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HISTORICAL MYLADY BAND 565

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Der Duke, der mein Herz stahl

1. KAPITEL

Februar 1815, Worthing House, London

Verzeihen Sie, Lady Armitage, doch für einen kurzen Moment glaubte ich, Sie hätten mich darum gebeten, Sie in der Liebeskunst zu unterrichten, damit Sie sich einen Liebhaber nehmen können!“

Das harte und spöttische Grinsen von Marcus Wilding konnte Julianna nichts anhaben. Er klang, als wäre es völlig unmöglich für ihn, sich das auch nur vorzustellen. „Sie haben richtig gehört, Euer Gnaden – außer vielleicht, dass es keine Bitte, sondern vielmehr eine Absichtserklärung war“, fügte sie entschlossen hinzu und reckte das Kinn vor.

Der Duke of Worthing zog die Augenbrauen so hoch, dass sie unter dem tiefschwarzen Haar, das ihm locker in die Stirn fiel, nicht mehr zu sehen waren. Er musterte Julianna mit seinen eiskalten hellgrünen Augen, die er zu schmalen Schlitzen zusammengekniffen hatte.

„Eine Absichtserklärung?“

Keine Sekunde ließ sich Julianna von der sanften Stimme des Dukes hinters Licht führen – auch nicht von der entspannten Haltung, die er ihr gegenüber auf dem Sessel im Blauen Salon seines Londoner Hauses einnahm. Sie wusste nur zu gut, dass die größte Gefahr von diesem Mann dann ausging, wenn er vernünftig erschien.

Er und ihr Bruder – sowie drei seiner engsten Freunde – waren in der Öffentlichkeit als „Die Durchtriebenen Dukes“ bekannt, und das lag sicherlich nicht an ihren angenehmen Umgangsformen. Allerdings hatten sie sich diesen Namen auch nicht nur aufgrund ihrer Gewieftheit auf dem Schlachtfeld verdient. Ihre Eroberungen in den Schlafgemächern waren mindestens genauso skandalös – und zwar so sehr, dass die meisten Mütter des ton ihre heiratsfähigen Töchter nicht einmal in die Nähe dieser verwegenen Junggesellen ließen. Julianna hatte guten Grund zu der Annahme, dass Marcus Wilding der durchtriebenste von allen war.

Wegen seines Rufs machte sie sich nicht die geringsten Sorgen. Erneut zu heiraten, war das Letzte, was ihr in den Sinn kam, ganz gleich ob es nun um Worthing oder sonst einen Gentleman ging.

Dennoch war sie froh, dass sie sich bei ihrer Ankunft den schwarzen Umhang vom Butler des Dukes nicht hatte abnehmen lassen. Dieses Kleidungsstück umhüllte sie nicht nur von den Schultern bis zu den Knöcheln, sondern verbarg auch das Zittern ihrer behandschuhten Hände unter den großen Falten des Umhangs. Die hellgraue Schute bedeckte jedoch leider nur ihr feuerrotes Haar – nicht ihr sicherlich leichenblasses Gesicht.

Julianna zwang sich zu einem ruhigen, gleichmütigen Gesichtsausdruck, während sie Marcus unverwandt ansah. Er war ein Freund ihres Bruders Christian, weshalb sie ihn gut genug kannte, um zu wissen, dass er jegliches Zeichen von Schwäche ausnutzen würde. „Ja, eine Absichtserklärung“, bestätigte sie in gleichmäßigem Ton.

„Tatsächlich.“ Zwar durchbohrte er sie mit seinem Blick, dennoch konnte sie nicht anders, als seine faszinierenden grünen Augen unter den dunklen, überaus langen und dichten Wimpern zu bewundern. Sein Gesicht war so anmutig und schön wie das eines gefallenen Engels – oder das eines Teufels? „Ist denn die Frage gestattet, warum? Schließlich waren Sie eine verheiratete Dame und sind jetzt Witwe. Es steht Ihnen daher frei, sich einen Liebhaber zu nehmen, anstatt wieder zu heiraten, wenn Sie es so wünschen …“

„Das beabsichtige ich auch“, erwiderte sie entschieden.

Er nickte. „Haben Sie denn schon einen bestimmten Herrn im Sinn, der Ihr … Liebhaber werden soll?“

„Nein, noch nicht.“

Er runzelte die Stirn. „Dann drängt sich mir eine Frage auf: Warum haben Sie sich dazu entschieden, zu mir zu kommen und mir den skandalösen Vorschlag zu unterbreiten, Sie in der Kunst der Verführung zu unterweisen?“

Der sanfte Ton der Frage traf Julianna unvorbereitet. Im Grunde hatte sie mit Worthings Spott und weniger mit der jetzt zur Schau getragenen Nachlässigkeit gerechnet. Dieser Mann gehörte zu den begehrtesten Junggesellen Englands. Sie hingegen war verheiratet gewesen und jetzt verwitwet. Beides hatte seinen Tribut gefordert – sowohl in Bezug auf ihr Äußeres als auch ihre emotionale Verfassung.

An ihrem Hochzeitstag vor vier Jahren war sie eine junge Dame von nur achtzehn Jahren gewesen. Im Herzen voller Optimismus für die Zukunft. Doch nach drei Jahren Ehe mit dem betrügerischen Lord John Armitage und fast einem Jahr im Witwenstand war Julianna zu dem Entschluss gelangt, nicht wieder zu heiraten, wenn ihr Trauerjahr in genau zwei Wochen zu Ende gehen würde. Nein, es wäre viel besser, sich einen Liebhaber zu nehmen, hatte sie entschieden. Einen, den sie sich selbst aussuchen und mit dem sie nach den eigenen Vorstellungen zusammen sein könnte.

Wer könnte sie da besser in der Liebeskunst unterrichten als der Gentleman, von dem es hieß, er sei der vollkommenste Liebhaber von ganz England?

Bis jetzt war es Julianna wie die perfekte Lösung erschienen. Doch jetzt, da sie ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüber saß und sie nur wenige Schritte von dem ungemein verführerischen Duke of Worthing trennten, kamen ihr ernsthafte Zweifel, ob sie klug gehandelt hatte.

Denn Worthing war nicht nur ein vollendeter Liebhaber, sondern im Alter von zweiunddreißig Jahren auch der bestaussehende Gentleman des ton. Die dunklen, längeren Locken fielen ihm auf verwegene und nachlässige Art und Weise in die Stirn, über die Ohren und in den Nacken. Die hohen Wangenknochen betonten seine edle Nase, und der Mund – oh Gott, dieser sündhafte Mund mit den vollen, sinnlichen Lippen übte eine überaus beunruhigende Wirkung auf Julianna aus.

Neben alldem war es offenkundig, dass Worthings tadelloses Erscheinungsbild in keiner Weise dem Können seines Schneiders und Schuhmachers geschuldet war. Seine breiten Schultern, seine schmale Taille, seine muskulösen Oberschenkel und langen Beine in dem schwarzen Frackrock, der grauen Weste, dem schneeweißen Hemd und den schwarzen Pantalons waren einzig und allein auf die vielen Stunden zurückzuführen, die er mit seinen engsten Freunden im Boxring und bei Schwertübungen verbrachte.

Seit Juliannas Hochzeit mit John Armitage hatte Worthing nicht das geringste Interesse an ihr gezeigt – abgesehen von den üblichen Höflichkeitsfloskeln, mit denen er die kleine Schwester seines Freundes bedachte.

„Dürfte meine Wahl sich nicht von selbst erklären, wenn man bedenkt, dass Ihre Fertigkeiten im Schlafgemach den Gerüchten nach legendär sind?“, sagte sie in dem Versuch, desinteressiert zu klingen.

Er zog jene dunklen Brauen ein zweites Mal hoch. „Tatsächlich?“

„Oh ja“, bestätigte Julianna in kühlem Ton.

„Hat Ihr Ehemann Sie nicht … mit der sinnlichen Liebe vertraut gemacht?“

Mit einem Mal fühlte sich ihr Mund ganz angespannt an und beschämt stellte sie fest, dass ihre Wangen anfingen zu glühen. „Mein Mann war zu sehr damit beschäftigt, die Betten anderer, erfahrenerer Frauen aufzusuchen, als dass er seine kostbare Zeit mit mir verschwendet hätte – abgesehen von den Versuchen, einen Erben zu zeugen. An dieser Aufgabe ist er offenkundig gescheitert.“

Entschlossen richtete sie sich auf, als sie ihre Kinderlosigkeit erwähnte. „Ich habe akzeptiert, dass Liebe und Glück in einer Ehe eher die Ausnahme als die Regel sind. Hoffentlich liegen die Dinge bei einem Liebhaber anders. Bevor ich jedoch diesen neuen Weg einschlage, habe ich mir fest vorgenommen zu lernen, wie ich Lust bereiten und selbst erfahren kann.“

Marcus wusste nicht, ob es beabsichtigt war oder nicht, doch er hörte jede Menge Schmerz hinter diesen verbitterten Worten. Und Demütigung. Er war der Ansicht, dass ein Mann eine Frau niemals so verletzen durfte, dass sie sich nach dem Trauerjahr lieber einen Liebhaber nahm, als auch nur die Möglichkeit einer zweiten Hochzeit in Betracht zu ziehen.

Julianna war gerade fünf Jahre alt und ein kleiner Wildfang gewesen, als Marcus eingeladen wurde, in den Sommerferien mehrere Wochen bei seinem Freund Christian Seaton zu verbringen. Die beiden Jungen waren sich zwei Jahre zuvor in Eton begegnet. In den geheiligten Hallen von Eton hatte es an jenem schicksalhaften Tag vor beinahe zwanzig Jahren fünf neue Schüler gegeben, und überraschenderweise war jeder von ihnen Erbe eines Herzogtums gewesen – eine ungewöhnliche Begebenheit, die zu einem lebenslangen Band der Freundschaft geführt hatte.

Christians Eltern, der vorherige Duke und die Duchess of Sutherland, waren nachsichtige, liebevolle, doch häufig abwesende Eltern, die ihre beiden Kinder in den Sommermonaten in der Pflege der Hausangestellten ihres Landsitzes zurückließen. So war es gekommen, dass Marcus und die anderen drei Jungen in den darauffolgenden zehn Jahren viel Zeit in Sutherland Park verbrachten. Bei den Besuchen hatte Christians kleine Schwester darauf beharrt, ihnen zu folgen und bei jedem Abenteuer – vom Bäume hochklettern bis zum Angeln – mit dabei zu sein. Es war ihr gleichgültig gewesen, ob sie sich die Knie aufschürfte oder im Bach unter Wasser gedrückt wurde, solange sie nur bei ihnen und nicht in der Stube beim Kindermädchen war.

Wenn Marcus sie jetzt ansah, konnte er erkennen, dass der kleine Wildfang zwar nicht vollkommen gezähmt, aber unter der Trauerkleidung zumindest gebändigt war. Dennoch war er sich ihres schlanken, unter dem großen Umhang verborgenen Körpers nur allzu bewusst. Ihr Gesicht unter der grauen Haube wirkte wie eine schöne elfenbeinfarbene Kamee – die blassen Wangen betonten das herrliche Blaugrau ihrer Augen. Ihre vollen Lippen lächelten nicht.

Es war nicht schwierig zu erkennen, dass die unglückliche Ehe mit Armitage der Grund für diese Veränderungen an Julianna war. Schon früher hatte Marcus vermutet, dass sie keine glückliche Ehe führte. Damals hatte er eine private Unterhaltung im Spielklub mitgehört. Armitage brüstete sich vor seinen zwielichtigen Gefährten mit seinen Vorlieben im Schlafgemach. Doch die Vergangenheit ließ sich nicht ändern – egal, wie sehr Marcus sich das auch wünschte. Er konnte nicht umhin, sich zumindest teilweise für Juliannas Unglück verantwortlich zu fühlen.

Marcus hatte vor vier Jahren niemandem von seinen Gefühlen für die Schwester seines ältesten, besten Freundes Christian erzählt. Niemand wusste, wie sehr es ihn getroffen hatte, von ihrer Hochzeit mit Lord John Armitage zu erfahren, nachdem er nach einer blutigen Schlacht gegen Napoleons Armee nach England zurückgekehrt war.

In den darauffolgenden Jahren war Marcus innerlich durch die Hölle gegangen. Unerträglich war ihm der Gedanke gewesen, dass Julianna in den Armen, im Bett eines anderen Mannes lag – insbesondere da es sich bei diesem Mann um den ehebrecherischen Armitage handelte.

Jetzt, da ihr Trauerjahr in wenigen Wochen vorbei sein würde, hatte Marcus sich fest vorgenommen, Julianna so zu umwerben, wie er es vor vier Jahren hätte tun sollen: Er wollte ihr einen Heiratsantrag machen.

Weder in seinen kühnsten Träumen noch in seinen wildesten Fantasien – und manche davon waren tatsächlich sehr wild gewesen – hätte Marcus sich vorstellen können, eines Morgens nach einer durchzechten Nacht nach Hause zu kommen und zu erfahren, dass Julianna im Blauen Salon auf ihn wartete – mutterseelenallein, noch nicht einmal von einem Hausmädchen begleitet. Sie hatte ihm von sich aus einen Vorschlag unterbreitet, der nichts mit Liebe und Ehe zu tun hatte. Stattdessen wollte sie, dass er sie zu einer Verführerin machte, damit ihre zukünftigen Liebhaber davon profitieren könnten.

2. KAPITEL

Marcus stand auf, wanderte in dem Salon auf und ab und blieb vor dem Feuer stehen. Die Wärme erreichte ihn jedoch nicht, als er auf die züngelnden Flammen herabsah. Wie sollte er mit dieser komplizierten Situation umgehen?

Juliannas spärlichen Offenbarungen und seinem bisherigen Kenntnisstand über ihre Ehe nach zu urteilen, schloss sie eine zweite Heirat vollkommen aus. Sie war einzig und allein an ihn herangetreten, weil sie mehr über die Natur des ihr bisher versagten sinnlichen Vergnügens erfahren wollte.

Marcus stellte sich vor, wie es wäre, sie in der Kunst des Liebesspiels zu unterrichten und ihr auf jede erdenkliche Art und Weise beizubringen, wie sie einem Mann und sich selbst Genuss bereiten könne. Allerdings hegte er keinesfalls die Absicht, dass dieses Wissen jemals einem anderen Mann zugutekäme. Doch er glaubte nicht, dass sie bereit war, das zu hören. Noch nicht.

War er dazu in der Lage, das zu tun? War er stark genug? Würde er sich so weit zurückhalten, so viel Distanz wahren können, um Julianna sinnliche Lektionen zu erteilen – in der Hoffnung, dass sie ihn eines Tages genauso lieben würde, wie er sie schon seit Langem liebte?

Es blieb ihm keine andere Wahl, denn allein bei dem Gedanken, dass Julianna denselben Vorschlag einem anderen Mann unterbreiten könnte, wurde ihm speiübel und eine heftige Abneigung gegen jenen möglichen Konkurrenten ergriff von ihm Besitz.

Julianna wusste nicht, welche Gedanken Worthing durch den Kopf gingen, während er in die flackernden Flammen starrte, doch sie glaubte nicht, dass es etwas Angenehmes sein könnte – so blass, wie er aussah. Die Lippen presste er so fest zusammen, dass sie wie ein weißer Strich wirkten, sein Kiefer war angespannt.

Abrupt stand sie auf und erhob sich zu ihrer vollen Größe von gut einem Meter sechzig. Stolz reckte sie das Kinn. „Vielleicht war es ein Fehler, zu Ihnen zu kommen …“

„Wieso haben Sie es dann getan?“ Worthing richtete sich auf und schaute sie aus jenen unergründlichen Augen an. „Wie um alles in der Welt sind Sie darauf gekommen, dass Sie mich davon überzeugen könnten, einzuwilligen?“

Der Kloß in Juliannas Kehle wurde nicht kleiner, als sie schluckte, um dem Duke zu antworten: „Ich dachte … Ich kenne Sie seit vielen Jahren … Sie sind ein Freund meines Bruders!“

„Das wäre Grund genug gewesen, nicht an mich heranzutreten, anstatt genau das Gegenteil zu tun. Oder?“, raunte Worthing in barschem Ton.

„Vielleicht“, gab sie zu. „Aber ich dachte, dass die Verbindung zumindest Ihr Schweigen in dieser Angelegenheit sicherstellen würde, falls Sie sich dazu entscheiden sollten, meinen Vorschlag abzulehnen.“

„Fürchten Sie denn gar nicht, dass ich Ihren Bruder Christian über die Einzelheiten dieser Unterhaltung in Kenntnis setzen würde, wenn ich Ihren Vorschlag tatsächlich ablehnen sollte?“

„Nein.“

Angesichts ihrer Bestimmtheit wurden seine Augen schmal. „Warum nicht?“

Unter ihrem Umhang zog sie die Schultern hoch.

„Wenn Sie das täten, dann sähe ich mich dazu gezwungen, Lord Standish darüber zu informieren, wo und mit wem seine Frau die Nacht vor ihrer Hochzeit vor vier Jahren verbracht hat.“

Marcus rührte sich nicht, als er die offensichtliche Drohung hinter diesen Worten vernahm. Ein Drohung, die er vielleicht verdient gehabt hätte, wenn er damals nicht rechtzeitig zu Sinnen gekommen wäre.

Es war in der gleichen Nacht passiert, als er von Juliannas Ehe mit Armitage erfahren hatte. Marcus war tiefbetrübt und nicht minder betrunken gewesen. Am Anfang war er daher offen für Emily Proctors Vorschlag gewesen, das Bett mit ihr zu teilen, bevor sie am darauf folgenden Tag den betagten Randolph Standish heiraten würde.

Immerhin hatte Marcus die Angelegenheit jedoch früh genug abgebrochen und es geschafft, sich nicht vollkommen die Blöße zu geben. Was für eine Ironie des Schicksals, dass Julianna jetzt versuchte, sein Verhalten jener Nacht gegen ihn zu verwenden! Schließlich hatte er nur wegen seines Verlangens nach ihr so gehandelt.

Er zog die dunklen Augenbrauen hoch. „Dürfte ich fragen, woher Sie wissen wollen, wo und mit wem Lady Standish die Nacht vor ihrer Hochzeit verbracht hat?“

Julianna schenkte ihm ein triumphierendes, spöttisches Lächeln. „Weil die Dame es mir natürlich erzählt hat.“

Marcus sah sie zweifelnd an. „Hat sie das?“

„Oh ja.“ Julianna nickte zufrieden. „Männer sind nicht die Einzigen, die mit ihren Eroberungen im Schlafgemach angeben, wissen Sie“, versicherte sie ihm in höhnischem Ton. „Emily Standish hat mir beteuert – und sie muss es ja wissen –, dass Sie Ihrem Ruf als vollkommenster Liebhaber von ganz England alle Ehre machen.“

Wäre die hinterhältige Emily Standish in diesem Moment in greifbarer Nähe gewesen, wäre er ihr wohl an die Gurgel gesprungen. Andererseits …

Allem Anschein nach war neben seinem Ruf als Liebhaber die persönliche, wenn auch unwissentliche Empfehlung von Emily Standish der Grund für Juliannas Kommen.

Er spannte den Kiefer an. „Warum gehen Sie davon aus, dass es mir etwas ausmachen könnte, wenn Sie diese Information an Standish herantragen würden?“

Julianna schenkte ihm ein herausforderndes Lächeln. „Weil ich weiß, dass Sie und Christian erst kürzlich eine Geschäftsbeziehung mit ihm eingegangen sind.“

Marcus runzelte die Stirn. „Ach ja?“

„Ja.“ Sie nickte selbstsicher. „Es hat etwas mit Versand zu tun, aber ich könnte mich auch irren.“

Marcus wusste, dass sie alles andere als falschlag, und verfluchte Christian innerlich dafür, Geschäftsangelegenheiten überhaupt mit seiner Schwester zu besprechen.

Auf Marcus’ langes Schweigen fügte Julianna in triumphierendem Ton hinzu: „Einen Skandal möchten Sie unter diesen Umständen doch sicherlich vermeiden. Was würde Standish dazu sagen, wenn herauskäme, dass Sie noch vor ihm das Bett mit seiner Frau geteilt haben?“

Dass Julianna es wagte, dieses Wissen gegen ihn zu verwenden, ohne ihn überhaupt zu fragen, ob es stimmte, erfüllte Marcus mit großem Zorn. Zwar konnte Julianna nicht wissen, dass Emily Standish gelogen hatte, aber dennoch fand Marcus, dass Julianna eine – zumindest kleine – Bestrafung verdiente. Dafür, dass sie sich nicht einmal nach der Wahrheit erkundigt und obendrein noch versuchte hatte, ihn zu erpressen, um ihren Willen durchzusetzen. „Legen Sie Ihren Umhang ab“, wies er sie sanft an.

Julianna blinzelte nervös mit ihren langen Wimpern, als sie Marcus argwöhnisch ansah. Mit der feuchten Zunge benetzte sie sich die trockenen Lippen, bevor sie sprach. „Warum?“

„Damit ich Ihre körperlichen Vorzüge besser begutachten kann, bevor ich eine Entscheidung treffe.“

„Ich verstehe nicht, warum es nötig sein sollte, dass ich …“

„Wie soll ich Sie darin unterweisen, einem Mann Vergnügen zu bereiten, wenn Ihre körperliche Anziehungskraft auf mich nicht ausreicht, um Erregung hervorzurufen?“, sagte Marcus unwirsch.

Julianna fühlte, wie ihre Wangen glühten, als sie sich einmal mehr eingestehen musste, dass sie sich die ganze Angelegenheit besser hätte überlegen sollen, bevor sie so früh am Morgen zum Haus des Dukes aufgebrochen war. Kein einziges Mal hatte sie daran gedacht, wie es wäre, wenn Marcus Wilding derart intim mit ihr reden würde, geschweige denn …

„Ich möchte lediglich, dass Sie mich unterrichten, nicht, dass … dass …“ Sie holte tief Luft. „Ich hege die Absicht, dass der Unterricht verbaler, nicht physischer Natur sein soll.“

„Und ich hege die Absicht, dass er genau das nicht sein soll“, versicherte Marcus ihr in trockenem Ton, die Hände an den Seiten zu Fäusten geballt. Er kämpfte gegen den Impuls an, Julianna über sein Knie zu legen, ihren Rock bis zur Taille hochzuschieben und ihr s olange Klapse auf den Hintern zu geben, bis ihre Pobacken eine sanfte Rötung angenommen hätten.

Bei diesem Gedanken wurde ihm augenblicklich heiß. Es erschien wie eine Verhöhnung der von ihm geäußerten Bedenken, Julianna könne nicht anziehend genug sein.

Alles an ihr betörte ihn – von ihrem dunklen rotgoldenen Haar über ihr schönes Gesicht mit den vollen, sinnlichen Lippen und den cremefarbenen Rundungen ihrer Brüste bis zu der schlanken Taille und den unbändigen Locken …

Und sie wagte es … Sie wagte es, zu ihm zu kommen und zu versuchen, ihn zu erpressen, damit er sie im Liebesspiel unterweise. „Legen Sie Ihren Umhang ab“, wiederholte er in kompromisslosem Ton.

Juliannas Finger zitterten leicht, als sie die Hände hob und ihren Umhang am Hals löste, bevor sie ihn sich von den Schultern gleiten ließ. In ihrem schlichten grauen Seidenkleid stand sie vor Marcus.

„Legen Sie ihn auf den Stuhl“, wies Marcus sie schroff an, wartete, bis sie es getan hatte, und fügte hinzu: „Und jetzt nehmen Sie diese hässliche Haube ab und machen Sie Ihre Haare auf.“

Während Julianna ihre Haube auf den Stuhl neben den Umhang legte, zögerte sie erneut. „Meine Haare aufmachen?“

Spöttisch verzog er den Mund. „Ihre erste Lektion besteht darin, dass es für einen Mann nur einen Grund gibt, warum eine Frau sich das Haar hochsteckt: Damit er ihr genüsslich dabei zusehen kann, wie sie die Haarnadeln wieder löst.“

Verblüfft schüttelte sie mit dem Kopf. „Ich erinnere mich nicht daran, dass mein Mann jemals …“

„Die Unzulänglichkeiten Ihres verstorbenen Gatten haben hier zwischen Ihnen und mir nichts zu suchen!“ Marcus Wildings Augen blitzten warnend auf.

„Aber …“

„Wenn ich Ihrer Bitte nachkomme, dann wird es in diesem Haus nur uns beide geben, Julianna“, fuhr er entschlossen fort. „Keine Vergangenheit, keine Zukunft, nur das Jetzt.“

„Das Jetzt?“

„Genau.“ Er verzog den Mund, als sie so still wie eine Statue an Ort und Stelle verharrte. „Das Liebesspiel ist ein Genuss für alle Sinne, Julianna. Zuerst das Sehen, dann das Riechen, gefolgt vom Schmecken und Hören und schließlich das Tasten. Ich habe entschieden, dass wir heute mit dem Sehen anfangen. Mit jedem weiteren Tag werden wir einen weiteren Sinn hinzunehmen. Ich habe bereits gesehen, dass Sie hübsch und kurvenreich und Ihre Brüste üppig genug sind, um die Fantasie eines Liebhabers anzuregen. Ein Liebhaber würde Sie jetzt dazu auffordern, Ihr Haar für ihn zu lösen.“

Das Zittern, das in Juliannas Fingern angefangen hatte, erfasste nun ihren ganzen Körper und ließ ihre Haut kribbeln. Ihre Brüste fühlten sich voll und schwer an. Die rosigen Knospen an ihren Spitzen schwollen gegen den Stoff ihres Kleides an. Zwischen ihren Beinen war es heiß, und sie spürte ein loderndes Verlangen in sich aufsteigen, während sie sich des durchdringenden und intensiven Blicks aus Marcus’ grauen Augen nur allzu bewusst war. Es war ein entschlossener Blick – er bat nicht darum, sondern verlangte, dass sie ihm gehorchte.

3. KAPITEL

Aus Protest gegen diese Aufforderung ließ Julianna die Arme schlaff an ihrem Körper hängen. „Ich hatte nicht die Absicht, schon heute mit dem Unterricht zu beginnen.“

Marcus lächelte, als er Unsicherheit in Juliannas dunkelgrauen Augen entdeckte. Dennoch streckte sie ihr hübsches Kinn eigensinnig nach vorne.

„Je früher wir beginnen, desto schneller haben wir es hinter uns, verstehen Sie?“

Sie runzelte die sonst so ebenmäßige Stirn. „Ich bin nicht darauf vorbereitet, heute mit … mit dem Unterricht anzufangen.“

„Ein erfüllendes, aufregendes Liebesspiel hat nichts mit guter Vorbereitung zu tun“, entgegnete Marcus ungeduldig. „Zwischen einem Mann und einer Frau sollten Leidenschaft und Lust immer spontan entstehen. Wir sind hier nicht in Ihrem früheren Ehebett, Julianna“, fuhr er fort, da sie sich nicht rührte, um seine Anweisung zu befolgen. „Zwischen uns beiden wird es kein Kerzen ausblasen, kein Rascheln der Bettdecke und erst recht keinen hastigen Paarungsakt geben.“

Juliannas Gesicht wurde vor Bestürzung aschfahl – nicht nur wegen Marcus’ unverblümter Rede, sondern auch wegen seiner genauen Beschreibung jener demütigenden Momente, in denen John ihr Bett aufgesucht hatte, nur um es am Ende genauso überstürzt wieder zu verlassen. Danach fühlte sich Julianna immer schmutzig und benutzt, stand unverzüglich auf, um Johns Spuren von ihrem Körper zu waschen, zog sich um und bezog das Bett mit sauberen Laken. Anschließend war sie wieder unter die Decke geschlüpft und hatte sich in den Schlaf geweint.

Als Marcus sah, wie Julianna blass wurde, bereute er sofort die Heftigkeit, mit der er seiner Wut Luft gemacht hatte. Ihre Reaktion bewies, dass er mit seiner spöttischen Bemerkung über die Zustände in ihrer Ehe goldrichtig gelegen hatte. Vor diesem Hintergrund war es kein Wunder, dass Julianna erfahren wollte, ob die körperliche Liebe auch andere, zärtliche Seiten habe.

Doch Marcus wusste, dass er heute gewiss nicht in der Stimmung dafür sein würde, ihr jene Zärtlichkeit zukommen zu lassen.

„Warum haben Sie Ihrem Bruder nie von der Brutalität Ihres Mannes erzählt?“ Zweifellos hätte Christian etwas unternommen, wenn er gewusst hätte, wie grausam Armitage seine geliebte Schwester behandelt hatte.

Sie lächelte freudlos. „Was hätte ich ihm denn erzählen sollen? Dass John bis zu unserer Hochzeit nur vorgab, mich zu lieben? Dass er mich nur wegen meines Namens, meines Vermögens und meines Standes als Schwester eines Dukes wollte? Und weil ich ihm einen Erben schenken sollte?“ Sie schüttelte traurig den Kopf. „In London gibt es Dutzende, Hunderte solcher Ehen. Woher hätte ich das Recht nehmen sollen, mich zu beschweren? Meine Ehe war genauso wie etliche andere.“

Sie hatte natürlich recht. In der feinen Gesellschaft heiratete man nicht aus Liebe, sondern um zu Ansehen und Vermögen zu gelangen. So war es schon immer gewesen, und so würde es immer sein – abgesehen von den wenigen Liebeshochzeiten. Marcus’ Eltern hatten für Titel und Vermögen geheiratet und schließlich das Glück gehabt, sich nach ihrer Hochzeit jeden Tag ein bisschen mehr ineinander zu verlieben. In ihrer Ehe mit Armitage war Julianna hingegen weniger Glück beschieden gewesen.

„Er hat mich nicht geschlagen und mich in der Öffentlichkeit nie bloßgestellt“, fuhr Julianna ausdruckslos fort. „Er hat es mir nicht versagt, Freunde zu haben, und hat mich mit einem großzügigen Taschengeld ausgestattet …“

„Von Ihrem eigenen Geld!“

„Das Gesetz schreibt vor, dass alles Geld bei der Hochzeit an den Bräutigam geht“, erinnerte sie Marcus seufzend.

„Dann muss dieses Gesetz geändert werden!“

„Vielleicht könnten Sie und mein Bruder sich dessen annehmen, wenn Sie nicht gerade mit anderen Angelegenheiten beschäftigt sind?“, erwiderte sie spitzzüngig. „Nach geltendem Recht geht das Geld einer Frau durch eine Heirat in den Besitz des Mannes über – genauso wie die Frau.“ Sie zuckte mit den Achseln. „Ich hatte einen Mann, schöne Wohnsitze hier und auf dem Land sowie Diener, die mir jeden Wunsch von den Augen abgelesen haben – was kann sich eine Frau mehr von einer Ehe wünschen als das?“

Marcus fand, dass eine Frau auch Zärtlichkeit, Vergnügen, Heiterkeit und Liebe von ihrem Mann erwarten durfte, sollte. Verdammt, wäre doch nur er es gewesen, den Julianna vor vier Jahren geheiratet hätte.

Ob sie eingewilligt hätte, wenn er um ihre Hand angehalten hätte, bevor er in die Schlacht gegen Napoleon gezogen war? Ob sie an seiner Seite aufgeblüht wäre und sich zu ihrer vollen Weiblichkeit entwickelt hätte? Wie hatte er sich danach gesehnt, ihr all das zu geben, nachdem er mit ihr an ihrem achtzehnten Geburtstag bei Almack’s getanzt und erkannt hatte, dass aus dem kleinen Wildfang eine schöne, begehrenswerte Frau geworden war. Eine Frau, die er nur für sich wollte.

Die Antwort auf seine Fragen würde Marcus nie erfahren. Damals hatte er geglaubt, dass es ehrenwert wäre, Abstand zu halten und sich Julianna gegenüber nicht zu offenbaren. Er war davon ausgegangen, dass ihm noch genügend Zeit bleiben würde, wenn der Krieg mit Napoleon erst vorbei wäre und er sicher sein könnte, Julianna nicht im Handumdrehen zur Witwe zu machen. Erst dann hatte er ihr sagen wollen, was er für sie empfand. Stattdessen war Julianna mit einem anderen verheiratet gewesen, als er nur wenige Monate später nach London zurückgekehrt war.

Die Julianna, die heute zu ihm gekommen war, war nicht dieselbe, in die er sich vor vier Jahren verliebt hatte. Die Julianna von damals hatte noch an die Liebe geglaubt. Jetzt lag es an Marcus, ihr zu zeigen, dass es so etwas wie Zärtlichkeit und Vergnügen sehr wohl gab. Er konnte nur hoffen, dass sie danach Gefühle für ihn entwickeln würde.

Es war eine zweifellos törichte Hoffnung, aber das war immer noch besser als die vergangenen vier Jahre, in denen er an seiner hoffnungslosen Lage in Bezug auf Julianna fast verzweifelt wäre.

Abrupt richtete sich Marcus auf. „Also gut, Julianna. Ich erkläre mich damit einverstanden, dich zu unterrichten.“ Beinahe musste er grinsen, als er einen flüchtigen Ausdruck des Triumphes auf ihrem Gesicht sah – gefolgt von einem Ausdruck der Unsicherheit, als würde sie sich fragen, was sie sich da bloß eingebrockt hatte.

„Die erste Lektion beginnt morgen früh um sechs Uhr hier. Niemand darf dich zu einem späteren Zeitpunkt ankommen oder abfahren sehen“, sagte er, während sich ihre schönen grauen Augen weiteten. „Im Grunde darf niemand sehen, wie du hier ohne Begleitung erscheinst – egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit. Das würde nur zu einem Skandal führen. Und den möchtest du doch sicherlich lieber vermeiden, oder?“ Er zog die Brauen hoch.

Natürlich wollte Julianna in keinen Skandal verwickelt sein – am wenigsten mit dem durchtriebenen Duke of Worthing. Eigentlich war sie sich gar nicht mehr sicher, ob sie überhaupt noch einmal hierhin zurückkehren wollte.

Zuvor war ihr der Plan so einfach und einleuchtend erschienen. Sie hatte geglaubt, dass ihr im Grunde nichts anderes übrig bleibe, da gewisse Gentlemen nur auf das Ende ihres Trauerjahres warteten, um ihr Avancen machen zu können. Doch hier und jetzt – in der Gegenwart des verwirrenden und vielleicht auch durchtriebenen Marcus Wilding – war sie nicht mehr so überzeugt. War es die richtige Entscheidung gewesen, unter allen Männern ausgerechnet ihn ausgewählt zu haben

Oh, sie hatte keine Bedenken, dass er seinem Ruf als vollkommener Liebhaber gerecht werden würde, doch sie zweifelte jetzt an ihrer eigenen Fähigkeit, Marcus’ faszinierender Ausstrahlung widerstehen zu können.

Ihr verstorbener Gatte hatte sich zwar nicht um ihr Vergnügen im Ehebett gekümmert, aber das bedeutete nicht, dass Julianna noch nie Lust oder Verlangen gespürt hätte. All diese Gefühle hatte einst der Mann, der jetzt am anderen Ende des Saals stand, in ihr ausgelöst.

Als Kind hatte sie Marcus Wilding wie einen Helden verehrt und sich als junge, heranwachsende Dame Hals über Kopf in den besten Freund ihres Bruders verliebt.

Diese Verliebtheit wandelte sich in leidenschaftliche Gefühle, nachdem Julianna in die Gesellschaft eingeführt wurde und den unglaublich gutaussehenden Marcus mehrmals pro Woche auf irgendeiner gesellschaftlichen Veranstaltung aus der Ferne betrachten konnte.

An ihrem achtzehnten Geburtstag bei Almack’s bat Marcus sie sogar um den ersten Walzer des Abends. Auch wenn er es zweifellos nur auf Bitten ihres Bruders tat, um ihr gesellschaftliches Ansehen zu fördern, flammte in ihrem Herzen an jenem Abend eine zarte Liebe für ihn auf. Julianna ergriff ein sengendes Verlangen, als der gutaussehende Duke seine Arme um sie legte. Jene Hitze hatte sie immer tiefer – immer intensiver – in ihrem Inneren gespürt, während er sie in den Armen gehalten und sie beim Tanzen leicht mit der Brust und seinen langen Beinen gestreift hatte.

Heute hatte Julianna innerhalb von nur wenigen Minuten in Marcus Wildings Gesellschaft erkannt, dass sie immer noch jene unerwiderte Sehnsucht nach ihm empfand. Ihre Brüste fühlten sich unter dem Oberteil ihres Kleides so schwer an.

Sehen.

Laut Marcus wurde beim Verlangen zuerst dieser Sinn angeregt. Wie sehr diese Behauptung stimmte, war ihr in den letzten Minuten, in denen sie seine makellose äußere Erscheinung betrachtet hatte, bewusst geworden!

Allein beim Anblick seines Gesichts wäre sie ihm am liebsten mit den Fingern durch die ungebändigten dunklen Locken, die ihm in die Stirn fielen und sich an den Ohren so verführerisch kräuselten, gefahren. Als er sie jetzt ansah, reichte das wissende Leuchten in seinen blassen Augen aus, um ein Zittern tief in ihrem Inneren hervorzurufen.

Was Marcus’ Mund anging: Solch einen sündhaft sinnlichen Mund durfte ein Mann einfach nicht haben. Sie konnte sich nur allzu gut vorstellen, wie er mit diesen Lippen ihren Körper liebkoste, wie er mit seinen großen, geschmeidigen Händen über ihre Haut streichelte.

„Es wird langsam Zeit, Julianna. Ich warte immer noch auf eine Antwort. Wirst du morgen wiederkommen, um mit dem Unterricht zu beginnen. Ja oder nein?“, drängte er.

Ja oder nein …

4. KAPITEL

Ah, es freut mich, dass du meinen Anweisungen von gestern gefolgt bist und zu unserem heutigen Treffen keine Trauerkleidung mehr trägst“, murmelte Marcus zufrieden am nächsten Morgen um sechs Uhr. Sein Butler hatte Julianna zu ihm gebracht, sich zurückgezogen und die Tür hinter sich geschlossen.

Julianna war sich nicht sicher gewesen, ob sie heute zum Haus von Worthing gehen sollte. Am Ende hatte sie sich nur deshalb dazu durchgerungen, weil sie wusste, dass er ihr sonst bei der nächsten Begegnung mit großem Spott begegnen würde.

Jetzt war sie über die Maßen nervös, da sie sich alleine mit Marcus in einem Raum befand, bei dem es sich allem Anschein nach um sein privates Arbeitszimmer handelte. Hinzu kam, dass Marcus’ Haar noch feucht war – wahrscheinlich hatte er kurz zuvor gebadet – und dass er zu seiner Weste weder einen Gehrock noch eine Krawatte trug. Außerdem war sein weißes Hemd am Hals aufgeknöpft, wie Julianna bemerkte, als er sich hinter den schweren Schreibtisch mit Lederauflage setzte.

Nach Marcus’ gestrigen Angaben war Sehen für gewöhnlich der erste Sinn, den ein Liebhaber anregte. Julianna zweifelte nicht daran, denn es fiel ihr schwer, zu atmen, geschweige denn von jenem verführerischen V-Ausschnitt wegzuschauen, unter dem dunkles, gekräuseltes Haar zum Vorschein kam. Wahrscheinlich bedeckte es Marcus’ ganze Brust und auch seinen Körper weiter unten.

„Gefällt dir, was du siehst?“

Julianna musste all ihre Willenskraft zusammennehmen, um den Blick langsam abzuwenden und Marcus in die Augen zu schauen. Mit der Zunge fuhr sie sich über die trockenen Lippen, bevor sie ihm antwortete: „Dein Butler hätte es mir sagen können, wenn es dir im Moment nicht passt, Besuch zu empfangen.“

Er hob die dunklen Brauen. „Es passt mir ausgezeichnet.“

„Ich … Aber … Du bist noch nicht komplett angezogen.“ Vor Nervosität sprach Julianna das Offensichtliche aus.

„Das habe ich absichtlich nicht getan, damit du dich daran erfreuen kannst“, versicherte er ihr mit tiefer Stimme. „Hast du gestern nicht gesagt, dass deine Sinne genauso angeregt werden sollen wie die des Mannes? Erregt es dich, dass ich so formlos gekleidet bin, Julianna? Antworte mir, Kleines“, wies er sie an, als sie still blieb.

„Ich … Ja!“ In den drei langen Ehejahren mit John hatte sie ihren Gatten tagsüber kein einziges Mal ohne Gehrock gesehen. Nachts war er immer in seinem bis zum Hals zugeknöpften Herrennachthemd in ihrem Schlafgemach erschienen.

Wie sie jetzt dastand und den Blick nicht von Marcus muskulösen Schultern und seiner männlichen Brust nehmen konnte! Das dünne Hemd und die seidene Weste gaben viel von seiner olivfarbenen Haut am Hals frei.

Julianna trat einen Schritt zurück, als Marcus sich hinter dem Schreitisch zu seiner ganzen, plötzlich gefährlich wirkenden Größe aufstellte. Er ging um den Tisch herum und kam direkt vor ihr zum Stehen, sodass sie den Kopf in den Nacken legen musste, um in sein schönes Gesicht, das nun ganz nahe an ihrem war, zu sehen.

Es war nicht unbemerkt an Marcus vorbeigegangen, wie Julianna beim Eintreten in das Arbeitszimmer am ganzen Körper gezittert und die Hände fest ineinander verschränkt hatte. Sie trug ein rostbraunes Kleid, das hervorragend zu ihren dichten rotgoldenen Locken passte. Auf eine Haube hatte sie verzichtet, ihr Haar war locker nach oben gesteckt. Das Zittern zeugte davon, dass sie nervös war, auch wenn sie ihn aus jenen dunkelgrauen Augen herausfordernd ansah. Offensichtlich war sie fest entschlossen, nicht auf der Stelle kehrtzumachen und die Flucht zu ergreifen.

Er freute sich sehr über ihre eigensinnige Entschlossenheit, denn er wusste, dass sie höchstwahrscheinlich nur deshalb zu ihm gekommen war. Gestern Morgen hatte sie alles andere als überzeugt davon gewirkt, noch einmal zurückzukommen, nachdem er sie mit Verhaltensregeln für ihr heutiges Treffen überschüttet hatte. Zieh in meiner Gegenwart nie wieder diese Trauerkleidung an, lege keines dieser unnötigen und verdammt lästigen Korsette unter deinem Kleid an, trag dein Haar nicht so streng … und so weiter und so fort, bis Marcus das Gefühl beschlich, Julianna würde ihn samt seinen Anweisungen in die Wüste schicken.

Stattdessen hatte sie nichts erwidert und nur die Lippen zusammengepresst, bevor sie genauso anonym wie bei ihrer Anreise wieder abgefahren war. Der schwarze Umhang hatte sie von Kopf bis Fuß verhüllt, als sie in die Kutsche gestiegen war.

Doch nun war sie gekommen. Marcus spürte, wie erregt er wurde, als er jenes locker hochgesteckte rotgoldene Haar betrachtete. Wenn er sich nicht irrte – und er war sich sicher, dass er es nicht tat –, dann trug sie kein Korsett unter dem vorteilhaften rostroten Kleid, das den Blick auf die oberen Rundungen ihrer elfenbeinfarbenen Brüste freigab. Da sie sich so nahe waren, konnte Marcus den leichten und betörenden Duft nach Rosen auf ihrer schimmernden Haut wahrnehmen.

„Ich … Ist dein Arbeitszimmer nicht ein seltsamer Ort, für … für unser zweites Treffen?“, fragte Julianna angespannt.

Marcus lächelte leicht. „Der Ort des Liebesspiels und auch die Gefahr, entdeckt zu werden, haben oft eine aphrodisierende Wirkung auf den Akt selbst. Findest du es nicht aufregend, hier in meinem Arbeitszimmer zu sein – einem Herrenzimmer, das du normalerweise nicht betreten würdest?“

Das stimmt, gestand sich Julianna verwundert ein. Es hatte etwas Verbotenes, sich mit Marcus in seinem Arbeitszimmer aufzuhalten. Es war lediglich mit jenem großen Mahagonischreibtisch, dem Stuhl dahinter und einem verzierten japanischen Wandschirm neben dem Erkerfenster eingerichtet. Wie reizvoll die Vorstellung war, auf dem Stuhl auf Marcus’ Schoß zu sitzen oder wie er sie auf den breiten Schreibtisch legen würde …

„Also, ja.“ Marcus nickte zufrieden, da die Farbe auf Juliannas Wangen und das Glitzern in ihren Augen für sich sprachen.

„Ja“, flüsterte sie atemlos und zwang sich dazu, still zu stehen, während Marcus seine lange, geschmeidige Hand hob, um ihr eine Nadel nach der anderen aus dem Haar zu ziehen. Mit geweiteten Augen schaute sie auf seinen entblößten Hals. Sie konnte sehen, wie sein Puls anfing zu rasen, als er die letzte Nadel herauszog und ihr das Haar lose um die Schultern und auf den Rücken fiel.

Marcus war offenkundig sehr davon angetan, eine Frau mit offenem Haar vor sich zu sehen. Anerkennend ließ er den Blick über ihre langen, seidigen Locken schweifen. „Ich hatte soeben eine Vorahnung, die mir die süßesten Schmerzen bereitet: wie dein feuerrotes Haar an einem nicht allzu entfernten Tag über meine nackten Schenkel fällt.“

Julianna nahm es den Atem, als sie versuchte sich vorzustellen, unter welchen Umständen ihr Haar in Berührung mit Marcus’ nackten Schenkeln kommen sollte. Wollte Marcus damit etwa sagen …? Es gab mit Sicherheit keinen Grund, warum ihr Haar jemals in die Nähe seiner … Männlichkeit kommen sollte.

„Habe ich dich etwa schockiert, Julianna?“, fragte er, als er hörte, wie sie leise die Luft einsog.

Sie schaute ihm in die Augen. „Ich habe mir nur überlegt … mir versucht vorzustellen …“ Verlegen brach sie ab.

„Wenn man das Liebesspiel voll und ganz auskosten möchte, sollte man den anderen an jeder Stelle seines Körpers berühren und liebkosen“, erklärte Marcus mit rauer Stimme. „An jeder einzelnen Stelle, Julianna.“

Sie war aufgewühlt bei der Vorstellung, die intimsten Stellen von Marcus’ Körper zu streicheln und zu küssen. Sie dachte daran, wo genau ihr Mund liegen müsste, damit ihr Haar seine Schenkel bedecken könnte.

„Du hast gesagt, dass deine Vorahnung mit einem süßen Schmerz verbunden sei“, sagte sie abrupt. „Warum solltest du bei solchen Gedanken Schmerzen empfinden?“

„Das war auf einen bestimmten Körperteil bezogen“, korrigierte er sie sanft. „Einen Körperteil, der sich aufgerichtet hat, seitdem du heute in meinem Arbeitszimmer erschienen bist“, fügte er hinzu, als sie ihn weiterhin verblüfft ansah.

Julianna wandte den Blick unvermittelt auf seine Pantalons. Ihre Wangen glühten vor Hitze, als sie seine große Erektion unter dem Stoff der Hose entdeckte. Marcus umfasste ihr Kinn und hob ihr Gesicht an, sodass ihr keine andere Wahl blieb, als in jene hellgrünen Augen zu schauen, aus denen er sie voller Unmut ansah. Sein Kiefer war angespannt, sein Mund zu einer dünnen Linie verzogen. „Was auch immer du mit diesem Mann, der niemals eine Frau hätte heiraten dürfen, erlebt hast – zwischen uns beiden wird es keine Rolle spielen. Hast du mich verstanden, Julianna?“, sagte er in schroffem, drängendem Ton.

Das tat sie! Als sie in diesem Moment in jene schönen Augen sah, verstand Julianna ganz genau, was Marcus ihr bieten – ihr geben – wollte. Er wollte ihr Anerkennung schenken – für ihre Weiblichkeit, ihre Schönheit. Vielleicht sogar Zärtlichkeit für ihre Unerfahrenheit. Solch ein Geschenk hatte John ihr nie zuteilwerden lassen.

Julianna straffte die Schultern und richtete sich auf, während sie Marcus unverwandt in die Augen sah. „Ich verstehe es, Marcus.“

Er sah sie für ein paar Sekunden prüfend an, bevor er zufrieden nickte. „Gut.“

„Ich … Hast du vor, mich zu küssen?“, platzte es aus ihr heraus, da er keine Anstalten machte, sie loszulassen.

Marcus sog scharf die Luft ein und spürte einen Nerv in seinem angespannten Kiefer pulsieren. „Das Berühren werden wir erst in ein paar Tagen im Unterricht behandeln.“

„Aber hast du nicht gesagt, dass sich das Liebesspiel immer spontan ereignen soll?“

Er unterdrückte ein Grinsen, da sie nicht nur in herausforderndem, sondern auch neckendem Ton gesprochen hatte. „Man sagt auch, die Vorfreude sei die schönste Freude“, erwiderte er spöttisch.

„Aber mit Schmerzen verbunden“, erinnerte ihn Julianna, aus deren dunklen Augen jetzt der Schalk blitzte.

Marcus war sehr erfreut über ihren Scherz und den neckenden Ton, denn so gelöst hatte er sie schon seit geraumer Zeit nicht mehr erlebt. Auf einmal wurde ihm bewusst, wie sehr er Julianna, den kleinen Wildfang, vermisst hatte!

Er wünschte sich nichts sehnlicher, als ihre Herausforderung anzunehmen und sie zu küssen. Das würde jedoch einer Kapitulation gleichkommen, die ihr zeigen würde, dass in Wahrheit die Schülerin alle Macht über den Lehrer besaß.

Diesen Umstand konnte er ihr noch nicht offenbaren.

Abrupt ließ Marcus sie los, bevor er zurücktrat und wieder hinter dem Mahagonischreibtisch Platz nahm. „Ich denke, der Unterricht ist für heute beendet.“ Einen Moment länger und er würde ernsthaft Gefahr laufen, ihr zu enthüllen, wie sehr er von seiner Liebe für sie beherrscht wurde.

„Aber ich bin erst seit ein paar Minuten hier …“

„Ich habe gesagt, der Unterricht ist für heute vorbei.“

Gerade in dem Moment, als Julianna das Gefühl bekam, kurz vor einer Entdeckung zu stehen, schickte er sie fort. Wie genau diese Entdeckung ausgesehen hätte, wusste sie nicht, aber Marcus’ Griff um ihr Kinn war sehr sanft geworden. Auch in seinen Augen hatte sie etwas gesehen: eine flüchtige, nicht deutbare Gefühlsregung, bevor sein Blick nichtssagend geworden war und Marcus sich unvermittelt von ihr zurückgezogen hatte.

Jene flüchtige Gefühlsregung noch einmal sehen und spüren zu können – danach sehnte sich Julianna, die sich mit jeder Faser ihres ...

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