barnabys und Lady Sulbys Tochter, in der Tat.“

Kopfschüttelnd erhob Sebastian sich. „Dann, fürchte ich, musst du jegliche Einladung, die du in meinem Namen angenommen hast, wieder rückgängig machen.“ Er hielt entschlossen auf die Tür zu.

„Was tust du?“, sagte Hawk drohend.

„Ich gehe.“ Sebastian wandte sich um und betrachtete ihn kurz mitleidig. „Doch bevor ich gehe, habe ich dir noch einen Vorschlag zu machen.“ Er hielt an der offenen Tür inne.

„Einen Vorschlag?“ Hawk konnte, so ungewöhnlich es für ihn war, kaum seine Wut im Zaum halten, so sehr reizte ihn die Sturheit seines Bruders.

Sebastian nickte. „Sobald du verheiratet bist, und zwar glücklich verheiratet, verspreche ich dir, ebenfalls ernsthaft über eine Heirat nachzudenken.“ Beschwingten Schrittes verließ er die Bibliothek und schloss die Tür leise hinter sich.

Erschöpft lehnte Hawk sich im Sessel zurück und betrachtete eine ganze Weile die geschlossene Tür, bevor er nach der Brandykaraffe griff und sich eine beachtliche Menge einschenkte.

Verdammt.

Verdammt, verdammt, verdammt.

Für gewöhnlich vermied er es, Einladungen aufs Land anzunehmen, sobald die Saison vorüber war und die Mitglieder des Oberhauses sich in die Sommerpause begaben. Auch dieses Mal hatte er nur deswegen eingewilligt, eine Woche bei den Sulbys in Norfolk zu verbringen, weil er Sebastian der jungen Frau vorstellen wollte, die vorzüglich geeignet wäre, dessen Braut zu werden.

Hawk war mit Sir Barnaby Sulby bekannt. Sie hatten schon mehrere Male gemeinsam in ihrem Klub gespeist. Während der Saison hatte sich allerdings keine Gelegenheit ergeben, auch die Frau und Tochter des Gentlemans kennenzulernen. Hawk wusste jedoch, dass Olivia Sulby nach dem Tod ihres Vaters Markham Park und die dazugehörigen tausend Morgen Land erben würde. Für den jüngeren Bruder eines Dukes eine wahrlich vorteilhafte Partie.

Doch Sebastian schien ja nicht die Absicht zu haben, sich zu vermählen, bevor er selbst ihm nicht mit gutem Beispiel vorangegangen war. Das bedeutete, dass er sich völlig grundlos verpflichtet hatte, eine Woche in Norfolk zu verbringen – in einer flachen und abwechslungslosen Moorlandschaft, so ganz anders als sein geliebtes Gloucestershire.

Die Aussicht darauf fand Hawk etwa so reizvoll wie den Gang zum Galgen.

„Da bist du ja, Jane. Trödle doch nicht so auf der Treppe herum, Mädchen!“

Lady Gwendoline Sulby, eine verblasste Schönheit in den Vierzigern, zeigte unumwunden ihre Ungeduld, als der Gegenstand ihrer Kritik auf der Treppe innehielt und weder herunterkam noch hinaufstieg. „Nein, nein, warte. Geh wieder nach oben und hole mir meine Stola, bevor unsere Gäste eintreffen. Das Seidentuch mit den gelben Rosenknospen. Mir scheint, das Wetter schlägt um, Sulby“, wandte sie sich besorgt an ihren beleibten Gatten, der in Erwartung ihrer Gäste neben ihr in der geräumigen Empfangshalle stand.

Sir Barnaby war zwanzig Jahre älter als seine Frau, und in diesem Moment schien er sich in seinem Hemd mit dem hohen Kragen und dem eng gebundenen Krawattentuch recht unbehaglich zu fühlen. Die gelbe Weste spannte sich schon fast gefährlich über seinem runden Bauch; der braune Gehrock und die cremefarbene Kniehose vermochten diesen Umstand kaum zu verbergen.

Armer Sir Barnaby, dachte Jane, während sie gehorsam wieder nach oben ging, um die gewünschte Stola zu holen. Sie wusste, ihr Vormund wäre so viel lieber mit seinem Verwalter draußen auf dem Gut unterwegs, statt in der zugigen Halle von Markham Park zu stehen und die Hausgäste zu begrüßen, die in Kürze eintreffen mussten.

„Bring mir auch meinen weißen Sonnenschirm mit, Jane“, rief Olivia streng. Sie war das Ebenbild ihrer Mama in jüngeren Jahren mit ihrer modisch üppigen Figur, den großen blauen Augen und den goldblonden Locken, die verführerisch das zarte, schöne Gesicht umschmeichelten.

„Schrei doch nicht so, Olivia. Das ist undamenhaft“, erklärte Lady Sulby empört. „Was würde der Duke denken, wenn er dich gehört hätte?“

„Aber du hast doch auch geschrien, Mama“, schmollte Olivia.

„Ich bin die Herrin des Hauses und darf schreien.“

Jane lächelte verhalten, während sie weiter die Treppe hinaufging. Das Gezänk zwischen Mutter und Tochter würde wohl, wie meistens, einige Minuten lang andauern. In der vergangenen Woche, während der Haushalt sich auf die Ankunft der Gäste vorbereitet hatte, war es oft zu Streitigkeiten gekommen, und meistens drehte es sich bei den Wortgefechten um Seine Gnaden.

Denn der Duke of Stourbridge würde der Ehrengast der Sulbys sein. Das Personal war immer wieder darauf aufmerksam gemacht worden, dass es Markham Park für die Ankunft „Seiner Gnaden, des Dukes“ putzte und schrubbte und polierte.

Jane selbst rechnete nicht damit, an den geplanten Vergnügungen teilnehmen zu dürfen oder dem erlauchten Duke auch nur vorgestellt zu werden. Sie war schließlich nur Jane Smith, eine zweiundzwanzig Jahre alte entfernte Verwandte, derer die Sulbys sich erbarmt hatten und der sie seit ihrem zehnten Lebensjahr, seit sie zu einer armen Waise geworden war, ein Heim boten.

Markham Park war ihr riesig und fremd vorgekommen, als Sir Barnaby und Lady Sulby sie damals hergebracht hatten. Ihre Kindheit hatte sie in viel bescheideneren Umständen in einem kleinen Pfarrhaus an der Südküste verbracht, liebevoll aufgezogen von ihrem verwitweten Vater und seiner ältlichen, mütterlichen Haushälterin.

Allerdings hatte Jane sich damit getröstet, dass das Meer von Markham Park aus leicht zu Fuß zu erreichen war. Wann immer sie den wachsamen Augen Lady Sulbys entkommen konnte, eilte sie an die raue Küste und genoss ihre wilde, ungezähmte Schönheit.

Schon bald hatte Jane festgestellt, dass sie den Winter in Norfolk am liebsten hatte – wenn das Meer sich gegen die Grenzen der Natur aufzubäumen schien, so wie auch ein Teil in ihr sich danach sehnte, sich gegen die gesellschaftlichen Beschränkungen aufzulehnen. Nachdem sie das Spiel- und danach das Schulzimmer mit Olivia geteilt hatte, bis sie etwa sechzehn Jahre alt war, wurde sie auf einmal nicht mehr behandelt, als wäre sie ihr ebenbürtig. Vielmehr war sie plötzlich zur Zofe und Gesellschafterin der verwöhnten, verhätschelten Tochter des Hauses degradiert worden.

Vor dem Standspiegel in Lady Sulbys Schlafzimmer hielt Jane einen Moment inne und betrachtete kritisch ihr Spiegelbild. Nichts an ihr entsprach der gegenwärtigen Mode: Zunächst einmal war sie hochgewachsen, mit langen Beinen und einer schlanken Figur. Ihr Haar, von dem sie gern behauptet hätte, es sei von einem warmen Rotbraun, leuchtete leider unübersehbar rot. Zwar schimmerte ihre Haut zart und makellos, doch die kleine Nase war von unattraktiven Sommersprossen übersät. Noch dazu waren ihre Augen grün.

Die Kleider, die Lady Sulby für sie hatte anfertigen lassen, schienen all diese Nachteile noch zu betonen. Sie waren fast ausschließlich in Pastelltönen gehalten, die überhaupt nicht zu ihrer lebhaften Haarfarbe passten. Auch das Kleid, das sie gerade trug, war vom blassesten Rosa, das man sich nur denken konnte, und biss sich aufs Ärgste mit ihrem roten Haar.

Andererseits ist es ohnehin mehr als unwahrscheinlich, dass ich jemandem begegnen werde, der mich bemerkt oder gar heiraten will, dachte Jane. Es sei denn, der hiesige Pfarrer erbarmte sich ihrer und hielt um sie an. Und da er ein Witwer mittleren Alters und Vater von vier ungebärdigen kleinen Kindern war, hoffte sie von ganzem Herzen, dass er es nicht tat.

Sie seufzte tief auf, während sie Lady Sulbys Stola von der Frisierkommode nahm und dabei bemerkte, dass das Schmuckkästchen noch nicht an seinen Platz in der obersten Schublade zurückgelegt worden war.

Doch dann wurde sie vom Geräusch einer sich nähernden Kutsche abgelenkt. Waren endlich der Duke und sein Bruder Lord Sebastian St Claire angekommen? Oder einer der anderen Gäste?

Voller Neugierde trat Jane ans Fenster. Eine riesige, prächtige schwarze Kutsche, gezogen von den vier schönsten Rappen, die Jane je gesehen hatte, rollte heran. Der Mann auf dem Kutschbock und die zwei Diener, die hinten aufsaßen, trugen ebenfalls schwarze Livreen, und ein herzogliches Wappen prangte an der Tür.

Also war es tatsächlich der Duke.

Offenbar gefällt ihm Schwarz wirklich gut, dachte Jane, gab der Versuchung nach und schob den Brokatvorhang leicht beiseite, um sehen zu können, wie der Duke der Kutsche entstieg.

Ein Diener sprang behände von seinem Sitz, um ihm die Tür aufzuhalten, und aus einem unerklärlichen Grund schien ihr Herz plötzlich schneller zu schlagen. Tatsächlich schlug es sogar recht unregelmäßig, wie sie stirnrunzelnd feststellte. Nur in der Erwartung, einen Duke zu sehen? War ihr Leben wirklich so langweilig?

Sie lächelte über sich selbst, als ihr aufging, dass es in der Tat sehr aufregend sein würde, den berühmten Duke of Stourbridge zumindest einmal zu Gesicht zu bekommen.

Ihr stockte der Atem, als er im nächsten Moment in der Tür erschien, den Kopf leicht gebeugt, sich beim Aussteigen zu seiner beeindruckenden Größe aufrichtete und den Hut von dem wartenden Diener entgegennahm, während er sich mit deutlich gelangweilter Miene umsah.

Liebe Güte, wie groß er ist, war Janes erster atemloser Gedanke. Gleich darauf stellte sie fest, dass er, mit den goldblonden Strähnen im mahagonifarbenen Haar, den breiten Schultern und der athletischen Gestalt, auch der attraktivste Mann war, den sie je gesehen hatte. Seine Züge waren selbstverständlich ernst, wie es sich für einen Duke ziemte, der mindestens schon dreißig Jahre zählen mochte, aber dennoch war sein Gesicht so auffallend gut aussehend, dass es Jane die Sprache verschlug.

Tatsächlich schien es ihr nicht möglich zu sein, ihn nicht anzustarren.

Trotz der Arroganz, die er ausstrahlte, während er seine Umgebung mit unverkennbarer Geringschätzung betrachtete, war sein Blick klar und intelligent. Die Farbe seiner Augen konnte Jane allerdings nicht ausmachen. Umso deutlicher sah sie hingegen, wie er fest die Lippen zusammenpresste und die Brauen erstaunt hob, als er seine Gastgeberin hastig die Treppe heruntereilen sah, statt dass sie darauf wartete, dass er ihr angemessen angekündigt wurde.

„Euer Gnaden!“ Lady Sulby versank in einen tiefen Knicks und erhielt nur ein knappes Nicken als Antwort. „Welche Ehre“, plapperte sie weiter. „Ich … Aber wo ist Ihr Bruder Lord St Claire, Euer Gnaden?“ Ihre Stimme klang ein wenig schrill, sobald sie festgestellt hatte, dass kein anderer Gast in der Kutsche des Dukes saß.

Jane konnte seine Antwort nicht verstehen, sondern vernahm nur den Klang seiner tiefen Stimme, während er offenbar seiner Gastgeberin erklärte, weshalb er allein gekommen war.

Ach herrje. Anscheinend verlief nicht alles nach Plan – nicht nach Lady Sulbys Plan zumindest. Und eine bereits verstimmte Lady Sulby durfte man nicht noch weiter verärgern, indem man ihr die Stola zu spät brachte.

Schnell ging Jane den Gang hinunter in Olivias Zimmer und holte den Sonnenschirm, bevor sie die breite Treppe hinuntereilte. Sie sah, dass Sir Barnaby sich zu seinem Gast gesellt hatte.

Lady Sulby hatte oft ihre Hoffnung zum Ausdruck gebracht, Olivia könnte einen vorteilhaften Eindruck auf den jüngsten Bruder des Dukes machen. Und jetzt, da Lord Sebastian St Claire nicht erschienen war, würde Lady Sulby gewiss in jene Missstimmung verfallen, die die Dienerschaft bei der ersten Gelegenheit Zuflucht in der Küche suchen ließ. Jane wusste, dass ihr selbst leider nicht erlaubt sein würde, sich zurückzuziehen, bevor sie Olivia für das Dinner frisiert und ihr beim Ankleiden geholfen hatte.

Gewöhnlich nahm sie die Mahlzeiten gemeinsam mit der Familie ein, allerdings hatte Lady Sulby sie erst heute Morgen darüber in Kenntnis gesetzt, dass sie nach der Ankunft der Gäste unten bei den Dienern speisen sollte.

Was ihr nicht das Geringste ausmachte. Besonders, da ich kein einziges Kleid besitze, das ich für ein Mahl mit einem Duke hätte tragen können, sagte Jane sich insgeheim schmunzelnd. Wenn es ihr jetzt gelang, die Stola zu überreichen, während der Duke noch in ein Gespräch mit seinen Gastgebern versunken war, konnte sie vielleicht einer Zurechtweisung durch Lady Sulby entgehen.

Später konnte Jane sich nicht erklären, wie es geschehen war. Oder warum. Sie wusste nur, dass sie plötzlich die Treppenstufen nicht mehr unter ihren Füßen spürte. Statt die Treppe hinunterzulaufen, taumelte sie und wäre beinahe nach unten gestürzt – wenn sie nicht zwei starke Arme gepackt und gerade noch rechtzeitig festgehalten hätten.

Im nächsten Moment schlug sie gegen eine harte Männerbrust, ihre Nase schob sich zwischen die weichen Falten eines kunstvoll gebundenen, makellos weißen Krawattentuchs, aus dem ihr der angenehme Duft nach Cologne, Seife und Tabak entgegenschwebte.

Zu ihrem Entsetzen handelte es sich um die Brust des Duke of Stourbridge und um sein Krawattentuch. Hastig bemühte sich Jane, sich wieder aufzurichten, blickte in sein aristokratisch strenges Gesicht und stellte fest, dass seine Augen die außergewöhnlichste Farbe aufwiesen, die sie je gesehen hatte. Sie waren von einem auffallend kräftigen Goldton, weder braun noch haselnussbraun, sondern tiefes, durchdringendes Gold, umgeben von einem viel dunkleren Braun, das ihn irgendwie aussehen ließ wie einen Raubvogel – einen großen, gefährlichen Raubvogel …

Hawk presste unwillkürlich die Lippen zusammen bei diesem unerwarteten Zusammenstoß. Die letzten zwei Tage hatte er fast ununterbrochen in seiner Kutsche verbringen müssen, um sich trotz bequemer Federung auf den unebenen Straßen kräftig durchrütteln zu lassen. In diesem Augenblick wünschte er sich nur, auf sein Zimmer geführt zu werden und ein Bad nehmen zu dürfen, bevor er zum Dinner wieder herunterkam und ihm die übrigen Gäste vorgestellt wurden. Leider hatte seine Gastgeberin, eine ihm bis heute noch völlig unbekannte Frau, vor wenigen Minuten einen erschreckenden Mangel an guter Erziehung bewiesen, indem sie ihn regelrecht überfallen hatte, kaum dass er der Kutsche entstiegen war.

Er hatte lange überlegt, ob es weise wäre, nach Markham Park zu kommen. Dass sich ihm jetzt auch noch eine der Bediensteten des Sulby-Haushalts praktisch in die Arme warf, zeigte doch nur, wie gerechtfertigt seine Bedenken gewesen waren.

„Es tut mir sehr leid, Euer Gnaden.“ Das Mädchen war atemlos, ihre Miene verriet Entsetzen, ihr Blick glitt besorgt zu Sir Barnaby und Lady Sulby, die sich gerade mit Lord und Lady Tillton unterhielten. Das Paar war mit seinem Sohn Simon angekommen, gerade als Hawk einem Lakaien folgen wollte, der ihn zu seiner Suite führen sollte. Doch jetzt war der Diener diskret zur Seite getreten und wartete wohl auf Anweisungen.

Gewiss war Hawk es nicht gewohnt, so rücksichtslos angerempelt zu werden, aber jetzt erkannte er, dass das Mädchen tatsächlich gestolpert sein musste. Hätte er nicht zufällig am Fuß der Treppe gestanden, das arme Ding wäre böse gestürzt. Seinetwegen brauchte sie also auf keinen Fall so ängstlich auszusehen.

Allerdings galt ihre Nervosität wohl eher Sir Barnaby und Lady Sulby. Hawk presste die Lippen nur noch grimmiger zusammen. Bei den seltenen Gelegenheiten, da er mit Sir Barnaby gespeist hatte, hatte dieser sich als angenehmer, ja sogar gemütlicher Gentleman erwiesen. Also musste er annehmen, dass es Lady Sulby war, die dem armen Dienstmädchen solche Angst machte.

„Es tut mir wirklich sehr leid, Euer Gnaden“, wiederholte die junge Frau und bückte sich nach etwas, das ihr beim Zusammenstoß aus den Händen gefallen sein musste. „Ich … Oh, verzeihen Sie, Euer Gnaden!“ Sie keuchte erschrocken auf, als sie ihm den Sonnenschirm versehentlich in den Magen rammte.

Hawk sog scharf den Atem ein und fragte sich ungläubig, ob die letzten Minuten ein Vorgeschmack auf seinen Aufenthalt in diesem grauenhaften Haus sein würden, das noch dazu in einer Gegend stand, die genauso flach und uninteressant war, wie er gefürchtet hatte.

Auch Briefe schienen nicht prompt geliefert zu werden. Seine Nachricht, dass sein Bruder Sebastian nicht mit ihm kommen konnte, war ja offensichtlich nicht angekommen, und er war gezwungen gewesen, Sebastians Entschuldigung persönlich vorzubringen.

Lady Sulby hatte keinen besonders guten Eindruck auf ihn gemacht, und auch Olivia Sulby schien genau zu jener Art alberner junger Damen zu gehören, die er unaussprechlich ermüdend fand. Unwillkürlich fragte Hawk sich gereizt, ob Sebastian irgendetwas über diese Familie wusste, das er ihm nicht mitgeteilt hatte.

Jane unterdrückte ein Aufstöhnen, als sie den ärgerlichen Gesichtsausdruck des Dukes sah. Sie hatte ihn nicht nur fast umgerissen, sondern ihm auch noch den dummen Sonnenschirm in den Bauch gestochen.

Zum Glück hatten weder Lady Sulby noch Olivia etwas gemerkt, da sie sich noch immer einige Meter entfernt mit den Tilltons unterhielten. Flehentlich sah sie den Lakaien an, wandte aber hastig wieder den Blick ab, als der sonst so ausdruckslose John ihr amüsiert zuzwinkerte.

„Wenn Sie mir bitte hier entlang folgen wollen, Euer Gnaden? Ich zeige Ihnen Ihre Räume.“ John trat beiseite, damit der Duke an der vor Schreck erstarrten Jane vorbeischlüpfen konnte, und führte ihn die breite Treppe hinauf.

Jane entspannte sich ein wenig. Erleichtert schenkte sie John ein dankbares Lächeln, doch plötzlich wandte der Duke sich halb um und bedachte sie wieder mit einem kühlen Blick aus jenen durchdringenden goldbraunen Augen.

Ihr Lächeln erstarb. Sie drückte den Sonnenschirm und die Stola an sich und war einige Augenblicke lang wie gebannt von dem durchdringenden Blick des Dukes. Er musterte sie vom roten Haar bis zu den Füßen, presste die wohlgeformten Lippen noch fester zusammen und wandte sich ab, um auf seine unnachahmbar elegante Art weiter die Treppe hinaufzugehen.

Jane atmete zitternd, noch immer den Blick auf ihn geheftet. Ihr war seltsam heiß, ihr Puls raste, während sie die breiten Schultern des Dukes bewunderte und sein dunkelblondes Haar, das sich modisch im Nacken …

„Du meine Güte, Jane. Ich bat dich um mein Tuch mit den rosa Rosen, nicht den gelben.“ Lady Sulby hatte sie offenbar auf der Treppe entdeckt. „Wirklich!“ Sie wandte sich vertraulich an die Tilltons. „Ich muss schon sagen, das Mädchen versteht nicht einmal die einfachsten Anweisungen.“

Jane wandte sich wortlos zur Treppe um, obwohl sie wusste, dass sie Lady Sulby keineswegs missverstanden hatte. Aber es hätte keinen Sinn, ihr zu widersprechen. Ganz besonders nicht vor Gästen. Sie errötete noch heftiger, als sie die oberste Stufe erreichte, wo der Duke stehen geblieben war und den Flur hinunterschaute.

„Euer Gnaden.“ Jane neigte höflich den Kopf und eilte an ihm vorbei, sich nur allzu sehr bewusst, wie deutlich ihre Sommersprossen zu sehen waren, wenn sie rot wurde. Nicht dass sie annahm, dass es dem Duke of Stourbridge auffallen würde. Sie war viel zu unbedeutend, als dass er einen Grund hätte, ihre Existenz zu bemerken.

Falls es ihr gelang, hieß das, ihm während der Zeit seines Aufenthalts nicht noch einmal in die Arme zu fallen oder ihn mit einem Sonnenschirm anzugreifen.

Wie konnte ich mich nur so unbeholfen, so unelegant, so völlig ohne Anmut verhalten? Jane setzte sich auf Lady Sulbys Himmelbett, weil ihr die Knie zitterten, ließ Schultertuch und Sonnenschirm auf die Decke neben sich fallen und legte beide Hände an die heißen Wangen. Der Duke musste sich dieselbe Frage gestellt haben, wie sie seinem verächtlichen Blick hatte ansehen können.

Oh nein, es war fürchterlich. Zu entsetzlich, um auch nur daran zu denken. Am liebsten würde sie sich in ihrem Zimmer verstecken und nicht herauskommen, bis jene schöne schwarze Kutsche mit dem herzoglichen Wappen und ihrem erlauchten Insassen sich wieder auf den Weg nach London begab.

„Was tust du denn nur, Jane?“ Verblüfft hielt Lady Sulby an der offenen Tür zu ihrem Schlafgemach inne. Schuldbewusst sprang Jane auf.

Der misstrauische Blick ihrer Tante blieb an dem Schmuckkästchen hängen, das nach wie vor auf der Kommode stand. Jane hatte es vorhin schon in die noch immer offene Schublade legen wollen, es in der Aufregung um die Ankunft des Dukes jedoch völlig vergessen.

„Hast du dir etwa meine Juwelen angesehen?“ Lady Sulby durchquerte schnell den Raum und öffnete den Deckel des Kästchens.

„Nein, selbstverständlich nicht“, antwortete Jane, fassungslos über die Anschuldigung.

„Bist du sicher?“

„Vollkommen. Clara muss das Schmuckkästchen draußen gelassen haben.“

Nach einem weiteren forschenden Blick legte Lady Sulby die Schatulle in die Schublade zurück und schloss sie heftig. „Wo ist meine Stola, Mädchen? Und du hast Olivia noch nicht den Sonnenschirm gebracht.“

„Den brauche ich, um Lady Tillton und Simon Tillton in den Rosengarten zu begleiten.“ Olivia stand lächelnd an der offenen Tür.

Jane hatte das Mädchen bis zu diesem Moment nicht bemerkt. Zu sehr kreisten ihre Gedanken um Lady Sulbys Vorwürfe. Schnell reichte sie Olivia den Sonnenschirm.

Wie kommt Lady Sulby auch nur auf den Gedanken, mich so zu verdächtigen, fragte sich Jane. Soweit sie wusste, befanden sich in dem Kästchen der kostbare Familienschmuck der Sulbys und einige Dokumente. Weder das eine noch das andere war für Jane von irgendeinem Interesse.

„Es ist wirklich zu schade, dass Lord St Claire Seine Gnaden nicht begleitet“, bemerkte Lady Sulby seufzend, nachdem Olivia nach unten geeilt war. „Besonders, da ich nun gezwungen bin, meine gesamte Tischordnung für heute Abend umzustellen. Nun, gegen die Grippe kann man nichts tun. Und ich glaube sogar, der Duke war selbst ganz eingenommen von Olivia“, fügte sie triumphierend hinzu. „Wäre das nicht eine großartige Partie?“

Darauf antwortete Jane wohlweislich nichts, da Lady Sulby wohl kaum Wert auf ihre Meinung legte. Allerdings hieß das nicht, dass sie keine hatte. Der Gedanke, ein so hochmütiger, stolzer Mann wie der Duke könnte sich je zu der hübschen, aber völlig eigensüchtigen Olivia hingezogen fühlen, geschweige denn sie heiraten wollen, war schlicht und einfach lächerlich.

„Warum stehst du immer noch da rum, Jane?“, fuhr Lady Sulby sie gereizt an. „Siehst du denn nicht, wie aufgebracht ich bin? Sehr wahrscheinlich werde ich meine Migräne bekommen und mich den ganzen Abend nicht um meine Gäste kümmern können!“

„Soll ich Clara kommen lassen?“ Jane wusste, dass Lady Sulbys Zofe, eine Dame mittleren Alters, die Gwendoline Simmons bei ihrer Heirat mit Sir Barnaby vor fünfundzwanzig Jahren zu ihrem neuen Haus begleitet hatte, der einzige Mensch war, der mit Lady Sulby fertigwurde, wenn jene von ihren „Migränen“ heimgesucht wurde.

Was häufig genug geschah, sich gewöhnlich aber schon durch ein oder zwei Gläser von Sir Barnabys bestem Cognac lindern ließ. Natürlich nur aus medizinischen Gründen, dachte Jane belustigt.

„Ich weiß nicht, welchen Anlass du haben könntest, zu lächeln, Jane.“ Lady Sulby sank in einen Sessel nieder, die Hand dramatisch an die Stirn gehoben, um die Augen vor der Sonne zu schützen. „Du tätest besser daran, dich auf dein Zimmer zu begeben und dich zum Dinner umzuziehen. Du weißt, ich kann Unpünktlichkeit nicht ausstehen.“

Verwundert runzelte Jane die Stirn. „Sagten Sie nicht, dass ich heute Abend unten mit der Dienerschaft …“

„Hörst du mir denn überhaupt nicht zu, Mädchen?“ Lady Sulbys Stimme bekam wieder einen schrillen Unterton. „Der Duke ist ohne seinen Bruder erschienen, sodass wir dreizehn Person bei Tisch wären. Etwas, das ich nicht einen Moment in Betracht ziehen möchte.“ Sie erschauderte. „Also wirst du dich zu uns gesellen müssen. Natürlich gibt es so weniger Herren als Damen, was völlig unmöglich ist, aber es wird nun einmal sein müssen, bis morgen unsere anderen Gäste eintreffen.“

Jane wurde blass, sobald ihr der Sinn dieser Worte aufging. „Sie meinen, Ma’am, dass ich heute Abend am Dinner teilnehmen soll, weil Lord St Claire unpässlich ist?“

„Ja, ja, das sage ich doch. Was ist nur los mit dir, Mädchen?“

Schon der Gedanke, am selben Tisch sitzen zu müssen wie der einschüchternde Duke of Stourbridge, ließ Jane unruhig schlucken. Nach ihrer unglücklichen Begegnung auf der Treppe war es gewiss sein innigster Wunsch, sie nie wieder zu Gesicht zu bekommen!

Wie Lady Sulby bereits bemerkte, es wäre wirklich völlig unmöglich.

„Ich habe nichts Passendes anzuziehen …“

„Unsinn, Kind“, unterbrach Lady Sulby sie ungehalten. Sie war es nicht gewohnt, dass man ihr widersprach. „Was ist mit meinem gelben Kleid, das Clara für dich geändert hat? Das würde gewiss genügen.“

Bei dem Gedanken an das abgelegte gelbe Kleid sank Jane der Mut. „Ich würde mich wirklich nicht wohlfühlen unter Ihren vornehmen Gästen …“

„Deine Gefühle stehen hier nicht zur Debatte!“ Die Röte in Lady Sulbys Gesicht vertiefte sich beunruhigend. „Du wirst tun, was man dir sagt, Jane, und uns unten beim Dinner Gesellschaft leisten. Hast du verstanden?“

„Ja, Ma’am.“ Janes Magen zog sich unruhig zusammen.

„Gut. Und nun schick Clara zu mir.“ Lady Sulby ließ sich erneut in die Polster sinken und schloss die Augen. „Sag ihr, dass ich wieder eins ihrer Mittel benötige.“

Erst draußen auf dem Gang erlaubte Jane sich, der Verzweiflung nachzugeben. In diesem schrecklichen gelben Kleid sollte sie zum Dinner hinuntergehen! Und sich darin ausgerechnet dem kritischen Blick des arroganten, aber verheerend attraktiven Duke of Stourbridge stellen.

2. KAPITEL

Ist das eine Art Partyspiel? Oder überlegen Sie lediglich, welche außerordentlichen Freuden Sie mir später am Abend bereiten können?“, wandte Hawk sich spöttisch an die Frau, die hinter einer Topfpflanze zu seiner Linken stand – oder versteckte sie sich gar? „Womöglich beabsichtigen Sie, während des Essens ein Glas Wasser über mich zu schütten? Oder vielleicht wäre heißer Tee später am Abend mehr nach Ihrem Geschmack? Ja, ich bin sicher, heißer Tee würde sehr viel größeres Unbehagen hervorrufen als ein Glas Wasser. Die Topfpflanze ist wirklich kein sehr gutes Versteck, wissen Sie“, fügte er hinzu, als keine Antwort kam.

Seine Laune hatte sich seit seiner Ankunft nicht gebessert. Sein Badewasser war heiß gewesen, aber die Wanne nicht voll genug. Auch sein Kammerdiener Dolton war nicht besonders glücklich über ihre Unterkunft. Er hatte ihn in seiner Aufregung doch tatsächlich beim Rasieren geschnitten, zum ersten Mal in all den Jahren seines Dienstes bei ihm.

Inzwischen hatte sich seine Stimmung allerdings ein wenig gehoben. Hawk hatte sich gerade mit Lady Ambridge unterhalten, einer älteren und recht freimütigen Dame, die er seit Langem kannte, als plötzlich eine fast geisterhaft anmutende, gelb gewandete Gestalt von einer übergroßen Topfpflanze zur nächsten huschte. Sie versucht wohl, nicht bemerkt zu werden, vermutete er. Allerdings erreichte sie selbstverständlich genau das Gegenteil.

Neugierig hatte er sich bei Lady Ambridge entschuldigt, war an das andere Ende des Raums geschlendert und neben der Pflanze stehen geblieben, hinter der sich das flüchtende Geschöpf gerade verbarg.

Ein einziger Blick hatte genügt, um ihm zu enthüllen, dass es sich um niemand anderen als die junge Frau handelte, die vorhin so schmerzhaft mit ihm zusammengestoßen war und ihm gleich darauf einen noch schmerzhafteren Hieb mit dem Sonnenschirm verabreicht hatte. Die Tatsache, dass sie offenbar doch kein Hausmädchen war, sondern vielmehr einer der Gäste, überraschte ihn ebenso wie das eigentümliche Benehmen, das sie seit ihrer Ankunft im Salon an den Tag legte.

Zu seinem eigenen Erstaunen war er mehr als neugierig, den Grund dafür zu erfahren. „Sie können genauso gut hervorkommen, wissen Sie“, meinte Hawk gelassen.

Dieses Mal erhielt er zumindest eine Antwort. „Das möchte ich lieber nicht!“

„Sie ziehen nur noch mehr Aufmerksamkeit auf sich, wenn Sie es nicht tun“, fügte er sachlich hinzu.

„Ich denke, es sind eher Sie, der Aufmerksamkeit auf uns beide zieht!“, widersprach sie ihm entrüstet.

Wahrscheinlich stimmte das sogar. Hawk musste zugeben, dass er als Lady Sulbys prominentester Gast die meisten Blicke auf sich zog. Als Duke of Stourbridge war er selbstverständlich an derartige Aufmerksamkeit gewohnt und hatte im Lauf der Jahre gelernt, nicht darauf zu achten. Die junge Dame hinter der Topfpflanze verfügte allerdings kaum über diesen gesellschaftlichen Vorteil.

„Vielleicht möchten Sie mir erklären, warum Sie das Bedürfnis verspüren, sich hinter Topfpflanzen zu verstecken?“

„Könnten Sie bitte einfach gehen und mich in Ruhe lassen? Wenn es Ihnen nichts ausmacht, Euer Gnaden“, fügte sie schuldbewusst hinzu, da ihr wohl etwas verspätet einfiel, mit wem sie in diesem Ton sprach.

Aus einem unerklärlichen Grund verspürte Hawk plötzlich den Wunsch, laut aufzulachen.

Und da er in letzter Zeit kaum Gelegenheit hatte, im Gespräch mit einer Frau zu lächeln, geschweige denn zu lachen, überraschte ihn dieser Wunsch durchaus. Seit er vor zehn Jahren, nach dem Tod seiner Eltern, den Titel geerbt hatte, hatte er erkennen müssen, dass Frauen eher selten zu seiner Erheiterung beitrugen.

Er seufzte. „Sie können sich wirklich nicht den ganzen Abend über verstecken, wissen Sie.“

„Ich kann es versuchen.“

„Aber warum wollen Sie das tun?“ Seine Neugier war endgültig geweckt.

„Wie können Sie mich das fragen?“

Erstaunt hob er die Augenbrauen. „Weil es eine vernünftige Frage ist unter diesen Umständen?“

„Das Kleid“, antwortete sie in tragischem Ton. „Ihnen ist doch gewiss das Kleid aufgefallen.“

Nun ja, es wäre schwierig gewesen, ein so grellgelbes Gebilde nicht zu bemerken, zumal alle anderen Damen heute Abend sanfte Pastellfarben trugen und Miss Olivia Sulby jungfräuliches Weiß. Das Gelb wirkte außerdem recht unvorteilhaft in Kombination mit dem leuchtend roten Haar des Mädchens.

„Bitte gehen Sie, Euer Gnaden!“

„Ich fürchte, das kann ich nicht.“

„Warum nicht?“

Hawk wollte nicht zugeben, dass er ein unerklärliches Interesse an dieser seltsamen jungen Frau hatte. Er warf ihr einen forschenden Blick zu. „Hat Ihnen Ihre Schneiderin nicht gesagt, wie wenig Ihnen Gelb steht, als Sie das Kleid bestellten?“

„Nicht ich habe das Kleid bestellt, sondern Lady Sulby.“ Sie klang verärgert, dass er nicht von selbst darauf gekommen war. „Keine Schneiderin, die ihr Geld wert ist, würde einer rothaarigen Kundin ein knallgelbes Kleid aufschwatzen und die arme Frau wie eine wandelnde Zitrone herumlaufen lassen!“

Dieses Mal konnte Hawk sein Lachen nicht unterdrücken. Mehrere Gäste wandten neugierig den Kopf. Jane war sich der Blicke nur allzu bewusst und wünschte von ganzem Herzen, der Duke möge endlich gehen.

Das Kleid sah sogar noch schlimmer an ihr aus, als sie befürchtet hatte, und das gelbe Haarband, das Lady Sulby ihr dazugegeben hatte, machte das Unglück noch größer.

Jane hatte keine Wahl gehabt. Sie musste am Dinner teilnehmen, wenn sie nicht wollte, dass Lady Sulby ihr das Leben zur Hölle machte. Sosehr sie allerdings versucht hatte, sich im Verborgenen zu halten, die unerwünschte und ganz und gar unerklärliche Neugier des Duke of Stourbridge hatte sie nicht vorhersehen können. Und jetzt machte er sich auch noch auf ihre Kosten lustig, was unter den Umständen besonders grausam war.

„Sie sollten wirklich herauskommen“, fuhr er ungerührt fort. „Wir können wohl sicher davon ausgehen, dass es keine einzige Person im Raum gibt, der mein Gespräch mit der farbenfrohen Topfpflanze nicht aufgefallen wäre.“

Jane presste betroffen die Lippen zusammen. Er hatte natürlich recht. Es hatten wohl alle mitbekommen, wie er offenbar mit einer Grünpflanze sprach und sogar laut über deren Bemerkungen lachte. Umso unfreundlicher von ihm, sich jetzt nicht zurückzuziehen und sie in ihrem Elend in Ruhe zu lassen.

Also blieb ihr wohl nichts anderes übrig, als auf seinen Rat zu hören und aus ihrem Versteck hervorzutreten. Empört stellte sie fest, dass der Duke sich keine Mühe gab, seinen Abscheu zu verbergen, während er bedächtig ihre Erscheinung erfasste – von der gelben Schleife, die ihr rotes Haar schmückte, bis zur Spitzenrüsche am Saum über ihren Slippern.

„Du meine Güte, es ist schlimmer, als ich dachte.“ Er verzog den Mund.

„Sie sind ausgesprochen unfreundlich, Euer Gnaden.“ In ihrer Empörung liefen ihre Wangen noch dunkler an.

Er neigte nur hochmütig den Kopf. „Ich fürchte sehr, das stimmt.“

Verblüfft starrte sie ihn an. „Sie entschuldigen sich nicht einmal dafür?“

„Was hätte das für einen Sinn?“ Er zuckte mit den breiten Schultern, die durch den exquisiten Schnitt seines schwarzen Abendfracks noch betont wurden. „Doch ich bin Ihnen gegenüber im Nachteil …“

Jane schnappte nach Luft. „Ganz im Gegenteil, Euer Gnaden. Wenn sich hier jemand im Nachteil befindet, dann ich.“

Flüchtig glitt Hawks Blick zum tiefen Ausschnitt ihres Kleides und dem Ansatz ihrer Brüste – verlockend volle Brüste, wenn man ihre ansonsten so schlanke Erscheinung bedachte –, dann sah er ihr wieder forschend ins Gesicht. Wie ihre Haarfarbe und ihre Figur entsprach auch ihr Gesicht nicht dem aktuellen Geschmack. Dennoch fand er die dunkelgrünen Augen mit den dichten Wimpern fesselnd. Ihre schmale Nase war gesprenkelt mit Sommersprossen, wie man es bei ihrer lebhaften Haarfarbe erwarten durfte, und ihr Mund war zwar ein wenig zu groß, wirkte jedoch dank der vollen Lippen sinnlich.

Nein, sie entsprach nicht dem süßen blonden Schönheitsideal, das gerade en vogue war – und das er an Olivia Sulby so wenig ansprechend fand –, aber diese junge Dame besaß jene Art von Schönheit, die selbst in hohem Alter nicht verloren ging.

In nur wenigen Augenblicken kam er zu diesem Schluss, was an sich schon erstaunlich war, denn gemeinhin sah er in Frauen lediglich einen praktischen Nutzen. Mit einer Frau vergnügte man sich in den wenigen freien Stunden, die man sich neben seinen Pflichten gestattete.

Seine Verbindung mit der Countess of Morefield war kurz und eher unbefriedigend verlaufen, sodass er zu der Überzeugung gelangt war, die Ansprüche einer Geliebten stünden einfach in keinem Vergleich zu der Mühe, die es kostete, sie überhaupt zu gewinnen.

Was diese junge Frau anging, stellte er fest, sie könnte tatsächlich – unter den richtigen Umständen, und wenn man sie angemessen kleidete und frisierte – seiner Aufmerksamkeit wert sein.

Nur dass er noch immer nicht wusste, wer sie war. In jedem Fall war sie einige Jahre älter als die kleinen Hohlköpfe von Olivia Sulbys Format, die Almack’s unsicher machten. So wie Lady Sulby vorhin mit ihr gesprochen hatte, schien sie zum Haushalt zu gehören, wenn er sich auch nicht denken konnte, in welcher Stellung. Olivia Sulby, so viel wusste er bereits, war ein Einzelkind, also konnte dieses ungewöhnlich freimütige Geschöpf nicht Sir Barnabys Tochter sein.

Vielleicht Lady Sulbys Tochter aus einer früheren Ehe? Andererseits gab es nicht die geringste Ähnlichkeit zwischen der drallen Gastgeberin und seinem aufregenden schlanken Rotschopf.

Wenn sie tatsächlich eine junge, unverheiratete Dame aus gutem Hause war, konnte er sie nicht zu seiner Geliebten machen, sosehr sie auch sein Interesse geweckt haben mochte. Dass er überhaupt mit dem Gedanken spielte, war Grund genug für ihn, gebührenden Abstand zu ihr zu wahren. Und je eher das geschah, desto besser.

Bevor er sich dezent zurückziehen konnte, gesellte sich eine offensichtlich aufgebrachte Lady Sulby zu ihnen. „Wie ich sehe, haben Sie Jane Smith, das Mündel meines Gatten, kennengelernt, Euer Gnaden. Die liebe Jane kam von einem entfernten Verwandten Sir Barnabys zu uns. Einem verarmten Pastor in einer kleinen Landgemeinde“, fügte sie abfällig hinzu und bedachte den Gegenstand ihrer Rede mit einem kühlen Blick. „Du siehst sehr gut aus in diesem Kleid, Jane.“

Hawk hob unwillkürlich die Brauen über die Unaufrichtigkeit ihres Kompliments. Jane Smith? Der farblose Name passte ganz und gar nicht zu dieser ungewöhnlichen jungen Frau.

„Miss Smith.“ Er verbeugte sich förmlich. „Wäre es mir wohl erlaubt, Sir Barnabys Mündel zu Tisch zu geleiten, Lady Sulby?“, fragte er, als der Gong zum Mahl rief.

Selbstverständlich hätte diese Ehre Lady Sulby als Gastgeberin gebührt, doch aus einem unerfindlichen Grund empfand Hawk trotz seiner Entscheidung, sich von Jane Smith fernzuhalten, den Wunsch, seine Gastgeberin zurechtzuweisen.

Vielleicht, weil sie, gewiss mit voller Absicht, auf das Kleid aufmerksam gemacht hatte, in dem Jane sich so unbehaglich fühlte. Oder weil sie auf so herablassende Art über Janes verarmten Vater gesprochen hatte. Aus welchem Grund auch immer, Hawk war nicht geneigt, Lady Sulbys ärgerliche Aufmerksamkeiten über sich ergehen zu lassen – nicht einmal für die kurze Zeit, die es gedauert hätte, sie zu Tisch zu begleiten.

Andererseits verriet ihm der Ausdruck in Jane Smiths Augen, dass es vielleicht doch unklug von ihm gewesen war, ihr den Vorzug zu geben. Ihre nächsten Worte bestätigten seinen Verdacht.

„Wirklich, Euer Gnaden, das sollten Sie nicht.“

Nachdenklich betrachtete er sie, die plötzliche Blässe ihrer Wangen, die Verzweiflung in ihren dunkelgrünen Augen. Ganz im Gegensatz zu jeder anderen Frau aus seinem Bekanntenkreis versuchte Jane Smith eindeutig nicht, die besondere Aufmerksamkeit des Duke of Stourbridge zu gewinnen. Vielmehr flehte sie ihn wortlos an, sie in Ruhe zu lassen.

„In dem Fall … Lady Sulby?“ Er bot ihr den Arm, ein höfliches Lächeln auf den Lippen, das nicht ganz die Augen erreichte.

Es kostete seine Gastgeberin sichtlich Mühe, den eisigen Blick von Jane Smith zu nehmen, doch dann lächelte sie ihn schmeichelnd an. „Selbstverständlich, Euer Gnaden.“ Sie legte die Hand besitzergreifend auf seinen Arm und schritt majestätisch neben ihm zum Speiseraum.

Jane sah ihnen nach. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Lady Sulbys Blick hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass sie schon bald für diesen Affront würde zahlen müssen.

Warum hatte der Duke vorgeschlagen, sie zu Tisch zu geleiten? Er musste doch wissen, dass die Etikette vom Ehrengast verlangte, die Gastgeberin zu begleiten. Alles andere hätte einen kleinen Aufruhr verursacht.

Doch so sehr wünschte sich Jane, sie hätte sein Angebot annehmen können. Trotz seines Spotts auf ihre Kosten hätte sie sich nichts lieber gewünscht, als am Arm des vornehmen Duke of Stourbridge aus dem Raum geführt zu werden. Er war trotz seines Hochmuts so attraktiv, so eindrucksvoll und direkt, dass Jane wusste, sie würde später von seinen strengen und doch so faszinierenden Gesichtszügen träumen.

„Was fällt dir ein, dich so unmöglich aufzuführen, Jane?“ Olivia war an ihrer Seite erschienen, das Gesicht halb hinter ihrem Fächer verborgen, damit keiner der Gäste sah, mit welcher Wut sie sie anfuhr. „Mama wird fuchsteufelswild sein darüber, dass du auf so schamlose Weise versucht hast, das Interesse des Dukes zu erregen.“

Die Ungerechtigkeit ließ Jane nach Luft schnappen. „Aber ich habe nichts getan, um …“

„Lüge nicht, Jane. Wir haben alle mit angesehen, wie du aufs Schamloseste mit dem Mann geflirtet hast.“ Olivia presste wütend die Lippen zusammen und sah ihrer Mama in diesem Moment sehr ähnlich. „Dieses Kleid steht dir übrigens überhaupt nicht“, fügte sie bissig hinzu, bevor sie sich abwandte und dem wartenden Anthony Ambridge, Enkelsohn von Lady Ambridge und daher eine großartige Partie, strahlend lächelnd die Hand auf den Arm legte.

Das Dinner wurde, wie Jane befürchtet hatte, ausgesprochen ungemütlich für sie. Lord Tillton saß zu ihrer Linken und versuchte ständig, ihr die Hand auf den Schenkel zu legen, bis sie dem ein Ende bereitete, indem sie ihm die Nägel ins Handgelenk grub. Zu ihrer Rechten saß eine taube ältere Dame, die sich in einem unendlichen Monolog erging. Glücklicherweise brauchte sie nicht zu antworten; die alte Dame hätte sie sowieso nicht gehört.

Dass der Duke sie nicht im Geringsten beachtete, sondern sich selbstvergessen mit Lady Sulby und Olivia unterhielt, die ihn in ihre Mitte genommen hatten, als wäre er eine wertvolle Beute, die es zu bewachen galt, empfand Jane als noch schlimmer.

Als es für die Damen so weit war, sich in den Salon zurückzuziehen und die Männer ihrem Brandy oder Cognac zu überlassen, spürte Jane einen pochenden Kopfschmerz. Sie sehnte sich nur noch danach, auf ihr Zimmer zu fliehen, wo sie endlich die Haarnadeln entfernen und sich die Stirn mit Wasser benetzen konnte.

„Ich denke, das ist eine sehr kluge Entscheidung, Jane.“ Lady Sulby unterbrach ihr Gespräch mit Lady Tillton und nickte knapp, als Jane sich aufgrund ihrer Kopfschmerzen entschuldigte. „Tatsächlich halte ich es sogar für das Beste, wenn du auf deinem Zimmer bleiben würdest, bis wir sicher sein können, dass du nicht irgendetwas Ansteckendes hast.“

Jane wurde blass bei dieser offensichtlichen Beleidigung, wandte sich aber nur stumm ab, hob den Saum ihres Kleides und eilte fast im Laufschritt aus dem Salon.

Hawk war davon überzeugt, in seinem ganzen Leben noch nie einen Abend so abgrundtiefer Langeweile verbracht zu haben. Nach nur zwei Minuten in der Gesellschaft von Lady Sulby und der hohlen, ichbezogenen Olivia erkannte er, dass die Mutter all das verkörperte, was er verachtete. Sie war ein geschwätziger, engstirniger Emporkömmling ohne ein einziges freundliches Wort für andere Menschen, und in zwanzig Jahren, wenn nicht schon früher, würde ihre Tochter genauso sein.

Das Mahl jedoch, ganz im Gegensatz zu der Gesellschaft, die er ertragen musste, hatte sich als vorzüglich erwiesen – und das in einem solchen Maß, dass Hawk überlegte, ob er vor seiner Abreise am Ende der Woche nicht versuchen sollte, den Koch der Sulbys dazu zu überreden, in seine Dienste zu treten.

Und dann war da natürlich noch jener seltsam denkwürdige Zwischenfall mit Jane Smith gewesen. Wenngleich Hawk sich eingestehen musste, dass er sich unklug benommen hatte. Der begehrte Duke of Stourbridge durfte keine unverheiratete junge Dame in ein Gespräch verwickeln, der er noch nicht einmal vorgestellt worden war. Die Tatsache, dass sie Sir Barnabys Mündel war, bedeutete zweifellos, dass sie ganz eigene ehrgeizige Pläne für eine günstige Partie hegen mochte.

Seine schlimmsten Befürchtungen waren bestätigt worden, als er sie zu Beginn des Dinners mehrere Minuten unter halb gesenkten Lidern beobachtet hatte. Sie hatte auf unverschämte Weise mit James Tillton geflirtet – einem Mann, der bereits über zwei Mätressen verfügte, wie Hawk wusste – und sich fortwährend ihm zugewandt, ohne die arme Dame auf ihrer anderen Seite zu beachten, die tapfer versucht hatte, Jane Smith in ein Gespräch zu ziehen.

„Was meinen Sie, Stourbridge?“

Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder den Herren zu, die noch mit ihm am Tisch saßen und sich am vorzüglichen Brandy gütlich taten. „Ich stimme Ihnen vollkommen zu, Ambridge“, antwortete er dem älteren Gentleman, der sich, wie er glaubte, über ein Pferd geäußert hatte. Anschließend erhob er sich gemächlich, sein Glas noch in der Hand. „Wenn Sie mich entschuldigen wollen, Gentlemen? Ich würde mir gern ein wenig von dem frischen Wind Norfolks um die Nase wehen lassen, von dem unsere Gastgeberin vorhin so geschwärmt hat.“ Er schlenderte durch den Raum, öffnete eine der Verandatüren und trat hinaus, froh, der banalen Konversation für kurze Zeit entfliehen zu können.

Wie sollte er es nur weitere sechs Tage hier aushalten? Vielleicht könnte er vorgeben, Sebastian hätte einen „Rückfall“ erlitten, und sich so unter dem Vorwand brüderlicher Sorge entschuldigen. Dafür musste er allerdings jemanden dazu bringen, ihm eine Nachricht zu schicken. Aber das war gewiss einer Woche quälender Eintönigkeit vorzuziehen.

Doch auch die erfrischende Luft hier in Norfolk hat ihre Vorzüge, stellte er fest. Er atmete tief ein, und sofort fühlte er sich besser. Vielleicht sollte er doch ein Gut in Norfolk in Betracht ziehen. Dann aber ganz gewiss nicht dieses hier.

Nachdem er Olivia Sulby kennengelernt hatte, kam eine Heirat zwischen ihr und Sebastian auf keinen Fall infrage. Schließlich liebte er seinen jüngsten Bruder zu sehr, um ihm und dem Rest der Familie eine solch alberne Gans zuzumuten – ganz zu schweigen von ihrer ehrgeizigen Mutter.

Eine Bewegung irgendwo im linken Bereich des mondbeschienenen Gartens erregte seine Aufmerksamkeit. Eine winzige Veränderung in den Schatten neben der hohen Hecke, die ihm verriet, dass er nicht der Einzige war, der die frische Luft genießen wollte. Ein Fuchs hatte sich zu ihm gesellt. Oder vielleicht ein Dachs.

Doch nein, der dahinhuschende Schatten war zu groß dafür. Der Störenfried seiner Einsamkeit gehörte eindeutig der zweibeinigen Spezies an, und er bewegte sich auf das Gartentor zu, das zum Strandweg führte, wie Hawk vorhin von Dolton erfahren hatte.

Also war es ein Mann. Oder auch eine Frau. Womöglich auf dem Weg zu einem romantischen Stelldichein? Oder könnte es sich um etwas Ernsteres handeln, zum Beispiel einen Schmuggler? Hawk vermutete, dass der Freihandel hier in Norfolk ein ebenso weitverbreitetes Phänomen war wie in Cornwall.

Zwar erfüllte er gewissenhaft seine Pflicht als Friedensrichter in Gloucestershire, aber diese Sache hier ging ihn nichts an. Trotzdem erwachte seine Neugier, als eine heftige Windbö den Umhang der geheimnisvollen Person anhob und eine sehr viel lebhaftere Farbe darunter enthüllte.

Grelles Gelb …

Konnte das womöglich Jane Smith sein, die heimlich zum Strand eilte? Und wenn ja, dann zu welchem Zweck?

Hawk erinnerte sich daran, dass ihn auch das nichts anging. Sie war das unverheiratete Mündel Sir Barnabys, und er täte gut daran, sich für den Rest seines Aufenthalts von ihr fernzuhalten, wollte er nicht unversehens in die Ehefalle tappen. Denn dazu war er erst bereit, wenn seine Geschwister alle glücklich verheiratet waren. Ganz zu schweigen davon, dass er gewiss nicht das verarmte Mündel eines unbedeutenden Baronets zu seiner Duchess zu machen gedachte. Seine Gattin musste von hohem Rang sein, eine stille, bescheidene Frau, die ihm einen Erben schenken und ansonsten keine Ansprüche an seine Zeit oder gar seine Gefühle stellen würde.

Jane Smith nachzulaufen, einer jungen Frau, die ihn heute Abend schon dazu gebracht hatte, sich auf völlig uncharakteristische Art zu benehmen, wäre entschieden unklug von ihm. Viel besser wäre es, sich wieder zu den Gentlemen im Haus zu gesellen und zu vergessen, dass es Jane Smith überhaupt gab.

Doch der Impuls – die Narrheit, die ihn vorhin überfallen hatte, als er Jane Smith voller Neugier angesprochen hatte – erfasste ihn wieder, und so stellte er sein Glas auf das Geländer der Veranda und folgte Jane Smith – gegen jede Vernunft – durch den Garten, um herauszufinden, wo sie so spät am Abend hinging.

Und aus welchem Grund.

3. KAPITEL

Gelten Ihre Tränen dem Geliebten, der nicht zu Ihrem geheimen Stelldichein erschienen ist, oder der Tatsache, dass es diesen Geliebten gar nicht gibt?“

Jane erstarrte, da sie sofort die tiefe Stimme des Duke of Stourbridge erkannt hatte. Wie immer klang er leicht gelangweilt, und anscheinend stand er direkt hinter ihr. Sie saß in den Dünen, das Kinn auf die hochgezogenen Knie gestützt, das Haar offen im Wind flatternd, und blickte auf die wild gegen die Küste schlagenden Wellen hinaus, während ihr kaum bewusst war, dass ihr die Tränen über die Wangen liefen.

Hastig zog sie den Umhang enger um sich. „Der Grund für meine Tränen ist nicht Ihre Sache, Euer Gnaden.“

„Und wenn ich beschließe, sie zu meiner Sache zu machen?“

„Dann würde ich Sie bitten, es nicht zu tun. Tatsächlich wäre es mir lieb, wenn Sie mich allein ließen.“ Jane war in diesem Moment zu unglücklich, um auch nur zu versuchen, höflich zu bleiben. Selbst oder vielleicht sogar besonders dem erhabenen Duke of Stourbridge gegenüber.

„Sie schicken mich fort, Jane? Schon wieder?“, spottete er leichthin.

Er trat zu ihr in den Schutz der Düne, wobei er sich sehr wahrscheinlich die Abendschuhe ruinierte. Aber das war ihr gleichgültig. Sie war zu unglücklich, zu verzweifelt, um sich Sorgen um den Duke zu machen. Schließlich hatte sie ihn nicht eingeladen, sich zu ihr zu gesellen.

„So ist es, Euer Gnaden.“ Sie nickte entschieden.

„Leider ist es mir nicht möglich, Jane.“ Er seufzte leise und ließ sich im selben Moment, ohne auf seine teure Kleidung zu achten, neben sie in den Sand sinken. „Es wäre eines Gentlemans nicht würdig, eine Dame in solch einer Lage zu entdecken und einfach weiterzugehen, noch dazu an einem Ort, wo jeder, der zufällig vorbeikommt, versuchen könnte, diese Lage auszunutzen.“

Verärgert sah Jane ihn an. „Selbst wenn sie Sie bäte, sie allein zu lassen? Selbst wenn sie gar keine Dame ist?“ Sie wandte schnell das Gesicht ab.

„Ist es wegen des Kleides, Jane?“ Ungeduld schwang in seiner Stimme mit, und er fuhr verächtlich fort: „Wenn es das ist, so brauchen Sie nur einen Blick auf Lady Sulby zu werfen oder sie in ein Gespräch verwickeln, um zu wissen, dass ein schönes Kleid nicht ausreicht, um eine Dame aus jemandem zu machen.“

Jane gab einen erstickten Laut von sich, halb Schluchzen, halb Lachen. „Diese Bemerkung ziemt sich gewiss nicht für einen Gentleman, Euer Gnaden!“

Wieder seufzte der Duke. „Es fällt mir immer schwerer, mich wie ein Gentleman zu benehmen, seit ich in Norfolk angekommen bin.“

Nachdenklich betrachtete Jane ihn aus dem Augenwinkel. Das Mondlicht ließ die aristokratischen Züge seines Gesichts noch deutlicher hervortreten.

Er war in Schwarz gekleidet, dazu trug er ein weißes Hemd mit hohem Kragen und das perfekt geknüpfte Krawattentuch. Die graue Satinweste gab seiner Erscheinung eine noch elegantere Note. Aber der Wind hatte sein Haar zerzaust und verlieh ihm das Aussehen eines Piraten, was ihn weniger hochmütig und unnahbar erscheinen ließ.

Trotzdem durfte sie nicht vergessen, wer er war. Jane rief sich insgeheim zur Ordnung. So untröstlich sie sich jetzt auch fühlte, so verständnisvoll er in diesem Moment scheinen mochte, am Ende der Woche würde er nach London zurückkehren, doch sie würde weiterhin hier unter Lady Sulbys tyrannischer Herrschaft leben müssen.

Der Gedanke daran genügte, um ihr erneut Tränen in die Augen zu treiben.

„Kommen Sie, Jane, was ist geschehen? Es kann doch unmöglich so schlimm …“

„Und woher wollen Sie das wissen, Euer Gnaden?“

Kummer und Verzweiflung gaben ihr den Mut, dem Duke die Stirn zu bieten. „Ihnen hat man gewiss noch nie das Gefühl gegeben, unerwünscht zu sein, und das, obwohl Sie sich keiner Schuld bewusst waren!“

Hawk betrachtete sie fasziniert. Das Mondlicht brach in diesem Moment hinter einer Wolke hervor und traf auf die ungebändigten roten Locken, die leuchtenden grünen Augen und die vollen, sinnlichen Lippen.

Lieber Himmel, wie sehr sehnte er sich danach, diese Lippen zu küssen!

Und er wusste, dass ein Kuss ihm nicht genügen würde. Dieses unkontrollierte Verlangen beunruhigte ihn zutiefst. Seit er vor zehn Jahren den Titel geerbt hatte, war er nicht mehr das Opfer so wilder Gefühl geworden. Seit damals hatte er jeden seiner Gedanken sorgfältig auf seine Folgen geprüft und erst dann gehandelt.

Doch in diesem Augenblick konnte er nur daran denken, dass er Jane Smiths einladende Lippen küssen, ihren schlanken Leib an seinen pressen und unter seinem fühlen wollte, während er ihr Gesicht mit heißen Küssen bedeckte und die Hände in ihr flammend rotes Haar schob. Gleich danach würde er ihre vollen Brüste, ihre schmale Taille und die langen Beine mit den Händen erkunden. Er erinnerte sich nicht, wann er eine Frau so brennend begehrt hätte wie sie.

Bevor er dem Impuls, sie an sich zu reißen, nachgeben konnte, sprang er abrupt auf, noch ganz schockiert von der Heftigkeit seines Verlangens, und entfernte sich einige Schritte von ihr. „Dann überlasse ich Sie Ihrer Einsamkeit, Jane.“

„Ich hoffe, ich habe Sie nicht verärgert, Euer Gnaden.“ Sie erhob sich ebenfalls. Der Umhang öffnete sich vorn und zeigte darunter tatsächlich das verhasste gelbe Kleid. Der Wind presste den dünnen Stoff gegen die schlanke Taille und die langen, wohlgeformten Beine.

„Ich bin nicht im Geringsten verärgert.“ Hawk wandte hastig den Blick von der Versuchung ab, die sie für ihn darstellte. „Mir wird nur bewusst, dass ich mich Ihnen ungebeten aufgedrängt habe.“

„Aber das wollte ich doch nicht …“

„Kommen Sie nicht näher, Jane!“, warnte er sie brüsk, als sie die Hand ausstreckte. Sie ahnte nicht, welche Hitze seinen Leib erfüllte, ahnte nichts von der Erregung, die sie in ihm erweckt hatte.

Fehlte ihm so sehr die warme Umarmung einer Frau – trotz der kurzen, unbefriedigenden Affäre mit der Countess of Morefield –, dass er sogar Gefahr lief, sich einem verletzlichen, unbeschützten jungen Mädchen aufzuzwingen? Hatten die Jahre der Einschränkung und erzwungenen Einsamkeit als Duke of Stourbridge ihn so tief sinken lassen? Wenn dem so war, war das natürlich untragbar. Hawk nahm sich insgeheim vor, sich in London sofort nach einer Geliebten umzusehen.

Betroffen war Jane stehen geblieben, als der Duke sie derart angefahren hatte. Glaubte er ebenfalls, dass die verwaiste Tochter eines verarmten Landpfarrers seiner Beachtung nicht wert war? Dass der äußerst vornehme Duke of Stourbridge sie nicht einmal höflich behandeln musste?

„Dann gehen Sie, Euer Gnaden.“ Sie hob trotzig das Kinn. „Und ich werde mich bemühen, Sie während Ihres Aufenthalts auf Markham Park nicht wieder mit meiner unwillkommenen Gegenwart zu belästigen.“

„Jane, Sie haben mich missverstanden …“

„Das glaube ich nicht, Euer Gnaden.“

„Hören Sie sofort auf, mich in diesem verächtlichen Tonfall ‚Euer Gnaden‘ zu nennen.“

„Ganz gewiss nicht!“ Sie vergaß jede Vernunft, zu sehr war sie verletzt worden, zu sehr wünschte sie, ihn ebenfalls zu verletzen.

„Sie spielen mit dem Feuer, Jane“, warnte er sie mit plötzlich rauer Stimme, die Hände zu Fäusten geballt.

„Feuer, Euer Gnaden?“ Sie war all dessen so müde. In den vergangenen zehn Jahren war sie immer demütig und gehorsam gewesen. Nie wurde ihr gestattet, ihre Meinung zu äußern. „Was wissen Sie schon von Feuer? Sie, der Sie so kalt und stolz sind und auf jeden geringschätzig herabblicken? Was … was tun Sie da, Euer Gnaden?“ Sie keuchte ungläubig auf, als der Duke sie plötzlich bei den Armen packte und an sich riss.

„Hawk“, stieß er hervor. Sein Gesicht war nur noch wenige Zentimeter von ihrem entfernt. Sie spürte seinen Atem auf ihrer Wange. „Mein Name ist Hawk“, fügte er barsch hinzu.

Hawk? Wie der Falke? Jane blinzelte kurz verblüfft. Der Duke of Stourbridge war nach einem Raubvogel benannt worden?

„Ein Einfall meiner fantasievollen Mutter.“ Sein Ton war noch immer grimmig, und noch immer hielt er Jane fest an seine harte Brust gepresst.

In diesem Moment kümmerte es sie wenig, wie er zu seinem ungewöhnlichen Namen gekommen war. Viel wichtiger schien ihr, dass sein Blick sich plötzlich auf ihren Mund heftete. Alles wies darauf hin, dass der arrogante Duke of Stourbridge im Begriff war, sie zu küssen!

Das war undenkbar. Unvorstellbar …

Und doch stellte Jane fest, dass sie es sich sehr wohl vorstellen konnte. Fast konnte sie schon spüren, wie hart und unnachgiebig diese vollkommen geformten Lippen sein würden, wenn sie ihren Mund in Besitz nahmen. Er würde keine Gnade kennen, das sah sie an dem Blitzen seiner goldbraunen Augen, und das spürte sie an der Art, wie sein Atem sich beschleunigte.

„Sie hätten nicht allein hierherkommen sollen, Jane.“ Sein Blick glitt verlangend über ihr Gesicht. Langsam beugte er den Kopf.

Mehrere Augenblicke war sie wie erstarrt und öffnete schon die Lippen, um seinen Kuss zu empfangen.

Ein Kuss. Nur ein Kuss. Ihr erster Kuss.

Gewiss war es doch nicht zu viel verlangt, sich danach zu sehnen, nachdem sie so viele Jahre lang auf die Berührung, die Wärme eines anderen Menschen hatte verzichten müssen?

Doch eine innere Stimme riet ihr, auf der Hut zu sein. Hawk St Claire, der mächtige Duke of Stourbridge, würde sich nicht mit einem Kuss zufriedengeben. Männer in seinem Alter und mit seiner Erfahrung verlangten mehr, sehr viel mehr. Männer wie er nahmen, was sie kriegen konnten, ohne jemals etwas zurückzugeben.

„Nein!“ Sie wandte den Kopf ab, um dem Kuss auszuweichen, und stieß den Duke mit aller Kraft von sich. Doch er war zu stark, riss sie wieder an sich, und sie fand sich noch intimer an ihn gedrückt. „Nein!“ Das Verlangen in seinen Augen machte ihr Angst. „Sie dürfen nicht! Bitte, Hawk, Sie dürfen nicht …“

Ihr Flehen drang schließlich durch den Schleier der Leidenschaft, die in ihm brannte. Er hielt inne und blinzelte benommen. Diese Frau – nein, im Grunde war sie ein Mädchen – war das jungfräuliche Mündel seines Gastgebers.

Sofort ließ er sie los und wich zurück. „Sie hätten nicht allein hierherkommen dürfen, Jane“, wiederholte er rau.

Sie schluckte mühsam. „Vielleicht nicht. Aber ich rechnete nicht damit, dass mir jemand folgen würde.“

„Nein, Jane? Rührt Ihre Empörung nicht vielmehr daher, dass der falsche Mann Ihrer Einladung gefolgt ist?“

Verwundert schüttelte sie den Kopf. „Der falsche Mann? Ich verstehe nicht.“

„Sollte nicht James Tillton sich hier zu Ihnen gesellen?“ Das war ihm gerade erst klar geworden, als ihm wieder die schamlose Tändelei einfiel, die bei Tisch stattgefunden hatte. Janes Bestürzung musste tatsächlich darauf zurückzuführen sein, dass ihr Geliebter – sehr wahrscheinlich James Tillton – nicht zu ihrem vereinbarten Stelldichein erschienen war.

„Lord Tillton?“ Jane schnappte empört nach Luft. „Ich verabscheue Lord Tillton! Er benahm sich während des Dinners auf unverschämteste Weise. Am Ende war ich gezwungen gewesen, ihn zu kratzen, damit er aufhörte, mich unter dem Tisch zu befingern. Außerdem ist er ein verheirateter Mann!“, fügte sie finster hinzu.

„Gesellschaften auf dem Lande wie diese hier bieten sich geradezu an für heimliche Treffen zwischen Menschen, die verheiratet sind – nur eben nicht miteinander“, bemerkte Hawk bissig.

„Was Sie nicht sagen, Euer Gnaden“, antwortete sie kühl. „Und mit welchem weiblichen Gast haben Sie also ein heimliches Treffen arrangiert?“

Selbst jetzt, in ihrer Wut, fiel Hawk auf, wie wirklich schön, wie verführerisch Miss Jane Smith tatsächlich war. Die Jahre, die sie unter der Fuchtel der herrischen Lady Sulby hatte verbringen müssen, hatten ihre temperamentvolle Seite zwar unterdrückt, aber noch nicht ganz erstickt. Trotz ihrer benachteiligten Lage forderte Jane ihn ohne Furcht heraus, ohne vor seinem Rang und seiner Autorität zurückzuschrecken. So etwas begegnete dem Duke of Stourbridge äußerst selten.

Jane Smith war sehr ungewöhnlich, weil sie in ihm nicht seinen Titel zu sehen schien, sondern den Mann, der er war. Und gegen diesen Mann richtete sie ihre Empörung, diesen Mann faszinierte sie mit ihrer Schönheit. So sehr sogar, dass Hawk fast jene Vorsicht in den Wind geschlagen hätte, die ihm in den letzten zehn Jahren so gute Dienste geleistet hatte.

Das durfte auf keinen Fall geschehen.

„Ich habe kein romantisches Interesse an irgendeiner der Damen, die zurzeit auf Markham Park verweilen“, sagte er verächtlich und erkannte an Janes Zusammenzucken, dass sie seine unausgesprochene Zurückweisung ihrer eigenen Reize sehr wohl verstanden hatte. „Wenn Sie erlauben, entschuldige ich mich kurz bei den Sulbys, bevor ich mich zur Nacht zurückziehe.“ Er verbeugte sich knapp und wandte sich ab.

„Nicht, bevor Sie sich bei mir entschuldigt haben, Euer Gnaden!“

Hawk drehte sich langsam wieder zu ihr um. In stolzer Haltung sah sie ihm furchtlos ins Gesicht.

„Weil ich Sie fast geküsst hätte?“

Sie schnaubte verächtlich. „Weil Sie mich fälschlicherweise beschuldigt haben, Lord Tillton zu ermutigen.“

War es möglich, dass er sich geirrt hatte? Hatte Jane Tilltons Annäherungsversuche nicht ermuntert, sondern nur versucht, sie abzuwehren? Immerhin war sie schutzlos. Ihr Vormund kümmerte sich offensichtlich nicht um sie, also war sie für jeden gewissenlosen Schurken eine leichte Beute.

„Falls ich mich geirrt haben sollte …“

„Sie haben sich geirrt!“

„Dann entschuldige ich mich.“ Hawk nickte knapp. „Aber in Zukunft würde ich Ihnen raten, nicht allein hierherzukommen. Sie könnten sich in größerer Gefahr wiederfinden als heute.“

„Bis jetzt waren diese Dünen immer ein Zufluchtsort für mich.“

Bevor er hier eingedrungen war. Bevor er sie in die Arme genommen und versucht hatte, sie zu küssen. Doch dafür hatte sie keine Entschuldigung von ihm verlangt.

Sie war einfach hinreißend. Widerwillig gestand Hawk es sich ein, trotz seiner Entschlossenheit, ihr nicht wieder nahezukommen. Ihr ungebändigtes Haar wehte im Wind wie ein Vorhang aus Feuer, ihre schönen Augen blitzten herausfordernd, und ihre sinnlichen Lippen waren trotzig zusammengepresst.

All das ließ ihn vermuten, dass sie eine wundervolle Geliebte sein würde und seiner eigenen Leidenschaft mehr als gewachsen – einer Leidenschaft, die er sich so große Mühe gab, vor allen anderen zu verbergen, und die Jane so leicht zu erwecken wusste.

Jane Smith stellte entschieden eine große Gefahr für den Duke of Stourbridge dar – und sogar eine noch größere für den Mann, der im Innersten noch immer der sinnliche Hawk St Claire war.

„Offensichtlich bieten die Dünen Ihnen nun keine Zuflucht mehr“, erwiderte er kühl, mitleidlos. „Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht, Miss Smith.“ Wieder wandte er sich ab, und dieses Mal zögerte er nicht, sondern ging entschlossen zum Herrenhaus zurück.

Jane sah seiner hochgewachsenen, abweisenden Gestalt nach, bis sie von der Dunkelheit verschluckt wurde. Sie wusste, dass der Duke nicht nur in den Zufluchtsort, den die Dünen für sie bedeutet hatten, eingedrungen war. Als er sie berührt hatte, beinahe geküsst, hatte er tief in ihr eine Sehnsucht geweckt, ein Verlangen, wie sie es nie zuvor erlebt hatte. Noch immer fühlten ihre Brüste sich schwerer und voller an, noch immer brannte eine nie gekannte Hitze zwischen ihren Schenkeln, die sie dazu gedrängt hatte, jede Vorsicht in den Wind zu schlagen und sich der Leidenschaft seines Kusses hinzugeben. In jenem Moment hatte sie sich nichts sehnlicher gewünscht, als mit ihm in den weichen Sand zu sinken und Hawk seinen Hochmut auszutreiben, während sie einander entkleideten und erforschten, küssten und sinnlich liebkosten …

An dieser Stelle hielt Jane erregt inne. Weil sie nicht wusste, was nach dem Küssen und Liebkosen geschah. Sie erinnerte sich, dass Lady Sulby zu Beginn der Saison Olivia vor den verwegeneren Gentlemen des ton gewarnt hatte. „Eine Dame mag sich nach der Heirat und der Geburt des Stammhalters so viele Geliebte nehmen, wie sie wünscht“, hatte sie gesagt, „aber keinen einzigen, bevor sie nicht den Ehering am Finger trägt.“

Bedeutet mein heftiges Verlangen nach dem Duke of Stourbridge, dass ich doch nicht die Dame bin, für die ich mich immer gehalten habe?

„Sie haben nach mir geschickt, Lady Sulby?“ Am folgenden Morgen stand Jane gehorsam vor der Gattin ihres Vormunds, die in ihrem Privatsalon saß und in der Korrespondenz blätterte, die vor ihr auf dem Tisch ausgebreitet lag.

Sie fixierte sie mit einem kühlen Blick. „Hast du dich von deinen Kopfschmerzen erholt?“

Der Ton und ihr Betragen waren ungewöhnlich sanft. Jane merkte, dass ihre Unruhe wuchs. Sie hatte eigentlich mit weiterem Tadel gerechnet wegen der angeblichen Tändelei zwischen ihr und dem Duke of Stourbridge. Eine innere Stimme riet ihr, auf der Hut zu sein.

„Ich fühle mich wieder sehr gut, vielen Dank, Lady Sulby.“

Diese neigte leicht den Kopf. „Hast du wohl geschlafen?“

„Ein wenig unruhig.“ Wie nicht anders zu erwarten, hatte sie von Hawk geträumt.

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