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HISTORICAL MYLADY BAND 561

ANN LETHBRIDGE

Liebeserwachen in den Highlands

Seit einem grausamen Verrat glaubt Drew Gilvry nicht mehr an die Liebe. Nur noch ein Gefühl treibt ihn zurück nach Schottland: Rache! Aber zuerst muss er Lady Rowena eine Nachricht überbringen. Das ist für ihn nicht mehr als eine Nebensache – bis er ihr tief in die faszinierenden Augen sieht und die Welt um ihn herum stillzustehen scheint …

MARGARET MCPHEE

Wie verführt man einen Viscount?

London 1807. Eigentlich ist es für Viscount Stanley ein Theaterbesuch wie jeder andere … aber plötzlich stockt ihm der Atem: Eine betörende Kurtisane betritt seine Loge, als ob sie seine Geliebte sei. Was für ein Skandal, schließlich ist er verheiratet! Doch dann ahnt er, wer die sinnlich blühende Rose wirklich ist und sein Herz schlägt ihm bis zum Hals …

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Liebeserwachen in den Highlands

1. Kapitel

Dundee, November 1822

Wie konnte er nur? Rowena MacDonalds Zorn steigerte sich mit jedem Ruderschlag des Beibootes, das die grauen Wellen zwischen dem Segelschiff und dem Kai, auf dem sie stand, querte. Sie hüllte sich tiefer in ihren abgetragenen Umhang, um den scharf von der Nordsee her wehenden Novemberwind abzuhalten.

Der düstere Nachmittag passte zu ihrer Stimmung. Wie konnte ihr Ehemann nach zweijähriger Abwesenheit, während der er nicht ein einziges Wort von sich hatte verlauten lassen, von ihr verlangen, dass sie ihn nun in Schottland freudig empfing? Die Wut, die sie zwei lange Jahre mühsam unterdrückt hatte, wühlte sie ebenso stark auf wie der Wind die schäumenden Wellen.

Der Brief, von ihrer vorherigen Anschrift weitergeleitet, hatte sie an ihrer neuen Arbeitsstelle so spät erreicht, dass sie nur so eben noch rechtzeitig zur Ankunft des Schiffes hatte anreisen können. Kurz hatte sie mit dem Gedanken gespielt, der Aufforderung nicht zu folgen. Doch er war ihr Ehemann und besaß die Macht, ihr Leben endgültig zu ruinieren. Nachdem sie sich ihrer Freiheit schon so sicher gewesen war, hatte er sie nur zu leicht aufgestöbert und sie zur Fügsamkeit gezwungen.

Zumindest glaubte er dies. Aber er würde sich ein paar unliebsame Wahrheiten anhören müssen. Unmissverständlich würde sie ihm zu verstehen geben, dass sie ihm seine Lügen ihr Leben lang nicht verzeihen würde. So wenig wie ihre Seelenpein, nachdem sie erkannt hatte, wie erbärmlich sie gewesen war, tatsächlich zu glauben, er habe sie nicht nur wegen ihres Vermögens, sondern auch aus zärtlichen Gefühlen für sie geheiratet.

Nicht Liebe. Dass es nicht Liebe war, hatte sie gewusst, aber sie hatte gedacht, er mache sich etwas aus ihr, zumindest ein bisschen.

Sie verdrängte den schmerzhaften Stich, den der Gedanke an seinen Verrat erzeugte. Sie würde ihm nicht zeigen, wie tief er sie verletzt hatte. Oder wie sehr sie die Begegnung mit ihm fürchtete. Sie musste einen kühlen Kopf bewahren. Tief sog sie die salzige Luft ein und stählte sich gegen jedes winzige Anzeichen von Schwäche. Dass ihre Augen tränten, kam einzig und allein von dem unbarmherzigen Seewind.

Das Boot kam näher. Nah genug, um die Insassen zu sehen. Sechs Matrosen an den Rudern. Drei Passagiere aus Amerika, die das letzte Handelsschiff genutzt hatten, ehe der Wintereinbruch die Atlantiküberquerung unmöglich machte. Alles Männer, gegen den Wind tief in Mäntel, Hüte und Schals gehüllt. Und, sehr merkwürdig, ein großes, fassartiges Gebilde, das aufrecht im Heck des Bootes stand.

Ihr Magen krampfte sich unangenehm zusammen. Keiner der Passagiere ähnelte auch nur im Mindesten ihrem Ehemann. Zugegeben, sie waren erst zwei Monate verheiratet gewesen, als Samuel sich davongestohlen hatte wie der sprichwörtliche Dieb in der Nacht. Aber gewiss würde sie ihn doch aus dieser Entfernung erkennen, auch wenn sie ihrer Körpergröße zum Trotz nur schlechte Sicht hatte, weil die anderen Wartenden auf dem Pier sich dicht um sie drängten. Hier auf dieser Seite der Absperrung standen Hafenarbeiter, um gleich die Schiffsfracht zu löschen. Eine Mutter mit zwei Kindern, die aufgeregt das Anlegen des Bootes und zweifellos die Begrüßung eines lieben Angehörigen erwartete. Alle mussten sich gedulden, bis die Formalitäten erledigt waren. Der Besuch beim Hafenmeister, Sichtung der Pässe, Papiere beim Zoll. Und immer noch konnte Rowena ihren Gemahl unter denen, die über den Landungssteg auf den Kai traten, nicht ausmachen.

Hatte er sie erneut belogen? Es sich anders überlegt?

Ihr sank das Herz. Fester umklammerte sie ihr Retikül, in dem sein Brief steckte. Seine Anweisung, ihn in Dundee am Dock zu erwarten.

Wie hatte sie sich je einem so unzuverlässigen Mann anvertrauen können? Traurigerweise wusste sie genau, warum. Weil sie ihm hatte glauben wollen, anstatt sich auf ihr vor Langem schon erworbenes Wissen zu verlassen: Schmucke Gentlemen verliebten sich nicht in Frauen ihres Typs. Nie und nimmer. Wie er ihr nach der Hochzeit klargemacht hatte, war es eine Vernunftehe, vermittelt durch ihren Cousin, dem eigentlich ihre Interessen hätten am Herzen liegen sollen. Was nicht der Fall gewesen war.

Zwei der Passagiere entfernten sich vom Kai, einer schmiegte sich in die Arme der kleinen Familie, die ihn unter freudigem Jubel begrüßte. Der zweite winkte eine wartende Kutsche heran und fuhr davon.

Endlich kam der dritte, ein hochgewachsener Mann von kraftvoller, sehniger Gestalt, mit dem Gebaren eines Mannes im Vollbesitz seiner Kraft. Er ging mit weit ausholenden, geschmeidigen Schritten, sodass der offene Mantel hinter ihm her wehte, über den Kai und bewegte sich, als gehörte der Boden unter seinen Füßen von Rechts wegen ihm. Bilder des Piraten mit den starken, geschickten Fingern und dem sündigen Mund, der ihre Träume beherrschte, tauchten vor Rowenas innerem Auge auf.

Verärgert kniff sie die Augen zu, wehrte sich gegen das aufflackernde Begehren tief in ihrem Leib. Voller Scham ignorierte sie die wollüstigen Empfindungen. Wenn je jemand die sündhaften Gedanken erriet, die sie in den langen Nächten heimsuchten, würde man sie mit Schimpf und Schande davonjagen.

Sie zwang sich zurück in die Realität. Zu dem Matrosen mit der Schubkarre, auf der die seltsame Tonne aus dem Boot ruhte.

Und es war immer noch nichts von Samuel zu entdecken.

Sie war sich nicht sicher, ob das Gefühl in ihrer Brust nun eher Zorn war oder Erleichterung. Oder vielleicht unbegründete Hoffnung? Sie spähte nach dem Schiff, das draußen vor Anker lag. Kam vielleicht noch ein zweites Boot? Hatte es aus irgendeinem Grund an Bord eine Verzögerung gegeben?

Der letzte Passagier war nun auf ihrer Höhe. Den Kopf derart in einen Schal gewickelt, dass man unter dem tief ins Gesicht gezogenen Hut nur seine Augen sehen konnte. Er trug einen modischen Reisemantel, ein Ding mit vielen Schulterkragen, wie Samuel es während seines überstürzten Werbens um sie getragen hatte. Er war ihm zu eng. Zu kurz. Vielleicht trug der Mann ihn deshalb unverschlossen. Seine Stiefel waren zerschrammt und abgetragen. Ein Mann, der sich trotz seiner stolzen Haltung in Kleider aus zweiter Hand hüllte.

„Mrs MacDonald?“ Der Mann sprach im Tonfall der Highlands, und seine Stimme klang rau, als hätte er sie lange nicht benutzt. Und er hatte ihren Namen gesagt. Wenn möglich sank ihr das Herz noch tiefer. Samuel hatte sie abermals zum Narren gehalten.

Vom Gesicht des Mannes konnte sie nichts erkennen als ein Paar wachsamer grüner Augen. Sie erinnerten an tiefe Ozeane und ungezähmte Geschöpfe der Wälder. „Ich bin Mrs MacDonald“, bestätigte sie, unfähig ihrer Stimme die Schärfe zu nehmen.

Er verbeugte sich, die Hand aufs Herz gelegt, und hob kurz den Hut. „Andrew Gilvry, zu Ihren Diensten.“

Also hatte sie recht gehabt. Samuel hatte sie für nichts und wieder nichts hierher bestellt. „Und wo, wenn ich fragen darf, ist mein Gemahl?“

Er zuckte ein wenig vor ihrer hochmütig vorgebrachten Frage zurück. „Verzeihung …“

Sie reckte sich zu voller Größe auf, wie sie es bei ihren Schülern zu machen pflegte. Und weswegen man sie „Drache“ nannte, wenn man sie außer Hörweite glaubte. Nicht die jüngeren Knaben. Oder die Mädchen. Bei denen war solche Demonstration von Macht nicht notwendig. Bei den beiden halbwüchsigen Jungen war es anders. Die würden sofort jedes Anzeichen von mangelnder Stärke zu ihrem Vorteil ausnutzen.

„Also war er doch nicht auf dem Schiff.“ Der Zorn, den sie so sorgsam gezügelt hatte, stieg kochend in ihrer Brust empor.

Der Mann zögerte kurz. „Mir scheint, Sie erhielten meinen Brief nicht?“

Was? Wollte er ihr irgendeine Ausrede wegen Samuels Ausbleiben auftischen? „Ich erhielt nur einen Brief, und der war von meinem Gemahl. Darin forderte er mich auf, ihn hier zur Ankunft dieses Schiffes zu treffen. Und nun war er doch nicht an Bord.“

„Er war an Bord, wenn man so will“, sagte der Mann sanft, so wie man sprach, wenn man schlechte Nachricht zu überbringen hatte. „Er bedachte mich mit dem Auftrag, seine Überreste heimzuführen zu seiner Familie.“

Ihr blieb der Atem weg. Ihr Herzschlag stockte, als wäre alles Blut aus ihrem Körper gewichen. Der Boden unter ihren Füßen schien zu schwanken. „Seine Überreste?“, flüsterte sie.

„Aye.“ Er fasste sie stützend beim Ellenbogen, da er offensichtlich fürchtete, sie könnte ohnmächtig werden. Mit der Bewegung schwang sein Mantel weit aus und flatterte wild im Wind. Er trug keine Handschuhe, und die Wärme seiner Haut verursachte Rowena ein Prickeln bis hinauf in die Schultern. Erfasste ihre Brüste. Wie konnte das sein? Drängte sich der Pirat in den Vordergrund, um sie nun auch bei Tag zu quälen?

Gewaltsam rief sie ihre Gedanken zur Ordnung. „Sie wollen sagen, er ist tot?“

Er nickte knapp. „Mein Beileid, Ma’am. Er wurde von Indianern getötet, in den Bergen North Carolinas. Ich war bei ihm, als er starb.“

Sie starrte die Tonne an, holte tief Luft. Einmal, zweimal, ein drittes Mal. „Aber warum? Warum ihn herbringen?“

Obwohl sie sein Gesicht nicht sehen konnte, glaubte sie zu spüren, dass er sich weit weg wünschte. Und dass ihm ihre Frage Unbehagen bereitete.

„Er wollte in Schottland begraben werden.“ Er ließ ihren Arm los und trat zurück. „Ich gab ihm mein Wort, seine sterblichen Reste herzubringen. Und das tat ich. Beziehungsweise, werde es getan haben, wenn ich das …“ Er wies auf den Karren. „… einem Bevollmächtigten des Duke of Mere übergeben habe.“

„Der Duke of Mere? Was in aller Welt soll der damit zu tun haben?“

Die blonden Brauen, die unterhalb der Hutkrempe so eben hervorlugten, wurden zusammengezogen. „Er ist der Testamentsvollstrecker Ihres Gatten.“

Angesichts ihres Kummers wand Drew sich innerlich vor Schuldgefühlen. Wenn er nicht gewesen wäre, stünde vielleicht an seiner Statt Samuel MacDonald hier auf diesem Kai und begrüßte seine Ehefrau. Mrs MacDonald sah aus, als könnte sie jeden Moment in Ohnmacht fallen, doch sie erneut helfend zu stützen stand außer Frage. Sie ähnelte nicht im Mindesten der Furie, die ihm angekündigt worden war. Ein wahrer Drache von Weib, war die Aussage gewesen.

Natürlich sah er, warum Samuel McDonald ihre Erscheinung einschüchternd und abschreckend gefunden haben mochte. Sie war beeindruckend groß für eine Frau, wenn sie ihm selbst auch nur knapp bis zur Augenhöhe reichte, und sie war schlank wie ein rassiges Rennpferd, beinahe schon mager.

Hübsch würde man sie gemeinhin nicht nennen. Dafür waren ihre Züge zu herb für eine Frau. Das Kinn nicht weiblich sanft, sondern ein wenig zu eckig, die Nase schmal und lang und ganz leicht gebogen. Das Schönste an ihr waren ihre Augen, taubengrau, klar und hell und viel zu intelligent, um sich als Mann in ihrer Gegenwart wohlzufühlen. Und doch fand er sie aus irgendeinem seltsamen Grund anziehend, vielleicht gar faszinierend.

Er bekämpfte die Regung. Das war die Auswirkung von zu viel Zeit in rein männlicher Gesellschaft auf dem Schiff, nachdem er doch gewohnt gewesen war – verdammt! Warum dachte er jetzt daran? Innerlich schüttelte er sich vor Ekel. Nicht nur hatte die Frau gerade erfahren, dass sie Witwe war, dazu kam, dass es wohl keine Frau auf Erden gab, der seine Aufmerksamkeiten willkommen wären. Wenn er nicht dafür zahlte. Besonders, wenn sie erst sein Gesicht sahen.

Die altbekannte Wut erwachte in ihm zum Leben. Wie ein sorgfältig gehütetes Feuer glomm in ihm stets das Verlangen, Rache zu üben für das, was ihm angetan worden war. Er würde keine Ruhe geben, bis er seinem Bruder Gerechtigkeit abgerungen hatte.

Um sich von seinen finsteren Gedanken abzulenken, schaute er zum Himmel auf. Es war früher Nachmittag, drei Uhr, doch die Sonne neigte sich schon, und weit und breit war nichts von dem Rechtsanwalt zu sehen, der sich dieser Angelegenheit hier annehmen sollte. Zur Hölle mit allen Anwälten.

Düster ließ er den Blick über den Kai schweifen. „Wo ist Ihre Kutsche, Mrs MacDonald?“

„Meine Kutsche?“, fragte sie ratlos.

Also keine Kutsche. Dann also eine Mietdroschke? Oder war sie die eine Meile aus der Stadt zu Fuß gekommen – hatte die große Reisetasche, die zu ihren Füßen stand, mit der Hand geschleppt? Der abgetragene Umhang, die zweckmäßigen Schuhe, die bescheidene, schmucklose Haube – Dinge, die er zu früheren Zeiten mit einem Blick erfasst hätte, fielen ihm erst jetzt ins Auge. Aye, sie war zu Fuß gekommen. Für einen Mann, der mit seinen guten Verbindungen und seinem aufstrebenden Reichtum prahlte, hatte MacDonald seine Gemahlin nicht gerade gut versorgt.

Also würde Drew einspringen müssen. Wenigstens für einen Tag, oder zwei?

Mit einer Geste bedeutete er ihr, zur Straße am Ende des Landeplatzes zu gehen. „Haben Sie in der Stadt ein Zimmer für die Nacht bestellt?“

Irritiert musterte sie ihn. „Natürlich nicht, Mr Gilvry. Ich muss zurück zu meiner Arbeit. Ich verbrachte schon die vergangene Nacht hier, muss aber heute wieder fort.“

Ihre nüchterne Art angesichts der Widrigkeiten überraschte ihn. Eine Frau, die sich nicht leicht Befehlen unterwerfen würde. Die aufflammende Hitze tief in seinem Leib kam vollkommen überraschend. Er konnte sich doch nicht zu dieser herrschsüchtigen Frau – so hatte ihr Gatte sie mit höchst unschmeichelhaften Worten beschrieben – hingezogen fühlen! Nur konnte er nicht leugnen, dass eine Welle der Lust durch seine Adern rauschte. Hatte sein jahrelanger Aufenthalt unter den Indianern seine Männlichkeit untergraben? Der Gedanke ließ ihn schlucken. Doch er wusste, das konnte nicht sein.

Widernatürlicher Dreckskerl. Mehr als einmal hatte er diesen Vorwurf von den Frauen gehört, die er in sein Bett holte. Diese hier würde nicht dazu zählen.

Je früher er sie bei der Familie ihres Ehemannes ablieferte und seine Abrechnung mit Ian hinter sich brachte, desto besser. „Ich versprach, Sie sicher der Familie Ihres Gatten zu übergeben. Zweifellos wird der Anwalt morgen Früh hier sein. Oder ich schicke ihm eine weitere Nachricht. Suchen wir uns einen Wagen und …“ Er schaute zurück zu dem Matrosen mit dem Karren, der ungeduldig von einem Fuß auf den anderen trat.

Als Rowena seinem Blick folgte, rann ihr ein kleiner Schauder über den Rücken. Eindeutig war sie nicht so ungerührt, wie es ihr lieb gewesen wäre.

„Gut denn“, stimmte sie zu. „Ich werde mir anhören, was dieser Anwalt zu sagen hat, wenn er morgen eintrifft. Die Postkutsche setzte mich am Gasthaus Crown ab. Begeben wir uns dorthin. Ich werde mein Ticket auf morgen Abend abändern lassen. Länger kann ich auf keinen Fall bleiben.“

Angesichts ihrer praktischen Art unterdrückte Drew einen erleichterten Seufzer. Fest hatte er damit gerechnet, mit Anfällen von weiblicher Überspanntheit konfrontiert zu werden. Aber bestimmt kam das später noch, wenn sie erst sein Gesicht vollständig gesehen hatte.

„Am Ende des Kais finden Sie eine Mietkutsche“, kam es von dem Matrosen, der offensichtlich ihrem Gespräch gelauscht hatte. Dann schob der Mann mit seinem Karren davon und überließ es Drew, Mrs MacDonald zu eskortieren und ihre Reisetasche zu tragen.

Sie hielt sich kerzengerade, sie wirkte vollkommen gefasst, sodass er darauf verzichtete, ihr seinen Arm als Stütze zu bieten. Ganz eindeutig brauchte sie seine Hilfe nicht. Warum also hatte er das Gefühl, dass sie trotz ihrer äußeren Haltung kurz vor einem Zusammenbruch stand? Sie sah nicht schwächlich aus. Alles andere als das. Wie sie so aufrecht dahinmarschierte, hätte sie einem General das Wasser reichen können. Trotzdem wurde er den Eindruck nicht los, dass sie, hinter ihrer Unnahbarkeit, zu Tode erschrocken war. Die Frau war wirklich ein Rätsel. Eins, das er nicht zu lösen gedachte.

Wie der Matrose gesagt hatte, fanden sie am genannten Platz eine Droschke, die sie in die Stadtmitte bringen würde. Drew half der Witwe in den Wagen, beaufsichtigte das Verstauen des Gepäcks und kletterte dann zum Kutscher auf den Bock. Das würde ihr Zeit geben, sich mit ihren neuen Umständen auseinanderzusetzen. Und mir gestatten, ihren Fragen auszuweichen, gestand er sich grimmig ein.

Das Hotel lag im Zentrum Dundees, etwa eine Meile vom Kai entfernt, und als der Wagen hielt, stieg Drew ab und überwachte das Abladen der Tonne mit dem makabren Inhalt. Seine abgeschabte Reisetasche stellte der Kutscher daneben auf dem Pflaster ab.

Eine ganze Weile starrte Mrs MacDonald das lederne Gepäckstück an. Dann hob sie den Blick und sah Drew in die Augen. Sein Magen drehte sich leicht. Sie musste es als das Eigentum ihres Gatten erkannt haben. Ihm blieb nichts übrig, als auf ihre stumme Frage zu antworten.

„Sie sehen richtig. Es ist die Tasche Ihres Gatten“, sagte er. „Ich bediente mich an seiner Kleidung, da ich meine zurückzulassen gezwungen war.“

Nicht, dass er viel besessen hätte, außer man betrachtete einen Lendenschurz und ein Paar Mokassins als viel.

Sie räusperte sich. „Und Sie fuhren mit seinem Ticket?“

Hatte er sich also nicht geirrt, hinter dieser hohen Stirn wohnte ein rascher Verstand. „Da er die Reise im Schiffsbauch machte, sah ich keinen Grund, ein zweites zu erwerben.“ Innerlich zuckte er ob seines kalten Tons zusammen. „Und ich benutzte, was er noch an Geld hatte, für die notwendigen Ausgaben.“ Wie etwa diesen provisorischen Sarg. Und ein Paar Stiefel für sich, da er wohl kaum hätte barfuß reisen können und ihm MacDonalds zu klein waren. Immerhin hatte er die billigsten gekauft, die aufzutreiben gewesen waren.

„Wie praktisch“, äußerte sie trocken.

Sie verdächtigte ihn, ihren Ehemann beiseitegeschafft und seine Habe gestohlen zu haben. Und je nachdem, wie man die Vorgänge auslegte, war es auch so. Er begegnete ihrem Blick geradeheraus. „Ich gab Ihrem Mann mein Wort, dass er mit diesem Schiff reisen würde, Mrs MacDonald. Ich habe mein Versprechen gehalten.“

Aus Schuldgefühlen heraus. MacDonald hatte nicht erwartet, dass er auf dem Weg zurück in die Zivilisation sterben würde. In seinen Fieberfantasien hatte er ununterbrochen von seiner glänzenden Zukunft geredet. Von Reichtümern jenseits aller Träume. Reichtümer, die nun, da er tot war, zweifellos ungehoben blieben.

Wieder plagten Drew die Schuldgefühle. Doch die würden weder etwas an dem Geschehenen ändern, noch an seinem Beschluss, seine sich selbst auferlegte Pflicht zu erfüllen. Er würde MacDonalds sterbliche Hülle sicher zu dem Anwalt schaffen und mehr nicht. Wie auch die trauernde Witwe. Aber nichts darüber hinaus.

Er nahm die Tasche auf und betrat das Gasthaus.

„Sie sind vom Schiff?“, fragte der Wirt, der sie an der Tür empfing.

„Ja. Die Dame braucht ein Zimmer mit Privatsalon“, erklärte Gilvry. „Ich selbst mache mir ein Lager im Stall.“

Der Wirt musterte ihn von oben bis unten, wie um zu sehen, ob er spaße.

„Ich brauche nur ein Zimmer“, sagte Mrs McDonald. Sie stand hinter Drew, ihr Retikül an die Brust gedrückt, als fürchtete sie, dass dessen Inhalt vielleicht nicht für die Bezahlung der Übernachtung reiche.

Drew holte MacDonalds Börse hervor und klimperte mit den wenigen verbliebenen Geldstücken. „Der Gemahl der Dame beauftragte mich, gut für sie zu sorgen. Also bitte ein Zimmer mit Privatsalon, und stellen Sie ein Mädchen zur Verfügung. Mrs MacDonald wird auf ihrem Zimmer speisen.“

Der Wirt verbeugte sich. „Hier entlang bitte, Madam.“

„Sorgen Sie sich nicht um das übrige Gepäck, Mrs MacDonald“, sagte Drew, als sie, sprachlos vor Entrüstung, dem Wirt die Treppe hinauf folgte. „Es ist bei mir sicher.“

Über die Schulter hinweg warf sie ihm einen Blick voller Abneigung zu. „Dann wünsche ich Ihnen eine gute Nacht, Mr Gilvry.“

Ah, Ironie. Die hatte er während all der Jahre vermisst. Zweifellos hoffte sie, ihr Gemahl würde ihm als Geist erscheinen. Was wohl gut der Fall sein könnte, denn in gewisser Weise ging der Mann ihm, seit er tot war, nicht mehr aus dem Sinn.

Drew wandte sich um und stapfte hinaus in den Hof.

Erst als Rowena in ihrem Zimmer Umhang und Kopfbedeckung abgelegt hatte, drang die Nachricht vollends in ihr Bewusstsein ein. Samuel MacDonald war tot.

Sie schloss die Augen, da ein jäher Schmerz ihre Schläfen durchzuckte und ihre Gedanken in ihrem Kopf einen wilden Reigen zu tanzen begannen. Sie musste in Ruhe nachdenken.

Sie war nun Witwe.

Eine mittellose Witwe, verbesserte sie sich. Sie hatte nur wenig Hoffnung, dass von dem Geld, das Samuel aus dem Verkauf des Geschäftsanteils ihres Vaters erlöst hatte, noch etwas übrig war. Nach seiner plötzlichen Abreise nach Amerika war sie von Gläubigern förmlich überfallen worden, sodass ihr keine andere Wahl geblieben war, als eine Arbeit zu finden, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Wieder kochte in ihr Zorn ob ihrer Dummheit hoch. Wie hatte sie so blauäugig sein können, nachdem sie doch jahrelang zahllose Mitgiftjäger abgewehrt hatte?

Doch sie wusste, wieso. Ihr Vater starb, als sie erst achtzehn gewesen war, danach hatte sie bei der Familie seines Cousins gewohnt, der gleichzeitig sein Geschäftspartner gewesen war. Es war ihr verhasst. Nicht, dass diese Angehörigen besonders unfreundlich zu ihr gewesen wären, doch während ihr Vater ihren Verstand respektiert und auf ihre Ratschläge gehört hatte, bestand ihr Cousin darauf, dass sie alle geschäftlichen Angelegenheiten ihm überlasse. Er schätzte ihre Ansichten nicht im Geringsten.

Seiner Meinung nach waren Frauen hirnlos. Für nichts anderes gut, als den Arm eines Mannes zu zieren und seinen Haushalt zu führen.

Und dann hatte er mit dieser Vorstellung auch noch recht behalten: Sie erlag den Blendungen eines Erzhalunken, der sich aus dem Staub machte, kaum dass er ihr Geld in den Händen hielt, und es ihr überließ, sich den Gläubigern zu stellen, die zu bezahlen er offensichtlich vergessen hatte. Ihr Cousin, der sie doch zu dieser Heirat ermutigt hatte, hatte sich von ihr abgewandt, was ihm allerdings nicht allzu schwergefallen sein durfte, nachdem ihm ja nun die gesamte Firma gehörte.

Sie streifte ihre dünnen Lederhandschuh ab und setzte sich in den Sessel beim Kamin, streckte die eiskalten Hände den Flammen entgegen und schwelgte in der Wärme. Wie lange war es her, seit sie ein solch munteres Feuer genossen hatte? Allerdings vermochte auch die behagliche Wärme nicht, die unliebsamen Gedanken zu vertreiben.

Ob ihr Cousin, der damals mit der rechtlichen Seite ihrer Eheschließung betraut gewesen war, womöglich darauf bestanden hatte, dass Samuel in irgendeiner Form für ihre Zukunft Vorsorge traf?

Wenn ja, dann wäre es tröstlich zu wissen, von ihrem einzigen Angehörigen nicht völlig übervorteilt worden zu sein, nachdem sie in einem Anfall von Unvernunft Samuels Antrag angenommen hatte. Als sie erfahren hatte, dass ihr Cousin unmittelbar nach ihrer Heirat ihre Hälfte des Familienunternehmens zu einem weit unter dem tatsächlichen Wert liegenden Preis erworben hatte, hatte sie ihn geheimer Absprachen verdächtigt.

Vielleicht hatte sie ihn falsch eingeschätzt? Und auch Samuel? Zumindest teilweise, falls tatsächlich Vereinbarungen bezüglich ihrer Zukunft getroffen worden waren.

Samuel war tot.

So wenigstens sagte Mr Gilvry. Doch wie konnte sie sich dessen sicher sein? Sie wäre eine Närrin, wenn sie den Worten eines Mannes unbesehen glaubte. Und Mr Gilvrys Gesicht war ihr bisher nicht einmal vor die Augen gekommen. Zwar hatte er bei der Begrüßung den Hut gelüftet, jedoch den Schal nicht abgelegt. Auch nicht beim Eintritt in das Gasthaus.

Sie konnte sich an nichts halten als an das, was sie in einem Paar durchdringender grüner Augen gesehen und in einer tiefen Stimme mit dem wundervollen Tonfall der Highlands gehört hatte. Und dann war da tief in ihr dieses Vibrieren gewesen. Ein physischer Reiz. Etwas, dem sie ihren Erfahrungen nach nicht trauen sollte. Im Übrigen hatte er ihr gar nicht erzählt, was Samuel zugestoßen war. Welchen ihr unerfindlichen Grund konnte es für seine Schweigsamkeit geben?

Sie erhob sich und läutete. Nicht lange, und das Mädchen erschien, das die Wirtin Rowena zur Verfügung gestellt hatte, und fragte nach ihren Wünschen. „Seien Sie so gut und sagen Mr Gilvry, dass ich ihn sofort sprechen möchte.“ Nach einem Blick auf die Uhr fügte sie hinzu: „Und bitte richten Sie in der Küche aus, man möchte um halb acht ein Dinner für zwei Personen servieren.“

Das Mädchen knickste und ging wieder.

Nun blieb es abzuwarten, ob er ihrer Aufforderung nachkam. Und wenn nicht? Dann wusste sie, dass sie ihm nicht trauen durfte.

Und wenn er käme? Hieß das, sie konnte ihm trauen? Eher nicht. Doch es würde dazu beitragen, ihr die seltsamen Gefühle zu nehmen, die sie in seiner Gegenwart überkamen. Er war nur ein Mann, kein Rätsel, das es zu lösen galt. Sie wollte einfach die Tatsachen über den Tod ihres Mannes erfahren.

Sie öffnete die Tür auf den Gang hinaus. Er sollte nicht wie ein Dienstbote an der Tür klopfen müssen. Wie kam sie nur darauf, Rücksicht auf den Stolz dieses Mannes zu nehmen? Kopfschüttelnd ließ sie sich wieder auf dem Sessel am Kamin gegenüber der Tür nieder.

Wenige Minuten später erschien er vor ihr; seine breiten Schultern füllten fast den Türrahmen aus. Wie merkwürdig, dass sie ihn nicht hatte kommen hören, obwohl sie auf seine Schritte gelauscht hatte. Auch hatte sie auf dem Kai offenbar nicht bemerkt, wie groß er tatsächlich war.

Sie furchte die Stirn. Immer noch trug er diesen Schal, dicht um den Kopf gewickelt und bis zu den Augen hochgezogen.

Wie zuvor der Mantel, in dem er vom Schiff kommend gesteckt hatte, passte ihm auch der Gehrock mehr schlecht als recht; der Stoff spannte über den Schultern, hing ihm aber um die Taille, und unter den Ärmeln guckte ein viel zu breiter Streifen der Manschetten hervor. Auch seine Pantalons lagen sehr eng an, zeigten die Umrisse seiner kräftigen Wadenmuskeln und der langen, sehnigen Schenkel und seiner – sie zwang ihren Blick hinauf zu seinen Augen. „Bitte kommen Sie herein, Mr Gilvry. Wenn Sie bitte die Tür offen lassen wollen …“

Die Dienstboten hier sollten nicht darüber klatschen, dass sie einen Mann allein in ihrem Zimmer empfing. Die Leute waren nur zu schnell mit einem Urteil bei der Hand, und sie konnte keinen Skandal brauchen, der ihren Ruf bei ihrer Dienstherrin ruinierte.

Der Mann trat nicht schlicht ins Zimmer, er pirschte sich geradezu an Rowena heran, um die ihm hingestreckte Hand zu ergreifen. Sein Gang war leise, geschmeidig, leicht wie die Luft, doch unglaublich männlich.

Der Gang, der ihr schon auf dem Kai aufgefallen war. Der Gang eines Jägers, der seiner Beute auflauert. Oder der eines plünderungswilligen Piraten oder eines Jungfrauen raubenden Scheichs. Ganz Mann. Ganz Gefahr. Ihr rann ein verräterischer kleiner Schauer über den Rücken.

Während sie sich noch bemühte, ihre Reaktion auf seine Person zu verbergen, deutete sie kühl auf einen Sitz ihr gegenüber am Kamin, so, wie sie einen aufsässigen Schüler dirigieren würde. „Nehmen Sie Platz.“

Er setzte sich, leise und anmutig. Aber warum verbarg er sein Gesicht? Am Hafen hatte sie sich wegen des Schals nichts gedacht. Schließlich hatte sie sich gegen den bitterkalten Novemberwind genauso tief in die Falten ihres Kragens geschmiegt.

„Machen Sie es sich doch bequem.“ Sie schaute vielsagend auf seinen Schal.

Die breite Brust hob und senkte sich unter einem tiefen Atemzug. Er straffte die Schultern. „Das könnten Sie bereuen.“ In seinem Tonfall lag bitterer Humor und noch etwas, das sie sich nicht erklären konnte. Trotz? Herausforderung? Courage?

Sich zur Seite wendend wickelte er den Schal ab. So konnte sie zuerst nur seine linke Gesichtshälfte sehen und sein Haar, von sattem, rötlichem Blond, dick und ungewöhnlich lang. Seine Haut hatte einen warmen, goldenen Bronzeton. Im Profil sah er aus wie die Alabasterbüste eines griechischen Gottes, nur in warm und lebendig. Noch nie hatte sie einen so schönen Mann gesehen.

Dann drehte er den Kopf und wandte ihr sein Gesicht voll zu.

Aufkeuchend fuhr sie zurück. Über seine rechte Gesichtshälfte zogen sich mehrere Narben; zackige, unsauber verheilte Wülste verliefen vom Wangenknochen zum Kinn und verzerrten seinen Mundwinkel zu einem ewig höhnischen Lächeln. Eine grässliche Verstümmelung reinster männlicher Schönheit. Sie hätte weinen mögen.

„Ich hatte Sie gewarnt.“ Offensichtlich resigniert griff er nach dem Schal.

Wie viele Leute schon hatten sich bei seinem Anblick entsetzt abgewandt? Abgewandt von einem Mann, der einmal ob seiner ungewöhnlich schönen Züge alle Blicke auf sich gezogen haben musste.

„Das war nicht nötig“, entgegnete sie fest. Sie ärgerte sich über sich selbst, dass sie ihre Überraschung derart offen gezeigt hatte. „Möchten Sie ein Glas Whisky?“ Sie wollte aufstehen.

Sichtlich erleichtert sprang er auf die Füße. „Ich bediene mich schon selbst.“ Er ging zu einem Tisch beim Fenster und schenkte sich Whisky aus einer Karaffe ein, wobei er darauf achtete, Rowena die heile Seite seines Gesichts zuzudrehen. Es tat ihr im Herzen weh, dass er auch noch versuchte, rücksichtsvoll zu sein. Er führte das Glas an die Lippen und trank es mit einem Zug halb leer. Stirnrunzelnd betrachtete er den Rest. „Ich hatte nicht erwartet, Sie allein vorzufinden. Was macht das Mädchen, um das ich bat?“

„Es ist in der Küche beschäftigt, mit der Zubereitung des Nachtmahls.“

Er hob den Kopf, wandte sich Rowena wieder zu, sodass sie die Narben auf seinem Gesicht wieder sah. Ihr Magen verkrampfte sich. Eine solche Verletzung musste ganz unvorstellbar schmerzhaft gewesen sein, und dazu kam die Qual, ein solch vollkommenes Äußeres eingebüßt zu haben.

In seinen Augen flammte Ärger auf, als könnte er ihre Gedanken lesen und verübelte sie ihr.

Er wollte ihr Mitgefühl nicht.

Sie sah auf ihre Hände nieder und presste sie fest auf ihrem Schoß zusammen. Sie hatte ihn hergebeten, damit er ihre Fragen beantwortete. Also konnte sie genauso gut ohne Umschweife zur Sache kommen.

„Mr Gilvry, wenn es Ihnen nichts ausmacht, möchte ich gerne ganz genau erfahren, was meinem Gatten zustieß.“ Klang sie zu barsch? Zu misstrauisch?

Sie musterte ihn, aber er schaute aus dem Fenster hinaus in die Dunkelheit; sein Gesicht war nun halb von seinen Haaren verdeckt. „Aye, ich werde es Ihnen erzählen, soweit ich kann.“

Seine Wortwahl irritierte sie. „Reisten Sie gemeinsam mit Samuel, als … als …?“

„Nein, ich fand ihn, nachdem Indianer seine Reisegesellschaft angegriffen hatten. Es war ihm gelungen, vom Lager fortzukriechen und sich zu verstecken, doch er war schwer verletzt.“

„Warum wurden sie angegriffen?“

Er drehte den Kopf ein wenig, beobachtete sie aus dem Augenwinkel. „Das weiß ich nicht.“

Warum hatte sie ein Gefühl, als sagte er nicht die Wahrheit? Doch aus welchem Grund sollte er lügen? „Also stießen Sie zufällig auf ihn? Hinterher.“

„Ich hörte Schüsse, doch ich kam zu spät, um noch helfen zu können.“ Er senkte ein wenig den Kopf. „Es tut mir leid.“

Sein Bedauern schien echt zu sein. „Als Sie ihn fanden, lebte er noch?“

Er atmete tief ein. „Ja. Ich hoffte …“ Er schüttelte den Kopf. „Ich schleppte ihn aus dem Gebirge hinunter in die Ebene. Eine Weile dachte ich, er würde es überleben. Doch ein paar Nächte später starb er am Fieber.“

„Und er hatte verlangt, dass Sie seine sterblichen Überreste zu mir bringen?“ Ungläubig starrte sie ihn an.

Fragend erwiderte er ihren Blick. „Nach Schottland. Zu seiner Familie. Das sind Sie doch?“

„Ich bezweifele, dass er mich als seine Familie ansah.“ Das war ihr unwillkürlich herausgerutscht, und es klang so bitter, dass sie zusammenzuckte.

„Ihr Ehemann … er spürte Reue, glaube ich. Am Ende.“ Seine Stimme war leise und tief und voller Mitgefühl.

Seltsamerweise wurde ihr die Kehle eng. Zu denken, dass Samuel sich gesorgt hatte. Wenn auch vielleicht nur, weil sein Gewissen sich gemeldet hatte. Es war lange her, dass sich jemand aufrichtig um sie gesorgt hatte. Sie wehrte sich gegen diese Gefühle, die sie nur schwach machten. Es musste sie jetzt nicht mehr schmerzen. Was würde ihr das noch helfen? „Und sein Testamentsvollstrecker will uns hier treffen? In Dundee?“

„Aye. Oder zumindest dessen Anwalt. Ein Mr Jones. Ich schrieb ihm von Wilmington aus. Aber wenn Sie meinen Brief nicht bekommen haben …“

„Die Adresse, an die Sie schrieben – Samuel gab sie Ihnen? Ja, natürlich“, ergänzte sie hastig, da er die Brauen zusammenzog.

„Aye.“

„Ich lebe mittlerweile nicht mehr dort. Ich sah keine Möglichkeit, Samuel von meinem Umzug zu unterrichten.“ Außerdem hatte sie ihren Namen geändert. Sie hatte Samuels Gläubiger nicht auf der Schwelle ihrer Dienstherrin sehen wollen. „Ich habe einen alten Freund gebeten, Nachrichten an mich weiterzuleiten.“ Das war der Butler ihres Cousins, zuvor im Dienst ihres Vaters, und er leitete keine Briefe weiter, deren Absender er nicht kannte. Zu viele Geldforderungen, auch seltsamer Natur, waren eingegangen, und nicht nur von Händlern. „Ihr Brief war anscheinend nicht dabei. Hoffen wir, dass Mr Jones morgen eintrifft.“

Vom Gang her hörte man Schritte. Aufmerkend drehte er sich danach um und hob fragend die blonden Brauen.

„Unser Dinner“, erklärte sie, wobei sie verwundert feststellte, dass sie sich davor fürchtete, er könne ein gemeinsames Essen ablehnen.

„Unser?“ Er wirkte erstaunt.

„Ich dachte, wir könnten während des Essens reden. Das heißt, falls Sie nicht schon gespeist haben.“

„Nein, noch nicht“, sagte er vorsichtig. Er drehte sich um, kehrte dem Raum den Rücken zu und starrte erneut in die Nacht hinaus, während zwei Hausmädchen eintraten, gefolgt von der Wirtin, die das Decken der Tafel und das Servieren der Speisen überwachte. Die mollige Frau knickste tief. „Sonst noch etwas, Madam?“

„Nein danke“, antwortete Rowena. „Ich denke, wir kommen allein zurecht.“

Einen Moment ruhte der Blick der Frau auf Mr Gilvrys Rücken. „Möchten Sie sich vielleicht von unserer Emmie vorlegen lassen, Madam?“

Rowena war klar, was die Frau über alleinstehende weibliche Wesen dachte, die einen Gentleman in ihr Zimmer einluden.

Die Nase rümpfend, bedachte sie die Frau mit einem hochmütigen Blick. Als Mädchen hatte sie dieses recht ausgeprägte Organ als Plage empfunden, doch nun war es ihr recht nützlich. Eine arrogante Nase, die Leute an ihren Platz verwies. Ihr Vater hatte seine noch größer ausgefallene Version sehr effektvoll im Geschäftsleben eingesetzt. „Nein, danke, Mrs Robertson, das ist alles.“

Zwar schnaubte die Wirtin ein wenig, stapfte aber geschlagen hinaus.

Als die Tür sich hinter ihr schloss, wandte Mr Gilvry sich um; seine Miene war düster. „Die Frau hat recht. Sie sollten die Magd bedienen lassen. Oder allein speisen. Sie müssen an Ihren Ruf denken.“ Schon bewegte er sich zur Tür.

Sein drängender Ton erstaunte sie. Fürchtet er um ihren oder um seinen Ruf? Hatte er Angst, sie könnte ihn in eine kompromittierende Lage bringen? Das erschien ihr ziemlich unwahrscheinlich. „Ihre Sorge ehrt mich, Mr Gilvry; ich bin jedoch der Frau eines Gastwirts keine Rechenschaft schuldig.“ Da ihr eine neue Überlegung in den Sinn kam, reckte sie energisch das Kinn. „Oder versuchen Sie unter dem Deckmantel der Besorgnis meinen Fragen auszuweichen?“

Er funkelte sie an. „Ich habe alle Ihre Fragen beantwortet.“

Wirklich? Warum dann hatte sie das Gefühl, er verheimliche ihr etwas? „Das ist richtig“, gab sie zu. Es war nicht hilfreich, den Mann zu beleidigen. „Aber einige sind doch noch offen. Sie müssen meine Neugier entschuldigen. Ich weiß nur wenig über die Unternehmungen meines Gemahls in Amerika.“

Er presste die Lippen aufeinander. Sein Blick wurde undurchdringlich. „Darüber kann ich Ihnen leider nur wenig berichten. Vielleicht weiß dieser Mr Jones mehr.“

Er wich ihr aus. Das war so deutlich wie die Nase in ihrem Gesicht – in ihrem außerordentlich reizlosen Gesicht, wie Samuel ihr zu sagen sich beeilt hatte, kaum dass ihr Geld in seinen Fingern war. Ob dieser Mann hier sie attraktiv fand oder nicht, interessierte sie nicht; ihr war nur wichtig, dass er noch blieb, weil sie herausfinden wollte, ob sie ihm trauen konnte. Mehr nicht.

Im Übrigen hatte sie noch nie von diesem Mr Jones gehört. Und sie hoffte, bevor sie ihm gegenübertreten musste, könnte Mr Gilvry ihr erklären, was jener Mensch mit ihren Angelegenheiten zu tun hatte.

Sie schenkte ihm ein Lächeln. „Es tut mir leid, wenn ich übermäßig dreist wirke, doch ich möchte heute Abend nicht allein speisen. Meine Gedanken bezüglich der neuen Situation lassen mir keine Ruhe.“ So wenig wie ihr Argwohn.

Seine Haltung lockerte sich. „Aye, das verstehe ich; es muss ein Schreck für Sie gewesen sein.“

Und eine willkommene Erleichterung. Das war nicht sehr christlich gedacht und bereitete ihr Schuldgefühle. Könnte Gilvry diese Gedanken erraten, würde er sie für abscheulich halten.

Sie machte eine einladende Geste. „Der Tisch ist gedeckt; es wäre eine Schande, das Essen verderben zu lassen.“

Er strich sich eine rötlich goldene Haarsträhne aus der Stirn. „Wenn ich ehrlich bin, kann ich dem Duft kaum widerstehen, und ich bezweifle, dass man mir in der Küche etwas auftischen wird, solange die Wirtin da ein Wort mitzureden hat.“

Ziemlich sehnsüchtig beäugte er die Tafel, und erst da bemerkte sie, wie hager sein Gesicht war. Seine Wangenknochen stachen hervor, als hätte er seit Monaten nicht ordentlich gegessen. Zuerst fielen einem nur die Narben auf. Und die schreckliche Zweiteilung, die sein Gesicht dadurch bekam.

„Dann werden Sie sich mir anschließen?“, fragte sie. Sie war nicht die Art Frau, um deren Gesellschaft die Männer sich rissen, doch auch er war kein Mann, der bei Frauen die Auswahl hätte. Nicht mehr. Sie unterdrückte den Gedanken. War das Hoffnung, die sie da verspürte? Bestimmt nicht. Jede Hoffnung in Bezug auf das männliche Geschlecht hatte Samuel unter seinen gleichgültigen Stiefeln zertreten. Welcher Mann würde sie schon begehren? Besonders jetzt, da sie arm war.

Mit reuiger Miene schüttelte er den Kopf. „Aye, ich denke, ja.“

Die Freude, die sie daraufhin überkam, stand in keinem Verhältnis zu den Umständen. Eine Freude, die sie ihn nicht merken lassen durfte. Kühl nickend gestattete sie ihm, sie zu Tisch zu führen.

Er nahm den Stuhl ihr gegenüber ein. „Darf ich Ihnen Wein einschenken und Ihnen ein Stück von diesem exzellenten Geflügel abschneiden?“

„Aber gerne.“

Während sie selbst nach diesem ereignisreichen Tag nur wenig Appetit verspürte, war es eine Freude, ihn mit offensichtlichem Genuss essen zu sehen. Und seine Manieren waren tadellos. Er war ein Gentleman, trotz seiner ärmlichen Kleidung.

Sie schnitt ihr Fleisch in kleine Stücke und kostete einen Bissen. Es war saftig, und die helle Soße schmeckte köstlich. Während sie aß, musste sie unwillkürlich immer wieder unter gesenkten Lidern hervor zu ihm hinüberspähen. Er mochte sein gutes Aussehen verloren haben, doch seine Jugend, seine Körperkraft und seine übermächtige maskuline Präsenz konnte man nicht leugnen. Große Hände, breite Schultern, weiße, ebenmäßige Zähne. Ein formidabler Mann mit einer Energie, die sie über den Tisch hinweg spüren konnte.

Sie hätte ihn gern gefragt, welche Ziele er hatte, was ihn interessierte. Was er plante. Das alles ging sie nichts an. Sie würde gut daran tun, das nicht zu vergessen.

Während er seinen Hunger stillte, hielt sie sich mit Fragen zurück. Aus Erfahrung, sowohl von daheim als auch während ihrer zwei Anstellungen als Gouvernante, wusste sie, dass Männer mit vollem Magen zugänglicher waren. Sie wartete, bis er beim Apfelkuchen angekommen war, ehe sie ein Gespräch begann, das nicht durch die Bitte um die Sauciere oder das Salz oder etwas dergleichen unterbrochen werden konnte.

„Die Einheimischen sagen, dass es wahrscheinlich einen harten Winter geben wird“, meinte sie und ergriff ihr Weinglas.

„Das hörte ich auch.“

Sie wartete auf weitere Bemerkungen seinerseits, doch er schwieg, was sie nicht wunderte. Nichtssagende Konversation zu machen passte nicht zu ihm. Selbige führte häufig dazu, dass man sein Seelenleben entblößte. Das war nicht seine Art.

Während sie an ihrem Wein nippte, legte sie sich ihre nächsten Worte zurecht. Sollte sie ihn überrumpeln, wie ihr Vater es ihr geraten hätte? Ihr Herz pochte heftiger. „Das Jackett, das Sie tragen, gehörte Samuel, nicht wahr?“

Misstrauisch ließ er die Gabel mit dem Bissen Apfelkuchen sinken. „Ihm nützte es nichts mehr. Meine eigene Kleidung ging während der Reise zur Küste in Fetzen.“

Er verteidigte sich. Warum? Was er sagte, klang ganz vernünftig. Vielleicht fürchtete er, sie würde angesichts des Gedankens, dass er Samuels Kleider trug, von ihren Gefühlen überwältigt werden? Was, wie sie annahm, einer anderen Frau durchaus so ergangen wäre.

Sie wählte einen bewusst leichten Tonfall. „Die Reise muss schrecklich gewesen sein.“

„Ich habe Schlimmeres erlebt.“

Sie starrte ihn geradezu an, überrascht von der Schärfe seiner Stimme. Er sah auf, und ihre Blicke trafen sich. Sein Gesicht rötete sich ganz leicht, als ob ihm sein brüsker Ton bewusst geworden wäre.

„Aber ja“, fuhr er ein wenig sanfter fort, „es war nicht so einfach.“ Er senkte die Stimme. „Ihr Gemahl ertrug es am Ende sehr gut, wenn Ihnen das ein Trost ist.“

Das hörte sich nicht nach dem Samuel an, den sie kannte. Er hatte das leichte Leben geschätzt. Weswegen er ihr Geld geheiratet hatte. Lag doch ein Irrtum vor? Bei der Vorstellung grauste es ihr, trotzdem fragte sie: „Sie sind sicher, dass er … ich meine, er war Samuel MacDonald? Mein Ehemann?“

Er warf ihr einen mitleidigen Blick zu. „Ich habe keinerlei Zweifel, dass es ihr Ehemann war, Mrs MacDonald. Wir redeten. Über Sie. Auch über andere Dinge. Wie sonst sollte ich das mit dem Anwalt wissen?“ Sein Gesichtsausdruck wurde düster und grimmig. „Aber Sie haben recht. Jemand sollte seine sterbliche Hülle identifizieren, damit alles legal zugeht. Ich dachte nicht, dass Sie …“

Ihr drehte sich fast der Magen. Sie schob den Teller fort, erhob sich und ging zum Kamin. „Nein. Ich stimme Ihnen zu. Dieser Mr Jones sollte das machen.“

„Falls er ihn persönlich kannte.“

Sie wirbelte herum. „Glauben Sie das nicht?“

„Ihr Gemahl war nicht immer bei klarem Bewusstsein, Mrs MacDonald. Er litt erhebliche Schmerzen. Aber er bestand vehement darauf, dass ich mich mit denen in Verbindung setzte, die Meres Besitztümer verwalten.“

Der Duke of Mere. Warum kam ihr dieser Name so bekannt vor? Er musste wohl erst kürzlich in ihrem Beisein gefallen sein. Sie achtete nicht auf Klatschgeschichten, aber nun erinnerte sie sich an eine beiläufige Äußerung ihrer Dienstherrin. Hastig wandte sie sich Mr Gilvry zu. „Der Duke of Mere ist tot!“

Ihm klappte der Unterkiefer herunter. „Aber …“ Er schüttelte den Kopf, stand auf und trat einen Schritt auf sie zu. „Aber wenn ein Duke stirbt, gibt es sofort einen Nachfolger. Wie beim König.“

Das stimmte. Sie schluckte. „Ja. Natürlich.“

Er kam noch näher. Sehr nah, bis sie seine Körperwärme spüren konnte und die männliche Kraft, die er ausstrahlte; seine Gegenwart beunruhigte sie auf eine eigentümliche Weise, die sie sich nicht erklären konnte. „Mrs MacDonald“, sagte er weich, „regen Sie sich nicht auf. Morgen wird Jones hier sein, und die Familie Ihres Gemahls wird Ihnen pflichtgemäß beistehen.“

Welche Familie? Samuel hatte immer behauptet, genauso allein in der Welt zu stehen wie sie selbst. Unter anderem deswegen – wegen seines Wunsches nach der Geborgenheit einer Familie – hatte sie sich so zu ihm hingezogen gefühlt. Nicht, dass er sie gebraucht hätte, nachdem er ihr Geld sicher hatte. Gewiss wäre es nett, gebraucht zu werden. Sich an einen Mann anlehnen zu können und von ihm umsorgt zu werden. Plötzlich wurde ihr klar, dass sie den Wunsch hatte, sich an Mr Gilvry anzulehnen, als könnte seine Kraft sie stärken.

Entsetzt straffte sie die Schultern. Rückte von ihm ab und sah ihm ins Gesicht, während sie mit mühsam aufgesetztem Lächeln gegen die Schwäche ankämpfte, die ihre Glieder erfasste. „Sie haben recht. Wie es aussieht, liegt der Schlüssel zu alldem in Mr Jones’ Händen.“ Überfordert rieb sie sich die Schläfen. Zu viele ungeklärte Fragen. Zu viele Kümmernisse. Zu viel Hoffnung, dass sie denn doch nicht völlig im Stich gelassen worden wäre.

„Mr Gilvry, mein Ehemann verlangte viel von Ihnen.“ Sie schaute in sein armes, verunstaltetes Gesicht und fand nichts als Mitgefühl in seinem Blick. Ihr war der Mund trocken, die Kehle wie zugeschnürt. Sie atmete tief durch. „Dürfte ich Sie noch darüber hinaus in Anspruch nehmen? Ich möchte Sie bitten, bei dem Gespräch mit Mr Jones anwesend zu sein.“

Wenn es ihn überraschte, verbarg er das gut. „Wenn Sie wünschen“, antwortete er, die Stimme ein wenig rau.

Erleichtert schloss sie die Augen. „Ich danke Ihnen.“

Sie spürte seine Hand auf ihrem Arm, warm und stark und unendlich sanft. Unter seiner kraftvollen Berührung rann ihr abermals ein seltsames Prickeln den Arm hinauf. Spürte er es auch? Ließ er sie deshalb so rasch los?

„Setzen Sie sich, Mrs MacDonald“, sagte er heiser. „Da, an den Kamin. Ich werde die Wirtin bitten, Tee hinaufzuschicken. Und das Mädchen. Was Sie nun brauchen, ist eine Nacht erholsamen Schlafs. Morgen Früh sieht alles viel klarer aus.“

Als sie aufschaute, war er fort. So völlig geräuschlos für einen so großen Mann. Ein Mann, dessen Abwesenheit regelrecht eine Leere im Raum hinterließ. Aber er hatte gesagt, er werde ihr morgen beistehen. An den Gedanken klammerte sie sich, als hinge ihr Leben davon ab, und wunderte sich über ihr plötzliches Gefühl von Schwäche.

2. Kapitel

Leise vor sich hin fluchend marschierte Drew in der Stallgasse auf und ab. Enttäuschung, Hoffnungslosigkeit tobten in ihm. Und Lust. Er schlug seine Faust gegen einen Balken und nahm den Schmerz in seinen Fingerknöcheln als gerechte Strafe hin.

Was zum Teufel dachte er sich nur? Die Frau hatte gerade vom Tod ihres Mannes erfahren, und anstatt ihr tröstende Worte und Hilfe anzubieten, hätte er sie beinahe in seine Arme gerissen und geküsst.

Es zog ihn nicht zu ehrbaren Frauen. Niemals. Er war verdorben. Lasterhaft. Und er wusste, wo er fand, nach was ihm verlangte. Was, zum Teufel, hatte er sich da oben in dem Zimmer nur gedacht?

Wie konnte es ihm auch nur flüchtig in den Sinn kommen, sie zu begehren, ganz zu schweigen davon, sie sich nackt und bloß und …? Wieder schlug er gegen den Pfosten. Während er das metallisch schmeckende Blut von seinen Knöcheln leckte, dachte er an ihren weichen, üppigen Mund.

Zur Hölle! War ihm die Sache mit Alice Fulton nicht eine Lehre gewesen? Nie hätte er die junge Frau verführt, um die Heirat mit ihm zu erzwingen, wenn seine Familie nicht in einer so verzweifelten Lage gewesen wäre. Im gleichen Augenblick, da er sie nahm, hatte er gewusst, dass es nie gutgehen würde. Nicht für ihn. Der Rest seines Lebens wäre eine einzige Qual gewesen. Und nie war er so erleichtert gewesen wie an dem Tag, als sie die Verlobung löste. Wieso also hätte er Rowena MacDonald beinahe geküsst?

Weil sie ihm leidtat? Oder aus Dankbarkeit, weil sie sich nach dem ersten entsetzten Blick auf sein Gesicht verhalten hatte, als sähe er aus wie jeder andere? Als würde seine Entstellung ihr keine Übelkeit bereiten.

Dieser Jones sollte morgen besser auftauchen und sich um die Frau kümmern, denn selbst wenn nicht, würde er, Drew, einfach davongehen. Wie im Schmerz schloss er die Augen. Nein, das war ihm unmöglich. Er hatte sich geschworen, ihr zu einem Leben in finanzieller Sicherheit zu verhelfen. Ihm blieb gar keine Wahl. Nicht, nachdem ihr Ehemann durch sein Verschulden hatte sterben müssen.

Ein Mann stolperte die Leiter vom Heuboden herab. Der alte Stallknecht. Er sah Drew mürrisch an, zuckte dann zurück, als er im Licht der Laterne, die von einem Balken hing, dessen Gesicht sah.

„Reicht’s nicht, dass Ihr Hämmern und Fluchen mich aus’m Bett reißt?“ Der Alte schüttelte eine Faust. „Müssen Sie mir mit Ihrer Teufelsfratze auch noch schlechte Träume machen?“

Drew lachte. Er konnte nicht anders. Der Alte reagierte zwar wie jedermann, der ihn ansah, doch wenigstens hatte er den Mut, seinen Ekel auszusprechen.

Er verbeugte sich spöttisch. „Ich bitte um Verzeihung.“

„Aye, das will ich auch hoffen. Ich muss mal kurz dem Ruf der Natur folgen. Wenn Sie sich hinlegen wollen, klettern Sie jetzt besser die Leiter rauf, weil ich nämlich die Falltür anschließend von innen zuklapp’. Den Leibhaftigen aussperren, versteh’n Sie?“ Immer noch vor sich hin murrend, humpelte er zur Tür.

Drew wünschte, er hätte etwas, um den Teufel auszusperren, der in ihm hauste. Hatte er aber nicht. Und während der Teufel eine Frau wollte, wollte Drew stärker als das Rache an Ian. Also würde er den Teufel schön eingesperrt lassen. Das war ihm während er letzten Jahre gelungen, er würde es weiterhin schaffen.

Er musste sich – und damit auch sein Gewissen – von dieser Mrs MacDonald befreien. Danach würde er Ian zur Hölle schicken, wo er hingehörte.

„Ein Herr wünscht Sie zu sprechen, Mrs McDonald“, verkündete das Zimmermädchen am nächsten Morgen, das an der Schwelle zu Rowenas Privatsalon stand.

Rowena sah von dem Brief an ihre Dienstherrin auf, in dem sie um weitere Urlaubstage bitten wollte und mit dessen Formulierung sie zu kämpfen hatte. Ganz kurz dachte sie, es könne Mr Gilvry sein, und ihr Herz wurde ein wenig leichter. Doch im nächsten Moment war ihr klar, dass er es nicht sein konnte. Er hätte nicht das Mädchen gebeten, ihn anzumelden. „Hat der Herr seinen Namen genannt?“

Emmie reichte ihr ein weißes Stück Papier. „Seine Karte, Ma’am.“

Mr Brian Jones, Anwalt, konstatierte die Karte in kühnen, schwarzen Lettern. Auf der Rückseite stand in kritzeliger Handschrift der recht kryptische Vermerk: Sachwalter des Duke of Mere.

„Bitte führen Sie ihn herein. Und wenn Sie Mr Gilvry bitten wollen heraufzukommen.“ Das Mädchen hob verwundert die Brauen, eilte aber wortlos davon.

Rowena wechselte vom Schreibtisch zum Sofa und setzte sich.

Der Mann, der kurz darauf ins Zimmer trat, war für eine so verantwortungsvolle Position erstaunlich jung. Mitte dreißig, dachte sie, und nicht ganz unansehnlich, wenn man die dünne, spitze Nase und sein zur Weichheit neigendes Kinn außer Acht ließ. Doch die blassblauen Augen blickten scharf, und sein Lächeln war eindeutig charmant. Seine Kleidung war so nüchtern, wie man es von einem Anwalt erwarten konnte, wobei jedoch seine Krawatte ein bisschen zu opulent gebunden war.

„Mrs McDonald“, sagte er und verneigte sich tiefer, als jemand ihres Standes verlangen konnte. Ein merkwürdiger Ausrutscher für einen solchen Mann.

„Mr Jones. Bitte nehmen Sie Platz.“

Gelassen ließ er sich in einem Sessel ihr gegenüber nieder. In der Tat wirkte er sogar sehr selbstsicher, und um seine Lippen spielte ein leises Lächeln, während er offenbar abwartete, dass sie das Wort ergriff. Die Kunst des Taktierens beherrschte Rowena. Ihr Vater hatte sie beinahe eher gelehrt, raffiniert zu verhandeln, als sie gelernt hatte, feinste Säume zu nähen.

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