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HISTORICAL LORDS & LADIES BAND 69

Ein süßer Kuss als Antwort

1. KAPITEL

1820

Es war früh am Morgen, und die meisten Leute schliefen noch. Dichter Nebel lag über dem weitläufigen Londoner Park. Die junge Frau blieb stehen und lauschte. Kein einziger Laut drang an ihr Ohr. Es kam ihr vor, als wäre sie allein auf der Welt. Diese Stunden vor Tau und Tag liebte sie über alles.

Mit einem Mal erklang der donnernde Hufschlag eines Pferdes, und fast hatte die junge Frau das Gefühl, den Boden unter ihren Füßen beben zu spüren. Verärgert, dass jemand ihre kostbare Ruhe störte, spähte sie angestrengt um sich, um herauszufinden, aus welcher Richtung das Geräusch wohl kommen mochte. Plötzlich zerriss ein lauter Warnruf die Stille, und wie aus dem Nichts tauchte die riesige dunkle Gestalt eines Reiters hoch zu Ross vor ihr auf.

Die junge Frau schrie, warf sich zur Seite und landete unsanft im Gras. Der Reiter riss an den Zügeln, und das Pferd stieg auf die Hinterhand. Für einen Moment blitzten die Hufeisen gefährlich nah über ihrem Kopf auf, und entsetzt beobachtete die junge Frau das Tier. Mit seinen geblähten Nüstern und schäumendem Maul wirkte es wie eine bedrohliche Kreatur aus einer anderen Welt. Dann kamen die Hufe krachend – haarscharf neben ihrem Körper – zu Boden.

Nur schemenhaft, wie durch einen langen Tunnel, nahm die junge Frau den Reiter wahr. Sie schrie abermals auf, als sie erkannte, dass seine dunkle, geisterhafte Gestalt vom Pferd glitt. Mit dem wehenden Mantel wirkte er wie ein Vampir, der sich auf sie stürzen wollte. Von Panik ergriffen, rappelte sie sich auf und starrte ihm entgegen.

„Sind Sie von Sinnen?“, brüllte der Mann. „Was zum Teufel machen Sie auf dem Reitweg? Ich hätte Sie umbringen können.“

Die junge Frau reckte das Kinn. „Wie bitte?“, erwiderte sie scharf, strich ihre Röcke glatt und rückte ihren schief sitzenden Hut zurecht. Sie musste den Kopf in den Nacken legen, um dem Mann überhaupt ins Gesicht schauen zu können. Es war schreckensbleich. Rabenschwarzes Haar betonte die eisblauen Augen. Die Lippen waren grimmig zusammengepresst.

„Noch ein paar Zoll, und Sie wären zu Tode getrampelt worden. Haben Sie denn den Verstand verloren?“

„Wie können Sie es wagen, so mit mir zu reden?“ Seine Worte trieben ihr die Zornesröte ins Gesicht. „Und würden Sie wohl aufhören, mit der Reitgerte herumzufuchteln, als wollten Sie mir einen Hieb versetzen!“

Der Fremde ließ die Hand, in der er die Peitsche hielt, sinken. „Den hätten Sie wahrlich verdient. Wissen Sie nicht, dass es gefährlich ist, auf dem Reitweg herumzuspazieren? Er ist für Pferde gedacht, nicht für Damen, die darauf lustwandeln.“

Kämpferisch hob die junge Frau das Kinn noch ein wenig höher. „Dessen bin ich mir durchaus bewusst. Ich hätte nur nie damit gerechnet, dass jemand die Narretei begehen würde, bei diesem Nebel auszureiten. Und ich habe den Reitweg benutzt, um nicht die Orientierung zu verlieren.“

„Unvernünftig genug. Selbst unter normalen Umständen.“ Er hielt inne und musterte sie besorgt. „Sind Sie verletzt?“

Immer noch wütend stieß sie hervor: „Nein. Aber das ist bestimmt nicht Ihr Verdienst. Hätten Sie etwas besser aufgepasst, wäre das alles gar nicht passiert. Doch vielleicht ist ja auch Ihr Pferd mit Ihnen durchgegangen? Vielleicht haben Sie es nicht richtig im Griff?“

„Ich versichere Ihnen, es weiß genau, wer sein Herr und Meister ist.“ Der Fremde betrachtete sie etwas eingehender. Vor ihm stand eine unglaublich attraktive junge Frau, die den Eindruck machte, als ob sie vor nichts und niemandem Angst habe – und schon gar nicht vor ihm. Doch selbst ohne ihren beherzten Sprung zur Seite hätte er sie nicht niedergeritten. Dafür war er ein viel zu guter Reiter. Allerdings war es doch ziemlich knapp gewesen. Er lächelte amüsiert. „Welch ein Hitzkopf! Sind Sie sicher, dass Sie wirklich gestolpert sind und es nicht etwa der Anblick meiner beeindruckenden Gestalt hoch zu Pferde war, bei dem Sie schwach wurden?“

Machte er sich etwa lustig über sie? Erneut stieg Wut in ihr hoch, und ihre Augen sprühten förmlich Funken, als sie erwiderte: „Sie impertinenter Kerl! Was fällt Ihnen ein! Wie können Sie nur die Arroganz besitzen und annehmen, dass ich bei Ihrem Anblick schwach werden würde. Gott sei Dank liegt mir nichts ferner als das.“ Vorsichtshalber wich sie einen Schritt zurück. Die körperliche Nähe des Fremden, der sie um mehr als Haupteslänge überragte, wirkte doch leicht beunruhigend. „Ich wünsche Ihnen einen guten Tag, Sir.“

Nicht willens, sie einfach so gehen zu lassen, ergriff er sie beim Arm. „Darf ich Ihnen wenigstens meine Begleitung anbieten?“

Sie maß ihn mit einem verachtungsvollen Blick und schob seine Hand von ihrem Arm. „Fassen Sie mich nicht an! Ich bin sehr gut in der Lage, selbst auf mich aufzupassen. Gehen Sie, und nehmen Sie dieses Untier gleich mit“, sagte sie mit einem Blick auf den schwarzen Hengst, der ungeduldig schnaubte und mit den Hufen scharrte. Sein Temperament stand dem seines Besitzers in nichts nach.

„Finden Sie das nicht zu gefährlich? Was, wenn Sie auf Wegelagerer treffen? Eine junge Dame sollte zu solcher Stunde nicht allein unterwegs sein. Ihr könnte alles Mögliche zustoßen.“

„Wie man soeben gesehen hat.“ Hoch erhobenen Hauptes wandte sie sich ab.

„Wie kann man nur so undankbar sein!“

Wutentbrannt drehte sie sich wieder um. „Undankbar? Sie nennen mich undankbar? Ihr Pferd hat mich fast zu Tode getrampelt, und dafür soll ich Ihnen dankbar sein?“

„Wie Sie wollen.“ Er schwang sich wieder in den Sattel. „Einen schönen Tag noch.“

Er trieb seinen Hengst an und jagte davon. Wütend stampfte die junge Frau mit dem Fuß auf, als sie ihm hinterherblickte. Noch nie im Leben war ihr ein Mann begegnet, der sie so in Rage gebracht hatte.

Es versprach ein strahlend schöner Frühlingstag zu werden. Die Sonne war aus dem morgendlichen Dunst emporgestiegen. Kleine, fast fedrig wirkende Wolken zogen am blauen Himmel dahin. Die Bäume begannen wieder grün zu werden, Narzissen und Himmelsschlüssel schmückten die Blumenbeete. In der Luft lag noch eine leicht kühle Frische, die die vom Fluss her wehende Brise in den Hyde Park herüberbrachte. Es herrschte eine idyllische Ruhe, nur eine Lerche ließ ihren Gesang ertönen, und vereinzelt waren ein paar Spaziergänger unterwegs, unter ihnen eine junge Frau mit zwei kleinen Mädchen.

Eve saß auf einer Bank und sah ihrer fünfjährigen Tochter Estelle zu, die mit Jasper, einem Labradorwelpen, spielte. Was ist nur mit mir los? dachte sie. Warum erscheint mir das Leben so schal? Sie erfreute sich bester Gesundheit und hatte in Beth Seagrove eine gute Freundin. Sie war durchaus attraktiv und würde – dank ihres lieben, leider verstorbenen Vaters – bald auch über ein beträchtliches Vermögen verfügen. Sie war intelligent und hatte vielfältige Interessen. Und jeder sagte ihr, wie glücklich sie sich schätzen müsse, Estelle zu haben. Das alles sollte sie eigentlich erfüllen – aber unerklärlicherweise war dem nicht so. Es musste noch irgendetwas geben, irgendetwas anderes, das ihrem Leben einen Sinn verlieh.

Am heutigen Abend war sie bei Lady Ellesmere in der Curzon Street eingeladen. Diese Soireen im engsten Kreis, wo man praktisch jeden kannte, lagen Eve mehr als die hochoffiziellen Empfänge in großem Rahmen. Sie freute sich darauf, mit Beth und deren Gatten dorthin zu gehen. Obschon sie sich im Hause der Seagroves sehr wohlfühlte, war sie jedoch entschlossen, sich eine Beschäftigung zu suchen, um etwas zu ihrem Lebensunterhalt beizusteuern. Wenn sie dann die Erbschaft ihres Vaters anträte, würde sie sich eine eigene Wohnung nehmen.

Eve wandte den Kopf und sah zu der benachbarten Bank hinüber. Die junge Frau mit den beiden Kindern hatte dort Platz genommen. Sie mochte vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahre alt sein. Ihre Kleidung war von guter Qualität, jedoch in schlichtem Grau. Schmucklose Kleidung, wie sie Kinderfrauen trugen. Unter ihren Augen lagen dunkle Schatten – sie wirkte, als bedrücke sie etwas. Mit gesenktem Kopf saß sie da, und ihre zuckenden Schultern verrieten, dass sie weinte.

Die Mädchen standen vor der Bank und sahen sie ratlos an. Verwirrung spiegelte sich auf ihren Gesichtern. Es war deutlich zu erkennen, dass ihnen die Situation Angst machte. „Nicht weinen, Sarah“, sagte die Ältere der beiden schließlich. „Es wird bestimmt alles wieder gut.“

Die junge Frau hob den Kopf und lächelte dem kleinen Mädchen zu. An ihrer Haltung war jedoch deutlich abzulesen, dass sich ihr Kummer keineswegs gemindert hatte.

Eve stand auf und ging zu den dreien. „Kann ich irgendwie helfen?“ Sie beugte sich zu den Kindern hinab und lächelte sie an. „Wie heißt ihr denn?“

„Ich bin Sophie, und das ist meine Schwester Abigail. Sie ist drei, fast vier, und ich bin fünf.“

„Ich freue mich, euch kennenzulernen“, sagte Eve. Was für hübsche Kinder, dachte sie. Die beiden hatten niedliche Gesichter, glänzende dunkle Locken, und sie trugen die gleichen blauen Kleider. Eve blickte sich suchend nach Estelle um und winkte sie zu sich. „Estelle, während ich mich mit …“ Fragend blickte sie die junge Frau an.

„Sarah, Sarah Lacy.“

„… mit Miss Lacy unterhalte, möchtest du da nicht ein bisschen mit Sophie und Abigail spielen? Hättet ihr dazu auch Lust?“ Die beiden Mädchen nickten und warfen Estelle einen schüchternen Blick zu, rührten sich aber nicht von der Stelle, bis Sarah sagte: „Geht nur, Kinder. Ich kann euch von hier aus ja sehen.“

Estelle, die es gewohnt war, mit den Jungs von Beth rumzutoben, nahm die kleine Abigail gleich bei der Hand. Die drei rannten auf dem Rasen Jasper hinterher und versuchten, ihn einzufangen. Eve setzte sich aufmunternd lächelnd neben die junge Frau. Offensichtlich hatte sie großen Kummer. In ihren Augen lag ein Ausdruck tiefer Verzweiflung.

„Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen?“, fragte Eve sicherheitshalber noch einmal nach. „Estelle und Jasper sind manchmal ein wenig wild.“

„Nein, nein, es ist schon in Ordnung.“ Sarah schüttelte den Kopf. „Es tut ihnen sogar gut. Viel zu selten haben sie Gelegenheit, mit anderen Kindern zusammen zu sein. Die armen Kleinen. Ich bin ihre Kinderfrau.“ Sie senkte den Kopf und fing wieder an zu schluchzen. „Es tut mir leid …“

„Aber nicht doch, Sarah. Übrigens, ich heiße Eve Brody. Was bekümmert Sie so?“

Sarah blickte auf ihre Hände. „Ich habe nur etwas Kopfweh“, wich sie verlegen aus.

„Möchten Sie nicht lieber einen Arzt aufsuchen?“

Sarah schüttelte den Kopf. „Das ist nicht nötig. Es geht mir schon besser.“

„Aber warum weinen Sie dann? Sie wirken so unglücklich.“

„Um ehrlich zu sein, ich bin wirklich verzweifelt. Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll.“

„Was ist denn los?“

„Mark, mein Verlobter, hat mich gefragt, ob ich ihn heirate. Leider arbeitet er in Surrey. Dort ist er erster Pferdepfleger auf einem großen Landgut. Ich müsste also meine Stellung aufgeben – und die Kinder.“

„Und was ist daran so schrecklich? Es gibt doch sicherlich jemanden, der sich dann um sie kümmert. Die Mutter, zum Beispiel.“

„Sie haben keine Mutter. Mein Herr, Lord Stainton, der Vater der Kinder, ist dabei, den Haushalt aufzulösen, und nicht gerade in bester Laune. Deshalb bin ich auch schon so früh am Morgen im Park – damit die Kinder nicht diesem Chaos ausgesetzt sind. Bis auf die Haushälterin und mich wurden fast alle Bediensteten entlassen, und wir werden binnen Kurzem nach Oxfordshire ziehen, auf Lord Staintons Landsitz. Ich habe Mark noch nichts davon gesagt. Mir graut davor. Er kann einfach nicht verstehen, was für eine starke Bindung zwischen mir und den Kindern besteht.“

„Wenn Ihre Stellung Ihnen so viel bedeutet, warum kommt Ihr Verlobter denn dann nicht mit Ihnen?“

„Lord Stainton kann es sich nicht mehr leisten, weitere Bedienstete einzustellen. Seine finanzielle Situation ist sehr angespannt. Deshalb muss er das Haus in London verkaufen.“

„Aber das ist sein Problem, Sarah, und Sie sollten es nicht zu Ihrem machen. Lord Stainton wird sich jemand anders für die Kinder suchen müssen. Das dürfte nicht so schwierig sein. Ich bin mir sicher, dass es genug junge Damen mit den entsprechenden Referenzen gibt, die diese Stellung nur zu gern antreten würden.“

„Ja … schon. Nur kann ich den Gedanken, die Kinder zu verlassen, kaum ertragen. Sie haben in ihrem jungen Leben bereits so viel Leid erfahren. Seit Abigail ein Jahr alt ist, befinden sie sich in meiner Obhut. Ich kann nicht einfach fortgehen. Es wird ihnen das Herz brechen – und mir, aber ich weiß auch, dass ich nicht bleiben kann.“

„Ihre Sorge um die Kinder ehrt Sie, Sarah, doch Sie müssen jetzt an sich selbst denken.“

Eve blickte über die Rasenfläche zu den Kindern. Estelle tollte mit Jasper herum, und Abigail und Sophie vervollständigten das Quartett. Sie wandte sich wieder Sarah zu und musterte die junge Frau.

„Sie sehen wirklich angegriffen aus“, stellte sie besorgt fest. „Am besten gehen Sie nach Hause und legen sich ein bisschen hin.“

Sarah schüttelte den Kopf. „Das wird leider nicht möglich sein, aber ich mache mich trotzdem mit den Kindern auf den Heimweg.“ Sie stand auf, sank jedoch sofort wieder auf die Bank zurück. „Du meine Güte. Mir ist ganz schwindlig.“

Eve stand auf und ergriff sie beim Ellbogen. „Kommen Sie, ich begleite Sie. Sie können unmöglich alleine gehen.“

„Nein, nein. Bitte, ich habe Ihre Zeit schon viel zu lange in Anspruch genommen.“

„Unsinn. Ich bestehe darauf. Außerdem habe ich im Moment ohnehin nichts anderes vor. Wo arbeiten Sie?“

„Gar nicht weit von hier. Auf der anderen Seite des Parks in der Upper Brook Street.“

„Das ist ja ganz in der Nähe der Berkeley Street, wo ich wohne. Kinder, kommt, wir gehen! Estelle, du trägst am besten Jasper.“ Eve sah lächelnd zu ihrer Tochter, die den zappelnden Welpen auf den Arm nahm.

Sarahs Bemerkung, dass in Stainton House Chaos herrsche, war nicht übertrieben gewesen. Schon auf der Straße konnte man sehen, wie Möbel auf wartende Fuhrwerke verladen wurden. Die beiden jungen Frauen nahmen die Kinder bei der Hand und betraten das Haus, dessen Größe und Pracht Eve in Erstaunen versetzte.

Sie wollte sich gerade verabschieden, als sich Jasper aus Estelles Armen wand und freudig kläffend die breite Treppe hochstürmte, die in einem eleganten Bogen von der Eingangshalle zu den oberen Stockwerken hinaufführte.

„Warten Sie“, sagte Sarah, die sich inzwischen etwas erholt hatte. „Ich gehe ihn holen.“

Eve blieb bei der Tür stehen, während die drei Kinder sich auf die unterste Stufe setzten und mit großen Augen dem Treiben in der Halle zuschauten. Plötzlich ertönte die laute Stimme eines Mannes: „Verdammt noch mal! Passt doch auf! Dieses Porträt ist ein Vermögen wert. Ein Kratzer, und ich kann es nicht mehr verkaufen!“

Eve wirbelte herum. „Müssen Sie vor den Kindern so fluchen?“, fragte sie empört. Beim Klang ihrer Stimme schien der Mann, der ihr den Rücken zuwandte, zu erstarren. Er drehte sich langsam zu ihr um, und sie konnte regelrecht spüren, wie viel Anstrengung es ihn kostete, seine Wut zu zügeln. Dann begegnete ihr Blick seinem, und sie unterdrückte ein erschrockenes Aufkeuchen, als sie erkannte, wen sie vor sich hatte: den Mann, der sie am Vortag beinahe niedergeritten hatte.

„In meinem eigenen Haus fluche ich, wann ich will …“ Überraschung malte sich plötzlich auf seinen Zügen. „Mein Gott, Sie sind das!“

„Ja, leider. Müssen Sie so schreien? Meine Ohren sind absolut in Ordnung. Außerdem machen Sie den Kindern Angst.“

„Den Kindern? Lächerlich. Ich bin ihr Vater.“

„Genau. Und deshalb sollten Sie auch etwas mehr Selbstbeherrschung an den Tag legen.“ Eve hatte sich inzwischen von dem Schock erholt, dem ungehobelten Gentleman ein weiteres Mal begegnet zu sein.

Lord Stainton wandte sich ruckartig um. „Wer zum Teufel hat diese überspannte Person hereingelassen?“, schrie er seine Bediensteten an.

„Ich habe Ihnen doch bereits gesagt, mein Gehör funktioniert einwandfrei“, erklärte Eve ungerührt. „Sie brauchen also nicht so zu brüllen. Außerdem bin ich nicht überspannt.“ Sie ging zur Treppe, um Estelle zu holen.

„Wo wollen Sie hin?“ Mit weit ausgreifenden Schritten kam Lord Stainton hinter ihr her. Als er außer seinen beiden Sprösslingen noch ein drittes Kind auf den Stufen sitzen sah, blieb er abrupt stehen und maß das fremde kleine Mädchen mit einem wütenden Blick. Dann rief er nach Miss Lacy, und als sie nicht erschien, traf Eve die volle Wucht seines Zorns. „Wo kommt dieses Kind her?“

Dieses Kind ist meine Tochter.“

„Hätten Sie dann bitte die Güte, Ihre Tochter samt Ihrer eigenen Person aus meinem Haus zu entfernen, Miss …?“

„Brody … Mrs. Brody, wenn es recht ist.“ Eves Stimme zitterte vor unterdrückter Wut.

Lucas Stainton bedachte sie mit einem bohrenden Blick, den sie erwiderte, ohne mit der Wimper zu zucken. Irritiert registrierte er ihren amerikanischen Akzent, der überhaupt nicht zu dem schottischen Nachnamen passte. Einen Moment lang herrschte angespanntes Schweigen zwischen ihnen.

Wider Willen kam Eve zu dem Schluss, dass er ein ungewöhnlich gut aussehender Mann war. Er musste Anfang dreißig sein und bot mit seinen knapp ein Meter neunzig eine stattliche Erscheinung. Seine Augen hatten etwas Fesselndes, und sein Gesicht strahlte trotz des sinnlichen Mundes Kraft und Entschlossenheit aus. Allerdings auch eine gewisse Arroganz und Härte.

Sich des Missfallens, das ihr Anblick bei ihm erregte, vollends bewusst, fragte sie schließlich: „Und? Sind Sie fertig mit Ihrer Musterung, Lord Stainton? Der sind Sie doch, oder?“

„Allerdings, Mrs. Brody.“

„Sie sind der unhöflichste und arroganteste Mann, dem ich jemals begegnet bin.“

„Adel verpflichtet eben.“

Eve war nicht in der Stimmung für einen ironischen Schlagabtausch. Es gefiel ihr ganz und gar nicht, dass Lord Stainton sie offensichtlich überhaupt nicht ernst nahm. „Dann hoffe ich, dass Sie der letzte Adlige sind, dem ich in meinem Leben begegne“, schoss sie zurück. „Gestern habe ich ein Stoßgebet zum Himmel gesandt, dass sich unsere Wege nie mehr kreuzen mögen. Und daran hat sich auch durch unsere heutige Begegnung nichts geändert. Im Gegenteil. Ein Benehmen wie das Ihre zeugt für mich von einer schlechten Erziehung.“

Die Fäuste in die Seite stemmend trat Lord Stainton einen Schritt auf sie zu. „Wie können Sie es wagen, mich in meinem eigenen Haus zu beleidigen!“

„Das haben Sie sich selbst zuzuschreiben. Sie verbreiten eine Atmosphäre des Schreckens. Ihre Angestellten und die Kinder zittern vor Angst in Ihrer Gegenwart. Und Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, sage ich Ihnen da nichts Neues. Aber lassen Sie Ihren Gefühlen ruhig freien Lauf, denn ich fände es ausgesprochen unangenehm, wenn ich Zeuge davon werden müsste, dass Sie an Ihrer Wut ersticken.“

Lord Stainton verengte die Augen. „Eins können Sie mir glauben, Mrs. Brody“, begann er, diesmal mit gefährlich leiser Stimme. „Das möchten Sie nicht wirklich erleben, wenn ich einen Wutausbruch bekomme. Ich gestehe, ein hitziges Temperament zu haben, wenn ich provoziert werde. Aber wie ich meine Kinder erziehe und meine Bediensteten behandle, das lassen Sie gefälligst meine Angelegenheit sein.“

Er musterte sie. Eine Frau wie sie war ihm noch nicht untergekommen. Sie war geradlinig und äußerte unerschrocken ihre Meinung. Außerdem fand er sie durchaus reizvoll, wie er sich eingestehen musste, mit ihren blauen Augen, ihrem zarten Gesicht und den kastanienbraunen Locken, die unter ihrem Hut hervorlugten. Er ließ seinen Blick mit einer Vertraulichkeit über ihren Körper wandern, die ihr die Röte in die Wangen trieb.

Mrs. Brody, die er auf Anfang zwanzig schätzte, besaß eine Schlagfertigkeit, die anderen Frauen fehlte. Obwohl anscheinend verheiratet, hatte sie sich eine gewisse mädchenhafte Natürlichkeit bewahrt. Er ahnte, dass sich unter ihrem vornehmen Äußeren ein Wesen mit Mut und Eigensinn verbarg. Verärgert, dass er sich angesichts dieser doch so unerquicklichen Situation derartigen Betrachtungen hingegeben hatte, wandte er sich ab.

„Das wäre dann alles, Mrs. Brody. Niemand hat Sie gebeten, in dieses Haus zu kommen. Und niemand wird es bedauern, wenn Sie jetzt gehen. Dort ist die Tür.“

Eve fühlte, wie eine Welle des Zorns in ihr hochschoss. Wie kann er es wagen, derart unhöflich zu sein?

„Stimmt“, sagte sie dennoch ruhig, „es hat mich niemand darum gebeten hierherzukommen. Ich hielt es allerdings für meine Pflicht, dafür Sorge zu tragen, dass Ihre Kinderfrau, die unpässlich war, sicher mit ihren Schützlingen nach Hause kam. Da ich dieser Pflicht nun nachgekommen bin, wird es mir eine Freude sein, mich mit meiner Tochter aus Ihrem Haus zu entfernen – sobald ich meinen Hund wiederhabe, der in diesem Chaos leider entwischt ist.“

Lord Stainton drehte sich um und sah sie ungläubig an. „Ein Hund? Was für ein Hund?“

„Der Hund, der diese Treppe hier hochgelaufen ist, als wir die Halle betraten.“

„Wollen Sie damit andeuten, dass eine wild gewordene Bestie frei in meinem Haus herumspringt?“

„In der Tat – genau das wollte ich damit sagen. Sie müssen aber keine Angst haben. Die Bestie beißt nicht.“ Eves Stimme triefte vor Sarkasmus. „Ah, da ist Jasper ja.“ Erleichtert stellte sie fest, dass Sarah, den Welpen auf dem Arm, die Treppe herunterkam. Eve ging ihr ein paar Schritte entgegen und nahm ihr den Hund ab. Mit der freien Hand zog sie Estelle von der Treppenstufe hoch. Jetzt hatte sie es sehr eilig, aus diesem Haus hinauszukommen.

„Lord Stainton hat sich über irgendetwas aufgeregt, nicht wahr?“, flüsterte Sarah ihr zu und sah sie ängstlich an. „Ist alles in Ordnung mit Ihnen? Es ist nicht einfach, mit Seiner Lordschaft zurechtzukommen, wenn er einen seiner Wutanfälle hat.“

Eve lachte. „Machen Sie sich keine Sorgen, Sarah. Ich glaube, ich bin ganz gut mit ihm fertig geworden. Passen Sie bitte auf sich auf. Heiraten Sie Ihren jungen Mann, und warten Sie nicht zu lange damit.“

Hocherhobenen Hauptes ging sie an Lord Stainton vorbei. „Ich werde jetzt gehen. Toben Sie ruhig weiter. Ich finde es nur bedauerlich, dass meine Tochter diese unschöne Situation miterleben musste.“

„Mrs. Brody, Sie haben mich einfach an einem sehr schlechten Tag erwischt.“

Eve drehte sich um. „Nachdem ich nun bereits zum zweiten Mal das Vergnügen einer Begegnung mit Ihnen hatte, scheint es mir eher so zu sein, dass es in Ihrem Leben nur schlechte Tage gibt.“

„Ganz im Gegenteil, Mrs. Brody. Sollte Ihre Tochter jedoch unter meinem Zornesausbruch gelitten haben, würde ich das bedauern. Mein aufrichtiges Mitleid hingegen gilt Ihrem Gatten, den das Schicksal mit Ihnen gestraft hat.“ Nun triefte seine Stimme vor Sarkasmus.

Eve sah ihm geradewegs in die Augen. „Ich bin Witwe, Lord Stainton. Und mein Gatte wurde auch nicht vom Schicksal gestraft, sondern von der Kugel eines Engländers getroffen. Das war in New Orleans. Und nun …“, sie fasste Estelle fester bei der Hand und drückte Jasper an sich, „… will ich Sie nicht länger aufhalten. Guten Tag.“ Ohne ein weiteres Wort rauschte sie hinaus.

Lord Stainton starrte auf die Tür, durch die sie entschwunden war. Ein Gefühl des Unbehagens machte sich in ihm breit. Wenn ich das mit ihrem Mann nur gewusst hätte, dachte er. Seine Eltern und Hauslehrer hatten seit seiner frühesten Jugend darauf geachtet, dass er die Contenance wahrte, wie es sich für einen Mann seines Rangs gehörte. Man zeigte seine Gefühle nicht, egal, wie einem zumute war. Er musste sich eingestehen, dass er in der Situation gerade eben kläglich versagt hatte.

„Miss Lacy“, rief er. „Diese Mrs. Brody – wer ist sie, und wo wohnt sie?“

„Es tut mir leid, Sir. Ich weiß nur ihren Namen und dass sie in der Berkeley Street wohnt.“

„Nun gut.“ Er wandte sich zum Gehen, als ihm einfiel, was Mrs. Brody gesagt hatte. „Miss Lacy?“

„Ja, Sir?“

„Mrs. Brody erwähnte, dass Ihnen unwohl war. Wollen Sie einen Arzt aufsuchen?“

„Nein, Sir. Es geht mir schon viel besser.“ Sarah machte einen kleinen Knicks. „Aber danke der Nachfrage!“

„Gut.“ Und damit strich er Mrs. Brody aus seinem Gedächtnis.

Wieder zurück im luxuriösen Zuhause der Seagroves in der Berkeley Street, sank Eve im Salon erschöpft auf die Chaiselongue. Der Anflug einer Migräne ließ sie die Hände an die Schläfen pressen. Wie konnte ich mich nur zu einem solch unrühmlichen Auftritt hinreißen lassen? Ihr Ärger war zwar inzwischen verflogen, und sie hatte sich etwas beruhigt, aber sie fühlte sich seltsam niedergeschlagen. Was ist nur mit mir los? fragte sie sich zum zweiten Mal an diesem Tag.

Die Kinder spielten oben in ihrem Zimmer, und William, Beths Gatte, weilte noch im Außenministerium, wo er eine hohe Position bekleidete. Beth – froh, etwas Ruhe zu haben – gab dem Dienstmädchen Anweisung, Tee zu servieren, und gesellte sich zu Eve.

„Was hast du? So kenne ich dich gar nicht.“ Beth warf Eve einen besorgten Blick zu.

„Ich habe heute eine Bekanntschaft gemacht.“

„Das ist ja nun nicht weiter ungewöhnlich. Jemand, den ich kenne?“

„Davon gehe ich aus. Lord Stainton. Und ich muss dir sagen, er ist der ungehobeltste und arroganteste Mann, dem ich jemals begegnet bin.“

Beth lachte. „Das erklärt freilich alles. Was ist passiert?“

Eve ließ sich nicht lange bitten und erzählte Beth, wie sie Sarah Lacy im Park getroffen und wie Lord Stainton sie später wie eine Verbrecherin regelrecht aus seinem Haus geworfen hatte. Die allererste Begegnung mit Lord Stainton verschwieg sie jedoch, da Beth ihre einsamen Spaziergänge im Park nicht billigte. Als Eve zu Ende erzählt hatte, schaute ihre Freundin sie konsterniert an.

„Du meine Güte! Du bist ihm anscheinend gehörig auf die Zehen getreten.“

„Ja, es scheint so. Aber ich versichere dir, das lag keineswegs in meiner Absicht. Es ist eigentlich nicht mein Stil, jemanden in seinem eigenen Haus zu beleidigen. Kennst du ihn näher, Beth?“

„Aber natürlich, meine Liebe! Ganz London kennt Lord Stainton.“

„Und was weißt du über ihn?“

„Na ja, zunächst einmal … dass er unglaublich gut aussehend ist … das zumindest musst auch du zugeben.“

„Ja … schon … irgendwie“, antwortete Eve widerstrebend.

Beth seufzte auf. „Ich kann mir nicht helfen, ich fliege nun mal auf gut aussehende Männer.“

„Ich weiß. Deshalb hast du ja auch William geheiratet.“

„Keineswegs.“ Beth lächelte versonnen. „William habe ich geheiratet, weil er vernünftig und zuverlässig ist … aber auch einfühlsam und idealistisch.“

„Da kann ich dir nur zustimmen. William ist ein Schatz. Nicht so ein grober Klotz wie Lord Stainton. Was weißt du noch über ihn?“

„Nun, seine physischen und intellektuellen Vorzüge sind unübersehbar. Er hat den Titel von seinem Bruder geerbt, der vor ein paar Monaten gestorben ist. Er lebt ziemlich zurückgezogen. Man sieht ihn nicht oft bei gesellschaftlichen Anlässen. Obschon ich ihn hin und wieder bei kleineren Gesellschaften getroffen habe. Allerdings brodelt die Gerüchteküche, seit er sich vor einem Jahr von seiner Frau Maxine, der Tochter des Earl von Clevedon, getrennt hat. Die Scheidung verursachte damals einen Riesenskandal im ton.“

Eve starrte Beth schockiert an. „Scheidung? Er hat sich von seiner Frau scheiden lassen – von der Mutter dieser zwei reizenden Kinder? Warum denn, um Gottes willen?“

„Ich kenne natürlich nicht alle Einzelheiten. Ich weiß nur, dass es seit dem Tag der Eheschließung nichts als Schwierigkeiten gegeben hat. Eins der Probleme war, dass die beispiellose Schönheit seiner Frau zahlreiche Verehrer auf den Plan rief. Aber ein Mann wie Lord Stainton kann eheliche Untreue natürlich nicht tolerieren.“

„Sie hatte eine Affäre?“

„Anscheinend nicht nur eine. Man sagt, dass sie nach der Geburt ihrer zweiten Tochter eine Indiskretion nach der anderen beging. Unter anderem auch eine äußerst intensive mit Stephen, Lucas Staintons eigenem Bruder, mit dem sie dann sogar auf dem Landsitz der Familie zusammenlebte.“

„Sie hat ihre Kinder im Stich gelassen?“ Dass eine Frau und Mutter dies übers Herz bringen konnte, überstieg Eves Vorstellungsvermögen.

„Ja. Und man sagt, dass die Scheidung eine extrem kostspielige Angelegenheit war. Sie hat Lord Stainton praktisch ruiniert. Was die Situation noch verschlimmerte, ist die Tatsache, dass sein Bruder ein hemmungsloser Spieler war, der das Familienvermögen schon lange vor seinem Tod durchgebracht hatte.“

„Und Lord Stainton muss jetzt zusehen, dass er finanziell wieder auf die Beine kommt. Wird er gesellschaftlich gemieden?“

„Ganz im Gegenteil. Das alles verleiht ihm eine gewisse geheimnisvolle Aura, die nur zu seiner Anziehung beiträgt. Der ton reißt sich förmlich um ihn. Niemand wagt es, ihn zu schneiden. Er könnte wieder heiraten, aber die Mütter, die Ausschau nach passenden Ehemännern für ihre Töchter halten, erachten einen verarmten, geschiedenen Baron natürlich nicht gerade für eine geeignete Partie. Jede Gastgeberin, die auf sich hält, versucht jedoch, ihn zu ihren Soireen einzuladen, was er aber meist ablehnt.“

„Er verkauft gerade sein Haus in London und zieht auf seinen Landsitz.“

„Ja, ich weiß. Nach Laurel Court. Übrigens ein wundervolles Anwesen. Allerdings auch stark renovierungsbedürftig. Es liegt ganz in der Nähe des Familiensitzes von Williams Eltern in Oxfordshire. Hoffentlich erzielt Lord Stainton für das Haus in der Upper Brook Street einen guten Preis, damit er wenigstens einen Teil der Schulden bezahlen kann. Wer weiß, wie es sonst weitergehen soll. Wenn er den Landsitz behalten will, wird ihm vielleicht sogar nichts anderes übrig bleiben, als eine reiche Erbin zu heiraten. Und warum auch nicht? Er wäre nicht der erste und auch nicht der letzte Adlige, der sich auf eine Geldheirat einlässt.“

„Aber wäre das nicht eine sehr drastische Entscheidung, Beth?“

„Für dich vielleicht. Du bist an amerikanische Verhältnisse gewöhnt. Aber in England ist eine Eheschließung aus pekuniären Gründen gesellschaftlich akzeptiert. Nun ist Lord Staintons hervorstechendster Charakterzug allerdings sein Stolz. Es würde ihn sehr hart ankommen, eine solche Maßnahme zu ergreifen. Aber da wir schon von ihm reden, ich glaube, dass wir ihn heute Abend bei Lady Ellesmere antreffen werden. Er ist ein enger Freund der Familie.“

„Lord Stainton wird anwesend sein?“, rief Eve entsetzt aus.

Beth lachte. „Keine Angst. Vielleicht kommt er ja gar nicht.“

„Und wenn doch?“

„Mach dir keine Sorgen. Wahrscheinlich hat er sich inzwischen beruhigt und betrachtet die ganze Episode im Nachhinein mit Humor.“

„Wenn dem so sein sollte, würde mich das sehr wundern. Glaub mir, Beth, er dürfte unsere Begegnung nach wie vor alles andere als amüsant finden. Ich glaube wirklich, ich bleibe besser zu Hause. Lord Stainton wird ganz gewiss nicht den Wunsch haben, mich wiederzusehen – und ehrlich gesagt, bei mir verhält es sich ebenso. Außerdem habe ich entsetzliche Kopfschmerzen. Mich verlangt nach nichts mehr, als früh zu Bett zu gehen.“

„Unsinn. Du kommst mit. Ich zähle auf deine Gesellschaft, Eve. Bei Lady Ellesmere werden kaum Frauen in unserem Alter sein. Ich werde außer dir niemanden haben, mit dem ich mich unterhalten kann. Ich gebe dir einfach eins meiner Pülverchen. Nimm etwas davon, bevor wir ausgehen, und dann noch mal, bevor du zu Bett gehst.“

Sobald die Kutsche vor Lady Ellesmeres hell erleuchteter Stadtresidenz zum Stehen kam, eilte ein livrierter Diener heran, half den Damen beim Aussteigen und geleitete die Neuankömmlinge in die marmorne Eingangshalle. Als sie an der Seite von Beth und William den Salon betrat, blieb Eve, beeindruckt von der Pracht, die sich ihr bot, einen Augenblick stehen. Die Damen trugen modische Roben aus Seide und Spitze, die Herren elegante Abendfräcke.

Die goldenen und grünen Ornamente der Wandtapisserien wurden von den Bezügen der Sitzpolster und den schweren Vorhängen aufgegriffen. Teure orientalische Teppiche bedeckten den Boden. Der Raum erstrahlte im Schein unzähliger Kerzen, und das geschliffene Kristall der Leuchter warf das Licht tausendfach zurück. Ein Streichquartett spielte leise im Hintergrund, und für Gäste, die Zerstreuung beim Spiel suchten, waren eigens zwei Räume hergerichtet. Durch die geöffneten Flügeltüren, die auf eine Terrasse führten, kam die frische Abendluft herein. Das Licht von zahlreichen Laternen illuminierte den Garten.

Lady Ellesmere, eine Dame mittleren Alters, verwitwet und von imposanter Erscheinung, thronte auf einer Chaiselongue mit goldfarbenem Bezug. Ihre Juwelen funkelten im Kerzenlicht, und die prachtvolle Seide ihres violetten Kleides verlieh ihr etwas Königliches.

„Beeindruckend, nicht wahr?“, flüsterte William. Er nahm zwei Gläser Champagner von einem silbernen Tablett, um sie Beth und Eve zu reichen.

„Wie immer“, antwortete Beth. „Nichts anderes ist von Lady Ellesmere zu erwarten. Eve, was machen deine Kopfschmerzen? Hat das Pulver dir geholfen?“

Eve lächelte. Ihr Blick, der suchend durch den Raum geschweift war, hatte den gefürchteten Gast nicht entdeckt, und nun begann sie sich zu entspannen. „Ja, ich glaube, das hat es wirklich. Obwohl – um ganz sicherzugehen, habe ich die zweite Dosis auch genommen.“

„Was, du hast beide genommen?“, rief Beth entsetzt aus. „Oh, Eve, das hättest du nicht tun sollen. Das Medikament ist ziemlich stark. Du solltest besser keinen Champagner trinken.“

„Ja, eine Dosis von Beths Zauberpulver reicht aus, um dich eine Woche in Tiefschlaf zu versetzen“, bestätigte William schmunzelnd.

Eve lachte unbekümmert. Sie fühlte sich großartig und nahm einen Schluck Champagner. „Ich trinke sowieso nie mehr als zwei Gläser. Also macht euch keine Sorgen. Und wenn wir Lady Ellesmere begrüßt haben, werde ich eine kleine Stärkung zu mir nehmen.“ Sie deutete auf den angrenzenden Salon, wo ein üppiges Buffet auf die Gäste wartete.

Lucas erblickte Eve im gleichen Moment, in dem er Lady Ellesmeres Salon betrat. Abrupt blieb er stehen. Er traute seinen Augen nicht, dass er diese unmögliche Person, diese Furie, hier antreffen musste. Hier, unter der crème de la crème der feinen Gesellschaft, und dazu auch noch in Begleitung von William Seagrove und dessen Gattin.

Lucas war mit Henry Channing, einem guten Freund, gekommen. Henry, eine Seele von Mensch, liebte das Londoner Leben, das so viel mehr an Unterhaltung bot als das provinzielle Newcastle, wo er seine Jugend verbracht hatte. Bei seinem guten Aussehen und dem Reichtum seines Vaters war er überall ein gern gesehener Gast. Seine bürgerliche Herkunft wurde dabei geflissentlich übersehen.

Henry folgte dem Blick seines Freundes: „Bei diesem göttlichen rothaarigen Wesen handelt es sich um Mrs. Eve Brody“, erklärte er freudestrahlend. „Sie ist in England geboren und in Amerika aufgewachsen. Ich hörte, ihr Vater sei unlängst verstorben und habe ihr ein immenses Vermögen hinterlassen.“

„Ach, tatsächlich?“, erwiderte Lucas trocken und starrte auf das Glas in seiner Hand.

„Mrs. Brody ist Witwe“, fuhr Henry fort. „In Amerika konnte sie sich vor Heiratsanträgen kaum retten. Und auch hier in England ist sie durchaus begehrt. Aber sie weist alle Verehrer zurück.“

Lucas warf seinem Freund einen sarkastischen Blick zu. „Du bist ja außerordentlich gut informiert, was die Dame betrifft, Henry.“

„Meine Schwester ist eine enge Freundin von Beth Seagrove.“

„Ach ja? Ich für meinen Teil bin nicht im Geringsten an Mrs. Brody interessiert.“ Damit wandte Lucas sich ab und ging lächelnd auf Lady Ellesmere zu, um sie zu begrüßen.

Später am Abend ertappte Lucas sich dabei, dass sein Blick immer wieder Eve suchte. Das Licht der Kristalllüster verlieh ihrem Teint einen elfenbeinfarbenen Schimmer. Er musste sich eingestehen, dass sie wirklich eine Schönheit war mit ihrer kastanienbraunen, von rötlichen Glanzlichtern durchsetzten Lockenpracht. Das zartgrüne Kleid brachte ihre makellose Figur aufs Vorteilhafteste zur Geltung.

Eve, die inzwischen mit Schrecken festgestellt hatte, dass Lord Stainton doch gekommen war, spürte die Intensität seines Blicks wie eine Berührung. Sie fühlte sich zunehmend unbehaglich, ihr Stolz gebot ihr jedoch, dies zu verbergen. Sie hob den Kopf, und ihre Blicke trafen sich. Die Spannung zwischen ihnen war förmlich mit Händen zu greifen.

Es war nichts Neues für Eve, dass bewundernde Männerblicke sie streiften. In Lord Staintons Blick allerdings lag etwas Anmaßendes – regelrecht Unverschämtes.

Beth, die neben ihr stand, sagte plötzlich: „Wenn das Wetter morgen schön ist, können wir ein Picknick im Park machen. Hättest du Lust dazu? Für den Nachmittag ist ein Ballonaufstieg angekündigt. Ich glaube, die Kinder wären begeistert.“

„Oh ja“, antwortete Eve, „das würde ich mir auch gerne anschauen. Und ich glaube, es wird den Kindern gefallen, an die frische Luft zu kommen und sich einmal richtig auszutoben. Wann wird eigentlich euer neues Haus fertig?“ William hatte, wie so viele Londoner der gehobenen Kreise, beschlossen, mit seiner Familie aus dem Stadtkern wegzuziehen. Camberwell lag etwas außerhalb, südlich der Themse, aber immer noch zentral genug, damit er bequem ins Außenministerium gelangen konnte.

„Noch zwei Monate … ich kann es kaum erwarten“, erwiderte Beth. „Weißt du, worüber ich sehr froh bin, Eve? Dass Estelle sich hier so gut eingelebt hat. Ich muss gestehen, dass ich mir große Sorgen gemacht habe, ob sie New York nicht vermissen würde.“

„Deine Jungs haben es ihr sehr leicht gemacht, Beth. Für Estelle ist das Leben im Moment ein einziges großes Abenteuer.“

Was man von Eve leider nicht sagen kann, dachte Beth. Ihre Freundin war zwar nach der Ankunft in England sofort zum Liebling der Londoner Gesellschaft aufgestiegen, die zahlreichen standesgemäßen Junggesellen, die vorstellig wurden, wies sie jedoch alle, höflich, aber bestimmt, ab. Sie schien keinerlei Interesse daran zu haben, erneut einen Bund fürs Leben einzugehen.

Wieder wurde Eves Blick wie magisch von Lord Stainton angezogen. Selbst über die beachtliche Weite des Salons, die zwischen ihnen lag, fühlte sie deutlich die Ausstrahlung dieses Mannes. Eine kaum gezügelte Kraft schien von ihm auszugehen.

Als er seine Schritte in ihre Richtung lenkte, überkam sie das Gefühl, flüchten zu müssen. „Wenn du mich bitte einen Augenblick entschuldigen würdest, Beth. Ich …“

Ihre Freundin, der nicht entgangen war, dass Lord Stainton sich ihnen näherte, legte Eve beruhigend eine Hand auf den Arm. „Oh nein, meine Liebe. Ich glaube, es ist an der Zeit, dass du Seiner Lordschaft jetzt auch ganz offiziell vorgestellt wirst und ihr den kleinen Konflikt zwischen euch beilegt.“

Schicksalsergeben wappnete Eve sich innerlich, als Beth sich Lord Stainton zuwandte.

Lucas deutete eine Verbeugung an. „Es ist mir ein Vergnügen, Mrs. Seagrove, Sie hier anzutreffen. Ihr Gatte ist auch zugegen?“

„Selbstverständlich, Lord Stainton. Allerdings nehmen im Moment die Karten seine Aufmerksamkeit völlig in Anspruch. Darf ich Ihnen meine gute Freundin Eve Brody vorstellen?“

Eve blickte in Lord Staintons verschlossenes Gesicht.

„Wir kennen uns bereits“, sagte sie leise und drehte das Champagnerglas zwischen ihren Fingern.

In diesem Moment erschien William im Türdurchgang zum Kartenzimmer, und Beth entschuldigte sich hastig, um ihn davon abzuhalten, sich erneut in ein Spiel zu vertiefen.

Lucas neigte höflich den Kopf und richtete seinen Blick auf Eve. „In der Tat, Mrs. Brody, man kann wahrlich sagen, dass wir beide uns kennen.“

Eve rang um Fassung und zwang sich zu einem Lächeln. „Ich habe mich bemüht, unsere unerfreuliche Begegnung zu vergessen. Doch ich muss gestehen, es ist mir leider nicht gelungen.“

„Nun, dann viel Erfolg für die Zukunft! Lassen Sie uns darauf anstoßen!“

Um die Ironie seiner Worte zu unterstreichen, hob er sein Glas. Eve wollte es ihm gleichtun, als sie urplötzlich ein Anfall von Schwäche übermannte. Das Glas entglitt ihren Händen, und der Champagner ergoss sich über ihr Kleid. Unglücklicherweise zog Lord Stainton einen völlig falschen Schluss aus ihrem Missgeschick.

„Hat man Sie denn nicht vor den Gefahren des Alkoholgenusses gewarnt, Mrs. Brody?“, fragte er verächtlich. Seine Bemerkung traf Eve wie ein Schlag ins Gesicht.

„Das ist nicht nötig, Lord Stainton“, erwiderte sie wütend. Am liebsten hätte sie ihm sein Glas aus der Hand gerissen und ihm den Inhalt ins Gesicht geschüttet.

„Oh! Ich hatte den Eindruck, dass Sie womöglich etwas zu viel Champagner genossen haben.“

Während sie noch um Selbstbeherrschung rang, bemerkte Eve erleichtert, dass ein Lakai nahte und ihr fürsorglich eine Serviette reichte. Mit zitternden Fingern betupfte sie die nassen Flecken auf ihrem Kleid.

„Vielen Dank.“ Sie zwang ein Lächeln auf ihre Lippen und reichte dem Bediensteten die Serviette zurück. Dann blickte sie sich verstohlen um. War jemand Zeuge des peinlichen Zwischenfalls geworden? Nein, befand sie aufatmend. Dem scheint glücklicherweise nicht so zu sein.

„Vielleicht möchten Sie noch ein Glas Champagner?“, fragte Lord Stainton spöttisch.

„Nein, danke“, erwiderte Eve knapp.

„Es ist immer gut, zu wissen, wann man genug hat.“

„Lord Stainton, Sie sind absolut unmöglich. Verschwinden Sie! Ihre Gegenwart ist mir unerträglich.“

Statt verärgert zu sein, umspielte ein amüsiertes Lächeln seine Lippen. „Was hatten Sie denn erwartet, Mrs. Brody? Einen Kavalier der alten Schule? Einen Charmeur? Ich muss Sie enttäuschen, aber da sind Sie bei mir an der falschen Adresse.“

Bevor Eve auch nur ein Wort der Erwiderung hervorbringen konnte, fügte er hinzu: „Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Abend.“ Damit drehte er sich um und ließ sie stehen.

2. KAPITEL

Während der Abend voranschritt, überkam Eve bleierne Müdigkeit. Sie konnte kaum noch die Augen offen halten. Am liebsten hätte sie sich hingelegt und geschlafen. Es muss dieses Kopfschmerzmittel sein! vermutete sie. Vielleicht hilft es ja, wenn ich ein wenig frische Luft schnappe. Wo steckt nur Beth? Ihr Blick schweifte durch den Raum, aber sie konnte ihre Freundin nirgends entdecken.

Eve ging durch den Salon hinaus auf die Terrasse. Dort legte sie die Hände auf die niedrige steinerne Brüstung und versuchte, tief und ruhig zu atmen. Es entging ihr völlig, dass sie nicht alleine war – und als sie schließlich die beiden ins Gespräch vertieften Gentlemen bemerkte, war es zu spät, um sich noch unauffällig zurückzuziehen. Es waren Lord Stainton und sein Freund Henry Channing.

„Ist Ihnen nicht wohl?“, fragte Letzterer besorgt, als ihm auffiel, dass Eve Mühe hatte, sich auf den Beinen zu halten.

Obgleich ihr entsetzlich elend war und sie das Gefühl hatte, der Boden unter ihren Füßen schwanke, bemerkte sie den verächtlichen Blick, mit dem Lord Stainton sie bedachte.

„Ich glaube, die Dame ist völlig betrunken, Henry.“ Und zu Eve gewandt, meinte er: „Sie werden morgen einen gehörigen Kater haben, Mrs. Brody.“

„Wenn ich getrunken hätte, was allerdings nicht der Fall ist. Und selbst wenn, ginge Sie das nicht das Geringste an. Was fällt Ihnen ein, so mit mir zu reden?“, wehrte sie sich.

„Ich könnte noch ganz andere Dinge zu Ihnen sagen, Mrs. Brody, aber das wäre pure Zeitverschwendung.“ Lord Stainton packte sie unsanft am Arm, als er sah, dass sie abermals schwankte. „Ich hole wohl besser Ihre Freunde, damit man Sie heimbringt, bevor es zu einem Eklat kommt.“

Sprachlos starrte Eve ihn an. Sie wollte etwas sagen, brachte aber nur ein schwaches „Sie missverstehen …“ hervor.

„Ich verstehe nur allzu gut.“ Er blickte demonstrativ auf den nassen Fleck auf ihrem Kleid.

„Sie impertinenter …“ Ihre Beine versagten, als sie versuchte, sich von ihm loszumachen. Um sie her begann sich alles zu drehen. Sie schloss die Augen.

„Ich glaube, sie wird ohnmächtig“, bemerkte Henry.

„Nein … nein … es geht schon …“, stieß Eve hervor. Erneut machte sie Anstalten, sich loszumachen, und sank dabei beinahe zu Boden.

„Herrgott noch mal!“ Lord Stainton konnte sie gerade noch festhalten. Kurz entschlossen hob er sie auf seine Arme und sah sich nach einer Bank um.

„Hol Mrs. Seagrove, Henry. Sie soll sofort herkommen und am besten ihr Riechfläschchen mitbringen. Aber sei um Himmels willen diskret, damit niemand etwas merkt. Es hätte mir gerade noch gefehlt, dass man mich mit einer bewusstlosen Frau in den Armen sieht. Wie ein Lauffeuer würde das durch ganz London gehen.“

Während Henry davoneilte, trug Lord Stainton seine reglose Last zu einer Bank.

Plötzlich kam Eve wieder zu sich. Ihr ganzer Körper erstarrte, als sie begriff, dass Lord Stainton sie auf seinen Armen hielt. Brennende Scham durchflutete sie. Sie stemmte ihre Hände gegen seine breiten Schultern und versuchte, sich seinem Griff zu entwinden. „Wie können Sie es wagen …!“, fuhr sie ihn an. „Lassen Sie mich sofort herunter!“ Ihr Widerstand schürte allerdings Lord Staintons Zorn und Verachtung nur noch mehr.

„Halten Sie den Mund!“, befahl er kurz angebunden und setzte sie nach ein paar Schritten unsanft auf einer der steinernen Bänke ab.

Eve wollte gerade zu einer Erwiderung ansetzen, als sie bemerkte, dass Beth, gefolgt von Mr. Channing, eilig auf sie zustrebte.

„Beth!“, rief sie aus. Noch nie in ihrem Leben war sie so erleichtert gewesen, ihre Freundin zu sehen.

„Um Gottes willen! Was ist denn passiert?“ Besorgt beugte Beth sich über sie. „Haben sich deine Kopfschmerzen so verschlimmert?“

„Nein … nein, das ist es nicht. Würdest du diesem … diesem arroganten Menschen mit dem Benehmen eines Barbaren bitte erklären, dass ich einfach nur zu viel von deinem Kopfschmerzmittel genommen habe – und nicht, wie er mir unterstellt, betrunken bin?“

„Kopfschmerzmittel?“, wiederholte Lord Stainton und hob die Brauen. Anstatt schuldbewusst seinen Fehler einzugestehen, amüsierte ihn das Ganze offenbar. „Sie neigen zu Kopfschmerzen, Mrs. Brody?“

„Ganz im Gegenteil“, erwiderte Eve bissig. „Normalerweise erfreue ich mich bester Gesundheit. Leider hatte ich heute das Pech, Ihnen zu begegnen, was mein Wohlbefinden schlagartig beeinträchtigt hat.“

„Tja, was bleibt mir da noch zu sagen?“

„Wie wäre es mit ‚Entschuldigung‘?“ Eve funkelte ihn an.

„Nun gut. Dann bitte ich untertänigst um Verzeihung.“

„Sie! Und untertänig! Da muss ich ja lachen!“

„Ich versichere Ihnen, Sie haben ein völlig falsches Bild von mir. Ich wollte Ihnen lediglich zu Hilfe eilen. Und das nicht zum ersten Mal“, bemerkte er anzüglich.

„Und ich erinnere mich deutlich, Ihnen schon einmal erklärt zu haben, dass ich Ihrer Hilfe in keiner Weise bedarf.“ Angelegentlich wich Eve Beths Blick aus. Ihr war klar, dass sie später eine Menge zu erklären haben würde.

„Sind Sie sicher?“ Ein süffisantes Lächeln umspielte Lord Staintons Mundwinkel. „Ich kann Ihnen gern meinen Arm anbieten, um Ihnen beim Aufstehen behilflich zu sein.“

Wutentbrannt setzte Eve sich gerade. „Unterstehen Sie sich, mich anzufassen!“

Sie warf den Kopf in den Nacken, legte ihre Hand auf Beths Arm und sagte: „Wenn du nichts dagegen hast, würde ich jetzt gern nach Hause fahren. Ich muss mich unbedingt hinlegen, bevor ich mich vollends zum Gespött der Leute mache und in Lady Ellesmeres Salon einschlafe.“

Beth unterdrückte ein Lächeln. „Das wäre wirklich äußerst unpassend, meine Liebe. Wir wollten sowieso bald gehen. Lass uns William suchen, und dann verabschieden wir uns von unserer Gastgeberin.“ Sie wandte sich Lord Stainton und Mr. Channing zu, der verdutzt den Schlagabtausch verfolgt hatte. „Gute Nacht, Lord Stainton, Mr. Channing. Und vielen Dank für Ihre Unterstützung.“

„Unfassbar!“, war alles, was Henry nach minutenlangem Schweigen hervorbrachte. Er konnte nicht glauben, was sich soeben vor seinen Augen abgespielt hatte. Er kannte niemanden, der so vermessen gewesen wäre, Lucas Paroli zu bieten oder ihn zu provozieren. Und dann kam diese junge amerikanische Witwe – eine überaus reizvolle junge Witwe – und tat genau das. „Was hat sie zu dir gesagt? Du hättest das Benehmen eines Barbaren? Da hast du es dir aber bei jemandem sehr gründlich verscherzt, mein Freund.“

Lucas blickte zu der Terrassentür, durch die Eve entschwunden war. Sein amüsiertes Lächeln hatte einem Ausdruck eisiger Kälte Platz gemacht.

„Das dürfte allein Mrs. Brodys Problem sein, Henry, und nicht meines.“

Beth bestand darauf, eine ruhige Stelle für das Picknick zu suchen, was nicht einfach war, da an diesem Tag der Ballonaufstieg stattfinden sollte und die Menschen nur so in den Hyde Park strömten, um dem Spektakel beizuwohnen. Die Seagrove-Kinder und Estelle bildeten da keine Ausnahme. Die Veranstaltung zog so viele Schaulustige an, dass sogar der Strom der Equipagen, der sich nachmittags durch den Park bewegte, ins Stocken geriet. Neben Reitern auf Pferden aus den edelsten Gestüten und herausgeputzten Dandys sah man Damen der besten Gesellschaft und gefeierte Schönheiten. Im strahlenden Sonnenschein plauderten die Menschen ungezwungen miteinander, wobei Gesprächsthema Nummer eins natürlich der Ballonaufstieg war.

Lucas, der die Kutsche, in der Miss Lacy und seine Töchter saßen, zu Pferde begleitete, fiel die kleine Picknickgesellschaft rein zufällig auf – oder vielleicht auch, weil dem Anblick ein gewisser Zauber innewohnte. Er schwang sich aus dem Sattel und betrachtete die Szene. Die Erwachsenen lagerten friedlich im Schatten einer Buche, während die Kinder auf der Wiese Fangen spielten. Auf einem weißen Damasttuch im Gras waren allerlei kulinarische Köstlichkeiten ausgebreitet.

Eine Gestalt in der Runde zog Lucas’ Blicke besonders auf sich. Eine Frau in einem hellen, zartblau gemusterten Kleid, das im Rücken mit einer Schleife gerafft war. Sie hatte den Kopf in den Nacken gelegt, um den Ballon beobachten zu können, und ihre Haare, denen die Sonne rötliche Glanzlichter aufsetzte, flossen ihr in einer Kaskade über den Rücken. Mit ihrem seidenen Haarband wirkte sie wie ein junges Mädchen, obwohl ihr Körper der einer erwachsenen Frau war.

Als der Ballon am Horizont immer kleiner wurde, wandte Eve den Blick von ihm ab und sah zu den Kindern hinüber. Beths Jungen waren eigentlich ein bisschen zu wild, um mit einem Mädchen zu spielen, aber Estelle gab ihr Bestes, um mithalten zu können. Plötzlich hielt ihre kleine Tochter jedoch inne. Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, und sie rannte aufgeregt zu Eve.

„Mama!“, rief sie. „Da drüben sind Sophie und Abigail!“ Damit hüpfte sie schon auf die Kutsche zu, in der ihre neuen Freundinnen saßen.

Eve stand auf und eilte ihrer Tochter leichtfüßig hinterher.

„Sarah! Wie schön, Sie zu treffen!“ Sie wandte sich den Kindern zu: „Habt ihr euch auch den Ballonaufstieg angesehen?“

„Ja“, antwortete Sophie mit leuchtenden Augen. „Es war schrecklich aufregend!“

„Und er hat ein Geräusch gemacht … wie ein Drache“, fiel Abigail ein.

„Die Kinder waren ganz außer sich vor Begeisterung“, sagte Sarah lächelnd. „Sie hatten so etwas ja noch nie erlebt.“

„Ich habe dergleichen auch noch nie gesehen.“ Plötzlich kam Eve eine Idee. „Warum steigen Sie nicht aus und setzen sich zu uns, Sarah? Es wäre wundervoll, wenn die Mädchen miteinander spielen könnten – und es ist auch noch jede Menge zu essen da.“

„Das wird nicht möglich sein, Mrs. Brody. Ich weiß Ihr großzügiges Angebot zu schätzen, doch Miss Lacy und die Kinder müssen leider nach Hause.“

Eve wirbelte herum und sah geradewegs in Lord Staintons Gesicht. Seine Miene war undurchdringlich, aber seine eisblauen Augen funkelten spöttisch. Lässig stand er gegen die Kutsche gelehnt. Er trug einen pflaumenfarbenen Reitrock und helle Reithosen. In seinen auf Hochglanz polierten Stiefeln hätte man sich spiegeln können. Eine unglaublich männliche Ausstrahlung ging von ihm aus. Schlägt deshalb mein Herz so heftig? fragte sich Eve. Sie konnte sich ihre starke Reaktion auf Lord Stainton nicht erklären.

„Wie geht es Ihnen, Mrs. Brody? Keine Kopfschmerzen heute?“, fragte Lucas und deutete eine Verbeugung an.

„Es geht mir gut. Danke der Nachfrage“, erwiderte Eve kühl.

„Nie hätte ich vermutet, Sie hier anzutreffen.“ In seinem Ton klang eine leise Kritik an.

„Und warum nicht? Das Spektakel hat mir großes Vergnügen bereitet, fast so viel wie den Kindern.“ Neben ihr hüpfte Estelle auf und ab, um ihre Freundinnen in der Kutsche besser sehen zu können. „Aber meinen Sie nicht, es wäre dem Wohlergehen Ihrer Töchter zuträglich, wenn sie ein bisschen an der frischen Luft spielen könnten? Estelle würde sich sehr darüber freuen.“

„Ich habe Ihnen doch bereits gesagt, dass wir zurück müssen.“ Lord Stainton war nicht bereit, seine Pläne von Mrs. Brody durchkreuzen zu lassen.

Die armen Kleinen, dachte Eve. Wie bedrückt sie aussehen. Keine Spur von der Lebenslust und ungebärdigen Freude, wie Kinder sie in diesem Alter normalerweise an den Tag legen.

„Manchmal müssen sie sich einfach austoben, Lord Stainton“, versuchte sie erneut, ihn umzustimmen. Sie wusste, sie würde sich zügeln und den richtigen Ton treffen müssen, wenn sie ihn überreden wollte. „Es wird ihnen bestimmt nicht schaden.“

„Bitte, Papa“, sagte Sophie zaghaft. „Dürfen wir?“

Eve ließ Lord Stainton nicht aus den Augen. Es war unübersehbar, dass er mit sich rang, und sie konnte nur hoffen, dass er seine schlechte Laune nicht auf dem Rücken der Kinder austragen würde. Erleichtert nahm sie zur Kenntnis, wie sich seine Züge entspannten.

„Nun gut, Sophie. Miss Lacy, Sie passen auf die beiden auf!“ Er wies den Kutscher an zu warten, öffnete den Schlag des Landauers und hob seine Töchter herunter. Dann ging er, ohne Eve eines Blickes zu würdigen, zu seinem Pferd.

Während Estelle und Sophie sofort ausgelassen über die Wiese liefen, nahm Eve Abigail bei der Hand und führte sie zum Picknickplatz. Lord Stainton schwang sich in den Sattel und sah ihnen versonnen nach. Mochte er sich auch noch so streng geben, das Wohl seiner Töchter lag ihm am Herzen. Die Last der Verantwortung, allein für zwei kleine Mädchen sorgen zu müssen, ruhte jedoch schwer auf seinen Schultern und bedrückte ihn.

Wieder einmal wurde er sich überdeutlich gewahr, dass Liebe und Fürsorge einer Mutter nicht zu ersetzen waren. Aber seine Frau hatte eben nicht nur ihn, sondern auch ihr eigen Fleisch und Blut im Stich gelassen. In Momenten wie diesen wurde ihm das nur allzu schmerzlich bewusst. Mit einem Seufzen ergriff er die Zügel und lenkte seinen Hengst zu einer Gruppe von Bekannten, um seinen trüben Gedanken zu entkommen.

„Sie sehen schon wieder sehr blass aus, Sarah. Ist alles in Ordnung?“ Eve hatte sich neben der jungen Frau im Gras niedergelassen und musterte sie besorgt. „Ich stelle es mir nicht ganz einfach vor, für jemanden wie Lord Stainton zu arbeiten.“

„Ich weiß, dass Ihnen das so vorkommen muss“, erwiderte Sarah ernst. „Aber glauben Sie mir – unter seiner rauen Schale verbirgt sich ein weicher Kern.“ Sie senkte den Blick. „Ich habe viel darüber nachgedacht, was … was Sie gestern zu mir gesagt haben … wegen meiner Anstellung.“

„Und, meine Liebe? Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?“

Sarah schluckte. „Ich werde Mark heiraten. Wir lieben uns. Aber es bricht mir das Herz, Sophie und Abigail zu verlassen.“

„Lord Stainton – weiß er es schon?“

Sarah nickte. „Ich bleibe, bis er auf seinen Landsitz fährt – in zwei, drei Wochen. Nur den Kindern habe ich noch nichts gesagt. Ich weiß einfach nicht, wie.“

Mitfühlend legte Eve ihre Hand auf Sarahs Arm. „Es ist nicht leicht, aber ich bin sicher, Sie finden einen Weg, es ihnen schonend beizubringen – und Lord Stainton wird einen Ersatz für Sie finden.“

„Ja …“

Plötzlich schreckte lautes Wehklagen sie auf. Abigail, die, so schnell ihre Beinchen sie trugen, den anderen hatte hinterherlaufen wollen, war hingefallen und lag weinend am Boden.

Lucas hatte die Szene von Weitem mitverfolgt. Er sprang aus dem Sattel, und so rasch er konnte, eilte er auf seine Tochter zu. Doch bevor er sie erreichte, kniete Eve schon vor ihr und nahm sie in die Arme.

„Ich wusste, dass das Ganze ein Fehler war!“ Lord Stainton warf Eve einen vorwurfsvollen Blick zu.

„Mein Gott.“ Eve schüttelte den Kopf. „Reißen Sie sich zusammen. Sie machen alles nur noch schlimmer.“

Sie zog das schluchzende Kind auf ihren Schoß und redete beruhigend auf es ein. „Tut es sehr weh? Komm, lass mich mal sehen.“

„Ja“, schluchzte Abigail.

Eve wiegte das kleine Mädchen sanft in ihren Armen und strich ihm übers Haar. „Weißt du was? Wenn ihr zu Hause seid, dann macht dir Miss Lacy eine feine Zaubersalbe auf dein Knie, und dann ist alles wieder gut. Ja?“

Eve wäre sehr verwundert gewesen, hätte sie in diesem Moment Lord Staintons Gesichtsausdruck gesehen. Lucas stand wie gelähmt und starrte auf die innige Szene, die sich ihm bot. Er fühlte sich als Eindringling und Außenseiter zugleich. Gebannt lauschte er Eves tröstenden Worten. Sie lösten etwas in ihm aus, das er nicht zu benennen vermochte. Ihm war – wenn auch nur für einen kurzen Augenblick –, als habe jemand tief in seinem Innern eine kleine, wärmende Flamme entzündet.

Abigails Schluchzer verebbten, und Eve stand auf, ohne das Kind aus den Armen zu lassen. „Komm, meine Kleine“, flüsterte sie dem Mädchen ins Ohr, „wir gehen zu Miss Lacy, die bringt euch heim, ja? Und denk an die Zaubersalbe!“

Sarah und sie brachten die beiden Mädchen zur Kutsche. Nachdem die drei sicher auf ihren Plätzen saßen, trat Eve zu Lord Stainton, der sich auf sein Pferd schwang.

„Ich glaube nicht, dass Abigails Verletzung Anlass zur Sorge gibt“, sagte sie. „Man strauchelt nun mal auf dem Weg des Lebens. Das gehört zum Erwachsenwerden dazu.“

„Hoffentlich täuschen Sie sich da nicht, Mrs. Brody“, entgegnete Lord Stainton von oben herab. „Für gewöhnlich pflegen meine Töchter jedoch nicht wie die Wilden herumzurennen.“

„Dann sollten sie das in Zukunft vielleicht öfter mal tun“, schoss Eve wütend zurück. „Es dürfte ihrer Gesundheit weitaus zuträglicher sein, als wenn sie den ganzen Tag drinnen eingesperrt sind.“

„Meine Kinder werden nicht eingesperrt!“ Lucas funkelte sie an. „Sie werden behütet – und zwar von einer sehr verantwortungsbewussten Kinderfrau.“

„Das mag ja schön und gut sein, solange sie klein sind, aber …“

„… doch dann bräuchten sie eine Mutter – das wollten Sie doch sagen – oder, Mrs. Brody?“ Lord Staintons Stimme hatte einen eisigen Unterton angenommen, aber es schwang noch etwas anderes mit. Etwas, das Eve nicht zu deuten wusste. „Da sind wir ausnahmsweise einmal einer Meinung“, fuhr er fort. „Leider haben sie nun mal keine …“

„Entschuldigen Sie bitte, wie wäre es, wenn Sie mich erst einmal ausreden ließen?“, fiel Eve ihm ins Wort. „Ich hatte sagen wollen, dass eine Gouvernante das Richtige wäre für Ihre Töchter.“

Er holte tief Luft. „Wenn mich nach Ihrem Rat verlangen sollte, werde ich mich sicher an Sie wenden. Aber bis dahin liegt die Erziehung meiner Kinder allein in meiner Verantwortung.“

„Bei Ihrer Einstellung befürchte ich allerdings das Schlimmste.“

„Welch Impertinenz, Mrs. Brody! Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie in Zukunft Ihre Nase nicht in meine Angelegenheiten stecken würden.“

Eve wich einen Schritt zurück, als er sich auf sein Pferd schwang und davonritt. Sie nahm ihm seine Worte nicht wirklich übel. Sie wusste, wie schwer es für ihn sein musste, die Last der Verantwortung für seine beiden Töchter allein zu tragen. Dazu kam, dass er gerade erst von Sarahs Kündigung erfahren hatte. Eve hoffte inständig, dass er bald einen adäquaten Ersatz fand.

Lucas ritt hinter der Kutsche her und blickte sich noch ein paar Mal nach der temperamentvollen Frau um, die sich wieder zu ihren Freunden gesellte. Dann wandte er entschlossen den Kopf und strich Mrs. Brody aus seinen Gedanken.

Es war tiefe Nacht. Stille hatte sich über das Haus der Seagroves gesenkt. Allein Eve war noch wach. Sie saß vor ihrem Toilettentisch und starrte blicklos in den Spiegel. Sie liebte England, und das Haus in der Berkeley Street war ein Ort der Zuflucht für sie. Aber trotz allem … sie fühlte sich zutiefst einsam.

Vor drei Monaten war ihr Vater unerwartet verstorben. Sein Tod hatte eine entsetzliche Lücke in ihrem Leben hinterlassen. Wochenlang war sie wie gelähmt gewesen, hatte sich mit Estelle regelrecht in ihrem Haus vergraben. Doch es sollte nicht lange dauern, bis ganze Scharen von Verehrern bei der reichen Erbin Eve Brody anklopften. Sie hatte alle Avancen abgelehnt, aber schließlich war ein Brief ihrer Freundin Beth eingetroffen, in dem diese sie einlud, nach England zu kommen und bei ihr und ihrer Familie zu leben. Eve hatte erleichtert angenommen. Sie und Beth kannten sich seit Kindertagen, hatten in New York Tür an Tür gelebt, bis Beth William Seagrove begegnet und ihm nach London gefolgt war.

Eve beneidete ihre Freundin um deren glückliche Ehe und wünschte sich, die Dinge hätten sich für sie ebenso entwickelt. Aber leider war ihr dies nicht vergönnt gewesen. Andrew Brody, ihr Gatte, hatte nach nur sechs Monaten Ehe unter mysteriösen Umständen den Tod gefunden und sie, nur vier Monate vor Estelles Geburt, als Witwe zurückgelassen.

Seufzend rief Eve sich zur Ordnung. Solche Gedanken brachten sie nicht weiter. Es galt zu überlegen, wie sie ihr Leben gestalten sollte. Sie konnte nicht ewig im Haus der Seagroves bleiben und deren Gastfreundschaft in Anspruch nehmen. Außerdem hatte ihr Anwalt sie davon in Kenntnis gesetzt, dass es geraume Zeit dauern konnte, bis die Angelegenheiten hinsichtlich ihres Erbes geregelt waren. Das hieß, dass sie sich in der Zwischenzeit eine Anstellung suchen musste.

Ihr war zwar noch nicht ganz klar, welche Art Beschäftigung es sein sollte, eines allerdings stand für sie fest: Auf keinen Fall würde sie nach New York zurückkehren. Sie wollte in England bleiben, wenn auch nicht in London. Die Stadt war zu groß und zu laut für ihren Geschmack. Aber da Eve – außer gegenüber Estelle – keinerlei familiäre Verpflichtungen hatte, stand es ihr frei, sich niederzulassen, wo immer es ihr gefiel.

Von Natur aus optimistisch, maß sie der unerfreulichen Begegnung mit Lord Stainton inzwischen keine allzu große Bedeutung mehr zu. Der Gentleman selbst aber wollte ihr nicht mehr aus dem Kopf gehen … und seine reizenden Kinder ebenso wenig. Immer wieder fragte sie sich, ob er wohl eine Nachfolgerin für Sarah Lacy gefunden hatte. Da ihr bislang nichts dergleichen zu Ohren gekommen war, hatte sie sich einen Plan zurechtgelegt. Einen Plan, der sowohl ihr als auch Lord Stainton zum Vorteil gereichen würde. Sie musste den Gentleman nur noch dazu bringen, dass er sie anhörte.

Am nächsten Morgen, als Eve sich ins Frühstückszimmer begab, fiel es ihr schwer, den Optimismus, der sie letzte Nacht erfüllt hatte, aufrechtzuerhalten. Bei Licht besehen kam ihr das Vorhaben, sich von Lord Stainton als Kindermädchen anstellen zu lassen, geradezu verwegen, wenn nicht gar aussichtslos vor.

Beth starrte sie nur ungläubig an, als Eve bei Tisch von ihrem Plan erzählte. William, diplomatisch wie immer, wollte jedoch erst einmal Genaueres hören, bevor er sich dazu äußerte.

„Du willst Lord Stainton fragen, ob er dich einstellt?“, fragte Beth fassungslos. „Aber Eve, woher dieser Meinungsumschwung? Du verabscheust den Mann doch!“

„Ehrlich gesagt, weiß ich selber nicht mehr, was ich davon halten soll. Es klingt hanebüchen, aber trotzdem habe ich vor, ihm diesen Vorschlag zu unterbreiten.“

„Und das, nachdem er dich mit seinem Pferd fast zu Tode getrampelt und dich obendrein der Trunksucht bezichtigt hat!“

„Das kann ich ihm eigentlich nicht übel nehmen. So, wie die Situation sich ihm präsentierte, hat er einfach nur falsche Schlussfolgerungen gezogen.“

„Eve, vergiss eins nicht, du bist eine reiche Frau“, warf William ein. „Du musst überhaupt nicht arbeiten, um deinen Lebensunterhalt zu sichern.“

„Im Moment habe ich aber noch keinen Zugriff auf mein Erbe. Und ich kann schließlich nicht ewig bei euch wohnen. Nein, ich habe meine Entscheidung getroffen. Ich werde mir eine Anstellung suchen.“

Beth war ganz und gar nicht mit dem Entschluss ihrer Freundin einverstanden. „Die Sache gefällt mir überhaupt nicht, Eve. Hast du einmal darüber nachgedacht, dich wiederzuverheiraten? Es gäbe da etliche standesgemäße Gentlemen, die bereits Interesse bekundet haben …“

Ein Schatten flog über ihr Gesicht, und Eve schüttelte energisch den Kopf. „Nein, Beth. Das kommt auf keinen Fall infrage. Die Ehe mit Andrew hat mich eines gelehrt: Ich werde mich so schnell nicht wieder binden.“

Beth hatte immer vermutet, dass Eve mit ihrem Gatten nicht glücklich gewesen war, indes hatte die Freundin nie darüber gesprochen. „Aber ausgerechnet Lord Stainton! Du bist doch sonst immer so vernünftig. Ist dir überhaupt klar, was du da vorhast? Du kannst die Konsequenzen überhaupt nicht absehen.“

Unbekümmert lachte Eve auf. „Sorg dich nicht, Beth. Glaub mir, es ist das Beste … es soll ja nur vorübergehend sein. Für mich … und auch Estelle … wäre es ideal. Überdies mache ich mir Gedanken um Lord Staintons Kinder. Sie werden Sarah Lacy entsetzlich vermissen. Ich hoffe, er wird zumindest in Erwägung ziehen, mich ihre Stelle einnehmen zu lassen.“

Bekümmert schaute Beth ihre Freundin an. Sie bemühte sich, die richtigen Worte zu finden. „Wir wissen beide, dass er ein überaus stolzer Mann mit einem nicht gerade einfachen Charakter ist. Darüber hinaus macht er den Eindruck, als wäre ihm sein Ruf gleichgültig. Deshalb halte ich es für angebracht, dich zu warnen, damit du weißt, auf was du dich unter Umständen einlässt.“

„Was meinst du damit, Beth?“ Eve runzelte die Stirn. „Du sprichst in Rätseln.“

„Die Scheidung damals hat einen ziemlichen Skandal verursacht“, begann Beth zu erklären. „Das ist dir bereits bekannt. Was du nicht wissen kannst, ist, dass böse Zungen behaupten, seine Frau sei gegangen, weil sie es mit ihm nicht mehr ausgehalten hat. Mit seinen Launen und Stimmungsschwankungen. Und dass er ihr sogar verwehrt, ihre eigenen Kinder zu sehen.“

„Und? Ist an diesen Gerüchten etwas dran?“

„Wer weiß das schon bei Gerüchten?“ William zuckte die Schultern. „Sicher ist, dass seine Frau seitdem ihre Kinder nicht mehr besucht hat. Lucas Stainton wird nachgesagt, dass er sehr eigenwillig und egozentrisch ist. Du selbst hast ihn ja als einen kalten und unnahbaren Menschen geschildert. Außerdem soll er ein sehr strenger Dienstherr sein, der die höchsten Leistungen von seinen Angestellten erwartet. Disziplin und Zuverlässigkeit sind bei ihm oberstes Gebot.“

Eve schwieg nachdenklich. Dann sagte sie: „Ich gebe zu, er ist ein ziemlich schwieriger Mensch, doch ich kann ihn auch irgendwie verstehen. Seine Situation ist schließlich äußerst unerfreulich. Aber meint ihr, es ist wirklich wahr, dass er seiner früheren Frau den Kontakt mit den Kindern verwehrt?“

„Genau weiß ich es nicht“, sagte Beth. Sie griff nach Eves Hand. „Ich weiß nur, dass ich keine ruhige Minute mehr haben werde, wenn du tatsächlich mit diesem Mann unter einem Dach leben solltest.“

„Beth, bitte! Ich habe dir doch bereits versichert, dass du dir keine Sorgen um mich zu machen brauchst.“ Eve wandte sich an William. „Weißt du, ob er sein Haus schon verkauft hat?“

„Ich glaube nicht. Aber ich habe keine Zweifel, dass sich ein Käufer finden wird. Schließlich ist es sehr luxuriös und liegt in einer bevorzugten Gegend.“

„Und stimmt es, dass er verkaufen muss, um die Spielschulden seines Bruders zu begleichen?“

William nickte. „Leider ja. Stephen Stainton frönte einer Vielzahl teurer Laster – nicht zuletzt der Spielsucht. Einmal hat er auf einen Schlag die astronomische Summe von einhunderttausend Pfund verloren. Gottlob war sein Bruder damals sehr reich und konnte die Schulden begleichen. Lucas Stainton ist in geschäftlichen Dingen brillant. Aber diese Summe brachte ihn an den Rand des Ruins.“

„Ich finde es sehr nobel von ihm, sich für seinen Bruder einzusetzen, William.“ Ein Anflug von Bewunderung schwang in Eves Stimme mit. „Ich meine, welcher Mann hätte schon solche Größe bewiesen, die Schulden des Liebhabers seiner Frau zu begleichen? Angesichts dessen, was du mir erzählst, muss ich meine Meinung über Lord Stainton um einiges revidieren. Unter seiner rauen Schale scheint sich tatsächlich ein weiches Herz zu verbergen. Allerdings verbirgt er das wirklich gut. Als er mich bei Lady Ellesmeres Soiree beschuldigte, betrunken zu sein, habe ich fast selbst daran geglaubt. Zumindest bis mir, gottlob, Beths Kopfschmerzpulver wieder einfiel. Meine Güte, war das eine peinliche Situation!“

„Lucas Stainton kann sehr … überzeugend wirken … auf die Damenwelt“, sagte William scherzend. „Anwesende selbstverständlich ausgenommen, nicht wahr?“

„Das hast du diplomatisch formuliert, William.“ Eve lachte. „Ganz der Politiker. Ich gebe zu, auch ich kann ihm eine gewisse Anziehungskraft nicht absprechen. Aber sag, wie ist deine persönliche Meinung von Lord Stainton?“

„Ich schätze ihn sehr – und ich habe großen Respekt vor ihm. Doch mach dir bitte nichts vor, Eve. Bei allem, was dieser Mann tut, richtet er sich einzig und allein nach seinen eigenen Regeln. Er lässt sich von niemandem beeinflussen – am allerwenigsten von einer Frau.“

„Da siehst du es, Beth“, sagte Eve schmunzelnd. „Sogar William, der einer der vernünftigsten Menschen ist, die ich kenne, hält große Stücke auf Lord Stainton.“

„Was dein Urteil über meinen lieben Gatten betrifft, stimme ich dir ganz und gar zu.“ Beth nickte. „Allerdings muss ich auch Williams Behauptung beipflichten, dass Lord Stainton einer der begehrtesten und attraktivsten Männer der Gesellschaft ist. Daran gibt es keinen Zweifel. Wo immer er auftaucht, liegen ihm die Frauen zu Füßen, trotz seines Zynismus … oder vielleicht gerade deshalb. Man kann ihm allerdings nicht ganz absprechen, dass er allen Grund hat, zynisch zu sein, bei dem, was er hinter sich hat. Aber meine Liebe, ich warne dich, er hat eine geradezu unheilvolle Wirkung auf das Herz einer Frau.“

„Und wie reagiert Lord Stainton auf die Bewunderung der holden Weiblichkeit? Gibt es keine, die sein kaltes Herz zum Schmelzen gebracht hat?“

Beth hob die Schultern. „Davon ist mir nichts zu Ohren gekommen. Ich vermute, er hat die eine oder andere Affäre gehabt, allerdings lässt er dabei höchste Diskretion walten. Und erstaunlicherweise gibt es Menschen – wie etwa mein Gatte – die Lord Stainton für einen echten Gentleman halten, der höchsten Respekt verdient. Andere hingegen verteufeln ihn und finden ihn unerträglich arrogant. Vielleicht weil er den Leuten im Gespräch das Gefühl vermittelt, sie könnten sich in keiner Weise mit ihm messen.“

„Wahrscheinlich stimmt das sogar“, murmelte Eve. „Wie dem auch sei, ich glaube, wenn man ihn erst mal richtig kennengelernt hat, ist er viel netter, als man annimmt.“

Ergeben seufzte Beth auf. „Ja … vielleicht …“ Besorgt fuhr sie dann jedoch fort: „Du hast dich doch nicht etwa in ihn verliebt?“

„Aber Beth!“, rief Eve entrüstet. „Ganz im Gegenteil! Du weißt, meine bisherigen Begegnungen mit ihm sind alles andere als harmonisch verlaufen. Gleichwohl habe ich eine gewisse Hochachtung vor ihm – und ich bin bereit, ihm eine Chance zu geben.“

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