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HISTORICAL LORDS & LADIES BAND 62

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Intrigen um Miss Serena

1. KAPITEL

Die Sonne stand jetzt so tief, dass ihre Strahlen mit blendender Helligkeit durch die offenen Verandafenster hereindrangen. Miss Serena Calvert erhob sich, um die Vorhänge zu schließen. Unwillkürlich seufzte sie auf. Es war ein heißer Tag, und der Wind, der von der See her wehte, hatte wenigstens ein bisschen kühle Luft gebracht.

Miss Calvert ging zu ihrem Sessel zurück und schaute ihre Besucherin fragend an. „Was halten Sie von meinem Plan, Lady P?“

Es gab nur wenige Menschen auf der Insel, die es sich erlauben durften, die Gattin des Gouverneurs so anzureden. Miss Serena Calvert, eine Cardoman Calvert of Anse Chatelet, gehörte zu ihnen. Sie kannte Lady Pendomer seit Jahren und konnte sich zu ihren engsten Freundinnen zählen.

Lady Pendomer, die im allgemeinen Fröhlichkeit und Optimismus ausstrahlte, wirkte ungewöhnlich ernst. „Sie werden Ihre Idee fallen lassen müssen, Serena“, sagte sie mit fester Stimme. „Sie scheinen sich keine Vorstellung davon zu machen, wie teuer es ist, eine Saison in London zu verleben. Ich muss Ihnen gestehen, dass England selbst für uns beinahe unerschwinglich war. Es tut mir leid, so offen zu Ihnen sprechen zu müssen, doch ich weiß genau, dass Sie nicht über die notwendigen Mittel verfügen.“

Miss Calvert hob kampflustig das Kinn.

„Bitte, Serena …“ Lady Pendomer lächelte. „Sehen Sie mich doch nicht so böse an. Es wäre nicht fair von mir, wenn ich Ihnen falsche Hoffnungen machte! Wenn Sie erreichen wollen, dass die gute Gesellschaft von Ihnen Notiz nimmt, dann müssen Sie ein Haus in einer der vornehmen Gegenden Londons mieten. Sie müssen eine umfangreiche, der neuesten Mode entsprechende Garderobe haben. Sie brauchen Bedienstete und natürlich auch eine Kutsche und Pferde. Wovon wollen Sie das alles bezahlen? Als wir mit Caroline nach England gingen, um sie in die Gesellschaft einzuführen, da konnten wir bei einem Cousin meines Gatten wohnen. Sie aber, Serena, haben, soweit ich weiß, keine Verwandten in London.“

„Das ist richtig. Und es stimmt natürlich, dass mein Vater mir nichts als Sorgen hinterlassen hat. Der Besitz ist hoch belastet. Dabei bringen die Ländereien gerade soviel ein, dass wir davon leben und jährlich einen geringen Teil der Schulden zurückzahlen können.“

„Sie denken doch sicher nicht daran, eine weitere Hypothek aufzunehmen?“

„Nein. Ohne entsprechende Sicherheiten wäre wohl auch niemand bereit, mir Geld zu leihen …“

„Was also haben Sie vor, Serena?“

„Ich habe ein bisschen gespart. Und dann besitze ich auch noch einiges an Schmuck.“

„Liebste Serena, Ihren Schmuck dürfen Sie auf keinen Fall veräußern!“, rief Lady Pendomer erregt aus. „Er stellt Ihre gesamte Mitgift da. Und wenn Sie nicht heiraten sollten, ist er sozusagen Ihre einzige Sicherheit für ein sorgenfreies Alter.“

„Ich will ja nicht alles verkaufen. Wahrscheinlich reicht es, wenn ich mich von dem Cardoman-Kollier trenne.“

„Das Cardoman-Kollier?“ Lady Pendomer schüttelte fassungslos den Kopf. „Sie wollen das Cardoman-Kollier verkaufen?“

„Ja, warum nicht? Es ist nicht einmal besonders schön.“

„Aber es ist ein wertvolles Erbstück! Serena, ich habe wirklich den Eindruck, dass Sie heute nicht Sie selbst sind. Das Schmuckstück mag uns altmodisch erscheinen, schließlich ist es mehr als hundertfünfzig Jahre alt. Aber welche Familie kann schon von sich sagen, dass sie ein so ungewöhnliches Geschenk eines Königs zu ihrem Besitz zählt? Es heißt, dass König Charles Arabella Cardoman geheiratet hätte, wenn ihm das nur möglich gewesen wäre. Das Kollier war ein Liebespfand! Sie dürfen es nicht hergeben!“

Die Gattin des Gouverneurs warf der jungen Frau einen nachdenklichen Blick zu. „Im übrigen“, fuhr sie fort, „bezweifele ich, dass Sie einen Käufer für das Schmuckstück finden würden.“

„Da täuschen Sie sich, Lady P“, gab Miss Calvert zurück. „Ich habe bereits einen Käufer. Und was den ideellen Wert des Kolliers betrifft … Es hat keinen Zweck, das Schmuckstück für die Familie zu erhalten. Cardomans gibt es schon lange nicht mehr. Und meine Nichte Lucy und ich sind die letzten, die den Namen Calvert tragen. Wenn wir heiraten – oder sterben – wird es keine Cardoman-Calverts mehr geben. Unter diesen Umständen erscheint es mir bedeutend wichtiger, Lucy die Chance auf eine glückliche Zukunft nicht zu verbauen. Das Mädchen soll nicht für immer auf dieser Insel gefangen sein.“

Miss Calvert trat erneut ans Fenster. Sie schob den Vorhang ein wenig beiseite und blickte hinaus. Von ihrem Standort aus konnte sie die Bucht sehen, nach der der Besitz der Calverts benannt worden war. Das Wasser glitzerte golden im Licht der tief stehenden Sonne.

Die junge Frau wandte sich um. „Ich weiß, Lady P, dass Sie sich immer darüber gewundert haben, dass ich alle Heiratsanträge zurückwies. Aber sagen Sie einmal ehrlich: Wäre es Ihnen recht gewesen, wenn Ihre Tochter einen der sogenannten ‚angesehenen Junggesellen‘ von St. Just geheiratet hätte? Gewiss nicht! Deshalb sind Sie doch mit Caroline nach London gegangen. Dort hat sie Lord Dalcraig kennengelernt. Und nun sind die beiden ein glückliches Ehepaar.“

Lady Pendomer nickte. Und Miss Calvert fuhr fort: „Sie waren klug genug, auch dafür zu sorgen, dass Ihr Sohn die Insel rechtzeitig verließ. Ich bin sicher, dass Sie meine Meinung teilen: Das Klima hier auf St. Just bringt die schlechtesten Seiten im Wesen der Männer zum Vorschein. Die Herren der Schöpfung werden mit der Zeit entweder zu Schwächlingen, die jeden Unternehmungsgeist, ja, jeden eigenen Willen verlieren. Oder sie werden selbstsüchtig, rücksichtslos, böse. Es ist …“ Serena Calvert unterbrach sich und zuckte heftig die Schultern, so als wolle sie eine schreckliche Erinnerung abschütteln. „Lucy jedenfalls“, sagte sie nach einer kurzen Pause, „ist ein bezauberndes Mädchen, klug, lebhaft und hübsch. Ich werde nicht zulassen, dass sie einen Mann heiratet, der sie zerbricht. Und ich werde auch verhindern, dass sie sich an jemanden bindet, den sie irgendwann zu verachten beginnt.“

„Gehen Sie nicht ein bisschen zu streng mit den Gentlemen auf unserer Insel ins Gericht?“, meinte Lady Pendomer.

„Durchaus nicht! Ich habe meine Erfahrungen gemacht …“

Die Gattin des Gouverneurs seufzte. „Ich muss gestehen, dass ich begreife, warum es für Sie so wichtig ist, Lucy gut zu verheiraten. Dennoch muss ich Sie nochmals darauf hinweisen, dass es Ihnen an den Mitteln fehlt, eine Saison in London zu finanzieren. Die Kosten für Sie und Lucy …“

„Aber ich werde nicht nach England gehen!“, unterbrach Serena Calvert ihre Freundin.

„Sie wollen Ihre Nichte nicht begleiten? Das verstehe ich nicht. Wer soll sich denn um Lucy kümmern?“

„Sheba wird mit ihr reisen. Und in England wird meine Tante sie bei sich aufnehmen und sie in die Gesellschaft einführen.“

„Ihre Tante? Ach ja …“

„Lady Dorothy Spurston. Sie erinnern sich, Lady P?“ Miss Calvert lächelte. „Sie wird für Lucy sorgen. Ich selbst kann St. Just doch gar nicht verlassen. Wer sollte sich um den Besitz kümmern? Sie wissen, wie viel ich zu tun habe. Ich muss hier bleiben auf Anse Chatelet.“

„Unsinn, liebes Kind! Wenn Lucy tatsächlich nach London geht, dann ist es unumgänglich, dass Sie sie begleiten! Das ist im übrigen auch in Ihrem eigenen Interesse.“

„In meinem Interesse?“ Es dauerte einen Moment, ehe Miss Calvert begriff, was Lady Pendomer meinte. Sie begann zu lachen. „Ich bitte Sie, Lady P! Wer sollte sich denn für mich interessieren? Ich bin eine hässliche alte Jungfer, die nicht einmal über eine anständige Mitgift verfügt.“

„Serena, manchmal machen Sie mich wirklich zornig! Sie sind keine alte Jungfer, Sie sind gerade sechsundzwanzig. Und Sie sind auch nicht hässlich, höchstens ein bisschen zu schlank und zu stark von der Sonne gebräunt. Wenn Sie sich etwas mehr um Ihr Aussehen und Ihre Kleidung bemühen würden, dann könnten Sie durchaus attraktiv sein. An Ihrem Charakter ist schließlich nichts auszusetzen. Welch ein Glück, dass die Befürchtungen, die ich hegte, als Sie noch ein Kind waren, sich nicht bewahrheitet haben.“

Miss Calvert hob die Augenbrauen. „Müssten Sie nicht eher von Missbilligung als von Befürchtungen sprechen, Lady P?“

„Nun, all das, was man Ihnen damals hätte vorwerfen können – dass Sie wild, eigensinnig und unbeherrscht seien –, hatte seinen Grund schließlich darin, dass sich niemand für Ihre Erziehung verantwortlich fühlte. Ihre Mutter war tot. Und Ihr Vater hatte nur Augen für Ihren Bruder Richard. Seltsam, dass Ihr Papa so völlig blind für die Fehler seines Sohnes war. Dass Sie, Serena, Richard so kritiklos bewunderten, kann ich ja noch verstehen. Er war schließlich bedeutend älter als Sie. Ein gut aussehender Bursche und intelligent dazu. Schade, dass er …“ Lady Pendomer unterbrach sich, als sie Miss Calverts gequälten Gesichtsausdruck bemerkte. „Verzeihen Sie mir“, sagte sie rasch. „Wir wollen jetzt nicht von der Vergangenheit reden. Was zählt, ist die Zukunft. Und ich bin davon überzeugt, dass auch Sie einen guten Ehemann finden könnten. Sie sollten Ihre Anziehungskraft nicht unterschätzen.“

„Oh, das tue ich nicht!“ Serena Calverts Augen blitzten auf. „Ich weiß, um meine Stärken, und ich bin stolz auf das, was ich erreicht habe. Ich habe um Anse Chatelet gekämpft, und ich habe den Besitz gerettet. Allerdings habe ich dafür den größten Teil meiner Jugend opfern müssen. So unbeschwert wie Lucy habe ich nie leben können.“

„Sie hätten nach England zu Ihrer Tante gehen können, Serena. Ich erinnere mich, dass die alte Dame Sie schon vor Jahren eingeladen hat.“

„Das stimmt. Ich bin Tante Dorothy sehr dankbar dafür. Natürlich konnte ich die Einladung nicht annehmen. Ich musste mich um Lucy kümmern und später, als Papa nicht mehr dazu in der Lage war, auch um Anse Chatelet. Meiner Meinung nach habe ich meine Sache sehr gut gemacht. Es hat viel Kraft gekostet. Doch andererseits weiß ich meine Unabhängigkeit zu schätzen. Ich wäre nicht bereit, sie für einen Gatten aufzugeben, zu dem ich nicht voller Achtung aufschauen könnte. Wo aber sollte ich einen solchen Gemahl finden? Ein Gentleman, der über alle von mir geforderten Qualitäten verfügt, hätte gewiss kein Interesse daran, sich mit einer unansehnlichen, hoch verschuldeten Dame von den Westindischen Inseln zu vermählen.“

Lady Pendomer seufzte. „Serena“, meinte sie drängend, „seien Sie doch nicht so dickköpfig. Gewiss gibt es irgendwo einen Gentleman, den Sie achten und lieben können und der Ihre Gefühle erwidert.“

Miss Calvert schüttelte nur den Kopf.

„Ich bin davon überzeugt, dass Sie sich gut verheiraten könnten! Ich würde Ihnen sogar behilflich sein, wenn Sie wirklich mit Lucy nach London gehen. Glauben Sie nicht, dass Sie Anse Chatelet eine Zeit lang Ihrem Verwalter überlassen können? Will Norret ist ein fähiger Mann, und mein Gatte würde gewiss ein Auge auf ihn haben. Ich selbst könnte Maria bitten, ein paar Kleider für Sie und Lucy zu nähen. Dadurch würden Sie eine Menge Geld sparen.“

Lady Pendomers letzte Worte ließen Serenas Augen aufleuchten. Maria, die Zofe der Gouverneursgattin, hatte eine Zeit lang für eine bekannte Schneiderin in London gearbeitet. Da sie sich noch immer über die neuesten Modeströmungen informierte und die Nähnadel mit beachtlichem Geschick zu handhaben wusste, würde sie bei der Zusammenstellung von Lucys Garderobe von großem Nutzen sein.

„Übrigens“, sagte Lady Pendomer in diesem Moment, „kann ich mir nicht vorstellen, dass Lucy bereit ist, ohne Sie nach England zu reisen.“

„Sheba wäre ja bei ihr.“

„Eine Sklavin!“

„Ich habe Sheba schon vor Jahren die Freiheit geschenkt. Wir haben keine Sklaven hier auf Anse Chatelet.“

„Schon gut, Serena. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass Sheba sich in England nicht besser auskennt als Lucy. Eine Negerin ist gewiss nicht die richtige Begleitung für Ihre Nichte. Lucy braucht Sie, Serena. Wenn Sie das Mädchen zwingen, allein zu reisen, dann sind Sie meiner Meinung nach unnötig grausam zu ihm. Ich werde ein solches Vorhaben nicht unterstützen.“

Nachdem Lady Pendomer sich verabschiedet hatte, fühlte Miss Calvert sich seltsam verunsichert.

Seit Jahren schon war sie daran gewöhnt, alle Entscheidungen allein zutreffen. Ihr kürzlich verstorbener Vater war zwar offiziell das Haupt der Familie gewesen, doch infolge seiner langen schweren Krankheit, hatte die gesamte Verantwortung für den Besitz auf Serena gelastet. Es war ihr manchmal nicht leicht gefallen, in wichtigen Angelegenheiten den richtigen Entschluss zu fassen. Doch stets war es ihr gelungen, schließlich den richtigen Weg einzuschlagen.

Heute jedoch schien alles anders zu sein. Lady Pendomers Worte hatten Serena Calvert in einen tiefen Gewissenskonflikt gestürzt. Einerseits sah die junge Frau es als ihre Pflicht an, Anse Chatelet nicht zu verlassen. Denn jede kleinste Nachlässigkeit konnte dazu führen, dass der Besitz den Gläubigern zufiel. Andererseits war es von größter Bedeutung, dass Lucy nach London ging. War es da nicht tatsächlich Serenas Pflicht, das Mädchen zu begleiten? Würde Lucy sich – so wie die Gattin des Gouverneurs annahm – womöglich sogar weigern, ohne ihre Tante nach England zu reisen?

Miss Calvert wusste nicht, was sie tun sollte. Unruhig schritt sie im Raum auf und ab. Ihre Nichte Lucy war beinahe achtzehn. Lange konnte die Fahrt nach London also nicht mehr aufgeschoben werden. Es war so wichtig, dass das Mädchen einen passenden Gatten fand!

In diesem Moment stürzte Lucy ins Zimmer. „Tante Renie“, rief sie, „Joshua und seine Freunde veranstalten am Strand einen Wettkampf. Den solltest du dir unbedingt anschauen. Komm schnell!“ Ungeduldig fasste das Mädchen nach Miss Calverts Hand.

„Nicht so wild, Lucy! So warte doch! Ich habe etwas Wichtiges mit dir zu besprechen. Und wie oft soll ich dir noch sagen, dass du mich …“

„Tante Serena nennen sollst!“, vollendete Lucy den Satz.

Miss Calvert runzelte vorwurfsvoll die Stirn. Aber das Mädchen lachte nur. „Ich möchte wetten, dass Lady Pendomer dich besucht hat, Tante Renie.“

„Ja. Und es wäre schön gewesen, wenn du die Zeit gefunden hättest, sie zu begrüßen.“

„Ich wusste ja nichts von ihrem Besuch. Sag mal, warum bist du eigentlich immer so ernst, wenn sie hier war? Komm, vergiss sie einfach und begleite mich zum Strand …“

„Lucy“, fiel Serena Calvert ihrer Nichte ins Wort, „du benimmst dich wie ein Kind! In deinem Alter könntest du wirklich ein bisschen vernünftiger sein. Ich habe mich immer bemüht, das zu tun, was das Beste für dich ist, und …“

„Liebe Tante Renie!“ Das Mädchen schloss Miss Calvert in die Arme. „Was machst du denn für ein Gesicht? Hat Lady Pendomer dich irgendwie gekränkt?“

„Natürlich nicht! Außerdem geht es jetzt nicht um mich, sondern um dich. Es ist an der Zeit, ernsthaft über deine Zukunft nachzudenken. Ich bin der Ansicht, dass du nach London gehen solltest, um dort in die Gesellschaft eingeführt zu werden.“

Lucy ließ sich auf den nächstbesten Stuhl sinken. „Nach London?“, stammelte sie. „Das können wir uns doch gar nicht leisten …“

„Doch, vorausgesetzt, dass wir das Cardoman-Kollier verkaufen.“

„Du willst das Kollier verkaufen? Es ist doch ein Familienerbstück!“

Miss Calverts Stimme klang unschuldig, als sie sagte: „Pardon, Lucy, ich hatte angenommen, das Schmuckstück gefiele dir nicht. Aber wenn du es behalten möchtest, dann werde ich es selbstverständlich …“

„Mir liegt nichts an dem hässlichen Ding!“, rief Lucy aus. „Aber es befindet sich seit über einhundertfünfzig Jahren im Familienbesitz.“

„Viel zu lange, findest du nicht?“, meinte Serena Calvert mit einem Lächeln. „Dein Großvater trug sich mit dem Gedanken, es zu veräußern. Aber er starb, ehe er seinen Plan in die Tat umsetzen konnte. Das Kollier könnte uns eine hübsche Summe einbringen, eine Summe, die beinahe ausreichen würde, um deine Saison in London zu finanzieren.“

Das Mädchen hatte nachdenklich die Stirn gerunzelt. „Der Schmuck gehört dir. Es erscheint mir nicht richtig, dass du ihn meinetwegen verkaufst.“

„Unsinn, Lucy. Das Kollier hat mir nie etwas bedeutet. Es macht mir nichts aus, mich von ihm zu trennen, zumal wenn der Erlös für eine gute Sache verwandt wird.“ Liebevoll lächelte Miss Calvert ihre Nichte an.

Einen Moment noch zögerte Lucy. Dann fiel sie ihrer Tante um den Hals. „Wie lieb du bist, Tante Renie! England, o Himmel! Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal auf die andere Seite der Welt reisen würde! Dabei habe ich immer von einer Saison in London geträumt! Ach, ich kann es kaum glauben … Wann fahren wir, Tante Renie?“

„Oh, eine Weile wird es noch dauern. Es gibt so viel vorzubereiten. Und ich bin mir noch nicht sicher, ob ich dich überhaupt begleiten kann, Liebes. Zum einen müssen wir unsere Ausgaben sehr genau überdenken. Zum anderen würde ich Anse Chatelet nur sehr ungern verlassen. Du weißt ja, wie viel ich hier zu tun habe.“

„Ich soll ohne dich nach London gehen?“, fragte Lucy fassungslos. „Du willst, dass ich die weite Reise ganz allein mache? Und dann soll ich ohne dich in dieser fremden Stadt leben? Kannst du Anse Chatelet denn nicht ein einziges Mal vergessen, Tante Renie?“

„Nein, Lucy, das kann nicht.“ Miss Calverts Stimme klang sehr ernst. „Wenn wir den Besitz verlieren, sind wir praktisch mittellos. Deshalb liegt es in meiner Verantwortung, uns Anse Chatelet zu erhalten.“

Lucys eben noch strahlendes Gesicht hatte sich verfinstert. „Du hast natürlich recht, Tante Serena“, sagte das Mädchen steif. „Aber wenn du nicht mitkommen kannst nach London, dann bleibe ich auch hier.“ Damit wandte Lucy sich um und trat auf die Veranda hinaus.

Miss Calvert starrte ihr wortlos nach. Lucys Reaktion war schlimmer als alles, was sie sich ausgemalt hatte. Sollte Lady Pendomer mit ihrer Vermutung recht behalten? Würde das Mädchen sich weigern, allein zu reisen? Aber nein, gewiss würde Lucy in den nächsten Tagen einsehen, wie wichtig die Saison in London für sie war. Und dann würde sie sich bereit erklären, in Shebas Begleitung nach England zu fahren, um sich dort in Lady Spurstons Obhut zu begeben.

Serena Calvert beschloss, ihrer Nichte ein wenig Zeit zu lassen, damit sie sich an die Vorstellung, die Insel zu verlassen, gewöhnen konnte.

Um ihre Nichte von der Notwendigkeit der Reise nach England zu überzeugen, brachte Miss Calvert in den nächsten Tagen das Gespräch immer wieder auf die Vorteile, die eine Saison in London für Lucy mit sich bringen würde. Doch das Mädchen blieb hartnäckig dabei, dass es St. Just nur in Begleitung seiner Tante verlassen würde.

Miss Calvert war kurz davor, dem Drängen ihrer Nichte nachzugeben, als ein Brief aus England eintraf, der ihr die Entscheidung aus der Hand nahm. Es war ein Schreiben ihrer Tante, Lady Dorothy Spurston. Darin teilte die alte Dame ihr mit, dass sie Serena und Lucy in ihrem Haus in Surrey willkommen heißen und alles in ihrer Macht Stehende tun würde, um Lucys Debüt vorzubereiten. Doch da ihre Gesundheit sehr angegriffen sei, könne sie das Mädchen leider nicht selbst nach London begleiten. Es sei also Serenas Aufgabe, Lucy in die Gesellschaft einzuführen.

Miss Calvert faltete den Briefbogen zusammen und seufzte tief auf. Dann begann sie entschlossen mit den Vorbereitungen für die Reise.

Die Neuigkeit sprach sich rasch herum. Lucy war außer sich vor Freude. Lord Pendomer versprach, Will Norret bei der Verwaltung von Anse Chatelet zu unterstützen. Lady Pendomer schrieb an ihre Freundinnen in London, um diese zu bitten, sich um Miss Calvert und ihre Nichte zu kümmern, sobald diese dort eintrafen. Maria, die Zofe der Gouverneursgattin, machte sich mit Begeisterung daran, einige Kleider für Serena und Lucy Calvert zu entwerfen und zu nähen.

Das Cardoman-Kollier wurde verkauft, und von einem Teil des Erlöses wurde die Schiffspassage nach England gebucht. Lucy strahlte. Und selbst Miss Calvert ließ sich ein wenig von der Begeisterung ihrer Nichte anstecken.

Man sah auf den ersten Blick, dass der Gentleman, der gerade vom Grosvernor Square in die Upper Brook Street einbog, sehr wohlhabend war. Er trug hervorragend geschnittene Kniehosen aus Leder und einen dunkel-blauen Rock aus feinstem Tuch. Eine Diamantnadel schmückte seine Krawatte, seine Stiefel waren auf Hochglanz poliert, und sein Spazierstock war diskret mit Gold verziert. Sein dunkles Haar, das unter einem Biberfilzhut hervorschaute, war nach der neuesten Mode geschnitten.

Die gesamte Erscheinung des Gentleman strahlte Eleganz und Kraft aus. Dennoch hätte man ihn nicht unbedingt als anziehend bezeichnen können. So gleichmäßig seine Gesichtszüge auch waren und so vornehm er auch wirkte, seine blauen Augen blickten kalt, seine Miene drückte Langeweile aus, und der Schnitt seines Mundes verriet eine gewisse Härte.

Lord Wintersett – denn er war der elegante Herr – betrat jetzt sein Stadtpalais in der Upper Brook Street. Ehrerbietig wurde er von seinem Butler und zwei Lakaien begrüßt.

„Bringen Sie eine Flasche Madeira in die Bibliothek, Wharton“, forderte der Hausherr den Butler auf. „Ich erwarte Mr. Bradpole.“

„Sehr wohl, Mylord. In Ihrer Abwesenheit hat ein Besucher vorgesprochen und seine Karte dagelassen.“

Lord Wintersett nahm die Visitenkarte ohne großes Interesse entgegen. „Mr. Fothergill, natürlich …“, murmelte er. Dann fuhr er lauter fort: „Der Herr wird wahrscheinlich noch einmal kommen. Ich bin nicht für ihn zu sprechen.“

„Ja, euer Lordschaft“, erklärte der Butler, ehe er sich in den Weinkeller begab, um die Flasche zu holen.

Die beiden Lakaien blieben in der Eingangshalle zurück. Und sobald sich die Tür der Bibliothek hinter Lord Wintersett geschlossen hatte, verloren sie ihre steife Würde. „Bei Jupiter, das Ganze scheint ihn überhaupt nicht zu berühren“, meinte der eine leise. „Glaubst du, dass Mr. Fothergill ihn zum Duell fordern wird?“

„Wenn ihm sein Leben lieb ist, wird Mr. Fothergill das bestimmt nicht tun. Jedermann weiß, dass Lord Wintersett es versteht, mit Degen und Pistolen gleichermaßen gut umzugehen.“

„Ich begreife nicht, was die Damen an ihm finden“, sagte der jüngere der beiden Lakaien nachdenklich. „So überheblich und kalt, wie er immer ist …“

„Er ist reich, Percy“, gab der andere zurück. „Und er hat einen Titel. Was könnte auf eine junge Dame anziehender wirken? Im übrigen sieht er auch nicht schlecht aus, wie du zugeben musst. Aber wie kommst du eigentlich darauf, dass Mr. Fothergill ihn fordern will?“

„Hast du denn nicht gehört, dass Seine Lordschaft Mr. Fothergills Tochter kompromittiert haben soll?“

Der andere Lakai begann zu kichern. „O nein, nicht schon wieder eine!“

„Was soll denn das heißen?“

„Nun, wenn du schon länger im Dienste Seiner Lordschaft stündest, dann wüsstest du, dass es immer wieder Damen gibt, die versuchen, Lord Wintersett mit diesem Trick zur Ehe zu zwingen. Aber es ist noch keiner gelungen.“

„Du meinst, er ist dem Mädchen überhaupt nicht zu nahe gekommen?“

„Genau. Aber still jetzt! Ich höre eine Kutsche. Das wird wohl Mr. Bradpole, der Anwalt seiner Lordschaft, sein.“

Kurze Zeit später nahm Mr. Bradpole gegenüber von Lord Wintersett in der Bibliothek Platz. Man sprach über geschäftliche Angelegenheiten und trank ein Glas Madeira. Schließlich erklärte der Anwalt, dass es da noch eine Sache gäbe, die für Lord Wintersett von Interesse sei.

Seine Lordschaft hob die Augenbrauen. „Worum handelt es sich?“

„Ich habe Neuigkeiten von den Westindischen Insel, Mylord. Mr. Calvert ist tot.“

Ein kurzes Schweigen folgte. Dann füllte Lord Wintersett noch einmal die Gläser und sagte: „Darauf trinke ich. Möge der Alte in der Hölle braten!“

„Mylord!“ Mr. Bradpoles Stimme klang erschrocken.

Doch Lord Wintersett lachte nur bitter. „Wer erbt?“, wollte er wissen.

„Seine Tochter.“

„Renie Calvert also. Oder hat sie sich inzwischen verehelicht?“

„Nein.“

„Nun, dann wird sie es wohl auch in Zukunft nicht mehr tun. Serena muss das heiratsfähige Alter schon längst überschritten haben. Möge sie auf ewig verdammt sein!“

„Mylord“, Mr. Bradpole nahm all seinen Mut zusammen, „ich muss protestieren. Sie kennen die Dame nicht einmal!“

„Ich weiß genug über sie, um ihren Charakter einschätzen zu können. Sie ist um nichts besser als ihre männlichen Verwandten.“

„Lord Wintersett“, sagte der Anwalt ernst, „haben Sie niemals in Erwägung gezogen, dass die Geschichte Ihrer Schwägerin vielleicht nicht in allen Einzelheiten korrekt war? Verständlicherweise wird Mrs. Stannard im Schock über den Tod ihres Gatten manches anders gesehen haben als ein gefühlsmäßig weniger beteiligter Mensch. Im übrigen liegt das alles nun mehr als zehn Jahre zurück. Wollen Sie die Vergangenheit nicht endlich ruhen lassen?“

„Nein, ich werde keine Ruhe finden, ehe mein Bruder nicht gerächt ist. Noch lebt Renie Calvert.“

„Es gibt noch ein weiteres Familienmitglied. Ein junges Mädchen, die Tochter des verstorbenen Rodney Calvert. Renie Calvert ist ihr Vormund.“

„Das Mädchen interessiert mich nicht“, entgegnete Lord Wintersett. „Was ich wissen möchte ist, wie es um Renie Calverts finanzielle Situation bestellt ist. Anse Chatelet ist hoch belastet. Und es ist kaum anzunehmen, dass eine Frau einen solchen Besitz allein verwalten kann.“

„Soweit ich weiß, liegt die Verwaltung von Anse Chatelet schon seit Jahren in Miss Calverts Händen. Unser Agent in Barbados hat mir sogar geschrieben, dass er Miss Calvert für ihre Klugheit und Umsicht bewundert.“

„Eine Frau mit vielen Talenten“, spottete Lord Wintersett. „Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass sie sich den Besitz nicht wird erhalten können. Sobald eine der Raten für die Hypothek auch nur einen Tag zu spät gezahlt wird, gehört Anse Chatelet ihr nicht mehr. Habe ich mich klar ausgedrückt, Mr. Bradpole?“

„Allerdings, Mylord. Sie sind fest entschlossen, Miss Calvert von ihrem Besitz zu vertreiben. Ich bezweifle allerdings, dass ein solcher Sieg Ihnen viel Vergnügen bereiten wird.“

„Vergnügen? Diese ganze Angelegenheit macht mir nicht das geringste Vergnügen. Als die Calverts meinen Bruder Anthony in den Tod trieben, haben sie das Leben fast all meiner Verwandten ruiniert. Das wissen Sie ebenso gut wie ich, Mr. Bradpole.“

„Ja. Und deshalb haben Sie alles getan, um die Calverts und ihren Besitz Anse Chatelet zu ruinieren. Aber – entschuldigen Sie meine offenen Worte – dadurch wird Ihr Bruder nicht wieder lebendig und Ihre Mutter nicht wieder gesund, Mylord. Auch Ihr Neffe …“

„Mr. Bradpole“, unterbrach Lord Wintersett den Anwalt mit eisiger Stimme, „Sie arbeiten seit Jahren zu meiner vollen Zufriedenheit für mich und meine Familie. Sie gehören zu den wenigen Menschen, denen ich uneingeschränkt vertraue. Trotzdem werden Sie mich nicht daran hindern, mich an den Calverts zu rächen.“

Schweigend begann Mr. Bradpole seine Papiere zusammenzulegen.

„Bei Jupiter“, fuhr Seine Lordschaft fort, „ich begreife nicht, warum Sie diese Renie Calvert verteidigen. Sie ist ein schlechter Mensch, eine Frau ohne Moral. Mein armer Bruder war so beschämt darüber, dass er sich mit ihr …“ Lord Wintersett stieß einen Fluch aus, sprang auf und trat ans Fenster. Erst nach einer Weile ergriff er erneut das Wort. „Im allgemeinen halte nicht viel von meinen Mitmenschen, und die meisten von ihnen sind mir völlig gleichgültig. Aber mein Bruder war etwas Besonderes. Er war ein Gelehrter, der die Welt und ihre Geschöpfe von Herzen liebte. In manchen Bereichen war er zugegebenermaßen etwas naiv. Aber er glaubte an die Unauflöslichkeit der Ehe und an die Familienehre. Er konnte es nicht verkraften, dass er den Verführungskünsten dieser Frau erlegen war. Und nun verlangen Sie, Mr. Bradpole, dass ich Renie Calvert schonen soll?“

Der Anwalt sagte nichts dazu.

„Ich erwarte“, schloss Lord Wintersett, „dass ich über alle Änderungen auf St. Just informiert werde.“

„Jawohl, Mylord. Allerdings wird Miss Calvert die Insel voraussichtlich bald verlassen. Angeblich will sie ihre Nichte nach London bringen, um sie in die Gesellschaft einzuführen.“

„Renie Calvert kommt nach London? Es sollte mich wundern, wenn sich das nicht zu meinem Vorteil ausnutzen ließe … Bitte, versäumen Sie nicht, mich umgehend von ihrer Ankunft zu unterrichten.“

Mr. Bradpole erhob sich und verabschiedete sich mit einer Verbeugung. Er wusste, dass es zwecklos war, weiter mit Lord Wintersett zu diskutieren. So fair Seine Lordschaft auch im allgemeinen war, in Bezug auf die Calverts verlor er seine Urteilskraft. Nichts und niemand würde ihn von seinem Ziel, Rache zu nehmen, abbringen können.

In Gedanken versunken trat der Anwalt auf die Upper Brook Street hinaustrat. Den aufgeregten Gentleman, der sich an ihm vorbei in die Halle von Lord Wintersetts Stadtpalais drängte, bemerkte er kaum. Ohne auf den Protest des Butlers zu achten, eilte dieser Herr auf die Bibliothek zu und riss die Tür auf. „Ich verlange Genugtuung, Wintersett“, rief er.

Seine Lordschaft hob die Augenbrauen. Er wirkte nicht im geringsten überrascht. „Ah, Mr. Fothergill. Sie haben die Wahl der Waffen, Sir. Degen oder Pistole?“

Der so Angesprochene erbleichte. „Sie haben mich missverstanden, Wintersett. Mir und meiner Gattin geht es darum, den Ruf unserer kleinen Amabel zu retten. Nachdem Sie das arme Kind letzte Nacht in diese unerfreuliche Situation gebracht haben, können wir wohl erwarten, dass Sie als Gentleman ihm einen Antrag machen.“

„Sie scheinen da etwas zu verwechseln“, gab Lord Wintersett zurück. „Es steht außer Zweifel, dass sich die junge Dame selbst in diese unerfreuliche Situation gebracht hat.“

Mr. Fothergill fühlte sich äußerst unbehaglich. Aber die Erinnerung an das kaum zwei Stunden zuvor mit seiner Gattin geführte Gespräch bewirkte, dass er noch einmal einen neuen Anlauf wagte. „Unsere Amabel ist ein wohlerzogenes Mädchen. Von sich aus würde sie niemals einem Gentleman in ein einsames Zimmer folgen und damit ihren guten Ruf aufs Spiel setzen. Unsere Tochter weiß, was wir von ihr erwarten!“

„Da bin ich allerdings ganz Ihrer Meinung.“ Ein böses Lächeln spielte um Lord Wintersetts Mund. „Ein gehorsames Kind, Ihre Amabel. Wer hat sie denn dazu ermutigt, mir zu folgen? Sie selbst, Fothergill, oder Ihre Gattin?“

„Sir!“

„Sehen Sie“, fuhr Seine Lordschaft ungerührt fort, „wenn ich dumm genug wäre, auf solche Tricks hereinzufallen, dann wäre ich schon seit Jahren verheiratet. Sie, Fothergill, und ihre Tochter sind nicht die ersten, die es darauf angelegt haben, mich zum Traualtar zu schleppen. Glauben Sie mir, die meisten jungen Damen finden mich unwiderstehlich.“

„Darauf sind Sie wohl stolz?“

„Durchaus nicht. Ich finde es lediglich lästig, zumal ich weiß, dass meine Anziehungskraft in erster Linie auf meinem Reichtum beruht. Und was Ihre Tochter betrifft, machen Sie sich um deren Ruf keine unnötigen Sorgen.“

„Wenn Amabel mit Ihnen in diesem Zimmer war, dann …“

„Sie folgte mir in Lady Glastonburys Wintergarten. Das war alles. Der Vorfall wird keine negativen Folgen für Ihre Tochter haben, vorausgesetzt, dass niemand erfährt, mit welchem Anliegen Sie heute bei mir waren, Fothergill. Sagen Sie das auch Ihrer Gattin. Ich hoffe, sie ist vernünftig genug einzusehen, dass es für Sie alle am besten ist, diese unerfreuliche Angelegenheit so rasch wie möglich zu vergessen.“

„Aber …“, wandte Mr. Fothergill ein.

Doch Lord Wintersett ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Mein Butler wird Sie hinausbegleiten“, sagte er. „Übrigens, Fothergill, es ist mir völlig gleichgültig, was man von mir denkt. Sie sollten sich allerdings darüber im klaren sein, dass Sie sich lächerlich machen, wenn Sie Ihre Vorwürfe mir gegenüber öffentlich wiederholen.“

Nachdem Mr. Fothergill sein Haus verlassen hatte, stellte Lord Wintersett verärgert fest, dass es ihm unmöglich war, sich zu entspannen. Das gesellschaftliche Leben hatte ihm nie etwas bedeutet. Sein Ruf war ihm tatsächlich nahezu gleichgültig. Dennoch erzürnte es ihn, dass er immer wieder durch Angelegenheiten wie die, in der Mr. Fothergill ihn aufgesucht hatte, belästigt wurde.

Er unterdrückte einen Fluch. In London gab es hunderte hübscher Mädchen, deren größter, wenn nicht gar einziger Ehrgeiz es war, einen reichen Mann zu heiraten. Und immer wieder richtete eine von ihnen ihr Augenmerk auf ihn. Dabei langweilten ihn die meisten jungen Damen unsäglich. Er verspürte keinerlei Lust, sich mit einer von ihnen zu verehelichen.

Andererseits wusste er, dass es seine Pflicht war, sich eine Gattin zu suchen, um den Fortbestand der Familie zu sichern. Es war undenkbar, dass er den Besitz der Wintersetts einmal seinem Neffen Tony hinterließ. Der Junge war von Geburt an kränklich. Und obwohl er durchaus intelligent war, hatte er nie eine Chance bekommen, seinen scharfen Verstand zu nutzen. Seine Mutter, Alanna Stannard, bemühte sich nach Kräften, das Leben von ihm fern zu halten, und behandelte ihn wie ein Baby.

Lord Wintersett war geradezu erleichtert, als er durch einen neuen Besucher aus seinen finsteren Gedanken gerissen wurde. „Edward!“, rief er dem eintretenden Lord Ambourne entgegen. „Wie schön dich zu sehen. Seit wann bist du in der Stadt? Ist deine Gattin auch hier? Sag, hast du Zeit, mit mir zu Abend zu speisen?“ Zum ersten Mal an diesem Tag lag ein warmes Lächeln auf seinem Gesicht.

„Ich nehme deine Einladung zu Dinner gern an“, gab sein Freund zurück. „Perdita befindet sich auf unserem Landsitz, wo sie die Dienstboten beim Packen beaufsichtigt. Wir fahren nämlich nächste Woche nach Frankreich.“

„Ist es dir recht, wenn wir nicht ausgehen, sondern hier speisen?“, erkundigte Lord Wintersett sich.

Wenig später saßen die beiden Gentlemen gemütlich bei einer Flasche Wein zusammen.

„Du machst keinen besonders zufriedenen Eindruck, James“, bemerkte Lord Ambourne. „Hat das womöglich etwas mit Fothergill zu tun?“

„Du hast schon davon gehört? Eine unangenehme Sache, aber ich bin dergleichen ja gewöhnt …“

„Du sollst nicht sehr nett zu der jungen Dame gewesen sein.“

„Das war ich wirklich nicht. Sonst hätte sie sich mir wahrscheinlich an den Hals geworfen, was die Lage nicht gerade erleichtert hätte.“

Lord Ambourne runzelte die Stirn. „Möglich. Trotzdem mache ich mir Gedanken um das Mädchen. Ich weiß, dass andere junge Damen lange unter deinen harten Worten gelitten haben. Warum bemühst du dich nicht, ein bisschen taktvoller zu sein? Perdita und mir gefällt es nicht besonders, wie man über dich redet.“

Sein Freund zuckte die Schultern. „Du solltest dem Gerede der Leute keine Beachtung schenken. Wichtig ist für mich nur, dass du und ein paar andere Menschen, die mir nahe stehen, nicht schlecht von mir denken. Ich bin doch kein Ungeheuer, oder?“

„Natürlich nicht.“ Lord Ambourne seufzte. „Man kann sich keinen besseren Freund wünschen als dich. Aber zu den meisten Menschen bist du kalt und abweisend. Warum suchst du dir eigentlich keine Frau?“

Lord Wintersett lachte. „Glaubst du, dass eine Gattin mich meinen Mitmenschen gegenüber weicher stimmen würde?“

„Vielleicht … Jedenfalls würden diese dummen jungen Mädchen sich deinetwegen nicht mehr in unmögliche Situationen bringen, wenn du erst verheiratet wärst.“

„Da hast du recht“, stimmte sein Freund ihm zu. „Wahrscheinlich sollte ich mich wirklich nach einer passenden Gattin umschauen.“

2. KAPITEL

Es kostete Serena Calvert einige Mühe, sich höflich und interessiert zu geben. Insgeheim fragte sie sich, wie lange die Besucherin noch bleiben würde. Mrs. Galveston, eine Freundin ihrer Tante, war Serenas Meinung nach einfach unerträglich.

Miss Calvert und Lucy waren vor zwei Wochen in England eingetroffen und hatten sich sofort zu Lady Dorothy Spurston nach Surrey begeben. Seitdem, so schien es Serena, hatte sie die Sonne nicht mehr gesehen. Sie litt sehr unter dem englischen Klima, oft fror sie trotz des im Kamin flackernden Feuers. Und der meist grau verhangene Himmel stimmte sie melancholisch.

Es war ihr daher zunächst wie eine angenehme Abwechslung erschienen, als Lady Spurston angekündigt hatte, dass sie ihre beste Freundin, die verwitwete Mrs. Galveston, und deren unverheiratete Tochter Eliza erwartete. Lady Spurston hatte betont, wie wichtig es für Serena und Lucy sei, auf Mrs. Galveston einen guten Eindruck zu machen, denn die Witwe verfügte über großen gesellschaftlichen Einfluss und würde ihnen in London behilflich sein können.

Miss Calvert hatte sich daher bemüht, sich ganz wie eine englische Dame zu benehmen. Sie hatte jede Frage, die Mrs. Galveston ihr stellte, freundlich beantwortet, obwohl vieles, was die Witwe sagte, ihr aufdringlich und geradezu taktlos vorkam. Jetzt warf Serena einen besorgten Blick auf ihre Nichte, denn Mrs. Galveston hatte begonnen, nun auch Lucy auszufragen. Das Mädchen allerdings benahm sich untadelig. Ein Lächeln huschte über Miss Calverts Gesicht. Sie konnte stolz auf Lucy sein.

„Serena?“ Lady Spurstons vorwurfsvolle Stimme riss die junge Frau aus ihren Gedanken. „Miss Galveston hat dich nun schon zweimal nach den einheimischen Blumen von St. Just gefragt.“

„Ich muss Ihnen nämlich gestehen, dass ich eine begeisterte Verehrerin der Natur bin“, erklärte Eliza Galveston. „Zu Hause habe ich eine große Sammlung gepresster Blumen. Vielleicht haben Sie Lust, sie sich einmal anzuschauen, Miss Calvert?“

Ehe Serena etwas darauf erwidern konnte, mischte Mrs. Galveston sich ein. „Bestärken Sie meine Tochter bitte nicht in ihrer verrückten Sammelleidenschaft. Eliza verbringt sowieso viel zu viel Zeit mit ihren Blumen. Andererseits, womit sollte sich das dumme Kind sonst die Zeit vertreiben?“

Miss Calvert runzelte die Stirn. Das „dumme Kind“ zählte mindestens fünfunddreißig Jahre. Nun, derart beleidigende Bemerkungen schienen typisch für Mrs. Galveston zu sein …

Die Witwe hatte sich unterdessen wieder ihrer Freundin, Dorothy Spurston, zugewandt. „Lucy scheint ein nettes Mädchen zu sein“, stellte sie fest. „Wenn sie sich ein bisschen Mühe gibt, alles zu lernen, was eine junge Dame können und wissen muss, dann wird sie wahrscheinlich bald einen akzeptablen Gatten finden. Aber natürlich braucht sie eine andere Anstandsdame als Miss Calvert.“

„Warum?“, entfuhr es Serena.

Mrs. Galveston warf ihr einen herablassenden Blick zu. „Was auch immer in den Kolonien üblich ist, Miss Calvert, hier in England muss eine Anstandsdame über mehr Erfahrung verfügen, als Sie das tun.“

„Aber ich …“

„Sie sind viel zu jung, Miss Calvert. Und verheiratet waren Sie auch nie. Es wird Ihnen nicht gelingen, Ihre Nichte in jene Kreise einzuführen, in denen Sie gern verkehren möchten. Schade, dass die gute Dorothy Sie nicht nach London begleiten kann. Sie hätte eine passende Anstandsdame abgegeben.“

Serena Calvert war blass geworden. Unmöglich, dass sie die weite Reise umsonst auf sich genommen hatte! Lucy musste in der nächsten Saison in London ihr Debüt machen!

„Vielleicht“, fuhr Mrs. Galveston in diesem Moment fort, „könnte ich Sie und Lucy mit meiner anderen Tochter bekannt machen. Maria ist zwar ebenfalls ein Dummkopf – ich habe eben kein Glück mit meinen Töchtern gehabt –, aber sie hat sich gut verheiratet. Und ihre Tochter Isabella soll auch in die Gesellschaft eingeführt werden. Da lässt sich möglicherweise etwas arrangieren.“ Die Witwe schien sehr mit sich selbst zufrieden. „Vorher gibt es natürlich noch viel zu tun“, überlegte sie laut. „Sie, Miss Calvert, müssen lernen, mehr Wert auf Ihr Äußeres zu legen. Dann könnten auch Sie noch recht gute Chancen haben, einen Gatten zu finden. Einen achtbaren Witwer vielleicht. … Sie müssen etwas zunehmen, meine Liebe. Täglich eine Portion von Dr. Massingers Kräftigungsarznei kann da Wunder wirken. Und leider ist Ihr Teint viel zu dunkel. Ich werde Ihnen etwas Gowland-Lotion schicken. Wenn Sie die regelmäßig auftragen, müsste Ihre Haut eigentlich bald vornehmer wirken.“

Serena Calvert bedankte sich artig, obwohl sie Mrs. Galveston immer unerträglicher fand.

Lucy schien der gleichen Ansicht zu sein. Nachdem die Witwe sich verabschiedet hatte, sagte das Mädchen: „Ich hätte die Gesellschaft dieser Frau keine Sekunde länger ertragen können. Bitte, Tante Renie, wir wollen Mrs. Galveston in Zukunft aus dem Weg gehen! Ich will nichts mit ihr zu tun haben!“

„Lucy, so etwas möchte ich nie wieder von dir hören!“ Lady Spurstons Stimme klang scharf. „Es ist sehr freundlich von Mrs. Galveston, so viel Interesse an dir und deiner Tante zu zeigen. Du kannst dich glücklich schätzen, wenn sie dich bei deinem Debüt unterstützt. Ihre Verbindungen sind beneidenswert.“

Ehe Lucy etwas darauf erwidern konnte, meinte Serena Calvert: „Du musst zugeben, Tante Dorothy, dass Lucy sich trotz Mrs. Galvestons Taktlosigkeit hervorragend benommen hat.“

„Mrs. Galvestons Taktlosigkeit?“ Lady Spurston runzelte die Stirn. „Wovon, um Himmels willen, sprichst du, Serena?“

„Nun, Mrs. Galvestons Interesse an unseren privatesten Angelegenheiten war doch wirklich mehr als aufdringlich.“

„O nein, meine Liebe.“ Lady Spurston war sichtlich entrüstet. „Du erwartest doch wohl nicht, dass meine Freundin ein ihr völlig unbekanntes, mittelloses Mädchen aus den Kolonien unter ihre Fittiche nimmt, ohne sich vorher ein Bild von seinem Charakter gemacht zu haben?“

„Jedenfalls war Mrs. Galveston sehr unfreundlich zu Tante Renie!“, rief Lucy aus. „Dr. Massingers Kräftigungsarznei und Gowland-Lotion! Wozu sollte …“

„Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du deine Tante mit ihrem vollen Namen ansprechen sollst?“, fiel Lady Spurston dem Mädchen ins Wort. „Und was meine Freundin betrifft: Sie scheut sich nicht, ein offenes Wort zu sagen. Und das ist gut so. Denn sie weiß, was für dich und deine Tante am besten ist.“

Lucy schluckte. Sie wirkte so bedrückt, dass Lady Spurston etwas freundlicher hinzusetzte: „Ich bin sicher, dass du Serena aufrichtig zugetan bist. Gewiss möchtest du nicht, dass sie sich die Mühe, dich nach England zu bringen, umsonst gemacht hat. Wenn du aber in London Erfolg haben willst, dann musst du dich unseren gesellschaftlichen Regeln fügen.“

Das Mädchen warf seiner Tante einen fragenden Blick zu. Und als Miss Calvert nickte, versprach Lucy alles zu tun, was Lady Spurston von ihr verlangte. Später führte die alte Dame ein Gespräch unter vier Augen mit Serena. Sie wollte wissen, ob Miss Calvert darauf hoffte, auch selbst einen Gatten zu finden. „Nein, nein“, wehrte die junge Frau ab. „Mrs. Galveston braucht wirklich nicht nach einem Gatten für mich Ausschau zu halten. Ich bin weder jung, noch reich, noch hübsch. Wer sollte schon an mir interessiert sein? Sobald Lucy glücklich verheiratet ist, werde ich nach St. Just zurückkehren.“

„Um dort einst als alte Jungfer zu sterben? Keine sehr angenehme Aussicht, nicht wahr?“

Miss Calvert zuckte die Schultern und schwieg.

„Also gut“, meinte Lady Spurston schließlich, „lass uns also nur über Lucys Zukunft reden. Sie ist hübsch und lebhaft. Ich zweifle nicht daran, dass sie viele Bewunderer haben wird. Aber man wird nicht nur auf sie schauen, sondern auch auf dich, weil du ja ihr Vormund bist. Es ist daher überaus wichtig, dass du dich ebenfalls von deiner besten Seite zeigst. Diese Sheba, die du mitgebracht hast, scheint eine recht fähige Zofe zu sein. Lucy jedenfalls ist immer sehr nett gekleidet und frisiert. Von dir kann man das allerdings nicht behaupten …“

Serena Calvert sah an sich hinunter. Und plötzlich verstand sie, warum Lady Spurston nicht mit ihrer Erscheinung zufrieden war. „Ich werde Sheba in Zukunft nicht mehr so zur Eile anhalten“, versprach sie.

Dabei wären ihr fast die Tränen in die Augen gestiegen. Anscheinend machte sie alles falsch. Ach, es war so schwer, sich wie eine englische Dame zu benehmen! Manchmal kam sie sich vor wie eine Gefangene. Auf St. Just hatte sie ein sehr freies, unkonventionelles Leben geführt. Zum einen gab es dort nicht so strenge Verhaltensvorschriften wie in England. Zum anderen hatte man ihr ihrer Stellung wegen vieles verziehen. Schließlich war sie die Herrin von Anse Chatelet.

In den nächsten Wochen gab Serena Calvert sich alle Mühe, den Ansprüchen ihrer Tante gerecht zu werden. Das war nicht immer einfach. Sie wurde ungeduldig, wenn Sheba sie sorgfältig ankleidete oder frisierte. Sie langweilte sich, wenn sie Lady Spurston und Lucy bei Anstandsbesuchen begleitete. Sie fand es unsinnig, auf diese besonders damenhafte Art zu schreiten, zu speisen oder zu sprechen. Es war alles so unnatürlich …

Dennoch versuchte sie, all das zu lernen, was eine englische Dame kennzeichnete. Sie erfuhr, wie man die zaghaften Annäherungsversuche eines attraktiven Gentleman unauffällig unterstützte und unerwünschte Zudringlichkeiten geschickt abwehrte. Sie begriff den bedeutungsvollen Unterschied zwischen einem freundlichen Nicken und einem leichten Neigen des Kopfes. Sie lernte alles, was Lady Spurston und Mrs. Galveston für wichtig hielten.

Eines Tages wurde sie auch Lady Maria Warnham, Mrs. Galvestons älterer Tochter, vorgestellt. Diese Dame erwies sich als äußerst liebenswürdig und hilfsbereit, sodass Serena sie sofort ins Herz schloss. Und Lady Warnhams Tochter Isabella, die im gleichen Alter war wie Lucy, freundete sich rasch mit dieser an.

Von diesem Moment an begann Lucy ihren Aufenthalt in England zu genießen, denn auf St. Just hatte Lucy niemals Freundinnen gehabt, die derselben gesellschaftlichen Klasse angehörten wie sie. Für das Mädchen tat sich durch die Freundschaft mit Isabella eine ganz neue Welt auf.

Miss Calvert hingegen wurde immer unruhiger. Zu Hause war sie es gewohnt gewesen, täglich auszureiten, denn sie war ein Mensch, der sich gern bewegte und der es genoss, gelegentlich allein zu sein.

Zu Beginn ihres Aufenthalts bei Lady Spurston hatte Miss Calvert sich erkundigt, ob man ihr ein Reitpferd zur Verfügung stellen könnte. Daraufhin hatte die alte Dame ihr gestattet, in Begleitung eines Reitknechts einen kurzen Ausritt in die nähere Umgebung zu machen. Das war natürlich nicht das, was Serena sich erhofft hatte.

Ihre Unzufriedenheit wuchs und wurde zu Verzweiflung. O Himmel wie sehr sehnte sie sich nach der Sonne und dem freien Leben auf St. Just zurück! Aber gerade, als sie dachte, England nicht länger ertragen zu können, geschah etwas, durch das alles sich änderte.

Zunächst einmal wurde nach einer selbst für englische Verhältnisse ungewöhnlich langen Regenperiode endlich das Wetter besser. Und dann erschien Mrs. Galveston mit einer Menge alter Kleidungsstücke, die ihre Enkelkinder abgelegt hatten, bei Lady Spurston. Diese gehörte nämlich einem Wohltätigkeitsverein an, der unter anderem Kleiderspenden weitergab.

„Es sind überwiegend Kleider, die Isabella nicht mehr trägt“, erklärte Mrs. Galveston ihrer Freundin. „Aber ein paar Sachen von Michael sind auch dabei. Ich hoffe, du kannst alles gebrauchen.“

Nachdem Lady Spurston sich bedankt hatte, wandte Mrs. Galveston sich Miss Calvert zu. „Es wird darüber geredet, dass sich das Cardoman-Kollier nicht mehr in Ihrem Besitz befindet. Dabei hat es doch gewiss zu Ihrem Erbe gehört?“

Serena Calvert erwiderte offen Mrs. Galvestons Blick. Sie hatte damit gerechnet, dass es Gerüchte bezüglich des Kolliers geben würde und dass man sie früher oder später danach fragen würde. Deshalb hatte sie eine Antwort vorbereitet. „Mein Vater mochte das Kollier nicht“, erklärte sie. „Er war davon überzeugt, dass es Unglück bringt. Ich habe oft überlegt, wer das Schmuckstück gekauft hat. Wissen Sie vielleicht etwas darüber, Mrs. Galveston?“

Doch Mrs. Galveston wusste nichts über den Käufer. Offenbar hatte er großen Wert darauf gelegt, anonym zu bleiben. Auch Serena hatte ihn nie zu Gesicht bekommen oder auch nur seinen Namen gehört. Er hatte den Kauf über einen Agenten abwickeln lassen.

Lady Spurston hatte dem Gespräch nur mit einem Ohr gelauscht. Sie hatte nach einem Mädchen geläutet und dieses aufgefordert, die Kleidungsstücke, die ihre Freundin mitgebracht hatte, in ein unbenutztes Zimmer zu bringen. Dort sollten sie bleiben, bis sie abgeholt wurden.

Noch am selben Abend suchte Miss Calvert, von einer unbestimmten Neugier getrieben, dieses Zimmer auf. Rasch sah sie sich an, was Mrs. Galveston mitgebracht hatte. Isabellas abgelegte Kleider waren sehr hübsch, aber es war natürlich undenkbar, auch nur eines davon für Lucy zu behalten.

Michael hatte sich im Gegensatz zu seiner Schwester Isabella nur von wenigen Dingen trennen können. Ein paar Hemden, zwei Halstücher, eine Kniehose. Dann tauchten auch noch eine Weste und eine warme Jacke auf.

Miss Calvert betrachtete die Kleidungsstücke eingehend. Ein verwegener Gedanke begann sich in ihrem Kopf zu formen. Mit neuem Eifer suchte sie weiter. Da war auch eine Kappe! Serena setzte sie auf und verbarg ihr Haar darunter. Ein Blick in den Spiegel bewies, dass ihr Gesicht plötzlich wie das eines Knaben wirkte. Was sie vorhatte, war verrückt. Wenn sie erwischt wurde, dann war nicht nur ihr eigener Ruf ruiniert, sondern auch Lucy würde darunter zu leiden haben.

Serena dachte an die Wochen, die hinter ihr lagen. Sie hatte um ihrer Nichte willen Opfer gebracht. Sie war von Heimweh geplagt worden und hatte sich wie eine Gefangene gefühlt. Manchmal hatte sie befürchtet, den Verstand zu verlieren. Sie brauchte einfach ein bisschen Abwechslung, ein bisschen Freiheit!

Entschlossen raffte sie das Bündel Knabenkleidung zusammen und brachte es zu einem nicht weit vom Herrenhaus entfernten Cottage, das seit Jahren leerstand. Dann begab sie sich mit klopfendem Herzen zurück in ihr eigenes Zimmer.

Schon am nächsten Tag ergab sich für Miss Calvert die Gelegenheit, ihren waghalsigen Plan in die Tat umzusetzen. Lady Warnham hatte Lady Spurston und ihre jungen Verwandten zum Tee eingeladen. Doch Miss Calvert gab vor, unter Kopfschmerzen zu leiden. Und so brachen Lady Spurston und Lucy allein auf.

Nachdem die beiden das Haus verlassen hatten, dauerte es noch eine Weile, bis es Serena gelang, die besorgte Sheba zu bewegen, sie allein zu lassen. Dann jedoch sprang die junge Frau vom Bett auf und holte aus der hintersten Ecke des Schrankes eine kleine Pistole hervor. Sie wusste die zierliche Waffe recht geschickt zu gebrauchen, denn bei ihren einsamen Ausritten auf St. Just war sie vielen Gefahren ausgesetzt gewesen. Da gab es nicht nur wilde Tiere, sondern auch entlaufene Sklaven, die in ihrer Verzweiflung gelegentlich sogar töteten.

Miss Calvert steckte die Pistole ein, obwohl sie annahm, dass sie sich in England verhältnismäßig wenig Sorgen um ihre Sicherheit machen musste. Dann verließ sie durch den Dienstbotenausgang das Haus und begab sich zum Pferdestall. Sie begegnete niemandem und fand auch den Stall menschenleer vor.

Rasch sattelte sie den alten Trask, das einzige Reitpferd, das Lady Spurston noch hielt. Dann führte sie das Tier zu dem leer stehenden Cottage, wo sie es neben der Tür anband. Sie selbst betrat das Häuschen und kleidete sich in aller Eile um. Als sie das Cottage kurz darauf verließ, hatte sie sich in einen schlanken und ungewöhnlich hübschen Jungen verwandelt. Wie froh war sie in diesem Moment darüber, dass sie keine besonders weibliche Figur hatte und noch immer von der karibischen Sonne gebräunt war!

Eine halbe Stunde später hatten Miss Calvert und Trask sich bereits weit von Lady Spurstons Anwesen entfernt. Auf Grund seines Alters ließ das Pferd sich nicht zu jenem wilden Galopp bewegen, nach dem die Reiterin sich so sehnte. Dennoch war das Gefühl der Freiheit, das Serena erfüllte, seit sie sich heimlich aus dem Haus geschlichen hatte, berauschend.

Miss Calvert hatte sich entschieden, den höchsten Punkt in der Umgebung aufzusuchen, um sich einen Überblick über die Gegend zu verschaffen. Noch immer erschien England ihr farblos und kalt. Aber sie hatte festgestellt, dass die Hügel, Felder und Wiesen nicht einer gewissen Schönheit entbehrten. Sicher, alles war anders als in ihrer sonnigen Heimat, aber trotzdem hatte Serena während des Ritts zu ihrer Überraschung festgestellt, dass sie begann, die stillen englischen Landschaften zu mögen.

Auf dem Gipfel des Berges hielt die Reiterin das Pferd an und sah sich nachdenklich um. Der Hang vor ihr fiel steil ab, und man konnte weit ins Land hinausschauen. Während Miss Calvert den Ausblick genoss, hielt sie Trasks Zügel locker in der Hand. Plötzlich erhob sich aus einem der umstehenden Bäume eine Lerche hoch in die Luft. Die ersten Zeilen eines Gedichtes, das sie kürzlich gelesen hatte, fielen Serena ein.

„In Wolken hoch die Lerche singt“, murmelte sie vor sich hin, „doch senkt sich nimmer hier ins Kraut; nie hat ein Vogel, leicht beschwingt, die Flügel …“ Sie runzelte die Stirn. „Nein, das stimmt nicht.“

„Nie hat ein Vogel, leicht beschwingt, sein Nestchen hier gebaut“, sagte eine Stimme hinter ihr.

Miss Calvert fuhr erschrocken herum. Dabei riss sie so heftig an Trasks Zügel, dass das Pferd sich aufbäumte und davonstürmte. Im ersten Moment war Serena zu keiner Reaktion fähig. Doch sie war schon mit temperamentvolleren Tieren als dem alten Trask fertig geworden. Trotzdem wollte sie ihn noch eine Weile rennen lassen. Dadurch entging sie vielleicht der Konfrontation mit dem Fremden, der sie so erschreckt hatte.

In diesem Punkt irrte die junge Frau sich jedoch. Es dauerte nicht lange, da hörte sie hinter sich Hufgetrappel. Und gleich darauf war es dem Fremden gelungen, Serena einzuholen, nach Trasks Zügeln zu greifen und das Tier zum Stehen zu bringen.

„Lassen Sie mein Pferd los!“, rief Miss Calvert ärgerlich aus. „Ich komme sehr gut allein zurecht.“

„Den Eindruck hatte ich ganz und gar nicht, du undankbarer Bengel“, gab der Fremde zurück. Dabei leuchteten seine Augen amüsiert auf. „Und wenn du nicht von allein darauf kommst, wie man sich seinem Retter gegenüber verhält, dann werde ich dir eine Nachhilfestunde in gutem Benehmen geben müssen.“ Serena schwieg und sah den Gentleman nur zornig an.

„Willst du mir nicht wenigstens deinen Namen nennen?“, fragte er.

Der vermeintliche Knabe schüttelte den Kopf.

„Du bist wohl von zu Hause ausgerissen? Nun? Du kannst mir vertrauen. Ich werde niemandem gegenüber etwas von unserer Begegnung verraten.“ Serena zögerte. Noch immer musterte sie den Fremden interessiert, und bei seinen Worten war ein belustigtes Lächeln in ihre Augen gestiegen. Wenn er nur ahnte, wie recht er mit der Vermutung hatte, dass sie heimlich unterwegs war!

Er bemerkte ihre Belustigung, und plötzlich veränderte sich sein Ausdruck. Der Griff seiner Finger um Trasks Zügel wurde fester, sein Gesicht verhärtete sich, und seine Stimme klang kalt, als er fortfuhr: „Lass dir gesagt sein, dass es mir nicht schwer fallen wird herauszufinden, wer du bist. Was hast du überhaupt auf meinem Besitz zu suchen?“

Miss Calvert musste ihn irgendwie besänftigen. Doch da sie seine Fragen nicht beantworten wollte, meinte sie ablenkend: „Woher wussten Sie, dass ich ein Gedicht zitieren wollte? Sie müssen sehr klug sein. Bestimmt wissen Sie auch, wer jene Verse geschrieben hat. Es will mir einfach nicht einfallen.“

„Es war William Wordsworth. Und das Gedicht heißt ‚Der Dänenknabe‘. Aber versuch nicht, meinen Fragen auszuweichen.“

Serena unterdrückte einen Seufzer. Wenn sie den Fremden nicht erneut erzürnen wollte, dann musste sie ihm eine glaubwürdige Geschichte erzählen. Im Ton eines Schuljungen sagte sie: „Bitte, verzeihen Sie mir, Sir. Ich wusste nicht, dass ich mich auf Ihrem Besitz befinde. Ich wollte nur ein bisschen reiten. Es war so langweilig zu Hause.“

„Du hast deinem Lehrer wohl ein Schnippchen geschlagen? Er weiß bestimmt nicht, wo du bist! Doch nun nenne mir endlich deinen Namen!“

„Ich heiße …“ Serena Calvert schluckte. „William! Ich heiße William.“

„Shakespeare oder Wordsworth?“, gab der Gentleman spöttisch zurück. „Nein, mein Junge, so leicht kommst du mir nicht davon.“

Der vermeintliche Knabe schaute verwirrt drein. „Ich heiße William Blake. Lassen Sie mich jetzt gehen, Sir?“

Statt einer Antwort begann der Fremde herzhaft zu lachen. Mit einem Mal wirkte er überaus anziehend. „Blake? Wie viele Dichter werden dir noch einfallen, ehe du ehrlich mir gegenüber bist?“

„Mit dem Poeten William Blake bin ich nicht verwandt“, gab Serena würdevoll zurück. „Wohl aber mit dem Admiral Robert Blake.“ Das war nicht einmal gelogen. In bittendem Ton fuhr sie fort: „Sir, gestatten Sie mir, jetzt nach Hause zurückzukehren. Man wird mich sonst vermissen und bestrafen.“

„Nun gut, William Blake. Fort mit dir! Aber zuvor versprich mir, nicht noch einmal von zu Hause auszureißen.“ Er sah sie so streng an, dass sie unwillkürlich nickte. „Gut“, stellte er fest. „Und noch eins: Achte in Zukunft besser auf dein Pferd. Du hättest stürzen können, als es mit dir durchging.“

Im ersten Moment wollte Serena noch einmal wiederholen, dass sie die Gewalt über Trask nicht verloren hatte. Doch sie besann sich eines besseren, als der Gentleman lächelnd meinte: „Sag jetzt nichts mehr. Du weißt doch: ‚Wo Worte selten, haben sie Gewicht‘.“

„Das hat auch ein William gesagt, nicht wahr?“, gab Miss Calvert zurück. „William Shakespeare. Ich bewundere ihn sehr.“

Der Fremde nickte. Und als der vermeintliche Knabe davonritt, sah er ihm noch lange nach.

In den nächsten Tagen verstieß Serena Calvert gegen keine einzige der Regeln, an die eine Dame sich zu halten hatte. Sie hatte ihren heimlichen Ausflug und sogar das Gespräch mit dem fremden Gentleman genossen. Doch jene Begegnung hatte ihr auch deutlich gezeigt, welches Risiko sie eingegangen war.

Serenas schlechtes Gewissen hatte zur Folge, dass sie sich mehr mit ihrer Tante beschäftigte, als sie das zuvor getan hatte.

Eines Tages forderte Lady Spurston ihre Nichte auf, ihr ein kunstvoll gearbeitetes Holzkästchen zu holen. Die alte Dame öffnete es und holte ein kleines Gemälde heraus. Das reichte sie Serena mit den Worten: „Dies ist ein Portrait deiner Mama. Sie war damals so alt wie Lucy jetzt. Ich möchte es dir schenken.“

Lange betrachtete Serena das herzförmige Gesicht mit den großen blauen Augen, dem blonden Haar und den rosig angehauchten Wangen. „Wie schön sie war“, sagte sie dann leise. „Sie muss viele Bewunderer gehabt haben.“

„O ja, selbst ein Duke hielt um sie an. Aber nachdem sie deinen Vater kennengelernt hatte, war sie fest entschlossen, nur ihn zu heiraten. Sie muss sich Hals über Kopf in ihn verliebt haben, obwohl er viele Jahre älter war als sie. Und sie träumte davon, die tropische Insel kennenzulernen, von der er ihr so viel erzählt hatte.“

„Hat Mama ihre Eltern oder dich jemals wieder gesehen, nachdem sie Papa nach St. Just gefolgt war?“

„Nein, sie kam nie mehr zu Besuch. Wahrscheinlich ergab sich einfach keine Gelegenheit dazu. Vielleicht aber fiel es ihr auch schwer, uns allen hier zu verzeihen, dass wir sie nicht gehen lassen wollten. Du weißt wahrscheinlich, dass ihre Eltern ebenso wie ich gegen die Heirat waren. Lionel Calvert war Witwer und hatte zwei Söhne, die zum damaligen Zeitpunkt beinahe ebenso alt waren wie deine Mama.“ Lady Spurston seufzte. „Seltsam, wie die Liebe einen Menschen verändert. Deine Mama war immer ein gehorsames Kind gewesen. Niemand hätte erwartet, dass sie sich dem Willen ihres Vaters widersetzen würde. Aber sie bestand hartnäckig darauf, Lionel Calvert zu heiraten. Eine Weile, nachdem sie England verlassen hatte, schrieb sie überglücklich, dass sie ein Kind erwartete. Tja, und das nächste, was wir erfuhren, war, dass sie bei deiner Geburt gestorben war …“

Ein paar Sekunden lang herrschte tiefes Schweigen. Dann sagte Lady Spurston: „Ich erinnere mich, dass es später irgendeinen Skandal gab, in den deine Familie verwickelt war. Ich hoffe, er ließ sich so beilegen, dass Lucys Chancen auf eine gute Ehe dadurch nicht beeinträchtigt werden.“

„Mach dir deshalb keine Sorgen, Tante Dorothy“, gab Miss Calvert zurück. „Diese unangenehme Geschichte liegt nun dreizehn Jahre zurück. Und Papa hat damals dafür gesorgt, dass nicht zu viel über die Geschehnisse an die Öffentlichkeit drang. Im übrigen war Lucys Vater nicht in den Skandal verwickelt. Er war zu jenem Zeitpunkt schon ein schwer kranker Mann.“

„Hm …“, meinte Lady Spurston nur. Dann reichte sie ihrer Nichte das Holzkästchen und erklärte: „Das alles soll dir gehören.“

Vorsichtig legte Miss Calvert das Portrait auf den Tisch und untersuchte den Inhalt des Kästchens. Es enthielt einige Schmuckstücke und mehrere Goldmünzen. „Oh, Tante Dorothy“, stammelte Serena, „ich danke dir!“

„Ich habe nicht viel, das ich dir vererben könnte, liebes Kind“, entgegnete die alte Dame. „Diese Schmuckstücke waren eigentlich als Geschenk für deine Mama gedacht. Deshalb stehen sie dir von Rechts wegen zu. Ich möchte, dass du sie sofort erhältst. Denn gewiss leisten sie dir jetzt bessere Dienste als nach meinem Tod. Und von dem Geld kannst du dir ein paar hübsche Kleider schneidern lassen. Ich weiß, dass du beinahe dein ganzes Geld für Lucy ausgegeben hast. Doch du darfst nicht vergessen, dass man deine Nichte auch danach beurteilen wird, wie du selbst auftrittst.“

Miss Calvert nickte. Dann erhob sie sich und schloss ihre Tante in die Arme. „Du bist sehr gut zu mir, Tante Dorothy. Vielen, vielen Dank.“

Tränen stiegen der alten Dame in die Augen. Doch sie sagte streng: „Eine Dame zeigt ihre Gefühle nicht so überschwänglich, Serena. Ach, ich wünschte, ich könnte dich und Lucy nach London begleiten. Doch in Anbetracht meines Gesundheitszustandes ist das ganz unmöglich. Ich hoffe nur, dass Lady Warnham sich angemessen um euch kümmert.“

Dies war eine Hoffnung, die Miss Calvert natürlich teilte. Auch hoffte sie von Herzen, dass ihr das Leben in London mehr Abwechslung bieten würde als das in Surrey. Ihre Unruhe und Rastlosigkeit waren einige Tage nach dem heimlichen Ausflug zurückgekehrt. Und die Zeit, die es noch zu warten galt, ehe sie endlich mit Lucy in die Stadt übersiedeln konnte, erschien ihr endlos.

Manchmal, wenn Miss Calvert über ihr Leben in England nachdachte, wurde sie von tiefer Mutlosigkeit ergriffen. Lady Spurston war eine liebenswürdige alte Dame, aber da sie St. Just nie kennengelernt hatte, fehlte es ihr an Verständnis für den Kummer ihrer Nichte. Und Lucy war mittlerweile von all den gemeinsamen Unternehmungen mit ihrer Freundin Isabella so in Anspruch genommen, dass sie kaum noch Zeit für Serena fand.

Die Einsamkeit war für Miss Calvert schwer zu ertragen. Besonders schlimm allerdings wurde es an ihrem Geburtstag. Als niemand daran dachte, ihr zu gratulieren, erreichte ihre Verzweiflung den Höhepunkt.

Plötzlich allerdings wurde ihr bewusst, wie sehr sie stets all jene verachtet hatte, die sich selbst bemitleideten. Sie beschloss, sich zusammenzureißen und sich irgendwie von ihren trübseligen Gedanken abzulenken. Die Knabenkleidung, die sich noch in dem leer stehenden Cottage befand, fiel ihr ein.

Der innere Kampf, den Serena ausfocht, war nur kurz. Kaum dreißig Minuten später verließ sie als „William Blake“ das Cottage, und abermals eine halbe Stunde später erreichte sie auf Trask den Berg, auf dem sie die Bekanntschaft des fremden Gentleman gemacht hatte. Dort stieg sie ab und band das Pferd an einen Baum. Sie trat an den Steilhang und schaute gedankenverloren über das Land.

Das Wetter an diesem Tag entsprach ihrer Stimmung. Die Sonne hielt sich hinter dunklen Regenwolken versteckt, ein kalter Wind wehte, und die Felder und Wiesen wirkten eher grau als grün.

Lange starrte Serena vor sich hin. Dabei nahm sie allerdings kaum etwas von ihrer Umgebung wahr. In Gedanken war sie weit fort. Sie hatte plötzlich daran zu zweifeln begonnen, ob der lange, kräftezehrende Kampf, den sie um Anse Chatelet geführt hatte und weiter würde führen müssen, sich überhaupt lohnte. Schließlich seufzte sie tief auf und wandte sich um.

Neben Trask stand ein hoch gewachsener Gentleman, der mit unaufdringlicher Eleganz gekleidet war.

„Da ist mein junger Freund William ja wieder“, sagte er. „Welchen Nachnamen führst du denn heute?“

„Sir?“, meinte Serena, die einen Moment lang völlig verwirrt war.

„Sagtest du nicht, dass du Wordsworth heißt?“

„Nein“, gab der vermeintliche Knabe zurück, „mein Familienname ist Blake.“

„Ja, natürlich … Anscheinend weist mein Erinnerungsvermögen manchmal Lücken auf – genau wie deins.“

Sie unterdrückte ein Lächeln und sagte ernst: „Das muss an Ihrem Alter liegen, Sir. Mein Großvater war auch sehr vergesslich.“

Der Gentleman warf ihr einen scharfen Blick zu, den sie mit einem völlig unschuldigen Ausdruck erwiderte. „Hm …“, meinte er dann, „noch bin ich kein gebrechlicher Greis. Und ich entsinne mich sehr deutlich, dass ich dir das Versprechen abgenommen habe, nicht mehr von zu Hause auszureißen.“

„O ja, und ich habe mein Versprechen nicht gebrochen. Diesmal durfte ich allein ausreiten. Ich habe nämlich heute Geburtstag.“

„Tatsächlich? Und warum feierst du dann nicht mit deiner Familie? Wo sind deine Eltern, mein Junge?“

„Sie sind tot.“

„Das tut mir leid. Sag, wäre es dir recht, dass ich dir bei deinem Ausritt ein wenig Gesellschaft leiste?“

Serena zögerte. Nachdenklich betrachtete sie sein Pferd, einen wunderschönen Fuchs.

„Traust du dir zu, ihn zu reiten?“, fragte der Gentleman plötzlich.

„O ja!“ Ihre Augen leuchteten auf. „Erlauben Sie es, Sir? Das wäre wunderbar!“

Er lächelte über den Eifer des vermeintlichen Knaben. „Also gut. Komm, ich helfe dir beim Aufsteigen.“

Gleich darauf saß Serena sicher im Sattel. In gemächlichem Tempo ritt sie an der Seite des Gentleman den Berghang hinunter. Nach einer Weile – als sie meinte, das Tier gut genug einschätzen zu können – ließ sie den Fuchs in einen leichten Galopp fallen. Und dann konnte sie der Versuchung nicht länger widerstehen: Sie gestattete dem Pferd, einfach loszustürmen.

Wie der Wind flog der Fuchs über die Wiesen dahin. Serena jauchzte laut auf. Ein paar Minuten lang fühlte sie sich wie im Paradies. Mit einemmal aber wurde ihr bewusst, dass ihre Kappe verrutscht war und dass sie Trask und den fremden Gentleman weit hinter sich gelassen hatte.

Sie zügelte das Pferd, versteckte ihr Haar sorgfältig unter der Kappe und beschloss zurückzureiten.

Wenig später traf sie auf den Gentleman, der verständlicherweise erzürnt über ihr Verhalten war. „Steig ab!“, befahl er streng. „Weißt du, dass du dir eine ordentliche Tracht Prügel verdient hast?“

„Bitte, verzeihen Sie mir, Sir. Es tut mir so leid.“ Serena sprang ab und reichte dem Fremden die Zügel. „Ach bitte, seien Sie nicht mehr böse. Sie haben mir das schönste Geburtstagsgeschenk gemacht, das ich mir nur wünschen konnte. Ich bin Ihnen so dankbar!“

Noch immer verärgert schüttelte der Gentleman den Kopf. „Du hättest dir das Genick brechen können!“

„Aber nein! Der Fuchs ist ein wunderbares Pferd, und ich reite recht gut. Mir war, als würde ich fliegen!“

„Tatsächlich? Du hättest auf die Nase fliegen können. Doch nun komm. Wir wollen uns beeilen. Es sieht nach Regen aus. Vielleicht erreichen wir vorher noch Margerys Cottage. Dort können wir Unterschlupf finden.“

Serena schaute nach oben. Alles wies auf einen bevorstehenden Wolkenbruch hin. Aber sie konnte es nicht riskieren, noch länger in der so anregenden Gesellschaft des Gentleman zu bleiben. „Ich muss heim“, erklärte sie. „Nochmals vielen Dank …“

In diesem Moment schienen sich alle Schleusen des Himmels zu öffnen. In Sekundenschnelle waren die beiden Reiter durchnässt.

„Rasch“, rief der Gentleman. „Es ist nicht mehr weit bis zu Margery. Dort kannst du wenigstens deinen Rock trocknen.“

Serena begriff, dass Widerspruch zwecklos war. Gehorsam folgte sie dem Fremden, während sie verzweifelt nach einem Ausweg aus der verfahrenen Situation suchte. Wenn er sie erst einmal zwang, die tropfnasse Jacke auszuziehen, dann würde er gewiss merken, dass sie kein Junge war.

Bald hatten sie das Cottage erreicht. Der Gentleman schob Serena vor sich her durch die schmale Tür. Sie sah sofort, dass niemand daheim war. Im Kamin allerdings lag Holz für ein Feuer bereit.

„Wir brauchen größere Scheite“, erklärte der Gentleman. „Du findest sie nebenan im Schuppen. Ich will unterdessen das Feuer anzünden.“

„Ja, Sir.“ Mit diesen Worten war Serena zur Tür hinausgeschlüpft. Leise führte sie Trask ein paar Meter von dem einsamen Cottage fort.

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